Radiotexte

DADA –

und das Rätsel Walter Serner

Zum 50. Todestag des Autor


Christoph Schmitz-Scholemann

 

 

Erstsendung: Montag, 17. August 1992, 23.00 bis 24.00 Uhr
Süddeutscher Rundfunk Studio Karlsruhe

Sprecher M 1
Sprecher M 2
Sprecherin F

 

I.
Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur hereinspaziert!


M 2:
»C’est la guerre! Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur hereinspaziert! … Die Leute rennen durcheinander, verwirrt, erschreckt, entsetzt. Wo ist ein Halt? Ein Punkt? Ein Zweck? Ein Sinn? … Die Journale … telephonieren mit den Ministerien wegen der Motivierungs-Phraseologie. Musik wankt herauf … Großartige Reden werden auskalkuliert, historisch wertvoll gefeilt und in die bereits besoffene Menge geträufelt, Hochämter inseriert und der liebe Gott persönlich bemüht, das Schlachten zu protegieren. Und alsbald, nach dieser vorzüglich angelegten Reklame, platzen die ersten Granaten. Der Bursche in seiner Loge hat sein Spektakel, die Bevölkerung einen blutigen Zeitvertreib, und der stramme Tod, der einzig wirklich Erfolgreiche, knickst vor der Langeweile, die nach dem ersten Akt Zuschauer und Akteure unweigerlich wieder befällt …«

M 1:
Diese Sätze stammen aus einem Manifest, das während des Ersten Welt­krieges am Luganer See in der Schweiz niedergeschrieben wurde. Der Krieg drang wie ein Schwert in die Seelen der Dichter, und es wurden – um es in den Worten des Evangelisten Lukas zu sagen, ­vieler Herzen Gedanken offenbar.

M 2:
»Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur herein­spaziert! Was Sie noch nie gesehen haben, werden Sie zwar auch hier nicht sehen, aber eine Menagerie, die sich gewaschen hat. … Hallo: Einer … steht auf und prophezeit ein Gott-System … Einer schöpft ein dickes Buch über die letzten Fragen und serviert mit unwiedergebbarer Stirn … Lösungen … Ein anderer ärgert sich darüber, wird rabiat und Propagandeur der fuchs­wilden Tat. Wieder einer dichtet … und will die Sudate seiner pein­lichs­ten Zustände als Vor- oder gar Erlösungen bestaunt wissen. Hin­weg!« 

M 1:
Angesichts der Stahlgewitter, die im Namen der abend­ländi­schen Kul­tur über Europa niedergingen, war der Ruf »Hinweg!«, bezo­gen auf die Hohenpriester und Vize­könige im Reiche dieser Kultur, nur zu berecht­igt. Doch wer oder was sollte an die Stelle der eitlen Journalis­ten, der alten Propheten, der tiefen Philo­sophen und der von sich selbst ergriff­enen Dichter treten? Friedensfreunde? Freiheitskämpfer? Soziale Ge­rechtigkeit? Oder gar – eine Revolution?

M 2:
»Es gab noch nie eine Revolution. Nur Revolteure. Ra­stas. Das Jahr 1789 ist das historisch mißhandeltste. Die kompakte Majorität der hun­gernden Mägen krächzte vor dem Versailler Schloß und einmal im Taumel der rauschenden Straßen schlug sie Köpfe herunter. Revolu­tion, he? Die hysterische Rauferei organisch zu kurz Gekommener. Freiheit? Ein gewisser kleiner Wohlstand, ein gewisser kleiner Beruf, die Sicherheit vor Ohrfei­gen und das sexuell auf Viertelkost heruntergebrachte Weib­chen … Pompös!« 

M 1:
Wenn es nicht die Freiheit ist und nicht die Revolu­tion, weder der große Gott noch der kleine Wohl­stand, was bleibt dann noch? Wel­chem höheren Zweck oder tieferen Sinn diente das sonderbare Manifest? Viel­leicht – wir wagen es kaum zu hoffen – dem Sex? Oder – wir ahnten es längst – doch wieder nur – der Kunst? 

M 2:
»Damenseidenstrümpfe sind unschätzbar. Eine Vizekönigin ist ein Fau­teuil. Weltanschauungen sind Vokabelmischungen. Ein Hund ist eine Hängematte.
     L’art est mort.
     Vive DADA!
     Dem Kosmos einen Tritt!
     Vive DADA!«

Black Snake Blues 1 (CD Michel Godard, Tuba, Le chant du ser­pent), einige Takt

 

II.
Das Rätsel Serner

 

M 2:
»Entsprechend dem Umstand, daß die Schenkung in wirklich libera­ler Absicht ein Ausfluß schöner menschlicher Gesinnung ist, wurde ihre Anfechtung im römischen Rechte auf das Mindestmaß reduziert. Auch die Verpflichtungen des Schenkers waren sehr milde: er schuldete keine Verzugszinsen, hatte das beneficium competentiae und haftete ledig­lich wegen dolus und culpa lata …«

M 1:
Zwischen den wilden Sätzen des dadaistischen Manifests Letzte Locker­ung, aus dem wir anfangs einige Proben hörten, und den ruhig ein­herschreitenden Gedankengän­gen der juristischen Dissertation über die Schenkung scheinen Welten zu liegen. Und doch hat sie ein und die­selbe Seele ersonnen; sie entsprangen ein und dem­selben Kopf. Ein außerge­wöhnlich bunter Kopf aller­dings. Er gehörte Walter Eduard Selig­mann alias Walter Serner, geboren 1889 als Sohn eines Zeitungsverle­gers in Karlsbad, seines Zeichens Hochstapler, Doktor bei­der Rechte der Hohen Ju­ristischen Fakultät der Univer­sität Greifswald und nebenbei vielleicht die rätsel­hafteste Gestalt in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhun­derts.

Das Rätsel Walter Serner betrifft seine Werke; fremd und sonderbar schimmern sie im Garten der Literatur. Das Rätsel Walter Serner ist aber auch ein biographi­sches Rätsel. Schon über das genaue Geburtsdatum im Jahre 1889 sind die Nachschlagewerke nicht einig und der Lauf seiner letzten Jahre liegt fast ganz im Dun­keln. Bis vor kurzem galt er als verschol­len, irgend­wann um 1930, irgendwo in Rußland oder Südame­rika.

Immerhin fällt aber – dank jahrelanger Recherchen des unermüd­lichen Forschers in Sachen Serner, Hans Milch – ­mittlerweile doch mancher Streifen Licht in das Dunkel um die Biographie, und wenn wir Serners scharf ge­schliffene Prosastücke als Spiegel seiner Existenz be­nutzen, dann gewinnen wir so viele Teilansichten, daß wir mit etwas Phanta­sie die ganze Geschichte vom Manne Serner ahnen können. Es ist eine Geschichte voller überraschender Wendungen, sie hat Tempo und Pfiff, sie hat südlichen Witz – und läuft dann wohl doch auf eine tief­deutsche Tragödie hinaus.

Noch einmal also: Nur hereinspaziert, Damen und Her­ren, nur hereinspa­ziert! Lernen Sie den fuchswilden Propheten des Großen DADA kennen, verlieben Sie sich in die rauflustige Dirne Bichette, hören Sie die feine und gemeine Geschichte vom Falschmünzer Kaff, schluch­zen Sie mit Serners Muse Marietta di Monaco und ­seien Sie gefaßt auf ein furchtbares Ende.

