Essays und Vorträge

Figaros Rache

oder: Die Entstehung von Kunst aus dem Geist der Gesetze und den Gesetzen der Liebe. Das abenteuerliche Leben des Pierre Augustin Caron de Beaumarchais


Christoph Schmitz-Scholemann

 

I.
Erste Vorbemerkung: Die meistgespielte Oper der Welt

Vor einigen Jahren versuchte ich – ich glaube, es ging um eine Wette – herauszubekommen, welches die meistgespielte Oper der Welt ist. Ich stieß auf ein erstaunliches Phänomen. Kurz gesagt, die verschiedenen Auskünfte der Musikwissenschaft laufen darauf hinaus, dass es nicht eine, sondern fünf meistgespielte Opern der Welt gibt, so ähnlich, wie es früher drei oder vier amtierende Weltmeister im Schwergewichtsboxen gab. Die Opern sind La Traviata, Carmen, Die Zauberflöte, Die Hochzeit des Figaro und Der Barbier von Sevilla. Ich hatte also die freie Wahl und entschied mich deshalb für meine Lieblingsopern, für die Hochzeit und den Barbier. Diese beiden meistgespielten Opern haben, wie ich bei weite­ren Nachfor­schungen feststellte, mehrere Gemeinsamkeiten. Sie handeln von der selben Hauptperson, nämlich von einem jungen Mann namens Figaro, der ein ziemlich frecher Hund ist und sich gern mit Autoritä­ten anlegt, auch mit Richtern, wenn man sie mal als Autoritäten gelten lässt. Außer­dem wurden beide Opern nach französischen Theater­stücken geschrie­ben, die kurz vor der Revolution entstanden und in de­nen die verkomme­nen Sitten der Zeit aufs Korn genommen wurden, und zwar auf eine leichtfüßige und ironische Art. Schließlich stammen diese Theaterstücke von dem selben Autor, nämlich einem gewissen Beaumar­chais – nicht zu verwechseln mit Beauharnais, Beauregard, Belvedere, Baudelaire oder gar Beaujolais. Den Kennern der deutschen Klassik fällt bei Erwähnung dieses schönen Namens vielleicht ein, dass in Goethes Clavigo eine der Hauptpersonen ebenfalls Beaumarchais heißt. Einmal neugierig gewor­den, interessierte mich nun, ob und wenn ja wie das alles zusammen­hängt, was für ein Menschenleben sich hinter dem Namen Beaumarchais verbirgt, ob Clavigo etwas mit Figaro zu tun hat und auf­grund welcher Verwandlungen von Leben in Kunst dieser Figaro so leben­dig geblieben ist, dass er es seit 200 Jahren schafft, mächtigen Zeitgenos­sen den Spiegel vorzuhalten, ohne ihnen zum Opfer zu fallen – und dabei immer so leicht und wohlgelaunt bleibt wie die Musik des jun­gen Mozart.

 

II.
Zweite Vorbemerkung: Von der Zukunft und von der Vergangenheit

Aus dem Vor­wort des Herrn von Beaumarchais zur 1785 erschienenen Druckfassung seiner Komödie Die Hochzeit des Figaro: »Ein sehr angese­hener Herr hat über meine Hochzeit des Figaro geschrie­ben, der größte Fehler bestehe darin, dass das Stück nicht auf Beobachtun­gen … beruhe. … Den niederträchtigen und korrupten Sitten, die das Stück zeige, fehle durchaus das Verdienst, wahr zu sein … Man mag einwen­den, dem Herrn, der sich so ausdrückte, fehle nichts weiter als ein biß­chen Geist, um ein mittelmäßiger Schriftsteller zu sein. Aber, mittelmäßig oder nicht …, in diesem Fall bin ich ganz und gar seiner Mei­nung: Ich stimme mit ihm ausdrücklich darin überein, dass mein Stück auf die Genera­tion von vor dreißig Jahren gut passt und dass es ebenso zutref­fend die Wahrheit über die nach uns kommende Genera­tion sagt, es be­trifft also die Vergangenheit und die Zukunft, nur mit der Gegen­wart hat es nicht das Geringste zu tun. Ich selbst bin dafür der beste Zeuge. Denn ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen verheirate­ten Schürzenjä­ger kennengelernt, ebenso wenig wie einen Vorge­setzten, der hinter seiner Angestellten her war, ich habe auch noch nie einen verleumderi­schen Zeitungsartikel gelesen, noch nie einen vom Neid zerfresse­nen Denunzianten gesehen, auch keine hübsche junge Frau, die sich aus Geldgier an reiche Männer herangemacht hätte, ferner kei­nen einzigen aufgeblasenen, dümmlichen und voreingenommenen Richter, keinen unverschämten Rechtsanwalt, und schon gar keine Dutzend­men­schen und Parvenus in Ministersesseln und Präsidenten­ämtern. Und wenn alle die reinen Seelen, die sich in dem Stück natur­gemäß nicht wiedererkennen können, vor Ärger zittern und mein Stück zerreißen, dann tun sie das gewiss nur aus Respekt gegen ihre Vorväter und aus Feingefühl gegenüber ihren Kindern. …«

Diese Worte, das ist meine Bitte an den Leser, wollen wir gemeinsam beherzigen: Auch in den sieben Kapiteln aus dem Leben des Herrn von Beaumarchais, die wir hier aufblättern, wird ausschließlich von der Vergan­genheit und der Zukunft die Rede sein, jeglichen Seitenhieb auf gegenwärtige, europäische, nationale oder regionale Verhältnisse versa­gen wir uns. Getreu dem Motto, das vor einigen Jahren eine Ausgabe des Thüringischen Staatsanzeigers zierte: Wir leben heute in den goldenen Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen werden.

 

III.
Dritte Vorbemerkung: Aufklärung

Im großen Kalender der Befreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit ist der 27. April 1784 der heiterste Tag. Es war der Tag, an dem die Komödie Figaros Hochzeit in Paris Premiere hatte. Noch kurz zuvor hatte der französische König verfügt: »Das ist unglaublich! Dieses Stück wird niemals auf die Bühne kommen. … Dieser Bursche macht sich über alles lustig, was im Staat der Achtung bedarf.«

Dieser Bursche, nämlich der Autor des Stückes Figaros Hochzeit, war der Uhrmachermeister und Frauenfreund, Waffenhändler, Verleger, Harfenist, Spion und Schriftsteller Pierre Augustin Caron de Beaumar­chais. Das Verdienst, die Komödien Der Barbier von Sevilla und Figa­ros Hoch­zeit geschrieben zu haben, verband er mit der Ehre, dafür ins Kitt­chen zu wandern – auch dafür. Denn es war nicht das erste und nicht das ein­zige Mal, dass Beaumarchais Krach mit der Justiz hatte, und nicht nur in Frankreich. Er saß hinter schwedischen Gardinen in London und in Paris, in Ulm und in Wien und beinahe auch in Madrid, ein vorbildli­cher Eu­ropäer und Internationalist auch in dieser Beziehung. Was sei­nem Ruf al­lerdings lange Zeit geschadet hat. Napoleon sagte: »Ich hätte Beaumar­chais lebenslang ins Irrenhaus gesteckt.«

Und Johannes Brahms: »… mit Beaumarchais … geht es einem, wie so oft bei Franzosen: wenn man sich die Herren etwas näher besieht, bleibt gar kein tüchtiger Kern an ihnen. Er war … ein vollkommener Schwind­ler.«

Wir werden sehen, wieviel daran ist. Aus den Reibereien mit der Jus­tiz jedenfalls schlugen Funken und zündeten literarische und musikalische Lichter an, überall in Europa, auch in der deutschen Klassik. Beaumar­chais übrigens suchte die öffentlichen Debatten, manchmal aus Eitelkeit, gelegentlich aus Geschäftsinteresse, oft zum eigenen Verderben, immer mit Lust an der Revolte des Worts. »Ohne die Freiheit zum öffentlichen Tadel ist das öffentliche Lob nichts wert«, lässt Beaumarchais seinen Hel­den Figaro sagen, und dieser Satz steht bis heute als Motto auf jeder Aus­gabe einer großen Pariser Tageszeitung, die aus eben diesem Grunde auch Le Figaro heißt. Nicht nur in seinen Theaterstücken, auch in sei­nem Leben hat Beaumarchais beherzigt, was Voltaire von der Literatur for­derte: Jedes Genre ist erlaubt, nur nicht das langweilige. Geschadet hat sei­nem Ruf und Nachruf in den Feuilletons allerdings die Neigung, eine gewisse legere Oberflächlichkeit in den Dingen der Literatur zur Schau zu tragen: »Für Lotto konnte ich mich nie begeistern, also habe ich Theater­stücke geschrieben. Aber man sagte: Was mischt sich dieser Kerl da ein? Er ist doch gar kein Dichter, er ist ein Unternehmer und in tau­send Affären verwickelt. …«

Beaumarchais focht das nicht an. Er zahlte seinen Gegnern heim, ele­gant, wohlgelaunt, »mit der Sorgfalt einer ausgesuchten Rache«, in eige­ner Person oder durch den Mund Figaro’s, seines alter ego auf dem Thea­ter. Nähern wir uns also der Biographie. Larousse-Dictionnaire des Littéra­tures, Paris 1992.

