Radiotexte

Prozess in Paris

– Wie gerne würde ich weinen an Deiner Brust! –


Christoph Schmitz-Scholemann

 

 

Erstsendung am 4. November 1996, 23.00–24.00 Uhr
Süddeutscher Rundfunk, S 2 Kultur

E: Erzähler
M 1: erste männliche Stimme (ernst, älter)
M 2: zweite männliche Stimme (jünger, am besten Franzose, der sehr gut, aber nicht ganz akzentfrei Deutsch spricht)
F: junge Frauenstimme

Alle zitierten Texte entstammen der im Hanser-Verlag erschienenen Ausgabe der Sämtlichen Werke Charles Baudelaires (Charles Baudelaire: Sämtliche Werke/Briefe in 8 Bänden. Herausgegeben von Friedhelm Kemp und Claude Pichois in Zusammenarbeit mit Wolfgang Drost. Mün­chen, Wien 1977).

 

M 1:
Prozeß in Paris

F:
Wie gerne würde ich weinen an Deiner Brust!
Erstes Kapitel: Die Präsidentin bekommt einen Brief.

E:
Am 9. Dezember 1852 kam ein Bote in die Rue Frochot. Er brachte ei­nen Brief, gerichtet an die Dame des Hauses, Aglae-Apollonie Sabatier. Der Brief hatte folgenden Wortlaut:

M 2:
Die Person, der die nachfolgenden Verse gewidmet sind, wird unter­tä­nigst und inständig gebeten, sie niemandem zu zeigen … Die innigen Ge­fühle be­sitzen eine eigene Scham, die nicht verletzt werden will. … Der Schreiber dieser Verse hat sie glühend geliebt, ohne es ihr je zu sagen, und wird ihr allezeit die zärtlichste Zuneigung bewahren …

E:
Der Brief war nicht unterschrieben, enthielt aber ein seltsames Ge­dicht mit der Überschrift A CELLE QUI EST TROP GAIE – FÜR DIE ALLZUFRÖHLICHE, das in deutscher Prosa so lautet:

M 2:
Dein Haupt, deine Gebärde, dein Betragen sind schön wie eine schöne Land­schaft; das Lachen spielt in deinem Antlitz wie frisch ein Wind in ei­nem klaren Himmel. 

Den Kummervollen, den du im Vorübergehen streifst, trifft blendend die Gesundheit, die als Helle von deinen Armen und von deinen Schul­tern strahlt.

Die lauten Farben, die du über deine Gewandung streust, wecken im Geist des Dichters das Bild eines Blumenballetts.

Diese närrischen Kleider sind das Sinnbild deines buntscheckigen Gei­s­tes; Närrin, nach der ich närrisch bin, ich hasse dich so sehr, wie ich dich liebe. 

Manchmal in einem schönen Garten, wohin mich meine Schlaffheit schleifte, zerriß die Sonne mir wie bitterer Hohn die Brust:

Der Frühling und das Grün kränkten mein Herz so sehr, daß ich die Frech­heit der Natur an einer Blume strafte.

So auch möchte ich eines Nachts, wenn die Stunde der Wollüste schlägt, zu deines Leibes Schätzen wie ein Feigling lautlos schleichen,

Um dein frohes Fleisch zu züchtigen, um deine verschonte Brust zu gei­ßeln und deiner überraschten Flanke eine klaffend tiefe Wunde zu schla­gen.

Und, süß taumelnder Rausch! durch diese neue Lippen, heller und schö­ner leuchtende, mein Gift dir einzuflößen, meine Schwester!

E:
Aglae-Apollonie Sabatier war eine hinreißend schöne Frau, wovon man sich noch heute überzeugen kann; ihre Büste steht im Louvre und glänzt wie ein antiker Marmor, von der reinsten und köstlichsten Form. Sie war die illegitime Tochter einer Wäscherin und eines Provinzpräfek­ten und lebte als Mätresse eines belgischen Bankiers in Paris. Der Bankier war viel unterwegs und überdies ein großzügiger Mann; so wurde seine zauberhafte Freundin in ih­rer entzückenden Woh­nung am Fuß des Montmartre der Mittelpunkt eines Kreises von Künst­lern. Zu ihnen gehör­tem die Großen dieser Jahre, Theophile Gautier, Alfred de Musset, Gustave Flaubert, Alexandre Dumas … Man malte Madame Sabatier in Öl, modellierte sie in Stein und träumte in Versen von den Freuden, die ihre schwindelerregende Schönheit ver­sprach. Der Zauber, der sie um­schwebte, schien sie zugleich vor handfeste­ren männli­chen Begehren zu schützen, sie war fast mehr Madonnenbild als Frau, eine Ikone beinahe, zur Fernverehrung wie geschaffen. Man nannte sie die Präsidentin. Im Mai 1853 meldete sich der anonyme Briefschreiber wie­der, diesmal auf Englisch:

M:
»After a night of pleasure and desolation, all my soul belongs to you.«

E:
Einige Tage später schreibt er aus Versailles

M 2:
»Im Ernst, Madame, ich bitte Sie vieltausendmal um Verzeihung we­gen der stupiden anonymen Verseschmiederei, die so gräßlich kindisch wirkt. Aber was tun? Ich bin ein Egoist wie die Kinder und die Kranken. … Aber ich schwöre Ihnen, daß dies wirklich das letzte Mal ist …«

E:
Natürlich ist es nicht das letzte Mal. Es folgt Brief auf Brief, über Wo­chen, über Monate, über Jahre, bis, eines Tages …

 

M 1:
Zweites Kapitel: Bebe

E:
Aglae-Apollonie Sabatier hatte eine Schwester namens Bebe. Eines Ta­ges traf Bebe auf einem Spaziergang einen Dichter. Sie kannte ihn von den Abendge­sellschaften in der Rue Frochot: als eines der von Halbwelt, Tragik und Erfolglosigkeit umdüsterten Genies, die in den Salons so un­entbehrlich sind, scheinen sie doch keine andere Bestimmung zu haben als die, einen flackernden Schattensaum zu bilden um die Großen des Tags und die Schö­nen der Nacht. Nun denn: Man sah sich, man er­kannte sich, und, zum Schre­cken des übrigens durchaus gepflegten, wenn auch nicht schönen Man­nes in den Dreißigern, brach Bebe in schallendes Gelächter aus:

F 1:
Sind Sie immer noch in meine Schwester verliebt, und schreiben Sie ihr immer noch so prächtige Briefe?

