Gedichte

Die Papierzeitung – Notizen für einen Nachruf

 

Meistens war sie jung.
Sie zitterte in Deinen Händen, wenn Du nervös warst,
sie färbte Deine Fingerkuppen, wenn Du sie glattstrichst,
sie sah Dich an und raschelte, ohne zu verraten warum.
Sie hatte ihre Geheimnisse, war aber treu im Großen und Ganzen.
Sie kam jeden Morgen, außer wenn der Bote Schnupfen hatte.
Manchmal wurde sie sogar gestohlen.
Sie war begehrt.

Wenn sie allein in der Wohnung war, fing sie den Staub für Dich.
Wenn Sturm aufkam, konnte es geschehen, dass sie von Deinem Balkon
aufstob und zwischen den Häusern herumflatterte wie ein großer
Schmetterling und sich verfing in dem Geäst der Birke vor Deinem Haus.

Wenn Du alt würdest, so war Deine Hoffnung, könntest Du sie
zusammenrollen und als Kissen unter den Kopf schieben.
Oder Du könntest sie auseinanderfalten und die Sprungfedern Deines
Bettes damit bedecken. Sie war die Mutter Deiner Träume von Löwen
und Fußballspielen und Prostituierten die in den Himmel aufstiegen.

Sie wird noch einige Jahrzehnte überleben hinter verjährten Tapeten.
Einige angestrichene und ausgeschnittene Artikel werden überleben in
den Brieftaschen von Pensionären und in Büchern als Lesezeichen.

Du sagtest:

Sie hat für jeden etwas bereit. Als Eierhändler kann man Eier darin
einwickeln, als Angler Fische, als Glasbläser Gläser, als Wanderer kann
man mit ihr seine nassen Schuhe ausstopfen, als Erpresser Erpresserbriefe
schnitzeln aus ihren Buchstaben: 50.000 Dollar im Koffer, Mülltonne
Trafalgar Square, high noon, keine Polizei oder du bist so gut wie tot.

Man kann sie zu einem Rohr drehen und eine Mücke damit zu Brei
schlagen.

Man kann sich hinter ihr verstecken. Und doch erkennt man den
Charakter eines Menschen an der Zeitung, hinter der er hockt.
Ich habe gelesen, dass man ein Loch in die Zeitung bohren kann und die
Welt dann genauso scharf sieht wie Nick Knatterton.

Man kann dem Chefredakteur, der sein Portrait so gerne neben seine
gehässigen Artikel drucken ließ, ein Hitlerbärtchen malen oder zwei
Teufelswarzen auf die Stirn,
das ist nicht strafbar,
man kann auch den richtigen Namen des Leitartiklers durchstreichen
und Gustav Arschloch hinschreiben,
das ist nicht strafbar.
Man kann stattdessen eine Mütze gegen die Sonne aus ihr basteln,
oder einen Odradek,
der durch die Bibliothek spaziert und die Germanisten nervös macht,
auch das ist nicht strafbar.

Man kann sie löchern und das Konfetti von der Brücke des
Missverständnisses in den Fluss des Lebens werfen. Sie ist so geduldig!

Ich gebe zu, mit der Zeit sieht man ihr das Alter an.
Die Kriege, zu denen sie aufruft, sind längst verloren,
auch die Rosenkriege.
Die Verleumdungen sind schon vertrocknet, wenn sie gedruckt sind.
Besonders bei Sonnenschein welkt sie rasch dahin, wird gelb und riecht
nach Vanille.
Und sie wird braun und zerbröselt zu Staub.
Oder man macht Feuer damit an.
Oder sie wird im Kompost weich und feucht wie Waldboden.
Und sie wird eins mit den Würmern und der lebenspendenden Erde.
In ihrer Verwandlungsfähigkeit gleicht sie uns Menschen.
Sie ist mehr als ihr Inhalt.
Sie ist mehr als eine Seele.
Einen Inhalt und eine Seele hat alles und jeder,
aber die holzgeborene Form, die alterungswillige Form …
das Einverständnis mit den Gesetzen des Lebens.
Sie heißt Zeitung, ist aber reine Zeit,
reiner Geist in der Art
wie auch wir reiner Geist sind.

Sie ist kurzlebig, autonom
und saugfähig.

Natürlich kann man auch in ihr lesen.
Das kann man überall, in den Spuren der Wölfe, der Steine
und der Kondensstreifen kann man lesen.

Und in den Spuren des Lichts aus den Tiefen des virtuellen Seins
wo ich las:
Tröste Dich
Der Gott, der Martin Luther die Zeitung schenkte,
lasse seinen Segen ruhen
auf You Tube und Instagram
changeorg und wikipedia
in nomine patris et filii
der heilige Isidor von Sevilla stehe uns bei
et spiritus sancti
Amen.

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