Essays und Vorträge

Über Charlotte von Kalb

 

Christoph Schmitz-Scholemann

I.

Enfant terrible

Ein bißchen schrill war sie schon, das ist sicher. Ob eher im guten oder im schlechten Sinn, darüber lohnt sich auch heute noch das Nachdenken: An Charlotte von Kalb schieden sich schon im klassischen Weimar die Geister. Die einen sahen in ihr eine kokette, überspannte und mannstolle Hysterikerin. Die anderen waren angetan von ihrem wachen Verstand, ihrer Feinfühligkeit und ihrem unkonventionellen Lebensstil: Goethe, der nicht gerade bekannt dafür war, überkandidelte Charaktere zu schätzen, suchte ihre Nähe nicht, nannte sie aber »eine geistreiche und geliebte Freundin« und schenkte ihr Kaviar. Die Kontroversen über Charlotte gingen auch nach ihrem Tod weiter. In Charlottes posthum erschiene­nen Lebenserinnerungen erkannte der Vorleser und Schriftsteller Emil Palleske »die wunderbarsten (Memoiren), die vielleicht geschrieben sind«. Von tiefer Verachtung zeugt dagegen das Urteil des Malers und Schriftstellers Ernst Förster über Charlottes literarische Versuche: sie seien ein »200 Seiten währender Vernichtungskampf gegen Grammatik, Orthographie, Natur und gesunden Menschenverstand«. Sicher ist, dass Charlotte als Fränkin nicht sicher zwischen b und p oder d und t und dem Genitiv und dem Dativ unterschied und dass sie, vermutlich durch ein Augenleiden bedingt, oft mühsam las und krakelig schrieb. Sicher ist auch, dass der Lebensweg dieser Frau, was ihre äußeren, wirtschaftlichen Verhältnisse betrifft, aus der Behaglichkeit einer reichen Adelsfamilie im behäbig schlurfenden Tempo eines verworrenen Gerichtsprozesses Schritt für Schritt in drückende Altersarmut führte – ohne dass Charlotte von Kalb je den Glauben an sich selbst und an die Macht der Liebe verlo­ren hätte. Ihre letzten Jahre hatten sogar etwas Heiteres.

 

II.

Lebensweg – Teil I

Charlotte von Kalb entstammte altem niederfränkischem Landadel. Am 25. Juli 1761 wurde sie als drittes von sechs Kindern des Freiherrn Jo­hann Friedrich Philipp Marschalk von Ostheim und seiner Frau Wilhel­mine (geborene von Stein-Nordheim) in Waltershausen geboren: der Ort liegt im unterfränkischen (bayrischen) Teil des Grabfelds, hart an der Grenze zu Thüringen. Das Gefühl, um Liebe kämpfen zu müssen, lernte Charlotte allem Anschein nach früh kennen. Ihre Mutter hatte gehofft, einen Knaben zur Welt zu bringen. Aber, so schrieb Charlotte in ihren Erinnerungen: »Das Kind war ein Mädchen. Heftig rief sie (die Mutter) aus: ›Du solltest nicht dasein!‹« Vom abgeklärten Standpunkt eines Betrach­ters, der die Gender-Debatten des 21. Jahrhunderts im Hinter­kopf hat, ist man vielleicht geneigt, die im 18. Jahrhundert noch übliche Abwertung weiblicher Nachkommenschaft durch die Eltern als zeitbe­dingte Erscheinung abzutun, die zu üblich war, um jemanden zu verlet­zen. In Wahrheit ist es wohl eher so, dass die Verletzungen, die Mädchen und Frauen durch systematische Abwertung zugefügt wurden, zu üblich waren, als dass man sie ernst genommen hätte. Zu allen Zeiten muss es für eine Kinderseele die schneidendste Kränkung gewesen sein, von der eigenen Mutter explizite und existenzielle Ablehnung zu erfahren.

