Gedichte

Gebrauchslyrik

 

Sehr verehrte Frau Leserin!
Sehr geehrter Herr Leser!

Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben eine gute Wahl getroffen!
Dieses Gedicht ist ein High-End-Produkt,
Das für den professionellen Leser konzipiert wurde.
Es ist schwenkbar, farbig,
Und kann an die verkehrs- und handelsüblichen
Literarischen und menschlichen Konfigurationen
Problemlos angeschlossen werden,
Wodurch sich eine beinah unbegrenzte
Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten ergibt.
Dies ist das erste Gedicht,
Das wie ein Bildschirm konzipiert wurde:
Es sagt nichts und zeigt Alles.
Das Programm bestimmen Sie.
Bei Auswahl der im Lieferumfang enthaltenen Komponenten
Habe ich Wert auf Funktionalität,
Einfache Handhabung und reizvolle Metaphorik gelegt.
Durch ein ausgewogenes Verhältnis
Zwischen Sprachkörper und Gedankendichte
Sowie den Einbau
Des speziell entwickelten Schwebenden Tonfalls
Und eines doppelten Bodens
Kann ich Ihnen ein zukunftsweisendes Gedicht präsentieren,
Das aufgrund des verwendeten Materials
Und des aufwendigen Finishing
Eleganz und Ästhetik mit einer hohen Wertanmutung verbindet.
Es wird Ihnen viel Freude bereiten,
Bei der Arbeit, im Unterricht,
Und vor allem in Ihrer kostbaren Freizeit.
Selbstverständlich ist das Gedicht recyclebar, gewaltfrei,
Mehrfach verzinkt,

Und entspricht dem Star-Standard der US-Regierung.
Sollten doch einmal Probleme beim Gebrauch des Gedichts auftreten,
Unterstütze ich Sie gerne.
Nehmen Sie mit mir Kontakt auf.
Ich freue mich, Ihnen helfen zu dürfen.

Um Ihnen unangenehme Überraschungen zu ersparen,
Hier einige Sicherheitshinweise:
Wie Sie wissen, ist die Sprache bei einem Gedicht
Die Haut.
Sie dient zur Beatmung, zum Schutz und zur Formung des Inhaltes.
Ihre Beschädigung kann deshalb
Zu Entstellungen und sogar zum vollständigen Verlust
Von Sinn und Form führen.
Bedecken oder blockieren Sie daher niemals
Die Lüftungsschlitze zwischen den Zeilen.
Lesen Sie das Gedicht ausschließlich im trockenen Zustand.
Bewahren Sie es kühl auf.
Legen Sie das Gedicht so aus,
Daß niemand darauf treten oder darüber stolpern kann.
Beschweren Sie das Gedicht nicht mit metaphysischen Gegenständen,
Das kann zu Kurzschlüssen führen.
Vermeiden Sie das Eindringen von Flüssigkeit
In das Gedicht.
Beschädigen Sie niemals die Dichtung!
Wenn Sie im Lesen ein leichtes Flimmern feststellen
Oder beim Hören ein Zittern,
So handelt es sich dabei nicht um einen Produktfehler.
Das Gedicht ist vielmehr so angelegt,
Daß es eine Schwingung aufweist,
Die dem natürlichen Schwung
Des ästhetischen und emotionalen Empfindens entspricht.

Was Sie als Flimmern, Zittern usw. usw. wahrnehmen,
Ist daher in Wahrheit eine Wirkung
Der unnatürlichen Starrheit Ihres eigenen Empfindens.
Sie sollten einen Therapeuten aufsuchen.

Und nun noch ein kleiner Test:

Stellen Sie sich bitte vor,
Dies hier, was Sie gerade lesen, wäre kein Gedicht,
Sondern eine Gebrauchsanweisung,
Vor zehn Minuten aus der Verpackung genommen,
DIN-A-5, mehrsprachig, reich illustriert,
Und die Sätze wären nicht
Aus offenbarem Unsinn gesponnen,
Sondern aus dem Stoff,
Aus dem alles besteht, was in Gebrauchsanweisungen steht,
Nämlich aus verborgenem Unsinn.,
Würde Sie das stören?
Würde es Ihren Begriff von Lyrik verändern?

Bitte stellen Sie sich nun etwas anderes vor,
Nämlich: Sie läsen ein Gedicht,
Sagen wir von Rückert,
Aber das Blatt, auf das Ihr Blick gerichtet ist,
Wäre kein Blatt,
Sondern ein nagelneuer Bildschirm,
17 Zoll, Farbe, hochauflösend,
Vertikale Frequenz 85 Hertz,
Vor zehn Minuten aus der Verpackung genommen,
Plug-n-play,
Und die Buchstaben wären nicht aus Druckfarbe,
Sondern aus dem Stoff,
Aus dem alles ist,

Was man auf Bildschirmen sieht,
Nämlich aus falschem Licht.

Und stellen Sie sich schließlich vor,
Sie läsen nicht, sondern wären dieses Rückert-Gedicht,
Dieser schöne Schwarm von Gedanken und Bildern,
Ein verflogener Bienenschwarm ohne Königin,
Würden Sie sich auf dem Bildschirm wohlfühlen?
Oder würden Sie sich zurücksehnen in jenes Buch,
Das Buch, in dem Sie aufwuchsen
Und berühmt wurden
Und wohl auch schon zu altern begonnen haben,
Oder würden Sie sich zurücksehnen in jene Herzkammer,
Das Herz, in dem Sie aus einem Flimmern geboren wurden,
Das Herz eines Mädchens, nennen wir sie Alice,
In dem Sie so gern zu Hause gewesen wären?
Würden Sie, wenn Sie könnten, den Bildschirm verlassen,
Und sich weigern, jemals wieder dort zu erscheinen?
Würden Sie bei Ihrer Weigerung bleiben,
Wenn man Ihnen Geld böte?
Würden Sie sich weigern
Aus Angst vor Auflösung,
Aus Angst vor falschen Farben,
Aus Angst davor, ins Internet abzurauschen
Und jahrhundertelang zu vagabundieren,
Wie Ahashver, nirgends zu Hause,

Oder haben Sie sich schon in dem Buch halbtot gefühlt
Und sind im Herzen von Alice geschmolzen,
Und ziehen es nun vor,
Als stumme Datei auf einer Diskette zu überdauern,
Ein schlafend Licht?

Sehr verehrte Frau Leserin!
Sehr geehrter Herr Leser!
Der Test ist hiermit beendet.
Wie Sie sehen,
Hat er uns unversehens zu Grundfragen der Existenz geführt:
Ist das Leben eine Wanderschaft?
Eine Bühne?
Ein Bildschirm?
Eine Phantasie?
Ein Buch?
Ein Herz?
Brauchen wir Lyrik?
Brauchen wir Gebrauchsanweisungen?
Brauchen wir Gebrauchsanweisungen für Lyrik?
Kann die Dichtung das Leben bessern?
Ist Heimatlosigkeit mein Schicksal?
Bin ich ein Gast von einem anderen Stern?
Und wer ist Alice?
Who is Alice?
Who the hell is Alice?

Sie sehen: Ich habe Ihnen nicht zu viel versprochen.
Dieses Gedicht ist in der Tat ein High-End-Produkt.
Sie haben eine gute Wahl getroffen.
Herzlichen Glückwunsch!

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