Essays und Vorträge

Isokrates


Christoph Schmitz-Scholemann

Unveröffentlicht. Entstanden 1991.

I.
Mythos

An den Grenzen des Wissens ist das Reich der Worte nicht zu Ende. Im Gegenteil. Über das, was wir buchstabengenau kennen, brauchen wir keine Worte zu machen: Es versteht sich von selbst, Formeln und Flos­keln genügen. Dagegen wer die Grenzen des Bekannten zu überschreiten gedenkt, findet an Floskeln und Formeln kein Genüge. Er braucht Worte.

Die griechische Sprache hält mehrere Ausdrücke für das bereit, was wir im Deutschen unter »Wort« verstehen. Einer dieser Ausdrücke ist »Mythos«. »Mythos» beschreibt nicht so sehr den Bezirk des Begrifflichen und Festbegrenzten, sondern ein »Mythos« ist dasjenige Wort, das einen bewegten oder bewegenden Gedanken ausspricht, »Mythos« ist ein Wort, das spekuliert, tastet, erfindet, kurz: ein Wort, das seinen Sinn noch sucht. Von da ist es nicht weit zu der zweiten Bedeutung des Wortes, die mit Erzählung, Sage, Geschichte beschrieben ist. Übrigens ist das Wort sehr alt und sein tiefer und warmer Klang weist auf einen Zusammenhang mit dem Muhen der Kuh. Das sollte uns nicht irre machen, sondern zur Beschei­denheit ermahnen. Nicht nur Menschen suchen ihren Ausdruck.

Eine günstige Eigenschaft der Mythen besteht darin, daß sie im Gro­ßen eindeutig und in den Einzelheiten vieldeutig sind. Außerdem ist nie­mand durch methodische oder sprachliche Barrieren gehindert, mitzure­den: Der Mythos ist ein urdemokratisches Erkenntnismittel, dessen Nut­zen gelegentlich auch von den exakten Wissenschaften geschätzt wird.

Als nach dem zweiten Weltkrieg die Kernphysiker bei ihrer Lieblingsbe­schäf­tigung, nämlich Materie zu zertrümmern, um zu sehen, wie sie innen sei und was sie zusammenhalte, – weit jenseits der Grenzen, die den natürlichen Sinnen gesetzt sind – immer noch feinere und wieder kleinere und dann noch unendlich geringere Teilchen fanden, da began­nen schließlich die Instrumente zu zittern und das Flimmern auf den Monitoren wurde so unergründlich, daß niemand mehr wußte, ob es etwas anderes bedeutete als sich selbst. Solchermaßen an Grenzen sto­ßend, entsann sich einer der Wissenschaftler des Romans Finnegans Wake und der darin enthaltenen rätselhaften Geschichte von Herrn Mark und seinen drei Söhnen, den Quarks, die, durch den geheimnisvol­len Kleb­stoff der Geschwisterschaft zusammengehalten, gelegentlich selb­dritt an­stelle ihres Vaters agieren. Und so stellte man sich denn das Pro­ton als den Vater Mark und die Teile, aus denen es gelegentlich zu beste­hen schien, als seine Söhne, die Quarks, vor. Bis heute heißen die inzwi­schen experimentell nachgewiesenen kleinsten Elementarteilchen Quarks.

Ebenfalls nach dem zweiten Weltkrieg, als die Staaten in Europa in Trümmern lagen, schrieb der französische Dichter André Gide eine Erzäh­lung mit dem Titel Theseus. Er griff damit einen Mythos auf, der mehr als zweitausend Jahre zuvor schon den griechischen Schriftsteller Isokrates (437–338 v. Chr.) beschäftigt und sein Denken geprägt hatte.

Was das alles miteinander zu tun hat? Nun, hören wir zunächst die aufs Ganze gesehen sehr erfreuliche Geschichte vom sagenhaften Grün­der der Stadtrepublik Athen:


II.

Theseus

Bevor Theseus die ihm von den Göttern zugedachte große Arbeit versu­chen konnte, erprobte das Schicksal seine Kraft und sein Glück. Denn die Götter können wohl Pläne für ihre Lieblinge schmieden, aber sie haben keine Macht über Arachne, die mit ihren Schwestern in dunklen Winkeln sitzt und für jeden die Fäden des Schicksals spinnt.

In den alten Zeiten lebten sehr schädliche Männer im attischen Bergge­lände, die »Geächteten«; ob man sie – in noch viel früheren Jahrhun­derten – aus den Dörfern geworfen hatte, weil sie, möglicher­weise aufgrund einer schwierigen Jugend, boshaft waren, oder ob sie bos­haft wurden, weil man sie ausstieß, läßt sich nicht mehr klären. Fest steht nur, daß sie sich als Unholde betätigten, als Theseus mit ihnen zu tun bekam. Die drei übelsten Burschen hießen: Skeiron, Damastes und Pithyokamp­tes.

Pithyokamptes ist der sprechende Name eines schweigsamen Mannes. Der ›Fichtenbeuger‹ wohnte im Wald. Wenn ein Wandersmann daher­kam, bot ihm Pithyokamptes eine Kraftprobe an. Der Riese bog mit je­der Hand die Spitze einer Fichte nieder, und sein Opfer mußte es ihm nach­tun. Gütigerweise half ihm Pithyokamptes beim Baumbiegen, feu­erte ihn auch an und lobte ihn für seine schier übermenschliche Kraft so sehr, daß der Wanderer seine eigenen Kräfte überschätzte und sich vom Riesen bereitwillig die Hände an den Fichtenspitzen festbinden ließ. Auf diesen Moment hatte Pityokamptes gewartet. Jetzt nämlich ließ er die Baumspit­zen los und der Waldboden wackelte von dem Gelächter, das der Riese ausstieß, während der Wandersmann von den sich aufspreizen­den Fich­ten hochgeschleudert und in der Luft zerrissen wurde.

Skeiron lebte an der Küste des Meeres, auf einem steil aus der Bran­dung ragenden Felsen hatte er sich sein Räubernest gebaut. Der Mann war gehbehindert. Er hinkte. Wenn, was selten genug der Fall gewesen sein wird, ein Reisender vorüberkam, ein versprengter Soldat vielleicht aus Sparta oder ein betrunkener Philosoph, dann klagte ihm Skeiron sein Leid und bat um die kleine Gefälligkeit einer Beinmassage. Eine so beschei­dene Bitte abzuschlagen, waren die Reisenden, wie es schien, zu höflich. So knieten sie sich vor dem Kranken nieder und kneteten ihm die Waden und bekamen zum Dank – einen mächtigen Tritt ins Gesicht und stürzten rücklings vom Fels hinab in den gurgelnden Abgrund des Meers. Da wartete eine Kröte und fraß den gefallenen Samariter mit Stumpf und mit Stiel.

Damastes hatte an der Straße nach Eleusis, einen Tagesmarsch vom Pei­räus entfernt in nördlicher Richtung, eine ländliche Fremdenherberge eingerichtet. Freundlich pfeifend ging er vor seinem Gasthaus auf und ab und ermunterte die Reisenden einzutreten. Die Leiden der Gäste began­nen, wenn sie sich zum Schlafe niederlegten. Das Bett ist ja viel zu kurz, Herr Wirt! Und dies wieder bei weitem zu lang! Das macht nichts, erwi­derte Damastes, ich werde das in Ordnung bringen, legen Sie sich nur schon mal hin! Und wie er dann half, der rührige Wirt! Aber nicht die Betten machte er passend, sondern die Gäste. Was von ihren Gliedern über den Rand stand, haute er ab mit der Axt. Und wenn sie, wie meis­tens, zu klein waren, dann machte er sie lang, er zog und dehnte und streckte sie, bis sie zerrissen.

Mit diesen sinistren Genossen ging Theseus auf seine Weise um. Er schlug sie mit ihren eigenen Waffen. Den Pityokamptes zerriß er, Damas­tes machte er passend fürs Zwergenbett und Skeiron stieß er vom Felsen hinab der Kröte ins giftige Maul.

Das freie Land, das nun vor ihm lag, Attika nämlich, bot aber immer noch keinen beruhigenden Anblick: Zwischen verstreuten Dörfern dehn­ten sich große, unbebaute Flächen aus, die von unsicheren Straßen durchzo­gen waren. Und wie die Landschaft zwischen den Dörfern wüst und zerklüftet war, mangelte es auch den Verbindungen der Dorfgemein­schaften untereinander an Kultivierung und Form. Es herrschten Miß­trauen und Gewalt.

