Übersetzungen

Horaz: Epoden

 

Übersetzt von Christoph Schmitz-Scholemann

 

 

 


Epode 12345 67891011


Erste Epode

Ibis Liburnis

du ziehst auf liburnischen booten zwischen turm-
hohen seglern zu kämpfen freund
Maecenas bereit die gefahren alle mit
Caesar zu teilen: und wir? das
leben wird falls du zurückkehrst angenehm sein
falls aber nicht hart eine last.
werden wir wie du befiehlst der muße pflegen?
das wird ohne dich keine lust.
können wir aber die mühen tragen die uns
der mut zu schultern gebietet? wir
werden sie tragen über den kamm der alpen
den gastfeindlichen kaukasus
weit in die letzten erdfalten des westens und
immer mit kraftvollem herzen.
wie meine mühe die deine erleichtern soll
da ich im krieg nicht geübt bin?
aus der ferne fürchte ich mehr um dich als wenn
ich dir nah bin. wie die mutter
die doch zu schwach ist zu helfen trotzdem nah bei
den ungefiederten küken
wacht und späht nach der anschleichenden schlange und
läßt ihre brut niemals allein.
gerne gehen wir in diesen und in jeden krieg und
hoffen du weist uns nicht zurück:
nicht damit sich mehr junge stiere stemmen ins
joch und meine felder pflügen
nicht damit sich mein vieh an hundstagen kühlen
kann auf lukaniens weiden
nicht damit ich ein weiß strahlendes landhaus im
walde bei tusculum baue –
reich und übergenug beschenkt von deiner gunst
bin ich und will nichts was ich wie
Chremes aus geiz eingraben müßte oder wie
müßige erben verschleudern.

 

Zweite Epode
Beatus ille

»glücklich wer fern von geld und geschäften ernst und
einfach wie die sterblichen einst
das väterliche feld mit eigenen stieren
bepflügt zinslos abgabenfrei
und es schmettert ihn keine trompete zum
krieg und schreckt ihn weder die wut
des meers noch die der gerichte und er kriecht nicht
in hinterzimmern wichtiger
männer. also umschlingt er mit liebesfrohen
ranken vom weinlaub die schlanken
pappeln oder im abgelegenen tal sieht
er den muhenden herden zu
oder schneitelt morsche zweige rundum vom baum
und pfropft fruchtbare auf oder
er sammelt honig in reinen krügen und er
schneidet schafen das haar. und wenn
dann der herbst sein mit früchten geschmücktes haupt hebt
und schüttelt – welcher glänzende
streit der farben! – so freut sich der landmensch birnen
zu pflücken und dunkle trauben
und trägt sie dir Priapos gartengott zu und
dir Silvan schutzgott der grenzen.
im gastlichen gras unter der alten eiche
zu lagern nun welcher genuß!
das wasser zwischen den böschungen arbeiten
hören die vögel klagen im
wald und die nymphen flüstern an den quellen – wie
leichtsinnig werden die träume!
aber wenn dann mit donnerschlägen Iupiter
regen und schließlich auch schnee bringt
hetzt er mit hundemeuten die wilden schweine
hin und her und endlich ins garn
oder er spannt auf glatte stöcke ein netz für
die neugierigen drosseln und
fängt sich zum lohn einen ängstlichen hasen und
den weithergereisten kranich.
wer vergäße da nicht der tränen leicht
und seufzer des liebeskummers?
erst recht wenn die frau schicklich die kleinen
pflegt und waltet im haus und am herd
kerngut ein sabinisches oder gebräunt von
der sonne ein apulisches
weib. sie schichtet das holz im herd zur ankunft
des matten mannes vom feld schließt
das zufriedene vieh in den geflochtenen
weidenzaun melkt die gespannten
euter und holt aus dem faß köstlichen jungen
wein und bereitet die mahlzeit
aus den kräutern und früchten des gartens.
Lucrinische austern scholle
butt vom ostwind vielleicht winters an unsere
ufer getrieben vergnügen
mich nicht und kein afrikanischer vogel darf
mir hinab in den bauch kein huhn
aus Ionien ist mir so lieb wie oliven
vom fettesten zweig gepflückt und
wiesenverliebter ampfer und für den harten
bauch heilsame malven und ein
zum festtag geschlachtetes lamm oder hase
der gier des wolfes entrissen.
wie günstig bei solchem geschmause die schafe
von der weide zum stall trotten
sehn und den müden stieren schlenkert der pflug mit
nach oben gekehrter schneide
vom gebeugten nacken. die knechte kehren zum
göttlich glänzenden herd zurück.«
als Alfus der halsabschneider so sprach fühlte
er sich schon ganz wie ein bauer
und verlieh das eben erwucherte geld wieder
um zinsen und zinseszinsen.

