Essays und Vorträge

Der Weg entsteht im Gehen

Über den Dichter Antonio Machado


Christoph Schmitz-Scholemann

 

 

Nachdem die Spanier von 1808 bis 1813 gegen die napoleonische Beset­zung gekämpft hatten, leisteten sie sich 6 Jahrzehnte lang die sogenann­ten Carlistenkriege, Bürgerkriege, in denen der katholische, absolutisti­sche Monarchismus mit jenem liberalen, republikanischen, ja anarchisti­schen Spanien kämpfte, das man auch das andere Spanien genannt hat.

1873 wurde die Republik ausgerufen – und nach einem Jahr wieder abge­schafft. Eine Zeit konstitutioneller Monarchie begann, in der sich – unter Ausschluss der Arbeiterschaft – eine permanente große Koalition aus Konservativen und Liberalen die Macht teilte; diese gewisse Behaglich­keit der Verhältnisse endete jedoch bereits 1898. Mit der militäri­schen Niederlage gegen die USA und dem Verlust Kubas waren die jahrhundertealten Träume von der katholischen Weltherrschaft aus­ge­träumt. Das marode, von Arbeiteraufständen immer wieder erschüt­terte System hielt sich erstaunlich lange, bis 1923. Dann putschte sich ein General an die Spitze der Regierung. Primo de Rivera wurde anfangs von Teilen der Intelligenz und der Arbeiterschaft gestützt. Das ging 8 Jahre recht und schlecht. 1931 ließ König Alfons XIII. Wahlen ausschrei­ben. Die Linke errang einen großen Sieg. Der König ging ins Exil, die Republik wurde erneut ausgerufen. Die Volksfront führte die Zivilehe ein, erließ Unabhängigkeitsstatute für Galizien, das Baskenland und Katalo­nien, und sie beschnitt die Privilegien der Kirche, vor allem im Erziehungswesen. Putschisten aus dem militärisch-klerikalen Komplex scheiterten, ein liberal-konservatives Zwischenspiel in der Regierung ebenfalls. Bei den Wahlen Anfang 1936 siegte erneut die aus Sozialdemo­kra­ten, Kommunisten und Linksliberalen gebildete Volks­front. Das war zuviel für das alte Spanien. Die Falangisten unter Fran­cisco Franco mach­ten mobil und zielten ins republikanische Herz: Sie ließen die National­bibliothek in Madrid bombardieren und am 19. Au­gust 1936 den jungen Dichter Federico Garcia Lorca ermorden.

Unsere Geschichte beginnt zweieinhalb Jahre später im französischen Teil Kataloniens. Es ist die Geschichte eines Dichters, dessen Herz dem Volk gehört, die Geschichte eines einfachen Herzens in kriegerischen Zeiten.

… wie ein verirrter Hund, der keine
Spur hat und nicht riechen kann und irrt
die Wege ohne einen Weg zu wissen,
wie ein Kind, das nachts auf einer Fiesta

sich verliert zwischen den Leuten
und der Staubluft, dem Geglitzer
der Lichter, fassungslos, das Herz
bestürzt von Schrecken und Musik,

so geh ich, trüber Trunkenbold
mondsüchtig, Musikant, Poet,
der arme Mensch in Träumen
und suche Gott im Nebel.


Das erste Kapitel: Collioure

Aus dem Bericht des Herrn Jacques Baills, weiland stellvertretender Bahn­hofsvorsteher der Stadt Collioure im Département Pyrénées-Orienta­les, über seine Erlebnisse bei der Ankunft des Nachmittagszuges aus Port Bou am 28. Januar 1939: »Es war halb sechs nachmittags, als der Zug in den Bahnhof einlief, überfüllt mit Leuten aus Spanien. Und ich sah da vier Personen stehen, alle in Schwarz, komplett schwarz. Eine von ihnen fragte mich, ob es in Collioure ein Hotel gebe, wo sie unterkom­men könnten. Und ich nannte ihnen das Bougnol-Quintana, das einzig passable Hotel, das es damals gab, wo ich auch selber wohnte. Ich sagte ihnen, dass sie einfach die Straße runter gehen sollten, bis sie endet, wo ein kleiner Platz war, und dass sie sich da rechts halten sollten und dann stehen sie vor dem Hotel. Später erfuhr ich dann, dass sie doch nicht direkt zum Hotel gegangen sind.«

Die vier Personen in Schwarz waren eine zierliche Greisin, eine jün­gere Frau und zwei Männer um die 60. Es regnete fürchterlich, von den Pyrenäen pfiff der Wind aufs Mittelmeer, es war kalt und dunkel. Ein Mitreisender, der die vier Spanier auf dem Weg in die Stadt begleitete, erinnert sich: »Der eine von den … Männern konnte schlecht gehen, der andere musste ihn stützen, die alte Dame konnte gar nicht gehen, die jüngere Frau trug das Gepäck. … Ich nahm die Alte auf die Arme und trug sie die Straße hinunter, sie war leicht wie ein Kind, und sie flüsterte mir immer wieder dieselbe Frage ins Ohr: ›Ist es noch weit nach Sevilla?‹«

Caminante son tus huellas
el camino nada más;
caminante no hay camino,
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino,
y al volver la vista atrás
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino,
sino estelas sobre el mar.

Bericht von Juliette Figueres, Geschäftsfrau in Collioure, die am 28. Ja­nuar 1939 gegen 18.00 Uhr auf der Schwelle ihres Strickwarenladens stand, einen Steinwurf vom Markt und vom Hafen entfernt, in dem die Boote auf dem brodelnden Wasser schaukelten: »Es war kalt und es reg­nete. … Sie fragten, ob sie reinkommen könnten, um sich einen Moment auszuruhen. Ja, sagte ich, setzen Sie sich doch. Ich gab ihnen einen Milch­kaffee. Die alte Frau war die Mutter der beiden Herren. Ach, sie war sehr müde, sie konnte nicht sprechen. Der eine Herr fragte, ob es kein Taxi gebe und wo ein Hotel wäre. ›Das Hotel ist direkt hier gegen­über auf der anderen Seite des Flüßchens! Aber Sie sehen, die Brücke ist überflutet von dem furchtbaren Regen, Sie müssen einen Umweg gehen, über den Friedhof.‹ Mein Mann sagte ›Ich werde zur Autowerkstatt ge­hen und fragen, ob einer sie fahren kann.‹ Und einer von ihnen ging mit ihm und ich unterhielt mich mit den anderen …, der eine sprach ganz gut Französisch … Dann kam das Taxi und sie bedankten sich … und dann fuhren sie zum Hotel.«

Weiter aus dem Bericht des stellvertretenden Bahnhofsvorstehers Jac­ques Baills, der ebenfalls im Hotel Quintana wohnt und nebenher die Hotelinhaberin bei der Buchhaltung unterstützt: »Zwei oder drei Tage nach ihrer Ankunft – es muss wohl der 30. oder 31. Januar 1939 gewesen sein – ging ich die Gästeliste durch und sah den Namen Antonio Machado, Beruf Lehrer. Das machte mich stutzig und ich erinnerte mich, dass ich in der Abendschule, einige Zeit vorher, im Spanisch-Unter­richt Gedichte von jenem berühmten Antonio Machado gelesen hatte. …

Wanderer, nur deine Spuren
sind der Weg, und weiter nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
Der Weg entsteht im Gehen.
Im Gehen entsteht der Weg
Und wenn man zurückschaut
dann sieht man einen Pfad
den man nie wieder betreten wird.
Wanderer es gibt keinen Weg
nur das Kräuseln des Kielwassers auf dem Meer.