»Beaumarchais, Pierre Augustin Caron de, geboren Paris 1732, gestor­ben ebenda 1799. … Das Wesentliche seines Lebens lag außerhalb der Literatur … Sohn des ursprünglich protestantisch gewesenen Pariser Uhrmachermeisters André Caron, … versuchte er sein Glück auf den verschiedensten Gebieten … Es sind zu allererst seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Existenz und seine Prozesse, die ihn zum Schreiben und zur Literatur brachten …«

Die Geschichte von Figaros Rache ist auch die Geschichte einer selten beachteten Eigenschaft der Literatur: Sie kann Leben retten, zum Bei­spiel das des Literaten. Jedenfalls, wenn man einen hinreichend großzügi­gen Literaturbegriff vertritt, wie Johann Wolfgang von Goethe: »Beaumar­chais war ein toller Christ … – Prozesse waren sein Element, worin es ihm erst eigentlich wohl wurde. Es existieren noch Reden … aus einem seiner Prozesse, die zu dem Merkwürdigsten, Talentreichsten und Verwegensten gehören, was je in dieser Art verhandelt worden. Eben diesen berühmten Prozeß verlor Beaumarchais.«

Figaros Hochzeit, 5. Akt, 2. Szene, Monolog des Figaro: »und wie­der sehe ich aus dem Innern einer Kutsche die Zugbrücke einer Festung … niedergehen und mit der Freiheit schwindet die Hoffnung … O wundersamer Lauf der Dinge! Warum ist das mir widerfahren? Wieso ausgerechnet das? Wer hat diese Blitze auf mein Haupt gelenkt? Wege meines Lebens – blind habe ich euch betreten, widerwillig werde ich euch verlassen – mit Blumen bestreue ich euch, so viel, wie meine Fröhlich­keit erlaubt.«

Vor allem handelt die Geschichte von Figaros Rache vom Theater und von Prozessen, was oft auf dasselbe hinausläuft, jedenfalls wenn man einen hinreichend großzügigen Prozess-Begriff vertritt.

 

IV.
Erstes Kapitel: Das Hans-Wurst-Theater, ein kurzer Erziehungspro­zeß und ein Vertrag fürs Leben

Das Haus des Uhrmachers Caron stand in der Rue St. Denis, in der Nähe der Markthallen, heute 1. Arrondissement mit leicht musealem Anstrich, aber immer noch alles zu kaufen, von Uhren bis Huren. Da­mals war die späte Blütezeit des Absolutismus und es war eine fröhliche Zeit. Man mußte sich ablenken: Der Staatsbankrott als Prinzip der Finanzpo­litik, eine zugleich theatralische und verkommene Justiz, Kriegser­klärungen und Friedensschlüsse nach Mätressenlaunen. Bei Hofe wurde Komödie gespielt, um der Langeweile zu entfliehen. Das Volk spielte seine eigenen Stücke. Das Theâtre de la foire, das Markttheater, ließ keine Gelegenheit zu obszönem Wortspiel aus. Die Stadtjugend war begeis­tert von den derben Szenen, wie der folgenden aus dem Stück Jean Bête a la foire – Hans Wurst auf dem Markt. Hans Wurst hält bei Herrn von Cassandre um die Hand der schönen Isabelle an. Hans Wurst stellt sich vor:

»Hans Wurst
… sehen Sie in mir, verehrter Cassander, den berühmten eklatanten Dok­tor Wurscht, der bereits das Glück hatte Mamasell Isabelle das Sakra­ment des Stoßgebets zu verabreichen …

Cassander
Wie bitte? Sie sind derjenige, der meine Tochter so festgenagelt hat …

Hans Wurst
… jawoll. Hansch Wurscht, Witscheertschähler, Kabarettischt, Schohn desch ehrenwerten Hansch Hartschtang, Enkel des Hansch Dick-Ei, Uren­kel desch Hansch Langschwansch

Cassander
Können Schie nischt vernünftisch reden?

Hans Wurst
Manschmal schon, esch kommt und geht. Alscho. Enkel des Hans Dick-Ei, Urenkel des Hans Langschwanz, … der den Lenden Hannes-des-Säufers entströmt war.

Cassander
Mütterlicherseits oder väterlicherseits …

Hans Wurst
Allerseits gewiß, mein Herr Mös-Jöh! Mein Großvater war äußerst väter­lich, aber durchaus auch mütterlich, tantelich, tintelich, tuntelich, schwäger-, schwieger- und schwuchtelig, und das wußte damals jeder. Er war ja der berühmte Hans Hartstang, wie ich bereits erwähnte … Und sein Enkel war sogar notariell beglaubigter Aktenablecker, Regierungs­präsi­dent in der Profunz …,

Cassandre
Mein Herr, ja, wenn das sooo ist, das sind ja famöse Familienverhält­nisse … Denn wo, frage ich, gibt es eine so verbreitete Familie wie die Hanswurste? Paßt nicht gerade auf sie der schöne Satz, der da lautet: Es gibt keine Regierung auf der ganzen Welt, wo man nicht einen Hans Wurst in die erste Reihe stellt! … Sie können gewiß ein Gliedchen davon singen. Kommt, meine Kinder! Meine Mitgift beträgt 12 Groschen. Aber mein Segen wird sein wie Puffpisse vom reinsten Brunnen. … Übrigens: Den wievielten welchen haben wir heute?

Hans-Wurst
Au, mein Herr, das tut mir leid. Da haben Sie mich auf dem falschen Fusel erwischt … Aber keine Sorge, ich werde zählen: Gestern war Mitt­woch, der erste Sonntag des Monats, nächsten Freitag ist Veilchendiens­tag. Damit ist eigentlich alles gesagt.«

Soweit das theåtre de la foire. Als unser Held im zarten Alter von drei­zehn, vierzehn Jahren diese ruppige Volkskunst kennenlernte, war er noch der junge Herr Caron, in der damals üblichen Aussprache Mon­sieur Caron fi(ls), also Caron-Sohn, oder einfach: Ficaron – was schon ziemlich nach dem Namen seiner späteren Theaterfigur Figaro klingt – Ficaron also, der in diesen Jahren eigentlich in der Uhrmacher-Werkstatt seines Vaters sitzen sollte, verbrachte seine freien Stunden bei den Theater­leuten. Er spielte und sang und trieb sich herum. Irgendwann hatte der Vater das Theater satt. Er warf seinen Sohn aus dem Haus. Ficaron bat um Gnade und erhielt von seinem Vater diesen Brief: »Er­wäge … wohl die Bedingungen, welche ich für deine Heimkehr aufstelle. Ich verlange volle, unbedingte Unterwerfung unter meinen Willen …

  1. … Du wirst nichts, nicht einmal einen alten Uhrschlüssel ohne meine ausdrückliche Zustimmung verkaufen.
  2. Du wirst im Sommer um 6, im Winter um 7 Uhr aufstehen und bis zum Abendessen ohne Widerstreben … fertig bringen, was ich Dir auf­trage. … Bedenke wohl, dass Du keine Achtung verdienst, wenn Du nicht der erste in Deinem Handwerk wirst. …
  3. Du wirst nicht mehr außer Haus zu Nacht essen und ebensowenig abends ausgehen. …
  4. Du wirst Deine unselige Musik … aufgeben … Sie hat … Dich ins Ver­derben gestürzt …
  5. … erinnere Dich wohl, dass ich keine faulen Ausreden für Verspätun­gen gelten lassen werde …

Wenn Dir diese Bedingungen zusagen, und wenn Du Dir die Kraft zu­traust, sie redlich zu erfüllen, dann nimm sie an und unterfertige Dich auf diesem Brief, den Du mir zurücksenden sollst …«

Ficaron antwortete: »Hochgeehrter Herr Vater! Ich unterfertige alle Ihre Bedingungen in dem festen Willen, sie mit Gottes Beistand zu erfül­len. Es ist gerecht, dass ich eine Demüthigung erdulde, die ich in Wahr­heit verdient habe, und ich wäre überglücklich, wenn sie mir im Verein mit meiner sonstigen guten Aufführung die Wiederkehr Ihrer Freund­schaft verschaffen könnte. Zur Bekräftigung unterschreibe ich Ihren Brief sei­nem vollen Wortlaute nach. Augustin Caron fils«

 

V.
Das zweite Kapitel. Vom Nutzen der Hemmung und wie der König der Uhrmacher durch einen gewonnenen Prozess zum Uhrmacher des Königs wurde

Diderot & D’Alembert, Enzyklopädie, 1751–1765, Artikel échappe­ment – zu Deutsch Hemmung: »Die Hemmung ist ein wesentlicher Teil der Uhren; allgemein gesprochen handelt es sich um den Mechanismus, vermit­tels welchen das Uhrwerk die Bewegung des letzten Rädchens empfängt und seinen Lauf verzögert …, mit dem Zweck, den Gang der Uhr zu mäßigen und zu regeln. …«

Am 13. November 1753 schrieb der inzwischen 21jährige Uhrmacher Pierre Augustin Caron an die Monatsschrift Courrier de France folgen­den Leserbrief:

»Mit äußerstem Erstaunen habe ich in Ihrer Ausgabe von September 1753 gelesen, dass Herr Lepaute, Uhrmacher im Luxembourg, eine neue Hemmung und ein Pendel als seine neue Erfindung anpreist, von denen er behauptet, die Ehre zu haben sie dem König und der Akademie vorzustel­len.
Im Interesse der Wahrheit und meines persönlichen Ansehens … kann ich … über diese Hinterhältigkeit unmöglich den Mantel des Schweigens breiten … Und die Wahrheit ist, dass ich am 23. Juli dieses Jahres, im Über­schwang der Freude über meine gerade gemachte Erfindung, die Schwäche hatte, diese Hemmung Herrn Lepaute anzuvertrauen …
Caron fils, Uhrmacher, rue Saint-Denis.«

Die Antwort des Uhrmachers Lepaute war folgende: »Man weiß wenig über den jungen Herrn Caron, der sich, kaum dem Lehrlingsstande entron­nen, erkühnt, mich des Betruges anzuklagen, was eine eigenwillige Art ist, sich für die Großzügigkeit zu bedanken, mit der ich ihn an mei­nen Ideen teilhaben ließ. Vielleicht genügt der Hinweis, dass sein Vater von Gott weiß woher kam und sich erst einmal taufen lassen mußte, um in die Pariser Uhrmacherzunft aufgenommen zu wer­den. Ich für mein Teil verabscheue Eigenlob. Deshalb habe ich das unver­dächtige Zeugnis dreier namhafter Jesuiten beigefügt. …«