Immerhin: Theseus fand in einem der Dorfhäupter seinen Vater Ägeus, den er so lange gesucht hatte. Zeit für sein großes Werk fand The­seus aber nicht sogleich. Die Eifersucht und die Mordlust seiner Stief­mutter Medea standen dagegen. Mehrfach mußte Theseus seine ganze Geistesgegenwart aufbieten, um ihren giftigen Anschlägen zu entgehen. Aber selbst dann noch, als Medea gescheitert und verbrannt war, hatte die Kette der Bewäh­rungsproben ihr Ende nicht erreicht, ja, die schwerste Prüfung wartete sogar noch. Theseus wurde von seinem Vater dazu ausersehen, die auswärtigen Beziehungen des attischen Fischer-Dor­fes zu ordnen, ein höchst verwickelter Auftrag, wie unser schon erwähnter Gewährsmann, der französische Dichter Andre Gide, ganz treffend be­merkte. Dem fer­nen und mächtigen König Minos in Kreta waren alljähr­lich sieben Jüng­linge zu verabfolgen, eines alten Krieges wegen, also gewis­sermaßen zu Reparationszwecken. Und was die blühenden Männer auf der Insel Kreta erwartete, war nichts weniger als der sichere Tod in Gestalt eines gefährlichen Mischwesens aus Mensch und Stier: der Minotaurus steckte im innersten Bezirk des Labyrinths, gierig auf Knaben­blut.

Diesmal konnte sich Theseus nicht mit der Anspannung seiner eige­nen Körper- und Geisteskräfte begnügen. Gegen die Wirrsale des Laby­rinths und den Stier im Zentrum hätte Theseus allein keine Chance ge­habt. Daß er dies voraussah, zeichnet ihn aus. Wenn man so will, kann man sagen: Erstmals in seinem Heldenleben war nicht nur das Ziel seines Edelmuts gemeinschaftsbezogen, sondern auch die Technik des heroi­schen Wir­kens selbst wies in nuce jene gesellschaftlich-politische Dimen­sion auf, die uns auch bei seinem größten Werk begegnen wird. Daß der Stier das ganze als eine böse Intrige wertete, wundert uns nicht: Was verstehen schon Stiere von Politik!

Theseus zog zwei Menschen ins Vertrauen, Ariadne und Dädalus. Zur Königstochter Ariadne spann er den Silberfaden seiner – übrigens bes­tens trainierten – prinzlichen Liebe; wie er Dädalus, den Hofbaumeister und genialen Erfinder des Labyrinths, auf seine Seite zog, ist nicht be­kannt. Jedenfalls muß der Architekt dem Helden den Bauplan des Laby­rinths verraten haben. Kurz und gut, der Stier ward bei den Hörnern gepackt und überwältigt, die lieben Hände der Prinzessin hielten den Faden, an dem Theseus aus den Irrwegen herausfand an das nüchterne Licht des Tages und Theseus kehrte als Sieger heim, wenn auch nicht ohne Ver­luste: Die treue Ariadne ließ er unterwegs auf einer einsamen Insel zu­rück (und setzte die Reise mit ihrer wesentlich attraktiveren Schwes­ter Phädra fort) und Vater Ägeus stürzte sich am Tage der Rück­kehr seines Sohnes zu Tode. Theseus war nun der geborene König.

Und so versammelte er die Ältesten und Reichsten seiner Heimatge­meinde und der benachbarten Dörfer um sich und hielt ihnen eine Rede, de­ren genauer Wortlaut durch André Gide aufgezeichnet worden ist:

»Ich lasse nichts gelten als persönliche Tüchtigkeit und erkenne keinen anderen Wert an«, sagte Theseus und fuhr fort: »Ihr habt euch zu berei­chern gewußt durch Geschicklichkeit, Wissen, Beharrlichkeit; noch öfter aber durch Ungerechtigkeit und Mißbrauch. Die Zwistigkeiten unter euch gefährden die Sicherheit des Staates. Nach meinem Willen soll er mächtig und vor euren Intrigen geschützt sein. … Die verwünschte Geld­gier, die euch quält, bringt euch kein Glück, denn sie ist in Wahrheit unersätt­lich. Je mehr man erwirbt, um so mehr wünscht man zu erwer­ben. Ich werde euer Vermögen herabsetzen; und zwar mit Gewalt (ich besitze sie), wenn ihr diese Einschränkung nicht gutwillig annehmt. Mir behalte ich nur die Aufsicht über die Gesetze und die Heeresleitung vor. Am übrigen liegt mir wenig. Ich will als König ebenso einfach leben, wie ich es bis zum heutigen Tage getan habe, und zwar auf dem gleichen Fuße wie die kleinen Leute. Ich werde den Gesetzen Achtung verschaf­fen … Man soll im Lande ringsum sagen können: Attika wird nicht durch einen Tyrannen, sondern durch eine Volksherrschaft regiert, denn jeder Bürger dieses Staates wird im Rate gleiches Recht haben, ohne Ansehen der Geburt. Wenn ihr nicht freiwillig mitmacht, werde ich euch, wie ge­sagt, dazu zu zwingen wissen. Ich werde eure kleinen lokalen Gerichts­höfe und Ratsstuben zerstören und vernichten und werde das, was bald Athen heißen wird, unter der Akropolis versammeln … Jetzt geht und laßt es euch gesagt sein.«

Und Theseus ließ diesen starken Worten Taten folgen. Er schmiedete die ehedem verfeindeten Dorfgemeinschaften zum Volk der Athene zusam­men. Er begab sich aller königlichen Autorität, kehrte ins Glied zurück und fürchtete sich nicht, ohne Geleit vor aller Augen als schlichter Bürger zu erscheinen. Um die Bedeutung und Macht Athens zu heben, ließ er verkünden, daß jeder ohne Unterschied aufgenommen werde, woher er auch käme, wenn er den Wunsch hätte, sich in Athen niederzulas­sen. Und er versprach den Neuankömmlingen die gleichen Rechte wie den Ureinwohnern und den früher angesiedelten Bürgern.

Theseus, den das Schicksal zur Härte erzogem hatte, war auch durch die Warnungen seines Freundes Peirithoous nicht zu beirren. Dieser Freund sagte: »Die Gleichheit ist unter den Menschen nicht natür­lich … Ohne Wettbewerb, Rivalität, Eifersucht, bleibt diese Masse formlos und wälzt sich im Sumpf. Du magst wollen oder nicht … bald werden sich wieder Unterschiede der äußeren Lage herausbilden; das heißt eine lei­dende Plebs und eine Aristokratie.«

Theseus entgegnete ihm: »Bei Gott, darauf rechne ich … Aber zu­nächst sehe ich nicht ein, warum diese Plebs leiden soll, wenn die neue Aristokra­tie, die ich nach Kräften begünstigen werde, diejenige des Geis­tes ist, wie ich es wünsche, nicht die des Geldes …«

Soweit André Gide’s Bericht über die Gründung Athens durch The­seus. Niemand wird leugnen, daß, gemessen an der durchschnittlichen Weitsicht der Helden von Herakles bis Siegfried, das Urteil über Theseus gar nicht günstig genug ausfallen kann. Und all die sind zu tadeln, die sich noch nach Tausenden von Jahren an den kleinen Unbeherrschthei­ten des Mannes reiben. Natürlich hätte er seine Lebensretterin Ariadne nicht auf einer einsamen Insel in der Ägäis abladen sollen, um mit ihrer Schwester Phädra über die weindunkle See zu entschwinden. Und erst recht überschritt Theseus seinen geschichtlichen Auftrag, als er versuchte, die schöne Helene aus Lakedaimon zu entführen. Aber erstens hat er seine erotische Exzentrik stets teuer bezahlt, diese Dinge sind also an sich erledigt, zweitens wäre es unredlich, das Überschreiten der gewohnten Grenzen bei dem Politiker Theseus zu loben, um dieselbe Eigenschaft dem Erotiker zu verübeln, drittens ist es ein durch keine Erfahrung beleg­tes Vorurteil, daß, wer sich selbst nicht beherrschen kann, auch zur Herr­schaft über andere nicht tauge. Und schließlich sind das alles doch nur Marginalien, die das Entscheidende niemals verdunkeln dürfen: Theseus war ein sagenhafter Mann.


III.

