Essays und Vorträge

Plagiat und Fälschung

Wie man mit Lob und gutem Gewissen aus ander Schriften abschreiben möge – Leitfaden für Plagiatoren und alle, die es nicht gewesen sein wollen.*


Christoph Schmitz-Scholemann

 

I. Narziss

»›Plagiat!‹« schrie Narziss, als er sich übers Wasser beugte und seines Ebenbilds gewahr wurde. Und das Ebenbild schrie auch. Wem wird da zu glauben sein?«

Walter Benjamin

II. Plagiat und Fälschung

Plagiat und Fälschung sind zwei Methoden kreativen Schaffens, die sich komplementär zueinander verhalten. Der Plagiator gibt fremde Werke als eigene aus, der Fälscher eigene Schöpfungen als fremde. Gemeinsam ist beiden, dass sie von der Erkenntnis des Aristoteles, nach der alle Kunst Nachahmung ist, einen sozial wenig akzeptierten Gebrauch machen. Dass ein literarisches Erzeugnis ein Plagiat ist, sieht man ihm, für sich genommen, nicht an. Ein Buch kann wahr sein, und doch ein Plagiat. Ein Bild kann schön sein und doch gefälscht. Plagiat und Fälschung sind, wie ich gelernt habe, propositionale Eigenschaften. Sie haften nicht, jedenfalls nicht notwendig und zwingend, der Stofflichkeit des Gegenstandes an, dem sie als Eigenschaft zugeschrieben werden. Sie ergeben sich aus Beziehungen zu ihrer Umwelt, z. B. aus einem Vergleich mit anderen Werken und aus moralischen oder rechtlichen Wertungen, die an den Vergleich geknüpft werden. Das Wesen des Plagiats ist also nicht allein aus dem Werk selbst zu erkennen. Bei der Fälschung, wenn sie wirklich gut ist, auch nicht. Plagiat und Fälschung sind nur am Rande physikalische, im Kern aber anthropologische Phänomene. Als solche sind sie steinalt. Man hat davon gehört, dass die griechischen Komödienschreiber des 5. vorchristlichen Jahrhunderts einander ihre Witze streitig machten. Es geht um den Einzelnen und sein Eigentum und es geht um den unentwirrbaren Fragenkreis der wechselseitigen Abhängigkeit von Individuum und Gesellschaft, es geht auch um Geld, es geht um Moos und Moral. Wer das Wesen des Plagiats zu erkunden versucht, muss folglich irgendwann entweder in Ratlosigkeit verzweifeln – oder er findet Trost in den unterhaltsamsten und lukrativsten Gefilden, die sich im Kosmos der Jurisprudenz finden lassen,  nämlich im Gewerblichen Rechtsschutz. Nirgendwo sonst stehen Wahrheit und Währung, Echtheit und Geld in einem so schönen und richtigen Verhältnis. Zur Demonstration ein Fall aus den 60er Jahren.

III. Hühnergegacker

Der Leser schließe für einen Moment die Augen und versetze sich in einen Hahn auf einen Bauernhof der alten Art mit Ferkeln und Katzen und Schwalben und einem dampfenden Misthaufen, von dem aus er, der Hahn, einige Hühner beobachtet, die freudig gackernd aus dem Stall gerannt kommen.

Das Thema ist die deutsche Nudel und, wie die Überschrift dieses Kapitels anzeigt, ein Hühnergegacker. In den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts warb ein Teigwarenfabrikant im Rundfunk für seine Trockenei-Nudeln, was nicht zu einem Prozess geführt hätte, wäre es nicht mit einem Werbespot geschehen, zu dessen Beginn frisches Hühnergegacker aufklang. Der Konkurrent des Fabrikanten, der ebenfalls Trockenei-Nudeln verkaufte, machte geltend, das Gegacker erwecke den Eindruck, als stamme es von Hühnern, die gerade ein Ei gelegt hätten und  beim Konsumenten entstehe die irrige Vorstellung, als seien die Trockeneinudeln Frischeinudeln. Dem folgte das Oberlandesgericht, das später auch vom Bundesgerichtshof (Urteil vom 27. Juni 1961 – I ZR 135/59 – GRUR 1961, 544) bestätigt wurde. Aus den – für die Zwecke dieses Beitrags leicht bearbeiteten – Gründen:

»Da erfahrungsgemäß die Hühner, insbesondere nach dem Legen eines Eies, gackern und das Eierlegen der den Menschen am Huhn am meisten interessierende Vorgang ist, denkt der Hörer beim Gackern in der Werbesendung sogleich ans Eierlegen … Jedenfalls gilt das für Hörer, die mit … ländlichen Verhältnissen und Hühnern einigermaßen vertraut sind, mindestens aber für einen nicht unerheblichen Teil dieser Hörer. … Die Zuziehung von Sachverständigen … ist nicht … veranlaßt. Die Richter des Senats sind … in der Lage, sich aus eigener Kenntnis ein Urteil zu bilden. … zumal sie selbst zugleich auch zum Abnehmerkreis für Eierteigwaren gehören und solche auch schon wiederholt eingekauft haben.. «

Weiter führt das Urteil aus, das Gegacker in der Werbesendung weise auch deshalb so deutlich auf Frischei hin, weil es sich nicht um ein normales »Konversationsgegacker«, sondern um ein charakteristisches »Legegegacker« handele, das hervorsteche durch seinen »verkündend-triumphierenden« Tonfall, von dem die sowohl an Urteilsverkündungen wie auch an ländliche Verhältnisse gewohnten Richter offenbar ein Lied singen können. Einer demoskopischen Umfrage unter Hausfrauen habe es weder hinsichtlich der Nudeln noch des Gegackers bedurft, weil es sich bei Nudeln nicht um auf Frauen ausgerichtete Spezialartikel handele und auch die Beurteilung von Hühnergegacker ein nicht nur Frauen zugänglicher allgemeiner Vorgang des täglichen Lebens sei.

Wir sehen mit einer tiefen Bewunderung, wie mutig sich die – ausschließlich männlichen – Richter mit der ganzen Authentizität ihrer Einkaufserfahrung als ein lebendes Schutzschild vor die deutsche Frischeinudel und das Wahrheitsprinzip in der Werbung werfen, wie wichtig es ihnen ist, dass der Schein, nämlich das Gegacker, mit dem Sein, nämlich dem frischen Ei in der Nudel, übereinstimmt. Allerdings machen die Richter von der Echtheitskultur ganz am Schluss des Urteils eine kleine Ausnahme. Die Pointe war nämlich, dass das Gegacker selbst, um dessen irreführende Wirkung es ging, kein naturbelassenes Freilandgegacker war, sondern von einem Tier-Imitator stammte. Und die Beklagte argumentierte, ein imitiertes Gegacker passe doch gut zu Trockenei, was ja letztlich imitiertes Frischei sei. Nein, nein, sagten die Richter:

»Auch ein Imitator ist in der Lage, den typischen Tonfall des Legegegackers nachzuahmen.«

Merke: Wer so gut gackern kann, dass ein Richter glaubt, er habe ein Ei gelegt, der ist juristisch gesehen ein Huhn.

IV. Das Urheberrecht – Copyright industries

Plagiat und Fälschung als Rechtsprobleme sind nicht ohne das Urheberrecht verständlich. Und das Urheberrecht versteht man nicht, wenn man nicht weiß, um wie viel Geld es hier geht. Man spricht von den copyright industries, was den gesamten Medienkomplex einschließlich Werbung, Unterhaltung, Film und Fernsehen umfasst. Dieser Wirtschaftszweig beschäftigte im Jahr 2000 in der damals 15 Staaten umfassenden EU 5,2 Millionen Menschen und setzte mehr als 1.200 Milliarden €  um, wobei der Anteil künstlerisch oder wissenschaftlich anspruchsvoller Texte, die uns hier am meisten interessieren, eher vernachlässigenswert sein dürfte. Trotzdem: Es gelten dieselben Regeln, gleichgültig, ob es sich um Werbeslogans oder Gedichte handelt. Rechtserheblich plagiiert werden kann nur das geschützte Werk eines Urhebers. Was ist nun der urheberrechtlich geschützte Kern eines literarischen Werkes? Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (19. Mai 1762 – 29. Januar 1814) schrieb Ende des 18. Jahrhunderts:

»Wir können an einem Buche zweierlei unterscheiden: das körperliche desselben, das bedruckte Papier; und sein geistiges. Das Eigenthum des erstern geht durch den Verkauf des Buchs unwidersprechlich auf den Käufer über … Da man jedoch ein Buch …am seltensten bloß darum kauft, um mit seinem Papier und Drucke Staat zu machen, und damit die Wände zu tapeziren; so muß man durch den Ankauf doch auch ein Recht auf sein Geistiges zu überkommen meinen. Dieses Geistige ist … wieder einzutheilen: in das Materielle, den Inhalt des Buchs, die Gedanken die es vorträgt; und in die Form dieser Gedanken, die Art wie, die Verbindung in welcher, die Wendungen und die Worte, mit denen es sie vorträgt.«

Weder das Buch als harte Sache noch der reine Gedanke in seiner prekären fluiden Existenz sind das Schutzobjekt des Urheberrechts. Es sind auch nicht die Worte – denn Worte sind zwar etwas Wunderbares, aber, wie ein englischer Richter sagte, viele Worte allein reichen nicht, um etwas auszudrücken, es kommt auf die Reihenfolge an. Der geistige Gehalt in seiner spezifischen persönlichen Prägung macht bis heute den Kern dessen aus, was als Werk geschützt ist. Er ist das, was man nicht stehlen darf. Die Abgrenzung im Einzelnen ist schwierig, wir werden auf einige interessante Teilaspekte zurückkommen.

Vorab noch dies: Nicht jedes Werk ist geschützt: Zum Beispiel alles das nicht, was von einem Urheber stammt, der 70 Jahre tot ist. Plagiat ist also eine Zeitfrage. Ansonsten folgt das deutsche Urheberrecht dem sogenannten »Schöpferprinzip«. »Urheber ist der Schöpfer des Werkes«, heißt es in § 7 des Urhebergesetzes. Das klingt fast nach Theologie, was daran liegen könnte, dass dieses Prinzip – wie überhaupt das Urheberrecht –  erst im 18. Jahrhundert aufkam, zu einer Zeit, als der Glaube an den Schöpfergott durch den Glauben an den Schöpfermenschen ersetzt wurde. Geschützt wird nur das von einem Menschen geschaffene Werk. Das angelsächsische Urheberrecht spricht nüchtern vom »sweat-of-the-brow-Dogma«, also das »Im-Schweiße-Deines-Angesichts-Dogma«. Und das trifft den Kern der Sache: Wer die Arbeit hat, der soll auch den Lohn haben, sei es nun Geld oder Ruhm oder beides. Dagegen verstößt der Plagiator. Er ist ein Hahn, der sich mit fremden Federn schmückt. Oft ist er ein kackfrecher Hochstapler. Das geht bis ins Erscheinungsbild.

Der Leser schließe erneut für zwei Minuten die Augen und gestatte es dem Hahn aus der vorausgegangenen Meditationsphase, sein Gefieder zu cremen, ein paar Sprechübungen vor dem Spiegel zu machen – z. B. könnte er sich selbst wiederholt zurufen: kairon gnothi! – und sich dabei ganz allmählich  in einen bedeutenden Menschen des öffentlichen Lebens zu verwandeln, vielleicht in einen Minister, der, sehr vorteilhaft bekleidet mit einem Bugatti-Rollkragenpullover und einer Harris-Tweed-Jacke, mitten auf dem New Yorker Times-Square steht und von innen zu leuchten scheint, freilich auch ein blaues Buch mit dem Titel »Verfassung und Verfassungsvertrag« unter den Arm geklemmt hat, was irgendwie nicht zu ihm passt. Dazu rufe sich der Leser ein paar Zeilen eines schönen deutschen Schlagers ins Gedächtnis, vielleicht »Du kannst noch nicht mal richtig lügen!« von Andrea Berg oder eben doch: »Alles nur geklaut!« acapella gesungen  von den »Prinzen«:

Ich schreibe einen Hit,
die ganze Nation kennt ihn schon,
alle singen mit,
ganz laut im Chor, das geht ins Ohr.
Keiner kriegt davon genug,
alle halten mich für klug,
hoffentlich merkt keiner den Betrug.

