Radiotexte

Im Namen der Robe

Richtergestalten in Oper und Literatur / Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch


Christoph Schmitz-Scholemann

 

 

Spr. 1: weibliche, helle, junge Stimme
Spr. 2: hörbar ältere, männliche Stimme
Spr. 3: junge männliche Stimme
Spr. 4: weibliche Stimme
Spr. 5: metallisch-sonore männliche Stimme (ein bißchen wie aus der Filmwerbung)

 

 

O-Ton Shorty Long (Soul-Song: Here comes the judge!):
»Jiiiiji! – Jiiiiji!«

O-Ton Shorty Long bricht ab

O-Ton Barbara Salesch (Sat 1-Werbung):
»Gleich spricht Richterin Barbara Salesch das Urteil. Bleiben Sie dran!«

O-Ton Shorty Long:
»The court’s in session! The court’s in session!«

O-Ton Shorty Long bricht ab

Spr. 1:
»Zu der Zeit aber war Richterin in Israel die Prophetin Deborah … Und sie wohnete unter den Palmen … auf dem Gebirge Ephraim. Und die Kinder Israel kamen hinauf zu ihr vor Gericht … Lobet den Herren, die ihr auf schönen Eseln reitet, die Ihr am Gericht sitzet und singet.«

Spr. 4:
Altes Testament, Buch der Richter

O-Ton Shorty Long:
»Here comes the judge. Here comes the judge!«

O-Ton Shorty Long bricht ab

Spr. 3:
»Zu vier Orten in einer Stadt zieht es mich auf Reisen immer wieder: zu den öffentlichen Anlagen, zum Markt, zum Friedhof und zum Gerichtsge­bäude.«

Spr. 4:
André Gide, Erinnerungen aus dem Schwurgericht.

Ab etwa der Mitte des Gide-Textes erklingt O-Ton Martha (Finale des Ersten Aufzu­ges aus Friedrich von Flotows Oper Martha. Man hört auf dem Hintergrund eines verhaltenen Volksgemurmels zunächst eine Amtsglocke schallen. Dann beginnt das Orchester, anschließend fällt der Chor ein: »Der Markt beginnt, die Glocke schallt, der Richter naht mit Amtsgewalt.«)

Die folgenden Sätze werden sehr rasch und im Flüsterton (auch einander überlap­pend) gleich ab Beginn der Musik gesprochen, man muß nicht jedes Wort genau verste­hen, das ganze soll höchstens 30 Sekunden dauern. Die mit * gekennzeichneten Sätze sind dem Roman Letzte Instanz von William Gaddis, (2. Auflage, Hamburg 2003) entnommen, der mit ** einem Interview mit dem italienischen Ministerpräsiden­ten Silvio Berlusconi (FAZ vom 6. September 2003, Nr. 207, S. 6).

Spr. 4:
»Gerechtigkeit? Gerechtigkeit gibt’s im Jenseits, hier auf Erden gibt’s das Recht.«*

Spr. 1:
Seien Sie still, der Richter kommt.

Spr. 4:
Mein Gott, ist der häßlich!

Spr. 3:
»Um diese Arbeit zu machen, muß man psychisch gestört sein, anthropo­logisch anders als der Rest der Menschheit.«**

Spr. 5:
»Bloß gut, daß ihn noch keiner dabei erwischt hat, wie er sein Gebiß im Glas darauf hin untersucht, ob er am Vortag zu Abend gegessen hat.«*

Musik bricht ab.

O-Ton Is’ was, Doc? – What’s up, Doc? (amerikanische Filmkomödie von Peter Bogdanovic aus dem Jahr 1972). Szene 25 (spielt im Bezirksgericht von San Francisco). Man hört das Geräusch, wie Richter Maxwell den Saal betritt, er sagt noch nichts, währenddessen …

Spr. 1:
Psst. Er sieht uns an.

O-Ton Is’ was Doc?:

Richter Maxwell:
Sehen Sie sich dieses Volk an, ein übler Haufen, durch und durch verdor­ben.

Konstabler:
Das sind nur die Zuschauer.

Richter Maxwell:
Ja, natürlich. Fangen wir an.

Konstabler:
Achtung, allen hier Anwesenden geben wir kund und zu wissen, daß der Hohe Gerichtshof hiermit am 30. Juni 1972 die Verhandlung eröff­net. Den Vorsitz hat seine Ehren Richter Marvin B. Maxwell.

Richter Maxwell schlägt mit dem Hammer auf den Tisch. O-Ton endet.

Spr. 2:
Kein Tag ohne Richter.

O-Ton Peter Tosh beginnt, Text läuft weiter. Here comes the judge (Reggae-Song). Vor dem Song ist ein gesprochener Text von Peter Tosh, der soll hier wegbleiben, so daß der O-Ton mit den drei Schlägen des Schlagzeugers beginnt.

Spr. 2:
Barbara Salesch, Alexander Holdt, 15 Uhr Familiengericht, 16 Uhr Jugendgericht. 20 Uhr Tagesschau: Der Bundesgerichtshof, das Bundesverfas­sungsgericht, der Europäische Gerichtshof. Eine Robe schö­ner als die andere. Die Welt ist voller Richter.

 

Spr 1:
Im Namen der Robe. Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch.
Ein Feature von Christoph Schmitz-Scholemann

Spr. 2:
Den Beruf des Richters gab es schon, als man die Gesetze noch mit Kei­len in Tontafeln schrieb. Und am Jüngsten Tag wird es ihn erst recht geben. Ein archaischer Beruf, wie der des Priesters und des Dichters. (O-Ton Peter Tosh endet.) Hier ist sein Porträt, live und in Farbe, gemalt nach den Lügen des Lebens und der Wahrheit der Literatur. Enthaltend ein abschließendes Gespräch, in dem herausragende Vertreter des Berufs­standes selbst zu Wort kommen.

O-Ton Oper Zar und Zimmermann von Albert Lortzing, Arie des van Bett, es handelt sich um eine ironisch-triumphale Arie, die mit den Worten »O sancta justizia!« beginnt. Lediglich diese drei gesungenen Worte – ohne Orchestervorspiel – sollen hier erklingen.

van Bett:
O sancta Justizia!

O-Ton Is was Doc?:

Richter Maxwell:
Setzen Sie sich! Ich wünsche keine Störungen, keinen Lärm, keine Zwi­schenrufe oder sonstige Demonstrationen. Ich wünsche Frieden, Ruhe und Ordnung. Wenn hier irgendein Unsinn getrieben wird, ganz gleich, welcher Art, greife ich unbarmherzig durch. Ich warne also, ich denke, das ist klar genug.

O-Ton Is was Doc? endet.

Spr. 1 (sehr ruhig):
»Zu der Zeit kamen zwo Huren zum Könige und traten vor ihn. Und das eine Weib sprach: Ah, mein Herr, ich und dies Weib wohneten in einem Hause, und ich gebar bei ihr im Hause: Und über drei Tage, da ich geboren hatte, gebar sie auch, und wir waren beieinander, daß kein Fremder mit uns war im Hause, nur wir beide. Und dieses Weibes Sohn starb in der Nacht, denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, und legte ihn an ihren Arm und ihren toten Sohn legt sie an meinen Arm …

Spr. 4:
Erstes Buch von den Königen, 3, 16

Spr. 1:
Und Salomo sprach: Holet mir ein Schwert her. Und da das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach er: Teilet das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sprach das Weib, dessen Sohn lebete zum Könige (denn ihr mütterlich Herz ent­brannte über ihren Sohn): Ah, mein Herr. Gebet ihr das Kind lebendig und tötet es nicht. Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein, laßt es teilen. Da antwortet der König und sprach: Gebt dieser das Kind leben­dig und tötets nicht. Die ist seine Mutter.«

Spr. 2:
»Gott wollte keine Könige. Er wollte Richter. Sind Richter Könige?« 

Spr. 3:
»Du bist gegen mich nur ein Schafskopf, mein lieber Sancho … und ein­zig weil die fahrende Ritterschaft dich mit ihrem Hauch berührt hat, wirst du ohne weitere Umstände Richter … Bedenke zuallererst, daß die äußere Erscheinung eines zu wichtigen Ämtern erhobenen Menschen mit dem übereinstimmen muß, was das Amt erheischt.«

Spr. 5:
Ratschlag des fahrenden Ritters Don Quichote an seinen Knappen, den Bauern Sancho Pansa, als diesem das Richteramt übertragen wird.

