Radiotexte

Der beste Freund in der Not ist der Narr


Christoph Schmitz-Scholemann

 

Stimmen:
Kind (O-Ton)
Autor
Sprecher 1 (Erzähler)
Sprecher 2 (Johannes Falk)
Sprecher 3 (Goethe u. a.)
Sprecher 4
Sprecherin 1 (Caroline Falk)
Sprecherin 2 (Johanna Schopenhauer u. a.)

 

Musik 1: Ysaye 7 – 0:00–0:35, darüber von etwa 0:10–0:30 der folgende Text:

Sprecherin 2:
Es gehört zu den schönsten und erstaunlichsten Möglichkeiten des Men­schen, dass er sich auf die Seite der Schwachen schlagen kann, und zwar gerade auch dann, wenn keine Aussicht auf Erfolg besteht. Er muss nicht siegen. Das unterscheidet ihn von den Tieren, aber auch von den Göttern. Ein römischer Philosoph sagte am Ende seines Lebens: Den Göttern hat es gefallen zu siegen, mir aber, zu kämpfen für die verlorene Sache.

Musik 1 endet

O-Ton 1:
Kind:
»Unter diesen grünen Linden
Ist durch Christus frei von Sünden
Herr Johannes Falk zu finden …« 

O-Ton 2:
Kinder reden durcheinander, lachen

Kind:
»Kinder, die aus fremden Städten
diesen stillen Ort betreten,
sollen fleißig für ihn beten.«

Musik 2: Musik Ysaya 5 (die ersten 4 Sekunden), dann

Sprecherin 2:
Der beste Freund in der Not ist der Narr. Das Leben des Johannes Daniel Falk. Ein Feature von Christoph Schmitz-Scholemann.

Musik 3: Wolf die ersten 7 Sekunden kräftig, danach läuft sie leise unter dem fol­gen­den Text:

Autor:
Salve! Wenn der Bildungsreisende an einem Frühsommerabend nach Weimar kommt und auf den Bahnhofsvorplatz tritt, dann sieht er die kleine Residenzstadt vor sich liegen, umgeben von einem Kranz grüner Hügel, von später Sonne milde beglänzt, und sagt unweigerlich: Wie schön! Wenig wird es ihn kümmern, dass die Geologen das Tal an der Ilm als Weimarer Störung bezeichnen, weil hier in unvordenklichen Zei­ten die Erdkruste aufriss und sich alte Gesteinsformationen mit Ab­drücken primitiven Lebens an die Oberfläche geschoben haben. Das ist lange her, darüber ist Gras gewachsen. Seit zwei Jahrhunderten sucht der Tourist in Weimar den schönen deutschen Geist – Bach und Cranach, Wieland, Schiller und Goethe, Herder und Jean Paul. Und der genius loci, tätig unterstützt vom Fremdenverkehrsamt, bewirkt, dass der Rei­sende findet, was er sucht: In einem kultivierten Schwebezustand zwi­schen Hier und Gestern, unter mildem Nebel aus Bratwurstdampf und Fliederduft und neuerdings mit Blattgold, Grundgesetz und Marktwirt­schaft fast fleckenfrei saniert: das Herz Deutschlands

Musik 3 Wolf verklingt nach etwa 1:25, dann

Autor:
Eine lebendige kleine Stadt, und mit einem großen historischen Fried­hof, der nach Vorschrift aller Ciceroni besichtigt sein muss: Graue Steine und schwarze Kreuze unter alten Bäumen, große Namen, Char­lotte von Stein, Johann Nepomuk Hummels Haupt mit goldenem Efeu bekränzt, die Fürstengruft und die Grabstätte der Familie Goethe, wo hinter Glas das reizende Abbild Almas ruht, der ganz jung verstorbenen Enkelin des Dichterfürsten. Alles Klassik, alles ruht, alles gut. Wenn der Reisende dann aber an der oft geflickten Mauer entlang ein paar Schritte abwärts geht, kann es zu einem kulturellen Zwischenfall kommen. Auf einem großen hellen Grabstein liest er:

O-Ton 1:
Kind (wie oben):
»Kinder die aus deutschen Städten
Diesen stillen Ort betreten
Sollen fleißig für ihn beten.« 

Autor:
Kinder? Städte? Beten? Das klingt nach Waisenhaus und Bahnhofsmis­sion, aber nicht nach Hochkultur.

O-Ton 1:
Kind 1: Johannes Daniel Falk, geboren den 28. Oktober 1768, gestorben 14. Feb­ruar achtzehnhundertund …

Autor:
Vielleicht übergeht unser Reisender die kleine Irritation. Vielleicht aber, und das wäre sein Glück, will ihm bei Fortsetzung des Stadt­rund­gangs der seltsam einfältige Ton und der kindlich-fromme Inhalt des Grabspruchs nicht aus dem Kopf, er wird neugierig, studiert den Stadtfüh­rer etwas genauer und – findet schließlich in den Altstadtgassen Weimars, einen Steinwurf entfernt von Herders Kirche, das kleinste Mu­seum Deutschlands, elf verwinkelte Quadratmeter zur Erinnerung an Johannes Daniel Falk, den satirischen Schriftsteller, Kindernarr und Stören­fried, Diplomat und Retter in bedrängter Zeit. Ein Schreibsekretär aus Ahornholz, eine weiße Büste, alte Bilder an den in altrosa und grün gehaltenen Wänden, Bücher und Broschüren, faksimilierte Urkunden und hinter Glas das Prunkstück: eine kostbare Vase, Geschenk Napoleons an Johannes Falk – alles liebevoll gestaltet und verwaltet von der Gesell­schaft der Freunde in der Not – Johannes Falk e. V. Diese Gesellschaft, so steht es in der Vereinssatzung, kümmert sich um bedürftige Kinder und Obdachlose – und um die Erforschung von Leben und Werk des Johan­nes Daniel Falk, der 1797 nach Weimar kam, weil er den deutschen Geist suchte, und der, als er die Stadt kannte, schrieb:

Sprecher 2:
»Vor Ärger sterbe ich in Weimar nicht; aber vor Ekel, wie er je­man­den befällt, wenn er zwischen den Äsern von toten Hunden und Kat­zen wandelt …«

Musik 2: Ysaye 5 die ersten 4 Sekunden (wie oben), dann 

Sprecher 1:
Zuallererst und am Anfang war Falk ein Mann des Worts, ein Schriftstel­ler, manchmal Dichter, lange Jahre sehr erfolgreich, aber frech war er, provokant wie ein junger Römer – Christoph Martin Wieland verglich ihn mit Horaz und Juvenal, er selbst hatte sich Lukian zum Vor­bild genommen. Aber bewegend ist nicht, was er wollte, sondern was er wurde und wie er es wurde: Manchmal gehen die Risse einer Epoche mitten durch eine einzelne Seele. Das ist zum Verrücktwerden, besonders in einer Zeit, in der bestritten wird, dass es eine Seele überhaupt gibt. Und so besetzte Falk eine Rolle, die in der deutschen Klassik gar nicht zu besetzen war: den Narren. Manchmal zog er, immerhin Legationsrat des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach, seine berühmte Niemands­mütze auf den Kopf, eine Art Narrenkappe. Dann spazierte er durch die Stadt und warf Zettel mit kleinen Gedichten unter das Volk.

Musik 4: Ysaye 5 bis 0:08, dann

Sprecher 1:
Er sah gut aus, blaue Augen, hohe Stirn unter dichter dunkelblonder Mähne, noble, freundliche Züge, schmale, leicht gebogene Nase: »der schönste unter den erdgeborenen Männern« nannte ihn Alexander von Humboldt und ließ ihn vorsichtshalber nicht in Kontakt zu seiner Frau kommen. Ein zeitgenössischer und nicht ganz neidfreier Literat schrieb:

Sprecher 3:
»Falks brillanteste Zeit fiel in die Jahre 1806 bis 1814, wo er ein öffent­liches für Stadt und Land ersprießliches Leben führte … und für eine der literarischen Notabilitäten Weimars gelten konnte. In dunkelblauem Frack und gleichen Pantalons, einem französischen Kommissär nicht unähnlich, mit schwarz befiedertem Dreimaster und goldner Agraffe, ein ostindisches Taschentuch vor dem Mund haltend, und mit schlausati­rischen Falkenaugen umherblickend, sah man den neuen Legationsrat stolz durch die Straßen wandeln, dreist und frei in die Zimmer seiner Gönner, Freunde und Bekannten treten …«

Sprecher 1:
Falks Geschichte zu erzählen, ist dringend notwendig, nachdem ihn die Literatur-Lexika gar nicht oder stiefmütterlich behandeln. Vielleicht nimmt man ihm Sätze wie diese übel, die er an einen Freund richtete:

Sprecher 2:
»Ich schreibe nicht gern und wenn ich schreibe, schreibe ich am lieb­sten mit Kindern von Kindern und für Kinder. Ja, Sie selbst, liebster Schulz, würden keinen Brief von mir erhalten, wenn nicht auch ein Kind in Ihnen säße … Also … muß ich um Geduld bitten, weil ich weißes Pa­pier mit schwarzen Buchstaben zu bemahlen für eine Sünde wider den Heiligen Geist halte …«

Sprecher 1:
Man könnte sagen: Das musste er so schreiben, denn er zeugte zehn Kin­der und hatte nie genug Geld, um sich ein abgelegenes Arbeits­zimmer in einem Gartenhaus zu leisten.