Dritte Epode
Parentis olim

wer vater und mutter erschlug den soll man
schmecken lassen wie eine strafe
schmeckt die schlimmer als alles gift ist: knoblauch.
der wirft den eisernen landknecht
um und sein pferd und wütet heiß und wild in den
därmen! oder täuschte man mich?
gab man mir rohes vipernblut? hat die hexe
Canidia heute gekocht?
Medeas geschenk ehe sie auf dem drachen floh
tötete Iasons braut: es war
mit knoblauch getränkt. nie quält die sonne so heiß
das trockene Apulien
und gräßlicher hat sich das nessushemd nicht in
Herkules schultern gebrannt als
knoblauch brennt. du Maecenas wenn dir nach knoblauch
zumute ist küss dem mädchen
die hand nicht den mund und gestatte ihr gnädig
am rand des bettes zu liegen.

Vierte Epode
Lupis et agnis

wolf und lamm sind von natur einander nicht mehr
verfeindet als ich mit dir. ach!
deine wangen wie fahl vom gefängnis wie wund
von harten fesseln die waden.
geh nur die brust hochmütig geschwellt – all dein gold
macht doch nicht heller die schwärze
deines verrats. wandle prächtig im faltenwurf
deiner toga doch sieh auch die
dich sehen die gesichter eingedunkelt durch
des herzens ehrliches hassen.
vor stunden noch gepeitscht bis zur erschöpfung der
kerkerknechte jetzt aber
grundbesitzer herr mit tausend morgen weinland.
deine stolzen pferde trampeln
die Via Appia hohl und gegen recht und
sitte sitzt du in der ersten
reihe. du lächelst. hilft es krieg gegen räuber
zu führen eisenschnauzige
schiffe gegen barbaren zu schicken wenn du
soldatenführer in rom bist?

Fünfte Epode
At o deorum

»was bei allen göttern im himmel hat dieses
geschrei zu bedeuten? warum
stieren diese verwilderten fratzen mich an
mich allein? bei deinen kindern
Canidia (wenn du je eine hebamme
brauchtest) ich fleh dich an bei den
aberwitzigen roten kleidern die deinen
leib umflattern bei Iupiter
der was du tust verdammt so sieh mich nicht an bös
wie die stiefmutter oder das
vom eisen getroffene wild!« so flehte der
kleidung beraubt der knabe ein
kind zitternd es hätte sogar das herz eines
thrakischen kriegers erweicht. doch
Canidia wirr das haupthaar mit vipern
zu zischenden zöpfen gedreht
sammelt aus gräbern gerissenes feigenholz
sammelt schwarze zypressen und
eier beschmiert mit dem blut einer häßlichen
kröte die feder der blinden
eule thessalische kräuter und spanisches
giftgras knochen vom kopf einer
heißen hündin und in tscherkessischem feuer
röstet sie alles. Sagana
aber im leichten kittel sprengt faules wasser
durchs haus und ihr haar steht zu berg
wie die stacheln vom meerigel abstehn oder
fliehenden ebern die borsten.
Veia stumpfsinnig stöhnend unter den mühen
der bosheit kratzt erde aus mit
harter hacke. da soll der knabe lebendig
begraben nur mit dem kopf aus
der erde wie ein schwimmer mit dem kinn aus dem
wasser ragend zweimal dreimal
täglich die mahlzeiten wechseln sehen und in
ausführlichsten qualen sterben.
wenn dann seine aufs essen starrenden augen
endlich gebrochen sein werden
brauen die weiber aus mark und leber des kinds
liebestränke. und Folia
von Ariminensis so geht das gerücht im
faulen fernen neapel war
auch mit dabei die mannsgeile hexe und sie
hat mit hellem theassalischem
heulgesang den mond und die sterne vom himmel
geholt. was sprach was verschwieg nun
Canidia mit dem letzten blauschwarzen zahn
am nagel kauend? »ihr seid mir«
rief sie »immer die treuesten zeugen: Nacht und
Diana herrscherin über
das schweigen. steht mir bei. steht mir bei. wendet ins
haus des feindes heillosen zorn.
schlafmatt in den fürchterlichen wäldern versteckt
sich das wild. aber den geilen
greis Varus sollen vorstadthunde verbellen
zum grellen gelächter aller
den alten geölten lüstling. und wie? aber
was? warum wirkt die tinktur das
aserbeidjanische gift der Medea nicht?
hat nicht Medea der zweiten
frau ihres mannes ein kleid das in dieses gift
getunkt war geschenkt? und ist nicht
dieses weib verbrannt bei lebendigem leib als
ihr das kleid die haut brannte? an
keinem kraut und keiner verborgenen wurzel
ließ ich es fehlen. sein kissen
sogar gesalbt mit dem seim des vergessens
fremder frauen. ah! ah! weder
vom gift noch von fluchgesängen gebunden geht
er frei. aber warte Varus!
neues werde ich brauen ein ungeheuer
an eiterbrühe. ich sehe
dich weinen und nie wird ein gegengetränk dir
den verstand zurückgeben nein
du entkommst meiner geilheit nicht denn ich geb dir
ein besseres stärkeres gift
und eher noch stürzt der brennende himmel ins
meer und die erde sitzt oben
darauf als daß du nicht dampfst vor gier nach mir wie
kochender asphalt.« so rief sie
aber der knabe milderte seine worte
nun nicht mehr. erst noch unsicher
wie er sein schweigen bräche schleudert er schlimme
flüche gegen die zuchtlosen:
»kein saft kein gift macht unrecht zu recht. sie wandeln
das menschliche wechsellos nicht.
ich werde euch hetzen mit meinen flüchen. kein
opfer und kein gebet wird euch
retten. bald habe ich ausgehaucht. dann komme
ich nachts als totengespenst mit
krummen nägeln zerkratz ich eure gesichter
und ich reite auf eurem herz
und raube euch den schlaf mit schrecken. steinigen wird
euch der pöbel und zerquetschen
eure greisinnengeilheit. unbeerdigt in
den straßen verstreut beute für
streunende wölfe und aasvögelfraß eure
knochen. das schauspiel wird meinen
eltern und meinem großen bruder nicht entgehn.
ach daß sie mich überleben!«

