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	<title>Essays und Vorträge archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Kennwort Kaspar</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Nov 2018 14:45:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kennwort Kaspar Eine hochauflösende Betrachtung Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; &#160; I. Nein, sagte mein Freund A., natürlich helfe das Fernsehen nicht, und schon gar nicht der Literatur. Das Fernsehen sei eine grundschädliche Einrichtung. Und was schädlich sei, könne nicht gleichzeitig nutzen, das zeige schon die pure Logik, von Aristoteles bis Frege, Russell und Wittgenstein. »Fernsehen«, [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/kennwort-kaspar/">Kennwort Kaspar</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literarisches/Kennwort_Kaspar_Eine_hochauflo%CC%88sende_Betrachtung.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1>Kennwort Kaspar</h1>
<h3>Eine hochauflösende Betrachtung</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">I.</span></h2>
<p>Nein, sagte mein Freund A., natürlich helfe das Fernsehen nicht, und schon gar nicht der Literatur. Das Fernsehen sei eine grundschädliche Einrichtung. Und was schädlich sei, könne nicht gleichzeitig nutzen, das zeige schon die pure Logik, von Aristoteles bis Frege, Russell und Wittgenstein. »Fernsehen«, fuhr er fort »taugt eben nicht. Es verdirbt die Augen, das wußte meine Mutter sehr genau; und es verdirbt den Charakter, das sagte mein Vater. Wie sollte es da ausgerechnet die Literatur nicht verderben?</p>
<p>Wenn das Fernsehen eine Hilfe wäre für die Literatur, dann müßte doch aus den Vereinigten Staaten von Amerika, wo seit einem halben Jahrhundert in jeder Familie ein <em>TV-set</em> zu Hause ist und flimmert und brummt und schreit – dann müßte doch aus diesem Land allmählich mal der große Roman, die schlechthin leuchtende Lyrik, das alles erschütternde Drama gekommen sein. Sehen Sie etwas davon? Ich nicht. Ich gehe nicht so weit wie Reinhard Lettau, der behauptete, man müsse schon ziemlich schlecht sein, um in den Vereinigten Staaten Erfolg als Schriftsteller zu haben; aber das Buch der Epoche – der neue Homer, der Shakespeare, der Goethe des ausgehenden Zwanzigsten Jahrhunderts – nicht daß ich wüßte.</p>
<p>Nein, das Fernsehen ist im glücklichsten Fall ein ungetreuer Diener, der uns das Beste stiehlt, das wir haben: Zeit und Phantasie. Im schlimmsten Fall ist das Fernsehen kein Diener, sondern ein teuflischer Herr, ein boshafter Lehrer und ein gewissenloser Diktator, der Dummheit und Gier, Haß und Gewalt in die Herzen sät.</p>
<p>Vor zweieinhalbtausend Jahren fanden einige Griechen heraus, es sei vorteilhafter, innenpolitischen Streit nicht mit Stein und Knüppel, sondern durch Rede und Abstimmung auszufechten – es gab ganz einfach weniger Verletzte. Damit dieses demokratische Projekt gelingen konnte, brauchte man geschriebene Gesetze und gewandte Redner; das Stadtvolk mußte lesen, schreiben und reden können, es mußte literaturfähig sein. Bis heute ist die Literaturfähigkeit der Bevölkerung eine Bedingung für das komplizierte Spiel um die Macht in der rechtsstaatlichen Demokratie. Das Fernsehen aber hat – um das mindeste zu sagen – eine Tendenz, Texte, insbesondere geschriebene Texte überflüssig zu machen. Bilder treten an die Stelle von Sätzen, rasende bunte Punkte ersetzen die Buchstaben – Verwirrung durch Geschwindigkeit, könnte ein Motto lauten, Atemlosigkeit statt Gedächtnis ein anderes. Die rasanten Bildgewitter sollen uns »packen«, »fesseln«, »gefangennehmen« – das Fernsehen ist ein aggressives Medium: wir sollen nicht Lese halten, sondern auf der Stelle verschlingen, wir sollen nicht schreiben, sondern Knöpfe drücken, und wir sollen nicht reden, sondern nur noch AH! und OH! und MMH! rufen – kurz: das Fernsehen ist ein Generalangriff auf genau die Fähigkeiten, die Bedingungen der Demokratie, des Rechtsstaates und der Kultur überhaupt sind, es ist ein Generalangriff auf die Literaturfähigkeit, eine großangelegte und perverserweise äußerst gewinnträchtige Kampagne zur Dealphabetisierung, es ist Krieg gegen die Literatur.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">II.</span></h2>
<p>Soweit mein Freund A. Ich fand, er hatte recht, und deshalb merkte ich mir genau, was er gesagt hatte; ich trug seine Sätze eine Zeitlang mit mir herum, wie andere Leute Bilder in der Brieftasche haben; wo immer sich eine Chance zum Gespräch zu bieten schien, bei Zugfahrten, auf Partys und Hochzeiten, manchmal auch in Gesellschaft vor dem Fernsehgerät, zückte ich statt der Ansichtskarten aus dem letzten Urlaub die harten Ansichten meines Freundes über das Fernsehen und die Literatur. Und ich tat es nicht einfach so aus Laune, sondern mit methodischem Bedacht und Hintersinn. Ich hoffte, auf diese Weise den von mir erstrebten Erkenntnisgewinn zu der Frage, ob das Fernsehen der Literatur helfe, offen für Überraschungen, gewissermaßen als kalkuliert-chaotischen Prozeß organisieren zu können. Auf keinen Fall wollte ich mir vorwerfen müssen, mein Thema als blinder Solipsist mit mir allein, etwa durch bloßes Denken und Schreiben, verhandelt zu haben; meine Methode sollte sich vielmehr an den Großdenkern unserer Jahre ausrichten. Also trug ich A.’s Ansichten vor. Und ich erhielt eine Menge Zustimmung – zuviel, um dahinter nicht sehr viel mehr Gleichgültigkeit als Überzeugung zu vermuten; mir kam es auch so vor, als hielten die meisten das Thema für irgendwie abgefrühstückt; sie beeilten sich, das Gespräch schnell wieder in die vertrauten Bahnen nichtssagender Ironie zu lenken, die, als wäre das Leben eine Kabarettnummer, gegenwärtig den gesellschaftlichen Ton bestimmen.</p>
<p>Einer ließ sich immerhin entreißen, ihn erinnere diese Diskussion um Fernsehen und Literatur an Besinnungsaufsätze, die er als Primaner Ende der Fünfziger Jahre habe schreiben müssen, und er habe damals geahnt, daß hinter der Kritik am Fernsehen eine gehörige, wenn nicht sogar ungehörige Portion altdeutscher Amerika-Feindlichkeit stecke man habe – übrigens ähnlich wie in der DDR auf Kaugummi, Nyltesthemden, schwarzen Jazz und das Fernsehen eingeprügelt in der Hoffnung, Freiheit und <em>democracy</em> zu treffen. Jeder, dem ich meine (nein: A.’s) Ansichten vortrug, war übrigens aus dem Stand bereit, von mindestens fünf durchs Fernsehen verdorbenen Abenden in den letzten zwei Wochen zu berichten, und einer sagte sogar, daß es besser gewesen wäre, ein bißchen Heine oder Goethe oder Elke Heidenreich ( ein Atemzug!) zu lesen, aber man komme eben zu nichts, und die Tagesschau dürfe man ja nun auf keinen Fall verpassen, und die Sendungen seien heute so raffiniert angelegt, daß man sich oft einfach nicht mehr losreißen könne, das Literarische Quartett sei ein Vergnügen und Reich-Ranicki habe ein Denkmal verdient, obwohl er mit Grass nicht gerade fein umgesprungen sei &#8230; und ob ich gesehen habe, wie Wicken letzten Freitag und Grass im NDR und Biermann bei VOX und Hrdlicka bei Harald Schmidt und die Themen-Abende bei arte und immer so weiter.</p>
<p>Langer Rede trüber Sinn: Auf diesem Weg konnte es mir nicht gelingen, Einsichten zu hören, die, sofern es sich überhaupt um mehr als die Aneinanderreihung reizvoller Namen handelte, nicht schon vom Talk-Show-Mainstream glatt- und plattgeschliffen gewesen wären. So war ich denn sehr dankbar, als mein Freund A. die Idee hatte, wir könnten doch in einen Briefwechsel treten. Als Motto einigten wir uns auf einen Satz von Lessing; er lautet: »Sieh überall mit deinen eigenen Augen, verunstalte nichts, beschönige nichts. Wie die Folgerungen fließen, so laß sie fließen, hemme ihren Strom nicht, lenke ihn nicht.«</p>
<p>Was nun folgt, sind also Ausschnitte aus unserem Briefwechsel; ich habe darauf verzichtet, sie nach der Chronologie oder nach der Autorschaft zu ordnen, beides täte wenig zur Sache, schließlich ist das hier ja kein Entwicklungsroman; A., den ich, obwohl wir das Sie nie aufgegeben haben, mit einigem Recht mein alter ego nennen darf, A. also hat die von mir getroffene Auswahl und Anordnung unserer kleinen Korrespondenz geprüft; er ist einverstanden.</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">III.</span></h2>
<p>»Ende der Siebziger Jahre schrieb der Amerikaner J. Mander ein Buch mit dem Titel: ›Schafft das Fernsehen ab!‹. Hätte man ihn ernst nehmen sollen? Man tat es nicht, und das ist gut so.</p>
<p>Abgesehen davon, daß er in gewisser Weise ein Heuchler war – denn er propagierte seine Thesen selbstverständlich mit Vorliebe in Talk-Shows der kommerziellen Sender, molk also mit Fleiß die Kuh, die schlachten zu wollen er vorgab – abgesehen davon: Was würde eigentlich passieren, wenn wir seine Forderung heute ernst nähmen? Was wäre die Folge der Abschaffung des Fernsehens? Die Folge wäre ohne Zweifel eine kulturelle, ökologische und soziale Katastrophe von unglaublicher Wucht.</p>
<p>Millionen – was sage ich: Milliarden von Röhren und Dioden, Magnetköpfen, Drähten, Mattscheiben, Kunststoffgehäusen, Satellitenschüsseln, Glasfiberkabeln, Stekkern, Knöpfen, Stiften, Dosen – wohin damit? Ein Heer arbeitsloser Beleuchter, Niederfrequenztechniker, Cutterinnen, Redakteure, Witzeschreiber, Platzanweiser, Maskenbildnerinnen, Honorarabteilungsleiterinnen, Kritiker, Zeichner, Drucker, Photographen, Kioskbetreiber, Medienwirkungsforscher, Elektronik-Ingenieure – wohin damit? Sollen wir aus all diesen Leuten Literaten machen? In Deutschland – nehmen wir nur einmal Deutschland – gibt es gut dreißig Millionen Fernsehgeräte – sollen wir Vogelkäfige daraus basteln? Der vom Fernsehen abhängige Ums atz beträgt in Deutschland: nach Schätzungen jährlich zwischen zwanzig und fünfzig Milliarden Mark – das entspricht fast einem Zehntel des Bundeshaushaltes.</p>
<p>Wenn Sie diesen Umsatz aus der Volkswirtschaft einfach herausnähmen – es gäbe eine Revolution. Nichts bliebe, wie es ist, auch nicht die Literatur. Bedenken Sie, wie vielen Literaten und Literaturfreunden das verhaßte Fernsehen zu Brot (und ich denke: auch einiger Butter darauf) verhilft. Es ist ja gar nicht wahr, daß das Fernsehen nur aus <em>Musikantenstadl</em> (Donnerstag, 21.00 Uhr), <em>Rudis Lacharchiv </em>(Donnerstag, 21.45 Uhr), <em>Dr. Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen</em> (Donnerstag, 20.15 Uhr), <em>Peep-Show mit Amanda Lear</em> (Donnerstag, 23.05 Uhr) und <em>Wa(h)re Liebe mit Lila Wanders</em> (Donnerstag, 23.10 Uhr) bestünde. Sehen Sie sich nur das Programmheft einer einzigen Woche durch, und Sie werden staunen, wen Sie da alles treffen: Frank Wedekind bei Bayern 3, Hans Magnus Enzensberger bei Arte, Walter von der Vogelweide am Tegernsee bei Hessen 3, Carlo Collodi im ZDF, Heiner Müller im WDR-Fernsehen, <em>Das Literarische Quartett</em> nicht zu vergessen. Außerdem betätigen sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten als Mäzene, sponsern Literatur-Preise, senden Video-Kunstwerke, große Literaturverfilmungen (Effi Briest von Faßbinder, Wahlverwandtschaften von Claude Chabrol) laden schüchterne Dichter in Talk-Shows ein und vergeben gelegentlich sogar Drehbuch-Aufträge an seriöse Schriftsteller (es gab Produktionen von Beckett und Pinter, von Arden, Wesker und Marguerite Duras – selbst wenn die Einschaltquote nur eins vom Hundert betrug, das sind immer noch dreihunderttausend Zuschauer, dreimal so viele Menschen wie das Estadio Nou Camp von Barcelona faßt!); und der Bildschirmtext-Dienst von ARD und ZDF unterhält eine ständige Rubrik mit Hinweisen auf neue Bücher, auf Theater und Festivals – nehmen Sie getrost hinzu das Schulfernsehen und die Theaterübertragungen in 3sat, nächste Woche wird sogar der Klagenfurter Wettbewerb direkt übertragen – also wahrhaftig, es geschieht eine Menge, ich wüßte keine Institution in Deutschland, die mehr als das Fernsehen täte für die Literatur. Wenn also überhaupt jemand der Literatur hilft – dann das Fernsehen.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">IV.</span></h2>
<p>»Das Fernsehen hilft der Literatur so, wie die Literatur der Musik hilft und die Musik den Vögeln.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">V.</span></h2>
<p>»Wer sich die Frage stellt, ob er helfen kann oder soll oder muß, der hat, vielleicht ohne lange darüber nachgedacht zu haben, zuvor eine Hilfs<em>bedürftigkeit</em> entdeckt. Man hilft ja nicht einfach so in der Gegend herum wie man spazierengeht oder tanzt oder ißt oder Blumen pflanzt. Man hilft aus Pflichtverstand oder Anstandsgefühl oder, um ein moderneres Wort zu gebrauchen, aus Solidarität; wir helfen der Dritten Welt, gefährdeten Tieren, gefangenen Menschen, sterbenden Wäldern, wir helfen alten, humpelnden, tauben und blinden Menschen – die Liste derer, denen wir helfen, ist so lang wie die Liste der Defekte und Devianzen des Menschen und der Natur.</p>
<p>Warum also Hilfe für die Literatur? Ist etwas nicht in Ordnung mit ihr? Leidet sie Not? Ist sie krank? (Tot war sie ja schon öfter, das kennen wir, das erschüttert uns nicht, zumal die Toten, wie die Bibel sagt, keine Hilfe mehr brauchen.) Oder braucht die Literatur Hilfe nur in dem Sinne, in dem junge und gesunde Menschen (und Kletterpflanzen) Hilfe brauchen: Nämlich um groß und stark zu werden. Braucht die Literatur – um eine alte Erziehungsmethode ZU bemühen – den Stock, eine kleine Bastonade, auf daß ihre Widerstandskräfte erstarken? Oder benötigt sie vielleicht eine Rankhilfe?«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">VI.</span></h2>
<p>»Wenn wir fragen, ob das Fernsehen der Literatur hilft, dann unterstellen wir, daß die Literatur es wert sei, daß man ihr helfe. Sie gilt uns als forderungswürdig. Wir halten sie für einen wichtigen Bestandteil der Kultur. Wir sehen Bibliotheken vor uns, Wolfenbüttel, Trinity College, Coimbra, Paris, stille, kühle Säle mit langen Tischen, auf denen Bücher ausgebreitet sind und <em>cahiers</em>, wir sehen Regale und Folianten, vielleicht einen älteren Herrn mit seidener Fliege nachdenklich zwischen Lichtdolchen und Staubsäulen wandelnd, wir erinnern uns des Holzgeruchs, wir hören Blätter rascheln und Federn kratzen; eindrucksvolle Köpfe tauchen vor unserem Geist auf, Thomas Mann und Gottfried Benn, Erasmus von Rotterdam, Wieland in Oßmannstedt, Arno Schmidt in Bargfeld über Zettel gekrümmt; wir denken vielleicht auch an Giordano Bruno oder Carl von Ossietzky, an Zensur und Bücherverbrennung, an Schriftsteller, die für das geschriebene Wort in den Tod gegangen sind, oder an Baudelaire und Rimbaud, die ihr Innerstes öffentlich verbrannten, um daraus das wilde Licht ihrer Gedichte zu gewinnen: Die Literatur – das ist in Wahrheit: Das Abendland! Wenn das nicht Abendland ist – was sonst?«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">VII.</span></h2>
<p>»Aber das Abendland steckt voller Überraschungen. Es hält Pointen vorrätig. Eine davon ist, daß einer der Urväter des abendländischen Denkens, Sokrates nämlich, ein ausgesprochen skeptisches Verhältnis zur Literatur unterhielt.</p>
<p>Obwohl er keineswegs Analphabet war, hinterließ Sokrates nicht einen einzigen schriftlichen Satz. Und das war kein Zufall! In dem Dialog Phaidros läßt Platon seinen Lehrer Sokrates die Geschichte von der Erfindung der Buchstaben durch den ägyptischen Gelehrten Theut erzählen. Theut stellte dem ägyptischen König in der Erwartung, großes Lob einzuheimsen, seine, wie er glaubte, geniale Erfindung vor: Diese Kenntnis, oh König, wird die Ägypter weiser und erinnerungsfähiger machen; denn als ein Hilfsmittel für das Erinnern sowohl als für die Weisheit ist sie erfunden.‹</p>
<p>Der König war ganz anderer Meinung. Zum ersten bemängelte er, daß ein Erfinder sich überhaupt das Recht nahm, über den Nutzen seiner Erfindung ein Urteil abzugeben.</p>
<p>Erfinden sei zwar eine beachtliche Leistung und eine hübsche Sache, aber eine Erfindung daraufhin zu untersuchen, ob sie nutze oder schade, gut oder schlecht sei, in Gebrauch genommen gehöre oder nicht – das erfordere ganz andere Fähigkeiten und Kenntnisse als sie ein gelehrter Tüftler üblicherweise mitbringe, so etwas solle man weitsichtigeren Leuten überlassen, zum Beispiel Königen.</p>
<p>Zweitens, sagt der König, könne man den Buchstaben einen gewissen Nutzen nicht absprechen: Immerhin seien sie in der Lage, gewissermaßen als Spuren zu dienen, mit deren Hilfe ein alterndes Gedächtnis vergessene Gedanken wiederfinden könne, ein mnemotechnisches Hilfsmittel also; ferner seien die Buchstaben auch geeignet, gebildeten Menschen als Spielmaterial zu dienen: Während der gemeine Mann seinen Geist mit Wein und Würfelspiel betäube, könne sich der Philosoph im Buchstabengärtlein ergehen, säen und ernten, pfropfen und stutzen, wie es der Spieltrieb ihm eingebe. Drittens aber berge der Gebrauch der Schrift schreckliche Gefahren, weil er den Irrglauben begünstige, Denken, Lernen und Reifen der Seele seien eine von den Schriftwerken kommende Gabe, die man so mir nichts dir nichts auflesen und, als hübsch gerolltes und geschnürtes Pergament, getrost nach Hause tragen könne, während doch in Wahrheit Denken und Lernen, also die Erkenntnis, eine schwere innere Arbeit des Menschen fordere, ein Innewerden, ein Sich-Erinnern. Der König sagt zum Erfinder: ›Und nicht also für das Erinnern, sondern für das Gedächtnis hast Du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest Du den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar &#8230; und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch insgemein Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Scheinweise geworden sind, nicht Weise.‹ Und noch etwas mißfiel Sokrates/Platon an der Literatur: Was sie berichte, stehe zwar wie lebendig da, wenn man aber eine Frage an die Buchstaben habe, schwiegen sie sehr vornehm. Buchstaben seien eben nichts als tote, wenn auch leider sehr dauerhafte Zeichen, was dem Buch schließlich auch die unangenehme Eigenschaft eintragen werde, überall in der Welt herumzuvagabundieren und dabei den Verständigen nicht genug sagen zu können, andererseits aber zu ungelehrigen Menschen zu sprechen, denen gegenüber es besser gewesen wäre zu schweigen.</p>
<p>Aber warum interessiert uns Platons Literaturskepsis im Zusammenhang mit der Frage, ob das Fernsehen der Literatur hilft? Nun, sie hilft, unser Thema genauer zu fassen, vor allem die Schwaden von kulturgeschichtlichem Nebel und Weihrauch beiseite zu pusten, die um das Wort Literatur schweben, so als hätten wir es da mit einer Göttin zu tun; wir werden uns die Dame etwas näher ansehen müssen.</p>
<p>Außerdem fällt mir bei Platon auf, daß seine Warnungen vor der Literatur gewisse Parallelen aufweisen zu den heute geläufigen Warnungen vor dem Fernsehen. Hören wir nicht immer wieder von Pädagogen und Medienforschern, eine große Gefahr des Fernsehens vor allem für junge Menschen bestehe darin, daß sie alles fertig vorgesetzt bekämen und ihnen das Denken abgenommen werde, daß sie sich deshalb einbildeten, alles zu wissen, ohne je etwas an Geist und Seele erfahren zu haben? Raten nicht Lehrer und Psychologen immer wieder dringend davon ab, Kinder allein vor dem Fernsehen sitzen zu lassen, weil das Fernsehgerät zwar eine Menge zeigen und sagen, aber nie eine Frage beantworten könne, weil es eben trotz aller vorgespielter Beweglichkeit letztlich ein totes Ding sei – ganz wie die Buchstaben? Nehmen wir hinzu, daß Platon in dem von ihm entworfenen utopischen Staat die Homer- Lektüre ganz verbieten wollte, weil darin zuviel Gewalt und Sex und zu wenig Ehrerbietung gegenüber den Göttern vorkomme, und vergegenwärtigen wir uns, daß in den Vereinigten Staaten kürzlich der Einbau eines <em>antiviolence-chip</em> in alle Fernsehgeräte gesetzlich angeordnet wurde – haben wir nicht allen Grund zu der Annahme, daß diese Parallelen kein Zufall sind? Vielleicht verbirgt sich hinter dem auf den ersten Blick gespannten Verhältnis der beiden Kommunikationssysteme Literatur und Fernsehen eine stille Verwandtschaft – oder mehr? Darüber aber ein anderes Mal.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">VIII.</span></h2>
<p>»Ich habe das Gefühl, wir kommen nicht richtig voran. &#8230; Verlieren wir nicht unser Thema aus dem Auge? &#8230; Außerdem zweifle ich, ob wir eine angemessene Methode anwenden; schließlich gibt es eine empirische Sozialwissenschaft mit Statistiken und Marktanalysen, auch die Psychologie hat exakte Methoden entwickelt, Tests, Befragungen, Experimente, Checklisten. Und wir arbeiten – ja womit arbeiten wir überhaupt?«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">IX.</span></h2>
<p>»Wir arbeiten mit Briefen, Sie mit Ihrem Füllfederhalter, ich mit meinem Apple-Computer. Aber das ist nicht das Entscheidende an unserer Methode, das Entscheidende ist, daß wir <em>denken</em>. Das muß kein Fehler sein! Es gab in der Geschichte der Philosophie eine Gruppe, die sich die <em>Selbstdenker</em> nannte. Das sollte man wiederbeleben. Wir sind hier doch keiner Richtung, keinem Paradigma und keiner Fakultät etwas schuldig. Natürlich könnte man Statistiken erarbeiten, zum Beispiel könnte man die Ein schaltquoten von Literatursendungen messen und die Verkaufszahlen der darin behandelten Bücher vor und nach Ausstrahlung der betreffenden Sendung. Man könnte auch in Langzeitstudien das Leseverhalten von Vielfernsehern / Nichtfernsehern / Literaturfernsehern untersuche. Ich könnte Ihnen dann mit Hilfe meines Grafikprogrammes wunderschöne Säulendiagramme drucken – aber wußten wir damit wirklich etwas über unser Thema? Glauben Sie, man könne geistigen Realitäten wie ein Vermessungsbeflissener beikommen, mit Rechenprogrammen, spitzen Bleistiften und Millimeterpapier? Und welcherart wären die Daten, die wir mit den angeblich exakten Methoden gewönnen? Wir wüßten zum Beispiel aus den Einschaltquoten, wie viele Fernsehgeräte an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit angestellt und welche Programme eingeschaltet waren – was die Menschen vor dem Fernsehgerät machten, ob sie hinschauten, zuhörten, sich beeinflussen ließen, oder ob sie dösten oder bügelten, ob sie sich liebten oder sich gerade prügelten – das erfahren wir nicht. Ferner: Die Anzahl der verkauften Bücher sagt nicht viel über die Anzahl der gelesenen Bücher – und was heißt übrigens Lesen? Auguste Comte las nach seinem vierzigsten Lebensjahr kein einziges Buch mehr – und er war nicht der einzige schreibende Nichtleser; so mancher Literat hält es mit Kurt Tucholsky: Das bißchen, was ich lese, schreib ich mir selbst. So sonderbar es also klingt, so wahr ist es doch: Das Lesen gehört nicht zwingend zur Literatur.</p>
<p>Was Ihre Befürchtung betrifft, wir kämen nicht richtig voran und liefen gewissermaßen aus der Spur, so kann ich sie ebenfalls nicht teilen. Es kann sein, daß wir unsere Fäden im Kreise ziehen – aber es wird noch ein Netz daraus, wir müssen nur geduldig spinnen, und zwar durchaus in jedem Sinne des Wortes.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">X.</span></h2>
<p>»Betrachten wir nun, wie verabredet, die Dame Literatur etwas näher. Die Etymologie sagt: Das Wort Literatur kommt aus dem Lateinischen; litera – Buchstabe. Dieses lateinische Wort hat eine indogermanische Wurzel RI (LI), die wir wiederfinden in manchen europäischen Flußnamen wie Rhein und Rhone und Rhin, ferner auch in Wörtern wie rieseln und Rinne und Linie, es hat offenbar etwas mit dem Lauf in Zeilen zu tun (wer de-liriert, ist aus der Spur gekommen), literae sind die auf Linien laufenden Zeichen.</p>
<p>Cicero schreibt: Die Literatur besteht aus Buchstaben und aus dem Stoff, in den die Buchstaben eingedrückt sind. Das ist eine schöne, kalt-lateinische Definition: Beschriebenes und Geschriebenes – alles Literatur, die Zeichen und die Steine, die Buchstaben und das Papier, die Grabstele mit dem Epigramm so gut wie die Werbebeilage des Wochenkuriers mit den Angeboten für Haus und Garten.</p>
<p>Stadtführer, Lexikon, Speisekarte, CD-ROM und Mikro-Fiche – alles Literatur, und der Teletext auch und das unendliche Buchstabenall des Internet auch und natürlich das Fernsehgerät, der Monitor, wenn sich Buchstaben auf ihm versammeln dürfen.</p>
<p>Können wir mit dieser Definition etwas gewinnen für unser Thema? Jedenfalls soviel, daß wir auf den ersten Blick erkennen: Nicht alle Literatur in diesem weiten und materialistischen Sinne braucht Hilfe; sogar der größte Teil davon wird als lukrativer Wirtschaftszweig betrieben und ist jeder Form von Unterstützung durchaus unbedürftig: Die Neue Juristische Wochenschrift, die bestürzende Formular-Prosa der Steuer- und Sozialbehörden, die Faltblätter für Heimwerker und Auslandsreisende, Fußballjournale, die hundert Magazine vom gehäkelten Topflappen bis zum Laptop – das alles sind, ob wir es bedauern oder nicht, überaus profitable und lebenskräftige Zweige der Literatur – da ist nicht zu helfen, da brauchen wir keine Rankhilfen, eher schon Heckenscheren.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XI.</span></h2>
<p>»Wir haben also ein Abgrenzungsproblem. Wir wissen, daß wir nicht jede Literatur meinen, wenn wir fragen, ob das Fernsehen ihr hilft – aber welche wir meinen, das wissen wir noch nicht. Man könnte es mit einer negativen Bestimmung versuchen, indem man etwa sagte: Geholfen werden soll der wirtschaftlich nicht erfolgreichen Literatur.</p>
<p>Darunter fiele sicher mancher experimentelle Roman, die meisten Lyrikbände und philosophischen Essays, wir dürfen sogar sicher sein, fast alle großen Namen der Gegenwartsliteratur mit mindestens einem Werke in diesem Armenhaus versammelt zu sehen. (Von den alten Zeiten ganz zu schweigen, Baudelaire verdiente mit seinen Gedichten insgesamt keine 1000 Francs.) Aber es gibt auch Literatur, deren Niedergang wir gar nicht aufhalten wollen, Bücher, die sich schlecht verkaufen, weil sie schlecht sind; und auch wieder solche, die genial sind und ihrem Autor trotzdem viel Geld bringen. Charles Dickens wurde reich mit seinen Romanen, und der griechische Lyriker Simonides konnte es sich leisten, seine melancholischen Gesänge nur gegen Vorkasse anzustimmen; man sagt, er habe außer der Lyra stets ein hölzernes Geldkästlein mit sich getragen. Kurz-geistige Anspruchslosigkeit ist keine hinreichende Bedingung für wirtschaftlichen Erfolg, und deshalb können wir in literarischen Dingen nichts aber auch gar nichts am <em>cash-flow</em> messen.</p>
<p>Woran aber dann? Ich meine, Literatur, der zu helfen ernsthaft in Rede stehen kann, muß mindestens zwei Bedingungen erfüllen: Sie muß ein Produkt innerer Arbeit sein und auf den inneren Menschen zielen, und sie muß ein Bewußtsein ihrer Ästhetik haben. Es geht dabei wohlgemerkt nicht darum, ob ein Schriftwerk gelungen oder mißlungen ist, es geht um den Anspruch, den es macht. Es kann also sehr wohl die beiden Bedingungen erfüllen und trotzdem mißraten sein. Ein mißlungenes Gedicht ist mir lieber als ein gelungenes Werbeplakat. Das Gedicht will Geist und Seele in Bewegung setzen, unser ästhetisches Empfinden reizen, unsere Nerven berühren; es will etwas Neues ausdrücken, und es will es neu ausdrücken, es will Ausdruck sein. Die in meinem Verständnis nichtliterarischen Texte – es gibt sehr raffinierte darunter – erkennt man daran: Sie wollen nicht Ausdruck sein, sondern Eindruck machen. Sie erinnern sich, was Platon sagte: Die Zeichen – ganz für sich genommen sind tote Gegenstände, auf was sie hindeuten wollen, darauf kommt es an. Die Druckerzeugnisse, die wir hier als nicht hilfswürdig einordnen, die wir also nicht als Literatur im ernsten Sinne betrachten wollen, diese Druckerzeugnisse deuten bei näherem Zusehen immer auf ein und dasselbe hin: Auf Geld. Und das – ich denke, da sind wir uns einig – interessiert uns am allerwenigsten.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XII.</span></h2>
<p>»Was das Geld betrifft, da bin ich mir nicht so sicher. Sehen Sie. Was nicht veröffentlicht, gedruckt und verteilt ist, geht nicht durch den Literatur-Betrieb; es sind vielleicht trotzdem große Werke in einem idealistischen Sinne unter den Schubladenmanuskripten, aber niemand kennt sie, niemand hat sie je gesehen, diese Gedichte und Romane verharren in einer Existenz, die mindestens so geheimnisvoll ist wie die der Engel.</p>
<p>Zur Literatur gehört aber, daß wir sie körperlich wahrnehmen können, die Literatur ist eine harte, irdische Bildung, kein Engelsballett. Deshalb gehört der Betrieb dazu: Das geht beim Verkäufer in der Papierabteilung des Warenhauses los, und setzt sich fort beim Drucker (nicht zu vergessen der Druckmaschinenhersteller), dem Lektor, dem Verleger, dem Grossisten, dem Buchhändler, dazwischen tummeln sich Vertreter und Fahrer, Packer und Lagerarbeiter, Paketboten und Gewerkschaftsfunktionäre, und alle diese Personen gehören zur Literatur, und ihnen allen hilft das Fernsehen, wenn es der Literatur hilft.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XIII.</span></h2>
<p>»Nichts gegen Verleger und Händler! Nichts gegen die Kaufleute in den Fernsehanstalten! Die Literaten sollen Geld Geld sein lassen und sich freuen, wenn es Leute gibt, die sich mit einigem Anstand darum kümmern, daß der Rubel rollt. Solange sie nicht gerade Menschen oder Gift verkaufen, soll man den Handelsleuten ihre Wege nicht abschneiden. Nur ein gutverdienender Fernsehsender kann es sich leisten, gelegentlich ein paar Taler für die Literatur fallen zu lassen. Es gilt der Rat, den ein anonymer niederländischer Dichter des 16. Jahrhunderts den Mädchen gab: <em>Laet den coopman wandelen!</em> Und warum? Nun, wenn er gut verdient hat, dann bringt er Geschenke mit: Fraey juweelkens und, für die Dichter sehr viel wichtiger, <em>den wijn veel soeter dan amandelen</em> … <em>Laet den coopman wandelen!</em>«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XIV.</span></h2>
<p>»Warum haben Sie solchen Wert darauf gelegt, den Bereich der hilfswürdigen Literatur so eng abzustecken? Ist das nicht hochmütig, undemokratisch, elitär?«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XV.</span></h2>
<p>»Vielleicht ist es hochmütig usf. Jedenfalls aber ist es notwendig. Denn ich wollte nicht, daß, wie es manchmal vorkommt, eine kleine Ungenauigkeit zu Beginn uns am Ende meilenweit am Ziel vorbeisegeln läßt. Sehen Sie: Wenn Sie einmal darauf achten, welche Art Bücher in Fernsehsendungen empfohlen wird, so werden Sie feststellen, daß es sich gutenteils um Reiseführer oder Rechtsberater oder Anleitungen zum guten Essen, zum gesunden Schlafen, zur Entkrampfung beim Geschlechtsverkehr handelt – oder es dreht sich um Bücher, die offenbar ausschließlich deshalb gedruckt werden, weil ein (meist aus dem Fernsehen) bekannter Name zu Geld gemacht werden soll: Ein Ansager schreibt über Ethik, eine Schauspielerin über Kosmetik mit Gurken, eine Moderatorin über Urin-Therapie, ·ein Fußballer über das Schicksal (»Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch das Pech dazu«) – ein Blick in die Bestsellerlisten genügt, um festzustellen, daß der größte Teil der verkauften Bücher einem dieser Bereiche entstammt. Ich gebe zu, daß ich das meiste davon, Sie werden den Ausdruck verzeihen, für hundsgemeine und verlogene <em>Scheiße</em> halte, aber selbst, wenn es das nicht wäre, sondern wenn es sich um nützlich oder unterhaltsame Lektüre handelte, so hätte es doch mit Literatur in dem von uns entwickelten Sinne nicht das geringste zu tun; folglich kann man aus dem Erfolg eines solchen Buches im Anschluß an eine Vorstellung im Fernsehen nicht darauf schließen, das Fernsehen helfe der Literatur.</p>
<p>In diesen Fällen hilft das Fernsehen eben nicht der Literatur, sondern allein dem Kaufmann. Und ich meine, es ist falsch, ihm zu helfen, denn er braucht keine Hilfe. <em>Laet den coopman wandelen</em> – gewiß, aber tragen muß man ihn nicht.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XVI.</span></h2>
<p>»Sie haben einige Personen aus dem Literaturbetrieb nicht erwähnt, und wenn ich mich nicht täusche, handelt es sich da um ziemlich dicke Fische. Es geht um die Personen, die einen ganz entscheidenden Anteil haben, wenn es darum geht, der Literatur zu helfen oder auch ihr zu schaden: Es sind die Professoren und die Kritiker, die Kulturbeamten und die Preisrichter, unter ihnen wiederum sind die für unser Thema interessantesten die im Fernsehen auftretenden Kunstrichter. Sie stehen nämlich auf der Grenze zwischen den beiden Kommunikationssystemen Literatur und Fernsehen.</p>
<p>Ich will ein Bild gebrauchen: Diese Leute sind nicht die Köche im Hause der Literatur, aber sie sind die Vorkoster und die Kellner; diese Damen und Herren probieren, empfehlen und servieren. Ob als Chef de rang oder als Commis d’etage: Der Braten, zu dem sie nicht raten, wird selten bestellt. Manchmal spucken sie sogar in Anwesenheit des Gastes auf den Fisch des Hauses, und wenn der Koch protestiert, behaupten sie, es sei ihre moralische Pflicht so zu handeln, es liege im Interesse des Gastes, ja es sei sogar sein Recht, in aller Deutlichkeit vor dem mißratenen Braten gewarnt zu werden. Wenn der Koch, der, wie die meisten Künstler, hart am Rande der Hysterie wandelt, wenn also der Koch etwas bessere Nerven hätte, so würde er wohl den Kellner verprügeln und ihm sagen: ›Neidischer Mensch! Weil Sie selber so pathologisch phantasielos sind, daß Sie nicht mal ein Spiegelei würzen können, spucken Sie auf meine Meeresfrucht-Kreationen und Fisch-Phantasien. Wenn es nach Ihnen ginge, würde bis in alle Ewigkeit Tiefkühlkost nach den Regeln der Meister von gestern aufgetischt! Und wissen Sie was? Servieren kann fast jeder. Man braucht nicht mehr als eine ruhige Hand und ein blasiertes Gesicht. Kochen, verstehen Sie, etwas erschaffen, was es noch nie gegeben hat, das kann nur ich. Ich wette, die Gäste kämen auch dann, wenn sie ihre Teller mitbringen und in der Küche anstehen müßten!‹</p>
<p>Aber so antwortet der Koch nicht, er ist beleidigt, gekränkt, er weint und kreischt, zerdeppert die Töpfe, schlägt sich die Holzlöffel gegen den Kopf, verflucht sich, und manch einer hätte sich eigenhändig am Löffelhaken erhängt, wenn nicht der Kellner in seiner grenzenlosen Gnade und Herablassung – und vielleicht auch eingedenk des Umstandes, daß die Gäste ausbleiben könnten, von deren Zuneigung und Geld schließlich beide leben, Kellner und Koch – wenn er also nicht sich in letzter Minute bereitgefunden hätte, doch noch das eine oder andere freundliche Wort über die Arbeit des Kochs zu äußern, zum Beispiel, man könne den Braten zwar nicht genießen, aber immerhin essen, und bei der Sauce spüre man, was gewollt, wenn auch – noch – nicht erreicht sei.</p>
<p>&#8230; Wenn Sie darauf hinweisen, Schwierigkeiten zwischen Künstler und Vermittler habe es immer gegeben, das sei nicht spezifisch für die Vermittlung literarischer Kunstwerke durch das Fernsehen, dann gebe ich Ihnen Recht. Allerdings meine ich, das Fernsehen verschiebe die Gewichte zugunsten der Vermittler, weil sie vor sehr viel größerem Publikum und in leichter eingängigen Worten ihre Empfehlungen aussprechen als das auf der klassischen Wegen- Zeitung, Fachzeitschrift, Buch und Vortrag – möglich ist. Nehmen Sie hinzu die bunten Bilder, die Bewegung, die ganze professionelle Inszenierung einer solchen Literatur-Show durch ich weiß nicht wie viele Licht- und Schallspezialisten, Kostümbildner, Friseure, Innenarchitekten und animierte Computer – und halten Sie dagegen die notgedrungen kümmerliche Arbeitsweise einer Lyrikerin oder eines Romanciers: immer allein, alles von Hand und einzeln gefertigt, Auftritte sind nicht ihre Sache – wenn wir Berühmtheit, Geld und Massenwirksamkeit zum Maßstab nehmen, dann haben, um auf das Bild vom Literaturbetrieb als Restaurant zurückzukommen, die Kellner endgültig die Macht übernommen. (Über die Abschaffung der Köche wird nachgedacht.)«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XVII.</span></h2>
<p>»Hilft das Fernsehen der Literatur? Ja, ungefähr so wie die letzte Ölung dem Sterbenden.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XVIII.</span></h2>
<p>»Das Fernsehen hilft der Literatur, indem es sich selbst als ein neues Objekt der Bearbeitung durch die Literatur übergibt. Die Literatur ist bereichert worden durch das Fernsehen. Das Fernsehen ist eine neue Realität und eine neue Groß-Metapher; es tritt an die Seite der Rose und des Herzens, der Sterne und des Schiffs und des Meers. Die Literatur ist ein Meer; dahinein ist das Fernsehen gefallen; schon siedeln sich Muscheln und Korallen an.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XIX.</span></h2>
<p>»Er ist blind. Sein Inneres ist kompliziert. Aber er weiß nichts davon. Manchmal durchzuckt ihn diese Kraft, deren Wirkungen wir an ihm beobachten, von der wir aber keine wirklich genaue Kenntnis haben. Es ist eine bewegende Kraft, soviel ist sicher, und wer mit ihr in Berührung kommt, sollte sich vorsehen. Manche bezeichnen diese Kraft als übermenschlich. Es ist, als spräche ein anderes Sein durch ihn hindurch. Er ist ein Medium. Wessen Medium? Wer beherrscht ihn? Wer erleuchtet ihn, wenn er vor uns das Bild der Morgenröte mit den Rosenfingern aufscheinen läßt? Wir wissen es nicht. Es ist ein Wunder.</p>
<p>Er hat den besten Platz im Raum. Da, wo ihn alle sehen können. Wenn wir um ihn versammelt sind, haben wir nur noch Augen für ihn. Wir hören ihm zu. Wir sind gebannt.</p>
<p>Wir fühlen uns verzaubert. Wir vergessen unsere Sorgen, wenn er davon schweigt. Wir weinen, wir lachen, wir seufzen.</p>
<p>Sein Geist fährt in unsere Seelen. Wir sind begeistert.</p>
<p>In den Augenblicken, da diese Kraft ihn ergreift, scheint ein Knistern im Raum zu liegen, und diesem Knistern folgt manchmal ein gewisses Rauschen, oft mit unverständlichen Worten gemischt, als müsse sich die Klarheit seiner Rede aus einem Urgeräusch hervorkämpfen, als müsse die Schönheit seiner Bilder sich ausfiltern aus einem Übermaß an Licht, das, wenn es sich rein und unbearbeitet über uns ergösse, uns auf der Stelle erblinden ließe.</p>
<p>Aber er ist stärker als wir, er ist mutiger als wir, er setzt sich dem schrecklichen Andrang aus, dem gewaltigen Wellenschlag jener geheimnisvollen Kraft, der die Armut unserer Sprache Namen wie Gott oder Elektrizität gibt, ohne daß diese Namen uns der Aufdeckung des Mysteriums näherbrächten.</p>
<p>Dann breitet er Bilder vor uns aus: Küsse, Geburten, Schlachten, Feuersäulen, lachende, verzweifelte, sterbende Gesichter, Zorn und Sehnsucht, aber auch Landschaften, Abendgluten, Schneefelder, sterbende Wälder, lebendige Städte, brennende Reifen, Stahltürme, Steindome, Fußballspiele, Boxkämpfe, Redeschlachten – ach die Zahl der Bilder ist unermeßlich, er kümmert sich auch nicht um Raum und Zeit, er läßt uns auf den Flügeln einer Göttin vom Olymp nach Ägypten fliegen, er läßt die Maulwurfshügel von Alabama mit dem Ötztaler Alpenmassiv in eins verschwimmen – und wenn er endet, fühlen wir uns matt und leer, als hätten wir selbst die Götterflügel geschwungen über dem Mittelmeer, den Boxkampf geführt in Kansas City, die Redeschlacht bestanden im spanischen Parlament.</p>
<p>Wir sind entsetzlich müde, wenn der Dichter sein Buch schließt und sagt: genug für heute, mein Mund ist heiß vom Reden. Wir gehen ins Bett, wenn wir das Fernsehgerät abgeschaltet haben, und sein Körper ist noch warm.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XX.</span></h2>
<p>»Das Fernsehen steht zur Literatur vielleicht m einem ähnlichen Verhältnis wie die Photographie zur Malerei.</p>
<p>Kann man sagen: Die Photographie hilft der Malerei? Kann man so etwas vernünftigerweise überhaupt fragen? Ich meine: Ja. Die Photographie hat gegenüber der Malerei den unbestreitbaren Vorzug, die Welt – im rein realistischen Sinne – genauer und schneller abbilden zu können. Was bedeutet das für die Malerei? Sie wird dieses Feld der Photographie überlassen. Sie wird das zu malen versuchen, was der Photoapparat nicht sieht, sie wird in gewissem Sinne unrealistisch sein, sie wird expressiv sein, abstrakt, sie wird die Dimensionen des Geisteslebens und der Gefühle erforschen, sie wird Gedanken und Träume malen, und ihr Material erkunden; wenn ich mich nicht täusche, dann hat sie das auch vor Erfindung der Photographie getan, allerdings fast immer so, als bilde sie die äußere Welt ab; nun ist sie frei, neue Welten und neue Schönheiten zu erschaffen, die niemand mehr als Nachahmungen der äußeren Welt mißverstehen . kann: Der Kopist hat ausgedient.</p>
<p>Übertragen Sie das auf das Verhältnis Fernsehen und Literatur, und Sie sehen: Das Fernsehen hilft der Literatur; denn es zeigt ihr, was die Literatur schlechter kann als das Fernsehen, nämlich Bilder zeigen, die der äußeren Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich sind. Die Literatur tut also gut daran, diesen Bezirk der Mimesis nur mit großer Vorsicht zu betreten.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXI.</span></h2>
<p>»Woraus besteht die Nacht? Die Naturwissenschaft liebt es, Licht ins Dunkel zu bringen. Sie untersucht Dinge, die im Licht sind oder sie rückt Dinge ins Licht, lädt die Dunkelheit der Materie mit Energie auf, um Funken daraus zu schlagen, oder sie untersucht das Licht selbst: Über die Nacht dagegen, über die Dunkelheit selbst weiß sie wenig.</p>
<p>Neulich las ich, daß das All zu über neunzig Prozent aus schwarzer Materie bestehe, deren Gewicht man sogar berechnen könne: Die Nacht wiegt schwer. Sie verhält sich zum Licht wie der Rahmen zum Bild. Ein schöner Rahmen, sagt Baudelaire, <em>ajoute a la peinture</em> <em>&#8230; Jene sais quoi d’etrange et d’enchante</em> – was immer wir sehen ist Licht, und es hat seine Fremdheit und seinen Zauber auch von der Schwärze, die es umschließt.</p>
<p>Das Fernsehen kann Dunkelheit nicht zeigen, sowenig wie der Hörfunk Schweigen übertragen kann. Der dunkle Zustand in und außerhalb des Menschen ist die Chance der Literatur. ›Auch das muß man bedenken, daß der erste Teil (<em>des Faust</em>) aus einem etwas dunklen Zustande des Individuums hervorgegangen. Aber eben dieses Dunkel reizt die Menschen, und sie mühen sich daran ab, wie an allen unauflösbaren Problemen.‹ (Goethe).«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXII.</span></h2>
<p>»Das Fernsehen ist ein Fenster, sagte man früher, ein Fenster zur Welt. Das Fenster steht im Zimmer. Die Welt ist nah und handlich. Ein Kormoran im Wohnzimmer, der Dalai Lama beim Abendessen – ›Nimm mal dein Knie da weg, du versperrst mir die Sicht auf den Kilimandscharo!, Das erinnert mich an den griechischen Philosophen, der, während er im Grase lag, gefragt wurde, wie groß die Sonne sei; er antwortete: ›Etwas kleiner als mein rechter Fuß.‹</p>
<p>Die Welt erscheint in mehrerlei Gestalt. Man weiß nicht genau, ob sie in Wahrheit eine einzige ist und nur ihre Erscheinungen im Fenster wechseln, oder ob sie tausendfach zerteilt ist – vielleicht haben wir es sogar, wie Giordano Bruno annahm, mit unendlich vielen verschiedenen Welten zu tun. Manchmal besteht die Welt aus Wald und Blaskapellen, manchmal aus Kaffeewerbung, dann aus Feuer im Asylheim, meistens aber aus jungen Männern, die nach dem Pausentee wie verwandelt aus den Kabinen kommen und auf dem Rasen ein Feuerwerk abbrennen, sehr selten dagegen aus Literatur.</p>
<p>Wenn sie aus Literatur besteht, dann gibt es drei Möglichkeiten.</p>
<p>Erstens: Die in Fernsehbilder aufgelöste Literatur: das aufgeschlagene Buch. Effi Briest von Faßbinder. Die Bibel von Leo Kirch. Der Tod eines Handlungsreisenden mit Dustin Hoffmann. Zum Beispiel.</p>
<p>Zweitens die Kulturmagazine, in denen Bücher und ihre Autoren vorgestellt werden. Wir sehen eine Frau mit langen, melancholischen Locken ihren außerordentlich geläuterten Blick vorzugsweise über karstige Landwege oder Industrie-Ruinen oder ein Kreuz oder einen zugefrorenen Weiher werfen, und wir hören dazu vielleicht folgenden Kommentar: ›Der 33jährigen Britta N. ist mit ihrem zweiten Buch ein großer Wurf gelungen. Das äußerlich schmale Werk ist eine Parabel, läuternd und erneuernd wie der Tod; sie läßt das Wort dort seine Wirkung tun, wo es mächtig ist.‹ Meistens ist die Stimme des Sprechers bei solchen Filmen ein wenig belegt, ich glaube, es ist die besorgte Stimme des SCHLARAFFIA-Mannes.</p>
<p>Der dritte Bezirk der Literatur-Welt im Fenster besteht in Gesprächen. Das beliebteste deutsche Literatur-Gespräch ist das Literarische Quartett im Zweiten Deutschen Fernsehen. Bis zu einer Million Menschen sehen zu. Das ist wenig verglichen mit Fußball-Reportagen, viel im Vergleich zu den Auflagen literarischer Bücher.</p>
<p>Hilft das alles der Literatur? Es schadet nicht und hält im öffentlichen Bewußtsein, daß es so etwas auch noch gibt: Dichtung, Wahrheit, Form und freies Gelächter zwischen all dem krampfhaft bunten Tüll und Müll.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXIII.</span></h2>
<p>»<em>Aus unbegreiflicher Verwandlung stammen</em> diese literarischen Gebilde – Wünsche, Gedanken, Gefühle, Gebäude, Menschen scheinbar aus nichts als Buchstaben und Papier gemacht.</p>
<p>Einen Satz wie, Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden.‹ kann man nicht im Fernsehen als ein Bild zeigen. Nicht weil er sinnlos wäre, sondern im Gegenteil, er hat zuviel Sinn. Die sonderbare Stimmung eines Gedichts, oder eine Romanfigur, zum Beispiel Herr Grünlich im erbsenfarbenen Beinkleid und mit einer Träne in den goldgepuderten Favoris – einen solchen Mann kann es nur in der Literatur geben, niemals im Fernsehen. Im Fernsehen müßte er außer dem Beinkleid und den Favoris auch noch Augenbrauen haben, Wimpern, Nase, Ohr, Fingernägel, Stimme, Runzeln, Pickel, braune oder blaue Schuhe, kurz er müßte so komplett sein, daß wir uns nichts mehr hinzudenken könnten. Die Bilder, die wir uns aus den Personenbeschreibungen in Romanen zusammensetzen, existieren allein in unseren Köpfen, und ich bin sicher, daß Buddenbrooks’ Schwiegersohn Grünlich in Ihrem Kopf anders aussieht als in meinem. Und so macht sich jeder Leser sein Bild. Sonderbarerweise leben diese Gestalten trotzdem, ich jedenfalls spreche recht gern mit David Copperfield und seiner Tante Betsey Trotwood.</p>
<p>Die Beschreibung einer Person im Roman ist notgedrungen unvollständig; das Fernsehbild einer Person ist dagegen ebenso notgedrungen vollständig.</p>
<p>Ist es eine Hilfe für die Literatur, wenn das Fernsehen Effi Briest und Wilkins Micawber Esq., Leopold Bloom und Zazie in der Metro ihrer hunderttausend ideellen Existenzen in allen Sprachen und Klimaten der Erde beraubt? Plötzlich hat die Familie Briest nur noch ein einziges Haus und Odysseus ein einziges Gesicht, und das sieht fast aus wie das meines Nachbarn, der ein guter Boxer und im übrigen Kostenbeamter beim Landgericht München II ist. In den Vorankündigungen solcher Literatursendungen heißt es dann gern, der ·Schauspieler S. habe der Romanfigur R. ›Leben eingehaucht‹. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich fühle mich meistens desillusioniert – und zwar ausgerechnet durch die Illusion des Fernsehbildes.</p>
<p>Nicht, daß ich etwas gegen solche Fernsehversionen von Romanen hätte, im Gegenteil – nur fuhren sie nicht zum Buch hin, sie sind keine Hilfe für die Literatur, sondern es verhält sich gerade umgekehrt: Die Literatur ist es, die hilft, die Vorwürfe liefert für Stoffe und Personen – und das Fernsehen muß dieses Material in seine helle, schnelle Sprache übersetzen, das ist <em>seine</em> Verwandlungskunst.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXIV.</span></h2>
<p>»Sollen wir noch einmal alles durchgehen, das Helfen, das Fernsehen, die Literatur, um zu sehen, ob wir auch nichts vergessen haben? &#8230;</p>
<p>Nein, nicht alles, Vollständigkeit ist langweilig. Fügen wir hinzu, was uns gerade noch einfällt, scheuen wir auch nicht die eine oder andere Wiederholung, lernen wir von der Musik. « XXV.</p>
<p>»Das Fernsehen ist a) ein technisches Gerät, b) ein Mediensystem, c) eine Tätigkeit, d) eine Sprache.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXVI.</span></h2>
<p>»Die Tätigkeit des Fernsehens, ausgeübt vom Literaturhersteller, kann sie der Literatur helfen? Schreibt jemand bessere Bücher, je mehr er fernsieht? Ich denke, er wird nicht bessere, sondern gar keine mehr schreiben, wenn er viel fernsieht, denn zum Schreiben braucht er Zeit, und Ruhe zum Nachdenken und zum Üben, er muß ja durch hundert Fehlversuche hindurch wie ein Klavierschüler, bis er seinen Ton gefunden hat. Da bleibt nicht viel Zeit zum Zappen. Aber wird denn die Erfahrung des Autors, seine Kenntnis von der Welt nicht verbessert, wenn er möglichst oft einen Blick durch das Fenster zur Welt wirft? Wird er nicht, wenn er die Leiden und Vergnügen seiner Zeitgenossen kennen will, die nun einmal großen Teils mit dem Fernsehen zusammenhängen, wird er, allein am Schreibtisch und mit nichts als Silben und Sätzen beschäftigt, nicht den Zusammenhang, die Gemeinsamkeit der Bilder und Lieder, des Lebensrhythmus und des Wortgefühls verlieren? Sieh überall mit Deinen eigenen Augen, sagte Lessing, und das ist alles, was ich zu erwidern habe. Wer das Fernsehen als Fenster zur Welt betrachtet, sieht eben nicht mit eigenen, sondern mit fremden Augen. Nur wer die Fernsehbilder, und mögen sie sich noch so sehr den Anschein des Realismus geben, nicht mit der Welt verwechselt, sondern sie als Sprache, als Bildersprache – eine Art elektronischer Version der chinesischen Schrift – betrachtet, kann etwas lernen beim Fernsehen.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXVII.</span></h2>
<p>»Das Fernsehen, verstanden als Tätigkeit, diesmal aber ausgeübt nicht vom Autor, sondern vom potentiellen Rezipienten – hilft das der Literatur? Ich glaube: Auf Umwegen: Ja. Ich meine damit nicht so sehr die-meßbare und unbestrittene – stimulierende Wirkung von Literatursendungen auf den Verkauf von Büchern. Sie mag eine finanzielle – und durchaus nicht zu verachtende (Laet den coopman wandelen!) – Hilfe für diesen Verleger und jenen Autor und auch eine Freude für den Händler und den Gewerkschaftsfunktionär bedeuten. Aber man darf eben nicht Bücherkaufen mit Bücherlesen verwechseln, und selbst wenn alle die verkauften Bücher auch gelesen würden, wären sie damit doch nicht automatisch auch verstanden worden.</p>
<p>Zwischen 18 und 22 Uhr sitzen an jedem Tag in Deutschland bis zu 30 Millionen Menschen vor einem Fernsehgerät. Was werden sie dort tun? Buddenbrooks lesen? Auf Lektüre -Anregungen warten? Nein, man soll nicht an dem vorbeisehen, was offenkundig ist. Fernsehen ist einfacher als Lesen. Fernsehen geht auch schneller: Kaum ein Spielfilm dauert länger als 100 Minuten, und selbst der geübteste Querleser braucht zehn Mal so lange, um einen Roman mittleren Umfangs zu lesen.</p>
<p>Der Unterschied zwischen Fernsehen und Lesen ist ungefähr dem zwischen Laufen und Autofahren vergleichbar.</p>
<p>Selbstverständlich ist es richtig, daß es eine statistische Korrelation zwischen der Zunahme des Autoverkehrs und der Entwicklung des Verkaufs von Jogging-Schuhen gibt. Gewiß bestehen auch zwischen den Phänomenen Autofahren und Jogging diverse kleinkausale Verknüpfungen.</p>
<p>Unsinnig wäre es allerdings, daraus zu schließen, Autofahren fördere die Fortbewegung auf Füßen. Das genaue Gegenteil ist evident, umgekehrt wird ein Schuh daraus. – Die Wahrheit ist, daß die Lektüre von Literatur als eine Form, Bilder von der Welt zu gewinnen, umständlich, luxuriös, langsam, altmodisch und anstrengend ist – so wie die Fortbewegung auf den eigenen Füßen. Und genau da liegt die Chance: Nicht nur der Körper verlangt nach Bewegung, auch, so altmodisch das klingt, Geist und Seele verlangen danach. Das Fernsehen kann dieses Verlangen nicht befriedigen, weil seine Bilder einerseits zu komplett sind, andererseits nicht in die Dunkelheiten dringen, die unseren Geist reizen. Deshalb macht ausgiebiges Fernsehen, wie Sie sicher schon an sich selbst beobachtet haben, unzufrieden. Wer dieser Unzufriedenheit nachgeht, läuft vielleicht der Literatur in die Arme. Es wäre schön, wenn die Dame dann nicht hochmütig wäre – ich meine, sie sollte den Neuankömmling seine unvermeidliche Verwirrtheit nicht spüren lassen und statt dessen sagen: <em>Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient, I So werde ich ihn bald in die Klarheit fuhren. I Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt, I Daß Blüt und Frucht die künft’gen Jahre zieren.</em>«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXVIII.</span></h2>
<p>»Das Fernsehen als Sprache, als Zeichensystem, ist der Literatur zugleich über – und unterlegen. Es liefert die realistischen Bilder, die beim Leser zu evozieren sich Generationen von Romanciers bemüht haben, und es liefert sie reicher, schneller, bunter, kräftiger und genauer als sie je ein Leser in den Vorfernsehzeiten erträumt haben kann.</p>
<p>Zugleich ist es in der Lage, das Zeichensystem der Literatur zu integrieren. Für die Literatur eröffnet sich die Chance, die Sprachen zu vermischen, eine neue Schrift, eine neue Sprache zu erfinden, eine neue Ausdruckswelt zu erschaffen. Wenn Sie schon einmal auf einem der großen kommerziellen Kanäle auf eine Produktion von Alexander Kluge gestoßen sind, dann wissen Sie, was ich meine.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXIX.</span></h2>
<p>»Gestern im Radio beklagte ein Schriftsteller den Untergang der Schreibmaschine und den Vormarsch der Computer.</p>
<p>Daß die Buchstaben nicht mehr auf Papier, sondern auf Fernsehschirmen erschienen, daß alles so lautlos zugehe und entmaterialisiert, daß die Tasten des <em>keyboards</em> den Fingerkuppen des Dichters keinen spürbaren Widerstand entgegenbrächten, ganz anders als die <em>gute alte Olivetti</em> – dies alles nehme dem Schreiben seine Qualität als vitale Handlung, es zerstöre die faßbare Bindung zwischen Produkt und Produzent und führe zu Texten von ausschweifender Schludrigkeit. Wissen Sie, für was ich solche Klagen über den Untergang der abendländischen Sonne halte: Für Kitsch! <em>Die alte Olivetti</em> – das ist der röhrende Hirsch des Schriftstellers. Wußten Sie, daß Cicero überhaupt nicht geschrieben hat? Er diktierte! Und zwar seinem Schreibsklaven Tyro, dem Erfinder der Kurzschrift. Ich empfinde alles, was mich beim Schreiben von materiellen Widerständen entlastet, als angenehm.</p>
<p>Diese wunderbaren Textprogramme, mit denen man seine Sätze in Sekundenschnelle durcheinanderwirbeln kann, dieses Schneiden ohne Schere, Kleben ohne Leim – ich nutze es gern und bin weit entfernt, es zu verachten. Übrigens: Wer den Widerstand gegen die Produktion von Gewäsch nicht im Kopfe spürt, dem hilft auch kein Schreibinstrument – er würde selbst mit Stein und Meißel der Logorrhoe erliegen.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXX.</span></h2>
<p>»Jetzt sind wir wohl doch, wie man so sagt, ein wenig vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen. Ich habe das Gefühl, meine Gedanken hätten sich im Laufe der Zeilen verirrt, zersplittert, oder sollte ich sagen: In tausend bunte Punkte aufgelöst. Aber das ist ja, wie mir gerade auffällt, immer so, wenn man das Fernsehen ganz nah sieht.«</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">XXXI.</span></h2>
<p>»Alles läuft in Zeilen: Musik, Literatur, Fernsehen. Aber sowenig die Musik eine Ansammlung von Noten ist, sowenig ist Literatur eine Ansammlung von Buchstaben und Fernsehen eine Ansammlung von leuchtenden Punkten.</p>
<p>Die Zeichen sind nicht das Entscheidende. Warum haben die Steine geweint, als Orpheus sang? Nicht wegen der Noten. Warum sind wir erschüttert, wenn wir die Verteidigung des Sokrates lesen? Nicht wegen der Buchstaben.</p>
<p>Warum rührt uns das Bild Martin Luther Kings im Fernsehen? Dahinter muß eine sonderbare Kraft sein, die sich in Zeichen zeigt und unsere steinernen Herzen verwandelt.«</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/kennwort-kaspar/">Kennwort Kaspar</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Plagiatur et altera (p)ars</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/plagiatur-et-altera-pars/</link>
		
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		<pubDate>Sun, 23 Sep 2018 10:25:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Plagiatur et altera (p)ars Die Fälschung der Welt durch Recht, Kunst und Literatur in William Gaddis’ Roman Letzte In-stanz &#160; Wenn das Recht über die Kunst urteilt, wenn die Kunst das Recht malt oder modelliert und wenn sich beide in der vielschichtigen Zeichenwelt der Literatur gespiegelt finden, dann kann es nicht ausbleiben, dass die drei [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/plagiatur-et-altera-pars/">Plagiatur et altera (p)ars</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Weltenbummler.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1>Plagiatur et altera (p)ars</h1>
<h3><span style="color: #808080;">Die Fälschung der Welt durch Recht, Kunst und Literatur in William Gaddis’ Roman Letzte In-stanz<span class="tooltips " style="" title="Die Vortragsform wurde für diese Lesefassung im Wesentlichen beibe-halten. Auf Fußnoten habe ich weitgehend verzichtet. Wer sich über William Gaddis unterrichten will, findet in den »Gaddis Annotations« alles – wirklich alles – im Internet unter: www.williamgaddis.org. Die Mu-sik- und Bildeinblendungen, von denen der Vortrag begleitet war, kön-nen naturgemäß nicht wiedergegeben werden. Die Ausschnitte aus dem Interview mit William Gaddis habe ich einem Rundfunk-Feature von Walter van Rossum entnommen, das der DLF produziert und mir für die Zwecke des Vortrags – wie auch weitere Tondokumente – großzü-giger Weise zur Verfügung gestellt hat. Dafür danke ich dem Deutsch-landfunk und Walter van Rossum sehr herzlich. Ebenso gilt mein Dank Herrn Thomas Böhm (Literaturhaus Köln) für seine hilfreichen Hin-weise, Martin Brune (Weimar) für die Aufbereitung des Tonmaterials und Frau Dr. Ulrike Brune (Weimar/Erfurt) für viele klärende Gesprä-che.">*</span></span></h3>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wenn das Recht über die Kunst urteilt, wenn die Kunst das Recht malt oder modelliert und wenn sich beide in der vielschichtigen Zeichenwelt der Literatur gespiegelt finden, dann kann es nicht ausbleiben, dass die drei Welten, indem sie einander abbilden, einander zugleich verzerren und verfälschen. Bei näherer Überlegung wird klar, dass keines der vom Menschen entwickelten Ausdruckssysteme – sei es ein naturwissenschaftliches, künstlerisches, literarisches, soziologisches oder sonst eines – die ganze Wahrheit geben kann. Man fragt sich schließlich, ob es diese ganze Wahrheit und die eine Welt im Original überhaupt gibt, oder ob die Idee einer ganzen Wahrheit nicht ihrerseits eine allerdings tröstliche Fälschung ist.</p>
<h4>I. Der Fall Zyklon Sieben</h4>
<p>In seinem Roman <em>Letzte Instanz</em> gibt William Gaddis <span class="tooltips " style="" title="William Gaddis, Letzte Instanz, Deutsch von Nikolaus Stingl, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003."> [1] </span>ziemlich am Anfang über 15 Seiten hinweg ein Gerichtsurtei <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 33–48. "> [2]</span> in voller Länge wieder. Es beginnt wie folgt:</p>
<p>»URTEIL<br />
CREASE, Richter.</p>
<p>Der klageerhebliche Sachverhalt ist unstreitig. Am Morgen des 30. September blieb ein in der Gemeinde <em>Tatamount (Virginia) </em>freilaufender und unter dem Namen Spot aktenkundiger Hund im unteren Bereich einer voluminösen Stahlskulptur mit dem Titel Zyklon Sieben stecken …  Auf der Suche nach seinem Schützling stellte der Halter des Hundes, der siebenjährige James B., vom Gewinsel und Gebell des Tiers alarmiert, dessen Notlage fest. Seine vergeblichen Bemühungen, es daraus zu befreien, wurden von einem Passanten unterstützt, dem sich umgehend andere anschlossen, deren gemeinsame Versuche, das unglückliche Geschöpf durch gutes Zureden, Einschüchterung und Täuschung hervorzulocken, dessen Zwangslage freilich eher verschlimmerten, insofern sie es noch tiefer in das Gebilde hineintrieben. Diese fruchtlosen Aktivitäten zogen in der Folge einen repräsentativen Querschnitt der örtlichen Bevölkerung an, von den üblichen Müßiggängern und älteren Mitbürgern bis hin zu Angehörigen des Gemeinderats, des Sheriffbüros, der Feuerwehr sowie, kaum verwunderlich, Artgenossen des Opfers selbst, und nachdem sich der Vorfall bis zum Abend in den benachbarten Weilern herumgesprochen hatte, erschienen nicht nur deren Bewohner in solcher Zahl, dass ein ausgedehntes Verkehrschaos entstand, sondern es fanden sich auch Vertreter der örtlichen Presse sowie ein umtriebiges Fernsehteam am Ort des Geschehens ein. Obwohl es gelang, Mittel und Wege ausfindig zu machen, um den Hunger des Hundes zu stillen, dauerte dessen unfreiwillige Gefangenschaft bis weit in den folgenden Tag hinein an; zu diesem Zeitpunkt fasste der vollzählig tagende Gemeinderat den Beschluss, die Feuerwehr zu beauftragen, mittels Schneidbrennern in das Gebilde einzudringen, um das Tier zu bergen …</p>
<p>Durch die Medien auf die Bedrohung seines Werkes aufmerksam geworden, beantragte <em>der Urheber des bewussten Kunstwerks, </em>Mr. Szyrk, von seinem Atelier in SoHo, New York, aus unter Verweis auf die »Notwendigkeit, unmittelbaren und irreparablen Schaden« von seiner Skulptur abzuwenden, eine einstweilige Anordnung auf Unterlassung, … , während zwecks Bergung des Tiers bereits die Schneidbrenner entzündet wurden… «</p>
<p>Es geht also um einen Antrag auf Einstweilige Verfügung. Der Künstler will erreichen, dass das Gericht sein Kunstwerk vor der Feuerwehr rettet, die ihrerseits beabsichtigt, einen Hund zu retten, um ein Kind zu trösten. Ich werde gegen Ende meiner Ausführungen auf diesen Fall zurückkommen, in dem sich Kunst und Kreatur, Recht und Literatur so beispielhaft ineinander verknoten, dass man glauben könnte, William Gaddis habe die Geschichte eigens für eine Tagung zum Thema Recht, Kunst und Literatur erfunden.</p>
<h4>II.<em> A Frolic of his own</em></h4>
<p>Der 1995 auf Englisch erschienene Roman trägt im Deutschen den Titel »Letzte Instanz«. Das passt nicht sehr gut, soll aber wahrscheinlich die auf court-room-stories abonnierte und auf Titel wie <em>Der Prozess</em>, »Der Richter«, »Die Akte« usw. ansprechende Leserschicht gewinnen. Der Roman unterscheidet sich allerdings maßgeblich von dieser Art Literatur, und zwar zunächst einmal ganz oberflächlich dadurch, dass er nur am Rande die moralisch so ergiebige Welt des Strafrechts betrifft. Die Prozesse, mit denen sich die Romanfiguren zu plagen haben, sind Zivilprozesse, und das heißt sie sind selten herzergreifend, manchmal verflochten, gelegentlich überflüssig und eigentlich immer zu teuer.</p>
<p>»A frolic of his own« ist der amerikanische Originaltitel des Romans und ich dachte anfangs, er hätte irgendetwas mit dem gleichnamigen Hundefutter zu tun, was aber nur sehr indirekt der Fall ist. Das englische Wort frolic stammt aus der indogermanischen Wurzel pro, deren Grundbedeutung vorwärts, steil, jäh, schnell ist. Im Niederländischen wurde daraus vrolijk, im Deutschen fröhlich. Das englische frolic hat mehr von der Urbedeutung bewahrt und heißt soviel wie »Herumtollen« oder »Außer Rand und Band sein«. »A frolic of his own« ist nun ein im Jahre 1834 von dem englischen Richter Baron Parke geprägter und bis heute gebräuchlicher Ausdruck der anglo-amerikanischen Rechtssprache. Er umreißt die Grenze der Verantwortlichkeit des Dienstherrn für die von dem Dienstverpflichteten verursachten Schäden. Grundsätzlich muss derjenige, der sich der Dienste eines anderen bedient, zum Beispiel ein Arbeitgeber, für die Schäden haften, die der Dienstverpflichtete, also zum Beispiel der Arbeitnehmer, in Ausübung der Dienste verursacht. Begibt sich aber der Arbeitnehmer im wörtlichen oder im übertragenen Sinn, zum Beispiel aus einer Laune heraus, auf Abwege, dann ist dieser Arbeitnehmer »on a frolic of his own«. Die Haftung des Dienstherrn endet. So,</p>
<p>»wenn zum Beispiel ein Büroangestellter mit einem Gummiband Büroklammern verschießt, und einer verliert dabei ein Auge, dann sagt man, er hat <em>on a frolic of his own </em>gehandelt, aus privater Lust und Tollerei, keine Absicht, sich im Sinne des Betriebes seines Arbeitgebers zu betätigen … .« <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 473. "> [3]</span></p>
<p>Ein paar Bemerkungen zur anglo-amerikanischen Rechtskultur, von der ich den Eindruck habe, dass sie der Denkweise des kontinentaleuropäischen Juristen nach wie vor nicht recht behagt. Der kontinentaleuropäische Jurist scheint mir ein Systemdenker zu sein, der Amerikaner Problemdenker: Recht ist, was der Fall ist. Für den Europäer ist das Recht eine Gesetzessammlung, für den Amerikaner eine Entscheidungssammlung, der Europäer bevorzugt unter den Juristen den Rechtswissenschaftler und den Gesetzgeber, der Amerikaner den Richter und den Rechtsanwalt. Wenn ein deutscher Richter sich einen Namen machen und als Person Ruhm erwerben will, muss er Bücher schreiben und Honorarprofessor werden. Ein amerikanischer Richter erwirbt sich persönlichen Ruhm durch seine Urteile.</p>
<p>Das ist natürlich <em>cum grano salis </em>gesprochen. Die Rechtsordnungen nähern sich einander an. Die Anzahl der Gesetze in den USA steigt, umgekehrt die Bedeutung des Richterrechts in Deutschland. Wir beklagen in Deutschland vielfältige Überlagerungen und Chaos erzeugende Interferenzen zwischen nationalem und dem europäischem Recht, das seinerseits auf undurchsichtige Weise, vermutlich eher nach aleatorischen Methoden in Brüssel, Straßburg und Luxemburg erzeugt wird.  Aber auch in den USA gibt es postmodernen Normenwildwuchs und begriffliche Ziselierungen, deren Feinsinnigkeit an die spätscholastische Theologie erinnert. Möglicherweise sind wir Zeugen einer erdumspannenden Entropie der juristischen Systeme, aber lassen wir das. Hören wir, wie William Gaddis Lage des Zivilrechts einschätzte:</p>
<p>»Die ganze Idee des Rechts war wahrscheinlich ursprünglich: Was bringt uns zusammen? Was lässt uns in Frieden zusammen leben, ohne dass wir uns gegenseitig erschießen? Jetzt ist das ganze Recht so kompliziert geworden, dass es selbst dazu beiträgt, uns das Leben zu erschweren. Ich meine vor allem das amerikanische Zivilrecht mit seiner Kasuistik der Präzedenzfälle. Und deshalb lautet der erste Satz meines Romans: Gerechtigkeit gibt’s im Jenseits, in dieser Welt gibt’s das Recht.«</p>
<p>Die wichtigste Gemeinsamkeit zwischen den kontinentalen und den angelsächsischen  Rechtsordnungen bestand schon immer. Es gibt kein Recht ohne Sprache – Law is language. Und gerade hier, in der Sprache, treten die Unterschiede des Denkens hervor: Die deutschen Richter sind darauf bedacht, jede persönliche Note zu vermeiden. Rechtsgeschichtliche, allgemein-historische, philosophische, kunsttheoretische, literarische und ähnliche Betrachtungen findet man in Urteilen deutscher Bundesgerichte selten. Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen, dass solche Betrachtungen im Allgemeinen auch nicht angestellt werden, jedenfalls nicht im Dienst. Wenn jemand dagegen verstößt, so wird man den betreffenden Kollegen im Stillen als einen komischen Vogel ansehen, offiziell wird man ihm respektvoll versichern, er verstehe es, »über den Tellerrand zu schauen«, wobei mit dem passenden Bild des deutschen Suppentellers zugleich die Weite des Horizonts beschrieben ist, über den hinauszublicken der deutsche Richter als gewagt empfindet, – außerdienstlich kann das alles natürlich ganz anders aussehen. Im Gegensatz dazu scheint mir das amerikanische Urteil geradezu ein <em>literarisches</em> Genre zu sein, irgendwo zwischen Erzählung, Rede und Essay angesiedelt, in dem sich Bildung, Witz, Pathos und die hohe Kunst der geistreich-hintersinnigen Abschweifung mischen. Lawrence Sterne lässt allenthalben freundlich grüßen.</p>
<h4>III. Dramatis personae</h4>
<p>William Gaddis war ein außerordentlich belesener Schriftsteller und ein raffinierter Künstler. Wer will, begegnet in seinen Büchern Platos Dialogen und Michelangelos Gedichten, Richard Wagners Stabreimen und Frederic Chopins Etüden, er trifft Freud und Melville, Thomas Bernhard und die großen amerikanischen Philosophen bis hin zu Gertrude Himmelfarb und vielen andere mehr, allerdings oftmals in den unscheinbarsten Verkleidungen. Der Leser darf damit rechnen, dass die Sätze mehrdeutig und Geschichten hinter den Geschichten zu finden sind. Gaddis montiert Gesprächsfetzen und Zeitungsausschnitte, Werbeslogans aus Postwurfsendungen, Gedichte und fingierte amtliche Schriftstücke und als cantus firmus ist nicht selten eine Stimme aus dem Radio oder dem Fernsehen zu vernehmen, die die Romanhandlung mit litaneiähnlichen Staumeldungen, dümmlichen Quizfragen, Anpreisungen von Abführmitteln und den Blut- und Feuergeschichten der abendlichen News-Shows untermalt – es ist eine vielstimmige Sprachsymphonie und zugleich ist alles wie im richtigen Leben: Kaum jemand kann seinen Satz zu Ende sprechen, immer redet einer dazwischen und manches leichthin gesprochene Wort entfaltet seinen Sinn erst hundert Seiten später. Dem Leser wird viel abverlangt. Denn Gaddis verzichtet darauf, die Motivlagen und Gefühle seiner Protagonisten zu kommentieren. Der Leser muss sich die Handlung zu einem guten Teil selbst erschließen. Ihm wird das präsentiert, was man hören und sehen kann, also die Außenansicht, die Bewegungen der Personen im Raum und in protokollarischer Genauigkeit das, was sie sagen.</p>