Musik 5: Ysaye 5 beginnt und läuft unter dem nachfolgenden Text weiter (etwa 2:20)

Sprecher 1:
Aber vorerst hören wir eine Violine spielen – und wir sehen den Kna­ben Falk, Sohn einer feurigen Calvinistin französischen Geblüts und eines ehrbaren, aber armen Perückenmachers in Danzig. Falk hat die Ge­schichte seiner Kindheit zu einem ziemlich wahrheitsgetreuen autobiogra­phi­schen Briefroman verarbeitet. Darin schildert der zwölfjäh­rige »Johannes von der Ostsee« einem älteren Vetter sein Leben:

Sprecherin 2:
Aus dem ersten Brief. 

Sprecher 2:
»Hochzuverehrender Herr Vetter!
Verzeihen mir mein Schreiben; danke für gütige Erlaubnis, und daß ortho­grafische Schnitzer darin, das kommt daher, weil mich mein Vater schon früh aus der Schul genommen, … kaum zehn Jahr alt, und mich zu sich in die Werkstatt getan, Künftiges Jahr … bin ich nun dreizehn Jahr und wachs alle Jahr ein Kopf höher, und wer mich sieht, freut sich daran, daß ich so groß bin – aber … was hilft mir, daß ich groß bin, da ich nicht studieren kann. – Wenn ich nun auch einer würde, nämlich ein Student … das wär meine Lust, aber mein Vater, der hat da kein Ohr dazu … Nun was hilft’s? Da heißt’s recht: Schick dich in die Zeit; bet und arbeit, und das übrige Gott befohlen. So sagt auch der Herr Pater Lambert zu Schwarz-München. Denn der Herr Vetter soll wissen, daß ich dort im­mer mit aufs Chor gehe und Musik mache, wenn große Meß ist, nämlich an der zweiten Violine … mein Großvater, Monsieur Chalion, der ein französischer Schweizer ist aus Genf und Französisch kann so perfekt wie Wasser, hat mir versprochen, wenn es erst so weit wäre, mir damit unter die Arm zu greifen. … Aber das Lateinische! Liebster Herr Vetter! Das Lateinische! … «

Sprecherin 2:
Zweiter Brief

Sprecher 2:
»Ach, Herr Vetter … sobald ich nur ein weltlich Buch in die Hand nehme, heißt es gleich, ob mich der Satan schon wieder. … Abends … wenn die andern im Haus und in der Werkstatt Vesper halten, schleich ich mich fort und geh und hol mir irgendein Buch aus Herrn Brückners Lesebibliothek. Aber wo lesen? das ist die Kunst!

Musik 5 endet

Da trete ich dann im Winter auf die hohen Beischläge am Fischertor, wo die Laternen brennen, und lese, bis mir das Gesicht braunrot wird und meine erfrornen Hände die Blätter … nicht mehr umschlagen kön­nen. … Nun, ich weiß, was ich tu; bis künftigen Sommer wart ich noch, und wenn es da nichts wird, so seh ich zu, daß ich ein Schiff kriege, und dann, liebster Herr Vetter, heißt’s: Auf und fort nach Batavia!«

Sprecherin 2:
Aus dem fünften Brief

Sprecher 2:
»Neulich … sah ich einen Schiffer, dessen Schiff segelfertig lag. … Da be­gab ich mich auf ihn zu … aber er ging fort und ließ mich stehen. … Und wie nun der Abend kam und ich so am Ufer des Meers mißmutig auf und ab ging und das hinwegeilende Schiff, mit seinen weißen Segeln … mit meinen Augen verfolgte …, ist mir … ein Lied eingefallen …

Vögelein,
Jahraus, jahrein,
Seh ich an der Ostsee kommen;
Keines hat mich mitgenommen
In ein fremdes Land hinein,
Vögelein, Vögelein!«

Sprecher 1:
Von der Kindersehnsucht nach Batavia blieb dem erwachsenen Johan­nes Falk ein ostindisches Schnupftuch, mit dem er sich später gern schmückte. Die Fahrt ging aber nicht hinaus auf hohe See, sondern ins Landesinnere. Mit Hilfe einsichtsvoller Lehrer hatte Falk seinem Vater die Erlaubnis zur Rückkehr auf die Schule abgetrotzt und dann dem ho­hen Rat der Stadt Danzig ein auskömmliches Stipendium zum Studieren. Die Bedingung war, dass er Theologe würde und so bald wie möglich als Pfarrer nach Danzig zurückkehrte. So umarmte also »der Herr Johan­nes«, wie er sich nannte, am 16. September 1791 noch einmal seine El­tern, stieg stolz in die Kutsche, winkte und fuhr davon. Nach Halle an der Saale ging die Fahrt. Seine Eltern hat er nie mehr wieder gesehen und auch Danzig nicht. Mit der Theologie hat er immerhin angefangen, aber Pfarrer ist er nicht geworden, er hat zeitlebens überhaupt keinen bürger­lichen Beruf gewollt. An seine Frau wird er später schreiben:

Sprecher 2:
»Wär’ ich nicht ein Tor, wenn ich mir die Hände binden ließe. … Ei­nen Titel nehme ich nicht an. Und Du, Caroline, bist Madam Falk, und damit gut.«

Sprecher 1:
Seine Frau wird ihre Zweifel, ob nicht nach gewöhnlicher Lesart der­jenige dumm ist, der ein festes Einkommen als Schande betrachtet, tapfer un­terdrücken. Sie wird antworten:

Sprecherin 1:
»… wenn Sie glauben, mit dem, was Sie mit Schriftstellerei verdienen auszukommen, nun gut. Sie haben es gewiss wohl überlegt …« 

Sprecher 1:
Im Jahr 1791 lebt die liebste Caroline zwar schon in seiner Nähe, als nied­liche Tochter einer Beamtenwitwe, aber sie weiß noch nichts von ihm. Falk seinerseits ist am Ziel seiner Kinderträume: Er darf studieren.

Musik 3: (Wolf 11) setzt kräftig ein (wie oben), läuft etwa 10 Sekunden allein und dann unaufdringlich unter dem folgenden Text weiter

Sprecher 1:
Halle ist ein Zentrum zugleich des Rationalismus, des Pietismus und der Musik. Prästabilierte Harmonie: Die Welt ist prall gefüllt mit Sinn und Form und Leben, nichts Unfruchtbares, nichts Totes im Universum, man trägt gepuderte Perücken, man ist scharfsinnig, aufgeklärt und opti­mistisch. Nur eins stört die gute Ordnung: Das Wetter. Es regnet ziemlich oft in Halle. Gleich am Tag nach seiner Ankunft begleitet Falk einen är­meren Kommilitonen zu dessen Kellerwohnung. Als sie die Tür öffnen, steht das Studentenzimmer unter Wasser. Die kostbaren Bücher!

Sprecher 2:
»Wie sehr erschrak ich, Freund, wie sehr!
Hier schwamm der Herrliche Homer
Dort segelte die Aeneide …
Gleich Noahs Arche hin und her.
Der Fluten Raub, schon halb versunken
Und auf dem Boden schon ertrunken
O Jammer! Lag Musarion
Jacobi Gleim Anakreon …«

Sprecher 1:
Vom ersten Tag seines neuen Lebens an verwandelt Falk alles, was er sieht, in Literatur. Das Schreiben geht ihm glatt und leicht von der Hand wie das Reden. Er reimt elegant und originell. In seinen satirischen Gedich­ten und Versepen herrscht ein belustigter, auf die Pointe berech­neter und manchmal ins Kabarettistische gehender Ton.

