Essays und Vorträge

Blumen vor Gericht –
Baudelaires »Les fleurs
du mal«*


Christoph Schmitz-Scholemann

 

Mit dem französischen Dichter Charles Baudelaire (1821–1867) und seinem berühmtesten Buch Les fleurs du mal (Die Blumen des Bösen) begann eine neue Epoche der europäischen Lyrik. Das ist bekannt. Daß der große Poet mit seinen bizarren Gedichten auch die Justiz unseres Nachbarlandes über ein Jahrhundert lang beschäftigte und sie sogar zu einem der ungewöhnlichsten Verfahren in der Rechtsgeschichte zwang, zeigt der folgende Beitrag.

 

I. Einleitung

Die Jurisprudenz und die Poesie sind zwei Töchter des menschlichen Geistes, die allem Anschein nach miteinander nicht Frieden halten können. Diese schwierigen Schwestern suchen beide nach guter Ordnung, die eine im Reich der Schönheit, die andere im Zusammenleben der Menschen, und dabei kommen sie einander immer wieder ins Gehege. Der Prozeß, von dem hier die Rede ist, zeigt uns einige bunte und aufschlußreiche Kapitel aus der Geschichte des Streits dieser beiden Feindinnen. Die Sache, soviel vorweg, hat ihre trüben Seiten, nimmt aber ein schönes Ende, ein Ende, wie es vermutlich nur in einem Land der Welt zustandekommen kann, nämlich in Frankreich.

 

II. Lyon

Die Geschichte beginnt in Lyon, genauer gesagt: auf dem Weg nach Lyon, vor 135 Jahren. Es ist Winter. Eine Postkutsche in verschneiter Landschaft. Die Pferde schnauben. Ein idyllischer Anblick, aber nur von außen. In der Kutsche sitzt man eng gedrängt in einem Durcheinander von »Muffs, Wärmflaschen, Fußsäcken, Männer- und Frauenmützen, Mänteln, Kopfkissen … Pantoffeln, Marmeladen, Bohnen, Brot, Mundtüchern, Geflügel, Löffeln, Gabeln, Kämmen, Kleidern, Strümpfen, Korsetts und Bisquits« [1] – so beschreibt es einer der Reisenden in einem Brief. Dieser Reisende ist ein schmächtiger Knabe von zehn Jahren. Sein Name ist Charles Baudelaire. In Lyon [2] muß er sich von seiner über alles geliebten Mutter trennen. Er ist allein. Die nächsten Jahre soll er auf dem College Royal Latein und Griechisch lernen, Mathematik und Rhetorik und vor allem anständiges Benehmen. Er soll Jurist werden wie sein älterer Bruder. Um die Einsamkeit und den Trennungsschmerz zu verjagen, kauft sich der Knabe feinstes lyoneser Papier, matt gefärbt, das war damals Mode, und er beginnt zu schreiben, vor allem Briefe. Manche Wissenschaftler behaupten, hier, in Lyon, sei Baudelaire zum Dichter geworden. Und wirklich durchzieht schon die Briefe des Elf- und Zwölfjährigen jene sonderbare Mischung aus Rebellion und Genießertum, aus Schwermut, Poesie und grimmigem Humor, die auch die Werke des Erwachsenen auszeichnen werden.

Über die Reise, über die Pension, in der er untergebracht war, über einen Vorfall in der Schule und über politische Unruhen in Lyon schreibt er:

»Als der Tag zur Neige ging, sah ich ein sehr schönes Schauspiel, nämlich die untergehende Sonne; diese rotglühende Farbe bildete einen seltsamen Kontrast zu den Bergen, die so blau waren wie die denkbar dunkelste Hose. Ich hatte meine kleine Seidenmütze aufgesetzt und ließ es mir in den Polstern des Wagens wohl sein … [3] Es gefällt mir kein bißchen in der Pension; sie ist schmutzig, schlecht geführt, unordentlich, die Schüler sind boshaft und schmutzig wie alle Lyoneser … [4] Ein Lehrer hat einen Schüler so geschlagen, daß er jetzt ein Brustleiden hat. Er ist schwer krank … Wir haben im Hof seinetwegen so randaliert, daß der Schulvorsteher es in seiner Wohnung gehört hat … Ich gehöre zu den Aufwieglern. Ich will nicht einer von jenen Arschleckern sein, die Angst haben, den Studienaufsehern zu mißfallen. [5] Wir waren hier in Lyon von großen Unruhen bedroht. Auf dem Platz vor den Celestins hat es einen großen Auflauf gegeben. Alle diese jungen Leute hatten eine rote Kravatte umgebunden, eher ein Kennzeichen ihrer Narrheit als ihrer Meinung …« [6]