Denn das ist alles nur geklaut,
das ist alles gar nicht meine,
das ist alles nur geklaut,
doch das weiß ich nur ganz alleine,
das ist alles nur geklaut
und gestohlen,
nur gezogen
und geraubt.
Entschuldigung, das hab‘ ich mir erlaubt.

Ich bin tierisch reich,
ich fahre einen Benz, der in der Sonne glänzt.
Ich hab ’n großen Teich,
und davor ein Schloss und ein weißes Ross,
ich bin ein großer Held,
und ich reise um die Welt,
ich werde immer schöner durch mein Geld.

Und das ist alles nur geklaut …

V. Ehrlich währt am längsten – Das Wahrheitsprinzip

An dieser Stelle muss eine für den Verfasser nicht ehrenrührige, aber doch sein Verdienst ein wenig schmälernde Wahrheit ausgesprochen werden: Auf dieses Lied von den Prinzen und einen im Internet kursierenden sehr witzigen Film über einen der begabtesten Plagiatoren unter den Mitgliedern des fränkischen Landadels bin ich durch Herrn Professor Dr. Herrmann Weber gestoßen. Er hat mich im Jahr 2011 und auch noch Anfang 2012 ungefähr in Monatsabständen mit Zeitungsausschnitten und Hinweisen zum Thema versorgt. Es handelte sich, da Plagiatoren und Fälscher in diesen Monaten das öffentliche Interesse fesselten, um reiche und ergiebige Konvolute, aus denen ich mich hemmungslos bedient habe. Sie bilden neben dem Buch »Plagiat« von Philipp Theisohn und vielen sachdienlichen Hinweisen durch meinen Freund Martin Roeber die wichtigste Quelle dessen, was hier zu lesen ist. Dafür danke ich sehr. Man nimmt ja im Laufe eines Lebens an vielen Tagungen teil. Eine so sorgfältige, liebenswürdige, sachkundige und fürsorgliche, ja nachgerade väterliche Vorbereitung und Anleitung ist einmalig. Ich weise auch ausdrücklich darauf hin, dass man bei Einschaltung einer Plagiatssoftware in dem folgenden und dem vorangegangenen Text teilweise wörtliche Übereinstimmungen mit Zeitungsartikeln finden wird.

Dem geneigten Leser sei preisgegeben, dass sogar ein nicht mit UN.CO.VER oder  PlagiarismFinder bewaffnete Gehirn beim Lesen mindestens ein Plagiat und eine Fälschung entdecken kann. An welcher Stelle, wird gegen Ende verraten.

Scherz beiseite: Die in diesen Jahren immer wieder aufflammende öffentliche Diskussion über Plagiatsfälle und Fälschungsaffären zeigt ein für mich erstaunliches Phänomen. Nämlich ein überschäumendes Publikumsinteresse an Wahrheit, und zwar jenseits aller Funktionalität dieses Interesses. Es hat ja keine oder nur sehr mittelbare Bedeutung für mein Leben, ob ein Minister seine Dissertation selbst geschrieben hat oder nicht, aber es interessiert mich trotzdem brennend. Und aufregen muss man sich eigentlich auch nicht über die Krefelder Fälscherbande um Wolfgang Beltracchi und die falschen Manets und Monets, höchstens über das verlorene money – aber das betrifft nur den, der sowieso genug davon hat. Trotzdem haben wir den Prozess gegen Beltracchi verfolgt wie eine amerikanische court-room-story, ob mit stiller Bewunderung für die Raffinesse des Malers oder mit Entrüstung über die Chuzpe der Bande oder Schadenfreude über die Dummheit des sogenannten Kunstmarkts.

Diese offenkundige Überwertigkeit des Wahrheitsinteresses lässt die Vermutung zu, dass es einen weit in die Menschheitsgeschichte zurückgehenden Grund für den Wahrheitszwang gibt. Dass ein Kind die Zeichen richtig versteht, die es von seiner Mutter erhält, ist wichtig für sein Überleben. Noch wichtiger ist, dass es diesen Zeichen vertrauen kann. Wahrhaftigkeit ist ein Überlebensprinzip, von dem z. B. auch das bürgerliche Recht ausgeht. Die Täuschung wird als Ausnahme behandelt, die zur Unwirksamkeit eines Vertrags führen kann. Der Gesetzgeber unterstellt also als Normalfall, dass die Vertragspartner einander über vertragswichtige Fragen die Wahrheit sagen. Und das Wahrheitsprinzip geht über das Anthropologische hinaus ins Biologische: Was überlebt, überlebt nur als das was es ist. Es gibt zwar evolutionäre Anpassungen, aber Botox-Lippen und Zahnimplantate vererben sich nicht.

Man wendet vielleicht ein: Wenn das Wahrheitsprinzip so lebenswichtig ist, warum wird dann so viel gelogen und betrogen und erfunden und gefälscht? Um es in einem Satz zu sagen: Die Lüge ist nur unter der Voraussetzung der Geltung des Wahrheitsprinzips überhaupt denkbar. Wann immer ich etwas im Ernst sage, behaupte ich gleichzeitig, dass ich die Wahrheit sage und nicht lüge. Und wenn ich lüge, dann nicht etwa, weil ich denke, es ist gleichgültig, ob ich die Wahrheit sage. Ich lüge im Vertrauen auf die Geltung des Wahrheitsprinzips. Ich lüge, weil und damit man mir glaubt. Nach der Vorstellung des Lügners soll für wahr gehalten werden, was er sagt. Eine Lüge kann im Einzelfall wohltätig sein, aber man kann die Lüge nicht zum Kommunikationsprinzip erheben. Selbst der eingefleischteste Lügner will das nicht, gerade er will es nicht. Er weiß: Man kann nicht nach diesem Prinzip leben. Man kann das Verhältnis von Wahrheit und Falschheit nicht auf den Kopf stellen. Lüge als Grundregel menschlichen Zusammenlebens ist für die Gesellschaft und damit für jeden einzelnen schädlich, vermutlich auf Dauer tödlich. Deshalb gehört das Lügeverbot zu den zehn Geboten genau wie das Tötungsverbot. Deshalb nennt man in einem ganz einfachen und grundlegenden Sinn die Wahrheit gut und die Lüge schlecht. Die Lüge ist der gemeinsame Kern des Vorwurfs, den wir gegen den Plagiator ebenso erheben wie gegen den Fälscher. Nicht das Abschreiben oder das Übernehmen fremder Gedanken ist das Übel des Plagiators, sondern die Lüge über die Autorschaft. Dass es sozial akzeptierte Fälschungen gibt, ändert an dem Prinzip nichts. Auch Notlügen sollen geglaubt werden und der Schmetterling Geometra papilionaria sieht genau deshalb wie ein grünes Blatt aus, damit die Vögel ihn nicht für einen Schmetterling, sondern für ein grünes Blatt halten. Falsche Zähne trägt man, damit sie als echt gelten. Nur beim falschen Filet und beim falschen Hasen liegen die Dinge wahrscheinlich vertrackter.

VI. Fälschungen und Fälscher

In der Literatur wird viel abgeschrieben, aber wenig gefälscht. Warum? Die Antwort ist einfach: Es lohnt sich nicht. Das literarische Kunstwerk unterscheidet sich vom bildnerischen Kunstwerk und den meisten anderen Waren dadurch, dass seine Existenz nicht an eine einmalige Körperlichkeit gebunden ist. Im Gegenteil: Je öfter ein Buch vervielfältigt wird, umso werthaltiger wird es für den Autor. Was dagegen hin und wieder gefälscht wird, sind Urschriften. Aber die Marktpreise für Urschriften sind verglichen mit denen von Lukas-Podolski-T-Shirts, 1947er Mouton-Rothschild und Monets lächerlich. Dennoch gibt es auch Fälschungen von Schriftwerken. Oft haben sie etwas mit Politik zu tun.

Wir erinnern uns an die angeblichen Hitlertagebücher, verfasst von Konrad Kujau (27. Juni 1938 – 12. September 2000).

Wir erinnern uns entfernt vielleicht an eine literarische Fälschung aus dem Schottland des 18. Jahrhunderts. Der Lehrer und Politiker James Macpherson (27. Oktober 1736 – 17 Februar 1796) suchte im nationalen Überschwang Volkslieder in gälischer Sprache. Da sich nichts Passendes auftun ließ, beschloss er, die Lieder, die er nicht finden konnte, selbst zu schreiben. Die angeblich uralten Heldenlieder kamen als literarische Sensation unter dem Namen eines ebenso apokryphen wie längst verstorbenen Dichtersängers  Ossian auf den Markt und waren so herzergreifend, dass überall in Europa junge Menschen, wie zum Beispiel Lotte in Goethes Werther, stürmisch ins Schnupftuch schluchzten: Ach Ossian! Ossian!

Die plumpeste und zugleich erfolgreichste Fälschung in der Geschichte des Abendlandes, die Mutter aller Fälschungen haben wir ohne Zweifel der Katholischen Kirche zu verdanken: Die »Konstantinische Schenkung«.  Im 8. Jahrhundert nach Christus verspürte ein Stellvertreter Gottes auf Erden den Drang, dem schon jahrhundertealten Machtkampf mit dem Kaiser eine neue Wendung zu geben. Ein Mönch in der vatikanischen Schreibstube erstellte ein dem Scheine nach 500 Jahre altes Dokument. Es hatte folgenden Inhalt: Kaiser Konstantin der Große überschreibt im Jahr 315 dem römischen Klerus alle möglichen Rechte, zum Beispiel die Erlaubnis, weiße Sandalen zu tragen und auf Pferden mit weißen Decken durch Rom zu reiten, er erlaubt dem Papst, sich mit dem kaiserlichen Halstuch zu schmücken und ganz am Schluss heißt es in aller Unschuld und fast wie zwischen Tür und Angel, der Kaiser schenke, da er nun mal grade beim Schenken sei, dem Papst auch seinen schönen Palast und der Einfachheit halber gleich die ganze Stadt Rom sowie Italien und Westeuropa gleich mit, also eigentlich die ganze Welt, mit Ausnahme der Regionen, mit denen sowieso nichts anzufangen ist, und das alles im Namen der heiligen Dreifaltigkeit und per saecula saeculorum. Die Sache kam natürlich heraus, allerdings, wie das bei der Katholischen Kirche nicht weiter verwundert, erst nach 500 Jahren.

Und damit verabschieden wir für die Dauer dieses kleinen Rundgangs die feinen Fälschungen und die erfinderischen Fälscher. Wir tun es schweren Herzens. Denn die Fälscher sind meist interessante Charaktere, Meister ihres Fachs und oft genug raffinierte Strategen. Das einzige, was man sich manchmal fragt, ist, warum sie sich, bei all ihrem Genie, so viele Umstände machen und statt Rotwein, Rolex-Uhren oder van Goghs nicht gleich Geld fälschen oder, noch besser, in eine Branche wechseln, in dem die Illusion zum Beruf gehört – zum Beispiel, Zauberer oder das Bankfach. Aber, sagen wir uns, das haben sie ja vielleicht längst getan! Wenn wir die literarischen Fälscher trotzdem an dieser Stelle verabschieden, so hat das zwei Gründe: Erstens sind es zu wenige und zweitens ist Fälschung juristisch gesehen ziemlich langweilig, der Fälscher ist immer Betrüger. Also nichts für ungut, liebe Fälscherinnen und Fälscher! Wir wünschen Ihnen allen eine sichere Hand! Good bye für jetzt! Vielleicht auf ein anderes Mal!