 

Spr. 1:
Erstes Kapitel: Gerechtigkeit und gute Form

Spr. 3:
»Mäntel sollen sie auf ihren Schultern tragen. Ohne Waffen sollen sie sein. Nüchtern sollen sie Urteil finden über jeglichen Mann, er sei deutsch oder wendisch, leibeigen oder frei.«

Spr. 4:
Sachsenspiegel, deutsches Gesetzbuch aus dem 13. Jahrhundert.

Spr. 5 (mit Temperament, es handelt sich um den Richter Azdak, der in Brechts Kau­kasischem Kreidekreis ein lebhaft-chaotischer, polternder und gutherziger Charakter ist):
»… Er kann ein Ochse sein, aber er muß bestallt sein, sonst wird das Recht verletzt, das ein sehr empfindliches Wesen ist, etwa wie die Milz, die niemals mit Fäusten geschlagen werden darf, sonst tritt der Tod ein … Recht muß immer in vollkommenem Ernst gesprochen werden …«

Spr. 4 (leise über den weiterlaufenden Text des Azdak gesprochen):
Bert Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, Richter Azdak.

Spr. 5:
»Wenn zum Beispiel ein Richter eine Frau verknackt, weil sie für ihr Kind ein Maisbrot gestohlen hat, und er hat seine Robe nicht an oder er kratzt sich beim Urteil so, daß mehr als ein Drittel von ihm entblößt ist, das heißt, er muß sich dann am Oberschenkel kratzen, dann ist das Urteil eine Schande und das Recht ist verletzt. Eher noch könnte eine Richter­robe und ein Richterhut ein Urteil sprechen als ein Mensch ohne das alles. Das Recht ist weg wie nix, wenn nicht aufgepaßt wird …«

O-Ton Peter Tosh weiter ab der Stelle, an der er zuvor unterbrochen wurde

Spr. 2:
Man sagt leicht, was soll die Robe, was soll der Stab, was soll das Ba­rett. Natürlich sind alle Hüte der Welt für sich genommen unwichtiger als ein einziger richtiger Gedanke, der unterhalb des Hutes gedacht wird. Es ist aber ein falscher Gedanke, daß es nur auf das Innere ankäme. Die Insignien der Macht schaffen Distanz zwischen dem Menschen und der Macht. Sie zeigen, daß der Macht ausübende Mensch und der der Macht unterworfene Mensch sich …

O-Ton Peter Tosh endet.

… voneinander unterscheiden, aber nicht im Wesen. Es ist eben nur der Hut. Wichtig bleibt immer, daß man einen Menschen nicht mit sei­nem Hut verwechselt. Und der Mensch sein Herz nicht mit seiner Perücke. Vor allem, wenn die Perücke staubig ist.

O-Ton Is was Doc?:

Richter Maxwell:
niest

Konstabler:
»Euer Ehren fühlen sich doch wohl?«

Richter Maxwell:
»Nein, meine Ehren fühlen sich nicht wohl. Ich habe Kopfschmerzen, Mein Kreislauf hat praktisch aufgehört zu funktionieren und meine Ner­ven sind völlig am Ende.«

Konstabler:
»Das tut mir leid.«

Richter Maxwell:
»Haben Sie eine Ahnung, was das heißt, hier zu sitzen Tag für Tag, wenn an Ihnen diese endlose Parade menschlicher Trümmerhaufen vorbei­zieht?«

Spr. 1:
Der Bad Mergentheimer Kreidekreis.

Spr. 3:
Am 24. Oktober 1996 erschienen im Amtsgericht Bad Mergentheim eine Frau, ihr kürzlich geschiedener Mann, ein Tierpsychologe und ein zehn Jahre alter Pudel. Der ehemals gemeinsame Pudel lebte bei der Frau und der Mann verlangte »Herausgabe«. Die Frau sagte, sie fürchte um die Seele des Pudels. Der Richter beobachtete alle im Verhandlungssaal versammelten Kreaturen genau und stellte fest,

Spr. 4:
»… daß der Hund, nachdem er von der Leine genommen war, sich so­fort zielstrebig zum Mann begab, sich von diesem bereitwillig auf den Schoß nehmen ließ und dort deutliche Zeichen des Wohlgefallens von sich gab; z. B. leckte er das Gesicht des Mannes mehrfach ab. Der Sachver­ständige führte aus, daß der Hund nach wie vor … beide Parteien möge.«

Spr. 3:
Da ein Vergleich scheiterte, und auch eine Teilung des zum Hausrat gehö­renden Pudels nicht in Betracht zu ziehen war, entschied der Rich­ter, der Mann dürfe

Spr. 4:
»… zweimal monatlich … mit dem Hund … spazieren … gehen …, je­weils am 1. und 3. Donnerstag eines jeden Monats von 14 bis 17 Uhr.«

O-Ton Zar und Zimmermann, Arie van Bett (wie vorher):
»O sancta justizia!«

 

Spr. 1:
Zweites Kapitel. Das Gefühl der Ratlosigkeit beim Versuch, das Recht zu erkennen. Oder: Der Schatten des Körpers des Esels.

Spr. 3 (nachdem bis hierhin ein ziemliches Tempo vorherrschte, soll der folgende Text ruhig ein wenig altväterlich gesprochen werden):
In der Stadt Abdera, die nicht nur in Griechenland liegt, und, wenn sie auch schon tausend Mal an der Sinnesart ihrer Bewohner zugrunde gegangen ist, …

Spr. 1 (leise über den weiterlaufenden Text):
Frei nach Christoph Martin Wieland: Die Geschichte der Abderiten.

Hier setzt O-Ton Richard Strauss ein: Die Arie des Richters Philippides aus der Oper Des Esels Schatten von Richard Strauss. Die Musik strahlt eine leicht melancho­lische Heiterkeit aus und läuft unaufdringlich unter dem Text.

Spr. 3:
doch keineswegs ermangelt, ein tausendunderstes und zehntausendund­erstes Mal wieder geboren zu werden, und zwar ebenfalls aus der Sinnesart ihrer Bewohner, in der Stadt Abdera also trug sich der folgende bemerkenswerte Rechtshandel zu: Der Zahnarzt Struthion mie­tete einen Esel, um in die Nachbarstadt zu reiten … Es war ein heißer Mittag, die Sonne stach und dem Zahnarzt ward so matt zu Mute, wie manchen seiner Patienten beim Anblick des Dentisten-Werkzeugs. Er befahl dem Eselsführer das Tier anzuhalten, stieg vom Esel und wollte, um sich zu erfrischen, im Schatten des Eselskörpers Platz nehmen. Der Eselsführer aber war damit nicht einverstanden, er habe den Esel vermie­tet, nicht aber den Schatten. Wenn der Schatten genutzt werden solle, so sei neben der Eselsmiete eine weitere Drachme fällig. Der arme über­hitzte Zahnarzt konnte oder wollte nicht zahlen, und so kam es zu einem Prozeß, dessen Verlauf, wie alle wichtigen Angelegenheiten in Abdera, auf das lebhafteste öffentliche Interesse stieß. Die Einzelheiten des Rechtshan­dels samt seiner politischen Knoten und Knäuel auszuwickeln ist hier nicht der Ort. Was uns interessiert ist nicht der Prozeß, sondern der Richter: Philippides war, wie so viele Amtsrichter, … ein ehrbarer, nüchterner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann, der jedermann mit großer Geduld anhörte, den Leuten freundlichen Bescheid gab und im allgemeinen Rufe stand, daß er unbestechlich sei. Überdies war er ein guter Musikus und deshalb sang er, bevor er, wie es der Brauch kluger Richter ist, einen Vergleich vorschlug, eine kleine Kavatine über die Gerech­tigkeit …

Die Arie ist nun – nach 1:48 – fast am Ende und tritt für die letzten Worte in den Vordergrund, so daß man den folgenden Text gut verstehen kann:

Philippides:
»Recht ist von Unrecht oft nicht zu trennen.
Der Mensch ist gut, nur hat er Schwächen!
Wer soll da wohl ein Urteil sprechen?
Oh böses Schicksal! Grad mich verdammt es
zur undankbaren Pflicht des Richteramtes.« 

O-Ton Richard Strauss endet.