… Und so ging ich zu ihm hin und fragte, ob er der Dichter Antonio Machado sei. Und er, ohne eine Miene zu verziehen und ohne das lei­seste Lächeln, sagte, Ja, der bin ich. … Und von da an ging ich nach je­dem Abendessen an ihren Tisch, setzte mich dazu und unterhielt mich ein bißchen mit ihm und seinem Bruder und dem Mütterchen und der Schwägerin …«

»Ich will euch jetzt das wichtigste Ereignis meiner Lebensgeschichte er­zählen. Ich war noch sehr klein und ging, eine Zuckerstange in der Hand, mit meiner Mutter. Es war in Sevilla an einem lange zurückliegen­den Weihnachtstag. Nicht weit von mir ging eine andere Mutter mit einem anderen Kinde, das seinerseits eine andere Zuckerstange trug. Ich war ganz davon überzeugt, meine Zuckerstange wäre die größere. O so sehr überzeugt! Gleichwohl fragte ich meine Mutter – denn die Kinder suchen selbst für ihre festen Überzeugungen eine Bestätigung –: ›Meine ist größer, nicht wahr?‹ ›Nein, mein Kind‹ erwiderte meine Mutter – ›wo hast du bloß deine Augen?‹ Genau das ist es, was ich mich mein ganzes Leben lang gefragt habe.«

»Wir gingen zum Strand. Da setzten wir uns in eines der Boote, die dort im Sand lagen. Die Mittagssonne war schon ein bißchen warm. Es war dieser einzigartige Augenblick, in dem man sagen könnte, dass der Körper seinen Schatten unter den Füßen begräbt. Es war ziemlich win­dig, aber er nahm den Hut ab und legte ihn mit einer Hand aufs Knie, während er sich mit der anderen, in seiner üblichen Art, auf den Griff seines Stocks stützte. So verharrte er, versunken und schweigsam gegen­über dem unablässigen Kommen und Gehen der Wellen, die sich uner-müd­lich hin und her bewegten, als ob sie verflucht wären niemals ruhen zu können. Am Ende eines langen Nachdenkens zeigte er auf eines der Fischerhäuschen und sagte zu mir: Wer hinter einem dieser Fenster hier leben könnte, frei von allen Sorgen. Dann nahm er alle Kraft zusam­men und erhob sich und ging mühsam durch den Treibsand, in dem die Füße nahezu vollständig versanken und wir kehrten in tiefem Schweigen zurück zum Hotel.«

»Ein anderes Vorkommnis in meinem Leben, ebenfalls wichtig, trug sich vor meiner Geburt zu. Es geschah nämlich, daß einige Delfine, die, von den Gezeiten verwirrt, vom Wege abgekommen waren, erst in den Guadalquivir und so, gegen den Strom schwimmend, nach Sevilla gerie­ten. Aus der ganzen Stadt kamen die Leute ans Ufer, angezogen von dem un­gewöhnlichen Spektakel, feine junge Damen und vornehme junge Herren, unter ihnen auch jene beiden, die meine Eltern wurden. Hier sahen sie sich zum ersten Mal. Es war ein sonniger Spätnachmittag, wie ich einmal mich zu erinnern träumte.«


Zweites Kapitel: Sevilla

Antonio Machado wurde 1875 in Sevilla geboren und wuchs im Palacio de las Dueñas auf, mitten in Sevilla gelegen, heute calle Dueñas No 5. Eigentümer dieses mit schattigen Säulengängen und Zitronenbäumen reich ausgestatteten, vom Plätschern der Brunnen und vom Gesang der Vögel erfüllten, wenn auch leicht abgewohnten Palastes war der 15. Her­zog von Alba: Jakob Luis Rafael Franz Paul Fitz-James Stuart und Venti­milla Alvarez de Toledo Beaumont und Navarra – um nur ein Zehn­tel seiner klangvollen Namen und Titel zu nennen. Natürlich kann so ein Mann nicht alle seine Paläste persönlich bewohnen und diesen in Sevilla teilte er deshalb in elf pisos auf und vermietete sie an ehrbare und bescheidene Bürger, vor allem an Künstler und Intellektuelle, wie die etwas unübersichtliche Großfamilie Machado.

Der hinfällige Zitronenbaum neigt
einen staubigen Zweig
über den Zauber des reinen Brunnens,
und dort in der Tiefe träumen
goldene Früchte …

Ein klarer Nachmittag,
fast schon Frühling,
ein lauer und sehr später Nachmittag im April
beinah mit dem Duft des Mai;
und ich bin allein, im stillen Hof,
und fahnde nach dem Bild einer alten kindlichen Sehnsucht …,

Ja, du froher und klarer Nachmittag, ich erinnere mich
an dich fast wie an einen Frühling,
Nachmittag ohne Blüten, als Du mir brachtest
den guten Geruch von Minze
und Königskraut,
das meine Mutter im Topf zog.

Daß du mich sahst, wie ich meine sauberen Hände
in das heitere Wasser tauchte,
um die Zauberfrüchte zu befreien
die heute am Grunde des Brunnens träumen …

Ja, ich kenne dich, froher und klarer Nachmittag,
fast schon ein Frühling.

Machados Vater nannte sich Demofilo, Freund des Volkes. Er war Jurist und einer der ersten Flamencologen; er sammelte die Volkslieder Andalu­siens. Vor allem aber war er ein idealistischer Grübler und Projekte­macher und bedauerlicherweise ein miserabler Kaufmann. Er gründete mit Freunden eine Reformschule, das Instituto libre de Enseñan­za in Madrid, wo man nicht strafte und viel im Freien unterrich­tete. Auch Antonio Machado und seine Brüder besuchten das Institut.


Drittes Kapitel: Madrid

»… Die Erinnerungen an meine Geburtsstadt Sevilla sind die Erinnerun­gen an ein kleines Kind. Denn schon mit 8 Jahren kam ich nach Madrid, wohin meine Eltern umzogen und ich wurde im Instituto Libre erzogen. Für meine Lehrer bewahre ich bis heute eine lebhafte Erinnerung und große Dankbarkeit. Die Zeiten des Heranwachsens und der Jugend sind madrilenisch. Mein Vater starb früh. Ich bin dann etwas herumgereist durch Spanien und durch Frankreich. 1907 bekam ich eine Lehrerstelle für Französisch, die ich fünf Jahre lang in Soría versah … Meine Hobbys sind Spazierengehen und Lesen.«

Eine besondere Leidenschaft für bürgerlich geordnete Erwerbsarbeit ist weder bei Antonio Machado selbst noch sonst in seiner Familie auffäl­lig geworden. Bei den Machados war fröhliches, geistreiches, liederrei­ches Leben in großer Familie – Machado hatte acht Geschwister – man redete, dichtete, stritt, man malte und sang.

He andado muchos caminos
he abierto muchas veredas …

Viele Wege bin ich gewandert,
viele Pfade hab ich gefunden;
auf hundert Meeren bin ich gesegelt,
an hundert Küsten bin ich gelandet.

Überall sah ich
Karawanen der Trauer,
Hochmütige und Schwermütige,
die Trunkenen vom schwarzen Schatten,

Und vermummte Pedanten,
die umherspähen, schweigen und denken,
sie kennen die Welt, weil sie den Wein
der Tavernen nicht trinken.

Ein übles Volk das wandert
und die Erde verpestet …

Und überall sah ich
Leute die tanzen und spielen,
wenn sie können, und bearbeiten
die Handbreit Erde, die ihnen gehört.

Niemals, wenn sie an einen Ort kommen,
fragen sie, wohin sind wir gekommen.
Wenn sie fortziehen, reiten sie
auf dem Rücken eines alten Esels.