Und da wir gerade beim Hinauskomplimentieren sind: Mit einer weiteren, eigentlich zur Phänotypik unseres Themenkreises gehörenden Künstlergruppe werden wir uns hier so gut wie nicht befassen. Es sind die Imitatoren und Parodisten, die Meister der Persiflage, des Zitats und der ironischen reecriture, die Papageien und Spottdrosseln unter den Künstlern. Sie tun nichts Verbotenes, solange sie nicht das Persönlichkeitsrecht ihres Objekts verletzen. Ansonsten gilt: Was sie stehlen, ist nicht das Werk des Imitierten, sondern sein Stil, die Art und Weise seines Sprechens, seine Gestik. Und da sagt das Recht: Man darf so schreiben wie Thomas Mann. Wenn man es denn kann. Man darf auch so reden wie Reich-Ranicki und Zigarren rauchen wie Heiner Müller. Niemand hat ein Urheberrecht an sich selbst, nicht an seiner Art zu schauen, nicht an der Dialektfärbung seiner Rede, noch nicht mal an seinem Stockschnupfen.

Der geneigte Leser  wird diesmal gebeten, die Augen nicht zu schließen, sondern im Gegenteil zu öffnen, sich an seinen Computer zu begeben und dort bei Youtube die Stichworte« Ulla Schmidt« – »Matthias Richling« und »Stockschnupfen« einzugeben. Wenn ein Bild aufscheint, das Ulla Schmidt alias Matthias Richling in rosafarbenem Nachthemd in einem Klinikbett zeigt, mag der Leser sich für einige Minuten dem Genuss der kleinen Szene hingeben.

VII. Plagiatsjäger

Im Jahre 2011 ist ein Menschenschlag zu Ruhm und Einfluss gelangt, der mir persönlich nicht sympathisch ist. Diese Personen sind, wie so mancher Boulevard-Journalist, mit einer Abirrung des Wahrheitstriebes geschlagen, die sie immerzu in dem wühlen und schnüffeln lässt, was andere Menschen an Irrtümern, Schwächen und Fehlschlägen zu bieten haben und was man nach dem Urteil eines milder denkenden Menschenfreunds am besten unter den Teppich kehren sollte. Ich spreche vom Plagiatsjäger. Ich finde, das ist kein schöner Beruf, schon gar nicht, wenn er anonym und schwarmweise ausgeübt wird. Es gab diesen verbissenen Typ schon im Altertum, und wie ein Mensch endet, der sich so fanatisch ins Negative einfrisst, zeigt das Schicksal des am 6. März 1851 in Hamburg geborenen Paul Albrecht. Er war anfangs ein hochbegabtes Kind, später ein begabter Arzt und wurde endlich berühmt für eine traurige Leidenschaft. Er wollte den Nachweis erbringen, dass kein einziger Satz, den Gotthold Ephraim Lessing (22. Januar 1729 – 15. Februar 1781) veröffentlicht hat, von Gotthold Ephraim Lessing stammt. Zu diesem Zweck durchforstete Albrecht alles, was Lessing geschrieben – und zusätzlich noch das, was er nur gelesen hat. Da dieser rasende Pedant und verbissene Antisemit Wort für Wort und Satz für Satz auf, wie er es ausdrückte, fremdhirnige Einflüsse durchfilzte, konnte es nicht ausbleiben, dass er massenhaft fündig wurde. Denn natürlich gibt es im Werk eines Schriftstellers des 18. Jahrhunderts nur wenige Redewendungen und Gedanken, die in den zweieinhalbtausend Jahren abendländischer Literatur noch nicht so oder so ähnlich niedergeschrieben worden wären. Sechs Bände zu je gut 1000 Seiten des auf zehn Bände angelegten Werkes wurden fertig. Albrecht veröffentlichte sie auf eigene Faust. Er ruinierte seine Gesundheit und seine wirtschaftliche Existenz damit. Kurz vor Vollendung des Siebten Bandes stürzte er sich aus dem Fenster eines Hamburger Hauses und erlag wenig später den erlittenen Verletzungen im Alter von 43 Jahren.

VIII. Gehen wir die Sache positiv an!

Gewarnt durch dieses schreckliche Schicksal habe ich mich entschlossen, die Sache positiv anzugehen. Seien wir milde mit den Plagiatoren! Schließlich kommen sie dem tief in uns allen sitzenden Wunsch entgegen, immer wieder dasselbe zu hören und uns nur von dem überraschen zu lassen, was wir schon kennen. Wenn ich also frage, was die Plagiatoren eigentlich falsch machen,  dann nur mit dem Ziel, einen Weg zu finden, wie sie ihr Handwerk erfolgreicher betreiben können, am besten natürlich legal und lege artis. Ich will die dummen Ausreden nur deswegen geißeln, um herauszufinden, was eine gute Ausrede kennzeichnet. Deshalb habe ich meinen Ausführungen den Untertitel gegeben:

»Wie man aus ander Schriften mit gutem Gewissen und Lob etwas stehlen moege.« – Leitfaden für Plagiatoren und alle, die es nicht gewesen sein wollen.

IX. Die erste Ausrede: Das machen wir schon seit 2000 Jahren so! Oder: Wie das Wort Plagiat in die Welt kam

Das Wort Plagiat hört sich an, als käme es aus dem Lateinischen. Und genau so ist es auch. Aber anders als bei anderen Wörtern, die aus dem Lateinischen kommen, wie zum Beispiel dem Unikat (von unus = einer), dem Original (von origo = Ursprung) und dem Falsifikat (von falsus =f alsch), ist die Etymologie nicht selbsterklärend. Plagium heißt nämlich Menschenraub, Seelenraub, unter Umständen auch Verführung. Was hat das mit der Entwendung geistigen Eigentums zu tun?

Der erste, der das Wort im heutigen Sinne benutzt hat, war der aus Spanien stammende römische Dichter Martial (1. März 40 n. Chr. – ca. 103 n. Chr.). Er war ein begnadeter Satiriker und er lebte vom Vortrag seiner scharfzüngigen Kurzgedichte. Was ihn ärgerte war, dass auch andere davon lebten: Umherziehende Spaßvögel – heute würde man wohl von comedians sprechen –, die zwar Geschmack genug hatten, die Qualität der martialischen Verse zu erkennen, aber zu wenig Anstand, um sie nicht als ihre eigenen auszugeben, verdienten viel Geld damit, dass sie Martials Epigramme rezitierten. Vor allen anderen genannt werden muss ein gewisser Mensch, den Martial Fidentinus, also den »Dreisten« nannte. Martial konnte sich nicht juristisch gegen die Versediebe vom Schlage des Fidentinus wehren. Das antike Recht kannte Eigentum nur an Sachen, die man anfassen kann. Also an Büchern ja, aber nicht an dem was drinsteht. Folglich musste Martial sich literarisch wehren. Er tat es mit einer Reihe von Epigrammen, die bis heute erhalten sind, zum Beispiel heißt es im Epigramm I.38:

»Quem recitas meus est, o Fidentine, libellus: sed male cum recitas, incipit esse tuus.«

»Das Buch, aus dem du rezitierst, Fidentinus, ist von mir.
Aber so schlecht, wie Du es rezitierst, fängt es an, Deines zu sein.«

Ärger macht produktiv: Martial entwickelte einen von Horaz bekannten Gedanken, indem er seine Bücher mit freigelassenen Sklaven verglich. Seine Werke würden, so Martial, vom Plagiator Fidentinus in Gefangenschaft genommen. Und so kam es, dass im Epigramm I, 52, gerichtet an den Buchhändler Quintinian, aus dem Versediebstahl ein Menschenraub wurde – ein plagiarium.

»Commendo tibi, Quintiane, nostros —
nostros dicere si tamen libellos
possum, quos recitat tuus poeta —:
si de seruitio graui queruntur,
adsertor uenias satisque praestes,              5
et, cum se dominum uocabit ille,
dicas esse meos manuque missos.
Hoc si terque quaterque clamitaris,
inpones plagiario pudorem.«

»Ich empfehle Dir meine Bücher, Quintinianus,
Wenn es denn noch meine sind,
die Dein Dichter als die seinen vorträgt:
und wenn sie sich beklagen, meine Gedichte,
dass sie versklavt sind von diesem Scheinpoeten,
dann sei Du ihr Anwalt, verteidige ihre Freiheit,
und wenn jener Fidentinus sich als ihr Herr aufspielt,
sag, dass sie meine sind,
sag es drei Mal, sag es vier Mal,
dann wirst Du diesen räuberischen Entführer mit Scham bedecken.«

X. Die zweite Ausrede: Es war doch nur eine Idee. Oder Volker Rieble und das Wissenschaftsplagiat.

Im juristischen Wissenschaftsbetrieb macht seit dem Jahre 2010 ein Buch Furore, das den Titel trägt Das Wissenschaftsplagiat (Volker Rieble: Das Wissenschaftsplagiat – Vom Versagen eines Systems, Frankfurt 2010). Der Münchner Arbeitsrechtler Volker Rieble führt darin einen Schlag gegen Rechtsschriftsteller, denen er unter dem Etikett »Plagiat« alle möglichen Unredlichkeiten bei der Vermarktung fremder und eigener Gedanken vorwirft.

Riebles Plagiatsbegriff geht über das nach dem deutschen Urheberrecht Gebotene weit hinaus. Während Ideen und Gedanken nach dem Gesetz für sich genommen nicht als Werke gelten, sondern nur, wenn sie eine persönlich geprägte Form haben, will Rieble die zitatlose Übernahme juristischer Gedanken und Ideen ohne Einschränkung als Plagiat gebrandmarkt wissen. Dabei hat er gewiss den wissenschaftlichen Anstand und das Sweat-Of-The-Brow-Prinzip auf seiner Seite. Auch ein juristischer Aufsatz oder eine Kommentierung macht schließlich Arbeit und wer sich darauf stützt, indem er sich eigene Arbeit spart, sollte das wenigstens bekennen. Und wer meint, sein eigener Federschmuck reiche nicht aus, um im Schönheitswettbewerb der akademischen Preis-Gockel zu bestehen, der sollte dem Wettbewerb fernbleiben aber nicht anderen die Federn klauen. Andererseits will jeder Wissenschaftler seine Ideen verbreitet sehen; und wenn sie so plausibel gedacht und so luzide formuliert sind, dass der Leser sie sich im wahrsten Sinne des Wortes zueigen macht, müsste sich der Wissenschaftler eigentlich freuen, zumindest auch freuen. Volker Rieble wäre gewiss froh, wenn Fachkollegen und vielleicht sogar das Bundesarbeitsgericht seine Vorstellungen vom Streikrecht übernähmen, notfalls auch ohne Zitat. Wären sie urheberrechtlich geschützt, würde das nicht funktionieren.