<p>»A frolic of his own« ist so vor allem ein Dialogroman, nähert sich also stark einem Drama an. Deshalb will ich, wie bei Theaterstücken jedenfalls früher üblich, die dramatis personae kurz vorstellen. Man versuche nicht, sich Einzelheiten zu merken. Es verliert sich sonst der rote Faden, der bei diesem Roman nicht zuletzt darin besteht, dass sehr viel Absurdes nebeneinanderher läuft und man trotzdem irgendwie weiter kommt, wenn auch nicht immer vorwärts.</p>
<p>Oscar Crease, Universitätsdozent von unbestimmt fortgeschrittenem Alter, wohnt auf Long Island in einer ehemals prachtvollen, nun heruntergekommenen Villa, um die ständig eine Grundstücksmaklerin mit rotlackierten Fingernägeln herumflattert wie ein nervöser Geier. Oscar führt einen Plagiatsprozess gegen einen Hollywood-Regisseur und einen Schadensersatzprozess wegen eines Unfalls. Sein Haus ist mit Zeitungsausschnitten und Bücherstapeln vollgestopft, Oscars Gehirn sieht ähnlich aus. Aufgrund der unfallbedingten und auf Anraten des Anwalts nur zögernd heilenden Verletzungen ist er während der gesamten Zeit, in der der Roman spielt, in seiner Bewegungsfreiheit so eingeschränkt, dass es dem Autor leicht fällt, das aristotelische Grundgesetz der Dramaturgie, nämlich die Einheit von Ort, Zeit und Handlung im Großen und Ganzen zu wahren. Er liegt zuerst auf der Unfallstation, aber von Seite zehn bis Seite siebenhundert spielt sich alles bei ihm zu Hause ab. Er kurvt in einem mit Kinderhupe ausgestatteten Rollstuhl durch die Zimmer, am Schluss steht er auf eigenen Beinen, aber hustend. Er ist ledig, kinderlos, antriebsarm, selbstgerecht, beginnt irgendwann die Anzüge seines Vaters aufzutragen und die in ihren Taschen befindlichen Zigaretten aufzurauchen. Auch wenn er sich oft so benimmt, ist Oscar nicht allein auf der Welt.</p>
<p>Seine Freundin Lilly, blond, hat ein deutlich phallozentrisches Weltbild, sie ist kindlich in ihrem Eigennutz, fremdnützig in ihrer Lüsternheit und treibt es mit diesem hier und jenem dort, aber längst nicht mit jedem auf der Rückbank eines alten Dodge. Sie ist, was wiederholt zu werden verdient, sehr blond in allen Umständen und Liebeslagen, aber so dumm, dass sie 2 und 2 nicht zusammenzählen könnte, ist sie nicht, wenn auch gesagt werden muss, dass sie bei 3 mal 3 ins Nachdenken geriete. Jedoch ist sie bescheiden genug, das Nachdenken im Regelfall Berufeneren zu überlassen, zum Beispiel Papi oder dem Reverend oder Kevin oder Harry oder eben Oscar. Wenn sie etwas kocht, dann panierte Hühnerbrust aus der Tiefkühltruhe und Spiegeleier. Immer, wenn sie Geld braucht, und das ist sehr oft, fragt sie Oscar: »Kann ich Dir irgendwas besorgen?«, anschließend bittet sie ihn, ihr die Bluse aufzuknöpfen und zu fühlen, ob er einen Knoten in ihrer Brust spürt, einer Bitte, der Oscar selten widerstehen kann, besonders dann nicht, wenn er vor dem Fernseher auf dem Sofa liegt und zumal, da die Bitte oft verbunden wird mit dem weiterführenden Angebot: »Soll Mami pusten, und dann ist es wieder gut?« Übrigens stellt sich am Ende heraus, dass Lily in Krisenlagen äußerst solidarisch ist und außerdem wirklich einen Knoten in der Brust hat, der operativ entfernt werden muss: Es handelt sich bei dem Geschwulst jedoch nicht um ein <em>Karzinom</em>, sondern um verklumptes <em>Silikon</em>, Überbleibsel einer nicht lege artis vorgenommenen Brustvergrößerung. Sie bewahrt den Klumpen auf in einem Marmeladenglas, vielleicht lohnt sich ja ein Prozess gegen den Schönheitschirurgen. Merke: Diese Welt ist voller Fälschungen, noch nicht einmal die Tumore sind echt. So viel zu Lily.</p>
<p>Christina Lutz, Halbschwester der schon erwähnten Hauptperson Oscar Crease, ist die praktische Vernunft in Person, klarsichtig, nervenstark, kümmert sich um ihren in seinen Prozessen beinah wahnhaft versinkenden Bruder, sie ist die einzige Person, die nicht in einen Prozess verstrickt ist und sorgt sich um ihren Mann Harry Lutz.</p>
<p>Harry Lutz ist Rechtsanwalt, ständig überarbeitet und von Zahnschmerzen gequält. Er hält sich mit Whiskey und Tabletten mühsam aufrecht, wird von seinen Seniorpartnern zum Psychiater geschickt, sieht im Recht nichts weiter als Sprache, Worte, und bezeichnet die Juristen als eine gegen die Öffentlichkeit und den gesunden Menschenverstand gerichtete Verschwörung, der es durch die Unverständlichkeit ihres Fachjargons gelinge, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Einmal, als er bei Oscar zu Besuch ist und sich Whiskey über die Hose schüttet, ist Lily mit einem Papiertaschentuch zur Stelle »und es war kein mystisches Zusammentreffen von Eros und Tod, als sie sich tiefer über ihn beugte, um sich mit dem feuchten Tuch über den Fleck auf seiner Hose herzumachen … sich um ihn wand und seinen Lippen die bloße Brust bot … um das Naturgesetz in all seiner Zweckmäßigkeit ganz unsentimental und ohne Rücksicht auf Härten wieder ins Lot zu bringen«. Wenige Tage später stirbt der schrecklich kluge Harry Lutz, wie von seiner Frau vorausgesehen, an restloser Erschöpfung.</p>
<p>Christinas Freundin Trish Hemsley, steinreich, hat vorübergehend einen entzückenden kleinen weißen Hund und, gleichfalls vorübergehend, einen fast ebenso entzückenden indischstämmigen Anwalt, der ihr gelegentlich im Auto unter den Rock gehen darf. Sie trägt spitze Schuhe aus malvenfarbenem Peau-de-soie von Gianni, rasselt zu Beginn der Geschichte mit einer Blutproben transportierenden Krankenschwester zusammen, wodurch  ihr Mantel bekleckert wird, – für sie ein willkommener Anlass -, das Krankenhaus zu verklagen, denn »bei Gianni würden sie mir nicht mal mehr ein Totenhemd schneidern, wenn sie den Mantel jetzt sehen könnten mit Gott weiß was für Blut dran, von dem man sich Gott weiß was holen kann, diese neue Seuche, die sie aufgetan haben, um sich an uns zu rächen, und wir dachten, seit der Erfindung des Penicillins hätte ein schöner Fick keine bösen Folgen mehr … « <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 15. "> [4]</span></p>
<p>Thomas Crease, Bundesrichter, ist Oscars Vater und Verfasser des eingangs schon zum Teil zitierten Urteils. Er ist 97 Jahre alt und war in den Zwanziger Jahren Assistent am Supreme Court, weshalb er den berühmten Richter Oliver Wendell Holmes jr. persönlich kannte. Hören wir zur Charakterisierung des Richters Crease einen kurzen Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen seinem Schwiegersohn Harry Lutz und dessen Frau Christina Lutz, Stieftochter des Richters <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 55, 62. "> [5]</span> :</p>
<p>Harry:<br />
»’Eins kann ich dir sagen, ich würde nur sehr ungern einen Fall vor ihm vertreten, wenn er nüchtern ist.’</p>
<p>Christina:<br />
‚Du bist ihm doch nur dieses eine Mal begegnet, Harry, da war er nun wirklich nicht in bester Verfassung.’</p>
<p>Harry:<br />
‚Hat mich dauernd mit Herr Rechtsanwalt angeredet, dieses höfliche Getue und dazu die Soßenflecken auf der Krawatte, ich bin mir nicht mal sicher, dass er überhaupt mitgekriegt hat, wer ich bin. Offenbar hat er gedacht, ich wollte über Richter Holmes’ Sondervotum im Fall Black &amp; White Taxcab reden, er hat die totale Erinnerung an das Jahr 1928, als er am High Court Gerichtsschreiber … war … <em>und dann </em> … sein Richterzimmer … , eine Affenhitze, Zigarrenrauch zum Schneiden dick, und dazu diese grauenvolle lebensgroße Plastiknachbildung von Dürers betenden Händen verkehrtrum auf der Fensterbank … ’</p>
<p>…</p>
<p>Christina:<br />
Das hat diese Pressemeute überhaupt nicht zu interessieren,<br />
‚ … dass Vater drei Päckchen am Tag raucht, dabei hat er erst mit fünfundsiebzig überhaupt zu rauchen angefangen, wen geht das eigentlich was an, bloß gut, dass sie ihn nie dabei erwischt haben, wie er sein Gebiss im Glas daraufhin untersucht, ob er am Tag zuvor zu Abend gegessen hat.’«</p>
<p>NN, Gerichtsschreiber, bringt die Asche des im Alter von 97 Jahren dann doch noch verstorbenen Bundesrichters Thomas Crease in einer Kaffeedose zu Oscar und richtet sich dort vor dem Fernseher häuslich ein, sieht mit Vorliebe Filme über Schlangen und Quiz-Shows an. Er ist schwerer Alkoholiker mit tröpfelndem Harngang, trinkt seinen Whiskey aus Flaschen, die in grünen und braunen Wollsocken stecken und wird schließlich von Lily am Flughafen ausgesetzt</p>
<p>U.v.a.m.</p>
<p>Hier ist der Eingangsdialog des Romans. Christina und Harry Lutz sitzen auf dem Korridor eines Hospitals vor Oscars Krankenzimmer und führen das folgende Gespräch, während ein Kranker in einem Rollstuhl herumkurvt, um zur Gymnastikstunde zu gelangen, die von Marimba-Rhythmen begleitet wird.</p>
<p>Gerechtigkeit? – Gerechtigkeit gibt’s im Jenseits, hier auf Erden gibt’s das Recht.</p>
<ul>
<li>&#8211; Und natürlich will Oscar beides. Schon wie er immer von Ordnung redet. Sie zog den Fuß vor einem bedrohlich nah im Rollstuhl vorbeipaddelnden Alten zurück,- dass es ihm nur um eine gewisse Ordnung geht.</li>
<li>&#8211; Dass die Züge pünktlich verkehren, so hat er’s  … .</li>
<li>&#8211; Ich rede nicht von Zügen, Harry.</li>
<li>&#8211; Und ich rede von Faschismus, dahin führt das nämlich, dieser Ordnungswahn. Alles andere ist bloß Schmierentheater.</li>
<li>&#8211; Ach was, aber weißt du, was er wirklich will?</li>
<li>&#8211; Die Leute die Vor Gericht gehen und Gerechtigkeit fordern, sind doch bloß aufs große Geld aus.</li>
<li>&#8211; Es geht nicht einfach ums Geld, nein, was sie wirklich wollen …</li>
<li>&#8211; Es geht ums Geld, Christina, es geht immer ums Geld. Alles andere ist nichts als Schmierentheater, du hör mal …</li>
<li>&#8211; Was sie wirklich wollen, deine Faschisten, und Oscar, überhaupt jeder, mal im Ernst, worum geht’s denn wirklich? Sie klopfte trotzig mit dem Fuß gegen die klimpernden Marimba-Rhythmen an, die drüben bei den Vorhängen ins Wartezimmer rieselten, wo der Rollstuhl gegen einen Heizkörper gestoßen und zum Stillstand gekommen war. Züge? Faschismus? Darum geht es mitnichten, auch nicht um die ‚Üppigkeit samtweicher Pfühle, glänzendes Spektakel und herrlichen Gesang’, es sei denn, sie versuchen auf diese Weise einfach, auch ein bisschen ernst genommen zu werden, – das Geld ist nämlich bloß die Messlatte, oder? Es ist der einzige gemeinsame Bezugspunkt, den die Leute haben, um andere dazu zu bringen, sie so ernst zu nehmen, wie3 sie es selbst tun, mehr verlangen sie doch gar nicht, oder? Denk mal drüber nach, Harry.</li>
<li>&#8211; Ich habe drüber nachgedacht, du hör mal, wie lange müssen wir eigentlich noch warten, ich muss nämlich in einer Stunde bei Gericht sein …</li>
</ul>
<p><span style="color: #333333; font-size: 18px;">IV. Einst am Antietam</span></p>
<p>Es geht also um Gerechtigkeit. Das Leben von Harry, Christina, Oscar und Lilly in der Romanzeit wird wesentlich bestimmt durch Prozesse, die sie führen, planen oder geführt haben. Der für den Protagonisten Oscar wichtigste ist ein Plagiatsprozess. Oscar hat in seiner Jugend ein Theaterstück über den amerikanischen Bürgerkrieg geschrieben, »Einst am Antietam« heißt das Drama. Eines Tages erfährt Oscar, dass ein Hollywood-Regisseur einen blutrünstigen und mit schwüler Erotik aufgeladenen Bürgerkriegsschinken gedreht hat. Der Film, so entnimmt Oscar der Presse, weist erstaunliche Übereinstimmungen mit seinem Theaterstück auf. Oscar beauftragt einen Anwalt mit einer Millionen–Klage gegen den Regisseur und die Produktionsfirma. Die Klage scheint aussichtslos zu sein, denn Oscars Theaterstück ist niemals gedruckt und erst recht nicht aufgeführt worden. Er hat das Stück lediglich einer Theateragentur geschickt, in der seinerzeit der beklagte Hollywood-Regisseur arbeitete. Aber selbst diesen schwachen Anhaltspunkt kann er nicht beweisen. Die Korrespondenz mit der Agentur ist in seinen monströsen Papiersammlungen unauffindbar verschollen. Außerdem hat Oscar selbst in seinem Theaterstück Motive aus einem Drama von Eugene O`Neill verwendet und seitenweise Platon abgeschrieben. Das weist ihm der gegnerische Anwalt – ein <em>aufgeblasener Hindu</em>, wie Oscar ihn nennt (im Unterschied zu seinem eigenen Anwalt, den er als <em>Vorzeige-Schwarzen </em>bezeichnet) – im Laufe der sogenannten <em>deposition </em>nach. Die <em>deposition </em>ist eine Spezialität des amerikanischen Prozessrechts, eine eidliche Zeugen- und Parteivernehmung, die nach Austausch von Klageschrift und Klageerwiderung stattfindet. Die <em>deposition </em>spielt sich in Abwesenheit der Richter außerhalb des Gerichts allein zwischen Anwälten, Parteien und Zeugen ab. Die Anwälte beider Parteien liefern sich bei dieser Gelegenheit einen ersten ritualisierten Schlagabtausch, dessen Protokoll später zu den Gerichtsakten genommen wird. Ich zitiere nun einen kleinen und leider auch noch gekürzten Ausschnitt aus dem im Roman vollständig wiedergegebenen Protokoll über die Vernehmung Oscars <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 214–258. "> [6]</span>. Der Gegner hat Oscar gerade eben beschuldigt, aus Platon abgeschrieben zu haben. In diesem Moment versucht Oscars Anwalt, Mr. Basie, das Verhör zu unterbrechen:</p>
<p style="padding-left: 30px;">MR. BASIE (Oscars Anwalt): Ich erhebe Einspruch.<br />
MR. MADHAR PAI (gegnerischer Anwalt): Sie unterbrechen den Zeugen.<br />
MR. BASIE: Das ist die Absicht meines Einspruchs.<br />
MR. MADHAR PAI: Sie erheben Einspruch bezüglich der Form?<br />
MR. BASIE: Ja.<br />
MR. MADHAR PAI: Zu Protokoll?<br />
MR. BASIE: Zu Protokoll.<br />
MR. MADHAR PAI: Na schön. Machen wir voran. <em>(Zur Protokollführerin) </em>Lesen Sie bitte noch einmal vor.<br />
MR. BASIE: Halt, Moment.<br />
MR. MADHAR PAI: Wieso? Lesen Sie vor.<br />
MR. BASIE: Ich bin noch nicht fertig. Wieso wollen Sie vorlesen lassen? Er hat Ihre Frage beantwortet.<br />
MR. MADHAR PAI: Wieso unterbrechen Sie dann?<br />
MR. BASIE: Weil ich Einspruch erheben möchte.<br />
MR. MADHAR PAI: Würden Sie Ihren Einspruch bitte formulieren?<br />
MR. BASIE: Sie setzen den Zeugen unter Druck, indem Sie ihn unterbrechen, eher er mit seinen Antworten fertig ist.<br />
MR. MADHAR PAI: Ich glaube, das waren Sie, der den Zeugen unterbrochen hat.<br />
MR. BASIE: Ich habe das Recht, Einspruch zu erheben, wenn der Zeuge durch diese Taktik der wiederholten Unterbrechungen bedrängt wird.<br />
MR. MADHAR PAI: Und ich wiederhole, Sir, das Protokoll wird ausweisen, dass Sie es sind, der den Zeugen unterbrochen hat. <em>(Zur Protokollführerin). </em>Bitte lesen Sie es noch einmal vor.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(Protokoll wird vorgelesen)</p>
<p style="padding-left: 30px;">MADHAR PAI (setzt die Befragung Oscars fort):<br />
Frage: Wir haben vorhin festgestellt, dass es jedem freisteht, eine Idee aufzugreifen und sie so auszudrücken, wie es ihm …<br />
BASIE: Ich bin noch nicht fertig.<br />
MADHAR PAI: Ich mache das einfach nicht mehr mit, Harold … Ich habe versucht, diese  …  Abschweifungen auszuschalten, aber Sie sind offenbar wild entschlossen, die Sache mit Ihren ständigen Unterbrechungen zu verlängern, und das ist höchst unprofessionell.<br />
BASIE: Ich denke, das Protokoll wird ausweisen, dass die Befragung in Ihrer ganzen Tendenz zu einer einzigen Abschweifung geworden ist.<br />
MADHAR PAI: Ich weiß nicht, wovon Sie reden.<br />
Mr. BASIE: Ich rede davon, wie wir überhaupt auf Plato gekommen sind und inwieweit es für diese Urheberrechtsklage relevant ist, … weil nämlich Platos Urheberrecht, bloß mal angenommen, er hatte eins, sowieso schon vor Christi Geburt erloschen wäre.<br />
MADHAR PAI: Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, hier selbst einen Moment lang abzuschweifen, Mr. Basie, weil es vielleicht ganz lehrreich und für das, was Sie Ihre Karriere zu nennen belieben, sogar von späterem Nutzen ist. Ich habe mich nie mit dem Status von Urheberrechtsvereinbarungen im Athen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts beschäftigt, die, da gebe ich Ihnen recht, vom Zweck unserer Zusammenkunft doch zu weit entfernt sind. Wir zitieren <em>allerdings </em>Stellen aus <em>einer </em>Übersetzung von Platos Staat, an der <em>zunächst </em>die Macmillan Company …  <em>und heute die</em> Oxford University Press die Rechte innehat, die nach meiner Kenntnis … bis auf den heutigen Tag nicht erloschen sind. Sie können diese Rechte verfolgen, wenn Sie Lust haben.<br />
BASIE: Ach du Scheiße.</p>
<p>Die alte Erfahrung, dass Prozesse eigentlich für niemanden gut sind, außer für die Juristen, bestätigt sich auch hier: Prozesse reißen ins Geld und verderben die Laune. Das Auf und Ab des Prozessgeschehens mit zahlreichen unverhofften Wendungen, positiven Überraschungen und grässlichen Enttäuschungen, Verfahrensfinten und vorübergehenden Stillständen hält Oscar und seine Angehörigen während der gesamten Romanzeit in einem Zustand fruchtloser Erregtheit, fördert schmerzhafte Erinnerungen zu Tage und zwingt Oscar zu unangenehmen und stets zu spät kommenden Einsichten über sich selbst und das Verhältnis zu seinem Vater und zu seiner Schwester. Er beginnt maßlos zu trinken und zu rauchen und ist auf dem besten Wege, sich zu ruinieren. Er lehnt ein Vergleichsangebot der Gegenseite über 200.000 Dollar ab und verliert den Prozess in erster Instanz. Ein unverhoffter Lichtblick öffnet sich, als Oscar mit Hilfe seines Vaters, der die Berufungsbegründung aufsetzt, wider jede Erwartung das Berufungsverfahren gewinnt. Das geschieht nach allgemeiner Überzeugung jedoch nicht aus rechtlichen Gründen. Es geschieht vielmehr ausschließlich deshalb, weil die Berufungsrichter die Urteile der Richterin erster Instanz aus tiefem Unbehagen über deren Jugendlichkeit prinzipiell und immer aufheben und das genaue Gegenteil entscheiden. Jede weitere Aufführung des Films wird nun verboten. Die Gesellschaft muss den aus der Rechtsverletzung entstandenen Bruttogewinn an Oscar herausgeben. Am Tage nach dem Urteil zieht Lily, die sich in der Zwischenzeit anderweitig vergnügt hatte, wieder bei Oscar ein. Oscar rechnet mit Millionen und kauft sich sofort einen grünen Jaguar. Jedoch, es kommt ein dickes Ende: Nachdem die Filmgesellschaft nämlich zur Herausgabe sämtlicher Bruttogewinne verurteilt worden war, weist sie nach, dass es trotz eines Hundertmillionenumsatzes keinerlei Gewinn gegeben hat, weder brutto noch netto, sondern einen Verlust von 18 Millionen Dollar, weshalb Oscar, wie seine Schwester ihm rät, froh sein sollte, wenn er nicht draufzahlen muss. Soweit kommt es nun aber auch wieder nicht. Oscar wird rechtskräftig der fiktive Kaufpreis für die Verwertung des Theaterstücks zuerkannt, das sind insgesamt zweihunderttausend Dollar. Das ist, man erinnert sich, genau der Betrag, den man ihm anfangs als Vergleichssumme angeboten hatte. Leider deckt er jetzt aber nicht einmal mehr den von Oscar zu tragenden Anteil an den Anwaltskosten. Am Ende muss Oscar Crease dann doch in Gespräche über den Verkauf des Long-Island-Hauses eintreten.</p>
<p>Bevor wir uns jetzt der Biographie des Autors William Gaddis zuwenden, zur Einstimmung einige Zeilen aus einem amerikanischen Schlager vom Beginn der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. »Come back to Sorrento« heißt das sehr gefühlvolle Lied, das William Gaddis lange Jahre im Ohr geklungen haben muss. Denn in seinem ersten Roman »Die Fälschung der Welt« <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, Die Fälschung der Welt, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, München 2000. "> [7]</span> tönt es immer wieder aus einer Music-Box. Ich glaube, dass auch bei William Gaddis, wie bei vielen amerikanischen Autoren, der zur Schau getragene Sarkasmus eigentlich nur das Negativ einer zwar oft enttäuschten, aber immer lebendigen und von uns alten Europäern manchmal mit Gefühlskitsch verwechselten Sehnsucht darstellt, nach Glück, Liebe und Gerechtigkeit.</p>
<p>Hear the music of the waters,<br />
Vows of tenter passion sighing,<br />
Like thy heart to which go flying<br />
All my thoughts in wakeful dream.</p>
<p>See the lovely dewy garden,<br />
Breathing orange-perfumed greeting,<br />
Nought can set my heart a-beating<br />
Like the fragrance of its bloom.</p>
<h4>V. Zu William Gaddis</h4>
<p>Die persönliche Begegnung mit einem großen Schriftsteller verläuft nicht selten enttäuschend, es sei, so schrieb einmal ein Literaturkritiker, als ob man auf der Suche nach dem Geheimnis einer köstlichen Gänseleberpastete letzten Endes – die Gans trifft. William Gaddis legte einer seiner Romanfiguren diesen Satz in den Mund: »Ein Künstler ist nichts weiter als die Hefe seines Werks.« Sehen wir uns also, bevor wir das Werk weiter betrachten, die Hefe an, aus der es, unter anderem, entstanden ist.</p>
<p>William Thomas Gaddis wurde am 29. Dezember 1922 in New York geboren. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er drei Jahre alt war. Die ersten Schuljahre verbrachte er in kleinen Internaten, die der kongregationalistischen Kirche nahe standen. Die Mutter war nicht arm, sie lebte in einem Haus auf Long Island, wohin Gaddis mit 13 zurückkehrte und wo er die High School besuchte. In den späten High-School- und frühen Universitätsjahren kämpfte Gaddis gegen ein rätselhaftes Tropenfieber mit mehreren lebensbedrohlichen Episoden. Da er ein guter bis exzellenter Schüler war, konnte er zur Harvard-Universität wechseln, die ihn 1945 unehrenhaft entließ. Nach dem Rauswurf ging Gaddis nach New York und verdingte sich als Rechercheur bei der Presse, vor allem für den New Yorker war er unterwegs. Ausgedehnte Reisen nach Südamerika und Europa, vor allem nach Italien und Spanien, das er liebte, und Paris, das er verachtete, finanzierte er mit den Mieteinnahmen aus dem Haus seiner Mutter. Unterdessen wuchs der erste Roman »The Recognitions« zu Deutsch: »Die Fälschung der Welt« zu einem über tausend Seiten starken äußerst komplexen Gemälde heran. Die Künstler-Szene der Beat-Generation in New York Anfang der 50er Jahre bildet den Hintergrund für die Geschichte eines genialen, tiefreligiösen, innerlich zerrissenen jungen Malers, der die Eskapaden seiner Frau durch Fälschungen niederländischer Meister finanziert und letztlich, auf der Flucht vor konkurrierender Banden krimineller Kunsthändler, in einem spanischen Kloster an Alkoholdemenz zugrunde geht. Zentrale Orte sind die Horatio Street in Greenwich Village und eine Bar namens Viareggio, in der immer wieder der Song »Come back to Sorrento« erklingt und ein weißhaariger Mann sein Bier damit erschnorrt, dass er aussieht wie Hemingway und vielleicht sogar Hemingway ist. Gaddis war glücklich, als er das Buch fertig hatte. Er glaubte zu Recht, einen der größten Romane des Jahrhunderts geschrieben zu haben. Er war sehr optimistisch, was man daran erkennt, dass er heiratete und in kurzem Abstand eine Tochter und einen Sohn zeugte. Er war Anfang 30 und erwartete nachgerade stündlich den Nobel-Preis.</p>
<p>»Als ich meinen ersten Roman anfing, da dachte ich, ich hätte entdeckt, was niemand weiß, was aber jeder eigentlich wissen muss, nämlich, dass wir inmitten falscher Werte leben. Und ich wollte alle davon in Kenntnis setzen. Deshalb ging es in dem Roman um Fälschungen, um alle Arten von Fälschungen, Fälschungen auf den unterschiedlichsten Ebenen. Und ich hatte gedacht, die Leute wären davon ziemlich ergriffen und sie würden sagen: Das habe ich nicht gewusst. Aber als der Roman ‚Die Fälschung der Welt’ erschien, erschütterte es die Welt überhaupt nicht, bloß ich war fertig. Ich war wütend und gebrochen und außerdem war ich pleite. Das Buch verschwand wieder und ich musste die ganze Sache erst einmal verdauen.  Das waren keine besonders glücklichen Zeiten.«</p>
<p>Gaddis veröffentlichte in den folgenden zwei Jahrzehnten nicht eine einzige Zeile. 1976, kurz nachdem er für seinen zweiten Roman »J.R.« <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, JR, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay und Klaus Modick, München 1999. "> [8]</span> nicht den Nobel-Preis, aber immerhin den National Book-Award erhalten hatte, schlich sich sein damals 18 jähriger Sohn an den Schreibtisch des Vaters und stellte fest, dass dieser nach Eingang des Preisgeldes komplett schuldenfrei war und sogar ein Guthaben hatte: 12 Cents. In den zwanzig Jahren zuvor hatte Gaddis sich, seine erste Frau und seine zwei Kinder als Werbetexter und Ghostwriter über Wasser gehalten. Er schrieb Filmdrehbücher für die Army, Reden für die Vorstände von Kodak und IBM und bezahlte eine aufwendige Behandlung seiner maroden Zahnwurzeln, indem er für den Zahnarzt einen Artikel im Ärzteblatt schrieb. Außerdem arbeitete Gaddis in diesen 20 Jahren an seinem schon erwähnten preisgekrönten zweiten Roman. »J. R.« ist der Titel – wir erinnern uns an John Rockefeller und J. R. Ewing aus dem Denver-Clan. In Gaddis »J. R.« geht es also um die Welt der Wirtschaft und der Finanzen, um die Börse, um Politik, globale Ausbeutung. Der Held »J.R.« ist in diesem Roman allerdings ein elfjähriger Schüler, der es in wenigen Monaten schafft, durch sinistre Transaktionen einen gewaltigen Konzern zusammenzuschustern. Seine Geschäftsideen hat er aus Broschüren und Zeitungsannoncen. Von einer Telefonzelle aus operiert er mit verstellter Stimme und bedient sich eines labilen Musiklehrers namens Bast als Geschäftsführer. Bast, der eigentlich lieber komponieren möchte und einem Zirkel erfolgloser Literaten, Maler und Musiker angehört, wird von J. R. auf eine zugleich naive und niederträchtige Art unter Druck gesetzt, erst, damit er einsteigt, später, damit er bei der Stange bleibt. Der folgende Dialog entspinnt sich, nachdem Bast gerade seine Lehrerstelle gekündigt hat. Bast geht auf dem Rückweg von einem Klassenausflug in der einbrechenden Dunkelheit voran und J. R., der in einer von Bast inszenierten Opernaufführung des »Rheingold« den Alberich spielt und seinem etwas weltfremden Lehrer ein paar Dollar für Fahrkarten vorgestreckt hat, beginnt:</p>
<p>J.R.: »Nee, also klar, aber ich meine, was machen Sie denn jetzt, eh …</p>
<ul>
<li>&#8211; Das hab ich dir doch gerade gesagt!</li>
<li>&#8211; Ja klar, aber Sie haben doch eben gesagt, dass Sie diese Melodien hier nicht für Geld schreiben, ich meine, wenn Sie sowieso kein Lehrer mehr sind, dann kommen diese Geschäftsideen hier vielleicht gerade recht, eh? Wo sind Sie, warten Sie … er brach aus dem Unkraut hervor … &#8211; eh? Müssen wir hier abbiegen? Ich meine ja bloß, Moment, ich wollte doch nur …</li>
<li>&#8211; Lass mich bloß mit deinen Zeitungen und dem ganzen Kram in Ruhe, es ist dunkel! Ich kann das Zeug jetzt ohnehin nicht lesen, warum willst du überhaupt, dass ich es lese, warum ich, ausgerechnet ich …</li>
<li>&#8211; Nee, also ich dachte ja nur, vielleicht können wir uns gegenseitig nützlich sein, verstehen Sie? Wie ich das erste Mal schon gesagt habe? Ich meine, wo ich Ihnen gerade diesen Kredit hier gegeben habe für diese Fahrscheine, da dachte ich …</li>
<li>&#8211; Also gut! Ich hab mich bedankt, oder nicht? Ich zahl dir Zinsen, oder nicht? Ich geb sie dir, sobald es geht, ich tausch sie um, die Schule schuldet mir noch Geld für …</li>
<li>&#8211; Nee, warten Sie doch mal einen Moment, eh? Sie wollen, dass ich sie für Sie umtausche?</li>
<li>&#8211; Ja, gut, hier, ich geb Dir n Dollar, damit sind wir quitt, hier ist noch einer …</li>
<li>&#8211; Nee, aber sehen Sie doch, der Dollar ist …</li>
<li>&#8211; Also gut, hier! Hier, ich hab noch ein paar Zehn-Centstücke aus der Cafeteria, und jetzt gute Nacht und auf Wiedersehen!</li>
<li>&#8211; Nee, aber sehen Sie, wir sollten das voneinander trennen, weil ich die Fahrscheine davon abziehen muss, verstehen Sie?</li>
<li>&#8211; Nein, versteh ich nicht! Sieh mal …</li>
<li>&#8211; Nee, aber so geht das eben, eh, sehen Sie, weil wenn Sie sich dieses Geld hier von mir leihen, dann arbeitet es eben nicht für mich, so lange ich es nicht zurückbekomme, für diese Fahrscheine hier, deshalb macht man ein Disagio, verstehen Sie?&#8230;</li>
<li>&#8211; Schön, dann gib Sie mir einfach wieder, ich werde selber …</li>
<li>&#8211; Nee, das ist schon okay, eh, ich mach das für Sie, und ich meine, wir nehmen diesen Zinssatz hier von zehn Prozent, okay? Weil das ist dann leichter auszurechnen, weil man braucht ja nur das Komma verschieben, also das macht dann … «</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ab 1976 konnte Gaddis von seinen Einkünften als Schriftsteller einigermaßen leben. Er wohnte in New York und Long Island, war stets erstklassig – wenn auch aus zweiter Hand – gekleidet, liebte Zigaretten, Whiskey, Krimi- und Comedy-Serien im Fernsehen, galt als womanizer und war mit allen bedeutenden Schriftstellern der Zeit befreundet oder bekannt: Thomas Pynchon, Saul Bellow, John de Lillo, John Updike, Donald Barthelme  usw. 1985 erschien ein weiterer, diesmal kurzer Roman »Carpenters Gothic«, zu Deutsch »Die Erlöser« <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, Die Erlöser, Deutsch von Klaus Modick und Martin Hiel-scher, Reinbek bei Hamburg 1994. "> [9]</span>. Noch einmal ein knappes Jahrzehnt benötigte Gaddis dann, um seinen bei weitem erfolgreichsten Roman zu schreiben: »A frolic of his own«,  auf den ich nun wieder zurückkomme.</p>
<h4>VI. Prozesse über Prozesse</h4>
<p>Wir haben die Geschichte des Plagiatsprozesses gehört. Zu Beginn hatte ich einen Ausschnitt aus dem Prozess um den Hund im Kunstwerk vorgelesen. Diese Prozesse sind aber längst nicht die einzigen Rechtsstreitigkeiten in dem Roman. Oscar lebt in einer Welt, die praktisch alles, vom kleinen privaten Laster über Unglücksfälle, Ehekrisen, vom Haarausfall bis zum großen Krieg erst ins Fernsehen und dann vor die Gerichte schleppt oder umgekehrt.</p>
<p>Hier eine grobe, bei weitem nicht vollständige Übersicht über die Prozesse in William Gaddis Roman »Letzte Instanz«.</p>
<p>Klage der Erben des Schriftstellers Eugene O’Neill gegen Oscar Crease wegen Plagiats von Teilen des Dramas »Trauer muss Elektra tragen«</p>
<p>Klage mehrerer Männer gegen die steinreiche Trish Hemsley, gerichtet auf Unterlassung der von Trish beabsichtigten Abtreibung. Alle Männer nehmen für sich in Anspruch, die Väter der Leibesfrucht zu sein</p>
<p>Klage eines Amateurfilmers gegen den Hollywood-Regisseur Konstantin Kiester, weil dieser für seinen Afrika-Film Uruburu eine von dem Amateurfilmer gedrehte Tötungsszene verwendet hat</p>
<p>Klage des Oscar Crease gegen eine Historische Gesellschaft wegen des Urheberrechts an den Briefen seines Urgroßvaters</p>
<p>Scheidungsprozess von Lily gegen ihren ersten Ehemann, geführt von einer Anwältin, der Lily auf Anraten von Oscar jedoch das Mandat entzieht</p>
<p>Prozess des von Lily ausgesuchten zweiten Scheidungsanwalts gegen die erste Scheidungsanwältin auf Herausgabe der Handakten. Diesem Anwalt entzieht Lily ebenfalls das Mandat</p>
<p>Prozess des dritten Scheidungsanwalts, dessen Namen Oscar auf einem Streichholzbriefchen gefunden hatte, gegen den zweiten Scheidungsanwalt auf Herausgabe der Handakten</p>
<p>Klage von Lilys erstem Ehemann gegen Lilys zweiten Scheidungsanwalt, wegen Ehebruchs mit Lily auf dem Vordersitz eines Dodge</p>
<p>Klage Trish Hemsley gegen die Katholische Kirche wegen Anfechtung des Testaments von Trishs Mutter, die der Kirche ihr Vermögen vererbt hatte</p>
<p>Klage Trish Hemsley auf Schadensersatz wegen Beschädigung einer Pelzjacke durch mehrere Spritzer Ketchup</p>
<p>Schadensersatzklage gegen den Künstler Szyrk, weil eines seiner Kunstwerke auseinander gebrochen ist und einen Passanten erschlagen hat</p>
<p>Klage eines Schusters gegen Trish Hemsley auf Begleichung einer Reparaturrechnung</p>
<p>Von Oscars Schwager Harry Lutz über mehrere Jahre als Anwalt betreute Klage der Episkopalen Freikirche gegen Pepsi-Cola Inc. auf Unterlassung des Gebrauchs des Namens Pepsi-Cola wegen Verwechslungsgefahr, da Pepsi-Cola in Wahrheit ein Anagramm von Episcopal sei – was übrigens stimmt</p>
<p>Klage Oscar Crease gegen sich selbst als Halter eines PKW der Marke Sosumi wegen Schadensersatz und Schmerzensgeld. Oscar hatte vor seinem eigenen Auto, in den Motorraum gebeugt, gestanden, als er erfolgreich versuchte, das Auto durch Kurzschließen zu starten, dabei hatte ihn sein eigenes führerloses Auto überfahren und schwer verletzt.</p>
<p>Klage Oscar Crease gegen die für seinen Sosumi bestehende Haftpflichtversicherung auf Freistellung von den Ansprüchen, die Oscar gegen sich selbst eingeklagt hat</p>
<p>Klage der Haftpflichtversicherung gegen den Vorbesitzer des Sosumi auf Freistellung von der Haftung für die von Oscar Crease geltend gemachten Freistellungsansprüche</p>
<p>Klage des Vorbesitzers des Sosumi gegen den PKW-Einzelhändler, der ihm das Auto verkauft hat, auf Freistellung von den Freistellungsansprüchen der Haftpflichtversicherung</p>
<p>Klage des PKW-Einzelhändlers gegen den Großhändler auf Freistellung von den Freistellungsansprüchen des Vorbesitzers des Sosumi</p>
<p>Klage des Großhändlers gegen den Hersteller Sosumi Motors Inc. auf Freistellung etc.</p>
<p>Schadensersatzklage der Firma Sosumi-Motors gegen den Monteur, der für den eventuellen Herstellungsfehler verantwortlich ist</p>
<p>Klage des Monteurs gegen das Zulieferunternehmen, das ein fehlerhaftes Einbauteil geliefert haben soll.</p>
<p>Ein Prozess scheint den nächsten hervorzubringen und dieser wieder mindestens einen und man fragt sich, ob es noch die Menschen sind, die die Prozesse führen, oder ob es nicht umgekehrt ist: Das Justizsystem hat sich selbständig gemacht und die Menschen können  bestenfalls noch so tun, als bestimmten sie, was gespielt wird. Eigentlich ist nichts mehr real, nichts mehr wirklich ernst, vielleicht mit Ausnahme der Kunst. Unversehens wird die Welt der Prozesse zur dichterischen Metapher einer außer Rand und Band geratenden Welt. Das ganze System ist <em>on a frolic of his own </em>und der Mensch irrt darin herum wie ein Hund, der sich in einer überdimensionalen Stahlskulptur verirrt hat. Oder, um eine von Gaddis gern gebrauchte Metapher zu verwenden, und zwar für die Situation des Einzelnen in einer Welt, deren Gott sich davongestohlen hat oder möglicher Weise auch verrückt geworden ist: Vielleicht sind wir in einer ähnlichen Lage wie die Tasten eines automatischen Klaviers, die nichts von der mit Löchern versehenen Papierrolle ahnen, die sich im Innern dreht – und der stets gut gelaunte, aber bis zur Debilität unterhaltungssüchtige Gott am Klavier weiß auch nicht, wie das Stück heißt, noch wie es weitergeht und wann es aufhört: Er tut nur so, als ob er in die Tasten griffe. Zur Illustration ist dem geneigten Leser empfohlen, sich das eine oder andere der im Internet reichlich angebotenen Privat-Videos mit Menschen vor automatischen Klavieren (<em>»player piano«) </em>anzuschauen.</p>
<h4>VII. Zyklon Sieben – Fortsetzung und Schluss</h4>
<p>Ich komme nun auf den Prozess Zyklon Sieben zurück, der neben dem Plagiatsprozess den größten Raum im Roman einnimmt. Sie erinnern sich: Der Hund Spot hatte sich in die Stahlskulptur verirrt. Gaddis gibt dem Leser auch diese Geschichte nur zu einem kleinen Teil als Erzähler im klassischen Sinne zur Kenntnis. Er unterbreitet vielmehr die – freilich fiktiven – Quellen, in diesem Fall Zeitungsberichte, Fernsehreportagen und vor allem Urteile, die von dem 97-jährigen Judge Crease stammen, dem Vater von Oscar also. Gaddis hat für den Roman die Welt des Rechts eingehend betrachtet. Das Recht sprach seinen Humor zum ersten Mal an, als eine Filmgesellschaft ihm einen Vertrag anbot, der ihr sämtliche Rechte an der Verbreitung des Films zusicherte, und zwar nicht nur <em>throughout the world</em>, also in der ganzen Welt, sondern außerdem noch <em>elsewhere.</em> Dass die Juristen damit ihren Zuständigkeitsbereich in aller Bescheidenheit sogar weiter ausdehnten als die Physiker, empfand Gaddis als ein schönes, aber auch überraschendes Zeichen der Tiefe und Unbedingtheit des Glaubens ans Recht. Über solche Beobachtungen sprach Gaddis Mitte der 80er Jahre auf einer Party mit dem New Yorker Rechtsanwalt Daniel Oresman, der ihm daraufhin eine 87-bändige Entscheidungssammlung, die <em>American Jurisprudence, </em>schickte. Insbesondere die schadensersatzrechtlichen Teile dieser Sammlung studierte Gaddis fast ein Jahrzehnt lang. Besonders erfreut haben soll ihn die Klage eines amerikanischen Bürgers gegen <em>Satan and His Staff, </em>die von dem angerufenen Bundesgericht als unzulässig abgewiesen wurde, weil der Teufel keine zustellungsfähige Anschrift im Gerichtsbezirk besitze. Gaddis hatte außerdem die Sämtlichen Werke von Oliver Wendell Holmes jr. in seiner Arbeitsbibliothek. In seinem Verlagsvertrag für »A frolic of his own« sicherte er sich das Copyright »in perpetuity, throughout the universe« und betonte in einem Schreiben an seinen Verleger, dass perpetuity seiner Auffassung nach in jedem Falle das Leben nach dem Tod einschloss, wenngleich er der Aussicht aufs Jenseits skeptisch gegenüberstand: Jenseits, sagte er, ach Gott, es ist ja hier schon schwer genug.</p>
<p>Nun zum Fall Zyklon Sieben. Richter Crease hat über einen Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Verfügung zu entscheiden, die der Künstler Szyrk gegen die Gemeinde Tatamount beantragt hat. Die Gemeinde möchte den in der Skulptur eingeschlossenen Hund mittels Schneidbrennern befreien, der Künstler hört davon und beantragt, der Gemeinde die Zerstörung des Kunstwerks zu untersagen. Selbstverständlich ist die öffentliche Meinung in Gestalt von Reportern, Fotografen, Kameraleuten, Würstchenverkäufern, Tierschützern, Anti-Homosexuellen-Ligen usf. vollzählig am Ort des Geschehens erschienen und steht geschlossen hinter dem Hund und dem Schneidbrenner. Richter Crease aber ist alt genug, diesem Druck zu widerstehen und verbietet die Rettungsaktion. Die Kunstfreiheit ist ihm wichtiger als die Krokodilstränen des Vaterlands.</p>
<p>Das Urteil hat allerdings in der Berufungsinstanz keinen Bestand. Es wird aufgehoben. Die Rettung des Hundes wird im Namen der Menschlichkeit gestattet. Die Stunde der Schneidbrenner scheint gekommen zu sein. Orney Bilk, ein Fettbacke genannte Senator, der tagsüber gegen die Schwulen wettert, die, so seine Worte, durch die Kunstszene herumstöckeln, was ihn nicht hindert, sich nachts mit jungen Männern in Lederröckchen zu vergnügen, der Senator Bilk also verlangt die Amtsenthebung von Judge Crease. Der aber gibt keineswegs klein bei, sondern bewirbt sich, dem Volkszorn und seinen 97 Jahren zum Hohn, um ein Beförderungsamt. Was die Volksseele endgültig überkochen lässt, ist sein zweites Urteil in dieser Sache. Kläger ist diesmal der Hundehalter, also der siebenjährige James B. Er verlangt von der Gemeinde Tatamount Schadensersatz. Der Fall hat sich, wie man sehen wird, nicht nur rechtlich weiterentwickelt, sondern auch der Strom der Tatsachen hat sich fortgewälzt.</p>
<p>»URTEIL<br />
In Sachen James B., Minderjähriger, gegen die Gemeinde Tatamount und andere, US District Court, S.D. Va. 453-87</p>
<p>Streitgegenstand ist …  eine Freiluft-Stahlskulptur. In einer früheren, vor diesem Gericht verhandelten Klage hat der Schöpfer dieses einzigartigen Werkes, R. Szyrk, mit Erfolg eine …  einstweilige Verfügung beantragt … Dieses Urteil wurde in der Berufung aufgehoben, so dass die Gemeinde das Recht der Entfernung  erhielt, in deren Verlauf das Tier, so durfte vermutet werden, die Freiheit wiedererlangen würde; im Endeffekt jedoch wurde Zyklon Sieben, ehe die entsprechenden Maßnahmen ergriffen wurden, von einem Blitz getroffen und sein unfreiwilliger Bewohner, wie man feststellen musste, für immer von aller irdischen Mühsal befreit.</p>
<p>Streitpunkt ist <em>nunmehr </em>die Frage, ob die Gemeinde in ihrer Eigenschaft als Verwahrer der beweglichen Sache, und sei ihr diese noch so unbeabsichtigt und unglücklich zugefallen, ihre dem Hinterleger geschuldete Pflicht zur erforderlichen Sorgfalt nicht erfüllt hat und aufgrund solcher angeblicher Fahrlässigkeit für den dadurch entstandenen Schaden <em>auf Herausgabe und Geldersatz </em>haftet … «</p>
<p>Es geht also darum, ob die Gemeinde für den Tod des im Rechtssinne gewissermaßen in der Skulptur <em>hinterlegten </em>Hundes haftet. Nach einer weitläufigen Erörterung der Geschichte des angelsächsischen Verwahrungsrechts wendet sich das Urteil der Frage zu, welchen Wert der verstorbene Hund überhaupt haben konnte. Die Gemeinde hatte argumentiert, es habe sich – gemessen an Geruch und Anziehungskraft für Fliegen – um Müll gehandelt, weshalb sie den Kadaver mit vollem Recht entfernt und beseitigt habe. So einfach könne es sich die Beklagte jedoch nicht machen, urteilt Richter Crease und führt aus:</p>
<p>»Im vorliegenden Fall ist der Wert des Verstorbenen als Quell einer namens des Klägers, <em>des siebenjährigen James B.</em> errichteten, blühenden  Treuhandgesellschaft, deren Vermögen sich aus Tantiemen und Lizenzgebühren speist, welche die verschiedenen gewinnbringenden Verwertungen des Tiers in Form von Puppen, Töpferwaren, Bechern, Schlüsselanhängern, Puzzlespielen, T-Shirts, Comic-Strip-Rechten und einer vorgesehenen Zeichentrickfilmserie für das Fernsehen betreffen, vollkommen offensichtlich und wird unabsichtlich sogar von der Beklagten bestätigt, die mit einer erstaunlich unüberlegten, bei einer niedrigeren Instanz eingereichten und abgewiesenen Klage einen großzügigen Anteil an derartigen Gewinnen forderte, da sie überhaupt erst den Umstand geschaffen habe, der zur notorischen Notlage des Tiers führte.</p>
<p>… .der Eigentumswert der sterblichen Überreste des fraglichen Tiers wird <em>außerdem </em>belegt durch die dem Gericht als Beweismittel vorliegenden Kaufangebote von Tier-Präparatoren aus Chicago, Dallas und Kamakura, Japan, ferner von einem einfallsreichen Handschuhmacher aus San Francisco, der das Fell als Prototyp einer als »Hiawathas Zauberfäustlinge« unter dem Markenzeichen »Echtes Spotskinimitat Trademark Trag sie mit der Fellseite nach außen« zu vermarktenden Produktlinie erwerben möchte, und durch ein Eilangebot von Bao Dai`s Tasti Snax in Queens Village, New York, dessen Absichten im dunkeln bleiben. Vorbehaltlich einer Suche auf der kommunalen Mülldeponie beruft sich der Beklagte auf mangelnde Schlüssigkeit, und die Klage <em>auf Herausgabe </em>wird  …  nach Ermessen des Gerichts als zur Zeit unbegründet abgewiesen.«</p>
<p>Das Urteil behandelt nun die entscheidende Frage, ob das etwaige Fehlverhalten der Gemeinde – wenn ihr ein solches vorgeworfen werden könne – kausal für den eingetretenen Schaden war, immerhin war ja ein Blitz dazwischengefahren. Die Geschworenen hatten hierzu, wie auch die Zeitungen und der Senator Bilk, die Auffassung vertreten, der Blitz sei als Strafe Gottes anzusehen und insofern der Gemeinde zuzurechnen. Wir ahnen, dass Richter Crease sich die Gelegenheit zu einer grundlegenden und ausschweifenden Stellungnahme zu einem so wunderbar allgemeinen Thema wie dem der Kausalität auf keinen Fall entgehen lassen wird. Den Rahmen dieses Vortrags würde die Wiedergabe dieser Ausführungen jedoch sprengen. Ich kann nur die Lektüre des meisterhaften Judikats empfehlen und sagen, dass der Richter den Glauben an göttliche Einwirkungen jedenfalls für den Bereich des Rechts zurückweist und bemerkt, dieser Glaube sei so überflüssig wie die Clavicula – also das Schlüsselbein – der Katze. So lauten dann die letzten Worte des Urteils:</p>
<p>»Bei allem schuldigen Respekt gegenüber den streitenden Parteien, den Geschworenen, der gottesfürchtigen Gemeinde und dem Normalbürger … ist der Glaube an Gott … für dieses erdgebundene Verfahren ohne Belang und Relevanz. Kurzum, Sie mögen Ihm in Ihrem Herzen so viel Raum geben, wie Sie für Ihn erübrigen können, aber in diesem Gericht hat Gott keinen Platz.  … Die Klage auf Schadensersatz wird abgewiesen.«</p>
<p>Am Tag nach der Urteilsverkündung kommt es zu erneuten Demonstrationen gegen Richter Crease: Eine Puppe in schwarzer Robe wird symbolisch verbrannt, Transparente mit der Aufschrift: »SPOT LEBT, GOTT IST RICHTER« und eine Südstaatenflagge werden entrollt, Bierdosen und Steine fliegen und die Zeitung von Tatamount titelt: RICHTER NENNT GOTT SCHLÜSSELBEIN EINER KATZE, 72 Verletzte und erhebliche Sachschäden sind zu beklagen. Und doch muss Richter Crease ein letztes Mal eingreifen. Am Abend vor seinem Tode weist er eine erneute Klage des Bildhauers Szyrk, diesmal gerichtet auf vollständige Entfernung der Skulptur aus der Gemeinde Tatamount, ab. Die Gemeinde darf ihr aufgrund des öffentlichen Rummels inzwischen zur einträglichen Touristenattraktion gewordenes Kunstwerk behalten. Sofort schlägt sich die öffentliche Meinung auf die Seite des eben noch verfemten Richters. »Fettbacke« Senator Bilk, zieht seinen Amtsenthebungsantrag posthum zurück und erklärt im Fernsehen:</p>
<p>»Insofern Richter Thomas Crease die höchsten Ideale unseres großartigen amerikanischen Rechtssystems verkörperte, stehen wir für immer in seiner Schuld, und wie vor ihm schon sein berühmter Vater, so hat nun auch er Unsterblichkeit erlangt!«</p>
<p>Oscar sieht diese Rede des Senators im Fernsehen und sagt zu seiner Schwester:</p>
<p>»Das, das ist widerlich, er gehört erschossen!«</p>
<p>»Politik, Oscar, bloß Politik!« antwortet ihm seine Schwester Christina.</p>
<h4>VIII. Only words?</h4>
<p>Die herkömmliche und endemische Vorstellung von der Aufgabe und Funktionsweise des Rechts besagt, dass die in räumlich abgegrenzter Gemeinschaft zusammenwohnenden Menschen ihr Leben durch rechtliche Regeln ordnen. Sie gewinnen diese Regeln entweder durch Vereinbarung oder durch Erkenntnis göttlicher oder in der Natur liegender Vorgaben oder durch eine Mischung aus beidem, kurz gesagt, entweder weil ein Gott es so will oder weil die Menschen selbst es so wollen. In jedem Falle gehören die Regeln jedoch einer anderen Sphäre an als das Leben selbst. Sie sind nicht naturwissenschaftlicher Art, sie beschreiben nicht das Sein, sondern das Sollen. Sie sind Teil der im weitesten Sinne moralischen Welt, die nicht oder doch nicht so sehr der Zeit und dem Satz vom Grunde unterworfen ist wie die physikalische oder biologische Welt. Diese Herausgehobenheit aus dem Stirb und Werde der materiellen Existenz gibt den Regeln Autorität und Dauer. Kein Mammutbaum und keine Schildkröte ist so alt wie die zehn Gebote.</p>
<p>Das erste Problem bei dieser Sicht des Rechts liegt offenkundig darin, dass die menschlichen Erkenntnis- und Ausdrucksfähigkeiten, was die moralische Welt betrifft, noch ungenügender ausgeprägt sind als gegenüber der materiellen Welt. Der Jurist begegnet diesem Problem durch Vereinfachung. Er lässt die unlösbaren Fragen und die tiefen Themen einfach weg und entscheidet über den Rest, und zwar auf Heller und Pfennig. Das ist lebensnah gedacht und effektiv, aber, gemessen an der Komplexität der Welt, eine ziemlich rustikale Konstruktion, um nicht zu sagen: Eine Fälschung.</p>
<p>Die zweite, sehr viel radikalere Frage, die unsere geläufige Vorstellung vom Recht aufwirft, geht dahin, ob es eine von der materiellen Welt geschiedene Sphäre des Moralischen Gesetzes überhaupt gibt, an der die Rechtsetzer teilhaben und aus der heraus sie bestimmen können, was Recht ist. Wenn die Wege und Gassen des Lebens in Wahrheit nicht von einer moralischen Sonne beleuchtet sind, sondern wir uns diese Sonne nur einbilden, dann schweben wir zwecklos hin und her und tappen auch insoweit im Dunkel, als es die Erkenntnis von Gut und Böse, Recht und Unrecht betrifft. Die Gesetze sind dann nicht Teil einer besonderen Sphäre, sondern sie gehören der materiellen Welt an: Sie sind vergänglich und abhängig von der Materie, heutzutage zum Beispiel immer öfter abhängig von der Zufuhr elektrischer Energie wie ein Stabmixer oder ein automatisches Klavier. Das Rotlicht der Verkehrsampel, als der Inbegriff des modernen Gesetzes: Wenn in Katalonien ein Wasserkraftwerk havariert, ändert sich im Ernstfall die Netzspannung in Schleswig-Holstein und damit auch die Rechtslage in Rendsburg, weil die Ampel ausfällt. Es ist nicht mehr das Recht, das unser Leben steuert. Umgekehrt: Blankes Leben herrscht. Elektrizität und Wasser: Ariston men hydor – das Wichtigste aber ist das Wasser, schrieb schon Pindar.</p>
<p>Das Recht wäre dann das Ergebnis von nur durch die Physik und die Chemie beschreibbaren Kausalverläufen, ein Strom von Worten, die keine zwecksetzenden menschlichen Urheber haben, nur Sprecher. Die Welt wäre ohne Aufsicht durch freie Vernunft und guten Willen. Das klingt deprimierend, hat aber auch seine komischen Seiten, wie Albert Einstein bemerkte: »Das Wissen, dass es keine Willensfreiheit gibt, schützt mich davor, die gute Laune zu verlieren und mich und die anderen Menschen in ihren Handlungen und Urteilen allzu ernst zu nehmen.«</p>
<h4>IX. Das automatische Klavier</h4>
<p>Gaddis war bei Erscheinen von »A frolic of his own« 72 Jahre alt und nicht mehr ganz gesund. Er schrieb noch zwei Werke, einen etwa 100 Seiten langen essayistischen Roman und, darauf basierend, ein Hörspiel. Das Hörspiel schrieb er für den Deutschlandfunk. Gaddis hatte seit Mitte der Neunziger Jahre eine treue und begeisterte Anhängerschaft in den deutschen Feuilletons, vor allem bei der FAZ und – eben – dem Deutschlandfunk. Bei einem Besuch in Deutschland im Jahre 1997 – also ein Jahr vor seinem Tode – wurde Gaddis zum ersten Mal in seinem Leben so richtig der rote Teppich ausgerollt, was er sehr genossen hat. Sein letztes Buch und das Hörspiel verdanken wir einer von Gaddis sein ganzes Erwachsenenleben hindurch verfolgten Sammelleidenschaft. Diese Sammelleidenschaft bezog sich auf ein scheinbar unbedeutendes, ja sogar leicht bizarres Thema, nämlich das »player piano«, zu Deutsch: »Das mechanische Klavier« <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, Das mechanische Klavier, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, München 2005. "> [10]</span>. Das Player Piano war für Gaddis nicht nur ein Instrument, sondern eine vielfältig aussagefähige Metapher. Er sah darin ein Bild für den Siegeszug des binären Codes seit der Frühaufklärung, für die auf Lochstreifen programmierte Information, die als Muster den modernen automatischen Kommunikations- und Kontrollsystemen und inzwischen nahezu aller wirtschaftlichen Wertschöpfung zugrunde liegt, sei es in der Produktion oder in der Dienstleistung oder in der ars multiplacata. Zweitens erkannte er im Player Piano eine Ikone der modernen Sucht nach anstrengungslosem Glück, kurz nach Unterhaltung. Drittens warf es für ihn die Frage nach der Möglichkeit einer nicht binär codierten oder doch codierbaren menschlichen Existenz auf. Viertens eine Frage: Welche Daseinsberechtigung kann sich ein Künstler schaffen in einem Umfeld, das die Produktion oder besser Reproduktion von Kunst technisiert und damit demokratisiert hat, so dass jeder, er sei noch so unfähig und unbegabt. Kunstwerke herstellen kann? Den damit verbundenen Problemen und Assoziationen geht in dem Hörspiel ein ans Bett gefesselter schwerkranker alter Dichter nach, während er die um ihn herum liegenden Stapel von Zeitungsausschnitten, fotokopierten Texten, Büchern und Notizen zu sichten und zu ordnen versucht. William Gaddis, der ansonsten so gut wie nie aus seinen Werken vortrug, hat für den Deutschlandfunk einen kleinen Ausschnitt aus dem Hörspiel gelesen. Er spricht über automatische Klaviere, über die Ersetzung der Hände des Pianisten durch die Phantom-Hände beim Walzenklavier, über Musik, Bach, Scarlatti, Schubert, die Faust-Musik »Oh Augenblick, verweile doch … « Was sich dem Leser der folgenden Zeilen nicht erschließen kann, ist der zwischen Trauer und Verträumtheit schwebende Tonfall des lesenden alten Mannes, der am Ende fast zu singen scheint und damit alles verrät über seine lebenslange Liebe, die zweifellos der Dichtkunst gehörte:</p>
<p>« … The whole thing breaks your heart, here’s another. «Retains its artistic ‘feel’ indefinitely”, goes back to the turn of the century before the player piano, when it was still the piano player, big thing you wheeled up to the piano same punched roll it played on the keys with wooden fingers, tiny felt-tipped wooden fingers playing Scarlatti, Bach, Haydn «and old Handel. Unhappy Schubert speaks to them in the sweet tones of Rosamunde. Beethoven, master of masters, thrills alike” right on to Chopin bemoaning the fate of Poland … ”Many of the artists will never play again, but their phantom hands will live forever” there that’s what it’s about, no more wooden fingers but phantom hands. «What stands between you and the music of the masters?” … The mechanization exploding everywhere and the phantom hands the, Kannst du mich mit Genuss betrügen, yes that, If I ever say to the moment don’t go! Verweile doch! Du bist so schön! No match for the march of science that makes it possible, marches right on and leaves it in the dust, pianos nobody can play and millions of piano rolls left in the dust while their splendid phantom hands are pushed further from reach by the gramophone and finally paralyzed by the radio teaching bird to sing birdsongs O God, O God, O God, Chi m’a tolto a me stesso that’s Michelangelo, that’s from my book, Ch’a me fusse piu presso O più  di me potessi that’s in my book, who has taken from me that self that could do more … ” <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, Agapé Agape and other writings, Atlantic Books London 2002, S. 12 ff. "> [11]</span></p>
<p>Im Dezember 1998 holten Sarah Gaddis und Matthew Gaddis ihren Vater aus dem Hospital, wo er einen aussichtslosen Kampf gegen Prostata-Krebs und Lungen-Emphysem geführt hatte, nach Hause. Am Abend des 15. Dezember 1998 verpasste Gaddis aus irgendeinem Grund seine Lieblings-Krimiserie »Law and Order«. Nachdem er schon mehrere Jahre nicht mehr geraucht und getrunken hatte, bat er nun seine Kinder um einen Schluck Whiskey und ein paar Zigaretten. Die Bitte wurde gewährt. In den Morgenstunden des 16. Dezember 1998 ist William Thomas Gaddis in den Armen seiner beiden Kinder gestorben.</p>
<p>Now I hear that thou must leave me,<br />
Thou and I will soon be parted,<br />
anst thou leave me broken hearted?<br />
Wilt thou nevermore return?</p>
<p>Then say not good-bye!<br />
Come back again, beloved,<br />
Back to Sorrento,<br />
Or I must die.</p>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1"></a></p>
<hr />
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p>* Die Vortragsform wurde für diese Lesefassung im Wesentlichen beibehalten. Auf Fußnoten habe ich weitgehend verzichtet. Wer sich über William Gaddis unterrichten will, findet in den »Gaddis Annotations« alles – wirklich alles – im Internet unter: <a href="http://www.williamgaddis.org"><em>www.williamgaddis.org</em></a>. Die Musik- und Bildeinblendungen, von denen der Vortrag begleitet war, können naturgemäß nicht wiedergegeben werden. Die Ausschnitte aus dem Interview mit William Gaddis habe ich einem Rundfunk-Feature von Walter van Rossum entnommen, das der DLF produziert und mir für die Zwecke des Vortrags – wie auch weitere Tondokumente – großzügiger Weise zur Verfügung gestellt hat. Dafür danke ich dem Deutschlandfunk und Walter van Rossum sehr herzlich. Ebenso gilt mein Dank Herrn Thomas Böhm (Literaturhaus Köln) für seine hilfreichen Hinweise, Martin Brune (Weimar) für die Aufbereitung des Tonmaterials und Frau Dr. Ulrike Brune (Weimar/Erfurt) für viele klärende Gespräche.</p>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>   William Gaddis, Letzte Instanz, Deutsch von Nikolaus Stingl, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003.</p>
<p><a href="#_ednref2" name="_edn2">[2]</a>   Ebd., S. 33–48.</p>
<p><a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a>   Ebd., S. 473.</p>
<p><a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a>   Ebd., S. 15.</p>
<p><a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a>   Ebd., S. 55, 62.</p>
<p><a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a>   Ebd., S. 214–258.</p>
<p><a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a>   William Gaddis, Die Fälschung der Welt, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, München 2000.</p>
<p><a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a>   William Gaddis, JR, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay und Klaus Modick, München 1999.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a>   William Gaddis, Die Erlöser, Deutsch von Klaus Modick und Martin Hielscher, Reinbek bei Hamburg 1994.</p>
<p><a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a> William Gaddis, Das mechanische Klavier, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, München 2005.</p>
<p><a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a> William Gaddis, Agapé Agape and other writings, Atlantic Books London 2002, S. 12 ff.</p>
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		<title>Im Namen der Robe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Sep 2018 18:46:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Dionysios von Syrakus]]></category>
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		<category><![CDATA[Quintilian(Marcus Fabius)]]></category>
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		<category><![CDATA[Solon von Athen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Namen der Robe – das Bild des Richters in Oper und Literatur * Für Wilfried Schröder (3. September 1944 – 17. Juli 2005) Christoph Schmitz-Scholemann &#160; Vorbemerkung 1: Wer ist Richter? Im folgenden Text wird viel von Richtern die Rede sein. Im Vordergrund stehen bestimmte nach der Wirklichkeit gezeichnete oder auch ganz frei erfundene [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Im%20Namen%20der%20Robe_GN.pdf"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1></h1>
<h1 style="text-align: left;">Im Namen der Robe<br />
<span lang="DE" style="font-size: 18pt;">– das Bild des Richters in Oper und Literatur *</span></h1>
<h4 class="CSS-Untertitel"><span lang="DE" style="font-size: 12.0pt; line-height: 120%;">Für Wilfried Schröder (3. September 1944 – 17. Juli 2005)</span></h4>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann</span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h4></h4>
<h4>Vorbemerkung 1: Wer ist Richter?</h4>
<p>Im folgenden Text wird viel von Richtern die Rede sein. Im Vordergrund stehen bestimmte nach der Wirklichkeit gezeichnete oder auch ganz frei erfundene Personen: Richterbilder. Im Hintergrund, oder im Untergrund, sind aber noch andere, allgemeinere Gedanken in Bewegung: Wenn es das Kennzeichen von Richtern ist, Urteile zu fällen, dann ist das richtig, was Albert Camus sagte: Jeder ist Richter. Wir alle urteilen unablässig – moralisch, ästhetisch, praktisch –, sonst könnten wir nicht leben.<span class="tooltips " style="" title="Obwohl uns natürlich immer das Bibelwort Matthäus VII, 1-5 in den Ohren klingt: &quot;Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welcherlei Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?  Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; danach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!&quot; , dazu Johann Sebastian Bach, K 185/2 BWV 185 &quot;Ach greife nicht durch das verbotne Richten/ dem Allerhöchsten ins gericht!&quot;">  [1] </span> Und jeder ist von den Urteilen seiner Mitmenschen abhängig. Der Gebrauch der Urteilskraft ist eng mit dem Gebrauch der Sprache verbunden und deshalb – weit über die Richterliteratur hinaus – ein literarisches Thema par excellence. Er geht auch weit über die Anwendung von Formen, Formeln und Gesetzen hinaus: Des Gesetzes Ende ist ein gerechter Mensch. <span class="tooltips " style="" title="Über Konfuzius heißt es im ersten Kapitel der Schulgespräche: »Vom Aufseher der öffentlichen Arbeiten wurde Kung zum obersten Richter von Lu gemacht. Als solcher schuf er Gesetze, die aber nicht angewandt zu werden brauchten, da es keine Leute gab, die sie übertraten.« Vgl.: Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 26663; vgl. Kungfutse-Gia Yü, S. 17; http://www. digitale-bibliothek.de/band94.htm"> [2] </span>Aber gibt es den? Die Gefährdungen und Abirrungen der Urteilskraft in moralischen Dingen machen, wie Hannah Arendt <span class="tooltips " style="" title="Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Aus dem Amerikanischen  von Brigitte Granzow. Mit einem einl. Essay von Hans Mommsen, München 1994; vgl. auch: Hannah Arendt, Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Herausgegeben und mit einem Essay von Roland Beiner. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz, München 1995."> [3]</span> in ihrem Buch <em>Eichmann in Jerusalem</em> schrieb, das Urteilen nicht entbehrlich. Sie machen es gefährlich, menschlrchterich und – interessant.</p>
<h4>Vorbemerkung 2: Alles begann in Eisenach</h4>
<p>Eines der ältesten und zugleich originellsten Gedichte in deutscher Sprache ist das Atzelied des Walter von der Vogelweide. Es handelt, auch, von einem ungerechten Richter.</p>
<p>Walter von der Vogelweide: Das Atzelied <span class="tooltips " style="" title="Troubadours, Trouvères, Ministrels – Studio der frühen Musik Thomas Binkley, Teldec 4509-97938-2, 2 CDs mit Textheft, CD 2 Nr. 5; im Stil der antiautoritären Volkslied-Rezeption der 1970er Jahre: Ougenweide, Liederbuch, Polydor 837 162-2, 1 CD mit Textheft; Walters lyrisches Werk ist im Internet vollständig als freeware zugänglich unter: http://www.litlinks.it/ w/walther_v.htm"> [4]</span></p>
<p>Mir hat her Gerhart Atze<br />
ein pfert erschozzen zIsenache;<br />
daz klage ich dem den er bestât:<br />
derst unser beider voget.<br />
Ez was wol drier marke wert,<br />
nu hoerent frömde sache:<br />
sit daz es an ein gelten gat,<br />
wa mit er mich nu zoget.<br />
Er seit von grozer swaere,<br />
wie daz min pferit maere<br />
dem rosse sippe waere<br />
daz im den finger abe<br />
gebizzen hat ze schanden:<br />
ich swer mit beiden handen,<br />
daz si sich niht erkanden,<br />
ist ieman der mir stabe?</p>
<p>Der Fall ist schnell erzählt: Der Dichter Walter von der Vogelweide hält sich in Thüringen auf. <span class="tooltips " style="" title="Wahrscheinlich um das Jahr 1205; auf das Jahr 1206 wird der Sängerkrieg auf der Wartburg in Eisenach datiert (wenn er datiert wird), der nicht nur Richard Wagner zu seinem Tannhäuser, sondern neuerdings auch Franz Hodjak zu einer fulminanten Roman-Parabel auf das Verhältnis von Kunst und Macht inspiriert hat: Franz Hodjak, Der Sängerstreit, Frankfurt 2000."> [5]</span> In Eisenach wird sein Pferd erschossen, und zwar von einem gewissen Gerhart Atze, einem Hofbeamten. Walter verklagt ihn auf Schadensersatz. Er verlangt drei Mark für seine gute Mähre. Als die Gerichtsverhandlung beginnt, staunt Walter nicht schlecht. Denn zu Gericht sitzt der Landgraf – wahrscheinlich Herrmann von Thüringen –, der zugleich der Vorgesetzte des Gerhard Atze ist. Die Befürchtung, es werde unter diesen Umständen nicht zu einem neutralen Urteil kommen, bewahrheitet sich auf beinahe surreale Weise:</p>
<p dir="ltr">Gerhard Atze verteidigt sich gegen die evident gerechte Schadensersatzforderung des Dichters mit einem, wie wir hoffen wollen,  auch nach damaligem Recht lachhaften Argument: Das getötete Pferd sei verwandt gewesen mit einem anderen Pferd, und dieses andere Pferd habe ihm, Atze, irgendwann einmal den Finger abgebissen. Nun werden in Prozessen nicht selten unsinnige Einwände gegen berechtigte Forderungen vorgebracht. Das Besondere hier ist, dass der Richter sich, in geheuchelter Neutralität, auf diesen Unsinn einlässt und von Walter verlangt, ihn zu widerlegen. Der soll, entgegen dem alten Rechtsgrundsatz <em>impossibilium nulla obligatio</em>, nun eine negative Tatsache beweisen, nämlich dass sein totes Pferd nicht verwandt ist mit jenem anderen Pferd, von dem er nichts weiter weiß außer, dass von ihm behauptet wird, es habe Atze den Finger abgebissen.</p>
<p>Soweit bekannt ist das Atzelied, das man eigentlich eine dadaistische Opernminiatur nennen muss, der erste Beitrag in deutscher Sprache zum Thema Recht, Musik und Literatur. Es zeigt den Dichter als den geborenen Justiz-Verspotter und zugleich als das geborene Justizopfer.</p>
<p>Die Vorstellung ist also nicht nur landläufig, sondern auch alt: Aus der Sicht des Poeten ist der Richter hauptsächlich an der Schädlichkeit seines Wirkens <span class="tooltips " style="" title="Auch der junge Goethe scheint einen skeptischen, wenn nicht verächtlichen Blick auf das Gerichtspersonal gepflegt zu haben: Im Götz von Berlichingen vertreten den Juristenstand erst ein schmieriger Schwätzer namens Olearius (vormals Ölmann, stets zu Diensten), dann eine anfangs rachsüchtige, alsbald aber ihre Feigheit offen legende Mannschaft von Dorfrichtern und schließlich einige grundböse Dunkelmänner, die ein Femegericht abhalten. Später scheint sich der Blick geändert zu haben, wie man an dem in weiser oder einfältiger Selbstbeschränkung lebenden Gerichtsrat in dem Schauspiel Die natürliche Tochter sehen kann."> [6]</span> zu erkennen. Er sorgt dafür, dass die Ungerechtigkeit durch ein dem Schein nach rationales, in Wahrheit aber bis zur Boshaftigkeit absurdes Verfahren kaschiert werden kann. Er ist eine hassenswerte und verteufelt <span class="tooltips " style="" title="In diesem Punkt stimmt die Volksmeinung mit derjenigen der Künstler überein, wie wir aus dem von Ludwig Bechstein überlieferten Märchen Der Richter und der Teufel lernen: Der reiche und boshafte Richter trifft den Teufel und zwingt ihn, mit ihm zusammen durch die Stadt zu gehen. Der Richter möchte unbedingt wissen, was die Menschen dem Teufel im Ernst geben. Es stellt sich heraus, dass dieser oder jener auf dem Markt zu einem anderen Menschen (Kind, Frau, Kollege) sagt: Scher Dich zum Teufel, dass dies aber nicht ernst gemeint ist. Ernst gemeint dagegen ist der Ausruf einer alten Frau, die den Richter als denjenigen erkennt, der ihr zu Unrecht ihre letzte Kuh genommen hat durch ein hartes Urteil: Dass sie es ernst meint mit ihrem Satz, er solle zum Teufel gehen, ist leicht erkennbar. So muss der Richter in die Hölle."> [7]</span> lächerliche Figur. Unsere Sympathie gehört deshalb selbstverständlich dem Dichter.</p>
<p>Diese Grundkonstellation finden wir in vielen literarischen Darstellungen von Richtern. Oft erscheinen sie als fleischgewordene Unerbittlichkeit, oder besser als zu Papier gewordene ehemalige Menschen. Wo andere ein Herz haben, findet sich ein Zettelkasten, und ihr Gesicht ist  zusammengesetzt aus allem, was man auf keinen Fall küssen möchte, <span class="tooltips " style="" title="Keine Regel ohne Ausnahme: Paris, der in dem berühmten Streit dreier Göttinnen (Hera, Athene und Venus – Macht, Klugheit, Liebe) um den Preis der Schönheitskönigin das Urteil sprechen muss, ist ein ausnehmend wohlgestalteter Sohn der Erde, vgl. Christoph Martin Wieland: Das Urtheil des Paris, in C.M. Wieland: Sämmtliche Werke, III, Hamburg 1984 Nachdruck der 1795 im Göschen-Verlag Leipzig erschienenen Gesamtausgabe letzter Hand."> [8]</span> aus kalten Kröten und Fischschwänzen zum Beispiel, wie auf dem Porträt <em>Der Jurist</em>, das der italienische Maler Giuseppe Archimboldo im 16. Jahrhundert malte. <span class="tooltips " style="" title="»Am vergangenen Donnerstag habe ich meine Richter gesehen. Ich will nicht behaupten, sie seien nicht schön; sie sind ganz abscheulich hässlich; und ihre Seele gleicht bestimmt ihrem Gesicht«, schreibt Charles Baudelaire am 18. August 1857 – kurz vor Beginn des Prozesses wg. Les Fleurs du Mal an seine damalige Geliebte, Madame Sabatier – zit. nach Charles Baudelaire, Sämtliche Werke/Briefe, hrsg. von Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1975, Bd 3 S. 25 ff,"> [9]</span></p>
<p>Aus der Literatur lassen sich viele zu diesem Bild des Richters passende Beschreibungen anführen. Klassisch ist die von Edgar Allan Poe in der 1843 erschienenen Kurzgeschichte <em>The Pit and the Pendulum</em>: <span class="tooltips " style="" title="»Grube und Pendel«, Frankfurt 2001; zahlreiche weitere Übersetzungen sind auf dem Markt, ferner auch mehrere Audio-Einspielungen; die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, 1913 von Alice Guy, 1961 von Roger Corman; 1990 von Stuart Gordon."> [10]</span></p>
<p>»Ich sah die Lippen der schwarzgekleideten Richter. Sie erschienen mir weiß – weißer als das Blatt, auf das ich diese Worte schreibe – und dünn bis zur Groteske; dünn und grausam fest geschlossen, dünn in unbeweglicher Härte, in strenger Verachtung aller Menschenleiden. Ich sah, dass Aussprüche, die mein Schicksal bedeuteten, noch immer über diese Lippen kamen, sah wie sie sich im Sprechen des Todesurteils verzerrten. Ich sah sie die Silben meines Namens bilden, und ich schauderte, weil kein Laut zu hören war.« <span class="tooltips " style="" title="Ähnliche Schilderungen bei Victor Hugo, Der letzte Tage eines Verurteilten, aus dem Französischen übersetzt von W. Scheu, Zürich 1984, 2. Kapitel; Joseph Conrad, Lord Jim, aus dem Englischen übersetzt von Klaus Hoffer, Zürich 1998, 2000, Viertes Kapitel; vgl. auch das Gedicht: Das Gericht von Peter Huchel."> [11]</span></p>
<p>Man wird mir die Bemerkung gestatten, dass mich diese Sicht der Dichter auf den angesehenen Berufsstand, dem ich seit mehr als einem Vierteljahrhundert angehöre, schmerzt. Sie muss ja auch nicht stimmen. Schon einer der ersten Autoren des Abendlands, den man als Dichterjuristen bezeichnen kann, Solon von Athen, schrieb: Polla pseudontai aioidai – Vieles lügen die Dichter. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Herwig Görgemanns/Joachim Latacz (Hrsg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Griechisch/Deutsch, Band 1, Archaische Periode, Stuttgart 1991 (RUB), S. 207; vgl. auch Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Zweites Buch, Nr. 84: »und doch ist es für eine Wahrheit gefährlicher, wenn der Dichter ihr zustimmt, als wenn er ihr widerspricht! Denn wie Homer sagt: ›Viel ja lügen die Sänger!‹«, Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Zweites Buch. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6013, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 94) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm"> [12]</span></p>