Black Snake Blues 2

 

III.
Die beste Lilienmilchseife der Welt

 

M 1:
Im Jahre 1906 meldete die Züricher Parfümerie-Fabrik Bergmann und Compagnie beim Eidgenössischen Amt für Geistiges Eigentum die Marke »DADA« an. Unter dieser Bezeichnung vertrieb sie bis in die Zwan­ziger Jahre mit wechselndem Geschäftserfolg eine Lilienmilchseife, eine Liliencreme und ein fetthaltiges, haarstärkendes Kopfwasser. Das Verkaufsgeschäft von Bergmann und Co. in Zürich, das an Eleganz und geschmackvoller Ausstat­tung keinen Vergleich mit Pariser Boulevard-Qualitäten zu scheuen hatte, lag auf der Bahnhofstraße, zwischen Haupt­bahnhof und Dampfschifflände.

Wer also – wie Dr. Serner 1915 im Alter von 26 Jahren – in Zürich aus dem Bahnhofsgebäude trat und seinen Schritten nach langer Zug­fahrt ihren freien Lauf ließ, den sog der Reiz des schönen Orts unwei­gerlich über die Bahnhofsstraße zum spiegelnden See hinab, vorbei an Banken und Juwelierläden, Buchhandlungen, Cafés und eben auch an den Fenstern des Parfümerie-Detail-Ge­schäftes Bergmann; und hinter diesen Fenstern blinkte »DADA«, die beste Lilienmilchseife der Welt.

Lang ist die Liste der Namen von exilierten Politi­kern, Philosophen und Künstlern, die seit Kriegsbeginn an diesem Schaufenster vorüberge­gangen sein müssen, sie reicht von Lenin bis Igor Strawinski, von Hans Arp bis Francis Picabia, von Leo Trozki bis Tristan Tzara. Es war eine bunte Gesellschaft und die Fremdenpolizei vermutete nicht zu Unrecht, daß diese Herrschaften mit unbehagichen Absichten in die Kopfstation Zürich ge­reist waren.

Während einige von ihnen die Fäden klandestiner Poli­tik spannen oder gar an den Sprengsätzen für die kom­menden Revolutionen bastel­ten, veranstalteten andere eine verrückte Kanonade des Intellekts, mit der sie die Luftschlösser im Reich der abendländischen Kunst und Literatur in tausend Stücke schießen wollten: die­se Bewegung hatte ihren Namen – ob bewußt, oder ein­fach, weil sein Duft in der Luft lag – von der Li­lien­creme aus dem Hause Bergmann und Compagnie ent­lehnt: es handelt sich um das »mouvement DADA«, die erste Kunstrichtung, die für sich in Anspruch nahm, für den Wildwuchs der Phantasie keine Regeln und keine Grenzen gelten zu lassen außer der einen: Anything goes, alles ist erlaubt.

Walter Serner wurde einer der Haupt-Propheten und Wer­be-Tromm­ler der DADA-Bewegung. Er schrieb das schon erwähnte Manifest Letzte Lockerung mit dem Unterti­tel Handbrevier für Hochstapler, gab zwei Zeit­schriften heraus, gründete zusammen mit Hans Arp und Tristan Tzara die »Aktiengesellschaft zur Vermehrung des dadaistischen Wortschatzes«, or­ganisierte die be­rüchtigten DADA-Soireen im Cabaret Voltaire und im großen Saal »Zur Kaufleuten« und ging in die Kultur­geschichte ein als Präsident des 1. Dadaistischen Weltkongresses im Salle des Eaux Vives in Genf. Im Spiegel der zeitgenössischen Presse zeigt sich das bunte, bewegli­che Bild von DADA und seinem Protagonisten Serner:

F:
Berliner Börsen-Courier vom 17.4.1919:
»Am 9. April veranstaltete die … nur allzu bekannte Künstlergruppe ultramodernsten Schlages DADA im großen Saal ›Zur Kaufleuten‹ ihre achte Soiree. Die Neugierde, welche die zahllosen Zeitungsnotizen der letztenm Wochen erregt hatte … hatte es vermocht, den etwa tau­send Personen fassenden Saal bis auf den letzten Platz zu füllen … Während die ersten Rezitations- und Musikvorträge lediglich mit mehr oder weniger lautem ironischem Jubel aufgenommen wurden (besonders amü­sierten ein von Tristan Tzara dirigiertes und von 20 Personen exekutiertes simultanistisches Gedicht, ein von fünf Personen aufgeführter Schwarzer-Kakadu-Tanz und die Gedichte Hans Arps), kam es, als Wal­ter Serner mit schneidender Stimme ein von leidenschaftlicher Ge­hässigkeit strotzendes Manifest Letzte Lockerung verlas, zu einem Skandal, von dem alte Zürcher behaup­ten, sich nicht erinnern zu können, jemals einen ähn­lichen erlebt zu haben. Sätze wie »Die Kunst war eine Kinder­krankheit«, »Damenseidenstrümpfe können begrif­fen werden, Gauguins nicht« usw. waren noch die milde­sten … Man pfiff, schrie, warf kleine Geldstücke, Orangenschalen und Schimpfwörter auf die Bühne und stampfte mit Füßen und Stühlen. Man muß trotz allem die Ruhe des Redners bewundern, der inmitten dieses Hagels und Lärms unbeweglich sitzen blieb, ja sogar zweimal versuchte, sich Gehör zu verschaffen, bis er schließlich mit einer nicht mißzuverstehenden ver­ächtlichen Geste abzog, der er die Krone der Unver­schämtheit aufsetzte, als er später, anstatt die im Programm aufgeführten »eigenen Gedichte« zu lesen (auf die man allerdings gerne verzichtete), eine schwarze Kleiderpuppe auf die Bühne trug, ihr ein Ro­senbukett zu riechen gab und es ihr dann vor die Holz­füße legte …«

M 2:
Berliner Börsen-Courier vom 7.1.1920:
»Genf, im Januar
Der erste Weltkongreß der Dadaisten, der bekanntlich seit Anfang Dezember in der Grand Salle des Eaux Vives in Genf tagte, fand kürzlich ein jähes Ende: er wurde polizeilich aufgelöst und wird zweifellos mehreren Teilnehmern ein gerichtliches Nachspiel eintragen. Und zwar mit Recht. Denn der Scherz war wirklich etwas zu weit getrieben worden. Es kam nämlich zwischen Tristan Tzara, dem Gründer des Dadais­mus, und dem bekannten dadaistischen Philosophen Serner, dem Vorsitzenden des Kongresses, zu einem heftigen Wortwechsel, in dessen Verlauf Serner plötzlich einen Browning zog und vier blinde Schüsse auf Tzara abgab, der soviel Geistesge­genwart besaß, sofort vom Stuhl zu sinken. Die Folge war jedoch, daß die zahlreich besetzte Galerie, welche nicht daran zweifelte, daß scharf geschossen worden war, eine Panik ergriff … Polizeiorgane … räumten den Saal und brachten Serner und Tzara auf das in der Nähe befindliche Kommissariat, von wo sie, nach kurzem Ver­hör wieder freigelassen, von den auf der Straße war­tenden Dadaisten im Triumph auf den Schultern bis zu ihrem Hotel getragen wurden …«

F:
Züricher Tages-Anzeiger vom 4.2.1920:
»Bei der am 29.Januar stattgefundenen Gerichtsver­handlung wurde der bekannte Dadaistenführer Dr. Serner, der, wie erinnerlich, gelegent­lich des Dadaisti­schen Weltkongresses durch Abgabe blinder Schüsse eine Panik hervorgerufen hatte, zu einer Geldstrafe von 3000 Franken verurteilt, im Nichtzahlungsfalle zu drei Monaten Gefängnis. Nach der Urteilsverkündung hielt Dr. Serner eine kurze Ansprache, in der er u. a. äußer­te, daß er, obwohl zu jeder besseren Biographie etwas Gefängnis gehöre, leider gezwungen sei, die Geldstrafe zu erlegen, daß er aber diesem Umstand gleichwohl dankbar sei, da eine längere Einzelhaft der Kontempla­tion und ähnlichen Ungezogenheiten zu sehr Vorschub leiste. Unter wilden Beifallskundgebungen der anwesen­den Dadaisten leerte sich der Saal.«

M 1:
Unglaublich! wird mancher der Redakteure und Zeitungs­leser gedacht und sich aus der sicheren Entfernung des Kulturbeobachters über die Schlagfertigkeit des Dr. Serner amüsiert oder über seine Unverfror­enheit empört haben.