Als Charlotte sieben Jahre alt ist, sterben ihre Eltern im Abstand von wenigen Monaten. Charlotte und ihre drei Geschwister (zwei Schwestern, ein Bruder) wachsen bei Pflegeeltern auf, nicht unbehütet und in einigem Wohlstand – aber auf die Selbstverständlichkeit familiärer Nestwärme müssen sie verzichten. Charlotte, schöne große Augen, volles Haar, scheint ein verträumtes, aber auch sehr ernstes Mädchen gewesen zu sein. »Mit Docken (Puppen) habe ich nie gespielt,« bekannte sie später. Ein Biograph sagt: »Bald erschien sie unjugendlich, seltsam, verschlossen und störrig«. Sie las viel, dachte nach und schrieb zum Tode ihrer Pflegemut­ter ein Gedicht, das bei aller Konventionalität Gefühl verrät und einer gewissen formalen Gewandtheit nicht ermangelt:

Nimm hin, den Dank, Du heil’ge Fromme,
Gute, sanfte Dulderin,
Meine Thränen, bis ich komme
Und wie Du vollendet bin.
In der Stunde, wo die morsche Hülle
Deiner Seele sich von ihr getrennt,
That ich heilige Gelübde in der Stille,
Die ein Engel Dir vor Gottes Throne nennt.
Freud’ und Wonn’ umstrahlt, wie Glanz von Kronen
Selige, vor diesem Throne Dich,
Wiedersehn der Deinen wird’s einst lohnen;
Unter Deinen Kindern, Mutter, find’st Du mich.

Anno 1783, sie war inzwischen 22 Jahre alt, ergab sich Charlotte Mar­schalk von Ostheim ziemlich widerstandslos der für sie arrangierten Ehe­schließung mit ihrem Schwager, dem Major Heinrich Julius Alexander von Kalb, Bruder des für seine prekären Geldgeschäfte bekannten Weima­rer Kammerpräsidenten Johann August Alexander von Kalb; beide waren die Söhne des weiland Weimarer Kammerpräsidenten Karl Alexander von Kalb – alle Abkömmlinge des seit dem 15. Jahrhundert in Kalbsrieth in der Goldenen Aue residierenden Rittergeschlechts. Das 1680 errichtete Schloss Kalbsrieth ist heute wieder in Privatbesitz und wird derzeit von rührigen jungen Leuten Stück für Stück hergerichtet.

Charlottes Mann jedenfalls, der auch Henry Jules Alexandre ge­nannt wurde, war von altem Adel, und er war ein Kriegsheimkehrer, er hatte in französischen Diensten am amerikanischen Befreiungskrieg teilge­nommen und litt darunter, sein eigentliches Talent als Bonvivant und Haudegen im damals eher verschlafenen Thüringen nicht entfalten zu können. Immerhin hatte er angenehme Umgangsformen und bewies eine beträchtliche Großzügigkeit in Fragen ehelicher Treue – seiner eige­nen Treue und der Charlottes. Ein rechter Seelenfreund für die empfind­same Charlotte wurde er allerdings nie. Charlotte schrieb in ihren Erinnerun­gen später: »Gegenseitig war es wohl weder Wunsch noch Nei­gung – (sondern eher) der Gleichmuth des Leidens; aber dass für die Frau das Bündniss so ganz ohne irdischen Vorteil, schien dem Gemüth die Lichtseite zu sein.«