<p>Vielleicht hat ja Walter von der Vogelweide, der ein ziemlich lockerer Zeisig gewesen sein soll, die Geschichte nur erfunden, um dem Landgrafen und seinem Beamten eins auszuwischen.<span class="tooltips " style="" title="So sieht es z.B. Thomas Bein in Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1997 (Reclams Universal Bibliothek), S. 297 (»fiktive Spott- und Hohnattaxcke eines Kleinen gegen einen Großen«); ähnlich Claudia Brinker-von der Heyde, Die literarische Welt des Mittelalters, Darmstadt 2007, 112 f."> [13]</span> Ich bitte Sie jedenfalls um Nachsicht dafür, dass ich Ihnen im Dienst meines Berufsstandes auch einige positive Richtergestalten aus der Weltliteratur <span class="tooltips " style="" title=" Große Achtung erwarb sich der Richter Gi Gau, ein Schüler des Kung-Tse (Konfuzius): »Gi Gau war Strafrichter in We und verurteilte einen Mann zum Abhacken der Füße. Nach einiger Zeit kam es zu den Unruhen des Kuai Wai. Gi Gau wollte ihnen entgehen und ging nach dem Stadttor. Der Mann mit den abgehackten Füßen war Torhüter. Er sprach zu Gi Gau: ›Dort ist eine Lücke.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle klettert nicht über Mauern.‹ Da sprach er wieder: ›Dort ist ein Loch in der Mauer.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle kriecht nicht durch Löcher.‹ Da sprach jener abermals: ›Hier ist ein Haus.‹ Gi Gau trat ein. Als die Verfolger vorüber waren und Gi Gau im Begriff war weiterzugehen, da sprach er zu dem Mann mit den abgehackten Füßen: ›Ich konnte seinerzeit nicht umhin, in Ausübung der Gesetze meines Herrn selbst Euch die Füße abhacken zu lassen. Nun bin ich in Schwierigkeiten, das wäre gerade die richtige Zeit für Euch gewesen, mir Euern Groll heimzuzahlen, statt dessen habt Ihr mir dreimal durchgeholfen. Was ist der Grund davon?‹ Der Mann mit den abgehackten Füßen sprach: ›Daß mir die Füße abgehackt wurden, daran war ich selber schuld, da ließ sich nichts machen. Aber als Ihr damals mich zu richten hattet nach den Gesetzen, da suchtet Ihr nach einem Vorgang für meinen Fall, um mir die Strafe zu ersparen. Das wußte ich. Als dann der Fall erledigt war und die Strafe festgesetzt und es dazu kam, das Urteil zu verkündigen, da wart Ihr unruhig und betrübt. Als ich Eure Mienen sah, wußte ich das auch. Ihr habt wirklich nicht unrecht an mir getan. Wenn der Himmel einen Edlen hervorbringt, so legt er ihm den Weg (Tao) ins Herz; darum habe ich Euch durchgeholfen.‹  Meister Kung hörte den Vorfall und sprach: ›Trefflich, wer als Beamter das Gesetz einheitlich anwendet und doch auf Güte und Rücksicht bedacht ist, der pflanzt Gutes. Wer Härte und Strenge anwendet, der pflanzt Groll. Meister Gau verstand es, unparteiisch zu handeln.‹« (Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China (wie Anm. 2), S. 26706. "> [14]</span> vorstellen werde. <span class="tooltips " style="" title=" Eingeräumt sei, was Friedrich Nietzsche im Dritten Buch der &lt;em&gt;Fröhlichen Wissenschaft&lt;/em&gt; sagt: »Wenn Gott ein Gegenstand der Liebe werden wollte, so hätte er sich zuerst des Richtens und der Gerechtigkeit begeben müssen – ein Richter, und selbst ein gnädiger Richter, ist kein Gegenstand der Liebe.«, vgl. Friedrich Nietzsche, Werke, München o.J., Bd. 2, S. 134) (c);  http://www. digitale-bibliothek.de/band31.htm "> [15]</span></p>
<h4>Vorbemerkung 3: Die gute Ordnung</h4>
<p>»Das Richterbild in Oper und Literatur« heißt mein Thema. Es geht um literarische und musikalische Bilder. Auch, wenn diese Bilder manchmal über ihren Rahmen hinausweisen – es ist mir um Anschauung und in diesem Sinne auch um Wissenschaft (vgl. § 51 UrhG), aber nicht um ästhetische oder juristische Theorien oder Abstraktionen zu tun. Ich habe mich folglich bemüht, meinen Vortrag von allen Hintergedanken freizuhalten, und auch an Gedanken gibt es von meiner Seite im Folgenden nur das Nötigste. In Anlehnung an Mark Twain zu reden:</p>
<p><strong><em>Personen, die versuchen, eine tiefere Moral in den folgenden</em></strong><br />
<strong><em>Erzählungen zu finden, werden gerichtlich verfolgt.</em> </strong><span class="tooltips " style="" title="Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer, Deutsch von Lore Krüger, Zürich 1985, Vorrede des Artillerie-Kommandanten G.G., »auf Befehl des Autors«."> [16]</span></p>
<p>Um allerdings ein wenig Ordnung in das Material zu bringen und um den Kunstgenuss zu erleichtern, habe ich den Stoff in Kapitel gegliedert. Sieben davon sind unterschiedlichen richterlichen Phänotypen <span class="tooltips " style="" title="Es gibt natürlich weitere Phänotypen, die hier nicht behandelt werden:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;1.) zum Beispiel den Unbedeutenden Richter, von dem William Shakespeares Komödie Maß für Maß, deren Hintergrund die reichlich unübersichtlichen Verhältnisse der Wiener Kriminaljustiz bilden, ein mustergültiges Exemplar auf die Bühne bringt. Während nämlich der Gerichtsdiener Elbogen (dim-witted) nebst dem Scharfrichter Grauslich und dem Bierzapfer Pompeius Pumphos die Szene beherrscht, besteht der ganze Text des im ersten Auftritt des Zweiten Aktes erscheinenden Richters in den Worten »Elf, gnädiger Herr« und »Ich danke Euch untertänig«,  erstere Aussage als Antwort auf die Frage, wieviel Uhr es sei, die zweite als Annahme einer Einladung zum Essen durch einen Herrn vom Staatsrat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;2.) Der Mensch als Weltenrichter – »Es erscheint uns heute selbst zum Lachen, wenn der Mensch in Anspruch nehmen wollte, Werte zu erfinden, welche den Wert der wirklichen Welt überragen sollten – gerade davon sind wir zurückgekommen als von einer ausschweifenden Verirrung der menschlichen Eitelkeit und Unvernunft, die lange nicht als solche erkannt worden ist. Sie hat ihren letzten Ausdruck im modernen Pessimismus gehabt, einen älteren, stärkeren in der Lehre des Buddha; aber auch das Christentum enthält sie, zweifelhafter freilich und zweideutiger, aber darum nicht weniger verführerisch. Die ganze Attitüde ›Mensch gegen Welt‹, der Mensch als ›Welt-verneinendes‹ Prinzip, der Mensch als Wertmaß der Dinge, als Welten-Richter, der zuletzt das Dasein selbst auf seine Waagschalen legt und zu leicht befindet – die ungeheuerliche Abgeschmacktheit dieser Attitüde ist uns als solche zum Bewußtsein gekommen und verleidet – wir lachen schon, wenn wir ›Mensch und Welt‹ nebeneinandergestellt finden, getrennt durch die sublime Anmaßung des Wörtchens ›und‹!« Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch. Wir Furchtlosen. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6232; vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 211) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;3.) Die Welt als Menschenrichterin:  Das Empfinden, die ganze Welt habe sich gegen einige Menschen verschworen, um ungerecht  Recht über sie zu sprechen, findet sich in dem während der Weberaufstände im 19. Jhdt. entstandenen anonymen Volkslied: »Die Welt, die ist jetzt ein Gericht/ noch schlimmer als die Feme./ Wo man nicht erst ein Urteil spricht,/ das Leben schnell zu nehmen. – Hier wird  der Mensch langsam gequält,/ hier ist die Folterkammer./ Es werden Seufzer viel gezählt/ als Zeugen von dem Jammer. – Die Herren Zwanziger die Henker sind,/ die Diener ihre Schergen, davon ein jeder tapfer schindt,/ anstatt was zu verbergen ... Und hat auch einer noch den Mut,/ die Wahrheit herzusagen,/ dann kommt’s so weit, es kostet Blut;/ und dann will man verklagen.« Zit. nach Ernst Klusen (Hrsg.), Deutsche Lieder, Frankfurt 1980, S. 516; aus den Untersuchungsakten zum Weberaufstand: »Am Abend des 3. Juni zogen ungefähr 20 Personen bei den Gebäuden der Kaufleute Zwanziger vorbei und sangen ein Spottlied auf die genannten Kaufleute: es entstand hierdurch Lärm und der Gerichtsmann Wagner verhaftete einen der Teilnehmer...Das abgesungene Gedicht wurde ebenfalls ergriffen.« Zit. nach Klusen, ebenda, S. 842.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;4.) Der Tod als Richter, vgl. Andreas Gryphius, 1616–1654, Auff eines vornehmen Juristen Grab-Stein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Ich durch all Gesetz vnnd alle Recht kont brechen;&lt;br /&gt;
Dem an Verstand vnd Kunst kaum jemand gleiche war;&lt;br /&gt;
Der Ich die Dunckelheit der sache machte klar;&lt;br /&gt;
Hab vber mich den Todt must lassen Vrtheil sprechen/&lt;br /&gt;
Den Todt/ an dem mich nicht mein grosse Macht könt rächen!&lt;br /&gt;
Nichts galt mein hoher Sinn; nichts galt der Worte schar.&lt;br /&gt;
Mein wolberedte Zung erstumbte gantz vnd gar/&lt;br /&gt;
Als mich der scharffe Pfeil des Richters thät erstechen.&lt;br /&gt;
Jtzt sind mein Augen zu/ dehn vor nichts mochte sein&lt;br /&gt;
Verborgen/ vñ mich selbst verbirgt ein kurtzer Stein.&lt;br /&gt;
Was hilfft nun daß Ich vor kondt rathen allen Sachen&lt;br /&gt;
Daß Ich vor keinem Part noch Throne mich entsetzt/&lt;br /&gt;
Daß mir kein Handel je ward allzuschwer geschätzt/&lt;br /&gt;
Da ich nicht möcht den Streit des Todes richtig machen.&lt;br /&gt;
(Gryphius: Sonette. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 40908; Gryphius-GA Bd. 1, S. 15–16).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;5.) Der bescheidene Richter. Während uns in der Literatur häufiger Richter gezeigt werden, deren Beschränktheit gerade durch das Auftrumpfende ihres Benehmens hervortritt, hat Johann Wolfgang von Goethe den selteneren Gegentypus in dem Gerichtsrat geschaffen, der eine Retter-Rolle in dem Schauspiel Die natürliche Tochter zu übernehmen hat (s. u.). Dieser Richter kennt seine Grenzen und überschreitet sie nicht, seine Geisteshaltung schillert zwischen Weisheit, Bescheidenheit, Kleingeistigkeit und Feigheit:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In abgeschloßnen Kreisen lenken wir,&lt;br /&gt;
Gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe&lt;br /&gt;
Des Lebens wiederkehrend Schwebende.&lt;br /&gt;
Was droben sich in ungemeßnen Räumen&lt;br /&gt;
Gewaltig seltsam hin und her bewegt,&lt;br /&gt;
Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,&lt;br /&gt;
Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl&lt;br /&gt;
Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.&lt;br /&gt;
Vgl. Goethe-HA Bd. 5, S. 272-273;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;6.) Der Richter als Künstler – dass es auch diese Spielart gibt, trat durch ein Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf ins Bewusstsein des öffentlichen Diskurses, in dem festgehalten wurde dass der Juror des Spruchkörpers, der bei dem Fernsehsender RTL für Deutschland den Superstar sucht, ein Künstler im Sinne der Versicherungspflicht bei der Künstlersozialkasse ist: Dieter Bohlen ist Richter und Künstler in einem, (dpa-Meldung vom 12. November 2007;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;7.) José Ortega y Gasset hat den in seinen Augen verabscheuungswürdigen  Typus des »zufriedenen jungen Mannes« beschrieben (Der Aufstand der Massen, Stuttgart 1963) – dementsprechend kann auch Der zufriedene Richter besichtigt werden, und gar nicht selten. Bei leichtem Übergewicht und leicht übertriebener Gesichtsglätte trägt sein Lächeln eine leicht übertriebene Aufgeräumtheit zur Schau, wie sie jene Schüler empfinden, die genau wissen, dass sie den Anforderungen des Lehrers entsprechen; leider lauert hinter diesem Stolz auf den eigenen von Harm- und Phantasielosigkeit genährten Gehorsam  die Bereitschaft, jeden, der seinen Ranzen oder sein Gesicht nicht so gut aufgeräumt hat, unter dem Tisch gegen die Schienbeine zu treten, ohne dass es jemand merkt. Einen solchen grundzufriedenen, von Makkaroni mit Ketchup träumenden Richter beschreibt Jürgen K. Hultenreich in seinem Roman Die Schillergruft, Berlin 2001, S. 186 ff.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;8.) Der in Zorn ausbrechende Richter. Den Beruf des Richters kann nur ausüben, wer Geduld hat. Man muss sich jede Menge Lügen anhören und dazu ein unbewegtes Gesicht machen. Man muss jede Menge Streitwerte festsetzen und damit den Rechtsanwälten, die man für chronisch überbezahlt, fachlich  überschätzt und moralisch zumindest überfordert  halt, das Heu in die Scheune schieben. Man muss als Instanzrichter jede Menge von den Obergerichten entwickelter Rechtssätze anwenden und damit seinen geborenen Feinden, nämlich den Oberrichtern, die man für chronisch überbezahlt und chronisch unterbelichtet halt, huldigen. Bei so bewandten Sachen ist es nur menschlich,  dass man sich gelegentlich Luft macht.  Wenn die eigene Familie sich nicht als Opfer zur Verfügung stellt und die Geschäftstellenverwalterin krank ist, kann es geschehen, dass der ansonsten so geduldige Herr Kammervorsitzende einem verdutzten Anwalt oder einer Partei sowas von hanebüchen die Leviten liest wie es der Richter Wool in der Satire What is a judge? des gelernten Rechtsanwalts und langjährigen Unterhausabgeordneten Alan Patrick Herbert (1890–1972) tut, indem er den Anwalt unvermittelt als alten Schwätzer anredet und seine Mandantin als blonde Kuh. In Wahrheit handelte es sich um eine Schauspielerin, die nach Vertrag für jede Drehwoche 5000 Pfund erhalten sollte und die an sich auf fünf Wochen angesetzte Drehzeit auf 15 Wochen ausgedehnt hatte, indem sie sich weigerte eine vorgesehene Bade-Szene zu spielen, so lange das Wasser im Pool nicht auf mindestens 24 Grad geheizt war (vgl. A. P. Herbert, Clear Facts, Muddled Laws – Alles was Recht ist, dtv-zweisprachig, übersetzt von Richard Frenzl, München 1989).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;9.) Der Verbrecher als Richter tritt uns in Alfred Hitchcocks Spielfilm Jamaika Inn aus dem Jahre 1939 entgegen. Dass ser Richter und Staatsanwälte nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit ansah, sondern im Großen und Ganzen als zynische, kalte,  skrupellose und egoistische Heuchler, kann man auch in anderen Werken Hitchcocks feststellen. In Jamaika Inn ist der Richter aber nicht nur eine moralisch fragwürdige Gestalt und ein seinem Amt nicht gewachsener Mensch, sondern der Anführer einer Räuberbande, vgl. Andreas Grube, Gerichtsszenen bei Alfred Hitchcock, NJW 2007, 631 ff. 10.) Der zynische Richter begegnet dem Leser bei Louis-Ferdinand Céline (1894–1961) in dem Roman Reise ans Ende der Nacht, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003, Seite 198-208: Er trägt den Namen Grappa und ist Kolonial-Leutnant in dem kleinen Ort Topo im Kongo. Ihm zur Seite steht der Sergeant Alcide, der seinerseits eine Truppe von 12 einheimischen  Milizionären befehligt. Grappe, »dessen Leib gewaltig war, eine Strafe, mit kurzen, purpurroten, schauderhaften Händen. Händen, die nie irgendwas begreifen würden. Abgesehen davon versuchte Leutnant Grappe auch gar nichts zu begreifen«,  hält jeden Donnerstag Gericht und versucht dieser von ihm als lasting empfundenen Pflicht dadurch enthoben zu warden, dass er absurde und grausame Urteile spricht. Gleichgültig, was ihm vorgetragen wird von Parteien und Zeugen, stets greift er willkürlich einen derv or ihm Erschienen heraus und lässt ihn aufs Blut auspeitschen. Sonderbarerweise hält  dieses Verfahren die einheimischen Rechtssuchenden nicht davon ab, immer wieder vor dem Richter Recht zu suchen;  einer tritt sogar freiwillig zum Empfang der Peitschenhiebe an. Grappa, der zur Metapher eines boshaften Gottes taugt,  sitzt derweil in einem knirschenden Rohrsessel und raucht Zigarren: »Ah! Wenn die nur wüssten, wie scheißegal mir denen ihre Zänkereien sind, dann würden die in ihrem Dschungel bleiben und mir nicht hier mit ihrem Blödsinn auf die Nerven gehen! ... Erzähle ich denen etwa die ganze Zeit von meinen Angelegenheiten? Obwohl, so langsam möchte ich fast glauben, denen gefällt meine Rechtsprechung irgendwie, diesen Mistkerlen! Seit zwei Jahren versuch ich jetzt, ihnen den Spaß zu verleiden, aber sie kommen jeden Donnerstag wieder ... Glauben Sies mir oder nicht,  junger Mann, das sind fast immer dieselben, die da kommen! ... Pervers müssen die sein, oder was!«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;11.)  Der Richter als Mitglied des Spruchkörpers unterliegt, wie jeder Richter weiß, der einmal einer Kammer oder einem Senat angehört hat, einer besonderen Seinsweise, die man als perennierende, weil strukturelle narzistische Kränkung bezeichnen kann. Weder das Haupt dieses delikaten, ja prekären corpus iuris noch seine Glieder können je, wie sie eigentlich wollen, weshalb keiner von ihnen sich zu wollen traut,  was er im Grunde zu können wünscht, so dass, was sie als Kollegium tun, oft keiner gewollt hat, weshalb sie, zur Vermeidung dauerhaften und gesundheitsschädlichen Zwists,  sich gegen den Rest der Welt umso inständiger verschwören. Wehe dem, der da nicht mittut!  Ein Beispiel dafür finden wir in der Geschichte von Sir Oblong-Fitz-Oblong, dem kleinen dicken Ritter: Er erhält vom Herzog den Auftrag auf den Bollingru-Inseln für Ordnung zu sorgen. Deren Bewohner werden ausgeplündert von Baron Bollingru, der sich der Mithilfe des Ritters Schwarzherz bedient.  Ein Mittel der Ausplünderung besteht darin, dass Bolingru und Schwarzherz, die einander im Grunde verachten, gemeinsam zu Gericht sitzen und eklatant ungerechte Urteile zu eigenem Nutz und Frommen fällen. Sir Oblong, wie weiland Don Quijote fahrender Ritter in höherem Auftrag, gelingt es, als drittes Mitglied in den Spruchkörper gewählt zu werden. Sofort entsteht Streit um den Zeitpunkt des Sitzungsbeginns, um die Kleiderordnung (Robe oder nicht) und um Befangenheitsprobleme. Oblong muss erkennen, dass seine beiden Kollegen, von denen der eine während der Verhandlung ungeniert schnarcht, zu unparteiischer Amtsausübung nicht überredet werden können,  sondern ihm und den Parteien unter Berufung auf die Bolingrusche Prozessordnung und das dort verankerte Mehrheitsprinzip rüdest übers Maul fahren. Das Recht hat erst dann wieder eine Chance, als es Oblong gelingt, einen vierten Richter ins Kollegium zu bringen: Nun müssen, damit überhaupt entschieden werden kann, Sachargumente sprechen. Die Augsburger Puppenkiste hat vor fast einem halben Jahrhundert aus dem Kinderbuch Der kleine dicke Ritter  (Süddeutsche Zeitung, München 2005) von Robert Oxton Bolt (1924–1995) ein hübsches Puppenspiel gemacht (DVD, Schwarz-Weiß, Augsburger Puppenkiste, Oehmichens Marionetten Theater, hr MEDIA, Katalog-Nr. 280042)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;12.) Der Richter als Terrorist ist eine Gestalt, die uns vielleicht nur in den Medien und in der politischen Propaganda begegnet, vielleicht aber auch tatsächlich existiert: In Somalia hatten nach einer seit 1991 herrschenden Anarchie die Scharia-Richter begonnen, etwas Ordnung zu schaffen. Nach Auffassung der Amerikaner war diese Ordnung nicht akzeptabel, sie sah wohl für westliche Maßstäbe unangemessene Verbote vor, wie beispielsweise für das Anschauen von Fuißballspielen im Fernsehen. 2006 marschiertedie äthiopische Armee ein. Die Richter flohen und lassen nun Milizen gegen die äthiopische Besatzung kämpfen. Das Erscheinungsbild dieses Richtertyps ist  soldatisch, vgl. FAZ 27. September 2008, Nr. 227, Seite 4. Einen Scharia-Richter gibt es inzwischen wohl auch in Berlin, er heißt Hassan Allouche, und sein Bild erinnert an einen wohlgenährten Freiheitskämpfer in Freizeitkleidung, allerdingsarbeitet er bei einem Autohändler in Berlin,  trägt eine schusssichere Weste; er vermittelt zwischen rivalisierenden Clans. Ein terroristischer Richter ist in der Vorstellung des Angelus Silesius oddenbar auch Jesus Christus, wenn er das Jüngste Gericht hält:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Urteil ist bald abgefaßt,&lt;br /&gt;
Er sprichts mit eignem Munde,&lt;br /&gt;
Er sprichts, daß auch das Blut erblaßt&lt;br /&gt;
In ihres Herzens Grunde:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Geht hin und weichet weg von mir,&lt;br /&gt;
Ihr Grundvermaledeiten,&lt;br /&gt;
Geht hin, trollt euch von meiner Tür,&lt;br /&gt;
Bleibt weg zu ewgen Zeiten.&lt;br /&gt;
Geht hin ins Feur, ins ewge Feur,&lt;br /&gt;
In Schlund der grundten Höllen&lt;br /&gt;
Mit Beelzebub, dem Ungeheur,&lt;br /&gt;
Und seinen Rottgesellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da fallen sie mit großem Schrein,&lt;br /&gt;
Mit Prasseln und mit Krachen&lt;br /&gt;
Wie Klötze in den Schlund hinein&lt;br /&gt;
Und in der Höllen Rachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(Angelus Silesius: Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 3660 (vgl. Angelus-SW Bd. 3, S. 245-246) http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm )&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;13.) Das Volk als Richter ist vermutlich das Schlimmste, was einem Rechtsuchenden begegnen  kann. »Wir haben ein Gesetz/ Und nach dem Gesetz/Muss er sterben!« antwortet das Volk dem Pontius Pilatus in der Johannes-Passion.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;14.) Der Sitzer und sieben weitere Richtertypen sind von dem Wiener Rechtsanwalt und Essayisten Walther Rode (1876–1934) in seinem Buch Knöpfe und Vögel – Lesebuch für Angeklagte (Edition Memoria, Hürth bei Köln und Wien 2000, herausgegeben von Thomas B. Schumann) trefflich beschrieben worden. Die Richter sieht er als einen asketischen, am Ufer des Daseins misstrauisch hockenden Menschenschlag, dem die sitzende Lebensweise von Gott vorgeschrieben ist – so Anton Kuh im Vorwort –: »Die breiten Gesäße beherrschen die Welt.«"> [17] </span> gewidmet, das letzte zeigt die Antwort der Oper auf eine ewig drängende Frage: Wie wird man eigentlich Richter?</p>
<h4>Kapitel I: Der Richter als Mythos</h4>
<p>»Venturus est cum gloria, iudicare vivos et mortuos – er wird kommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebendigen und die Toten«,  heißt es im Großen Glaubensbekenntnis. <span class="tooltips " style="" title="Einzelheiten siehe bei: Reinhard Staats, Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Darmstadt 1996."> [18] </span> Die Vorstellung, das Richteramt sei Teil der göttlichen Macht <span class="tooltips " style="" title="got ist selber recht. dar umme ist im recht lip, schrieb Eike von Repgow"> [19]</span> oder der natürlichen Ordnung, <span class="tooltips " style="" title="Nach ältester chinesischer Tradition stehen die Funktionen in Staat und Gesellschaft in einer festen Verbindung zu den Jahreszeiten, die ihrerseits Vertreter der kosmischen Ordnung sind. Diese Ordnung darf nicht verletzt werden, wenn das biologische Leben der Einzelnen und das Leben der Gemeinschaft, ja sogar das Wetter nicht verwirrt werden soll. Wenn der Himmelssohn nicht bestimmte Handlungen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten verrichtet, so kann es geschehen, dass der Kosmos damit antwortet, dass auch er bestimmte von ihm erwartete und regelmäßig erbrachte Leistungen verweigert: Sonne und Wind zu bekömmlichen Zeiten zu schicken usf. Die Zeit des Richtens ist der Herbst, was nahe liegt, denn das Richten hat zweifellos etwas von einer Abrechnung und von der Ernte und der Verteilung derselben. »Der Meister des Gerichtswesens (Sï-Kou) hat das Amt des Herbstes, indem er öffentliche und private Prozesse hört, die Unordnungen und Widersetzlichkeiten des Volkes in Ordnung bringt und die Waage hält, um das Volk nach der Mitte hin zu ändern. Alle Unbotmäßigkeit des Volkes entspringt aus untätiger Sicherheit.« Chinesische Philosophie: Li Gi – Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 25315 – Li Gi, S. 100; http://www.digitale-bibliothek.de/ band94.htm."> [20]</span> ist uralt, <span class="tooltips " style="" title="Nach Platon, Kritias, 119 c ff. hatte das vorgeschichtliche Atlantis (zehntausend Jahre vor der klassischen Zeit Athens) seine Gesetze von Poseidon empfangen; es war auf eine Erzsäule geschrieben, die im  Poseidon-Tempel inmitten der Insel stand. Hier, im Tempel, richteten die zehn Könige von Atlantis, nachdem sie gemeinsam einen der im Heiligtum frei herumlaufenden Stiere mit Knüppeln nund Fäusten gejagt, getötet und sein Blut auf das Gesetz hatten spritzen lassen, nächtens in schönen blauen Roben unter dem Beistand des Gottes und des Weines., vgl. Platon, Werke, hrsg. v. Günther Eigler, bearb. von Klaus Widdra, Griech. u. Deutsch, Bd 7, Darmstadt 2005, S. 249,"> [21]</span> kulturübergreifend <span class="tooltips " style="" title="Kulturübergreifend ist allerdings auch die Vorstellung, dass, im Falle einer vollkommen gerechten Einrichtung des Lebens, wie sie im Goldenen Zeitalter, im Paradies, im Nirwana  oder im Endstadium des Kommunismus anzutreffen war oder sein wird, weder für Gesetze noch für Richter Platz ist: Ovid, Metamorphosen, I, 89-93:&lt;a href=&quot;#_edn22&quot; name=&quot;_ednref22&quot;&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,&lt;br /&gt;
sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.&lt;br /&gt;
poena metusque aberant, nec verba minantia fixo&lt;br /&gt;
aere legebantur, nec supplex turba timebat&lt;br /&gt;
iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti."> [22]</span></p>
<p><a href="#_edn22" name="_ednref22"></a> und bis heute lebendig, <span class="tooltips " style="" title="In einer 2007 erschienenen Erzählung klagt Hiob gegen Gott, ein schwieriges Unterfangen, da auch in diesem Prozess Richter auch wieder Gott ist. Interessanter wäre es vielleicht gewesen, den Teufel auf die Richterbank zu setzen, Ludwig Lütkehaus, Das nie erreichte Ende der Welt, Frankfurt am Main 2007."> [23]</span> wenn auch manchmal eher als satirisch gemeinte Kennzeichnung der Selbsteinschätzung von Richtern. <span class="tooltips " style="" title="Ein sehr berühmter, selbstbewusster und stets mit streng zurückgekämmtem Haar, Nackentolle, geschliffenen Worten und gefährlichem Blick durch eine gefährlich funkelnde Brille auftretender spanischer Richter und Medien-Star ist seine Exzellenz Baltasar Garzón, Ermittlungsrichter am Tribunal Supremo, der im Juli 2006 durch Einstweilige Verfügung einer Rock-Band aus Benicassím untersagen ließ, weiterhin unter dem Namen »Garzón« aufzutreten. Die Gruppe folgte dem Gerichtsbefehl umgehend und verkündete auf ihrer Website www.superjuez.com: »Es handelt sich um ein schreckliches Missverständnis. Als wir uns diesen Namen gaben, hatten wir nur eine Absicht: Wir wollten unserer Ehrerbietung gegenüber einem der Großen unserer Zeit Ausdruck verleihen, einem Mann, der den zu Unrecht aus der Mode gekommenen Tugenden der Gelassenheit und ... Bescheidenheit endlich wieder Geltung verschafft ... Unsere Absicht war, den größten Richter Spaniens zu ehren ...«. Die Gruppe änderte ihren Namen aufgrund der Einstweiligen Verfügung in »Grande-Marlaska«, womit sie den Namen eines ebenfalls am tribunal supremo tätigen Kollegen von Garzón wählte, ohne dass dieser Kollege sich dagegen gewehrt hätte, EL PAIS, sábado 22 de julio de 2006, S. 40.">[24]</span> So befasste sich vor einigen Monaten Jürgen Fliege in seiner Nachmittagssendung mit den von ihm so genannten »Halbgöttern in Schwarz«. Wie eng in der irrationalen Bilderwelt des Unterbewussten das Richterbild mit religiösen Gefühlen <span class="tooltips " style="" title="Dass irrationale Kräfte auch in der heutigen Rechtskultur wirken, zeigt Uwe Volkmann (FAZ 16. März 2007, Nr. 64/2007, S. 9: »Einst versammelte sich das Volk um die Schamanen und die Altäre, um sich in der Vertreibung der bösen Geister zumindest kurzzeitig als stark und geeint zu erfahren. Heute versammelt sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die ohne gesicherte Wahrheit auskommen muss und deren Mitglieder einander fremd geworden sind, um das Recht – das symbolische Recht.« Ein schönes Beispiel für solche Debatten um Gesetze, deren Wirkung auf die Lebensverhältnisse sehr überschaubar ist, war der erbittert geführte Streit in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung um die durch § 14 Abs. 3 TzBfG im Jahre 2002 geschaffene Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen mit Menschen ab 52 Jahren. Während die einen eine massenweise Entrechtung älterer Arbeitnehmer fürchteten, glaubte der Gesetzgeber ein Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit älterer Menschen gefunden zu haben. In Wahrheit waren weniger als 1500 Arbeitnehmer von der Regelung überhaupt betroffen, also weniger als 0,01 vH der Erwerbstätigen. Der einzige allerdings Aufsehen erregende Prozess um die Norm war nach Auskunft aller Fachkundigen getürkt."> [25]</span><a href="#_edn25" name="_ednref25"></a> verbunden ist, ist in Stanley Kubricks letztem Film <em>Eyes wide shut </em><span class="tooltips " style="" title="Mit Nicole Kidman und Tom Cruise, DVD 2001, ASIN: B00005ML1O,"> [26]</span> zu sehen, dessen literarisches Vorstück Arthur Schnitzlers <em>Traumnovelle </em><span class="tooltips " style="" title="Arthur Schnitzler (hrsg. Peter Bekes), Traumnovelle, Textausgabe mit Materialien, Braunschweig 2003"> [27]</span> ist. Die bei Schnitzler in roten Roben auftretenden Femerichter <span class="tooltips " style="" title="Les francs-juges – die Femerichter lautet der Titel eines vielgespielten Orchesterstücks (op. 3) von Hector Berlioz – London Classical Players unter d. Ltg. v. Roger Norrington, virgin veritas 7243 5 61379 2 9, der eine Oper mit diesem Titel (Les francs-juges) geplant hatte, in der ein Chor der Femerichter auftreten sollte: Der Text seines Librettisten und Freundes Humbert Ferrand lautete wie folgt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;»Wir, die Rächer der himmlischen Gesetze&lt;br /&gt;
Wir, deren Schicksalsarm das Verbrechen besiegt.&lt;br /&gt;
Wir zerschmettern, zerschmettern Euer Opfer;&lt;br /&gt;
Wir verschließen unsere Herzen dem Mitleid.&lt;br /&gt;
Wir genießen die Schreie des Bluts und der Erde!&lt;br /&gt;
Unsere Augen sind erleuchtet von einer inneren Flamme!&lt;br /&gt;
Wir ermüden nicht, wir zerschmettern das Opfer!&lt;br /&gt;
Dass man an unseren Schrecken glaubt, zerschmettern wir!«"> [28]</span></p>
<p>ersetzte Kubrick umstandslos durch einen ebenfalls in roter Robe amtierenden Priester.</p>
<p>Im Götterhimmel der heidnischen Antike kam die Gerechtigkeit <span class="tooltips " style="" title="Zu Gericht über Menschen saßen die griechischen Götter freilich nicht. Dazu hätten sie gerecht sein müssen, was ihnen fernlag und nach Ansicht des griechischen Tragödienschreibers Euripides auch nichts genutzt hätte, weil sie mit dem Übermaß an Schuld, das sich die Menschen aufladen, nicht ferig geworden wären: »Auch nicht der ganze Himmel wäre groß genug,/ Der Menschen Sünden, wenn sie Zeus dort schriebe auf,/ Zu fassen, noch auch er, zu überschauen sie / Und jedem seine Strafe zuzuteilen. Nein! / Die Strafe ist schon hier, wenn Ihr nur sehen wollt!«, zit. nach  Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt 1986, S. 18."> [29]</span> erst nach einer ganzen Serie von mörderischen Verbrechen zum Zug: <span class="tooltips " style="" title="Für die Griechen war das Wesen des Göttlichen nicht notwendig mit der Gerechtigkeit verbunden, dafür trieben die Olympier nach der communis opinio des ebenso kommunen Athener Stadtbürgers zu viel göttliches Unwesen. In Platons Staat vertritt Thrasymachos die Auffassung, jeder, auch der gerechte Mann, werde, vorausgesetzt, er könne sich unsichtbar machen wie Gyges mit dem Ring, Frau und Gut und Leben seines Nachbarn nicht unangetastet lassen, er werde sich eben genau so (ungerecht) benehmen wie es die Götter auf Erden zu halten pflegten: »Wenn es nun zwei solcher Ringe gäbe und den einen der Gerechte sich ansteckte, den andern der Ungerechte, so wäre, wie mir scheint, wohl keiner von so eherner Festigkeit, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und es über sich gewänne, fremden Gutes sich zu enthalten und es nicht zu berühren, trotzdem daß er ohne Scheu sogar vorn Markte weg nehmen dürfte, was er wollte, und in die Häuser hineingehen und beiwohnen, wem er wollte, und morden und aus dem Gefängnis befreien, wen er wollte, und überhaupt handeln wie ein Gott unter den Menschen.« Platon, Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 49-50; http://www.digitale-bibliothek.de/ band2.htm."> [30]</span> Der Urgott Uranos wird von seinem Sohn Kronos durch Kastration getötet. Kronos frisst seine Söhne, außer Zeus, der seinen Vater zum Dank in die Unterwelt befördert, anschließend sofort seine Tante Themis vergewaltigt, die dann allerdings ihrerseits die Horen <span class="tooltips " style="" title="Es sind drei an der Zahl: Eirene (Frieden), Eunomia (Ordnung) und Dike (Gerechtigkeit)"> [31]</span> zur Welt bringt, Göttinnen der guten Ordnung. Interessanterweise, so Carl Philipp Moritz in einem Brief an Goethe, sind die Horen</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>zugleich die Jahreszeiten, welche gleichsam mit gerechter Teilung ihrer Wohlthaten, durch ihren immerwährenden Wechsel, das schöne Gleichgewicht in der Natur erhalten &#8230; ihr Geschäft ist, die Türen des Himmels zu öffnen und zu schließen &#8230; auch spannen die Horen jeden Morgen die Rosse an den Sonnenwagen.</em></p>
<p>Der Mythos wusste also bereits, dass das Recht ein steter Balance-Akt ist, eine dem Auf und Ab der Natur abgeschaute Bewegung des Lebens gegen den Tod. Ebenso wusste der Mythos, dass Zeit und Recht ein Gemeinsames haben, insofern sie nämlich beide einerseits Setzungen sind, denen aber andererseits etwas in der physikalischen Welt entspricht, das sehr schwer zu definieren ist. <span class="tooltips " style="" title="»Es schweigt mir jegliche Natur/ Beim Ticktack von Gesetz und Uhr«, Friedrich Nietzsche,  Die fröhliche Wissenschaft,  Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 67299, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 28), http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm."> [32]</span> Anscheinend hat es einen tiefen Grund, dass in den Gerichtssälen Uhren hängen und dass, wahrscheinlich eingedenk der ungeduldigen Rosse vor dem Sonnenwagen, so viele Richter Frühaufsteher sind.</p>
<p>Am besten vertraut ist uns natürlich die jüdisch-christliche Version von der Göttlichkeit der Richtergewalt, wie wir sie z. B. aus Psalm 97 kennen:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Wolken und Dunkel ist um ihn her. Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhls Festung.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Feuer geht vor ihm her und zündet an um ihn her seine Feinde.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Seine Blitze leuchten auf den Erdboden. Das Erdreich siehet und erschrickt.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem Herrn, vor dem Herrscher des ganzen Erdbodens. Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit.</em></p>
<p>Die Komponisten und Librettisten stellen diesen Zug des Richters ins Religiöse häufig durch eine pompöse Melodik und Instrumentierung dar. Gern läutet als akustisches Signal eine Glocke, wie sie der Katholik aus der Liturgie vor der Wandlung kennt. Ein schönes Beispiel ist die festliche Eröffnung des Gerichtstages in der Oper <em>Martha</em> von Friedrich von Flotow. <span class="tooltips " style="" title="Bayerisches Staatsorchester u. d. Ltg. v. Robert Heger, mit Anneliese Rothenberger, Brigitte Fassbaender, Nicolai Gedda, Hermann Prey ua, EMI-Classics, 7243 5 66364 2, 2 CDs mit Textbuch."> [33]</span> Der Richter, ausgestattet mit einem dröhnenden Bass, schafft im Volk Raum für das Recht:</p>
<p>VOLK<br />
Der Markt beginnt, die Glocke schallt!<br />
Der Richter naht mit Amtsgewalt.<br />
Herbei! Ihr Mägde jung und alt! Herbei.</p>
<p>RICHTER<br />
Raum und Platz der Obrigkeit!<br />
Leute, macht euch nicht so breit.</p>
<p>VOLK<br />
Raum und Platz der Obrigkeit!</p>
<p>RICHTER<br />
Hört, was das Gesetz euch spricht! Höret! Aber stört mich nicht!</p>
<p>VOLK<br />
Höret! Aber störet ihn nicht!</p>
<p>RICHTER<br />
liest<br />
»Anna! Wir von Gottes Gnaden« –<br />
Hut ab, Schlingels, so wie ich!<br />
Höflichkeit kann nimmer schaden.<br />
»Wir erkennen feierlich<br />
Richmonds Privilegia, sigillata regia &#8230;«</p>
<p>Sehr oft ertönen auch drei Schläge mit dem Holzhammer, wie zu Beginn des Reggae-Klassikers <em>Here comes the judge. <span class="tooltips " style="" title="Peter Tosh, Honorary Citizen, Columbia/Legacy, C3K 65064-65066, 7464-65064-2, 3 CDs mit Textbuch."> [34]</span></em> Die Schläge sind das Respekt fordernde akustische Zeichen dafür, dass der Richter erscheint, oder, wenn er schon da ist, etwas Wichtiges zu verkünden hat. Ruhe im Saal! Man muss es mindestens dreimal sagen, was der deutsche Staatsrechtler Walter Leisner <span class="tooltips " style="" title="Walter Leisner, Das letzte Wort – Der Richter späte Gewalt, 1. Auflage, Berlin 2003."> [35]</span> noch im Jahre 2003 am Ende seiner mehrhundertseitigen und tiefernsten Abhandlung <em>Das letzte Wort</em> forderte: »Der Richter braucht Ruhe!« <span class="tooltips " style="" title="Notabene: Nicht immer ist es feine Gesellschaft, die vor Gericht steht. Gottfried August Bürger (Lenore, str. 25 fg): »am hochgericht / tanzt um des rades spindel / halb sichtbarlich bei mondenlicht / ein luftiges gesindel.«"> [36]</span> Aber zurück zu Peter Tosh und dem Reggae-Song <em>Here comes the judge</em>, dem übrigens ein Musical zugrunde liegt. Darin geht es um eine fiktive Gerichtsverhandlung, in der  große Kolonisatoren wie Columbus und Vasco da Gama vor dem, wie sich zeigen wird, ziemlich ungnädigen Gericht der Kolonisierten erscheinen müssen.</p>
<p>Here comes the judge<br />
Here he im<br />
O yeah, o yeah, god save the African king<br />
anyone want anything to say before<br />
come say it now and say it like you glad<br />
not like you mad<br />
cause this judge has no mercy</p>
<p>Christopher Columbus?<br />
yes sire<br />
Francis Drake?<br />
yes me lord<br />
your honour<br />
present<br />
Alexander so called the great?<br />
I am here, I am here<br />
David Livingston?<br />
Yes sir<br />
Marco Pole?</p>
<p>that the evidence I shall give shall be the whole truth<br />
and nothing but the truth<br />
so help me god</p>
<p>Chorus:<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session</p>
<p>You are brought here</p>
<p>One<br />
robbing and raping Africa<br />
Two<br />
stealing black people out of Africa<br />
Three<br />
brainwashing black people<br />
Four<br />
holding black people in captivity<br />
Five<br />
killing over 50 million black people without a cause</p>
<p>Chorus:<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session</p>
<p>&#8230; has anything to say before this execution<br />
say it quick, say it glad<br />
the judge is getting impatient<br />
no mercy</p>
<p>each of you must be hang by the tongue</p>
<p>»Silence in court!« sind auch die Worte, mit denen in der Oper <em>Trial by Jury</em> von Gilbert &amp; Sullivan <span class="tooltips " style="" title="The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard.)"> [37]</span> der Einzug des Richters beginnt. Die Musik zu diesem am Ende des 19. Jahrhunderts geschriebenen Einakter klingt gewiss nicht zufällig so nach Gloria in excelsis und Hallelujah, als wäre sie einem Händel-Oratorium entnommen. Der 1836 geborene Librettist, William Schwenck Gilbert, kannte die Gerichte aus eigenem Erleben. Er war lange Zeit Rechtsanwalt in London. Er starb als Sir William Gilbert im Alter von 74 Jahren bei dem Versuch, eine junge Frau aus der Themse zu retten.</p>
<p>Man wird die ironische Absicht der gottesdienstlichen Klänge und Worte, an denen in <em>Trial by Jury</em> kein Mangel ist, noch leichter ermessen können, wenn man weiß, dass es in der auf den Einzug des Richters folgenden Verhandlung um eine ziemlich alltägliche Scheidungssache geht. Ich komme darauf im Nachwort zurück.</p>
<p>RECIT–USHER (on Bench) <span class="tooltips " style="" title="Alle Texte aller Gilbert&amp;amp;Sullivan-Opern (u.v.a.m.) findet man in »The Gilbert &amp;amp; Sullivan-Archive« unter math.boisestate.edu/gas/ im Internet."> [38]</span><a href="#_edn38" name="_ednref38"><sup><br />
</sup></a>Silence in Court, and all attention lend.<br />
Behold your Judge!  In due submission bend!</p>
<p>Enter Judge on Bench</p>
<p>CHORUS<br />
All hail, great Judge!<br />
To your bright rays<br />
We never grudge<br />
Ecstatic praise.<br />
All hail!</p>
<p>May each decree<br />
As statute rank<br />
And never be<br />
Reversed in banc.<br />
All hail!</p>
<p>Die Übergabe der Rechtsgewalt an den Menschen geschieht im europäischen Rechtskreis durch Kontaktaufnahme Gottes mit auserwählten Menschen. Moses werden die zehn Gebote anvertraut. Im Psalm 72 heißt es:</p>
<p>Gott gib dein Gericht dem Könige und deine Gerechtigkeit des Königs Sohn. / Dass er dein Volk bringe zur Gerechtigkeit und deine Elenden rette./ Lass die Berge den Frieden bringen unter das Volk und deine Hügel die Gerechtigkeit.</p>
<p>Salomon ist also nur mit Gottes Gnade ein Urbild des Richters geworden. »We are nothing without divine inspiration!« sagte der amtierende Honourable Justice B.A. Adejuno, Präsident des National Industrial Court von Nigeria. So bescheiden sind nicht alle Richter, wie die folgende Passage der Arie des van Bett aus Lortzings <em>Zar und Zimmermann </em><span class="tooltips " style="" title="Bamberger Symphoniker unter d. Ltg. v. Hans Gierster, mit Dietrich Fischer-Dieskau, Ingeborg Hallstein, Fritz Wunderlich u.a., Deutsche Grammophon 471-139-2, 1 CD."> [39]</span> zeigt. Es kann Vergnügen bereiten, sich einen selbst- und sendungsbewussten Richter eigener Wahl vorzustellen, wie er sich morgens im Spiegel betrachtet:</p>
<p>O ich bin klug und weise,<br />
Und mich betrügt man nicht.<br />
Diese ausdrucksvollen Züge,<br />
Dieses Aug’, wie ein Flambeau,<br />
Verkünden meines Geistes Siege,<br />
Ich bin ein zweiter Salomo.<br />
Denn ich weiß zu bombardieren,<br />
Zu rationieren, zu expektorieren,<br />
Zu blamieren, inspizieren,<br />
Echauffieren, räsonieren, malträtieren,<br />
Und zu ieren, zieren, rühren,<br />
Führen, schmieren, ratifizieren.<br />
Mit einem Wort, man sieht mir’s an,<br />
Ich bin ad speciem ein ganzer Mann!</p>
<p>Nun aber zum ersten und wirklichen Salomon, dem Urbild des von Gott erleuchteten gerechten Richters: Wahre Größe braucht auch bei Richtern keinen Pomp und schämt sich ihrer Nachdenklichkeit nicht – das lehrt uns die sehr zarte Melodie, zu der Friedrich Georg Händel den König Salomon (im Oratorium Solomon <span class="tooltips " style="" title="The Monteverdi Choir, English Baroque Solist unter d. Ltg. v. John Eliot Gardiner  mit Caroly Watkinson, Barbara Hendricks u.a. Philips 421 612-2, 2 CDs mit Textheft."> [40]</span> ) sein berühmtes Urteil verkünden lässt. Auch der Text spiegelt weniger den Triumph des Rechts als vielmehr die Trauer des Richters über die Ungerechtigkeit:</p>
<p>Israel, attend to what your king shall say:<br />
Think not I meant the innocent to slay.<br />
The stern decision was to trace with art,<br />
The secret dictates of the human heart.<br />
She who could bear the fierce decree to hear,<br />
Nor send one sigh, nor shed one pious tear,<br />
Must be a stranger to a mother’s name –<br />
Hence from my sight, nor urge a further claim!<br />
But you, whose fears a parent’s love attest,<br />
Receive, and bind him to your beating breast:<br />
To you, in justice, I the babe restore,<br />
And may you lose him from your arms no more.</p>
<p>Das Göttliche hat auf die Richter abgefärbt, aber leider wirkt es nicht auf alle Richter gleichmäßig, wie uns die apokryphe <em>Historia von der Susanna und Daniel</em> zeigt. Hier wird die übliche Vorstellung, dass Alter mit Gerechtigkeit und Jugend mit erotischem Leichtsinn zusammengeht, auf den Kopf gestellt:</p>
<p>»Es war ein Mann zu Babylon, der hatte ein Weib, die hieß Susanna &#8230;, die war sehr schön&#8230;Es wurden aber .. zwei Älteste aus dem Volk zu Richtern gesetzt &#8230; Die &#8230; liefen zu ihr und sprachen: Susanna, siehe der Garten ist zugeschlossen und niemand sieht uns und wir sind entbrannt in Liebe zu Dir, drum tu unsern Willen. Willst du aber nicht, so wollen wir schwören, daß wir einen jungen Mann bei dir gefunden haben &#8230; Und Susanna tats nicht was sie verlangten und fing laut an zu schreien, aber die Richter schrien auch &#8230; Und das Volk glaubte den zweien als Richtern &#8230; und verurteilten Susanna zum Tode &#8230; Und da man sie zum Tode führte, erweckte Gott den Geist eines jungen Knaben. Der hieß Daniel &#8230; und fing laut an zu rufen &#8230; ›Seid ihr &#8230; solche Narren, daß ihr eine Tochter Israel verdammt, ehe Ihr die Sache erforscht habt &#8230;?‹ Und alles Volk kehrte eilend um &#8230; und sprachen zu Daniel: ›Setz dich her zu uns. Gott fordert dich zum Richteramte!‹ Und Daniel sprach: Trennt die beiden Alten, so will ich jeglichen von ihnen gesondert verhören. Und da sie die beiden getrennt hatten, sprach er zu dem ersten: ›Hast du nun Susanna gesehen, wie der junge Mann bei ihr lag, so sage an: Unter welchem Baum hast du sie gefunden?‹ Er antwortet: ›Unter einer Linde.‹ &#8230; Dann ließ er den anderen vor sich kommen und sprach zu ihm: ›Nun sage an: Unter welchem Baum hast du Susanna und den jungen Mann gefunden?‹ Er aber antwortet: ›Unter einer Eiche.‹ Da sprach Daniel: ›Oh recht! Mit eurer Lüge bringt Ihr Euch selbst ums Leben.‹ Da fing alles Volk an, laut zu rufen und sie priesen Gott. Und Daniel ward groß vor dem Volk von dem Tage an &#8230;«</p>
<h4>Kapitel II: Der angsteinflößende Richter</h4>
<p>Das zweite Kapitel ist ein Seitenstück zum ersten. Es geht um den Aspekt der Angst. In Anlehnung an Ludwig Feuerbach könnte man sagen, der Mensch habe Gott auch deshalb geschaffen, um seiner namenlosen Existenzangst einen Namen geben und sie im Gebet  besprechen zu können. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, mit einem Nachwort von Karl Löwith, Stuttgart 1969, 13. Kapitel: Die Allmacht des Gemüts oder das Geheimnis des Gebets."> [41]</span> Der Tag des Gerichts, Gottes <em>dies irae,</em> ist für den Menschen der Tag der Angst. <span class="tooltips " style="" title="Mehrere Kantaten Bachs haben die Angst vor Gottes Gericht zum Thema: »Ein unbarmherziges Gerichte/ wird über dich gewiss ergehn!« K 89/3. »Ich armer Mensch, ich armer Sünder/ steh hier vor Gottes Angesicht, / ach Gott, ach Gott, verfahr gelinder / und geh nicht mit mir ins Gericht« K 179/6 ... »Bei Warten ist Gefahr, / willt Du die Zeit verlieren, / der Gott, der ehmals gnädig war, / kann leichtlich dich vor seinen Richtstuhl führen« K 102/6. Vgl. Lucia Hasselböck, Bach-Textlexikon, Kassel 2004, S. 85, Stichwort »Gericht«."> [42]</span> Wahr ist, dass auch vor dem menschlichen Gericht niemand gern steht, mit Ausnahme der Advokaten vielleicht. Das tiefe Unbehagen ergreift auch den, dem der Verstand sagt, dass eigentlich nichts passieren kann. Und wer doch etwas ausgefressen hat, wie der Räuberhauptmann in den Bremer Stadtmusikanten, dem vernebelt das schlechte Gewissen die Wahrnehmung so arg, dass er den Hahn auf dem Haus für den Richter und das Kikeriki für den Haftbefehl nimmt. <span class="tooltips " style="" title="Eine märchenhaft-komische Übersteigerung des Angstmotivs findet sich auch im Kirke-Kapitel (Kapitel 15) des Ulysses, in dem Leopold Bloom zunächst vor einem steinbärtigen Kriminalrichter erscheinen muss und sich anschließend selbst zum Richter ausruft, vgl. James Joyce, Ulysses, Roman, übersetzt von Hans Wollschläger, kommentierte Ausgabe Frankfurt 2004."> [43]</span></p>
<p>In den Augen der Dichter scheinen die Richter das Gefühl, Angst und Schrecken zu verbreiten, gelegentlich zu genießen. Die vor zweieinhalbtausend Jahren uraufgeführte Komödie <em>Die Wespen </em><span class="tooltips " style="" title="Aristophanes, Sämtliche Komödien, übertragen von Ludwig Seeger, Einleitung von Otto Weinreich, Zürich 1968, S. 191 ff."> [44]</span> von Aristophanes bringt gleich einen ganzen »Chor der Richter«. Sie werden als ekelhafte Insekten dargestellt, die einen riesigen, phallusartigen Stachel tragen und einer von ihnen erklärt sich wie folgt über seinen Beruf:</p>
<p>Nun sprich: Bin ich nicht ein gewaltiger Herr,<br />
Gewaltig wie Zeus, der Allmächtige selbst,<br />
Und spricht man von mir nicht grad wie von Zeus?<br />
Denn wenn im Gerichtshof wir lärmen und schrein,<br />
Da bleiben sie stehn, die vorübergehn,<br />
Und sprechen: Allmächtiger Zeus, das Gericht!<br />
Wie es donnert und tobt!‘<br />
Und schleudr‘ ich den Blitz, dann schnattern vor Angst<br />
Und Entsetzen die reichen, hochachtbaren Herrn<br />
Und kacken sich voll.</p>
<p>Das Bild des Richters als eines Angsterzeugers spiegelt Mark Twain in dem Roman <em>Tom Sawyers Abenteuer</em> in der Seele eines Knaben. Tom ist verliebt in ein blondes Mädchen namens Becky Thatcher. Um ihr zu imponieren, kauft er von anderen Schülern Fleißkärtchen aus dem Religionsunterricht zusammen. Vor versammelter Schule soll ihm daraufhin der Preis für besondere Bibel-Kenntnisse verliehen werden. Mit der  Preisverleihung ist ein ehrenwerter Mann mittleren Alters betraut.</p>
<p>»Der mittelalterliche Mann schien ein bedeutender Mann zu sein. Er war der oberste Richter des Kreises – gewiss die erhabenste Persönlichkeit, die diese Kinder je gesehen hatten. Und sie grübelten darüber, aus welchem Stoff der wohl gemacht sein könne. Und dann waren sie begierig auf seine Stimme und dann zitterten sie wieder davor, sie zu hören. Er war aus Constantinopel – zwölf Meilen entfernt – er war also durch die ganze Welt gekommen und hatte alles gesehen &#8230; Die scheue Ehrfurcht, welche diese Vorstellungen hervorriefen, war aus dem absoluten Schweigen und den starr auf ihn gerichteten Augen deutlich zu lesen.</p>
<p>Das also war der große Richter Thatcher! Der Bruder ihres Bürgermeisters &#8230;</p>
<p>Tom wurde vor den Richter geführt. &#8230; seine Zunge klebte am Gaumen, der Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte, teils infolge der Größe des Mannes, teils weil er Becky Thatchers Vater war&#8230;</p>
<p>Der Richter legte die Hand auf Toms Kopf und nannte ihn einen tüchtigen kleinen Mann und</p>
<p>›&#8230; jetzt kannst du mir &#8230; eine große Freude machen&#8230;Ohne Zweifel kennst du die Namen aller zwölf Apostel. Willst du mir also die Namen der beiden zuerst von Jesus erwählten Jünger nennen?‹</p>
<p>Tom zupfte an einem Knopf und sah möglichst einfältig aus. Er wurde rot und senkte die Augen.</p>
<p>Sein Lehrer flüsterte ihm zu: ›Antworte dem Herrn, Thomas, fürchte dich nicht.‹</p>
<p>Tom wurde immer röter, bis eine vornehme Dame sagte: »Also wenn Du Angst vor dem Richter hast, mir kannst du es sagen. Die ersten zwei Apostel waren &#8230; :‹</p>
<p>›David und Goliath‹ sagte Tom.«</p>
<p>Dass der Richter uns Angst macht, hängt sicher damit zusammen, dass unsere Phantasie ihn mit den Attributen der Macht ausstattet. Hinter dem Richter steht nicht nur die göttliche Gerechtigkeit, sondern auch die  göttliche Unerbittlichkeit und Grausamkeit, kurz gesagt: der Henker, wie wir nicht nur von Friedrich Dürrenmatt <span class="tooltips " style="" title="Der Richter und sein Henker, Zürich 2002; auch die übrigen Auseinandersetzungen Dürrenmatts mit dem Thema weisen eine hohe Tiefenschärfe auf: Justiz, Roman, Zürich 1998; Die Panne, Erzählung, Zürich 1995; Der Verdacht, Kriminalroman, Zürich 2002."> [45]</span> wissen. Ein Urteil muss, um ein wirkliches Urteil zu sein, vollstreckt werden oder doch jedenfalls die Drohung, vollstreckt werden zu können, in sich tragen. <span class="tooltips " style="" title="Dieser gewalttätige Hintergrund des Urteilens geht auch im metaphorischen Gebrauch nicht verloren. Christoph Martin Wieland (1733–1813) schrieb an Johann Heinrich Merck, den er als Rezensenten des Teutschen Merkur bei Laune halten wollte: »Ihr löbliches Vorhaben, sich künftig im Merkur aufs Loben zu legen i.e. uns Freunde mit dem ungerechten Mammon zu machen, hat … meinen großen Beyfall. Aber dann und wann eine Execution … ist höchst nöthig, weil I. das Publicum von Zeit zu Zeit gerne jemand hängen oder Köpfen sieht; secundo, weil wir uns dadurch im Besitz unserer hohen Gerichtsbarkeit erhalten. Und eben darum müssten solche Executionen selten … aber wenn sie geschehen, desto feyerlicher und exemplarischer seyn.« An Merck, 31. Mai 1776, Wieland, Briefe, Bd 5, S. 510."> [46]</span>Ein französischer Rechtsphilosoph sagte vor einigen Jahren in einer Rede an junge Richter: »Es ist wichtig für Sie zu wissen, dass Sie einen der grausamsten Berufe ausüben, den es gibt. Sie werden erheblichen Schaden anrichten. Das ist unvermeidlich.« <span class="tooltips " style="" title="An diese Tatsache erinnert auch der Umstand, dass im sagenhaften Atlantis der Gerichtstag, der in diesem Falle eine Gerichtsnacht war, mit einem ziemlich grausamen und blutigen Opferritual begann: Stierblut mussten die Richter eigenhändig auf das Gesetz spritzen, vgl. Platon, Kritias, 119 c, zit. Nach Platon, Werke, Griech.-Deutsch, herausgegeben von Günter Eigler, Darmstadt 2005, S. 249, 250."> [47]</span> Zugleich weckt der Richter auch unser Schuldbewusstsein. Kaum einer hat ein so reines Gewissen, dass er vor dem Urteil eines als allwissend gedachten Richters, der zugleich auch ein Rächer ist, bestehen könnte. Es gibt Ausnahmen: Reine, engelsgleiche Charaktere. Aber es ist nicht gesagt, dass die menschliche Justiz, die ein System des Misstrauens ist und den Menschen eher auf die Finger als ins Herz schaut <span class="tooltips " style="" title="Das Verhältnis zwischen Gesetz und Unrecht ist vielschichtig, manchmal bringt das Gesetz die Sünde erst hervor: »Die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz«, Paulus 1 Kor. 15, 56."> [48]</span> der arglosen Unschuld gerecht wird. Im Gegenteil: Es kann zu Tragödien kommen, wie in Benjamin Brittens Oper <em>Billy Budd</em>, <span class="tooltips " style="" title="London Symphony Chorus/London Symphony Orchestra unter d. Ltg. v. Richard Hickox mit Simon Keenlyside, Philip Langridge, John Tomlinson u.a., Chandos 9826 (3), 3 CDs mit Textheft; als Video-DVD: English National Opera Chorus/English National Opera Orchestra unter d. Ltg. v. David Atherton, mit Thomas Allen, Philip Langridge, Richard van Allen u.a., Arthaus Musik 100 278."> [49]</span> die nach dem 1891 erschienenen gleichnamigen Roman von Hermann Melville <span class="tooltips " style="" title="Hermann Melville, Vortoppmann Billy Budd und andere ausgewählte Erzählungen, Leipzig 1984."> [50]</span> entstand.</p>
<p>Billy Budd ist ein herzensreiner bildschöner junger Matrose, der unter einem Sprachfehler leidet. Dieser Engel wird von seinem Vorgesetzten auf sadistische Weise gequält. Billy Budd kann sich, weil er stottert, nicht mit Worten wehren. Mit einer impulsiven Geste stößt er seinen Vorgesetzten um, der unglücklich stürzt und stirbt. Vere, der Kapitän des Schiffs, der Billy Budd liebt wie Abraham seinen Sohn Isaak liebte, beruft ein Standgericht ein. Die Richter verurteilen Billy Budd zum Tode. Der Kapitän könnte seinen Liebling begnadigen, denn an Bord ist er der oberste Richter. Aber die Schiffsräson siegt.</p>
<p>»Kapitän Vere:<br />
Ich akzeptiere euer Urteil &#8230; Auf den Verstoß gegen die Gesetze auf Erden steht die Todesstrafe. Und ich, König auf diesem Brocken Erde, auf dieser schwimmenden Monarchie, fordere den Tod. Aber ich habe das göttliche Urteil des Himmels gesehen. Ich habe gesehen, wie das Unrecht zuschanden wurde. Eingeengt in diese kleine Kajüte, habe ich das Mysterium der Güte erblickt.</p>
<p>Und ich fürchte mich.<br />
Vor welchem Tribunal werde ich erscheinen, wenn ich die Güte vernichte?</p>
<p>Der Engel Gottes hat den Schlag geführt und durch mich muss der Engel aufgehängt werden. Schönheit, Edelmut, Güte, es liegt an mir, dass Ihr vernichtet werdet.</p>
<p>Ich, Edward Fairfax Vere, Kapitän der Indomitable, mit der gesamten Mannschaft verloren auf dem endlosen Meer.</p>
<p>Ich bin der Bote des Todes. Wie kann er mir verzeihen? Wie mich empfangen?«</p>
<p>Während der Kapitän sich mit zerrissenem Herzen auf den Weg macht, um seinem Billy das Urteil zu verkünden, ertönt eine rätselhafte und in der Operngeschichte viel besprochene Folge von 34 Orchesterakkorden, die nach der Uhr gemessen zweieinhalb Minuten, nach dem Gefühl aber ein halbes Leben lang andauert. Sie klingt wie ein Echo der tausendfältigen Trauer, die das Versagen des menschlichen Rechts in den Seelen gerade der Gerechtesten verursacht. <span class="tooltips " style="" title="Christoph Martin Wieland schrieb in einer Anmerkung zu Johannes Daniel Falks satirischem Epos: Die Helden: »Freilich trat hier einer von unseren unseligen Kollisionsfällen ein, wo das größte Recht in einem anderen Sinne großes Unrecht ist.« Vgl. Johannes Daniel Falk, Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel, Lustspiele, Gedichte, Publizistik, hrsg. Paul Saupe, Berlin 1988, S. 661."> [51]</span></p>
<h4>Kapitel III: Der furchtbare Richter</h4>
<p>Das Richterbild in der deutschen Nachkriegsliteratur ist von den fanatischen Zügen eines Kasseler Rechtsanwalts geprägt, der mit Anfang zwanzig Bolschewist und mit fünfzig Jahren Präsident des Volksgerichtshofs war: Roland Freisler. <span class="tooltips " style="" title="Von den Schrecken des alltäglichen Wirkens dieses Mannes findet sich ein beeindruckender Bericht bei Rudolf Predeek, Die rote Robe, Düsseldorf 1949: Der Düsseldorfer Unternehmer (Mineralwasser), Karnevalspräsident und Angehörige des Honoratiorenvereins Düsseldorfer Jonges Leo Statz (1898–1943) hatte den Wunsch eines Angestellten nach Gehaltserhöhung zurückgewiesen und war von diesem Angestellten daraufhin wegen einer defaitistischen Äußerung über die Kriegsaussichten Deutschlands denunziert worden – eine Frühform des whistle-blowing. Da Statz sich schon häufiger widerspenstig gegenüber der NSDAP gezeigt hatte, beschloss man an ihm ein Exempel zu statuieren. Über die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter Freislers Vorsitz schreibt Predeek (aaO., S. 82 ff. ) u. a.: »Freisler hatte eine durchtrieben wirkungsvolle Verhandlungsmethode. Sachlich und ruhig begann er zu sprechen. Fast erreichte er es, dass er Zutrauen erweckte, um sich dann plötzlich mit umso überraschenderer Wendung unversehens auf sein Opfer stürzen zu können. Er … genoss seine Stunden in selbstgefälligen Zügen, ein judex diabolicus, dem nichts heilig war, weder das Recht, das er nicht anerkannte, noch das Volk, das er betrog, noch der Unschuldige, den er verfolgte.« Statz, tiefgläubiger Katholik, wurde von Freisler im Gerichtssaal dem Spott der Zuschauer preisgegeben, insbesondere das relativ hohe Einkommen des Unternehmers gab Freisler Gelegenheit, den Neid der Zuhörer gegen Statz aufzustacheln. Statz wurde zum Tode verurteilt und am 1. November 1943 gegen 16.00 hingerichtet. Vgl. auch Helmut Moll, In den Fängen des Nationalsozialismus, Düsseldorfer Jahrbuch, Bd. 68, Düsseldorf 1997, S. 194–202; von Statz, der viele Karnevalslieder schrieb (u.a. 1938 in Anspielung auf Mussolini: »Sei doch einmal nett zu mir. Alles, alles schenk ich Dir, sei nicht zaghaft-zimperlich: Duze, Duze, Duze mich!«, das verboten wurde, woraufhin Statz als Motto des Karnevalszuges 1939 die Parole »Verboten – erlaubt« ausgab), erschien posthum ein Band mit kleinen humoristischen Erzählungen: Der Sillbund, Drei Eulen Verlag, Düsseldorf 1946."> [52]</span> Dieses Bild hat in den 60er und 70er Jahren die Vorstellung vor allem des linksintellektuellen Milieus von Staat und Recht so nachhaltig geprägt, dass fast ein Klischee daraus geworden ist, eine Art negativer Kitsch. <span class="tooltips " style="" title="Wie eine späte und seltsam angestaubt daherkommende Auswirkung dieser bequemen Klischeevorstellung kam es mir vor, als, Zeitungsberichten zufolge, Anfang 2006 der Journalist Hendryk M. Broder nach einem verlorenen Prozess erklärte, »die Erben der Firma Freisler« seien wieder einmal am Werk gewesen. Es wird nun gegen Broder wegen Beleidigung ermittelt, womit Gelegenheit zu weiterer Verbreitung des sicher im Alterszorn gesprochenen Unfugs bestehen dürfte, vgl. DIE WELT, 6. Februar 2006, S. 11."> [53]</span> Und doch existierten jene furchtbaren Richter. <span class="tooltips " style="" title="Es scheint nicht sehr viele Richter im Dritten Reich gegeben zu haben, die anders dachten als die damalige Regierung und den Mut hatten, dies auszusprechen. Einer von diesen nicht sehr vielen war Lothar Kreyssig (30.10.1898 Flöha (Sachsen) – 5.7.1986 Bergisch Gladbach), der sich als Amtsrichter in Brandenburg (Havel) gegen die Tötung ihm als Amtsvormund anvertrauter behinderter Menschen wehrte. Als ihm der Justizminister Gürtner einen handgeschriebenen Führerbefehl vorlegte, erklärte er, ein Führerbefehl schaffe kein Recht und wurde in den Ruhestand versetzt und zwar unter Zahlung der gesetzlichen Versorgungsbezüge. Später war Kreyssig ua Präses der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und rief als Vizepräsident Ost des Deutschen Evangelischen Kirchentages im April 1958 die »Aktion Sühnezeichen« ins Leben, vgl. Wolf Kahl, Lothar Kreyssig – Amtsrichter im Widerstand und Prophet der Versöhnung, DRiZ 2008, 299."> [54]</span> Peter Weiss hat in dem Stück <em>Die Ermittlung</em> <span class="tooltips " style="" title="Frankfurt 2005; als Audiocassette in der Hörspielbearbeitung von 1965 für den Hessischen Rundfunk von Hermann Naber unter der Regie von Peter Schulze-Rohr mit Fritz Strassner, Herbert Fleischmann, Hanne Hiob u.a., Der Hörverlag, ISBN 3-89584-112-9;"> [55]</span> die Protokolle des Frankfurter Auschwitz-Prozesses zu einem in mehrere Gesänge eingeteilten Sprech-Oratorium verarbeitet. Im <em>Gesang von der Schwarzen Wand</em> bringt er einen KZ-Richter auf die Bühne, der als Zeuge vernommen wird:</p>
<p>»Richter<br />
Wir rufen als Zeugen auf<br />
den damaligen weisungsgebenden Vorgesetzten<br />
der hier befindlichen Angeklagten</p>
<p>Herr Zeuge<br />
Sie waren Chef der zuständigen Zentrale<br />
der Sicherheitspolizei<br />
und Vorsitzender des Standgerichts<br />
Was hatten Sie als solcher<br />
mit den Hinrichtungen zu tun<br />
die von der Politischen Abteilung<br />
im Lager durchgeführt wurden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Meine Dienststelle hatte mit den Handhabungen<br />
der Politischen Abteilung im Lager<br />
nicht das geringste zu tun<br />
Mir standen ausschließlich Fälle<br />
von Partisanen zur Verhandlung<br />
Diese wurden ins Lager überführt<br />
und dort in einem Sitzungsraum abgeurteilt</p>
<p>Richter<br />
Wo befand sich dieser Sitzungsraum</p>
<p>Zeuge 1<br />
In irgendeiner Baracke</p>
<p>Richter<br />
Lag der Sitzungsraum nicht im Block Elf</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da bin ich überfordert</p>
<p>Zeuge 6<br />
Ich war Schreiber im Block Elf<br />
Bei dieser Tätigkeit erhielt ich Einblick<br />
in die Arbeit des Standgerichts<br />
Der Sitzungsraum befand sichvorne links<br />
am Korridor des Block Elf</p>
<p>Richter<br />
Wie sah dieser Raum aus</p>
<p>Zeuge 6<br />
Da waren 4 Fenster zum Hof<br />
und da stand ein langer Tisch</p>
<p>Richter<br />
Herr Zeuge<br />
Erinnern Sie sich an diesen Raum</p>
<p>Zeuge 1<br />
Nein</p>
<p>Richter<br />
Sind Sie nie im Inneren Gebiet<br />
des alten Lagers gewesen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da bin ich überfordert</p>
<p>Richter<br />
Sind Sie nie durch das Lagertor gegangen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es ist möglich<br />
Ich erinnere mich daß da<br />
eine Musikkapelle spielte</p>
<p>Richter<br />
Waren Sie nie im Hof von Block Elf</p>
<p>Zeuge 1<br />
Vielleicht einmal<br />
Da soll eine Mauer gewesen sein<br />
Ich habe sie aber nicht mehr in Erinnerung</p>
<p>Richter<br />
Eine schwarzgestrichene Mauer<br />
muß doch auffallen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ich habe keine Erinnerung</p>
<p>Richter<br />
Herr Zeuge<br />
Sie waren also der Vorsitzende<br />
War denn auch ein Verteidiger dabei</p>
<p>Zeuge 1<br />
Wenn einer gewünscht wurde</p>
<p>Richter<br />
Wurde mal einer gewünscht</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es kam selten vor</p>
<p>Richter<br />
Und wenn es vorkam</p>
<p>Zeuge 1<br />
Dann wurde einer bestellt</p>
<p>Richter<br />
Wer war der Verteidiger</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ein Beamter der Dienststelle</p>
<p>Richter<br />
Fanden verschärfte Vernehmungen statt</p>
<p>Zeuge 1<br />
Dazu bestand keine Veranlassung<br />
Ich habe jedenfalls nichts<br />
von verschärften Vernehmungen gehört<br />
Die Tatbestände waren so klar<br />
daß es keiner verschärften Vernehmung bedurfte</p>
<p>Richter<br />
Was waren die Tatbestände</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es waren ausschließlich staatsfeindliche Handlungen</p>
<p>Richter<br />
Gestanden die Verhafteten</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da gab es nichts zu leugnen</p>
<p>Richter<br />
Wie kam es zu den Geständnissen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Durch Vernehmungen</p>
<p>Richter<br />
Wer führte die Vernehmungen aus</p>
<p>Zeuge 1<br />
Die Politische Abteilung</p>
<p>Richter<br />
Hatten Sie als Richter keine Bedenken<br />
auf welche Art die Geständnisse<br />
herbeigeführt wurden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ich kann nichts dafür<br />
wenn der eine oder andere meiner Leute<br />
seine Befugnisse überschritten hat<br />
Ich habe meinen Männern ständig eingeschärft<br />
daß sie bei allen Verhandlungen<br />
korrekt aufzutreten hatten</p>
<p>Richter<br />
Wurden bei den Vernehmungen Zeugen gehört</p>
<p>Zeuge 1<br />
In der Regel nicht<br />
Wir fragten ob alles stimme<br />
und sie sagten alle Ja</p>
<p>Richter<br />
Sie hatten also nur Todesurteile auszusprechen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ja<br />
Freisprüche gab es praktisch nicht<br />
Verfahren wurden nur eröffnet<br />
wenn alles klar war</p>
<p>Richter<br />
Haben Sie niemals Anzeichen<br />
bei den Beschuldigten erkannt<br />
die auf unzulässige Behandlung<br />
hätten schließen lassen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Nein</p>
<p>Richter<br />
Sind auch Frauen und Kinder<br />
vor der Schwarzen Wand<br />
erschossen worden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Davon ist mir nichts bekannt</p>
<p>Zeuge 6<br />
Zwischen den Häftlingen<br />
die zur Aburteilung durch das Standgericht<br />
in den Block eingeliefert wurden<br />
befanden sich zahlreiche Frauen und Minderjährige<br />
Die Anklage lautete auf Schmuggel<br />
oder Kontakt mit Partisanengruppen<br />
Im Gegensatz zu den Lagerhäftlingen<br />
die im Keller eingeschlossen waren<br />
hielten sich die Polizeigefangenen<br />
im Erdgeschoss des Blocks auf<br />
Sie wurden einzeln in das Sitzungszimmer geführt<br />
Der Richter verlas das Urteil<br />
er nannte nur den Namen und sagte dann<br />
Sie sind zum Tode Verurteilt<br />
Die meisten Verurteilten<br />
verstanden die Sprache nicht<br />
und wußten gar nicht<br />
warum man sie verhaftet hatte<br />
Vom Gerichtszimmer wurden sie sofort<br />
zum Auskleiden in den Waschraum geführt<br />
und von dort in den Hof gebracht</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeuge<br />
Wieviel Urteile hatten Sie<br />
als Vorsitzender des Standgerichts<br />
zu verlesen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Daran kann ich mich nicht erinnern</p>
<p>Ankläger<br />
Wie oft wurden Sie<br />
zur Urteilssprechung einberufen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das weiß ich nicht mehr</p>
<p>Ankläger<br />
Wie lange dauerte eine Sitzung<br />
des Standgerichts</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das kann ich nicht sagen</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeuge<br />
Sie sind heute Leiter<br />
eines großen kaufmännischen Betriebs<br />
Als solcher müssen Sie gewohnt sein<br />
mit Ziffern und Zeitrechnungen umzugehn<br />
Wieviele Menschen<br />
wurden von ihnen verurteilt</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das weiß ich nicht</p>
<p>Zeuge 6<br />
Bei einer Sitzung des Standgerichts<br />
wurden im Durchschnitt<br />
100 bis 150 Todesurteile Verlesen<br />
Die Sitzung dauerte 1 ½ bis 2 Stunden<br />
und fand alle 2 Wochen statt</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeug<br />
wieviele Menschen wurden ihrer Schätzung nach<br />
insgesamt<br />
vor der Schwarzen Wand erschossen</p>
<p>Zeuge 6<br />
Aus den Totenbüchern und unsern Aufzeichnungen<br />
geht hervor<br />
daß zusammen mit den gewöhnlichen Bunkerleerungen<br />
annähernd 20 000 Menschen<br />
vor der schwarzen Wand erschossen wurden«</p>
<p>Es ist kein Vorrecht Deutschlands, furchtbare Richter hervorzubringen. Es ist auch kein Vorrecht des 20. Jahrhunderts. Schon die spätmittelalterliche Legenda aurea des Jacobus de Voragine <span class="tooltips " style="" title="Jacobus de Voragine, Legenda aurea, aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 13. Auflage, Gütersloh 1999."> [56]</span> ist voller Berichte über grausame Prozesse gegen die frühen Christen <span class="tooltips " style="" title="Ein Beispiel ist der Richter Paschasius, vor den die heilige Lucia von ihrem Ehemann gezogen wird, weil die ihr Geld an die Armen verschwendet. Paschasius will sie zwingen, den römischen Göttern zu opfern. Er verurteilt sie, als Hure in einem Freudenhaus zu arbeiten. Aber 1000 Knechte und sogar Ochsen vermögen nicht, sie dorthin zu  zu bringen. Daraufhin lässt Paschaius, der später selbst hingerichtet wurde, sie erst mit Urin übergießen und ihr anschließend mit einem Schwert die Kehle durchbohren, vgl. Jacobus de Voragine, ebd., S. 27–29."> [57]</span> <span class="tooltips " style="" title="Die Freigabe zur Prostitution war eine gegen Frauen häufiger angewandte Strafe und sexuell geprägter Sadismus bei Richtern offenbar keine Seltenheit:, vgl. Anne Jensen, Gottes selbstbewusste Töchter – Frauenemanzipation im frühen Christentum? Berlin, Hamburg, Münster 2003, S. 185 ff."> [58]</span>.</p>