Sprecher 2:
»Erhabne Mutter unsrer Erde,
O Nichts, du Urquell alles Lichts,
Dir tönt mein Lied. Gott sprach: Es werde!
Da ward die ganze Welt aus Nichts …

Was füllt, wenn eine Schlacht verloren,
Den Auszug manches Hofberichts?
Was das Gehirn der Senatoren
In mancher deutschen Reichsstadt? – Nichts …

Musik 3 läuft ein paar Sekunden allein weiter und verklingt, dann

Sprecher 2:
Was bin ich selbst? – Ein Kind der Erde,
Der Schatten eines Traumgesichts,
Der halbe Weg von Gott zum Werde,
Ein Engel heut, und morgen – Nichts …«

Sprecher 1:
Nur einmal versiegt in den Hallenser Jahren für einige Tage die Schreibe­lust. Als Falk erlebt, wie die kleine Tochter seines Vermieters sterben muss, schämt er sich plötzlich und empfindet den Tod des Kindes als Rache Gottes für die Belanglosigkeit seiner Dichtungen. Einem Freund schreibt er:

Sprecher 2:
»Den egoistischen Afterphilosophen wünsche ich, nur ein einziges Mal am Sarge dieses verklärten Engels gestanden zu haben. Die Natur muss man am Sterbebett studieren.«

Sprecher 1:
Der Student Falk spürt schnell, dass die Universität nicht seine Welt ist – er fühlt sich als Dichter, wenn nicht als Genie. Mutig schickt er seine Erstlingswerke an Schiller, er reist nach Weimar zu Goethe und Wieland, Wieland lobt ihn und Weimar wird für ihn zum Zauberwort. Und er hat Erfolge. Im Neuen Teutschen Merkur vom 15. September 1796 konnte das intellektuelle Deutschland folgende Nachricht aus Halle lesen:

Sprecher 3:
»Dieser Tage hatte das Publikum eines der sonderbarsten Schauspiele. Herr Falk … veranstaltete die Aufführung einer von ihm selbst verfertig­ten, dramatisch-satyrischen Rhapsodie. Sie führte den Titel: die Uhu’s. Marionetten, eine Elle hoch und drüber, Uhu’s, Käuzlein, ausgestopfte Raben und Nachteulen machten das Personale aus …«

Sprecher 1:
Das Stück war eine Art frühdadaistisches Marionettenspiel, in dem sich Falk über den Literaturbetrieb seiner Zeit lustig machte, Immanuel Kant verspottete, die preußische Zensur angriff und einen großen Raben von der Bühne krächzen ließ:

Sprecher 3:
»Jauchzet den Despoten
Zu Ehren,
Welche uns mit Toten
Ernähren;
Und vom Schlechtfeld Leichen
Uns reichen …«

Sprecher 1:
Wenige Tage nach der Aufführung erhielt Falk einen anonymen Brief aus Berlin.

Sprecher 3:
»Mein Herr! Wenn der Rat eines Mannes, der den Hoff und die Welt nur zu sehr kennet, etwas über Sie vermag, … so entfernen Sie sich je eher je lieber aus Ihrem jetzigen Wohnordte, bis das furchtbare Ungewit­ter vorüber ist … Sollte Ihr Prozess … mit Exekution eingeleitet werden, so wäre vielleicht Festungsstrafe unausbleiblich. Es kostet nur einen Kabinetts­befehl und dieser ist vielleicht schon unterwegens …«

Sprecher 1:
Falk ging vorsichtshalber für einige Wochen außer Landes. Als er nach Halle zurückkehrte, schien alles nur eine Posse gewesen zu sein. Ein nicht ganz ernst gemeintes Theaterspiel war inzwischen auch aus seinem Studium geworden. Er brauchte es hauptsächlich noch, um das schöne Stipendium nicht zu gefährden. Einmal, er selbst ist schwer erkältet und hat zu allem Überfluss gehört, die Stadträte in Danzig wollten nicht mehr zahlen, schreibt er an seinen Vater:

Sprecher 2:
»Ich, der ich Tag und Nacht unablässig studiert, um meinem Vater­lande einmal Ehre zu machen, der ich hier ein einsiedlerisches Leben geführt … der ich vielleicht durch zu anhaltenden Fleiß einen Theil mei­ner Gesundheit eingebüßt, ich verliere mein Stipendium! Ja, ja! … Ich bin prädestiniert – zu verhungern!«

Sprecher 1:
Ob dem Vater die Tränen kamen, als er dies las? Ein Brief Falks aus die­sen Jahren, freilich nicht an die Eltern, sondern an einen Studien­freund, zeigt uns den armen Studenten auf Reisen in Berlin:

Sprecher 2:
»Ich lebe hier herrlich und in Freuden. … Heut im Bordell und mor­gen in der Charitee! denn das verhält sich zueinander wie antecedens und consequens – Freitag auf der Academie und Sonnabend im Irrhaus. Kurz, hier ist Leben die Fülle, und Stoff so viel, dass ich darüber die Form vergesse.«

Musik 6: Johann Nepomuk Hummel Trio für Pianoforte, Cello und Vio­line , F-Dur, Opus 22, 3. Satz, setzt hier ein und läuft unaufdringlich bis Sprecher 1: … zieht das junge Ehepaar um

Sprecher 1:
Man könnte denken, man habe in dem jungen Johannes Falk einen Hal­lo­dri vor sich, der den Märtyrer mimt. Wahrscheinlich war von bei­dem etwas in ihm, und vom Schauspieler obendrein. Die Narren­kappe, die er oft genug aufsetzte, verbarg einen frommen Ernst des Ge­müts, dem er in seinen jungen Jahren vielleicht selbst nicht ganz traute. Denn es war ein Gefühl, das ihn, hätte er es offenbart, in den Augen der herrschenden Vernunftlehre erst recht zum Verrückten gestempelt hätte: Falk, das zei­gen seine Briefe und Tagebücher, glaubte mit dem fraglosen Vertrauen eines Kindes an Gott. Und an die Liebe. – Ab 1796 vor allem an die Liebe zu Caroline Rosenfeld, 17 Jahre alt, ein Mädchen aus der Hallen­ser Nachbarschaft, von dem schon die Rede war.

Sprecher 2:
»Liebste Caroline, … abends wenn ich hingelehnt auf den Arm vor mei­nem kleinen qualmenden Lämpchen am Schreibpult dasitze: da treibt es mich manchmal, als säßest du mir mit deinem Strickzeuge vertraulich gegenüber, störtest mit deiner Stricknadel in deinen blonden Locken. … «

Sprecherin 1:
»Theuerster Falk, noch kann ich nicht zustimmen, das Sie in ein ver­trau­tes Du umzuwandeln … «

Sprecher 2:
»Wie bange und beklommen wird es mir ums Herz, wenn ich Sie in zwei Abenden nicht gesehen habe. Meine Stube ist mir so öde und ein­sam … «

Sprecherin 1:
»Theuerster Falk, über diese Auslegungen habe ich recht lachen müs­sen. Ich hätte Sie wohl sehen mögen, wie Sie vor Ihrem Schreibtisch geses­sen und das aufgeschrieben haben … «

Sprecher 2:
»Süße, ewig geliebte Caroline,
Ich bekomm einen Brief von Ihnen, ich les ihn, ich küß ihn und les ihn wieder … Da sitz ich Armer und zähle jeden Augenblick, bis ich einen Brief von Caroline verschlingen kann. … Aber nicht bloß die Kalt­blütig­keit und das Pflegma der Briefträger … in Deutschland haben meine Galle diesmal aufgereizt: nein auch ihre liebe Mutter … hat es mit auf ihrem Gewissen. Zwey Jahre, zwey ewig lange unendlich lange Jahre … sagt sie …«

Sprecher 1:
Monatelang schreibt Johannes Falk Briefe, macht Besuche, schmollt, ver­sucht die Geliebte eifersüchtig zu machen, verreist, kehrt zurück, drängt, aber die alleinerziehende Mutter ist unerbittlich. Zwei Jahre Warte­zeit fordert sie, auf Anraten eines welterfahrenen Verwandten, der genau weiß, wie mit der Werbung eines jungen Dichters zu verfahren sei …