E:
Nach diesem Spaziergang verstummte der arme Poet; aber nur für eine ge­wisse Zeit. Der Prozeß der Annäherung an das Idol war durchaus nicht zu Ende, ja er hatte noch gar nicht wirklich begonnen. Der tau­melnde Rausch, die Stunde der Lust und die tiefen Wunden, das sollte al­les noch kommen. Und es begann – wie sonderbar! – mit einem ziem­lich gehässigen Zeitungs­arti­kel, dessen einziger Zweck es war, unseren Dich­ter zu verletzen.

 

M 1:
Drittes Kapitel: Dies und das

E:
Am 5. Juli 1857 erschien im Figaro unter der Überschrift Ceci et Cela die Rezension eines Gedichtbandes, der zwei Wochen vorher mit nie­driger Auf­lage und hohem Preis in die Pariser Buchhandlungen gekom­men war. Der Titel des Buches: Les Fleurs du MalBlumen des Bösen. In der Re­zension heißt es über Buch und Autor:

M 1:
Noch nie hat man so glänzende Gaben so töricht vergeuden sehen. Es gibt Augenblicke, da man an Herrn Baudelaires Verstand zweifelt; und an­dere, da man nicht mehr zweifelt…Hier findet man das Niedrige Seite an Seite mit dem Widrigen, das Abstoßende im Verein mit dem Ekelerre­gen­den. Noch nie hat man auf so wenigen Seiten in soviel Brüste beißen und sie gar zerkauen sehen; noch nie hat man einer solchen Heerschau von Dämo­nen, Fötussen, Teufeln, Chlorosen, Katzen und Gewürm beige­wohnt … wenn die Einbildungskraft eines Dichters sich, was man begreifen kann, mit zwanzig Jahren zur Behandlung derartiger Themen hinreißen läßt, so kann doch nichts einen Mann über dreißig rechtferti­gen, daß er dergleichen Ungeheu­erlichkeiten durch ein Buch an die Öffent­lichkeit gebracht hat.

E:
Zwei Tage später wandte sich das Innenministerium an den General­staatsan­walt und gab sich

M 1:
die Ehre, Ihre Aufmerksamkeit auf ein Buch zu lenken, das Herr Charles Baudelaire soeben unter dem Titel Les Fleurs du Mal veröffentlicht hat …

E:
Zur Begründung heißt es, einige der Gedichte enthielten Gottesläste­run­gen, andere böten den Ausdruck der abstoßendsten Geilheit.

M 1:
Kurz, Herrn Baudelaires Buch ist eine jener krankhaften, tief unsitt­li­chen Veröffentlichungen, die Aussicht auf einen Skandalerfolg haben.

E:
Der Generalstaatsanwalt fackelte nicht lange. Baudelaire und sein Ver­le­ger Poulet-Malassis wurden einbestellt und vom Untersuchungs­richter ver­hört. Dichter und Verleger versuchten, die öffentliche Mei­nung auf ihre Seite zu ziehen. Freunde mit guten Verbindungen zu den Feuille­tons schrie­ben positive Rezensionen – aber es wurde kaum etwas davon gedruckt, ei­nige sanfte Winke aus dem Ministerium reichten, um die Zei­tungsherausge­ber verstummen zu lassen. Baudelaire schrieb an Prosper Merimée, der da­mals in hohem Ansehen stand und, wie man sagte, das Ohr der Kaiserin hatte. Merimée antwortete nicht, und er wurde auch nicht bei der impe­ratrice vorstellig. In einem Brief an eine Freundin ver­riet Merimée, wie man bei Hofe über Baudelaire dachte:

M 1:
»Ich habe keine Schritte unternommen, um den von Ihnen erwähnten Dich­ter vor dem Verbranntwerden zu bewahren, außer daß ich dem Minis­ter sagte, andere verdienten noch eher verbrannt zu werden. Sie meinen doch wohl das unter dem Titel Les Fleurs du Mal erschienene Buch, in dem sich einige Funken Poesie finden, wie sie bei einem armen Burschen vorkommen mögen, der das Leben nicht kennt und seiner überdrüs­sig ist, weil eine Nähmamsell ihn betrogen hat!«

E:
Nun, es war keine Nähmamsell, die am Dienstag, den 18. August 1857 ei­nen Brief erhielt, es war die Präsidentin.

 

M 1:
Viertes Kapitel: Il me manque une femne

M 2:
Chére Madame,
Sie haben nicht eine Sekunde lang geglaubt, ich hätte Sie vergessen kön­nen, nicht wahr? Sofort bei Erscheinen habe ich Ihnen ein erlesenes Exem­plar reserviert … Können Sie sich vorstellen, daß die Schufte (ich meine den Untersuchungsrichter, den Staatsanwalt usw.) sich erfrecht haben, … zwei Gedichte in die Anklage einzubeziehen, die ich für mein Idol verfaßt hatte (Ganz und Gar, Nr. 61 und Für die Allzufröhliche, Nr. 39)?

Heute schreibe ich zum ersten Mal mit meinem vollen Namen. Wenn ich nicht von so vielen geschäftlichen Dingen und Briefen bedrängt wäre (übermor­gen ist die Gerichtssitzung), würde ich diese Gelegenheit be­nutzen, um Sie wegen meiner vielen Narrheiten und Kindereien um Verzei­hung zu bitten. Aber haben Sie sich, genau besehen, nicht schon hinlänglich gerächt, vor allem durch Ihre kleine Schwester? Ach, dieses kleine Ungeheuer … Es hat mich eiskalt überlaufen, … als sie mir eines Tages sagte: ›Sind Sie immer noch in meine Schwester verliebt …?‹ … Die Schelme sind verliebt, aber die Dichter vergöttern, und Ihre Schwe­ster scheint mir wenig Talent zu besit­zen, um die ewigen Dinge zu begrei­fen … Es ist gar nicht möglich, Sie zu vergessen. Es wird versichert, ge­wisse Dichter hätten ihr ganzes Leben lang unverwandt den Blick auf ein geliebtes Bild gerichtet. Ich glaube tatsächlich (aber ich bin dabei zu selbst­süchtig), daß die Treue ein Merkmal des Genies ist … Am ver­gange­nen Donnerstag habe ich meine Richter gesehen. Ich will nicht behaup­ten, sie seien nicht schön; sie sind ganz abscheulich häßlich; und ihre Seele gleicht bestimmt ihrem Gesicht. Flaubert hatte die Kaiserin auf seiner Seite. Mir fehlt eine Frau. Und vor ein paar Tagen hat sich plötz­lich der ausgefallene Gedanke meiner bemächtigt, Sie könnten viel­leicht durch Beziehungen und auf möglicherweise komplizierten Umwe­gen einem jener Dickschädel ein vernünftiges Wort eintrichtern. Der Termin ist übermor­gen vormittag, am Donnerstag. Die Ungeheuer heißen:
Präsident                                              DUPAT
Kaiserlicher Staatsanwalt                     PINARD (zu fürchten)
Richter                                                  DELESVAUX
dito                                                        DE PONTON D’AMECOURT
dito                                                        NACQUART
6. Strafkammer
Ich will alle diese Trivialitäten beiseite lassen. Le­ben Sie wohl, chére Ma­dame, ich küsse Ihre Hände mit meiner tiefsten Ergebenheit.
Charles Baudelaire

E:
Ob chére Madame dem Dichter half?