<p>Auch Georg Friedrich Händel, der offenbar einen besonderen Zugang zum Zeremoniösen der Gerichtsverhandlung hatte, hat den Prozess gegen ein Märtyrer-Liebespaar vor dem römischen Richter Valens in seinem späten Oratorium <em>Theodora<span style="font-size: 11.6667px;"> </span></em><span class="tooltips " style="" title="Les Arts Florissants unter d. v. William Christie mit Daniel Taylor, Richard Croft u.a., Erato B0000A1M7P, 3 Cds."> [59]</span> dargestellt. Vor einigen Jahren wurde einer meiner sanftesten Kollegen von einem Kläger, der sich ungerecht behandelt fühlte, als »Nazi- und Hexenrichter« bezeichnet. Dass der Mann diese Bezeichnung wählte, zeigt, wie tiefe Spuren bis heute Inquisition und Hexenverfolgung hinterlassen haben. Umberto Eco hat in seinem Roman <em>Der Name der Rose</em> eine Gerichtsverhandlung in einem Kloster des ausgehenden Mittelalters geschildert. Wer die Protokolle von Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof studiert, dem springen die Parallelen der auf Entwürdigung des Angeklagten zielenden Vernehmungstechnik des Richters ins Auge. Hier einige Ausschnitte aus Ecos Roman <em>Der Name der Rose</em>:<span class="tooltips " style="" title="Umberto Eco: Der Name der Rose, Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1982; als Video-DVD unter der Regie von Jean-Jacques Annaud mit Sean Connery, F.Murray Abraham u.a., Warner Brothers/ Constantin, 3447695."> [60]</span></p>
<p>»Fünfter Tag – Nona – Worin Recht gesprochen wird und man den beklemmenden Eindruck hat, dass alle im Unrecht sind.</p>
<p>Der Richter &#8230; tat so, als ob er Papiere ordnete – aber zerstreut, denn sein Blick war dabei auf den Angeklagten gerichtet, und in diesem Blick lag eine Mischung aus geheuchelter Nachsicht &#8230;, aus eisiger Ironie &#8230; und aus gnadenloser Strenge.</p>
<p>All das, was ihm vorgehalten wurde, wusste der Angeklagte längst, doch der lauernde Blick und das Schweigen des Inquisitors dienten dazu, es ihm erneut ins Gedächtnis zu rufen, ja es ihn geradezu körperlich spüren zu lassen &#8230;</p>
<p>Remigius (Angeklagter):<br />
»Meine Seele ist unschuldig &#8230;«</p>
<p>Bernard, Richter, brüllt<br />
»Seht ihr? So reden  sie alle! Wenn einer von ihnen gefasst wird, tritt er vor das Gericht, als ob sein Gewissen ruhig und rein wäre &#8230; sage mir nun: Woran glaubst du?«</p>
<p>Remigius:<br />
»Ich glaube alles, was Ihr und die anderen guten Doctores mich glauben heißen.«</p>
<p>Bernard<br />
»Aha! Aber die ›guten Doctores‹ &#8230; Du deutest an, dass du mir glauben würdest, wenn ich glauben würde, was jene glauben, andernfalls aber glaubst du nur ihnen!«</p>
<p>Remigius:<br />
»Nein, Herr Inquisitor, nein, ich schwöre euch &#8230;«</p>
<p>Bernard:<br />
»Du schwörst? Ein neuer Beweis deiner Ruchlosigkeit! &#8230; Du elender Fuchs.«</p>
<p>Remigius:<br />
»Aber was kann ich denn tun?«</p>
<p>Bernard:<br />
»&#8230; Gar nichts kannst du mehr tun. Ich allein weiß, was jetzt noch getan werden muss &#8230; Dir bleibt nur noch zu gestehen. Doch wenn du gestehst, wirst du verdammt und verurteilt werden, und wenn du nicht gestehst, wirst du auch verdammt und verurteilt werden, nämlich wegen Meineides. Also gestehe, um wenigstens dieses Verhör abzukürzen, das unser Gewissen quält und unseren Sinn für Mitleid und Güte verletzt.«</p>
<p>In dem von Kriegen und Hexenverfolgungen gekennzeichneten 17. Jahrhundert, in dem es nach einer amtlichen Zählung mehr Teufel gab als Frankreich Einwohner hatte, spielt die Geschichte der <em>Teufel von Loudun</em>, die von dem Hugenotten Nicolas Aubin <span class="tooltips " style="" title="Nicolas Aubin, Geschichte der Teufel von Loudun oder der Besessenheit der Ursulinen und von der Verdammung und Bestrafung von Urbain Grandier, Pfarrer derselben Stadt, aus dem Französischen übertragen von Dieter Walter, 2. Auflage Berlin 1981."> [61]</span> erforscht wurde. Aldous Huxley machte daraus einen Roman <span class="tooltips " style="" title="Aldous Huxley, Die Teufel von Loudun, dtv, München 1985."> [62]</span> und Krysztof Penderecky eine Oper. <span class="tooltips " style="" title="Chor und Orchester der Hamburger Staatsoper unter d. Ltg. v. Marek Janowski, mit Tatiana Troyanos,  Cvetka Ahlin, Hans Sotin  u.a. Philips B00000133P, 2 CDs mit Textheft."> [63]</span> Die Geschichte ist folgende: Der Priester Urbain Grandier, Pfarrer der Kirche Saint-Pierre-du-Marché, war ein schöner und stattlicher Kerl. Die Frauen und Töchter von Loudun schmolzen nach der Beichte auf dem Venusaltar seiner Pfarrkirche, Urbain Grandier schmolz mit und die Bürger kochten vor Wut. Da es ihnen peinlich war, die eigentlichen gravamina auszusprechen, waren sie erleichtert über die irgendwie in der Luft liegende und vom Kardinal Richelieu aus politischen Gründen geförderte Entdeckung, dass Grandier ein Hexer sein müsse. Man verhaftete ihn, durchsuchte sein Haus und fand verschiedene, in Spiegelschrift abgefasste Verträge, welche neben der Unterschrift des Grandier die nach gerichtlichem Befund zweifellos echten handschriftlichen Signaturen der Teufel Asmodi, Beelzebub und Behemot trugen. Als Richter in dem sich über ein Jahr hinziehenden Prozess gegen Grandier fungierte ein Mann namens Laubardemont. In seiner Person kam alles zusammen, was einen Richter im allgemeinen von der Führung eines Prozesses von vornherein ausschließt: Er war den Feinden des Priesters persönlich und verwandtschaftlich verbunden, er war als Sonderrichter von der Staatsführung eingesetzt mit dem einzigen und ausdrücklichen Auftrag, Grandier zu erledigen, und er übte neben dem Richteramt das des Staatsanwalts und neben dem Amt des Staatsanwalts sogar noch das des Zeugenbetreuers aus. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass er in Wirklichkeit nicht Richter, sondern das Haupt einer von der Staatsführung eingesetzten Terrorbande war. Im Prozess hatte Grandier bis zuletzt geleugnet, auch dann noch, als ihm ein Arzt mit einer fingerlangen Nadel hunderte Stiche ins Fleisch gesetzt hatte, angeblich, um die zwei bis fünf gefühllosen Stellen zu finden, durch die ein Teufelsbündner sich nach der gängigen Doktrin auszeichnete, und auch dann noch hatte er geleugnet, als man ihm Arme und Beine mit eisernen Pressen zerquetscht hatte. Nicht einmal die letzte von ihm erflehte Gunst, nämlich erwürgt zu werden, ehe man ihn auf den Scheiterhafen warf, wurde ihm gewährt. So verbrannte er bei lebendigem Leibe.<span class="tooltips " style="" title="Allen neuen Freunden des alten Irrtums, Folter sei ein geeignetes Mittel zur Verbrechensbekämpfung, sei das Studium des Falls Urbain Grandier empfohlen."> [64]</span></p>
<p>Kapitel IV: Die gerechten Richter</p>
<p>Die unübersehbar hässlichen Züge des Richterbildes sind damit im Wesentlichen deutlich genug beschrieben. Das Vierte Kapitel ist den gerechten Richtern gewidmet, und das ist auch der Titel eines Altarbildes aus Gent, das von Jan van Eyck stammt. Es wurde in den dreißiger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts gestohlen und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Eine wichtige Rolle spielt es in dem Roman <em>La chûte</em> (<em>Der Fall</em>),<span class="tooltips " style="" title="Albert Camus, Der Fall, Roman, Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957."> [65]</span> der Albert Camus den Literatur-Nobelpreis eintrug.</p>
<p>Gerechte Richter kommen in Literatur und Oper gar nicht so selten vor. Zwei Typen sind vorherrschend, einer ist der gottähnliche, allwissende, stets beherrschte und weise Mann, dessen Urbild wir mit Salomon  kennen gelernt haben. Die meisten Fernsehrichter sind nach diesem Muster gestrickt. <span class="tooltips " style="" title="Der Erfolg der Sendungen mit Fernsehrichtern ist offenkundig umgekehrt proportional dem rechtlichen und tatsächlichen Gehalt der verhandelten Fälle; der Mangel an Einblicken in Recht und Leben wird allerdings kompensiert durch einen reichen Überfluss an Einblicken in die tief ausgeschnittenen Dekolletees von Zeuginnen und Angeklagten, vgl. dazu Melanie Amann: »Das Urteil lautet«, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7. Juni 2009, Nr. 23/2009, S. 12."> [66]</span> Der zweite Typ ist mehr von der Art des Daniel oder der Mutter aller Richterinnen, der biblischen Deborah. Es ist ein unkonventioneller und dabei volkstümlicher Mensch, der gelegentlich Gesetze bricht und unter Umständen sogar Gewalt anwendet, um Gerechtigkeit herzustellen. Ihn finden wir bei Calderon de la Barca im <em>Richter von Zalamea</em>,<span class="tooltips " style="" title="Pedro Calderón de la Barca, Dramatische Werke, die Höhepunkte seines Schaffens, Wien 1979, S. 19 ff."> [67]</span> einem Dorfrichter, der den adeligen Vergewaltiger seiner Tochter verurteilt und auch gleich aufhängen lässt. <span class="tooltips " style="" title="DEFA-Verfilmung von 1956 unter der Regie von Martin Hellberg mit Hans-Joachim Büttner, Gudrun Schmidt-Ahrends, Rolf Ludwig u.a., als Video bei Icestorm Entertainment, 10095; nicht nur den DDR-Oberen, auch den Nationalsozialisten passte der Typ Richter, der sich nicht viel um Gesetze schert: am 8. Januar 1937 wurde der Richter von Zalamea in einer Nachdichtung durch Wilhelm von Scholz am Schillertheater in Berlin uraufgeführt."> [68]</span> Dem gleichen Typ gehört der Held des 2003 erschienenen Romans <em>Der Richter aus Paris</em> von Ulrich Wickert <span class="tooltips " style="" title="Ulrich Wickert, Der Richter aus Paris, Eine fast wahre Geschichte, Hamburg 2003."> [69]</span> an, ein französischer Untersuchungsrichter, der sich mit dem Staatspräsidenten anlegt, um eine Korruptionsaffäre aufzudecken. Dabei ist dieser Richter so erfolgreich, dass er sich inzwischen zum Serienhelden auszuwachsen scheint: Im Jahre 2005 erschien <em>Der Richter in Angola</em>. <span class="tooltips " style="" title="Ulrich Wickert, Die Wüstenkönigin, Der Richter in Angola, Hamburg 2005."> [70]</span> Auch der Azdak <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, edition Suhrkamp Nr. 31, Frankfurt 1963; vgl. auch: Hanns Ernst Jäger, Bertolt Brecht – Songs, Gedichte, Prosa, 3 Lieder aus dem Kaukasischen Kreidekreis, Pläne Archiv Nr. 89003, CD."> [71]</span> im <em>Kaukasischen Kreidekreis</em> von Bert Brecht <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff."> [72]</span> ist hier zu nennen und Rolf Hochhuths Richterin Heinemann, die in dem Stück <em>Unbefleckte Empfängnis</em> <span class="tooltips " style="" title="Rolf Hochhuth, Unbefleckte Empfängnis, Ein Kreidekreis, Reinbek b. Hamburg 1988."> [73]</span> einer Angeklagten, von deren Unschuld sie überzeugt ist, zur Flucht verhilft. Die <em>western-hero</em>-Spielart des unkonventionellen, unkompliziert zupackenden Richters ist, wie wir aus der Comic-Serie <em>Lucky Luke </em>wissen, Judge Roy Bean, den man »The law west of the Pecos« nannte. Sein Wahlspruch war: »Hang’m first – verhandelt wird später!« Über seinem Gerichtsgebäude, das gleichzeitig als Saloon diente, prangte der bemerkenswerte Slogan »Gerechtigkeit und kühles Bier«. <span class="tooltips " style="" title="Morris, Lucky-Luke, Bd. 31: »Der Richter«, o. J."> [74]</span></p>
<p>In der Wirklichkeit finden wir gerechte Richter natürlich viel eher als unauffällige Helden des Alltags, die unter der Last des Amtes leiden, sich krank und unverstanden fühlen und zu Vertagungen und Vergleichsvorschlägen neigen. Um diesen dritten Typ des gerechten Richters, einen still wirkenden Amtsrichter, <span class="tooltips " style="" title="Vgl. zum Bild des Amtsrichters: Karl Kroeschell, Der Amtmann, Zur Kulturgeschichte eines Juristenberufs, 2002, im Internet unter http://www. rewi.hu-berlin.de/online/fhi/articles/0210kroeschell/=210kroeschell.htm zitiert nach Weber, Festschrift für Adomeit, 809 ff. (824)."> [75]</span> haben sich Christoph Martin Wieland <span class="tooltips " style="" title="Christoph Martin Wieland, Geschichte der Abderiten, Reclam Ditzingen, 1986."> [76] </span> und Richard Strauss verdient gemacht. <em>Des Esels Schatten </em><span class="tooltips " style="" title="Rundfunkchor Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Karl Anton Rickenbacher mit Sir Peter Ustinov (Erzähler), Andreas Kohn, Eberhard Büchner u.a.: »Des Esels Schatten«, Der unbekannte Richard Strauss, Koch-Schwann 3-1792-2, CD mit Textheft."> [77]</span>heißt eine kleine Oper, die Richard Strauss am Ende seines Lebens für eine Schule schrieb. Den Stoff für die Oper entnahm Richard Strauss Christoph Martin Wielands Roman <em>Geschichte der Abderiten</em>: Es geht um die Stadtrepublik Abdera, die man getrost als Metapher für alle Republiken, also auch für unsere heutige deutsche nehmen darf.</p>
<p>In der Stadt Abdera trug sich der folgende Rechtshandel zu: Der Zahnarzt Struthion mietete einen Esel, um in die Nachbarstadt zu reiten. Es war ein heißer Mittag, die Sonne stach und dem Zahnarzt ward matt zu Mute. Er befahl dem Eselsführer das Tier anzuhalten, stieg vom Esel und wollte, um sich zu erfrischen, im Schatten des Eselskörpers Platz nehmen. Der Eselsführer aber war damit nicht einverstanden: Er habe den Esel vermietet, nicht aber dessen Schatten. Wenn der Schatten genutzt werden solle, so sei neben der Eselsmiete eine weitere Drachme fällig. Der arme überhitzte Zahnarzt konnte oder wollte nicht zahlen, und so kam es zu einem Prozess, dessen Verlauf, wie alle wichtigen Angelegenheiten in Abdera, auf das lebhafteste öffentliche Interesse stieß. Die Einzelheiten des Rechtshandels samt seiner politischen Knoten und weltanschaulichen Knäuel auszubreiten ist aber hier nicht der Ort. Uns interessiert der Richter, der schließlich alles auseinanderwickeln muss: Philippides war, wie so viele Amtsrichter, »ein ehrbarer, nüchterner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann, der jedermann mit großer Geduld anhörte, den Leuten freundlichen Bescheid gab und im allgemeinen Rufe stand, dass er unbestechlich sei«. Überdies war er ein guter Musikus <span class="tooltips " style="" title="Philippides ist im Grunde ein versonnener, ja bei aller Empfindung für die Amtsmühen noch sonniger Charakter; ein Gegenstück ist der Amtmann von Lenzbach im Prinz Rosa-Stramin von Ernst Koch (* 1808 Singlis an der Schwalm, &#x271d; 1858 Luxembourg), den die tausend Glockenstimmen Gottes nicht zum Besuch der Sonntagsmesse verführen können, weil er sich als selbstquälerischer naturblinder und aktengläubiger Pedant  lieber mit Appelations-Extrajudizial- und Hämorrhoidalbeschwerden abarbeitet, vgl. Hermann Weber, Kurhessischer Obergerichtsreferendarius, Fremdenlegionär und Professor in Luxemburg, Ernst Koch – Ein Dichterjurist im Vormärz."> [78][/simple_tooltip ]und sang,  bevor er, wie es der Brauch kluger Richter ist, einen Vergleich vorschlug, eine kleine Kavatine über die Gerechtigkeit: <span class="tooltips " style="" title="Ein musikalisch und schriftstellerisch begabter Richter ist der Vorsitzende Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Wolfgang Neukirchner gewesen, der ua den Text des Schlagers Es gibt kein Bier auf Hawaii für Paul Kuhn schrieb, unter dem Pseudonym »Josua Röckelein«:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt kein Bier auf Hawaii,&lt;br /&gt;
es gibt kein Bier.&lt;br /&gt;
Drum fahr ich nicht nach Hawaii,&lt;br /&gt;
drum bleib ich hier.&lt;br /&gt;
Es ist so heiss auf Hawaii,&lt;br /&gt;
kein kühler Fleck,&lt;br /&gt;
und nur von Hula Hula&lt;br /&gt;
geht der Durst nicht weg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als »Adolf von Klebsattel« verdiente er wahrscheinlich das meiste Geld, denn unter diesem Namen schrieb er die Texte zahlreicher Schlager des blonden Sängers Heino, z. B. »Blau, blau, blau blüht der Enzian.«, vgl. www.zeit.de/1993/16/Der-geistige-Vater-von-Heino."></span> [79]</span></p>
<p>Ich möchte am Wiesenrain sitzen,<br />
aus Weiden eine Flöte mir schnitzen,<br />
statt unter Aktenstaub und Paragraphen<br />
zu richten, zu schlichten, zu bestrafen.</p>
<p>Was ist denn Recht?<br />
Darüber lässt sich streiten;<br />
es wechselt Form und Sinn im<br />
Lauf der Zeiten.</p>
<p>Der Philosoph muß vor sich selbst<br />
Bekennen:<br />
Recht ist von Unrecht oft nicht zu trennen.</p>
<p>Der Mensch ist gut, nur hat er Schwächen!<br />
Wer soll da wohl ein Urteil sprechen?<br />
Oh böses Schicksal! Grad mich verdammt es<br />
Zur undankbaren Pflicht des Richteramtes. <span class="tooltips " style="" title="Dass der Richter gerade lieber etwas anderes täte als sein Urteil schreiben, zeigt Anton Pawlowitsch Tschechow  (29. Januar 1860 greg. in Taganrog, Russland – 15. Juli 1904 greg in Badenweiler) in der Humoreske Die Sirene, in der ein Gerichtspräsident nach der Sitzung des Gerichts versucht, sein Votum zu Papier zu bringen: Vergeblich, weil sein Sekretär Shilin »ein kleines Männchen mit Bartansätzen bei den Ohren und süßem Gesichtsausdruck« ununterbrochen und in den schönsten Ausmalungen vom bevorstehenden Essen spricht."> [80]</span></p>
<p>Kapitel V: Der verstrickte Richter.</p>
<p>Wir haben gesehen, wie der göttliche Richter über der Welt schwebt. In der schon erwähnten <em>Legenda aurea</em> des Jacobus de Voragine heißt es sogar, die Schöffen <a href="#_edn81" name="_ednref81"></a><span class="tooltips " style="" title="In Antonio Machdos (1875–1939) Gedicht Un criminal (Soledades CVIII) klingt etwas von der unnachgiebigen, ja unerbittlichen  Härte gerade der ehrenamtlichen Richter an, die aus dem gutem Einvernehmen mit der  Härte des Wetters, des Schicksals und des gesunden Volksempfindens zusätzlich Kraft gewinnt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Un Criminal – Ein Verbrecher&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Angeklagte fahl und glattrasiert&lt;br /&gt;
In seinen Augen ist viel dunkle Glut,&lt;br /&gt;
die seine Knabenmaske lügen straft&lt;br /&gt;
und die Gebärden frommer Mäßigung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vom düstern Priesterseminar hat er die Mine&lt;br /&gt;
der Bescheidenheit und auch den tief&lt;br /&gt;
zur Erde oder ins Brevier gesenkten Blick behalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Verehrer Mariens,&lt;br /&gt;
der Mutter der Sünder,&lt;br /&gt;
in Burgos Examen in Theologie,&lt;br /&gt;
bereit für die niederen Weihen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Grausam war sein Verbrechen. Er war eines Tages&lt;br /&gt;
satt aller göttlichen wie die profanen Texte,&lt;br /&gt;
und es reute ihn alle die Zeit,&lt;br /&gt;
vertan mit lateinischen Hyperbatons.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Plötzlich verliebt in ein schönes Mädchen&lt;br /&gt;
und die Liebe steigt ihm zu Kopf&lt;br /&gt;
wie der goldene Rebensaft&lt;br /&gt;
und weckt seine wilde Natur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Träumen sieht er die Eltern – Landarbeiter&lt;br /&gt;
und Pächter – beleuchtet&lt;br /&gt;
von roten Reflexen am Herd&lt;br /&gt;
die gebräunten Landmannsgesichter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er wollte erben. Oh Nüsse und Kirschen&lt;br /&gt;
des Bauerngartens, schattig und grün,&lt;br /&gt;
Ähren vom Golde des Weizens,&lt;br /&gt;
überquellende Kornkammern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und entsann sich der Axt, die hing&lt;br /&gt;
an der Mauer, glänzend, geschliffen,&lt;br /&gt;
der starken Axt die das Brennholz hieb&lt;br /&gt;
von den Ästen der Eiche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ihm gegenüber die Richter in alten&lt;br /&gt;
vertrauerten Roben;&lt;br /&gt;
und eine Reihe aus düsteren Brauenfalten&lt;br /&gt;
plebejisches Antlitz: die Schöffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Verteidiger im Plädoyer,&lt;br /&gt;
schlägt mit der Faust auf das Pult;&lt;br /&gt;
ein Schreiber bekritzelt Papier,&lt;br /&gt;
und der Staatsanwalt hört ohne Rührung&lt;br /&gt;
die sonore emphatische Rede,&lt;br /&gt;
durchblättert die Akten&lt;br /&gt;
oder liebkost mit den Fingerspitzen&lt;br /&gt;
die sauberen Gläser der Goldrandbrille.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Saaldiener sagt: »Den knüpfen sie auf, das ist sicher.«&lt;br /&gt;
Der junge Rabe erwartet Milde.&lt;br /&gt;
Einer aus dem Dorf, Galgenvogel, hilft der strengen&lt;br /&gt;
Gerechtigkeit, das Böse auszumerzen."> [81]</span> wohnten der Sitzung des Jüngsten Gerichts schwebend bei, wenn auch hauptsächlich aus Gründen des Platzmangels im engen Tale Josaphat, wo bekanntlich die finale Gerichtsverhandlung abgehalten werden wird. Allerdings ist die Tätigkeit des Schwebens ein untrügliches Zeichen der Heiligkeit. Und folglich ist das Überdendingenschweben selbst im übertragenen Sinne kaum noch gebräuchlich, außer in der idealisierenden Sicht einiger Richter auf sich selbst und im verklärten Blick einiger Theoretiker des Rechtsstaats. Für viele Künstler ist dagegen gerade das Verstricktsein des Richters in das Leben, über das sie zu Gericht sitzen, interessant. Hier sind jene Friktionen zu erwarten, die, wie Schiller sagte, den Götterfunken der Inspiration hervorbringen können.</p>
<p>Exemplarisch ist eine Erzählung von Oskar Jellinek. <span class="tooltips " style="" title="Oskar Jellinek, Hankas Hochzeit, Novellen und Erzählungen, hrsg. von Wulf Kirsten, Berlin 1980."> [82]</span>Dieser 1886 in Brünn geborene und 1949 in Hollywood gestorbene jüdische Schriftsteller war zunächst Richter in Wien und wurde 1925 berühmt mit der Geschichte von einem dürren und hinkenden Dorfrichter, der mit der schönen und sinnlichen Wlasta verheiratet ist und einmal in seinem Leben stark sein will wie ein Bauer. Nun wird ihm der junge hübsche Quirin vorgeführt, Liebling des Dorfes und vor allem der Liebling der Frauen. Es besteht Mordverdacht gegen Quirin. Wird der Richter stark genug sein, dem Recht Geltung zu verschaffen, obwohl die Volksseele auf der Seite des Verdächtigen ist?</p>
<p>Der Richter unterwirft den Quirin einem scharfen Verhör. Quirin bestreitet die Tat, sagt aber nicht, wo er die Tatnacht verbracht hat. Im Verhör hält der Richter ihm ein blutiges Messer vor die Augen.</p>
<p>In Quirins Kehle stieg ein hilfloses Schluchzen &#8230; ›Das ist nicht mein Messer, das ist nicht mein Messer‹ stieß er &#8230; hervor, auf die blutige Klinge weisend, ›ich schwör’s bei meiner Mutter Seligkeit!‹ – ›Laß deine Mutter, Quirin,‹ sagte der Richter.</p>
<p>Nachdem der Richter noch einige administrative Akten erledigt hatte, ging er nach Hause &#8230; Er faltete die Stirn und trat ein. Am geöffneten Fenster stand Wlasta, seine Frau, und sang. ›Du hältst ihn natürlich für unschuldig!‹ sagte der Richter – ›Ich – wen?‹ fragte seine Frau – ›Wen? Na, den Qurin!‹ Wlasta &#8230; schluckte geflissentlich und sagte dann: ›Gewiß halt’ ich ihn für unschuldig.‹ &#8230; Der Quirin ist kein Mörder – das weiß jeder, der nicht neidisch oder eifersüchtig ist auf ihn.‹ sagte sie &#8230;«</p>
<p>Der Richter ist von Qurins Schuld überzeugt. Er gibt ihm eine Nacht Bedenkzeit, um das Geständnis zu unterschreiben.</p>
<p>Quirin Michalek hatte in dieser Nacht gebangt, gehofft und gebetet &#8230; Er warf sich hin und her. Denn das, was er gestehen sollte, hatte er nicht begangen, und das, was er begangen hatte, durfte er nicht gestehen.</p>
<p>Am Morgen legt Quirin dann doch das verlangte Mordgeständnis ab.</p>
<p>&#8230; Der Richter hatte Quirins Geständnis sofort protokolliert und ihn dann abführen lassen. In diesem Augenblick wurde weit die Tür geöffnet, und Wlasta, seine Frau, rauschte herein. Der Richter erstarrte. ›Was – was unterstehst du dich?‹ ›Ich komme dir sagen, daß der Quirin unschuldig ist. Er war gestern nacht bei mir.‹ &#8230; Da sah der Richter seine Macht in den Abgrund versinken &#8230; Er war blamiert, entthront, verstoßen &#8230; Und in dem siedenden Verlangen, Hohn und Spott von sich abzuwehren, stieß er zu. Wohl hielt seine Frau &#8230; das Gebetbuch schützend vor ihre Brust, aber der Stahl traf ihre Kehle, tödlich&#8230; Der Richter stand vor der Leiche seines Weibes. Ihm war leicht zumute. Er hatte kraftvoll gehandelt wie ein Bauer.«</p>
<p>Wo es um den verstrickten Richter <span class="tooltips " style="" title="Eines der vielen modernen Beispiele ist der Richter Daniel Savage in: Tim Parks, Doppelleben, Roman, aus dem Englischen von Michael Schulte, München 2003."> [83]</span>geht, müssen wir natürlich auch von Adam, dem Menschen und Dorfrichter sprechen, in dessen Amtsräumen sich Wurstpellen um Schnapsflaschen ringeln. Kleists <em>Zerbrochener Krug</em> wurde von dem 1944 in Auschwitz ermordeten Prager Komponisten Viktor Ullmann auf eine sehr witzige, burlesk-pointierte Art vertont. <span class="tooltips " style="" title="Deutsches Symphonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Gerd Albrecht mit Roland Hermann, Claudia Barainsky, Johann Werner Prein u.a., Der zerbrochene Krug, Orfeo C 419 981 A, CD mit Textheft."> [84]</span>Als Grundlage für das Libretto benutzte Ullmann Kleists Originaltext, den er aber stark kürzte, um die humane Botschaft zuzuspitzen. Hier sind einige Zeilen aus der Anfangsszene. Adam ist soeben geweckt worden, weil sich überraschend ein Oberrichter zur Überprüfung seiner Amtstätigkeit angesagt hat. Adam ist übel zugerichtet und sein Rechtspfleger Licht wundert sich darüber:</p>
<p>»Licht:<br />
Ei, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam?<br />
Was ist mit euch gescheh’n? Wie seht Ihr aus?</p>
<p>Adam:<br />
Ja seht, zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße.<br />
Gestrauchelt bin ich hier, denn jeder trägt den<br />
leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.</p>
<p>Licht:<br />
Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg’ jeglicher &#8230;?</p>
<p>Adam:<br />
Ja in sich selbst!</p>
<p>Licht:<br />
Verflucht das!</p>
<p>Adam:<br />
Wie beliebt?</p>
<p>Licht:<br />
Ihr stammt von einem lockern Ältervater,<br />
der so beim Anbeginn der Dinge fiel,<br />
und wegen seines Falls berühmt geworden;<br />
Ihr seid doch nicht &#8230;?</p>
<p>Adam:<br />
Nun?</p>
<p>Licht:<br />
Gleichfalls?</p>
<p>Adam:<br />
Ob ich? Hier bin ich hingefallen, sag’ ich Euch!</p>
<p>Licht:<br />
Unbildlich hingeschlagen?</p>
<p>Adam:<br />
Ja unbildlich.</p>
<p>Licht:<br />
Wann trug sich die Begebenheit denn zu?</p>
<p>Adam:<br />
Jetzt, in dem Augenblick, da ich dem Bett entsteig’. Ich hatte noch das Morgenlied im Mund, da stolpr’ ich in den Morgen schon, und eh’ ich noch den Lauf des Tags beginne, renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus.«</p>
<p>Adam lügt natürlich. In Wirklichkeit ist er nicht einfach so gestrauchelt, sondern war nachts der jungen Eva nachgestiegen. Die hatte sich gegen Adam gewehrt. Dabei zerbrach ein Krug. Über die Zerstörung dieses Kruges, für die Evas Verlobter verantwortlich gemacht wird, findet nun vor den Augen des Oberrichters ein Prozess statt. Und Adam, dem die Sache furchtbar peinlich ist, sitzt zu Gericht. Nur er und Eva wissen, wie der Krug zerbrach. Adam versucht, die Sache zu vertagen oder zu vergleichen. Aber letztlich verurteilt er einen Unschuldigen, um sich aus der Affäre zu ziehen. Doch dann taucht ein Beweisstück auf, das ihn entlarvt: Am Tatort wird seine Perücke gefunden. Der Richter flieht.</p>
<p>»Seht, wie der Richter Adam &#8230; das aufgepflügte Winterfeld durchstampft! &#8230; Seht! Seht! Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht!«</p>
<p>Übrigens ist die Amtstracht des Richters für viele Schriftsteller das, was die drei Hammerschläge für die Komponisten sind. Als Sancho Pansa, der »Sack voll Sprichwörtern« und bäuerliche Gefährte des Don Quichote gegen Ende des berühmten Romans von Miguel de Cervantes Saavedra <span class="tooltips " style="" title="Miguel de Cervantes Saavedra, Don Quixote von La Mancha, Zürich 1992, Zweiter Teil, 42. Kap."> [85]</span>zum Richter auf der Insel Barataria ernannt wird, weist der Ritter von der traurigen Gestalt ihn zurecht:</p>
<p>»Du bist gegen mich nur ein Schafskopf, mein lieber Sancho&#8230; und einzig weil die fahrende Ritterschaft dich mit ihrem Hauch berührt hat, wirst du ohne weitere Umstände Richter &#8230; Bedenke zu allererst, dass die äußere Erscheinung eines zu wichtigen Ämtern erhobenen Menschen mit dem übereinstimmen muss, was das Amt erheischt.«</p>
<p>Also die Kleidung ist wichtig, vor allem Robe <span class="tooltips " style="" title="»Mentele scolen se uppe den sculderen hebben« heißt es im Sachsenspiegel, Drittes Buch, Art. 69 § 1; vgl. Sachsenspiegel oder Sächsisches Landrecht mit Übersetzung und reichhaltigem Repertorium von Dr. Carl Robert Sachse, Heidelberg 1848, reprint o.J., Reprint-Verlag, Leipzig."> [86]</span> und Perücke, manchmal auch der Richterstab: Diese Utensilien stehen symbolisch <span class="tooltips " style="" title="Niemand muss Sorge haben, das irgendwie überlebt wirkende Kleidungsproblem würde eines Tages verschwinden oder auch nur die Kraft verlieren, den ernstesten Streit zu verursachen. Es handelt sich um eine anthropologische Konstante, vgl. den Bericht von Melanie Amann: Nicht ohne den Langbinder – Zwei Rechtsanwälte kämpfen gegen die Krawattenpflicht vor Gericht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 22. Januar 2009, Nr. 18, S. 9: Ein Amtsrichter verbannte im Oktober 2008 den Rechtsanwalt Säftel durch Beschluss aus dem Gerichtssaal: »Rechtsanwalt Säftel trägt keinen Langbinder.« Rechtsanwalt Säftel fand, Anzug und Lederschuhe müssten reichen, eine Krawatte habe er gar nicht und außerdem sei er immer noch stilvoller gekleidet als der Richter in Jesuslatschen und weißen Socken."> [87]</span>für das Amtliche, oft in ironisierender Absicht. Um ein Beispiel aus der populären Literatur zu nennen: In Jules Vernes Roman <em>In 80 Tagen um die Welt </em><span class="tooltips " style="" title="Jules Verne, Le tour du monde en 80 jours, Librairie Générale Francaise, Paris 2000, 15. Kap."> [88]</span> müssen sich Phileas Fogg und sein Diener Passepartout vor dem Amtsrichter Obadiah in Kalkutta verantworten. Als Obadiah zu Beginn der Verhandlung bemerkt, dass er versehentlich die Perücke seines Schreibers aufgesetzt hat, sagt er: »Mein lieber Herr Oysterpuff, was glauben Sie wohl, wie ein Richter ein vernünftiges Urteil sprechen soll, wenn er die Perücke eines Schreibers auf dem Kopf hat?« Erst nach dem Perückentausch geht die Verhandlung dann weiter. Und Bert Brecht lässt seinen Richter Azdak im <em>Kaukasischen Kreidekreis</em> <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff."> [89]</span> sich wie folgt über das Robenproblem erklären:</p>
<p>»Wenn zum Beispiel ein Richter eine Frau verknackt, weil sie für ihr Kind ein Maisbrot gestohlen hat, und er hat seine Robe nicht an oder er kratzt sich beim Urteil so, daß mehr als ein Drittel von ihm entblößt ist, das heißt, er muß sich dann am Oberschenkel kratzen, dann ist das Urteil eine Schande und das Recht ist verletzt. Eher noch könnte eine Richterrobe und ein Richterhut ein Urteil sprechen als ein Mensch ohne das alles. Das Recht ist weg wie nix, wenn nicht aufgepaßt wird &#8230;« <span class="tooltips " style="" title="Dass die Bekleidung den Beruf macht, gilt nicht allgemein: Cucullus non facit monachum! sagt der Narr in der 5. Szene des Ersten Aktes von Shakespeares Was Îhr Wollt und fügt hinzu: Das will soviel sagen wie: Mein Gehirn ist nicht so buntscheckig wie mein Rock! – Vielleicht kommt es beim Narren und beim Mönch wirklich mehr  darauf an, dass sie es richtig in sich haben als, wie bei Richtern, dass sie das Rechte richtig an sich tragen."> [90]</span></p>
<p>Die Verstrickung in die Wirklichkeit steht offenkundig in einem Spannungsverhältnis zu dem Anspruch, über andere urteilen zu wollen. <span class="tooltips " style="" title=""> [91]</span></p>
<p>Der Apostel Paulus schreibt an die Römer: »Denn worinnen Du einen anderen richtest, verdammst Du Dich selbst, sintemal Du eben dasselbige tust, das Du richtest.« <span class="tooltips " style="" title="Paulus, Römerbrief, 2,1."> [92]</span></p>
<p>Dieses Spannungsverhältnis finden wir in der Literatur manchmal als Tragik, oft aber als Komik wieder. Einige Beispiele haben wir schon kennen gelernt, auf zwei besonders schöne kann ich nur hinweisen: Den Richter Gänsezaun in Francois Rabelais Gargantua und Pantagrue, <span class="tooltips " style="" title="Meister Franz Rabelais der Arzenei Doctoren Gargantua und Pantagruel, Aus dem Französischen verdeutscht durch Gottlob Regis, München 1964. Drittes Buch, 39. Kap."> [93]</span>der ausführlich erklärt, warum es lege artis ist, den Prozessausgang durch ein im übrigen äußerst kompliziertes Verfahren auszuwürfeln. Und auch Sancho Pansa als Richter der Insel Barataria, der u.a. folgenden Rat von seinem Herrn mit auf den Weg bekommt:</p>
<p>»Glaube mir, Sancho, für alle Geschenke, die die Frau eines Richters annimmt, muss der Mann am Jüngsten Gericht Rechenschaft ablegen und nach seinem Tode alles vierfach bezahlen!« <span class="tooltips " style="" title="Siehe oben."> [94]</span></p>
<p>Man wird sofort sehen, wie ein Richter sich den Ruf verderben kann, wenn er sich nicht an diesen Ratschlag hält.</p>
<p>Kapitel VI: Der bestochene Richter</p>
<p>Die Opernkenner wissen, dass in der populärsten Mozart-Oper, der <em>Hochzeit des Figaro</em> <span class="tooltips " style="" title="Chor der Staatsoper Dresden/Staatskapelle Dresden unter d. Ltg. v. Otmar Suitner mit Hermann Prey, Anneliese Rothenberger, Peter Schreier u.a., Die Hochzeit des Figaro, Deutsch von Hermann Levi, Berlin Classics 0020962, 3 CDs mit Textheft."> [95]</span> eine Gerichtsverhandlung stattfindet. Figaro hat von der wesentlich älteren Barberina Geld geliehen. Er kann es nicht zurückzahlen. Nach dem mit Barberina geschlossenen Vertrag ist er nun verpflichtet, sie zu heiraten. Der Graf, der auf Figaros Verlobte Susanna scharf ist, hat seinen Richter Don Curzio – den wohl einzigen  stotternden Juristen der Operngeschichte – gut instruiert.</p>
<p>»D-d-du b-b-bezahlst oder h-h-heiratest! P-p-punktum!« lautet das Urteil, das allerdings, wie so viele Judikate des wirklichen Lebens, von eben diesem wirklichen Leben alsbald kassiert wird: Es stellt sich nämlich heraus, dass Barberina in Wahrheit Figaros Mutter ist.</p>
<p>Wie kommt es, dass sich Mozart und da Ponte so niederträchtige und inkorrekte Späße mit der Justiz erlaubten? Nun: Das Libretto von <em>Figaros Hochzeit</em> beruhte auf einem Theaterstück des französischen Waffenhändlers und Literaten Pierre Augustin de Beaumarchais. Er war im ancien regime aus tausend Gründen in einen Prozess verwickelt und wurde von Ludwig dem 16. mehrfach ins Gefängnis gesteckt. <span class="tooltips " style="" title="Die ganze Geschichte ist dokumentiert in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 1504 ff."> [96]</span> Wie sich herausstellte, hatte sein Richter, ein gewisser Elsässer mit dem Namen Goezmann, <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Beaumarchais, Mémoires contre Goezman, in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 673 ff.; die Mémoires erschienen in ganz Europa, Goethe entnahm ihnen den Stoff und weite Teile des Textes für sein Jugenddrama Clavigo; vgl. zu allem auch: Schmitz-Scholemann, Figaros Rache, Deutschlandfunk 2003."> [97]</span>der im Nebenamt Lehrbücher schrieb, außer einem Sprachfehler noch eine geldgierige Frau. Sie kassierte Bestechungsgelder von den (beiden!) Prozessparteien. Beaumarchais verlor den Prozess, weil seine Gegner etwas mehr zahlten als er. Mit seinem Theaterstück <em>La folle journee</em> rächte sich Beaumarchais. Er stellte in den Mittelpunkt des Stücks eine Gerichtsverhandlung, gab dem Richter einen kleinkarierten und gehässigen Charakter und einen dem Original recht ähnlichen Namen. Das Stück wurde mehrfach verboten, hatte aber letztlich gewaltigen Erfolg, der sich bis nach Wien herumsprach. Hier ein Auszug aus der Gerichtsverhandlung in Beaumarchais’ Theaterstück. <span class="tooltips " style="" title="Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, La folle journée ou Le Mariage de Figaro, Texte integrale, Paris 1998."> [98][/simple_tooltip ]Es geht, wie in der Oper, um die Klage der Barberina gegen Figaro auf Zahlung oder Erfüllung des Heiratsversprechens:</p>
<p>»Richter: <span class="tooltips " style="" title="Meine Übersetzung erlaubt sich einige Freiheiten, für eine worttreue Übersetzung siehe: Beaumarchais, Figaros Hochzeit, Deutsch von Gerda Scheffel, Frankfurt a. M. 1976."></span> [99]</span></p>
<p>Die Form, meine Herren, die Form!</p>
<p>Figaro:<br />
Aber gewiss, mein Herr. Den Parteien geht es zwar um die Sache, aber die Form ist die Sache des Gerichts.</p>
<p>Richter:<br />
Der Kerl ist gar nicht so dumm wie ich dachte. Also mein Freund, wenn Du Dich so gut auskennst, dann heraus mit der Sprache, worum gehts?</p>
<p>Figaro:<br />
Mein Herr, ich habe volles Vertrauen in Ihre Gerechtigkeit, obwohl Sie ja zur Justiz gehören.</p>
<p>Richter:<br />
Jawohl ich bin von der Justiz, allerhand, jaja. Aber wenn Du zahlen mußt und zahlst aber nicht &#8230;</p>
<p>Figaro:<br />
Wenn ich tatsächlich nicht zahle, also wenn ich nicht zahlen kann, dann ist es doch fast, wie wenn ich nicht zahlen muss!</p>
<p>Richter:<br />
Zweifellos &#8230; Impossibilium nulla obligatio &#8230; Eh &#8230; wie bitte? Was sag ich da?</p>
<p>Barberina:<br />
Hören Sie mich an, mein Herr!</p>
<p>Richter:<br />
Nun gut, sprechen wir verbaliter!</p>
<p>Barberina:<br />
Das Papier, das Sie in den Händen haben, ist ein Heiratsversprechen, verbunden mit einem Darlehen.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, etcetera, etcetera undsoweiter.</p>
<p>Barberina:<br />
Kein etcetera.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, Sie haben das Geld gekriegt!</p>
<p>Barberina:<br />
Nein, ich hab es verliehen.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, Sie stipulieren! Eine Stipulation! Interessanter Casus!</p>
<p>Barberina:<br />
Nein, Monsieur, er soll mich heiraten.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe immer besser, er will Sie heiraten &#8230;</p>
<p>Barberina:<br />
Will er eben nicht, deshalb führe ich doch den Prozess!</p>
<p>Richter:<br />
Wollen Sie etwa sagen, ich verstehe den Prozess nicht?</p>
<p>Barberina:<br />
Keineswegs, Monsieur. (zu sich selbst): Wo sind wir eigentlich hier? (zum Richter): Sind Sie hier der Richter?</p>
<p>Richter:<br />
Natürlich! Was glauben Sie wohl, warum ich den Posten gekauft habe!</p>
<p>Barberina:<br />
Es ist ein großes Unrecht, dass solche Posten verkauft werden.</p>
<p>Richter:<br />
Stimmt genau! Man hätte ihn mir umsonst geben sollen. Gegen wen klagen Sie eigentlich?«</p>
<p>Wenn man aus den ins Komische gewendeten Zügen der Richterbilder in der Oper und der Literatur eine einzige Person machen wollte, in der sich sowohl das Schreckliche und Furchterregende, das Menschenfeindliche und das überzogen Selbstbewusste, aber auch die Überforderung durch die Wirklichkeit, der Kampf mit der Amtstracht und letztlich sogar die Verstrickung zeigen, also eigentlich alles, was dem Amt Charakter gibt und was man als den immer wieder scheiternden und immer wieder notwendigen Versuch der Reduktion von Komplexität bezeichnen kann, dann müsste man den kalifornischen Richter Maxwell erfinden. Zum Glück ist er aber bereits erfunden worden, und zwar von dem amerikanischen Regisseur Peter Bogdanovitch. Der Leser ist aufgefordert, unbedingt die berühmte Gerichtsszene aus dem Film <em>Is was Doc?</em> anzusehen. Jede verbale Wiedergabe wäre eine Beleidigung für die Eigenständigkeit der Filmkunst im allgemeinen und im besonderen für das Genie der Drehbuchautoren, des Regisseurs und der Darsteller, <span class="tooltips " style="" title="Auf Video-DVD: »Is’ was, Doc?«, Regie und Story Peter Bogdanovich, Screenplay Buck Henry, David Newman u. Robert Benton, mit Barbra Streisand und Ryan O’Neill, Warner Brothers 104195."> [100]</span>vor allem des unvergesslichen Liam Dunn als Judge Maxwell.</p>
<p>Kapitel VII: Ein Bild von einem Richter</p>
<p>»Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten«, heißt es bei Hermann Hesse und den fürs erste letzten Raum mit Richterbildern habe ich Ein Bild von einem Richter« genannt. Ich meine damit zweierlei.</p>
<p>Zum einen: In der großen und tiefen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es Bücher, in deren Mittelpunkt der Richter nicht mehr als reale Person des Lebens steht, sondern nur noch als Bild. In dem schon erwähnten Roman <em>Der Fall</em> von Albert Camus <span class="tooltips " style="" title="Albert Camus, Der Fall, Roman, aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957."> [101]</span> geht es um das Bild <em>Die gerechten Richter</em> von van Eyck. Ein aus dem Gleis geratener, trunksüchtiger Rechtsanwalt bewahrt in einer Amsterdamer Dachkammer dieses Bild vor dem Zugriff der Polizei und der Unterwelt. Damit ist in der metaphorischen Sprache des Dichters gesagt, dass die Vorstellung des gerechten Richters, also letztlich die Sehnsucht des Menschen nach Gerechtigkeit wohl noch existiert, aber eigentlich nur noch ins geheim, als Gerümpel, verwaltet von einem heruntergekommenen Advokaten. <span class="tooltips " style="" title="Übrigens dürfte es kaum ein literarisches Genre geben, in dem so wenig über Gerechtigkeit geschrieben wird, wie die juristische Fachliteratur."> [102]</span> Ähnliches lässt sich über das Richterbild in Franz Kafkas unvollendetem Roman <em>Der Prozess </em><span class="tooltips " style="" title="Franz Kafka, Der Prozeß, Roman, Frankfurt am Main, Hamburg 1960."> [103]</span> sagen. Dem eines Morgens von zwei Männern in Mänteln sistierten und alsdann in einen undurchsichtigen Prozess gezogenen Bankangestellten K. gelingt es nie, die für seinen Fall entscheidenden Richter zu sprechen. Einmal findet zwar vor großem Publikum eine Verhandlung beim Untersuchungsrichter statt, der sich aber als ein schlecht unterrichteter und ordinärer Mensch niederen Ranges herausstellt. Auf seinem Richtertisch stehen zwei Bücher. Das eine ist ein pornographisches Werk, das andere trägt den kindischen Titel: »Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte«. Von den übrigen Richtern bekommt K. nur Bilder zu sehen, die der Gerichts-Maler Tintorelli, der eigentlich auf Heidelandschaften in Öl spezialisiert ist, in einem Dachverschlag herstellt.</p>
<p><em>Der Prozess</em> gegen K. ist kein gewöhnlicher Gerichtsprozess. <span class="tooltips " style="" title="Eine interessante Deutung des Romans als einer Art Prophetie der immer mehr in strukturelle Aporien führenden Überkomplexität  des materiellen Rechts und des Verfahrensrechts am Beginn des 21. Jahrhunderts hat  jetzt Klaus Lüderssen  mit seinem Essay »Die düstere Poesie des Paradoxen im Recht« vorgelegt (FAZ, 11. Februar 2006, S. 45)."> [104] </span> Der Betroffene erfährt nicht, was gegen ihn vorliegt. Er wird ab und an befragt, hin und wieder gefoltert, er erhält Mitteilungen oder Winke oder glaubt, sie zu erhalten, und auf unbestimmte Weise sind alle seine Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen und Familienangehörigen in das Verfahren einbezogen. Das ganze Leben des Prokuristen wird Teil des Gerichtsverfahrens und alle Menschen scheinen irgendwie zum Gericht zu gehören. Natürlich rebelliert der Gerechtigkeitssinn gegen ein so offenkundig ungerechtes Verfahren, von dem noch nicht einmal sicher ist, dass es mit einem Urteil endet. Doch im Laufe des Jahres schwindet die Gewissheit, mit der K. behauptet, unschuldig zu sein. In einer Kirche trifft K. einen Geistlichen, der auf einer Kanzel steht und behauptet, er sei  der Gefängniskaplan. Ich bin unschuldig, sagt K. Das stimmt, entgegnet der Kaplan, aber er fügt hinzu: Das sagen alle.</p>
<p>Schließlich erscheinen wieder die beiden Männer in Mänteln und führen K. an einen einsamen Ort, wo sie ihn mit einem Messer bedrohen. Die letzten Sätze des unvollendet gebliebenen Romans lauten:</p>
<p>»War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiss gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.</p>
<p>Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. ›Wie ein Hund!‹ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.« <span class="tooltips " style="" title="Der Prozeß wurde 1963 von Orson Welles verfilmt mit Anthony Perkins, Jeanne Moreau und Romy Schneider und ist als DVD (»Le procès«) bei studiocanal EDV 29 – 302 175-3 (leider nur in Frankreich) erschienen."> [105]</span></p>
<p>Ähnlich depressive Befunde, nämlich die Abwesenheit oder den Verlust eines lebendigen Bildes vom Richter als einer menschlichen Instanz, von der Gerechtigkeit oder überhaupt nur irgendeine Entscheidung zu erwarten wäre, ließen sich auch aus Dürrenmatts Justizromanen oder auch aus dem bekannten <em>Lehrbuch für Konkursrecht</em> des inzwischen  pensionierten Naumburger OLG-Richters Rosendorfer herausdestillieren, in dem der Landgerichtsrat Ballmann erst in dem Augenblick glücklich wird, in dem er sozialen Selbstmord begeht und den Dienst quittiert. <span class="tooltips " style="" title="Herbert Rosendorfer, Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht, dtv, München 1998."> [106]</span></p>
<p>Es gibt aber noch eine weitere, vielleicht nicht ganz so tiefsinnige, dafür aber auch weniger depressive Klasse von Literatur, die für mich unter den Titel »Ein Bild von einem Richter« gehört. Wir finden sie vornehmlich in den USA, ich meine die so genannten court-room-stories, von denen ja auch viele verfilmt worden sind. <span class="tooltips " style="" title="Nur einer sei genannt: Das Urteil nach dem Roman von John Grisham unter der Regie von Gary Fleder mit Gene Hackman, John Cusack und Dustin Hofman, DVD: 20th Century Fox/Regency F2-SDE 2426708."> [107]</span> Man sollte diese Bücher <span class="tooltips " style="" title="Seit 2007 gibt es auch ein Court-room-Computerspiel. Es heißt »Pheonix Wright, Ace Attorney: Justice for all« und läuft auf Nintendo DS (von Capcom)."> [108]</span> nicht unterschätzen. Sie sind oft von ehemaligen oder noch praktizierenden Rechtsanwälten geschrieben und verraten eine subtile Milieukenntnis. Meist steht im Mittelpunkt ein mutiger Anwalt, der die Unschuld einer schönen Frau verteidigt. Auch bestechliche, lächerliche, faule Bezirksrichter gehören zur personellen Ausstattung. Aber gelegentlich, manchmal im Hintergrund, manchmal auch am Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, tritt ein ganz besonderer Richtertyp auf. Es ist die Sorte des steinalten, kauzigen und unbeirrten Bundesrichters, der, wie z. B. der Richter Crease in William Gaddis’ Roman <em>Letzte Instanz</em>, <span class="tooltips " style="" title="Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film Das Urteil von Nürnberg unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5."> [110] </span> Brandlöcher im Jackett und Dollar-Bündel in Plastiktüten unter dem Bett hat und reichlich ausgestattet ist mit Mut, juristischem Scharfsinn, klassischer Bildung und galligem Humor. Vor allem aber zeichnen sich diese eigenwilligen Gestalten durch Sprachmacht und Gerechtigkeitsgefühl aus.</p>
<p>Dieser angelsächsische, vor allem US-amerikanische Richtertyp <span class="tooltips " style="" title="Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film Das Urteil von Nürnberg unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5."> [110]</span> hat ein Vorbild im realen Leben, <span class="tooltips " style="" title="Angesichts der besonderen Bedeutung der Richterpersönlichkeit im Case-Law-System ist es nicht erstaunlich, dass die anglo-amerikanische Kultur in besonderem Maße vorbildgebende Richterpersönlichkeiten hervorbringt, im echten Leben wie in der lebendigen Fiktion, vgl.nur Blumenwitz, Einführung in das anglo-amerikanische Recht, 7. Auflage, München 2003, S. 11–62."> [111]</span> nämlich den in den USA jedem Kind bekannten Oliver Wendell Holmes jr. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Fikentscher, Methoden des Rechts in vergleichender Darstellung, Bd II, Anglo-Amerikanischer Rechtskreis,, 1975, S. 151 ff.; ders. Rechtswissenschaft und Demokratie bei Justice Oliver Wendell Holmes, 1970; Radbruch SJZ 1946, 25; Frankfurter, Mr. Justice Holmes and The Supreme Court 1961."> [112] </span>Holmes jr. stammte aus dem Kreis um den Philosophen Charles Sanders Peirce, <span class="tooltips " style="" title="1839–1914, Begründer des sog. »amerikanischen Pragmatismus«, vgl. Charles Sanders Peirce, Vorlesungen über Pragmatismus, mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Elisabeth Walther, Hamburg 1991."> [113] </span> er war ein brillanter Ostküsten-Intellektueller und Richter am Supreme Court. Seine Urteile, Vorträge und Bücher, an denen er lange feilte und deren Entwürfe er stets mit Sorgfalt verbrannte, gelten in den USA als absolut literaturfähig. Er starb 1935  im Alter von 94 Jahren. Kurz vor seinem Tod schrieb Holmes an seine früheren Anwalts-Kollegen:</p>
<p>»Ich kann mich vom Leben und von Euch nicht in förmlichen Worten verabschieden. Das Leben gleicht für mich einem jener japanischen Bilder, denen unsere Vorstellungskraft nicht erlaubt, am Rahmen zu enden. Wir zielen ins Unendliche und wenn der Pfeil zu Boden fällt, steht er in Flammen.«</p>
<p>Ein schönes, dunkles und für einen Vierundneunzigjährigen ziemlich feuriges Bild, das wieder einmal zeigt, dass die Ästhetik der Sprache und die moralische Ordnung der Welt, wie einst bei Solon, zusammengehören. Um es in einem Satz zu sagen: Die Sprache ist der Atem des Rechts und der Glaube an das Recht ist nichts anderes als der Glaube an das Leben.</p>
<p>Das gilt umso mehr, wenn die Liebe sich hineinmischt, wie der erwartungsvolle Leser im</p>
<p>Nachwort</p>
<p>endlich erfahren wird, worin das zu Beginn gegebene Versprechen eingelöst wird, darzulegen, wie man Richter wird, jedenfalls im Vereinigten Königreich. Wer jemals einen englischen Richter kennen gelernt hat, weiß, was ein trotz Kenntnis von der Absurdität der Existenz und dem Bewusstsein eigener Schuld heiterer und zufriedener Mensch <span class="tooltips " style="" title="Dass hinter dieser Haltung Seelenarbeit steckt, zeigt das Privatleben eines pensionierten englischen Richters, geschildert von Charles Morgan, Der Richter, Roman, übertragen von Herberth E. Herlitschka, Frankfurt am Main und Hamburg 1957."> [114]</span> ist. Um einen solchen handelt es sich bei dem Richter, den Gilbert &amp; Sullivan in den Mittelpunkt ihrer schon erwähnten Oper <em>Trial by Jury</em> <span class="tooltips " style="" title="The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard)."> [115]</span> gestellt haben. Er hat, wie weiland Don Curzio, einen Prozess wegen gebrochenen Heiratsversprechens zu führen. Die Klägerin ist jung und hübsch, der Beklagte will sie aber nicht mehr haben. Die juristische Lösung erfahren wir nicht. Denn der Richter löst den Fall praktisch. Er verliebt sich in die Klägerin. <span class="tooltips " style="" title="Einen Richter, der durch Liebe, oder wenigstens doch durch ein Eheangebot Gerechtigkeit herzustellen versucht, finden wir auch bei Johann Wolfgang von Goethe in dem Drama Die natürliche Tochter.  Der »Gerichtsrat« – einen Namen erfahren wir nicht – erklärt sich bereit, Eugenie, die uneheliche (»natürliche«) Tochter eines Herzogs vor den mörderischen Nachstellungen ihres Halbbruders und Erbkonkurrenten durch bürgerliche Ehe zu retten. Eugenie ist einverstanden, unter der Bedingung, dass die Ehe nicht vollzogen wird, Goethe, Sämtliche Werke in 18 Bänden (Artemis-Gedenkausgabe), Zürich 1977, Bd. 6, S. 315 ff., vgl. auch Karl Otto Conrady, Goethe, Leben und Werk, Ausgabe 2006, Patmos-Verlag, Düsseldorf 2006, S. 744 ff."> [116]</span> Und in der zauberhaften Arie, von der hier nur der Text wiedergegeben werden kann, erfahren wir, warum der Überdruss des Richters an seiner bisherigen Frau eng verbunden ist mit dem Grund, aus dem er überhaupt Richter wurde. Case dismissed! <span class="tooltips " style="" title="Für wichtige Hinweise danke ich: Kai Agthe, Naumburg/Halle, Knut Bröhl, Erfurt/Köln, Ulrike Brune, Weimar/Erfurt; Hans Hachmann, Karlsruhe, Wulf Kirsten, Weimar, Martin Roeber, Herxheim, Hans-Joachim Strauch, Jena/Weimar, Hermann Weber, Berlin/Bad Vilbel, Hildegard Wenner, Köln, Mario Wiegand, Weimar."> [117]</span></p>
<p>»Richter:<br />
›When I, good friends, was called to the bar,<br />
I’d an appetite fresh and heartly.<br />
But I was, as many young barristers are,<br />
An impecunious party.</p>
<p>I’d a swallow-tail coat of a beautiful blue –<br />
And a brief which I bought of a booby –<br />
A couple of shirts, and a collar or two,<br />
And a ring that looked like ruby!‹</p>
<p>Chor:<br />
„A couple of shirts, and a collar or two,<br />
And a ring that looked like a ruby.“</p>
<p>Richter:<br />
„In Westminster-Hall I danced a dance,<br />
Like a semi-despondent fury;<br />
For I thought I never should hit on a chance<br />
Of addressing a British Jury –<br />
But I soon got tired of third-class journeys,<br />
And dinners of bread and water;<br />
So I fell in love with a rich attorney’s<br />
Elderly, ugly daughter.“</p>
<p>Chor:<br />
„So he fell in love with a rich attorney‘s<br />
Elderly, ugly daughter.“</p>
<p>Richter:<br />
„The rich attorney, he jumped with joy,<br />
And replied to my fond professions:<br />
‚You shall reap the reward of your pluck, my boy,<br />
At the Bailey and Middlesex sessions.</p>
<p>You’ll soon get used to her looks,‘ said he,<br />
‚And a very nice girl you’ll find her!<br />
She may very well pass for forty-three<br />
In the dusk, with a light behind her!“</p>
<p>Chor:<br />
„She may very well pass for forty-threee<br />
In the dusk, with a light behind her!“</p>
<p>Richter:<br />
„The rich attorney was good at his word;<br />
The briefs came trooping gaily,<br />
And every day my voice was heard<br />
At the Sessions or Ancient Bailey.</p>
<p>All thieves who could my fees afford<br />
Relied  on my orations.<br />
And many a burglar I‘ve restored<br />
to his friends and his relations.“</p>
<p>Chor:<br />
„And many a burglar he’s restored<br />
To his friends and his relations.“</p>
<p>Richter:<br />
„At length I became as rich as the Gurneys –<br />
An incubus then I thought her.<br />
So I threw over that rich attorney’s<br />
Elderly, ugly daughter.</p>
<p>The rich attorney my character high<br />
Tried vainly to disparage –<br />
And now, if you please, I’m ready to try<br />
This Breach of Promise of Marriage!“</p>
<p>Chor:<br />
„And now if you please, he’s ready to try<br />
This Breach of Promise of Marriage!“</p>
<p>Richter:<br />
„For now I’m a judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„Yes now I’m a judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„Though all my law be fudge,<br />
Yet I‘ll never, never budge,<br />
But I’ll live and die a Judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It was managed by a job &#8211; “</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It was managed by a job &#8211; “</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It is patent to the mob<br />
That my being made a nob<br />
Was effected by a job.</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“<br />
Übersetzung <span class="tooltips " style="" title="Meine Übersetzung beansprucht keine Treue gegenüber dem Original und auch sonst keinen Preis, sondern versucht lediglich den Sinngehalt auf deutsche Verhältnisse zu übertragen."> [118]</span></p>
<p>Richter:<br />
„Als ich anfing als Richter beim Amtsgericht,<br />
Da war ich noch frisch und munter.<br />
Doch ich kannte kein Aas und auch Geld hatt ich nicht,<br />
Und so kam ich nicht rauf und nicht runter.</p>
<p>Eine löchrige Robe in Anthrazit<br />
Und Aktenstaub an den Händen,<br />
Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.“</p>
<p>Chor:<br />
„Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich hängte mein Fähnchen, ich war ja nicht dumm,<br />
In alle politischen Winde.<br />
Ich dachte, im Ministerium<br />
Erkennt man die Jungfrau am Kinde.</p>
<p>So kommts auch. Man ruft mich. Ich sage nicht nein<br />
Und verlieb mich ins falsche Gebiß der<br />
Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.“</p>
<p>Chor:<br />
„Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.“</p>
<p>Richter:<br />
»Der Minister macht einen Freudensprung.<br />
Und sagt: Mit Deinen Talenten –<br />
Also wirklich, Du hast den gewissen Schwung<br />
Eines Obergerichtspräsidenten.</p>
<p>An den Anblick des Mädchens gewöhnst Du dich bald<br />
Sie riecht süß wie der Mai und würzig.<br />
Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p>Chor:<br />
„Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.“</p>
<p>Richter:<br />
„Der gute Minister hielt wirklich Wort<br />
Und gab mir den schönen Posten,<br />
Ich bin jetzt der Präsident am Ort,<br />
Nur mein Weib beginnt leider zu rosten.</p>
<p>Doch sonst geht’s mir gut, man lädt mich ein<br />
Und genießt meine tolle Rhetorik.</p>
<p>Ich referiere in jedem Verein,<br />
Mein Verdienste sind äußerst honorig.“</p>
<p>Chor:<br />
„Er referiert in jedem Verein,<br />
Seine Verdienste sind sehr honorig.“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich war fast ein Krösus, doch wie schon gesagt,<br />
Es klapperte noch das Gebiß der<br />
Häßlichen alten schimmligen Magd<br />
Vom Landesjustizminister.</p>
<p>Ich warf sie raus – was sollte ich tun?<br />
Ich werde halt etwas blechen.<br />
Dafür bin ich frei und richte nun<br />
Über gebrochene Heiratsversprechen.“</p>
<p>Chor:<br />
„Dafür ist er frei und verhandelt nun<br />
Das gebrochene Heiratsversprechen.“</p>
<p>Richter:<br />
„Denn jetzt bin ich Präsident!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Unrecht ist ihm fremd!“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich bin Gerichtspräsident!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Unrecht ist ihm fremd!“</p>
<p>Richter:<br />
„Das Gesetz ist ein Schmand.<br />
Doch ich bleib im Richteramt.<br />
Bis zum Tode, verdammt!“</p>
<p>Chor:<br />
„Ja, das Recht ist ihm bekannt!“</p>
<p>Richter:<br />
„Denn mein Trick ist gut geglückt.“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>Richter:<br />
„Ja, mein Trick ist gut geglückt.“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>Richter:<br />
„Jeder sieht mit einem Blick,<br />
Wie mein altbewährter Trick<br />
Funktioniert hat! Welch ein Glück!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>* Der Vortrag geht auf ein Hörfunk-Feature zurück, das ich für den Deutschlandfunk geschrieben habe (<em>Im Namen der Robe – Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch</em>, DLF 2004). Für die hier vorgelegte Lesefassung wurde die Vortragsform weitgehend beibehalten. Ein Manko war nicht zu vermeiden: Die in den mündlichen Vortrag eingestreuten Musikbeispiele und Filmausschnitte lassen sich nun einmal nicht in Papierform bringen. Wer die Mühe nicht scheut, kann anhand der Fußnoten die <em>missing links </em>einfügen. Bei den wahren Freunden der Literatur muss ich mich entschuldigen für die unverzeihliche Grausamkeit, mit der ich verschiedenen Texten der Weltliteratur zu Leibe gerückt bin, indem ich sie gekürzt habe. Es geschah, wie ich zugeben muss, aus dem ganz und gar eigennützigen Motiv, die Verständlichkeit meines Vortrags zu retten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>   Obwohl uns natürlich immer das Bibelwort Matthäus VII, 1-5 in den Ohren klingt: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welcherlei Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; danach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!«, dazu Johann Sebastian Bach, K 185/2 BWV 185 »Ach greife nicht durch das verbotne Richten/ dem Allerhöchsten ins gericht!«</p>
<p><a href="#_ednref2" name="_edn2">[2]</a>   Über Konfuzius heißt es im ersten Kapitel der Schulgespräche: »Vom Aufseher der öffentlichen Arbeiten wurde Kung zum obersten Richter von Lu gemacht. Als solcher schuf er Gesetze, die aber nicht angewandt zu werden brauchten, da es keine Leute gab, die sie übertraten.« Vgl.: Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 26663; vgl. Kungfutse-Gia Yü, S. 17; http://www. digitale-bibliothek.de/band94.htm</p>
<p><a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a> Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Aus dem Amerikanischen  von Brigitte Granzow. Mit einem einl. Essay von Hans Mommsen, München 1994; vgl. auch: Hannah Arendt, Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Herausgegeben und mit einem Essay von Roland Beiner. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz, München 1995.</p>
<p><a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a> Troubadours, Trouvères, Ministrels – Studio der frühen Musik Thomas Binkley, Teldec 4509-97938-2, 2 CDs mit Textheft, CD 2 Nr. 5; im Stil der antiautoritären Volkslied-Rezeption der 1970er Jahre: Ougenweide, Liederbuch, Polydor 837 162-2, 1 CD mit Textheft; Walters lyrisches Werk ist im Internet vollständig als freeware zugänglich unter: http://www.litlinks.it/ w/walther_v.htm</p>
<p><a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a>   Wahrscheinlich um das Jahr 1205; auf das Jahr 1206 wird der Sängerkrieg auf der Wartburg in Eisenach datiert (wenn er datiert wird), der nicht nur Richard Wagner zu seinem Tannhäuser, sondern neuerdings auch Franz Hodjak zu einer fulminanten Roman-Parabel auf das Verhältnis von Kunst und Macht inspiriert hat: Franz Hodjak, Der Sängerstreit, Frankfurt 2000.</p>
<p><a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a>   Auch der junge Goethe scheint einen skeptischen, wenn nicht verächtlichen Blick auf das Gerichtspersonal gepflegt zu haben: Im <em>Götz von Berlichingen</em> vertreten den Juristenstand erst ein schmieriger Schwätzer namens Olearius (vormals Ölmann, stets zu Diensten), dann eine anfangs rachsüchtige, alsbald aber ihre Feigheit offen legende Mannschaft von Dorfrichtern und schließlich einige grundböse Dunkelmänner, die ein Femegericht abhalten. Später scheint sich der Blick geändert zu haben, wie man an dem in weiser oder einfältiger Selbstbeschränkung lebenden Gerichtsrat in dem Schauspiel <em>Die natürliche Tochter</em> sehen kann.</p>
<p><a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a>   In diesem Punkt stimmt die Volksmeinung mit derjenigen der Künstler überein, wie wir aus dem von Ludwig Bechstein überlieferten Märchen <em>Der Richter und der Teufel</em> lernen: Der reiche und boshafte Richter trifft den Teufel und zwingt ihn, mit ihm zusammen durch die Stadt zu gehen. Der Richter möchte unbedingt wissen, was die Menschen dem Teufel im Ernst geben. Es stellt sich heraus, dass dieser oder jener auf dem Markt zu einem anderen Menschen (Kind, Frau, Kollege) sagt: Scher Dich zum Teufel, dass dies aber nicht ernst gemeint ist. Ernst gemeint dagegen ist der Ausruf einer alten Frau, die den Richter als denjenigen erkennt, der ihr zu Unrecht ihre letzte Kuh genommen hat durch ein hartes Urteil: Dass sie es ernst meint mit ihrem Satz, er solle zum Teufel gehen, ist leicht erkennbar. So muss der Richter in die Hölle.</p>
<p><a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a>   Keine Regel ohne Ausnahme: Paris, der in dem berühmten Streit dreier Göttinnen (Hera, Athene und Venus – Macht, Klugheit, Liebe) um den Preis der Schönheitskönigin das Urteil sprechen muss, ist ein ausnehmend wohlgestalteter Sohn der Erde, vgl. Christoph Martin Wieland: Das Urtheil des Paris, in C.M. Wieland: Sämmtliche Werke, III, Hamburg 1984 Nachdruck der 1795 im Göschen-Verlag Leipzig erschienenen Gesamtausgabe letzter Hand.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a>   »Am vergangenen Donnerstag habe ich meine Richter gesehen. Ich will nicht behaupten, sie seien nicht schön; sie sind ganz abscheulich hässlich; und ihre Seele gleicht bestimmt ihrem Gesicht«, schreibt Charles Baudelaire am 18. August 1857 – kurz vor Beginn des Prozesses wg. <em>Les Fleurs du Mal</em> an seine damalige Geliebte, Madame Sabatier – zit. nach Charles Baudelaire, Sämtliche Werke/Briefe, hrsg. von Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1975, Bd 3 S. 25 ff,</p>
<p><a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a> »Grube und Pendel«, Frankfurt 2001; zahlreiche weitere Übersetzungen sind auf dem Markt, ferner auch mehrere Audio-Einspielungen; die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, 1913 von Alice Guy, 1961 von Roger Corman; 1990 von Stuart Gordon.</p>
<p><a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a> Ähnliche Schilderungen bei Victor Hugo, Der letzte Tage eines Verurteilten, aus dem Französischen übersetzt von W. Scheu, Zürich 1984, 2. Kapitel; Joseph Conrad, Lord Jim, aus dem Englischen übersetzt von Klaus Hoffer, Zürich 1998, 2000, Viertes Kapitel; vgl. auch das Gedicht: <em>Das Gericht</em> von Peter Huchel.</p>
<p><a href="#_ednref12" name="_edn12">[12]</a> Vgl. Herwig Görgemanns/Joachim Latacz (Hrsg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Griechisch/Deutsch, Band 1, Archaische Periode, Stuttgart 1991 (RUB), S. 207; vgl. auch Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Zweites Buch, Nr. 84: »und doch ist es für eine Wahrheit gefährlicher, wenn der Dichter ihr zustimmt, als wenn er ihr widerspricht! Denn wie Homer sagt: ›Viel ja lügen die Sänger!‹«, Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Zweites Buch. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6013, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 94) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm ].</p>
<p><a href="#_ednref13" name="_edn13">[13]</a> So sieht es z.B. Thomas Bein in Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1997 (Reclams Universal Bibliothek), S. 297 (»fiktive Spott- und Hohnattaxcke eines Kleinen gegen einen Großen«); ähnlich Claudia Brinker-von der Heyde, Die literarische Welt des Mittelalters, Darmstadt 2007, 112 f.</p>
<p><a href="#_ednref14" name="_edn14">[14]</a> Große Achtung erwarb sich der Richter Gi Gau, ein Schüler des Kung-Tse (Konfuzius): »Gi Gau war Strafrichter in We und verurteilte einen Mann zum Abhacken der Füße. Nach einiger Zeit kam es zu den Unruhen des Kuai Wai. Gi Gau wollte ihnen entgehen und ging nach dem Stadttor. Der Mann mit den abgehackten Füßen war Torhüter. Er sprach zu Gi Gau: ›Dort ist eine Lücke.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle klettert nicht über Mauern.‹ Da sprach er wieder: ›Dort ist ein Loch in der Mauer.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle kriecht nicht durch Löcher.‹ Da sprach jener abermals: ›Hier ist ein Haus.‹ Gi Gau trat ein. Als die Verfolger vorüber waren und Gi Gau im Begriff war weiterzugehen, da sprach er zu dem Mann mit den abgehackten Füßen: ›Ich konnte seinerzeit nicht umhin, in Ausübung der Gesetze meines Herrn selbst Euch die Füße abhacken zu lassen. Nun bin ich in Schwierigkeiten, das wäre gerade die richtige Zeit für Euch gewesen, mir Euern Groll heimzuzahlen, statt dessen habt Ihr mir dreimal durchgeholfen. Was ist der Grund davon?‹ Der Mann mit den abgehackten Füßen sprach: ›Daß mir die Füße abgehackt wurden, daran war ich selber schuld, da ließ sich nichts machen. Aber als Ihr damals mich zu richten hattet nach den Gesetzen, da suchtet Ihr nach einem Vorgang für meinen Fall, um mir die Strafe zu ersparen. Das wußte ich. Als dann der Fall erledigt war und die Strafe festgesetzt und es dazu kam, das Urteil zu verkündigen, da wart Ihr unruhig und betrübt. Als ich Eure Mienen sah, wußte ich das auch. Ihr habt wirklich nicht unrecht an mir getan. Wenn der Himmel einen Edlen hervorbringt, so legt er ihm den Weg (Tao) ins Herz; darum habe ich Euch durchgeholfen.‹   Meister Kung hörte den Vorfall und sprach: ›Trefflich, wer als Beamter das Gesetz einheitlich anwendet und doch auf Güte und Rücksicht bedacht ist, der pflanzt Gutes. Wer Härte und Strenge anwendet, der pflanzt Groll. Meister Gau verstand es, unparteiisch zu handeln.‹« [Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China (wie Anm. 2), S. 26706.</p>
<p><a href="#_ednref15" name="_edn15">[15]</a> Eingeräumt sei, was Friedrich Nietzsche im Dritten Buch der <em>Fröhlichen Wissenschaft</em> sagt: »Wenn Gott ein Gegenstand der Liebe werden wollte, so hätte er sich zuerst des Richtens und der Gerechtigkeit begeben müssen – ein Richter, und selbst ein gnädiger Richter, ist kein Gegenstand der Liebe.«, vgl. Friedrich Nietzsche, Werke, München o.J., Bd. 2, S. 134) (c);  http://www. digitale-bibliothek.de/band31.htm ]</p>
<p><a href="#_ednref16" name="_edn16">[16]</a> Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer, Deutsch von Lore Krüger, Zürich 1985, Vorrede des Artillerie-Kommandanten G.G., »auf Befehl des Autors«.</p>
<p><a href="#_ednref17" name="_edn17">[17]</a> Es gibt natürlich weitere Phänotypen, die hier nicht behandelt werden:</p>
