Gedichte

wo ist der apotheker

 

der apotheker ist nachdenklich geworden,

man sieht ihn kaum noch,

sein hund zum beispiel ist schon tot, das hat er nicht verdient,

seine frau schreibt ein buch, das kann ja heiter werden, dachten wir alle,

er selbst hat das rauchen, schnapstrinken und das nächtliche singen
aufgegeben,

seine spaziergänge werden von tag zu tag komplizierter wie auch die
sätze die er beim spazierengehen denkt immer häufiger im konjunktiv
enden

konjunktivitis maligna permagna permagna

sogar über das posaunenspiel gottes, wie er gewisse ballungen von
cumulus-wolken am horizont zu nennen pflegte, hüllte er sich neuerdings
in schweigen,

alle meine freunde haben auf den apotheker gesetzt,

er hatte nie viel gesprochen und das fehlt uns jetzt,

alles, was möglich ist, wird eines tages geschehen, und, wenn es im traum
sein sollte, geschieht es noctu, bei nacht, alles bedeutende passiert im
notdienst, mitten im notdienst, das war sein wahlspruch,

ich glaube nicht, dass er zurückkehrt,

viele sagen, es war mord,

aber das ist eine vitalistische angeberei,

als ob das leben für den tod verantwortlich wäre, der tod sorgt für sich
selber,

abgesehen davon gibt es auch keine leiche, also eher schon apotheose,

schließlich wurde er an himmelfahrt zuletzt gesehen,

unser lieber lieber apotheker

 

(nach motiven eines spanischen zeitungsberichts 1995)

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