Der Streit um die Erfindung der Hemmung führte zu einem Prozess vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften, in deren Registern das folgende Urteil erhalten ist:

»Die Herren Camus und Montigny, die zu Richtern ernannt worden sind in der Streitsache zwischen den Herren Caron und Lepaute betref­fend eine Uhrenhemmung, deren Erfinder beide Herren zu sein behaup­ten: … Nachdem die Richter die Sache untersucht haben, hat die Akade­mie … beschlossen:
Dass Herr Caron als wahrer Erfinder der neuen Uhrenhemmung anzuse­hen ist, und dass Herr Lepaute diese Erfindung nur nachgeahmt hat. … und dass diese Hemmung bei den Uhren die am besten funktionie­rende ist, die man jemals angewandt hat. …
Paris, 4. März 1754
Gezeichnet
Grand-Jean de Fuchy
Ständiger Sekretär der Königlichen Akademie der Wissenschaften.«

Ein knappes Jahr später erscheint wieder ein Leserbrief des jungen Uhrma­chers Pierre Augustin Caron:

»Ich habe inzwischen Uhren gemacht, die so flach sind, dass man sie kaum als solche erkennt, flacher, als sie je hergestellt wurden, und zwar ohne jede Einbuße an Qualität. Die erste dieser … Uhren bekam der König. … eine weitere Madame Pompadour …
Unterschrift
Caron Fils, horloger du roi – königlicher Uhrmacher«

Sein Geschick als Uhrmacher verschaffte Caronfi Zugang zum Hof. Und seine Begabung als Harfenspieler und Frauenbeplauderer erwarb ihm das fortgesetzte Entzücken von Victoire, Adelaide, Louise und Sophie, den vier Töchtern des Königs. Zwar sagte man, dass eine von ihnen hässli­cher sei als die andere; und bei Hofe hießen sie coche, loque, graille und chiffe – Schmutzkrähe, Wischlappen, Saubohne und Schlampe. Aber Prinzessinnen waren sie trotzdem und folglich war der Aufstieg unseres Helden nicht mehr aufzuhalten, obwohl natürlich ein Palast wie Versai­lles Nischen, Winkel und tote Gänge genug hat, in denen der Neid zün­gelt und die Intrige zischelt. Später sagt Beaumarchais über diese Zeit: »Alles, was in den Jahren seit 1755 geschah, hat man später in dem unglück­seligen Prozeß gegen mich verwandt. Den Richtern ging es gar nicht um meine Zahlungsklage, es ging ihnen um mich und meine Art zu leben. Sie wollten einen Menschen zerstören, der nicht zu ihnen gehörte. Ihre Argumente waren so fein und verdreht wie das Lächeln in ihren Mundwinkeln. Ihre Waffe war die Verleumdung.«

 

VI.
Drittes Kapitel: Jahre des Aufstiegs. 1755 bis 1773 im Zeitraffer

Anfang 1755
Der Uhrmacher des Königs, Herr Pierre Augustin Caron lernt bei Hof Madelaine-Catherine von Francquet kennen, Frau des Oberauf­se­hers der Hofküchenschreiber im Schloß von Versailles. Frau Francquet lernt ihren hübschen und sehr süßen Uhrmacher lieben, welches Schick­sal sie mit einer Reihe von Geschlechtsgenossinnen zu teilen hat. Er schreibt ihr wunderbare Briefe: »… wenn ich daran denke, dass er Ihr Gatte ist und zu Ihnen gehört, kann ich nur noch still seufzen und war­ten, bis eine höhere Macht es so fügt, dass ich Sie glücklich machen darf, denn dazu sind Sie geschaffen. …«

Mitte 1755
Herr von Francquet verkauft sein Hofamt an den Uhrmacher seiner Frau gegen ein Leibrentenversprechen.

9. November 1755
Der königliche Uhrmacher Caron wird durch königliches Dekret zum königlichen Oberaufseher der königlichen Hofküchenschreiber ernannt, was kein sehr bedeutendes, aber eben doch ein königliches Amt ist, das entschieden über dem des königlichen Hundefütterers steht.

1756
Der Siebenjährige Krieg beginnt. Für Frankreich und England geht es um die amerikanischen Kolonien.

2. Januar 1756
Herr von Francquet stirbt plötzlich und wohl auch weitgehend unerwar­tet. Seine Frau ist untröstlich über diese Fügung einer höheren Macht und nimmt die Erbschaft an. Dazu gehört ein Lehensgut in der Nähe von Paris, ein Grenzgehölz oder Moorgehölz, französisch: Le bois marchais, was sich schon fast wie Beaumarchais anhört.

27. November 1756.
Zehn Monate nach dem Tode des Herrn von Francquet heiratet seine Witwe ihren königlichen Uhrmacher. Die Ehe ist unglücklich. Frau von Francquet schreibt ihm: »Undankbarer! Du wirst die Ursache meines Todes werden … Ohne Dich hätte ich niemals dies unglückselige Ja gespro­chen, das mein Herz durchbohrt hat.«

30. September 1757
Frau Caron, verwitwete Francquet, stirbt zehn Monate nach der Hoch­zeit plötzlich und im Wesentlichen wohl ebenfalls unerwartet. Bei den Erbauseinandersetzungen mit der Familie geht der junge Witwer Caron leer aus. Allerdings bringt ihn der klangvolle Name des zum Erbe gehörenden Landgutes auf eine Idee. Ab Oktober 1757 unterschreibt er seine Briefe plötzlich mit dem Zusatz de Beaumarchais. Der Name des Mannes Pierre Augustin Caron de Beaumarchais ist nun vollständig.

Um 1759.
Beaumarchais tummelt sich bei Hofe, unter Schauspielern und Spekulan­ten. Er unterhält die Töchter des Königs mit seinem Harfen­spiel, erfindet ein besonderes Pedal für sie, schreibt inständige Briefe an anständige Damen und sehr unanständige Theaterstücke für sündige Zirkel. Sein Ruf ist prekär. Er lernt den Waffenhändler Pâris-Duverney kennen, einen der reichsten Männer Frankreichs.

»… Herr Duverney war verzweifelt, weil er seit zwölf Jahren vergeb­lich versucht hatte, die königliche Familie dazu zu bewegen, die von ihm gegründete école militaire zu besuchen. Er wollte mich kennenlernen und bot mir seine Freundschaft, seine Unterstützung und Kredit an, falls ich es schaffen würde …«

18. August 1760
Der König besucht in Begleitung seines Hofküchenschreibers Beaumar­chais die école militaire. Pâris Duverney ist glücklich und dank­bar.

9. Dezember 1761
Beaumarchais leiht sich von seinem durch den Krieg noch reicher gewor­denen Freund Pâris-Duverney 70.000 Livres. Für das Geld kauft er ei­nen Adelsbrief mit gelbem Wachssiegel, natürlich gegen Quittung.

1762
Bewerbung um das Amt eines königlichen Großforstmeisters. Die Ant­wort des Ministers lautet: »Der Bruder und die Töchter des Königs ha­ben sich dieses Postens wegen für Sie verwendet; der König hat keinen Einspruch erhoben. Sie haben die Stelle bezahlt. Nun denn: Sie werden Sie nicht haben. … Die Großforstmeister sind durchaus nicht einverstan­den … Ihr Vater war Handwerker … und wie berühmt man auch immer in dieser Kunstfertigkeit ist, so ist dieser Stand doch mit den Ehren, die zur Großforstmeisterwürde gehören, unverträglich. …«

1763
Mit erneuter Unterstützung seines Gönners Pâris-Duverney kauft Beaumarchais den Posten des General-Leutnants der Jagdaufsicht. Damit ist das Amt eines Jagdrichters verbunden. Von nun an sitzt Beaumarchais einmal in der Woche zu Gericht. Meist geht es um Klagen von Bauern, denen eine adlige Jagdgesellschaft das Vieh verletzt oder die Saat zertram­pelt oder Zäune eingerissen hatte. Beaumarchais ist bei den Bau­ern beliebt, womit auch die Frage geklärt ist, warum er bei den Jagdgesell­schaften unbeliebt ist.

1764
Beaumarchais reist nach Madrid, um zwei selbstauferlegte Missionen zu erfüllen, eine familiäre und eine geschäftliche. Die familiäre Mission betrifft seine seit mehreren Jahren in Spanien lebende Schwester Lisette. Deren Ehewunsch und Ehre waren durch den Wortbruch eines jungen Mannes gefährdet. Es handelte sich um einen von den kanarischen Inseln stammenden Intellektuellen, nach dem in Spanien bis heute viele Straßen und Plätze heißen. Der Name des ehescheuen Enzyklopädisten: Don Joseph Clavijo y Faxardo – zu deutsch: Clavigo. Außerdem versucht Beaumarchais, mit Hilfe der spanischen Regierung und zum Nachteil Englands ins Amerikageschäft einzusteigen, Sklavenhandel inbegriffen. Louisiana und das schwarze Gold vor Augen studiert der selbsternannte Geheimdiplomat die spanischen Hofintrigen, spielt Karten mit dem russi­schen Geschäftsträger, Theater mit dem englischen Botschafter, bringt erste Skizzen zum Barbier von Sevilla zu Papier und nimmt intime Beziehun­gen zu einer gewissen Marquise de la Croix auf. Sie soll den als sexuell gehemmt geltenden spanischen König verführen und aushorchen. In einem Memorandum an den französischen Außenminister gibt Beaumar­chais neben zauberhaften Schilderungen der spanischen Lebens­art seine diplomatische Devise bekannt: »Alles versprechen und nichts halten.« Die Reaktion des französischen Außenministers ist prompt und eindeutig: »Unbedingte Ausschließung dieses Individuums von jeder … offiziellen Mission.«

1765
Da der spanische König sich infolge seiner allerkatholischsten Gewissens­bisse die zu Spionagezwecken unentbehrlichen Momente der Entspannung mit der Marquise versagt, kehrt Beaumarchais im wesent­lichen unverrichteter Dinge nach Paris zurück, allerdings, wie immer, jede Menge gute Laune im Gepäck. In Paris gedeihen die Geschäfte, hier sprießen die Amouren, im Familienkreis mit Vater Caron und Schwester Julie wird à l’Espagnole gesungen und getanzt. Einer seiner Neider schreibt: »Dieses äußerst unverschämte Individuum ist stets wohlgelaunt und grenzenlos unbeliebt, wenn es auch den Anschein hat, als ob man ihm nichts vorwerfen könnte …«

29. Januar 1767
Beaumarchais’ erstes abendfüllendes Theaterstück Eugénie wird aufge­führt, ein bürgerliches Rührstück um eine bedrängte junge Frau. Ein Rezensent schreibt: »Herr von Beaumarchais hat uns … zweifellos bewie­sen, dass er weder Genie, noch Geist noch Talent besitzt.«

1768
Beaumarchais heiratet zum zweiten Mal. Seine Frau wird bei der Ge­burt des zweiten Kindes Ende 1770 sterben. Auch die beiden Kinder leben nicht lange.