Spr. 2:
»Sollte man das Urteilen überhaupt ablehnen? Sind Richter überflüs­sig? Richte nicht, lautet ein berühmtes Christuswort. Hegel sagte, die Weltgeschichte ist das Weltgerichte, heute heißt es, der Markt ist das Gesetz, der Erfolg das Urteil und kein Richter soll die Hohen Priester des Geldes daran hindern, Werte zu schaffen. Aber von welchen Werten ist da die Rede? Die Philosophin Hannah Arendt schrieb in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem:

Spr. 4:
»daß menschliche Wesen fähig sein sollten, Recht und Unrecht zu unter­scheiden und zwar selbst dann, wenn alles, was sie leiten könnte, nur ihr eigenes Urteil ist …«

Spr. 2:
Diese Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht …

Spr. 4:
»… beruht auf jenem sensus communis – dem gemeinen und gesunden Ver­stande … Er ist das Vermögen, durch das die Menschen von den Tie­ren und den Göttern unterschieden sind. Die eigentliche Humanität des Menschen ist es, die sich in diesem Sinn manifestiert …, weil die Kommunika­tion, das heißt die Sprache, von ihm abhängt …«

Spr. 2:
»Recht ist Sprache. Sprache ist Atem und Leben.«

 

Spr. 1:
Drittes Kapitel. Von den Freuden des Amtes.

Spr. 4:
Justizia ist blind, sagte sich Homer Simpson, als er – in der 19. Folge der fünften Staffel – zum Schöffen ernannte wurde. Für die Sitzung kaufte er sich eine Brille, deren Gläser zugeklebt waren. Das Volk müsse allerdings glauben, daß ein jederzeit waches Auge auf ihm ruhe, erwog Homer Simpson weiter, weshalb er die Aufkleber auf seinen Brillen­gläsern mit weit aufgerissenen Augen bemalte. Das ganze hatte übrigens den Vorteil, daß er bei den Plädoyers ungeniert die Augen schließen und vom Sitzungsgeld träumen konnte.

Alle Spr. gemeinsam (Chor der Richter) (Es handelt sich um den Chor der Richter aus der Komödie Die Wespen des Aristophanes):
»Welch Wesen auf Erden ist hoch beglückt, gefeiert und reich wie ein Richter,
Hat Freuden die Füll’, ist gefürchtet zugleich, wie ein Richter, vor al­lem ein alter?«

Spr. 3:
Aristophanes: Die Wespen, Uraufführung 405 vor Christus. Es gab da­mals in Athen eine Leidenschaft, die man »Philheliastie« nannte. Man könnte das Wort mit »Richterwahn« übersetzen. Die Athener verklagten einander wie verrückt. Jeden Tag gab es Prozesse. Sie fanden im Freien statt. Es gab kunstvolle und tränenreiche Reden. Man schaute mindestens so gerne zu wie im Mittelalter den Weltgerichtsspielen und heutzutage bei Barbara Salesch. Jedes Zeitalter hat seine eigene Form der Gerichts-show. In Athen wollte jeder Richter sein. Die Chancen dazu waren gut. Denn ein Gericht bestand, je nach Wichtigkeit des Falles, aus bis zu 1001 Rich­tern.

Chor der Richter:
»Ich komme nach Haus, mit der Löhnung im Maul, … und mein Töchter­chen wischt ganz behende
Jedes Stäubchen mir ab und salbt mir die Füß’ und drückt mich und hät­schelt
Und küßt mich: ›Mein liebes Papachen!‹ und fischt drei Obolen raus mit der Zunge.«

Spr. 3:
Drei Obolen pro Sitzung, damit konnte eine Familie gut auskommen. Athen hatte damals ungefähr 50.000 Bürger. Davon waren 6.000 Richter. Deutschland hat knapp 15.000 Richter und müßte 10 Millionen haben, um mit dem Athen der Blütezeit gleichzuziehen.

Chor der Richter:
»Denn wenn im Gerichtshof wir lärmen und schrein,
Da bleiben sie stehn, die vorüber gehn,
Und sprechen: Allmächtiger Zeus, das Gericht!
Wie es donnert und tobt!
Und schleudr’ ich den Blitz, dann schnattern vor Angst
Und Entsetzen die reichen, hochachtbaren Herrn
Und kacken sich voll.«

Spr. 2 (dem Chor ins Wort fallend):
»Macht nicht solchen Lärm, Ihr Richter von Athen …

Spr. 4 (leise über den weiterlaufenden Text gesprochen):
Nach Platon, Die Verteidigung des Sokrates.

Spr. 2:
»Ich sage Euch: Wenn der Tod, den Ihr soeben über mich verhängt habt … nichts weiter ist als eine Auswanderung aus dieser Welt an einen anderen Ort, und wenn ferner das wahr ist, was gesagt wird, daß nämlich alle Verstorbenen im Hades sind – was für ein größeres Glück könnte es wohl geben als eben dies? Denn wenn jemand nun endlich seine diessei­tigen Richter los wird und, in der Unterwelt angelangt, dort die wahren Richter antrifft, die dort wahres Recht sprechen, nämlich den Minos und Rhadamanthys … wäre das wohl ein schlechter Umzug?«

Spr. 1:
Der chinesische Kreidekreis. Klabund.

Spr. 4:
China, das alte Reich. Wieder ein Streit zwischen zwei Frauen um ein Kind. Die wahre Mutter, Tschang-Haitang, hofft auf ein salomonisches Urteil. Aber der Richter hat andere Gedanken.

Spr. 5 (innerer Monolog, genüßlich):
»… heute bin ich leider ein wenig verkatert. Ich habe die Nacht … ver­bracht in Gemeinschaft mit den drei reizenden Mädchen Yü, Yei und Yau … Der Nacken von Yü, alle Achtung! Aber die Schenkel von Yau, auch nicht übel. Aber erst die kleinen Brüste von Yei, ihnen muß ich doch den Preis zuerkennen …«

Spr. 4:
Tschang-Haitang wirft sich vor dem Richter nieder. Aber sie hat keine Chance. Er ist bestochen.

Spr. 5:
»Im Namen seiner himmlischen Majestät erkennt der Hohe Gerichts­hof zu Recht folgendes Urteil: Die Angeklagte Tschang-Haitang wird wegen versuchten Kindesraubes … zum Tod durch des Henkers Schwert verurteilt. Gerichtsdiener, legt ihr den Block um den Hals.«

Hier beginnt O-Ton Oper Die Teufel von Loudun (handelt von einem Inquisitions­prozeß), Krysztof Penderecki, 3. Akt, 1. Szene, Vorspiel. Es handelt sich um eine sehr leise beginnende, düstere Musik (etwa 1:40). Sie wird den Text nicht stören, da sie, bis auf einige Spitzen, fast nur ein Rauschen und Grummeln ist. Sie soll unter allen im folgenden Kapitel enthaltenen Texten von Spr. 5 liegen, die dem Ab­schnitt über das Jüngste Gericht aus der Legenda Aurea des Jacobus de Voragine (gest. 1298) nachempfunden sind. Sie müßte zeitlich ungefähr reichen, wenn nicht, soll sie einfach wieder von vorne anfangen. Wenn sie – vor allem am Anfang – zu leise ist, um ihren Zweck zu erfüllen, nämlich die Texte aus der Legenda aurea einerseits atmosphä­risch zu verstärken und sie andererseits von den eingeschobenen Texten (Um­berto Eco, Joseph Conrad, Victor Hugo) abzusetzen, kann man auch lediglich die etwa zwanzig lauteren und dramatischeren Sekunden aus der zweiten Hälfte der Musik nehmen und jeweils unter den Texten von Spr. 5 wiederholen.

 

Spr. 1:
Kapitel vier: Angst

Spr. 1, 2, 3: (wie eine düster gemurmelte Litanei):
»Adventus domini per quattuor septimanas agitur ad significandum quod quadruplex est adventus: scilicet in carmen, in mentem, in mortem et ad judicium … signa autem terribilis praecedentia judicium et comitan­tia. Antecedentia sunt tria signa terribilia Antichristo fallacia et ignis vehe­mentia.«

Spr. 5 (feierlich und ernst, einsetzend nach dem Wort »septimanas« im vorherigen Text, der dann rasch zurücktritt und ausläuft):
»Amen. Amen. Hallelujah.
Vierfach ist die Ankunft des Herrn: Drei Mal voll Freude über die Menschwerdung Gottes, ein Mal voll Angst vor der Strenge des Richters.
Und dies sind die Vorzeichen des Gerichts: Das Meer wird sich heben fünfzehn Ellen über das höchste Gebirg. Das Untier des Meeres wird aus den Tiefen treten an Land und es wird brüllen zum Himmel und nie­mand wird sein Brüllen verstehen …«

Spr. 1 (über den weiterlaufenden Text von Spr. 2, leise):
Das Jüngste Gericht nach Jacobus de Voragine, gestorben 1298, Le­genda aurea, Kapitel 1, De adventu domini:

Spr. 5:
»… Die Vögel werden fallen vom Firmament und verstummen in Furcht vor dem Richter. Blitze fahren dem Himmel ins Angesicht, die Felsen bersten und die Steine prasseln, die Lebenden fliehen aus ihren Häusern und Höhlen, die Gebeine der Toten verlassen die Gräber und heulen in den Gassen. Die Sonne wird schwarz wie ein härener Sack, der Mond ein blutiger See in der Nacht … Hiernach beginnt das Gericht des Richters, wie Johannes in der Geheimen Offenbarung sagt: Und aus dem Mund des Richters ging ein scharf Schwert …«

O-Ton Penderecki bricht ab

Spr. 3:
»Bernard Gui … wußte … sehr genau, wie man die Angst seiner Opfer in Panik verwandelt. Er sprach nicht, im Gegenteil, während alle erwarte­ten, daß er mit dem Verhör beginnen werde, wühlte er schweigend in den Blättern …« 

Spr. 1 (leise über den weiterlaufenden Text):
Umberto Eco: Der Name der Rose. »Fünfter Tag – Nona – Worin Recht gesprochen wird und man den beklemmenden Eindruck hat, daß alle im Unrecht sind.«

Spr. 3:
»… die ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch lagen, und tat so, als ob er sie ordnete – aber zerstreut, denn sein Blick war dabei auf den Angeklag­ten gerichtet, und in diesem Blick lag eine Mischung aus geheuchelter Nachsicht …, aus eisiger Ironie … und aus gnadenloser Strenge.

O-Ton Freisler – aus dem bekannten Film über die Verhandlungen gegen die Verschwö­rer des 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof, man hört Freisler, teils leise, teils tobend, manchmal auch einen der Angeklagten, ohne die Worte im einzelnen alle genau zu verstehen, – läuft ab hier unter dem Eco-Text, kann ihn gelegentlich auch übertönen und am Schluß um wenige Sekunden überstehen:

All das wußte der Angeklagte längst, doch der lauernde Blick und das Schweigen des Inquisitors dienten dazu, es ihm erneut ins Gedächtnis zu rufen, ja es ihn geradezu körperlich spüren zu lassen …«

Spr. 2 (Remigius, Angeklagter):
»Meine Seele ist unschuldig …«

Spr. 3 (Bernard, Richter, brüllt):
»Seht ihr? So reden sie alle! Wenn einer von ihnen gefaßt wird, tritt er vor das Gericht, als ob sein Gewissen ruhig und rein wäre … sage mir nun: Woran glaubst du?«

Spr. 2 (Remigius):
»Ich glaube alles, was Ihr und die anderen guten Doctores mich glau­ben heißen.«

Spr. 3 (Bernard, triumphierend):
»Aha! Aber die ›guten Doctores‹ … Du deutest an, daß du mir glau­ben würdest, wenn ich glauben würde, was jene glauben, andernfalls aber glaubst du nur ihnen!«

Spr. 2 (Remigius):
»Nein, Herr Inquisitor, nein, ich schwöre euch …«

Spr. 3 (Bernard):
»Du schwörst? Ein neuer Beweis deiner Ruchlosigkeit! … Du elender Fuchs.«

Spr. 2 (Remigius):
»Aber was kann ich denn tun?«

Spr. 3 (Bernard, zunächst brüllend):
»… Gar nichts kannst du mehr tun. Ich allein weiß, was jetzt noch ge­tan werden muß … (plötzlich eisig und sarkastisch) Dir bleibt nur noch zu gestehen. Doch wenn du gestehst, wirst du verdammt und verurteilt wer­den, und wenn du nicht gestehst, wirst du auch verdammt und verurteilt werden, nämlich wegen Meineides. (ganz milde und boshaft:) Also gestehe, um wenigstens dieses Verhör abzukürzen, das unser Gewissen quält und unseren Sinn für Mitleid und Güte verletzt.«

O-Ton Freisler endet

O-Ton Penderecki beginnt wieder

Spr. 5:
»Er wird erscheinen im Tale Josaphat im heiligen Lande und wird auf einer Anhöhe sitzen. … Und wenn nicht alle Platz finden im Tale Josaphat und in den umliegenden Dörfern im heiligen Lande, so werden bestimmte Auserwählte über den Köpfen der anderen schweben, selbst Sünder werden schweben, wenn der Richter es will … Und einige der Vollkommenen werden das Urteil des Richters unterschreiben, wie es Beisitzer tun …

Und der Richter siehet durch alle Schlösser, da wird Finsternis Licht, was stumm ist, antwortet, und alle Heimlichkeit wird offenbar …

O-Ton Penderecki bricht ab

Spr. 4:
»Zwischen den roten Gesichtern der beiden Beisitzer vom Schiffahrts­gericht blickte ihn, totenbleich, das glattrasierte und unbeteiligte Gesicht des Gerichtsvorsitzenden an. Aus einem großen Fenster unterhalb der Decke fiel Licht auf die Köpfe und Schultern der drei Männer, und ihre Konturen zeichneten sich mit schmerzhafter Deutlichkeit im Zwielicht des Gerichtssaals ab, wo die Zuhörer nichts als Schatten und Blicke zu sein schienen …«

Spr. 3 (leise, rasch):
Joseph Conrad, Lord Jim

Spr. 4:
»… Plötzlich sah ich wieder … den düsteren Gerichtssaal, die Hufeisen­tafel der Richter, auf der blutbefleckte Lumpen lagen, die drei Reihen der Zeugen mit ihren stupiden Gesichtern, die zwei Gendarmen an den bei­den Enden meiner Bank und die schwarzen Roben …«

Spr. 3 (leise):
Victor Hugo, Der letzte Tag eines Verurteilten

O-Ton Penderecki beginnt wieder

Spr. 5:
»Drei Zeugen stehen wider den Menschen beim Jüngsten Gericht. Der erste ist Gott. Denn Jeremias sagt: So spricht der Herr: Ich bin Richter und Zeuge! Der andere Zeuge ist unser Gewissen. Und der dritte ist der Engel.«

O-Ton Penderecki bricht ab

Spr. 5 (wie Filmwerbung, vielleicht etwas akustisch verzerrt):
»Man schreibt das dritte Jahrtausend. Nukleare Kriege und ökologi­sche Katastrophen haben die Erde verwüstet …«

Spr. 3:
Aus der Kinowerbung

Spr. 5:
»… Staaten existieren nicht mehr … Aus dem Chaos hat sich ein neues, radikales Rechtssystem erhoben, das System der Judges. Sie sind Polizis­ten, Richter und Vollstrecker zugleich. Judge Dredd (Sylvester Stallone) ist eine lebende Legende in Megacity I … Judge Dredd ist das Gesetz.«

O-Ton Trial by Jury – Oper von Gilbert & Sullivan – handelt von einer jungen Frau, die ihren Verlobten auf Einhaltung des Heiratsversprechens verklagt. Der Richter, der seinen Posten mit Hilfe seiner Frau und seines Schwiegervaters ergattert hatte, ver­liebt sich in die Klägerin und heiratet sie. Eine ironisch-feierliche Musik, die aus der Bloom/Joyce-Zeit stammt. Sie beginnt mit den Worten »Silence in Court!« und läuft etwa 2:00.

Spr. 5 (Dies ist an sich noch Teil des Textes aus der Legenda Aurea, es soll aber jetzt eine Wendung aus dem Düsteren zurück in etwas hellere Stimmung beginnen, deshalb kein Penderecki mehr, sondern Gilbert and Sullivan):
»So spricht Gregorius, der Heilige: ›Oh wie enge werden die Wege des Sünders!‹ Über sich sieht er den zornigen Richter, unter sich den gähnen­den Höllenschlund, zur Linken die Teufel und inwendig das schlechte Gewissen …«

Spr. 3:
Am 16. Juni 1904 um 24 Uhr steht Leopold Bloom, der nachdenk­lichste Anzeigenwerber der Weltliteratur, in Dublin auf der Mabbot Street, Eingang zur Nachtstadt, heute Nähe zentraler Busbahnhof. Ein Albtraum. Denn …

Spr. 5 (leise über den weiterlaufenden Text):
James Joyce, Ulysses.

Spr. 3:
Bloom steht vor Gericht. Alle seine Sünden einschließlich der sündi­gen Gedanken treten als Zeuginnen in Person gegen ihn auf.