Charlotte scheint also nachgerade stolz darauf gewesen zu sein, dass die Ehe ihr keine Vorteile brachte – als ob es ein moralisches Verdienst wäre, wenn das Heiraten nicht nur ohne Liebe geschieht, sondern auch noch ein schlechtes Geschäft ist. Wir bewegen uns hier ohne Zweifel in den latent masochistischen Sumpfgebieten christlicher Moral. Tatsächlich gab es übrigens sehr wohl handfeste Interessen, die Charlotte, ihrer Schwes­ter und der Verwandtschaft die Verheiratung mit den Brüdern von Kalb empfahlen: Die Sicherung des Familienvermögens der Ost­heims, das vor allem in Grundstücken bestand, galt als gefährdet und sollte durch die welterfahrenen Brüder von Kalb mit ihren europaweiten Kontakten nach Wien und Paris gefördert werden. Trotz aller Mühe, die sich die von Kalbs gaben: Das genaue Gegenteil einer Vermögensförde­rung trat im Laufe der nächsten beiden Jahrzehnten ein. Ein wahrer Dschun­gel von Klagen und Widerklagen, ein Urwald von Prozessen verdun­kelte im Laufe mehrerer Jahrzehnte die Rechtslage ebenso wie die Vermögensaussichten der von Kalbs. Die Brüder ruinierten ihr eigenes Vermögen, und das ihrer Frauen gleich mit. Charlottes Mann Heinrich, der die letzten Jahren seines Lebens mit seiner Köchin zusammenlebte, jagte sich am Osterdienstag 1806 in München im Gasthaus zum Golde­nen Hahn eine Kugel in den Kopf und verstarb.

 

III. 

Schiller – der Kampf

Im Mai 1784 – ein Jahre nach der Trauung mit Heinrich von Kalb – war Charlotte von Kalb schwanger. Sie begleitete ihren Mann auf einer Mili­tär-Dienstreise nach Landau in der Pfalz. Auf dem Weg machte das Ehe­paar Kalb in Mannheim Station. Im Hotel traf man den damals blutjun­gen Dichter Friedrich Schiller. Es war, wenn sich die beiden nicht schon ein gutes Jahr vorher in Bauerbach begegenet sein sollten, Liebe auf den ersten Blick zwischen dem dünnen, dauerentflammten und fahrigen Dich­ter und der, nach zeitgenössischen Bildern zu urteilen, recht üppigen und mit langem, dichtem und schönem Haar gesegneten Frau Majorin.

Von Anfang an war den beiden Liebesleuten Charlotte und Friedrich das Gewagte ihrer Verbindung klar. Dass man nach damaligem Verständ­nis weder einander lieben musste, um glücklich verheiratet zu sein, noch heiraten musste, nur weil man liebte, steht auf dem einen Blatt. Aber auf dem anderen steht vielleicht, dass man nicht lieben muss, um eifersüchtig zu werden und dass mancher erst durch plötzliche Eifersucht merkt, dass er liebt. Also genügend Gründe zur Verwirrung der Herzen gab es auf jeden Fall. Und als besonders anständig galt eine Verbindung zur linken Hand auch damals nicht, schon gar nicht bei einer Frau. Das Tohuwabohu der Gefühle zeigte sich in dem mit ups and downs reich gesegneten und durch mehrere Jahre sich hinziehenden Verhältnis zwi­schen Charlotte von Kalb und Friedrich Schiller. Manchmal versuchte man, Dreier-Begegnungen zu vermeiden, manchmal suchte man sie. Es gab heimliche Treffen und unheimliche Peinlichkeiten. Es war ein unablässi­ger Grabenkampf der Gefühle. Als Charlotte in dessen Verlauf sowohl eine offene Dreierbeziehung erwägt als auch ihrem Mann schließ­lich die Scheidung vorschlägt, bekommt Schiller, der inzwischen für eine andere Charlotte und ihre Schwester schwärmt, kalte Füße. Zu feige, der Frau Majorin reinen Wein einzuschenken, weicht er ihr aus und lässt sie zappeln. In einem Brief an seine spätere Frau Lotte v. Lengfeld und ihre Schwester Caroline v. Beulwitz vom 12. September 1789 – Nachts – schreibt er:

»Die Kalb macht mich indessen doch jezt etwas verlegen. Das Verhält­niß worinn sie mit ihrem Mann sich versetzen will (ich hab euch, denk ich, schon davon gesagt) hat mich ihr in gewissem Betracht jezt unentbehrlich gemacht, weil ich es allein ganz weiß und sie nicht ohne Rath ohne fremde Augen dabey zu Werke gehen kann. … Sie verlangte, und konnte es auch mit allem Recht von mir verlangen, dass ich nach Weimar zu ihr kommen und über diese neue Lage der Dinge mit ihr berathschlagen solle – aber sie wollte es entweder heut oder Morgen, und weder heute noch Morgen noch Uebermorgen wäre mirs möglich gewe­sen.«

Geschmackvollerweise bestellt Schiller Charlotte, die er innerlich längst abgeschrieben hat, zur endgültigen Aussprache für einen anderen Tag, und zwar ausgerechnet zu den Nebenbuhlerinnen, zwischen denen er sich gerade auch nicht entscheiden kann, also zu den Lengefeld’schen Schwestern, was Charlotte dann – noblesse oblige – selbstverständlich ablehnt.