Ein so weitgehender Plagiatsbegriff, wie Rieble ihn vertritt, hat noch andere Schwierigkeiten, wie ein Urteil des Landgerichts Hamburg ( 21. Januar 2011 – 324 O 358/10 – AfP 2011, 198) zeigt. Dem Richter am Bundesverfassungsgericht G. hatte Rieble vorgeworfen, er, G., habe – ua – eine Idee der Professorin D. K. zum Rücktrittsrecht des BGB gestohlen. Nein, sagte das Landgericht Hamburg, da war gar nichts zu stehlen, denn was D. K. geschrieben hatte, war keine juristische Idee, sondern nur eine Erläuterung. Und der Verfassungsrichter G. habe, so das Landgericht, nicht Gedanken formuliert, sondern er habe nur »schlicht« subsumiert. Der Jurist fragt sich natürlich voller Sorge: Muss man beim Subsumieren vielleicht nicht denken?  Das wird das Landgericht Hamburg nicht gemeint haben. Trotzdem glaube ich, dass das Urteil richtig war. Meiner Meinung nach fehlt es den meisten juristischen Formulierungen an dem für die Schutzfähigkeit notwendigen Mindestmaß an geistiger Originalität. Das klingt böser als es gemeint ist. Alexander Lüderitz, einer der Professoren meiner Studienzeit, pflegte zu sagen, es gibt, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, keine juristischen Genies. Rechtsklugheit ist angewandter common sense: Sie speist sich zwar auch aus Abstraktionen, ist aber immer rückgebunden an den Instinktanteil der praktischen Vernunft, der allen gemein ist und sich in Sitten, Gebräuchen, ja sogar nützlichen Vorurteilen zeigt, es ist das, was Goethe in der Natürlichen Tochter die Mittellage des Lebens nannte und was die klassische chinesische Philosophie vermutlich den Weg nennen würde. Es ist gerade das Halbflache und Ichlose des Denkens und nicht die Leidenschaft für höchstpersönliche Prägung des Gedankens, was den guten Juristen auszeichnet. Die Kunst der Jurisprudenz besteht darin, die tiefen Fragen zu vermeiden und auch die komplexesten Interessen- und Gefühlsverwirrungen auf die einfache Formel zu bringen: Wer kriegt was von wem? Deshalb ist der Begriff origineller juristischer Gedanke eigentlich ein Widerspruch in sich. Werden originelle Gedanken in juristischen Zusammenhängen dennoch vorgetragen, so sind sie oft falsch und in der Regel schädlich. Volker Rieble hat also meiner Meinung nach dem Verfassungsrichter G. zu Unrecht vorgeworfen, er habe D. K. plagiiert. Es mag sein, dass G.s Kommentierung Gedanken beinhaltete. Es mag sogar sein, dass er Gedanken verwendete, die zuvor D. K. gedacht hat. Aber sie hatten nicht den für urheberrechtlichen Schutz notwendigen, individuelle Form gewordenen geistigen Gehalt. Trotzdem ehrt der irrig erhobene Vorwurf Volker Rieble als einen Mann von Ehrgefühl und Familiensinn: D.K. ist nämlich seine Ehefrau.

XI. Die dritte Ausrede:
Kryptomnesie und unbewusste Parallelschöpfung.

Dieses Lied kennt jeder, ein wirkliches Volkslied, obwohl oder gerade weil es eines der heiligsten Gefühle des gesunden Volksempfindens verspottet, nämlich die Tierliebe: »Tauben vergiften« heißt es. Und wir verneigen uns vor dem großen Georg Kreisler, der, fast 90jährig, am 22. November 2011 verstarb.

»Schatz, das Wetter ist wunderschön,
Da leid ich’s net länger zu Haus!
Heute muß man ins Grüne gehn,
In den bunten Frühling hinaus!
Jeder Bursch und sein Mädel
Mit einem Freßpaketel
Sitzen heute im grünen Klee,
Schatz, ich hab eine Idee!

Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau,
Geh mer Tauben vergiften im Park!
Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau,
Geh mer Tauben vergiften im Park!
Wir sitzen zusmam‘ in der Laube
Und a jeder vergiftet a Taube,
Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark
Beim Tauben vergiften im Park.

Schatz, geh bring das Arsen gschwind her,
Des tut sich am besten bewährn,
Streus auf a Grahambrot kreuz über quer,
Nimms Scherzel, des fressens so gern.
Erst verjag mer die Spatzen,
Denn die tun eim alles verpatzen,
So a Spatz ist zu gschwind, der frißt’s Gift auf im Nu,
Und des arme Tauberl schaut zu. …«

Der Leser wird es vielleicht als Rätsel empfinden, warum an dieser Stelle diese Zeilen stehen, die in den 50er Jahren in New York entstanden. Bevor ich das Rätsel löse, wende ich mich einem weiteren Wunder zu, das in Plagiatsprozessen immer wieder eine Rolle spielt. Wie kann jemand, so fragen sich gelegentlich Richter und Prozessbeobachter, wie kann jemand seitenweise Sätze schreiben, die wortidentisch sind mit Sätzen, von denen unstreitig ist, dass der Schreiber sie vorher in einem anderen Text gelesen hat, und trotzdem steif und fest behaupten, er habe sie nicht abgeschrieben? Kann man aus Versehen abschreiben? Das müsste ja mit dem Teufel zugehen, wird man sagen. Aber es gibt doch eine nervenärztlich anerkannte Erklärung. Die sogenannte Kryptomnesie: Man liest einen Satz, glaubt, ihn wieder vergessen zu haben, in Wahrheit hat sich aber der Satz irgendwo in den Tiefen der Gehirnwindungen eine unauffällige Heimstatt gesucht und zwar dergestalt, dass er bei geeigneter Gelegenheit wieder ins Bewusstsein tritt, diesmal aber nicht als fremder, sondern als eigener Satz. Das gibt es wirklich. Nichts kann so heimtückisch sein wie das eigene Gehirn. Das Pech für den Plagiator wider Willen ist allerdings, dass die Rechtsprechung ihm seine Entschuldigung zwar – manchmal – glaubt und ihm die strafrechtliche Verfolgung erspart bleibt, ein Urheberrechtsverletzer bleibt er aber trotzdem und muss die zivilrechtlichen Folgen tragen.

Ein ebenfalls etwas geheimnisvolles Wesen ist die unbewusste Parallelschöpfung: Es gibt ja unbestreitbar Gedanken und Redewendungen, die gewissermaßen in der Luft liegen. Und was in der Luft liegt, ist natürlich bonum commune, Gemeingut. Verliebte im Park sagen manchmal im selben Augenblick dasselbe Wort und dann dürfen sie sich etwas wünschen. Aber natürlich, das ist ein einzelnes Wort und nicht eine halbe Dissertation.

Und nun bitte ich um Aufmerksamkeit für einige Zeilen aus der Feder des 1928 geborenen amerikanischen Sängers und Songwriters Tom Lehrer.

 Bevor er weiter liest, wird der Leser noch einmal gebeten, die Augen zu schließen. Er stelle sich einen Mann am Klavier vor, der aussieht wie ein New Yorker Intellektueller aus den 50er Jahren, dunkles zurückgekämmtes Haar, mit riesengroßer schwarzer Hornbrille, der dabei kräftig in die Tasten greift und, während er harmlos-gefällig klingende Melodien spielt, das Publikum spöttisch angrinst und den folgenden Text singt: 

 Spring is here, spring is here.
Life is skittles and life is beer.
I think the loveliest time of the year is the spring.
I do, don’t you? ‚Course you do.
But there’s one thing that makes spring complete for me,
And makes ev’ry Sunday a treat for me.

All the world seems in tune
On a spring afternoon,
When we’re poisoning pigeons in the park.
Ev’ry Sunday you’ll see
My sweetheart and me,
As we poison the pigeons in the park.

When they see us coming, the birdies all try an‘ hide,
But they still go for peanuts when coated with cyanide.
The sun’s shining bright,
Ev’rything seems all right,
When we’re poisoning pigeons in the park.

Lalaalaalalaladoodiedieedoodoodoo

We’ve gained notoriety,
And caused much anxiety
In the Audubon Society
With our games.
They call it impiety,
And lack of propriety,
And quite a variety
Of unpleasant names.
But it’s not against any religion
To want to dispose of a pigeon.

So if Sunday you’re free,
Why don’t you come with me,
And we’ll poison the pigeons in the park…

Dieses Lied entstand in den 50er Jahren in New York. Es heißt »Poisoning Pigeons in the Park«. Man meint, das Lied schon auf Deutsch zu kennen und wir wissen natürlich woher. Es scheint nur eine Schlussfolgerung möglich: Einer von beiden muss ein Plagiator sein, entweder Tom Lehrer oder Georg Kreisler. Ob die beiden einander kannten, ist nicht überliefert. Kreisler verneinte. Tom Lehrer sagte: Ich freue mich, dass Georg Kreisler mein Lied in Europa populär gemacht hat. Allerdings ist die Schallplatte mit dem Lehrer-Lied erst 1959 erschienen, die Kreisler-Platte schon 1956 in Wien. Georg Kreisler schreibt in seinen Memoiren:

»Weder Herr Lehrer noch ich haben das Thema Taubenvergiften erfunden. Die Taubenplage stand in den 50er Jahren monatelang in den Zeitungen. Die diversen Rathäuser und Tierschutzvereine stritten unentwegt. Es war einfach ein gefundenes Fressen für Kabarettisten.«

XII. Die vierte Ausrede: Ich habe handwerkliche Fehler begangen. Oder: Warnung vor unterkomplexen Erklärungsmustern

»Ich bin bereit,« sagte der wohlfrisierte Herr, ein des Plagiats beschuldigter Doktor der Rechte, »handwerkliche Fehler in der von mir geschriebenen Dissertation einzugestehen. Ja, ich sage es frei heraus: Ich habe gefehlt!« Er habe, so fügt der Sünder mit der treuherzigsten Miene, deren ein ertappter Übeltäter fähig sein kann, hinzu, als junger Familienvater in mühevoller Kleinarbeit an Wochenenden und in den knappen freien Stunden oftmals auch nachts seine Recherchen unternommenen und dabei müsse er wohl gelegentlich die gebotene Sorgfalt aus dem Blick verloren haben, ja, er stehe nicht an, ganz freimütig und ohne jede Schonung seiner selbst zu gestehen, er habe wohl regelrecht geschlampt.

Warum klingt dieses scheinbar so schonungslose pater peccavi  so wenig überzeugend? Man könnte sagen, die Einlassung hört sich verdächtig nach einer dummen Ausrede an. Aber das Wort »dumm« ist im wissenschaftlich-literarischen Kontext, um den es hier geht, ungebräuchlich. Sprechen wir also lieber von einem unterkomplexen Erklärungsmuster verbunden mit einem allzu leicht durchschaubaren Druck auf die Tränendrüse. Kurz gesagt: Die Masche zieht nicht. Man kann nicht bei der Tour de France mit dem Elektro-Bike nach Alpe d’Huez aufsteigen und sich nach der Siegerehrung damit entschuldigen, das Fahrrad habe leider einen handwerklichen Fehler gehabt und außerdem müsse man seine kranke Großmutter pflegen. Wer sich so verteidigt, klagt sich an und macht sich lächerlich. Ein Kritiker sagte über einen des Plagiats überführten Schriftsteller: Er ist gewiss ein fabelhafter Autor. Er hat ein wunderbares Buch vorgelegt. Das einzige, was man kritisieren kann, ist seine Interpunktion. Er vergisst andauernd die Anführungszeichen.

Aber wir wollten ja nicht auf Plagiatoren herumtrampeln. Das ist, nach allem Gegacker und Gehacke,  einfach zu billig. »Plagiat« ist auch gar nicht mehr der angemessene Ausdruck. So reden nur noch Journalisten. Die Fachleute sprechen von »hypertextueller Partizipation«, von »Intertextualität« oder von »Interferenzen im globalen Prätext«.

XIII. Die fünfte Ausrede, speziell für Juristen: Es hat eben alles auch sein Gutes!

Unser Gewährsmann ist kein geringerer als Samuel Freiherr von Pufendorf (8. Januar 1632 – 26. Oktober 1694), der große sächsische Jurist des 17. Jahrhunderts. Er schrieb im Jahre 1667 mit Bezug auf den damaligen Zustand der deutschen Rechtswissenschaft:

»Die Deutschen leiden offenbar an einer kaum zu befriedigenden Schreibwuth. Da es …aber immer nur den wenigsten gegeben ist, durch eigene Erfindungskraft und anmuthige Darstellung den Beifall ihrer Zeitgenossen sich zu erwerben, so begnügen sich die meisten, die das einmal dem Verderben geweihte Papier nicht begnadigen wollen, hier und da aufgeraffte Gedanken zu einem Buche zusammenzustoppeln, oft ohne eine Spur von eigenem Urtheil. Auch gilt es bei ihnen nicht für Plagiat, die Bücher anderer Gelehrten als ihre eigenen zu verkaufen, wenn sie nur hier und da ein paar eigene Worte hinzugefügt haben… Das alles…hat.. aber den Vorteil, dass man sich… nur  mit einem dieser Bücher bekannt zu machen braucht(e), um sie alle zu kennen…und … je mehr Gleichgültiges und nicht zur Sache gehöriges sich …eingeschoben findet, um so schneller kommt man zu Ende…«

XIV. Die sechste Ausrede: Das Trance-Theorem

Noch mehr Erfolg verspricht der Einwand, das, woraus man abgeschrieben habe, sei kein geschütztes Werk. Wir erinnern uns: Nur der ist Plagiator, der ein urheberrechtlich geschütztes Werk abkupfert. Nicht geschützt sind z. B. Werke, die gar keinen menschlichen Urheber haben.