III. Blumen des Bösen

Wir verlassen nun den Knaben Charles, der ein recht guter, aber aufsässiger Schüler blieb, mit achtzehn Jahren als Bakkalaureus die Schule verließ, ein Semester Jura studierte, ein halbes Jahr auf La Réunion verbrachte [7] und sich dann in das Pariser Literatenleben stürzt. Sein Geld verjubelt er für seidene Westen, kostbare Gemälde, Möbel aus vornehm schimmerndem Holz – kurz: für Luxusartikel aller Art, ferner in Bordellen und bei Opium-Séancen, er schläft kaum, trinkt viel, schreibt wie besessen, und sein Erfolg ist gering. Er sieht die Gemetzel der Revolution von 1848, [8] er sieht zu, wie sich das Bürgertum an die Arbeit macht und Paris mit den großen Boulevards und das ganze Land mit Eisenbahnschienen umpflügt. Und er sieht Louis Napoléon, der sich im Schein seiner kaiserlichen Würde sonnt, ebenso zufrieden wie das Bürgertum im Glanz des Geldes. Man war fleißig damals, hart, erfolgreich und außerordentlich moralisch. In ihrer Selbstzufriedenheit ließ sich die Gesellschaft der Erfolgreichen nicht gern stören, nicht von Victor Hugo, der die sozialen Schattenseiten des industriellen Fortschritts beschrieb, und erst recht nicht von Charles Baudelaire, der in seinen Gedichten die sündigen Abgründe der Seele erkundete.

Charles Baudelaire war auf dem besten Weg, eine verkrachte Existenz zu werden, als im Juni 1857 sein erstes Gedichtbuch erschien, die Fleurs du mal. Wenige Wochen später brachte der Pariser Figaro eine Rezension; über das Werk und seinen Autor heißt es da:

»Noch nie hat man so glänzende Gaben so töricht vergeuden sehen. Es gibt Augenblicke, da man an Herrn Baudelaires Verstand zweifelt; und andere, da man nicht mehr zweifelt … Hier findet man das Niedrige Seite an Seite mit dem Widrigen, das Abstoßende im Verein mit dem Ekelerregenden. Noch nie hat man auf so wenigen Seiten in soviel Brüste beißen und sie gar zerkauen sehen; noch nie hat man einer solchen Heerschau von Dämonen, Fötussen, Teufeln, Chlorosen, Katzen und Gewürm beigewohnt … nichts kann einen Mann über dreißig rechtfertigen, dergleichen Ungeheuerlichkeiten durch ein Buch an die Öffentlichkeit zu bringen …« [9]

Manche behaupten, dieser Artikel sei aus Justizkreisen inspiriert worden, weil man einen Anlaß suchte, um gegen Baudelaire vorzugehen. Dem sei nun wie ihm sei – der Generalstaatsanwalt fackelte nicht lange. Anfang August schon wurden Baudelaire und sein Verleger Poulet-Malassis einbestellt und vom Untersuchungsrichter verhört. In einem Brief an eine Freundin schreibt Baudelaire:

»Am vergangenen Donnerstag habe ich meine Richter gesehen. Ich will nicht behaupten, sie seien nicht schön; sie sind ganz abscheulich häßlich; und ihre Seele gleicht bestimmt ihrem Gesicht.« [10]

Baudelaire und sein Verleger versuchten, die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu ziehen. Freunde mit guten Verbindungen zu Feuilletons schrieben positive Rezensionen – aber es wurde kaum etwas davon gedruckt, einige sanfte Winke aus dem Ministerium reichten, um die Zeitungsherausgeber verstummen zu lassen. Baudelaire schrieb an Prosper Merimée, der damals in hohem Ansehen stand und, wie man sagte, das Ohr der Kaiserin hatte. Merimée antwortete nicht, und er wurde auch nicht bei der impératrice vorstellig. In einem Brief an eine Freundin verriet Merimée, wie man bei Hofe über Baudelaire dachte:

»Ich habe keine Schritte unternommen, um den von Ihnen erwähnten Dichter vor dem Verbranntwerden zu bewahren, außer daß ich dem Minister sagte, andere verdienten noch eher verbrannt zu werden. Sie meinen doch wohl das unter dem Titel Les fleurs du mal erschienene Buch, in dem sich einige Funken Poesie finden, wie sie bei einem armen Burschen vorkommen mögen, der das Leben nicht kennt und seiner überdrüssig ist, weil eine Nähmamsell ihn betrogen hat!« [11]

Am 20.8.1857 verhandelt die 6. Strafkammer des Tribunal de la Seine gegen Baudelaire und andere wegen Verletzung der guten Sitten und Verletzung der religiösen Moral. Baudelaire macht auf die Richter einen verwirrten Eindruck. Er sieht nicht eigentlich gefährlich aus, aber sonderbar bis zur Unheimlichkeit. Hier einige Auszüge [12] aus den Plädoyers des Staatsanwalts Ernest Pinard, nachmaligen Innenministers, und des Verteidigers Gustave Chaix-d’Est-Ange:

Der Staatsanwalt: »Ein Buch vor Gericht zu ziehen, weil es gegen die öffentliche Moral verstößt, ist stets eine heikle Angelegenheit. Führt das Verfahren zu keiner Verurteilung, so bereitet man dem Verfasser einen Erfolg, ja fast ein Piedestal; er triumphiert und man hat ihm gegenüber den Schein des Verfolgers auf sich genommen … Und dennoch, meine Herren, zögere ich nicht, mich dieser Aufgabe zu unterziehen. Nicht über den Menschen sollen wir ein Urteil sprechen, sondern über sein Werk, nicht das Ergebnis des Strafantrags interessiert mich hier, sondern einzig und allein die Frage, ob er mit Grund erfolgt oder nicht. Charles Baudelaire gehört keiner Schule an. Er steht ganz auf sich selber. Sein Grundsatz, seine Theorie ist, alles darzustellen, alles bloßzulegen. Er wird die menschliche Natur bis in ihre heimlichsten Schlupfwinkel durchforschen …«

Der Verteidiger: »Charles Baudelaire ist nicht nur der große Künstler, der tiefe und leidenschaftliche Dichter, dessen Talent vor der Öffentlichkeit anzuerkennen der ehrenwerte Vertreter der Staatsanwaltschaft selber für angebracht hielt. Er ist mehr: er ist ein aufrechter Mensch, und darum ist er ein überzeugter Künstler. Sein Werk ist die Frucht reiflicher Überlegung, die Frucht von mehr als acht Jahren Arbeit; er hat es mit Liebe in seinem Geist getragen und es reifen lassen, wie eine Mutter in ihrem Leib das Kind ihrer Zärtlichkeit trägt … Und jetzt werden Sie die wirkliche Verzweiflung und den tiefen Schmerz dieses aufrichtigen und überzeugten Schöpfers begreifen, der, auch er, seinem Werk die Worte hätte voranstellen können: ›Dies ist ein Puch des guten Glaubens.‹ [13] … Er hat alles schildern wollen, hat Ihnen der Vertreter der Anklage gesagt, er hat alles entblößen wollen … wo liegt da die Schuld, ich bitte Sie … worin kann das Verbrechen bestehen, wenn er das Böse übertreibt, um es zu brandmarken, wenn er das Laster mit starken, packenden Tönen schildert, weil er Ihnen einen desto tieferen Haß dagegen einflößen möchte? …«

Und wieder der Staatsanwalt: »Und was halten Sie von diesen drei Strophen des Gedichts Nr. 39 …, wo der Liebhaber seine Geliebte folgendermaßen anredet:

›So auch möchte ich eines Nachts, wenn die Stunde der Wollüste schlägt, zu deines Leibes Schätzen wie ein Feigling lautlos schleichen,

Um dein frohes Fleisch zu züchtigen, um deine verschonte Brust zu geißeln und deiner überraschten Flanke eine klaffend tiefe Wunde zu schlagen

Und, süß taumelnder Rausch! durch diese neuen Lippen, heller und schöner leuchtende, mein Gift dir einzuflößen, meine Schwester‹! [14]

Von Seite 187 bis Seite 197 sind die beiden Gedichte Nr. 80 und 81, mit den Überschriften Lesbos und Die verdammten Frauen … zu lesen. Sie finden dort bis in die allerintimsten Einzelheiten das Treiben der Lesben geschildert.«

Und wieder der Verteidiger: »Und was die ›Verdammten Frauen‹ betrifft, die der Vertreter der Staatsanwaltschaft die beiden Lesben genannt hat!!! was einen drastischen Sprachgebrauch bekundet … und wir unsrerseits hätten es gewiß niemals gewagt, uns solcher Worte vor dem hohen Gerichtshof zu bedienen – was also die ›Verdammten Frauen‹ betrifft, denn ich bitte um die Erlaubnis, den Ausdruck meines Klienten dem des Herrn Staatsanwalts vorzuziehen –, so hören Sie folgende Strophen:

›Beim bleichen Lichtschein matter Lampen, auf tiefen, ganz von Duft durchtränkten Kissen, sann Hippolytha den machtvollen Liebkosungen nach, die den Schleier ihrer jungen Unschuld hoben.

Mit sturmverstörtem Auge suchte sie ferne ihrer Einfalt schon entrückten Himmel, wie ein Reisender das Haupt noch einmal wendet nach den blauen Horizonten, die er in der Frühe hinter sich gelassen.