 

M 1:
Fünftes Kapitel: Das Tribunal

E:
20. August 1857, Paris, Tribunal de la Seine. Einen hohen Saal dürfen wir uns vorstellen, ferner den Geruch nach Bohnerwachs und Aktenstaub und altem Holz, dumpfes Gemurmel und dann plötzliche Stille, als die Rich­ter den Saal betreten, vergrößerte Augen hinter funkelnden Mono­kel-Glä­sern, Verlesung der Anklageschrift, Befragung der Angeklagten: Bau­delaire macht auf die Richter einen sympathisch-verwirrten Ein­druck. Er sieht nicht eigentlich gefährlich aus, aber sonderbar bis zur Unheimlich­keit. Es folgt das Plädoyer des Kaiserlichen Staatsanwalts Ernest Pinard, nachmaligen Innenmi­nisters, und schließlich die Vertei­digungsrede des Advokaten Gus­tave Chaix-d’Est-Ange.
Der Staatsanwalt:

M 1:
Ein Buch vor Gericht zu ziehen, weil es gegen die öffentliche Moral ver­stößt, ist stets eine heikle Angelegenheit. Führt das Verfahren zu kei­ner Verurtei­lung, so bereitet man dem Verfasser einen Erfolg, ja fast ein Pie­destal; er triumphiert und man hat ihm gegenüber den Schein des Verfolgers auf sich genommen … Und dennoch, meine Herren, zögere ich nicht, mich dieser Aufgabe zu unterziehen. Nicht über den Menschen sol­len wir ein Urteil sprechen, sondern über sein Werk; nicht das Ergeb­nis des Strafantrags in­teressiert mich hier, sondern einzig und allein die Frage, ob er mit Grund erfolgt oder nicht. Charles Baudelaire gehört keiner Schule an. Er steht ganz auf sich selber. Sein Grundsatz, seine Theorie ist, alles darzustellen, alles bloßzulegen. Er wird die menschliche Natur bis in ihre heimlichsten Schlupfwin­kel durchforschen …

E:
Der Verteidiger:

M 2:
Charles Baudelaire ist nicht nur der große Künstler, der tiefe und lei­den­schaftliche Dichter, dessen Talent vor der Öffentlichkeit anzuerken­nen der ehrenwerte Vertreter der Staatsanwaltschaft selber für ange­bracht hielt. Er ist mehr: er ist ein aufrechter Mensch, und darum ist er ein überzeugter Künst­ler. Sein Werk ist die Frucht reiflicher Überlegung, die Frucht von mehr als acht Jahren Arbeit; er hat es mit Liebe in seinem Geist getragen und es reifen lassen, wie eine Mutter in ihrem Leib das Kind ihrer Zärtlich­keit trägt … Und jetzt werden Sie die wirkliche Ver­zweiflung und den tiefen Schmerz dieses aufrichtigen und überzeugten Schöpfers begreifen, der, auch er, seinem Werk die Worte hätte voranstel­len können: »Dieß ist ein Puch des gu­ten Glaubens.« … Er hat alles schildern wollen, hat Ihnen der Vertreter der Anklage gesagt, er hat alles entblößen wollen … wo liegt da die Schuld, ich bitte Sie…worin kann das Verbrechen bestehen, wenn er das Böse über­treibt, um es zu brandmar­ken, wenn er das Laster mit starken, packenden Tönen schil­dert, weil er Ihnen einen desto tieferen Haß dagegen einflößen möchte? …

E:
Und wieder der Staatsanwalt:

M 1:
Und was halten Sie von diesen drei Strophen des Gedichts Nr. 39 …

E:
Nr. 39, das war das Gedicht »Für die Allzufröhliche«, das erste Ge­dicht an Madame Sabatier.

M 1:
… des Gedichts Nr. 39, wo der Liebhaber seine Geliebte folgendermaßen anre­det:

So auch möchte ich eines Nachts, wenn die Stunde der Wollüste schlägt, zu deines Leibes Schätzen wie ein Feigling lautlos schlei­chen,

Um dein frohes Fleisch zu züchtigen, um deine verschonte Brust zu gei­ßeln und dei­ner überraschten Flanke eine klaffend tiefe Wunde zu schlagen

Und, süß taumelnder Rausch! durch diese neuen Lippen, heller und schö­ner leuch­tende, mein Gift dir einzuflößen, meine Schwes­ter!

Von Seite 187 bis Seite 197 sind die beiden Gedichte Nr. 80 und 81, mit den Überschriften ›Lesbos‹ und ›Die verdammten Frauen‹ … zu lesen. Sie finden dort bis in die allerintimsten Einzelheiten das Treiben der Lesben geschildert.«

M 2:
Und was die »Verdammten Frauen« betrifft, die der Vertreter der Staats­anwaltschaft die beiden Lesben genannt hat!!!, was einen dras­ti­schen Sprachge­brauch bekundet … und wir unsrerseits hätten es gewiß niemals gewagt, uns solcher Worte vor dem hohen Gerichtshof zu be­dienen – was also die »Verdammten Frauen« betrifft, denn ich bitte um die Erlaubnis, den Ausdruck meines Klienten dem des Herrn Staatsan­walts vorzuziehen –, so hören Sie folgende Strophen:

Beim bleichen Lichtschein matter Lampen, auf tiefen, ganz  von Duft durchtränkten Kissen, sann Hippolyta den macht­vol­len Liebkosun­gen nach, die den Schleier ihrer jungen Unschuld hoben.

Mit sturmverstörtem Auge suchte sie ferne ihrer Einfalt schon entrück­ten Himmel, wie ein Reisender das Haupt noch einmal wendet nach den blauen Horizon­ten, die er in der Frühe hinter sich gelassen.