Sie kennen keine Eile,
schon gar nicht an Feiertagen.
Wo es Wein gibt, trinken sie Wein;
wo nicht, frisches Wasser.

Es sind gute Leute, sie leben,
arbeiten, ziehen fort und träumen,
und an einem Tag, der wie viele andere ist,
gehen sie sich ausruhen unter der Erde.

Antonio Machado war nicht faul, das wollen wir nicht gesagt haben, er war eigentlich immer tätig, wenn auch nicht gegen Geld. Nach dem Abi­tur studierte er, kam aber einstweilen nicht zu einem ordentlichen Ab­schluss. Er verbrachte seine Tage in der Nationalbibliothek, ging abends ins Cafe, traf sich im Freundeskreis, »tertulia« heißt so ein lockerer Zirkel im Spanischen, da plauderte und politisierte und philosophierte er mit seinen Brüdern und Freunden, rauchte und schrieb und rauchte und schrieb, vor allem Gedichte. Er lebte mit seinem Bruder Manuel Machado einige Zeit in Paris, hörte Vorlesungen bei Henri Bergson und lernte Paul Verlaine kennen. Indessen wurde die wirtschaftliche Lage der Machados immer prekärer. Der Dichter Juan Ramon Jiménez gehörte zeitweise zu Machados Tertulia.

»Ich trat in eine Wohnung ein, in der es nur die Reste eines Tisches gab, also gut, es war etwas, das früher einmal ein Tisch gewesen sein muss, und es gab einen alten Kerzenleuchter, ohne Kerze, und von da aus ging ich in das Zimmer, wo sie waren und Antonio sagte, ›Setz Dich, Ramon, setz Dich doch!‹ Und ich sah mich um und sah einen Lehnsessel, der ein Loch hatte, so dass man sich nicht reinsetzen konnte und da war noch ein Sessel, auf dem saß eine Katze mit ihren Jungen und noch einen Ses­sel, darauf war … nun ja, es war ein Spiegelei darauf, das muss schon länger da gewesen sein, es war ganz trocken und klebte ziemlich fest.«

Zu dieser Zeit, erzählte Jiménez später, war bei Antonio die aller­größte Gleichgültigkeit gegenüber seinen Lebensumständen zu bemer­ken.

»Er trug einen uralten Mantel, der jegliche Farbe verloren hatte und an dem nur noch eine der beiden Knopfreihen ein oder zwei Knöpfe aufwies, die meistens auch noch verkehrtrum zusammengeknöpft waren, darunter trug er eine Hose, die mit einer Kordel zusammengebunden war, ebenso wie die Hemdmanschetten mit Watte statt mit Manschetten­knöpfen zusammenhielten … Als er mich mit seinen Freunden im Sanato­rium besuchte, haben die ordentlichen und reinlichen Nönnchen regelrecht gelitten, als sie mich in der Gesellschaft dieser Typen sahen und sie fragten, warum ich solche Leute empfinge. Wenn man mit An­tonio gegangen war, konnte man immer genau erkennen, welchen Weg man genommen hatte, weil er Spuren hinterließ, wo er ging und stand, Brotkrümel, Tabakskrümel und Asche und abgekautes Papier, er kaute ständig Papier … Manchmal sagte er, er werde jetzt ein Gedicht vorlesen. Dann holte er aus der Tasche einen schmutzigen Zettel, der mehrfach gefaltet war, fieselte ihn auseinander und dann hatte der Zettel in der Mitte ein Loch, gerade da, wo das Gedicht stand, und das Loch hatte er selbst gemacht, weil Antonio aus Versehen auch an diesem Papier gekaut hatte und so hatte er sein Gedicht aufgegessen und konnte es nicht vorle­sen. …«

Über die Zeit um 1905 schrieb Antonios Bruder José, der freischaffen­der Maler war, später: »Die Armut hatte ihren Höhepunkt erreicht. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass wir etwas dagegen unternehmen mussten. Man zog (nun ernstlich) in Betracht zu arbeiten. Antonio wollte sich bei der Spanischen Nationalbank als Schreiber bewerben. Sein Pech: Er hatte eine völlig unleserliche Schrift. Also nahm er Kurse in Schrei­ben, der Schriftsteller von 29 Jahren. Er hat nie eine Stelle bei der Spani­schen Staatsbank angenommen. Er hat sich noch nicht einmal beworben. Aber er hat etwas erworben, nämlich eine schöne Schrift, von der er Gebrauch machte, wenn er deutlich abschreiben wollte.«

Geheimnisvoll und schweigsam
kam er mir immer vor.
Sein Blick war so tief,
daß man ihn kaum sah.
Wenn er sprach, war da ein Beiklang
von Schüchternheit und Adel.
Und das Licht seiner Gedanken
sah man fast immer leuchten.
Er war hell und tief
und ein Mann von Treu und Glauben.
Er war ein Hirte von tausend Löwen
und Lämmern zugleich.
Er brachte Unwetter mit
oder eine Honigwabe.
Die Wunder des Lebens,
der Liebe und der Lust
sang er in tiefen Versen,
deren Geheimnis nur ihm gehörte.
Er bestieg ein seltenes geflügeltes Pferd
und eines Tags kam er im Reich des Unmöglichen an.
Ich bete für Antonio zu meinen Göttern,
sie sollen ihn allezeit schützen. Amen.

Gebet für Antonio Machado heißt dieses Gedicht. Es stammt von Rubén Darío aus Nicaragua.


Viertes Kapitel: Soria

Wir schreiben das Jahr 1907. Antonio Machado ist 32 Jahre alt, sein Gedichtbuch Soledades – Einsamkeiten erscheint in zweiter Auflage, Antonio Machado ist wie sein Bruder Manuel ein hoffnungsvoller junger Autor. Und nun haben auch seine Versuche, eine nicht zu zeitraubende, einiger­ma­ßen gut bezahlte Arbeit zu finden, Erfolg. Er wird Französischleh­rer in Soria. Soria – ein Städtchen auf der kastilischen Hochebene, im eisigen Herzen Spaniens, wo der Wind pfeift und nie­mand ihm dabei zuhört, auf halber Strecke zwischen Madrid und San Sebastian.

»Ich stecke in diesem verfluchten Nest, ohne Hoffnung wegzukom­men, also zurückgezogen, aber nicht zufrieden. Um hier wegzukommen müsste ich intrigieren, mauscheln, betteln, eine Sache die nicht zusam­men­passt, ich weiß nicht ob mit meinem Stolz oder meiner Gleichgül­tigkeit. Bei den Bewerbungen für Stellen in Madrid schneiden alle besser ab als ich, obwohl einige dienstjünger sind als ich und nicht wegen ihrer größeren Jugend, sondern weil sie Doktoren sind, Assessoren und was weiß ich was für Sachen sie sonst noch sind.«

Manchmal sagte Machado, er liebe das Landleben, allerdings kann das nur für die Zeit von Montags bis Freitags gegolten haben und auch nicht in den Ferien. Denn sobald kein Unterricht zu halten war, setzte sich der Lehrer Machado in die Dampfeisenbahn und fuhr rauchend nach Madrid, »lijero de equipaje« – mit leichtem Gepäck – und »siempre sopra la madera / de mi vagón de tercera« – »und mein größtes Glück auf Reisen / ist die Bank aus Holz und Eisen.« Trotzdem: Machado war Stoiker genug, sich mit dem abzufinden, was er um sich herum vorfand. Davon zeugen die Gedichte vom Landleben. Es ist Abend. Bäuerin und Bauer hinter dem Pflug auf dem Feld. Ein Ochsenpaar zieht den Pflug. Und wo haben sie ihr Kind? Wulf Kirsten hat das Gedicht übersetzt.