13. Januar 1770
Beaumarchais zweites abendfüllendes Theaterstück Die zwei Freunde oder Der Kaufmann von Lyon wird aufgeführt. Eine Zeitung schreibt:

»Herr von Beaumarchais sollte lieber gute Uhren machen als schlechte Stücke. Hier kursiert bereits ein Spottvers:

Das Stück von Beaumarchais ist dumm
Und ging gehörig in die Binsen.
Beim Kaufmann ging viel Geld herum
Nur für das Publikum gabs keine Zinsen.«

1772
Fertigstellung der Komödie: Der Barbier von Sevilla. Die Auffüh­rung unter­bleibt einstweilen wegen Schwierigkeiten mit der Zensur. Im Bar­bier ebenso wie später in der Hochzeit des Figaro lässt Beaumar­chais seinen Helden Figaro erklären, warum er den Beruf des Theater-Schriftstellers aufgab: »Ich bastle eine Komödie über die mohamedani­schen Sitten im Harem zusammen. … unverzüglich beklagt sich ein Abge­sandter von was weiß ich wo, ich hätte in meinen Versen die Hohe Pforte, Persien, einen Teil Vorderindiens, ganz Ägypten und die Königrei­che Cyrenaica, Tripo­lis … und Marokko beleidigt … und schon landet meine Komödie auf dem Scheiterhaufen, ein paar islamischen Prinzen zuliebe. … Da man den Geist nicht erniedrigen kann, rächt man sich, indem man ihn misshan­delt. … Und als ich einsah, dass die Repub­lik der Dichter die der Wölfe ist, die ständig einander belauern, und dass alle Insekten, die Mü­cken, Bremsen, Kritiker, Neider, Journalisten, Buch­händler, Zensoren, kurz alles, was sich an die Haut der unglücklichen Literaten klebt, noch ihr letztes bißchen Substanz vernichtet und aus­saugt, und da ich das Schrei­ben satt hatte, mir selber auf die Nerven ging, von Schulden er­drückt und mit leerem Portemonnaie, tauschte ich die Schreibfeder ge­gen das Schabemesser des Barbiers …«

 

VII.
Das vierte Kapitel: Die Affäre Goezmann oder »Auf die Galeeren mit ihm!«

Anfang 1770 war Beaumarchais’ Geschäftspartner, der greise Waffenhänd­ler Pâris-Duverney, schwer erkrankt. Auf feinstem Papier à la Telliére wurde eine Schlußrechung erstellt. Beaumarchais soll noch 15.000 Livres erhalten. Beaumarchais schreibt den Text, beide Freunde unterzeichnen. Bevor das Geld fließt, stirbt Pâris-Duverney. Der Nach­lass hat einen Wert von weit über eine Million Livres. Doch der Erbe, der Comte de la Blache, ist knauserig. Beaumarchais schreibt später: »15.000 von einer Million, das ist lächerlich. Aber sein Universalerbe, der Conte de la Blâche, zahlte nicht. Ich klagte. Er erhob den Vorwurf der Urkunden­fäl­schung gegen mich. Ich gewann zwei Mal. Er legte Revision beim Parlement de Paris ein, dem Obersten Gerichtshof … Er bearbeitete die Richter, er bezahlte Anwälte, er antichambrierte. Und ich?«

Beaumarchais’ Möglichkeiten, sich um seinen Prozess zu kümmern, erlit­ten in dieser entscheidenden Phase eine bedenkliche Hemmung. Er hatte plötzlich den Wohnsitz wechseln müssen, wie er seinem Freund meldet.

»Paris, den 26. Februar 1773
Mein lieber Gudin,
Ich schreibe Ihnen erstmals aus einem luftigen, mit festen Jalousien verse­henen, wohlversperrten, sparsam eingerichteten, gegen Diebe je­doch vortrefflich gesicherten Gelass, das sich in dem mitten in Paris am Seineufer anmutig gelegenen Forum Episcopi befindet.«

Forum Episcopi, zu deutsch: Bischofsgericht oder Bischofsmarkt, ge­meint ist das Gefängnis Fort l’Evèque.

»Kraft eines unversiegelten Briefes, der deshalb folgerichtig den Na­men Siegelbrief trägt, der vom König ausgefertigt … und mir zur Erlei­dung aufgetragen wurde, bin ich seit heute morgen … in einem ungeheiz­ten Zimmer gegen eine Miete von 2160 Livres mit der tröstlichen Versiche­rung einquartiert, dass mir mit Ausnahme des Notwendigen nichts abgehen soll. … Warum? Ich weiß es nicht. Doch es ist um den Namen des Königs eine so schöne Sache, dass man ihn nicht oft genug vervielfältigen und zweckmäßig anbringen kann. … Der erste Trost in allen Leiden ist, sich der Notwendigkeit zu beugen.«

Statt sich intensiv seinem Zahlungsprozeß widmen zu können, saß Beaumarchais also im Gefängnis. Das hatte er seinen, wie er sie selbst nannte, spermatischen Neigungen zu verdanken. Eine seiner Schönen war zugleich die Mätresse eines gewissen Herzogs. Die Eifersucht dieses Pair de France hatte Beaumarchais unterschätzt, wie wir seiner Aussage gegenüber der Pariser Polizei über die folgenschweren Ereignisse vom 11. Februar 1773 entnehmen dürfen.

»Ich hatte die Sitzung des Jagdgerichts gerade eröffnet, als ich den Her­zog, höchst verstört, eintreten sah. … Ich hebe die Sitzung für ein paar Minuten auf, um mit ihm in ein Nebenzimmer zu gehen. Hier eröff­net er mir. …, dass er mich auf der Stelle töten, mein Herz zerfleischen und mein Blut, nach dem ihn dürste, trinken wolle. ‚Sonst nichts, Herr Herzog? Dann mit Verlaub, zuerst das Geschäft und hernach das Vergnü­gen.’ Damit kehre ich ruhig in den Gerichtssaal zurück und setze die Verhandlung fort …«

Nach Schluß der Verhandlung folgte der Herzog Beaumarchais nach Hause, wo er rundheraus erklärte, er habe die Absicht, ihn zu erdolchen.

»Ich antwortete ihm ebenso rundheraus: ›Das Vergnügen sei Ihnen unbe­nommen … Aber zuvor will ich Ihnen ein Diner geben lassen.‹ … Als wir die Stufen zu meinem Zimmer hochgegangen sind, … drückt er mir … fünf Fingernägel dicht unter den Augen ein und zerkratzt mir das Ge­sicht, das sofort von Blut überströmt. … Er fährt mir in die Haare und reißt mir die … Stirn auf … ich versetze ihm mit voller Wucht einen gewalti­gen Faustschlag. ›Nichtswürdiger!‹ sagt er zu mir ›Du schlägst einen Pair von Frankreich und Herzog?‹ … Da ich mich anschicke, wie­der hinabzusteigen, … tritt er in mein Speisezimmer ein, nimmt ganz allein und seelenruhig am Tisch Platz, ißt eine große Schüssel voll Suppe und ein paar Koteletts und trinkt zwei Flaschen Wasser aus. Dann hört er klopfen, läuft an die Tür und sieht den von Nachbarn herbeigerufenen Kommissar Chênu … Der Herzog erklärt ihm, er müsse sich mit mir um 4 Uhr nachmittags schlagen … Nach dieser Bemerkung stürzt sich mein Wahnwitziger … erneut auf mich … Man drängt ihn in mein Schlafzim­mer. Dort findet ihn kurze Zeit später der Kommissar … damit beschäf­tigt, sich selbst zu ohrfeigen und das Haar gleich büschelweise auszurau­fen, aus Wut darüber, dass er mich nicht umbringen konnte.«

Zwei Wochen nach dem Auftritt des eifersüchtigen Herzogs ist Beaumar­chais, wir hörten es, im Gefängnis, wegen Beleidigung in Tatein­heit mit Körperverletzung, begangen zu Lasten eines Pair de France. In dieser Zeit zieht sein Gegner im Zahlungsprozeß, der säumige Erbe, den zuständigen Richter Louis Valentin Goezmann auf seine Seite. Obwohl Beaumarchais’ Forderung von 15.000 Livres durch die Abrech­nung mit seinem verstorbenen Geschäftspartner Pâris-Duverney bestens und schrift­lich dokumentiert ist, wird seine Klage am 6. April 1773 abgewie­sen. Schlimmer noch. Auf Antrag seines adligen Gegners muß Beaumar­chais seinerseits mehrere hunderttausend Livres zahlen. Sein gesamtes Vermögen kommt unter die Verwaltung eines Gerichtsvoll­ziehers. Sein Haus wird geräumt, die Familie muß zu Freunden ziehen. Der Richter Goezmann, dessen Selbstbewusstsein durch seinen elsäs­sichen Dialekt und einen leichten Sigmatismus kaum beeinträchtigt war, gibt eine mündli­che Urteilsbegründung, die keines Kommentars bedarf.

