Gedichte

pater manfred

 

er kam oft zu uns
dünn und mit einem langen bart
hohlwangig und aufdringlich mit seinen tischgebeten
und meine eltern
hatten nie die kraft ihn wegzuschicken
er saß in unserer küche in düsseldorf und
stand im ruf der heiligkeit
später mussten wir düsseldorf verlassen
die familie wurde zersprengt
bis ins sauerland flogen die fetzen
aber pater manfred sitzt noch heute
manchmal in meiner küche es ist unbestreitbar
mit seiner langen braunen kutte
und der weißen schnur um den leib
erkenn ich ihn sofort an
den behaarten nackten füßen und den sandalen
ich glaube er trägt heute die selben sandalen
wie 1556 und hat dieselben
dünnen weißen harten finger wie bei erfindung der buchdruckerkunst
die finger so lang und schlangelig
wie wurzeln mit denen er den riesigen löffel festhält
etwas schwach auf den ersten blick aber ungeheuer gierig und zäh
seit einem jahrtausend sitzt er an meinem tisch
und isst meine linsensuppe
und leckt sich die bartspitzen ab mit seiner rosigen zunge
der bettelmönch er hat schon lange keine augen mehr
sein blick kommt aus den tiefen hohlräumen des hungerstolzes
und die zehntausend jahre alten fingernägel sind schwarz oder blau
und ich trau mich nicht ihn wegzuschicken
so dass er wenn mein fell versoffen wird in wiederum zweihundert jahren
am tisch sitzt und suppe löffelt ich ahne es
aber wehe wehe pater manfred ich habe eine frau geheiratet
die deinen hunger verachtet hinter welchem sich nichts als faulheit versteckt
und deine lüsternheit die unter braunen kutten wandelt
und diese frau ist sehr klein
sie hat handgelenke wie ein gänseblümchen
und doch ist sie stark und wird dich pater manfred zerbrechen
zu kleinholz wird dein gebein welches sie entzünden wird
und mein sterbezimmer wird sie damit
erleuchten und wärmen

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