Betrifft: Erziehung

… gelegentlich einfach mitten im Satz beginnen. So lautet eine der Empfeh­lungen des Lehrers Isokrates von Athen (437–338 v. Chr.). Es entsteht ein Gefühl von Voraussetzungslosigkeit und Frische, wenn man mit der Tür ins Haus fällt wie der Frühlingswind oder wie ein Kind oder wie das Glück persönlich.

Wer sich im Athen des fünften und vierten Jahrhunderts vor Christus zum Unterrichten berufen fühlte, mußte sich nicht, wie die Lehrer heute, zunächst einmal in die Gewalt der institutionalisierten Erziehungswissen­schaft begeben, um sich dann mühsam wieder aus ihren Fängen zu be­freien, sondern er eröffnete ganz einfach eine Schule. Er brauchte dazu keine Genehmigungen und Zertifikate, sondern nur: einen kühlen Raum, ei­nen guten Ruf, einige Holzbänke und Schüler.

An all dem hatte der Lehrer Isokrates keinen Mangel. Er war nach eige­nem Bekunden ein eher schüchterner Mann. Seine Stimme krächzte und vor großem Publikum wackelten ihm die Knie. Er war ein lausiger Redner und versagte in seinem ersten Beruf als Anwalt. Und so wurde er Lehrer. Und zwar für Rhetorik.

Die Rhetorik, wie sie Isokrates in der Tradition der Sophisten ver­stand, beschränkte sich allerdings nicht, wie der heutige Beigeschmack des Wortes nahelegt, auf Tricks und Tips für rotzige Politiker, business­men und Advokaten. Nein, diese Rhetorik war eine umfassende Disziplin mit einem handfesten praktischen Ziel: Die Rhetorik trat als zentrale Herrschaftstechnik in dem Maße an die Stelle bewaffneter Unterdrü­ckung, wie die Tyrannis von der Demokratie abgelöst wurde. Weil sich das Schicksal der Stadtrepublik Athen in der Volksversammlung und in den Gerichten entschied, mußte man dort im Rate der Männer am Markt, wie es bei Homer heißt – Erfolg haben. Wer etwas zu sagen ha­ben wollte, mußte reden können.

Isokrates hat wahrscheinlich auch ein Lehrbuch der Redekunst ge-schrie­ben. Es ist verloren gegangen, dürfte sich aber nicht wesentlich unterschieden haben von den erhaltenen Kompendien anderer Schulhäup­ter. Mit deren Hilfe können wir uns ein Bild davon machen, wie vielfältig der Bereich dessen war, was man damals unter Rhetorik verstand.

Die Rhetoriklehrer fanden heraus, daß der Redner, ob er will oder nicht, die Gefühle seiner Zuhörer anspricht. Wem sich die Herzen verschlie­ßen, kann Menschen nicht bewegen. Also versuchte man, die Natur der menschlichen Gefühle zu ergründen; es entstand eine Vorform der Psychologie daraus.

Der Redner durfte aber auch die Vernunft seiner Zuhörer nicht beleidi­gen. Deshalb entwickelten die Rhetoriklehrer ausgefeilte Argumentati­onsregeln; es wuchs eine Vorform der Logik und der Erkennt­nistheorie heran.

Der Redner mußte ein Meister der Sprache sein: die Rhetoriker leg­ten das Fundament für Grammatik und Stilistik. Ein gutes Gedächtnis brauchte der Redner; man entwickete die Grundlagen der Mnemotech­nik. Der Redner vor den Gerichten konnte auf gehörige Kenntnis des Rechts nicht ganz verzichten. Und so wundern wir uns nicht, daß es die Rhetoriklehrer gewesen sind, die an der Wiege der Jurisprudenz standen.

Und dann das schwerste Stück: Ein wirklich großer und dauerhaft wirksa­mer Redner braucht, so fanden die Rhetoriker heraus, persönliche Glaubwürdigkeit. Seine Person muß seine Worte beglaubigen. Er muß die Vorstellungen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht und von Wahr und Falsch, die aus seinen Worten sprechen, verkörpern. Und so stießen die Rhetoriklehrer – aus scheinbar ganz unphilosophischen Zweckmä­ßigkeitsüberlegungen – zu den sogenannten tiefen Dingen und letzten Fragen – wir kommen später darauf zurück.

Es war also nicht wenig, was den Schülern im Fache Rhetorik vermit­telt wurde. Aber es war durchaus nicht alles. Der Lehrer Isokrates war ein nüchterner Mann. In seinem Kopfe wucherten keine Romane und blüh­ten auch keine Oden und Elegien. Und so studierte und lehrte er die alte und neue Geschichte seiner Vaterstadt Athen, wobei er zur alten Ge­schichte durchaus auch die Mythologie rechnete, vor allem den The­seus-Mythos, den er in seinen politischen Reden nicht müde wird zu deuten und zu variieren.

Was dieses zweite Hauptfach an der Schule des Isokrates, nämlich die Geschichte Athens und Griechenlands betrifft, so sind weder Lehrpläne noch curricula überliefert; an Merksprüchen von der Sorte »Drei Drei Drei – Bei Issos Keilerei« fehlte es schon deshalb, weil weder Isokrates noch sonst die Griechen ihre Zeit als einen so exakten Takt aus Stunden und Sekunden verstanden, wie wir das heute tun und dabei anzunehmen scheinen, nicht der Wechsel der Jahreszeiten sei das Naturgesetz, sondern das artifizielle Zucken der Ziffern auf der Atomuhr in der physikalisch-technischen Bundesanstalt zu Braunschweig. Die Griechen orientierten sich an Ereignissen – übrigens am liebsten aus der Welt des Sports –, nicht an abstrakten Festsetzungen. Wenn es galt, eine Schlacht zu datie­ren, dann gebrauchte man keine Jahreszahl, sondern man sagte etwa: Im zweiten Winter nach den Olympischen Spielen, in denen Theodoros aus Theben den Siegeskranz im Wagenrennen errang, usw.

Der Unterschied in der Sichtweise ist größer, als man auf den ersten Blick glauben mag. Wenn wir ein Koordinatensystem auf Millimeterpa­pier malen und eine Ellipse einzeichnen, dann sehen wir diese Ellipse als ein Produkt von Berechnungen, Vorgaben und Formeln. Denken wir uns das Millimeterpapier und das Koordinatensystem weg und warten ein wenig, bis die harte Rechtwinkligkeit aus unserer Wahrnehmung geschwun­den ist, dann wird die Ellipse zum Ei oder zum Eiland oder zur Wolke oder zur Pfütze. Die Formel verwandelt sich in ein Bild und das Bild schwimmt auf dem Ozean unserer inneren Welt wie die bewegliche Insel des Windkönigs Äolos auf dem Mittelmeer. Die Dinge werden bieg­sam und deutbar: Die Historie wird zum Mythos. Moderne Historiker sagen, die Griechen hätten kein korrektes Verhältnis zur historischen Wahrheit gehabt. Richtig ist, daß sie keine guten Reporter waren. Aber wunderbare Erzähler.

Wie Isokrates seinen Schülern die Geschichte seiner Vaterstadt nahe­brachte, ist nicht bekannt. Man wird die Werke des Herodot, Thukydides und Xenophon gelesen haben und sicher auch die sogenannten Atthidogra­phen, die eine Mischung aus Sagenerzählungen und Alltagsge­schichte der Stadt präsentierten. Aus den über dreißig erhaltenen Redetex­ten des Isokrates kann man zu erschließen versuchen, wie eine kurzgefaßte Geschichte Athens aus der Feder des Meisters, geschrieben am Ende seines fast hundertjährigen Lebens, ausgesehen haben könnte:

»Lange Jahre nach den goldenen Zeiten unseres Stadtgründers The­seus hatten in Athen der Unverstand und die Geldgier wieder die Macht in Händen. Eine skrupellose Adelsclique hielt die große Mehrheit des Volks in Schuldknechtschaft. Da sandte unsere Schutzgöttin Athene den Dichter und Richter Solon. Er befreite das Volk, verteilte das Land neu und erließ Gesetze in schöner, rhythmischer Sprache. Sie gelten bis auf den heutigen Tag. Solons Fehler war, daß er sich allzubald wieder aus den Staatsgeschäften zurückzog. Das Volk wurde übermütig. In seinem unmäßigen Haß gegen die Reichen verschenkte das Volk die Macht, die ihm Solon erkämpft hatte, an den Tyrannen Peisistratos. Aber auch der hatte eines Tages ausgespielt, und so kehrte die Demokratie zurück. Indes wuchs ein mächtiger äußerer Feind heran: Der persische Großkönig saß wie eine fette Spinne in den dunklen Winkeln Asiens und machte sich daran, das Netz seiner Gewalt in den Westen zu erweitern. Zweimal stand er mit seinem Lakaien-Heer im Herzen Griechenlands, zwei Mal unterlag der barbarische Despot.