Spr. 4 (Mrs Talboys):
»Dieser plebejische Don Juan … sandte mir … eine obszöne Photogra­phie, eine Beleidigung für jede Dame. Ich habe sie heute noch. Sie stellt eine teilweise nackte Senorita dar, … die gerade unerlaubten Verkehr mit einem muskulösen Torero ausübt … Er bedrängte mich, desgleichen zu tun … und mit den Offizieren der Garnison zu sündigen. Er flehte mich an, seinen Brief in der unaussprechlichsten Weise zu beschmutzen, ihn zu züchtigen, … ihn zu besteigen und zu reiten und ihn auf die lasterhafteste Weise auszupeitschen …« 

Spr. 1 (Mrs Bellingham):
»Mich auch!« 

Spr. 4 (Mrs. Yelverton Barry):
»Mich auch!« 

Spr. 3:
»Seine Ehren, Sir Frederick Falkiner, Kriminalrichter von Dublin, in richterlicher Robe aus grauem Stein, erhebt sich steinbärtig von der Bank. Er trägt in den Armen ein Regenschirm-Szepter. Aus seiner Stirn sprießt stark das Mosaische Widdergehörn … Er setzt das schwarze Barett auf …«

Spr 5 (Sir Frederick Falkiner, Kriminalrichter, sehr hart):
»Bloom soll von der Anklagebank pede stante abgeführt werden, Herr Unter-Sheriff! Er soll im Mountjoy-Gefängnis inhaftiert werden, solange es Seiner Majestät gefällt, und er soll an seinem Halse hängen, bis er tot ist. Und Sie haften mir persönlich für die Vollstreckung dieses Befehls, Herr Unter-Sheriff, Gott sei Ihrer Seele gnädig. Schafft ihn weg!«

O-Ton Trial by Jury bricht ab

Spr. 3:
Kölner Express vom 31. Dezember 2003

Spr. 4:
»Dr. Ruth Herz (60), hat jetzt selber Ärger mit der Justiz. … In der RTL-Show Das Jugendgericht spricht die promovierte Juristin Recht vor einem Millionenpublikum … Wie Express gestern aus Justizkreisen bestä­tigt wurde, soll sich Ruth Herz im Sommer dieses Jahres unerlaubt vom Unfallort entfernt haben. Das wäre eine Straftat … Bislang streitet die Fernsehrichterin … ab.«

Spr. 2:
»Kant forderte von der öffentlichen Gewalt Publizität. Wer sich nicht zeigt, hat etwas zu verstecken, heißt es, und man vergißt dabei, daß es nicht nur politische Prinzipien, sondern auch Schamgefühle gibt, die den Menschen schützen müssen, wenn er nicht ein nacktes öffentliches Tier werden soll. Also zu Recht kein Fernsehen im Gerichtssaal. Aber Gerichtssäle im Fernsehen. Und der Fernsehrichter in der Mitte mit golde­nem Namensschild und erhobenem Sessel, reinlich anzusehen, und von olympischer Gelassenheit. Nie fällt ein falscher Blick auf die aggressiv dargebotenen Busen, Schenkel und Gesäßrundungen der Prozeßteilneh­mer. Niemand kann glauben, daß so ein Richtermensch, dessen Charak­ter flach und glatt glänzt wie ein TFT-Bildschirm, Schrammen in einer Tiefgarage hinterläßt. Denn eigentlich ist er gar kein richtiger Mensch, obwohl er doch ein wahrer Richter ist.«

 

Spr. 1:
Fünftes Kapitel. Dorfrichter

Spr. 2:
Wie anders steht es um Adam, den Menschen. Der Dorfrichter, in des­sen Amtsräumen sich Wurstpellen um Schnapsflaschen ringeln.

O-Ton Viktor Ullmann, Der zerbrochene Krug, Oper nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heinrich von Kleist, 1. Szene, Dialog zwischen Adam und Licht, dem Gerichtsschreiber.

Licht:
Ei, was zum Henker, sagt Gevatter Adam!
Was ist mit Euch gescheh’n? Wie seht Ihr aus?

Adam:
Ja seht, zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße. Gestrauchelt bin ich hier. Denn jeder trägt den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.

Licht:
Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg’ jeglicher?

Adam:
Ja, in sich selbst!

O-Ton Ullmann endet

Spr. 4:
Nachts war Adam hinter Evchen her. Sie wehrte sich und ein Krug zer­brach. Nun sitzt Adam zu Gericht. Der Prozeß, den er entscheiden wird, geht um eben jenen Krug, von dem nur Adam und Evchen wissen, wie er zerbrach. Adam verurteilt einen Unschuldigen, um sich aus der Affäre zu ziehen. Doch dann taucht ein Beweisstück auf, das ihn entlarvt: Am Tatort wird seine Perücke gefunden. Der Richter flieht. 

Spr. 1:
»Seht, wie der Richter Adam … das aufgepflügte Winterfeld durch­stampft! … Seht! Seht! Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht!«

Spr. 2:
»Im Unglück nichts weiter zu sehen als Zufall oder das Resultat einer Wette zwischen Gott und Teufel, ist eine Beleidigung für das Kausalitäts­denken. Unglück ist Schuld,

Während der Text weiter läuft, setzt O-Ton Oper Der zerbrochene Krug, Fi­nale mit Chor, Dauer etwa 1:10, ein. Die Musik soll zunächst nur leise unter dem gesprochenen Text liegen, es ist nicht nötig, daß der Hörer vom ersten Teil des gesunge­nen Texts mehr mitbekommt, als die Signalworte »Adam«, »Eve«, »Apfel«. Frei stehen sollen dann die letzten etwa 10 bis 15 Sekunden des O-Tons, wo die Worte »Fiat justizia« deutlich hervortreten.

Informationshalber hier der ganze Text des Schlußchors von Eve, Marthe, Rup­recht, Veit, Licht, Walter:

»Adam und Eve, Adam und Eve, es ist ein alter Trug, immer doch neu: Sie brach den Apfel, er brach den Krug. Hätte einst Eve den Apfel nicht brochen, hätt’ heut’ der Adam nicht Unrecht gesprochen! Doch wer mag schuldig sein, ist er nicht gern allein, alle sind lieber zu zwein, zu zwein! Adam und Eve, Adam und Eve, fiat justitia da­mals wie ebenda: Richter soll keiner sein, ist nicht sein Herze rein: fiat justizia!«  

Spr. 2:
… fremde oder eigene, das glaubt die Vernunft und sie verlangt einen Richter, der im Namen der Gemeinschaft das Unglück ausgleicht. Ein Urteil muß gesprochen werden, obwohl es mit Erkenntnis und Moral bei Richtern nicht besser bestellt ist als bei anderen Menschen. Aus der Diffe­renz zwischen Anspruch des Amts und Realität der Person entsteht Tra­gik. Oder Komik. Erkenntnis und Schuld sind die großen Themen. Zwi­schen ihnen besteht ein Zusammenhang. Oedipus wurde aus Mangel an Erkenntnis schuldig. Er hatte kein schlechtes Gewissen, so lange er nichts wußte. Deshalb war er ein glücklicher Mann im Vergleich zu Kleists Dorf­richter Adam, der seine Schuld kennt und dessen Prozeßführung ausschließlich dazu dient, den eigenen Sündenfall zu vertuschen. Aber war es Sünde? Oder Liebe? Was ist der Fall?«

O-Ton Oper Der zerbrochene Krug ist an der Stelle, wo es heißt »Fiat Justi­zia!« und endet mit dem Schlußakkord der Oper. Dann

Spr. 2:
»Was der Fall ist, weiß der Richter in der Wirklichkeit nicht aus eige­ner Erfahrung. Aber was ist ein »Richter in der Wirklichkeit«? Und wie wirklich sieht er die Wirklichkeit? Sein Erkenntniswerkzeug ist die Spra­che: Gesetze, Kommentare, Schriftsätze, Präjudizien, Dokumente – eine Welt aus Zeichen, alles sehr zerstreut und oft widersprüchlich: Wenn die Wahrheit ein Krug ist mit einem Bild darauf, dann bekommt der Richter sie nie ganz zu sehen. Weiß er über sich selbst mehr als Worte?«

Spr. 1:
Hier ist Oskar Jellineks Geschichte von einem dürren Dorfrichter, der einmal in seinem Leben stark sein will wie ein Bauer. Nun wird ihm der Frauenliebling des Dorfes, der hübsche Quirin vorgeführt. Es besteht Mordverdacht. Wird der Richter stark genug sein?