Gedicht

Gestalten des Feldes unförmig an den Himmel
geschlagen samt Ochsenpaar vor dem Pflug,
über einen Hügel trottend im Monat Oktober,
zwischen den schwarzen Schädeln, tief
gesenkt unter dem Joch, das sie eint,
hängt, geflochten aus Rohr und Ginster,
ein Korb, in dem ein Kind gewiegt wird,
hinter dem Gespann stapft der Bauer,
erdwärts gebeugt, und eine Frau, die
aus ihrer Schürze Saatkörner streut,
des Abendhimmels flammendes Karmin zieht
ein Fließband grünschimmernden Goldes,
nachthin wachsen die Schatten zu Riesen.

»Ich erinnere mich an das Bild, das Don Antonio abgab, im zweifelhaften Schmuck seiner Kleidung, sein Gang scheinbar hinkend, gestützt auf einen sehr ländlichen Hirtenstab, riesig die Hosen, gewaltig der Mantel, fast wie eine Hütte, Anzug, darunter Hemd mit Stehkragen und schwar­zem Schlips, schwarzer weicher Sombrero, der nie richtig auf dem Kopf saß, manchmal trug er auch gar keinen Hut auf dem widerspenstigen Schopf, er war immer sorgfältig rasiert, das muss man ihm lassen, aber der Anzug! Alles mit kleinen Ascheflecken von den unvermeidlichen Zigaret­ten wie mit Sommersprossen übersät. Ja, der Französischlehrer rauchte viel, wirklich viel, und diese unvermeidlichen Flecken waren so zahlreich, dass nur der Respekt, den die Schüler für ihren Lehrer empfan­den, verhinderte, dass der Spitzname des Dichters sich verbrei­tete, er lautete: Antonio Manchado – der gefleckte Antonio.«


Fünftes Kapitel: Leonore, erster Teil

Machado wohnt in Soria als möblierter Herr bei der Familie Izquierdo. Herr Izquierdo ist ein pensionierter Polizist mit einer Neigung zum Jäh­zorn und drei jungen Kindern, unter ihnen, dreizehnjährig und schwarz-ge­lockt, Leonor.

Ostern. Auferstehung.

Seht: Der Schwung des Lebens malt
Einen Regenbogen über das grünende Feld.
Sucht Eure Geliebten, Mädchen,
sucht sie dort, wo die Quelle aus dem Stein springt.
Wo das Wasser lacht und träumt und plätschert,
da wird der Liebesroman erzählt.
Sollen denn nicht eines Tages in euren Armen
erstaunte Augen die Frühlingssonne sehen
Augen, die geschlossen sind wenn sie ins Licht kommen
und die erblindet das Leben verlassen werden?
Werden nicht eines Tages an Euren Brüsten trinken
die morgen den Boden bestellen?
Oh feiert diesen hellen Sonntag,
ihr blühenden kleinen Mütter, feiert eure Herzen!

Der schüchterne, große, dicke Untermieter, der nachts lange liest, be­ginnt nach einer gewissen Zeit, mit gezielter Achtlosigkeit, hin und wie­der, hier und da im Haus, einige Fetzen seiner berühmten Zettel herum­lie­gen zu lassen, für Leonor natürlich.

Und das Mädchen, das ich liebe,
Ach, will sich schon bald vergeben
an den jungen Herrn Barbier …

Ungefähr zwei Jahre geht das so und, so schüchtern die Liebeswerbung auch ist, endlich hat sie doch Erfolg. Am 12. Juni 1909 wird Leonor Izquierdo 15 und damit nach damaligem Recht heiratsfähig. Am 11. Juli erscheint in der Tageszeitung von Soria das Aufgebot. Am 17. Juli veranstal­tet der Arbeiterverein von Soria einen Kulturabend. Machado, für seine Verhältnisse schon fast übermütig und ganz gegen seine Ge­wohn­heiten, hat sich zu einer Lesung bereitgefunden, die con grandes aplausos aufgenommen wird.

Und, unterm Strich, ich schulde euch nichts. Ihr schuldet mir, was ich schrieb.
Ich tu meine Arbeit, ich zahle mit meiner Münze
für den Anzug, der mich wärmt und das Dach unter dem ich wohne,
das Brot, das mich nährt und das Bett auf dem ich liege.  

Und wenn der Tag der letzten Reise kommt
und das Schiff ablegt, das niemals zurückkehrt,
werde ich an Bord sein mit leichtem Gepäck,
fast nackt, wie die Söhne des Meers.

Am 30. Juli um 10 Uhr morgens ist Trauung in der Kirche Santa Maria la Mayor. Trauzeuge ist ein Zahnarzt. Auf einer Daguerrotypie sieht man das Bild der angemessen ergriffenen Brautleute: Großer Mann mit gewölbter Stirn in hochgeschlossenem Schwarz und eineinhalb Kopf kleiner die kindliche Braut in dunkler Seide mit Schleppe, das dichte Haar zu fast barocker Hochfrisur aufgesteckt, zwei Orangeblüten im Halstuch und ein heller Fächer in der linken Hand, ein Mädchen wie Milch und Honig, an dessen Ausstaffierung für diesen Tag der vereinigte Modeverstand aller kastilischen Tanten mitgezupft haben muss. In die­sem Aufzug von der Kirche zum Elternhaus der Braut ein fröhlicher Zug, später dulces, Apfelwein und Zigarren. Die Zeitung von Soria berichtet alles haarklein, der Dichter ist nicht irgendwer und die Hochzeit ein bedeu­tendes Ereignis in der Provinzhauptstadt. Was ebenfalls in den Zeitungen steht, ist, dass einige Jugendliche vor der Kirche wegen des großen Altersunterschiedes zwischen den Eheleuten feixten und johlten, ein Umstand, der Machado tief verletzte. Aber das Ehepaar hat bald Glück: Der Antrag Antonio Machados auf ein Weiterbildungsstipendium wird bewilligt. Und so besteigen die Jungvermählten Anfang 1911 den Zug und reisen erwartungsfroh nach Paris.


Sechstes Kapitel: Leonore, zweiter Teil

Leonor scheint der Ortswechsel Probleme zu machen. Nach wenigen Wochen in Paris sagt sie, sie fühlt sich schwach. Man geht zum Arzt, der keinen Rat weiß. Man wartet, es wird besser, es wird gut, es gibt einen Rückfall. Am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli 1911, spuckt Leonore Blut. Die Ärzte empfehlen Landluft. Machado leiht sich Geld, reist mit Leonor zurück nach Soria. Es wird Tuberkulose sein und in Soria ist gute Luft. Man muss Geduld haben. Antonio pflegt das 16jährige Kind, das seine Frau ist, ein Jahr lang.

»Liebste Mama,
Leonor hat sich von der letzten Krisis ein wenig erholt. Ich habe nun doch wieder Hoffnung, dass sie soweit zu Kräften kommt, dass wir zusam­men nach Madrid zu Professor Hausser fahren können … Übri­gens würde Leonor Dich gerne sehen, wie sie mir heute nochmal gesagt hat … Es macht mich sehr traurig, dass ich Dir mit meinem letzten Brief soviele Sorgen bereitet habe. Aber es wäre ja unsinnig gewesen, Dir meinen Schmerz verbergen zu wollen … meine Trauer ist groß, das ist wahr, aber sie hat nichts Gewaltsames. Und ich habe die Hoffnung auf Besserung keineswegs aufgegeben …
Tausend Umarmungen an alle und tausend Küsse für Dich
Antonio.«

Am 30. Juli 1912 kommt Machados Mutter aus Madrid. Einen Tag spä­ter ruft Machado den Pfarrer von Santa Maria Mayor. Leonor empfängt die Sterbesakramente.