In den schönen Jahren danach war Athen die Herrscherin des östli­chen Mittelmeers. Der Seehandel blühte. Der Markt quoll über. Die An­wälte hatten Konjunktur. Die Stadt lebte in Saus und Braus. Sie leis­tete sich die schönsten Tempel Griechenlands, die größten Feste, und sie leis­tete es sich, jeden noch so begabten Politiker aus der Stadt zu werfen, wenn er dem Volk nicht mehr gefiel. Allerdings mästeten wir unser Glück auf Kosten der Kolonien, deren Tribute wir gnadenlos eintrieben. Und so fiel es Sparta nicht schwer, unsere unzufriedenen Verbündeten aufzuhet­zen und mit ihnen in den Bruderkrieg gegen uns zu ziehen. Mit persischem Gold bestritt Sparta den Sold für die thrakischen Bogenschüt­zen, die paphlagonischen Reiter, sizilischen Schiffskämpfer und all die anderen Söldnertruppen, die aus allen Teilen der bewohnten Erde nach Griechenland kamen. Wir erlitten eine bittere Niederlage. Wir verloren unsere Silberbergwerke, unsere Flotte, unsere Mauern wurden geschleift und unsere Handelsbeziehungen zerschnitten. Aber das schlimmste war, daß sich Bürger unserer Stadt bereitfanden, im Auftrage Spartas eine verbrecherische Tyrannenregierung zu bilden. Diese Bande machte je­den, der ihr nicht paßte, einen Kopf kürzer. Sie stürzte das Volk von Athen in einen Bürgerkrieg. Glücklicherweise gewann aber letztlich die demokratische Partei doch wieder die Oberhand.

Nach dem Ende des großen Kriegs mit Sparta vagabundierten die ar­beitslosen Söldnertruppen durch Europa und Kleinasien, und diese Hor­den suchten sich ihre Kriege und Scharmützel, traten in die Dienste verwege­ner Condottieri und skrupelloser Regionaltyrannen ebenso wie sie Bürger-Truppen demokratischer Städte beisprangen. Sie trugen Mord und Brand in das hellenische Land und sie kannten nur einen Herrn: das Geld. Deshalb blieb Hellas zerrissen, wurden nach wie vor Dörfer geplün­dert, Ernten verwüstet, Frauen, Männer und Kinder versklavt oder ermordet, irrten Flüchtlinge und Verbannte durch Griechenland und suchten Asyl.«

So etwa könnte ein Abriß der athenischen Geschichte aus der Feder des greisen Lehrers Isokrates ausgesehen haben. Andere Fächer als Ge­schichte und Rhetorik wurden bei Isokrates nicht gegeben, vor allem keine Mathematik und keine Himmelskunde; das unterschied die Schule des Isokrates von anderen Instituten.

Und wie haben wir uns den praktischen Unterrichtsbetrieb vorzustel­len? Wie war es um Didaktik, Methodik, Disziplin bestellt? Nun, es sind keine staatlichen Vorschriften, Richtlinien, Programme und Empfehlun­gen überliefert. Immerhin lassen sich aber auch hier Rückschlüsse aus den erhaltenen Reden des Isokrates ziehen:

Isokrates glaubte nicht an die Allmacht der Erziehung. Seine Mei­nung war, daß man niemanden, erst recht nicht mit Zwang, zu einem neuen Menschen erziehen kann. Die klassische Frage, ob Tugend lehrbar sei, hätte er glatt verneint. Wohl aber könne man starke Begabungen fördern und die Nachteile fehlender Begabung durch Übung bis zu ei­nem gewis­sen Grade ausgleichen. Man kann seine Pädagogik auf zwei Prinzipien zurückführen:

Nichts mit Gewalt!

Reden! Reden! Reden!

Die Schüler, im Alter ab etwa 14 Jahren, allesamt männlichen Ge­schlechts und aus den angesehensten Familien nicht nur Athens, sondern ganz Griechenlands stammend, sammelten sich in den Morgenstunden um den Meister und blieben bis zum Nachmittag. Vorzugsweise waren fiktive Anklage- oder Verteidigungsreden gegen oder für berühmte Gestal­ten aus der Geschichte (einschließlich Mythologie) zu verfassen. Vorgegeben wurde eine möglichst knifflige Aufgabe, zum Beispiel die Verteidigung des Theseus gegen den Vorwurf, seine Lebensretterin Ari­adne verlassen zu haben. Mit welchen Argumenten dies geschah, war im Prinzip gleichgültig, nur überzeugend mußten sie sein. Es war also keines­wegs verpönt, den Mythos kurzerhand umzudichten, indem man etwa behauptete, Ariadne habe sich ihrerseits verliebt und es sei ein Akt der Großzügigkeit gewesen, daß Theseus sie nicht gezwungen habe, bei ihm zu bleiben.

So las man und schrieb, lernte auswendig, deklamierte, diskutierte, verbes­serte, lernte erneut, deklamierte erneut, diskutierte erneut, korri­gierte erneut und immer so weiter, bis das Ergebnis den Lehrer zufrieden­stellte. Isokrates setzte nicht nur seine Schüler diesem unablässi­gen Gespräch aus, sondern auch seine eigenen Texte unterwarf er der Diskussion im Kreise der Schüler, änderte, diskutierte, bis er irgendwann, manchmal nach Jahren, in einem Fall sogar erst nach Jahrzehnten glaubte, eine Veröffentlichung wagen zu können.

Die Schüler wählten den Zeitpunkt des Schulabgangs selbst; die meis­ten blieben drei oder vier Jahre. Abschlußprüfungen wurden nicht abge­legt, es gab weder Zeugnisse noch Noten.

Man kann die pädagogischen Prinzipien der Schule des Isokrates auch komplizierter formulieren, als wir es getan haben. Das fortwährende kriti­sche Gespräch hieße dann vielleicht »rationale Kommunikation«, die Bereitschaft des Lehrers, sich selbst in die Kritik einbeziehen zu lassen, wäre zweifellos ein »tendenziell symmetrischer Vollzug« und das Erziehungs­ziel ließe sich ohne weiteres beschreiben als »Vermittlung humaner Handlungsorientierung«. Und so können wir dann in der Hoff­nung, daß auch ein Pädagoge unserer Zeit versteht, was gemeint ist, in den Worten des Erziehungswissenschaftlers Klaus Schaller (1925–2015) aussprechen, daß Erziehung für Isokrates »Hervorbringung und Vermitt­lung humaner Handlungsorientierung im tendenziell symmetrischen Vollzug rationaler Kommunikation« war.

 

IV.
Die schönste aller Reden

Christoph Martin Wieland gründete vor knapp zweihundert Jahren »zur nützlichen Unterhaltung des lesenden Publikums« die Zeitschrift Atti­sches Museum. Im ersten Heft brachte Wieland den Panegyrikos des Isokrates, die schönste aller Reden, wie man im Altertum sagte.

Die Rede wurde niemals gehalten, sondern, um das Jahr 380 vor Chris­tus, als Flugschrift veröffentlicht. Isokrates glaubte, Athen solle den innergriechischen Kleinkriegen ein Ende machen und stattdessen eine Allianz der griechischen Demokratien gegen den persischen Despoten führen. Nur so, glaubte er, könne das vagabundierende Gewaltpotential der Söldnerheere gebunden werden. Um den Führungsanspruch seiner Heimatstadt zu rechtfertigen, arbeitete er seine Rede zu einer Eloge auf die kulturelle und politische Tradition Athens aus:

»Oft schon habe ich mich darüber gewundert: Warum die Veranstal­ter der Turniere und Olympiaden so große Gewinne aussetzen zur Beloh­nung für körperliche Tüchtigkeit, während sie diejenigen, die auf eigene Rechnung zum Wohl der Gemeinschaft ihren Geist kräftigen, nur mit kleinen Preisen abspeisen. Müßte es nicht geradezu umgekehrt sein? Denn selbst, wenn es allen Sportlern gelänge, das Maß ihrer Stärke zu verdoppeln: es nützte uns anderen nicht. Dagegen die Weisheit eines einzigen Mannes trägt reiche Frucht für alle, die sich seiner Gedanken bedienen …