Text läuft weiter, während O-Ton Benjamin Britten, Oper Billy Budd (nach ei­ner Novelle von H. Melville), einsetzt. Es geht um den jungen, hübschen, unter Druck stets stotternden Seemann William ›Billy‹ Budd, der vom Schiffsprofos schikaniert wird und ihn im Affekt tötet. Zwei Leutnants und ein Segelmeister bilden daraufhin ein kriegsrechtliches Standgericht und verurteilen den jungen Billy Budd zum Tode, weil sie glauben, nach Recht und Gesetz keine andere Wahl zu haben. – 2. Akt, 2. Szene: 34 Orchesterakkorde, die erklingen, während der Kapitän, der von Billys moralischer Un­schuld überzeugt ist, dem jungen Mann das Todesurteil verkündet. Die Musik dauert etwa 2:20 und müßte die Sprechdauer bis zum Ende der folgenden Geschichte von Oskar Jellinek geringfügig überschreiten, so daß zwischen den Abschnitten der Geschichte und am Schluß je einer der 34 Orchesterakkorde allein steht.         

Spr. 1:
Wo war Quirin in der Tatnacht?

Spr. 4:
»In Quirins Kehle stieg ein hilfloses Schluchzen … ›Das ist nicht mein Messer, das ist nicht mein Messer‹ stieß er … hervor, auf die blutige Klinge weisend, ›ich schwör’s bei meiner Mutter Seligkeit!‹ – ›Laß deine Mutter, Quirin,‹ sagte der Richter

Orchesterakkord

Spr. 4:
»Nachdem der Richter noch einige administrative Akten erledigt hatte, ging er nach Hause … Er faltete die Stirn und trat ein. Am geöffneten Fenster stand Wlasta, seine Frau, und sang. ›Du hältst ihn natürlich für unschuldig!‹ – ›Ich – wen?‹ – ›Wen? No, den Qurin!‹ Wlasta … schluckte geflissentlich und sagte dann: ›Gewiß halt’ ich ihn für unschuldig.‹ … ›Der Quirin ist kein Mörder – das weiß jeder, der nicht neidisch oder eifersüch­tig ist auf ihn.‹ sagte sie …«

Orchesterakkord

Spr. 4:
»Quirin Michalek hatte in dieser Nacht gebangt, gehofft und gebe­tet … Er warf sich hin und her. Denn das, was er gestehen sollte, hatte er nicht begangen, und das, was er begangen hatte, durfte er nicht geste­hen.«

Orchesterakkord

Spr. 4:
»Der Richter hatte Quirins Geständnis sofort protokolliert und ihn dann abführen lassen. In diesem Augenblick wurde weit die Tür geöffnet, und Wlasta, seine Frau, rauschte herein. Der Richter erstarrte. ›Was – was unterstehst du dich?‹ – ›Ich komme dir sagen, daß der Quirin unschuldig ist. Er war gestern nacht bei mir.‹ … Da sah der Richter seine Macht in den Abgrund versinken … Er war blamiert, entthront, verstoßen … Und in dem siedenden Verlangen, Hohn und Spott von sich abzuwehren, stieß er zu. Wohl hielt seine Frau … das Gebetbuch schützend vor ihre Brust, aber der Stahl traf ihre Kehle, tödlich … Der Richter stand vor der Leiche seines Weibes. Ihm war leicht zumute. Er hatte kraftvoll gehandelt wie ein Bauer.«

O-Ton Benjamin Britten endet mit Orchesterakkord.

Direkt anschließend: O-Ton Peter Tosh Here comes the judge! (wie oben) läuft un­ter dem Text weiter.

 

Spr. 5:
Sechstes Kapitel: Wenn Sie sich Ihren Richter malen könnten, dann sähe er so aus wie … ?

(Die folgenden Texte sollen sehr schnell gesprochen werden, können auch einander ins Wort fallen.)

Spr. 1:
… Frank Engelland von RTL, weil er süß ist wie die Gerechtigkeit. 

Spr. 4:
… der aus dem Buch von Ulrich Wickert, Jaques Ricou, weil er super aussieht, den Präsidenten der Republik vor Gericht bestellt, und weil er seine Gefühle zeigen kann, ich glaube, einmal weint er sogar.

Spr. 1:
… jedenfalls nicht wie Daniel Savage aus dem Roman von Tim Parks, der die Mädels von der Geschworenenbank rannimmt und den Angeklag­ten Vorträge über Gerechtigkeit hält.

Spr. 5:
… immer noch Ronald Schill, weil der klare Ansagen hat.

Spr. 3:
… Barbara Salesch, eine Mutter des Rechts in Deutschland.

Spr. 2:
… wie der Richter Di aus dem alten China, rätselhaft in den Wegen sei­nes Geistes, entschlossen im Handeln und glücklich zu Hause bei sei­nen drei Frauen.

O-Ton Peter Tosh endet.

Spr. 4 (etwas langsamer als die vorherigen Texte, gewissermaßen offiziell):
… kurz gesagt, wie aus dem Lexikon von 1838 »eine zur Handhabung der Gerechtigkeitspflege bestellte Person, die an keinen physischen Män­geln leidet, den vollen Gebrauch ihres Verstandes hat und weder taub, stumm noch blödsinnig ist und ein angemessenes Alter erreicht hat.«

Spr. 2 (wieder schnell):
… nein, ganz anders, am ehesten wie der Azdak aus dem Kaukasischen Kreide­kreis, weil er das Kind nicht der leiblichen, sondern der mütterlichen Mutter zuspricht, er geht nicht nach dem Blut, sondern nach dem Ver­stand und hat trotzdem ein riesiges Herz, aus dem er sein Leiden an der Ungerechtigkeit herausschreit.

O-Ton Hanns-Ernst Jäger, singt das Lied des Azdak (etwa 1:10). Ich habe den Text gekürzt, was meiner Meinung nach mit dem O-Ton gut geht, da genügend Pausen vorhanden sind. Der O-Ton kann auch schon etwa ab Mitte des vorstehenden Textes von Spr. 2 einsetzen:

»Die Ämter sind überfüllt, die Beamten sitzen bis auf die Straße.
Die Flüsse treten über die Ufer und verwüsten die Felder.
Die ihre Hosen nicht selber runterlassen können, regieren Reiche.
Sie können nicht auf vier zählen, fressen aber acht Gänge. …

Darum bluten unsere Söhne nicht mehr, weinen unsere Töchter nicht mehr.
Darum haben Blut nurmehr die Kälber im Schlachthaus,
Tränen nur mehr die Weiden gegen Morgen am Urmisee.«

Spr. 1:
Unbefleckte Empfängnis. Ein Kreidekreis von Rolf Hochhuth, Uraufführung 1989

Spr. 4:
Streit um ein im Reagenzglas erzeugtes Kind. Sonja, die Leihmutter, Lisbeth, die genetische Mutter, ferner die jeweiligen Ehemänner und der verantwortliche Arzt sind sich einig: Lisbeth, die genetische Mutter, soll das Kind haben. Aber die Politik mischt sich ein. Der Staat hat eine Ethik-Kommission gegründet, bestehend aus der grünen Feministin, dem liberalen Landtagspräsidenten und Monsignore Siebenstiehl von der katholi­schen Kirche. Die verstehen zwar wenig von Gynäkologie, aber alles von Moral. Sie sorgen dafür, daß es zum Prozeß kommt. Dem Arzt soll die Zulassung und Lisbeth das Kind genommen werden. Als der Staats­anwalt und das Jugendamt zugreifen wollen, arrangiert die mutige und listige Richterin Heinemann eine Verhandlungspause, damit Lisbeth mit ihrem Kind fliehen kann.

 

Spr. 1:
Siebentes Kapitel: Wie die Entscheidung gefunden wird. Oder: Fast al­les steht im Gesetz und der Rest in der Seele des Richters.