Der erloschenen Augen trägquellende Tränen, die Gebrochenheit, die Starre, die düstre Lust, ihre besiegten Arme, hingeworfen wie eitle Waffen, alles steigerte, alles schmückte ihre zerbrechliche Schönheit …‹«

Und ein letztes Mal der Staatsanwalt: »… Meine Herren, ich glaube genügend Stellen angeführt zu haben, um behaupten zu können, daß hier ein Verstoß gegen die öffentliche Moral vorliegt. Entweder gibt es kein Schamgefühl, oder die Grenze, die es vorschreibt, wurde hier dreist überschritten. Als erstes wird man mir entgegehalten: ›Es handelt sich um ein trauriges Buch … heißt es nicht Fleurs du mal? Sehen Sie eine Lehre darin, statt eine Beleidigung …‹ eine Lehre! Das Wort ist rasch gesagt. Aber hier entspricht es nicht der Wahrheit. Glaubt man, es sei bekömmlich, die schwindelerregenden Düfte gewisser Blumen einzuatmen? Das Gift, das sie mit sich führen, hat nichts Abschreckendes; es steigt zu Kopf, es betäubt die Nerven, es erregt Verwirrung und Taumel, es kann tödlich sein … Wer wüßte nicht, wie leicht der Leser an geilen Unziemlichkeiten Gefallen findet, ohne sich um die Lehre zu kümmern, die der Verfasser hineinlegen will … Ein zweiter Einwand ist erhoben worden: man hat darauf hingewiesen, daß es in der Vergangenheit manches Buch gegeben hat, das ebensosehr gegen die öffentliche Moral verstieß und das nicht verfolgt wurde. Dem halte ich entgegen, daß, de jure, dergleichen Präzedenzfälle für die Staatsanwaltschaft keinerlei Verbindlichkeit besitzen, und daß, de facto, es Rücksichten gibt, die oftmals die Enthaltung erklären und sie rechtfertigen … Doch diese Zurückhaltung der Staatsanwaltschaft kann nicht, anderntags, als Argument gegen sie verwendet werden. Wenn die Unmoral der Hervorbringungen sich verschärft, muß sie stets das Laster verfolgen können … Meine Herren, ich sage Ihnen: Wehren Sie dem Übel, tun Sie etwas … gegen dieses schädliche Fieber … Seien Sie nachsichtig mit Baudelaire, der eine unruhige, schwankende Natur ist … Aber sprechen Sie, indem Sie wenigstens einige Gedichte des Buches verurteilen, eine dringend nötige Warnung aus.«

Baudelaire nicht persönlich anzugreifen, war ein durchaus boshafter Schachzug des Staatsanwalts: Indem er sich den Anschein der Fairneß und der Sachlichkeit gab, fügte er der Eitelkeit des Dichters die schwerste der denkbaren Kränkungen zu, nämlich die, als Person nicht wirklich in Betracht zu kommen – wo doch Baudelaire so erkennbar darauf ausging, als Mann von Rang zu gelten und die Zuwendung der Metropole Paris suchte, wie ein Kind die Hand des Vaters ersehnt – selbst wenn es eine strafende Hand wäre. Aber auch der Verteidiger traf den schwachen Punkt der Anklage sehr gut, wenn er ihr vorwarf, mit zweierlei Maß zu messen: die schlüpfrige Herrenliteratur des Tages ließ der Staat passieren, und dem bis zur Bitterkeit ernsthaften Künstler Baudelaire machte man den Prozeß wegen fünf oder zehn sogenannter »Stellen«. – Die Plädoyers verrieten also taktisches Geschick und Niveau.

IV. Das Urteil

Das noch am Verhandlungstage verkündete Urteil lautete – in Auszügen – so:

»Hinsichtlich des Vergehens der Verletzung der religiösen Moral: In Erwägung, daß eine Schuld nicht nachgewiesen wurde, werden die Angeklagten freigesprochen. Hinsichtlich der Verletzung der öffentlichen Moral und der guten Sitten: In Erwägung, daß der Irrtum des Dichters, in der Verfolgung seines Zieles und auf dem dabei eingeschlagenen Wege, unerachtet seiner stilistischen Bemühungen … nicht dazu angetan ist, die verderbliche Wirkung der dem Leser vorgeführten Bilder aufzuheben, welche in den betreffenden Stücken durch einen das Schamgefühl verletzenden krassen Realismus notwendigerweise zur Aufreizung der Sinne führt … werden … Baudelaire zu einer Geldstrafe von 300 Francs, Poulet-Malassis und de Broise von je 100 Francs verurteilt …« [15]