Als die Hellenen noch gesetzlos lebten und in zerstreuten Horden, die einen unterdrückt von Tyrannen, die andern in wilder Anarchie, da war es unsere Stadt Athen, die diesen Übeln ein Ende machte. Wem sie ihren Schutz nicht geben konnte, dem gab sie wenigstens ein ermutigendes Beispiel. Sie war nämlich die erste, die verläßliche Regeln für das Zusam­menleben der Menschen in der Gemeinschaft aufstellte. Wir erkennen das daran, daß die ersten Städte, die sich anschickten, nicht mehr nach den Gesetzen von Gewalt und Willkür zu richten, sondern auch die schwers­ten Verbrechen in einem vernünftigen Verfahren abzuurteilen, ihre Gesetze von uns übernommen haben. Und was die schönen Künste und die vielen Erfindungen für den täglichen Bedarf betrifft, so wurden sie entweder bei uns erfunden oder doch erprobt und zur Vollendung gebracht, bevor wir sie an die übrigen Hellenen weitergaben. Unsere Gesetze und das ganze Leben in unserer Stadt atmen den Geist der Offen­heit und Fremdenfreundlichkeit. Bei uns ist jeder Fremde gern gese­hen. Gleichgültig, ob er als armer Mann kommt und Geld braucht, oder ob er sich bei uns niederläßt, um sein Vermögen zu genießen, wir sind auf die Glücklichen ebenso eingerichtet wie auf diejenigen, die das Un­glück aus ihrer Heimat vertrieben hat: die einen finden bei uns den köstlichs­ten Zeitvertreib, die anderen ein sicheres Asyl.

Und weiter: Da nicht jedes Land alles produziert, was die dort leben­den Menschen brauchen, sondern an dem einen Mangel hat, an dem andern Überfluß, so wußte man lange keinen Rat, wie zugleich der Man­gel auszugleichen und der Überschuß zu verwerten sei: Auch hier half Athen. Denn wir richteten den großen Markt im Peiräus ein; da gibt es alles, was man in der übrigen Welt nur schwer oder gar nicht bekommt, und zwar in Hülle und Fülle.

Den Stiftern unserer großen gesamtgriechischen Wettspiele nun ge­bührt schon allein deshalb ein besonderes Lob, weil sie den Brauch begrün­det haben, daß während der Festtage überall in der hellenischen Welt die Waffen schweigen. Statt gegeneinander zu kämpfen, erinnern wir uns in den festlichen Opfergottesdiensten unserer gemeinsamen Vergan­genheit und stimmen uns ein auf eine gemeinsame Zukunft. Alte Freundschaften werden erneuert und neue gestiftet. Niemandem wird die Zeit arg, keiner langweilt sich, weder die gewöhnlichen Leute noch diejeni­gen, die sich in irgendetwas besonders hervortun. Die einen kön­nen ihre Künste zur Schau stellen, die andern freuen sich dabei, den Wett­kämpfern zuzusehen. So haben alle ihr Vergnügen und können sich geschmeichelt fühlen, die Zuschauer, weil man so viel Wert auf ihren Applaus legt, die Akteure, weil ganz Griechenland gekommen ist, um ihnen zuzuschauen …

Es gibt nicht nur die sportlichen Wettkämpfe zu sehen, wo es um Kraft und Behendigkeit geht, sondern auch Wettstreite der Beredsamkeit, der Wissenschaften und der schönen Künste … Und während andernorts Festspiele nur in Abständen von mehreren Jahren stattfinden und dann auch nur wenige Tage dauern, kann unsere Stadt mit Recht als ein einzi­ges ununterbrochenes Festspiel bezeichnet werden …

Besonders aber gereicht es unserer Stadt zur Ehre, daß sie die Philoso­phie und die Redekunst gehörig zu ehren wußte: die Philosophie, die bei all diesen Erfindungen und Einrichtungen mitgewirkt, uns zu den Geschäf­ten des bürgerlichen Lebens gebildet, unsere Sitten gemildert, und uns zu unterscheiden gelehrt hat, nämlich zwischen denjenigen Übeln, die aus Unwissenheit und denen, die aus physischer Notwendig­keit entspringen, so daß wir den einen abzuhelfen, die anderen aber auf noble Art zu ertragen lernen. Und Athen hat uns auch die Kunst zu re­den geschenkt, die jeder zu besitzen wünscht und ihrem Besitzer neidet. Denn unsere Stadt sah, daß unter allem Lebendigen allein der Mensch mit der Anlage zu Vernunft und Sprache geboren ist, und daß uns dieser einzige Vorzug auch in allem übrigen über die Natur erhebt; sie erwog ferner, daß Glück und Zufall in alle anderen Geschäfte und Unternehmun­gen der Menschen mit solcher Wirkung sich mischen, daß nicht selten kluge Leute ihre Wirkung verfehlen, wohingegen Dummköp­fen alles glücklich vonstatten geht, die Geschicklichkeit zu reden hingegen nie die Sache eines rohen, wertlosen Menschen, sondern gerade das ist, woran man hauptsächlich den gebildeten Mann von dem ungebildeteten unterscheidet, und daß man weder aus der Tapferkeit eines Mannes noch aus seinem Reichtum und anderen Vorzügen dieser Art, sondern vornehm­lich daraus, was er sagt und wie er spricht, den Schluß zieht, ob er wohl oder schlecht erzogen sei …

Aus all diesen Gründen bestrebte sich unsere Stadt, die anderen Völ­ker in der Kunst zu denken und zu reden hinter sich zu lassen; und bei­des ge­lang ihr so wohl, daß ihre Schüler die Lehrmeister der übrigen gewor­den sind, ja, daß der Name ›Hellenen‹ nicht länger eine Rasse, sondern eine bestimmte Denkweise bezeichnet, und daß alle diejenigen mit mehr Recht Hellenen heißen, die unsere gemeinsame Kultur mit uns teilen, als diejenigen, in deren Adern griechisches Blut fließt …«


V.

Wie groß ist die Sonne?

Ganze Bibliotheken sind seit der Zeit, als man noch auf Kuhhäute schrieb, bis in unser Jahrhundert mit Auslegungen des Panegyrikos gefüllt worden. Die schöne feinpolierte Rede ist wie ein Zauberspiegel, der nicht nur für die Mitwelt glänzte, sondern in dem die unterschiedlichsten Generati­onen und Zeitalter die verschiedensten politischen und histori­schen, literarischen und philosophischen Wahrheiten zu erkennen glaub­ten.

Wir begnügen uns hier mit zwei Aspekten.

Zum ersten: Der Eindruck, den Isokrates von den Zuständen in Athen gibt, stimmt ohne Zweifel in manchen Punkten nicht mit der historischen Wirklichkeit überein. Gerade, was die Behandlung Fremder betrifft, hat­ten sich die Athener einige Entgleisungen zuschulden kommen lassen. So schleppten sie im Jahre 404 dreihundert Bürger aus den Nachbarstädten Salamis und Eleusis bei Nacht auf den Markt in Athen, nicht etwa, um mit ihnen zu feiern, sondern man prügelte sie mit Knüppeln zu Tode. Auch das Todesurteil gegen den kauzigen Sokrates war nicht eben ein Musterstück für großzügige Förderung der Philosophie. All das wußte Isokrates nur zu gut. Wenn man ihn gefragt hätte, wie er diese partielle Geschichtsfälschung rechtfertigen könne, hätte er vielleicht so geantwor­tet:

Einmal habe ich an keiner Stelle konkret etwas Falsches behauptet, son­dern ich habe nur die vorhandenen günstigen Tendenzen etwas stär­ker betont. Zum andern ging es mir darum, meine Landsleute zu guten Taten für die Zukunft zu ermutigen, und da werde ich sie doch nicht an ihre vergangenen Mißgriffe, sondern an ihre guten Anlagen und Absich­ten erinnern. Und schließlich ist das öffentliche Lügen nur dann ein Prob­lem, wenn kein Widerspruch zugelassen ist. Und genau darum geht es mir ja: Um Freiheit und um die Demokratie.