»De iure, das Gericht hat entschieden, wie es entschieden hat… Also das Gericht hat entschieden. Und zwar nicht eigentlich deshalb, weil … Pâris-Duverney von Herrn de Beaumarchais durch Arglist, Irrtum oder Überraschung im Rechtssinne zur Unterschrift gebracht worden wäre und deshalb das besagte Dokument für null und nichtig zu erklären wäre, sondern, weil das Gericht sich davon überzeugt hat, dass, de facto und de jure, gar kein Dokument existiert, weshalb es nach den Regeln der Logik auch nicht angefochten werden konnte, ex nihilo nihil und e contrario. Dies alles deshalb, weil Pâris-Duverney gar nichts unterschrieben hat, denn wenn er auch in Wirklichkeit unterschrieben hat und es auch ein Dokument zu geben scheint, so ist doch das, was über der Unterschrift steht, von Beaumarchais geschrieben, wie Beaumarchais sogar selbst zu­gibt …«

Beaumarchais beschreibt seine Lage so: »Öffentlich beschimpft, der Frei­heit beraubt, um 300.000 Livres ärmer, eingesperrt, verleumdet, rui­niert … so waren der Schmerz und das Elend mein einziger Halt. In zwei Monaten war aus einem Privatmann, der das angenehmste Leben führte, das man sich wünschen kann, ein Abschaum geworden …«

Es kommt noch schlimmer. In Paris machten Gerüchte die Runde, der Richter Goezman sei bestochen worden. Goezman dreht den Spieß um und klagt Beaumarchais wegen Verleumdung und versuchter Richter­be­stechung an. Darauf steht die Galeerenstrafe. Und der Prozeß findet vor dem Gericht statt, dem Goezmann selbst als Richter angehört. Beaumarchais, nach wie vor eingesperrt, schreibt: » … Meine Freunde schwiegen, meine Schwestern weinten, mein Vater betete. Ich … gehe in dem spärlichen Raum, der mir geblieben ist, auf und ab, sammle meine Kräfte und bereite mich auf das nächste Unglück vor … Denn ich weiß, dass mir auf der Welt nichts gehört außer dem Gedanken, den ich forme und dem Augenblick, in dem ich ihn denke.«

In dieser ausweglosen Lage greift Beaumarchais zur Feder. Er schreibt um sein Leben. Vier Denkschriften, sogenannte Mémoirs, lässt er dru­cken, bietet sie in Buchhandlungen zum Kauf an und schickt sie seinen Richtern. In den Mémoirs geht Beaumarchais dem Vorwurf des Bestechungs­versuchs auf den Grund. Und es kommt ans Licht, wie es beim obersten Gericht des französischen Königreichs zugeht. Der Rich­ter Goezmann, der nebenher weihevolle Abhandlungen über Recht und Gerechtigkeit verfasste, hatte sich eine liebe Gewohnheit daraus gemacht, die Parteien vor Verhandlung und Urteilsschöpfung zu Einzel-Audienzen bei sich zu Hause zu empfangen. Aus christlichem Mitgefühl, wie er behaup­tete. Seine Frau, sie musste mehrfach als Zeugin aussagen, war da ehrlicher: »Mit dem, was der König uns gibt, können wir unmöglich aus­kommen. Wir verstehen eben die Kunst, das Huhn zu rupfen, ohne dass es schreit.«

Beaumarchais fügt hinzu: »Und das Huhn war ich!«

Beaumarchais hatte sich – während er im Gefängnis saß – um eine Audi­enz bei Richter Goezman bemüht. Nach einigem Hin und Her wurde ihm vom Innenminister Freigang unter Aufsicht erteilt. Zweiundzwan­zig Mal sprach er beim Türhüter des Richters vor. Einund­zwanzig Mal wurde er abgewiesen. Erst als er durch Mittelsmänner an Madame Goezmann zahlte – 100 Livres in bar und eine mit Brillanten besetzte Uhr, die Madame Goezman in einer Blumenschachtel verschwin­den ließ – wurde er vorgelassen – und nach wenigen Minuten mit einem vieldeutigen Lächeln wieder verabschiedet. Diese vom Richter begangene Erpressung in einen Bestechungsversuch des Angeklagten umzudeuten – das war Goezmans Strategie. Seine gefährlichste Waffe war die Verleumdung. Ihm geneigte oder von ihm abhängige Journalis­ten setzten alle möglichen Gerüchte über Beaumarchais in Umlauf. Die übelste dieser gehässigen Nachreden besagte, Beaumarchais habe beim Tod seiner beiden ersten Frauen nachgeholfen. Dafür gab es und gibt es bis heute nicht den Schatten eines Beweises, aber Goezmann brachte diese Gerüchte in den Prozess ein, als wären es Tatsachen – spin-docto­ring nennt man das heute. Beaumarchais versuchte dagegen, seinen Charak­ter in ein günstiges Licht zu stellen. Er arbeitete in seine Verteidi­gungsschriften eine Art Kurz-Autobiographie ein. Darin bekennt er sich zu seiner bürgerlichen Herkunft, zu seinem Beruf als Handwerker, zu seinem Vater und zu seiner Familie. Ausführlich berichtet er, wie er zehn Jahre zuvor auf Bitten seines Vaters nach Madrid gereist war, um die Ehre seiner Schwester wiederherzustellen. Den Zusammenstoß mit dem spanischen Intellektuellen Clavijo y Fajardo, der sein Eheversprechen gebrochen hatte, gibt er in einem theaterreifen Dialog wieder:

»Beaumarchais
Ich komme bewaffnet mit der besten Sache und aller Entschlossen­heit, einen Verräther zu entlarven, mit blutigen Zügen seine Seele auf sein Gesicht zu zeichnen, und der Verräter – sind Sie!

Clavijo y Fajardo
Hören Sie mich, mein Herr – Ich bin – Ich habe – Ich zweifle nicht. …

Beaumarchais
Unterbrechen Sie mich nicht. Sie haben mir nichts zu sagen und viel von mir zu hören … Sie haben ein ehrliches Mädchen mit kaltem Blute beschimpft, weil Sie glaubten, in einem fremden Land sei sie ohne Bei­stand und Rächer. So handelt ein Niederträchtiger, ein Nichtswürdiger … Und also, zuvörderst erklären Sie eigenhändig, freiwillig, bei offenen Thü­ren, in Gegenwart Ihrer Bedienten, dass Sie ein abscheulicher Mensch sind …

Clavijo y Fajardo
Ich tue diese Erklärung nicht … Hören Sie mich! Ich werfe mich zu Ih­ren Füssen! Helfen Sie! Geben Sie mir Ihre Schwester wieder, mein Herr, geben Sie mich ihr, wie glücklich wär ich, von Ihrer Hand eine Gattin und die Vergebung all meiner Fehler zu erhalten.

Beaumarchais
Es ist zu spät! Meine Schwester liebt Sie nicht mehr, und ich verab­scheue Sie. Geben Sie die verlangte Erklärung, das ist alles, was ich von Ihnen fordere. Und überlassen Sie mir die Sorgfalt einer ausgesuchten Rache!«

Warum diese Worte auch dem bekannt vorkommen, der die Prozess­schrif­ten des Herrn von Beaumarchais nicht gelesen hat, werden wir gleich sehen. Dass die Denkschriften in Paris und bald auch in ganz Eu­ropa verschlungen wurden, lag nicht nur an ihrem aufklärerischen Pa­thos, so etwa, wenn Beaumarchais den Richtern entgegenschleuderte, sie hätten sich vor dem moralischen Urteil der Völker zu verantworten. Sehr beliebt waren auch die lebendigen Schilderungen, die Beaumarchais aus dem Binnenleben der Justiz zum Besten gab. Marie-Antoinette ließ in Versailles kleine Sketche frei nach den Denkschriften des Herrn von Beaumarchais aufführen, so etwa die Begegnung Beaumarchais’ mit der sehr jungen und hübschen, aber nicht übermäßig intelligenten Frau des Richters Goezman, die, als sie ihm wieder einmal vor der Polizei gegenüber­gestellt wurde, sagte:

»Mme Goezmann
Sie sind ein gräßlicher Mensch, Herr Beaumarchais … Immer wollen Sie alles auf morgen verschieben. Sie wollen nur Zeit schinden, um Ihre Boshaftigkeiten besser vorbereiten zu können. Aber ich sage Ihnen, wenn Sie Ihre Boshaftigkeiten nicht sofort und ohne Vorbereitung sagen, dann ist es morgen zu spät dafür.

Beaumarchais
Woher wissen Sie denn, dass ich so ein gräßlicher und boshafter Mensch bin? Wir haben uns doch noch nie gesehen!

Mme Goezmann
Muss ich das etwa sagen? Ich weiß es eben, woher ichs weiß. Jeder sagt es.

Beaumarchais
Auch Ihr Ehemann?

Mme Goezmann
Überall sagt man es. Letzten Winter noch. In der Oper. Beim Ball.

Beaumarchais
Das muß aber ein langweiliger Ball gewesen sein. Wenn ich da gewe­sen wäre und Sie gesehen hätte, Madame, ich hätte Ihnen schönere Sa­chen gesagt … Aber wenn Sie unbedingt wollen, dass ich Ihnen noch etwas vorwerfe, ehe wir uns heute abend trennen, dann also … Ich erhebe den Vorwurf, dass Sie … ständig die Unwahrheit sagen, indem Sie behaup­ten, dreißig Jahre alt zu sein, während Ihr Gesicht beweist, dass Sie erst achtzehn sind. … Erlauben Sie also, dass ich Ihren Fächer und Ihren Mantel nehme, gewähren Sie mir die Freude, Ihnen die Hand zu reichen und Sie zu Ihrem Wagen zu begleiten.

Mme Goezmann
Oh, Sie gräßlicher Mensch!

Beaumarchais
Finden Sie mich wirklich noch gräßlich?

Mme Goezmann
Zumindest ganz schön schlimm.