Ferner wurden sechs Gedichte verboten und die Angeklagten in die Kosten (17 Francs 35 Centimes zzgl. 3 Francs Porto-Auslagen) [16] verurteilt. Die Angeklagten ließen das Urteil rechtskräftig werden und schnitten aus den noch unverkauften Exemplaren die Seiten mit den verbotenen Gedichten heraus. Baudelaire war von dem Prozeß enttäuscht. Das Urteil war nicht hart genug, um in der Öffentlichkeit als der von Baudelaire insgeheim erhoffte Skandal empfunden zu werden; andererseits tat es doch weh, weil es den Verkauf behinderte; und es fügte den zahllosen Geldnöten des Dichters eine weitere hinzu. Ganz ungetröstet blieb er aber nicht. Victor Hugo schrieb aus Guernsey:

»Ein lautes Bravo Ihrem kraftvollen Geist! … eine der seltenen Auszeichnungen, die das herrschende Regime gewähren kann, ist Ihnen zuteil geworden. Was es seine justice nennt, hat Sie verurteilt im Namen dessen, was es seine Moral nennt. Das ist ein Kranz mehr!« [17]

Zehn Jahre später stirbt Charles Baudelaire, bettelarm, [18] körperlich verwüstet und geistig verwirrt. Das Leben des Dichters ist damit beendet, nicht aber der Prozeß Fleurs du mal.

 

V. Un terrain vierge

Am Dienstag, dem 31. 5. 1949, trat in Paris die Strafkammer des Kassationsgerichtshofs zusammen. Sie mußte juristisches Neuland betreten, un terrain vierge, wie es der Berichterstatter, Kassationsgerichtsrat Falco, in seinem Rapport [19] ausdrückte. Zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte war die Kammer nicht nur Rechts-, sondern zugleich Tatsacheninstanz. Die Tatsachen des zur Entscheidung stehenden Falls hatten es in sich: Alle Angeklagten waren seit über fünfzig Jahren tot, und das ihnen zur Last gelegte Delikt lag sogar fast ein Jahrhundert zurück; das corpus delicti bestand in einem alten Buch, einem Lyrikband mit hundert Gedichten, Fleurs du mal, 1. Auflage, 1857. Daß diese etwas gespenstisch anmutende Verhandlung stattfinden konnte, lag an einem Gesetz aus dem Jahre 1946. Das Gesetz hatte nur einen einzigen Artikel. Er lautete, soweit hier von Interesse:

»Die Wiederaufnahme des Verfahrens findet statt gegen Urteile wegen Verletzung der guten Sitten, begangen durch Veröffentlichung eines Buches, wenn seit Rechtskraft des Urteils zwanzig Jahre vergangen sind …« [20]

Ein sonderbares Gesetz! Sein einziger Zweck war offenkundig, das Urteil gegen Baudelaire und seine Verleger aus dem Jahre 1857 zu kassieren. Es wurde, wie die Protokolle der Nationalversammlung ausweisen, ohne Aussprache verabschiedet – obwohl es doch eine Fülle von Fragen hätte aufwerfen müssen, z. B. die: Baudelaire war gegen das Urteil von 1857 bewußt nicht in Berufung gegangen; Strafe schmerzte ihn, aber er genoß diesen Schmerz durchaus; Schmerz war für ihn, wie er oft genug sagte, eine Quelle der Inspiration. Sollte man das nicht respektieren? Und zwar auch dann, wenn wir der Meinung sein sollten, es sei unmoralisch oder krankhaft, aus dem Schmerz Genuß zu ziehen? Soll man Wiedergutmachung gegen den Willen des Opfers betreiben? Ein weiteres Problem: Die Urteile der Justiz spiegeln notwendigerweise auch die Irrtümer des Zeitgeists, ja sie sind oft geradezu ein Instrument dieser Irrtümer, auch und erst recht dann, wenn sie mit scheinbar ewiggültigen Werten wie der Moral argumentieren. Hat nicht jede Epoche ein Recht auf ihre Irrtümer? Ist es nicht bessser, diese Irrtümer stehen zu lassen – schon zur Belehrung der Nachwelt? Und: Nach welchem Rechts- und Moralverständnis soll man ein Jahrhundert nach der Tat urteilen: Nach dem zur Tatzeit gültigen oder nach dem im Zeitpunkt des Urteils über den Wiederaufnahmeantrag? Kann man übrigens sicher sein, daß in weiteren hundert Jahren nicht alles wieder ganz anders aussieht? Nun – das Gesetz ist das eine, seine Anwendung durch die Justiz bekanntlich oft etwas ganz anderes. Hören wir, was Richter Falco seinen Kollegen in der Strafkammer der cour de cassation vortrug:

»Der Wiederaufnahmeantrag in Sachen Baudelaire, über den zu entscheiden Sie heute aufgerufen sind, stützt sich auf Tatsachen, die zu bekannt sind, als daß ich mich lange dabei aufhalten müßte. Es dürfte genügen, wenn ich Ihnen ins Gedächtnis rufe, daß 1857 ein Jahr großer juristischer Sittenstrenge war, einer Sittenstrenge, die sich ihre Opfer nicht eben geschickt aussuchte, sollten doch Flaubert und Baudelaire, nachdem sie im Abstand von wenigen Monaten auf die Anklagebank gesetzt worden waren, in den Parnaß der unsterblichen Dichter eintreten, während das Ansehen des Staatsanwalts, dem die Anklagevertretung in beiden Fällen oblag, nur sehr vorübergehend glänzte – um das Beste darüber zu sagen. Aber seien wir nicht zu streng mit Staatsanwalt Pinard und seinen Kollegen aus dem zweiten Kaiserreich … Wie kämen wir dazu, ihnen ihren Gehorsam gegenüber dem Rigorismus der Gesetzgebung vorzuwerfen … Und was gäbe uns das Recht, sie anzuklagen, weil sie, aufgescheucht von der Blüte der Blumen des Bösen, nicht vorhersahen, daß ihre Nachfolger seelenruhig und ungerührt dem Sprießen von Blumen zusähen, deren Bosheit alles bisher dagewesene in den Schatten stellte? Man kann sich … durchaus fragen, ob diese ganze Rehabilitierungs-Prozedur wirklich notwendig ist, und ob sie nicht den Anschein erweckt, als ob es ihr weniger darum ginge, einen Dichter reinzuwaschen, der vom Urteil der Gebildeten und durch Beschluß der Nachwelt längst freigesprochen ist, als vielmehr darum, daß die Justiz selbst es ist, die sich hier reinigen will … Was man also von Ihnen erwartet ist dies: Sie sollen entscheiden, und zwar endgültig und irreversibel, ob die verurteilten Gedichte tatsächlich die öffentliche Moral und die Guten Sitten verletzen … Es ist alles gesagt über Baudelaires Werk und über das Feuer des Geistes, das in seinen Versen brennt, verborgen unter dem Realismus der Worte. Vielleicht würde Baudelaire uns sagen: Liebe und Moral sind zwei verschiedene Dinge, man darf sie nicht miteinander vermischen – trotzdem glaube ich, was die im Urteil von 1857 verbotenen Gedichte betrifft, so können wir auch vom moralischen Standpunkt aus klar und deutlich sagen: Diese Gedichte überschreiten nicht die Grenzen der Freiheit eines genialen Dichters; weit entfernt die Moral anzugreifen, sind sie Ausdruck starker und reiner Inspiration, und, unter der Oberfläche scheinbarer Gewagtheiten, entringen sich den Skrupeln einer unruhigen Seele und den Widersprüchlichkeiten eines wildbewegten Geistes wertvolle Lehren. Ja, einige dieser Gedichte, längst unsterblich geworden, gehören zu dem Schönsten, was je in französischer Sprache geschrieben wurde und zu den Meisterwerken der Lyrik aller Zeiten und Sprachen …« [21]

Wie wir sehen, war Monsieur Falco die rechtspolitische, juristische und historische Problematik des Rehabilitationsverfahrens nicht entgangen. Aber er war großzügig genug, in diesen Problemen nicht das Entscheidende zu sehen. Etwas anderes wog für ihn schwerer: Nämlich die Symbolkraft einer förmlichen Versöhnungsgeste des wahren Frankreich gegenüber einem seiner unruhigsten Geister. Immerhin schrieb man das Jahr 1949, die Erinnerung an Okkupation und Faschismus war frisch – Frankreich und Europa hatten Schrecken gesehen und Wunden empfangen, neben denen die gröbsten Provokationen Baudelaires wie die Ungezogenheiten eines Knaben wirkten – wenn sie nicht in Wahrheit die angsterfüllten Ahnungen eines empfindsamen Geistes waren. Und noch etwas: Der Richter Falco war, man spürt es in seiner Rede auf Schritt und Tritt, ein Freund der schönen Kunst. Es wollte ihm wohl nicht in den Kopf, daß man einen Menschen moralisch verurteilt, der sich mit Leidenschaft der Suche nach Form und Schönheit verschrieben hat, gleichgültig, in welche traurigen Gassen ihn diese Suche geführt haben mag. Selten hat man in einem Gerichtssaal mit so kenntnisreichen und großzügigen Worten über Dichtung und Dichter reden hören: Die Rede des Kassationsrats Falco darf man getrost einen Glücksfall nennen – für die Literatur und für die Justiz. Sie verfehlte ihre Wirkung nicht; ob Monsieur Falcos Kollegen in der geheimen Beratung gemurrt haben, wissen wir nicht; jedenfalls folgten sie ihm, hoben das Urteil vom 20.8.1857 auf und sprachen das Andenken der Angeklagten von der Verurteilung frei. [22]