 

Sechste Epode
Quid inmerentis hospites

was quälst du harmlose fremde du hund feige
wenn es auf wölfe geht? nur zu!
vorwärts wenn du dich traust! greif an! mich der zurück
beißt. wie ein scharfer Molosser
helfer der hirten oder wie der Spartaner
die ohren aufgestellt hetze
ich durch hohen schnee alles wild das vor mir flieht.
und du? der wald hallt vom hellen
gebell deiner stimme gell während du schnüffelst
nach bröckchen die man dir vorwirft
hüte! hüte dich! für üble gesellen wie
dich sind meine hörner zum stoß
bereit. Hipponax trieb seinen schwiegervater
zum selbstmord mit nichts als frechen
versen. und ich sollte da weinen weil du mich
mit deinem schwarzen zähnchen ritzest?

 

Siebente Epode
Quo quo scelestis ruitis?

wohin ach wohin ihr schändlichen rennt ihr? was
zieht ihr von neuem die schwerter?
hat nicht genug lateinisches blut die erde
getränkt und die flüsse gefärbt?
ihr rennt nicht daß Rom Karthagos hochmütige
türme verbrennt oder daß endlich
die briten die unberührten in ketten die
Via Sacra hinabsteigen
müssen. ihr wollt daß die stadt sich nach feindeswunsch
mit eigener hand entleibt! das
ist weder bei wölfen noch löwen sitte: die
eigene art zu zerfleischen.
treibt euch die blinde wut oder der schärfere
stachel alter schuld? antwortet!
schweigen. bleiche blässe entfärbt eure wangen.
die zerwühlten herzen erstarrt.
ja es ist so: das schicksal hetzt euch hart gegen
einander. ihr lebt im schatten
des brudermords: zum fluch der enkel floß das blut
des arglosen Remus aufs feld.

 

Achte Epode
Rogare longo

mich fragen was mir den saft raubt! du schon seit mehr
als einem jahrhundert verfault!
du – die zähne schwarz und die stirn vom alterspflug
durchfurcht! scheußlich gähnt die öffnung
zwischen den schlappen hintertaschen wie das loch
einer läufigen kuh. aber
dein busen soll mich entzünden? mürbe tüten
wie pferdeeuter quallender
bauch hagere schenkel sich hochkrümmend aus den
dick aufgeblasenen waden.
glück und segen! die teuersten blumen aufs grab!
palmzweig und flötenmusik! bleib
du die dame der blinkenden perlen die den
schwersten schmuck in der stadt hat. wie?
weil du zwischen deine kissen büchlein streust von
philosophen sollen nun die
nerven die nicht lesen können und mein treues
glied einen aufstand machen? willst
du daß er sich erhebt von den stolzen hoden?
dann bemühe mund und zunge!