Beaumarchais
Das klingt doch schon viel netter, finden Sie nicht?«

Auch die von Beaumarchais zum Teil wörtlich wiedergegebenen Dialoge in den Verhandlungen des Gerichts übten eine starke Anziehungskraft auf die Leser aus, zumal sich inzwischen herausgestellt hatte, dass der auf seine Ehrenhaftigkeit so bedachte Richter Goezmann eine Taufurkunde gefälscht hatte, um die Existenz eines unehelichen Kindes zu verheimli­chen. Sitzung vom 22. Dezember 1773:

»Goezmann
Monsieur de Beaumarchais, sind Sie der Autor einer Broschüre mit dem Titel: ›Ergänzung zur Denkschrift etcetera. etcetera‹?

Beaumarchais
Ich glaube, dass der Umstand meiner Autorschaft absolut nichts mit der Frage …

Goezmann
Antworten Sie klar und deutlich mit Ja oder Nein und versuchen Sie nicht dauernd, mir auszuweichen.

Beaumarchais
Monsieur, ich erlaube mir die Freiheit, das hohe Gericht zu bitten, mir eine Bemerkung gestatten …

Goezmann
Monsieur de Beaumarchais, Sie sind hier, um Fragen zu beantworten, und nicht um Bemerkungen zu machen.

Beaumarchais:
Und ich versichere dem Gericht, dass meine Bemerkung von solcher Bedeutung ist, dass, wenn ein Urteil zu meinen Lasten ohne Berücksichti­gung der betreffenden Umstände erginge, es nicht nur ungerecht wäre, sondern auch einen schweren Formfehler enthielte.

Goezmann
Die Form, Monsieur de Beaumarchais?

Beaumarchais
Jawohl, die Form, hohes Gericht, die Form!

Goezmann
Aha, die Form, das ist unerhört. Das ist eine ernste Sache.

Beaumarchais
Es geht darum, dass ein Mitglied des Gerichts vor wenigen Tagen bei einem Diner zwischen Käse und Konfekt geäußert hat, Herr von Beaumar­chais sei schon so gut wie …

Goezmann
Schweigen Sie!

Beaumarchais
Und was Sie persönlich angeht, Herr Gerichtsrat Goezmann, in Ihrer Eigenschaft als Taufpate …

Goezmann
Schweigen Sie, habe ich gesagt. Die Sitzung wird vertagt. Pause!«

 

VIII.
Nachtrag zum vierten Kapitel: Schaffensprozesse oder die blitzartige Entstehung von Kunstwerken aus dem Geist der Gesetze und den Geset­zen der Liebe

Den Kampf um die öffentliche Meinung hatte Beaumarchais durch seine Mémoirs gewonnen. Das intellektuelle Europa lag ihm zu Füßen. Goe­the, damals ein junger Star der Frankfurter Szene, verschlang die mé­moires. Im Dritten Teil von Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe über die zu dieser Zeit üblichen Gesellschaftsspiele, bei denen ein junger Mann und ein Mädchen für einen Abend verheiratet wurden: »Weil nun bei jeder unserer geselligen Zusammenkünfte etwas Neues vorgelesen werden mußte, so brachte ich eines Abends … das Memoire des Beaumar­chais … mit … und nachdem man viel darüber hin und wieder gesprochen hatte, sagte mein lieber Partner: Wenn ich Deine Gebieterin und nicht Deine Frau wäre, so würde ich Dich ersuchen, dieses Memoire in ein Schauspiel zu verwandeln, es scheint mir ganz dazu geeignet zu sein. – Damit Du siehst, meine Liebe, antwortete ich, dass Gebieterin und Frau auch in einer Person vereinigt sein können, so verspreche ich, heute über acht Tage den Gegenstand dieses Heftes als Theaterstück vorzule­sen … Man verwunderte sich über ein so kühnes Versprechen, und ich säumte nicht, es zu erfüllen. … Berechtigt durch unsern Altvater Shakespeare nahm ich nicht einen Augenblick Anstand die Hauptszene und die eigentlich theatrali­sche Darstellung wörtlich zu übersetzen …«

So ist also der Clavigo, eines der Hauptstücke des deutschen Sturm und Drang, in weiten Teilen die wörtliche Übersetzung einer französi­schen Prozessschrift.

 

IX.
Das fünfte Kapitel: Das Urteil – Schmach und Auferstehung

Die französische Justiz war, anders als die intellekuelle Welt, durchaus unbeeindruckt von Beaumarchais’ Redegewalt. Auszug aus dem letztinstanz­lichen und damit unanfechtbaren Urteil vom 26. Februar 1774 in Sachen Goezmann gegen Beaumarchais:

»Die Vereinigte Kammer des Gerichtshofes … verurteilt Pierre Augus­tin Caron de Beaumarchais,
auf Befehl vor der Kammer niederzuknien und die Aberkennung der Ehrenrechte entgegenzunehmen,
ferner eine Geldbuße in Höhe von drei Livres aus eigenen Mitteln an den König zu zahlen
Außerdem ordnet die Kammer … an, dass die vier … im Zusammen­hang mit dem vorliegenden Prozeß von dem genannten Beaumarchais
veröffentlichten Denkschriften … durch den Exekutor des Hoch­gerich­tes öffentlich zerrissen und verbrannt werden auf der Großen Treppe des Justizpalastes, weil sie Ausdrücke und Anschuldigungen so­wohl des Gerichts insgesamt als auch eines einzelnen Mitgliedes dessel­ben enthalten, welche vermessen, skandalös und beleidigend sind, ferner auch Verleumdungen mehrerer Privatpersonen.«

So lächerlich die Geldbuße von 3 Livres war, die Aberkennung der Ehren­rechte kam dem bürgerlichen Tod gleich. Und doch: Welch fröhli­che Auferstehung! Nur wenige Tage nach dem Urteil bittet König Lud­wig der XV. Beaumarchais zur Audienz. Der Absolutismus hatte eben auch seine charmanten Seiten. Der König, von der Dummheit seiner obersten Richter peinlich berührt, lässt sich etwas einfallen. Er schlägt Beaumarchais vor, für einige Zeit von der Bildfläche zu verschwinden. Er soll als Privatspion Ludwigs nach England gehen, allerdings weder als Beaumarchais noch als Caron, sondern unter dem Pseudonym Baron de Ronac. In England sitzen nämlich französische Emigranten, die sich ei­nen Spaß daraus machen, Abhandlungen über Ludwigs Triebleben zu schreiben und zu verkaufen. Diesen Leuten soll der Baron de Ronac das Handwerk legen. Wie Beaumarchais nun in der Londoner Emigranten­szene wühlt, in deren Mittelpunkt eine transsexuelle Doppelagentin aus dem Hochadel steht, mit der Beaumarchais zwielichtige Beziehungen unterhält, wie er mit amerikanischen Freiheitskämpfern, windigen Lords und falschen Waffenschiebern verhandelt, durch Salons und Hafenspelun­ken jagt und gejagt wird – Kerkeraufenthalte inbegriffen – das ist ein Roman für sich. Kurz und gut: Beaumarchais erledigt den Auftrag, kehrt frohgemut nach Frankreich zurück und an dem Morgen, an dem er in Versailles seinen Lohn empfangen will – ist der König seit zwei Stunden tot. Beaumarchais ist unverschämt genug, nunmehr gegen­über dem neuen König, Ludwig dem XVI. zu behaupten, auch über ihn würden von London aus Broschüren verbreitet. Sie enthielten die übels­ten Verleumdungen – nicht des Königs, aber der Maße seiner Zeugungsor­gane. Wieder wird Beaumarchais zum Baron de Ronac er­nannt, wieder gibt es einen wilden Roman, mit Verfolgungsjagden von England bis Österreich, einer Messerstecherei bei Ulm und einem Arrest am kaiserlichen Hof zu Wien. Ludwig der XVI. zeigt sich alsbald erkennt­lich für die Einsatzbereitschaft seines Untertans. Das Urteil von 1774 soll aus der Welt. In einem Patentbrief vom 12. August 1776 schreibt Ludwig: »Angesichts des Umstandes, dass unser Freund Pierre Augustin Caron de Beaumarchais uns in unserem Auftrag Dienste außer­halb des Königreichs geleistet hat, wünschen wir, dass er sich gegen jenes Urteil des Parlements rechtlicher Schritte versehen könne …«

Das tut Beaumarchais und einen Monat später wird das unaufhebbare Urteil von 1774 förmlich aufgehoben. Beaumarchais ist nun wieder ein angesehener, reicher und quicklebendiger Mann – bis zur nächsten Katastro­phe.

 

X.
Das sechste Kapitel: Die Jahre von 1774 bis 1796 im Zeitraffer

Herbst 1774
Beaumarchais unter dem falschem Namen Baron de Ronac im Augsbur­ger Theater. Auf dem Spielplan steht: Clavigo. Beaumarchais soll sich gelangweilt haben.

31. Januar 1775
Der Polizeipräfekt von Paris erlaubt die Aufführung des Barbier von Sevilla.

23. Februar 1775
Uraufführung des Barbier. Buhrufe.

26. Februar 1775
Zweite Aufführung. Beaumarchais hat das Stück gekürzt. Das Publikum rast vor Begeisterung.

1776
Beaumarchais gründet die Gesellschaft Roderigue Hortalez und Co, die sich zum Schein mit Tuchhandel befaßt, in Wahrheit aber Waffen an die amerikanischen Insurgenten liefert.

5. Januar 1777
Geburt der Tochter Eugénie. Ihre Mutter wird er zehn Jahre später heira­ten, oft betrügen und nie verlassen.