Der zweite Aspekt läßt sich am besten als Frage formulieren: Was, beim Herkules, ist Philosophie? Fast fällt es nicht auf, daß Isokrates in der pa­negyrischen Rede zwei Wissenschaften als gleichrangig nebeneinander stellt, nämlich die Philosophie und die Rhetorik, die nach dem heute stadt- und landläufigen Verständnis Abgründe voneinander trennen. So beiläufig diese Gleichsetzung erscheint, so gezielt ist sie doch. Im dritten Bande des Bilder-Conversations-Lexikons für das deutsche Volk von F. A. Brock­haus, Leipzig, 1839, heißt es:

»Philosophie ist eine Wissenschaft, welche aus dem angestrengten For­schen der Menschen nach den Gründen oder dem Wesen der Dinge sich gebildet hat und von dem Erhabensten, was die menschliche Vernunft als die Bedingung alles Seins und Wissens oder der Welt anerkennt und der Glaube voraussetzt, die für uns erreichbar höchste Erkenntnis zu erlan­gen sich bestrebt. Diese philosophische Erkenntniß hält sich daher nicht blos an das in Raum und Zeit Gegebene, sondern sucht die Gründe des Vorhandenen und noch Möglichen und die Nothwendigkeit desselben zu er­forschen und, soweit es angeht, selbst bis in das Gebiet des Übersinnli­chen zu verfolgen.«

Diese Auffassung von der Philosophie als einer Suche nach der letzten voraussetzungslosen Wahrheit hinter den flüchtigen Dingen, sei es nun ein Gott oder eine ewig kreisende Seinskugel oder ein absolutes Prinzip oder ein dialektisches Urgesetz oder eine Zahl, steht in Deutschland seit jeher hoch im Kurs. Sie geht auf Platon zurück. Und sie stellt so ziemlich genau das Gegenteil dessen dar, was Isokrates dachte.

Platon betrieb, ein paar Straßen von der Schule des Isokrates entfernt, ebenfalls ein Lehrinstitut, die Akademie. Die beiden Herren waren Konkur­renten, und in ihren Schriften nahmen sie, fast immer versteckt, aufeinander Bezug. Was den Ruf unter den Zeitgenossen und was den finanziellen Aspekt betrifft, konnte Platon Isokrates nicht das Wasser rei­chen. Isokrates war bei weitem erfolgreicher. Er war ein Prinzenerzie­her mit fürstlichen Honoraren und einem glänzendem Ansehen in der gan­zen damals bekannten Welt.

Doch was den Inhalt der Lehren und die schriftstellerischen Qualitä­ten betrifft, sah die Sache nicht so eindeutig aus. Kurz gesagt: Platon hatte Tiefe und Witz, Poesie und moralische Aggressivität und Isokrates setzte historische Bildung, eine kultivierte Skepsis, rhetorischen Schliff und common sense dagegen. Isokrates glaubte nicht wirklich an die tiefen Dinge. Götter waren für ihn eine gesellschaftlich notwendige Einrich­tung, aber er verband keine dunklen Gedanken mit der Religion. Er hatte Frauen und Freundinnen bis ins hohe Alter, aber er verlor in seinen Re­den keine geheimnisvollen Worte über die Liebe. Und die Philosophie hatte für ihn eine praktische Funktion. Lebensweisheit, Weltklugheit sollte sie sein, der Philosoph soll über das Leben nachdenken, um den Men­schen raten zu können, mitnichten soll er selber herumrätseln wie ein Kind über den Tod und die Unendlichkeit und das All. Methodische Vorschriften für den Philosophen gab es nicht: mochte er dichten, fragen, rechnen oder phantasieren, anything goes, wichtig war nur, daß er sich der Diskussion stellte und sein Maß nicht von den Sternen sondern von den Menschen nahm. Und so gesehen ist die Philosophie dann tatsäch­lich eine ebenbürtige Schwester der Rhetorik: Hirn und Zunge gehören zusammen!

Diese Haltung zur Philosophie hatte Isokrates nicht selbst erfunden, son­dern sie war attische Tradition. »Wie groß ist die Sonne?« fragte je­mand einen Sophisten, der im Grase lag und seine Füße betrachtete. Die Antwort: »Halb so groß wie mein rechter Fuß.«


VI.

Platon und Isokrates

Isokrates war der Sohn eines reichen Flötenfabrikanten. Er litt niemals Mangel und blieb zeit seines Lebens im Lande. Er gehörte erst als An­walt, dann als Rhetorik-Lehrer zu den etablierten Nutznießern des demokrati­schen Systems. Ämter übernahm er nicht, doch seine Reden und offenen Briefe, gerichtet an das Volk von Athen, an Fürstensöhne und fremde Könige wurden vielfach abgeschrieben und zirkulierten als Flugschriften: geflügelte Worte.

Es handelte sich dabei stets um situationsbezogene Ratschläge, nicht um grundsätzliche Parolen. Das hat Isokrates den Ruf des Opportunisten ein­getragen. Dem Prinzen von Zypern rät er, seine monarchischen Voll­machten mit Augenmaß zu gebrauchen, damit sein Volk nicht revoltiere. Wenn er die Prozeßsucht der Athener und die Schlaumeierei der Intellektu­el­len kritisiert, dann hält er seinen Mitbürgern die karge und gerade Lebensart der Spartaner als bekömmlich vor, in anderen Fällen preist er das freie, offene und opulente Leben in Athen zur Nachahmung an. Mal drängt er zum Kriege, mal fleht er um Frieden. Nur die stilisti­sche Erlesenheit dieser Texte, die stets auch als rhetorische Etüden dien­ten, änderte sich durch die Jahrzehnte nicht. Und immer wieder scheint in seinen Texten der Mythos von Theseus auf, dem es gelungen war, den widerstrebenden Bewegungen der attischen Stämme ohne Tyrannei ein ebenso belebtes wie haltbares Haus in Gestalt der Stadtrepublik zu ge­ben.

Isokrates vermied polemische Zuspitzungen ebenso wie gesellschafts-politi­sche Visionen. Zu den einen habe es ihm an Tempera­ment und Witz gefehlt, zu den andern an Gerechtigkeitsdrang und Phanta­sie, sagen seine Kritiker. Außerdem sei er während der meisten Jahre seines Le­bens erstens zu reich, zweitens zu alt und drittens zu eitel gewesen, um den wahren Charakter des immer artifizieller werdenden Regierungssys­tems seiner Stadt zu begreifen, das längst zur bloßen Dekora­tion einer im Grunde nihilistischen Ellbogengesellschaft verkom­men sei. Und die feinen Ziselierungen seines Satzbaus seien wie Girlan­den, mit deren Hilfe sich die gähnende Leere seiner Gedanken zugleich schmücke und verstecke.

Auch Platon entstammte den besseren Kreisen und gab sich in seiner Jugend den üblichen körperlichen und intellektuellen Ausschweifungen der jeunesse dorée seiner Vaterstadt hin: dem Wein und der tragischen Dichtung. Die Dialoge, mit denen er in den mittleren Lebensjahren sei­nem Seelenführer Sokrates ein literarisches Denkmal setzte, zeigen ihn als ei­nen ironischen Stadt-Melancholiker und poetischen Philosophen. Doch je älter Platon wurde, umso mehr vertiefte sich sein Widerwille gegen die Athener Gesellschaft. Gründe dafür gab es genug: Die Macht der in Pla­tons Augen allenfalls scheinklugen Volks- und Gerichtsredner, ihr Opportu­nismus, das Parteiengeschiebe, die Kulissenkämpfe, die Korrup­tion, die Entscheidung der Staatsangelegenheiten je nach Stim­mungslage der Mehrheit, die Ämterpatronage, die Spekulationsgeschäfte der Händ­ler, das ganze laszive Leben, Trinkgelage, Hurerei, Päderastie, obszöne Umzüge, verdorbene Theaterstücke, respektlose Satiren, Gottesläste­run­gen – das alles, so schien es Platon, verfehlte den göttlichen Auftrag, ein Leben in Tugend und Wahrhaftigkeit zu organisieren.

Und während das Wort Gerechtigkeit bei Isokrates den eher formel­len Sinn eines fairen Umganges im Streite der Meinungen und Interessen hat, verband Plato mit diesem Begriff einen ganz bestimmten Inhalt. Er schrieb als alternder Mann zwei große utopische Werke, den Staat und die Gesetze, in denen er seine Vorstellungen von einem gerecht eingerich­teten Staat darlegte: Die Macht in diesem Staat wies er einem Direkto­rium weiser, in die Geheimlehren eingeweihter Greise zu. Damit sich das Volk seinem Glück, in Gerechtigkeit leben zu dürfen, nicht unver­ständiger­weise entzöge, sollte die Ausreise streng reglementiert sein. Dem Gelderwerb wollte Platon ebenfalls enge Grenzen setzen und das Eigen­tum nach mathematischen Formeln gerecht unter die Staatsbürger vertei­len, wie ja auch im All Feuer, Erde, Wasser und Luft in vernünfti­ger und deshalb schöner mathematischer Proportion verteilt seien.

