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Plagiat und Fälschung – Hühnergegacker (01.06.20)

 

1. Plagiat und Fälschung

Plagiat und Fälschung sind zwei Methoden kreativen Schaffens, die sich komplementär zueinander verhalten. Der Plagiator gibt fremde Werke als eigene aus, der Fälscher eigene Schöpfungen als fremde. Gemeinsam ist beiden, dass sie von der Erkenntnis des Aristoteles, nach der alle Kunst Nachahmung ist, einen sozial wenig akzeptierten Gebrauch machen. Dass ein literarisches Erzeugnis ein Plagiat ist, sieht man ihm, für sich genommen, nicht an. Ein Buch kann wahr sein, und doch ein Plagiat. Ein Bild kann schön sein und doch gefälscht. Plagiat und Fälschung sind, wie ich gelernt habe, propositionale Eigenschaften. Sie haften nicht, jedenfalls nicht notwendig und zwingend, der Stofflichkeit des Gegenstandes an, dem sie als Eigenschaft zugeschrieben werden. Sie ergeben sich aus Beziehungen zu ihrer Umwelt, z. B. aus einem Vergleich mit anderen Werken und aus moralischen oder rechtlichen Wertungen, die an den Vergleich geknüpft werden.

Das Wesen des Plagiats ist also nicht allein aus dem Werk selbst zu erkennen. Bei der Fälschung, wenn sie wirklich gut ist, auch nicht. Plagiat und Fälschung sind nur am Rande physikalische, im Kern aber anthropologische Phänomene. Als solche sind sie steinalt. Man hat davon gehört, dass sich die griechischen Komödienschreiber des 5. vorchristlichen Jahrhunderts ihre Witze streitig machten. Es geht um den Einzelnen und sein Eigentum und es geht um den unentwirrbaren Fragenkreis der wechselseitigen Abhängigkeit von Individuum und Gesellschaft, es geht auch um Geld, es geht um Moos und Moral. Wer das jeweilige oder vielleicht doch gemeinsame Wesen von Plagiat und Fälschung zu erkunden versucht, muss folglich entweder in Ratlosigkeit verzweifeln – oder er findet Trost in den unterhaltsamsten und lukrativsten Gefilden, die sich im Kosmos der Jurisprudenz finden lassen, nämlich im Gewerblichen Rechtsschutz, vor allem, wenn es um Produktpiraterie geht. Nirgendwo sonst stehen Wahrheit und Währung, Echtheit und Geld in einem so schönen und richtigen Verhältnis.

Fast jeder Zeitungsleser hat schon von solchen Fällen gehört: Dürfen Champignons, die in den Niederlanden ausgesät, dort über Wochen aufgezogen und nur zur Ernte nach Deutschland gebracht werden, als »deutsche« bezeichnet werden oder ist das eine plumpe Lüge? Darf ein Hersteller von Hautcreme, der nicht Beiersdorf (»Nivea – Hautpflege als Herzensangelegenheit«) heißt, sein Produkt in Nivea-blauen Verpackungen anbieten? Entscheiden müssen letztlich Richterinnen und Richter und sie müssen sich bei der Unterscheidung nach dem richten, wovon sie glauben, dass es die Verbraucher glauben. Manchmal geben sie, um die Empfindungen der Konsumenten beim Kaufen zu erkunden, Umfragen oder Sachverständigen-Gutachten in Auftrag, manchmal, wenn sie sich der Verbraucherseele selbst genügend nahe fühlen, entscheiden sie nach ihrer eigenen, aus der Tiefe des Richtergemüts gewonnenen Überzeugung. Zur Demonstration ein Fall aus den 60er Jahren.

2. Hühnergegacker

Das Thema ist die deutsche Nudel und, wie wir bereits ahnen, ein Hühnergegacker. Ein Teigwarenfabrikant warb im Rundfunk für seine Trockenei-Nudeln mit einem Werbespot, zu dessen Beginn frisches Hühnergegacker aufklang. Sein Konkurrent, der ebenfalls Trockenei-Nudeln verkaufte, machte geltend, das Gegacker erwecke den Eindruck, als stamme es von Hühnern, die gerade ein Ei gelegt hätten und beim Konsumenten entstehe die irrige Vorstellung, als seien die Trockeneinudeln Frischeinudeln. Der Verbraucher werde über eine wesentliche Eigenschaft der Nudel getäuscht. Deer Bundesgerichtshof sah das in seinem am 27. Juni 1961 (Aktenzeichen I ZR 135/59) verkündeten Urteil genauso. Aus den Entscheidungsgründen:

»Da erfahrungsgemäß die Hühner, insbesondere nach dem Legen eines Eies, gackern und das Eierlegen der den Menschen am Huhn am meisten interessierende Vorgang ist, denkt der Hörer beim Gackern in der Werbesendung sogleich ans Eierlegen … Jedenfalls gilt das für Hörer, die mit … ländlichen Verhältnissen und Hühnern einigermaßen vertraut sind, mindestens aber für einen nicht unerheblichen Teil dieser Hörer. … Die Zuziehung von Sachverständigen … ist nicht … veranlaßt. Die Richter des Senats sind … in der Lage, sich aus eigener Kenntnis ein Urteil zu bilden … zumal sie selbst zugleich auch zum Abnehmerkreis für Eierteigwaren gehören und solche auch schon wiederholt eingekauft haben.«

Weiter führen die Richter aus, das Gegacker in der Werbesendung weise auch deshalb so deutlich auf Frischei hin, weil es sich nicht um ein normales »Konversationsgegacker«, sondern um ein charakteristisches »Legegegacker« handele, das hervorsteche durch seinen »verkündend-triumphierenden« Tonfall, von dem die sowohl an Urteilsverkündungen wie auch an ländliche Verhältnisse gewohnten Richter offenbar ein Lied singen können. Einer demoskopischen Umfrage unter Hausfrauen habe es weder hinsichtlich der Nudeln noch des Gegackers bedurft, weil es sich bei Nudeln nicht um auf Frauen ausgerichtete Spezialartikel handele und auch die Beurteilung von Hühnergegacker ein nicht nur Frauen zugänglicher allgemeiner Vorgang des täglichen Lebens sei.

Wir sehen mit einer tiefen Bewunderung, wie mutig sich die – offenbar ausschließlich männlichen – Richter mit der ganzen Authentizität ihrer Einkaufserfahrung als ein lebendes Schutzschild vor die deutsche Frischeinudel und das Wahrheitsprinzip in der Werbung werfen, wie wichtig es ihnen ist, dass der Schein, nämlich das Gegacker, mit dem Sein, nämlich dem frischen Ei in der Nudel, übereinstimmt. Allerdings machen die Richter von der Echtheitskultur ganz am Schluss des Urteils eine kleine Ausnahme. Die Pointe war nämlich, dass das Gegacker selbst, um dessen irreführende Wirkung es ging, kein naturbelassenes Freilandgegacker war, sondern von einem Tier-Imitator stammte. Und die Beklagte argumentierte, ein imitiertes Gegacker passe doch gut zu Trockenei, was ja letztlich imitiertes Frischei sei. Nein, nein, sagten die Richter:

»Auch ein Imitator ist in der Lage, den typischen Tonfall des Legegegackers nachzuahmen.«

Merke: Wer so gut gackern kann, dass ein Richter glaubt, er habe ein Ei gelegt, der ist juristisch gesehen ein Huhn.

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