Sprecher 3:
»Dass er des Hofrath Wielands Freund ist, ist zwar ein gutes Zeichen – ist er aber ein Freund des empfindsamen, schwärmerischen Goethe in Weimar, dann sage ich Dir aufrichtig: Ich gäb ihm meine Tochter nicht. Das ist Romanen Empfindeley und Winseley an den Mond … Auf dieser Welt heißts: Brot geschafft! … Und – liebt sie ihn denn?«

Sprecher 1:
Liebte sie ihn? Ihre Mutter jedenfalls wurde schwach, plötzlich und so unerwartet, dass Falk auf einmal – die ganze Heiraterei suspekt findet:

Sprecher 2:
»Glaube mir süße Caroline, es kommt mir ganz schnurrig vor, daß ich heirate. – Ich bin nun mal so ein erznarrisches Wesen … ich glaube wenn ich 70 Jahre alt wäre, und eine solche Thorheit begänge als dann noch zu hei­rathen, ich könte mich nicht ärger schämen, als jetzt …«

Sprecher 1:
Und doch: Am 17. September 1797 um 17 Uhr wurden Johannes Falk und Caroline Rosenfeld »nach dreymaliger Proklamation« in der Domge­meinde zu Halle getraut. Wenige Wochen später zieht das junge Ehepaar um.

Musik 6, die bis zum Ende gespielt wird, endet. Gleich anschließend:

O-Ton 3: Getümmel einer Menschenmenge vor dem Hotel Elefant aus dem Film Lotte in Weimar, 32.55–33:15. Man hört eine Aufsichtsperson die Neugierigen zurückdrängen mit Sätzen wie: »Zurück bitte«, »Lasst doch den Mister durch!«, »Was sollen denn die Ausländer von uns denken!« – alles in leicht sächsich-thüringischer Dialektfärbung.

Sprecher 1:
Weimar, Juni 1804. Auf dem Marktplatz versperren Schaulustige den Eingang zum Hotel Elefant. Der Versuch, sie abzudrängen, ist erfolglos. Das große Interesse gilt einem Puppenspiel. Die Blicke der Neugierigen sind auf die Fenster der Wohnung eines Weimarer Bürgers gerichtet.

Sprecherin 2:
»Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel, ein ganz neues Schick­sals-stück, vorweg mit einem Kuhreigen, drei Chören und ein paar Schweinerüs­seln, von Johannes Daniel Falk.«

Sprecher 1:
Es ist die Wohnung der Familie Falk, zu der das Volk aufschaut. Falk ist in Weimar gut angekommen. Er wohnt am Markt, in Sichtweite zum Schloss. 200 Schritte zu Herder, 100 Schritte zu Goethe, 100 zu Schiller, 20 zu Jean Paul und 10 zum Hotel Elefant, wo auch damals schon die Prinzen logierten, die des Geistes, des Geldes und der hohen Geburt. Für einen jungen Dichter das reine Elysium. Allerdings ein bisschen eng. Die durchweg postadoleszenten Herren der ortsfesten Klassik halten zwar gebührenden Abstand vom Neuankömmling Falk, schätzen ihn aber als belebendes Element. Besonders lieben sie seine niedliche Caroline. Die ist so klein, dass sie eine dicke Bibel unterlegt, wenn sie Abends am Küchen­tisch ihre Briefe an Mutter oder Großmutter schreibt:

Sprecherin 1:
»Lauter Fleuretten sagt man mir hier, ›Lieber Engel‹ und ›Holdes Weib­chen‹ nennt mich der alte Wieland und hat schon gedroht, wenn die Bü­sche wieder grün sind, will er amour mit mir machen … einmal brachte er sogar Champagner mit … und es stieg uns zu Kopfe, und wir tanzten und walzten, dass der alte Wieland sich fast totgelacht hätte.«

Sprecher 1:
Im Sommer mietet sich Falk mit Frau und Kindern gern in Landhäu­sern ein, auf dem Ettersberg über der Stadt. Eine aufblühende Familie unter Kirschbäumen.

Sprecherin 1:
»Die kleinen Äffgens wachsen heran wie die Kohlköpfe bei Regen. … Nur manchmal … möchte man verzagen Kinder zu haben, wenn man die Ungewitter ansieht, die … über unser armes Vaterland heraufziehen.«

Sprecher 1:
Falk verdient mit dem Schreiben gute tausend Reichstaler im Jahr, da­von konnte sich die Familie eine Köchin leisten, ein Kindermädchen, bald auch eine Kutsche – und die für das gesellschaftliche Ansehen so wichtigen Teegesellschaften.

Sprecherin 1:
»… zwar nicht bloß Theegesellschaft sondern auch zum Abend…Da hatte ich dann nun meine Schockoladensuppe, und einen Kälberbraten, dazu geschmorte Äpfel und … Salat machen lassen und dann Butter und Äpfel auf den Tisch gegeben …«

Sprecher 1:
Und Falk? Ein guter Mensch, sagt seine Frau. Das ist, womöglich, schon etwas. Aber merkwürdig ist er auch. Wenn ihm ein Gedanke kommt, muss er ihn gleich loswerden, selbst mitten in der Nacht … 

Sprecherin 1:
»er steht sodann auf, er singt, er macht Verse und närrisch genug, wenn übel Wetter ist und das gute eintritt: so fühlt er die Sonne um Mitter­nacht.«

Musik 2: Ysaye 5 die ersten 4 Sekunden, dann

Sprecher 1:
Um sieben Uhr morgens kommt der Barbier, um acht sitzt Falk am Schreibtisch. Ein Handbuch des Scherzes und der Satire gibt er heraus. Er schreibt Gedichte und Theaterstücke, sein Amphitruon wird Heinrich von Kleist als Vorlage dienen. Seine scharfzüngigen Polemiken ver­meh­ren seinen Ruhm in den Amtsstuben von Polizei und Zensur.

Musik 2: Ysaye 5 die ersten 4 Sekunden, dann

Sprecher 1:
Bei einem Besuch in Berlin hatte Falk die Hinterhöfe des ruhmreichen Preußens gesehen: Bordelle, Irrenhäuser, Schlachthöfe, die Charité. 1799 er­schien ein satirisches Alphabet mit dem Titel Denkwürdigkeiten der Berliner Charité. Unter F wie Frösche heißt es:

Sprecher 2:
»Sie quakten im Gesundheitsbad
Der Charité dies Jahr gar sehr,
Und Stuten tranken Chocolat
In der Ecole vétèrinaire.«

Sprecher 1:
Als Fußnote dazu vermerkt Falk:

Sprecher 2:
»Das sogenannte warme Bad der Charité hat keinen Abzug … so dass das Wasser … oft morastig wird … Zu eben der Zeit, wo man in der Vieharz­neyschule zu Berlin künstliche Dampfbäder und eine kostbare Elektrisiermaschine für chronische Pferde anschaffte: badeten sich … die Patienten der Charité unter Fröschen … Während man … für kranke Stuten Chocolate zur Stärkung zubereitete …, mussten sich hier die Ster­benden mit Essig behelfen, und die armen Wöchnerinnen mit den klei­nen an­gehenden Weltenbürgern in enge und schmutzige Kinderstuben ohne Fenstervorhänge eingesperrt und den brennenden Strahlen des Mittages ausgesetzt … «

Sprecher 1:
Zurück zur Prinzessin mit dem Schweinerüssel. Das Puppenstück han­delt von der Liebe des Prinzen von Kaschmir zur Prinzessin von Samar­kand. Die Prinzessin ist hochnäsig und wenig gesonnen, die Liebe zu erwid­ern. Das beleidigt den Vater des Prinzen so, dass er Krieg mit dem Vater der Prinzessin anfängt. Die Könige prügeln sich natürlich nicht persönlich, sondern vertreten durch ihre Völker. Auf den Einwand seines Seneschalls, es sei kein Geld in der Kasse, antwortet der König von Sa­mar­kand:

Sprecher 3:
»Schlimm – aber verlieren wir nicht die Fassung …
Ja unerbittlich setzt das Fatum
Jedwedem Erdenglück sein Datum;
Jetzt geh ich in mein Kabinett
Und leg ein wenig mich zu Bett;
Denn alldieweil und sintemal,
Mein lieber getreuer Seneschall,
Der Staat verwickelt in große Gefahren,
So soll, wie unsre erlauchten Vorfahren,
Uns auch an jetzt der Krieg nicht erschrecken:
Ist die Schlacht vorbei, so könnt ihr mich wecken.«

Sprecher 1:
Es war nicht nur die Darstellung des dekadenten und zynischen Le­bens in den Palästen, die das Volk auf dem Markt belustigte. Immerhin hat man in Residenzstädten Erfahrungen mit Prinzen, die sich wie Rüssel­tiere benehmen. Das Stück enthielt Persiflagen auf Goethe und Schiller und spielte in einem Epilog auf die Zechprellereien einer Schau­s­pieltruppe an, die damals das Theater bespielte. Kurzum: Der Schauspiel­direktor Goethe war indigniert. Die öffentliche Aufführung des Puppenspiels wurde verboten, doch Falk ließ sich dadurch weder läutern noch schrecken. Kühn unterlief er das Verbot, indem er das Stück zu Hause aufführte, am Fenster seines Wohnzimmers, zur Freude des Volks.