Der erloschenen Augen trägquellende Tränen, die Ge­brochen­heit, die Starre, die düstre Lust, ihre besiegten Arme, hingeworfen wie eitle Waf­fen, alles stei­gerte, alles schmückte ihre zerbrechliche Schönheit …

M 1:
… Meine Herren, ich glaube genügend Stellen angeführt zu haben, um be­haupten zu können, daß hier ein Verstoß gegen die öffentliche Moral vorliegt. Entweder gibt es kein Schamgefühl, oder die Grenze, die es vor­schreibt, wurde hier dreist überschritten. Als erstes wird man mir entgegenhal­ten: ›Es handelt sich um ein trauriges Buch … heißt es nicht Fleurs du Mal? Sehen Sie eine Lehre darin, statt eine Beleidigung …‹ Eine Lehre! Das Wort ist rasch gesagt. Aber hier entspricht es nicht der Wahr­heit. Glaubt man, es sei bekömmlich, die schwindelerregenden Düfte gewisser Blumen einzuatmen? Das Gift, das sie mit sich führen, hat nichts Abschrecken­des; es steigt zu Kopf, es betäubt die Nerven, es erregt Verwir­rung und Taumel, es kann tödlich sein … Wer wüßte nicht, wie leicht der Leser an geilen Unziemlichkeiten Gefallen findet, ohne sich um die Lehre zu kümmern, die der Verfasser hineinlegen.

Ein zweiter Einwand ist erhoben worden: man hat darauf hinge­wie­sen, daß es in der Vergangenheit manches Buch gegeben hat, das ebenso­sehr gegen die öffentliche Moral verstieß und das nicht verfolgt wurde. Dem halte ich entgegen, daß, de jure, dergleichen Präzedenzfälle für die Staatsanwalt­schaft keinerlei Verbindlichkeit besitzen, und daß, de facto, es Rücksichten gibt, die oftmals die Enthaltung erklären und sie rechtferti­gen … Doch diese Zurückhaltung der Staatsanwaltschaft kann nicht, anderntags, als Argument gegen sie verwendet werden. Wenn die Unmoral der Hervorbringungen sich ver­schärft, muß sie stets das Laster verfolgen können. … Meine Herren, ich sage Ihnen: Wehren Sie dem Übel, tun Sie etwas … gegen dieses schädliche Fieber … Seien Sie nachsich­tig mit Baudelaire, der eine unruhige, schwan­kende Natur ist … Aber sprechen Sie, indem Sie wenigstens einige Gedichte des Buches verurteilen, eine dringend nötige Warnung aus.

M 2:
Sie aber, meine Herren … Sie werden sich fragen, ob hier wirklich das vor­liegt, was das Vergehen der Beleidigung der öffentlichen Moral aus­macht, … indem Sie das Werk Baudelaires … mit dem vergleichen, was Sie alle Tage in unserer modernen Literatur lesen, und ich spreche hier von den berühmtesten Autoren … Gautier, dieser bewunder­ungswürdige Meister des ausgefeilten Stils …! Gestatten Sie mir, von ihm zu sprechen! Gestatten Sie mir, von diesem stilistischen Meisterwerk zu sprechen, das den Titel Mademoi­selle de Maupin trägt … Welche Seite soll ich aufschlagen? Ich habe nur die Qual der Wahl …

»Ja, es war Rosalinde, so schön und strahlend, daß das ganze Zimmer da­von hell wurde, mit ihren Perlen­schnüren im Haar, ihrem pris­mati­schen Gewand … sie trug weder Brusttuch noch Busenschleier, noch Krause, noch sonst etwas, das den Blicken jene beiden reizenden feind­lichen Brüder entzo­gen hätte … Eine völlig nackte Brust, weiß, durchschei­nend, wie ein antiker Marmor, von der reinsten und köstlich­sten Form, hob sich verwegen aus einem tief ausgeschnittenen Mieder und schien die Küsse herauszufordern … Sehr bewegt, ergriff d’Albert ihre Hände und küßte jeden Finger, einen um den andern, dann lös­te er behutsam das Schnürband des Kleides, so daß das Mieder sich auftat und die beiden weißen Kleinode in ihrem vollen Glanz erschienen. Auf dieser schimmernden und silberhellen Brust erblühten die beiden schönen Ro­sen des Paradieses. Er drückte ihre roten Spitzen leicht mit seinem Mund und wanderte mit den Lippen darüber hin; mit unerschöpfli­cher Gefäl­ligkeit ließ Rosalinde ihn gewähren … Sie in die Arme schließend, be­deckte er die nackten Schultern und die Brust mit seinen Küs­sen. Die Haare der halb ohnmächtigen Infantin lösten sich, und wie mit einem Zauberschlage sank das Gewand auf ihre Füße …«

Ich halte inne, meine Herren, und ich will Ihre Zeit nicht länger mißbrau­chen. Ich habe Ihnen gesagt, wer Baudelaire ist und was seine Absich­ten sind … ich bin der zuversichtlichen Überzeugung, daß Sie die­sen Ehrenmann und diesen großen Künstler nicht treffen wollen, und daß Sie ihn vorbehaltlos freisprechen werden.

E:
Es war ein raffinierter Schachzug des Staatsanwalts, Baudelaires persö­nli­che Integrität nicht in Zweifel zu ziehen; damit nahm er ihm die doch so tief ersehnte Märtyrerrolle. Aber auch der Verteidiger traf durch­aus einen schwa­chen Punkt der Anklage, wenn er ihr vorwarf, mit zweier­lei Maß zu messen: die schlüpfrige Herrenliteratur des Tages ließ der Staat passieren, und dem ernsten, bitteren Herrn Baudelaire machte man den Prozeß wegen fünf oder zehn sogenannter »Stellen«.

Die Plädoyers verrieten also durchaus Niveau und taktisches Geschick – und doch: Ein süß taumelnder Rausch aus dem Munde des kaiserlichen Staatsanwaltes, duftdurchtränkte Kissen im Plädoyer eines Advokaten – wir spüren auf Schritt und Tritt: Da paßte etwas nicht zusammen. Die Justiz fragt nach Recht und Gesetz, vielleicht auch nach Moral im Sinne herrschen­der Sitten, ihr Maßstab ist die Konvention, niemals geht sie nach Schönheit. Und Schönheit war das einzige, was Baudelaire er­strebte; ihm ging es nicht um den gemeinen Nutzen, seine Absicht war es, Blumen zu schaffen, böse, schwarze, schrecklich schöne Gebilde, eben Kunst, aber keines­wegs sollte sein Buch ein Katechismus mit ab­schrecken­den Beispielen zur Warnung vor dem Laster sein, wie der Vertei­di­ger meinte, und erst recht keine Erregungshilfe, wie es die trübe Phantasie des Staatsanwalts sich aus­malte. Die Justiz ist, wenn sie sich der Kunst annimmt, eine scheußliche Maschine: Ob düstere Lust, ein Blumen­ballett oder blaue Horizonte – vor dem Gesetz liegt alles flach, das eine rechts, das andre links der Norm, verur­teilt oder freigesprochen, das ist nahezu egal, die Poesie hat immer schon verloren, wenn sie beim Thron des Rechts erscheinen muß.