<p>1.) zum Beispiel den <strong>Unbedeutenden Richter</strong>, von dem William Shakespeares Komödie <em>Maß für Maß</em>, deren Hintergrund die reichlich unübersichtlichen Verhältnisse der Wiener Kriminaljustiz bilden, ein mustergültiges Exemplar auf die Bühne bringt. Während nämlich der Gerichtsdiener Elbogen (dim-witted) nebst dem Scharfrichter Grauslich und dem Bierzapfer Pompeius Pumphos die Szene beherrscht, besteht der ganze Text des im ersten Auftritt des Zweiten Aktes erscheinenden Richters in den Worten »Elf, gnädiger Herr« und »Ich danke Euch untertänig«,  erstere Aussage als Antwort auf die Frage, wieviel Uhr es sei, die zweite als Annahme einer Einladung zum Essen durch einen Herrn vom Staatsrat.</p>
<p>2.) <strong>Der Mensch als Weltenrichter</strong> – »Es erscheint uns heute selbst zum Lachen, wenn der Mensch in Anspruch nehmen wollte, Werte zu erfinden, welche den Wert der wirklichen Welt überragen sollten – gerade davon sind wir zurückgekommen als von einer ausschweifenden Verirrung der menschlichen Eitelkeit und Unvernunft, die lange nicht als solche erkannt worden ist. Sie hat ihren letzten Ausdruck im modernen Pessimismus gehabt, einen älteren, stärkeren in der Lehre des Buddha; aber auch das Christentum enthält sie, zweifelhafter freilich und zweideutiger, aber darum nicht weniger verführerisch. Die ganze Attitüde ›Mensch gegen Welt‹, der Mensch als ›Welt-verneinendes‹ Prinzip, der Mensch als Wertmaß der Dinge, als Welten-Richter, der zuletzt das Dasein selbst auf seine Waagschalen legt und zu leicht befindet – die ungeheuerliche Abgeschmacktheit dieser Attitüde ist uns als solche zum Bewußtsein gekommen und verleidet – wir lachen schon, wenn wir ›Mensch und Welt‹ nebeneinandergestellt finden, getrennt durch die sublime Anmaßung des Wörtchens ›und‹!« Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch. Wir Furchtlosen. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6232; vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 211) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm.</p>
<p>3.) <strong>Die Welt als Menschenrichterin</strong>:  Das Empfinden, die ganze Welt habe sich gegen einige Menschen verschworen, um ungerecht  Recht über sie zu sprechen, findet sich in dem während der Weberaufstände im 19. Jhdt. entstandenen anonymen Volkslied: »Die Welt, die ist jetzt ein Gericht/ noch schlimmer als die Feme./ Wo man nicht erst ein Urteil spricht,/ das Leben schnell zu nehmen. – Hier wird  der Mensch langsam gequält,/ hier ist die Folterkammer./ Es werden Seufzer viel gezählt/ als Zeugen von dem Jammer. – Die Herren Zwanziger die Henker sind,/ die Diener ihre Schergen, davon ein jeder tapfer schindt,/ anstatt was zu verbergen &#8230; Und hat auch einer noch den Mut,/ die Wahrheit herzusagen,/ dann kommt’s so weit, es kostet Blut;/ und dann will man verklagen.« Zit. nach Ernst Klusen (Hrsg.), Deutsche Lieder, Frankfurt 1980, S. 516; aus den Untersuchungsakten zum Weberaufstand: »Am Abend des 3. Juni zogen ungefähr 20 Personen bei den Gebäuden der Kaufleute Zwanziger vorbei und sangen ein Spottlied auf die genannten Kaufleute: es entstand hierdurch Lärm und der Gerichtsmann Wagner verhaftete einen der Teilnehmer&#8230;Das abgesungene Gedicht wurde ebenfalls ergriffen.« Zit. nach Klusen, ebenda, S. 842.</p>
<p>4.) <strong>Der Tod als Richter</strong>, vgl. Andreas Gryphius, 1616–1654, Auff eines vornehmen Juristen Grab-Stein.</p>
<p><em>     </em></p>
<p><em>     Der Ich durch all Gesetz vnnd alle Recht kont brechen;</em></p>
<p><em>    Dem an Verstand vnd Kunst kaum jemand gleiche war;</em></p>
<p><em>    Der Ich die Dunckelheit der sache machte klar;</em></p>
<p><em>     Hab vber mich den Todt must lassen Vrtheil sprechen/</em></p>
<p><em>     Den Todt/ an dem mich nicht mein grosse Macht könt rächen!</em></p>
<p><em>    Nichts galt mein hoher Sinn; nichts galt der Worte schar.</em></p>
<p><em>    Mein wolberedte Zung erstumbte gantz vnd gar/</em></p>
<p><em>     Als mich der scharffe Pfeil des Richters thät erstechen.</em></p>
<p><em>      Jtzt sind mein Augen zu/ dehn vor nichts mochte sein</em></p>
<p><em>     Verborgen/ vñ mich selbst verbirgt ein kurtzer Stein.</em></p>
<p><em>     Was hilfft nun daß Ich vor kondt rathen allen Sachen</em></p>
<p><em>    Daß Ich vor keinem Part noch Throne mich entsetzt/</em></p>
<p><em>    Daß mir kein Handel je ward allzuschwer geschätzt/</em></p>
<p><em>     Da ich nicht möcht den Streit des Todes richtig machen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>    </em> (Gryphius: Sonette. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 40908; Gryphius-GA Bd. 1, S. 15–16).</p>
<p><em>    </em> 5.) <strong>Der bescheidene Richter.</strong> Während uns in der Literatur häufiger Richter gezeigt werden, deren Beschränktheit gerade durch das Auftrumpfende ihres Benehmens hervortritt, hat Johann Wolfgang von Goethe den selteneren Gegentypus in dem Gerichtsrat geschaffen, der eine Retter-Rolle in dem Schauspiel <em>Die natürliche Tochter</em> zu übernehmen hat (s. u.). Dieser Richter kennt seine Grenzen und überschreitet sie nicht, seine Geisteshaltung schillert zwischen Weisheit, Bescheidenheit, Kleingeistigkeit und Feigheit:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>In abgeschloßnen Kreisen lenken wir,</em></p>
<p><em>    Gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe</em></p>
<p><em>Des Lebens wiederkehrend Schwebende.</em></p>
<p><em>    Was droben sich in ungemeßnen Räumen</em></p>
<p><em>    Gewaltig seltsam hin und her bewegt,</em></p>
<p><em>    Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,</em></p>
<p><em>    Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl</em></p>
<p><em>    Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Vgl. Goethe-HA Bd. 5, S. 272-273;</p>
<p>6.)<strong> Der Richter als Künstler</strong> – dass es auch diese Spielart gibt, trat durch ein Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf ins Bewusstsein des öffentlichen Diskurses, in dem festgehalten wurde dass der Juror des Spruchkörpers, der bei dem Fernsehsender RTL für Deutschland den Superstar sucht, ein Künstler im Sinne der Versicherungspflicht bei der Künstlersozialkasse ist: Dieter Bohlen ist Richter und Künstler in einem, (dpa-Meldung vom 12. November 2007;</p>
<p>7.) José Ortega y Gasset hat den in seinen Augen verabscheuungswürdigen  Typus des »zufriedenen jungen Mannes« beschrieben (Der Aufstand der Massen, Stuttgart 1963) – dementsprechend kann auch <strong>Der zufriedene Richter </strong>besichtigt werden, und gar nicht selten. Bei leichtem Übergewicht und leicht übertriebener Gesichtsglätte trägt sein Lächeln eine leicht übertriebene Aufgeräumtheit zur Schau, wie sie jene Schüler empfinden, die genau wissen, dass sie den Anforderungen des Lehrers entsprechen; leider lauert hinter diesem Stolz auf den eigenen von Harm- und Phantasielosigkeit genährten Gehorsam  die Bereitschaft, jeden, der seinen Ranzen oder sein Gesicht nicht so gut aufgeräumt hat, unter dem Tisch gegen die Schienbeine zu treten, ohne dass es jemand merkt. Einen solchen grundzufriedenen, von Makkaroni mit Ketchup träumenden Richter beschreibt Jürgen K. Hultenreich in seinem Roman <em>Die Schillergruft</em>, Berlin 2001, S. 186 ff.</p>
<p>8.)<strong> Der in Zorn ausbrechende Richter. </strong>Den Beruf des Richters kann nur ausüben, wer Geduld hat. Man muss sich jede Menge Lügen anhören und dazu ein unbewegtes Gesicht machen. Man muss jede Menge Streitwerte festsetzen und damit den Rechtsanwälten, die man für chronisch überbezahlt, fachlich  überschätzt und moralisch zumindest überfordert  halt, das Heu in die Scheune schieben. Man muss als Instanzrichter jede Menge von den Obergerichten entwickelter Rechtssätze anwenden und damit seinen geborenen Feinden, nämlich den Oberrichtern, die man für chronisch überbezahlt und chronisch unterbelichtet halt, huldigen. Bei so bewandten Sachen ist es nur menschlich,  dass man sich gelegentlich Luft macht.  Wenn die eigene Familie sich nicht als Opfer zur Verfügung stellt und die Geschäftstellenverwalterin krank ist, kann es geschehen, dass der ansonsten so geduldige Herr Kammervorsitzende einem verdutzten Anwalt oder einer Partei sowas von hanebüchen die Leviten liest wie es der Richter Wool in der Satire <em>What is a judge?</em> des gelernten Rechtsanwalts und langjährigen Unterhausabgeordneten Alan Patrick Herbert (1890–1972) tut, indem er den Anwalt unvermittelt als alten Schwätzer anredet und seine Mandantin als blonde Kuh. In Wahrheit handelte es sich um eine Schauspielerin, die nach Vertrag für jede Drehwoche 5000 Pfund erhalten sollte und die an sich auf fünf Wochen angesetzte Drehzeit auf 15 Wochen ausgedehnt hatte, indem sie sich weigerte eine vorgesehene Bade-Szene zu spielen, so lange das Wasser im Pool nicht auf mindestens 24 Grad geheizt war (vgl. A. P. Herbert, Clear Facts, Muddled Laws – Alles was Recht ist, dtv-zweisprachig, übersetzt von Richard Frenzl, München 1989).</p>
<p>9.) <strong>Der Verbrecher als Richter </strong>tritt uns in Alfred Hitchcocks Spielfilm <em>Jamaika Inn</em> aus dem Jahre 1939 entgegen. Dass ser Richter und Staatsanwälte nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit ansah, sondern im Großen und Ganzen als zynische, kalte,  skrupellose und egoistische Heuchler, kann man auch in anderen Werken Hitchcocks feststellen. In <em>Jamaika Inn</em> ist der Richter aber nicht nur eine moralisch fragwürdige Gestalt und ein seinem Amt nicht gewachsener Mensch, sondern der Anführer einer Räuberbande, vgl. Andreas Grube, Gerichtsszenen bei Alfred Hitchcock, NJW 2007, 631 ff. 10.)<strong> Der zynische Richter </strong>begegnet dem Leser bei Louis-Ferdinand Céline (1894–1961) in dem Roman <em>Reise ans Ende der Nacht</em>, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003, Seite 198-208: Er trägt den Namen Grappa und ist Kolonial-Leutnant in dem kleinen Ort Topo im Kongo. Ihm zur Seite steht der Sergeant Alcide, der seinerseits eine Truppe von 12 einheimischen  Milizionären befehligt. Grappe, »dessen Leib gewaltig war, eine Strafe, mit kurzen, purpurroten, schauderhaften Händen. Händen, die nie irgendwas begreifen würden. Abgesehen davon versuchte Leutnant Grappe auch gar nichts zu begreifen«,  hält jeden Donnerstag Gericht und versucht dieser von ihm als lasting empfundenen Pflicht dadurch enthoben zu warden, dass er absurde und grausame Urteile spricht. Gleichgültig, was ihm vorgetragen wird von Parteien und Zeugen, stets greift er willkürlich einen derv or ihm Erschienen heraus und lässt ihn aufs Blut auspeitschen. Sonderbarerweise hält  dieses Verfahren die einheimischen Rechtssuchenden nicht davon ab, immer wieder vor dem Richter Recht zu suchen;  einer tritt sogar freiwillig zum Empfang der Peitschenhiebe an. Grappa, der zur Metapher eines boshaften Gottes taugt,  sitzt derweil in einem knirschenden Rohrsessel und raucht Zigarren: »Ah! Wenn die nur wüssten, wie scheißegal mir denen ihre Zänkereien sind, dann würden die in ihrem Dschungel bleiben und mir nicht hier mit ihrem Blödsinn auf die Nerven gehen! &#8230; Erzähle ich denen etwa die ganze Zeit von meinen Angelegenheiten? Obwohl, so langsam möchte ich fast glauben, denen gefällt meine Rechtsprechung irgendwie, diesen Mistkerlen! Seit zwei Jahren versuch ich jetzt, ihnen den Spaß zu verleiden, aber sie kommen jeden Donnerstag wieder &#8230; Glauben Sies mir oder nicht,  junger Mann, das sind fast immer dieselben, die da kommen! &#8230; Pervers müssen die sein, oder was!«</p>
<p>11.) <strong> Der Richter als Mitglied des Spruchkörpers </strong>unterliegt, wie jeder Richter weiß, der einmal einer Kammer oder einem Senat angehört hat, einer besonderen Seinsweise, die man als perennierende, weil strukturelle narzistische Kränkung bezeichnen kann. Weder das Haupt dieses delikaten, ja prekären corpus iuris noch seine Glieder können je, wie sie eigentlich wollen, weshalb keiner von ihnen sich zu wollen traut,  was er im Grunde zu können wünscht, so dass, was sie als Kollegium tun, oft keiner gewollt hat, weshalb sie, zur Vermeidung dauerhaften und gesundheitsschädlichen Zwists,  sich gegen den Rest der Welt umso inständiger verschwören. Wehe dem, der da nicht mittut!  Ein Beispiel dafür finden wir in der Geschichte von Sir Oblong-Fitz-Oblong, dem kleinen dicken Ritter: Er erhält vom Herzog den Auftrag auf den Bollingru-Inseln für Ordnung zu sorgen. Deren Bewohner werden ausgeplündert von Baron Bollingru, der sich der Mithilfe des Ritters Schwarzherz bedient.  Ein Mittel der Ausplünderung besteht darin, dass Bolingru und Schwarzherz, die einander im Grunde verachten, gemeinsam zu Gericht sitzen und eklatant ungerechte Urteile zu eigenem Nutz und Frommen fällen. Sir Oblong, wie weiland Don Quijote fahrender Ritter in höherem Auftrag, gelingt es, als drittes Mitglied in den Spruchkörper gewählt zu werden. Sofort entsteht Streit um den Zeitpunkt des Sitzungsbeginns, um die Kleiderordnung (Robe oder nicht) und um Befangenheitsprobleme. Oblong muss erkennen, dass seine beiden Kollegen, von denen der eine während der Verhandlung ungeniert schnarcht, zu unparteiischer Amtsausübung nicht überredet werden können,  sondern ihm und den Parteien unter Berufung auf die Bolingrusche Prozessordnung und das dort verankerte Mehrheitsprinzip rüdest übers Maul fahren. Das Recht hat erst dann wieder eine Chance, als es Oblong gelingt, einen vierten Richter ins Kollegium zu bringen: Nun müssen, damit überhaupt entschieden werden kann, Sachargumente sprechen. Die Augsburger Puppenkiste hat vor fast einem halben Jahrhundert aus dem Kinderbuch <em>Der kleine dicke Ritter</em>  (Süddeutsche Zeitung, München 2005) von Robert Oxton Bolt (1924–1995) ein hübsches Puppenspiel gemacht (DVD, Schwarz-Weiß, Augsburger Puppenkiste, Oehmichens Marionetten Theater, hr MEDIA, Katalog-Nr. 280042)</p>
<p>12.)<strong> Der Richter als Terrorist </strong>ist eine Gestalt, die uns vielleicht nur in den Medien und in der politischen Propaganda begegnet, vielleicht aber auch tatsächlich existiert: In Somalia hatten nach einer seit 1991 herrschenden Anarchie die <strong>Scharia-Richter</strong> begonnen, etwas Ordnung zu schaffen. Nach Auffassung der Amerikaner war diese Ordnung nicht akzeptabel, sie sah wohl für westliche Maßstäbe unangemessene Verbote vor, wie beispielsweise für das Anschauen von Fuißballspielen im Fernsehen. 2006 marschiertedie äthiopische Armee ein. Die Richter flohen und lassen nun Milizen gegen die äthiopische Besatzung kämpfen. Das Erscheinungsbild dieses Richtertyps ist  soldatisch, vgl. FAZ 27. September 2008, Nr. 227, Seite 4. Einen Scharia-Richter gibt es inzwischen wohl auch in Berlin, er heißt Hassan Allouche, und sein Bild erinnert an einen wohlgenährten Freiheitskämpfer in Freizeitkleidung, allerdingsarbeitet er bei einem Autohändler in Berlin,  trägt eine schusssichere Weste; er vermittelt zwischen rivalisierenden Clans. Ein terroristischer Richter ist in der Vorstellung des Angelus Silesius oddenbar auch Jesus Christus, wenn er das Jüngste Gericht hält:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Das Urteil ist bald abgefaßt,</em></p>
<p><em>      Er sprichts mit eignem Munde,</em></p>
<p><em>      Er sprichts, daß auch das Blut erblaßt</em></p>
<p><em>      In ihres Herzens Grunde:</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;</em></p>
<p><em>      Geht hin und weichet weg von mir,</em></p>
<p><em>      Ihr Grundvermaledeiten,</em></p>
<p><em>      Geht hin, trollt euch von meiner Tür,</em></p>
<p><em>      Bleibt weg zu ewgen Zeiten.</em></p>
<p><em>      Geht hin ins Feur, ins ewge Feur,</em></p>
<p><em>      In Schlund der grundten Höllen</em></p>
<p><em>      Mit Beelzebub, dem Ungeheur,</em></p>
<p><em>      Und seinen Rottgesellen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;</em></p>
<p><em>     Da fallen sie mit großem Schrein,</em></p>
<p><em>      Mit Prasseln und mit Krachen</em></p>
<p><em>      Wie Klötze in den Schlund hinein</em></p>
<p><em>      Und in der Höllen Rachen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>[Angelus Silesius: Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 3660 (vgl. Angelus-SW Bd. 3, S. 245-246) http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]</p>
<p>13.) <strong>Das Volk als Richter </strong>ist vermutlich das Schlimmste, was einem Rechtsuchenden begegnen  kann. »Wir haben ein Gesetz/ Und nach dem Gesetz/Muss er sterben!« antwortet das Volk dem Pontius Pilatus in der Johannes-Passion.</p>
<p>14.)<strong> Der Sitzer </strong>und sieben weitere Richtertypen sind von dem Wiener Rechtsanwalt und Essayisten Walther Rode (1876–1934) in seinem Buch <em>Knöpfe und Vögel – Lesebuch für Angeklagte</em> (Edition Memoria, Hürth bei Köln und Wien 2000, herausgegeben von Thomas B. Schumann) trefflich beschrieben worden. Die Richter sieht er als einen asketischen, am Ufer des Daseins misstrauisch hockenden Menschenschlag, dem die sitzende Lebensweise von Gott vorgeschrieben ist – so Anton Kuh im Vorwort –: »Die breiten Gesäße beherrschen die Welt.«</p>
<p><a href="#_ednref18" name="_edn18">[18]</a> Einzelheiten siehe bei: Reinhard Staats, Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Darmstadt 1996.</p>
<p><a href="#_ednref19" name="_edn19">[19]</a> got ist selber recht. dar umme ist im recht lip, schrieb Eike von Repgow</p>
<p><a href="#_ednref20" name="_edn20">[20]</a> Nach ältester chinesischer Tradition stehen die Funktionen in Staat und Gesellschaft in einer festen Verbindung zu den Jahreszeiten, die ihrerseits Vertreter der kosmischen Ordnung sind. Diese Ordnung darf nicht verletzt werden, wenn das biologische Leben der Einzelnen und das Leben der Gemeinschaft, ja sogar das Wetter nicht verwirrt werden soll. Wenn der Himmelssohn nicht bestimmte Handlungen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten verrichtet, so kann es geschehen, dass der Kosmos damit antwortet, dass auch er bestimmte von ihm erwartete und regelmäßig erbrachte Leistungen verweigert: Sonne und Wind zu bekömmlichen Zeiten zu schicken usf. Die Zeit des Richtens ist der Herbst, was nahe liegt, denn das Richten hat zweifellos etwas von einer Abrechnung und von der Ernte und der Verteilung derselben. »Der Meister des Gerichtswesens (Sï-Kou) hat das Amt des Herbstes, indem er öffentliche und private Prozesse hört, die Unordnungen und Widersetzlichkeiten des Volkes in Ordnung bringt und die Waage hält, um das Volk nach der Mitte hin zu ändern. Alle Unbotmäßigkeit des Volkes entspringt aus untätiger Sicherheit.« Chinesische Philosophie: Li Gi – Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 25315 – Li Gi, S. 100; http://www.digitale-bibliothek.de/ band94.htm ].</p>
<p><a href="#_ednref21" name="_edn21">[21]</a> Nach Platon, Kritias, 119 c ff. hatte das vorgeschichtliche Atlantis (zehntausend Jahre vor der klassischen Zeit Athens) seine Gesetze von Poseidon empfangen; es war auf eine Erzsäule geschrieben, die im  Poseidon-Tempel inmitten der Insel stand. Hier, im Tempel, richteten die zehn Könige von Atlantis, nachdem sie gemeinsam einen der im Heiligtum frei herumlaufenden Stiere mit Knüppeln nund Fäusten gejagt, getötet und sein Blut auf das Gesetz hatten spritzen lassen, nächtens in schönen blauen Roben unter dem Beistand des Gottes und des Weines., vgl. Platon, Werke, hrsg. v. Günther Eigler, bearb. von Klaus Widdra, Griech. u. Deutsch, Bd 7, Darmstadt 2005, S. 249,</p>
<p><a href="#_ednref22" name="_edn22">[22]</a> Kulturübergreifend ist allerdings auch die Vorstellung, dass, im Falle einer vollkommen gerechten Einrichtung des Lebens, wie sie im Goldenen Zeitalter, im Paradies, im Nirwana  oder im Endstadium des Kommunismus anzutreffen war oder sein wird, weder für Gesetze noch für Richter Platz ist: Ovid, Metamorphosen, I, 89-93:</p>
<p><em>Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,</em></p>
<p><em>           sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.    </em></p>
<p><em>           poena metusque aberant, nec verba minantia fixo</em></p>
<p><em>           aere legebantur, nec supplex turba timebat</em></p>
<p><em>           iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti.</em></p>
<p><a href="#_ednref23" name="_edn23">[23]</a> In einer 2007 erschienenen Erzählung klagt Hiob gegen Gott, ein schwieriges Unterfangen, da auch in diesem Prozess Richter auch wieder Gott ist. Interessanter wäre es vielleicht gewesen, den Teufel auf die Richterbank zu setzen, Ludwig Lütkehaus, Das nie erreichte Ende der Welt, Frankfurt am Main 2007.</p>
<p><a href="#_ednref24" name="_edn24">[24]</a> Ein sehr berühmter, selbstbewusster und stets mit streng zurückgekämmtem Haar, Nackentolle, geschliffenen Worten und gefährlichem Blick durch eine gefährlich funkelnde Brille auftretender spanischer Richter und Medien-Star ist seine Exzellenz Baltasar Garzón, Ermittlungsrichter am Tribunal Supremo, der im Juli 2006 durch Einstweilige Verfügung einer Rock-Band aus Benicassím untersagen ließ, weiterhin unter dem Namen »Garzón« aufzutreten. Die Gruppe folgte dem Gerichtsbefehl umgehend und verkündete auf ihrer Website www.superjuez.com: »Es handelt sich um ein schreckliches Missverständnis. Als wir uns diesen Namen gaben, hatten wir nur eine Absicht: Wir wollten unserer Ehrerbietung gegenüber einem der Großen unserer Zeit Ausdruck verleihen, einem Mann, der den zu Unrecht aus der Mode gekommenen Tugenden der Gelassenheit und &#8230; Bescheidenheit endlich wieder Geltung verschafft &#8230; Unsere Absicht war, den größten Richter Spaniens zu ehren &#8230;«. Die Gruppe änderte ihren Namen aufgrund der Einstweiligen Verfügung in »Grande-Marlaska«, womit sie den Namen eines ebenfalls am tribunal supremo tätigen Kollegen von Garzón wählte, ohne dass dieser Kollege sich dagegen gewehrt hätte, EL PAIS, sábado 22 de julio de 2006, S. 40.</p>
<p><a href="#_ednref25" name="_edn25">[25]</a> Dass irrationale Kräfte auch in der heutigen Rechtskultur wirken, zeigt Uwe Volkmann (FAZ 16. März 2007, Nr. 64/2007, S. 9: »Einst versammelte sich das Volk um die Schamanen und die Altäre, um sich in der Vertreibung der bösen Geister zumindest kurzzeitig als stark und geeint zu erfahren. Heute versammelt sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die ohne gesicherte Wahrheit auskommen muss und deren Mitglieder einander fremd geworden sind, um das Recht – das symbolische Recht.« Ein schönes Beispiel für solche Debatten um Gesetze, deren Wirkung auf die Lebensverhältnisse sehr überschaubar ist, war der erbittert geführte Streit in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung um die durch § 14 Abs. 3 TzBfG im Jahre 2002 geschaffene Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen mit Menschen ab 52 Jahren. Während die einen eine massenweise Entrechtung älterer Arbeitnehmer fürchteten, glaubte der Gesetzgeber ein Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit älterer Menschen gefunden zu haben. In Wahrheit waren weniger als 1500 Arbeitnehmer von der Regelung überhaupt betroffen, also weniger als 0,01 vH der Erwerbstätigen. Der einzige allerdings Aufsehen erregende Prozess um die Norm war nach Auskunft aller Fachkundigen getürkt.</p>
<p><a href="#_ednref26" name="_edn26">[26]</a> Mit Nicole Kidman und Tom Cruise, DVD 2001, ASIN: B00005ML1O,</p>
<p><a href="#_ednref27" name="_edn27">[27]</a> Arthur Schnitzler (hrsg. Peter Bekes), Traumnovelle, Textausgabe mit Materialien, Braunschweig 2003</p>
<p><a href="#_ednref28" name="_edn28">[28]</a> <em>Les francs-juges – die Femerichter</em> lautet der Titel eines vielgespielten Orchesterstücks (op. 3) von Hector Berlioz – London Classical Players unter d. Ltg. v. Roger Norrington, virgin veritas 7243 5 61379 2 9, der eine Oper mit diesem Titel (<em>Les francs-juges</em>) geplant hatte, in der ein Chor der Femerichter auftreten sollte: Der Text seines Librettisten und Freundes Humbert Ferrand lautete wie folgt:</p>
<p><em> »Wir, die Rächer der himmlischen Gesetze</em></p>
<p><em>     Wir, deren Schicksalsarm das Verbrechen besiegt.</em></p>
<p><em>     Wir zerschmettern, zerschmettern Euer Opfer;</em></p>
<p><em>     Wir verschließen unsere Herzen dem Mitleid.</em></p>
<p><em>     Wir genießen die Schreie des Bluts und der Erde!</em></p>
<p><em>     Unsere Augen sind erleuchtet von einer inneren Flamme!</em></p>
<p><em>     Wir ermüden nicht, wir zerschmettern das Opfer!</em></p>
<p><em>     Dass man an unseren Schrecken glaubt, zerschmettern wir!«</em></p>
<p><a href="#_ednref29" name="_edn29">[29]</a> Zu Gericht über Menschen saßen die griechischen Götter freilich nicht. Dazu hätten sie gerecht sein müssen, was ihnen fernlag und nach Ansicht des griechischen Tragödienschreibers Euripides auch nichts genutzt hätte, weil sie mit dem Übermaß an Schuld, das sich die Menschen aufladen, nicht ferig geworden wären: »Auch nicht der ganze Himmel wäre groß genug,/ Der Menschen Sünden, wenn sie Zeus dort schriebe auf,/ Zu fassen, noch auch er, zu überschauen sie / Und jedem seine Strafe zuzuteilen. Nein! / Die Strafe ist schon hier, wenn Ihr nur sehen wollt!«, zit. nach  Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt 1986, S. 18.</p>
<p><a href="#_ednref30" name="_edn30">[30]</a> Für die Griechen war das Wesen des Göttlichen nicht notwendig mit der Gerechtigkeit verbunden, dafür trieben die Olympier nach der communis opinio des ebenso kommunen Athener Stadtbürgers zu viel göttliches Unwesen. In Platons <em>Staat</em> vertritt Thrasymachos die Auffassung, jeder, auch der gerechte Mann, werde, vorausgesetzt, er könne sich unsichtbar machen wie Gyges mit dem Ring, Frau und Gut und Leben seines Nachbarn nicht unangetastet lassen, er werde sich eben genau so (ungerecht) benehmen wie es die Götter auf Erden zu halten pflegten: »Wenn es nun zwei solcher Ringe gäbe und den einen der Gerechte sich ansteckte, den andern der Ungerechte, so wäre, wie mir scheint, wohl keiner von so eherner Festigkeit, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und es über sich gewänne, fremden Gutes sich zu enthalten und es nicht zu berühren, trotzdem daß er ohne Scheu sogar vorn Markte weg nehmen dürfte, was er wollte, und in die Häuser hineingehen und beiwohnen, wem er wollte, und morden und aus dem Gefängnis befreien, wen er wollte, und überhaupt handeln wie ein Gott unter den Menschen.« Platon, Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 49-50; http://www.digitale-bibliothek.de/ band2.htm.</p>
<p><a href="#_ednref31" name="_edn31">[31]</a> Es sind drei an der Zahl: Eirene (Frieden), Eunomia (Ordnung) und Dike (Gerechtigkeit)</p>
<p><a href="#_ednref32" name="_edn32">[32]</a> »Es schweigt mir jegliche Natur/ Beim Ticktack von Gesetz und Uhr«, Friedrich Nietzsche,  Die fröhliche Wissenschaft,  Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 67299, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 28), http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm.</p>
<p><a href="#_ednref33" name="_edn33">[33]</a> Bayerisches Staatsorchester u. d. Ltg. v. Robert Heger, mit Anneliese Rothenberger, Brigitte Fassbaender, Nicolai Gedda, Hermann Prey ua, EMI-Classics, 7243 5 66364 2, 2 CDs mit Textbuch.</p>
<p><a href="#_ednref34" name="_edn34">[34]</a> Peter Tosh, Honorary Citizen, Columbia/Legacy, C3K 65064-65066, 7464-65064-2, 3 CDs mit Textbuch.</p>
<p><a href="#_ednref35" name="_edn35">[35]</a> Walter Leisner, Das letzte Wort – Der Richter späte Gewalt, 1. Auflage, Berlin 2003.</p>
<p><a href="#_ednref36" name="_edn36">[36]</a> Notabene: Nicht immer ist es feine Gesellschaft, die vor Gericht steht. Gottfried August Bürger (Lenore, str. 25 fg): »am hochgericht / tanzt um des rades spindel / halb sichtbarlich bei mondenlicht / ein luftiges gesindel.«</p>
<p><a href="#_ednref37" name="_edn37">[37]</a> The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard.)</p>
<p><a href="#_ednref38" name="_edn38">[38]</a> Alle Texte aller Gilbert&amp;Sullivan-Opern (u.v.a.m.) findet man in »The Gilbert &amp; Sullivan-Archive« unter math.boisestate.edu/gas/ im Internet.</p>
<p><a href="#_ednref39" name="_edn39">[39]</a> Bamberger Symphoniker unter d. Ltg. v. Hans Gierster, mit Dietrich Fischer-Dieskau, Ingeborg Hallstein, Fritz Wunderlich u.a., Deutsche Grammophon 471-139-2, 1 CD.</p>
<p><a href="#_ednref40" name="_edn40">[40]</a> The Monteverdi Choir, English Baroque Solist unter d. Ltg. v. John Eliot Gardiner  mit Caroly Watkinson, Barbara Hendricks u.a. Philips 421 612-2, 2 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref41" name="_edn41">[41]</a> Vgl. Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, mit einem Nachwort von Karl Löwith, Stuttgart 1969, 13. Kapitel: Die Allmacht des Gemüts oder das Geheimnis des Gebets.</p>
<p><a href="#_ednref42" name="_edn42">[42]</a> Mehrere Kantaten Bachs haben die Angst vor Gottes Gericht zum Thema: »Ein unbarmherziges Gerichte/ wird über dich gewiss ergehn!« K 89/3. »Ich armer Mensch, ich armer Sünder/ steh hier vor Gottes Angesicht, / ach Gott, ach Gott, verfahr gelinder / und geh nicht mit mir ins Gericht« K 179/6 &#8230; »Bei Warten ist Gefahr, / willt Du die Zeit verlieren, / der Gott, der ehmals gnädig war, / kann leichtlich dich vor seinen Richtstuhl führen« K 102/6. Vgl. Lucia Hasselböck, Bach-Textlexikon, Kassel 2004, S. 85, Stichwort »Gericht«.</p>
<p><a href="#_ednref43" name="_edn43">[43]</a> Eine märchenhaft-komische Übersteigerung des Angstmotivs findet sich auch im Kirke-Kapitel (Kapitel 15) des <em>Ulysses</em>, in dem Leopold Bloom zunächst vor einem steinbärtigen Kriminalrichter erscheinen muss und sich anschließend selbst zum Richter ausruft, vgl. James Joyce, <em>Ulysses</em>, Roman, übersetzt von Hans Wollschläger, kommentierte Ausgabe Frankfurt 2004.</p>
<p><a href="#_ednref44" name="_edn44">[44]</a> Aristophanes, Sämtliche Komödien, übertragen von Ludwig Seeger, Einleitung von Otto Weinreich, Zürich 1968, S. 191 ff.</p>
<p><a href="#_ednref45" name="_edn45">[45]</a> Der Richter und sein Henker, Zürich 2002; auch die übrigen Auseinandersetzungen Dürrenmatts mit dem Thema weisen eine hohe Tiefenschärfe auf: Justiz, Roman, Zürich 1998; Die Panne, Erzählung, Zürich 1995; Der Verdacht, Kriminalroman, Zürich 2002.</p>
<p><a href="#_ednref46" name="_edn46">[46]</a> Dieser gewalttätige Hintergrund des Urteilens geht auch im metaphorischen Gebrauch nicht verloren. Christoph Martin Wieland (1733–1813) schrieb an Johann Heinrich Merck, den er als Rezensenten des Teutschen Merkur bei Laune halten wollte: »Ihr löbliches Vorhaben, sich künftig im Merkur aufs Loben zu legen i.e. uns Freunde mit dem ungerechten Mammon zu machen, hat … meinen großen Beyfall. Aber dann und wann eine Execution … ist höchst nöthig, weil I. das Publicum von Zeit zu Zeit gerne jemand hängen oder Köpfen sieht; secundo, weil wir uns dadurch im Besitz unserer hohen Gerichtsbarkeit erhalten. Und eben darum müssten solche Executionen selten … aber wenn sie geschehen, desto feyerlicher und exemplarischer seyn.« An Merck, 31. Mai 1776, Wieland, Briefe, Bd 5, S. 510.</p>
<p><a href="#_ednref47" name="_edn47">[47]</a> An diese Tatsache erinnert auch der Umstand, dass im sagenhaften Atlantis der Gerichtstag, der in diesem Falle eine Gerichts<em>nacht</em> war, mit einem ziemlich grausamen und blutigen Opferritual begann: Stierblut mussten die Richter eigenhändig auf das Gesetz spritzen, vgl. Platon, <em>Kritias</em>, 119 c, zit. Nach Platon, Werke, Griech.-Deutsch, herausgegeben von Günter Eigler, Darmstadt 2005, S. 249, 250.</p>
<p><a href="#_ednref48" name="_edn48">[48]</a> Das Verhältnis zwischen Gesetz und Unrecht ist vielschichtig, manchmal bringt das Gesetz die Sünde erst hervor: »Die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz«, Paulus 1 Kor. 15, 56.</p>
<p><a href="#_ednref49" name="_edn49">[49]</a> London Symphony Chorus/London Symphony Orchestra unter d. Ltg. v. Richard Hickox mit Simon Keenlyside, Philip Langridge, John Tomlinson u.a., Chandos 9826 (3), 3 CDs mit Textheft; als Video-DVD: English National Opera Chorus/English National Opera Orchestra unter d. Ltg. v. David Atherton, mit Thomas Allen, Philip Langridge, Richard van Allen u.a., Arthaus Musik 100 278.</p>
<p><a href="#_ednref50" name="_edn50">[50]</a> Hermann Melville, Vortoppmann Billy Budd und andere ausgewählte Erzählungen, Leipzig 1984.</p>
<p><a href="#_ednref51" name="_edn51">[51]</a> Christoph Martin Wieland schrieb in einer Anmerkung zu Johannes Daniel Falks satirischem Epos: <em>Die Helden</em>: »Freilich trat hier einer von unseren unseligen Kollisionsfällen ein, wo das größte Recht in einem anderen Sinne großes Unrecht ist.« Vgl. Johannes Daniel Falk, Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel, Lustspiele, Gedichte, Publizistik, hrsg. Paul Saupe, Berlin 1988, S. 661.</p>
<p><a href="#_ednref52" name="_edn52">[52]</a> Von den Schrecken des alltäglichen Wirkens dieses Mannes findet sich ein beeindruckender Bericht bei Rudolf Predeek, Die rote Robe, Düsseldorf 1949: Der Düsseldorfer Unternehmer (Mineralwasser), Karnevalspräsident und Angehörige des Honoratiorenvereins <em>Düsseldorfer Jonges</em> Leo Statz (1898–1943) hatte den Wunsch eines Angestellten nach Gehaltserhöhung zurückgewiesen und war von diesem Angestellten daraufhin wegen einer defaitistischen Äußerung über die Kriegsaussichten Deutschlands denunziert worden – eine Frühform des whistle-blowing. Da Statz sich schon häufiger widerspenstig gegenüber der NSDAP gezeigt hatte, beschloss man an ihm ein Exempel zu statuieren. Über die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter Freislers Vorsitz schreibt Predeek (aaO., S. 82 ff. ) u. a.: »Freisler hatte eine durchtrieben wirkungsvolle Verhandlungsmethode. Sachlich und ruhig begann er zu sprechen. Fast erreichte er es, dass er Zutrauen erweckte, um sich dann plötzlich mit umso überraschenderer Wendung unversehens auf sein Opfer stürzen zu können. Er … genoss seine Stunden in selbstgefälligen Zügen, ein judex diabolicus, dem nichts heilig war, weder das Recht, das er nicht anerkannte, noch das Volk, das er betrog, noch der Unschuldige, den er verfolgte.« Statz, tiefgläubiger Katholik, wurde von Freisler im Gerichtssaal dem Spott der Zuschauer preisgegeben, insbesondere das relativ hohe Einkommen des Unternehmers gab Freisler Gelegenheit, den Neid der Zuhörer gegen Statz aufzustacheln. Statz wurde zum Tode verurteilt und am 1. November 1943 gegen 16.00 hingerichtet. Vgl. auch Helmut Moll, In den Fängen des Nationalsozialismus, Düsseldorfer Jahrbuch, Bd. 68, Düsseldorf 1997, S. 194–202; von Statz, der viele Karnevalslieder schrieb (u.a. 1938 in Anspielung auf Mussolini: »Sei doch einmal nett zu mir. Alles, alles schenk ich Dir, sei nicht zaghaft-zimperlich: Duze, Duze, Duze mich!«, das verboten wurde, woraufhin Statz als Motto des Karnevalszuges 1939 die Parole »Verboten – erlaubt« ausgab), erschien posthum ein Band mit kleinen humoristischen Erzählungen: Der Sillbund, Drei Eulen Verlag, Düsseldorf 1946.</p>
<p><a href="#_ednref53" name="_edn53">[53]</a> Wie eine späte und seltsam angestaubt daherkommende Auswirkung dieser bequemen Klischeevorstellung kam es mir vor, als, Zeitungsberichten zufolge, Anfang 2006 der Journalist Hendryk M. Broder nach einem verlorenen Prozess erklärte, »die Erben der Firma Freisler« seien wieder einmal am Werk gewesen. Es wird nun gegen Broder wegen Beleidigung ermittelt, womit Gelegenheit zu weiterer Verbreitung des sicher im Alterszorn gesprochenen Unfugs bestehen dürfte, vgl. DIE WELT, 6. Februar 2006, S. 11.</p>
<p><a href="#_ednref54" name="_edn54">[54]</a> Es scheint nicht sehr viele Richter im Dritten Reich gegeben zu haben, die anders dachten als die damalige Regierung und den Mut hatten, dies auszusprechen. Einer von diesen nicht sehr vielen war Lothar Kreyssig (30.10.1898 Flöha (Sachsen) – 5.7.1986 Bergisch Gladbach), der sich als Amtsrichter in Brandenburg (Havel) gegen die Tötung ihm als Amtsvormund anvertrauter behinderter Menschen wehrte. Als ihm der Justizminister Gürtner einen handgeschriebenen Führerbefehl vorlegte, erklärte er, ein Führerbefehl schaffe kein Recht und wurde in den Ruhestand versetzt und zwar unter Zahlung der gesetzlichen Versorgungsbezüge. Später war Kreyssig ua Präses der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und rief als Vizepräsident Ost des Deutschen Evangelischen Kirchentages im April 1958 die »Aktion Sühnezeichen« ins Leben, vgl. Wolf Kahl, Lothar Kreyssig – Amtsrichter im Widerstand und Prophet der Versöhnung, DRiZ 2008, 299.</p>
<p><a href="#_ednref55" name="_edn55">[55]</a> Frankfurt 2005; als Audiocassette in der Hörspielbearbeitung von 1965 für den Hessischen Rundfunk von Hermann Naber unter der Regie von Peter Schulze-Rohr mit Fritz Strassner, Herbert Fleischmann, Hanne Hiob u.a., Der Hörverlag, ISBN 3-89584-112-9;</p>
<p><a href="#_ednref56" name="_edn56">[56]</a> Jacobus de Voragine, Legenda aurea, aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 13. Auflage, Gütersloh 1999.</p>
<p><a href="#_ednref57" name="_edn57">[57]</a> Ein Beispiel ist der <em>Richter Paschasius</em>, vor den die heilige Lucia von ihrem Ehemann gezogen wird, weil die ihr Geld an die Armen verschwendet. Paschasius will sie zwingen, den römischen Göttern zu opfern. Er verurteilt sie, als Hure in einem Freudenhaus zu arbeiten. Aber 1000 Knechte und sogar Ochsen vermögen nicht, sie dorthin zu  zu bringen. Daraufhin lässt Paschaius, der später selbst hingerichtet wurde, sie erst mit Urin übergießen und ihr anschließend mit einem Schwert die Kehle durchbohren, vgl. Jacobus de Voragine, ebd., S. 27–29.</p>
<p><a href="#_ednref58" name="_edn58">[58]</a> Die Freigabe zur Prostitution war eine gegen Frauen häufiger angewandte Strafe und sexuell geprägter Sadismus bei Richtern offenbar keine Seltenheit:, vgl. Anne Jensen, Gottes selbstbewusste Töchter – Frauenemanzipation im frühen Christentum? Berlin, Hamburg, Münster 2003, S. 185 ff.</p>
<p><a href="#_ednref59" name="_edn59">[59]</a> Les Arts Florissants unter d. v. William Christie mit Daniel Taylor, Richard Croft u.a., Erato B0000A1M7P, 3 Cds.</p>
<p><a href="#_ednref60" name="_edn60">[60]</a> Umberto Eco: Der Name der Rose, Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1982; als Video-DVD unter der Regie von Jean-Jacques Annaud mit Sean Connery, F.Murray Abraham u.a., Warner Brothers/ Constantin, 3447695.</p>
<p><a href="#_ednref61" name="_edn61">[61]</a> Nicolas Aubin, Geschichte der Teufel von Loudun oder der Besessenheit der Ursulinen und von der Verdammung und Bestrafung von Urbain Grandier, Pfarrer derselben Stadt, aus dem Französischen übertragen von Dieter Walter, 2. Auflage Berlin 1981.</p>
<p><a href="#_ednref62" name="_edn62">[62]</a> Aldous Huxley, Die Teufel von Loudun, dtv, München 1985.</p>
<p><a href="#_ednref63" name="_edn63">[63]</a> Chor und Orchester der Hamburger Staatsoper unter d. Ltg. v. Marek Janowski, mit Tatiana Troyanos,  Cvetka Ahlin, Hans Sotin  u.a. Philips B00000133P, 2 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref64" name="_edn64">[64]</a> Allen neuen Freunden des alten Irrtums, Folter sei ein geeignetes Mittel zur Verbrechensbekämpfung, sei das Studium des Falls Urbain Grandier empfohlen.</p>
<p><a href="#_ednref65" name="_edn65">[65]</a> Albert Camus, Der Fall, Roman, Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref66" name="_edn66">[66]</a> Der Erfolg der Sendungen mit Fernsehrichtern ist offenkundig umgekehrt proportional dem rechtlichen und tatsächlichen Gehalt der verhandelten Fälle; der Mangel an Einblicken in Recht und Leben wird allerdings kompensiert durch einen reichen Überfluss an Einblicken in die tief ausgeschnittenen Dekolletees von Zeuginnen und Angeklagten, vgl. dazu Melanie Amann: »Das Urteil lautet«, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7. Juni 2009, Nr. 23/2009, S. 12.</p>
<p><a href="#_ednref67" name="_edn67">[67]</a> Pedro Calderón de la Barca, Dramatische Werke, die Höhepunkte seines Schaffens, Wien 1979, S. 19 ff.</p>
<p><a href="#_ednref68" name="_edn68">[68]</a> DEFA-Verfilmung von 1956 unter der Regie von Martin Hellberg mit Hans-Joachim Büttner, Gudrun Schmidt-Ahrends, Rolf Ludwig u.a., als Video bei Icestorm Entertainment, 10095; nicht nur den DDR-Oberen, auch den Nationalsozialisten passte der Typ Richter, der sich nicht viel um Gesetze schert: am 8. Januar 1937 wurde der Richter von Zalamea in einer Nachdichtung durch Wilhelm von Scholz am Schillertheater in Berlin uraufgeführt.</p>
<p><a href="#_ednref69" name="_edn69">[69]</a> Ulrich Wickert, Der Richter aus Paris, Eine fast wahre Geschichte, Hamburg 2003.</p>
<p><a href="#_ednref70" name="_edn70">[70]</a> Ulrich Wickert, Die Wüstenkönigin, Der Richter in Angola, Hamburg 2005.</p>
<p><a href="#_ednref71" name="_edn71">[71]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, edition Suhrkamp Nr. 31, Frankfurt 1963; vgl. auch: Hanns Ernst Jäger, Bertolt Brecht – Songs, Gedichte, Prosa, 3 Lieder aus dem Kaukasischen Kreidekreis, Pläne Archiv Nr. 89003, CD.</p>
<p><a href="#_ednref72" name="_edn72">[72]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff.</p>
<p><a href="#_ednref73" name="_edn73">[73]</a> Rolf Hochhuth, Unbefleckte Empfängnis, Ein Kreidekreis, Reinbek b. Hamburg 1988.</p>
<p><a href="#_ednref74" name="_edn74">[74]</a> Morris, Lucky-Luke, Bd. 31: »Der Richter«, o. J.</p>
<p><a href="#_ednref75" name="_edn75">[75]</a> Vgl. zum Bild des Amtsrichters: Karl Kroeschell, Der Amtmann, Zur Kulturgeschichte eines Juristenberufs, 2002, im Internet unter http://www. rewi.hu-berlin.de/online/fhi/articles/0210kroeschell/=210kroeschell.htm zitiert nach Weber, Festschrift für Adomeit, 809 ff. (824).</p>
<p><a href="#_ednref76" name="_edn76">[76]</a> Christoph Martin Wieland, Geschichte der Abderiten, Reclam Ditzingen, 1986.</p>
<p><a href="#_ednref77" name="_edn77">[77]</a>  Rundfunkchor Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Karl Anton Rickenbacher mit Sir Peter Ustinov (Erzähler), Andreas Kohn, Eberhard Büchner u.a.: »Des Esels Schatten«, Der unbekannte Richard Strauss, Koch-Schwann 3-1792-2, CD mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref78" name="_edn78">[78]</a> Philippides ist im Grunde ein versonnener, ja bei aller Empfindung für die Amtsmühen noch sonniger Charakter; ein Gegenstück ist der Amtmann von Lenzbach im <em>Prinz Rosa-Stramin</em> von Ernst Koch (* 1808 Singlis an der Schwalm, <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.0.3/72x72/271d.png" alt="✝" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> 1858 Luxembourg), den die tausend Glockenstimmen Gottes nicht zum Besuch der Sonntagsmesse verführen können, weil er sich als selbstquälerischer naturblinder und aktengläubiger Pedant  lieber mit Appelations-Extrajudizial- und Hämorrhoidalbeschwerden abarbeitet, vgl. Hermann Weber, Kurhessischer Obergerichtsreferendarius, Fremdenlegionär und Professor in Luxemburg, Ernst Koch – Ein Dichterjurist im Vormärz.</p>
<p><a href="#_ednref79" name="_edn79">[79]</a> Ein musikalisch und schriftstellerisch begabter Richter ist der Vorsitzende Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Wolfgang Neukirchner gewesen, der ua den Text des Schlagers <em>Es gibt kein Bier auf Hawaii</em> für Paul Kuhn schrieb, unter dem Pseudonym »Josua Röckelein«:</p>
<p><em>     Es gibt kein Bier auf Hawaii, </em></p>
<p><em>     es gibt kein Bier. </em></p>
<p><em>     Drum fahr ich nicht nach Hawaii, </em></p>
<p><em>     drum bleib ich hier. </em></p>
<p><em>     Es ist so heiss auf Hawaii, </em></p>
<p><em>     kein kühler Fleck,            </em></p>
<p><em>     und nur von Hula Hula </em></p>
<p><em>     geht der Durst nicht weg.</em></p>
<p>Als »Adolf von Klebsattel« verdiente er wahrscheinlich das meiste Geld, denn unter diesem Namen schrieb er die Texte zahlreicher Schlager des blonden Sängers Heino, z. B. »Blau, blau, blau blüht der Enzian.«, vgl. www.zeit.de/1993/16/Der-geistige-Vater-von-Heino.</p>
<p><a href="#_ednref80" name="_edn80">[80]</a> Dass der Richter gerade lieber etwas anderes täte als sein Urteil schreiben, zeigt Anton Pawlowitsch Tschechow  (29. Januar 1860 greg. in Taganrog, Russland – 15. Juli 1904 greg in Badenweiler) in der Humoreske <em>Die Sirene</em>, in der ein Gerichtspräsident nach der Sitzung des Gerichts versucht, sein Votum zu Papier zu bringen: Vergeblich, weil sein Sekretär Shilin »ein kleines Männchen mit Bartansätzen bei den Ohren und süßem Gesichtsausdruck« ununterbrochen und in den schönsten Ausmalungen vom bevorstehenden Essen spricht.</p>
<p><a href="#_ednref81" name="_edn81">[81]</a> In Antonio Machados (1875–1939) Gedicht <em>Un criminal</em> (<em>Soledades</em> CVIII) klingt etwas von der unnachgiebigen, ja unerbittlichen  Härte gerade der ehrenamtlichen Richter an, die aus dem gutem Einvernehmen mit der  Härte des Wetters, des Schicksals und des gesunden Volksempfindens zusätzlich Kraft gewinnt</p>
<p><em> Un Criminal – Ein Verbrecher</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Der Angeklagte fahl und glattrasiert</em></p>
<p><em>     In seinen Augen ist viel dunkle Glut,</em></p>
<p><em>     die seine Knabenmaske lügen straft</em></p>
<p><em>     und die Gebärden frommer Mäßigung.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Vom düstern Priesterseminar hat er die Mine</em></p>
<p><em>     der Bescheidenheit und auch den tief </em></p>
<p><em>     zur Erde oder ins Brevier gesenkten Blick behalten.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Verehrer Mariens,</em></p>
<p><em>     der Mutter der Sünder,</em></p>
<p><em>     in Burgos Examen in Theologie,</em></p>
<p><em>     bereit für die niederen Weihen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Grausam war sein Verbrechen. Er war eines Tages</em></p>
<p><em>     satt aller göttlichen wie die profanen Texte,</em></p>
<p><em>     und es reute ihn alle die Zeit, </em></p>
<p><em>     vertan mit lateinischen Hyperbatons.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Plötzlich verliebt in ein schönes Mädchen</em></p>
<p><em>     und die Liebe steigt ihm zu Kopf</em></p>
<p><em>     wie der goldene Rebensaft</em></p>
<p><em>     und weckt seine wilde Natur.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     In Träumen sieht er die Eltern – Landarbeiter</em></p>
<p><em>     und Pächter – beleuchtet</em></p>
<p><em>     von roten Reflexen am Herd</em></p>
<p><em>     die gebräunten Landmannsgesichter.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Er wollte erben. Oh Nüsse und Kirschen</em></p>
<p><em>     des Bauerngartens, schattig und grün,</em></p>
<p><em>     Ähren vom Golde des Weizens,</em></p>
<p><em>     überquellende Kornkammern.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Und entsann sich der Axt, die hing </em></p>
<p><em>     an der Mauer, glänzend, geschliffen,</em></p>
<p><em>     der starken Axt die das Brennholz hieb</em></p>
<p><em>     von den Ästen der Eiche. </em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;  </em></p>
<p><em>     Ihm gegenüber die Richter in alten</em></p>
<p><em>     vertrauerten Roben;</em></p>
<p><em>     und eine Reihe aus düsteren Brauenfalten</em></p>
<p><em>     plebejisches Antlitz: die Schöffen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Der Verteidiger im Plädoyer,</em></p>
<p><em>     schlägt mit der Faust auf das Pult;</em></p>
<p><em>     ein Schreiber bekritzelt Papier,</em></p>
<p><em>     und der Staatsanwalt hört ohne Rührung</em></p>
<p><em>     die sonore emphatische Rede, </em></p>
<p><em>     durchblättert die Akten</em></p>
<p><em>     oder liebkost mit den Fingerspitzen</em></p>
<p><em>     die sauberen Gläser der Goldrandbrille.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Ein Saaldiener sagt: »Den knüpfen sie auf, das ist sicher.« </em></p>
<p><em>     Der junge Rabe erwartet Milde.</em></p>
<p><em>     Einer aus dem Dorf, Galgenvogel, hilft der strengen </em></p>
<p><em>     Gerechtigkeit, das Böse auszumerzen. </em></p>
<p><a href="#_ednref82" name="_edn82">[82]</a> Oskar Jellinek, Hankas Hochzeit, Novellen und Erzählungen, hrsg. von Wulf Kirsten, Berlin 1980.</p>
<p><a href="#_ednref83" name="_edn83">[83]</a> Eines der vielen modernen Beispiele ist der Richter Daniel Savage in: Tim Parks, Doppelleben, Roman, aus dem Englischen von Michael Schulte, München 2003.</p>
<p><a href="#_ednref84" name="_edn84">[84]</a> Deutsches Symphonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Gerd Albrecht mit Roland Hermann, Claudia Barainsky, Johann Werner Prein u.a., Der zerbrochene Krug, Orfeo C 419 981 A, CD mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref85" name="_edn85">[85]</a> Miguel de Cervantes Saavedra, Don Quixote von La Mancha, Zürich 1992, Zweiter Teil, 42. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref86" name="_edn86">[86]</a> »Mentele scolen se uppe den sculderen hebben« heißt es im Sachsenspiegel, Drittes Buch, Art. 69 § 1; vgl. Sachsenspiegel oder Sächsisches Landrecht mit Übersetzung und reichhaltigem Repertorium von Dr. Carl Robert Sachse, Heidelberg 1848, reprint o.J., Reprint-Verlag, Leipzig.</p>
<p><a href="#_ednref87" name="_edn87">[87]</a> Niemand muss Sorge haben, das irgendwie überlebt wirkende Kleidungsproblem würde eines Tages verschwinden oder auch nur die Kraft verlieren, den ernstesten Streit zu verursachen. Es handelt sich um eine anthropologische Konstante, vgl. den Bericht von Melanie Amann: Nicht ohne den Langbinder – Zwei Rechtsanwälte kämpfen gegen die Krawattenpflicht vor Gericht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 22. Januar 2009, Nr. 18, S. 9: Ein Amtsrichter verbannte im Oktober 2008 den Rechtsanwalt Säftel durch Beschluss aus dem Gerichtssaal: »Rechtsanwalt Säftel trägt keinen Langbinder.« Rechtsanwalt Säftel fand, Anzug und Lederschuhe müssten reichen, eine Krawatte habe er gar nicht und außerdem sei er immer noch stilvoller gekleidet als der Richter in Jesuslatschen und weißen Socken.</p>
<p><a href="#_ednref88" name="_edn88">[88]</a> Jules Verne, Le tour du monde en 80 jours, Librairie Générale Francaise, Paris 2000, 15. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref89" name="_edn89">[89]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff.</p>
<p><a href="#_ednref90" name="_edn90">[90]</a> Dass die Bekleidung den Beruf macht, gilt nicht allgemein: <em>Cucullus non facit monachum! </em>sagt der Narr in der 5. Szene des Ersten Aktes von Shakespeares Was Îhr Wollt und fügt hinzu: <em>Das will soviel sagen wie: Mein Gehirn ist nicht so buntscheckig wie mein Rock! – </em>Vielleicht kommt es beim Narren und beim Mönch wirklich mehr  darauf an, dass sie es richtig in sich haben als, wie bei Richtern, dass sie das Rechte richtig an sich tragen.</p>
<p><a href="#_ednref91" name="_edn91">[91]</a> Eines der vielen literarischen Beispiele für diesen schlichten Befund haben wir in der Ballade <em>Die Hexe</em> von Felix Dahn (1834–1912), der nicht nur Dichter (ua von Balladen) war, sondern auch Professor für Rechtsgeschichte, der sich mit »Studien zur Geschichte der germanischen Gottesurteile« habilitiert hatte:</p>
<p><em>„Wenn du ein Hexlein richten soll&#8217;t, blick&#8216; nicht ihr in die Augen,<br />
</em><em>Sonst wird dein töricht Herz ihr hold, kann nicht zum Richten taugen.<br />
</em><em>Das hat den Burggraf von Tirol geführt in Tod und Schande:<br />
</em><em>Der war ein junger Ritter wohl und Richter in dem Lande.<br />
</em><em>Zu Bozen an dem schwarzen Stein, da saßen Schöffen elfe: –<br />
</em><em>›Die Hexe muß verbronnen sein‹ – sprach er – so Gott mir helfe.«</em></p>
<p>Als der Burggraf und Richter der als Hexe angeklagten Frau dann doch in die »nachtsüßen« Augen sieht, will er von einer Verurteilung nichts mehr wissen. Aber die Schöffen stoßen die Hexe ins Wasser. Der Richter springt ihr nach: Beide ertrinken, zit nach Dahn: Balladen. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 18119; vgl. Dahn-GW Bd. 5, S. 356; http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm.</p>
<p><a href="#_ednref92" name="_edn92">[92]</a> Paulus, Römerbrief, 2,1.</p>
<p><a href="#_ednref93" name="_edn93">[93]</a> Meister Franz Rabelais der Arzenei Doctoren Gargantua und Pantagruel, Aus dem Französischen verdeutscht durch Gottlob Regis, München 1964. Drittes Buch, 39. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref94" name="_edn94">[94]</a> Siehe oben.</p>
<p><a href="#_ednref95" name="_edn95">[95]</a> Chor der Staatsoper Dresden/Staatskapelle Dresden unter d. Ltg. v. Otmar Suitner mit Hermann Prey, Anneliese Rothenberger, Peter Schreier u.a., Die Hochzeit des Figaro, Deutsch von Hermann Levi, Berlin Classics 0020962, 3 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref96" name="_edn96">[96]</a> Die ganze Geschichte ist dokumentiert in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 1504 ff.</p>
<p><a href="#_ednref97" name="_edn97">[97]</a> Vgl. Beaumarchais, Mémoires contre Goezman, in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 673 ff.; die Mémoires erschienen in ganz Europa, Goethe entnahm ihnen den Stoff und weite Teile des Textes für sein Jugenddrama Clavigo; vgl. zu allem auch: Schmitz-Scholemann, Figaros Rache, Deutschlandfunk 2003.</p>
<p><a href="#_ednref98" name="_edn98">[98]</a> Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, La folle journée ou Le Mariage de Figaro, Texte integrale, Paris 1998.</p>
<p><a href="#_ednref99" name="_edn99">[99]</a> Meine Übersetzung erlaubt sich einige Freiheiten, für eine worttreue Übersetzung siehe: Beaumarchais, Figaros Hochzeit, Deutsch von Gerda Scheffel, Frankfurt a. M. 1976.</p>
<p><a href="#_ednref100" name="_edn100">[100]</a> Auf Video-DVD: »Is’ was, Doc?«, Regie und Story Peter Bogdanovich, Screenplay Buck Henry, David Newman u. Robert Benton, mit Barbra Streisand und Ryan O’Neill, Warner Brothers 104195.</p>
<p><a href="#_ednref101" name="_edn101">[101]</a> Albert Camus, Der Fall, Roman, aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref102" name="_edn102">[102]</a> Übrigens dürfte es kaum ein literarisches Genre geben, in dem so wenig über Gerechtigkeit geschrieben wird, wie die juristische Fachliteratur.</p>
<p><a href="#_ednref103" name="_edn103">[103]</a> Franz Kafka, Der Prozeß, Roman, Frankfurt am Main, Hamburg 1960.</p>
<p><a href="#_ednref104" name="_edn104">[104]</a> Eine interessante Deutung des Romans als einer Art Prophetie der immer mehr in strukturelle Aporien führenden Überkomplexität  des materiellen Rechts und des Verfahrensrechts am Beginn des 21. Jahrhunderts hat  jetzt Klaus Lüderssen  mit seinem Essay »Die düstere Poesie des Paradoxen im Recht« vorgelegt (FAZ, 11. Februar 2006, S. 45).</p>
<p><a href="#_ednref105" name="_edn105">[105]</a> <em>Der Prozeß</em> wurde 1963 von Orson Welles verfilmt mit Anthony Perkins, Jeanne Moreau und Romy Schneider und ist als DVD (»Le procès«) bei studiocanal EDV 29 – 302 175-3 (leider nur in Frankreich) erschienen.</p>
<p><a href="#_ednref106" name="_edn106">[106]</a> Herbert Rosendorfer, Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht, dtv, München 1998.</p>
<p><a href="#_ednref107" name="_edn107">[107]</a> Nur einer sei genannt: <em>Das Urteil</em> nach dem Roman von John Grisham unter der Regie von Gary Fleder mit Gene Hackman, John Cusack und Dustin Hofman, DVD: 20th Century Fox/Regency F2-SDE 2426708.</p>
<p><a href="#_ednref108" name="_edn108">[108]</a> Seit 2007 gibt es auch ein Court-room-Computerspiel. Es heißt »Pheonix Wright, Ace Attorney: Justice for all« und läuft auf Nintendo DS (von Capcom).</p>
<p><a href="#_ednref109" name="_edn109">[109]</a> William Gaddis, Letzte Instanz, Roman, Deutsch von Nikolaus Stingl, 2. Auflage, Reinbek 2003.</p>
<p><a href="#_ednref110" name="_edn110">[110]</a> Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film <em>Das Urteil von Nürnberg</em> unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5.</p>
<p><a href="#_ednref111" name="_edn111">[111]</a> Angesichts der besonderen Bedeutung der Richterpersönlichkeit im Case-Law-System ist es nicht erstaunlich, dass die anglo-amerikanische Kultur in besonderem Maße vorbildgebende Richterpersönlichkeiten hervorbringt, im echten Leben wie in der lebendigen Fiktion, vgl.nur Blumenwitz, Einführung in das anglo-amerikanische Recht, 7. Auflage, München 2003, S. 11–62.</p>
<p><a href="#_ednref112" name="_edn112">[112]</a> Vgl. Fikentscher, Methoden des Rechts in vergleichender Darstellung, Bd II, Anglo-Amerikanischer Rechtskreis,, 1975, S. 151 ff.; ders. Rechtswissenschaft und Demokratie bei Justice Oliver Wendell Holmes, 1970; Radbruch SJZ 1946, 25; Frankfurter, Mr. Justice Holmes and The Supreme Court 1961.</p>
<p><a href="#_ednref113" name="_edn113">[113]</a> 1839–1914, Begründer des sog. »amerikanischen Pragmatismus«, vgl. Charles Sanders Peirce, Vorlesungen über Pragmatismus, mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Elisabeth Walther, Hamburg 1991.</p>
<p><a href="#_ednref114" name="_edn114">[114]</a> Dass hinter dieser Haltung Seelenarbeit steckt, zeigt das Privatleben eines pensionierten englischen Richters, geschildert von Charles Morgan, Der Richter, Roman, übertragen von Herberth E. Herlitschka, Frankfurt am Main und Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref115" name="_edn115">[115]</a> The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard).</p>
<p><a href="#_ednref116" name="_edn116">[116]</a> Einen Richter, der durch Liebe, oder wenigstens doch durch ein Eheangebot Gerechtigkeit herzustellen versucht, finden wir auch bei Johann Wolfgang von Goethe in dem Drama <em>Die natürliche Tochter</em>.  Der »Gerichtsrat« – einen Namen erfahren wir nicht – erklärt sich bereit, Eugenie, die uneheliche (»natürliche«) Tochter eines Herzogs vor den mörderischen Nachstellungen ihres Halbbruders und Erbkonkurrenten durch bürgerliche Ehe zu retten. Eugenie ist einverstanden, unter der Bedingung, dass die Ehe nicht vollzogen wird, Goethe, Sämtliche Werke in 18 Bänden (Artemis-Gedenkausgabe), Zürich 1977, Bd. 6, S. 315 ff., vgl. auch Karl Otto Conrady, Goethe, Leben und Werk, Ausgabe 2006, Patmos-Verlag, Düsseldorf 2006, S. 744 ff.</p>
<p><a href="#_ednref117" name="_edn117">[117]</a> Für wichtige Hinweise danke ich: Kai Agthe, Naumburg/Halle, Knut Bröhl, Erfurt/Köln, Ulrike Brune, Weimar/Erfurt; Hans Hachmann, Karlsruhe, Wulf Kirsten, Weimar, Martin Roeber, Herxheim, Hans-Joachim Strauch, Jena/Weimar, Hermann Weber, Berlin/Bad Vilbel, Hildegard Wenner, Köln, Mario Wiegand, Weimar.</p>
<p><a href="#_ednref118" name="_edn118">[118]</a> Meine Übersetzung beansprucht keine Treue gegenüber dem Original und auch sonst keinen Preis, sondern versucht lediglich den Sinngehalt auf deutsche Verhältnisse zu übertragen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe-3-2/">Im Namen der Robe</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/erinnerungen-an-hans-arnfrid-astel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Aug 2018 15:10:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Dionysios von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Lysias von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Nikomachos]]></category>
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		<category><![CDATA[Quintilian(Marcus Fabius)]]></category>
		<category><![CDATA[Sokrates]]></category>
		<category><![CDATA[Solon von Athen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel * 9. Juli 1933 in München † 12. März 2018 in Trier Christoph Schmitz-Scholemann &#160; 1. Treffen im Omnibus von Großkochberg nach Rudolstadt DAS Minzwölkchen weht über die Mauer auf dem Weg zum Omnibus. &#160; Kennengelernt habe ich Arnfrid Astel im Omnibus auf der Fahrt von Großkochberg nach Rudolstadt während [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
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<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/erinnerungen-an-hans-arnfrid-astel.pdf"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1></h1>
<h1 style="text-align: left;">Erinnerungen an<br />
Hans Arnfrid Astel<br />
<span lang="DE" style="font-size: 18pt;">* 9. Juli 1933 in München † 12. März 2018 in Trier</span></h1>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann<br />
</span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h4>1. Treffen im Omnibus von Großkochberg nach Rudolstadt</h4>
<p><em>DAS Minzwölkchen<br />
</em><em>weht über die Mauer<br />
</em><em>auf dem Weg zum Omnibus.</em><span class="tooltips " style="" title="Alle in diesem Beitrag zitierten Gedichte – mit einer näher geennzeichneten Ausnahme – sind der Webseite »Hans Arnfrid Astel – Sinn- und Stilübungen – Sand am Meer« entnommen, die im Internet unter www.zikaden.de aufrufbar ist."> [1]</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kennengelernt habe ich Arnfrid Astel im Omnibus auf der Fahrt von Großkochberg nach Rudolstadt während der PEN-Tagung Anfang Mai 2012. Die schlanke Erscheinung, die gepflegte Nonchalance seiner Kleidung, die fröhlich in die Stirn fallenden blonden Haare, der Ausdruck brüderlicher Gesprächsbereitschaft in Mimik und Gestik, die zögernde Sprechweise bei stets sprungbereiter Intelligenz – das alles war mir schon bei vorausgehenden Tagungen aufgefallen, ohne dass sich ein Kontakt ergeben hätte. Arnfrid Astel war für mich vor allem ein großer Name, regelrecht ein Begriff, und zwar aus meiner Jugend in der Achtundsechzigerzeit und noch lange danach. Manche seiner Liebesgedichte kannte man auswendig, besonders eines:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>KURZES LIEBESGEDICHT</p>
<p><em>Weißt du noch,<br />
</em><em>wie wir auf dem Teppich geblieben sind?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hoch im Kurs standen natürlich auch die politisch scharfen, glasklaren Kurzgedichte, unverbrämte, antiromantische, sachliche, parteiische und doch immer mit einem überraschenden gedanklichen Dreh ausgestattete Lyrik.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>TELEFONÜBERWACHUNG</p>
<p><em>Der »Verfassungsschutz«<br />
</em><em>überwacht meine Gespräche.<br />
</em><em>Mit eigenen Ohren hört er:<br />
</em><em>Ich mißtraue einem Staat,<br />
</em><em>der mich bespitzelt.<br />
</em><em>Das kommt ihm verdächtig vor. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jedenfalls war die Luft frisch und würzig, während wir vom Schloss zum Bus gingen und schließlich nebeneinander zu sitzen kamen. Von der schönen Berg- und Tallandschaft um uns her war aufgrund fortgeschrittener Abend-Dunkelheit nicht viel zu sehen, und Arnfrid Astel begann mich auszufragen, bevor ich Zeit hatte, meiner Verlegenheit Raum zu geben. Wir plauderten munter bis Rudolstadt und danach noch weiter in einer Bierkneipe. Hier ist einiges von dem, was ich bei dieser und dann vielen weiteren Gelegenheiten über ihn erfuhr:</p>
<h4>2. Recht der Arbeit</h4>
<p>Bei Begegnungen mit Schriftstellern passiert es mir nicht oft, dass sie für meinen Beruf als Arbeitsrichter mehr als höfliches Interesse zeigen. Das war bei Arnfrid anders und es hatte folgende Bewandtnis damit: Nach seinem Studium der Biologie und der Literatur in Heidelberg und ein paar kleineren Umwegen wurde er 1967/68 Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk. Diese »Anstalt« war in jenen Tagen so fest in den Händen der – damals noch stramm konservativen – CDU, dass man sich noch nachträglich wundern muss, wie einer wie Arnfrid Astel überhaupt eingestellt werden konnte. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis der Intendant des Saarländischen Rundfunks, ein getreuer Vasall Konrad Adenauers namens Dr. Franz Mai (1939, übrigens mit einem arbeitsrechtlichen Thema, promoviert), offenbar von dem Gefühl befallen wurde,  sein Sender habe sich eine »linke Bazille« eingefangen. Gleich zweimal, im Juni und im Dezember 1971, kündigte er dem Redakteur Astel fristlos: Er habe der Presse ein internes Schreiben des Intendanten zugespielt, ohne Nebentätigkeitsgenehmigung in einem Gefängnis Gedichte vorgelesen, sich auf einer CDU-Wahlversammlung unpassend verhalten und obendrein noch ein verfassungswidriges Gedicht mit dem Titel Auto-Mobil-Machung veröffentlicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>AUTO-MOBIL-MACHUNG</p>
<p><em>Nur Lastwagen sollen vorerst eingezogen werden<br />
</em><em>bei der Mobilmachungsübung 1972,<br />
</em><em>dreihundert bis fünfhundert private Kraftfahrzeuge.<br />
</em><em>Nimmt sich da die gelegentliche Enteignung<br />
</em><em>eines BMW-Personenkraftwagens<br />
</em><em>durch die Baader-Meinhof-Gruppe<br />
</em><em>nicht vergleichsweise harmlos aus?<br />
</em><em>Wer ist nun also »Staatsfeind Nr. 1«,<br />
</em><em>Verteidigungsminister Schmidt<br />
</em><em>oder Ulrike Meinhof (bzw. Andreas Baader)?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Prozess, den Arnfrid Astel gegen die Kündigungen anstrengte, ging durch alle drei Instanzen und fand ein großes Echo in der deutschen Presse. Astel wurde berühmt. Und er obsiegte: Am 7. Dezember 1972 erklärte das damals noch in Kassel sitzende Bundesarbeitsgericht (Aktenzeichen: 2 AZR 235/72) die Kündigungen für unwirksam. Das Urteil kann man getrost als Meilenstein auf dem Weg zu einer grundrechtsbasierten Praxis der Arbeitsbeziehungen bezeichnen. Endlich war es »amtlich«, dass Arbeitnehmer nicht mehr, wie man das lange nannte, ihr Grundrecht auf Meinungsfreiheit an den Werkstoren abzugeben hatten. Astel, der zugleich mit der Übergabe der ersten Kündigung vom Schreibtisch weg durch zwei Anstalts-Mitarbeiter persönlich zum Parkplatz eskortiert worden war, kehrte alsbald nach Urteilsverkündung in das schön auf einem Berg oberhalb von Saarbrücken gelegene Funkhaus zurück, ein modern umbautes und umgebautes klassizistisches Schloss. Dort setzte er sich, wie er mir erzählte, unangemeldet in eine gerade laufende Redaktionskonferenz. Astels Vertrauen in den Rechtsstaat erfuhr durch den Prozessausgang eine so maßgebliche Stärkung, dass er bald selbst auf der Richterbank Platz nahm: Als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Saarbrücken.</p>
<h4>3. Naturtrüb</h4>
<p>Als Redakteur blieb er  beim Saarländischen Rundfunk in Amt und Würden bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1998. Im Funkhaus genoss er, vielleicht, weil sich kein Vorgesetzter mehr an ihm die Finger verbrennen wollte, alle denkbaren Freiheiten. Davon profitierte eine ganze Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, denen er in seinem Programm – wie soll man sagen? – Unterschlupf, Zuflucht, Bühne bot. Bis heute berühmt ist die von ihm entwickelte besondere Art der Präsentation in der Sendereihe <em>Literatur im Gespräch</em>. Astel, stets ohne schriftliches Konzept antretend, ließ darin literarische Größen von Heinrich Böll,  Hans Magnus Enzensberger, Wulf Kirsten bis Wilhelm Genazino zu Wort kommen. Mit Spannung verfolgt der Hörer, wie sie mit Astel reden, zögern, ja manchmal sogar, für das Radio eigentlich eine Katastrophe, sich hörbar schweigend mit ihm unterhalten. Die Sendungen wurden, wie man hörte, ungeschnitten ausgestrahlt, »naturtrüb« wie frisch gepresster Apfelsaft.</p>
<h4>4. Thüringen I</h4>
<p>Astels arbeitsrechtliche Erfahrungen waren für mich natürlich von professionellem Interesse – es gibt nicht viele Arbeitnehmer, die nach einem gewonnenen Kündigungsschutzprozess tatsächlich an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren, die meisten lassen sich abfinden. Jedenfalls brachte mich das Omnibus-Gespräch auf die Idee, Astel zu uns nach Hause einzuladen und zu bitten, nicht nur aus seinen Gedichten zu lesen, sondern auch seine Prozess-Geschichte vor einem Kreis literarischer und juristischer Freunde zu erzählen. Das geschah dann auch bald. Die Einladungskarte versahen wir mit einem der ganz kurzen Astel-Gedichte, über die man so schrecklich schön lange nachdenken kann:</p>
<p><em>Die Amsel fliegt auf.<br />
</em><em>Der Zweig winkt ihr nach.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es wurde ein intensiver Abend Anfang Dezember 2012 in unserer Weimarer Wohnung, der auch vielen meiner Freunde bis heute im Gedächtnis ist. Zumal sich zwei Gäste einfanden, die mit Arnfrid Astel schon seit einem halben Jahrhundert in Kontakt waren: Die Lyriker Wulf Kirsten aus Weimar und Siegfried Schröpfer aus Erfurt. Astel hatte noch während seines Studiums in Heidelberg eine literarische Zeitschrift gegründet, die in der Geschichte der deutschen Nachkriegsdichtung überaus einflussreichen <em>Lyrischen Hefte</em>. In ihnen veröffentlichte er hochrangige moderne Lyrik. Viele deutschsprachige Dichterinnen und Dichter, die später berühmt wurden, fanden sich hier zum ersten Mal gewürdigt und vor allem gedruckt. Einer von ihnen war Wendel Moreno, der seine Texte aus dem anderen, von der Bundesrepublik mit feindseligen Mauern und Stacheldrähten getrennten Teil Deutschlands an Arnfrid Astel geschickt hatte. Der Name »Wendel Moreno« war ein Pseudonym. Dahinter verbarg sich kein Geringerer als der Anfang der 60er Jahre noch weithin unbekannte sächsische Lyriker Wulf Kirsten, der heute in Weimar lebt. An dem Abend bei uns zu Hause gab er auch preis, dass Astel an einem seiner Gedichte ein kleines bißchen mitgeschrieben habe. Der andere Dichter war Siegfried Schröpfer aus Erfurt, den Arnfrid, warum auch immer, mit augenzwinkernder Beharrlichkeit »Landfried« nannte. Auch seine Gedichte machte Astel in den Lyrischen Heften dem westlichen Publikum zugänglich.</p>
<p>Am nächsten Abend gingen meine Frau und ich mit Astel durch Weimar spazieren. Es war eine helle, sehr milde Vollmondnacht. Wir streiften durch den Park an der Ilm, plauderten im Mondschatten unterhalb des Römischen Hauses, oberhalb der Ilmwiesen, die hier den schönen Namen »Kalte Küche« tragen, ganz nah an der kleinen künstlichen Quelle, an der auf einer Tafel das berühmte Goethe-Gedicht angebracht ist:</p>
<p><em>Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen,<br />
Gebet jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!<br />
Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,<br />