Die Affäre ging nicht spurlos an Schillers Werk vorüber. Zu den deutlichs­ten Spuren gehört das Gedicht »Der Kampf«, das in einer frühe­ren, sehr viel längeren Fassung »Freigeistery der Leidenschaft« hieß.

Der Kampf

Nein, länger werd’ ich diesen Kampf nicht kämpfen,
Den Riesenkampf der Pflicht.
Kannst du des Herzens Flammentrieb nicht dämpfen,
So fodre, Tugend, dieses Opfer nicht.
Geschworen hab’ ich’s, ja ich hab’s geschworen,
Mich selbst zu bändigen.
Hier ist dein Kranz, er sey auf ewig mir verloren,
Nimm ihn zurück und laß mich sündigen. …
Zerrissen sey, was wir bedungen haben,
Sie liebt mich – deine Krone sey verscherzt.
Glückselig, wer in Wonnetrunkenheit begraben,
So leicht wie ich den tiefen Fall verschmerzt.
Sie sieht den Wurm an meiner Jugend Blume nagen
Und meinen Lenz entflohn,
Bewundert still mein heldenmüthiges Entsagen
Und großmuthsvoll beschließt sie meinen Lohn.
Mistraue, schöne Seele, dieser Engelgüte,
Dein Mitleid waffnet zum Verbrechen mich.
Giebt’s in des Lebens unermeßlichem Gebiete
Giebt’s einen andern schönern Lohn als dich?
Als das Verbrechen, das ich ewig fliehen wollte?
Tyrannisches Geschick!
Der einz’ge Lohn, der meine Tugend krönen sollte,
Ist meiner Tugend letzter Augenblick! …

Dass Schiller sich letztlich anderen Frauen zuwandte, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass Charlotte immer wieder, mit Einladungen und insistierenden Briefen, auf ihrer Liebe beharrte, auch als sie längst verlo­ren war. Irgendwie unschön ist, dass das frauenfeindiche Narrativ von der »hysterischen Koketten« und ihrem unstillbaren Liebesdurst offenbar so gut zur Klatschsucht der Literaturhistoriker passt, dass Charlotte von Kalbs Ruf bis heute darunter leidet. Dabei waren Schillers anfängliche Begeisterung und die sich anschließende feige Flucht vor dem Glück mindes­tens so hysterisch wie Charlottes Partisanenkampf der Liebe. Schil­ler, das sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, scheint es ebenso gesehen zu haben. In dem schon erwähnten Brief vom 12. September 1789 schreibt er: »Sie hat auf meine Freundschaft die gerechtesten Ansprüche und ich muß sie bewundern, wie rein und treu sie die ersten Empfindun­gen unserer Freundschaft, in so sonderbaren Labyrinthen die wir miteinan­der durchirrten, bewahrt hat.«

 

IV.

Ein glühender Strom – Jean Paul

Die Liebesbeziehung Charlottes von Kalbs zu dem Schriftsteller Jean Paul (Johann Paul Friedrich Richter) begann um 1795. Charlotte, deren Augenleiden in dieser Zeit schon zunahm, hatte die beiden frühen Ro­mane des romantischen Ironikers (Die unsichtbare Loge und Hesperus oder 45 Hundsposttage) gelesen, war begeistert und lud den Dichter mit einem Brief vom 29. Februar 1796 nach Weimar ein. Am 10. Juni kam Jean Paul in Weimar an. Charlotte tat für Jean Paul, was sie auch für Schiller getan hatte. Sie verschaffte ihm Zugang zur Weimarer Gesell­schaft, vor allem zum Hof, zu dem Jean Paul als Bürgerlicher ohne ade­lige Fürsprache nur schwer Zutritt hätte finden können. Und sehr bald schon entspann sich eine intensive Affäre, deren Glück und Not sich in Charlottes Briefen an Jean Paul aussprechen. Einige Passagen seien hier zitiert:

»Juni 1796
Sind Sie Ihres Versprechens eingedenk? Kommen Sie heute und um welcher Minute? Ich habe Ihnen viel zu sagen.
Die Erde trägt mich geduldig, und den Himmel fand ich … in Ihren Schriften und die Quelle des Ewigen in Ihnen …
Diesen Morgen erwachte ich, es dämmerte noch, aber ich konnte die Farben um mich unterscheiden. Ich bin auf Dein Billet sehr verlangend … Ach, mein Gott, ich habe schmälen wollen über die Stunde von ges­tern, von 8, 9 …

Dezember 1798
Ich fange an zu zittern und Todeskälte umfasst mich. Ich kann nichts thun, bis ich weiß, ob Sie den Abend kommen …
›Dass ich meine Lippen auf die Wunden Deines Herzens legen werde. Sei still, liebe Seele.‹ … Es ist mir, als hörte ich nur meine Liebe … O nimm mich auf, damit ich sterben kann, denn ich kann entfernt von Dir nicht leben und nicht sterben.

April 1799
Guten Morgen, mein Geliebter. … Wann sehe ich Dich, du Lieber?
Wir müssen miteinander leben und sterben. Das sagt meine Vernunft, mein Verstand, mein Herz und mein ganzes Wesen findet nur Wohlsein in diesem Wahn …«
Tatsächlich wurde Charlottes Liebe mehr und mehr zu einem Wahn, an dem sie mit der Kraft kindlichen Trotzes festhielt, bis Jean Paul, der wohl zu Recht im Ruf des Schwerenöters stand, immer seltener und schließ­lich gar nicht mehr antwortete. Wenn irgendetwas Charlottes bewun­dernswerte Entschlossenheit im Kampf um die Liebe, nach der sie lebenslang dürstete, zeigt, dann ist es die Tatsache, dass sie, nachdem Jean Paul ihr nicht mehr schrieb, eine über zwei Jahrzehnte andauernde ebenso herzliche wie respektvolle Brieffreundschaft mit Jean Pauls Frau anknüpfte.

Dass Jean Paul selbst Charlotte keineswegs verachtete, auch wenn er sie nur für kurze Zeit lieben konnte, zeigen folgende Zeilen, die er im September 1798 niederschrieb: »Die halbblinde Kalb ist leider nicht hier; mit hoher, heiterer Stille erduldet sie ihre lange Nacht, aber oft auf ein­mal bricht … aus dieser bedeckten Seele ein breiter, glühender Strom.«

 

V.

Werke und Tage – Lebensweg II

Wechselhaft war das Schicksal Charlotte von Kalbs bis an ihr 40. Lebens­jahr. Danach präsentierte es sich, äußerlich betrachtet, als Aneinanderrei­hung von Unglücksfällen. Die zähen Gerichtsprozesse um ihr Vermögen kosteten Nerven und viel Geld. Sie endeten desaströs. Charlotte, die das gute Leben gewohnt war, sei es in Weimar, sei es auf Schlössern in den Ostheimschen Besitzungen im Grabfeld, sei es auf dem Gut der von Kalbs in der Goldenen Aue, Charlotte von Kalb war nun regelrecht arm. Mit ihrer Tochter Edda, die eine Stelle als Hofdame beim preußischen Hof in Berlin bekam, zog sie von Thüringen in ein kleines Seitengelass im Berliner Schloss. Ihr Mann, wir erwähnten es, nahm sich das Leben, ihr Sohn tat ein gleiches, sie selbst erblindete vollständig und konnte manch­mal über Wochen und Monate ihre Wohnung nicht verlassen. Fast vier Jahrzehnte verbrachte Charlotte so ihre Tage. Aber sie blieb nicht taten­los. Um sich wirtschaftlich etwas besser über Wasser zu halten, betrieb sie ei­nen kleinen Handel mit Schokolade und Strickwaren. Gewinn erzielte sie nicht. Sie schmiedete Pläne für ein Privatinternat – auch dies wurde ein Fehlschlag. Und doch hinterließ sie, als sie am Morgen des 12. Mai 1843 81jährig in den Armen ihrer Tochter starb, ein bemerkenswertes, wenn auch schmales schriftstellerisches Werk. Es besteht aus Briefen, einem kleinen autobiographischen Roman und ihren Lebenserinnerun­gen.