 

M 1:
Sechstes Kapitel: Das Urteil der 6. Kammer

E:
… erging noch am selben Tage, am Ende der mündlichen Verhand­lung nach einer Beratungspause. Hatte die Präsidentin etwas für den Dichter tun können? Es ist nicht wahrscheinlich. Baudelaire und seine beiden Verleger wurden zwar vom Vorwurf der Verletzung der religiösen Moral freigesprochen, aber:

M 1:
Hinsichtlich der Beleidigung der öffentlichen Moral und der guten Sit­ten:

In Erwägung, daß der Irrtum des Dichters, in der Verfolgung seines Zie­les und auf dem dabei eingeschlagenen Wege, unerachtet seiner stilisti­schen Bemühungen, unerachtet auch des Tadels, der seinen Schilder­un­gen voraus­geht oder folgt, nicht danach angetan sein kann, die verderbliche Wirkung der dem Leser vorgeführten Bilder aufzuheben, welche in den inkriminierten Stü­cken durch einen das Schamgefühl verlet­zen­den krassen Realismus notwendi­gerweise zur Aufreizung der Sinne führt; in Erwägung, daß Bau­delaire, Poulet-Malassis und Debrois sich des Vergehens der Beleidigung der öffentlichen Moral schuldig ge­macht haben: Baudelaire dadurch, daß er das Les Fleurs du Mal betitelte Werk, welches obszöne und unmoralische Stel­len oder Ausdrücke ent­hält, veröffentlichte …

E:
wurde Baudelaire zu einer Geldstrafe von 300 Francs verurteilt, erging die Anordnung, daß die Stücke mit den besagten Stellen – dazu gehörte auch das Gedicht Nr. 39 »Für die Allzufröhliche« – getilgt würden, und wurden die Angeklagten, was sie am meisten bedrückte, zur gemeinsa­men Erstattung der Gerichtskosten verurteilt.

Baudelaire empfand den Prozeß und das Urteil als eine Schmach. Nicht, daß er von Richtern etwas anderes erwartet hätte:

M 2:
Die Päderastie ist das einzige, was den Richterstand mit der Mensch­heit verbindet,

E:
pflegte er zu sagen. Aber: Baudelaire glaubte, mit den Fleurs du Mal ein Jahrhundert-Buch geschrieben zu haben, und er hatte gehofft, die Veröffentli­chung würde ihm das Tor zum Parnaß der Dichterfürsten aufsto­ßen oder doch einen Jahrhundert-Skandal produzieren. Stattdessen diese Farce von einem Prozeß!

Ferner: Baudelaire war zwar von Hause aus nicht unvermögend, aber seine Verschwendungslust stürzte ihn von einer Geldverlegenheit in die nächste. Bettelbriefe an die Mutter, Haßtiraden gegen den Bruder und den Stiefvater, die seine Entmündigung betrieben hatten, groteske Auf­tritte mit Gläubigern – einmal verbrachte Baudelaire Stunden in einem Schrank, um sich vor dem Gerichtsvollzieher zu verstecken – dazu wilde Prügeleien mit seiner schwarzäugigen Gefährtin Jeanne Duval, Alkohol, Opium – das Le­ben dieses Dichters war eine Katastrophe im bürgerli­chen Sinne. Seine Kunstkri­tiken, seine Essais und seine Übersetzungen der Werke Edgar Allan Poes brachten wenig ein, die Gedichte waren ein Zusatzgeschäft, auch für den treuen Verleger Poulet-Malassis. Der Pro­zeß, statt daß er den ewig erhoff­ten, befreienden Goldregen gebracht hätte, machte alles schlimmer.

Sehnsucht nach einer lieben Brust, sich daran auszuweinen, mag Bau­delaire nach diesem Desaster befallen haben.

 

M 1:
Siebentes Kapitel: Tröstungen.
Erstens: Victor Hugo

E:
Charles Baudelaire blieb nicht ungetröstet. Er bekam einen Brief aus Guern­sey:

M 1:
Ihre Blumen des Bösen strahlen und blenden wie Sterne. Fahren Sie so fort. Ein lautes Bravo Ihrem kraftvollen Geiste! … Eine der seltenen Auszeich­nungen, die das herrschende Regime gewähren kann, ist Ihnen zuteil geworden. Was es seine justice nennt, hat Sie verurteilt im Namen dessen, was es seine Moral nennt. Das ist ein Kranz mehr. Ich drücke Ihnen die Hand, Dichter. *Victor Hugo

E:
Baudelaire hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu Hugo. Er bewunderte an ihm Erfindungsreichtum und Sprachgewalt, aber den politischen Idealis­mus des Großen Alten, der aus Pro­test gegen das Regime Napo­leons des Dritten ins Exil gegan­gen war, teilte Baudelaire nicht. Bau­delaire war kein De­mo­krat.

In seinem Aufsatz Von den Schulen und den Arbeitern schrieb er:

M 2:
Haben alle die Leser, die beim neugierigen Herumschlendern gele­gent­lich in einen Aufruhr gerieten, je das gleiche Vergnügen wie ich empfun­den, wenn sie einen Hüter des öffentlichen Schlafes … auf einen Republikaner einschlagen sahen? Und haben sie nicht, wie ich, in ihrem Herzen gespro­chen: »Hau zu, hau doch ein wenig kräftiger, hau noch einmal, herzlieber Wachtmeister … Der Mann, auf den Du einhaust, ist ein Feind der Rosen und der Wohlgerüche, ein Nützlichkeitsfanatiker; er ist ein Feind Watteaus, ein Feind Raffaels, ein erbitterter Feind des Lu­xus, der schönen Künste und der schönen Literatur, ein eingeschworener Ikonoklast, ein Henker der Ve­nus und des Apoll! … Er will frei sein, der Ignorant, und er ist unfähig eine Werkstatt für Blumen, eine neue Parfüme­rie zu gründen. Lasse du nur andäch­tig deine Schläge niederge­hen auf den Buckel des Anarchisten!«

M 1:
Zweite Tröstung: Die Präsidentin

E:
So kühlgemischt also die Taggedanken des frisch verurteilten Charles Bau­delaire gegenüber Victor Hugo gewesen sein mögen, seine Nächte in diesem späten Sommer müssen einem heißen Sturm geglichen haben. Er bekam ­– vielleicht am Morgen nach der Gerichtsverhandlung – eine Nach­richt von Madame Sabatier. Sie lud ihn ein. Jahre vorher hatte er ihr das Gedicht Que diras-tu ce soir gewidmet:

M 2:
Was wirst du heute abend, arme einsame Seele, was wirst du, o mein Herz, einst ganz verwelktes Herz, was der Sehr-Schönen, der Sehr-Gu­ten, der Sehr-Lieben, sagen, von deren Götterblick du plötzlich wieder aufge­blüht bist? 