Der Geschlechtstrieb als Urheber so vieler Verwirrungen bedurfte selbst­verständlich straffer staatlicher Zügel. Insbesondere Homosexualität sei zu unterbinden, meinte Platon, was vielleicht psychologisch aufschluß­reich ist, und zwar insofern, als Platons Jugendwerke geradezu dampfen von einer Atmosphäre unterschwelliger Homoerotik. Die Erzeugnisse der Kunst, der Dichtung und der Musik sollten ganz aus dem Staate der Gerech­tigkeit verbannt sein, es sei denn, eine Zensurbehörde hätte ihre Eignung als aufbauende Produkte ausdrücklich festgestellt. überall in Stadt und Land mußten Polizeikräfte wachen; die Verletzung der Ge­setze sollte im Falle nachhaltiger Vernunft- und Gerechtigkeitsresistenz die Verbannung oder den Tod nach sich ziehen.

Ein konsequentes Programm!

Platon beließ es nicht bei der Utopie: Er unterhielt eine sehr enge Bezie­hung zu dem sizilischen Herrscherhaus des Diktators Dionysios von Syrakus, der ein autodidaktischer Dichter war und die platonische Philoso­phie studierte. Platon segelte oft nach Syrakus, denn er glaubte, dort mit Hilfe des Diktators einen total gerechten Staat bauen zu können. Die­ser erste in der abendländischen Geschichte bekanntgewordene Ver­such der Einrichtung einer Gesellschaft aus der Kraft der integren Ver­nunft verfing sich alsbald in Eifersüchteleien und Palastquerelen; er en­dete für die Stadt Syrakus und seine Bewohner mit einem entsetzlichen Blutbad. Platon war tief enttäuscht, und er schob die Schuld für den Fehl­schlag der Verschlagenheit und Dummheit des Dionsysios zu, der nicht tief genug in die philosophischen Lehren eingedrungen sei.

So standen sich also mit Platon und Isokrates nicht nur zwei unter-schiedli­che philosophische Lehrmeinungen, sondern zwei grundver­schiedene Weltsichten gegenüber. Die Grenze zwischen den beiden Positio­nen ist allerdings nicht diejenige, die Karl Marx zwischen sich und der ihm vorangegangenen Philosophie konstatierte, es ist nicht die Grenze zwischen asketischer Weltabgewandtheit auf der einen und akti­ver, nach Veränderung gieriger Weltzuwendung auf der anderen Seite. Wie das Beispiel Syrakus zeigt, wandte sich Platon durchaus der realen Welt zu. Der Unterschied liegt nicht in der Richtung des Denkens, son­dern im Ausgangspunkt und im Ziel.

Für den späten Platon waren die Dinge der realen Welt ein flüchtiges Produkt der reinen Idee. Das Ziel konnte deshalb nur sein, die Dinge ihrem Urbild, der einen und einzigen göttlichen Idee der Gerechtigkeit möglichst nahezubringen. Die Welt hatte sich der Idee zu fügen.

Wer dagegen die Reden des Isokrates studiert, mag sich an Vater Mark und seine Söhne, die Quarks erinnern: Je genauer er hinsieht, umso weniger erkennt er eine große väterliche Idee, stattdessen findet er eine bunt wimmelnde, in geschwisterlichem Wettstreit vereinte Schar von Gedankenblitzen und Erfahrungen. Das heißt nicht, daß Isokrates keine Vorstellung von Richtig und Falsch und von Gut und Böse gehabt hätte: im Gegenteil, er hatte sogar sehr viele davon. Sein Denken war, wenn man so will, eine regelrechte Republik von Wertvorstellungen, und es lag ihm fern, die Utopien, Gerechtigkeitsideale und Letztbegründungen aus dieser Republik hinauszuwerfen. Erst ihre ungehinderte Konkurrenz untereinander und mit anderen Denkweisen und den vielen im Mythos überlieferten Wahrheiten schien ihm eine Chance dafür zu bieten, daß die Philosophie, wie er sie verstand, richtige Ratschläge für das Leben finden könne.

Und was haben wir mit diesem Streit der beiden alten Griechen zu tun? Sehen wir zu!


VII.

Survivre n’est pas vivre

Bis zum Jahre 1968 standen die Mauern der Kölner Universität sprachlos und kalt. Dann sprühte jemand auf den Sandstein eine Parole: Survivre n’est pas vivre. Der Satz war schon längst wieder abgewaschen, als 1983 der amerikanische General Haig erklärte, der Frieden sei nicht das höchste Gut, es gebe auch Werte, für die zu sterben lohnend und richtig sei. Survivre n’est pas vivre – Aber was muß hinzukommen, damit aus dem blanken Überleben eine schöne üppige vita wird? Bratkarttoffeln? Gerechtig­keit? Kinder? Ein Hölderlin-Vers? Die Freiheit? Dieser himmel­blaue Neunundsiebziger Ford-Fairmount-6-Zylinder?

Einer der einflußreichsten und gewiß der originellste deutsche Staats­rechtsgelehrte unseres Jahrhunderts war der 1985 gestorbene Carl Sch­mitt aus Plettenberg im Sauerland. Er schrieb zwei Bücher mit dem Titel Politische Theologie, und er liebte die Liberalen nicht: Sie wollten, daß die Ströme des technischen Fortschritts und des universalen gesellschaftli­chen Diskurses eines Tages die politisch-ideologischen Blöcke wegspülen soll­ten. Ideologie-Freiheit, also Freiheit von allen religiösen und weltanschau­lichen Fesseln, sei für sie der höchste Wert. Die Chance, eine politische Ordnung aus einer sozialen oder religiösen Idee zu entwerfen, die Chance einer Utopie also, werde damit zunichte gemacht. Die Wertfrei­heit der Liberalen Gesellschaft bestehe in dreierlei Gestalt: Wertfrei­heit in der Wissenschaft, Verwertungsfreiheit in der Produktion und Bewertungsfrei­heit im Konsum. Der in einer solchen befreiten Gesell­schaft lebende Neue Mensch sei unvermeidlich aggressiv, und zwar ag­gressiv im Sinne »des unaufhörlichen Fortschritts und unaufhörlicher Neu-Setzungen.« Er habe keine Feinde mehr, sondern er überhole ein­fach »das Veraltete durch das wissenschaftlich-technisch-industriell Neue … das Alte erledige sich von selbst in einem unendlichen Prozeß-Progreß, der das Alte entweder – nach dem Maß neuer Verwertbarkeit verwerte, oder als unverwertbar ignoriere, oder als störenden Unwert vernichte.«

Gut bekannt ist, daß Carl Schmitt in den ersten Jahren des Nationalsozia­lismus eine herausgehobene Rolle bei der Gleichschaltung der Rechtswissenschaft und bei der Verfolgung jüdischer Kollegen spielte. Das diskreditiert ihn, aber diskreditiert es auch seine Gedanken?

Er könnte ja trotzdem Recht haben! Jedenfalls findet man ganz ähnli­che Formulierungen bei vielen, und nicht den schlechtesten Köpfen unse­res Jahrhunderts, von Ivan Ilich bis Paul Virilio, von Hans Jonas bis Charles Peguy. Was ist das auch für ein Leben ohne Zeus und ohne Sozialis­mus! Ohne Gott und ohne Platon, nur mit Platin und Plutonium! Ist diese Welt der rasenden Ingenieure und des entfesselten Geldes nicht aggressiv in jede Richtung? Pulvert sie nicht die Erde aus und ätzt sie nicht Löcher in den Himmel? Und liegt der Grund dafür nicht darin, daß niemand ist, der Grenzen setzt; der dem wildgewordenen Kapital und den rasenden Ingenieuren sagt: Bis hierhin und keinen Schritt weiter? In einem Gedicht von Federico Garcia Lorca mit dem Titel: La aurora – Die Morgenröte heißt es:

Die Morgenröte von New York hat
Vier Säulen aus Morast
Und einen Sturm schwarzer Tauben,
Die in fauligen Pfützen plätschern.

 

Die Morgenröte kommt, und niemand nimmt sie in den Mund.
Denn hier gibt es kein Morgen und keine Hoffnung.
Wütende Schwärme von Geldmünzen
Durchlöchern und verschlingen die verlassenen Kinder. 

Die ersten die aufstehn verstehn bis ins Mark,
Daß es keine Liebe gibt und kein Paradies ohne Blätter.
Sie wissen, daß sie zum Morast der Zahlen und Gesetze gehn,
Zu kunstlosen Spielen und fruchtlosem Schweiß. 