Weder die Redakteure noch ihr Publikum konnten ahnen, wie nah ih­nen die Prinzipien der DADA-Kunst in Gestalt solcher Meldungen bereits gerückt waren. Wenn sie ei­nen der Exklusivberichte über DADA-Aktionen lasen, dann hielten sie mitunter nämlich schon das eigentli­che Kunstwerk selbst in Händen, und sie wurden, etwa beim Verfassen entrüste­ter Kommentare oder amüsierter Leserbriefe, selber Autoren einer Literatur, für deren Kritiker und Konsumenten sie sich hielten. Mit anderen Worten: Manche der Zeitungsmeldungen waren erfunden, und zwar von den Häuptern des mouvement DADA höchst­persönlich, mit dem Ziel, die Gehirne ihrer Zeitgenos­sen zum Tanzen zu bringen. DADA akzeptierte keine Grenzen zwischen der Kunst und dem sogenan­nten Leben. Warum also hätte es vor der Presse halt machen sollen?

Walter Serner war der Meister dieses Spieles. Er nannte es »blague«. Wie er es schaffte, auch seriöse Feuilletonisten immer wieder zu täuschen, wis­sen wir bis heute nicht – jedenfalls gelang es ihm, die sonder­barsten Meldungen in die Spalten der Presse zu lancie­ren, und zwar ohne jede Rücksicht auf ihren Wahrheits­gehalt: Wenn dem Leben nichts einfiel, dachte sich DADA etwas aus. Wenn aber eine Story das gewisse Etwas hatte, dann durfte sie sogar wahr sein. Um die Verwir­rung komplett zu machen, scheute DADA auch nicht davor zurück, gelegentlich falsche Dementis und wahre Gegen­dementis auszustreuen, so daß bis heute oft schwer zu entscheiden ist, was wir eigentlich sehen, wenn wir in den Spie­gel der Presse schauen: den Widerschein der Realität oder das Gaukel­werk eines durchtriebenen Artisten.

Soviel ist heute allerdings sicher: Den dadaistischen Weltkongreß und die nachfolgende Gerichtsverhandlung hat es nie gegeben, obwohl beide gelegentlich noch als reale Ereignisse der Kulturgeschichte erwähnt werden. Die wilden Soireen dagegen im Saal »Zur Kaufleuten« waren – zum Leidwesen vieler Zürcher – nur allzu pral­le Wirklichkeit.

Indes erschöpfte sich im Gang der Jahre doch der Reiz all dieser Spiele mit dem Schein des Seins und dem Sein des Scheins. Als Europa sich vom Krieg und den folgenden Erschütterungen zu erholen begann, leerte sich Zürich. Die bunten Köpfe kehrten zurück in ihre Metropolen. Das mouvement stand still. Alles, was in Zürich von diesem großen Karne­val im Angesicht des großen Krieges blieb, war der Duft von DADA, der be­sten Lilienmilchseife der Welt.

Black Snake Blues 3

 

IV.
Die Tigerin

 

M 1:
Eine Zeitlang noch blieb Walter Serner DADA treu. Man versuchte, vor allem in Berlin und Paris, den großen Karneval zu einer veritablen Kunstrichtung mit Haus­philosophie und Schulhäuptern auszubauen. DADA sollte zum Dadaismus werden. Soviel abendländischer Ernst war nicht nach Serners Geschmack. Er tat, was er immer machte, wenn es ihm langweilig wurde: Er verschwand.

Und er schrieb. Seine literarische Karriere begann eigentlich erst jetzt. Innerhalb weniger Jahre – zwi­schen 1921 und 1927 – erschien fast seine gesamte Pro­duktion. Es handelt sich um das, was man wohl mit Recht ein schmales Œuvre nennen darf: neben den da­daistischen Dichtungen einige Essays, ein Theater­stück, eine Novelle und ein gutes Hundert Kurzge­schichten.

Die Novelle trägt den Titel: Die Tigerin. Sie er­zählt die Geschichte von Fec und Bichette. Bichette ist eine ziemlich niederträchtige und überaus rauflu­stige Pariser Nutte, eben: Die Tigerin. Sie verliebt sich zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben, und zwar in den nicht minder abge­feimten Galgenvogel Fec. Fec und Bichette, das versteht sich, sind kein Paar wie Hermann und Dorothea. Der Hexameter ist nicht der Rhytmus dieser Liebe:

F:
»Bichette hieb mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte, und be­gann, ununterbrochen halbe Worte ausstoßend, wild darauf herumzukra­men. Endlich fand sie den Schlüssel, sperrte die Ledertasche auf und warf Ketten, Armbänder, Colliers und Etuis kunterbunt auf den Tisch. ›Da, da, da, da …‹ Ihre zuckenden Finger rissen die Etuis auf und leerten sie aus wie Tüten. Ohrgehänge und Brillantringe rollten umher. Einiges fiel zu Boden. ›Glaubst du, du … daß ich diesen Letsch da mag? Kein Mensch hat mich noch so was tragen sehen.‹ …
Fec trat auf sie zu, versetzte ihr, von einer Wut gepackt, die ihn selbst dumpf erstaunte, einen Faustschlag auf die Schulter und schleuderte sie aufs Bett.
Bichette schnellte mit tierischer Behendigkeit hoch.
Und schon rauften sie. Bösartig. Verbissen. Keuchend. Aber sie schlugen einander nicht ins Gesicht.
Ein ganz heller, spitzer Schrei, der ihm gefährlich klang, ließ Fec zurück­fahren.
Bichette stand schwer atmend da. Ihre Arme hingen wie in allen Gliedern gebrochen. Ihre schwarzen Seidenstrümpfe waren zerrissen. Ihre rot gewordenen zerkratzten Brüste zitterten. Ihr Gesicht war erdfahl. An einem ihrer Halbschuhe fehlte der Absatz. Sie begann zu taumeln.
Fec, fast erschrocken, umfaßte sie mit beiden Armen und legte sie vor­sichtig aufs Bett. ›Was hast du … Was ist …‹
Bichette bewegte verneinend ein wenig den Kopf. Dann drückte sie die Hände langsam auf Fecs Wangen, zog ihn zu sich nieder und küßte lang und heiß in seinen Mund hinein …«

M 1:
Nur einige Tage nach Beginn der wilden Liebe beschlie­ßen Fec und Bichette, der Ödnis ihres kleinkriminellen Pariser Lebenswandels zu entfliehen. Man strebt ins Blaue, ans Meer, mit dem Nachtexpress an die Cote d’A-zur!