3. Juli 1777
Beaumarchais gründet das Bureau dramatique, die erste Gesellschaft zum Schutz der Urheberrechte von Bühnenschriftstellern. Sie besteht noch heute und hat ihren Sitz im Palais »Beaumarchais«, einer schnee­weißen Villa am Fuß des Montmartre, in Sichtweite zum frommen Trei­ben um Sacré Coeur ebenso wie zum frivolen Tun in den Gassen um das Pigalle. Übrigens schrieb der französische Großkritiker Saint-Beuve über Beaumar­chais: »In der geheimsten Kammer seines Herzens verehrte Beaumarchais zwei Götter, Pluto, den Gott des Geldes, und den Garten­gott, Phallus, diesen vor allem und bis zu seinem letzten Tag.«

Freitag, den 22. August 1777, zwei Uhr 45.
Beaumarchais an eine Geliebte: »… Ich ergebe mich … Wenn Du mich nicht mehr liebst, umso schlimmer für uns beide. … Die Freundschaft ist der Kommerz des Geistes, der Kommerz des Körpers ist die Liebe, und was man die Gefühle des Herzens nennt, ist eine Mischung aus beidem. … Die einzige große Frage ist also, ob wir vögeln, weil wir uns lieben, oder ob wir uns lieben, weil wir vögeln … Guten Tag, mein Herz, und verzeih mir die Freiheit …«

1780
Beaumarchais gründet die Societé philosophique, typographique et littéraire. Ihr Ziel: Die Herausgabe der ersten Voltaire-Gesamtausgabe. Sechs Jahre wird das Unterfangen in Anspruch nehmen. Jean Orieux schrieb in sei­ner Voltaire-Biographie: »Beaumarchais erwarb drei Papierfab­riken in den Vogesen. Er kaufte für teures Geld die wunderba­ren Typen der Drucke­rei Baskerville. Nachdem er sein ungeheures Vermö­gen eingesetzt hatte, mußte er … erfahren, dass die Geistlichkeit und der Gerichtshof die Herausgabe verbieten würden. … er erhielt vom Markgrafen von Baden die Erlaubnis, seine Druckerei … in Deutschland, nämlich in Kehl am Rhein einzurichten. Die Druckerei hatte über 200 Angestellte. … Unglückli­cherweise hatte der Korrektor … in Orthogra­phie und Gramma­tik die Ideen eines rasenden Autodidakten. … Beaumar­chais verlor eine Million Livres …«

Die Baskerville-Typen existieren bis heute. Seit 1953 gehören sie der Cambridge-University-Press.

1781
Beaumarchais Hauptaktionär der kurz zuvor von den Brüdern Perrier gegründeten Pariser Wasserwerke.

27. April 1784
Uraufführung der Komödie La folle journée ou Le Mariage de Fi­garo. Im Mittel­punkt des Stücks steht eine Gerichtsverhandlung. Der Richter hat einen S-Fehler. Sein Name: Don Gusman Bri d’Oison. Bri d’Oison bedeu­tet soviel wie Gänserich mit gestutzten Flügeln. Das Publi­kum ist begeistert. Der Pair de France, der einst sein Herzblut trinken wollte, umarmt Beaumarchais so heftig, dass er eine Rippenprellung erlei­det.

1785
Beaumarchais vorübergehend im Gefängnis St. Lazare. Der König hatte sich – ein Jahr nach der Premiere – über die Hochzeit des Figaro geär­gert.

Wien, 1. Mai 1786
Uraufführung der Oper Die Hochzeit des Figaro von Mozart. Lorenzo da Ponte hat auf Wunsch des österreichischen Kaisers ein möglichst unver­fängli­ches Libretto geschrieben. Der Richter heißt Don Curzio statt Bri d’Oison und hat keinen S-Fehler. Dafür stottert er.

1787
Wieder Skandal und große europäische Presse um Beaumarchais, der sich in öffentlichen Streitschriften für die junge und reiche Madame Korn­mann einsetzt. Deren Mann, ein Bankier, wollte sie wegen angebli­chen Ehebruchs mit einem Geschäftsfreund ins Gefängnis bringen. Der moralisierende Bankier setzt Himmel und Hölle und vor allem Advoka­ten in Bewegung. Prozesse über Prozesse. Später erweist sich der Banker als einer der übelsten Heuchler der Strafrechtsgeschichte: Er selbst hatte seine Frau, die ihm auf die Nerven ging, mit dem angeblichen Ehebre­cher verkuppelt. Beaumarchais verarbeitete die Affäre zum dritten Teil der Figaro-Trilogie: La mére coupable – Die schuldige Mutter.

14. Juli 1789
Beim Sturm auf die Bastille trampelt das Volk durch den Garten des gemä­ßigten Republikaners Beaumarchais. Er trägt es mit Fassung.

24. Oktober 1793
Uraufführung der Oper Die Hochzeit des Figaro in Weimar. Deut­scher Text von Adolph von Knigge und Christian August Vulpius.

1794
Beaumarchais flieht vor dem Terror erst nach Holland, dann an die deut­sche Ostsee. Er wird enteignet, seine Frau, seine Tochter und seine Schwes­ter werden zum Tode verurteilt.

1795
Beaumarchais, der in der Nähe von Lübeck wohnt und nicht einmal Geld für Brennholz hat, bittet den amerikanischen Kongreß um Bezah­lung der zwanzig Jahre zuvor gelieferten Waffen. Keine Antwort.

Juli 1796
Rückkehr nach Paris. Begnadigung seiner Familie, Rückerstattung eines Teils seines Vermögens. Kauf einer Hündin. Er nennt sie »Follette«, die »kleine Verrückte«.

 

XI.
Das siebente Kapitel: Figaros Rache – Nachspiel auf dem Theater

»Überlassen Sie mir die Sorgfalt einer ausgesuchten Rache!« so heißt es in Goethes Clavigo. Beaumarchais’ Rache war Figaros Rache. Sie war subtil und von langanhaltender Wirkung. Sie fand überwiegend im Thea­ter statt. Außer dem 1776 uraufgeführten Barbier von Sevilla und der Hochzeit des Figaro schrieb er eine ganze Reihe weiterer Dramen, Lie­der, eine von Mozarts Rivalen Salieri vertonte Revolutionsoper, jede Menge Streitschriften und unendlich viele Briefe. Man fragt sich, wann er schrieb und wo bei all dem Kommerz. Wahrscheinlich hätte man ihn nicht so oft einsperren dürfen. Statt sich im Gefängnis totzuärgern, machte er die Dummheit und die Niedertracht seiner Verfolger unsterb­lich: Sie alle bevölkern seine Stücke: Verleumderische Zwischenträger, aufgeblasene Juristen, moralisierende Schürzenjäger, denunziatorische Trunkenbolde – das alles wäre aber Kabarett geblieben und längst verges­sen, hätte Beaumarchais nicht auch den verdorbensten Charakte­ren unter seinen Bühnenfiguren jenen Zauber mitgegeben, den das of­fene und unschuldige Vergnügen an der eigenen Übeltäterei manchmal einem Kind verleiht – oder einem griechischen Gott auf Abwegen. Be­rühmt ist der Monolog aus dem Barbier von Sevilla, in welchem Bazile die Vor­züge der Verleumdung im öffentlichen Meinungskampf mit eini­ger Poe­sie zu rühmen versteht:

»Glauben Sie mir, es gibt keine noch so platten Bosheiten, keine Scheuß­lichkeiten, keine Schauermärchen, die, wenn man es nur richtig anstellt, von den Müßiggängern einer großen Stadt nicht aufgenommen werden … zunächst ein kleines Gerücht, über dem Boden segelnd wie die Schwalbe vor dem Gewitter, es murmelt, pianissimo, und spinnt den vergifteten Faden weiter. Ein Mund nimmt es auf und piano, piano, flüs­tert es dem Nachbarn ins Ohr. … Das Übel keimt, schleicht, gewinnt an Boden, und rinforzando, von Mund zu Mund, vollführt es sein teuflisches Werk, bis plötzlich, man weiß nicht wie, die Verleumdung sich aufrichtet, sich bläht und entfaltet … Sie … wirbelt umher, hüllt ein, reißt fort … und wird, dem Himmel sei Dank, zum allgemeinen Schrei, ein öffentliches crescendo, ein universaler Chor des Hasses und der Verdammung. Wer, zum Teufel, soll sich dagegen wehren?«

Alle Theaterstücke Beaumarchais’ handeln von Liebenden und den Ge­fahren, denen ihre Freiheit durch üble Nachrede, Sittenheuchelei und ungerechtes Recht ausgesetzt ist. Diese Benutzung eines alten Komödien­musters und die Verlagerung des Geschehens nach Spanien gab seinem Spott eine Mischung aus Triumph, Ironie und spielerischer Revolte, die Mozart und Rossini in Musik übersetzt haben. Wann immer und wo immer der »Barbier« oder die »Hochzeit« auf dem Spielplan stehen, steht auch die Anmaßung aufgeblasener Herren auf der Bühne, ferner das Grundrecht des Schwächeren auf das Vergnügen der Intrige und – nicht zu vergessen – natürlich der Richter. Hier, mit allerhand Freiheiten der Übersetzung, Auszüge aus der Gerichtsszene des Dritten Aktes der Komö­die Figaros Hochzeit von Beaumarchais. Marceline klagt gegen Figaro. Sie beruft sich auf ein schriftliches Dokument, indem Figaro sich verpflichtet hat, entweder 3000 Livres an Marceline zu zahlen oder sie zu hei­raten. Der Richter Bri d’Oison beginnt:

»Bri d’Oison
Die Form, Monsieur Figaro, die Form!

Figaro
Aber gewiß, mein Herr. Den Parteien geht es zwar um die Sache, aber die Form ist die Sache des Gerichts.

Bri d’Oison
Der Kerl ist gar nicht so dumm wie ich dachte. Also mein Freund, wenn Du Dich so gut auskennst, dann heraus mit der Sprache, worum gehts?

Figaro
Mein Herr, ich habe volles Vertrauen in Ihre Gerechtigkeit, obwohl Sie ja zur Justiz gehören.

Bri d’Oison
Jawohl ich bin von der Justiz, allerhand, jaja. Aber wenn Du zahlen mußt und zahlst aber nicht …

Figaro
Wenn ich tatsächlich nicht zahle, weil es mir unmöglich ist, also wenn ich nicht zahlen kann, dann ist es doch fast, wie wenn ich nicht zahlen muß!