Spr. 4:
Endlich kamen

Spr. 1 (leise über den weiter laufenden Text):
Nach François Rabelais, Gargantua und Pantagruel

Spr. 4:
Panurg und Pantagruel doch in die schöne Stadt Tausendzung. Aber was müssen sie sehen! Der berühmte Richter Gänsezaum sitzt auf der Anklagebank. Der Großpräsident Breitmaul vom Obergericht wirft dem alten Gänsezaum vor, ein Fehlurteil gesprochen zu haben. Gänsezaum murmelt etwas von nachlassender Sehkraft und Würfeln … 

Spr. 3 (Breitmaul):
»Was für Würfel? Von welchen Würfeln redet er?«

Spr. 5 (Gänsezaum):
»Die Würfel der Rechte, Euer Ehren, Alea judiciorum, wie davon Docto. schreiben 26. quaestiones 2. Kapitel Abschnitt 1, emptio quod debetur, fortfolgende etcetera pp. …«

Spr. 3 (Breitmaul):
»Ihr würfelt ums Recht?«

Spr. 5 (Gänsezaum):
»Alles nach Vorschrift, Herr Chefpräsident, und wie es der Gerichts­brauch not tut, folglich wird zuerst die Akte studiert, durchwälzt, gelesen, wiedergelesen, sodann repetiere und revidiere ich Petitiones, Citationes, Comparationes, res licita et illicita, Einreden, Ausreden, Kreuzverhör, Querverkehr und nicht zuletzt die praktische Konkordanz, …«

Spr 3 (Breitmaul):
»Ich verstehe.«

Spr. 5 (Gänsezaum):
»… und zwar alles doppelt, also für beide Seiten, audiatur et altera pars, dann leg ich alle Akten des Beklagten rechts auf den Schreibtisch und würfel‘ für ihn, denn ›cum sunt partium jura obscura …‹, zu Deutsch: ›ist das Recht in dunkler Lage, weise besser ab die Klage.‹ Doch anschlie­ßend leg ich die Akten des Klägers auf die linke Seite des Schreibtischs und werfe für ihn des selbigen gleichen …«

Spr. 3 (Breitmaul):
»Und wie entscheidet Ihr?«

Spr. 5 (Gänsezaum):
»Immer für den, für den ich zuerst gewürfelt habe.«

Spr. 3 (Breitmaul):
»Und warum dann so viele Umstände?«

Spr. 5 (Gänsezaum):
»Die Form! Herr Chefpräsident, die Form! Bei deren Ermangelung nichts gültig ist. Gerechtigkeit durch Verfahren, oder wie der Aquinat sagt, forma mutata mutatur substantia ipse. Zum zweiten Leibes Ertüchti­gung. Ist denn in unserer Rats-Welt irgend ein so würziges gymnastisches Vergnügen als: Akten kramen, Zettel stöbern, Lesezeichen einkleben und ausnehmen, radieren, siegeln, in Regalibus suchen, Staub abblasen. Und drittens: Das Volk sagt immer, schnell, schnell, schnell die Rübe runter! Doch falsch Urteil ist schneller vollstreckt als begründet. Die Zeit ist die Mutter der Wahrheit, wie Sankt Gregorius sagt. Dieserhalben verschieb, verspät und vertag ich was ich vertagen kann, daß der Prozeß zur Reif gedeih, damit er sein Los, wenn es ihn trifft, leichter trage.«

 

Spr. 1:
Achtes Kapitel: Zeit, Recht, Schönheit.

Spr. 2:
»Das Kreuz ist aus dem Gerichtssaal verschwunden, an seine Stelle ist die Uhr getreten. Der Hüter der Zeit ist in den Mythen aller Völker zu­gleich Hüter des Rechts,« sagt Ernst Cassirer in der Philosophie der symboli­schen Formen.

Spr. 1:
Kreidekreise

Spr. 2:
Wer allein auf einer Insel lebt, kann Weisheit besitzen. Aber niemand kann für sich allein gerecht sein. Gerechtigkeit ist eine gesellige Tugend. Wie Liebe und Schönheit setzt sie Gesellschaft voraus und den Spiegel, der das Urteil spricht. Dieser sprechende Spiegel ist der Richter. Sein Wort zeitigt gute Proportionen, wenn es die Wahrheit zeigt. Wenn nicht, schafft es Unglück. Das ist die Lehre des Kreidekreises.

 

Spr. 1:
Neuntes Kapitel: Alte und junge Richter

Spr. 4:
»Es war ein Mann zu Babylon, der hatte ein Weib, die hieß Susanna …, die war sehr schön … Es wurden aber … zwei Älteste aus dem Volk zu Richtern gesetzt … Die … liefen zu ihr und sprachen: Susanna, siehe der Garten ist zugeschlossen und niemand sieht uns und wir sind entbrannt in Liebe zu Dir, drum tu unsern Willen. Willst du aber nicht, so wollen wir schwören, daß wir einen jungen Mann bei dir gefunden haben … Und Susanna tats nicht was sie verlangten und fing laut an zu schreien, aber die Richter schrien auch … Und das Volk glaubte den zweien als Richtern … und verurteilten Susanna zum Tode…Und da man sie zum Tode führte, erweckte Gott den Geist eines jungen Knaben. Der hieß Daniel … und fing laut an zu rufen … ›Seid ihr … solche Narren, daß ihr eine Toch­ter Israel verdammt, ehe Ihr die Sache erforscht habt …?‹ Und alles Volk kehrte eilend um … und sprachen zu Daniel: ›Setz dich her zu uns. Gott fordert dich zum Richteramte!‹ Und Daniel sprach: ›Trennt die beiden Alten, so will ich jeglichen von ihnen gesondert verhören.‹ Und da sie die beiden getrennt hatten, sprach er zu dem ersten: ›Hast du nun Susanna gesehen, wie der junge Mann bei ihr lag, so sage an: Unter welchem Baum hast du sie gefunden?‹ Er antwortet: ›Unter einer Linde.‹ … Dann ließ er den anderen vor sich kommen und sprach zu ihm: ›Nun sage an: Unter welchem Baum hast du Susanna und den jungen Mann gefunden?‹ Er aber antwortet: ›Unter einer Eiche.‹ Da sprach Daniel: ›Oh recht! Mit eu­rer Lüge bringt Ihr Euch selbst ums Leben.‹ Da fing alles Volk an, laut zu rufen und sie priesen Gott. Und Daniel ward groß vor dem Volk von dem Tage an …«

 

Spr. 1:
Zehntes Kapitel: Befragung einiger herausragender Richterpersönlich­keiten

Spr. 3:
Um mit dem schwersten zu beginnen: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Justiz passe sich jedem politischen System an?

O-Ton Is’ was Doc?:

Richter Maxwell:
»Überspringen wir einfach diesen Teil und gehen wir weiter.«

Spr. 3:
Eine Frage zur Person. Wenn Sie in den Spiegel sehen, wie finden Sie sich?

O-Ton Zar und Zimmermann, Arie des van Bett:
»Diese ausdrucksvollen Züge,
dieses Aug’ wie ein Flambeau …«

Spr. 3:
Wenn Sie den Gerichtssaal betreten und einen jugendlichen Angeklag­ten sehen, was denken Sie dann?

O-Ton Die zwölf Geschworenen:
»Diese Jungs von heute, die taugen alle nichts. Als ich ein Kind war, habe ich zu meinem Vater Sie gesagt.«

Spr. 3:
Das erinnert mich an die Devise von Judge Roy Bean »Hang ’em first – verhandelt wird später.« Empfinden Sie es als Beleidigung, wenn ich Sie frage, ob ein Richter vielleicht etwas differenzierter denken sollte?

O-Ton Die Rache des Jesse James:

Richter:
»Macht 50 Dollar.«

Spr. 3:
Was ist Ihr größter Fehler?

O-Ton Is’ was Doc:

Richter Maxwell:
»Mitleid. Ich habe einfach zu viel … Mitleid.«

Spr. 3:
In einem Roman von Gabriel García Márquez heißt es: »Elf Monate nach Amtsantritt ließ sich Richter Arcadio zum ersten Mal in seinem Büro nieder.« Sind Richter faul?

O-Ton Jesse James:
»100 Dollar. Schimpft nur weiter. Ich kriege von jeder Strafe ein Drit­tel.«

Spr. 3:
Lassen Sie es mich anders formulieren: Sprechen Sie ganz einfach über die Belastung durch Ihren Beruf.

O-Ton Is’ was, Doc:

Richter Maxwell:
»Sehen Sie diese gelbe Pille hier? Wissen Sie, wofür die ist?

Spr. 3:
Nein, Euer Ehren.

O-Ton Is’ was, Doc?:

Richter Maxwell:
»Um mich daran zu erinnern, hier diese blaue zu schlucken.«

Spr. 3:
Und wofür ist die blaue, Sir?