F:
»Der Nacht-Rapide ging in vierzig Minuten ab …
Kaum, daß das Taxi sich in Bewegung gesetzt hatte, sprang Bichette, wie von einem plötzlichen Rausch erfaßt, Fec auf die Knie, preßte ihm die Hände fest auf den Kopf und sagte in lustbebendem Flüsterton: ›Fec, jetzt gehörst du mir. Mir allein. Und ich gehöre dir. Dir ganz allein. O, das ha­ben wir fein gemacht! Und wir werden alles machen. Alles. Ich habe dich ganz genau verstanden. Und auch du hast mich ganz genau verstanden. – Wir werden uns nichts vortrillern. Wir werden sap bleiben …‹
Fec, völlig mitgerissen, roch mir unsäglichem Genuß ihren Atem. Er zitterte, als er ihren Namen aussprach: ›Bichette … Ja, das, was die an­deren schwächt und schließlich doch gegeneinander bringt und unter die Pfeifen, das soll uns eine ganz ungeahnte Kraft geben. Die größte Kraft. Den letzten Elan. Hart bis unter die Haare und klar wie das Nichts, auf das allein wir bauen, werden wir nie schwach werden, nie dumm. Und wenn wir untergehen sollten …, werden wir nicht durch uns unterge­gangen sein. Und das ist es, was nicht nur das Leben, sondern auch den Tod der andern vergällt: das dumpfe Bewußtsein, nicht alles getan zu haben, um die Niederlage zu vermeiden, schwach gewesen zu sein, dumm. Wir aber werden anders untergehn. Vielleicht mit jenem hellen, spitzen Schrei auf den Lippen, den du … Bichette, Bichette, bitte hau mir eine herunter!‹ Bichette tat es augenblicklich. Und schrie auf vor Vergnügen.«

M 1:
An der Cote d’Azur versuchen Fec und Bichette ihr Glück im großen, harten Stil. In Hotelpalästen und im Spielcasino suchen sie ihre Opfer in Gestalt russi­scher Barone und reicher Engländer. Aber das Paar ver­fängt sich in den allzufein gesponnenen Fäden seiner Betrugsmanöver: Opfer werden zu Rivalen oder zu Ver­folgern, Mißtrauen keimt auf und wächst zu tobender Eifersucht, Bichette verschwindet über Nacht, eine ver­zweifelte Verfolgungsjagd durch halb Frankreich schließt sich an. Das Gottesgeschenk der Liebe hat Fec und Bichette in Teufels Küche getrieben. Als man sich, matt und marode von all den Kämpfen und Verfolgungen, ein letztes Mal begegnet, scheinen sich die Herzen nicht mehr zu erwärmen:

F:
»Bichette entriß ihm ihren Schirm und ergriff das Geländer der Metro-Haltestelle Anvers. ›V’lan. Von hier aus fahre ich.‹ Sie kehrte Fec den Rücken.
›Bichette!‹
Sie war bereits einige Stufen hinabgestiegen. Dennoch blieb sie sofort stehen und drehte sich rasch um. ›Was willst du noch?‹
›Nichts.‹ Bichette ging weiter.
›Nichts!‹ rief Fec ihr nach.
Bichette blieb abermals stehen. Ihr Mund klaffte schief auf, bevor sie lachte: ›Oder willst du …‹ Ihre Finger machten die Bewegung des Geldzäh­lens. ›So sag doch schon, wie viel du willst! … Louche ist das … Komm her!‹ Sie öffnete das Handtäschchen. ›So komm doch schon her!‹
Fec, der sich nun doch ärgerte, daß sie es erraten hatte, näherte sich widerwillig.
›Wieviel willst du?‹
›Gib mir fünftausend. Grotte, man muß leben.‹
›Nicht mehr?‹ …
›Chut, gib schon her!‹
In diesem Augenblick krachte ein Schuß.
Fec hatte eine tötliche Stirnwunde erhalten und war in das Hospital Lari­boisière transportiert worden.
Bichette, welcher der Schuß gegolten hatte, saß an seinem Bett. Sie schluchzte ohne Unterlaß.
Als Bichette … die breite Treppe des Hospitals hinunterging, sagte sie leise vor sich hin: ›Ob ich ihn geliebt habe? Ob er mich geliebt hat? O Gott, wenn ich das nur wüßte! Ich glaube, ich werde noch wahnsinnig.‹«

Boulevard of broken dreams 1

 

V.
Der Abreiser

 

M 1:
Anfang 1925 bat ein Rezensent Serners Verlag Paul Steegemann in Ber­lin um Auskunft über Walter Serners Pri­vatleben. Die Antwort des Verlages lautete so:

M 2:
»Herr Serner, für den Sie sich so interessieren, ist etwa 35 Jahre alt und stammt aus Teplitz. Sein Vater ist deutscher Jude; seine Mutter Tschechin. Er kam früh auf die sogenannte schiefe Ebene und hat sich zeitlebens in aller Welt herumgetrieben. Seine Adresse werden Sie nicht in Literaturkalendern, wohl aber bei der Kriminalpolizei erfahren kön­nen. Er ist internationaler Hochstapler im allergrößten Stil. Seine Lehr­jahre verlebte er in Paris als Costel (Zuhälter). In seinen Büchern steht nichts, was nicht gelebt wurde. Sie können dies alles ruhig sagen. Herr Serner pfeift darauf. Er bereist gegenwärtig den Orient als Besitzer großer, öffentlicher Häuser in Argentinien.«

M 1:
Möglicherweise hat Walter Serner diese Verlagsmittei­lung selbst formu­liert. Niemand weiß, wieviel daran Wahrheit ist und wieviel Mystifika­tion. Serner liebte es, seine Existenz in einen Nebel ebenso bizar­rer wie frivoler Selbstauskünfte zu hüllen. Das fiel ihm umso leichter, als er, solange das irgendwie möglich war, ein Leben auf Reisen und Rädern führte. Mal zeigte er sich auf einer Seeterasse in Genf, dann schickte er Briefe aus Neapel oder Wien, oder er tauchte unter in den düsteren Gassen von Barceloneta. Die Zirkel der Literaten waren nicht seine Welt. Immer war er bettelarm, ein Hungerkünstler, der sich tage­lang in der Matratzengruft eines Vorstadthotels einschloß, aber nur, um seine schöne schlanke Eleganz alsbald wieder auf Avenuen und Boule­vards spazieren zu führen. Die wenigen Photographien, die von Serner existieren, zei­gen eine gepflegte Gestalt: Anzug mit Weste, Kragen und Kravatte, ein aufmerksamer ernster Blick und eine feine Spur von Spott in den Mundwinkeln. Dieser Kopf könnte einem jungen Privat-Bankier gehören oder einem Diplomaten oder einem erstklassigen Hoteldieb.

Hören wir Serner über Serner:

M 2:
»Ich wurde am 15. März 1889 in Karlsbad geboren. In dieser Stadt besuchte ich das Gymnasium, wo ich in dem römischen Schriftsteller P. Ovidius Naso die erste Be­kanntschaft mit einem subtilen Geist machte und in Ge­stalt des Lehrkörpers mit der menschlichen Niedertracht. Ich galt als subversives Element, obwohl ich mich damals nur für Stuben­mäd­chen interessierte und auch sonst bemühte, dem genannten Schriftsteller Ehre zu machen. Das Jus-Studium, das ich mit achtzehn Jah­ren begann, kam nicht zur Ausführung, sondern Wien, das zu jener Zeit eine sehr beherzigenswerte Stadt war. Mir ist es noch heute rätsel­haft, wie es möglich war, daß ich die rechtshistorische Staatsprüfung be­stand. Kurz darauf brachte ich einen Spielgewinn an der Hand eines Münchner Faschings durch und fuhr mit dem letzten Goldstück nach Berlin … Als der Weltkrieg ausbrach, war ich aber immerhin schon so übel beleu­mundet, daß mein vierjähriger Zwangsaufenthalt in der Schweiz mir mancherlei Distraktion verschaffte … Störend empfinde ich nur, daß man mir kontinuierlich die geschmacklosesten Motive unter­schiebt. Ich erkläre deshalb feierlich, daß ich weder Bordellbesitzer bin noch die rechte Hand von Boris Ssawinkow, … daß ich das von mir sehr geliebte Jicky-Parfüm vermittelst ei­nes Vaporisateurs verwende; daß ich zartfühlend bin, faul, neugierig und roh; daß ich weder für Skoda reise noch für den Kaiser der Sahara, sondern zu meinem Ver­gnügen; und daß ich einen tschechoslowakischen Paß be­sitze und glücklicherweise eine harte Haut.«