O-Ton 4: Getümmel auf dem Markt in Weimar aus dem Film Lotte in Wei­mar (ähnlich wie oben) »Zurück bitte, zurück!« 25:19–25:30

Sprecher 1:
Aber das waren Kleinstadt-Happenings gegen das, was sich in der gro­ßen Politik zusammenbraute. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen war seit 1803 aufgelöst. Napoleon und mit ihm das neue, das maschinelle Zeitalter strebte nach Osten. 1806 marschierte die französi­sche Armee in Thüringen auf. Preußen zögerte, sich ihr entgegen zu wer­fen. Falk, dessen frühere Satiren einen pazifistischen Klang hatten, druckte im September 1806 antifranzösische Artikel und Gedichte in seiner Zeitschrift Elysium und der Tartarus:

Sprecher 2:
»Frankreich zittre den Posaunentönen,
Frankreich fürchte den Vergeltungstag.
Deutsches Blut und deutscher Ruhm versöhnen,
Deutsches Blut wird rächen Deutschlands Schmach.«

Sprecher 1:
Die Weimarer Regierung hatte Angst, Napoleon zu reizen. Goethe er­klärte, Falk sei ein Narr und man solle ihn am besten wegstecken. Seine Zeitschrift jedenfalls wurde verboten. Aber das half natürlich nicht. Am 13. Oktober 1806 schlug Napoleon die Koalitionstruppen bei Jena.

O-Ton 5: Kriegsgeräusch aus dem Film Die Braut ca. 40 Sekunden unter dem folgen­den Text. Man hört Schüsse, Schreie (»Die Franzosen kommen!«), Pferdegetrap­pel, die Marseillaise.

Sprecher 1:
Am Abend des 14. Oktober war der Krieg in Weimar.

Sprecherin 1:
»… das Kanonenfeuer ging unaufhörlich, so dass uns in unserem Hause die Kanonenkugeln um die Köpfe pfiffen. Franzosen stürmen auf den Markt, plündern den Kaufmannsladen …«

Sprecher 2:
»Ich hörte diese Mordbrenner ihr gräßliches Lied anstimmen:

Lasst uns essen,
Lasst uns trinken!
Lasst uns vögeln, lasst uns plündern!
Werft den Brand in jedes Haus.
Wir sind 50, ja fünfhundert!
Bürger, Bauern, Hundesöhne,
Macht die Türen endlich auf!«

Sprecher 1:
Die ehrbaren Bürger flüchteten sich ins Schloss oder auf die Dächer und Abtritte. Ihre Häuser, oft auch ihre Frauen, ließen sie im Stich. Einer der wenigen, die keine Angst hatten, war Falk. An Maskeraden gewöhnt und des Französischen durch seine Mutter einigermaßen mächtig, steckte er sich in der Schreckensnacht des 14. Oktober 1806 eine blau-weiß-rote Kokarde ans Revers, pflanzte sich vor seinem Haus auf und erklärte den fran­zösischen Soldaten, er sei der Kommandant.

O-Ton 5 ist zu Beginn des vorigen Textes von Sprecher 1, spätestens aber hier, ausge­laufen

Sprecher 1:
»Er besänftigte sie, indem er mit ihnen redete und ihnen Brot, Wein und Geld verschaffte. Die Stadt blieb vom Schlimmsten verschont. Am nächsten Tag kam der wirkliche Kommandant der französischen Armee nach Weimar. Statt Falk für seine Amtsanmaßung zu bestrafen, stellte er ihn als Dolmetscher an.«

Sprecherin 1:
»Weimar, den 15. Dezember 1806
Ich bin seit drei Wochen Strohwitwe auf die sonderbarste Art von der Welt. Falk ist nun Secretaire Interprète de l’Intendance du premier Arrondis­sement de la Saxa bey den Intendanten zu Naumburg geworden … Man sieht wohl, daß wir im Kriege leben. Denn daß mein Mann, der stets in der Stube hinter seinem poetischen Schreibtisch gesessen hat, jetzt anfängt Staatsgeschäfte zu besorgen, ist wohl die Folge einer Revolu­tion. … «

Sprecher 1:
Johannes Falk erwies sich als ein guter und ein listiger Diener Deutsch­lands. Er überredete die französischen Militärs, das kleine Thürin­gen zu schonen. Der Weimarer Regierung empfahl er, die stolzen französischen Generäle durch lobende Zeitungsartikel milde zu stimmen.

Sprecherin 1:
»Man erkennt dies auch sehr lebhaft hier in Weimar und Falk genießt der ausgezeichneten Achtung des Herzogs und der Herzogin. Zu Zeichen des­sen Gnade und Huld ernannte er meinen Mann am 24ten Februar 1807 zum Legationsrath im Department der auswertigen Angelegenhei­ten nebst einem kleinen Gehalt.«

Sprecher 1:
Falk war innerhalb weniger Wochen vom gefährlichen Satiriker zum Legationsrat im Auswärtigen Dienst aufgestiegen. Das nennt man wohl: Der Staat hat einen Narren gefressen.

Musik 7: Johann Nepomuk Hummel, Konzert für Klavier, Violine und Orchester, Opus 17, 2. Satz, Andante con moto, setzt mit dem Klaviersolo ein

Sprecher 1:
Er reiste nun viel und schrieb nur noch das Nötige, Depeschen und Briefe statt Gedichte und Puppenspiele. Goethe hatte seine Meinung über ihn geändert. Falk war jetzt oft bei ihm zu Gast, so auch im Sommer 1809,

Sprecher 2:
»wo ich Goethe nachmittags besuchte … Später kam seine Frau dazu. Er saß vor einem kleinen Gartentische; vor ihm auf demselben stand ein langgehalstes Zuckerglas, worin sich eine kleine lebendige Schlange mun­ter bewegte, die er mit einem Federkiele fütterte und sagte

Sprecher 3:
Die herrlich verständigen Augen! Mit diesem Kopfe ist freilich man­ches unterwegs! Mein lieber Falk, der Mensch, sage ich, ist das erste Ge­spräch, das die Natur mit Gott hält. Doch wer unter uns wäre so kühn, daß er Grenzstreitigkeiten mit der Natur anzetteln möchte. Und wo Du das Genie erblickst, erblickst Du unfehlbar auch die Märtyrerkrone. Und doch habe ich vor drei Jahren geheiratet und mich ganz himmlisch mit der Vulpius eingerichtet. Das trennt mich denn doch von allen empfindsa­men Hypochondern. Man muß doch wohl, wo die betrügliche Welt unter unseren Füßen wankt, sich immer fest an den Himmel halten und unserer Wege sodann so gewiß sein wie der Vogel des seinigen nach Memphis und nach Kairo.«

Sprecher 2:
Neben dem Glase mit der Schlange lagen einige Cocons von eingesponne­nen Raupen und … indem er sie … in die Hand nahm und an sein Ohr hielt

Sprecher 3:
»wie das klopft, wie das hüpft und ins Leben hinauswill! Wundervoll möchte ich sie nennen, diese Übergänge der Natur … « 

Sprecherin 2:
»Aber wie möchte ich nur dieses garstige Ding, diese Schlange um mich leiden und es gar noch mit eignen Händen großfüttern? Mir graut jedesmal, wenn ich es nur ansehe … «

Sprecher 3:
»Schweig du, Christiane, ja wenn die Schlange dir nur den Gefallen er­zeugte, sich einzuspinnen und ein schöner Sommervogel zu werden … Aber, liebes Kind, wir können nicht alle Sommervögel sein. Arme Schlange, sie vernachlässigen dich, schweigsames Ding.«

Sprecher 2:
Während dieser angenehmen Unterhaltung war der Abend herbeigekom­men und wir gingen herauf in die Wohnzimmer. Späterhin standen wir an einem Fenster. Der Himmel war mit Sternen besät.