Das Licht liegt begraben unter dem Lärm der Ketten,
Schamlos erledigt von einer Wissenschaft ohne Wurzeln.
In den Vorstädten gibt es Leute, die schlaflos umhergehn,
Als seien sie eben einem Schiffbruch von Blut entkommen.

 

VIII.
Vermeiden Sie Proskynesen!

Wer sich an den großen Ideen von Liebe, Gleichheit und umfassender Gerechtigkeit orientiert, hat allen Anlaß zur Verzweiflung. Es gibt zwar einen erdumspannenden Fortschritt, doch der hat anscheinend keine soziale und keine christliche, ja nicht einmal ansatzweise ethisch orien­tierte Richtung, vielleicht hat er nur eine Richtung ins Nichts, in die Ver­nichtung. Aber was tun? Die großen Richtunggeber, Religionen und Utopien, sind diskreditiert. Sie haben Berge von Leichen hinterlassen in den Kellern der Häuser, die angeblich nach göttlichen Plänen errichtet waren. Niemand kann sich ihnen anvertrauen. Sollen wir uns, wie Ödi­pus, die Augen ausstechen, um wenigstens nicht sehen zu müssen, was wir nicht ändern können?

Vielleicht ist aber auch mit den großen Ideen etwas nicht in Ordnung. Vielleicht sind sie einfach zu groß und wir täten einstweilen besser daran, nicht nach der einen väterlichen Zauberformel zu forschen, sondern in aller Bescheidenheit nach brauchbaren Botschaften zum Überleben zu suchen, zum Beispiel bei Isokrates, bei Platon, bei André Gide oder bei Theseus. Gott finden wir auf diese Weise vielleicht nicht, aber einen tröstli­chen und – wer weiß? – vielleicht sogar nützlichen Zeitvertreib. Schon die Geschichte von Isokrates und die uralte Sage von Theseus kann uns eine Menge lehren. Zum Beispiel:

Es gibt Rettung auch in aussichtsloser Lage.

Diese Rettung kommt von guten Ideen (das mit dem Faden war wirk­lich ein guter Einfall) und von Menschen.

Manchmal sogar von dem Architekten der Falle, in die man geraten ist.

Lassen Sie sich keine Zerreißproben aufdrängen.

Ausländer rein!

Lassen Sie sich nicht die Hände binden.

Gegen Ungeheuer ist Gewalt erlaubt, auch wenn das Ungeheuer persön­lich eine schwierige Kindheit hatte.

Hüten Sie sich vor Wirten, die behaupten, für jeden ein passendes Bett zu haben!

Vermeiden Sie Proskynesen! Man bekommt zu leicht einen Tritt.

Die Lüge ist ein kleines Übel. Ein großes Übel ist die Unterdrückung der Widerrede.


IX.

Theseus und Ödipus

Wie André Gide in seiner Erzählung Theseus berichtet, kam Ödipus, nach­dem er sich die Augen ausgestochen hatte, von Theben nach Athen und bat Theseus um Asyl. Es enstpann sich ein Dialog zwischen den bei­den alten Männern:

»Ödipus:
Du wunderst dich, daß ich mir die Augen ausgestochen habe; und ich wundere mich selbst darüber. Aber vielleicht trieb mich noch etwas ande­res zu dieser unüberlegten, grausamen Tat: Irgendein geheimes Bedürf­nis, mein Schicksal zum Äußersten zu treiben, meinen Schmerz zu verschär­fen und eine heldische Bestimmung auszufüllen. Vielleicht ahnte ich von ungefähr die erhabene, erlösende Macht des Leidens; deswegen widerstrebt es auch dem Helden, ihm auszuweichen. Darin bezeugt sich, glaube ich, vor allem seine Größe. Nie ist er tapferer, als wenn er als Op­fer fällt. So erzwingt er den Dank des Himmels und entwaffnet er die Rache der Götter …

Theseus:
Lieber Ödipus …, ich kann diese Art übermenschlicher Weisheit nur lo­ben, zu der du dich bekennst. Aber mein Denken kann dir auf diesem Wege nicht folgen. Ich bleibe ein Kind dieser Erde und glaube, daß der Mensch, gleichviel wer er ist und wie verderbt er dir erscheinen mag, die Karten ausspielen muß, die er in der Hand hat. Gewiß ist es dir gelun­gen, noch dein Unglück zum Guten zu wenden und ihm eine engere Berüh­rung mit dem abzugewinnen, was du das Göttliche nennst. Außer­dem lasse ich mich gerne davon überzeugen, daß an deiner Person ein Segen haftet, und daß er sich, wie die Orakel künden, der Erde mitteilt, wo du für immer ruhen wirst …«

Ödipus wurde wie Theseus in Athen bestattet.

 

X.
Demosthenes Demosthenou Paianieus

Am Abend des 8. August 338 v. Chr., so berichten die Geschichtsschrei­ber, torkelte Philipp der Zweite, König des nordgriechischen Berglandes der Makedonen, aus dem Feldherrenzelt ins Freie. Vor ihm lag die Ebene von Chaironea. Der schmale Fluß, der sich durch das Gelände wand, war von Leichen fast verstopft und die Erde dampfte noch von dem Blut der Gefallenen. Der König tanzte und sang: Demosthenes De­mosthenou Paianieus. Er sang und tanzte und stampfte mit den Füßen den Takt. Demosthenes Demosthenou Paianieus. Das waren die Worte, mit denen der geniale Debatten­redner Demosthenes, Sohn des Demosthenes aus dem attischen Bezirk Paiania, in der Volksversammlung zu Athen die Anträge einge­bracht hatte, deren Ziel es war, eine Kriegs-Koalition ge­gen den autori­tär-aggressiven Philipp von Makedonien zu schmieden. Im Sommer 338 stand die alliierte Armee. In seinen Reden hatte Demosthe­nes Philipp schon hundertmal getötet. Nun sollte vollstreckt werden. Die sonst unterei­nander heillos zerstrittenen griechischen Städte führten ein starkes Heer gegen Philipp den Zweiten und seine rohen Gesellen aus den Schluch­ten des Balkan. Traditionsgemäß stimmten die Athener zu Be­ginn der Schlacht den großen Kriegsgesang an, den Paian. An ihrer Spitze stand Demosthenes Demosthenou Paianieus. Aber nicht sehr lange. Denn die Griechen waren dem Sturm von Kraft und Mut nicht gewach­sen, den Philipp und vor allem sein siebzehnjähriger Sohn Alexander entfesselten. Über tausend Athener wurden niedergemacht, die übrigen vom Felde gefegt, Demosthenes stahl sich schon nach wenigen Stunden aus der Schlacht. Demosthenes Demosthenou Paianieus floh nach Athen und begann sogleich mit der Arbeit an dem Manuskript für seine Verteidigungs­rede.

Der damals wahrscheinlich älteste Bürger Athens, Isokrates, der – an­ders als sein Schüler Demosthenes – immer vor einem Krieg gegen Phi­lipp gewarnt hatte, stand im 99. Lebensjahr. Auf die Nachricht von der endgültigen Niederlage seiner Stadtrepublik stellte der Rhetorikprofessor Isokrates die Nahrungsaufnahme ein. Innerhalb einer Woche verlosch sein Leben.

Wenige Jahre später tat der Sohn Philipps von Makedonien, Alexan­der, genannt ›Der Große‹, genau das, was Isokrates den Stadtrepubliken immer wieder empfohlen hatte: er sammelte die vagabundierenden Söldner­truppen und die Heere der griechischen Städte und zog nach Persien. Er eroberte die kleinasiatische Küste, besiegte den Großkönig und zog weiter nach Ägypten und Indien. In seiner Begleitung reiste ein Troß von vorwiegend in Athen ausgebildeten Wissenschaftlern und Schrift­stellern, die hatten in ihrem Gepäck den literarischen und philosophi­schen Nachlaß Athens, einschließlich der Tragödien des Äschy­los, der Dialoge Platons und der Flugschriften des Isokrates. Und so er­füllte sich der Traum des alten Isokrates, nachdem er endgültig ausge­träumt war: Die Schüler Athens wurden die Lehrmeister der Völker und der Name der »Hellenen« bezeichnete in der mit dem Alexanderzug eingelei­teten Epoche tatsächlich nicht mehr eine bestimmte Rasse, son­dern eine Kultur, den Hellenismus.

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