Und dem Liebenden gönnt, dass ihm begegne sein Glück.<br />
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:<br />
Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülfreich zu sein.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Astel erzählte viel an dem Abend, vor allem von seiner Kindheit in Weimar und von dem Tag, an dem diese Kindheit ihr jähes Ende fand, im Frühjahr 1945, als sein Vater sich das Leben nahm.</p>
<h4>5. Tagungen</h4>
<p>In der Zeit von 2012 bis 2017 habe ich Arnfrid Astel bei allen PEN-Tagungen gesehen, wir haben uns des öfteren in Saarbrücken und Trier und in der Eifel getroffen. Ich erinnere mich an ein gemeinsames Frühstück in Marburg, bei dem er mich auf die in der Tat überraschend bunten Lichtreflexe aufmerksam machte, die sich durch den schrägen Einfall der Frühsonne auf dem staubigen Fensterglas des zur Straße gelegenen Frühstücksraumes zeigten. Ich erinnere mich an diverse Steine, die er bei Gruppen-Spaziergängen (stets am Ende der Karawane) von der Erde aufhob und deren Besonderheiten er mir erklärte. In Marburg entwichen wir auf Arnfrids Veranlassung einer organisierten Stadtführung wegen des aufdringlich-witzigen Tonfalls der Führerin und besuchten auf eigene Faust das Schloss, wo er mir eine bestimmte Art der Herstellung von bunten Vasen erklärte. Fast immer hatte Arnfrid eine Stofftasche bei sich. In der trug er, was er auf dem Weg fand und ihn interessierte, nach Hause, einen Stein, ein Stück Holz – später dachte ich an den Hirtenjungen aus Giovanni Vergas Erzählung Jeli, il pastore: »&#8230; er wusste wie der Wind bläst, wenn er Gewitter brigt, und welche Farbe die Wolke hat, wenn es bald schneien wird. Jedes Ding hatte sein eigenes Aussehen und seine Bedeutung, und zu jeder Stunde des Tages gab es immer etwas zu sehen und zu hören &#8230; alles, was er auf dem Erdboden liegen sah, hob er auf.«</p>
<p>Ich erinnere mich auch an ein sehr langes Gespräch in Magdeburg. Wir gingen am Ufer der in der Sonne blinkenden Elbe spazieren, sprachen über familiäre Angelegenheiten beiderseits, auch über Schatten, die sich über Lebenswege legen – Astels ältester Sohn Hans hatte sich 1985 das Leben genommen; seitdem trug der Vater auch den Namen seines Sohnes und nannte sich Hans Arnfrid Astel. Und doch kamen dann Sätze, die sich mir einprägten. Er erzählte mir lange, in so zarten und dezenten und liebevollen Worten, dass mir warm ums Herz wurde, von seiner Lebensgefährtin, die ich unbedingt kennenlernen solle und sagte schließlich: »So wie ich mit ihr heute lebe, bin ich ein glücklicher Mensch, ich lebe sehr, sehr glücklich.« Am 1. November letzten Jahres bekam ich eine Mail mit Bild, auf dem Arnfrid zwischen Weinbergen in der Sonne stand und nach überstandenem Zahnarzttermin lächelte. »Inzwischen unternehmen wir schon wieder wunderbar herbstliche Spaziergänge in den Weinbergen an Saar und Mosel.«</p>
<h4>6. Thüringen II</h4>
<p>Von 2013 bis 2017 verband uns eine Zusammenarbeit, die sich auch aus der Tatsache ergab, dass Arnfrid Astel zwar in München geboren, aber mit seiner Familie schon im Jahr seiner Geburt nach Weimar gekommen war und hier bis 1945 gelebt hatte. Wulf Kirsten entdeckte 2014, als Arnfrids Elternhaus in Weimar renoviert wurde, ein Fensterblech, in das die Astelkinder in den 30er/40er Jahren – nicht unbedingt zitierfähige – Worte eingeritzt hatten, die man noch entziffern konnte. Auch in Astels Gedichten finden sich zahlreiche Spuren seiner Weimarer Kindheit, nicht nur solche, die sich auf die stark nationalsozialistische Prägung des Vaters beziehen. Man gebe auf seiner Webseite »Sand am Meer« nur das Stichwort »Weimar« ein, und man findet elf Treffer, weitere zu Erfurt, Arnstadt, Jena – und das sind nur die der algorithmisch begrenzten Intelligenz der Suchmaschine zugänglichen expliziten Erwähnungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>OSTKONTAKTE</p>
<p><em>Als mein Freund kürzlich<br />
</em><em>wieder nach Weimar fuhr,<br />
</em><em>bat ich ihn,<br />
</em><em>mir den Baum zu fotografieren,<br />
</em><em>auf dem wir als Kinder<br />
</em><em>Burgen gebaut hatten.<br />
</em><em>Er brachte mir<br />
</em><em>eine Fotografie mit,<br />
</em><em>darauf waren Kinder zu sehen,<br />
</em><em>die auf unserem Baum<br />
</em><em>eine Burg bauten.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dies Gedicht schrieb Astel in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es wurde am 13. Juni 2015 mit einem Kommentar aus meiner Feder in der größten Thüringer Tageszeitung, der Thüringer Allgemeinen gedruckt. Gedicht und Kommentar waren Teil eines Projekts des Thüringer Literaturrates, dessen Vorsitzender ich seit 2012 bin. Drei Jahre lang erschien Woche für Woche ein für Thüringen in irgendeiner Hinsicht wichtiges Gedicht. Arnfrid Astel war nicht nur mit den <em>Ostkontakten </em>beteiligt, sondern auch mit drei Kommentaren, die er uns schenkte und die man ebenfalls auf seiner Webseite nachlesen kann, zu Gedichten von Michael Buselmeier, von mir und von</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Siegfried (»Landfried«) Schröpfer:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Frage an einen Gedankeneigentümer</p>
<p><em>Du ängstlich<br />
</em><em>auf dem Eigentum<br />
</em><em>an deinen Gedanken<br />
</em><em>Bestehender, warum<br />
</em><em>behältst du<br />
</em><em>deine Gedanken<br />
</em><em>nicht für dich?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mein derzeit liebstes Astel-Gedicht mit Thüringer Grundierung ist eines, in dem kein Ortsname vorkommt, oder wenn, dann nur versteckt, nämlich in dem Wort »Balsamine«. Die »Balsamine« ist, einerseits, eine Pflanze mit Migrationshintergrund, irgendwie hat sie es unter Verletzung aller Grenzregime geschafft, sich selbst aus Indien nach Deutschland einzuschleppen. Sie ist besonders berüchtigt für ihren ungehemmten Fortpflanzungstrieb und bedient sich dabei gewisser unfairer Tricks zum Schaden der bieder-ortsfesten Pflanzen-Population, wie man bei Wikipedia nachlesen kann (»durch einen Schleudermechanismus, der schon durch Regentropfen ausgelöst werden kann, schleudern die Früchte ihre Samen bis zu sieben Meter weit weg (Saftdruckstreuer)«). Arnfrid Astel benutzt für diese lebenspendende Zauberkraft den biologischen Fachausdruck Turgor: »ein Druck von innen«.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>INDISCHES SPRINGKRAUT</p>
<p><em>Wer bügelt die Blusen<br />
</em><em>der Balsamine?<br />
</em><em>Es ist der Turgor,<br />
</em><em>ein Druck von innen,<br />
</em><em>und doch kein Busen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Andererseits, das muss noch nachgetragen werden, ist »Balsamine« auch der Name eines seit Generationen berühmten Waldgasthauses in der Nähe von Weimar, wo menschliche Hummeln bis heute jede Menge süße Speisen und angenehm betäubende Getränke zu sich nehmen können.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>WEIMAR. Einkehr im<br />
</em><em>Wirtshaus zur Balsamine.<br />
</em><em>Wie eine Hummel.</em><em> </em></p>
<p><em> </em></p>
<h4>7. Thüringen – Saarland</h4>
<p>Ende 2016 reisten zwei Thüringer Schriftsteller, Wulf Kirsten und Christian Rosenau, zu einer Lesung nach Saarbrücken ins Künstlerhaus. Organisiert hatten die Reise Jens Kirsten vom Thüringer Literaturrat und Klaus Behringer vom Saarländischen Schriftstellerverband. Arnfrid Astel, mit zwei Hickory-Nüssen in den Händen spielend, moderierte den Abend, der vom Saarländischen Rundfunk (Dank an Ralph Schock!) aufgenommen und etwas später gesendet wurde. Nach der Lesung saßen wir lange in einem italienischen Restaurant beisammen, es wurde früher Morgen und es wurden verdächtig bunte Schnäpse serviert, ehe wir die wahrhaft gastliche Stätte verließen und der 83jährige Arnfrid Astel sich von dem 82jährigen Wulf Kirsten freundschaftlichst verabschiedete. Drei Gedichte gibt es von Astel über Kirsten, eines davon ist dies:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>TANKA FÜR WULF KIRSTEN</p>
<p>zum achtzigsten Geburtstag<br />
<em>Irdene Schüsseln<br />
</em><em>aus der Erde bei Meißen<br />
</em><em>(nicht gleich Porzellan)<br />
</em><em>auszulöffeln lebenslang<br />
</em><em>die eingebrockte Suppe.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>8. Gerard Manley Hopkins</h4>
<p>Die Gespräche mit Arnfrid wurden in den letzten beiden Jahren häufiger und länger. Wenn wir über Literatur und vor allem Lyrik sprachen, war ich als fröhlicher Dilettant natürlich der – mit immer neuem Gewinn – Zuhörende. Oft empfahl Arnfrid den englischen Lyriker und Jesuiten Gerard Manley Hopkins zur Lektüre. Über kleinere Internet-Recherchen kam ich aber nicht hinaus. Als Wulf Kirsten mich am 13. März anrief und mir sagte, dass Arnfrid am Vortag in Trier plötzlich gestorben war, ergriff mich eine tiefe, ungläubige und sehr, sehr traurige Bestürzung. Es dauerte einige Wochen, bis ich mich wieder auf seine Webseite traute. Dort fand ich seinen 1963 geschriebenen großen Essay über Gerard Manley Hopkins (geb. 28. Juli 1844 in Stratford bei London; gest. 8. Juni 1889 in Dublin), über »Inkraft« und »Inbild« und die Wiederbelebung des altenglischen »Sprungrhythmus« mit dem Ziel, Gedichten eine neue Lebendigkeit zu geben. Nach der Lektüre beginne ich zu ahnen, welchen Sinn Arnfrid Astels unbeirrbar liebevoller Blick auf das Individuelle der Menschen und Dinge hatte. Für Hopkins, schreibt Astel, sei es darum gegangen, »im Individuellen und Einzelnen die höhere Form des Daseins gegenüber dem Allgemeinen« zu würdigen und zu feiern. »Alle Dinge«, so zitiert Astel ihn, »alle Dinge sind &#8230; geladen mit Liebe, sind geladen mit Gott, und wenn wir es nur verstehen, sie richtig anzurühren, sprühen sie Funken und fangen Feuer, geben Tropfen ab und fließen über, tönen und erzählen von ihm.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>9. Saarbrücken, 13. April 2018</h4>
<p>Im Januar 2018 erzählte Arnfrid, der Kultusminister des Saarlandes habe ihn angerufen und gefragt, ob er bereit sei, die Ehrenprofessur des Saarlandes anzunehmen. Arnfrid war sichtlich erfreut und sagte mit der ihm eigenen Ironie, er werde sogar persönlich an der Verleihung teilnehmen, allerdings nur »im Erlebensfall«. Dieser Fall trat nicht ein. Am 24. März 2018 erschien die Anzeige mit der Todesnachricht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit den Namen seiner Lieben. Darüber sein kleines Gedicht:</p>
<p><em>Die Amsel fliegt auf.<br />
</em><em>Der Zweig winkt ihr nach.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Ehrenprofessur des Saarlandes wurde Arnfrid Astel dennoch verliehen, posthum am 13. April 2018 im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Funkhaus Halberg des Saarländischen Rundfunks durch den Kultusminister des Saarlands, Ulrich Commercon. Die Totenrede hielt Sibylle Knauss: »Ecce poeta – Siehe, ein Dichter!« Auf den Stühlen lagen Karten mit einem Gedicht von Arnfrid Astel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>EWIG &amp; DREI TAGE</p>
<p><em>Ich war am Leben, ach, ich bin es noch.<br />
</em><em>Wenn du mich liest, dann lebe ich in dir.<br />
</em><em>Sei du der Himmel, der ich anderen war,<br />
</em><em>daß auch im Himmel du nicht untergehst,<br />
</em><em>solang die Menschheit noch am Ewigen Leben. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>   Alle in diesem Beitrag zitierten Gedichte – mit einer näher geennzeichneten Ausnahme – sind der Webseite »Hans Arnfrid Astel – Sinn- und Stilübungen – Sand am Meer« entnommen, die im Internet unter www.zikaden.de aufrufbar ist.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Über Charlotte von Kalb</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/ueber-charlotte-von-kalb/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 May 2018 16:48:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches]]></category>
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<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literarisches/Charlotte-von-Kalb.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Über Charlotte von Kalb</h1>
<p>&nbsp;</p>
<p>Christoph Schmitz-Scholemann</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">I.</span></h4>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">Enfant terrible</span></p>
<p>Ein bißchen schrill war sie schon, das ist sicher. Ob eher im guten oder im schlechten Sinn, darüber lohnt sich auch heute noch das Nachdenken: An Charlotte von Kalb schieden sich schon im klassischen Weimar die Geister. Die einen sahen in ihr eine kokette, überspannte und mannstolle Hysterikerin. Die anderen waren angetan von ihrem wachen Verstand, ihrer Feinfühligkeit und ihrem unkonventionellen Lebensstil: Goethe, der nicht gerade bekannt dafür war, überkandidelte Charaktere zu schätzen, suchte ihre Nähe nicht, nannte sie aber »eine geistreiche und geliebte Freundin« und schenkte ihr Kaviar. Die Kontroversen über Charlotte gingen auch nach ihrem Tod weiter. In Charlottes posthum erschiene­nen Lebenserinnerungen erkannte der Vorleser und Schriftsteller Emil Palleske »die wunderbarsten <em>(Memoiren)</em>, die vielleicht geschrieben sind«. Von tiefer Verachtung zeugt dagegen das Urteil des Malers und Schriftstellers Ernst Förster über Charlottes literarische Versuche: sie seien ein »200 Seiten währender Vernichtungskampf gegen Grammatik, Orthographie, Natur und gesunden Menschenverstand«. Sicher ist, dass Charlotte als Fränkin nicht sicher zwischen b und p oder d und t und dem Genitiv und dem Dativ unterschied und dass sie, vermutlich durch ein Augenleiden bedingt, oft mühsam las und krakelig schrieb. Sicher ist auch, dass der Lebensweg dieser Frau, was ihre äußeren, wirtschaftlichen Verhältnisse betrifft, aus der Behaglichkeit einer reichen Adelsfamilie im behäbig schlurfenden Tempo eines verworrenen Gerichtsprozesses Schritt für Schritt in drückende Altersarmut führte – ohne dass Charlotte von Kalb je den Glauben an sich selbst und an die Macht der Liebe verlo­ren hätte. Ihre letzten Jahre hatten sogar etwas Heiteres.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">II.</span></p>
<p>Lebensweg – Teil I</p>
<p>Charlotte von Kalb entstammte altem niederfränkischem Landadel. Am 25. Juli 1761 wurde sie als drittes von sechs Kindern des Freiherrn Jo­hann Friedrich Philipp Marschalk von Ostheim und seiner Frau Wilhel­mine (geborene von Stein-Nordheim) in Waltershausen geboren: der Ort liegt im unterfränkischen (bayrischen) Teil des Grabfelds, hart an der Grenze zu Thüringen. Das Gefühl, um Liebe kämpfen zu müssen, lernte Charlotte allem Anschein nach früh kennen. Ihre Mutter hatte gehofft, einen Knaben zur Welt zu bringen. Aber, so schrieb Charlotte in ihren Erinnerungen: »Das Kind war ein Mädchen. Heftig rief sie (die Mutter) aus: ›Du solltest nicht dasein!‹« Vom abgeklärten Standpunkt eines Betrach­ters, der die Gender-Debatten des 21. Jahrhunderts im Hinter­kopf hat, ist man vielleicht geneigt, die im 18. Jahrhundert noch übliche Abwertung weiblicher Nachkommenschaft durch die Eltern als zeitbe­dingte Erscheinung abzutun, die zu üblich war, um jemanden zu verlet­zen. In Wahrheit ist es wohl eher so, dass die Verletzungen, die Mädchen und Frauen durch systematische Abwertung zugefügt wurden, zu üblich waren, als dass man sie ernst genommen hätte. Zu allen Zeiten muss es für eine Kinderseele die schneidendste Kränkung gewesen sein, von der eigenen Mutter explizite und existenzielle Ablehnung zu erfahren.</p>
<p>Als Charlotte sieben Jahre alt ist, sterben ihre Eltern im Abstand von wenigen Monaten. Charlotte und ihre drei Geschwister (zwei Schwestern, ein Bruder) wachsen bei Pflegeeltern auf, nicht unbehütet und in einigem Wohlstand – aber auf die Selbstverständlichkeit familiärer Nestwärme müssen sie verzichten. Charlotte, schöne große Augen, volles Haar, scheint ein verträumtes, aber auch sehr ernstes Mädchen gewesen zu sein. »Mit Docken (Puppen) habe ich nie gespielt,« bekannte sie später. Ein Biograph sagt: »Bald erschien sie unjugendlich, seltsam, verschlossen und störrig«. Sie las viel, dachte nach und schrieb zum Tode ihrer Pflegemut­ter ein Gedicht, das bei aller Konventionalität Gefühl verrät und einer gewissen formalen Gewandtheit nicht ermangelt:</p>
<p><em>Nimm hin, den Dank, Du heil’ge Fromme,</em><br />
<em>Gute, sanfte Dulderin,</em><br />
<em>Meine Thränen, bis ich komme</em><br />
<em>Und wie Du vollendet bin.</em><br />
<em>In der Stunde, wo die morsche Hülle</em><br />
<em>Deiner Seele sich von ihr getrennt,</em><br />
<em>That ich heilige Gelübde in der Stille,</em><br />
<em>Die ein Engel Dir vor Gottes Throne nennt.</em><br />
<em>Freud’ und Wonn’ umstrahlt, wie Glanz von Kronen</em><br />
<em>Selige, vor diesem Throne Dich,</em><br />
<em>Wiedersehn der Deinen wird’s einst lohnen;</em><br />
<em>Unter Deinen Kindern, Mutter, find’st Du mich.</em></p>
<p>Anno 1783, sie war inzwischen 22 Jahre alt, ergab sich Charlotte Mar­schalk von Ostheim ziemlich widerstandslos der für sie arrangierten Ehe­schließung mit ihrem Schwager, dem Major Heinrich Julius Alexander von Kalb, Bruder des für seine prekären Geldgeschäfte bekannten Weima­rer Kammerpräsidenten Johann August Alexander von Kalb; beide waren die Söhne des weiland Weimarer Kammerpräsidenten Karl Alexander von Kalb – alle Abkömmlinge des seit dem 15. Jahrhundert in Kalbsrieth in der Goldenen Aue residierenden Rittergeschlechts. Das 1680 errichtete Schloss Kalbsrieth ist heute wieder in Privatbesitz und wird derzeit von rührigen jungen Leuten Stück für Stück hergerichtet.</p>
<p>Charlottes Mann jedenfalls, der auch <em>Henry Jules Alexandre </em> ge­nannt wurde, war von altem Adel, und er war ein Kriegsheimkehrer, er hatte in französischen Diensten am amerikanischen Befreiungskrieg teilge­nommen und litt darunter, sein eigentliches Talent als Bonvivant und Haudegen im damals eher verschlafenen Thüringen nicht entfalten zu können. Immerhin hatte er angenehme Umgangsformen und bewies eine beträchtliche Großzügigkeit in Fragen ehelicher Treue – seiner eige­nen Treue und der Charlottes. Ein rechter Seelenfreund für die empfind­same Charlotte wurde er allerdings nie. Charlotte schrieb in ihren Erinnerun­gen später: »Gegenseitig war es wohl weder Wunsch noch Nei­gung – <em>(sondern eher) </em>der Gleichmuth des Leidens; aber dass für die Frau das Bündniss so ganz ohne irdischen Vorteil, schien dem Gemüth die Lichtseite zu sein.«</p>
<p>Charlotte scheint also nachgerade stolz darauf gewesen zu sein, dass die Ehe ihr keine Vorteile brachte – als ob es ein moralisches Verdienst wäre, wenn das Heiraten nicht nur ohne Liebe geschieht, sondern auch noch ein schlechtes Geschäft ist. Wir bewegen uns hier ohne Zweifel in den latent masochistischen Sumpfgebieten christlicher Moral. Tatsächlich gab es übrigens sehr wohl handfeste Interessen, die Charlotte, ihrer Schwes­ter und der Verwandtschaft die Verheiratung mit den Brüdern von Kalb empfahlen: Die Sicherung des Familienvermögens der Ost­heims, das vor allem in Grundstücken bestand, galt als gefährdet und sollte durch die welterfahrenen Brüder von Kalb mit ihren europaweiten Kontakten nach Wien und Paris gefördert werden. Trotz aller Mühe, die sich die von Kalbs gaben: Das genaue Gegenteil einer Vermögensförde­rung trat im Laufe der nächsten beiden Jahrzehnten ein. Ein wahrer Dschun­gel von Klagen und Widerklagen, ein Urwald von Prozessen verdun­kelte im Laufe mehrerer Jahrzehnte die Rechtslage ebenso wie die Vermögensaussichten der von Kalbs. Die Brüder ruinierten ihr eigenes Vermögen, und das ihrer Frauen gleich mit. Charlottes Mann Heinrich, der die letzten Jahren seines Lebens mit seiner Köchin zusammenlebte, jagte sich am Osterdienstag 1806 in München im Gasthaus zum Golde­nen Hahn eine Kugel in den Kopf und verstarb.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">III. </span></p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">Schiller – der Kampf</span></p>
<p>Im Mai 1784 – ein Jahre nach der Trauung mit Heinrich von Kalb – war Charlotte von Kalb schwanger. Sie begleitete ihren Mann auf einer Mili­tär-Dienstreise nach Landau in der Pfalz. Auf dem Weg machte das Ehe­paar Kalb in Mannheim Station. Im Hotel traf man den damals blutjun­gen Dichter Friedrich Schiller. Es war, wenn sich die beiden nicht schon ein gutes Jahr vorher in Bauerbach begegenet sein sollten, Liebe auf den ersten Blick zwischen dem dünnen, dauerentflammten und fahrigen Dich­ter und der, nach zeitgenössischen Bildern zu urteilen, recht üppigen und mit langem, dichtem und schönem Haar gesegneten Frau Majorin.</p>
<p>Von Anfang an war den beiden Liebesleuten Charlotte und Friedrich das Gewagte ihrer Verbindung klar. Dass man nach damaligem Verständ­nis weder einander lieben musste, um glücklich verheiratet zu sein, noch heiraten musste, nur weil man liebte, steht auf dem einen Blatt. Aber auf dem anderen steht vielleicht, dass man nicht lieben muss, um eifersüchtig zu werden und dass mancher erst durch plötzliche Eifersucht merkt, dass er liebt. Also genügend Gründe zur Verwirrung der Herzen gab es auf jeden Fall. Und als besonders anständig galt eine Verbindung zur linken Hand auch damals nicht, schon gar nicht bei einer Frau. Das Tohuwabohu der Gefühle zeigte sich in dem mit <em>ups and downs</em> reich gesegneten und durch mehrere Jahre sich hinziehenden Verhältnis zwi­schen Charlotte von Kalb und Friedrich Schiller. Manchmal versuchte man, Dreier-Begegnungen zu vermeiden, manchmal suchte man sie. Es gab heimliche Treffen und unheimliche Peinlichkeiten. Es war ein unablässi­ger Grabenkampf der Gefühle. Als Charlotte in dessen Verlauf sowohl eine offene Dreierbeziehung erwägt als auch ihrem Mann schließ­lich die Scheidung vorschlägt, bekommt Schiller, der inzwischen für eine andere Charlotte und ihre Schwester schwärmt, kalte Füße. Zu feige, der Frau Majorin reinen Wein einzuschenken, weicht er ihr aus und lässt sie zappeln. In einem Brief an seine spätere Frau Lotte v. Lengfeld und ihre Schwester Caroline v. Beulwitz vom 12. September 1789 – Nachts – schreibt er:</p>
<p>»Die Kalb macht mich indessen doch jezt etwas verlegen. Das Verhält­niß worinn sie mit ihrem Mann sich versetzen will (ich hab euch, denk ich, schon davon gesagt) hat mich ihr in gewissem Betracht jezt unentbehrlich gemacht, weil ich es allein ganz weiß und sie nicht ohne Rath ohne fremde Augen dabey zu Werke gehen kann. &#8230; Sie verlangte, und konnte es auch mit allem Recht von mir verlangen, dass ich nach Weimar zu ihr kommen und über diese neue Lage der Dinge mit ihr berathschlagen solle – aber sie wollte es entweder heut oder Morgen, und weder heute noch Morgen noch Uebermorgen wäre mirs möglich gewe­sen.«</p>
<p>Geschmackvollerweise bestellt Schiller Charlotte, die er innerlich längst abgeschrieben hat, zur endgültigen Aussprache für einen anderen Tag, und zwar ausgerechnet zu den Nebenbuhlerinnen, zwischen denen er sich gerade auch nicht entscheiden kann, also zu den Lengefeld’schen Schwestern, was Charlotte dann – noblesse oblige – selbstverständlich ablehnt.</p>
<p>Die Affäre ging nicht spurlos an Schillers Werk vorüber. Zu den deutlichs­ten Spuren gehört das Gedicht »Der Kampf«, das in einer frühe­ren, sehr viel längeren Fassung »Freigeistery der Leidenschaft« hieß.</p>
<p><strong>Der Kampf</strong></p>
<p><em>Nein, länger werd’ ich diesen Kampf nicht kämpfen,</em><br />
<em>Den Riesenkampf der Pflicht.</em><br />
<em>Kannst du des Herzens Flammentrieb nicht dämpfen,</em><br />
<em>So fodre, Tugend, dieses Opfer nicht.</em><br />
<em>Geschworen hab’ ich’s, ja ich hab’s geschworen,</em><br />
<em>Mich selbst zu bändigen.</em><br />
<em>Hier ist dein Kranz, er sey auf ewig mir verloren,</em><br />
<em>Nimm ihn zurück und laß mich sündigen. &#8230;</em><br />
<em>Zerrissen sey, was wir bedungen haben,</em><br />
<em>Sie liebt mich – deine Krone sey verscherzt.</em><br />
<em>Glückselig, wer in Wonnetrunkenheit begraben,</em><br />
<em>So leicht wie ich den tiefen Fall verschmerzt.</em><br />
<em>Sie sieht den Wurm an meiner Jugend Blume nagen</em><br />
<em>Und meinen Lenz entflohn,</em><br />
<em>Bewundert still mein heldenmüthiges Entsagen</em><br />
<em>Und großmuthsvoll beschließt sie meinen Lohn.</em><br />
<em>Mistraue, schöne Seele, dieser Engelgüte,</em><br />
<em>Dein Mitleid waffnet zum Verbrechen mich.</em><br />
<em>Giebt’s in des Lebens unermeßlichem Gebiete</em><br />
<em>Giebt’s einen andern schönern Lohn als dich?</em><br />
<em>Als das Verbrechen, das ich ewig fliehen wollte?</em><br />
<em>Tyrannisches Geschick!</em><br />
<em>Der einz’ge Lohn, der meine Tugend krönen sollte,</em><br />
<em>Ist meiner Tugend letzter Augenblick! &#8230;</em></p>
<p>Dass Schiller sich letztlich anderen Frauen zuwandte, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass Charlotte immer wieder, mit Einladungen und insistierenden Briefen, auf ihrer Liebe beharrte, auch als sie längst verlo­ren war. Irgendwie unschön ist, dass das frauenfeindiche Narrativ von der »hysterischen Koketten« und ihrem unstillbaren Liebesdurst offenbar so gut zur Klatschsucht der Literaturhistoriker passt, dass Charlotte von Kalbs Ruf bis heute darunter leidet. Dabei waren Schillers anfängliche Begeisterung und die sich anschließende feige Flucht vor dem Glück mindes­tens so hysterisch wie Charlottes Partisanenkampf der Liebe. Schil­ler, das sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, scheint es ebenso gesehen zu haben. In dem schon erwähnten Brief vom 12. September 1789 schreibt er: »Sie hat auf meine Freundschaft die gerechtesten Ansprüche und ich muß sie bewundern, wie rein und treu sie die ersten Empfindun­gen unserer Freundschaft, in so sonderbaren Labyrinthen die wir miteinan­der durchirrten, bewahrt hat.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">IV. </span></p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">Ein glühender Strom – Jean Paul</span></p>
<p>Die Liebesbeziehung Charlottes von Kalbs zu dem Schriftsteller Jean Paul (Johann Paul Friedrich Richter) begann um 1795. Charlotte, deren Augenleiden in dieser Zeit schon zunahm, hatte die beiden frühen Ro­mane des romantischen Ironikers (<em>Die unsichtbare Loge</em> und <em>Hesperus oder 45 Hundsposttage</em>) gelesen, war begeistert und lud den Dichter mit einem Brief vom 29. Februar 1796 nach Weimar ein. Am 10. Juni kam Jean Paul in Weimar an. Charlotte tat für Jean Paul, was sie auch für Schiller getan hatte. Sie verschaffte ihm Zugang zur Weimarer Gesell­schaft, vor allem zum Hof, zu dem Jean Paul als Bürgerlicher ohne ade­lige Fürsprache nur schwer Zutritt hätte finden können. Und sehr bald schon entspann sich eine intensive Affäre, deren Glück und Not sich in Charlottes Briefen an Jean Paul aussprechen. Einige Passagen seien hier zitiert:</p>
<p>»<em>Juni 1796<br />
</em>Sind Sie Ihres Versprechens eingedenk? Kommen Sie heute und um welcher Minute? Ich habe Ihnen viel zu sagen.<br />
Die Erde trägt mich geduldig, und den Himmel fand ich &#8230; in Ihren Schriften und die Quelle des Ewigen in Ihnen &#8230;<br />
Diesen Morgen erwachte ich, es dämmerte noch, aber ich konnte die Farben um mich unterscheiden. Ich bin auf Dein Billet sehr verlangend &#8230; Ach, mein Gott, ich habe schmälen wollen über die Stunde von ges­tern, von 8, 9 &#8230;</p>
<p><em>Dezember 1798<br />
</em>Ich fange an zu zittern und Todeskälte umfasst mich. Ich kann nichts thun, bis ich weiß, ob Sie den Abend kommen &#8230;<br />
›Dass ich meine Lippen auf die Wunden Deines Herzens legen werde. Sei still, liebe Seele.‹ &#8230; Es ist mir, als hörte ich nur meine Liebe &#8230; O nimm mich auf, damit ich sterben kann, denn ich kann entfernt von Dir nicht leben und nicht sterben.</p>
<p><em>April 1799<br />
</em>Guten Morgen, mein Geliebter. &#8230; Wann sehe ich Dich, du Lieber?<br />
Wir müssen miteinander leben und sterben. Das sagt meine Vernunft, mein Verstand, mein Herz und mein ganzes Wesen findet nur Wohlsein in diesem Wahn &#8230;«<br />
Tatsächlich wurde Charlottes Liebe mehr und mehr zu einem Wahn, an dem sie mit der Kraft kindlichen Trotzes festhielt, bis Jean Paul, der wohl zu Recht im Ruf des Schwerenöters stand, immer seltener und schließ­lich gar nicht mehr antwortete. Wenn irgendetwas Charlottes bewun­dernswerte Entschlossenheit im Kampf um die Liebe, nach der sie lebenslang dürstete, zeigt, dann ist es die Tatsache, dass sie, nachdem Jean Paul ihr nicht mehr schrieb, eine über zwei Jahrzehnte andauernde ebenso herzliche wie respektvolle Brieffreundschaft mit Jean Pauls Frau anknüpfte.</p>
<p>Dass Jean Paul selbst Charlotte keineswegs verachtete, auch wenn er sie nur für kurze Zeit lieben konnte, zeigen folgende Zeilen, die er im September 1798 niederschrieb: »Die halbblinde Kalb ist leider nicht hier; mit hoher, heiterer Stille erduldet sie ihre lange Nacht, aber oft auf ein­mal bricht &#8230; aus dieser bedeckten Seele ein breiter, glühender Strom.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">V.</span></p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">Werke und Tage – Lebensweg II</span></p>
<p>Wechselhaft war das Schicksal Charlotte von Kalbs bis an ihr 40. Lebens­jahr. Danach präsentierte es sich, äußerlich betrachtet, als Aneinanderrei­hung von Unglücksfällen. Die zähen Gerichtsprozesse um ihr Vermögen kosteten Nerven und viel Geld. Sie endeten desaströs. Charlotte, die das gute Leben gewohnt war, sei es in Weimar, sei es auf Schlössern in den Ostheimschen Besitzungen im Grabfeld, sei es auf dem Gut der von Kalbs in der Goldenen Aue, Charlotte von Kalb war nun regelrecht arm. Mit ihrer Tochter Edda, die eine Stelle als Hofdame beim preußischen Hof in Berlin bekam, zog sie von Thüringen in ein kleines Seitengelass im Berliner Schloss. Ihr Mann, wir erwähnten es, nahm sich das Leben, ihr Sohn tat ein gleiches, sie selbst erblindete vollständig und konnte manch­mal über Wochen und Monate ihre Wohnung nicht verlassen. Fast vier Jahrzehnte verbrachte Charlotte so ihre Tage. Aber sie blieb nicht taten­los. Um sich wirtschaftlich etwas besser über Wasser zu halten, betrieb sie ei­nen kleinen Handel mit Schokolade und Strickwaren. Gewinn erzielte sie nicht. Sie schmiedete Pläne für ein Privatinternat – auch dies wurde ein Fehlschlag. Und doch hinterließ sie, als sie am Morgen des 12. Mai 1843 81jährig in den Armen ihrer Tochter starb, ein bemerkenswertes, wenn auch schmales schriftstellerisches Werk. Es besteht aus Briefen, einem kleinen autobiographischen Roman und ihren Lebenserinnerun­gen.</p>
<p>Zeitlebens hatte Charlotte von Kalb ein durchaus ernsthaftes Interesse an Kunst, Philosophie und Literatur. Sie korrespondierte, auch über Litera­tur und Philosophie, mit den beiden geliebten Männern ihres Le­bens – und das waren immerhin zwei der bedeutendsten Dichter der klassischen Zeit. Die im Unterschied zu den Briefen an Schiller erhalte­nen Briefe an Jean Paul lesen sich heute als kleiner Briefroman; 1882 erschienen sie in Berlin als Buch, man bekommt sie noch als Reprint. Freundschaften pflegte Charlotte, zumeist brieflich, auch mit Hölderlin und Herder, mit Goethe und Johann Gottlieb und Imanuel Hermann Fichte und Rahel Varnhagen. Sie war ein beachtlicher Nebenstern im Kosmos Jena-Weimar und später, soweit Alter und Gesundheit es erlaub­ten, in der Berliner Gesellschaft.</p>
<p>Klugheit, Empfindsamkeit, Belesenheit, Temperament, Sinn für origi­nelle Formulierung, auch ein gewisses Maß an Sturheit – alle diese Vorausset­zungen für eine schriftstellerische Karriere hatte Charlotte von Kalb. Woran es ihr mangelte, um ein genuin literarisches Werk zu hinterlas­sen, war die für Frauen ihrer Zeit – und erst recht in der Welt des fränkisch-thüringischen Landadels – nicht vorgesehene klassische Bildung. Es fehlte ihr die innere Gewissheit, als Frau in der Literatur über­haupt in Betracht zu kommen, etwas Eigenes, gar Anderes, Weibli­ches entwerfen und sagen, kurz gesagt: produktiv werden zu dürfen. Sie hielt sich selbst und ihre Zeit nicht reif dafür und schrieb: »Wenn der Geist und das Herz mehr verstanden wird und die Natur reif ist für die reinste Wahrheit, <em>(erst)</em> dann dürfen, dann sollen Frauen reden und schrei­ben.«</p>
<p>Dennoch hinterließ Charlotte zwei kleine Bücher, die sie ohne Hoff­nung auf Ruhm aber doch mit Lust auf den Versuch, etwas Dauerhaftes zu schaffen, in den Berliner Jahren teils schrieb, teils ihrer Tochter Edda diktierte. Das eine ist ein kurzer Roman mit dem Titel <em>Cornelia</em>, das andere die Autobiographie <em>Charlotte (Für die Freunde der Verewig­ten.) – Gedenkblätter von Charlotte von Kalb</em>. Beide erschienen auf Betreiben ihrer Tochter posthum und sind heute gelegentlich noch antiqua­risch, meist aber nur in Bibliotheken greifbar. Die Werke zeigen eine sich in Produktivität und eigenen Ton hineintastende Schriftstellerin, die sich im Wesentlichen über ihre Empfindungskraft definiert und sich dabei manchmal zu einem für das Ohr des heutigen Lesers schwer erträgli­chen schwärmerischen und salbungsvollen Ton aufschwingt. Den­noch reizvoll ist die Lektüre vor allem der Memoiren, weil der durchaus vorhandene – sagen wir es klar und hart – Kitsch in einem hochinteressan­ten Kontrast steht zu Passagen scharfer, trockener Beobach­tung und origineller sarkastisch-witziger Bemerkungen.</p>
<p>Das alles in allem dürftig entwickelte Frauenbild der Weimarer Klas­sik fasst sie wie folgt zusammen: »Ich kenne nichts Trivialeres als die Vorstel­lungen unserer meisten Aufklärer und Dichter über die Frauen.«</p>
<p>Als Siebzigjährige, die keinen angemessenen Lesestoff mehr für sich fin­det und deshalb zur Zeitungslektüre hinabsteigen muss, notiert sie: »Meine Unterhaltung ist jetzt … das <em>Morgenblatt</em>. Wie ein Wurm nähre ich mich von Blättern, kann also hoffen, noch ein Schmetterling zu wer­den.«</p>
<p>Die Architektur der Memoiren (»Gedenkblätter«) wird mit einem gewis­sen Recht als chaotisch und wirr bezeichnet. Richtig ist auch, dass in den Texten Fiktion und Bericht oft schwer voneinander zu scheiden sind. Man kann das natürlich als »historisch-biographische Unzuverlässig­keit« brandmarken, man kann die Mischung von Fakten und Fiktion aber auch als Kunstgriff verstehen. Ebenso zwiespältig kann man es sehen, dass Charlotte in den Prosatext mal mehr, mal weniger plausibel Gedichte einstreut. Und es gibt Abschnitte, die zwischen erzähleri­schen Minaturen und Aphorismen changieren. Auch hier gilt: Ein strenger Bauplan, eine durchgängige Erzählstrategie ist nicht erkenn­bar. Und doch: Man liest das etwas zusammengeflickt wirkende Buch mit Neugier, immer wieder überrascht und gelegentlich regelrecht entzückt über stilistische und gedankliche Volten. Manchmal taucht der Gedanke auf, dass wir es hier mit einer raffinierten Vorform literarischer Montagetechni­k zu tun haben, mit einer Patchwork-Prosa – mit dem passenden Kostüm einer traurigen und unendlich liebenswerten Clownin. Ein bißchen schrill war sie ja wirklich. Wie schrieb Rahel Varnhagen über Charlotte von Kalb?</p>
<p>»Frau von Kalb ist von allen Frauen &#8230; die geistvollste &#8230; Sie fühlt sich so frei, dass sie nach dem erhabensten Geistesblick öfters lacht &#8230; flugs nimmt ihr Geist eine &#8230; entgegengesetzte Richtung und tut da wieder Wunder &#8230;«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">VI.</span></h4>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">»Man muss nicht hoffen, um zu beginnen, man muss keinen Erfolg haben, um zu überdauern.«</span></p>
<p>Es geschieht alles in allem mit großem Recht, dass der Berliner Senat die letzte Ruhestätte der Charlotte von Kalb auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II an der Bergmannstraße in Kreuzberg mit dem dauerhaften Glanz ei­nes Ehrengrabes der Stadt Berlin ausgezeichnet hat. Auf dem Liegestein des wie ein Kinderbett eingegitterten Grabes finden sich zwei Sätze, die der rätselhaften Schönheit mancher ihrer zu Papier gebrachten Gedan­ken alle Ehre erweisen:</p>
<p><em>Ich war auch ein Mensch, sagt der Staub!</em><br />
<em>Ich bin auch ein Geist, sagt das All!</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">VII.</span></h4>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">Literatur:</span></p>
<p>Emil Palleske: Schiller’s Leben und Werke in 2 Bänden. 15. Aufl. Stutt­gart: Carl Krabbe 1900.</p>
<p>Johann Ludwig Klarmann: Geschichte der Familie von Kalb auf Kalbs­rieth. Elkangen: K. B. Hof- und Universitäts-Buchdruckerei von Junge &amp; Sohn 1902.</p>
<p>Charlotte von Kalb: Charlotte (Für die Freunde der Verewigten.) – Gedenk­blätter von Charlotte von Kalb. Hrsg. von Emil Palleske. Stutt­gart: Karl Crabbe 1879.</p>
<p>Cornelia. Für die Freunde der Verewigten. Manuscript. Berlin 1851.</p>
<p>Paul Nerrlich (Hrsg.): Briefe von Charlotte von Kalb an Jean Paul und dessen Gattin. Berlin: Weidmannsche Buchhandlung 1882.</p>
<p>Ursula Naumann: Schillers Königin. Das Leben der Charlotte von Kalb. Frankfurt a. M./Leipzig: Insel 2006 (insel-taschenbuch 3234).</p>
				</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Fäden, Stoffe, große Wäsche (2016)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/textile-motive-in-homers-odyssee/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Jan 2016 08:12:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=1711</guid>

					<description><![CDATA[<p>Fäden, Stoffe, große Wäsche Textile Motive in Homer’s ›Odyssee‹ Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Vortrag, gehalten Anfang 2016 in Weimar, in einem Kreis von Freundinnen und Freunden der textilen und der literarischen Kunst, im letzten Drittel mit verteilten Rol­len zu sprechen. I. Was die Odyssee ist Unser Thema heute Abend ist die Odyssee. Dabei interessieren uns [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literarisches/Textile-Motive-in-Homers-odyssee.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Fäden, Stoffe, große Wäsche</h1>
<h3 style="text-align: left;">Textile Motive in Homer’s ›Odyssee‹</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: 10pt;">Vortrag, gehalten Anfang 2016 in Weimar, in einem Kreis von Freundinnen und Freunden der textilen und der literarischen Kunst, im letzten Drittel mit verteilten Rol­len zu sprechen.</span></p>
<h4 style="text-align: justify;"><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
I.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> <span style="font-family: gill-sans-regular;">Was die <em>Odyssee</em> ist</span></span></h4>
<p>Unser Thema heute Abend ist die <em>Odyssee</em>. Dabei interessieren uns beson­ders textile Aspekte. Die <em>Odyssee</em> ist eines der Bücher, die das merkwür­dige Schicksal haben, dass sie sehr selten gelesen werden und trotzdem jeder glaubt sie zu kennen. Das ist übrigens nur scheinbar ein Widerspruch. Es gibt ein Buch mit dem Titel:<em> Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat</em> – darin schreibt der französische Literatur­wissenschaftler Pierre Bayard, dass ein Buch mehr und sogar etwas anderes ist als eine Sammlung von spezifisch angeordneten Buchsta­ben, es hat eine geistige Substanz, von der man auch auf andere Weise etwas erfahren und wissen kann als durch Lektüre. Was unsere Umgangssprache über die <em>Odyssee</em> weiß, erkennt man daran, dass das Wort <em>Odyssee</em> heute am häufigsten in seiner übertragenen Bedeutung gebraucht wird. Eine <em>Odyssee</em> ist eine Reise mit vielen Hindernissen und Schwierigkeiten, die endlich doch noch glücklich zum Ziel führt. Und tatsächlich ist genau dies, nämlich eine Reise mit vielen Hindernissen und Schwierigkeiten, die endlich doch noch glücklich zum Ziel führt, der In­halt der Erzählung des Buches, das <em>Odyssee</em> heißt.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"><br />
II.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"> Was das Buch erzählt – die Irrfahrten des Odysseus</span></h4>
<p>Die <em>Odyssee</em> ist zusammen mit der <em>Ilias</em> das älteste literarische Kunstwerk Europas. Sie wurde im 8. Jahrhundert vor Christus auf Griechisch niederge­schrieben. Die Geschichte von der Heimkehr des Odysseus ist zusammengesetzt aus Teil- und Untergeschichten, von denen manche auch für sich stehen könnten. Wahrscheinlich spiegeln sich in der <em>Odys­see</em> viele im Volk umlaufende Sagen und Märchen und auch wahre Ge­schichten aus der Zeit der großen und kriegerischen Migrationsbewegun­gen um das 13. Jahrhundert vor Christus.<a href="#_edn1" name="_ednref1"><sup>[1]</sup></a> In Griechenland gab es damals bis ins 6./7. Jahrhundert die sog. Aoiden oder Rhapsoden, das waren teils fah­rende, teils in reichen Haushalten festangestellte Sänger, die ihre Ge­schichten bei ausgedehnten Schmausereien vortrugen und sich auf einem Zupfinstrument begleiteten, das vermutlich vier Saiten hatte und so ähn­lich wie eine Leier aussah. Die Sänger hatten ein festes Repertoire, das sich von Generation zu Generation forterbte und dabei veränderte. Zu diesem Repertoire gehörten auch märchenhafte Ge-schichten von herum­irrenden Kriegern und Seefahrern.</p>
<p>Der Held unserer Erzählung ist Odysseus. Odysseus ist ein Bauern­könig aus Ithaka. Dieses kleine hügelige Eiland ist vermutlich identisch mit der gleichnamigen Insel, die heute wie damals im Mittelmeer liegt, und zwar westlich vom griechischen Festland im Ionischen Meer, etwa 100 Kilometer südlich von Korfu. Dort lebte, so will es die Erzählung, um 1200 vor Christus der etwa 25jährige Odysseus mit seiner allenfalls zehn Jahre jüngeren Frau Penelope und seinem noch nicht sprachfähigen Sohn Telemach. Alles war Wohlstand und Frieden, bis eine Abordnung anderer griechischer Helden in einem Hafen der Insel einlief. Diese Män­ner forderten Odysseus auf, mit ihnen zusammen im Interesse der helleni­schen Sache in den Krieg zu ziehen. Nach einigem Hin und Her schloss Odysseus sich den Kriegsfahrern an. Die Reise ging nach Troja. Troja heißt heute Hissarlik und liegt an der türkischen Mittelmeer­küste, etwa 200 Kilometer südwestlich vom Bosporus. Dort herrschte ein Mann namens Priamus. Dessen Sohn Paris hatte einem der griechischen Helden die Frau geraubt, Helena, auf Griechisch ›Hälénä‹, die Leuch­tende, Toch­ter des Zeus, die schönste Frau der Welt. Die griechischen Krieger woll­ten Troja zerstören und Helena wieder nach Griechenland, genauer ge­sagt nach Sparta, zurückholen. Das gelang auch, allerdings dauerte die Belagerung ein ganzes Jahrzehnt. Nachdem alles Schlachten, Morden und Feuerlegen erfolglos blieb, siegten die Griechen schließlich mittels einer von Odysseus erdachten Finte: Sie schleusten ein riesiges hölzernes Ungetüm, nämlich das allseits bekannte trojanische Pferd, in die Stadt ein. In diesem Pferd saßen die kräftigsten griechischen Kämp­fer, denen schließlich die Eroberung Trojas gelang – getreu dem bis heute gültigen politischen Grundsatz, dass man den Gegner am zuverlässigsten von in­nen her zerstört.</p>
<p>Das ist die Vorgeschichte. Unsere Erzählung, nämlich die <em>Odyssee</em>, be­ginnt genau an dem Tag, als die Griechen Troja besiegt hatten. Es ist eine Kriegsheimkehrer-Geschichte. Odysseus sticht mit seinen engeren Gefährten in See, um nach Hause zu segeln und zu rudern. Die zehn Jahre vor Troja waren an Odysseus und vor allem an seinen Leuten nicht spurlos vorüber gegangen. Die traumatisierten Kriegsgesellen waren leichtsin­nig geworden, auch roh, vergnügungssüchtig und streitlustig. Sie überfielen gegen den halbherzigen Widerstand ihres Anführers Odysseus Küstenstädte, raubten Vieh und Gold und Frauen, feierten Trinkgelage an fremden Stränden und erregten durch ihr Treiben den Zorn des Meeres­gottes Poseidon. Der sandte ihnen zur Strafe ungünstige Winde und lenkte sie immer wieder vom Kurs ab. Da Odysseus wegen seiner berühmten Klugheit unter dem besonderen Schutz der Göttin Pallas Athene stand, die ebenfalls sehr klug und zugleich die Erfinderin der Kunst des Webens war, fanden mehrfach hitzige Debatten der Götter statt. Athene und Poseidon stritten über das Schicksal des Odysseus. Zeus traf schließlich eine Kompromissentscheidung. Sie besagte, dass alle Gefähr­ten des Odysseus zu sterben hätten und Odysseus selbst auch mehr­fach dem Tod ins Auge schauen müsse, letztlich aber, nach einem kurzen Abstecher in den Hades, sein Leben retten sollte.</p>
<p>Und so geschah es nach dem Willen der Götter. Odysseus und seine Ge­fährten gerieten von einer Not in die nächste. Ob es der einäugige Riese Polyphem war, der eimerweise Buttermilch säuft und dazu Seefah­rer frisst, oder die beiden Seeungeheuer Skylla und Charybdis – jedes Abenteuer dezimierte die Anzahl seiner Gefährten, bis Odysseus schließ­lich allein auf einer Planke im Meer trieb, auch diese noch verlor und nackt ans Ufer der Insel Scheria gespült wurde – wo ihn ein junges Mäd­chen namens Nausikaa (bedeutet wohl soviel wie Schiffsmädchen) mithilfe ih­rer Mutter Arete (die Wortbedeutung von »arete« umfasst so gut wie jede positive Charaktereigenschaft) rettete. Überhaupt muss man sagen, dass Odysseus bei allem Elend, das ihn traf, sehr viel Glück bei Frauen hatte und das bringt uns dann endlich auch zu unserem engeren Thema, nämlich zu den Textilien. Odysseus hatte es in den zehn Jahren, die seine Reise in Anspruch nahm, mit vier jungen Frauen zu tun, deren Attraktivi­tät wir nicht unterschätzen dürfen. Die erste hieß Circe, mit der er etwa zwei Jahre zusammenlebte, die zweite Kalypso, bei ihr hielt es Odysseus sieben Jahre aus. Die dritte und die vierte habe ich gerade schon erwähnt, Nausikaa und ihre Mutter Arete. Die wichtigste Frau im Leben des Odys­seus ist aber ohne Zweifel Penelope, seine angetraute Ehefrau, von der es in der <em>Odyssee</em> heißt, sie sei bei weitem die klügste unter den tiefgegürte­ten Frauen – Frauen sind in der <em>Odyssee</em> nicht durchweg klug, aber im­mer tiefgegürtet. Und Penelope hat, wie wir sehen werden, eine beson­dere Beziehung zur Weberei, ohne die die <em>Odyssee </em>nicht dieser verspon­nene und spannende und zu Weltruhm gelangte Roman geworden wäre. Zu Penelope kehrt Odysseus am Ende zurück, als Bettler verkleidet, so dass ihn anfangs niemand erkennt außer einem uralten Jagdhund namens Ar­gos, der beim Anblick seines Herrn vor lauter Glück mit dem Schwanz wedelt, die Ohren senkt und sich auf einen Misthaufen legt, wo er so­gleich in aller Bescheidenheit verstirbt, oder, um es in der Sprache der <em>Odyssee</em> zu sagen: »vom schwarzen Schatten des Todes umhüllt wird«.<a href="#_edn2" name="_ednref2"><sup>[2]</sup></a> Auf weitere Einzelheiten über die Rückkehr des Odysseus komme ich gleich zurück, vorher will ich noch etwas über die Erzählweise und den Autor der <em>Odyssee</em> sagen.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">III. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">Wie das Buch erzählt</span></h4>
<p>Die <em>Odyssee</em> ist ein Versepos, nach unseren Begriffen ist sie ein sehr sehr langes Gedicht, es umfasst rund 12.000 Verse, aufgeteilt in 24 sogenannte Ge­sänge. Endreime und Stabreime kannte die griechische Lyrik so gut wie nicht, wohl aber eine große Lust an der Lautmalerei. Zum Beispiel erzählt die <em>Odyssee</em>, dass die Nymphe Kalypso Odysseus Tag und Nacht umschmeichelt, das heißt dann im Original:<a href="#_edn3" name="_ednref3"><sup>[3]</sup></a></p>
<p style="padding-left: 30px;">»αἰεὶ δὲ μαλακοῖσι καὶ αἱμυλίοισι λόγοισι ϑέλγει«<a href="#_edn4" name="_ednref4"><sup>[4]<br />
</sup></a>»immer schmeichelt sie ihm mit sanft liebkosenden Worten«<a href="#_edn5" name="_ednref5"><sup>[5]</sup></a></p>
<p>Vor allem aber gab es rhythmische Regeln, die sehr viel komplexer sind als in den germanischen Sprachen, weil sie die Silben nicht nur nach unbetonten und betonten unterscheiden, sondern außerdem noch nach langen und kurzen. Das – hier cum grano salis beschriebene – Versmaß der <em>Odyssee</em> ist der volkstümliche und vergleichsweise einfache Hexameter. Beim griechischen Hexameter hat jede Zeile sechs lange Silben, denen jeweils zwei kurze oder eine lange unbetonte Silbe folgen. Es entsteht so ein abzählbar rhythmisierter Sprechge­sang, den man gut auswendig lernen konnte; die Silbenzahl war variabel von 12 bis 17 pro Vers. Das erleichterte die Improvisation und schuf die nötige Elastizität für den Ausdruck von unterschiedlichen Gefüh­len – ein feines Gespinst aus zufallsoffenen Regeln. Ich gebe als Beispiel für den Klang die ersten fünf Zeilen der <em>Odyssee</em>, erst auf Grie­chisch und dann in der uns vermutlich am ehesten vertrauten Überset­zung von Johann Heinrich Voß, den Goethe 1802 nach Jena holte, der sich aber schon 1805 nach Heidelberg verabschiedete:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ<br />
»Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,</p>
<p style="padding-left: 30px;">πλάγχϑη, ἐπεὶ Τροίης ἱερὸν πτολίεϑρον ἔπερσε·<br />
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,</p>
<p style="padding-left: 30px;">πολλῶν δ&#8216; ἀνϑρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω,<br />
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,</p>
<p style="padding-left: 30px;">πολλὰ δ&#8216; ὅ γ&#8216; ἐν πόντῳ πάϑεν ἄλγεα ὃν κατὰ ϑυμόν,<br />
Und auf dem Meere so viel’ unnennbare Leiden erduldet,</p>
<p style="padding-left: 30px;">ἀρνύμενος ἥν τε ψυχὴν καὶ νόστον ἑταίρων.«<br />
Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.«</p>
<p>Eine Eigenart des Textes ist für den heutigen Leser ungewohnt, ja vielleicht sogar etwas komisch, sie kam aber aus mnemotechnischen Gründen dem freien Vortrag entgegen. So treten Personennamen und bestimmte Substantive stets mit bestimmten Adjektiven oder Beinamen auf: Odysseus ist z. B. »der herrliche Dulder«, der Schweinehirt Eumaios ist »männerbeherrschend«, das Meer ist oft »weinfarben«<a href="#_edn6" name="_ednref6"><sup>[6]</sup></a>, wobei man an dunklen Rotwein zu denken hat, Lanzen sind »schattenwerfend«, Rinder »schleppfüßig«, die Göttin Athene ist »lilienarmig« und »glaukopis« zu Deutsch »helläugig, blauäugig« oder, wörtlich »eulenäugig«. Der Text hält außerdem für zahlreiche wiederkehrende Vorgänge des Lebens wie z. B. das Hereinbrechen der Nacht, den Beginn einer Mahlzeit oder den Sonnenaufgang einen Vorrat an feststehenden, oft wiederkehrenden Formulierungen bereit, zum Beispiel ist der Anbruch eines neuen Tages gern wie folgt gekennzeichnet:<a href="#_edn7" name="_ednref7"><sup>[7]</sup></a></p>
<p style="padding-left: 30px;">»ἦμος δ&#8216; ἠριγένεια φάνη ῥοδοδάκτυλος Ἠώς,«<br />
»Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte«</p>
<p>Oder wenn jemand zum Ausdruck bringen will, dass sein Gesprächspartner ihm unangemessene Vorwürfe macht, sagt er,<a href="#_edn8" name="_ednref8"><sup>[8]</sup></a> wie zum Beispiel Zeus zu seiner Tochter Athene:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»τέκνον ἐμόν, ποῖόν σε ἔπος φύγεν ἕρκος ὀδόντων.«<br />
»Welche Rede, mein Kind, ist entfloh’n dem Zaun deiner Zähne?«</p>
<p>Wenn ein Fremder in einer Runde von Menschen erscheint, was in einem Reiseabtenteuer naturgemäß sehr oft vorkommt, so lautet die erste Frage regelmäßig:<a href="#_edn9" name="_ednref9"><sup>[9]</sup></a></p>
<p style="padding-left: 30px;">»τίς πόϑεν εἰς ἀνδρῶν; πόϑι τοι πόλις ἠδὲ τοκῆες;<br />
»Wer, wes Volkes bist du? und wo ist deine Geburtsstadt?</p>
<p style="padding-left: 30px;">ὁπποίης τ&#8216; ἐπὶ νηὸς ἀφίκεο; πῶς δέ σε ναῦται<br />
Und, in welcherlei Schiff kamst du? Wie brachten die Schiffer</p>
<p style="padding-left: 30px;">ἤγαγον εἰς Ἰϑάκην; τίνες ἔμμεναι εὐχετόωντο;<br />
Dich nach Ithaka her? was rühmen sich jene vor Leute?</p>
<p style="padding-left: 30px;">οὐ μὲν γάρ τί σε πεζὸν ὀΐομαι ἐνϑάδ&#8216; ἱκέσϑαι.«<br />
Denn unmöglich bist du doch hier zu Fuße gekommen!«</p>
<p>Was die Erzählstrategie betrifft, so ist die <em>Odyssee</em> ein ziemlich raffiniertes Gebilde. Die Ereignisse werden nicht der zeitlichen Reihung nach berichtet. Es gibt Vorgriffe und Rückblenden, Abschweifungen und Raffungen, Dialoge und Reflexionen, Träume, die sich erfüllen und Berichte, die sich als Lügen herausstellen, dubiose Weissagungen und zauberhafte Märchen, alles ineinander verwoben aber doch gut befestigt in einem Handlungsrahmen, der alle Spannungen zusammenhält. Die Schauplätze wechseln beständig und sogar der Erzähler wechselt. Manchmal erzählt Odysseus selbst aus seinem Leben, andere Teile der Geschichte werden Menschen in den Mund gelegt, die Odysseus auf seinen Reisen trifft, häufig sind es auch Sänger, denen Odysseus incognito begegnet und die ihm, ohne zu wissen, wen sie vor sich haben, von ihm selbst, nämlich Odysseus erzählen, gelegentlich so lange, bis Odysseus in Tränen ausbricht.Der Wortgebrauch der <em>Odyssee</em> ist, was uns nicht überrascht, poetisch. Dabei spielt der für uns interessante Aspekt des Textilen eine besondere Rolle. Wenn einer der Akteure zum Beispiel eine List oder eine Lüge anwendet, und das kommt oft vor, dann kann diese List zwar »erdacht« oder »ersonnen« werden, oft aber heißt es, sie werde »gewoben«, und ganz allgemein »weben« und »spinnen« Menschen und Götter Reden, Gedanken, Absichten, und wenn eine Frau einen Mann für sich gewinnen will, dann kann es sein, dass sie ihn, wie im Deutschen, »umgarnt«. Ja sogar vom Schicksal überhaupt sagt die <em>Odyssee</em> schon im 17. Vers des ersten Gesangs, dass es dem Menschen »zugesponnen«<a href="#_edn10" name="_ednref10"><sup>[10]</sup></a> werde. Diesen metaphorischen Gebrauch der Worte »weben« und »spinnen« übertragen dann antike Schriftsteller späterer Epochen auf die Arbeit des Schreibens und Nachdenkens selbst: einen »Weber« nennen Pindar und Sappho den dichtenden Menschen, Platon sagt vom philosophisch gebildeten Staatsmann, er stelle durch »Verflechtung der unterschiedlichen Gemütsarten das herrlichste und beste aller Gewebe her«<a href="#_edn11" name="_ednref11"><sup>[11]</sup></a> und Cicero nennt den Redenschreiber einen Weber.<a href="#_edn12" name="_ednref12"><sup>[12]</sup></a></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"><br />
IV.<br />
Wer die <em>Odyssee</em> erzählt und weshalb wir sie nach fast dreitausend Jahren immer noch kennen</span></h4>
<p>Um 720 vor Christus war es vielleicht einer der genannten Sänger, der aus dem mykenisch-griechischen Seemannsgarn eine einzige große Erzählung strickte und sie niederschrieb. Seit dem 6. Jahrhundert vor Christus nennt man diesen Dichter »Homer«.<a href="#_edn13" name="_ednref13"><sup>[13]</sup></a> Man liest oft, Homer sei blind gewesen – der einzige Anhaltspunkt ist allerdings, dass einer der Sänger, die in der <em>Odyssee</em> vorkommen, blind ist. Das ist ungefähr so, als wollte man aus dem Roman <em>Dr. Faustus</em> schlussfolgern, Thomas Mann sei Komponist gewesen. In Wahrheit wissen wir kaum etwas über Homer und natürlich ist unter den Altphilologen heftig umstritten, ob es ihn überhaupt gab, und wenn ja, wie viele er war, und wer davon welchen Vers dichtete, oder ob die <em>Odyssee</em> gar keinen Autor hat und sich gewissermaßen selbst geschrieben hat, ob ihre Entstehung sich einer Frühform des crowd-working aller dichtenden Vagabunden verdankt und ob nicht individuelle Autorschaft von literarischen Werken bei Lichte besehen immer und ohnehin eine Fiktion ist. Das soll uns aber nicht stören, wichtig ist, dass unter Homers Namen die <em>Odyssee</em> schon seit dem 7./6. Jahrhundert in Griechenland zum Gemeingut gehörte und immer wieder abgeschrieben wurde, so dass jeder gebildete Grieche und Römer bis ins 5./6. Jahrhundert nach Christus die Geschichten kannte und den Text greifbar hatte oder gar in Teilen auswendig konnte. Im Mittelalter ging die Kenntnis der <em>Odyssee</em> zurück und beschränkte sich schließlich auf die Gelehrten in der Bibliothek von Konstantinopel. Es ist hier ein hohes Lob auf die Zunft angebracht, der unser Gastgeber angehört, nämlich auf die Bibliothekare, die in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten in Alexandria, dann in Konstantinopel, allen Feuersbrünsten und politischen Fehlentscheidungen zum Trotz den Text – und zwar den geschriebenen Text auf handgreiflicher Unterlage – retteten. Die älteste vollständige Abschrift der <em>Odyssee</em> stammt wohl aus dem Konstantinopel des 12. Jahrhunderts. Als die Stadt dann im Jahre 1453 von den Osmanen besetzt wurde, waren es dort tätige griechische Wissenschaftler, die den homerischen Text für Europa retteten, wo er seitdem tausendfach in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde, vor zehn Jahren sogar ins Letzeburgische.<sup><a href="#_edn14" name="_ednref14"></a></sup><sup><a href="#_edn14" name="_ednref14"> [14]</a></sup><sup><br />
</sup></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"><br />
V.<br />
Textilien in der <em>Odyssee</em></span></h4>
<p>Ich komme jetzt allmählich genauer auf unser Thema zu sprechen, also die Textilien. Sie sind in der <em>Odyssee</em> allgegenwärtig, was seinen Sinn hat, denn die auf Seiten der Götter treibende Kraft ist in der <em>Odyssee</em> die blauäugige Göttin Athene, deren Geschäftsbereich die Wissenschaft ist und vor allem die Webekunst.<a href="#_edn15" name="_ednref15"><sup>[15]</sup></a> Ich nenne ein paar Beispiele für Textiles in der <em>Odyssee</em>: »Schöne, kunstvolle Linnen« werden da für vornehme Gäste über Lehnstühle gelegt,<a href="#_edn16" name="_ednref16"><sup>[16]</sup></a> ehe sich reiche Leute zum Essen setzen; wenn sich Frauen in Gesellschaft von Männern begeben, verhüllen sie ihre Wangen in »weichen glänzenden Schleiern«;<a href="#_edn17" name="_ednref17"><sup>[17]</sup></a> prächtige Gewänder machen schön,<a href="#_edn18" name="_ednref18"><sup>[18]</sup></a> schlechte zeigen Trauer an;<a href="#_edn19" name="_ednref19"><sup>[19]</sup></a> da Kleider immer Einzelanfertigungen sind, können sie für eine gewisse Zeit zur Identifikation von Personen dienen,<a href="#_edn20" name="_ednref20"><sup>[20]</sup></a> sie sind ein Zeichen des Reichtums und werden zusammen mit Gold, Öl und alten, balsamischen Weinen in Truhen aufbewahrt,<a href="#_edn21" name="_ednref21"><sup>[21]</sup></a> sie werden von Dieben geraubt<a href="#_edn22" name="_ednref22"><sup>[22]</sup></a><sup>  </sup>und von Männern an schöne Frauen<a href="#_edn23" name="_ednref23"><sup>[23]</sup></a> sowie von großzügigen Gastgebern an ihre Gäste verschenkt,<a href="#_edn24" name="_ednref24"><sup>[24]</sup></a> besonders, wenn die Gäste gute Nachrichten mitbringen,<a href="#_edn25" name="_ednref25"><sup>[25]</sup></a> Armut ist gekennzeichnet durch Mangel an Decken, Kissen und Kleidern,<a href="#_edn26" name="_ednref26"><sup>[26]</sup></a> Bettler tragen zerrissene schmutzige Kittel,<a href="#_edn27" name="_ednref27"><sup>[27]</sup></a> decken die Scham mit Stofffetzen,<a href="#_edn28" name="_ednref28"><sup>[28]</sup></a> sitzen bestenfalls auf Fellen,<a href="#_edn29" name="_ednref29"><sup>[29]</sup></a> ansonsten auf Lumpen oder in der Asche,<a href="#_edn30" name="_ednref30"><sup>[30]</sup></a> ehrliche arme Leute wie der »männer-beherrschende Sauhirt Eumaios« teilen auch manchmal den Mantel mit anderen ehrlichen armen Leuten,<a href="#_edn31" name="_ednref31"><sup>[31]</sup></a> ein schönes Tuch und ein Leibrock wird vornehmen Gästen angelegt, nachdem sie von der Tochter des Hauses oder einer Dienerin gebadet und mit Öl gesalbt worden sind<a href="#_edn32" name="_ednref32"><sup>[32]</sup></a> – was übrigens regelmäßig zur Folge hat, dass der gebadete Gast wie ein junger Gott aussieht –, Götter tragen goldene Sandalen, die weiten Ärmel der purpurnen Mäntel, in denen es sich Männer beim Festmahl bequem machen, dienen auch dazu, Tränen der Rührung zu verbergen<a href="#_edn33" name="_ednref33"><sup>[33]</sup></a> – und die Griechen der <em>Odyssee</em> sind sehr oft zu Tränen gerührt<a href="#_edn34" name="_ednref34"><sup>[34]</sup></a> –; die Betten für die Vornehmen und Reichen sind wohlversehen mit wollenen Tüchern und Decken und purpurnen Polstern,<a href="#_edn35" name="_ednref35"><sup>[35]</sup></a> edle Frauen tragen lange Gewänder,<a href="#_edn36" name="_ednref36"><sup>[36]</sup></a> verführerische Nymphen wie Calypso oder Circe zum Beispiel schlingen sich um die Hüften goldene Gürtel,<a href="#_edn37" name="_ednref37"><sup>[37]</sup></a> manchmal allerdings sind die Kleidungsstücke so aufwendig und schwer, dass sie lästig werden: so zieht Odysseus am Ende seiner Irrfahrten auf Anraten eines göttlichen Wasserhuhns seine Kleider aus, weil sie ihn beim Schwimmen immer wieder in die Tiefe zu ziehen drohen.<a href="#_edn38" name="_ednref38"><sup>[38]</sup></a></p>
<p>Dieser kursorische und unvollständige Überblick umfasst nur die Stellen in der <em>Odyssee</em>, in denen die Textilien eine dienende oder schmückende Rolle spielen. Mit der Allgegenwart des Textilen ist aber zugleich das poetische Umfeld bereitet, mit dem vier zentrale Erzählungen der <em>Odyssee</em>, in deren Mittelpunkt Frauen stehen, wunderschön und vielfältig korrespondieren. Die beiden wichtigsten dieser Geschichten sind die für Odysseus lebensrettende Begegnung mit der Königstochter Nausikaa bei der großen Wäsche und die berühmte Web-List der Penelope.</p>
<p>Um das etwas näher zu erläutern, muss ich zum Inhalt der <em>Odyssee</em> noch ein paar Ergänzungen hinzufügen.</p>
<p><span style="color: #333333; font-size: 16px; font-family: gill-sans-regular;">1. Was das Buch erzählt – Penelope tagsüber am Webstuhl</span></p>
<p>Zur glücklichen Heimkehr eines Kriegsteilnehmers gehört, dass er nach durchlittenen Qualen sein Heim wiederfindet, sein Haus, seine Wirtschaft, sein Personal, seine Kinder und seine Frau. Für sie hat er ja das Ganze getan. Und das Zuhause soll genau so sein, wie es war, als der Held es verließ. Vor allem die Frau soll sehnsuchtsvoll und züchtig gewartet haben. Als Odysseus in den Krieg zog, hatte er seine Frau gebeten, nicht vor Eintritt eines nennenswerten Bartwuchses beim gemeinsamen Sohn Telemach neu zu heiraten. Wartezeit also 15 bis 20 Jahre. Die zweite Seite der Geschichte, die Homer mit den Irrfahrten des Helden eng verflicht und die der Geschichte überhaupt ihren Sinn und ihr Ziel gibt und über die wir bisher kaum gesprochen haben, ist also die Heimat, wo das Leben weitergeht. Über 15, 16 Jahre hinweg ändert sich auf Ithaka nichts: Penelope ist traurig, aber treu, Telemach wächst heran, Laertes, der alte Vater des Odysseus, versorgt die Wirtschaft. Das Personal in Gestalt der rüstigen Haushälterin Eurykleia und des »männer-beherrschenden Sauhirten Eumaios«, tut seine Arbeit und der Hund Argos bewacht den Hof. Schließlich aber neigt sich die Adoleszenz des Telemach sichtbar dem Ende zu. Penelope, seine Mutter, ist mit ihren gut 30 Jahren eine attraktive Frau. Je länger Odysseus fort ist, umso mehr junge Männer scharwenzeln um Haus und Hof. Sie werden alsbald mutiger, ja frecher, nisten sich ein, feiern auf Kosten des Hauses, bestechen die Knechte, verführen die Mägde, fordern Penelope auf, sich einen von ihnen auszusuchen – und was macht Penelope? Ob sie im Herzen wirklich treu ist, darüber streiten die Homerforscher bis heute. Was sie aber sagt, darüber kann es keinen Streit geben, denn Homer hat es aufgeschrieben. Klipp und klar: Sie sagt nicht ja und sie sagt nicht nein, sie sagt vielleicht vielleicht. Den Freiern erklärt sie: Sie werde einen von ihnen heiraten, sie könnten sich mit ordentlichen Brautgeschenken schon mal bewerben. Allerdings, wenn zwischenzeitlich Odysseus zurück-komme, dann ist es eine andere Lage &#8230; und überhaupt müsse sie, bevor sie ihre Wahl treffe, noch ein Tuch weben, ein sehr großes Tuch und zwar das Leichentuch für ihren immer älter und gebrechlicher werdenden Schwiegervater Laertes. Sie habe die Wolle dafür schon gesponnen und die Fäden sollten nicht verderben, deshalb sei das Weben vorerst wichtiger und die Freier müssten sich noch gedulden. Und so erzählt uns Homer, dass Penelope ihre Tage verbringt, indem sie webt und weint und weint und webt &#8230;</p>
<h5><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">2. Was das Buch erzählt – Frauenbekanntschaften</span></h5>
<p>An dieser Stelle kehren wir noch einmal zu Odysseus zurück, der oft an Penelope denkt, aber doch herausfindet, dass auch andere Frauen weben können, und zwar gar nicht schlecht. Und wenn sie noch nicht weben, dann verstehen sie sich wenigstens auf die große Wäsche.</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">a. Circe</span></p>
<p>Noch ziemlich am Anfang seiner Irrfahrten, von den über 70 Gefährten sind noch gut zehn übriggeblieben, strandet die kleine Männer-Schar auf der Insel Aiaia. Dort lebt die Tochter des Sonnengottes. Ihr Name ist Programm: Sie heißt Circe. Sie hat wunderbare Locken und:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Singend webete Circe den großen unsterblichen Teppich,<br />
Fein und lieblich und glänzend, wie aller Göttinnen Arbeit.«<a href="#_edn39" name="_ednref39"><sup>[39]</sup></a></p>
<p>Angezogen vom anmutigen Gang der Göttin, von ihren Geweben, von ihrem Gesang und überwältigt von ihren Locken nähern sich die Schiff-brüchigen und knien nieder – genau das ist der Augenblick, in dem Circe ihnen süße, berauschende Getränke anbietet und sie mit einer Rute leicht berührt – mit dem Ergebnis, dass die Männer in Wahnsinn verfallen und sich in Schweine verwandeln. Der einzige, dem dieses Schicksal erspart bleibt, ist Odysseus, weil er durch göttlichen Beistand ein Gegengift mit sich führt, Moly, eine Art Knoblauch.<a href="#_edn40" name="_ednref40"><sup>[40]</sup></a> Circe ist überrascht und bietet Odysseus an, sie werde seine Freunde wieder zu Menschen machen, wenn er mit ihr ins Bett gehe. Dieses Angebot nimmt Odysseus an und so beginnt ein über einjähriger, äußerst genussvoller Liebes-Aufenthalt auf der Insel Aiaia. Als die Gefährten des Odysseus dann doch zur Weiterfahrt drängen, hat Circe ein Einsehen und lässt die Männer ziehen, nicht ohne sie vorher mit selbstgewebten Kleidern, Tüchern und Decken zu versehen.</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">b. Kalypso</span></p>
<p>Noch eine weitere schöne Frau lernt Odysseus kennen. Inzwischen sind alle seine Gefährten umgekommen. Mutterseelenallein landet er auf der Insel Ogygia. Wie lebte er dort?</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>»Weinend saß er am Ufer des Meers. Dort saß er gewöhnlich,<br />
Und zerquälte sein Herz mit Weinen und Seufzen und Jammern,<br />
Und durchschaute mit Tränen die große Wüste des Meeres.«<a href="#_edn41" name="_ednref41"><sup>[41]</sup></a></p>
<p>Aber Odysseus hat auf Ogygia nicht nur geweint. Sonst wäre er nicht sieben Jahre geblieben. Der Grund dafür war wiederum eine Frau, eine Halbgöttin namens Kalypso. Homer sagt uns, wie sie ihre Tage verbrachte:<a href="#_edn42" name="_ednref42"><sup>[42]</sup></a></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>»Vor ihr brannt’ auf dem Herd’ ein großes Feuer, und fernhin<br />
Wallte der liebliche Duft vom brennenden Holze der Ceder<br />
Und des Citronenbaums. Sie sang mit melodischer Stimme,<br />
Emsig, ein schönes Gewebe mit goldener Spule zu wirken.«</p>
<p>Auch Kalypso also eine begnadete Weberin. Das Verhältnis mit Odysseus muss gut gewesen sein. Man pflog regelmäßig und offenbar hochzeremoniell der Liebe. Kalypso scheint auch beim Kochen und beim Wein den Geschmack ihres Helden getroffen zu haben. Und sie konnte sich, was Frauen offenbar schon damals besonders schätzten, mit ihrem Freund offen über Beziehungs-Probleme unterhalten.<a href="#_edn43" name="_ednref43"><sup>[43]</sup></a></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>»Allda setzte der Held auf den Thron sich nieder &#8230; auf welchem<br />
&#8230; Ihm reichte die heilige Nymphe<br />
Allerlei Speis’ und Trank, was sterbliche Männer genießen;<br />
Setzte sich dann entgegen dem göttergleichen Odysseus,<br />
Und Ambrosia reichten ihr Dienerinnen und Nektar.<br />
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.<br />
Als sie jetzo ihr Herz mit Trank und Speise gesättigt;<br />
Da begann das Gespräch die hehre Göttin Kalypso:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Kalypso:<br />
</em>Edler Laertiad’, erfindungsreicher Odysseus,<br />
Also willst du mich nun so bald verlassen, und wieder<br />
in dein geliebtes Vaterland gehn? Nun Glück auf die Reise!<br />
Aber wüßte dein Herz, wie viele Leiden das Schicksal<br />
Dir zu dulden bestimmt, bevor du zur Heimat gelangest;<br />
Gerne würdest du bleiben, mit mir die Grotte bewohnen,<br />
Und ein Unsterblicher sein: wie sehr du auch wünschest, die Gattin<br />
Wiederzusehn, nach welcher du stets so herzlich dich sehnest!<br />
Glauben darf ich doch wohl, daß ich nicht schlechter als sie bin,<br />
Weder an Wuchs noch Bildung! Wie könnten sterbliche Weiber<br />
Mit unsterblichen sich an Gestalt und Schönheit vergleichen?</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Ihr antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Odysseus:<br />
</em>Zürne mir darum nicht, ehrwürdige Göttin! Ich weiß es<br />
Selber zu gut, wie sehr der klugen Penelopeia<br />
Reiz vor deiner Gestalt und erhabenen Größe verschwindet;<br />
Denn sie ist nur sterblich, und dich schmückt ewige Jugend.<br />
Aber ich wünsche dennoch und sehne mich täglich von Herzen,<br />
Wieder nach Hause zu gehn, und zu schaun den Tag der Zurückkunft.<br />
Und verfolgt mich ein Gott im dunkeln Meere, so will ich’s<br />
Dulden; mein Herz im Busen ist längst zum Leiden gehärtet!<br />
Denn ich habe schon vieles erlebt, schon vieles erduldet,<br />
Schrecken des Meers und des Kriegs: so mag auch dieses geschehen!<br />
Also sprach er, da sank die Sonne, und Dunkel erhob sich.<br />
Beide gingen zur Kammer der schöngewölbeten Grotte,<br />