Es war eine Sommernacht
– die Balkontür stand offen
und auch die Haustür –
da kam der Tod in mein Haus.

Er näherte sich ihrem Bett –
mich hat er nicht einmal angesehen
mit seinen feinen Fingern.
Und da zerbrach etwas sehr Zartes.

Still und ohne mich anzusehn
ging der Tod wieder
an mir vorbei. Was hast Du getan?
Der Tod antwortete nicht.

Mein Mädchen war jetzt still,
mein Herz verzweifelt.
Ach, was der Tod zerrissen hat,
war ein Faden zwischen uns beiden.

Am 1. August 1912, um 10 Uhr abends, stirbt Eleonore Izquierdo de Machado.

Herr, Du hast mir entrissen, was ich am meisten geliebt habe.
Höre, mein Gott, noch einmal schreien mein Herz.
Dein Wille ist geschehen, Herr, gegen den meinen.
Herr, jetzt sind wir allein, mein Herz und das Meer.

In einem Brief an Miguel Unamuno schreibt Machado ein Jahr später: »Der Tod meiner Frau hat mir Geist und Seele zerrissen. Meine Frau war ein engelsgleiches Geschöpf, das vom Tod grausam hinweggemäht wurde. Ich habe sie angebetet; aber über der Liebe ist das Mitleid. Ich wäre lieber tausend Mal gestorben als sie einmal sterben zu sehen, ich hätte tausend Leben für ihres gegeben. Ich glaube nicht, dass in diesem Gefühl etwas Außergewöhnliches ist. Irgendetwas Unsterbliches in uns will sterben mit dem, der stirbt. Vielleicht kam deshalb Gott in die Welt. Wenn ich das denke, empfinde ich etwas Trost. Ich habe manchmal Hoff­nung …«


Siebentes Kapitel: Baeza

Zwei Jahre später verließ Machado Soria. Er arbeitet fortan in dem noch kleineren Marktflecken Baeza, auf halber Strecke zwischen Sevilla und Alicante, wo ihn niemand kennt – als Lehrer am Gymnasium zur heili­gen Dreifaltigkeit. Nicht weit davon mietet er eine kleine Wohnung, mit­ten in der Stadt, und wenn er nicht unterrichtet oder mit dem Apotheker und seinen Freunden die Stadtneuigkeiten erörtert, schreibt er Gedichte.

Hier sitze ich nun, Lehrer für
neue Sprachen, Meister des
lockeren Tons bis gestern,
Lehrling der Nachtigallen,
in diesem feuchten und kalten Nest,
verkommen und düster
zwischen Andalusien und der Mancha.
Winter. Nahe beim Feuer.

Draußen regnets, Nieselregen,
der sich manchmal in Nebel verwandelt,
manchmal in wässrigen Schnee.
Ich stelle mir vor ein Bauer zu sein,
der an die Felder denkt. Oh Herr,
würde ich sagen,
das machst Du sehr gut! Regne, regne
regne dein Wasser wieder und wieder
über Gersten und Bohnen,
dein stummes Wasser über den Wein
und den Olivenhain.

Es werden Dich preisen mit mir
alle, die Gerste säen fürs Bier.
die leben um zu pflücken,
Oliven zu pflücken,
die das Glück erwarten
vom Essen.

Die in diesem Jahr
wie in jedem Jahr
all ihr Geld
werfen ins Glücksrad der Welt,
in das trügerische Rad der Zeit.
Regne weiter, regne, möge Dein Nebel
sich verwandeln in wässrigen Schnee
und dann wieder in Nieseleregen,
Regne, Herr, regne, regne!

In meinem Zimmer – erleuchtet
vom Winterlicht – ich
– der späte Nachmittag grau, gedämpft
vom Regen und vom Fensterglas –
hier träum ich und überlege und denke nach.

Da meldet sich
aus der Ecke die Standuhr,
Tic-Tac sagt sie, ich hatte sie schon vergessen,
Du wiederholst Dich, sage ich, sie tut ihren Schlag,
Tic-Tac, Tic-Tac, ja ich hab Dich gehört.
Tic-Tac, Tic-Tac, immer dasselbe,
eintönig, stur wie ein Ochse.

Tic-Tac, so klopft
ihr metallenes Herz.

Ob man in so einem Nest das metallene
Klopfen der Zeit hört? Nein,
in diesen Dörfern kämpft man nur
gegen die Uhr,
gegen die Eintönigkeit,
mit der sie misst
die Leere der Zeit.

Aber ist Deine Stunde auch meine?
Ist Deine Zeit, Uhr, die meine?
(Tic-Tac, Tic-Tac) … es gab einen Tag
(Tic-Tac, Tic-Tac) der verging,
und was ich am meisten liebte,
das raffte der Tod dahin …

Schon beinah Nacht. Und in der Apotheke
wird laut gemurmelt und geredet.
– Mein lieber Don Jose,
was ich nicht versteh,
Linke müssen ja sein, das sehe ich ein,
doch warum sind sie immer so kleine –
dummen Schweine?

– Ach, machen Sie sich keine Sorgen,
der Karneval geht nur bis übermorgen,
dann kommen die Rechten und sorgen mit Macht
für Ruhe und Ordnung, mein Freund, dass es kracht
und klingelt in ihren Kassen.

Das kommt und das geht,
Nichts ist für immer,
Rechte und Linke und Liberale,
die Zeit frisst sie alle.

Ene, mene, Mäusespeck
In hundert Jahr ist alles weg.

– Nach diesen Zeiten, da kommen andere
Zeiten und wieder andere und noch andere,
und das schöne ist, in jenen fernen Tagen
muss sich keiner von uns mehr plagen.

So ist das Leben, Don Juan.
– Stimmt genau, dann sind andere dran.
– Die Gerste kommt dies Jahr ganz gut voran.
– Kein Wunder bei diesem Regen,
auch für die Bohnen ist es ein Segen!

– Ja, sie blühen sehr schön, und wir haben erst März,
es liegt noch Frost in der Luft, da kann noch was kommen!

– Habt ihr die Oliven gesehen?
Sie strecken die Äste zum Himmel und flehen
um Regen in Strömen!
– In Meeren!
– Sie müssen triefen, die Oliven!
Schweiß und Arbeit, Müh und Not
sind des Bauern bittres Brot!
Früher, früher war alles anders als heute …
– Früher gab es auch schon Regen,
denn es ist doch Gottes Segen.
– Dann bis morgen, gute Leute!

Tic-Tac, Tic-Tac … schon
wieder ist ein Tag
vorbei, sagt im stur
monotonen Ton
meine Uhr …


Das achte Kapitel: Guiomar

Sechs Jahre lang, bis 1919, blieb Antonio Machado in Baeza. Dann wech­selte er wieder die Stelle und ging nach Segovia, nur eine kleine Zugstunde von Madrid entfernt. Das hieß: In den Schulferien und auch sonst in fast jeder freien Minute finden wir den Dichter in Madrid. Es gibt ein Bild aus den Zwanziger Jahren, auf dem Antonio zu sehen ist, in einem madrilenischen Cafe, wie immer mit Hut und gestützt auf einen Spazierstock, gealtert, in Zigarettenrauch gehüllt und mit einem Blick wie aus fernen Welten. Er war zu dieser Zeit verliebt. Da Guiomar – so nannte er seine Freundin aus den besseren Kreisen – ihre Ehe nicht gefähr­den wollte, traf man sich über Jahre hinweg heimlich, manchmal in Segovia, meistens in Madrid, in dem verwunschenen Park von La Mon­cloa oder, wie meistens, in einem Cafe mit Plüschsofas in dem Arbeiter­viertel »quatro caminos«. Auch Briefe schrieb Machado, in de­nen er sich als ernster und leidenschaftlicher Meister in der Männer­kunst des piropo erwies, einer spezifisch iberischen, zwischen Pathos und Ironie schweben­den Variante des Süßholzraspelns.