Bedenkenlos ausschlachten darf man zum Beispiel einen maschinengenerierten Sonettenkranz – nicht aber der von Raimond Queneau (21. Februar 1903 – 25. Oktober 1976) im Jahre 1961 veröffentlichte, aus 140 Alexandrinern bestehende Sonettbaukasten, der die Herstellung von einhunderttausend Milliarden Sonetten ermöglicht (Cent Mille Milliards de Poèmes), deren vollständige Lektüre 95  Millionen Jahre dauern würde. Ebenso ungestraft verwenden darf man ein von einem Satelliten erstelltes Bild von Sonne und Mond (Landgericht Berlin 30. Mai 1989 –  16 O 33/89 – GRUR 1990, 270) oder auch die Gemälde des thailändischen Künstlers Noppakhao, dessen Begabung man, wenn man nur sein Äußeres beurteilt, eher auf dem Gebiet der Grobmotorik vermuten würde, der aber mit erstaunlichem Geschick und großer Leidenschaft zum Pinsel greift –  allerdings nicht mit der Hand, denn er hat gar keine, sondern mit dem Rüssel. Noppakhao ist ein Elefanten-Bulle, zu besichtigen unter: www.telegraph.co.uk/news/2246…  July-2008.html.

Es ist einzuräumen, dass für literarische Werke tierische Urheber oder Plagiatoren bisher nicht bekannt geworden sind – mit einer dubiosen Ausnahme. Im Jahre 1997 fuhr der Berliner Künstler Wolfgang Müller auf die dänische Insel Hjertøya. Dort hatte in den Dreißiger Jahren der dadaistische Dichter Kurt Schwitters (20. Juni 1887 – 8. Januar 1948) gelebt und seine Ursonate, ein sehr eigenwilliges Lautgedicht (Thema 3: »Rinnzekete bee bee nnz krr müü? / ziiuu ennze, ziiuu rinnzkrrmüü, / rakete bee bee«), geschrieben und oft im Freien, nämlich auf Bäumen sitzend, rezitiert. Müller bemerkte bei seinem Aufenthalt auf Hjertøya, dass die dort ansässige Vogelpopulation (vor allem die begabten Stare) Laute erklingen ließen, die der Ursonate sehr nahekamen. Als er den Gesang auf CD veröffentlichte, trat der Verlag von Kurt Schwitters an ihn heran. Es stellte sich die Frage, ob die Stare die von Schwitters von den Bäumen herab geschmetterte Lautfolge adaptiert, als eigenes Liedgut über Generationen erhalten und damit fortgesetzt das Urheberrecht des Autors Schwitters verletzt hatten. Weiter war problematisch, ob, da man Stare, schon mangels eines festen Gerichtsstandes, nicht verklagen kann, Wolfgang Müller rechtens zur Verantwortung zu ziehen war. Der Verlag nahm von einem Prozess letztlich jedoch Abstand. Es konnte, so mag man sich gedacht haben, ja ebenso gut sein, dass ursprünglich nicht die Stare Schwitters beklaut hatten sondern der Dichter seine sonderbaren Laute den Vögeln abgelauscht hatte.

Und doch. Es sind tatsächlich Fälle überliefert, in denen Gerichte die Frage beantworten mussten, ob es schriftliche Erzeugnisse geben kann, die eines menschlichen Schöpfers entbehren.

Das Schweizerische Bundesgericht in Lausanne (14. Juni 1990 – 4 C 151/1989; ähnlich der Oberste Gerichtshof der Republik Österreich v. 18. Oktober 1994 – OGH 4 Ob 92/94 »Lebenserkenntnis«) hatte 1990 zu klären, wie die Rechtslage ist, wenn jemand einen Text im Zustand der Entrückung auf Anweisung einer Stimme aus dem Jenseits verfasst. Es erließ folgenden denkwürdigen Orientierungssatz.

»Jenseitige Wesen … sind keine Subjekte schweizerischen Rechts und können daher nicht gedankliche Vorstellungen rechtswirksam zum Ausdruck bringen. Die Frage ihrer Existenz stellt und beantwortet sich im Bereich des Irrationalen und ist daher der Rechtswirklichkeit entrückt. Jenseitige Inspirationen sind daher rechtlich uneingeschränkt ihrem menschlichen Empfänger zuzuordnen und können allein von diesem zu einer urheberrechtlich schütz. B.aren Darstellung gebracht werden.«

XV. Die siebente Ausrede: Der Ghostwriter-Einwand oder Es ist kein Verlass mehr aufs Personal.

Hier macht der Beschuldigte geltend, er habe das Buch gar nicht selbst geschrieben, sondern er habe es schreiben lassen und sein Ghostwriter habe entgegen ausdrücklicher Anweisung abgeschrieben. Diese Ausrede ist nicht empfehlenswert. Sie verschärft das Problem anstatt es zu lösen. Der Plagiatsvorwurf wird hier nicht ausgeräumt, sondern verschoben. Denn nach deutschem Urheberrecht bleibt der Ghostwriter Urheber, selbst wenn er – wie stillschweigend auch immer – auf die Ausübung der mit der Urheberschaft verbundenen Rechte verzichtet hat. Folglich bleibt auch der Vorwurf gegen den Auftraggeber des Ghostwriters bestehen: Wer statt selbst zu schreiben, schreiben lässt, hat sich mit der Veröffentlichung unter seinem Namen die Urheberschaft an einem nicht von ihm geschaffenen Werke angemaßt. Das wird viele bedeutende Männer und Frauen, darunter Inhaber maßgeblicher Ämter ärgern, aber es ist doch wahr: Wer fremde Rede als eigene im Munde führt, der ist und bleibt ein Plagiator (so zu Recht: Haimo Schack, Urheber- und Urhebervertragsrecht, 2. Auflage, Tübingen 2001, Rn 33).

XVI. Die achte Ausrede: Die PPDA-Methode

Es gibt eine in ihrer Dreistigkeit schon beinahe sympathische Möglichkeit, durch Leugnung der Urheberschaft den Plagiatsvorwurf  abzustreiten. Wir verdanken sie Patrick Poivre d’Avor (20. September 1947) oder, wie die abkürzungsfreudigen Franzosen ihn nennen, PPDA, einem französischen Journalisten, der Jahrzehnte hindurch die Nachrichten auf TF1 präsentierte. Ende 2010 erhielten die Feuilleton-Redaktionen in Frankreich eine 414 Seiten dicke Biographie über Ernest Hemingway. Als Autorenname prangte der Name von PPDA auf dem Buch. Das Magazin L’Express veröffentlichte Anfang 2011 aber einen Artikel, in dem es hieß, etwa dreißig Seiten der Biographie seien eine nahezu wörtliche Übersetzung eines 1985 in den USA erschienenen Hemingway-Buchs. Es traf auch unzweifelhaft zu und PPDA bestritt nicht. Er schwieg. Stattdessen wandte sich sein Verlag mit folgender Erklärung an die französische Öffentlichkeit:

»… müssen die Editions Arthaud klarstellen, dass der gedruckte Text irrtümlich Ende Dezember der Presse zugeschickt wurde. Es handelte sich um eine vorläufige, noch der Bearbeitung bedürftige Fassung, die nicht mit der endgültigen, vom Verfasser autorisierten Version übereinstimmt, die erst Ende Januar auf den Markt kommt. Der Verlag entschuldigt sich ausdrücklich für dieses Versehen sowohl beim Autor als auch bei den Journalisten.«

Hier wurde also kurzerhand das – übrigens in 20.000 Exemplaren gedruckte – Buch zur vorläufigen Arbeitsfassung herabgestuft. Ende Januar 2011 erschien dann die endgültige Version. Sie ist im Vergleich zur angeblichen  Arbeitsfassung ziemlich genau um die dreißig abgeschriebenen Seiten kürzer. Billiger ist sie allerdings nicht.

XVII. Die neunte Ausrede: Sowas Banales würde ich niemals klauen! Oder: Geist und Form.

In den 70er Jahren trat die Düsseldorfer Rockband »Kraftwerk« mit einem Lied hervor, das wir bis heute kennen und dessen erste Zeile lautet: »Wir fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn«.  Opel wandte sich, nachdem das Lied in aller Ohren war, in einer Stern-Anzeige an die Kundschaft und warb für das Modell »Manta« mit dem Slogan: »Und Sie fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn«. Einige Kraftwerker klagten daraufhin wegen Verletzung ihres Urheberrechts an ihrem Lied. Das Oberlandesgericht Düsseldorf (1. Dezember 1977 – 20 U 46/77 – GRUR 1978, 640) wies die Klage ab. Die Liedzeile, vom OLG als »Wortgruppe« bezeichnet – was schon fast wie Buchstabensuppe klingt – habe keinerlei geistigen Gehalt und sei folglich kein plagiierfähiges Werk.

»Wegen der hohen Zahl und der Unterschiedlichkeit verschiedener denkbarer geistiger Inhalte der Wortgruppe ist diese nicht selbst Träger eines bestimmten Gedankens, sondern nur ein unselbständiges Formelement, das zur Verkörperung eines schutzwürdigen geistigen Inhalts der Ergänzung bedarf und deshalb für sich genommen nicht schutzfähig ist.«

Diese Argumentation wäre für einen Literaturwissenschaftler vermutlich überraschend. Denn die Vieldeutigkeit eines Satzes, der nach Meinung der OLG-Richter dem Vorhandensein von geistigem Gehalt entgegenstehen soll, ist klassischerweise ein Zeichen für literarische Qualität. Ich nehme an, die Richter fanden den Satz einfach zu blöd, als dass man von einer Schöpfung sprechen könnte, was im Vergleich mit einem Thomas-Mann-Roman sicher zutrifft. Blickt man aber durch die Rechtsprechung, so merkt man, dass die Richter durchaus auch kleinen Wortgruppen geistigen Gehalt zubilligen, interessanterweise vor allem dann, wenn sie irgendeinen besonderen Pfiff haben, zum Beispiel wegen eines Wortspiels wie bei dem für einen Kartoffelauflauf gedachten Werbeslogan:

»Jede Revolution beginnt mit einem Auflauf«.

Gerne haben die Richter auch formale Elemente, wie Reime und Assonanzen. Man sieht, dass ein nicht ganz ausdefinierter Zusammenhang zwischen Geist und Form bestehen muss. Ausdrücklich anerkannt wurde:

»Ein Himmelbett als Handgepäck«
als Werbung für ein Reisebett, ferner
»Drei Gramm die Tasse, schont Herz und Kasse«
für koffeinfreien Kaffee,
»Verlockend ist der äußere Schein, der Weise dringet tiefer ein!«
auf dem Etikett einer Brandweinflasche und, schon 1934 vom Oberlandesgericht Köln (GRUR 1934, 758) geadelt:
»Biegsam wie ein Frühlingsfalter bin ich im Forma-Büstenhalter«.