– Wir setzen unsern Stolz darein, ihr Lob zu singen: nichts gleicht der Süße ihrer Herrschaft über uns; geistig ihr Fleisch haucht Engels-Duft, ihr Auge umkleidet uns mit einem Lichtgewand.

Ob in Nacht und Einsamkeit, ob auf der Straße in der Menge, immer tanzt ihr Bild wie eine Fackel in der Luft.

Bisweilen spricht es und sagt: »Schön bin ich, und ich befehle, daß mir zu Liebe ihr nur das Schöne liebt; Schutzengel bin ich, Muse und Ma­donna!

E:
Als Baudelaire bei seiner Madonna erschien, war sie allein. Schlug nun, wie in den Versen »An Jene, die allzu fröhlich ist« die Stunde der Wollüste? Und die der Strafe, der Züchtigung des frohen Fleisches? Ma­dame Sabatier jedenfalls starb hundert kleine Tode vor Glück. Einige Tage später schrieb sie an ihren lieben Charles:

F:
Mir scheint, daß ich Dir gehöre, seit ich Dich zum ersten Mal erblickt habe. Du kannst damit machen, was Du willst, aber ich gehöre Dir, mit Kör­per, Geist und Herzen.

E:
Und kurz danach:

F:
Heute bin ich ruhiger. Der Einfluß unseres Beisammenseins am Donners­tagabend macht sich stärker geltend. Ich kann Dir sagen, ohne daß Du mich der Übertreibung beschuldigst, daß ich die glücklichste der Frauen bin, daß ich meine Liebe zu Dir niemals tiefer empfunden habe, daß ich Dich niemals schöner gesehen habe, niemals bewunderungs­würdi­ger, mein göttlicher Freund, ganz einfach. Du magst das Rad schla­gen, wenn Dir das schmei­chelt; aber geh nicht hin und schau, was für ein Gesicht Du machst; niemals wird es Dir gelingen, Dir den Ausdruck zu verleihen, den ich eine Sekunde lang an Dir gesehen habe. Jetzt mag kommen, was will, ich werde Dich im­mer so sehen, das ist der Charles, den ich liebe; Du magst ungestraft Deine Lippen zusammen­pressen und Deine Brauen runzeln, ohne daß mich das küm­mert. Ich werde die Au­gen schließen und den anderen sehen …

E:
Und Baudelaire? Schloß auch er die Augen? In einem der Gedichte, die er noch als Anonymus an die schöne Frau geschickt hatte, heißt es:

M 2:
»Da in ihr alles Balsam ist, kann nichts den Vorrang haben. 

Wenn alles mich entzückt, so weiß ich nicht, ob einzeln etwas mich ver­führt. Sie blen­det wie die Morgenröte und tröstet wie die Nacht; 

Und allzu köstlich ist die Harmonie, die ihren ganzen schönen Leib re­giert, als daß ohnmächtig die Zergliederung die Vielzahl der Akkorde fas­sen könnte

O mystische Verwandlung all meiner Sinne, der ganz in eins verschmolze­nen! Ihr Atem haucht Musik, wie ihre Stimme Duft ver­strömt!«

E:
Diese Zeilen schrieb Baudelaire, als Apollonie Sabatier noch nicht seine wirkliche Geliebte, sondern nur eine Göttin war. In seinem Brief vom 31. August 1857 klingt ein ganz anderer Ton an:

M 2:
Ich habe die Flut von Albernheiten, die sich auf meinem Tisch ange­häuft haben, vernichtet, Sie schienen mir nicht ernst genug für Sie, liebe Liebste. – Ich lese Ihre beiden Briefe nochmals durch und schreibe eine neue Antwort. Dazu brauche ich einigen Mut; denn meine Nerven tun so schrecklich weh, daß ich schreien möchte, und ich bin mit der unerklär­lichen seelischen Verstim­mung aufgewacht, die ich gestern abend in mir trug, als ich von Ihnen fortging … Es gibt Leute, die einen ins Gefängnis bringen, wenn man seine Wechsel nicht honoriert, aber keiner bestraft den Bruch der Freund­schafts- und Liebesschwüre. Darum habe ich Dir gestern auch gesagt: Sie werden mich vergessen; Sie werden mich verra­ten; der Mensch der Sie erhei­tert, wird Sie langweilen. – Und heute füge ich hinzu: nur derjenige leidet, der wie ein Narr die Dinge des Gefühls ernst nimmt. – Sie sehen, meine schöne Liebste, ich habe garstige Vor­urteile gegen die Frauen. – Kurzum, mir fehlt der Glaube. – Sie haben eine schöne Seele, aber schließ­lich ist es eine weibliche Seele. … Und schließlich, ja schließlich, warst Du vor ein paar Tagen eine Gottheit, und das ist so bequem und so schön, so unantastbar. Jetzt bist Du Frau …

E:
Bei allem Respekt für Monsieur – das war nicht charmant, es war verlet­zend und durchaus nicht würdig des wendigen Asphaltflaneurs und ennuyier­ten Dandys, als den sich Baudelaire sehr gerne sah. Madame Saba­tier war tief verwundet, und sie besaß Stil genug, es nicht zu verber­gen:

F:
Welche Komödie oder vielmehr welches Drama spielen wir? … Das ist zu fein gesponnen für einen Tölpel wie mich. Stecken Sie mir ein Licht auf, mein Freund, ich will ja nicht mehr, als es begreifen. Welch tödlicher Frost hat diese schöne Flamme angehaucht? … Ich hätte ernst und bedacht­sam sein sollen, als Sie zu mir kamen. Doch was wollen Sie? Wenn der Mund bebt und das Herz pocht, fliegen die gesunden Gedan­ken davon …

Was soll ich denken, wenn ich Dich meine Zärtlichkeiten fliehen sehe, es sei denn, daß Du an die andere denkst, deren schwarze Seele und schwar­zes Gesicht sich zwischen uns drängen? … Besäße ich nicht genü­gend Selbstach­tung, ich würde Dich beschimpfen. Ich wollte Dich leiden sehen. Denn die Eifersucht kocht in mir, und in solchen Augenblicken ist man keiner vernünfti­gen Überlegung fähig …

… soll ich Ihnen sagen, was ich denke? Es ist ein grausamer Gedanke, der mir sehr weh tut. Sie lieben mich nicht … Habe ich nicht den Beweis dafür, in einem Satz Ihres Briefes? Er ist so deutlich, daß er mein Blut gefrieren macht. – Kurzum, mir fehlt der Glaube. – … O mein Gott! was macht dieser Gedanke mich leiden, und wie gerne würde ich an Deiner Brust mich auswei­nen …

E:
Dazu kam es nicht mehr, zum Ausweinen. Monsieur Baudelaire und Ma­dame Sabatier begegneten sich noch oft, aber nie allein, der göttliche Charles wußte es zu verhindern. Madame Sabatier kehrte zu ihrem Ban­kier zurück. Und Baudelaire zu seiner ewigen Haßliebe, der Tänzerin Jeanne Duval, die er vergötterte und verprügelte – und die er pflegte, als sie in Läh­mung und Siechtum verfiel, treu bis in den Tod.