Musik 7 klingt bei etwa 4:00 mit einem Orchesterakkord aus.  

Sprecher 1:
Unterdessen steuerte Europa auf die nächsten großen Schlachten zu. 1813 – zwei Mal stand Napoleon in diesem Jahr gegen den Rest Europas, im Frühjahr bei Lützen, im Herbst bei Leipzig. Beide Male war Thürin­gen Aufmarsch-, Rückzugs- und Proviantgebiet. In der Biografie eines preußischen Generalfeldmarschalls heißt es über das Jahr der Völker­schlacht:

Sprecher 4:
»Welche Gefühle weckst du, großes Jahr der Erhebung! Wie andäch­tig und von heiligen Schauern durchbebt lauscht der Jüngling, wenn er zum ersten Male die Kunde von des Vaterlandes … glorreichen Wiederbefrei­ung vernimmt!«

Sprecher 1:
Diese aufgeschäumte Gefühlswelt war jetzt nicht mehr die Gefühlswelt des Johannes Daniel Falk. Die schrecklich jungen Krieger, die er auf sei­nen Reisen sah, hatten andere Gesichter:

Musik 8: beginnt und läuft unter dem Text weiter

Sprecher 1:
Gequält und blass, verdreckt, verwildert, verstümmelt, von Scharlach und Durchfällen entkräftet, von Krätze und Syphilis angefressen.

Sprecher 2:
»Die Verstümmelten … lagen … auf den Straßen umher … auf dem Markt … vor dem Hoffmannschen Buchladen … Vor dem Frauentor wurden die zerschossenen Finger gleichsam scheffelweise abgeschnitten.«

Sprecher 1:
Im April 1813, während Caroline Falk zum siebten Male guter Hoff­nung ist und zugleich ihre Plagen hat, das 9 Monate alte Söhnlein Ro­derich abzustillen:

Sprecherin 1:
»Doch wird mir nichts so schwer als das Entwöhnen eines Kindes. Es ist mir jedesmal, als würde es mir ganz entrissen …«

Sprecher 1:
ist Falk in den Dörfern zwischen Weimar und Jena unterwegs, wo die Soldaten wüten.

Sprecher 2:
»Kein Tag verging ohne blutigen Mord. Wo die Flammen eines … Bi­waks den Horizont röten, da wärmt man sich an den Dörfern, an den Mühlen, Häusern, Scheunen, Dächern, Treppen, wie wenn es gewöhnli­che Brennmaterialien wären. In vierundzwanzig Stunden sind, wo ein solches Lager steht, die Felder kahl, die Wohnungen öde, die Einwohner ohne Brot … Achtzig Ochsen zum Frühstück und Nachtessen gegen Eintau­schung eines Stücks Papier von einem kaiserlichen Kommissarius. … Kleines Vieh, Schweine, Ziegen, alles das wird gleich auf dem Mist erstochen.«

Sprecher 1:
Falk versucht, wie sieben Jahre vorher in der Stadt, die Soldaten vom Plündern abzuhalten, indem er ihnen feste Rationen zusagt. Das gelingt nicht immer.

Sprecher 2:
»Alle Schränke wurden aufgebrochen, die vorrätigen Brote weggenom­men, die Mehlsäcke auf die Wagen gepackt … Ein in der Mitte der Seinigen blutig geschlagener Familienvater, an der Spitze seiner Kin­der, welche Soldaten mit blankem Gewehr vor sich daher trieben und die selbst die ihnen von den Barbaren geraubten Brote in aller Geduld tragen mussten … die verzweifelnde Mutter weinend dahinter.«

Sprecher 1:
Solche Bilder sind es, die Falk vor Augen hat, als er im Frühling 1813 zusammen mit dem Stiftsprediger Karl-Friedrich Horn die Gesellschaft der Freunde in der Not gründet. Der Verein, so hatten sich Falk und Horn das ausgedacht, sollte Geld sammeln und Saatgut kaufen, um den Bauern wieder aufzuhelfen. Und vor allem quälte Falk der Anblick der durch den Krieg ins Elend gezwungenen Kinder. Sie streunten durch die Städte und Dörfer wie heute die Straßenkinder in Petersburg oder Bogotá. Die Akten der Magistrate und Pfarrämter dieser Zeit lesen sich wie düstere Lita­neien:

Sprecherin 2:
»Anna Elisabetha Bergmann, … starrend von Krätze, verkümmert, sieg und elend, glich … mehr einem Kruzifix als einem Menschen. Niemand wollte sie, selbst für Geld, nicht anfassen, waschen und reinigen …
Carl Gottlob Bier … in seinem elften Jahre in dem Kriege gegen Ruß­land mit dahin gelaufen und nach mitgemachten Rückzug von Moskau, aus Caen in der Normandie … hierher gekommen …
der vaterlose Heinrich Eichmann ein höchst verwilderter und noch im 12. Jahre des Buchstabenlesens unkundig gebliebener Knabe …
Johann Christian Günther … wegen eines an einem Blinden verübten Straßenraubes aus dem Schuhmacher-Handwerk gestoßen …
Johann Christian Schulze, welcher aus hiesigem Arbeitshaus entlaufen war …
Martin Schöning … schon im zarten Alter mit den schauderhaftesten Ausschweifungen vertraut gewesener Knabe von vier Jahren.«

Musik 8 ist spätestens ausgelaufen

Sprecher 1:
Diesen Kindern wollte Falk ein Dach überm Kopf geben, Essen, eine Berufsausbildung und religiösen Unterricht. Das war der Plan. Die staatli­chen Waisenhäuser hatten zu wenig Plätze. Uneheliche und landes­fremde Waisen nahmen sie gar nicht erst auf. Und die sie aufnahmen, wurden oft als billige Arbeitskräfte missbraucht. Falk wollte allen Kindern helfen. Das war mehr als er konnte.

Musik 9: (die ersten 7 Sekunden), danach

Sprecher 1:
Am 7. Mai 1813, ungefähr zur selben Zeit, als Falk mit Horn seine Pläne schmiedete, erschien im Weimarer Wochenblatt die folgende kleine An­zeige

Sprecherin 2:
»Den 5. May des Herzoglich Weimarischen Legationsrathes Herrn Johan­nes Daniel Falk jüngstes Söhnlein Edmund Roderich alt 9 Monate 25 Tage starb an Krämpfen.«

Sprecherin 1:
»Zuweilen … kann ich Ausbrüche von lautem Schmerz nicht dämp­fen, und nur der Gedanke, daß ich vielleicht einem zweiten Geschöpf den Tod dadurch zuziehe, reißt mich gewaltsam wieder heraus. Überhaupt ist in meinem Wesen eine Gleichgültigkeit entstanden, eine todten Kälte gegen alles, was Welt heißt daß ich … es nicht beschreiben kann.«

Sprecher 1:
Die Gesellschaft der Freunde in der Not nahm ihre Arbeit auf. Von An­fang an war es mühselige und kleinteilige Arbeit. Für jedes Kind, das in eine Lehre vermittelt werden sollte, musste das Lehrgeld gesammelt werden, Taler für Taler. Falk schrieb Bettelbriefe an die Stadtbürger und an den Hof. Er wollte die Kriminaljustiz um möglichst viele künftige Delin­quenten betrügen. Er rechnete so:

Sprecher 2:
»Brot, Wasser, Schande und Prügel für einen Knaben im Zuchthaus kosten jährlich 52 Taler, 16 Groschen und 6 Pfennige. Brot, Fleisch, Ehre, Bibel, Christentum und Arbeit in einer ehrsamen Werkstatt kosten ein für allemal 25 Taler.«

Sprecher 1:
Einige der Angebettelten waren großzügig, andere zugeknöpft. Gespen­det wurde nach Gutsherrenart, bestenfalls. Auch Goethe wurde Mitglied der Gesellschaft – fünf Jahre nach ihrer Gründung und bei Zah­lung des auf arme Leute zugeschnittenen Mindestbeitrags von 11 Gro­schen im Monat.