M 1:
Seine harte Haut hat Walter Serner oft gebraucht und fast immer hat sie ihm genutzt. Der Schriftsteller Franz Jung, der im Jahre 1915 nach der Schlacht bei Tannenberg von Hindenburgs Truppe desertierte, schreibt in seiner Autobiographie:

M 2:
»Ich bin durchgekommen. Ich kam nach Berlin. Im Cafe des Westens wurde ich von einem Dr. Serner in Empfang genommen … Dr. Serner empfing mich … in einem pompösen Pelzmantel – das war aber auch alles; darunter war nur spärliche Unterwäsche, den Anzug hatte er verset­zen müssen. Dieser Serner war auch kein Doktor und hieß nicht Serner, sondern Seligmann. Serner schrieb unter seinen vollen Titeln einen ärzt­lichen Rapport an das Ersatz-Regiment, wonach er auf der Straße einen Soldaten mit dieser und dieser Nummer aufgefunden habe, in einem desolaten Zustand, so daß er sofort die Überweisung in ein Spital veran­laßt habe … Ich hatte damit einen Vorsprung von gut einer Woche für meine Flucht nach Österreich gewonnen … Es ist mir eine große Freude gewesen, später zu hören, daß Dr. Serner sich nach der Schweiz absetzen konnte, und zwar am gleichen Tage, als die Polizei im Cafe des Westens bereits mit dem Verhaftungsbefehl auf ihn wartete.«

Boulevard of broken dreams 2

 

VI.
Der Pfiff um die Ecke

 

M 1:
Die Agenten der Staatsgewalt kamen Walter Serner immer wieder ins Gehege. Und vom ewigen Kampf zwischen Ge­setzesbrechern und Gesetze­shütern, vom Krieg zwischen rivalisierenden Gangstern, von Mord und Betrug, Gewalt und Prostitution handeln auch die meisten der etwa einhundert Kurzgeschichten, die Serner schrieb und die ihm in den Zwanziger Jahren immerhin soviel lite­rarischen Ruhm eintrugen, daß der Verlag Paul Steegemann im Jahre 1927 eine Serner-Gesamtausgabe wagte.

Man rühmte den blitzenden, spöttischen Realismus die­ser Gangster-Prosa; »der Satan selbst mit seinem kal­ten Finger« könne es nicht besser, schrieb der Philo­soph Theodor Lessing. Serner selbst bezeichnete seine zum Teil mit einem Schuß herber Erotik versehenen Kri­minalgeschich­ten als die ihm gemäßeste Form der »Me­moiren«, obwohl er, wie er einräumte, nicht bei jeder Leiche »persönlich vorgesprochen« habe.

Es sind viele kluge Dinge über Serner geschrieben wor­den, über seinen Existenzialismus, seinen Nihilismus und was der Ismen sonst noch sein mögen. Davon soll aber jetzt nicht die Rede sein. Zu leicht könnten wir, mit Serner zu sprechen, dem Tiefsinn und verwandten Ungezogen­heiten erliegen. Hören wir stattdessen, wie bereits angekündigt, eine von Serners feinen und ge­meinen Kriminalgeschichten: Die Bande Kaff aus dem 1925 erschienen Band Der Pfiff um die Ecke. Geben wir uns dem ural­ten und doch immer wieder neuen Reiz des Kampfes zwischen dem Ge­setz und dem Verbrechen hin, hier ausgeführt vom Detektiv Delaro, vom Fal­schmünzer Kaff, dem die Polizei schon bedenklich nah auf den Pelz gerückt ist, und von der Morphinistin Anny, Kaffs giftiger Braut, die viel­leicht gar keine Morphinistin ist. Die Story kommt daher wie fast alle Kurzgeschichten Walter Serners, wie ein schriller Pfiff um die Straßen­ecke einer Großstadt.