Und genossen der Lieb’, und ruheten nebeneinander.«</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">c. Nausikaa</span></p>
<p>Die dritte der Frauen, die Odysseus auf seiner Reise das Leben gerettet haben, ist ganz jung, vielleicht noch keine fünfzehn. Nachdem die Halbgöttin Kalypso ihn freigegeben hat, fährt Odysseus in Richtung Ithaka, in einem Sturm muss er sein Floß aufgeben, er reitet auf einer Planke. Als auch diese birst, schwimmt er, die Kleider werden ihm schwer, er legt sie ab und krabbelt in der Morgendämmerung nackt ans Ufer der Phaiaken-Insel. Während Odysseus sich am Strand mit Laub bedeckt und einschläft, liegt Nausikaa, die Tochter des Inselkönigs, im Bett und die Göttin Athene, sagt uns</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:</em><br />
»&#8230; schwebte, wie wehende Luft, zum Lager der Jungfrau,<br />
Neigte sich über ihr Haupt, und sprach mit freundlicher Stimme &#8230;</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Athene:<br />
</em>Liebes Kind, was bist du mir doch ein lässiges Mädchen!<br />
Deine kostbaren Kleider, wie alles im Wuste herumliegt!<br />
Und die Hochzeit steht dir bevor! Da muß doch was Schönes<br />
Sein für dich selber, und die, so dich zum Bräutigam führen!<br />
Denn durch schöne Kleider erwirbt man sich Ruf und Ansehn<br />
Bei den Leuten; auch freun sich dessen Vater und Mutter.<br />
Laß uns denn eilen und waschen, sobald der Morgen sich rötet!<br />
Ich will deine Gehilfin sein, damit du geschwinder<br />
Fertig werdest; denn Mädchen, du bleibst nicht lange mehr Jungfrau.<br />
Siehe, es werben ja schon die edelsten Jüngling’ im Volke<br />
Aller Phäaken um dich; denn du stammst selber von Edlen.<br />
Auf! erinnere noch vor der Morgenröte den Vater,<br />
Daß er mit Maultieren dir den Wagen bespanne, worauf man<br />
Lade die schönen Gewande, die Gürtel und prächtigen Decken.<br />
Auch für dich ist es so bequemer, als wenn du zu Fuße<br />
Gehen wolltest; denn weit von der Stadt sind die Spülen entlegen.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Also redete Zeus’ blauäugichte Tochter, und kehrte<br />
Wieder zum hohen Olympos, der Götter ewigem Wohnsitz,<br />
&#8230;<br />
Und der goldene Morgen erschien, und weckte die Jungfrau<br />
Mit den schönen Gewanden. Sie wunderte sich des Traumes.<br />
Schnell durcheilte sie jetzo die Wohnungen, daß sie den Eltern,<br />
Vater und Mutter, ihn sagte; und fand sie beide zu Hause.<br />
Diese saß an dem Herd’, umringt von dienenden Weibern,<br />
Drehend die zierliche Spindel mit purpurner Wolle; und jener<br />
Kam an der Pfort’ ihr entgegen:<br />
Und Nausikaa trat zum lieben Vater, und sagte:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Nausikaa:<br />
</em>Lieber Papa, laß mir doch einen Wagen bespannen,<br />
Hoch, mit hurtigen Rädern; damit ich die kostbare Kleidung,<br />
Die mir im Schmutze liegt, an den Strom hinfahre zum Waschen.<br />
&#8230;</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Also sprach sie, und schämte sich, von der lieblichen Hochzeit<br />
Vor dem Vater zu reden; doch merkt’ er alles, und sagte:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Alkinoos:<br />
</em>Weder die Maultiere, Kind, sei’n dir geweigert, noch sonst was.<br />
Geh, es sollen die Knechte dir einen Wagen bespannen,<br />
Hoch, mit hurtigen Rädern, und einem geflochtenen Korbe.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Also sprach er, und rief; und schnell gehorchten die Knechte &#8230;<br />
Und Nausikaa trug die köstlichen feinen Gewande<br />
Aus der Kammer, und legte sie auf den zierlichen Wagen.<br />
Aber die Mutter legt’ ihr allerlei süßes Gebacknes<br />
Und Gemüs’ in ein Körbchen, und gab ihr des edelsten Weins im<br />
Ziegenledernen Schlauch; (und die Jungfrau stieg auf den Wagen;)<br />
Gab ihr auch geschmeidiges Öl in goldener Flasche,<br />
Daß sie sich nach dem Bade mit ihren Gehilfinnen salbte.<br />
Und Nausikaa nahm die Geißel und purpurnen Zügel;<br />
Treibend schwang sie die Geißel: und hurtig mit lautem Gepolter<br />
Trabten die Maultiere los, und zogen die Wäsch’ und die Jungfrau,<br />
Nicht sie allein, sie wurde von ihren Mägden begleitet.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Als sie nun das Gestade des herrlichen Stromes erreichten,<br />
Wo sich in rinnende Spülen die nimmerversiegende Fülle<br />
Schöner Gewässer ergoß, die schmutzigsten Flecken zu säubern;<br />
Spannten die Jungfraun schnell von des Wagens Deichsel die Mäuler,<br />
Ließen sie an dem Gestade des silberwirbelnden Stromes<br />
Weiden im süßen Klee, und nahmen vom Wagen die Kleidung,<br />
Trugen sie Stück für Stück in der Gruben dunkles Gewässer,<br />
Stampften sie drein mit den Füßen, und eiferten untereinander.<br />
Als sie ihr Zeug nun gewaschen und alle Flecken gereinigt,<br />
Breiteten sie&#8217;s in Reihen am warmen Ufer des Meeres,<br />
Wo die Woge den Strand mit glatten Kieseln bespület.<br />
Und nachdem sie gebadet und sich mit Öle gesalbet,<br />
Setzten sie sich zum Mahl am grünen Gestade des Stromes,<br />
Harrend, bis ihre Gewand’ am Strahle der Sonne getrocknet.<br />
Als sich Nausikaa jetzt und die Mädchen mit Speise gesättigt,<br />
Spieleten sie mit dem Ball, und nahmen die Schleier vom Haupte.<br />
&#8230;<br />
Und Nausikaa warf den Ball auf eine der Mädchen;<br />
Dieser verfehlte das Ziel und fiel in die wirbelnde Tiefe;<br />
Und laut kreischten sie auf. Da erwachte der edle Odysseus,<br />
Sitzend dacht’ er umher im zweifelnden Herzen, und sagte:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Odysseus:<br />
</em>Weh mir! zu welchem Volke bin ich nun wieder gekommen?<br />
&#8230; Bin ich hier etwa nahe bei redenden Menschenkindern?<br />
Auf! ich selber will hin, und zusehn, was es bedeute!</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Also sprach er, und kroch aus dem Dickicht, der edle Odysseus,<br />
Brach mit der starken Faust sich aus dem dichten Gebüsche<br />
Einen laubichten Zweig, des Mannes Blöße zu decken;<br />
Ging dann einher, wie ein Löwe der Berge, voll Kühnheit und Stärke &#8230;<br />
Also ging der Held, in den Kreis schönlockiger Jungfraun<br />
Sich zu mischen, so nackend er war; ihn spornte die Not an.<br />
Furchtbar erschien er den Mädchen, vom Schlamm des Meeres besudelt;<br />
Hiehin und dorthin entflohn sie, und bargen sich hinter die Hügel.<br />
Nur Nausikaa blieb. Ihr hatte Pallas Athene<br />
Mut in die Seele gehaucht, und die Furcht den Gliedern entnommen.<br />
Und sie stand, und erwartete ihn. Da zweifelt’ Odysseus:<br />
Ob er flehend umfaßte die Kniee der reizenden Jungfrau,<br />
Oder, so wie er war, von ferne mit schmeichelnden Worten<br />
Bäte, daß sie die Stadt ihm zeigt’, und Kleider ihm schenkte.<br />
Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste.<br />
So wie er war, von ferne mit schmeichelnden Worten zu flehen;<br />
Daß ihm das Mädchen nicht zürnte, wenn er die Kniee berührte.<br />
Schmeichelnd begann er sogleich die schlau ersonnenen Worte:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Odysseus:<br />
</em>Mächtige Herrin, ich knie vor Dir und bete Dich an: &#8230;<br />
Bist du eine der Göttinnen, welche den Himmel beherrschen?<br />
Siehe so scheinst du mir der Tochter des großen Kronions<br />
Artemis gleich an Gestalt, an Größe und reizender Bildung!<br />
Bist du eine der Sterblichen, welche die Erde bewohnen?<br />
Dreimal selig dein Vater und deine treffliche Mutter,<br />
Dreimal selig die Brüder! Ihr Herz muß ja immer von hoher<br />
Überschwenglicher Wonne bei deiner Schönheit sich heben,<br />
Wenn sie sehn, wie ein solches Gewächs zum Reigen einhergeht!<br />
Aber keiner ermißt die Wonne des seligen Jünglings,<br />
Der, nach großen Geschenken, als Braut zu Hause dich führet!<br />
&#8230; Also bewundre ich dich, und staun’, und zittre vor Ehrfurcht,<br />
Deine Kniee zu rühren! Doch groß ist mein Elend, o Jungfrau!</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Ihm antwortete drauf die lilienarmige Jungfrau:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Nausikaa:<br />
</em>Keinem geringen Manne noch törichten gleichst du, o Fremdling.<br />
Aber der Gott des Olympos erteilet selber den Menschen,<br />
Vornehm oder geringe, nach seinem Gefallen ihr Schicksal.<br />
Dieser beschied dir dein Los, und dir geziemt es zu dulden.<br />
Jetzt, da du unserer Stadt und unsern Gefilden dich nahest,<br />
Soll es weder an Kleidung, noch etwas anderm, dir mangeln,<br />
Was unglücklichen Fremden, die Hilfe suchen, gebühret.<br />
Zeigen will ich die Stadt, und des Volkes Namen dir sagen:<br />
Wir Phäaken bewohnen die Stadt und diese Gefilde.<br />
Aber ich selber bin des hohen Alkinoos’ Tochter,<br />
Dem des phäakischen Volkes Gewalt und Stärke vertraut ist.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Also sprach sie, und rief den schöngelockten Gespielen:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Nausikaa:<br />
</em>Mädchen, steht mir doch still! wo fliehet ihr hin vor dem Manne?<br />
&#8230; er kommt zu uns, ein armer irrender Fremdling,<br />
Dessen man pflegen muß. Denn Zeus gehören ja alle<br />
Fremdling&#8216; und Darbende an; und kleine Gaben erfreun auch.<br />
Kommt denn, ihr Mädchen, und gebt dem Manne zu essen und trinken;<br />
Und dann badet ihn unten im Fluß, wo Schutz vor dem Wind ist.<em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Also sprach sie. Da standen sie still, und riefen einander,<br />
Führten Odysseus hinab zum schattigen Ufer des Stromes,<br />
Wie es Nausikaa hieß, des hohen Alkinoos’ Tochter;<br />
Legten ihm einen Mantel und Leibrock hin zur Bedekkung,<br />
Gaben ihm auch geschmeidiges Öl in goldener Flasche,<br />
Und geboten ihm jetzt, in den Wellen des Flusses zu baden.<br />
Und zu den Jungfraun sprach der göttergleiche Odysseus:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Odysseus:<br />
</em>Tretet ein wenig beiseit’, ihr Mädchen, daß ich mir selber<br />
Von den Schultern das Salz abspül’, und mich ringsum mit Öle<br />
Salbe; denn wahrlich schon lang entbehr’ ich dieser Erfrischung!<br />
Aber ich bade mich nimmer vor euch, ich würde mich schämen,<br />
Nackend zu stehn, in Gegenwart schönlockiger Jungfraun.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Also sprach er, sie gingen beiseit’, und sagten’s der Fürstin.<br />
Und nun wusch sich im Strom der edle Dulder Odysseus. &#8230;<br />
Und nachdem er gebadet, und sich mit Öle gesalbet;<br />
Zog er die Kleider an, die Geschenke der blühenden Jungfrau.<br />
&#8230; Und er ging ans Ufer des Meers, und setzte sich nieder,<br />
Strahlend von Schönheit und Reiz. Mit Staunen sah ihn die Jungfrau.<br />
Leise begann sie, und sprach zu den schöngelockten Gespielen:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Nausikaa:<br />
</em>Höret mich an, weißarmige Mädchen, was ich euch sage!<br />
Nicht von allen Göttern verfolgt, die den Himmel bewohnen,<br />
Kam der Mann in das Land der göttergleichen Phäaken!<br />
Anfangs schien er gering und unbedeutend von Ansehn;<br />
Jetzo gleicht er den Göttern, des weiten Himmels Bewohnern.<br />
Würde mir doch ein Gemahl von solcher Bildung bescheret,<br />
Unter den Fürsten des Volks; und gefiel es ihm selber zu bleiben!<br />
Aber, ihr Mädchen, gebt dem Manne zu essen und trinken.«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"><br />
VI.<br />
Penelope</span></h4>
<p>Nausikaa sorgt dafür, dass Odysseus bei den Phaiaken gut aufgenommen wird. Nach einigen Tagen bringen sie ihn mit einem ihrer selbstnavigierenden Wunderschiffe auf die Insel Ithaka. Dort sind die Freier immer frecher geworden. Ihnen war aufgefallen, dass Penelope schon verdächtig lange an dem Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes webte. Sie bestechen eine von Penelopes Kammermädchen und erfahren, wie Penelope es über mehrere Jahre fertig brachte, den sausenden Webstuhl der Zeit anzuhalten. Penelope selbst gesteht später:<a href="#_edn44" name="_ednref44"><sup>[44]</sup></a></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Penelope:<br />
</em>Die Freier trieben mich immer zur Hochzeit, doch ich ersann eine List<br />
und sagte zu ihnen:<br />
Ihr Jünglinge, die ihr mich liebt, lasst mir Zeit und drängt auf<br />
Meine Vermählung nicht eher, als bis ich den Mantel,<br />
Welcher Laertes zum Leichengewande bestimmt ist, zu Ende gewebt hab.<br />
Denn wenn dem alten Laertes die finstere Stunde mit Todesschlummer umschattet,<br />
So soll hier keiner im Lande sagen, ich ließe den Schwiegervater<br />
uneingekleidet begraben, ihn, der einst so viele beherrschte.<br />
Also sprach ich mit List, und die Freier schenkten mir Glauben.<br />
Und also webte ich immer bei Tage am großen Gewande.<br />
Aber bei Nacht, wenn niemand mich sah, ging ich zum Webstuhl<br />
Und trennte alles beim Scheine der Fackeln auf.<br />
Also täuschte ich sie drei Jahre, und betrog sie.«</p>
<p>Als die Freier von der List erfahren, sind sie entrüstet und drängen auf die finale Entscheidung. Genau in dieser Situation landet Odysseus auf der Insel. Er verkleidet sich als Bettler, kommt zunächst auf dem Lande bei dem gutartigen Schweinehirten Eumaios unter und gibt sich dann seinem Sohn Telemach zu erkennen. Sie beide beschließen, an den Freiern furchtbare Rache zu nehmen. Odysseus besucht seine Frau Penelope, gibt sich aber nicht zu erkennen – was Teil seines Komplotts ist. Der Plan droht zu scheitern, weil Penelope den von ihr als Bettler angesehenen Odysseus von der alten Amme Eurykleia baden lässt. Eurykleia, die einst das Kindermädchen des Odysseus war, erkennt beim Baden ihren Liebling an einer Narbe, die er sich als Kind zugezogen hat.<a href="#_edn45" name="_ednref45"><sup>[45]</sup></a></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>»Diese betastete jetzo mit flachen Händen die Alte,<br />
Und erkannte sie gleich, und ließ den Fuß aus den Händen<br />
Sinken, er fiel in die Wanne; da klang die eherne Wanne,<br />
Stürzt’ auf die Seite herum, und das Wasser floß auf den Boden.<br />
Freud’ und Angst ergriffen das Herz der Alten: die Augen<br />
Wurden mit Tränen erfüllt, und atmend stockte die Stimme.<br />
Endlich erholte sie sich, und faßt ihn ans Kinn, und sagte:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Eurykleia:<br />
</em>Wahrlich du bist Odysseus, mein Kind! und ich habe nicht eher<br />
Meinen Herren erkannt, bevor ich dich ringsum betastet!</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Aber Odysseus faßte schnell mit der rechten Hand die Kehle der Alten,<br />
Und mit der andern zog er sie näher heran, und sagte:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Odysseus:<br />
</em>Mütterchen, mache mich nicht unglücklich! Du hast mich an deiner<br />
Brust gesäugt; und jetzo, nach vielen Todesgefahren,<br />
Bin ich im zwanzigsten Jahre zur Heimat wiedergekehret.<br />
Aber da du mich nun durch Gottes Fügung erkannt hast,<br />
Halt es geheim, damit es im Hause keiner erfahre!</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Ihm antwortete drauf die verständige Eurykleia:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Eurykleia:<br />
</em>Welche Rede, mein Kind, entfloh dem Zaun deiner Zähne?<br />
Weißt du nicht selbst, wie stark und unerschüttert mein Herz ist?<br />
Fest, wie Eisen und Stein, will ich das Geheimnis bewahren!«</p>
<p>Nachdem Eurykleia also zum Schweigen vergattert ist, beginnt alsbald ein wirklich schreckliches Rachetribunal. Odysseus, Telemach und der Schweinehirt richten ein Blutbad an. Alle Freier sterben, alle untreuen Hausdienerinnen werden an einer Leine aufgehängt und ihre Leichen flattern wie Wäsche im Wind. Penelope erkennt Odysseus in einem sehr rührenden Dialog über das Ehebett, das Odysseus vor der Hochzeit selbst aus einem Olivenbaum gebaut hat; in einer langen Nacht weinen sich die beiden nach Herzenslust aus, und ganz am Schluss geht Odysseus aufs Feld, wo er seinen alten Vater Laertes findet, der die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seinem Sohn längst aufgegeben hat.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>»Und den alten Laertes fand Odysseus im schöngeordneten Fruchthain.<br />
Um ein Bäumchen die Erd&#8216; auflockern. Ein schmutziger Leibrock<br />
Deckt’ ihn, geflickt und grob; und seine Schenkel umhüllten<br />
Gegen die ritzenden Dornen geflickte Stiefeln von Stierhaut;<br />
Und Handschuhe die Hände der Disteln wegen; die Scheitel<br />
Eine Kappe von Ziegenfell: so traurte sein Vater.<br />
Als er ihn jetzo erblickte, der herrliche Dulder Odysseus,<br />
Wie er vom Alter entkräftet und tief in der Seele betrübt war;<br />
Sah er ihm weinend zu im Schatten des ragenden Birnbaums &#8230;«</p>
<p>Odysseus will den Vater überraschen und erzählt ihm zuerst eine Lügengeschichte: Er sei ein Reisender, der zufällig nach Ithaka gekommen sei und seinen alten Freund Odysseus suche. Laertes antwortet, sein einziger Sohn sei längst tot, der liebe Odysseus:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Laertes:<br />
</em>»&#8230; den fern von der Heimat und seinen Geliebten<br />
Schon die Fische des Meeres verzehreten, oder zu Lande<br />
Vögel und Tiere zerrissen! Ihn hat die liebende Mutter<br />
Nicht einkleidend beweint, noch der Vater, die wir ihn zeugten;<br />
Noch sein edles Weib, die keusche Penelopeia,<br />
Schluchzend am Sterbebette des lieben Gemahles gejammert,<br />
Und ihm die Augen geschlossen: die letzte Ehre der Toten! &#8230;<em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Sprach’s; und siehe er nahm mit den Händen des dürren Staubes, und streut’ ihn<br />
Über sein graues Haupt, und weint’ und jammerte herzlich.<br />
Aber Odysseus ergrimmte im Geist, und es schnob in der Nase<br />
Ihm der erschütternde Schmerz, beim Anblick des liebenden Vaters.<br />
Küssend sprang er hinzu mit umschlingenden Armen, und sagte:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Odysseus:<br />
</em>Vater, ich bin es selbst, mein Vater, nach welchem du fragest,<br />
Bin im zwanzigsten Jahre zur Heimat wiedergekehret!<br />
Darum trockne die Tränen, und hemme den weinenden Jammer!</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Ihm antwortete drauf sein alter Vater Laertes:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Laertes:<br />
</em>Bist du denn wirklich, mein Sohn Odysseus, wiedergekommen;<br />
Lieber, so sage mir doch ein Merkmal, daß ich es glaube!</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Odysseus:<br />
</em>Erstlich betrachte hier mit deinen Augen die Narbe,<br />
Die ein Eber mir einst mit weißem Zahne gehauen,<br />
Ferne von hier am Parnassos: denn du und die treffliche Mutter<br />
Sandtet mich dort zu Autolykos hin, die Geschenke zu holen,<br />
Die mir bei der Geburt ihr besuchender Vater verheißen.<br />
Jetzo will ich dir auch die Bäume des lieblichen Fruchthains<br />
Nennen, die du mir einst auf meine Bitte geschenkt hast;<br />
Denn ich begleitete dich als Knab’ im Garten; wir gingen<br />
Unter den Bäumen umher, und du nanntest und zeigtest mir jeden.<br />
Dreizehn Bäume mit Birnen, und zehn voll rötlicher Äpfel<br />
Schenktest du mir, und vierzig der Feigenbäume. &#8230;</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Homer:<br />
</em>Also sprach er; und jenem erzitterten Herz und Kniee,<br />
Als er die Zeichen erkannte, die ihm Odysseus verkündet.<br />
Seinen geliebtesten Sohn umarmend, sank er in Ohnmacht<br />
An sein Herz; ihn hielt der herrliche Dulder Odysseus.<br />
Als er zu atmen begann, und sein Geist dem Herzen zurückkam;<br />
Da erhub er die Stimme, und rief mit lautem Entzücken:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Laertes:<br />
</em>Vater Zeus! ja noch lebt ihr Götter im hohen Olympos!«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"><br />
VII.<br />
Schlusswort</span></h4>
<p>Man hat mir vielleicht angemerkt, dass ich ein Freund der <em>Odyssee</em> bin. Trotzdem höre ich jetzt auf, obwohl noch unendlich viel zu sagen wäre. Man kann vielleicht einwenden, meine Beobachtungen zu Textilien in der <em>Odyssee</em> seien letztlich wenig überraschend, ja sogar banal. Schließ­lich sei das Geschäft der Frauen in der damaligen Zeit eben durchweg stark von Bekleidungsfragen geprägt gewesen und das der ägäischen Män­ner von Lanzenkunde und Nautik. Ich glaube, das trifft zu. Aber Homers Kunst, wenn nicht die Kunst des Dichters überhaupt, besteht gerade darin, von dem zu sprechen, was jeder kennt, von Badewannen und Spindeln, und damit zugleich und eigentlich die großen Menschheitsthemen zu berühren, seien es Flucht oder Kriegsheimkehr, Eifersucht oder Hass, Hunger, Seenot, Inseldasein und Verführung, Al­ter, Armut, Unterweltsbesuch, Vatersuche, Hass, Erotik, Dichtung und natürlich Liebe. Und vielleicht ist das alles oder wenigstens die Liebe manchmal auch eine Bekleidungsfrage und das Dichten, wie Sappho sagte, immer ein Weben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Anmerkungen:</span></p>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>    Nämlich um 1200 vor Christus, als Völker aus dem Norden ins griechische Festland einfielen und die jonische Urbevölkerung ihrerseits an die kleinasiatische Mittelmeerküste floh.<br />
<a href="#_ednref2" name="_edn2">[2]</a>    Od. 17, 291 ff.<br />
<a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a>    Od. 1, 56.<br />
<a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a>    Die Frage, wie man Altgriechisch zu Homers Zeiten aussprach, dürfte sich mangels primärer Beweismittel heute nicht mehr klären lassen. Der Gedanke, dass man, wie es im Neugriechischen anscheinend der Fall ist, alle Diphtonge, die ein jota enthalten, mehr oder weniger unterschiedslos mit dem Lautwert eines langen deutschen i zu sprechen hätte, gefällt mir nicht besonders, auch wenn er von muttersprachlichen Griechen favorisiert werden sollte.<br />
<a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a>    Für die Zwecke dieses Vortrags habe ich die deutsche Übersetzung von Johann Heinrich Voß (1751–1826) gewählt. Sie ist für den heutigen Sprachgeschmack nicht ganz so leicht direkt verständlich wie einige der modernen Versionen; eben diese gewisse Fremdheit, verbunden mit der fast gesanglichen Rhythmik und der sprachlichen Würde, bietet aber, so hoffe ich, für den Literaturfreund des 21. Jahrhunderts ein gutes Äquivalent für den Genuss, den die alten Griechen am gesungenen Text gehabt haben mögen.<br />
<a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a>    Πλέων ἐπὶ οἴνοπα πόντον ἐπ ἀλλοθρόους ἀνθρώπους – zu lesen über dem Eisernen Steg in Frankfurt am Main.<br />
<a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a>    Od. 9, 152.<br />
<a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a>    Od. 1, 64.<br />
<a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a>    Od. 1, 170.<br />
<a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a>   τῷ οἱ ἐπεκλώσαντο ϑεοὶ οἶκόνδε νέεσϑαι.<br />
<a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a>   Platon, <em>Politikos</em> 308b–311c.<br />
<a href="#_ednref12" name="_edn12">[12]</a>   Anna Stenmanns, <em>Penelope in Drama, Libretto und bildender Kunst der frühen Neuzeit, Münster 2013</em>, S. 34 ff.<br />
<a href="#_ednref13" name="_edn13">[13]</a>   Manche sagen, das heiße auf Deutsch »Versprechen«; in Wilhelm Gemolls 1908 zuerst erschienenem <em>Griechisch-Deutschen Schul- und Handwörterbuch</em> (7. Auflage 1959) steht: Gatte und Bürgschaft; jedenfalls scheint es ein aus zwei Wurzeln gewachsenes Wort zu sein, <em>hom-</em> ›gleich‹ und <em>ar-</em> ›fügen, passen(d machen)‹.<br />
<a href="#_ednref14" name="_edn14">[14]</a>   <em>Dem Homeer seng Odyssee op lëtzebuergesch</em>. Iwersat aus dem altgriechischem vum Henri Muller. 6 vol., 2008.<br />
<a href="#_ednref15" name="_edn15">[15]</a>   Od. 20, 72; Athene musste sich diesen Status erkämpfen, was, wie wir von Ovid wissen, im Wettstreit mit Arachne geschah; als Athene gesiegt hatte, ließ sie Arachne (die ein respektloses Bild der olympischen Götter gewebt hatte) zwar am Leben, verwandelte sie aber in eine Spinne, Ovid, Metam. 6, 1–145.<br />
<a href="#_ednref16" name="_edn16">[16]</a>   Od. 1, 131; 8, 96 und öfter.<br />
<a href="#_ednref17" name="_edn17">[17]</a>   Od. 1, 334; 16, 416; 18, 209; 21, 65.<br />
<a href="#_ednref18" name="_edn18">[18]</a>   Od. 16, 199.<br />
<a href="#_ednref19" name="_edn19">[19]</a>   Od. 24, 96: Odysseus findet seinen traurigen Vater Laertes bei der Landarbeit mit geflickten Stiefeln und einer Kappe aus Ziegenfell.<br />
<a href="#_ednref20" name="_edn20">[20]</a>   Od. 19, 218 ff. 23, 95: wenn einer das Falsche anhat, wird er verkannt.<br />
<a href="#_ednref21" name="_edn21">[21]</a>   Od. 2, 338 ff.: Aber Telemachos stieg ins hohe weite Gewölbe / Seines Vaters hinab, wo Gold und Kupfer gehäuft lag, /Prächtige Kleider in Kasten, und Fässer voll duftendes Öles. / Allda stunden auch Tonnen mit altem balsamischen Weine, / Welche das lautre Getränk, das süße, das göttliche, faßten &#8230;<br />
<a href="#_ednref22" name="_edn22">[22]</a>   Od. 14, 341 ff.<br />
<a href="#_ednref23" name="_edn23">[23]</a>   Od. 3, 274: Aigisthos verführt Klytemnestra mit süßen Worten, Gold und feinem Gewebe; Od. 18, 291 ff.: die Geschenke der Freier für Penelope: »ein prächtiges blumengesticktes/ Großes Frauengewand: zwölf schöne goldene Häklein / Waren daran, und faßten in schöngebogene Ösen. / Für Eurymachos bracht’ er ein köstliches Halsgeschmeide, / Lauteres Gold, mit Ambra besetzt, der Sonne vergleichbar. / Für Eurydamas brachten zwei Ohrgehenke die Diener, / Dreigestirnt, und künstlich gemacht, mit strahlender Anmut. / Aus Peisandros’ Palast, des polyktoridischen Königs, / Brachte der Diener ein reiches und lieblichschimmerndes Halsband.«<br />
<a href="#_ednref24" name="_edn24">[24]</a>   Od. 5, 38; 8, 390; 8, 440; 13, 10; 15, 103 ff.: »und Helena trat zu den Kisten, /Wo sie die schönen Gewande verwahrt, die sie selber gewirket. / Eines von diesen nahm die Königin unter den Weibern, / Welches das größeste war und reichste an künstlicher Arbeit: / Hell wie ein Stern, so strahlt’ es, und lag von allen zu unterst.« 14, 320: »manchmal muss man als Gast den Gastgeber allerdings erst auf die Idee bringen, einen schönen Mantel rauszurücken, so macht es Odysseus mit dem göttlichen Sauhirten Eumaios.« Od. 14, 459 ff.<br />
<a href="#_ednref25" name="_edn25">[25]</a>   Od. 14, 132; 17, 550.<br />
<a href="#_ednref26" name="_edn26">[26]</a>   Od. 3, 348.<br />
<a href="#_ednref27" name="_edn27">[27]</a>   Od. 13, 430; 18, 4119, 72.<br />
<a href="#_ednref28" name="_edn28">[28]</a>   Was andererseits die, soweit vorhanden, Schönheit und Kraft ihrer Lenden betont, Od. 18, 66.<br />
<a href="#_ednref29" name="_edn29">[29]</a>   Od. 19, 101.<br />
<a href="#_ednref30" name="_edn30">[30]</a>   Od. 8, 160.<br />
<a href="#_ednref31" name="_edn31">[31]</a>   Od. 14, 510 ff.<br />
<a href="#_ednref32" name="_edn32">[32]</a>   Od. 3, 465; 4, 48; 8, 440; 17, 85.<br />
<a href="#_ednref33" name="_edn33">[33]</a>   Od. 4, 115.<br />
<a href="#_ednref34" name="_edn34">[34]</a>   Z. B. Od. 7, 260,<br />
<a href="#_ednref35" name="_edn35">[35]</a>   Od. 4, 295; sogar im Schiff auf der Überfahrt von der Phäakeninsel nach Ithaka wird Odysseus auf Pfühlen unter warmen Decken gebettet: 13, 73.<br />
<a href="#_ednref36" name="_edn36">[36]</a>   Od. 4, 305.<br />
<a href="#_ednref37" name="_edn37">[37]</a>   Od. 5, 232; 10, 545.<br />
<a href="#_ednref38" name="_edn38">[38]</a>   Od. 5, 335 ff.<br />
<a href="#_ednref39" name="_edn39">[39]</a>   Od. 10, 222.<br />
<a href="#_ednref40" name="_edn40">[40]</a>   Der heutige Botaniker spricht von »Zierlauch« oder »schwarzem Lauch« lat. allium nigrum.<br />
<a href="#_ednref41" name="_edn41">[41]</a>   Od. 5, 82.<br />
<a href="#_ednref42" name="_edn42">[42]</a>   Od. 5, 59.<br />
<a href="#_ednref43" name="_edn43">[43]</a>   Od. 5, 195 ff.<br />
<a href="#_ednref44" name="_edn44">[44]</a>   Od. 19, 137.<br />
<a href="#_ednref45" name="_edn45">[45]</a>   Od. 19, 467.</p>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Der Weg entsteht im Gehen (2016)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/der-weg-entsteht-im-gehen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jan 2016 10:41:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Weg entsteht im Gehen Über den Dichter Antonio Machado Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Nachdem die Spanier von 1808 bis 1813 gegen die napoleonische Beset­zung gekämpft hatten, leisteten sie sich 6 Jahrzehnte lang die sogenann­ten Carlistenkriege, Bürgerkriege, in denen der katholische, absolutisti­sche Monarchismus mit jenem liberalen, republikanischen, ja anarchisti­schen Spanien kämpfte, das man auch das [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literarisches/Der-Weg-entsteht-im-Gehen.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1>Der Weg entsteht im Gehen</h1>
<h3>Über den Dichter Antonio Machado</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="CSS-Grundtext-ohne-Einzug"><span class="dropcap">N</span>achdem die Spanier von 1808 bis 1813 gegen die napoleonische Beset­zung gekämpft hatten, leisteten sie sich 6 Jahrzehnte lang die sogenann­ten Carlistenkriege, Bürgerkriege, in denen der katholische, absolutisti­sche Monarchismus mit jenem liberalen, republikanischen, ja anarchisti­schen Spanien kämpfte, das man auch das andere Spanien genannt hat.</p>
<p class="CSS-Grundtext-mit-Einzug">1873 wurde die Republik ausgerufen – und nach einem Jahr wieder abge­schafft. Eine Zeit konstitutioneller Monarchie begann, in der sich – unter Ausschluss der Arbeiterschaft – eine permanente große Koalition aus Konservativen und Liberalen die Macht teilte; diese gewisse Behaglich­keit der Verhältnisse endete jedoch bereits 1898. Mit der militäri­schen Niederlage gegen die USA und dem Verlust Kubas waren die jahrhundertealten Träume von der katholischen Weltherrschaft aus­ge­träumt. Das marode, von Arbeiteraufständen immer wieder erschüt­terte System hielt sich erstaunlich lange, bis 1923. Dann putschte sich ein General an die Spitze der Regierung. Primo de Rivera wurde anfangs von Teilen der Intelligenz und der Arbeiterschaft gestützt. Das ging 8 Jahre recht und schlecht. 1931 ließ König Alfons XIII. Wahlen ausschrei­ben. Die Linke errang einen großen Sieg. Der König ging ins Exil, die Republik wurde erneut ausgerufen. Die Volksfront führte die Zivilehe ein, erließ Unabhängigkeitsstatute für Galizien, das Baskenland und Katalo­nien, und sie beschnitt die Privilegien der Kirche, vor allem im Erziehungswesen. Putschisten aus dem militärisch-klerikalen Komplex scheiterten, ein liberal-konservatives Zwischenspiel in der Regierung ebenfalls. Bei den Wahlen Anfang 1936 siegte erneut die aus Sozialdemo­kra­ten, Kommunisten und Linksliberalen gebildete Volks­front. Das war zuviel für das alte Spanien. Die Falangisten unter Fran­cisco Franco mach­ten mobil und zielten ins republikanische Herz: Sie ließen die National­bibliothek in Madrid bombardieren und am 19. Au­gust 1936 den jungen Dichter Federico Garcia Lorca ermorden.</p>
<p class="CSS-Grundtext-mit-Einzug">Unsere Geschichte beginnt zweieinhalb Jahre später im französischen Teil Kataloniens. Es ist die Geschichte eines Dichters, dessen Herz dem Volk gehört, die Geschichte eines einfachen Herzens in kriegerischen Zeiten.</p>
<p class="CSS-Gedicht" style="padding-left: 30px;"><em>&#8230; wie ein verirrter Hund, der keine</em><br />
<em> Spur hat und nicht riechen kann und irrt</em><br />
<em> die Wege ohne einen Weg zu wissen,</em><br />
<em> wie ein Kind, das nachts auf einer Fiesta</em></p>
<p class="CSS-Gedicht" style="padding-left: 30px;"><em>sich verliert zwischen den Leuten</em><br />
<em> und der Staubluft, dem Geglitzer</em><br />
<em> der Lichter, fassungslos, das Herz</em><br />
<em> bestürzt von Schrecken und Musik,</em></p>
<p class="CSS-Gedicht" style="padding-left: 30px;"><em>so geh ich, trüber Trunkenbold</em><br />
<em> mondsüchtig, Musikant, Poet,</em><br />
<em> der arme Mensch in Träumen</em><br />
<em> und suche Gott im Nebel.</em></p>
<h4 style="text-align: justify;"><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Das erste Kapitel: Collioure</span></h4>
<p>Aus dem Bericht des Herrn Jacques Baills, weiland stellvertretender Bahn­hofsvorsteher der Stadt Collioure im Département Pyrénées-Orienta­les, über seine Erlebnisse bei der Ankunft des Nachmittagszuges aus Port Bou am 28. Januar 1939: »Es war halb sechs nachmittags, als der Zug in den Bahnhof einlief, überfüllt mit Leuten aus Spanien. Und ich sah da vier Personen stehen, alle in Schwarz, komplett schwarz. Eine von ihnen fragte mich, ob es in Collioure ein Hotel gebe, wo sie unterkom­men könnten. Und ich nannte ihnen das Bougnol-Quintana, das einzig passable Hotel, das es damals gab, wo ich auch selber wohnte. Ich sagte ihnen, dass sie einfach die Straße runter gehen sollten, bis sie endet, wo ein kleiner Platz war, und dass sie sich da rechts halten sollten und dann stehen sie vor dem Hotel. Später erfuhr ich dann, dass sie doch nicht direkt zum Hotel gegangen sind.«</p>
<p>Die vier Personen in Schwarz waren eine zierliche Greisin, eine jün­gere Frau und zwei Männer um die 60. Es regnete fürchterlich, von den Pyrenäen pfiff der Wind aufs Mittelmeer, es war kalt und dunkel. Ein Mitreisender, der die vier Spanier auf dem Weg in die Stadt begleitete, erinnert sich: »Der eine von den &#8230; Männern konnte schlecht gehen, der andere musste ihn stützen, die alte Dame konnte gar nicht gehen, die jüngere Frau trug das Gepäck. &#8230; Ich nahm die Alte auf die Arme und trug sie die Straße hinunter, sie war leicht wie ein Kind, und sie flüsterte mir immer wieder dieselbe Frage ins Ohr: ›Ist es noch weit nach Sevilla?‹«</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Caminante son tus huellas</em><br />
<em> el camino nada más;</em><br />
<em> caminante no hay camino,</em><br />
<em> se hace camino al andar.</em><br />
<em> Al andar se hace camino,</em><br />
<em> y al volver la vista atrás</em><br />
<em> se ve la senda que nunca</em><br />
<em> se ha de volver a pisar.</em><br />
<em> Caminante, no hay camino,</em><br />
<em> sino estelas sobre el mar.</em></p>
<p>Bericht von Juliette Figueres, Geschäftsfrau in Collioure, die am 28. Ja­nuar 1939 gegen 18.00 Uhr auf der Schwelle ihres Strickwarenladens stand, einen Steinwurf vom Markt und vom Hafen entfernt, in dem die Boote auf dem brodelnden Wasser schaukelten: »Es war kalt und es reg­nete. &#8230; Sie fragten, ob sie reinkommen könnten, um sich einen Moment auszuruhen. Ja, sagte ich, setzen Sie sich doch. Ich gab ihnen einen Milch­kaffee. Die alte Frau war die Mutter der beiden Herren. Ach, sie war sehr müde, sie konnte nicht sprechen. Der eine Herr fragte, ob es kein Taxi gebe und wo ein Hotel wäre. ›Das Hotel ist direkt hier gegen­über auf der anderen Seite des Flüßchens! Aber Sie sehen, die Brücke ist überflutet von dem furchtbaren Regen, Sie müssen einen Umweg gehen, über den Friedhof.‹ Mein Mann sagte ›Ich werde zur Autowerkstatt ge­hen und fragen, ob einer sie fahren kann.‹ Und einer von ihnen ging mit ihm und ich unterhielt mich mit den anderen &#8230;, der eine sprach ganz gut Französisch &#8230; Dann kam das Taxi und sie bedankten sich &#8230; und dann fuhren sie zum Hotel.«</p>
<p>Weiter aus dem Bericht des stellvertretenden Bahnhofsvorstehers Jac­ques Baills, der ebenfalls im Hotel Quintana wohnt und nebenher die Hotelinhaberin bei der Buchhaltung unterstützt: »Zwei oder drei Tage nach ihrer Ankunft – es muss wohl der 30. oder 31. Januar 1939 gewesen sein – ging ich die Gästeliste durch und sah den Namen Antonio Machado, Beruf Lehrer. Das machte mich stutzig und ich erinnerte mich, dass ich in der Abendschule, einige Zeit vorher, im Spanisch-Unter­richt Gedichte von jenem berühmten Antonio Machado gelesen hatte. &#8230;</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Wanderer, nur deine Spuren</em><br />
<em> sind der Weg, und weiter nichts;</em><br />
<em> Wanderer, es gibt keinen Weg,</em><br />
<em> Der Weg entsteht im Gehen.</em><br />
<em> Im Gehen entsteht der Weg</em><br />
<em> Und wenn man zurückschaut</em><br />
<em> dann sieht man einen Pfad</em><br />
<em> den man nie wieder betreten wird.</em><br />
<em> Wanderer es gibt keinen Weg</em><br />
<em> nur das Kräuseln des Kielwassers auf dem Meer.</em></p>
<p>&#8230; Und so ging ich zu ihm hin und fragte, ob er der Dichter Antonio Machado sei. Und er, ohne eine Miene zu verziehen und ohne das lei­seste Lächeln, sagte, Ja, der bin ich. &#8230; Und von da an ging ich nach je­dem Abendessen an ihren Tisch, setzte mich dazu und unterhielt mich ein bißchen mit ihm und seinem Bruder und dem Mütterchen und der Schwägerin &#8230;«</p>
<p>»Ich will euch jetzt das wichtigste Ereignis meiner Lebensgeschichte er­zählen. Ich war noch sehr klein und ging, eine Zuckerstange in der Hand, mit meiner Mutter. Es war in Sevilla an einem lange zurückliegen­den Weihnachtstag. Nicht weit von mir ging eine andere Mutter mit einem anderen Kinde, das seinerseits eine andere Zuckerstange trug. Ich war ganz davon überzeugt, meine Zuckerstange wäre die größere. O so sehr überzeugt! Gleichwohl fragte ich meine Mutter – denn die Kinder suchen selbst für ihre festen Überzeugungen eine Bestätigung –: ›Meine ist größer, nicht wahr?‹ ›Nein, mein Kind‹ erwiderte meine Mutter – ›wo hast du bloß deine Augen?‹ Genau das ist es, was ich mich mein ganzes Leben lang gefragt habe.«</p>
<p>»Wir gingen zum Strand. Da setzten wir uns in eines der Boote, die dort im Sand lagen. Die Mittagssonne war schon ein bißchen warm. Es war dieser einzigartige Augenblick, in dem man sagen könnte, dass der Körper seinen Schatten unter den Füßen begräbt. Es war ziemlich win­dig, aber er nahm den Hut ab und legte ihn mit einer Hand aufs Knie, während er sich mit der anderen, in seiner üblichen Art, auf den Griff seines Stocks stützte. So verharrte er, versunken und schweigsam gegen­über dem unablässigen Kommen und Gehen der Wellen, die sich uner-müd­lich hin und her bewegten, als ob sie verflucht wären niemals ruhen zu können. Am Ende eines langen Nachdenkens zeigte er auf eines der Fischerhäuschen und sagte zu mir: Wer hinter einem dieser Fenster hier leben könnte, frei von allen Sorgen. Dann nahm er alle Kraft zusam­men und erhob sich und ging mühsam durch den Treibsand, in dem die Füße nahezu vollständig versanken und wir kehrten in tiefem Schweigen zurück zum Hotel.«</p>
<p>»Ein anderes Vorkommnis in meinem Leben, ebenfalls wichtig, trug sich vor meiner Geburt zu. Es geschah nämlich, daß einige Delfine, die, von den Gezeiten verwirrt, vom Wege abgekommen waren, erst in den Guadalquivir und so, gegen den Strom schwimmend, nach Sevilla gerie­ten. Aus der ganzen Stadt kamen die Leute ans Ufer, angezogen von dem un­gewöhnlichen Spektakel, feine junge Damen und vornehme junge Herren, unter ihnen auch jene beiden, die meine Eltern wurden. Hier sahen sie sich zum ersten Mal. Es war ein sonniger Spätnachmittag, wie ich einmal mich zu erinnern träumte.«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Zweites Kapitel: Sevilla</span></h4>
<p>Antonio Machado wurde 1875 in Sevilla geboren und wuchs im Palacio de las Dueñas auf, mitten in Sevilla gelegen, heute calle Dueñas No 5. Eigentümer dieses mit schattigen Säulengängen und Zitronenbäumen reich ausgestatteten, vom Plätschern der Brunnen und vom Gesang der Vögel erfüllten, wenn auch leicht abgewohnten Palastes war der 15. Her­zog von Alba: Jakob Luis Rafael Franz Paul Fitz-James Stuart und Venti­milla Alvarez de Toledo Beaumont und Navarra – um nur ein Zehn­tel seiner klangvollen Namen und Titel zu nennen. Natürlich kann so ein Mann nicht alle seine Paläste persönlich bewohnen und diesen in Sevilla teilte er deshalb in elf pisos auf und vermietete sie an ehrbare und bescheidene Bürger, vor allem an Künstler und Intellektuelle, wie die etwas unübersichtliche Großfamilie Machado.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Der hinfällige Zitronenbaum neigt</em><br />
<em> einen staubigen Zweig</em><br />
<em> über den Zauber des reinen Brunnens,</em><br />
<em> und dort in der Tiefe träumen</em><br />
<em> goldene Früchte &#8230;</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Ein klarer Nachmittag,</em><br />
<em> fast schon Frühling,</em><br />
<em> ein lauer und sehr später Nachmittag im April</em><br />
<em> beinah mit dem Duft des Mai;</em><br />
<em> und ich bin allein, im stillen Hof,</em><br />
<em> und fahnde nach dem Bild einer alten kindlichen Sehnsucht &#8230;,</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Ja, du froher und klarer Nachmittag, ich erinnere mich</em><br />
<em> an dich fast wie an einen Frühling,</em><br />
<em> Nachmittag ohne Blüten, als Du mir brachtest</em><br />
<em> den guten Geruch von Minze</em><br />
<em> und Königskraut,</em><br />
<em> das meine Mutter im Topf zog.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Daß du mich sahst, wie ich meine sauberen Hände</em><br />
<em> in das heitere Wasser tauchte,</em><br />
<em> um die Zauberfrüchte zu befreien</em><br />
<em> die heute am Grunde des Brunnens träumen &#8230;</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Ja, ich kenne dich, froher und klarer Nachmittag,</em><br />
<em> fast schon ein Frühling.</em></p>
<p>Machados Vater nannte sich Demofilo, Freund des Volkes. Er war Jurist und einer der ersten Flamencologen; er sammelte die Volkslieder Andalu­siens. Vor allem aber war er ein idealistischer Grübler und Projekte­macher und bedauerlicherweise ein miserabler Kaufmann. Er gründete mit Freunden eine Reformschule, das Instituto libre de Enseñan­za in Madrid, wo man nicht strafte und viel im Freien unterrich­tete. Auch Antonio Machado und seine Brüder besuchten das Institut.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Drittes Kapitel: Madrid</span></h4>
<p>»&#8230; Die Erinnerungen an meine Geburtsstadt Sevilla sind die Erinnerun­gen an ein kleines Kind. Denn schon mit 8 Jahren kam ich nach Madrid, wohin meine Eltern umzogen und ich wurde im Instituto Libre erzogen. Für meine Lehrer bewahre ich bis heute eine lebhafte Erinnerung und große Dankbarkeit. Die Zeiten des Heranwachsens und der Jugend sind madrilenisch. Mein Vater starb früh. Ich bin dann etwas herumgereist durch Spanien und durch Frankreich. 1907 bekam ich eine Lehrerstelle für Französisch, die ich fünf Jahre lang in Soría versah &#8230; Meine Hobbys sind Spazierengehen und Lesen.«</p>
<p>Eine besondere Leidenschaft für bürgerlich geordnete Erwerbsarbeit ist weder bei Antonio Machado selbst noch sonst in seiner Familie auffäl­lig geworden. Bei den Machados war fröhliches, geistreiches, liederrei­ches Leben in großer Familie – Machado hatte acht Geschwister – man redete, dichtete, stritt, man malte und sang.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>He andado muchos caminos</em><br />
<em> he abierto muchas veredas &#8230;</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Viele Wege bin ich gewandert,</em><br />
<em> viele Pfade hab ich gefunden;</em><br />
<em> auf hundert Meeren bin ich gesegelt,</em><br />
<em> an hundert Küsten bin ich gelandet.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Überall sah ich</em><br />
<em> Karawanen der Trauer,</em><br />
<em> Hochmütige und Schwermütige,</em><br />
<em> die Trunkenen vom schwarzen Schatten,</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Und vermummte Pedanten,</em><br />
<em> die umherspähen, schweigen und denken,</em><br />
<em> sie kennen die Welt, weil sie den Wein</em><br />
<em> der Tavernen nicht trinken.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Ein übles Volk das wandert</em><br />
<em> und die Erde verpestet &#8230;</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Und überall sah ich</em><br />
<em> Leute die tanzen und spielen,</em><br />
<em> wenn sie können, und bearbeiten</em><br />
<em> die Handbreit Erde, die ihnen gehört.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Niemals, wenn sie an einen Ort kommen,</em><br />
<em> fragen sie, wohin sind wir gekommen.</em><br />
<em> Wenn sie fortziehen, reiten sie</em><br />
<em> auf dem Rücken eines alten Esels.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Sie kennen keine Eile,</em><br />
<em> schon gar nicht an Feiertagen.</em><br />
<em> Wo es Wein gibt, trinken sie Wein;</em><br />
<em> wo nicht, frisches Wasser.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Es sind gute Leute, sie leben,</em><br />
<em> arbeiten, ziehen fort und träumen,</em><br />
<em> und an einem Tag, der wie viele andere ist,</em><br />
<em> gehen sie sich ausruhen unter der Erde.</em></p>
<p>Antonio Machado war nicht faul, das wollen wir nicht gesagt haben, er war eigentlich immer tätig, wenn auch nicht gegen Geld. Nach dem Abi­tur studierte er, kam aber einstweilen nicht zu einem ordentlichen Ab­schluss. Er verbrachte seine Tage in der Nationalbibliothek, ging abends ins Cafe, traf sich im Freundeskreis, »tertulia« heißt so ein lockerer Zirkel im Spanischen, da plauderte und politisierte und philosophierte er mit seinen Brüdern und Freunden, rauchte und schrieb und rauchte und schrieb, vor allem Gedichte. Er lebte mit seinem Bruder Manuel Machado einige Zeit in Paris, hörte Vorlesungen bei Henri Bergson und lernte Paul Verlaine kennen. Indessen wurde die wirtschaftliche Lage der Machados immer prekärer. Der Dichter Juan Ramon Jiménez gehörte zeitweise zu Machados Tertulia.</p>
<p>»Ich trat in eine Wohnung ein, in der es nur die Reste eines Tisches gab, also gut, es war etwas, das früher einmal ein Tisch gewesen sein muss, und es gab einen alten Kerzenleuchter, ohne Kerze, und von da aus ging ich in das Zimmer, wo sie waren und Antonio sagte, ›Setz Dich, Ramon, setz Dich doch!‹ Und ich sah mich um und sah einen Lehnsessel, der ein Loch hatte, so dass man sich nicht reinsetzen konnte und da war noch ein Sessel, auf dem saß eine Katze mit ihren Jungen und noch einen Ses­sel, darauf war … nun ja, es war ein Spiegelei darauf, das muss schon länger da gewesen sein, es war ganz trocken und klebte ziemlich fest.«</p>
<p>Zu dieser Zeit, erzählte Jiménez später, war bei Antonio die aller­größte Gleichgültigkeit gegenüber seinen Lebensumständen zu bemer­ken.</p>
<p>»Er trug einen uralten Mantel, der jegliche Farbe verloren hatte und an dem nur noch eine der beiden Knopfreihen ein oder zwei Knöpfe aufwies, die meistens auch noch verkehrtrum zusammengeknöpft waren, darunter trug er eine Hose, die mit einer Kordel zusammengebunden war, ebenso wie die Hemdmanschetten mit Watte statt mit Manschetten­knöpfen zusammenhielten … Als er mich mit seinen Freunden im Sanato­rium besuchte, haben die ordentlichen und reinlichen Nönnchen regelrecht gelitten, als sie mich in der Gesellschaft dieser Typen sahen und sie fragten, warum ich solche Leute empfinge. Wenn man mit An­tonio gegangen war, konnte man immer genau erkennen, welchen Weg man genommen hatte, weil er Spuren hinterließ, wo er ging und stand, Brotkrümel, Tabakskrümel und Asche und abgekautes Papier, er kaute ständig Papier &#8230; Manchmal sagte er, er werde jetzt ein Gedicht vorlesen. Dann holte er aus der Tasche einen schmutzigen Zettel, der mehrfach gefaltet war, fieselte ihn auseinander und dann hatte der Zettel in der Mitte ein Loch, gerade da, wo das Gedicht stand, und das Loch hatte er selbst gemacht, weil Antonio aus Versehen auch an diesem Papier gekaut hatte und so hatte er sein Gedicht aufgegessen und konnte es nicht vorle­sen. &#8230;«</p>
<p>Über die Zeit um 1905 schrieb Antonios Bruder José, der freischaffen­der Maler war, später: »Die Armut hatte ihren Höhepunkt erreicht. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass wir etwas dagegen unternehmen mussten. Man zog (nun ernstlich) in Betracht zu arbeiten. Antonio wollte sich bei der Spanischen Nationalbank als Schreiber bewerben. Sein Pech: Er hatte eine völlig unleserliche Schrift. Also nahm er Kurse in Schrei­ben, der Schriftsteller von 29 Jahren. Er hat nie eine Stelle bei der Spani­schen Staatsbank angenommen. Er hat sich noch nicht einmal beworben. Aber er hat etwas erworben, nämlich eine schöne Schrift, von der er Gebrauch machte, wenn er deutlich abschreiben wollte.«</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Geheimnisvoll und schweigsam</em><br />
<em> kam er mir immer vor.</em><br />
<em> Sein Blick war so tief,</em><br />
<em> daß man ihn kaum sah.</em><br />
<em>Wenn er sprach, war da ein Beiklang</em><br />
<em> von Schüchternheit und Adel.</em><br />
<em> Und das Licht seiner Gedanken</em><br />
<em> sah man fast immer leuchten.</em><br />
<em> Er war hell und tief</em><br />
<em> und ein Mann von Treu und Glauben.</em><br />
<em> Er war ein Hirte von tausend Löwen</em><br />
<em> und Lämmern zugleich.</em><br />
<em> Er brachte Unwetter mit</em><br />
<em> oder eine Honigwabe.</em><br />
<em> Die Wunder des Lebens,</em><br />
<em> der Liebe und der Lust</em><br />
<em> sang er in tiefen Versen,</em><br />
<em> deren Geheimnis nur ihm gehörte.</em><br />
<em> Er bestieg ein seltenes geflügeltes Pferd</em><br />
<em> und eines Tags kam er im Reich des Unmöglichen an.</em><br />
<em> Ich bete für Antonio zu meinen Göttern,</em><br />
<em> sie sollen ihn allezeit schützen. Amen.</em></p>
<p>Gebet für Antonio Machado heißt dieses Gedicht. Es stammt von Rubén Darío aus Nicaragua.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Viertes Kapitel: Soria</span></h4>
<p>Wir schreiben das Jahr 1907. Antonio Machado ist 32 Jahre alt, sein Gedichtbuch <em>Soledades – Einsamkeiten</em> erscheint in zweiter Auflage, Antonio Machado ist wie sein Bruder Manuel ein hoffnungsvoller junger Autor. Und nun haben auch seine Versuche, eine nicht zu zeitraubende, einiger­ma­ßen gut bezahlte Arbeit zu finden, Erfolg. Er wird Französischleh­rer in Soria. Soria – ein Städtchen auf der kastilischen Hochebene, im eisigen Herzen Spaniens, wo der Wind pfeift und nie­mand ihm dabei zuhört, auf halber Strecke zwischen Madrid und San Sebastian.</p>
<p>»Ich stecke in diesem verfluchten Nest, ohne Hoffnung wegzukom­men, also zurückgezogen, aber nicht zufrieden. Um hier wegzukommen müsste ich intrigieren, mauscheln, betteln, eine Sache die nicht zusam­men­passt, ich weiß nicht ob mit meinem Stolz oder meiner Gleichgül­tigkeit. Bei den Bewerbungen für Stellen in Madrid schneiden alle besser ab als ich, obwohl einige dienstjünger sind als ich und nicht wegen ihrer größeren Jugend, sondern weil sie Doktoren sind, Assessoren und was weiß ich was für Sachen sie sonst noch sind.«</p>
<p>Manchmal sagte Machado, er liebe das Landleben, allerdings kann das nur für die Zeit von Montags bis Freitags gegolten haben und auch nicht in den Ferien. Denn sobald kein Unterricht zu halten war, setzte sich der Lehrer Machado in die Dampfeisenbahn und fuhr rauchend nach Madrid, »lijero de equipaje« – mit leichtem Gepäck – und »siempre sopra la madera / de mi vagón de tercera« – »und mein größtes Glück auf Reisen / ist die Bank aus Holz und Eisen.« Trotzdem: Machado war Stoiker genug, sich mit dem abzufinden, was er um sich herum vorfand. Davon zeugen die Gedichte vom Landleben. Es ist Abend. Bäuerin und Bauer hinter dem Pflug auf dem Feld. Ein Ochsenpaar zieht den Pflug. Und wo haben sie ihr Kind? Wulf Kirsten hat das Gedicht übersetzt.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Gedicht</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Gestalten des Feldes unförmig an den Himmel</em><br />
<em> geschlagen samt Ochsenpaar vor dem Pflug,</em><br />
<em> über einen Hügel trottend im Monat Oktober,</em><br />
<em> zwischen den schwarzen Schädeln, tief</em><br />
<em> gesenkt unter dem Joch, das sie eint,</em><br />
<em> hängt, geflochten aus Rohr und Ginster,</em><br />
<em> ein Korb, in dem ein Kind gewiegt wird,</em><br />
<em> hinter dem Gespann stapft der Bauer,</em><br />
<em> erdwärts gebeugt, und eine Frau, die</em><br />
<em> aus ihrer Schürze Saatkörner streut,</em><br />
<em> des Abendhimmels flammendes Karmin zieht</em><br />
<em> ein Fließband grünschimmernden Goldes,</em><br />
<em> nachthin wachsen die Schatten zu Riesen.</em></p>
<p>»Ich erinnere mich an das Bild, das Don Antonio abgab, im zweifelhaften Schmuck seiner Kleidung, sein Gang scheinbar hinkend, gestützt auf einen sehr ländlichen Hirtenstab, riesig die Hosen, gewaltig der Mantel, fast wie eine Hütte, Anzug, darunter Hemd mit Stehkragen und schwar­zem Schlips, schwarzer weicher Sombrero, der nie richtig auf dem Kopf saß, manchmal trug er auch gar keinen Hut auf dem widerspenstigen Schopf, er war immer sorgfältig rasiert, das muss man ihm lassen, aber der Anzug! Alles mit kleinen Ascheflecken von den unvermeidlichen Zigaret­ten wie mit Sommersprossen übersät. Ja, der Französischlehrer rauchte viel, wirklich viel, und diese unvermeidlichen Flecken waren so zahlreich, dass nur der Respekt, den die Schüler für ihren Lehrer empfan­den, verhinderte, dass der Spitzname des Dichters sich verbrei­tete, er lautete: Antonio Manchado – der gefleckte Antonio.«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Fünftes Kapitel: Leonore, erster Teil</span></h4>
<p>Machado wohnt in Soria als möblierter Herr bei der Familie Izquierdo. Herr Izquierdo ist ein pensionierter Polizist mit einer Neigung zum Jäh­zorn und drei jungen Kindern, unter ihnen, dreizehnjährig und schwarz-ge­lockt, Leonor.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Ostern. Auferstehung.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Seht: Der Schwung des Lebens malt</em><br />
<em> Einen Regenbogen über das grünende Feld.</em><br />
<em> Sucht Eure Geliebten, Mädchen,</em><br />
<em> sucht sie dort, wo die Quelle aus dem Stein springt.</em><br />
<em> Wo das Wasser lacht und träumt und plätschert,</em><br />
<em> da wird der Liebesroman erzählt.</em><br />
<em> Sollen denn nicht eines Tages in euren Armen</em><br />
<em> erstaunte Augen die Frühlingssonne sehen</em><br />
<em> Augen, die geschlossen sind wenn sie ins Licht kommen</em><br />
<em> und die erblindet das Leben verlassen werden?</em><br />
<em> Werden nicht eines Tages an Euren Brüsten trinken</em><br />
<em> die morgen den Boden bestellen?</em><br />
<em> Oh feiert diesen hellen Sonntag,</em><br />
<em> ihr blühenden kleinen Mütter, feiert eure Herzen!</em></p>
<p>Der schüchterne, große, dicke Untermieter, der nachts lange liest, be­ginnt nach einer gewissen Zeit, mit gezielter Achtlosigkeit, hin und wie­der, hier und da im Haus, einige Fetzen seiner berühmten Zettel herum­lie­gen zu lassen, für Leonor natürlich.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Und das Mädchen, das ich liebe,</em><br />
<em> Ach, will sich schon bald vergeben</em><br />
<em> an den jungen Herrn Barbier &#8230;</em></p>
<p>Ungefähr zwei Jahre geht das so und, so schüchtern die Liebeswerbung auch ist, endlich hat sie doch Erfolg. Am 12. Juni 1909 wird Leonor Izquierdo 15 und damit nach damaligem Recht heiratsfähig. Am 11. Juli erscheint in der Tageszeitung von Soria das Aufgebot. Am 17. Juli veranstal­tet der Arbeiterverein von Soria einen Kulturabend. Machado, für seine Verhältnisse schon fast übermütig und ganz gegen seine Ge­wohn­heiten, hat sich zu einer Lesung bereitgefunden, die con grandes aplausos aufgenommen wird.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Und, unterm Strich, ich schulde euch nichts. Ihr schuldet mir, </em><em> was ich schrieb.<br />
</em><em>Ich tu meine Arbeit, ich zahle mit meiner Münze<br />
</em><em>für den Anzug, der mich wärmt und das Dach unter dem ich </em><em>wohne,<br />
</em><em>das Brot, das mich nährt und das Bett auf dem ich liege. </em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Und wenn der Tag der letzten Reise kommt<br />
</em><em>und das Schiff ablegt, das niemals zurückkehrt,<br />
</em><em>werde ich an Bord sein mit leichtem Gepäck,<br />
</em><em>fast nackt, wie die Söhne des Meers.</em></p>
<p>Am 30. Juli um 10 Uhr morgens ist Trauung in der Kirche Santa Maria la Mayor. Trauzeuge ist ein Zahnarzt. Auf einer Daguerrotypie sieht man das Bild der angemessen ergriffenen Brautleute: Großer Mann mit gewölbter Stirn in hochgeschlossenem Schwarz und eineinhalb Kopf kleiner die kindliche Braut in dunkler Seide mit Schleppe, das dichte Haar zu fast barocker Hochfrisur aufgesteckt, zwei Orangeblüten im Halstuch und ein heller Fächer in der linken Hand, ein Mädchen wie Milch und Honig, an dessen Ausstaffierung für diesen Tag der vereinigte Modeverstand aller kastilischen Tanten mitgezupft haben muss. In die­sem Aufzug von der Kirche zum Elternhaus der Braut ein fröhlicher Zug, später dulces, Apfelwein und Zigarren. Die Zeitung von Soria berichtet alles haarklein, der Dichter ist nicht irgendwer und die Hochzeit ein bedeu­tendes Ereignis in der Provinzhauptstadt. Was ebenfalls in den Zeitungen steht, ist, dass einige Jugendliche vor der Kirche wegen des großen Altersunterschiedes zwischen den Eheleuten feixten und johlten, ein Umstand, der Machado tief verletzte. Aber das Ehepaar hat bald Glück: Der Antrag Antonio Machados auf ein Weiterbildungsstipendium wird bewilligt. Und so besteigen die Jungvermählten Anfang 1911 den Zug und reisen erwartungsfroh nach Paris.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Sechstes Kapitel: Leonore, zweiter Teil</span></h4>
<p>Leonor scheint der Ortswechsel Probleme zu machen. Nach wenigen Wochen in Paris sagt sie, sie fühlt sich schwach. Man geht zum Arzt, der keinen Rat weiß. Man wartet, es wird besser, es wird gut, es gibt einen Rückfall. Am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli 1911, spuckt Leonore Blut. Die Ärzte empfehlen Landluft. Machado leiht sich Geld, reist mit Leonor zurück nach Soria. Es wird Tuberkulose sein und in Soria ist gute Luft. Man muss Geduld haben. Antonio pflegt das 16jährige Kind, das seine Frau ist, ein Jahr lang.</p>
<p>»Liebste Mama,<br />
Leonor hat sich von der letzten Krisis ein wenig erholt. Ich habe nun doch wieder Hoffnung, dass sie soweit zu Kräften kommt, dass wir zusam­men nach Madrid zu Professor Hausser fahren können &#8230; Übri­gens würde Leonor Dich gerne sehen, wie sie mir heute nochmal gesagt hat &#8230; Es macht mich sehr traurig, dass ich Dir mit meinem letzten Brief soviele Sorgen bereitet habe. Aber es wäre ja unsinnig gewesen, Dir meinen Schmerz verbergen zu wollen &#8230; meine Trauer ist groß, das ist wahr, aber sie hat nichts Gewaltsames. Und ich habe die Hoffnung auf Besserung keineswegs aufgegeben &#8230;<br />
Tausend Umarmungen an alle und tausend Küsse für Dich<br />
Antonio.«</p>
<p>Am 30. Juli 1912 kommt Machados Mutter aus Madrid. Einen Tag spä­ter ruft Machado den Pfarrer von Santa Maria Mayor. Leonor empfängt die Sterbesakramente.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Es war eine Sommernacht</em><br />
<em> – die Balkontür stand offen</em><br />
<em> und auch die Haustür –</em><br />
<em> da kam der Tod in mein Haus.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Er näherte sich ihrem Bett –</em><br />
<em> mich hat er nicht einmal angesehen</em><br />
<em> mit seinen feinen Fingern.</em><br />
<em> Und da zerbrach etwas sehr Zartes.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Still und ohne mich anzusehn</em><br />
<em> ging der Tod wieder</em><br />
<em> an mir vorbei. Was hast Du getan?</em><br />
<em> Der Tod antwortete nicht.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Mein Mädchen war jetzt still,</em><br />
<em> mein Herz verzweifelt.</em><br />
<em> Ach, was der Tod zerrissen hat,</em><br />
<em> war ein Faden zwischen uns beiden.</em></p>
<p>Am 1. August 1912, um 10 Uhr abends, stirbt Eleonore Izquierdo de Machado.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Herr, Du hast mir entrissen, was ich am meisten geliebt habe.</em><br />
<em> Höre, mein Gott, noch einmal schreien mein Herz.</em><br />
<em> Dein Wille ist geschehen, Herr, gegen den meinen.</em><br />
<em> Herr, jetzt sind wir allein, mein Herz und das Meer.</em></p>
<p>In einem Brief an Miguel Unamuno schreibt Machado ein Jahr später: »Der Tod meiner Frau hat mir Geist und Seele zerrissen. Meine Frau war ein engelsgleiches Geschöpf, das vom Tod grausam hinweggemäht wurde. Ich habe sie angebetet; aber über der Liebe ist das Mitleid. Ich wäre lieber tausend Mal gestorben als sie einmal sterben zu sehen, ich hätte tausend Leben für ihres gegeben. Ich glaube nicht, dass in diesem Gefühl etwas Außergewöhnliches ist. Irgendetwas Unsterbliches in uns will sterben mit dem, der stirbt. Vielleicht kam deshalb Gott in die Welt. Wenn ich das denke, empfinde ich etwas Trost. Ich habe manchmal Hoff­nung &#8230;«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Siebentes Kapitel: Baeza</span></h4>
<p>Zwei Jahre später verließ Machado Soria. Er arbeitet fortan in dem noch kleineren Marktflecken Baeza, auf halber Strecke zwischen Sevilla und Alicante, wo ihn niemand kennt – als Lehrer am Gymnasium zur heili­gen Dreifaltigkeit. Nicht weit davon mietet er eine kleine Wohnung, mit­ten in der Stadt, und wenn er nicht unterrichtet oder mit dem Apotheker und seinen Freunden die Stadtneuigkeiten erörtert, schreibt er Gedichte.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Hier sitze ich nun, Lehrer für</em><br />
<em> neue Sprachen, Meister des</em><br />
<em> lockeren Tons bis gestern,</em><br />
<em> Lehrling der Nachtigallen,</em><br />
<em> in diesem feuchten und kalten Nest,</em><br />
<em> verkommen und düster</em><br />
<em> zwischen Andalusien und der Mancha.</em><br />
<em> Winter. Nahe beim Feuer.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Draußen regnets, Nieselregen,</em><br />
<em> der sich manchmal in Nebel verwandelt,</em><br />
<em> manchmal in wässrigen Schnee.</em><br />
<em> Ich stelle mir vor ein Bauer zu sein,</em><br />
<em> der an die Felder denkt. Oh Herr,</em><br />
<em> würde ich sagen,</em><br />
<em> das machst Du sehr gut! Regne, regne</em><br />
<em> regne dein Wasser wieder und wieder</em><br />
<em> über Gersten und Bohnen,</em><br />
<em> dein stummes Wasser über den Wein</em><br />
<em> und den Olivenhain.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Es werden Dich preisen mit mir</em><br />
<em> alle, die Gerste säen fürs Bier.</em><br />
<em> die leben um zu pflücken,</em><br />
<em> Oliven zu pflücken,</em><br />
<em> die das Glück erwarten</em><br />
<em> vom Essen.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Die in diesem Jahr</em><br />
<em> wie in jedem Jahr</em><br />
<em> all ihr Geld</em><br />
<em> werfen ins Glücksrad der Welt,</em><br />
<em> in das trügerische Rad der Zeit.</em><br />
<em> Regne weiter, regne, möge Dein Nebel</em><br />
<em> sich verwandeln in wässrigen Schnee</em><br />
<em> und dann wieder in Nieseleregen,</em><br />
<em> Regne, Herr, regne, regne!</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>In meinem Zimmer – erleuchtet</em><br />
<em> vom Winterlicht – ich</em><br />
<em> – der späte Nachmittag grau, gedämpft</em><br />
<em> vom Regen und vom Fensterglas –</em><br />
<em> hier träum ich und überlege und denke nach.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Da meldet sich</em><br />
<em> aus der Ecke die Standuhr,</em><br />
<em> Tic-Tac sagt sie, ich hatte sie schon vergessen,</em><br />
<em> Du wiederholst Dich, sage ich, sie tut ihren Schlag,</em><br />
<em> Tic-Tac, Tic-Tac, ja ich hab Dich gehört.</em><br />
<em> Tic-Tac, Tic-Tac, immer dasselbe,</em><br />
<em> eintönig, stur wie ein Ochse.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Tic-Tac, so klopft</em><br />
<em> ihr metallenes Herz.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Ob man in so einem Nest das metallene</em><br />
<em> Klopfen der Zeit hört? Nein,</em><br />
<em> in diesen Dörfern kämpft man nur</em><br />
<em> gegen die Uhr,</em><br />
<em> gegen die Eintönigkeit,</em><br />
<em> mit der sie misst</em><br />
<em> die Leere der Zeit.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Aber ist Deine Stunde auch meine?</em><br />
<em> Ist Deine Zeit, Uhr, die meine?</em><br />
<em> (Tic-Tac, Tic-Tac) &#8230; es gab einen Tag</em><br />
<em> (Tic-Tac, Tic-Tac) der verging,</em><br />
<em> und was ich am meisten liebte,</em><br />
<em> das raffte der Tod dahin &#8230;</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Schon beinah Nacht. Und in der Apotheke</em><br />
<em> wird laut gemurmelt und geredet.</em><br />
<em> – Mein lieber Don Jose,</em><br />
<em> was ich nicht versteh,</em><br />
<em> Linke müssen ja sein, das sehe ich ein,</em><br />
<em> doch warum sind sie immer so kleine –</em><br />
<em> dummen Schweine?</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>– Ach, machen Sie sich keine Sorgen,</em><br />
<em> der Karneval geht nur bis übermorgen,</em><br />
<em> dann kommen die Rechten und sorgen mit Macht</em><br />
<em> für Ruhe und Ordnung, mein Freund, dass es kracht</em><br />
<em> und klingelt in ihren Kassen.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Das kommt und das geht,</em><br />
<em> Nichts ist für immer,</em><br />
<em> Rechte und Linke und Liberale,</em><br />
<em> die Zeit frisst sie alle.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Ene, mene, Mäusespeck</em><br />
<em> In hundert Jahr ist alles weg.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>– Nach diesen Zeiten, da kommen andere</em><br />
<em> Zeiten und wieder andere und noch andere,</em><br />
<em> und das schöne ist, in jenen fernen Tagen</em><br />
<em> muss sich keiner von uns mehr plagen.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>So ist das Leben, Don Juan.</em><br />
<em> – Stimmt genau, dann sind andere dran.</em><br />
<em> – Die Gerste kommt dies Jahr ganz gut voran.</em><br />
<em> – Kein Wunder bei diesem Regen,</em><br />
<em> auch für die Bohnen ist es ein Segen!</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>– Ja, sie blühen sehr schön, und wir haben erst März,</em><br />
<em> es liegt noch Frost in der Luft, da kann noch was kommen!</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>– Habt ihr die Oliven gesehen?</em><br />
<em> Sie strecken die Äste zum Himmel und flehen</em><br />
<em> um Regen in Strömen!</em><br />
<em> – In Meeren!</em><br />
<em> – Sie müssen triefen, die Oliven!</em><br />
<em> Schweiß und Arbeit, Müh und Not</em><br />
<em> sind des Bauern bittres Brot!</em><br />
<em> Früher, früher war alles anders als heute &#8230;</em><br />
<em> – Früher gab es auch schon Regen,</em><br />
<em> denn es ist doch Gottes Segen.</em><br />
<em> – Dann bis morgen, gute Leute!</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Tic-Tac, Tic-Tac &#8230; schon</em><br />
<em> wieder ist ein Tag</em><br />
<em> vorbei, sagt im stur</em><br />
<em> monotonen Ton</em><br />
<em> meine Uhr &#8230;</em></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Das achte Kapitel: Guiomar</span></h4>
<p>Sechs Jahre lang, bis 1919, blieb Antonio Machado in Baeza. Dann wech­selte er wieder die Stelle und ging nach Segovia, nur eine kleine Zugstunde von Madrid entfernt. Das hieß: In den Schulferien und auch sonst in fast jeder freien Minute finden wir den Dichter in Madrid. Es gibt ein Bild aus den Zwanziger Jahren, auf dem Antonio zu sehen ist, in einem madrilenischen Cafe, wie immer mit Hut und gestützt auf einen Spazierstock, gealtert, in Zigarettenrauch gehüllt und mit einem Blick wie aus fernen Welten. Er war zu dieser Zeit verliebt. Da Guiomar – so nannte er seine Freundin aus den besseren Kreisen – ihre Ehe nicht gefähr­den wollte, traf man sich über Jahre hinweg heimlich, manchmal in Segovia, meistens in Madrid, in dem verwunschenen Park von La Mon­cloa oder, wie meistens, in einem Cafe mit Plüschsofas in dem Arbeiter­viertel »quatro caminos«. Auch Briefe schrieb Machado, in de­nen er sich als ernster und leidenschaftlicher Meister in der Männer­kunst des piropo erwies, einer spezifisch iberischen, zwischen Pathos und Ironie schweben­den Variante des Süßholzraspelns.</p>
<p>»Freitag, 11. Januar 1929<br />
&#8230; heute abend wird meine Göttin kommen – nicht wahr? – um ihren Dichter zu sehen. Ich werde dafür sorgen, dass es im Cafe nicht zu kalt ist; obwohl meine Göttin eine gute Göttin ist und soviel Feuer in ihrer Seele brennt, dass ihr die Kälte nichts anhaben kann, auch nicht die Zug­luft, wenn sie mit ihrem Dichter zusammen ist. In den Heiligen-Legen­den &#8230; gibt es nicht eine einzige Geschichte von einer Heiligen, die soviel Gutes an einem Menschen getan hat wie Du, Göttin meiner Seele, an mir, Deinem Dichter, auf der Bank der Verliebten im Park oder in unse­rem kalten Cafe. Alles Gute und Schöne der Weltgeschichte verbirgt sich im Geheimnis unserer Liebe. Aber Gott, der alles sieht, wird auch dies hoch anrechnen. Wenn ich an Dich denke, &#8230; glaube ich wieder an Gott &#8230;«</p>
<p>Im Laufe der Jahre wurden die Zusammenkünfte seltener und die Liebe, die schon recht platonisch begonnen hatte, wurde noch körperloser – bis die Geliebte sich fast in eine Chimäre verwandelte wie Don Quijotes Dulcinea.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Alle Liebe ist Fantasie.</em><br />
<em> Sie erfindet das Jahr und den Tag,</em><br />
<em> die Stunde, die Meldodie</em><br />
<em> und den Liebenden und sie,</em><br />
<em> die Geliebte. Und nie</em><br />
<em> gibt es gegen die Liebe ein Argument &#8211;</em><br />
<em> und wär’ die Geliebte auch inexistent.</em></p>
<p>Als Anfang der Dreißiger Jahre in Madrid die politischen Spannungen Überhand nehmen, zieht Guiomar mit ihren Kindern und ihrem Mann an den Atlantik.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Weh dem, der Durst hat und sieht</em><br />