Musik 9, danach

Sprecher 1:
Indessen hatte Falk sich um seine traurige Frau und seine Kinder zu küm­mern. Im Juli 1813 fuhr er zur Sommerfrische mit vier der verbliebe­nen Kinder. Caroline, hochschwanger, blieb mit der Tochter Angelika zu Hause.

Sprecher 2:
»Liebste Seele! Wir sind unberegnet und trocken gestern in Ettersburg angekommen. Guido hat sich in meinen Schoß gestreckt und den ganzen Weg geschlafen. … Bey Stichlings … liegt das Älteste am Scharlachfieber. … Nimm also Angelika in Acht … die Seuche rast noch in einem fort. Halte dich frisch und wohl. Ewig dein treuer Freund …«

Sprecher 1:
Ende August kam Cäcilie zur Welt, das siebte Kind. Im September musste Falk wieder verreisen. Am 6. Oktober schrieb ihm Caroline, er solle bald kommen, Angelika sei an Scharlach erkrankt. Zum Glück er­holte sie sich bald. Aber am Samstag, dem 9. Oktober – Falk ist noch immer nicht zurück – entdeckt Caroline plötzlich winzige rote Flecken an Ge­sicht und Händen der kleinen Cäcilie. Sie deckt den Säugling zu und eine Stunde später schaut sie nach.

Sprecherin 1:
»… Caecilie … Diese nahm mir Gott nach 8wöchentlicher Pflege, Sonn­abend den 9ten Oktober, Nachmittag 3 Uhr, indem ich sie todt im Bettchen fand … Gott sei dem verklärten … Engel gnädig.«

Sprecher 1:
Fünf Tage später abends gegen 19 Uhr ist Falk wieder in Weimar. Er hat keine Zeit, mit seiner Frau über den Tod Cäcilies zu weinen. Denn nun liegt Eugenie im Fieber. Ob die fast Sechsjährige den Vater noch erkannt hat, weiß man nicht.

Sprecherin 1:
»Es war am 14ten Oktober Abends 8 Uhr als sie seelig entschlief. Den Sonnabend … ward sie beerdigt. Es war ein Sturm, dass fast kein Mensch sich auf der Erde festhalten konnte …«

Sprecher 1:
Nach abermals zwei Wochen erkrankt Guido, der Dreijährige.

Sprecherin 1:
»6 Tage war er gesund wie ein Fisch, spielte und lachte den ganzen Tag, am siebenten in der Nacht fing er an zu phantasieren, dies wurde immer heftiger und am Morgen, nachdem … mein Mann zu ihm hinauf­ging, starb der Engel an Krämpfen in den Händen seines Vaters. Früh 8 Uhr den 3ten November. Gott! Gütiger Gott und Vater! … Mein Herz erträgt es kaum mehr!! Amen.«

Sprecher 1:
Nachdem Falk in wenigen Monaten vier seiner eigenen Kinder zu Grabe getragen hatte, wurde er selbst krank. Ein Nervenfieber, sagten die Ärzte. Falk verlor das Bewusstsein, wurde von Krämpfen geschüttelt und phantasierte.

Musik 9, danac

Sprecher 1:
Er kämpfte gegen den Tod – und siegte. Er verstand diesen Sieg als ei­nen Fingerzeig Gottes. Jahre später schrieb er:

Sprecher 2:
»Ich war ein Lump mit tausend andern Lumpen in der deutschen Litera­tur, die dachten, wenn sie nur an ihrem Schreibtisch säßen, so sei der Welt geholfen. Es war noch eine große Gnade Gottes, dass er, statt wie die andern mich zu Schreibpapier zu verarbeiten, mich als Verband benutzte und in die offenen Wunden der Zeit legte.«

Sprecher 1:
Die Gesellschaft der Freunde in der Not, die im Wesentlichen aus Johannes und Caroline Falk bestand, trat nach dem Tod der vier Kinder immer entschlossener, wirksamer und sichtbarer auf. Falks Wohnhaus wurde nun zugleich ein Heim für entlaufene Kinder. Der Grundsatz lautete: Jeder der anklopft wird aufgenommen, keiner, der fliehen will, wird festge­halten. Alle bekommen zu essen, saubere Kleidung, Arbeit und Unterricht.

Musik 4, danach

Sprecher 1:
Wir sehen Falk in diesen Jahren von Pontius zu Pilatus laufen, das erwor­bene und das ererbte Vermögen stückweise aufbrauchen, alte Manu­skripte, die Kutsche und den Schmuck seiner Frau verhökern, drei­ßig, vierzig Kinder im Haushalt, immer wieder ansteckende Krankheiten, mit Prozessen überzogen von Vermietern, Lieferanten, die er nicht bezah­len kann, sich um ein paar Taler für Krätzesalbe mit dem Apothe­ker streiten, aus dem Haus an der Esplanade vertrieben in eine alte, herunter­gekommene Fabrik, wir sehen, wie er diese Not zur Tugend macht, indem er die Renovierung und den Wiederaufbau des Hauses zum Jugendprojekt ausruft. Auch die quälenden Auseinandersetzungen mit Behörden, die ihm die staatliche Beihilfe streichen, mit der Begrün­dung, er dürfe nur Landeskinder aufnehmen. Und die empfindsamen Träger der Hochkultur rümpfen die Nase wie Johanna Schopenhauer:

Sprecherin 2:
»Jetzt bemüht er sich gewaltig mit der künftigen Generation, er hat 52 Jungens zusammen getrieben, die mit Teufels Gewalt Genies und fromm dazu werden sollen … Ich behaupte er hat sich die Jungens als Zuhörer erwählt weil ihm sonst niemand mehr Rede steht und schwatzen muss er doch.«

Sprecher 2:
»Vor Ärger sterbe ich in Weimar nicht; aber vor Ekel, wie er jeman­den befällt, wenn er zwischen den Äsern von toten Hunden und Katzen wandelt. … O mein Gott, gib mir Geduld! Indessen schikaniert mich die Polizei … wegen ein bißchen Dreck, den die Jungen aus dem Fenster werfen …«

Sprecher 1:
Alltag eines Kinderheims in der Nähe von 1 A-Wohnlagen. Für die Mäd­chen richtet Falk eine Spinnerei ein. Er organisiert Wohltätigkeits­basare, aber nicht immer danken die Zöglinge ihm seine Mühen. Man­che bestehlen ihn und lügen ihm ins Gesicht. Immerhin schweigt der Künstler Falk auch in diesen Jahren nicht ganz. Er schreibt religiöse Unter­weisungen für die Sonntagsschule, in denen er ein großherziges, liebevolles, von allem konfessionellen Streit befreites Christentum pre­digte.

Sprecher 2:
»Lass fahren diesen Wahnbegriff eines allein seligmachenden Glau­bens, welcher der Menschheit Ströme von Blut gekostet hat. Nicht was wir geglaubt, sondern was wir geliebt und was wir gelebt haben, dies al­lein, dies wird uns richten … «

Sprecher 1:
Falk vertrieb seine pädagogischen Schriften in ganz Europa. Und er schrieb Gedichte und Lieder, von denen eines wahrscheinlich das popu­lärste Lied der gesamten Weimarer Klassik wurde: Das Allerdreifaltigkeits­lied, das wir heute nur noch als Weihnachtslied »O du fröhliche« kennen. Außerdem führte er insgeheim ein Tagebuch. Wer darin blättert, der spürt, dass Falk sich dieses dienstbare Leben abverlangt hat, manchmal denkt man: als Strafe für irgendein tiefes Ungenügen, das er sich selbst gegenüber empfand.