M 2:
»Gegen sechs Uhr morgens stand die Sonne stets in einem langen Streifen an der rechten Wand jenes Zimmers, das Kaff … vom Portier mit der Begründung sich erbat, er habe es bereits dreimal bewohnt und schätze es wegen seiner ruhigen Lage. Er schätzte es nicht deswegen, sondern wegen des langen Streifens Sonne, dessen Verwertung ein ster­bender Kumpan aus Dankbarkeit ihm überlassen hatte.
Am folgenden Morgen, als gegen sechs Uhr seine Taschen-Weckuhr schnurrte, sprang Kaff aus dem Bett, ergriff den großen, länglichen Handspie­gel, den er am Abend vorher in Spiegelschrift mit Buchstaben bemalt hatte, hielt ihn in den Sonnenstreifen und dirigierte den Wider­schein vorsichtig durch das offene Fenster auf die Decke des gegenüber, eine Etage höher, befind­lichen Zimmers, woselbst Anny, die gleichfalls sich hatte wecken lassen, in nur wenig verschwommenen Buch­staben den Satz las: ›Delaro arbeitet schon, sei um elf Café Dauphin‹.
Anny sah verabredetermaßen nach dem Wetter und hüpfte hierauf ins Bett zurück, neugierig nach der Decke blickend, auf der nach wenigen Minuten die Worte erschienen:
›Sei pünktlich!‹
Anny war es. Und da sie Delaro schon von der Straße aus hatte sitzen sehen, betrat sie so das Cafe, daß sie ihm den Rücken zuwandte und ihn erst dann zu erblicken schien, als sie ihm bereits am Nebentisch gegenübersaß.
Delaro rauchte vergnügt, während das eine Auge für alle Fälle über den Rand der Zeitung hinausging.
Anny, dies unter dem breiten Hutrand hervor beobachtend, hielt es daraufhin für vorteilhaft, Delaros Aufmerksamkeit dadurch zu erregen, daß sie ein leeres Cachet aus ihrem Handtäschchen nahm und mit über­triebenen Vorkehrungen, dabei nicht gesehen zu werden, schluckte.
Delaro sah es. Da der Fall, dessentwegen er nach London gekommen war (die Aufspürung des Falschmünzers Kaff und seiner Bande) ihm für den Augenblick nichts zu tun gab, zögerte er nicht, die Dame näher zu besichtigen. Nachdem er, in vorbedachter Weise allerlei Zeitungen suchend, mehrmals an Annys Tisch vorübergewechselt war, ließ er wie versehentlich ein Journal neben ihr zu Boden fallen und entschuldigte sich unaufhörlich.
Anny, sehr ergötzt, daß es ihr gelungen war, summte die ersten Takte des new-yorker Chansons ›I can’t love …‹ und lächelte dämonisch.
Delaro setzte sich deshalb, als geschähe es vor Verwirrung, ihr gegenüber an den Tisch. ›Sie kommen aus New York?‹
Anny sah traurig über ihn hinweg. ›Geben Sie mir zwei Zigaretten!‹
›Zwei?‹
Anny blickte, noch trauriger, auf den Tisch.
Delaro hielt ihr sein Etui hin.
Nachdem Anny sich bedient hatte, erläuterte sie: ›Eine für die Schnauze, die andere für meinen Kerl.‹
Delaro behielt seine seriöse Miene bei. ›Sie nehmen Morphium?‹
›Wer zuerst schweigt, schweigt am besten.‹
›Sie scheinen nicht viel zu tun zu haben.‹
›Tätigkeit ist aller Laster Anfang.‹
Delaro, kaum lächelnd, entzündete sich eine Zigarette.
Anny hüstelte. ›Ich bin sicher, daß Sie mich für so verausgabt halten, ich könnte glauben, Sie wären mit der Anlage geboren, die Zigarette so zwischen den Lippen zu drehen, wie Sie es tun.‹
Delaro ärgerte sich nun doch und vergriff sich deshalb: ›Ich gehe nur mit Weibern, die mir gut stehen.‹
›Also ein Einsamer.‹
Delaro mußte lachen. ›Heben wir doch unsere Raketen für den Ernstfall auf. Unter uns wäre es angezeigter, offener zu sein.‹
›Unter uns?‹ Anny holte abermals ein Cachet hervor.
›Lügen wir also deutlicher.‹
›Unverbesserlich!‹
›Beeilen Sie sich. Die Situation geht zu Ende.‹
Delaro, schnell auf seine Armbanduhr blickend, schlug ihr vor, mit ihm in den Regents Park zu fahren und dann bei ›Frascati‹ in der Oxford Street zu lunchen.
›Ist das das Lokal mit der roten Ziegelfassade?‹ Delaro nickte und er­hob sich …
Als sie die Drehtüre des Cafes passierten, streifte Anny die Wade des knapp vor ihr eintretenden Kaff, der die Mütze schief in die Stirn gedrückt trug und um den linken Arm einen falschen Verband. …
Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr hielt Kaff den großen Handspie­gel in den Sonnenstreifen.
Anny in ihrem Zimmer las: ›Delaro arbeitet Hochdruck, Eile tut not.‹ Sofort lief sie zum Fenster und sah nach dem Wetter; diesmal aber mit der Variation, die rechte Hand über die Augen zu halten: das Zeichen für Kaff, daß sie es diesen Abend versuchen werde.
Eine Stunde später telephonierte sie dem Portier des Hotel Atlantic, er möge sie mit Mister Delaro verbinden.
›Ah … Sie, Anny?‹ Delaros Stimme war nicht nur morgendlich frisch, sondern auch die eines Mannes, der soeben ein vorzügliches Geschäft gemacht hat. ›So früh schon auf? Nun, wie gehts?‹
›Haben Sie wirklich erst übermorgen Zeit für mich?‹ zwitscherte Anny gekränkt in den Apparat.
›Liebe, ich sagte Ihnen doch, daß ich …‹
›Sie essen zu wenig. Deshalb haben Sie keine Gefühle.‹
›Vielleicht haben Sie recht. Aber ich habe eine ganze Reihe wichtiger Sachen zu erledigen, die kei…‹
›Gestern sagten Sie, es wäre nur eine.‹
Delaro, der es nicht gesagt hatte, ließ sich, unsicher geworden, Lügen strafen. ›Sie passen ja gefährlich auf.‹
›Habe ich eine Schmutzkonkurrentin?‹
›Für einen so billigen Herrn halten Sie mich?‹
›Nein. Aber die Londoner Damen nicht für sehr teuer.‹
›Sie haben eine wunderbare Schnauze.‹
›Und, ich schwöre es Ihnen, keinen Kerl.‹
›Daran habe ich niemals geglaubt.‹
›Ich wußte es. Halten Sie die Bewegung der Erde um die Sonne für inkorrekt?‹
›Nun?‹
›Ich warte auf die Pointe.‹
›Sie irren. Ich wollte damit nur sagen, daß Sie diese Bewegung, zu der Sie im Großen und Ganzen gezwungen sind, auch im Kleinen und Hal­ben mitmachen sollten, sofern Sie nicht …‹
›Dieser Verdacht, Sie seltenes Nachtgestirn, kann mich nicht treffen, denn … Eine Sekunde bitte …‹
Anny nahm augenblicks den zweiten Hörer, setzte sich geräuschlos, hörte auf zu atmen und lauschte angestrengt. Nach einigen Sekunden näherten sich undeutliche Stimmen Delaros Apparat. Aber erst nach etwa drei Minuten vermochte Anny folgende Satzfetzen aufzufangen: ›… war es nicht im Chronicle, Pitts … Man muß, wenn es klappen soll, in der Fenchurch Street … Im Osten. Dann aber hat es keinen Zweck, die Leute, die doch … von South Kensington bis … Neuerliches Stimmengewirr. Dann ›Vielleicht auch zwecklos, Pitts … Ich bin dafür, es doch so zu machen, daß wir sofort …‹ Die Stimmen entfernten sich.
›Anny?‹ rief Delaro endlich ungeduldig. ›Anny, halloh!‹
Anny machte ein Geräusch, als ergriffe sie erst jetzt wieder den Hörer. ›Halloh, Delaro? Halloh! Ah, Sie vermuten wohl, daß ich so wenig Zeit habe wie Sie.‹
›Wieso.‹
›Nur Leute, die keine Zeit haben, warten lange.‹
›Ebenso wahr wie rar. Doch ich kann Sie entschädigen. Ich habe heute Zeit für Sie.‹
›Meinen Glückwunsch!‹
›Unverschämt!‹
›Such is life.‹
›Aber entzückend.‹
›Also heute abend. Um acht.‹
›Bei Frascati, wie vereinbart.‹
›Good by.‹ Anny hängte den Hörer ein …
Als sie abends in großer Toilette bei ›Frascati‹ erschien, erwartete De­laro sie bereits im Vestibül, war aufgeräumter noch als am Morgen und hatte diesmal so vorzüglichen Appetit, daß es Anny nicht schwer fiel, das Diner bis gegen zehn Uhr hinauszuziehen.
Zu dieser Zeit wurde Delaro ans Telefon gerufen, wo man ihn mit ver­stellter Stimme bestürmte, sofort nach Fenchurch Street zu fahren; Kaff sei, als Arbeiter verkleidet, dort aufgetaucht, in der Wohnung sei Licht, man höre Tumult etc.
Delaro hatte die unbekannte Stimme zwar Verdacht er­regt, der Um­stand aber, daß sie ihn ›Pitts‹ genannt hatte, ließ ihn annehmen, daß die Aufregung Powells Stimme (denn nur diese konnte es sein) verändert haben mochte.
Delaro bat um Entschuldigung, Annys Hand ergreifend; er würde in einer halben Stunde zurück sein.
Anny aber bestand darauf, mitfahren zu dürfen.
Unterwegs wurde Delaro, eben als er mit beiden Händen Annys Kopf nahm, um sie zu küssen, blitzschnell von ihr gefesselt. Ihn zu knebeln unterließ sie, um ihn, freilich mit vorgehaltener Browning, ausfragen zu kön­nen: ›In welcher Angelegenheit sind Sie in London?‹
Delaro, der seine Lage nicht unterschätzte, hielt es für das Vorsichtig­ste, falsch die Wahrheit zu sagen: ›Um Casallo zu finden.‹
›Kaffs Komplizen?‹ Anny kicherte höhnisch. ›Warum nicht lieber ihn selber?‹
Delaros Brauen zuckten zornig. ›Wer hat mit mir telefoniert?‹
Anny wackelte mit dem Browning, ihn kurz gegen den Chauffeur rich­tend. ›Der!‹
›Wer!‹
›Der am Volant – Kaff.‹
›Ah!‹ Delaro machte sichtlich eine furchtbare Anstrengung, um seine Ruhe zu bewahren. ›Ich weiß, daß ich Ihnen ausgeliefert bin. Geist wie dem Ihren bin ich unter Verbrechern noch nie begegnet. Das entschul­digt meinen Hereinfall ein wenig. Ich verspreche Ihnen die ganze Falschmünzer-Affaire durch ein Machtwort niederzuschlagen, wenn Ihre Bande Europa verläßt.‹
›Er stellt Bedingungen!‹ Anny stieß mitleidig den Atem aus. ›Er ver­spricht! Sie scheinen vor Angst zu vertrotteln.‹ Sie hielt die Waffe näher an seine Stirn, da sie den unklaren Eindruck gehabt hatte, als hätte er versucht, sich zu bewegen.
›In meinem Portefeuille in der linken Brusttasche be­finden sich siebenhundert Pfund.‹ Delaro dachte so ra­send nach, daß er erbleichte. ›Außerdem unterschreibe ich für das Zehnfache.‹
›Er deliriert,‹ sagte Anny trocken. ›Halten sie mich wirklich für so dumm? Dann würde ich mich allerdings nicht mehr darüber wundern, daß Sie mich nicht überwachen ließen.‹
›Selbst wenn es geschehen wäre, hätte es wohl nichts verhindert. Wenn Menschen Ihres Kopfes Verbrecher werden, entwickeln sie eine tolle Phantasie und arbeiten viele Jahre hindurch gänzlich ungestört. Bis einmal ein Zufall, der immer kommt, ein wichtiges Detail lüftet und da­durch bald auch das ganze System.‹ Delaro hoffte, halb bereits sich aufgebend, ihr doch noch zu schmeicheln.
Anny jubilierte innerlich, diesen Gegner vor dem Schuß zu haben. ›Schlucken Sie das!‹ Sie hielt ihm ein Cachet hin, das eine Dosis Morphium enthielt, die genügt hätte, ein Pferd zu töten.
Im selben Augenblick hob Delaro die Fäuste, um ihr die Stahlfassung der Handschellen auf den Kopf zu schla­gen.
Anny schoß. Und sah sofort, daß es nur ein harter Streifschuß war, der den Schläfenknochen weggerissen hatte. Das Hirn lag in einer Breite eines Fingers bloß. Der Schmerz mußte ungeheurlich sein. ›Schlucken Sie das!‹ befahl sie herrisch, wütend darüber, daneben geschossen zu haben.
Delaro, vor Schmerz fast ohnmächtig, aber doch noch so weit bei Bewußtsein, um zu wissen, daß er verloren sei, öffnete die Lippen und verschluckte das Gift.
Drei Sekunden später schoß Anny noch einmal. Die Kugel drang ne­ben der Nase schief nach oben ins Gehirn. Delaro war sofort tot … Kaff, der weitergefahren war, hielt vor einer kleinen Bar, stieg aus, trank einen Likör, trat auf die Straße, dann in einen Laden und ließ schließlich das Auto im Stich.
Am nächsten Morgen erwachte er, durch die Weckuhr bereits daran gewöhnt, von selber gegen sechs Uhr. Aber der Sonnenstreifen fehlte. Der Himmel war bleigrau. Kaff sah aus dem Fenster.
Gegenüber, eine Etage höher, lehnte Anny am Fenster und lachte, als sie ihn erblickte. ›How do you do?‹
›Thank you, very well.‹«