O-Ton Is’ was, Doc?:

Richter Maxwell:
»Keine Ahnung. Sie haben Angst, es mir zu sagen.«

 

Spr. 5:
Elftes Kapitel: Richter hassen

Spr. 2:
›Manchmal hassen wir die Richter. Warum? Weil sie ein Gespinst von Regularien über das Leben ziehen, in dem sich die Rechtschaffenen verfan­gen und das die Mächtigen einfach zerreißen? Weil sie statt eines Herzens staubige Papiere unter der Robe tragen wie der Jurist auf dem berühmten Bild von Arcimboldo?‹

O-Ton Familiengericht mit Frank Engelland (Gesamtlänge des O-Tons etwa 0:25) beginnt unter dem weiterlaufenden Text. Es geht um das Aufenthaltsbestimmungs­recht für ein kleines Mädchen, das, wie in den Fernsehgerichts­fällen üblich, vom Schicksal schwer geschlagen wurde: Nicht nur, daß es selbst an Neuroder­mitis erkrankt, der Vater ein arbeitsloser Alkoholiker, die Tante eine Schlampe, der Onkel ein Mörder ist, sondern zu allem Überfluß hat es auch erst vor wenigen Wo­chen ansehen müssen, wie die eigene Mutter umgebracht wurde. Dementsprechend emotions­geladen läuft die Gerichtsverhandlung ab.  

Spr. 2:
Oder sind sie bestechlich wie die Richter in den Fastnachtsspielen des Mittelalters? Aber ach, das sind ja alles nur Karikaturen. Kleinkariert, kalt und bestechlich können auch Dichter und Hotelportiers sein. Wenn wir Richter hassen, dann aus dem selben Grund, aus dem das Publikum der Gerichtsshows sie liebt: Es ist die Macht. Es sieht so aus, als ob Rich­ter Macht hätten.

Weiter O-Ton Familiengericht mit Frank Engelland, erst einige Sekunden wildes Durcheinanderreden, dann

Richter Engelland:
Also, wenn alle durcheinanderreden, verstehe ICH kein Wort.

Ende O-Ton Familiengericht

Spr. 2:
Wenn der Richter redet, hören alle zu. Das Machtwort – die Erfül­lung des Kleinbürgertraums. Endlich Schluß mit dem Gequatsche. Man läßt seine Gedanken gern aufsaugen von der Macht und vergißt, die Wirr­nis der Welt mit ruhigem Auge zu sehen. ›Die Welt sehen heißt: Über Richter richten.‹

 

Spr. 3:
Zwölftes und letztes Kapitel: What’s in a name oder Alles nur ein Spiel?

O-Ton Trial by Jury beginnt – bei weiterlaufendem Text – etwa 20 Sekunden vor der Stelle, an der sie oben nach dem Joyce-Text unterbrochen wurde, so daß nach dem nächsten Text von Spr. 3 die Arie anfängt. Die Gesamtdauer des O-Tons müßte ab hier etwa 3:20 betragen.

Spr. 2:
Die Theatralik der Robe scheint anzudeuten: Vielleicht ist alles nur ein Spiel. Aber im Namen der Robe zeigt sich etwas anderes. Das Wort kam im dreizehnten Jahrhundert auf. Französische Ritter raubten ihren Feinden die Prunkkleider, zogen sie sich selbst an und nannten sie mit dem germanischen Namen: Raub. Und die französische Sprache machte im Laufe der Zeit aus gemeinem Raub eine vornehme Robe.

Spr. 5:
Friedrich Dürrenmatt, Die Panne, erschienen 1956

Spr. 1:
Herrenabend unter pensionierten Juristen. Keiner jünger als fünfundsieb­zig. Richter, Henker, Staatsanwalt und Advokat. Man schmaust, man trinkt, man spielt ein Gesellschaftsspiel. Es heißt: Der Strafpro­zeß. Die alten Knaben spielen ihre alten Rollen und den Angeklag­ten macht der Gast des Abends, ein durch Autopanne im Land­haus des Richters gestrandeter Textilvertreter. Nach dem ersten Wein prahlt er damit, wie er seinen Chef in den Herztod trieb, indem er dessen »leckeres Frauchen« verführte. Bei dem Wort »leckeres Frauchen« schnal­zen die Greise mit der Zunge. »Bravo!« meckert der Staatsanwalt und klatscht in die Hände angesichts der juristischen Herausforderung, die es bedeutet, aus dieser Herzensaffäre eine Mordanklage zu zimmern. Flammend widerspricht der Advokat, während alle ordentlich einen zur Brust nehmen.

Der O-Ton sollte hier einige Sekunden allein stehen; wenn es zeitlich hinkommt, wie ich es gestoppt habe, müßte es bei Strophe vier bis sechs sein.  

Spr. 1:
Am Schluß klettert der Richter auf den Konzertflügel. Unter Beifall, Hoch­rufen, Jodelversuchen und Sektkorkenknallen verkündet er mit schwe­rer Zunge das Todesurteil – welch ein Spiel! Man umarmt sich, »Dank, lieber Richter!« schluchzt der Textilvertreter und taumelt von Greisenbrust zu Greisenbrust, eher er sich zur Nachtruhe verabschiedet. Die alten Herren genehmigen sich noch ein Gläschen und torkeln Arm in Arm zum Gästezimmer, wo sie ihrem Angeklagten das Nachtlied singen wollen. Als sie die Tür öffnen, sind sie augenblicklich nüchtern. Der Gast baumelt am Fensterkreuz. Er hat sich erhängt. Das ist das Ende des Spiels. Das ist wirklich eine Panne.

Der Nachgesang der Arie sollte nun bald erreicht sein. Darüber

Spr. 3:
Absage.

Ende.

 

 

Anhang:
Übersetzung der Arie des Richters aus Trial by Jury,
nur informationshalber

Richter:
»Als ich anfing als Richter beim Amtsgericht,
Da war ich noch frisch und munter.
Doch ich kannte kein Aas und auch Geld hatt ich nicht,
Und so kam ich nicht rauf und nicht runter.

Eine löchrige Robe in Anthrazit
Und Aktenstaub an den Händen,
Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.«

Chor:
»Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.«

Richter:
»Ich hängte mein Fähnchen, ich war ja nicht dumm,
In alle politischen Winde.
Ich dachte, im Ministerium
Erkennt man die Jungfrau am Kinde.

So kommts auch. Man ruft mich. Ich sage nicht nein
Und verlieb mich ins falsche Gebiß der
Häßlichsten aller drei Töchterlein
Vom Landesjustizminister.«

Chor:
»Häßlichsten aller drei Töchterlein
Vom Landesjustizminister.«

Richter:
»Der Minister macht einen Freudensprung.
Und sagt: Mit Deinen Talenten –
Also wirklich, Du hast den gewissen Schwung
Eines Obergerichtspräsidenten.

An den Anblick des Mädchens gewöhnst Du dich bald
Sie riecht süß wie der Mai und würzig.
Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt
Kaum älter als dreiundvierzig.«

Chor:
»Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt
Kaum älter als dreiundvierzig.«

Richter:
»Der gute Minister hielt wirklich Wort
Und gab mir den schönen Posten,
Ich bin jetzt der Präsident am Ort,
Nur mein Weib beginnt leider zu rosten.

Doch sonst geht’s mir gut, man lädt mich ein
Und genießt meine tolle Rhetorik.
Ich referiere in jedem Verein,
Mein Verdienste sind äußerst honorig.«

Chor:
»Er referiert in jedem Verein,
Seine Verdienste sind sehr honorig.«

Richter:
»Ich war fast ein Krösus, doch wie schon gesagt,
Es klapperte noch das Gebiß der
Häßlichen alten schimmligen Magd
Vom Landesjustizminister.

Ich warf sie raus – was sollte ich tun?
Ich werde halt etwas blechen.
Dafür bin ich frei und richte nun
Über gebrochene Heiratsversprechen.«

Chor:
»Dafür ist er frei und verhandelt nun
Das gebrochene Heiratsversprechen.«

Über der weiter laufenden Musik ab Strophe 10 bzw. so, daß der Schlußapplaus, der im O-Ton aufbrandet nach der Absage den Schluß des Features bildet, je nachdem kann man auch die Absage um einige Namen kürzen.

Richter:
»Denn jetzt bin ich Präsident!«

Chor:
»Alles Unrecht ist ihm fremd!«

Richter:
»Ich bin Gerichtspräsident!«

Chor:
»Alles Unrecht ist ihm fremd!«

Richter:
»Das Gesetz ist ein Schmand.
Doch ich bleib im Richteramt.
Bis zum Tode, verdammt!«

Chor:
»Ja, das Recht ist ihm bekannt!«

Richter:
»Denn mein Trick ist gut geglückt.«

Chor:
»Alles Glück ein Trick!«

Richter:
»Ja, mein Trick ist gut geglückt.«

Chor:
»Alles Glück ein Trick!«

Richter:
»Jeder sieht mit einem Blick,
Wie mein altbewährter Trick
Funktioniert hat! Welch ein Glück!«

Chor:
»Alles Glück ein Trick!«

Ende.

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