»Freitag, 11. Januar 1929
… heute abend wird meine Göttin kommen – nicht wahr? – um ihren Dichter zu sehen. Ich werde dafür sorgen, dass es im Cafe nicht zu kalt ist; obwohl meine Göttin eine gute Göttin ist und soviel Feuer in ihrer Seele brennt, dass ihr die Kälte nichts anhaben kann, auch nicht die Zug­luft, wenn sie mit ihrem Dichter zusammen ist. In den Heiligen-Legen­den … gibt es nicht eine einzige Geschichte von einer Heiligen, die soviel Gutes an einem Menschen getan hat wie Du, Göttin meiner Seele, an mir, Deinem Dichter, auf der Bank der Verliebten im Park oder in unse­rem kalten Cafe. Alles Gute und Schöne der Weltgeschichte verbirgt sich im Geheimnis unserer Liebe. Aber Gott, der alles sieht, wird auch dies hoch anrechnen. Wenn ich an Dich denke, … glaube ich wieder an Gott …«

Im Laufe der Jahre wurden die Zusammenkünfte seltener und die Liebe, die schon recht platonisch begonnen hatte, wurde noch körperloser – bis die Geliebte sich fast in eine Chimäre verwandelte wie Don Quijotes Dulcinea.

Alle Liebe ist Fantasie.
Sie erfindet das Jahr und den Tag,
die Stunde, die Meldodie
und den Liebenden und sie,
die Geliebte. Und nie
gibt es gegen die Liebe ein Argument –
und wär’ die Geliebte auch inexistent.

Als Anfang der Dreißiger Jahre in Madrid die politischen Spannungen Überhand nehmen, zieht Guiomar mit ihren Kindern und ihrem Mann an den Atlantik.

Weh dem, der Durst hat und sieht
das Wasser fließen und blinken,
und sagt, der Durst, der mich quält,
vergeht nicht vom Trinken.


Neuntes Kapitel: Madrid, Valencia, Barcelona – Politik

Die Brüder Machado standen seit jeher auf der linken Seite des politi­schen Spektrums – ohne allerdings in Parteien einzutreten oder Ämter zu übernehmen. Erst als 1931 der Diktator Primo de Rivera zurücktrat, mischte sich Antonio Machado in die Politik. In Segovia war er Mitglied der Stadtregierung, als er 1932 nach Madrid kam, kümmerte er sich um die Volksbildung.

»Ich bin kein Marxist und ich kann auch nicht glauben, wie es das marxis­tische Dogma will, dass das ökonomische Element das wichtigste des Lebens ist, es ist ein wichtiges Element, aber nicht das wichtigste. Und doch wieder: sich taub und blind stellen gegen die Versuche der Masse sich im Königreich der Kultur und dem der Justiz Gehör zu verschaf­fen, das scheint mir ein Irrtum zu sein, der nur mit den schrecklichs­ten Leichenzügen enden kann.«

Machado sah den Kommunismus als einen slawischen Ableger des Urchristentums und glaubte, aus Russland könne eine neue, brüderliche Dichtung kommen. Nachdem die Linke Anfang 1936 die Parlaments­wah­len gewonnen hatte, sorgten die Faschisten erst durch systematischen Terror für Chaos, um dann unter dem Vorwand, Sicher­heit und Ordnung wieder herstellen zu wollen, den offenen Bruderkrieg zu beginnen. England und Frankreich lehnen militärische Hilfe für die spanische Republik ab. Sie nennen das Friedenspolitik und erklären sich für neutral.

»… bestürzend ist der Gedanke, wie zählebig der Glaube der europäi­schen Politik an die schlechte Rhetorik ist, an die Kraft der leeren Worte, die bar jeden Gehalts sind, als wären sie Brustwehren zur Verteidigung gegen die Wirklichkeiten der Zukunft …«

Die guten Jahre für Literaten sind vorbei – es wird gefährlich, abends Cafes aufzusuchen in Madrid. Bombenangriffe, Anschläge, Tote in den Straßen. Franco weiß Hitler und Mussolini auf seiner Seite und rückt rasch auf Madrid vor. Er lässt mit deutschen und italienischen Flugzeu­gen die Konzerthalle und die Nationalbibliothek in Madrid bombardie­ren und damit die Gnadenorte des weltlichen Spanien. Am 19. August 1936 ermorden faschistische Brigaden den jungen Dichter Federico Gar­cia Lorca.

El crimen fue en Granada – Das Verbrechen geschah in Granada

Man sah ihn zwischen Gewehren gehen,
durch eine lange Gasse,
hinaus aufs kühle Feld,
noch leuchtete der Morgenstern.

Sie töteten Federico
im Morgenrot.
Der Schwarm der Verbrecher wagte nicht
ihm ins Gesicht zu sehen.
Sie schlossen die Augen
und beteten: Dass Gott Dich verlasse!

Tot fiel Federico
– Blut auf der Stirn und Blei in den Eingeweiden –
… dass es in Granada geschah, das Verbrechen,
wisset! – armes Granada – sein Granada.

Im November 1936 greifen die nationalistischen Bodentruppen, die zu großen Teilen aus nordafrikanischen Söldnen bestehen, Madrid an. Ihr Ziel, die Hauptstadt rasch zu erobern, erreichen sie nicht. Drei Jahre wird der Kampf dauern. Die demokratische Regierung zieht vorsichtshal­ber nach Valencia um und fordert die ihr nahestehenden Intellektuellen auf, mit ihr die Stadt zu verlassen. Auch die Familie Machado wird in Autos und Busse verfrachtet und aus der Stadt gekarrt. Nicht mit dabei ist Manuel Machado, Antonios älterer Bruder. Er lebt in Burgos. Und seine Brüder hören, was sie nicht glauben können und wollen: Manuel ist zu den Falangisten übergelaufen. In der Nähe von Valencia bewohnen die übrigen Machados eine alte Villa, umgeben von Zitronenbäumen, mit Blick aufs Meer.

meditacion del dia

Frente a la palma de fuego
que deja el sol que se va,
en la tarde silenciosa
y en este jardin de paz,
mientras Valencia florida
se bebe el Guadalaviar
–Valencia de finas torres,
en el lirico cielo de Ausias March,*
trocando su rio en rosas
antes que llegue a la mar ! –
pienso en la guerra. La guerra
viene como un huracan
por los paramos del alto Duero,
por las llanuras de pan llevar,
desde la fertil Extremadura
a estos jardines de limonar,
desde los grises cielos astures
a las marismas de luz y sal.
Pienso en España, vendida toda
de rio a rio, de monte a monte, de mar a mar.
Abendgedanken

Gegenüber der Hand aus Feuer,
hinterlassen von der untergehenden Sonne
an diesem schweigsamen Abend
und in diesem Garten des Friedens,
während das blühende Valencia
seinen Fluss trinkt
– Valencia der schlanken Türme
im poetischen Himmel des Ausias March,
das seinen Fluss in Rosen verwandelt
auf dem Weg ins Meer –
denk ich an den Krieg. Der Krieg
kommt wie ein Sturm
aus dem wüsten Land des oberen Duero,
aus den Kornkammern der Ebenen,
aus der fruchtbaren Extremadura
in diese Zitronengärten,
aus den grauen asturischen Himmeln,
in die Marschen von Licht und Salz,
ich denke an Spanien,
verkauft, ganz verkauft
von Fluss zu Fluss,
von Gebirg zu Gebirg,
von Meer zu Meer.