Boulevard of broken dreams 3

 

VII.
Doktor Zunder

 

M 1:
Die männlichen Helden der Kurzgeschichten von Walter Serner sind ziemlich eisige Typen. Abreiser-Typen wie Serner selbst, die irgendwo auftauchen, einen Wirbel anblasen und dann mir nichts dir nichts ver­duften. Einsam sind sie aber nicht, jedenfalls nicht in dem Sinne, daß ihnen keine Frauen zur Seite stünden – oder auch lägen. Im Gegenteil: viele der geistreichen Sadi­sten und graziösen Tagediebe haben das Glück, sich, wenn schon nicht auf die sexuelle Treue, so doch auf die Solidarität einer stabilen Braut stützen zu kön­nen.

Walter Serner, so scheint es, hat ganz ähnliches Glück gehabt. Wie ja überhaupt die Geschichte vom Manne Serner mit ihren rasanten Wen­dungen und Zuspitzungen oft den Eindruck macht, als wäre das Dre­hbuch zu diesem Leben von Serner selbst geschrieben worden.

Was nun die stabilen Bräute betrifft, so verband Serner eine beinah lebenslange Liebe mit Dorothea Herz, über die nicht viel mehr bekannt ist, als daß sie aus Berlin stammte, jüdischen Glaubens war und in den spä­ten Dreißiger Jahren in Prag Serners Frau wurde. Die letzte uns bekannte Reise hat das Ehepaar Walter und Dorothea Serner gemeinsam an­getreten doch davon wird am Ende noch die Rede sein.

Dorthea Herz war natürlich nicht die einzige Frau in Serners Leben. Davon legt nicht zuletzt die Widmung Zeugnis ab, die er seiner Kurzge­schichten-Sammlung Zum blauen Affen voranschickte. »Marietta! Marietta!! Marietta!!!« lautet sie und gemeint war damit Marietta di Monaco, eine zerbrechliche Varieté-Schönheit, der Walter Serner in den Züricher Jah­ren begeg­net war. Ihr bürgerlicher Name war Marie Kirndörfer, sie stam­mte aus München und veröffentlichte Anfang der sechziger Jahre einige sehr zarte und poetische auto­biographische Notizen. Ein Abschnitt daraus handelt von ihrer Liebesbeziehung mit Walter Serner. Marietta nennt ihn »Doktor Zunder«.

F:
»Als alle meine Freunde blumengeschmückt der Front entgegen­san­gen, wurden meine Erlebnisse auf ein bedrückendes Minimum be­schränkt.
So beschloß ich hoffnungsvoll und aussichtslos nach Zürich zu reisen, wo ich noch einigen ersehnten Bekannten zu begegnen hoffte. …
Am Abend vor dem ersten Auftreten saß der ›elegante Herr‹ mit zwei Rumänen in einer Nische des Cafes.
Nachdem man mich an den Tisch gebeten hatte, verlief die Un­terhaltung etwas hemmend.
Da mir der ›elegante Herr‹ seltsame Anträge machte und meine Lip­pen mit seinen Fingern zu einem Kuß spitzte, wurde ich frivol und heiter.
Später sprang ich lachend über die Brücke, verabschie­dete mich lachend; und verschwand rasch in einer dunk­len Straße.
Ich wußte mich von den dreien begehrt, dachte aber immer mit erschwertem Atem an den einen.
Der Tag kam.
Die Stunde näherte sich.
Der Himmel war heiter.
Mein Herz pochte.
Ich war auf dem Wege nach der Stapferstraße.
Noch kannte ich die Straße nicht – seine Straße.
Mein Herz flog.
Angst und Süßigkeit durchschossen mich.
Ich zwang meine Schritte in ein Gleichmaß – und alle
Gefühle häuften sich zu schwindelnder Überstürzung.
Ob er zu Hause ist? – Ja? – Nein? – Egal! – Ich gehe meinen Weg: – ›Stap­ferstraße 21 – dritter Stock ­Doktor Zunder‹.
Ich klopfe.
Er ist da.
Mein Atem kam nicht zur Ruhe.
Wir tranken Tee und sprachen erschwert.
Er küßte wie ein Besessener.
Dann wurde es Abend.
Wir kauften starke Zigaretten, gingen nebeneinander
und meine Stimme war sehr weich.
Er war streng, still und sachlich.
Immer verabschiedete er sich mit einem artigen Handkuß
– und meine Sehnsucht wuchs.
So häuften sich Tage.
Einmal gingen wir über die Bahnhofsbrücke, am
Zentralhotel vorbei.
Er bog nicht nach rechts ab, zu meiner Wohnung,
sondern nach links, um die Ecke.
Ich schwieg.
Er schwieg.
Wir schwiegen durch die Weinbergstraße – zur
Stapferstraße hinauf.
Der Mond schien.
Die Nacht war warm – und die Straßen still.
Wir schwiegen über die Treppe – im Zimmer – im Bett.
Ich erwartete das Geheimnis der Liebe – und meinem
Mund entsprang ein rohes Wort.
Zitternd erwartete ich, vor die Tür geworfen zu
werden.
Da überwanden ihn die Gefühle zu einer zärtlichen
Umarmung.
Am Morgen war der erste Mai.
Die Natur blühte auf Kommando.
Die Sonne lachte.
Wir gingen Hand in Hand.
In mir wohnte der Friede eines dreijährigen Kindes.
Dieses Glück ertrugen wir wenige Tage.
Er scherzte – ich war gekränkt – rannte davon – weinte – vergrub mich in meiner Stube – und aller Schmerz einer Liebe überhäufte mich.
Wie oft bin ich ganz einsam durch das raschelnde Herbstlaub ge­gangen, an den kleinen Häusern und Vorgärten des Zürichberges vorbei. – Wie oft bei Sonnenuntergang ohne Tränen traurig gewesen? An der Limmat saß ich nachts im einsamen Park und bat die
Sterne um den Tod.«