Zeitlebens hatte Charlotte von Kalb ein durchaus ernsthaftes Interesse an Kunst, Philosophie und Literatur. Sie korrespondierte, auch über Litera­tur und Philosophie, mit den beiden geliebten Männern ihres Le­bens – und das waren immerhin zwei der bedeutendsten Dichter der klassischen Zeit. Die im Unterschied zu den Briefen an Schiller erhalte­nen Briefe an Jean Paul lesen sich heute als kleiner Briefroman; 1882 erschienen sie in Berlin als Buch, man bekommt sie noch als Reprint. Freundschaften pflegte Charlotte, zumeist brieflich, auch mit Hölderlin und Herder, mit Goethe und Johann Gottlieb und Imanuel Hermann Fichte und Rahel Varnhagen. Sie war ein beachtlicher Nebenstern im Kosmos Jena-Weimar und später, soweit Alter und Gesundheit es erlaub­ten, in der Berliner Gesellschaft.

Klugheit, Empfindsamkeit, Belesenheit, Temperament, Sinn für origi­nelle Formulierung, auch ein gewisses Maß an Sturheit – alle diese Vorausset­zungen für eine schriftstellerische Karriere hatte Charlotte von Kalb. Woran es ihr mangelte, um ein genuin literarisches Werk zu hinterlas­sen, war die für Frauen ihrer Zeit – und erst recht in der Welt des fränkisch-thüringischen Landadels – nicht vorgesehene klassische Bildung. Es fehlte ihr die innere Gewissheit, als Frau in der Literatur über­haupt in Betracht zu kommen, etwas Eigenes, gar Anderes, Weibli­ches entwerfen und sagen, kurz gesagt: produktiv werden zu dürfen. Sie hielt sich selbst und ihre Zeit nicht reif dafür und schrieb: »Wenn der Geist und das Herz mehr verstanden wird und die Natur reif ist für die reinste Wahrheit, (erst) dann dürfen, dann sollen Frauen reden und schrei­ben.«

Dennoch hinterließ Charlotte zwei kleine Bücher, die sie ohne Hoff­nung auf Ruhm aber doch mit Lust auf den Versuch, etwas Dauerhaftes zu schaffen, in den Berliner Jahren teils schrieb, teils ihrer Tochter Edda diktierte. Das eine ist ein kurzer Roman mit dem Titel Cornelia, das andere die Autobiographie Charlotte (Für die Freunde der Verewig­ten.) – Gedenkblätter von Charlotte von Kalb. Beide erschienen auf Betreiben ihrer Tochter posthum und sind heute gelegentlich noch antiqua­risch, meist aber nur in Bibliotheken greifbar. Die Werke zeigen eine sich in Produktivität und eigenen Ton hineintastende Schriftstellerin, die sich im Wesentlichen über ihre Empfindungskraft definiert und sich dabei manchmal zu einem für das Ohr des heutigen Lesers schwer erträgli­chen schwärmerischen und salbungsvollen Ton aufschwingt. Den­noch reizvoll ist die Lektüre vor allem der Memoiren, weil der durchaus vorhandene – sagen wir es klar und hart – Kitsch in einem hochinteressan­ten Kontrast steht zu Passagen scharfer, trockener Beobach­tung und origineller sarkastisch-witziger Bemerkungen.