XVIII. Der Evangelimann

Das Problem der Abgrenzung zwischen Banalität und Kunstwerk stellt sich auch in der Musik. In einem 1970 vom Bundesgerichtshof (5. Juni 1970 – 5. Juni 1970 – I ZR 44/68 – MDR 1970, 991)  entschiedenen Fall klagte die Inhaberin sämtlicher Rechte an der Oper »Der Evangelimann«. In dieser Oper von Wilhelm  Kienzl (17. Januar 1857 – 3. Oktober 1941) gibt es die Magdalenenarie mit dem Titel »Oh schöne Jugendtage«. Im Verlag der Bekl. war 1961 der Tango-Schlager »Tanze mit mir in den Morgen!« erschienen, der bis heute im Handel ist und einige Anklänge an die schönen Jugendtage aufweist. Der BGH wies die auf Urheberrechtsverletzung gestützte Klage ab. Er stellte zwar fest, dass der Refrain des Tangos große Ähnlichkeit mit der Magdalenenarie hat. Die Tonfolgen waren in der Tat nahezu identisch, was an sich die Vermutung für ein Plagiat belege. Diese Vermutung komme hier aber, so der BGH, nicht zum Tragen, weil die Melodieführung in der Musikliteratur so häufig auftrete, insbesondere, wenn der Ausdruck von Sehnsucht wiedergegeben werden solle, dass es an der notwendigen Originalität fehle. Sehr ähnliche Tonfolgen seien nicht nur in den Volksliedern »Mein Liebchen, das weilt in der Ferne« und »Ich stand auf hohem Berge« enthalten, sondern auch im »Sehnsuchtswalzer« von Schubert, der charakteristische Sextsprung und die Septime ferner in der Mozart-Arie »Contessa pardono« aus der Hochzeit des Figaro und in den ersten beiden Motiven von Webers »Aufforderung zum Tanz«. Letztlich habe sich der Tango-Komponist »sehr simpler Allerweltsformen bedient« …

Man sieht an dem sehr ausführlichen Urteil, wie viel Mühe es kosten kann, der Banalität nachzuweisen, dass sie banal ist.

Wenn der vielleicht immer noch geneigte Leser ein letztes Mal die Augen schließen mag und sich das Bild eines Schlagersängers der frühen Bundesrepublik vor Augen zaubern möchte, kommt ihm vielleicht auch wieder die warme einschmeichelnde Stimme Gerhard Wendlands ins Ohr, und die unvergessene Lyrik, die man sich übrigens auch als Klingelton aus dem Internet besorgen kann…

»Tanze mit mir in den Morgen,
Tanze mit mir in das Glüüück,
In deinem Armen zu träumen,
ist so schön bei verliebter Musik.

Darf ich bitten zum Tango um Mitternacht,
Chor: Dub-Dub
fragte ich Susan,
Chor: Dub-Dub
sie sah mich nur an;
Chor: Dub-Dub, Dub-Dub
und ich wusste, dass sie mich so glüüücklich macht,
wie`s nur eine im Leben kann …«

XIX. Die zehnte Ausrede: Alles was gut ist, ist meins. Oder: Die Seele der Schöpfung

Die vorletzte Zuflucht unter den Ausreden, mit denen sich der des Plagiats Bezichtigte verteidigen kann, führt uns ins Zentrum dessen, was das literarische Plagiat ausmacht, ja, ich glaube, es führt sogar in das Zentrum des Geheimnisses literarischen Kunstschaffens überhaupt. Ein Dichter kann nicht über nichts schreiben, wenn auch einige moderne Lyriker diesem Ziel schon recht nahe gekommen sind, sagte der englische Jurist und Schriftsteller Sir Alan Patrick Herbert, oder wie die ebenfalls abkürzungsfreudigen Engländer sagen: A. P. H. (24. September 1890 – 11. November 1971). Anders gewendet: Der Schriftsteller ist gezwungen, in seinem Werk irgendwie auf die Welt um ihn herum zu reagieren. Zu dieser Welt gehören Menschen, Häuser, die Natur, die Technik – und natürlich auch die Bücher. Es ist also unvermeidlich, dass der Schriftsteller Gedanken und Worte, Sätze und Motive aus fremden Büchern verwendet. Entscheidend ist, was er daraus macht.

Alfred Lichtenstein, der 1889 geboren wurde und 1914 starb, schrieb folgendes Gedicht:

»Die Plagiatoren
Ein jeder ist ein Teil vom Schicksal andrer,
Die vor ihm waren und die um ihn gehen,
Die auch nur einmal, eil’ge Weiterwandrer,
Den Weg ihm kreuzend, flüchtig bei ihm stehen.

Sie kommen, kommen ohne Zweck und Sinn,
Entfernen sich mit leichtem Wandrerschritt.
Sie bringen alle etwas zu ihm hin.
Sie nehmen alle etwas von ihm mit.«

Die mit Computerhilfe hergestellten Strichcode-Grafiken, in denen die Stellen eines Textes markiert sind, die mit einem anderen Text übereinstimmen, sind, jedenfalls für die künstlerische Literatur, nur von indiziellem Wert. Einen Plagiatsvorwurf beweisen können sie nicht.

XX. Exkurs: Warum Abschreiben etwas ganz anderes ist als Plagiieren

zeigt Gottfried Keller (19. Juli 1819–15. Juli 1890) in seiner Erzählung »Die missbrauchten Liebesbriefe«. Da ist eine schöne junge Frau, Grittli, voller reichem Gefühl und schönem schlichtem Ausdruck, aber arm an komplizierten Worten. Bei ihrem Mann Viktor, genannt Viggi, ist es genau umgekehrt. Er ist ein dilettierender Literat in der Nachfolge der Weimarer Klassik, angeschwollen von geborgten Gefühlen und hochtrabenden, bei Goethe und Schiller entlehnten Redensarten. Gern liest er seiner Frau aus seinen Schriften vor und ärgert sich, wenn sie dabei einschläft

»Du weißt, dass ich die dornenvolle Laufbahn eines Dichters betreten habe, dass ich des Verständnisses, der begeisternden Anregung, des liebevollen Mitempfindens eines weiblichen Wesens, einer gleich gestimmten Gattin bedarf, und du lässest mich im Stich, du schläfst ein!«

Eines Tages beschließt er, seine Frau mittels eines Briefwechsels zu der Ausdrucksweise zu erziehen, von der er glaubt, dass sie sich für höherstehende Menschen gehört. Er verreist in Geschäften und schreibt ihr von unterwegs Briefe, in denen er sich, wie immer, wenn er die Feder führt, nicht mehr Viggi nennt, sondern Kurt vom Walde. Von welcher Art diese Briefe sind, ahnen wir, wenn wir die ersten Zeilen seines ersten Briefes lesen:

»Teuerste Freundin meiner Seele!

Wenn sich zwei Sterne küssen, so gehen zwei Welten unter! Vier rosige Lippen erstarren, zwischen deren Kuss ein Gifttropfen fällt! Aber dieses Erstarren und jener Untergang sind Seligkeit und ihr Augenblick wiegt Ewigkeiten auf. Wohl hab ich’s bedacht und hab es bedacht und finde meines Denkens kein Ende: – Warum ist Trennung? – ? – Nur eines weiß ich dieser furchtbaren Frage entgegenzusetzen und schleudere das Wort in die Waagschale: Die Glut meines Liebeswillens ist stärker als Trennung, und wäre diese die Urverneinung selbst…«

Grittli ist ratlos, was und wie sie antworten soll. Was tun? Als sie traurig ans Fenster tritt, sieht sie im nachbarlichen Garten den verträumten und leicht entflammbaren Junglehrer, mit dem sie seit längerem eine zarte, aber noch unerklärte Sympathie verbindet. Das bringt sie auf eine Idee. Sie schreibt die Briefe ihres Mannes ab und legt sie in die Rosenhecke zum Nachbargarten. Der Junglehrer pflückt die Briefe von der Hecke, übersät das Papier mit Küssen und in den Antworten schreibt er sich die Seele aus dem Leib. Grittli hat nichts Eiligeres zu tun, als die Antworten abzuschreiben und ihrem Mann zu schicken, dem sie es ja auch recht machen will. Das Interessante an der Brief-Konstellation ist, dass Grittli durch den Zauberakt des gefühlvollen Abschreibens aus den emotionslosen Faseleien ihres Mannes bei nahezu unverändertem Wortlaut echte Herzensbotschaften macht, die den Junglehrer in Flammen setzen. Wenn das Plagiat sich vom Original durch seine Unechtheit unterscheidet, dann hat Gritti zwar abgeschrieben, aber eben nicht plagiiert. Sie hat den Worten ihres Mannes, die ja nie seine eigenen waren,  Echtheit verliehen, sie hat die Sätze durch ihre Persönlichkeit beglaubigt und ihnen damit Leben gegeben. Ist sie dann nicht Urheberin und Schöpferin? Gottfried Keller überlässt die Beantwortung der Frage dem Leser. Grittlis Mann kommt natürlich schon bald nach Rückkehr von der Geschäftsreise hinter den frommen Betrug und lässt sich scheiden. Aber sorgen müssen wir uns trotzdem nicht. Ganz am Schluss kriegt Grittli ihren Junglehrer und alles wird gut.

Noch einmal: Abschreiben ist etwas anderes als plagiieren. Aber das Unterscheidungsmerkmal ist schwer zu fassen. Ich will zwei berühmte Fälle benennen, in denen Autoren abgeschrieben haben. Aber haben sie plagiiert? Da kann man geteilter Meinung sein. Die Namen, um die es geht, sind von unterschiedlichem literarischen Gewicht: Es geht um Paul Celan und Helene Hegemann.

XXI. Der Fall Hegemann/Airen

Im Jahre 2010 erschien ein Roman mit dem Titel »Axolotl Roadkill«, wobei Axolotl der Name einer lichtscheuen kolumbianischen Kröte ist. Die Bedeutung des Wortes »roadkill« erläuterte mir auf der Tagung in Rendsburg die Künstlerin und Rechtsanwältin Inger-Kristina Wegener (Dankeschön!). Gemeint sind die Tiere, die man auf und am Rande von Straßen als Opfer des Autoverkehrs liegen sieht, alle die armen Hasen und Igel, die wir so lieben, wenn sie im Märchen vorkommen. Das Erzähler-Ich von »Axolotl Roadkill« ist eine Schülerin, die selten zur Schule geht, dafür in Drogenkreisen lustarme und unbeholfene Sexualkontakte unterhält sowie altkluge und frivole Reden führt, die den Erfahrungshorizont einer 16jährigen bei weitem überschreiten. Diese Ich-Erzählerin hat, bei aller scheinbaren Kaltschnäuzigkeit, Humor und ist sich ihrer eigenen Unreife und der Abgeborgtheit, der Unechtheit, ja, man könnte fast sagen, des teilplagiatorischen Charakters ihrer Gefühlswelt durchaus bewusst. Und bei allem was sie sagt und tut ist der juvenile Überlegenheitsgestus durchwirkt von immer wiederkehrenden Bekenntnissen der Verzweiflung, des, wie sich die Erzählerin ausdrücken würde, Gefühls totalen Angepisstseins und einer darunter verborgenen ganz rührenden Kindertraurigkeit. Die Erzählung enthält, wie vermutlich die Seele mancher 16jährigen, nicht wenige Anleihen, unter anderem auch bei einer Geistesverwandten,  nämlich der 1947 geborenen und 1997 gestorbenen amerikanischen Schriftstellerin Kathy Acker. Das ist deshalb interessant, weil Kathy Acker sich nicht nur zu Punk und sexpositivem Feminismus, sondern auch zum Plagiarismus als Schreibmethode bekannte und dadurch die Feuilletons mit viel Stoff zu kulturpessimistischen Tiraden und die Anwälte ihres Verlegers mit fürstlichen Honoraren beschenkte. Der Plagiatsvorwurf, der Helene Hegemanns Buch zu einem Feuilleton-Skandal machte, beruht allerdings auf einer Reihe von Entlehnungen, die sie bei dem Blogger Airen (geb. 1981) machte. Airen hatte ein Tagebuch im Internet veröffentlicht, in dem er ausgiebig das trostlose Lotterleben eines jungen Angestellten in Berlin schilderte. Der Text erschien inzwischen auch als Buch, und wer wissen möchte, wie langweilig man über Sex schreiben kann, dem sei die Lektüre empfohlen. Wir zitieren jetzt eine Stelle aus Airens Buch und anschließend lesen wir, was Helene Hegemann (geb. 19. Februar 1992) daraus gemacht hat.