Boulevard of broken dreams 4

 

VIII.
»Eine Blüte aus Israel und die Freude am Schweinischen«

 

M 1:
Im Juni 1926 erschien in der Leipziger Zeitschrift Hammer ein anony­mer Artikel unter der Überschrift »Eine Blüte aus Israel und die Freude am Schweini­schen«. Dieser Artikel war Teil einer Kampagne der na­tionalistischen Presse, zu der ein Jahr zuvor Alfred Rosenberg im Völki­schen Beobachter den Startschuß ge­geben hatte. Rosenberg schrieb:

M 2:
»Wie weit heruntergekommen wir allesamt bereits sind, das zeigt nichts deutlicher als ein Aufsatz des jüdi­schen Professors Theodor Lessing aus Hannover, den dieser über einen schriftstellernden jüdischen Mäd­chenhändler – Walter Serner – … geschrieben hat. … Der deutsche Hoch­schulprofessor schildert … mit fühlbarer Wollust die geistigen Ausschei­dungen des jüdischen Mädchenhändlers … Die Tatsache der Verhim­melung einer Mädchenhändler- und Zuhälterpoesie seitens eines ›auf­geklärten‹ jüdischen Professors ist als Symptom und Symbol wichtiger als alle Statistik. Sie zeigt den grauenerregenden Abgrund zwischen dem Menschen und dem Juden, wenn dieser einmal alle europäische Tünche ab­gestreift hat.«

M 1:
Es dauerte noch einige Jahre, aber dann ging diese Saat auf.

Anfang 1933 schrieb der Oberstudienrat A. Leonpacher ein Gut­ach­ten über Serner’s 1927 erschienenen Erzäh­lungsband Die tückische Straße. Das Gutachten war vom Bayerischen Landesjugendamt ange­fordert wor­den. Betreff: Bekämpfung der Schund- und Schmutzschriften. In dem Gutachten heißt es:

M 2:
»Die Kurzgeschichten handeln von Prostituierten, Sadisten, Narzis­sen, Homosexuellen, von Schlafwagenszenen, von Vagabunden, Ver­brecherhöhlen, von Hochstaplern, Geheimbündlern, Gefängsnissachverstän­digen, javanischer Geschlechtsbetätigung, Kas­senschrankräubern, von Vergewaltigung in der Revolutionspanik, von sizilianischen Spelunken, von selbstironisierender Lebensverachtung, von Liederlichkeit in San Remo und Nizza.
Diese Unterhaltungsliteratur ist spannend und flott geschrieben, teil­weise in nachlässigem Stil. Der Inhalt ist ohne Wert und ohne sittliches Ziel, die Lebensauffassung ist leichtsinnig lüstern, phantastisch verzerrt, teilweise antireligiös und zum größeren Teile amoralisch …
Da der größere Teil der Erzählungen das Geschlechtsle­ben schwül, lüstern, verantwortungslos von der nied­rigsten Seite her zynisch beleuch­tet, ist die Schrift … als Schmutz zu betrachten und deshalb eine schwere Gefahr für die nach phantastischer Hochstap­ler- und Verbrecher-Roman­tik lüsterne Jugend. Deshalb ist zu beantragen, daß die Schrift auf die Liste der Schund- und Schmutzbücher gesetzt wird.«

M 1:
So geschah es dann auch. Durch Beschluß der Prüfstelle Berlin vom 25.4.1933 wurden sämtliche Kurzgeschichten Serners ebenso wie das Theaterstück auf die Liste der verbotenen Literatur gesetzt.

Walter Serner, der seit Ende der Zwanziger Jahre nichts mehr schrieb, scheint sich für die teilweise heftig geführten Auseinandersetzungen um das Verbot seiner Bücher nicht interessiert zu haben. Je weiter die Drei­ßiger Jahre voranschritten, umso mehr muß die Sorge um den Erhalt der bloßen Existenz in den Vorder­grund getreten sein. »Spazierenfahren durch Europa«, Serners Lieblingsbeschäftigung, wurde mühsamer und ge­fährlich. Einem Manne jüdischer Abstammung empfahl es sich nicht, nach Berlin zu reisen, in Spanien tobte der Bürgerkrieg und im übrigen Europa machte sich Vor­kriegsstimmung breit. Die Politiker in den demo­krati­schen Ländern rannten durcheinander. Wo war ein Halt? Ein Punkt? Ein Zweck? Ein Sinn?

Serner kehrte 1938 mit Dorothea Herz in seine böhmische Heimat zurück. Viele deutsche Juden gingen damals nach Prag in der Hoffnung, dort überwintern zu können, bis der Spuk in Deutschland vorüber wäre. Serner durfte sich sogar besonders sicher fühlen, denn er war – vielleicht in einem Akt der Aufsässigkeit gegen seinen jüdischen Vater – nach dem Abitur zum katholischen Glauben seiner Mutter übergetreten. Jedenfalls heiratete er Dorothea Herz – das schien der beste Schutz für sie zu sein – und führte ein unauffälliges Leben als Privatlehrer. Aber spätestens seit Gründung des Protekrorats Böhmen im März 1939 merkten die Juden in Prag, daß ihnen die Schlinge um den Hals gelegt wurde. Dann begann der Krieg. Wie hatte Serner noch in der Novelle Die Tigerin geschrieben?

F:
»Hart bis unter die Haare und klar wie das Nichts, auf das allein wir bauen, werden wir nie schwach werden, nie dumm … Und das ist es, was nicht nur das Leben, sondern auch den Tod der andern vergällt: das dumpfe Bewußtsein, nicht alles getan zu haben, um die Niederlage zu vermeiden, schwach gewesen zu sein, dumm. Wir aber werden anders untergehen. Vielleicht mit jenem hellen, spitzen Schrei auf den Lip­pen …«

M 1:
Im Jahre 1941 beantragten Walter und Dorothea Serner die damals noch mögliche Ausreise in den Westen – über Italien nach Shanghai oder Palästina. Die Formalitäten verzögerten sich. Am 10. August 1942 bestieg das Ehe­paar Walter Israel Serner und Dorothea Sarah Sernerova – so die offiziellen Dokumente – in Prag den Zug. Der Zug fuhr aber nicht nach Westen. Er ging ins Lager Theresienstadt. Wer in Theresienstadt blieb, hatte Glück. Denn Theresienstadt diente als Musterlager. Hierhin führte man das Internationale Rote Kreuz, um Geschäfte zu machen, Juden gegen Devisen. Walter und Dorothea Serner blieben nur zehn Tage in Theresienstadt. Dann bestiegen sie zum letzten Mal den Zug. Die Reise ging tief in den Osten, wahrscheinlich in die Gegend von Trostinetz bei Minsk. Dort standen Autos bereit, »Duschegubky« wurden sie von der russischen Bevölkerung genannt, zu Deutsch »Seelenvertilger«. Es han­delte sich um Vergasungsautos, in denen die aus Theresienstadt herantrans­portierten Frauen und Männer getötet wurden. Sieb­zeh­ntausend Menschen kamen im Sommer 1942 aus Theresienstadt nach Minsk. Zehn Überlebende sind bekannt. Walter und Dorothea Serner zählen nicht dazu.

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