 

Neunte Epode
Quando repostum Caecubum

wann trink ich mit dir den Caecuberwein Mäcen
zur feier daß Octavian
ganz gesiegt hat Iupiter zu gefallen mit
dir in deinem luftigen schloß
und die lyra mischt ihren dorischen klang den
pfiffen der wilden flöten bei
wann? wie vor wochen als Sextus der sich sohn des
wassergotts nennt übers meer mit
brennenden schiffen entfloh geschlagen der mann
der Rom in fesseln zu legen
gedachte mit Roms entfesselten sklaven. ach
welch ein Römer! Kleopatras
schildknecht und lanzenträger! diener runzliger
eunuchen! das ließ die sonne
erröten: ein diwan im heerlager. diwan
mit weib unter dem mückennetz
liegend. aber die gallischen reiter schrieen
Octavian! und wandten die
schäumenden pferde gegen Antonius. da
krochen die feindlichen schiffe
tief in den hafen. und nun triumph! goldene
kriegswagen! jungkühe stampfen!
triumph! so glänzend kehrte der sieger gegen
Jugurtha nicht heim glänzender
auch Africanus nicht dessen grab sich über
Karthago wölbt als nun unser
Octavian! der feind zu land und meer besiegt
tauscht nun den roten mantel des
siegers gegen das trauerhemd. nach kreta will
er aber der wind will es nicht
und treibt die schiffe zur großen Syrte oder
ins ungewisse der meere.
größere becher mein junge! wein von Chios
von Mytilene oder den
der das schwindelübel der seekrankheit mildert
den Caecuberwein. sorgen und
furcht um Octavian lösen sich auf wenn
wir den Caecuber trinken.

 

Zehnte Epode
Mala soluta navis

anker licht und leinen los. der himmel grollt. gut
so denn Maevius sticht in see
der stinker. südwind peitsch die schnaubenden wasser
beidseits gegen sein schiff. laß
sich überschlagende wellen schwarzer ostwind
tauwerk und ruder zerreißen.
erheb dich nördlicher sturm brich ihm den mastbaum
wie im gebirge zerfranste
eichen. kein freundlicher stern steh ihm bei wenn bei
nacht Orion trüb und müde
entschwindet. unruhig sei seine fahrt wie der
griechischen sieger als ihren
zorn vom brennenden Troja ab und dem boot des
gottlosen Ajax zuwandte
Athene. wieviel schweiß harrt deiner matrosen!
und deiner selbst welch bleicher schreck
und feiges wimmern und betteln vor einem gott
der sich wendet wenn knurrend der
sturm wassergebirge dein boot zu zersplittern
befiehlt. und dein leib wenn er dann
am strand gestreckt liegt eine fette beute der
möwen den geilsten geißbock will
ich verbrennen und noch ein lamm dazu als dank
den günstigen göttern des sturms.

 

Elfte Epode
Petti, nihil me

selbst gedichteschreiben Pettius hilft mir nicht
mehr. schwer zerschmettert von liebe in lust hinschmelzend erhitzt
vor allem bei biegsamen burschen und beinah
noch kindlichen mädchen. und dies ist doch nun schon der dritte
Dezember der von den häuptern des walds
die blätterhüte gefegt hat seit meiner raserei für
Inachia … weh mir! wie war ich mir selbst zu
dauernder scham ein geschwätz in der stadt! welche qual war es
gast sein müssen bei tischgesprächen. mein schweigen
dumpfheit und seufzer tief aus der seele redeten laut von
meiner verliebtheit. »gegen geld gilt der glanz des
verstands eines armen nichts.« klagte ich damals dir und ich
weinte mich heiß und mit feurigem wein trieb ein
schamloser gott aus was verschlossen war in den dunkelsten
kammern des herzens: »aber jetzt nun kocht mir die
galle über und zerätzt die trostreichen pflaster die nie
meine wilde wunde heilen. ich werde mich
nie mehr prügeln mit männern die meiner nicht wert sind.« so schwor
ich dir hoch und heilig. du sagtest: geh nach haus.
ich ging aber wo mich mein zögernder fuß hinführte und
das war keine freundliche türe ach eine
harte schwelle ach eine steinige stufe zerquetschte
mir rippen und rücken. nun aber hat mich die
liebe gepackt zu dem jungen der heller glänzt als alle
mädchen Lyciscus. von ihm bringt mich niemals ein
guter rat kein neidisches wort meiner freunde weg nur eins
nämlich neues feuer entfacht durch das weiße
mädchen dort oder den glatten knaben da mit den locken.

 


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