VI. Erben

Das letzte Urteil in Sachen Fleurs du Mal war damit immer noch nicht gesprochen. Im Gegenteil: Gerade die Entscheidung vom 31.5.1949 bildete den Eckstein, um den herum Anfang der 60er Jahre ein interessantes Argumentationsgebäude erbaut und den Gerichten unterbreitet wurde: Die Witwe Renault de Broise, Großnichte des Baudelaire-Verlegers Poulet-Malassis und zugleich Enkelin des Mitverlegers de Broise und damit beider Erben, machte sich nämlich einen ganz eigenen Vers auf das Rehabilitationsverfahren. Und dieser Vers reimte sich auf nichts anderes als auf: Geld. Sie dachte: Sechs von den hundert Blumen des Bösen aus der ersten Auflage waren kurz nach ihrer Veröffentlichung verboten worden; förmlich erlaubt war ihre Publikation erst wieder seit dem 31.5.1949; folglich war der Lauf der Frist, nach deren Ablauf die Urheberrechte erlöschen (damals: fünfzig Jahre nach dem Tod des Autors), bis 1949 gehemmt; das wiederum hieß: Jeder Verleger, der die sechs verbotenen Gedichte im Programm hatte, schuldete Honorar. Und auf dieses Honorar verklagte Madame de Broise dreiundzwanzig französische Verlagshäuser, darunter so angesehene wie Gallimard und Hachette. Sie verlangte 1 Mio. (alte) Francs – je Verlag. [23] Zum Vergleich: Baudelaires Honorar im Jahr 1857 belief sich auf 250 Francs. [24]

Ziemlich genau einhundertsieben Jahre und zehn Monate, nachdem die Blumen des Bösen erschienen waren, nämlich am 10.5.1965, wies die Cour d’Appelle letztinstanzlich die Klage des Witwe Renault de Broise ab: Auf das Verbot und die Wiederzulassung der streitgegenständlichen Gedichte komme es nicht an, sondern einzig darauf, daß Baudelaire am 31.8.1867 gestorben und die fünfzigjährige Frist, nach deren Ablauf seine Werke dem domaine public verfielen, somit am 31.8.1917 ihr Ende gefunden habe. [25]

 

VII. Domaine public

Der bis heute letzte Prozeß in Sachen Blumen des Bösen endete also mit der Feststellung, daß diese einst so dunkel und gefährlich schimmernden Blumen domaine public geworden waren, mithin Gemeingut. Daß dies nicht nur im juristischen Sinne des Begriffs zutrifft, kann erfahren, wer das schmale Grab Baudelaires auf dem Pariser Friedhof Montparnasse besucht: Es ist zu jeder Jahreszeit besät mit Blumen, mit Briefen und Karten, in allen Farben des Zorns, der Schwermut und der Sehnsucht, beschrieben mit Flüchen und Seufzern, mit Gedichten in allen Sprachen der Welt, meist von erkennbar jugendlicher Hand – und einmal las ich einen Satz, den der zehnjährige Knabe Baudelaire in der schmutzigen Einsamkeit seiner ersten Tage in Lyon vielleicht sehr gern gehört hätte: Charles, je t’aime!

 


Anmerkungen:

[*]   Leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags, den der Verfasser auf der deutsch-französischen Richtertagung (16.–22. 11. 1996) in Marcy-l’Etoile bei Lyon hielt.

[1] Friedhelm Kemp, Claude Pichois, Wolfgang Drost (Hrsg.), Charles Baudelaire, Sämtliche Werke/Briefe, übersetzt v. Guido Meister, Friedhelm Kemp u. a., 8 Bände, München 1977 ff., Bd. 1, S. 7.

[2]   Lyon hatten die Eltern ausgewählt, weil Baudelaires Stiefvater, der spätere General Aupick, hierher zur Unterdrückung des Weberaufstands entsandt worden war; Stiefvater und Mutter wohnten also teilweise in der Nähe, der Sohn durfte sie aber nur selten sehen, selbst die Ferien verbrachte er manchmal im Internat, vgl. Claude Pichois–Jean Ziegler, Baudelaire, deutsch von Tamina Groepper, Göttingen 1994, S. 45.

[3]   Kemp, Pichois, Drost (o. Fußn. 1).

[4]   Kemp, Pichois, Drost (o. Fußn. 1), S. 9; die Neigung zu sehr pauschalen Invektiven trat in Baudelaires letzten, überwiegend in Brüssel verbrachten Jahren immer stärker hervor; unter dem Titel Pauvre Belgique! konzipierte er ein Buch, das nahezu ausschließlich aus Beleidigungen Belgiens und der Belgier bestand.