Machado ist müde und krank, er hat gewiss zuviel geraucht. Trotzdem spricht er auf Straßen und Plätzen von Valencia und organisiert 1937 den Zweiten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in der Stadt. Aus Russland ist Ilja Ehrenburg ist gekommen. Machado sagt: »Für die Historiker haben wir den Krieg verloren. Wir haben es nicht gelernt Krieg zu führen. Aber ich bin mir nicht sicher, vielleicht haben wir ihn doch gewonnen.«

Eine Zeitlang erwägt Machado, mit seinen Geschwistern und seiner Mut­ter nach Russland auszuwandern. Aber seine Gesundheit lässt das nicht mehr zu. Der immer kleiner und trauriger werdende Tross der Regierung zieht im Herbst 1938 von Valencia nach Norden, in die kataloni­sche Hauptstadt Barcelona. Einige Tage im Hotel Majestic, dann ein paar Monate auf einem verlassenen Landsitz vor den Toren der Stadt. Antonio Machado und sein Bruder José machen zusammen ein Buch, Antonio schreibt, José illustriert. Titel: Der Krieg – La guerra auf Spa­nisch ist der Krieg weiblich, wie der Mond und der Tod.

an den wegkreuzen
lauern uns grausame feinde auf
im haus versteckt sich der verrat
draußen wartet die gier
verkauft ist das tor zu den meeren
und die wellen des windes in den ebenen
und der boden den wir bestellt haben
und der sand des feldes auf dem wir gespielt haben
und der stein in dem das harte eisen liegt
nur die erde in die wir sterben gehört uns
hütet euch vor der aufgehenden sonne
hütet euch vor der glutgeburt der alten mutter
mit gespanntem bogen wachsam
in den morgen. gebt acht! gebt acht! gebt acht!

Dieses Gedicht schrieb Antonio Machado als Hymne für die republikani­sche Jugend.


Zehntes Kapitel: Costa Brava

Die letzte Adresse der Machados in Spanien lautete Torre Castañer, Paseo de la Bonanova Nr. 21, Barcelona. Ein ehemals vornehmes Anwe­sen, in dem es inzwischen mehr Spinnweben als Vorhänge und mehr Mäuse als Menschen gab. Hier fuhr, in der Nacht vom 22. auf den 23. Januar 1939, nachdem italienische und deutsche Bomber am Tag zuvor Brand und Tod in die Stadt getragen hatten, ein großes Auto vor, lud die Familie Machado ein und brachte sie zu einer kleinen Karawane von Krankenwagen, die als Fluchtbusse dienten. Nach dem Umstieg machte sich das verlorene Trüppchen republiktreuer Intellektueller auf Befehl der landlos gewordenen Regierung nach Norden auf, in ziemlich wilder Flucht. Antonio Machado war in dieser Nacht, man weiß nicht warum, gegen seine Gewohnheit regelrecht festlich gekleidet, schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Die Fahrzeugkolonne ratterte an der Costa Brava entlang Richtung Norden, viele der Orte haben eine zweieinhalb­tau­sendjährige Geschichte, heute kennen wir die Namen aus Reisepros­pekten, Mataró, Arenys de Mar, Malgrat de Mar, dann landein­wärts in Richtung auf die Provinzhauptstadt Girona, wo man im Morgengrauen anlangte. Die noch dunkle Stadt war verstopft von überlade­nen Last­wagen voller Bürostühle, Schreibmaschinen, Regalen. Die erbärmlichen Krankenwagen mit den Dichtern und Professoren hatten es schwer, über zweit- und drittstufige Landstraßen voran zu kom­men. Die Stimmung war trübe, verzweifelt, erschöpft, trotzig.

Traurige Flaggen
der Dämmerung. Gegen sie
bin ich lebendiges Purpur.
Es wird ein Herz geben in der Dunkelheit,
Purpur von neuem, bei Tagesanbruch.

Girona, Cervia del Ter, San Pere Pescador, Figueres, Cadaques, Port Bou – das waren die Stationen der folgenden Tage. Irgendwann in Wind und Regen und Matsch gaben die Chauffeure auf, die Flüchtlinge muss­ten zu Fuß weiter. Das einzige Gepäck, das Machado mit sich führte, ein kleiner Koffer mit Papieren, blieb im Auto und tauchte nie wieder auf. Vielleicht hat er sich einfach im Regen aufgelöst und ist wieder Natur geworden. Im Grenzbahnhof Cerbère hatten sich tausende Spanier ohne Papiere gesammelt, die Kellner in der Bahnhofsgaststätte sagten, sie näh­men kein spanisches Geld, draußen die senegalesischen Fremdenlegio­näre, deren Gesichter von den Tropfen des eisigen Nieselregens glitzerten und die den Grenzdienst versahen, traten hart und herablassend auf; ihre Aufgabe war es, die Flüchtlinge auf Konzentrationslager zu verteilen. Machados Mutter, nicht ganz auf der Höhe der Situation, sagte, man müsse den freundlichen Leuten einen guten Tag wünschen, wo sie die Güte hatten uns einzuladen. Ob es Mitleid der Grenzer war oder eine anonyme helfende Hand, die Machados müssen nicht ins campo de con­centración. Nach einer Nacht in einem kalten Waggon auf einem Abstell­gleis am nächsten Tag nach Collioure mit dem Zug.


Elftes Kapitel: Collioure, die Rettung

Man steigt aus dem Zug, Machados Mutter sagt, wie schön, dass wir wieder nach Sevilla kommen. Vom Bahnhof ins Städtchen. Am Markt ein Laden, Strick- und Kurzwarenhandlung, die Inhaberin hat ein Herz für spanische Flüchtlinge, sie bringt Kaffee für die Machados. Gibt es hier ein Hotel? Ja gleich hier, 50 Meter über die Brücke, aber die ist ge­sperrt, Sie müssen einen Umweg über den Friedhof machen. Dann Hotel Bougnol-Quintana, Zimmer mit Meerblick.

Von Meer zu Meer zwischen uns beiden Krieg
viel tiefer als das Meer. Von meinem Erdgeschoss
seh ich aufs Meer, das der Horizont verriegelt.
Du Guiomar an einem andern Weltenende

Siehst auf ein andres Meer, das düstere Meer
eines anderen Spanien, das Camoens besang.
Manchmal begleitet Dich meine Abwesenheit
und mich schmerzt die Erinnerung an Dich, Göttin.

Der Krieg zerriss die Liebe mit einem heftigen Hieb
und es blieb nichts als die alles beherrschende Angst vor dem Tod
und der fruchtlose Schatten einer Flamme

und der Traum vom Honig der späten Liebe
die unmögliche Blüte an einem Zweig,
die eine Axt abtrennte mit kaltem Schnitt.

Die Familie Machado ist zu viert: die Mutter Ana Ruiz-Machado, 84, Antonio Machado, 63, sein Bruder José Machado, Ende 50 und dessen Frau Matea. Sie beschränken ihre Mahlzeiten auf das Frühstück und das Abendessen. Sie sitzen gern abseits. Antonio und José haben jeweils ein Hemd, wenn eines gewaschen werden muss, gehen die beiden nacheinan­der zum Essen. Die Hotelinhaberin, Pauline Quintana, hat einen Eisen­bahner zum Freund, Jacques Baills, der für sie die Bücher führt.