Warum weicht einer aus, wenn das lang erträumte Glück in der Tür steht? Hielt die wirkliche Madame Sabatier dem Bild nicht stand, das Bau­delaire sich von ihr gemacht hatte? Besaß sie versteckte Mängel? Bauchte sie? Wollte sie Kinder? Hatte er Angst vor dem Zorn seiner Tänze­rin? Oder fürchtete Baudelaire den belgischen Bankier? Manche sagen, Baudelaire habe Madame Sabatier ausgenutzt: Erst als Muse, dann als Prozeßhelferin, und schließlich, solcher Dienste unbedürftig geworden, habe er ihr, nicht ohne vorher noch etwas Honig abzusaugen, mit einer kleinen Komödie den kalten Abschied gegeben. Andere sagen: Die Beziehung zu Madame Saba­tier war ein Versuch Baudelaires, sich aus dem Labyrinth der Mißerfolge, Enttäuschungen und Schmerzen zu befreien; aber diesen Prozeß gegen das Unglück konnte er nicht gewinnen, und zwar deshalb, weil er ihn in Wahr­heit nicht gewinnen wollte. Baudelaire suchte Schmerz und Qual – als Quelle und Gegenstand seiner Dichtkunst. Dazu paßte seine Vereh­rung für den Philosophen Joseph Le Maistre. Dessen Katholizismus war so finster, daß man ihn mit Fug und Recht einen Vorläufer des Marquis de Sade nen­nen darf. Baudelaire fühlte tiefkatholisch; die Welt war für ihn das Schlacht­feld des ewigen Kriegs zwischen Gott und Teufel, und der Zweck, wenn nicht das Glück des Menschen war es, darein verstrickt zu sein, Himmel und Hölle in sich zu wissen und ausweglos zu leiden unter der Sehnsucht nach Glück. Wenige Jahre vor seinem Tode schrieb Baudelaire ein Sonett mit dem Titel »Der Untergang der romantischen Sonne«:

M 2:
Wie schön die Sonne ist, wenn sie ganz frisch sich hebt und wie in einem Bersten ih­ren Morgengruß uns zuwirft! Glückselig, wer in Liebe sie grü­ßen kann, wenn sie glorreicher als ein Traum im Glanze sinkt! 

Ich erinnere mich! … Blume, Quelle, Furche, alles sah ich unter ihrem Auge sich re­gen wie ein schlagendes Herz … – Laßt uns zum Rand der Erde laufen, es ist spät, rasch, laßt uns eilen, um wenigstens noch einen schrägen Strahl zu erhaschen!

Doch umsonst verfolge ich den Gott, der uns entweicht; unwidersteh­lich breitet die Nacht ihre Herrschaft aus, schwarz, feucht, unheimlich und schauervoll;

Ein Grabeshauch schwimmt in den Finsternissen, und unversehens tritt mein scheuer Fuß am Rand des Sumpfes auf Kröten und auf kalte Schne­cken.

 

M 1:
Achtes Kapitel: Rechtsmittel

E:
Am 25. September 1946 trat in Frankreich ein Gesetz in Kraft, auf­grund dessen Urteile der Justiz über literarische Werke nachträglich ange­fochten werden konnten. Die Societé des gens de lettre de France beantragte alsbald ein Revisionsverfahren gegen das Urteil in Sachen Fleurs du mal vom 20. August 1857. Der neue Prozeß dauerte bis zum 31. Mai 1949. An diesem Tage, fast 72 Jahre, nachdem er auf dem Fried­hof Montparnasse zu Grabe getragen worden war, wurde Charles Bau­delaire in vollem Umfang freigespro­chen. Triumph des Rechts? Sieg des Fortschritts? Oder doch wie­der nur eine Posse?

Und Madame Sabatier? Gegen den Bruch von Liebesschwüren, auch wenn sie noch so schön gereimt sind, gibt es keine Revision; selbst im Olymp ist solcher Meineid straflos. Aber etwas ist von ihr geblieben: Ihr Liebreiz schimmert wie eine Lilie zwischen den finsteren Blumen des Bösen, in ihren Briefen an Charles Baudelaire ist ihre Würde aufbewahrt, und ihre Büste glänzt im Louvre wie ein antiker Marmor, von der rein­sten und köstlichsten Form.

Finis

 

Nachbemerkung:

Gedichte kann man nicht übersetzen, sagt man. Besonders gerne sa­gen es Übersetzer, und zwar vorzugsweise im Vorwort des Übersetzers zu einem Buch mit Gedicht-Übersetzungen – oh holde Paradoxie! Eine Überset­zung ist eine Abbildung. Die getreulichste Abbildung ist die Photogra­phie. Aber Photographien (seien es auch digitale) können nur das abbilden, dessen reale Existenz auch der härteste Nominalist nicht bestreiten kann. Nun sind Ge­dichte aber nicht nur physikalische Gebilde, sie sind auch Gedanken und Gefühle, und Gedanken und Gefühle kann man nicht photographieren, entweder, weil sie gar nicht real existieren oder weil sie zwar exisitieren, aber eben nicht in der physikalisch messba­ren Außenwelt. Probleme über Prob­leme! In den Fleurs du Mai versucht Baudelaire, alles darzustellen, alles bloßzulegen. Er wird die menschliche Natur bis in ihre heimlichsten Schlupfwinkel durchforschen, sagte der Staatsanwalt im Beleidi­gungspro­zeß gegen Baudelaire, und er hatte recht. Er hätte hinzufü­gen konnen, daß Baudelaire auch und gerade vor dem Häßlichen, Ekelhaften und Bösen, vor Laster, Zerrissenheit, Gier und Sünde nicht haltmacht. Das ist aber nur eine Seite; eine andere ist die Formensprache der Gedichte, die der Idee nach konservativ und im klassischen Sinne schön ist. Reim und Rhythmus, Allitera­tion und Melodie – das ist bei Baudelaire alles alte Schule, ausgefeilt und elegant, es sind eben Blumen des Bösen. Die deutsche Sprache taugt, unter anderem wegen ihrer Beto­nung der Stammsilben, nicht gut zur Abbil­dung der Flüchtigkeit und Leichtigkeit, ja der hauchzarten Ironie des Spiels von Reim und Melodie, das Baudelaire zu hoher Meisterschaft gebracht hat. Deshalb wirken diejeni­gen Übersetzungen, die Reim und Rhythmus, Vers­maß und Silben­zahl des Originals getreulich wiederholen, oft sehr viel brachia­ler und düsterer als die französischen Texte. Es sind eher Strünke und Stau­den als Blumen des Bösen. Was nicht das Schlimmste wäre, wenn nicht die Befolgung der Form zugleich auch eine Vergewaltigung der Bild- und Gedankensubstanz erzwänge: So muß, in Stefan Georges Übersetzung des Gedichts »Le Coucher Du Soleil Romantique« (»Der Untergang der romantischen Sonne«), aus einem eher zarten cœur qui palpite, also einem zuckenden, oder vielleicht leise klopfenden Herzen ein teutonisches Kampf­organ werden, nämlich ein Herz, das hämmert, und zwar deshalb, weil es, bei George, in der nächsten Zeile dämmert, was bei Baudelaire zwar angedeu­tet, aber gerade eben nicht ausgesprochen ist. Ich ziehe deshalb diejenigen Überset­zungen vor, die sich auf den Versuch beschrän­ken, die Gedanken­welt und die Bilderfolge der Gedichte wiederzuge­ben. Und ge­nieße dazu die französischen Texte als optische und akustische Kunst-Erleb­nisse.

 

Im Text zitierte Gedichte Baudelaires:

 

A celle qui est trop gaie

Ta tête, ton geste, ton air
Sont beaux comme un beau paysage;
Le rire joue en ton visage
Comme un vent frais dans un ciel clair.

Le passant chagrin que tu frôles
Est ébloui par la santé
Qui jaillit comme une clarté
De tes bras et de tes épaules.

Les retentissantes couleurs
Dont tu parsèmes tes toilettes
Jettent dans l’esprit des poètes
L’image d’un ballet de fleurs.

Ces robes folles sont l’emblème
De ton esprit bariolé;
Folle dont je suis affolé,
Je te hais autant que je t’aime!

Quelquefois dans un beau jardin
Où je traînais mon atonie,
J’ai senti, comme une ironie,
Le soleil déchirer mon sein;

Et le printemps et la verdure
Ont tant humilié mon cœur,
Que j’ai puni sur une fleur
L’insolence de la Nature.

Ainsi je voudrais, une nuit,
Quand l’heure des voluptés sonne,
Vers les trésors de ta personne,
Comme un lâche, ramper sans bruit,

Pour châtier ta chair joyeuse,
Pour meurtrir ton sein pardonné,
Et faire à ton flanc étonné
Une blessure large et creuse,

Et, vertigineuse douceur!
A travers ces lèvres nouvelles,
Plus éclatantes et plus belles,
T’infuser mon venin, ma sœur!

 

Femmes damnées (Delphine et Hippolyte)

A la pâle clarté des lampes languissantes,
Sur de profonds coussins tout imprégnés d’odeur
Hippolyte rêvait aux caresses puissantes
Qui levaient le rideau de sa jeune candeur.

Elle cherchait, d’un œil troublé par la tempête,
De sa naïveté le ciel déjà lointain,
Ainsi qu’un voyageur qui retourne la tête
Vers les horizons bleus dépassés le matin.

De ses yeux amortis les paresseuses larmes,
L’air brisé, la stupeur, la morne volupté,
Ses bras vaincus, jetés comme de vaines armes,
Tout servait, tout parait sa fragile beauté.

  

Le coucher du soleil romantique

Que le Soleil est beau quand tout frais il se lève,
Come une explosion nous lançant son bonjour!
– Bienheureux celui-là qui peut avec amour
Saluer son coucher plus glorieux qu’un rêve!
Je me souviens! … J’ai vu tout, fleur, source, sillon,
Se pâmer sous son œil comme un cœur qui palpite …
– Courons vers l’horizon, il est tard, courons vite,
Pour attraper au moins un oblique rayon!

Mais je poursuis en vain le Dieu qui se retire;
L’irrésistible Nuit établit son empire,
Noire, humide, funeste et pleine de frissons;

Une odeur de tombeau dans les ténèbres nage,
Et mon pied peureux froisse, au bord du marécage,
Des crapauds imprévus et de froids limaçons.

 

Tout entière

Le Démon, dans ma chambre haute,
Ce matin est venu me voir,
Et, tâchant à me prendre en faute,
Me dit: »Je voudrais bien savoir,

Parmi toutes les belles choses
Dont est fait son enchantement,
Parmi les objets noirs ou roses
Qui composent son corps charmant,

Quel est le plus doux.« – O mon âme!
Tu répondis à l’Abhorré:
»Puisqu’en Elle tout est dictame,
Rien ne peut être préféré.

Lorsque tout me ravit, j’ignore
Si quelque chose nme séduit.
Elle éblouit comme l’Aurore
Et console comme la Nuit;

Et l’harmonie est trop exquise,
Qui gouverne tout son beau corps,
Pour qui l’impuissante analyse
En note les nombreux accords.

O métamorphose mystique
De tous mes sens fondus en un!
Son haleine fait la musique,
Comme sa voix fait le parfum!«

 

Que diras-tu ce soir, pauvre âme solitaire

Que diras-tu ce soir, pauvre âme solitaire,
Que diras-tu, mon cœur, cœur autrefois flétri,
A la très belle, à la très bonne, à la très chère,
Dont le regard divin t’a soudain refleuri?

– Nous mettrons notre orgueil à chanter ses louanges:
Rien ne vaut la douceur de son autorité;
Sa chair spirituelle a le parfum des Anges,
Et son œil nous revêt d’un habit de clarté.

Que ce soit dans la nuit et dans la solitude,
Que ce soit dans la rue et dans la multitude,
Son fantôme dans l’air danse comme un flambeau.

Parfois il parle et dit: »Je suis belle, et j’ordonne
Que pour l’amour de moi vous n’aimiez que le Beau;
Je suis l’Ange gardien, la Muse et la Madone.«

 

Charles Baudelaire: Sämtliche Werke/Briefe in 8 Bänden. Mün­chen/Wien 1977, Bd. 4, S. 24–26, 14–16, 6; Bd. 3, S. 134, 136.

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