[5]   Kemp, Pichois, Drost (o. Fußn. 1), S. 10.

[6]   Kemp, Pichois, Drost (o. Fußn. 1), S. 11.

[7]   Nach dem Beschuß des Familienrats sollte Baudelaire für ein Jahr nach Indien reisen, um Sparsamkeit zu lernen; er ging aber auf La Réunion eigenmächtig von Bord und kehrte nach sechs Monaten mit leerem Portemonnaie zurück, Pichois–Ziegler (o. Fußn. 2), S. 97–105.

[8]   In diese Zeit fällt der kurze Flirt Baudelaires mit der politischen Linken, für die er – Anhänger des ultrakatholischen Denkers Joseph de Maistre (1759–1821) – später meist nur Spott übrig hatte.

[9]   Kemp, Pichois, Drost (o. Fußn. 1), Bd. 4, S. 124; s.a. Pichois, Ziegler (o. Fußn. 2), S. 265 ff.

[10]  Brief an Aglae-Apollonie Sabatier vom 20. 7. 1857; Mme. Sabatier (genannt: La présidente) war der – atemberaubend schöne – Mittelpunkt eines Kreises von Künstlern und Literaten; Baudelaire schickte ihr seit Beginn der fünfziger Jahre anonyme Liebesbriefe und Gedichte; erst mit dem Brief vom 20.7.1857 gab er die Anonymität auf.

[11]  Brief an Jenny Dacqin (etwa Juli 1857), Kemp, Pichois, Drost (o. Fußn. 1), Bd. 4, S. 317 f.

[12]  Kemp, Pichois, Drost (o. Fußn. 1), Bd. 4, S. 170 ff.

[13]  In Frankreich bis heute sprichwörtliches Zitat aus der Vorrede an den Leser der Essais des Michel Eyquem, Seigneur de Montaigne (1533–1592).

[14]  Das komplette Gedicht hatte Baudelaire 1852 anonym an Mme. Sabatier geschickt.

[15]  Kemp, Pichois, Drost (o. Fußn. 1), Bd. 4, S. 213; die gegen Baudelaire verhängte Strafe wurde später durch einen Gnadenakt der Kaiserin auf 50 Francs gemildert.

[16]  Yves Florenne (Hrsg.): Charles Baudelaire, Œuvres Complètes, Paris 1966, S. 1338.

[17]  Brief vom 30. 8. 1857, s. Claude Pichois (Hrsg.), Lettres a Baudelaire, Études Baudelairiennes IV–V, Neuchâtel 1973, S. 186. Baudelaire und Victor Hugo hatten ein sehr zwiespältiges Verhältnis. Über Les misérables veröffentlicht Baudelaire im April 1862 eine begeisterte Rezension; etwas später schreibt er an seine Mutter über dasselbe Buch: »Das Buch ist ein Schund, und es ist dumm . . . Um sich zu bedanken, hat er (Hugo) mir einen absolut lächerlichen Brief geschrieben. Das zeigt, daß ein großer Mann ein Dummkopf sein kann«; vgl. Claude Pichois, Jean Ziegler (Hrsg.): Charles Baudelaire, Correspondances, Pleiade, 2 Bände, Bd. 2, S. 254.

[18]  Über Baudelaires Vermögensverhältnisse sind wir sehr gut unterrichtet, weil er auf Antrag seiner Familie durch Beschluß des Friedensrichters des 11. Arrondissements am 21.9.1844 wegen schwerer Verschwendungssucht entmündigt wurde und in Gestalt des Notars Narcisse Ancelle einen äußerst gewissenhaften Vormund erhielt; vgl. Jean Ziegler, La fortune de Baudelaire, Correspondances (o. Fußn. 17), Bd. 1, S. LXIII ff.

[19]  Florenne (o. Fußn. 16), S. 1335 ff.

[20]  Florenne (o. Fußn. 16), S. 1336; Rehabilitationsversuche hatte es schon vorher gegeben, vgl. Louis Barthou, Autour de Baudelaire, Le Procès des Fleurs du mal, Victor Hugo et Baudelaire, Paris 1917, sowie René Jouanne, Baudelaire et Poulet-Malassis, Le Procès des Fleurs du mal, Alencon 1952.

[21]  Florenne (o. Fußn. 16), S. 1337 f.
[22] Beschl. v. 31.5.1949, abgedr. bei Jaques Hamelin, La réhabilitation judiciaire de Baudelaire, Paris 1952, S. 71 ff.
[23] Florenne (o. Fußn. 16), S. 1342.
[24] Pichois, Ziegler (o. Fußn. 2), S. 488.
[25] Florenne (o. Fußn. 16), S. 1343.

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