Das alles in allem dürftig entwickelte Frauenbild der Weimarer Klas­sik fasst sie wie folgt zusammen: »Ich kenne nichts Trivialeres als die Vorstel­lungen unserer meisten Aufklärer und Dichter über die Frauen.«

Als Siebzigjährige, die keinen angemessenen Lesestoff mehr für sich fin­det und deshalb zur Zeitungslektüre hinabsteigen muss, notiert sie: »Meine Unterhaltung ist jetzt … das Morgenblatt. Wie ein Wurm nähre ich mich von Blättern, kann also hoffen, noch ein Schmetterling zu wer­den.«

Die Architektur der Memoiren (»Gedenkblätter«) wird mit einem gewis­sen Recht als chaotisch und wirr bezeichnet. Richtig ist auch, dass in den Texten Fiktion und Bericht oft schwer voneinander zu scheiden sind. Man kann das natürlich als »historisch-biographische Unzuverlässig­keit« brandmarken, man kann die Mischung von Fakten und Fiktion aber auch als Kunstgriff verstehen. Ebenso zwiespältig kann man es sehen, dass Charlotte in den Prosatext mal mehr, mal weniger plausibel Gedichte einstreut. Und es gibt Abschnitte, die zwischen erzähleri­schen Minaturen und Aphorismen changieren. Auch hier gilt: Ein strenger Bauplan, eine durchgängige Erzählstrategie ist nicht erkenn­bar. Und doch: Man liest das etwas zusammengeflickt wirkende Buch mit Neugier, immer wieder überrascht und gelegentlich regelrecht entzückt über stilistische und gedankliche Volten. Manchmal taucht der Gedanke auf, dass wir es hier mit einer raffinierten Vorform literarischer Montagetechni­k zu tun haben, mit einer Patchwork-Prosa – mit dem passenden Kostüm einer traurigen und unendlich liebenswerten Clownin. Ein bißchen schrill war sie ja wirklich. Wie schrieb Rahel Varnhagen über Charlotte von Kalb?

»Frau von Kalb ist von allen Frauen … die geistvollste … Sie fühlt sich so frei, dass sie nach dem erhabensten Geistesblick öfters lacht … flugs nimmt ihr Geist eine … entgegengesetzte Richtung und tut da wieder Wunder …«

 

VI.

»Man muss nicht hoffen, um zu beginnen, man muss keinen Erfolg haben, um zu überdauern.«

Es geschieht alles in allem mit großem Recht, dass der Berliner Senat die letzte Ruhestätte der Charlotte von Kalb auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II an der Bergmannstraße in Kreuzberg mit dem dauerhaften Glanz ei­nes Ehrengrabes der Stadt Berlin ausgezeichnet hat. Auf dem Liegestein des wie ein Kinderbett eingegitterten Grabes finden sich zwei Sätze, die der rätselhaften Schönheit mancher ihrer zu Papier gebrachten Gedan­ken alle Ehre erweisen:

Ich war auch ein Mensch, sagt der Staub!
Ich bin auch ein Geist, sagt das All!

 

VII.

Literatur:

Emil Palleske: Schiller’s Leben und Werke in 2 Bänden. 15. Aufl. Stutt­gart: Carl Krabbe 1900.

Johann Ludwig Klarmann: Geschichte der Familie von Kalb auf Kalbs­rieth. Elkangen: K. B. Hof- und Universitäts-Buchdruckerei von Junge & Sohn 1902.

Charlotte von Kalb: Charlotte (Für die Freunde der Verewigten.) – Gedenk­blätter von Charlotte von Kalb. Hrsg. von Emil Palleske. Stutt­gart: Karl Crabbe 1879.

Cornelia. Für die Freunde der Verewigten. Manuscript. Berlin 1851.

Paul Nerrlich (Hrsg.): Briefe von Charlotte von Kalb an Jean Paul und dessen Gattin. Berlin: Weidmannsche Buchhandlung 1882.

Ursula Naumann: Schillers Königin. Das Leben der Charlotte von Kalb. Frankfurt a. M./Leipzig: Insel 2006 (insel-taschenbuch 3234).

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