Bri d’Oison
Zweifellos … Impossibilium nulla obligatio … Eh … wie bitte? Was sag ich da?

Marceline
Hören Sie mich an, mein Herr! Ich bin Marceline, die Klägerin!

Bri d’Oison
Nun gut, sprechen wir verbaliter!

Marceline
Das Papier, was Sie in den Händen haben, ist ein Heiratsversprechen, verbunden mit einem Darlehen.

Bri d’Oison
Machen Sie sich keine Sorgen, Madame, ich verstehe, im übrigen, etcetera, etcetera undsoweiter.

Marceline
Kein etcetera.

Bri d’Oison
Ich verstehe, Sie haben das Geld gekriegt!

Marceline
Nein, ich hab es verliehen.

Bri d’Oison
Ich verstehe, Sie stipulieren das Geld.

Marceline
Nein, Monsieur, er soll mich heiraten.

Bri d’Oison
Ich verstehe immer besser, er will Sie heiraten …

Marceline
Will er nicht, deshalb führe ich doch den Prozeß!

Bri d’Oison
Wollen Sie etwa sagen, ich verstehe den Prozeß nicht?

Marceline
Keineswegs, Monsieur. (zu sich selbst): Wo sind wir eigentlich hier? (zum Richter): Sind Sie hier der Richter?

Bri d’Oison
Natürlich! Was glauben Sie wohl, warum ich den Posten gekauft habe!

Marceline
Es ist ein großes Unrecht, dass solche Posten verkauft werden.

Bri d’Oison
Stimmt genau! Man hätte ihn mir umsonst geben sollen. Gegen wen kla­gen Sie eigentlich?«

 

XII.
Finale

Ein französischer Philosoph sagte: »Jeder glaubt, dass es schwer ist zu sterben. Ich glaube es auch. Und doch sehe ich: Wenn man dran ist, dann hat es noch jeder geschafft.«

17. Mai 1799. Sechsundzwanzigster Floréal im Jahre 7 der einen und unteilbaren französischen Republik.

Napoleon in Ägypten. Goethe in Weimar isst mit Schiller zu Abend. Beaumarchais in Paris beim Brettspiel. Gegen zehn Uhr umarmt der alt, rund und taub gewordene Bürger seine Frau und zieht sich zurück. Er schreibt noch ein wenig.

»Schon seit einigen Tagen war ich nicht recht wohl, und gestern … in der Oper … nahm das Uebel zu …«

Wer die Werke und Tage des Herrn von Beaumarchais betrachtet, wird vielleicht fragen: Wo hier Tiefe zu finden sei? Tiefe, sagt Nietzsche, macht, dass man beständig seine Augen anstrengt und am Ende immer mehr findet, als man gewünscht hat. Beaumarchais fand immer nur das, was er sich wünschte: Schöne Frauen, schöne Musik, witzige Worte, Vergnü­gen und Geld. Seine Rache bestand auch darin, dass er sich wei­gerte, als tragische Person zu enden. Die Gesellschaft liebt tragische Perso­nen. Vor allem kurz, nachdem sie sie gehängt, in den Selbstmord oder in den Wahnsinn getrieben hat. Wer der ihm zugedachten Märtyrer­rolle mit einer lässigen Bewegung ausweicht und auch noch seinen Reibach dabei macht, den liebt man nicht. Wir sagen: Er ist oberfläch­lich, gemütlos, materialistisch, opportunistisch, ein kalter Aal, der sich aus allem rauswindet. Gilt das abschätzige Vorurteil, das wir gegen die Tragikverweigerer hegen, auch für Beaumarchais? Oder hatte er doch so etwas wie eine berührbare Seele? Als sein Peiniger, der Rich­ter Goezman, später in Armut fiel, schenkte Beaumarchais ihm eine Menge Geld. Das kann Pose sein. Beaumarchais war, bei allen Eskapa­den, ein Familienmensch. Er verehrte seinen Vater, er sorgte für seine Schwestern. Das ist nichts weiter als Konvention, wird man einwenden. Seine Theaterstücke enden immer mit einer Versöhnung en famille. – Nun ja: Theater! Prüfen wir also sein Herz! Als Beaumarchais im Fort l’Éveque saß, der Verzweiflung so nahe wie selten in seinem Leben, be­kam er ein Päckchen und einen Brief. Der Brief kam vom Sohn eines Freundes. Der 6 Jahre alte Konstantin de l’Etoiles schrieb an Beaumar­chais:

»Neuilly, 2. März 1773
Monsieur,
ich schicke Ihnen meine Sparbüchse, denn es ist ein großes Malheur, in einem Gefängnis zu sein. Ich bin sehr ärgerlich, dass Sie im Gefängnis sind. Jeden Morgen und jeden Abend bete ich ein Ave Maria für Sie. Ich habe die Ehre, Monsieur, Ihr sehr ergebener und sehr gehorsamer Die­ner zu sein.
Konstantin«

Beaumarchais antwortet zwei Tage später:

»Aus dem Fort l’Éveque, 4. März 1773
Konstantin, mein kleiner Freund,
mit großem Dank habe ich Deinen Brief und die Sparbüchse bekom­men. Ich habe alles gerecht aufgeteilt zwischen meinen gefangenen Mitbrü­dern und mir. Den besten Teil habe ich für mich behalten, näm­lich die Ave Marias, die ich sehr nötig habe. … Obwohl Du also nur ei­nem helfen wolltest, sind Dir ganz viele Leute dankbar. Das ist oft so, wenn man etwas Gutes tut …
Guten Tag, mein kleiner Freund.
Beaumarchais.«

Nach seinem plötzlichen und doch ganz sanften Tod in der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1799 fand man bei Beaumarchais einen Brief, den sein greiser Vater ihm einst geschrieben hatte.

»… Mein Sohn, Du empfiehlst mir, Dich ein wenig zu lieben. Das ist un­möglich, mein lieber Freund. Ein Sohn wie Du ist nicht dazu gemacht, nur ein bißchen geliebt zu werden, von einem Vater, der denkt und fühlt wie ich. Die zärtlichen Tränen, die von meinen Wimpern auf dieses Blatt Papier tropfen, sind der Beweis. Die Eigenschaften Deines kostbaren Herzens, die Kraft und die Größe Deiner Seele durchdringen mich mit der zärtlichsten Liebe. Ehre meiner grauen Haare, mein Sohn, mein lieber, lieber Sohn, ich danke meinem Gott für die Gnade, die sich in meinem lieben Sohn erfüllt … Auf Wiedersehen, mein Freund, Liebster meinen Augen und meinem Herzen,
Dein Vater.«

Eine der schönsten Passagen in Beaumarchais’ Werk ist der Monolog des Figaro im fünften Akt von Figaros Hochzeit. Wir haben schon einige Passagen daraus gehört. Hier der Schluss:

»Wie bizarr das alles ist! Wieso ist mir das passiert? Wieso ausgerech­net das und nicht etwas anderes? Wer hat diese Blitze auf mein Haupt gelenkt? Ich werde den Weg weitergehen müssen, den ich betrat, ohne es zu wissen. Und ich werde ihn verlassen, ohne es zu wollen. Aber ich bestreue ihn mit so viel Blumen, wie meine Fröhlichkeit erlaubt. Meine Fröhlich­keit, sage ich, und weiß nicht einmal, ob sie mir mehr gehört als der ganze Rest. Und dieses ICH, mit dem ich mich dauernd abgebe, was ist das überhaupt? Eine chaotische Versammlung undurchsichtiger Ele­mente am Anfang, dann ein jämmerliches dummes Wesen, ein ausge­lasse­nes, wild herumtobendes kleines Tier; ein junger Mann, der darauf brennt, sich zu vergnügen, lebenswütig, verrückt nach Genuß, in jedem Sattel gerecht, um zu leben; mal Herr und mal Knecht, wie es das Schick­sal verlangt. Ehrgeizig aus Eitelkeit, fleißig aus Notwendigkeit, aber faul … mit Lust und Wonne! In der Gefahr: Ein Redner! Zur Entspan­nung: Ein Dichter. Bei Gelegenheit: Musikant. Und verliebt. Immer ver­liebt. Bis zum Wahnsinn verliebt. … Und nun? Alles habe ich gesehen, alles gemacht, alles ausgekostet. Was nun? Die Illusionen sind verschwun­den. Das Stück ist zu Ende. Wie schade. Ich bin getäuscht. Susanna! Susanna! Susanna! Warum quälst Du mich so? Warum? … Ich höre Schritte … Da kommt jemand. … Das ist die endgültige Entscheidung. …«

 

Hinweis

Die Vortragsform wurde beibehalten. Der Leser ist freilich im Vergleich zum glücklichen Teilnehmer der Rendsburger Tagung um die Vortrags­kunst des Jenaer Rezitators Martin Stiebert und um das verzaubernde Guitarrenspiel der unvergleichlichen Tatjana Ryzhkova betrogen. Auf Fußnoten habe ich verzichtet. Zum Nachlesen empfiehlt sich: Beaumar­chais, Die Figaro-Trilogie, Deutsch von Gerda Scheffel mit einem Nach­wort von Norbert Miller, Insel-Verlag 1976, it 228. An der in die­sem Buch abgedruckten fabelhaften Übersetzung der drei Figaro-Stücke habe ich mich – zum Teil wörtlich – orientiert. Wer sich tiefer einlesen will, dem seien die von Pierre und Jacqueline Larthomas besorgte, mit fast 500 hochinteressanten Seiten Anmerkungen versehene Beaumar­chais-Werk­aus­gabe in der Bibliothèque la Pleiade, Paris, Gallimard 1988 sowie die Biographie Histoire de Beaumarchais von Beaumarchais’ langjährigem Freund Paul Gudin de la Brenellerie empfohlen, die man in unterschiedli­chen Ausgaben findet.

 

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