»… die Zeit, als ich jeden Abend mit Bleigewichten an den Knöcheln vor dem Spiegel übte, als ich jeden Track als Aufgabe sah, als fremde Leute in der U-Bahn auf mich zeigten und »krasse Choreographie« tuschelten, als ich elektrischen Strom gefressen hätte, nur um besser tanzen zu können.«

Soweit Airen. Und nun ein kurzer Ausschnitt aus Helene Hegemanns Roman. Die Ich-Erzählerin besucht mit ihrer Schulklasse und dem allzu cool auftretenden Lehrer Kroschinske ein Konzentrationslager. Sie wird von der Schulleiterin Pegler auf dem Handy angerufen und in die Schule bestellt und wendet sich an den Lehrer:

»Von mir wird erwartet auf der Stelle alarmiert die Hufe zu schwingen. Frau Pegler ist eine unsichere Scheißfotze, deren pädagogisches Fehlverhalten  zwar unangebracht, aber nachvollziehbar ist, Sie sind ein echt cooler Lehrer und mir voll sympathisch, Ihre Frisur ist auch total cool … Herzlichen Dank, dass Sie sich darüber gefreut haben, mich zu sehen.

Der Regionalzug, in dem ich zwanzig Minuten später sitze, heißt Helmut Schmidt.

Ich versuche, mich in die Grundstimmung des letzten Jahres zu steigern. Ein Zustand, in dem mir vor lauter produktiver Sentimentalität nichts anderes übrigblieb, als nachts mit Bleigewichten an den Knöcheln vor dem Spiegel auf in Techno gemixte Geigenpassagen zu tanzen. Jeder Track war eine Herausforderung. Ich hätte Strom gefressen, um länger als achtundvierzig Stunden ekstatisch über einen vollgekotzten Dancefloor springen zu können. Eine Zeit, in der fremde Leute im Regionalexpress »Krasse Choreographie« tuschelten, anstatt mich nicht zu beachten …

Es funktioniert nicht. Es funktioniert auch  nicht, aus dem Fenster zu sehen. Es funktioniert nicht, sich vorzustellen, dass man am späten Nachmittag bekifft auf einem Motorroller durch das Erdgeschoss der Galeria Kaufhof fahren und das weiche Goldblitzen der Uhrenkästen als adäquaten Ersatz für all das einordnen wird, dessen man innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre beraubt wurde: Träume, Verlangen, Sexualität, Glaube, Unterwelt in einem Land, das menstruiert, Tag für Tag erneut zu Scheiße wird und mit seiner unaufhaltsamen Fäulnis all die aus Phantasien zusammengesetzten Existenzen ins Verderben stürzt: Sie sterbe ….

Sie spielen, essen, ficken, schlafen, wachen auf …, bestellen SitzBälle, um ihre Rückenmuskulaturen zu stärken, haben eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin absolviert, buchen einen Pauschalurlaub, … dekorieren ihre Wohnung jahreszeitengemäß, … trennen sich voneinander, nennen ihre Schülerband ‚Eva Herman Enterprise’, werden Großeltern, sind beeindruckt … kaufen Buttermilch, antworten ‚Arschloch‘ auf die Frage nach ihrem Sternzeichen, erstellen die Internetseite www.live-vergewaltigungen.de und fragen sich seit Jahren, aus welchem Grund sich Matratzengeschäfte immer in Eckhäusern befinden.«

Ob Hegemann plagiiert oder, was mir doch näher zu liegen scheint, den verwendeten Texten ein eigenes Leben eingehaucht hat, ist in den Feuilletons bis heute umstritten. Interessant ist, was der Lyriker Durs Grünbein (9. Oktober 1962) in der FAZ zu Protokoll gab. Hier ein kurzer Auszug:

»Plagiat

Durch die Zeitungen gehen Bemerkungen, dass sich ein literarischer Skandal von seltener Spannung zutrage. Ein Plagiatfall. Von dem so schnell berühmt gewordenen Roman: Axolotl Roadkill der Frau Helene Hegemann wird behauptet, dass die Verfasserin große Teile gar nicht ihr geistiges Eigentum nennen dürfe. … Frau Hegemann, die, um es gleich zu sagen, mir persönlich und außerhalb ihres Romans völlig unbekannt ist, hat also … plagiiert … Dies wird festgestellt und behauptet von einer »Reihe bekannter literarischer Persönlichkeiten« – sonderbare Persönlichkeiten müssen das wohl sein … Hand aufs Herz, mir scheint, die Behauptung, in diesem Buch sei irgend etwas unverarbeitet liegengeblieben, quellenmäßig übernommen, entlehnt oder gestohlen, entspringt einem Mangel an Gaben. Es wäre genauso richtig und genauso sinnlos zu sagen, das Auge habe das Protoplasma bestohlen oder die Träne die Elemente, weil sie Chlornatrium enthält. Jeder Ursprung ist schließlich materieller Art, aber was Rainald Goetz, Jim Jarmusch oder den Text »Strobo« des Bloggers Airen angeht, so kommen sie in diesem Buch schlecht weg: wo immer in ihm das Thematische sich nähert, wird es aufgelöst in den konstruktiven Affekt, das Authentische des Vorbilds in die Ordnung eines reflexiv Notwendigen, wo immer man die Seiten aufschlägt, tragen sie den Schein einer Schönheit, die ohne Makel, und die Gesetzmäßigkeit einer Szene, die die volle und krasse Echtheit ist … Ob dabei die Handlungsorte aus der Netzliteratur oder dem Nibelungenlied stammen, das tritt wohl ganz vor dem zurück, dass jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird von der Inspiration einer großen Schöpferin.«

XXII. Celan/Weißglas/Goll/Rosenkranz/Ausländer

Paul Celan wurde am  23. November 1920 in Czernowitz geboren, damals Rumänien, heute Ukraine. Celan war Jude und lebte mit seiner Familie im Ghetto von Czernowitz. Seine Eltern wurden in den Vierziger Jahren deportiert und starben in einem Lager. Ab 1947 lebte Celan in Paris. Sein berühmtestes Gedicht, die Todesfuge, die längst zum klassischen Kanon gehört, schrieb Celan 1945. Acht Jahre später, 1953, begann Claire Goll (29. Oktober 1890–30. Mai 1977) einen publizistischen Feldzug gegen Celan. Sie warf ihm vor, er habe mehrere Zeilen der Todesfuge aus Gedichten ihres Mannes Yvan Goll (29. März 1891–27. Februar 1950) gestohlen, zum Beispiel die Schlusswendung vom »Grab in den Wolken«. Rose Ausländer (11. Mai 1901–3. Januar 1988) erklärte, sie sei die Erfinderin der Metapher »Schwarze Milch« und feststeht, dass Moses Rosenkranz (20. Juni 1904–17. Mai 2003) im Jahr 1942 ein Gedicht mit dem Titel »Blutfuge« geschrieben und Celan vorgelesen hat. All dies war bekannt, als im Februar 1970 in der rumänischen Zeitschrift Neue Literatur das folgende Gedicht von James Immanuel Weissglas (14. März 1920 – ??.??. 1979) erschien. Weissglas war ein Schulfreund von Celan. Sein Gedicht mit dem Titel Er war ein Jahr vor der Todesfuge entstanden. Es lautet wie folgt:

»Wir heben Gräber in die Luft und siedeln
Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort.
Wir schaufeln fleißig, und die andern fiedeln,
Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen fort.

ER will, dass über diese Därme dreister,
Der Bogen strenge wie sein Antlitz streicht:
Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher Meister,
Der durch die Lande als ein Nebel schleicht.

Und wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend,
Öffn‘ ich nachzehrend den verbissnen Mund,
Ein Haus für alle in die Lüfte grabend;
Breit wie der Sarg, schmal wie die Todesstund.

ER spielt im Haus mit Schlangen, dräut und dichtet,
In Deutschland dämmert es wie Gretchens Haar.
Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet:
Da weit der Tod ein deutscher Meister war.«

Und nun, zum Vergleich, die Todesfuge:

»Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar
Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne und er
pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar
Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da
liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz
auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süsser den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith«

Wer Paul Celan in der berühmten Aufnahme aus dem Jahre 1953 dieses Gedicht sprechen hört, der schämt sich fast, überhaupt zu fragen, ob es sich hier um ein Plagiat handele. Zu sehr sind Gedicht und Dichter, Botschaft und Stimme,  miteinander verwoben. Sie sind eins, und wer dem Dichter die Autorschaft abspräche, spräche ihm den Lebensatem ab. Das Gedicht von Immanuel Weissglass erhielt Paul Celan im März 1970 zugesandt. Am 20. April 1970 nahm er sich in Paris das Leben.

XXIII. Cervantes – oder: Wie sich der Plagiierte wehren kann, ohne die Gerichte zu bemühen – Erster Teil

Nach Erscheinen des Ersten Teils der Geschichte vom ruhmreichen Ritter Don Quijote de la Mancha und seinem edlen Knappen Sancho Pansa musste der Autor Miguel de Cervantes Saavedra (29. September 1547–23. April 1616) ein großes Unrecht zur Kenntnis nehmen: Ein gewisser Alonso Fernández de Avellaneda nutzte den Erfolg des Don Quijote: Er entführte den Don Quijote und den Sancho Pansa in die trüben und trägen Sphären seiner eigenen abgeschmackten Phantasie und veröffentlichte das ganze als Zweiten Teil des Cervantes-Romans. Darüber ärgerte sich Cervantes. Aber Don Miguel ging nicht vor Gericht, das hätte auch keinen Sinn gehabt, denn Urheberrecht im heutigen Sinne gab es nicht.

XXIV. Exkurs: Kurze Geschichte des Urheberrechts

Während es Urheber literarischer Werke seit über 5000 Jahren gibt und Plagiatoren seit 2500 Jahren nachgewiesen sind, gibt es ein Urheberrecht erst seit 200 Jahren. Das Urheberrecht ist also eines ganz gewiss nicht, nämlich eine wesentliche Produktionsbedingung für gute Literatur.

Die Autoren finanzierten sich bis ins 15. Jahrhundert nicht durch den Verkauf von Büchern. Dazu waren die Auflagen bis zur Erfindung der Druckmaschinen viel zu klein. Dichter verdienten ihr Geld durch Wettkämpfe wie bei den Griechen oder auf der Wartburg, oder durch Mäzene wie bei den Römern, oder sie sangen gegen Geld wie in homerischen und Minnesangzeiten oder sie dichteten nur nebenher, während sie im Hauptberuf Beamte, Ärzte, Juristen oder Mönche waren, oder Landstreicher wie Francois Villon. Mit Erfindung des Buchdrucks gerät diese Seins- und Sichtweise allmählich ins Wanken. Durch die enorm gesteigerte, aber auch kostenträchtige Vervielfältigungsmöglichkeit tritt ein Berufsstand hervor, den es vorher kaum gab: der Verleger. Der geschäftliche Teil der Literatur läuft nun darauf hinaus, dass die Schriftsteller dem Verleger ein Manuskript liefern und dafür das vereinbarte Honorar erhalten. Der ganze Rest, vom Druck bis zum Verkauf, ist Sache des Verlegers.