Musik 10 (Ysaye die ersten zehn Sekunden), danach

Sprecher 1:
Bei all dem entsteht ein großes Werk: das Falksche Institut, wie es bald heißt, das Nachahmer überall in Deutschland findet. In Erfurt, Berlin, Düsseldorf, dann Hamburg, wo Johann Heinrich Wichern das Raue Haus nach Falks Prinzipien aufbaut und so den Grundstein für die Innere Mission der Evangelischen Kirchen legt. Unterdessen wird Falk noch drei Mal Vater und doch reißt das familiäre Unglück nicht ab. 1819 stirbt sein achtzehnjähriger Sohn Eduard, zwei Jahre später Angelika, die er viel­leicht am meisten geliebt hat. Das alles ist eigentlich nicht zu ertragen, es sei denn man versucht in die Hieroglyphen des Schmerzes einen Sinn hineinzulesen. 1822 schreibt Falk an seinen Hallenser Griechisch-Profes­sor:

Sprecher 2:
»Ich stehe einmal zwischen den große Totenkanzeln, Lützen, Leipzig und Jena … Umher auf den kalten Steinen sitzen die Kinder von Vätern, die in Rußland erfroren, in Spanien verbrannt und in Tirol gesteinigt wurden, und hören zu. Dazwischen muß ich nun meine eigenen Kinder begraben lassen, und aus diesem ungewissen Zwielicht, mit blutigen Streif­lichtern der Zukunft untermischt, steigt der neue Bau im Vertrauen auf Gott empor … So geziemt es … der Würdigkeit des Deutschen, der das Herz von ganz Europa darstellt.«

Musik 11: ( die ersten 7 Sekunden), dann weiter

Sprecher 1:
Im Herbst 1825 beging der Großherzog sein 50jähriges Regierungsjubi­läum. Die Stadt feierte mit. Falk hat oft berechnet, wie viele Kinder er von dem Geld hätte speisen und einkleiden können, das für die Fackeln und Feuerwerke einer einzigen Prunknacht aufgewandt wurde. Aber anstatt zu rebellieren, schmückte er sein Kinderheim. Er bekam Rückenschmerzen. Erst glaubte er, es sei ein Hexenschuss, den er sich beim Aufhängen der Girlanden zugezogen habe. Dann trat ein Ge­schwür auf. Es wurde geöffnet, Blut und Eiter gingen ab. Falk war ge­schwächt. Der Großherzog ließ Suppe aus der Hofküche bringen, auch selbstgeschossene Rebhühner und Fasane. Falk bedankte sich mit einem Gedicht in treuen Knittelversen:

Sprecher 2:
»Ich war so tod- und sterbenskrank,
nun genes’ ich wieder, Gott sei Dank.
Da schoss mein edler Fürst ein Rebhuhn
und sprach: Du sollst Dir gütlich tun. …

Nun Gott beschirm die edle Jagd.
Wenn der Abend dämmert, der Morgen tagt,
Da blase der Jäger aus voller Brust:
Gott beschirm den Weidmann, Herrn Karl August.«

Sprecher 1:
Am Weihnachtsabend fasst die Familie wieder Hoffnung. 

Sprecherin 1:
Der gute Mann war aufgestanden. … Er nahm sogar wieder ein wenig zu; aber nach vier Wochen hatte sich ein neues großes Geschwür im Rück­grad gebildet, das sich später öffnete. … Nun ging es täglich rück­wärts …«

Sprecher 1:
Zeitungsmeldung vom 16. Februar 1826:

Musik 12 oder 12 a setzt zu Beginn des folgenden Textes ein (»Jesus meine Zuver­sicht«)

Sprecherin 2:
»Am 14ten Abends entschlief nach einem mehrmonatlichen Krankenla­ger in den Armen seiner tiefgebeugten Gattin und Kinder unser geliebter Johannes Falk. Als Schriftsteller geschätzt, ist er noch mehr die Zierde unseres deutschen Vaterlandes, indem er zuerst den großherzigen Gedanken theoretisch und praktisch ausführte, verwilderte Kinder zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu bil­den. … «

Sprecher 1:
Es war ein Begräbnis zweiter Klasse. 36 Taler und 3 Groschen und keine große Oper am Grab. Der Chor sang: Jesus meine Zuversicht.

Musik 12 (oder 12 a) verklingt.

Sprecherin 1:
»Ich kann sagen, er hat mich nur einmal in seinem Leben beleidigt, und das war durch seinen Tod. Der gute Mann, er ist hinüber! Sein letz­ter Kampf war herzzerreißend, er aß seit fünf Tagen nichts, weil er sagte, es schmeckt ihm alles wie Eiter … wir plagten ihn wohl ein wenig indem wir ihm mehrere Speisen vorschlugen und auftrugen … Lebe recht wohl alter Freund und komm bald wieder deine Caroline bis ans ende meiner Tage.«

Musik 13 setzt ein, läuft einige Sekunden allein und dann unter dem Text bis zum Ende der Absag

Autor:
Das ist die Geschichte von den Wandlungen und Widersprüchen des Johannes Daniel Falk. Der Reisende, der das Glück hatte, sie zu erfahren, wird Weimar nicht ohne zusätzliche Rührung verlassen. Er wird viel­leicht darüber nachdenken, wie Literatur ins Leben greift und Leben in die Literatur. Was das schöne Schreiben und Lesen eigentlich wert ist im Angesicht von Krieg und Seuchen und schreiender Armut. Das Bild, das von Johannes Falk bleibt, ist ein Bild mit Rissen, aus denen es noch zu bluten scheint. Und doch: Voilá – un homme! Oder in den Worten eines Dichters unserer Tage: Ein Mensch behauptet sich und hat Bestand.

Während der Absage läuft die Musik weiter

Sprecherin 2:
Absage

Musik verkling

Ende.

 


Anhang: Liste der O-Töne

O-Ton 1:
Eugène Ysaye (1858–1931): Sonaten für Violine Solo, opus 27, Sonate Nr. 2, 3. Satz, »Danse des ombres«, gespielt von Benjamin Schmidt, CD Oehms Classics, OC 236, Nr. 7 (die ersten 35 Sekunden)

O-Ton 2:
Grabspruch Johannes Falk, gesprochen von Kindern

O-Ton 3:
Eugène Ysaye (wie oben) Sonate Nr. 2, 2. Satz, »Malinconia« CD Nr. 5 (die ersten 4 Sekunden)

O-Ton 4:
Ernst-Wilhelm Wolf (1735–1792, von 1772–1791 Hofkapellmeister in Weimar), Symphonie in D-Dur, 1. Satz Allegro, gespielt vom Franz-Liszt-Kammerorchester unter Nicolas Pasquet, CD NAXOS 8.55173, Nr. 11

O-Ton 5:
Eugène Ysaye (wie oben O-Ton 2, allerdings die ersten 8 Sekunden)

O-Ton 6:
Eugène Ysaye (wie oben O-Ton 2, allerdings diesmal in voller Länge, etwa 2:20)

O-Ton 7:
Johann Nepomuk Hummel (1778–1837, von 1811–1837 Hofkapellmeis­ter in Weimar), Trio für Pianoforte, Cello und Violine , F-Dur, Opus 22, 3. Satz, CD NAXOS 8.557694, Nr. 11 

O-Ton 8:
Spielfilm Lotte in Weimar nach dem Roman von Thomas Mann mit Li­lli Palmer ua, Regie: Egon Günther, 1975, DVD, Icestorm Entertain­ment GmbH Bestell Nr. 19119, Kapitel 3, 32:55–33:13

O-Ton 9:
Spielfilm Lotte in Weimar (wie oben), Kapitel 2 25:19–25:30

O-Ton 10:
Spielfilm Die Braut mit Veronica Ferres u. a. Regie: Egon Günther, 1999, DVD, absolut medien, Bestell Nr. 723, Kapitel 10, die ersten 40 Sekunden

O-Ton 11:
Johann Nepomuk Hummel, Konzert für Klavier, Violine und Orches­ter, Opus 17, 2 Satz Andante con moto, gespielt vom Russischen Philharmo­nischen Orchester unter der Leitung von Gregory Rose, CD NAXOS 8.557595, Nr. 2, von 1:47–4:00

O-Ton 12:
Eugène Ysaye (wie oben), Sonate Nr. 2, 2. Satz »Malinconia«, CD Nr. 6

O-Ton 13:
Eugène Ysaye (wie oben), Sonate Nr. 6, CD Nr. 15 (die ersten 7 Sekun­den)

O-Ton 14:
Eugène Ysaye (wie oben), Sonate Nr. 1, 4. Satz, »Finale con brio«, CD Nr. 4 (die ersten 10 Sekunden)

O-Ton 15:
Eugène Ysaye (wie oben), Sonate Nr. 2, 4. Satz »Les furies«, CD Nr. 8 (die ersten 7 Sekunden)

O-Ton 16:
Johann Sebastian Bach, »Jesus meine Zuversicht«, BWV 365, Nordic Chamber Choir unter der Leitung von Nicol Matt, Brilliant Classics 99376/8, Bach Edition, Choräle, CD 127, 99376/8, Nr. 4

O-Ton 17:
Eugène Ysaye (wie oben) Sonate Nr. 4, 2. Satz »Sarabande«, CD Nr. 11

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