»Zwei oder drei Tage nach ihrer Ankunft ging ich die Gästeliste durch und sah den Namen Antonio Machado, Beruf Lehrer. Das machte mich stutzig und ich erinnerte mich, dass ich in der Abendschule, einige Zeit vorher, Gedichte von einem Antonio Machado gelesen hatte. … Und so ging ich zu ihm hin und fragte, ob er der Dichter Antonio Machado sei. Und er, ohne eine Miene zu verziehen und ohne das leiseste Lächeln, sagte, Ja, der bin ich. … Und von da an ging ich nach jedem Abendessen an ihren Tisch, setzte mich dazu und unterhielt mich ein bißchen mit ihnen. Nicht, dass wir über Politik gesprochen hätten, nein, das über­haupt nicht. Wir haben über alltägliche Dinge gesprochen, denn ich hatte das Gefühl, ich saß da mit jemandem, der mir himmelhoch überle­gen war, und ich dachte, wenn es um was Ernstes geht, weiß ich nichts zu antworten. Bei den Gesprächen erfuhr ich, dass José und Matea nicht wussten, wo ihre Kinder waren. Sie hatten sie einige Zeit vorher nach Russland geschickt, um sie vor den Bomben in Sicherheit zu bringen. Ich fragte, warum sie ihnen nicht schrieben. Sie sagten, sie hätten kein Geld für Papier und Briefmarken. Warum haben Sie das nicht früher gesagt. Wir gaben ihnen Geld. Und einige Zeit später bekamen sie Nachricht.«

Am 9. Februar 1939 schrieb Antonio an einen Freund in Paris.

»Sehr verehrter und bewunderter Freund,
nach einem beklagenswerten Exodus habe ich die Grenze überquert, mit meiner Mutter, meinem Bruder und seiner Frau, unter Bedingungen, wie sie schlechter nicht sein könnten (kein Cent französisches Geld) und heute befinde ich mich in Collioure, Hotel Bougnol-Quintana und dank einer kleinen Unterstützung durch offizielle Stellen kommen wir bis Ende des Monats damit hin. Meine dringendste Sorge ist, wie wir in Frankreich bleiben können, bis ich mit dem Schreiben genug verdiene, dass wir uns hier halten können oder nach Russland gehen, wo ich mit offenen Armen empfangen würde … Das Problem beschränkt sich also auf die Notwen­dig­keit einer finanziellen Unterstützung für die Zeit ab März, entweder um hier im Hotel bleiben zu können oder irgendwo hier in der Nähe eine kleine möblierte Wohnung zu mieten, unsere Ansprüche sind sehr be­scheiden … Sollte sich unsere Anschrift kurzfristig ändern, würde ich es Sie telegrafisch wissen lassen. Einstweilen bleibe ich hier. Seien Sie kräftig umarmt von Ihrem
Antonio Machado.«

Etwa um den 15. Februar verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Ana Ruiz. Sie liegt regungslos in ihrem Bett, nur hin und wieder erwacht sie, um sich nach ihrem Sohn Antonio zu erkundigen, der eben­falls kaum noch sein Zimmer verlässt. Im Fenster sieht er den Himmel und das Meer. Eine einzige Zeile hat er in Collioure geschrieben.

Estos dias azules y el mar de la infancia.
– diese blauen Tage und das Meer der Kindheit.

Er scheint sich erkältet zu haben. Ein Arzt wird gerufen und verschreibt Medikamente, die nicht helfen. Der alte Dichter ist kaum noch ansprech­bar, hustet, fiebert, wälzt sich im Bett und ruft immer wieder »Auf Wieder­se­hen, Mama, Adios madre!« In einer ruhigen Phase, am 20. Februar diktiert er seinem Bruder eine Karte an einen Freund. »Es geht aufwärts …« sagt er und fällt kurz darauf ins Koma. Am Aschermittwoch, dem 22. Februar 1939, gegen halb vier, ist Antonio Machado gestorben.

Caminante son tus huellas
El camino nada más;
caminante no hay camino
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino
y al volver la vista atrás
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino
sino estelas sobre el mar.

¿Para que llamar caminos
A los surcos del azar … ?
Todo el que camina anda,
Como Jesús sobre el mar.

Wanderer, nur deine Spuren
sind der Weg, und weiter nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
Der Weg entsteht im Gehen.
Im Gehen entsteht der Weg
Und wenn man zurückschaut
dann sieht man einen Pfad
den man nie wieder betreten wird.
Wanderer es gibt keinen Weg
nur das Kräuseln des Kielwassers auf dem Meer.

Am Tag nach seinem Tod erreicht ein an Antonio Machado adressierter Brief das Hotel Bougnol-Quintana. Der englische Hispanist John Brande Trend bietet dem exilierten Dichter Antonio Machado die Stelle eines Dozenten an der Universität Cambridge an. Am 24. Februar wird An­tonio Machado, in eine Wolldecke eingewickelt, auf dem Friedhof von Collioure zu Grabe getragen. Der Sarg ist bedeckt mit der Fahne der spanischen Republik.

Die Furchen, die der Zufall gräbt –
warum sollte man sie Wege nennen?
Jeder der wandert geht
wie Jesus über das Meer.

Am Abend des Beerdigungstages wacht die Mutter des Dichters Ana Ruiz Machado aus dem Koma auf, klettert aus ihrem Bett und geht in das benachbarte Zimmer, um ihrem Sohn Antonio Gute Nacht zu sagen. Dessen Bett ist leer. Wo ist Antonio? fragt sie ihren Sohn José, dessen Frau neben ihm steht.

»›Er ist im Krankenhaus.‹ sagte José. Und ich erinnere mich bis heute an den Blick, mit dem Mama Ana ihn ansah und ihm kein Wort glaubte. Sie ging zurück in ihr Zimmer und zwei Tage später starb sie.«

Wer heute nach Collioure reist, findet ein ausgeputztes ehemaliges Fischerdorf mit sorgsam restauriertem Charme. Die einstmals von den Fauvisten entdeckten malerischen Gassen muten heute an wie Attrappen, Kulissen eines Historienfilms aus den 20er Jahren. Die kleinen Läden borden über von allem frivolen Kitsch, dessen das wohlmeinende Kunst­handwerk der vereinigten Töpferinnen und Töpfer Westeuropas fähig ist. Und doch ist hier auch, einen Steinwurf entfernt von dem Hotel, in dem Machado und seine Mutter starben, ein kleiner Friedhof. Hier ruhen die Gebeine von Ana Ruiz-Machado und Antonio Machado. Das Grabmal ist zu jeder Jahreszeit besät mit Blumen und Karten, auf denen mit oft­mals ungelenker Hand ein Vers oder ein Gedicht oder ein Gruß an den Dichter geschrieben steht. Auf dem Grabstein lesen wir:

Und wenn der Tag der letzten Reise kommt
und das Schiff ablegt, das niemals zurückkehrt,
werde ich an Bord sein mit leichtem Gepäck,
fast nackt, wie die Söhne des Meers.

 

Textsuche

Neben der freien Textsuche und dem Schlagwortregister besteht an dieser Stelle die Möglichkeit, die Suche nach bestimmten Texten weiter einzugrenzen. Sie können die Suchfelder »Schlagwort« und »Jahr« einzeln oder in Kombination mit den anderen beiden Feldern verwenden. Um die Suche auszulösen, drücken Sie bitte die Enter-Taste; zum Auffinden der jeweiligen Textstelle benutzen Sie bitte die Suchfunktion Ihres Browsers.