Die Zahl der Lesekundigen stieg, die Buchproduktion wuchs und die Bücher dienten mehr und mehr auch der Unterhaltung der Leser. Im 18. Jahrhundert empfanden die Schriftsteller es zunehmend als ungerecht, dass sie selbst als die Schöpfer der literarischen Werke so wenig an deren Erfolg teilhatten. Geburtsort des Urheberrechts war England. Hier wurde durch das »Statute of Queen Anne« mit Wirkung vom 10. April 1710 dem Autor eines literarischen Werkes das ausschließliche Recht der Veröffentlichung zugewiesen. Deutsche Kodifizierungen des Urheberrechts ließen einstweilen auf sich warten. Erst 1806 in Baden, 1837 in Preußen und 1871 schließlich für das Reich kam das Urheberrecht für Schriftsteller nach Deutschland.

XXV. Cervantes – oder: Wie sich der Plagiierte wehren kann, ohne die Gerichte zu bemühen – Zweiter Teil

Zurück zu Miguel de Cervantes. Er wehrte sich gegen den gefälschten Zweiten Teil des Don Quijote auf seine Art. Und zwar sehr zum Vorteil der Weltliteratur. Er schrieb nämlich selbst auch einen Zweiten Teil. Und darin erlaubt er sich einen Spaß, der dem ganzen Roman eine ironische Metaebene verleiht. Seinem – »echten« – Don Quijote lässt er nämlich auf dessen Reisen immer wieder Gestalten aus dem unechten Zweiten Teil begegnen, zum Beispiel einen gewissen Alvaro Tarfe. Der echte Don Quijote fragt ihn nach seinem Namen und der Fremde antwortet:

»’Mein Name ist Don Alvaro Tarfe’, …
Worauf Don Quixote versetzte: ‚So müßt Ihr wohl ohne Zweifel jener Don Alvaro Tarfe sein, der gedruckt im zweiten Teil der Geschichte des Don Quixote von la Mancha steht … und von einem neuen Autor an das Licht der Welt gestellt ist.’
‘Ich bin der nämliche’, antwortete der Ritter, ‘und dieser Don Quixote, die Hauptperson in dieser Geschichte, war mein sehr guter Freund …’
‘So sagt mir denn, Señor Don Alvaro Tarfe, sehe ich wohl in etwas diesem Don Quixote ähnlich, von dem Ihr sprecht?’
‘Nein, wahrlich nicht’, antwortete der Fremde, ’nicht im mindesten.’
‘Und hatte dieser Don Quixote’, sagte der unsrige, ’nicht auch einen Stallmeister bei sich, mit Namen Sancho Pansa?’
‘Allerdings’, antwortete Don Alvaro, ‚aber obgleich dieser den Ruhm eines anmutigen Spaßmachers hatte, so habe ich doch keine Anmut in seinen Späßen finden können.’
‘Das glaube ich gern’, sagte Sancho hierauf, ‚denn Spaß zu machen ist nicht allen gegeben, und dieser Sancho, von dem Ihr sprecht, gnädiger Herr, ist ohne Zweifel ein durchtriebener Schelm, ein Flaps und ausgemachter Halunke gewesen, denn der wahrhaftige Sancho Pansa bin ich, der mehr Späße macht, als Sterne am Himmel stehen. …’
‘Bei Gott, ich glaube es’, antwortete Don Alvaro, ‚denn Ihr, lieber Freund, habt in den vier Worten, die Ihr gesprochen habt, mehr Annehmlichkeiten gesagt als jener andere Sancho Pansa, solange ich ihn jemals sprechen hörte, welches eine geraume Zeit war. Er war mehr ein Fresser als ein guter Redner und mehr ein Dummkopf als ein Spaßmacher …’
‘Ich’, sagte Don Quixote, ‘ … bin der echte Don Quixote von la Mancha, der nämliche, von welchem der Ruhm spricht, nicht aber jener Elende, der meinen Namen hat usurpieren und sich mit meinen Gedanken verherrlichen wollen. Ich beschwöre Euch bei dem, was Ihr Eurem Stande als Ritter schuldig seid, daß Ihr mir gefälligst eine Erklärung in Gegenwart des Richters dieses Ortes geben wollt, daß … ich der Don Quixote nicht bin, von dem jener zweite Teil handelt, noch dieser Sancho Pansa, mein Stallmeister, derjenige sei, welchen Ihr gekannt habt.’«
Und so geschieht es. Der Richter des Ortes stellt eine mit allen Förmlichkeiten versehene Erklärung aus, dass nur der echte Don Quijote der echte Don Quijote und nur der echte Sancho der echte Sancho ist.
»worüber der echte Don Quixote und der echte Sancho sich sehr freuten …«

XXVI. Plagiarize!

Ich habe am Anfang vom Wahrheitstrieb gesprochen. Es gibt aber neben dem Wahrheitstrieb auch eine gegenläufige Lust. Ich meine nicht die Neigung zu lügen und zu fälschen und zu betrügen, sondern die viel größere Lust, betrogen zu werden. Es muss diese Lust geben, sonst hätten die Anlageberater nicht so großen Erfolg. Es ist gewiss eine Sünde, Rolex-Uhren zu fälschen und Dissertationen aus Leitartikeln zusammenzuleimen, eine mindestens ebenso große Dummheit ist es aber, angeblich echte Uhren für den Preis einer nachgemachten kaufen zu wollen und für hochtrabendes Geschwätz Doktortitel zu vergeben. Und überhaupt ist es eine Dummheit, sich blenden zu lassen. Aber eine süße und heilsame Dummheit. Jedenfalls hindert uns nichts, immer wieder auf unseren Glauben an das Edle im Minister und das Echte in der Uhr hereinzufallen. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass einige Menschen nur ein einziges Erfolgsrezept kennen und das auch laut propagieren.

In den Sudelbüchern des Philosophen Georg Christoph Lichtenberg (1. Juli 1742 – 24. Februar 1799) finden wir unter E Nr. 334 folgenden Eintrag:

»Daß die plagiarii so verächtlich sind kommt daher, weil sie es im kleinen und heimlichen tun. Sie sollten es machen wie die Eroberer, die man nunmehr unter die honetten Leute rechnet, sie sollten platterdings ganze Werke fremder Leute unter ihrem Namen drucken lassen und wenn sich jemand dagegen in loco selbst regt, ihm hinter die Ohren schlagen, daß ihm das Blut zu Maul und Nase heraussprützt, Auswärtige in Zeitungen Spitz. B.uben, Kabalenschmiede, und Bengel schelten, sie zum Teufel weisen oder sagen, daß sie das Wetter erschlagen solle …«

Da wir uns dem Ende nähern ist auch die Zeit gekommen, das anfangs angekündigte Plagiat und die ebenfalls avisierte Fälschung zu enthüllen: Das eingangs Walter Benjamin zugeschriebene Zitat wurde vom Verfasser gefälscht. Der Beitrag von Durs Grünbein stammt, wie Grünbein der FAZ eine Woche nach Veröffentlichung verriet, – mutatis mutandis – von keinem Geringeren als Gottfried Benn (2. Mai 1886 –  Juli 1956). Der Text bezog sich eigentlich auf die aus Jena stammende  Tänzerin und Schriftstellerin  Rahel Sanzara (eigentlich Johanna Bleschke, 9. Februar 1894 –  8. Februar 1936), gegen die in den Zwanziger Jahren der Vorwurf erhoben wurde, ihr  1926 erschienener genialer Roman « Das verlorene Kind« sei ein Plagiat; die  von meinem Freund Wolfgang Haak (Dankeschön!) erforschten Einzelheiten ihres Lebens- und Leidensweges könnten ein eigenes Kapitel füllen.

Und hier noch einmal Tom Lehrer. Das Lied handelt von einem russischstämmigen amerikanischen Mathematiker, der erzählt, wie er zu Ruhm und Ansehen kam. Er suchte nämlich einst für eine schwierige Aufgabe der analytischen Algebra eine Lösung, hatte aber keine Ahnung von den Fragen, um die es ging. Da erinnert er sich an den Rat des großen sibirischen Mathematikers Lobachevsky: Und dieser Rat ist derselbe wie der Lichtenbergs. Er lautet: Offensiv plagiieren: Plagiarize! Nur bitte darauf achten, dass man es immer Forschung nennt. Und bei wem abgucken? Nun, natürlich nur bei den besten Freunden. Da war ein Freund in Minsk, der hatte einen Freund in Pinsk mit einem Freund in Omsk und so weiter bis Dnepopetrowsk, wo die Arbeit von irgendeinem Genie schnell geschrieben ist und nach New York zurückkehrt und schneller veröffentlicht ist als das ferne Genie es sich träumen ließ. Das Buch soll sogar verfilmt werden unter dem Titel: Das ewige Dreieck mit Ingrid Bergmann in der Rolle der Hypotenuse.

Tom Lehrer: Plagiarize

Who made me the genius I am today
The mathematician that others all quote
Who’s the professor that made me that way
The greatest that ever got chalk on his coat

One man deserves the credit
One man deserves the blame
And Nicolai Ivanovich Lobachevsky is his name, hi!
Nicolai Ivanovich Lobache-

I am never forget the day I first meet the great Lobachevsky. In one word he told me secret of success in mathematics. Plagiarize!

Plagiarize
Let no one else’s work evade your eyes
Remember why the good Lord made your eyes
So don’t shade your eyes
But plagiarize, plagiarize, plagiarize
Only be sure always to call it please »research«

And ever since I meet this man
My life is not the same
And Nicolai Ivanovich Lobachevsky is his name, hi!
Nicolai Ivanovich Lobache

I am never forget the day I am given first original paper to write. It was on analytic and algebraic topology of locally Euclidean metrization of infinitely differentiable Riemannian manifold. Bozhe moi! This I know from nothing. What I’m going to do? But I think of great Lobachevsky and get idea – ahah!

I have a friend in Minsk, who has a friend in Pinsk
Whose friend in Omsk has friend in Tomsk
With friend in Akmolinsk
His friend in Alexandrovsk has friend in Petropavlovsk
Whose friend somehow is solving now
The problem in Dnepropetrovsk

And when his work is done – ha ha! – begins the fun
From Dnepropetrovsk to Petropavlovsk
By way of Iliysk and Novorossiysk
To Alexandrovsk to Akmolinsk
To Tomsk to Omsk to Pinsk to Minsk
To me the news will run
Yes, to me the news will run

And then I write, by morning, night
And afternoon, and pretty soon
My name in Dnepropetrovsk is cursed
When he finds out I publish first

And who made me a big success
And brought me wealth and fame
Nicolai Ivanovich Lobachevsky is his name, hi!
Nicolai Ivanovich Lobache-

I am never forget the day my first book is published. Every chapter I stole from somewhere else. Index I copy from old Vladivostok telephone directory. This book was sensational! Pravda – well, Pravda said: perzhnavisk. It stinks. But Izvestia! Izvestia said: parachnavor. It stinks. Metro-Goldwyn-Moskva buys movie rights for six million rubles, changing title to »The Eternal Triangle,« with Ingrid Bergman playing part of hypotenuse.

And who deserves the credit
And who deserves the blame
Nicolai Ivanovich Lobachevsky is his name, hi!

 


Anmerkung:

*Die Vortragsfassung wurde weitestgehend beibehalten. Auf Fußnoten habe ich bis auf diese verzichtet. Schmerzlich ist, dass dem Leser der Genuss der von meinem Sohn Martin Brune (etudiant en droit, Berlin) erstellten Bild-und-Ton-Präsentation entgehen muss.

Textsuche

Neben der freien Textsuche und dem Schlagwortregister besteht an dieser Stelle die Möglichkeit, die Suche nach bestimmten Texten weiter einzugrenzen. Sie können die Suchfelder »Schlagwort« und »Jahr« einzeln oder in Kombination mit den anderen beiden Feldern verwenden. Um die Suche auszulösen, drücken Sie bitte die Enter-Taste; zum Auffinden der jeweiligen Textstelle benutzen Sie bitte die Suchfunktion Ihres Browsers.