<em> das Wasser fließen und blinken,</em><br />
<em> und sagt, der Durst, der mich quält,</em><br />
<em> vergeht nicht vom Trinken.</em></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Neuntes Kapitel: Madrid, Valencia, Barcelona – Politik</span></h4>
<p>Die Brüder Machado standen seit jeher auf der linken Seite des politi­schen Spektrums – ohne allerdings in Parteien einzutreten oder Ämter zu übernehmen. Erst als 1931 der Diktator Primo de Rivera zurücktrat, mischte sich Antonio Machado in die Politik. In Segovia war er Mitglied der Stadtregierung, als er 1932 nach Madrid kam, kümmerte er sich um die Volksbildung.</p>
<p>»Ich bin kein Marxist und ich kann auch nicht glauben, wie es das marxis­tische Dogma will, dass das ökonomische Element das wichtigste des Lebens ist, es ist ein wichtiges Element, aber nicht das wichtigste. Und doch wieder: sich taub und blind stellen gegen die Versuche der Masse sich im Königreich der Kultur und dem der Justiz Gehör zu verschaf­fen, das scheint mir ein Irrtum zu sein, der nur mit den schrecklichs­ten Leichenzügen enden kann.«</p>
<p>Machado sah den Kommunismus als einen slawischen Ableger des Urchristentums und glaubte, aus Russland könne eine neue, brüderliche Dichtung kommen. Nachdem die Linke Anfang 1936 die Parlaments­wah­len gewonnen hatte, sorgten die Faschisten erst durch systematischen Terror für Chaos, um dann unter dem Vorwand, Sicher­heit und Ordnung wieder herstellen zu wollen, den offenen Bruderkrieg zu beginnen. England und Frankreich lehnen militärische Hilfe für die spanische Republik ab. Sie nennen das Friedenspolitik und erklären sich für neutral.</p>
<p>»&#8230; bestürzend ist der Gedanke, wie zählebig der Glaube der europäi­schen Politik an die schlechte Rhetorik ist, an die Kraft der leeren Worte, die bar jeden Gehalts sind, als wären sie Brustwehren zur Verteidigung gegen die Wirklichkeiten der Zukunft &#8230;«</p>
<p>Die guten Jahre für Literaten sind vorbei – es wird gefährlich, abends Cafes aufzusuchen in Madrid. Bombenangriffe, Anschläge, Tote in den Straßen. Franco weiß Hitler und Mussolini auf seiner Seite und rückt rasch auf Madrid vor. Er lässt mit deutschen und italienischen Flugzeu­gen die Konzerthalle und die Nationalbibliothek in Madrid bombardie­ren und damit die Gnadenorte des weltlichen Spanien. Am 19. August 1936 ermorden faschistische Brigaden den jungen Dichter Federico Gar­cia Lorca.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>El crimen fue en Granada – Das Verbrechen geschah in Granada</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Man sah ihn zwischen Gewehren gehen,</em><br />
<em> durch eine lange Gasse,</em><br />
<em> hinaus aufs kühle Feld,</em><br />
<em> noch leuchtete der Morgenstern.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Sie töteten Federico</em><br />
<em> im Morgenrot.</em><br />
<em> Der Schwarm der Verbrecher wagte nicht</em><br />
<em> ihm ins Gesicht zu sehen.</em><br />
<em> Sie schlossen die Augen</em><br />
<em> und beteten: Dass Gott Dich verlasse!</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Tot fiel Federico</em><br />
<em> – Blut auf der Stirn und Blei in den Eingeweiden &#8211;</em><br />
<em> &#8230; dass es in Granada geschah, das Verbrechen,</em><br />
<em> wisset! – armes Granada – sein Granada.</em></p>
<p>Im November 1936 greifen die nationalistischen Bodentruppen, die zu großen Teilen aus nordafrikanischen Söldnen bestehen, Madrid an. Ihr Ziel, die Hauptstadt rasch zu erobern, erreichen sie nicht. Drei Jahre wird der Kampf dauern. Die demokratische Regierung zieht vorsichtshal­ber nach Valencia um und fordert die ihr nahestehenden Intellektuellen auf, mit ihr die Stadt zu verlassen. Auch die Familie Machado wird in Autos und Busse verfrachtet und aus der Stadt gekarrt. Nicht mit dabei ist Manuel Machado, Antonios älterer Bruder. Er lebt in Burgos. Und seine Brüder hören, was sie nicht glauben können und wollen: Manuel ist zu den Falangisten übergelaufen. In der Nähe von Valencia bewohnen die übrigen Machados eine alte Villa, umgeben von Zitronenbäumen, mit Blick aufs Meer.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>meditacion del dia</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Frente a la palma de fuego</em><br />
<em> que deja el sol que se va,</em><br />
<em> en la tarde silenciosa</em><br />
<em> y en este jardin de paz,</em><br />
<em> mientras Valencia florida</em><br />
<em> se bebe el Guadalaviar</em><br />
<em> –Valencia de finas torres,</em><br />
<em> en el lirico cielo de Ausias March,*</em><br />
<em> trocando su rio en rosas</em><br />
<em> antes que llegue a la mar ! –</em><br />
<em> pienso en la guerra. La guerra</em><br />
<em> viene como un huracan</em><br />
<em> por los paramos del alto Duero,</em><br />
<em> por las llanuras de pan llevar,</em><br />
<em> desde la fertil Extremadura</em><br />
<em> a estos jardines de limonar,</em><br />
<em> desde los grises cielos astures</em><br />
<em> a las marismas de luz y sal.</em><br />
<em> Pienso en España, vendida toda</em><br />
<em> de rio a rio, de monte a monte, de mar a mar.</em><br />
<em> Abendgedanken</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Gegenüber der Hand aus Feuer,</em><br />
<em> hinterlassen von der untergehenden Sonne</em><br />
<em> an diesem schweigsamen Abend</em><br />
<em> und in diesem Garten des Friedens,</em><br />
<em> während das blühende Valencia</em><br />
<em> seinen Fluss trinkt</em><br />
<em> – Valencia der schlanken Türme</em><br />
<em> im poetischen Himmel des Ausias March,</em><br />
<em> das seinen Fluss in Rosen verwandelt</em><br />
<em> auf dem Weg ins Meer –</em><br />
<em> denk ich an den Krieg. Der Krieg</em><br />
<em> kommt wie ein Sturm</em><br />
<em> aus dem wüsten Land des oberen Duero,</em><br />
<em> aus den Kornkammern der Ebenen,</em><br />
<em> aus der fruchtbaren Extremadura</em><br />
<em> in diese Zitronengärten,</em><br />
<em> aus den grauen asturischen Himmeln,</em><br />
<em> in die Marschen von Licht und Salz,</em><br />
<em> ich denke an Spanien,</em><br />
<em> verkauft, ganz verkauft</em><br />
<em> von Fluss zu Fluss,</em><br />
<em> von Gebirg zu Gebirg,</em><br />
<em> von Meer zu Meer.</em></p>
<p>Machado ist müde und krank, er hat gewiss zuviel geraucht. Trotzdem spricht er auf Straßen und Plätzen von Valencia und organisiert 1937 den Zweiten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in der Stadt. Aus Russland ist Ilja Ehrenburg ist gekommen. Machado sagt: »Für die Historiker haben wir den Krieg verloren. Wir haben es nicht gelernt Krieg zu führen. Aber ich bin mir nicht sicher, vielleicht haben wir ihn doch gewonnen.«</p>
<p>Eine Zeitlang erwägt Machado, mit seinen Geschwistern und seiner Mut­ter nach Russland auszuwandern. Aber seine Gesundheit lässt das nicht mehr zu. Der immer kleiner und trauriger werdende Tross der Regierung zieht im Herbst 1938 von Valencia nach Norden, in die kataloni­sche Hauptstadt Barcelona. Einige Tage im Hotel Majestic, dann ein paar Monate auf einem verlassenen Landsitz vor den Toren der Stadt. Antonio Machado und sein Bruder José machen zusammen ein Buch, Antonio schreibt, José illustriert. Titel: <em>Der Krieg – La guerra</em> auf Spa­nisch ist der Krieg weiblich, wie der Mond und der Tod.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>an den wegkreuzen</em><br />
<em> lauern uns grausame feinde auf</em><br />
<em> im haus versteckt sich der verrat</em><br />
<em> draußen wartet die gier</em><br />
<em> verkauft ist das tor zu den meeren</em><br />
<em> und die wellen des windes in den ebenen</em><br />
<em> und der boden den wir bestellt haben</em><br />
<em> und der sand des feldes auf dem wir gespielt haben</em><br />
<em> und der stein in dem das harte eisen liegt</em><br />
<em> nur die erde in die wir sterben gehört uns</em><br />
<em> hütet euch vor der aufgehenden sonne</em><br />
<em> hütet euch vor der glutgeburt der alten mutter</em><br />
<em> mit gespanntem bogen wachsam</em><br />
<em> in den morgen. gebt acht! gebt acht! gebt acht!</em></p>
<p>Dieses Gedicht schrieb Antonio Machado als Hymne für die republikani­sche Jugend.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Zehntes Kapitel: Costa Brava</span></h4>
<p>Die letzte Adresse der Machados in Spanien lautete Torre Castañer, Paseo de la Bonanova Nr. 21, Barcelona. Ein ehemals vornehmes Anwe­sen, in dem es inzwischen mehr Spinnweben als Vorhänge und mehr Mäuse als Menschen gab. Hier fuhr, in der Nacht vom 22. auf den 23. Januar 1939, nachdem italienische und deutsche Bomber am Tag zuvor Brand und Tod in die Stadt getragen hatten, ein großes Auto vor, lud die Familie Machado ein und brachte sie zu einer kleinen Karawane von Krankenwagen, die als Fluchtbusse dienten. Nach dem Umstieg machte sich das verlorene Trüppchen republiktreuer Intellektueller auf Befehl der landlos gewordenen Regierung nach Norden auf, in ziemlich wilder Flucht. Antonio Machado war in dieser Nacht, man weiß nicht warum, gegen seine Gewohnheit regelrecht festlich gekleidet, schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Die Fahrzeugkolonne ratterte an der Costa Brava entlang Richtung Norden, viele der Orte haben eine zweieinhalb­tau­sendjährige Geschichte, heute kennen wir die Namen aus Reisepros­pekten, Mataró, Arenys de Mar, Malgrat de Mar, dann landein­wärts in Richtung auf die Provinzhauptstadt Girona, wo man im Morgengrauen anlangte. Die noch dunkle Stadt war verstopft von überlade­nen Last­wagen voller Bürostühle, Schreibmaschinen, Regalen. Die erbärmlichen Krankenwagen mit den Dichtern und Professoren hatten es schwer, über zweit- und drittstufige Landstraßen voran zu kom­men. Die Stimmung war trübe, verzweifelt, erschöpft, trotzig.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Traurige Flaggen</em><br />
<em> der Dämmerung. Gegen sie</em><br />
<em> bin ich lebendiges Purpur.</em><br />
<em> Es wird ein Herz geben in der Dunkelheit,</em><br />
<em> Purpur von neuem, bei Tagesanbruch.</em></p>
<p>Girona, Cervia del Ter, San Pere Pescador, Figueres, Cadaques, Port Bou – das waren die Stationen der folgenden Tage. Irgendwann in Wind und Regen und Matsch gaben die Chauffeure auf, die Flüchtlinge muss­ten zu Fuß weiter. Das einzige Gepäck, das Machado mit sich führte, ein kleiner Koffer mit Papieren, blieb im Auto und tauchte nie wieder auf. Vielleicht hat er sich einfach im Regen aufgelöst und ist wieder Natur geworden. Im Grenzbahnhof Cerbère hatten sich tausende Spanier ohne Papiere gesammelt, die Kellner in der Bahnhofsgaststätte sagten, sie näh­men kein spanisches Geld, draußen die senegalesischen Fremdenlegio­näre, deren Gesichter von den Tropfen des eisigen Nieselregens glitzerten und die den Grenzdienst versahen, traten hart und herablassend auf; ihre Aufgabe war es, die Flüchtlinge auf Konzentrationslager zu verteilen. Machados Mutter, nicht ganz auf der Höhe der Situation, sagte, man müsse den freundlichen Leuten einen guten Tag wünschen, wo sie die Güte hatten uns einzuladen. Ob es Mitleid der Grenzer war oder eine anonyme helfende Hand, die Machados müssen nicht ins campo de con­centración. Nach einer Nacht in einem kalten Waggon auf einem Abstell­gleis am nächsten Tag nach Collioure mit dem Zug.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><br />
Elftes Kapitel: Collioure, die Rettung</span></h4>
<p>Man steigt aus dem Zug, Machados Mutter sagt, wie schön, dass wir wieder nach Sevilla kommen. Vom Bahnhof ins Städtchen. Am Markt ein Laden, Strick- und Kurzwarenhandlung, die Inhaberin hat ein Herz für spanische Flüchtlinge, sie bringt Kaffee für die Machados. Gibt es hier ein Hotel? Ja gleich hier, 50 Meter über die Brücke, aber die ist ge­sperrt, Sie müssen einen Umweg über den Friedhof machen. Dann Hotel Bougnol-Quintana, Zimmer mit Meerblick.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Von Meer zu Meer zwischen uns beiden Krieg</em><br />
<em> viel tiefer als das Meer. Von meinem Erdgeschoss</em><br />
<em> seh ich aufs Meer, das der Horizont verriegelt.</em><br />
<em> Du Guiomar an einem andern Weltenende</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Siehst auf ein andres Meer, das düstere Meer</em><br />
<em> eines anderen Spanien, das Camoens besang.</em><br />
<em> Manchmal begleitet Dich meine Abwesenheit</em><br />
<em> und mich schmerzt die Erinnerung an Dich, Göttin.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Der Krieg zerriss die Liebe mit einem heftigen Hieb</em><br />
<em> und es blieb nichts als die alles beherrschende Angst vor dem Tod</em><br />
<em> und der fruchtlose Schatten einer Flamme</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>und der Traum vom Honig der späten Liebe</em><br />
<em> die unmögliche Blüte an einem Zweig,</em><br />
<em> die eine Axt abtrennte mit kaltem Schnitt.</em></p>
<p>Die Familie Machado ist zu viert: die Mutter Ana Ruiz-Machado, 84, Antonio Machado, 63, sein Bruder José Machado, Ende 50 und dessen Frau Matea. Sie beschränken ihre Mahlzeiten auf das Frühstück und das Abendessen. Sie sitzen gern abseits. Antonio und José haben jeweils ein Hemd, wenn eines gewaschen werden muss, gehen die beiden nacheinan­der zum Essen. Die Hotelinhaberin, Pauline Quintana, hat einen Eisen­bahner zum Freund, Jacques Baills, der für sie die Bücher führt.</p>
<p>»Zwei oder drei Tage nach ihrer Ankunft ging ich die Gästeliste durch und sah den Namen Antonio Machado, Beruf Lehrer. Das machte mich stutzig und ich erinnerte mich, dass ich in der Abendschule, einige Zeit vorher, Gedichte von einem Antonio Machado gelesen hatte. &#8230; Und so ging ich zu ihm hin und fragte, ob er der Dichter Antonio Machado sei. Und er, ohne eine Miene zu verziehen und ohne das leiseste Lächeln, sagte, Ja, der bin ich. &#8230; Und von da an ging ich nach jedem Abendessen an ihren Tisch, setzte mich dazu und unterhielt mich ein bißchen mit ihnen. Nicht, dass wir über Politik gesprochen hätten, nein, das über­haupt nicht. Wir haben über alltägliche Dinge gesprochen, denn ich hatte das Gefühl, ich saß da mit jemandem, der mir himmelhoch überle­gen war, und ich dachte, wenn es um was Ernstes geht, weiß ich nichts zu antworten. Bei den Gesprächen erfuhr ich, dass José und Matea nicht wussten, wo ihre Kinder waren. Sie hatten sie einige Zeit vorher nach Russland geschickt, um sie vor den Bomben in Sicherheit zu bringen. Ich fragte, warum sie ihnen nicht schrieben. Sie sagten, sie hätten kein Geld für Papier und Briefmarken. Warum haben Sie das nicht früher gesagt. Wir gaben ihnen Geld. Und einige Zeit später bekamen sie Nachricht.«</p>
<p>Am 9. Februar 1939 schrieb Antonio an einen Freund in Paris.</p>
<p>»Sehr verehrter und bewunderter Freund,<br />
nach einem beklagenswerten Exodus habe ich die Grenze überquert, mit meiner Mutter, meinem Bruder und seiner Frau, unter Bedingungen, wie sie schlechter nicht sein könnten (kein Cent französisches Geld) und heute befinde ich mich in Collioure, Hotel Bougnol-Quintana und dank einer kleinen Unterstützung durch offizielle Stellen kommen wir bis Ende des Monats damit hin. Meine dringendste Sorge ist, wie wir in Frankreich bleiben können, bis ich mit dem Schreiben genug verdiene, dass wir uns hier halten können oder nach Russland gehen, wo ich mit offenen Armen empfangen würde &#8230; Das Problem beschränkt sich also auf die Notwen­dig­keit einer finanziellen Unterstützung für die Zeit ab März, entweder um hier im Hotel bleiben zu können oder irgendwo hier in der Nähe eine kleine möblierte Wohnung zu mieten, unsere Ansprüche sind sehr be­scheiden &#8230; Sollte sich unsere Anschrift kurzfristig ändern, würde ich es Sie telegrafisch wissen lassen. Einstweilen bleibe ich hier. Seien Sie kräftig umarmt von Ihrem<br />
Antonio Machado.«</p>
<p>Etwa um den 15. Februar verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Ana Ruiz. Sie liegt regungslos in ihrem Bett, nur hin und wieder erwacht sie, um sich nach ihrem Sohn Antonio zu erkundigen, der eben­falls kaum noch sein Zimmer verlässt. Im Fenster sieht er den Himmel und das Meer. Eine einzige Zeile hat er in Collioure geschrieben.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Estos dias azules y el mar de la infancia.</em><br />
<em> – diese blauen Tage und das Meer der Kindheit.</em></p>
<p>Er scheint sich erkältet zu haben. Ein Arzt wird gerufen und verschreibt Medikamente, die nicht helfen. Der alte Dichter ist kaum noch ansprech­bar, hustet, fiebert, wälzt sich im Bett und ruft immer wieder »Auf Wieder­se­hen, Mama, Adios madre!« In einer ruhigen Phase, am 20. Februar diktiert er seinem Bruder eine Karte an einen Freund. »Es geht aufwärts &#8230;« sagt er und fällt kurz darauf ins Koma. Am Aschermittwoch, dem 22. Februar 1939, gegen halb vier, ist Antonio Machado gestorben.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Caminante son tus huellas</em><br />
<em> El camino nada más;</em><br />
<em> caminante no hay camino</em><br />
<em> se hace camino al andar.</em><br />
<em> Al andar se hace camino</em><br />
<em> y al volver la vista atrás</em><br />
<em> se ve la senda que nunca</em><br />
<em> se ha de volver a pisar.</em><br />
<em> Caminante, no hay camino</em><br />
<em> sino estelas sobre el mar.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>¿Para que llamar caminos</em><br />
<em> A los surcos del azar &#8230; ?</em><br />
<em> Todo el que camina anda,</em><br />
<em> Como Jesús sobre el mar.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Wanderer, nur deine Spuren</em><br />
<em> sind der Weg, und weiter nichts;</em><br />
<em> Wanderer, es gibt keinen Weg,</em><br />
<em> Der Weg entsteht im Gehen.</em><br />
<em> Im Gehen entsteht der Weg</em><br />
<em> Und wenn man zurückschaut</em><br />
<em> dann sieht man einen Pfad</em><br />
<em> den man nie wieder betreten wird.</em><br />
<em> Wanderer es gibt keinen Weg</em><br />
<em> nur das Kräuseln des Kielwassers auf dem Meer.</em></p>
<p>Am Tag nach seinem Tod erreicht ein an Antonio Machado adressierter Brief das Hotel Bougnol-Quintana. Der englische Hispanist John Brande Trend bietet dem exilierten Dichter Antonio Machado die Stelle eines Dozenten an der Universität Cambridge an. Am 24. Februar wird An­tonio Machado, in eine Wolldecke eingewickelt, auf dem Friedhof von Collioure zu Grabe getragen. Der Sarg ist bedeckt mit der Fahne der spanischen Republik.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Die Furchen, die der Zufall gräbt –</em><br />
<em> warum sollte man sie Wege nennen?</em><br />
<em> Jeder der wandert geht</em><br />
<em> wie Jesus über das Meer.</em></p>
<p>Am Abend des Beerdigungstages wacht die Mutter des Dichters Ana Ruiz Machado aus dem Koma auf, klettert aus ihrem Bett und geht in das benachbarte Zimmer, um ihrem Sohn Antonio Gute Nacht zu sagen. Dessen Bett ist leer. Wo ist Antonio? fragt sie ihren Sohn José, dessen Frau neben ihm steht.</p>
<p>»›Er ist im Krankenhaus.‹ sagte José. Und ich erinnere mich bis heute an den Blick, mit dem Mama Ana ihn ansah und ihm kein Wort glaubte. Sie ging zurück in ihr Zimmer und zwei Tage später starb sie.«</p>
<p>Wer heute nach Collioure reist, findet ein ausgeputztes ehemaliges Fischerdorf mit sorgsam restauriertem Charme. Die einstmals von den Fauvisten entdeckten malerischen Gassen muten heute an wie Attrappen, Kulissen eines Historienfilms aus den 20er Jahren. Die kleinen Läden borden über von allem frivolen Kitsch, dessen das wohlmeinende Kunst­handwerk der vereinigten Töpferinnen und Töpfer Westeuropas fähig ist. Und doch ist hier auch, einen Steinwurf entfernt von dem Hotel, in dem Machado und seine Mutter starben, ein kleiner Friedhof. Hier ruhen die Gebeine von Ana Ruiz-Machado und Antonio Machado. Das Grabmal ist zu jeder Jahreszeit besät mit Blumen und Karten, auf denen mit oft­mals ungelenker Hand ein Vers oder ein Gedicht oder ein Gruß an den Dichter geschrieben steht. Auf dem Grabstein lesen wir:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Und wenn der Tag der letzten Reise kommt</em><br />
<em> und das Schiff ablegt, das niemals zurückkehrt,</em><br />
<em> werde ich an Bord sein mit leichtem Gepäck,</em><br />
<em> fast nackt, wie die Söhne des Meers.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/wulf-kirsten-zum-80-geburtstag/</link>
		
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		<pubDate>Sat, 21 Jun 2014 15:00:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag Gehalten am 21. Juni 2014 Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Lieber Wulf Kirsten, liebe Sofia Kirsten, verehrte Frau Ministerpräsi­dentin, geehrter Herr Oberbürgermeister, geachtete Stadträte und Landtags­abgeordnete, geschätzter Herr Präsident Seemann, liebe Familie Kirsten einschließlich der tapfer hier ausharrenden Enkel, werte Damen und Herren Abgeordnete und Ratsmitglieder, hochansehnliche Festver­sammlung, Freundinnen und Freunde [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literarisches/Laudatio-Wulf-Kirsten.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</h1>
<h3>Gehalten am 21. Juni 2014</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lieber Wulf Kirsten, liebe Sofia Kirsten, verehrte Frau Ministerpräsi­dentin, geehrter Herr Oberbürgermeister, geachtete Stadträte und Landtags­abgeordnete, geschätzter Herr Präsident Seemann, liebe Familie Kirsten einschließlich der tapfer hier ausharrenden Enkel, werte Damen und Herren Abgeordnete und Ratsmitglieder, hochansehnliche Festver­sammlung, Freundinnen und Freunde der Dichtkunst von nah und fern,</p>
<p>ich freue ich mich sehr über die Gelegenheit, an diesem würdigen Ort und in Gegenwart so zahlreicher, bedeutender und anlassgemäß mildge­stimmter Häupter der Kulturwelt meinen persönlichen Preisgesang auf das nun achtzigjährige Geburtstagskind anstimmen zu dürfen. Ich tue das mit Vergnügen und aus vollem Herzen. Sicherheitshalber habe ich aber ein Manuskript mitgebracht, damit mir der Mund nicht zu sehr übergeht. Meine Rede hat zehn Kapitel. Aber Sie müssen nicht erschrecken. Es wird nicht langweilig. Denn jedes Kapitel ist einem Aspekt im Werk oder im Leben von Wulf Kirsten gewidmet, und zwar so, dass sich alle Ab­schnitte hoffentlich zu einem Ganzen runden. Also nicht wie zehn Paragra­phen sollen die Teile sein, sondern ungefähr so wie die Frucht­kam­mern einer Orange.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das erste Kapitel heißt »Klipphausen«</span></h4>
<p>geboren zu Klipphausen, zwei morgen wind<br />
hinterm haus &#8230;</p>
<p>so beginnt das berühmte Gedicht <em>Erdlebenbilder</em> von Wulf Kirs­ten. Geboren in einem Dorf am Sommeranfang vor 80 Jahren auf der »Erde bei Meißen«. Und die Erde ist, jedenfalls bei Meißen, wirklich schön, besonders, wenn der Himmel »glänzt wie gloriaseide«. Wulf Kirs­ten hat mich, der ich als nordrheinwestfälischer Großstädter aufwuchs und als fast lebenslanger Bürohäftling nicht an viel gute Natur gewöhnt bin, einmal im Juni über die Erde bei Meißen geführt. Ich erinnere mich an duftende Erdbeerfelder, ich erinnere mich an eine Mühle im Tal und daran, dass in dieser Gegend sogar der Bach, vermutlich wegen seiner erfrischenden Anmut, weiblichen Geschlechts ist, und dass uns die süßes­ten Kirschen in den Mund gewachsen wären, wenn wir uns nur getraut hätten den Kopf nach hinten zu biegen. Das war an einem sonnigen Samstag­nachmittag in der Nähe von Klipphausen, es könnte in Klein­schön­berg gewesen sein, ich erinnere mich nicht genau, aber das ist nicht schlimm, denn eigentlich war es im Paradies. Es ist schon wahr, was Wulf Kirsten schreibt: »prunkvoll getäfelte wohnungen / sind zu beziehen / unter freiem himmel.«</p>
<p>Also geboren 1934 – das war, nebenbei bemerkt, das Jahr, in dem die Nazis den deutschen Eintopfsonntag einführten. Einen Dorfjungen haben wir uns vorzustellen, goldene Löffel waren ihm nicht in die Wiege gelegt, »armer karsthänse nachfahr« nennt er sich, es würde zu arbeiten sein, das war absehbar. In dem Gedicht <em>Woherwohin</em> heißt es:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>ich schnauf, ich rühr im schlamm, ich kaue sauerampfer,</em><br />
<em> ich sitz verdreckt auf einem rodestock im wald</em><br />
<em> und leb getrost im stande der geflickten hosen.</em></p>
<p>Es muss glückliche Augenblicke gegeben haben, wie uns das Gedicht <em>Kindheit</em> lehrt:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>hinter dem dorf</em><br />
<em> saß ich, eines bauern hütejunge,</em><br />
<em> auf herbstnem graskleid</em><br />
<em> im geruch der umwaldeten wiesen.</em><br />
<em> ich war der Kuhfürst</em><br />
<em> sancta simplicitas</em><br />
<em> im brombeerverhau.</em><br />
<em> umgetan hatte sich</em><br />
<em> alles geschmeide</em><br />
<em> farbentrunkener oktober.</em><br />
<em> rauchdurchzüngelt im gelände</em><br />
<em> war alles laubwerk</em><br />
<em> von blakenden kräutichtfeuern.</em><br />
<em> querfeldein</em><br />
<em> über der dorfmark ornament</em><br />
<em> schweiften wir,</em><br />
<em> ich ohne hirtengesang</em><br />
<em> und die malmende herde</em><br />
<em> ich und meine herde,</em><br />
<em> eine passion des herbstes.</em></p>
<p>Wulf Kirsten hat sich der unberühmten ländlichen Schönheit der Erde bei Meißen dichterisch angenommen. Und wie! »die hafergelben flan­ken / seines gelobten lands / seine rauhe, rissige erde« hat er, wie es in eiem anderen Gedicht heißt, »ins wort« genommen. Dabei hat er eine Sprache und einen Ton gefunden, die weit entfernt sind von dekorativer Verklärung des Lands, seiner Leute, seiner Ochsen und seiner Hornoch­sen – seine Lyrik ist frei von »bukolischer lügenpost«. Es ist eine immer neu überraschende Landschaft aus Sätzen und aus Wörtern, von denen man viele vergeblich in Wörterbüchern sucht – versuchen Sie ja nicht, ein Gedicht von Wulf Kirsten durch ein Spracherkennungsprogramm oder gar eine Übersetzungsmaschine zu jagen – Ihr Computer würde Stein und Bein spucken. Es ist eine Sprache jenseits gemütvoller Sinnerwartun­gen, eine Sprache jenseits eingeübter Wendungen – eine unruhig drän­gende Sprache, manchmal meint man, die physischen und die metaphysi­schen Dinge selbst rebellieren und poltern zu hören gegen die durch Lo­gik, Grammatik und Konvention gesetzten Grenzen sprachlichen Aus­drucks. Wulf Kirstens Gedichte sind ein Wider­standsnest gegen die internati­onale Diktatur der Plastikwörter, wie Uwe Pörksen sie genannt hat.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das zweite Kapitel heißt Die Ackerwalze und Abschied vom Lande</span></h4>
<p>Wulf Kirsten lässt uns kein Wort lang vergessen, dass wir Erdmenschen sind, dass unsere Sprache Teil der Landschaft und die Landschaft Teil des Menschen ist – und manchmal spricht auch die Erde selbst, wie in dem nun folgenden Gedicht. Es erzählt von einem ländlichen Ehepaar, das den Boden mit einer Stele walzt und dabei den auf der Stele stehen­den Grabspruch in die Erde prägt:</p>
<p style="padding-left: 60px;">DIE ACKERWALZE<br />
meiner Eltern gedenkend</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>mein vater, perfekter steinmetz</em><br />
<em> und nebenher landmann, mit sinn</em><br />
<em> fürs praktische, sah in einer gestürzten grabsäule,</em><br />
<em> aus dem block gehauen</em><br />
<em> und poliert für die ewigkeit,</em><br />
<em> eine ackerwalze über das feld rollen,</em><br />
<em> erdklumpen zerdrücken, das saatbeet bereiten.</em><br />
<em> wenn sich zwei vorspannen,</em><br />
<em> in die kopfseile stemmen,</em><br />
<em> ersetzt der sparsame starrsinn</em><br />
<em> das zugvieh im joch.</em><br />
<em> jahr um jahr zogen die walze</em><br />
<em> steinzeitlich</em><br />
<em> am eisengestänge über eigenen grund</em><br />
<em> und reformierten boden</em><br />
<em> bergunter, bergauf,</em><br />
<em> vater und mutter, ohne zu murren und aufzustecken,</em><br />
<em> immer mit letzter kraft in den sielen,</em><br />
<em> längs der starren deichsel</em><br />
<em> zum gespann getreulich vereint,</em><br />
<em> walzten sie mit jeder umdrehung</em><br />
<em> des rollierenden grabsteins</em><br />
<em> in altmodischer schnörkelschrift,</em><br />
<em> zur spirale gedreht, in den lehm:</em><br />
<em> geliebt, beweint und unvergessen.</em></p>
<p>Wir verabschieden uns nun vom Dorf und verlassen die engere sächsische Welt um Klipphausen, obwohl es da noch allerhand zu sagen gäbe, nicht nur über die bei Klipphausen gelegene Kleinstadt Wilsdruff. Wulf Kirsten hat ihr – und damit zugleich allen Kleinstädten, die um gute Bahnan­schlüsse kämpfen müssen – in der Erzählung »Kleewunsch« ein liebevoll-ironisches Portrait gewidmet. Wir springen ins Jahr 1965. Wulf Kirsten ist 31 Jahre alt, hat seine kaufmännische Lehre und einige Berufserfahrung hinter sich, er hat die Arbeiter- und Bauernfakultät in Leipzig besucht, Deutsch und Russisch studiert und kurze Zeit als Lehrer gearbeitet. Militär­dienst hat er nicht geleistet. Auf Nachfrage sagte er mir, es habe sich bei ihm wohl um so eine Mischung aus Schwejk und Felix Krull gehan­delt, er habe bei Musterungen immer zu hohen Blutdruck bekom­men – wie ich gehört habe, soll er dann zum Versehrtensport abkomman­diert worden sein und – welch süße Bestrafung! – junge Studentinnen im Zivilschutz unterweisen müssen. Ob das nun so oder so ähnlich war – mit 31 jedenfalls ist Wulf Kirsten auf Stellungssuche, schreibt Gedichte und treibt, dem hohen Blutdruck zum Hohn, einen anstrengenden Sport. Er ist nämlich als Kletterer unterwegs, in der Sächsischen Schweiz, wo die Gipfel so schöne Namen haben wie Querkopf Lenin und Höllenhund­scheibe. Klettern ist der Kraftsport der Intelligenz, die Kraft darf nicht irgendwo am Körper als peinlicher Muskelhügel sitzen – nach dem bekann­ten Motto: 1000 Volt im Arm, aber oben brennt kein Licht –, sondern sie muss als gleichsam dezentrale bewegliche Energie raffiniert verteilt sein, bis in Hand und Fuß, in die Fingerkuppen und die Zehen reichen und nicht nur Wucht sondern zugleich Schnellkraft und Zähigkeit sein. Klettern ist auch der Sport altruistischer Einzelgänger – einer muss das Seil halten. Und Klettern ist Angstbekämpfung – denn die Angst ist beim Bergsteigen immer mit unterwegs, als seelischer Zustand und ganz körperlich in Gestalt der sogenannten »Nähmaschine« als ein plötzlich auftretendes unkon­trol­liertes Muskelzittern, das von Freunden des Rock ’n’ Roll auch »Elvis« genannt wird. All dies und die 150jährige sächsiche Tradition kleinteilig organisierter, widerstandsfähiger Bergsteiger-Klubs – wir lesen von einer trotzkistischen Kletterergruppe im Dritten Reich – klingt in Wulf Kirstens Gedicht <em>Bergsteiger</em> von 1971 an, aus dem ich hier nur wenige Zeilen zitiere:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>hochsteigen, wo kein weg ist.</em><br />
<em> sich einfach hochziehn am bergleib</em><br />
<em> mit den fingerkuppen</em><br />
<em> &#8230; an senkrechter felswand halt suchen,</em><br />
<em> fuß fassen auf den schultern des baumanns,</em><br />
<em> am nackten stein kleben,</em><br />
<em> &#8230;</em><br />
<em> höhe gewinnen an der hangeltraverse,</em><br />
<em> im kamin hochlaufen auf händen und füßen,</em><br />
<em> die schultern in die scharte gestemmt</em><br />
<em> &#8230; über des teufels nadelkissen springen,</em><br />
<em> auf die Höllenhundscheibe,</em><br />
<em> dem satan auf den kopf &#8230;</em><br />
<em> fällt einer ins seil,</em><br />
<em> werden die fäuste des andern nicht aufgehn. &#8230;</em></p>
<h4></h4>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das dritte Kapitel: »Los angeles muertos – Die toten Engel«</span></h4>
<p>Das Wort Engel kommt von griechisch angelos, lateinisch angelus, der Engel, und angela, die Engelin. Auf Deutsch heißt angelos Bote und nicht nur in der christlichen Religion ist der Engel ein Botschafter Gottes, der auf die Erde kommt, zum Beispiel nach Deutschland, und dort, wie zum Beispiel in dem bekannten Wim-Wenders-Film, Kontakt mit Künstlern aufnimmt. In neuerer Theologie ist der Engel die Personifizierung der Botschaft, also ein Bild, mit dem gesagt werden soll, dass Gott mit den Menschen spricht, ein Übersetzer der Sprache des Himmels in Men­schen­worte.</p>
<p>Was aber hat Wulf Kirsten mit all dem zu schaffen? Nun, Wulf Kirs­ten ist nicht nur selbst Objekt der Wissenschaft, der germanistischen vor allem im In- und Ausland, Wulf Kirsten ist »poeta doctus«, ein gelehrter Dichter, und es gibt ziemlich wenig im Bereich der Poesie, mit dem man ihn überraschen kann. Wer seine oft wie naturbelassen klingenden Ge­dichte ein zweites und drittes Mal liest, erkennt den Künstler und sein Handwerkszeug, Asyndeton – Anapher – Hyperbaton – Anadiplose – alles, was das Herz des Deutschlehrers höher schlagen lässt, ist hier am Werk, um Worte aufzuladen, Steigerung zu erreichen, Leben zu erzeugen – allerdings nicht einfach so, sondern zu einem Zweck, den der griechi­sche Grammatiker Longinos im 1. Jahrhundert u. Z. so beschrieb: mit allen diesen Mitteln »wollen die besten Schriftsteller &#8230; das Wirken der Natur nachahmen: Dann nämlich ist Kunst am Ziel, wenn sie als Natur erscheint; die Natur wieder ist vollendet, wenn sie die Kunst unmerkbar einschließt.«</p>
<p>Das Fundament dazu hat sich Wulf Kirsten als Student in der deut­schen Bücherei zu Leipzig geschaffen, wo er jede freie Minute verbrachte und las. »Ich hatte (dort) ein Mauseloch gefunden«, schreibt er, »aus dem ich aus der DDR herauszublicken vermochte ins Weltläufige, so dass sich die öffentlichen, auch ideologisch grenzbefestigten Maßstäbe verwinzig­ten.«</p>
<p>Sein Blick ging in deutschsprachige Literatur aus Ost und West, er blieb dort aber nicht stehen, sondern wanderte in die Welt, z. B. zu Walt Whitman’s »Leaves of Grass«, zu Charles Baudelaires »Blumen des Bö­sen«, zu Arthur Rimbaud’s »trunkenem Schiff« und zu den spanischen Dichtern des 20. Jahrhunderts. Hier stieß er auf Rafael Alberti, der von 1902 bis 1999 lebte und Ende der 20er Jahre ein Gedicht schrieb mit dem Titel »Los angeles muertos«. Wulf Kirsten bezeichnet das Gedicht als eines der Gipfel-Gedichte, das ihm immer wieder Kraft und Mut gegeben habe, sich zu einer vielleicht unerreichbaren Gestaltungshöhe aufzuschwin­gen, um »weiterzuschreiben auf den eigenen Ton hin, auf einen Individualstil«.</p>
<p>Hier Wulf Kirstens deutsche Nachdichtung:</p>
<p style="padding-left: 60px;">DIE TOTEN ENGEL</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Sucht sie, sucht sie doch:</em><br />
<em> in der Schlaflosigkeit vergessener Röhrfahrten,</em><br />
<em> in Abzugsgräben, verschüttet vom Schweigen des Kehrichts,</em><br />
<em> in der Nähe von brandigen Tümpeln, die keine Wolke mehr spiegeln</em><br />
<em> nie mehr ein Paar verlorene Augen,</em><br />
<em> weder einen zerbrochenen Ring</em><br />
<em> noch einen zersplitterten Stern.</em></p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Ich hab sie gesehn,</em><br />
<em> auf wilden Schutthalden, plötzlich aus Nebelfeldern getaucht.</em><br />
<em> Ich hab sie berührt</em><br />
<em> in der Öde, wo ein toter Ziegel lag,</em><br />
<em> den ein Karren verlor, eingegangen ins Nichts.</em><br />
<em> Nie sind sie fern, wenn ein Schornstein stürzt,</em><br />
<em> wenn glitschige Blätter sich an die Schuhsohlen heften.</em><br />
<em> Dort sind sie, überall,</em><br />
<em> noch in jenen verdorbenen Spänen, die kein Feuer mehr frißt,</em><br />
<em> in der Verschollenheit gebrechlicher Stühle,</em><br />
<em> unweit der Kritzel und Krakel, eingefroren auf grindigen Mauern.</em></p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Sucht sie, sucht sie doch:</em><br />
<em> unter dem Wachstropfen im Buch, der ein Wort begrub</em><br />
<em> oder den Schriftzug auf einem Brieffetzen,</em><br />
<em> den der Wind durch den Staub schleift,</em><br />
<em> nah einer Flaschenscherbe, im Unrat verkommen,</em><br />
<em> einer abgetretenen Schuhsohle, verirrt im Schnee,</em><br />
<em> einem Rasiermesser, verlorengegangen am Rand eines Abgrunds.</em></p>
<p>Der amerikanische Philosoph und Mathematiker Charles Sanders Peirce sagt: »Jedes wahre Gedicht ist ein vernünftiges Argument.« Ich habe mich ge­fragt, wofür dieses Gedicht von den toten Engeln ein Argument ist, dieses Gedicht, das Wulf Kirsten sehr tief durchdacht haben muss, als er es übersetzte. Ich glaube, es hat etwas mit dem Grund zu tun, aus dem überhaupt Gedichte geschrieben werden. Dieser Grund kann sich ja nicht da­rin erschöpfen, uns mitzuteilen, dass es Scherben, Schuhsohlen, Schutthal­den, Schnee und Schornsteine gibt. Die Arbeit der Dichtkunst scheint in Übersetzung und Verwandlung zu bestehen, in der unbegreifli­chen Verwandlung der Dinge und Worte in Gegenstände der fluiden Welt des Denkens, Fühlens und Glaubens – zur Flamme wird der Staub, sagt Rilke, und so denke ich, dass jedes wahre Gedicht von einem Engel begleitet ist. Und es könnte sein, dass wir durch Rafael Albertis Gedicht aufgefordert sind, in allen Dingen und unter allen Umständen, auch am Rande des Abgrunds, nach dem Engel zu suchen, der sie begleitet, nach der Wahrheit, deren Ausdruck sie sind, weil das Universum mit allen Einzeldingen – jetzt zitiere ich erneut Charles Sanders Peirce – »ein gro­ßes Symbol für Gottes Absicht ist«.</p>
<p>Die Überschrift meines vierten Kapitels habe ich wieder einem Ge­dicht von Wulf Kirsten entnommen. Sie heißt: Lob der Datenverarbei­tung.</p>
<h4></h4>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das vierte Kapitel: Lob der Datenverarbeitung</span></h4>
<p>1965 kam Wulf Kirsten nach Weimar. »In Weimar beginnt eigentlich mein Leben« hat er einmal gesagt. Er hatte eine Bewerbung an den Auf­bau-Verlag geschickt, das empfindet er noch heute als mutig, wenn nicht gar verwegen, aber er hatte Erfolg. Wulf Kirsten war Teil einer jungen Truppe, zu der auch Joachim Golz und Konrad Paul gehörten, die beide heute hier sind. In dem Band <em>Gegenbilder des Zeitgeists</em> von 2009 sind Erinnerungen aus dem Lektorenleben nachzulesen. Zu diesem Leben gehörte beiläufig die Datenverarbeitung.</p>
<p>Wir haben uns daran gewöhnt, dass unser Leben heute zu einem gu­ten Teil nicht von Menschen, sondern von Maschinen gesteuert wird, von de­nen man noch nicht weiß, ob sie dümmer oder klüger als Menschen sind. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass es eine bedeutende und stetig wach­sende Anzahl von Texten gibt, die weder von einem Menschen geschrie­ben noch gar gelesen wurden. Die interessante Frage ist, ob die in die­sen Texten engelsgleich dahindämmernden Sinngehalte überhaupt existieren. Bevor wir aber beim Nachgrübeln darüber auf das seit dem Altertum umstrittene Problem der von menschlicher Wahrnehmung unab­hängigen Existenz von Ideen kommen, wenden wir uns einem besonde­ren Gedicht von Wulf Kirsten zu, dem <em>Lob der Datenverarbeitung</em>. Er schrieb es in einer Zeit, als die Automatisie­rung von Arbeitsprozessen noch Kybernetik hieß und mit Lochkarten arbeitete, Anfang der 70er Jahre. Die unvermeidlichen Verar­mungen und Sinnverluste, auch die unfreiwillig komischen Sinnver­schiebungen, die bei der Umwandlung der Wirklichkeit in binäre Maschinen­sprache auftreten, sind hier zu einem kostbaren und etwas halsbrecherischen Poem verdichtet worden.</p>
<p style="padding-left: 60px;">LOB DER DATENVERARBEITUNG</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>das alphabet verwalten</em><br />
<em> männlich oder weiblich in zwei spalten</em><br />
<em> entweder od</em><br />
<em> bekannt ist nur der hierarchische code</em><br />
<em> das lochfeld vollkommen ausfüllen</em><br />
<em> sich dann in schweigen hüllen</em><br />
<em> ein unter-, ober-, aber-, über-, vor- und hinterloch</em><br />
<em> ist immer noch der beste koch.</em><br />
<em> ein a gelocht</em><br />
<em> ein ei gekocht</em><br />
<em> ein c gestrichen</em><br />
<em> die schulden elektronisch beglichen</em><br />
<em> gestürzt gedreht gepocht</em><br />
<em> gerüttelt geschüttelt</em><br />
<em> gerupft gestopft geklopft</em><br />
<em> mal ausgelocht mal eingelocht</em><br />
<em> und eingefärbt und angeschwärzt</em><br />
<em> schließ aus schließ ein beherzt</em><br />
<em> die kybernetische maus</em><br />
<em> sieht aus ihrem loch heraus</em><br />
<em> die nullen immer mit verlochen</em><br />
<em> wie von der tarantel gestochen</em><br />
<em> in steter sorge um</em><br />
<em> rückt an, kreuzt auf und an</em><br />
<em> und ab und zu ganz still und stumm</em><br />
<em> gleich mann für mann</em><br />
<em> die achte revision</em><br />
<em> vom neunten bataillon</em><br />
<em> jeder sportlehrer hat eine nummer</em><br />
<em> numerierte figuren haben keinen kummer</em><br />
<em> der code ist verschlüsselt</em><br />
<em> der schlüssel vermasselt</em><br />
<em> schlamassel</em><br />
<em> alphabet, du assel</em></p>
<p>Auf Befragen sagte mir Wulf Kirsten, bei diesem Gedicht handele es sich um die leicht überarbeitete Mitschrift aus einem Datenverarbeitungskurs, den er in den Anfangsjahren seiner Lektorenzeit zu absolvieren hatte.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das fünfte Kapitel: »Die Weigerung, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, ist seit der Antike jeder Staatsform zum Verhängnis geworden.«</span></h4>
<p>Dies ist ein Zitat von Wulf Kirsten aus dem Nachwort zu einem der von Christoph Victor herausgegebenen Bücher über 1989/1990, die ich mit fieberndem Herzen gelesen habe. Sie geben beredte Auskunft auch über den Anteil, den Wulf Kirsten und viele der hier im Saale Anwesenden am Oktoberfrühling hatten. Ich für mein Teil habe die entscheidenden Tage in einem Waldhaus in der Eifel verbracht, mit den weltgeschichtlichen Geschehnissen verbunden lediglich durch den nebelverhangenen Bild­schirm eines altersschwach blökenden Schwarz-Weiß-Fernsehers. Ich weiß, dass ich mörderische Angst hatte, es könne geschossen werden, ich weiß, dass ich die Menschen, die ich im Fernsehen demonstrieren und die Wahrheit sagen, singen und rufen sah, für ihren bestürzenden Mut etwa so bewunderte, wie ich zwanzig Jahre vorher Martin Luther King bewun­dert hatte. Das war vielleicht ein Echo des Gefühls, das Wulf Kirsten als »säkulares Erhobensein« beschrieben hat. Was die Lehren daraus betrifft, zitiere ich hier gern noch einige Sätze aus Wulf Kirstens Nachwort zur 2009 erschienenen Zweiten Auflage des Oktoberfrühlings:</p>
<p>»Ich habe nicht bereut und werde dies auch nicht tun, wenigstens das Scherflein der Witwe zur Abschaffung eines Systems beigetragen zu ha­ben, das am Ende an einem unentwirrbaren Lügenfilz erstarrt und schließ­lich erstickt ist. Zu dieser Wahrheitsfindung &#8230; gehört für mich sprachkritisches Denken und entsprechender Umgang mit Sprache. Wie oft spreizen sich, um etwas zu bemänteln, wenn nicht gar zu vertuschen, Schönredner und Schönfärber mit neuen rasch verschleißenden Phrasen und Euphemismen. &#8230; Phrasendrescher schaffen kein Vertrauen &#8230; dies gilt für alle, die mit Sprache umgehen, sekundäre Analphabeten nicht ausgenommen. Ich für mein Teil verteidige die Sprache als Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Natürlich weiß ich sehr wohl, daß Wort-Denken-Handeln-Tat eine Einheit bilden müssen. Nur in dieser Verbin­dung ist Wahrheit zu haben. &#8230;«</p>
<h4></h4>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Mit dem sechsten Kapitel erreichen wir die Gegenwart.</span></h4>
<p>Wulf Kirstens Weg hätte, wenn er das gewollt hätte, in den 90er Jahren in hohe Ämter führen können. Er wollte aber nicht, was für die hohen Äm­ter schlecht war, aber gut für andere, z. B. sehr gut für die Literarische Gesellschaft Thüringen e. V. Wulf Kirsten ist ihr Mitglied Nr. 001. Er hat die Gesellschaft 1991 mit gegründet und war lange Jahre ihr Vorsitzender und Vorstand. Auch mir als einem seiner Nachfolger im Amt hat er unend­lich viele Stunden geschenkt, in denen wir Projekte entworfen, bera­ten und auf den Weg gebracht haben. Ohne Wulf Kirsten gäbe es keinen Thüringer Literaturpreis, kein Harald-Gerlach-Stipen­dium und keine Edition Muschelkalk. Um Autoren, vor allem die jungen, kümmert er sich bis heute. Manchen, die hier im Saal sind, hat er die Liebe ange­tan, ihre Texte nicht nur zu lesen, sondern auch mit ihnen zu besprechen, zu verbessern, daran zu feilen – kurz mit ihnen zu arbeiten. Ich denke, es ist ein großes Glück, in einem so zarten und zugleich widerständigen Hand­werk wie dem der Lyrik einen Meister zu finden, der Lehrlinge annimmt, und zwar in jedem Sinn des Wortes. Und nicht nur für die Jungen bist Du, lieber Wulf, mit Deiner Genauigkeit in den Sachen der Kunst, mit der Zurückweisung aller Geschwätzigkeit, mit dem unbedingten Einstehen für die Poesie und die eigenen Texte ein Vorbild, dem wir unseren Dank, unsere Bewunderung und unsere äu­ßerst bewegte Zuneigung schenken.</p>
<p>Bis heute ist sich Wulf Kirsten übrigens nie zu schade, die Mühen der Ebene auf sich zu nehmen. Dafür geht er auch, wie man es von Stoß-stür­mern im Fußball verlangt, die Wege, die weh tun. Einmal hat er – ich glaube zusammen mit Gisela Kraft, Martin Straub und Wolfgang Haak – einen leibhaftigen, um nicht zu sagen einen äußerst leibhaftigen Kultus­minis­ter zur Förderung literarischer Anliegen kurzerhand zum Essen in ein edles Weimarer Restaurant eingeladen, was bei dem bekann­ten Appetit des Ministers sicher nicht ganz billig war. Aber auch seine physische Schmerzgrenze spielt für Wulf keine Rolle, wenn es darum geht, Gefahren nicht nur nicht auszuweichen, sondern ihnen mit Vehe­menz entgegenzutreten. Ich erinnere mich noch gut, wie ich ihn vor eini­gen Jahren auf der Hegelstraße traf. Er war gerade dabei, Einladungen für eine Lesung der Literarischen Gesellschaft in Briefkästen zu werfen. Während wir auf dem Bürgersteig in der Sonne standen und irgendetwas besprachen, näherte sich ein junger Mann auf einem Fahrrad, dessen Bremsen justament in diesem Augenblick versagten, was dazu führte, dass er Wulf schlichtweg umfuhr. Wer nun geglaubt hätte, dass der gestürzte Wulf sich durch diese hinterhältige Attacke hätte einschüchtern lassen, staunte nicht schlecht. Wulf schnellte nämlich mit einer bewundernswer­ten Spannkraft vom Boden in die Höhe und rief dem vielleicht zwanzigjähri­gen Studenten die denkwürdigen Worte zu: »Betrachten Sie sich als geohrfeigt, Sie Flegel!« Das geschah mit solcher Verve, dass der Student, der sich auf seinem Rad so gerade noch hatte halten können, schleunigst das Weite suchte. Man kann das dem Studenten nicht verar­gen, denn zu den vielen Begabungen des Wulf Kirsten gehört mit Sicher­heit die des spontanen, eruptiven und treffenden Fluchens. Den Ausdruck für Erfurt, den ich aus seinem Munde vernahm, habe ich für heute vorsichts­halber vergessen, und auch den Namen eines berühmten Men­schen, den er kürzlich als Niestüte und Prolet-Okkultisten bezeichnete, weil er ihn im Verdacht hatte, sich seine stammtischlerischen Meinungen im Wesentlichen durch Lektüre von Horoskopen zu bilden. Kehren wir aber zurück zu dem Studenten, der, das sei zur Ehre des jungen Mannes gesagt, fünf Minuten nach dem Unfall mit einer Tüte Kräutertee und einer rührenden Entschuldigung zurückkam und anschließend mit Wulf zusammen zu den nächsten Briefkästen wanderte, in friedliches Gespräch vertieft.</p>
<p>Ich bin noch nicht ganz fertig. Denn es warten noch vier kurze Kapi­tel, in denen es geht um Liebe, um Querköpfe, um Wanne-Eickel und den Kulturbahnhof Weimar.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Kapitel Sieben: Liebe</span></h4>
<p>Liebesgedichte sind ein heikles Genre. Denn die geläufige Erwartung geht doch eher in die Richtung »nobelpreisverdächtige Hand­tuchsprüche«, wie Wulf Kirsten sagt, oder es korrespondiert allzusehr mit der hier pars pro toto genannten Internetplattform <em>herzklopfen-online.de</em> und ähnli­chen Publikationen. Dergleichen ist von Wulf Kisten nicht zu haben. Und doch gibt es da ein Gedicht, das ich als Liebesgedicht identifiziert habe. Das Wort der Worte fällt nicht, aber das Gedicht spricht so klar und einfach und so nah an der Grenze des redlicherweise Aussprechbaren, dass es mir die Sprache verschlagen hat.</p>
<p>Das Gedicht beschreibt, wenn ich es recht verstehe, nicht mehr als die Erinnerung an eine Nuance, einen Zwischenton, eine Schattierung des Fühlens. Das Wort Wir fällt, es ist Nacht, der Mond scheint, aber das Wort Liebe fällt nicht, obwohl von nichts anderem die Rede ist. Es geht um jenen geheimnisvollen Augenblick verschwiegenen Einvernehmens zweier Herzen, der manchmal Anfang eines Glücks wird, manchmal äußer­lich folgenlos vorübergeht und auf ewig eine Erinnerung bleibt, für die es nie einen Beweis geben wird, eine Erinnerung, die als ein geheimnis­voll schöner Schmerz Bestand hat.</p>
<p style="padding-left: 60px;">MINZOWER ELEGIE</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>auf nebelbänken ruhte die nacht.</em><br />
<em> wir gingen durch koppeln,</em><br />
<em> atmeten grasduft.</em><br />
<em> das knirren der rinder rief uns nach.</em><br />
<em> undurchdringlich die leeren felder.</em><br />
<em> der weg zum see erzählte geschichten,</em><br />
<em> die ich vergaß.</em><br />
<em> wir schwiegen in die gespiegelte stille,</em><br />
<em> der es den atem verschlug. –</em><br />
<em> die erinnerungen leben getrennt.</em><br />
<em> nichts wiederholt sich:</em><br />
<em> der grasgeruch jener nacht,</em><br />
<em> die regungslosigkeit der leeren felder,</em><br />
<em> die strömung des mondrauchs über dem see,</em><br />
<em> gesichter, vergraben im laub.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Achtes Kapitel: Querköpfe</span></h4>
<p>Als ich 2001 von Köln nach Weimar kam, hatte ich das unschätzbare Glück, schon recht bald Wulf Kirsten kennen zu lernen. Wir sprachen über Köln und irgendwie kam ich auf einen adeligen kölner Mitbürger zu sprechen, einen gelernten Soloviolinisten. Er hatte dem Konzertbetrieb Ade gesagt, lebte in einer keineswegs drogenfreien und auch an Frauen und Kindern reichen Kommune, sah aus wie ein Räuberhauptmann, stellte sich mehrmals wöchentlich in die Fußgängerzone, packte seine Geige aus, begann zu fiedeln wie ein junger Gott, und sang oder vielmehr brüllte die wildesten antikapitalistischen Lieder, die man sich denken kann, was zu regelmäßigen Verhaftungen führte. Ich kannte ihn als Nach­barn aus familiären Auftritten am Nikolausabend, wo er den garsti­gen Knecht Ruprecht gab. Wie sich zu meiner großen Verblüffung heraus­stellte, war dieser rauhe Geselle auch Wulf Kirsten bestens be­kannt, er war interessanterweise so ziemlich der einzige gemeinsame Be­kannte, den wir in Köln hatten. Wulf hatte ihn in den 80er Jahren in Köln auf der Straße singen und geigen gesehen, war bei späterer Gelegen­heit auf seine Texte gestoßen und kannte sogar seinen Geburts­ort, nämlich Dippoldiswalde in Sachsen. Vor zwei Jahren gelang es uns, ein Gesprächskonzert mit Wulf Kirsten und Klaus Christian von Wro­chem alias Klaus dem Geiger in Weimar zustande zu bringen und es war ein Abend der fröhlichsten Anarchie.</p>
<p>Warum erzähle ich das? Es geht nicht nur um das anarchische Bro­deln, das vielen Gedichten und übrigens auch Essays von Wulf Kirsten die unverkennbare Würze gibt. Es geht auch nicht nur um sein lexikali­sches Namensgedächtnis. Es geht um seine Vorliebe für das Nichtkanoni­sche, die sich auch aus der schon erwähnten Anthologie ablesen lässt. Und wie viele Gedichte hat Wulf Kirsten der Schilderung nichtkanoni­scher Künstler, ja überhaupt nichtkanonischer Menschen gewidmet! »Auf der unerbittlichen Suche nach Wahrheit, nach dem Absoluten, nach mehr Tiefenschärfe &#8230; wird der Schriftsteller zum Randläufer und Außensei­ter der Gesellschaft. Aus dieser Distanz sieht er schärfer, ge­nauer, schreibt Wulf Kirsten und: »Will ein Gedicht dem Leser etwas mitteilen über das hinaus, was er ohnehin schon weiß, muß es den Mut zu ei­ner Pionierleistung aufbringen. So wie Kunst vom Mut zur Erstbege­hung, zur Erstsetzung, zur Erstbenennung lebt. &#8230; Zu diesem transformieren­den Kraftakt &#8230; gehört &#8230; der individualistische Mut zur Identitätsfindung, selbst zu sein und dieses Selbsterkennen in eine uner­hörte Mitteilung zu verwandeln.«</p>
<h4></h4>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Kapitel Neun: Auf Reisen</span></h4>
<p>Als die literarische Gesellschaft vor einigen Jahren begann, Gedichte thürin­ger Autoren auf Plakaten an Litfaßsäulen zu präsentieren, baten wir auch Wulf Kirsten um ein Gedicht. Das war ein Problem. Denn das Format ließ nur sehr kurze Gedichte zu und Wulf Kirsten schreibt selten kurze Gedichte. Ich glaube, das hat seinen Grund darin, dass seine Ge­dichte aus ihrer wuchtigen Dynamik leben. Sie steigern sich auf eine Schluss­zeile hin. Steigerung ist Bewegung und braucht Platz. Die Bewe­gung kommt auch durch die Verben ins Gedicht, manchmal auch dadurch, dass sich das lyrische Ich selbst bewegt, oft auf einer Wanderung oder im bewegten Gespräch, manchmal mit der Eisenbahn beim unfreiwilligen Anhören der Verkündungen auftrumpfender Ge­schäfts­leute, selten im Auto, denn Wulf Kirsten hat, soweit ich weiß, keinen Führerschein, immer neugierig auf Ortsnamen, unterwegs durch das Saaletal, wo wir Nietzsche begegnen, nach Kuks, an den Comer See, in die Provence, oder durch das Ruhrgebiet, dessen Landschaft selten so liebevoll und gnädig beschrieben wurde wie in dem Gedicht <em>Getrübter Himmel</em> von 1990, wo wir den, ich zitiere, »bizarrsten minutengebil­den aus qualm &#8230; schönen rauchzöpfen &#8230; schlieren &#8230; schlei­ern &#8230; wattezotten« begegnen, »&#8230; rechts Wanne-Eickel, links Wanne-Eickel.«</p>
<p>Da ist es schon vorbeigezogen, das neunte Kapitel, und da Wulf Kirs­tens Reisen seit fast fünfzig Jahren immer hier enden, endet auch mein Preisgesang hier, nämlich, mit meinem zehnten Kapitel, in Weimar. Aber wo und was genau ist Weimar? Die Stadt mit dem Berg über der Stadt, sagen einige, andere: die Stadt in der Nähe von Hottelstedt und Zot­telstedt, wieder andere: ein schön sanierter Schwebezustand zwischen Hier und Gestern unweit Scherkonde, Pfiffelbach und Ilm. Ach, es gibt viel zu viele richtige Antworten.</p>
<p>In einem weltberühmten amerikanischen Online-Lexikon finden sich folgende Aussagen: »Weimars geographische Koordinaten sind 29° 42′  Nord, 96° 47′  West &#8230; Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle in Weimar. Daneben finden sich fleisch- und blechverarbeitende Betriebe und ein Hersteller von Dichtungen.«</p>
<p>Wir fragen uns unwillkürlich, wer mit dem Hersteller von Dichtungen gemeint ist: Das muss doch Wulf Kirsten sein! Aber nein, Sie haben es längst erraten, das Online-Lexikon spricht gar nicht von Dichtung im Sinne von Poesie, sondern von technischen Vorrichtungen. Und über­haupt handelt der ganze Lexikon-Eintrag nicht von Weimar/Thüringen, sondern von Weimar/Texas, wie der Kundige an den geographischen Koordinaten bemerkt hat.</p>
<p>Wir sollten uns davon indes nicht ablenken lassen. Eine Stadt ist mehr als ihre geographischen Koordinaten, sie ist auch mehr als das, was Architek­ten verzapfen. Eine Stadt ist auch ein Ort des Geistes, im besten Fall gebauter Geist, Stein gewordene Idee, durchweht vom unendlichen, kontroversen Menschengespräch: talk of the town. Und ob sie als solche interessant und bedeutsam ist, hängt davon ab, ob sie ein gewisses intellektu­elles Reizklima hat. Das können nur Bürger schaffen, die ihrer Stadt Bestes suchen – mit Herz und Verstand und nicht immer zur kurzfristi­gen Freude des Bürgermeisters. Wer es gut mit der Stadt meint, der wünscht sich, dass Wulf Kirsten nicht aufhört, Vorschläge zu machen für Ehrenbürgerschaften, Straßenumbenennungen, Hausverkäufe und immer in sehr unmissverständlichen Worten. Auch wenns manchmal wehtut, lieber Oberbürgermeister, liebe Stadt- und Landräte, das müsst Ihr aushalten können: Du sollst, heißt es im 5. Buch Mose, dem Ochsen, der da drischet, nicht das Maul verbinden. Ehrt ihn! Die Stadt hat seinem kla­ren Wort mehr zu verdanken als manchem verklärten Hallelujah. Die Wahrheit, die heute für uns zählt, ist nur eine: Weimar ist die Stadt, in der Wulf Kirsten lebt und immer ein offenes menschliches Wort spricht. Und das merkt man ihr zum Glück auch an.</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Wehmütig</em><br />
<em> bin ich an Weimar</em><br />
<em> vorbeigefahren,</em><br />
<em> lieber Wulf,</em><br />
<em> kurzer Halt nur</em><br />
<em> am »Kulturbahnhof«,</em><br />
<em> wie auf der Leipziger</em><br />
<em> Buchmesse nach</em><br />
<em> deinen Lesungen.</em></p>
<p>so drückt es Dein alter Weggefährte Arnfrid Astel aus. Und es sind viele Weggefährten hier, Freunde aus alten und jungen Tagen, aus allen Himmels­richtungen sind sie gekommen, sogar aus Erfurt und Paris, Amtsträ­ger und Bartträger, ehrbare Verleger und verlegene Verehrer, Präsidentinnen und Dichterinnen, Musikerinnen und Bildhauer, Professo­ren und Übersetzer, Kinder und Enkel – was soll ich noch sagen? Du hast sie Dir alle redlich eingebrockt, mit Gedanken, Worten und Werken, lieber Wulf, Du mit Deiner Begabung, nach Wahrhaftigkeit zu graben, nach den Engeln zu suchen in den Zeiten der Datenverarbeitung, Du mit Deiner Frau Sofia und mit Euer beider allerfreundlichsten Bega­bung, nämlich der, Freunde und Helfer zu sein, und zwar nicht nur dann, wenn der Himmel glänzt wie Gloriaseide.</p>
<p>Ich zitiere aus dem Gedicht <em>Woherwohin</em> die letzten Zeilen:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>ich, redefigur aus erdreich,</em><br />
<em> verstreu eine handvoll worte &#8230;</em><br />
<em> ich, meine freunde, wir gehn, wir reden</em><br />
<em> immer ein menschliches wort.</em></p>
<p>Danke Ihnen allen für Ihre Geduld, und Dir lieber Wulf:</p>
<p><em>Herzlichen Glück­wunsch zum Geburtstag!</em></p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/wulf-kirsten-zum-80-geburtstag/">Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hexenprozesse im Spiegel der Literatur (2009)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/hexenprozesse-im-spiegel-der-literatur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Jan 2009 16:51:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>»Was wir tun ist Gottes Werk« Hexenprozesse im Spiegel der Literatur Christoph Schmitz-Scholemann &#160; Für Heribert Waider Wenn der Teufel studieren wollte, müsste er auf jeden Fall zuerst in der Theologischen Fakultät vorsprechen, hat Voltaire gesagt. Und gleich danach in der juristischen, würde ich hinzufügen. Was die Theologie betrifft: Der Glaube an Gott und der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Hexenprozesse-im-Spiegel-der-Literatur.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">»Was wir tun ist Gottes Werk«</h1>
<h3 style="text-align: left;">Hexenprozesse im Spiegel der Literatur</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-book; font-size: 12pt; color: #808080;"><em>Für</em> <em>Heribert Waider</em></span></h4>
<p>Wenn der Teufel studieren wollte, müsste er auf jeden Fall zuerst in der Theologischen Fakultät vorsprechen, hat Voltaire gesagt. Und gleich danach in der juristischen, würde ich hinzufügen. Was die Theologie betrifft: Der Glaube an Gott und der Glaube an den Teufel scheinen einander zu bedingen. Für den Menschen ist das eine bitterernste Sache, denn es geht um sein Leben. Die beiden anderen, Gott und der Teufel, sind eher Spielernaturen. Zwar würfeln sie nicht, das wissen wir von Ein­stein, aber von Goethe wissen wir, dass sie wetten, und zwar um den Kopf des Menschen. Und seit dem späten Mittelalter prozessieren sie auch gegeneinander. Ein juristisches Lehrbuch aus dem 16. Jahrhundert – der <em>Laienspiegel</em> des Stadtschreibers Ulrich Tengler (1447–1511) – ent­hält ein Hauptkapitel mit dem Titel: Der Teufelsprozess vor dem Weltge­richt. Darin klagen die Anwälte der teuflischen Bosheit gegen Gott­vater auf Herausgabe des Menschengeschlechts. Der Prozess ist reich an Säumnis­lagen, Vertagungen und alles in allem ein ziemliches Gezerre. Den Menschen als Objekt dieses Gezerres droht es oft zu zerreißen.</p>
<p>Dass ein Gerichtsverfahren zur Klärung transzendentaler Verhältnisse geeignet sein kann, ist dem Metaphernhaushalt des Christen geläufig: Die In­quisitoren und Hexenrichter verstanden sich als Vorposten des Jüngs­ten Gerichts und das <em>Dies Irae</em> ist die Grundmelodie ihres Tuns. Rechtfertigun­gen für ihre gnadenlose Konsequenz fanden sie nicht nur im Al­ten Testament, sondern reichlich auch in den Worten Jesu Christi: Weicht von mir, all ihr Übeltäter, in das ewige Feuer!</p>
<h4 style="text-align: justify;"><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><span style="font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
<span style="font-size: 12pt;">1.</span></span></span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"> <span style="font-family: gill-sans-regular;">Hexen heute</span></span></h4>
<p>Die letzte Hinrichtung einer wegen Hexerei verurteilten Frau geschah vor über zweihundert Jahren. Der Prozess gegen Anna Göldin (1734–1782) im schweizerischen Glarus hat zahlreiche erzählerische Bearbeitun­gen und auch eine eindrucksvolle filmische Darstellung gefun­den. Die Tötung dieser eigenwilligen und begabten Dienstmagd am 13. Juni 1782 war bereits für die Zeitgenossen ein Anachronismus und ein Skandal. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es schon Gebildete, die sich über den Hexenglauben nicht mehr empörten, sondern amüsierten. So schrieb die Erfurter Dichterin Sidonia Zäunemann (1714–1740) im Jahre 1737 eine Verssatire über eine juristische Prüfung: Dem Kandidaten wird die Frage vorgelegt, ob der Ausdruck ›Hexe‹ beleidigend im Sinne des Gesetzes ist. Nein, lässt Sidonia Zäunemann ihn sagen:</p>
<p>»Wer einem Frauenbild den Titel, Hexe, giebet,<br />
Der zeiget dadurch an, daß er sie ehrt und liebet.«</p>
<p>Das wird aber offenbar bis heute nicht unter allen Umständen und von allen Betroffenen so verstanden. Jedenfalls hatte im Sommer 2009 das Oberlandesgericht Frankfurt (7. Juli 2009 – 16 U 15/09 – juris) über eine Klage zu entscheiden, mit der eine Frau von ihrer Nachbarin verlangte,   »es zu unterlassen, die Kinder der Klägerin &#8230; mit Ausdrücken, wie ›blöde Kuh‹, ›Sackgesicht‹, ›Schleiereule‹ oder ›dreckige Hexe‹ zu beschimp­fen &#8230;«</p>
<p>Wenn es in der Gegenwart in Deutschland um Prozesse geht, in de­nen das Stichwort Hexe eine Rolle spielt, dann hat man es entweder mit Beleidi­gungsprozessen zu tun, oder mit Streitigkeiten über Straßennamen wie Hexenturm oder Hexenberg oder man setzt sich über die Freiver-käuflich­keit von racemischer Camphersalbe auseinander, die bei Hexen-schuss helfen soll (VG Köln 17. Oktober 2008 – 18 K 1218/06), oder um die Zulassung von sog. Knusper- und Hexenhäusern als Kirmesbu­den (VG Gelsenkirchen 11. Juli 2008 – 7 L 689/08). In diese Reihe passt auch ein Urteil des Landgerichts München I aus dem Jahre 2006 (30 S 10495/06). Ich zitiere nahezu wörtlich aus einer Nachricht vom 21. Okto­ber 2006 in der <em>Frankfurter Allgemeinen</em>. Danach hatte das Ge­richt</p>
<p>»&#8230; über die Klage einer Frau zu entscheiden, &#8230; deren &#8230; Lebensge­fährte (sich) von ihr getrennt hatte &#8230; Sie beauftragte eine Spezialistin &#8230;, die unter der vielversprechenden Bezeichnung ›Hexe‹ für sich warb, mit der Rückholung des Untreuen. Als Honorar wurden 1000 Euro verein­bart. Die Wirkung des Liebeszaubers &#8230; blieb allerdings aus &#8230; und die verlassene Frau klagte &#8230; auf Rückzahlung des Zauberhonorars. Mit Er­folg. Das Gericht befand, ein Liebeszauber sei auf eine objektiv unmögli­che Leistung gerichtet<em>, da er nicht geeignet sei, einen Menschen aus der Ferne zu beeinflussen </em>&#8230;«</p>
<p>Ganz ohne Ironie können wir, so scheint es, über Hexenprozesse nicht mehr sprechen. In der Anfangsszene des 1942 gedrehten Spielfilms <em>Meine Frau, die Hexe</em> von René Clair (1898–1981) sehen wir einen brennenden Scheiterhaufen, auf dem soeben vor den Augen eines zahlreich erschie-nenen und begeisterten Publikums eine Hexe verbrannt worden ist. Als der Priester eine kleine Pause bis zur nächsten Verbrennung ankündigt, tritt sogleich ein wohlgenährter und optimistisch dreinblickender Mann mit einem Bauchladen auf, der mit lauter Stimme ruft: »Puffreis, Leute, kauft Puffreis, frischen indianischen Puffreis, 2 Cent der Beutel und mit Origi­nal-Anti-Hexenmittel &#8230;«</p>
<p>Auch der gegenwärtige literarische Gebrauch des Sujets scheint zu bele­gen, dass Hexen nichts Schlimmes mehr sind. Ein bekannter Schla­ger der Gruppe Rudolf Schock und die Schocker heißt »Sexy Hexy«, im Internet lesen wir z. B.: »Hallo ich bin Julie, die Gehilfin von Sexy-Hexy. Ich mag meine Hexenmeisterin und fühle mich wohl bei ihr. Wo ich mich gut fühle, zieh ich mich gerne aus &#8230;« Und in Kinderbüchern fin­den wir seit dem Wiederaufblühen der feministischen Bewegung in den 70er Jahren keine bösen Hexen mehr, die schöne Prinzessinnen vergiften. Ganz im Gegenteil. Bei einem Schreibwettbewerb im Jahre 1995 siegte die siebenjährige Elisabeth Luther aus Jena mit der folgenden Kurzge­schichte: »Es war einmal eine schöne Hexe. In der Nähe stand ein Schloss. Und in dem Schloss wohnte eine hässliche Prinzessin. Die hieß Dornröschen. Und am nächsten Tag fiel sie in einen 100jährigen Schlaf. Die Hexe nahm nach 100 Jahren ihren Zauberstab und berührte Dornrös­chen damit. Und dann wachte Dornröschen endlich auf. Dann heiratete die Hexe Dornröschen und sie lebten fröhlich bis an ihr Lebens­ende.«</p>
<p>Die Hexen in der Kinderliteratur können heute also sogar glückliche gleichgeschlechtliche Partnerschaften unterhalten. Es scheint, wir sind restlos aufgeklärt. Ist das wirklich wahr? August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) ließ einen zweifelnden Unterton mitklingen, als er Mitte des 19. Jahrhunderts folgende Verse über das Verhältnis des modernen Menschen zu den Hexenprozessen schrieb:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Tod und Leben</p>
<p style="padding-left: 30px;">Wenn du erzählest, deutsche Geschichte,<br />
Hexenprozesse, Hexengerichte,<br />
Segn’ ich unsere Zeit,<br />
Wo man weit und breit<br />
Keine deutsche Hexe kennt,<br />
Keine foltert und verbrennt.<br />
Die Menschen waren früher dumm und schlechter,<br />
Doch wir sind aufgeklärt und viel gerechter.«</p>
<p>Wenn wir wirklich so aufgeklärt sind, dann fragt man sich natürlich, wa­rum es in den Bestsellerlisten von Geheimbünden, magischen Zirkeln und bö­sen Mächten wimmelt. Man fragt sich auch, woher die vielen Internetsei­ten kommen, in denen Hellseher und Wunderheiler ihre Dienste anbieten. Demoskopen fragen seit den fünfziger Jahren immer wieder: Glauben Sie, dass es Menschen gibt, die anderen Menschen Un­glück und Krankheit anwünschen können? Die Frage wird von einer stabilen bis wachsenden Minderheit bejaht. Gegenwärtig sind gut 15 v. H. der Befragten davon überzeugt, dass Menschen hexen können. Das ent­spricht ungefähr dem von der FDP 2009 erreichten und von der AfD 2017 erwarteten Wähleranteil. Jedenfalls sind es fast 10 Millionen Men­schen in Deutschland, von denen sicher einige auch gelegentlich in die Oberpfalz pilgern, weil sie fest daran glauben, die 1962 verstorbene Resl von Konnersreuth habe an jedem Karfreitag aus den Wunden Christi zu bluten begonnen und das bei 25 Jahren nahrungsfreiem Leben.</p>
<p>Es ist also – ein Blick in die Yellow Press reicht zum Beweise aus – ge­nug Esoterik und Wunderglaube übrig geblieben, wenn auch manchmal ironisch gebrochen wie bei jenem Wissenschaftler, der ein Hufeisen über der Tür hatte und auf die Frage, ob er an solchen Hokuspokus glaube, antwortete: »Natürlich nicht! Aber das Gute ist, es hilft auch, wenn man nicht dran glaubt!« Aberglaube ist Überglaube, also ein Kind des Glau­bens und manchmal heilsam – wie allein schon die nachweisbare Wirksam­keit von Placebos zeigt, die bei manchen Medikamenten über 50 v. H. liegt. Und »Heiler«, die durch Handauflegen und Gebete Warzen und Schmer-zen vertreiben und Menschen »stonn losse« – also gegen ihren Willen wie angewurzelt auf der Stelle stehen lassen können, gibt es nach einer 2007 erschienenen Untersuchung von Walter Hanf (geb. 1937) heute – z. B. in der Nordeifel – genauso wie vor tausend Jah­ren.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
2. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"> Hexenjagden in Massenmedien und zwei schwarze Augen voll süßer Nacht</span></h4>
<p>Ein Versuch, den Einbruch des Esoterischen und zugleich das Thema Hexenprozesse in unsere Zeit zu transportieren, stammt von dem 1947 in Rio do Janeiro geborenen Paulo Coelho. <em>Die Hexe von Portobello</em> heißt der 2007 im Diogenes-Verlag erschienene und von Maralde Meyer-Minne­mann übersetzte Roman. Seine Heldin Sherine ist eine Bankangestellte mit schwärmerischen Anlagen und einem Gerechtigkeitsge­fühl, das ein Berufsjurist vermutlich als »übersteigert« empfände. Eines Tages bemerkt sie, dass sie sich in Trance tanzen und damit Energien freisetzen kann, die sich auch in wunderbar steigenden Gewinnen der Bank ausdrücken. Sie nimmt esoterische Lehrstunden, trifft sich mit Gleichgesinnten in einem alten Getreidespeicher in der Portobello Road und redet in Zun­gen. Die Schar der verzückten Anhä­nger wächst rasch, was den Neid der Konkurrenten am Sinnstiftungs­markt weckt. Ein Reverend spricht in der Zeitung vom »Satanskult im Herzen Englands«. Es kommt zu Schläge­reien zwischen Christen und Sherines Anhängern. Der Reverend erklärt öffentlich: »Als guter Christ habe ich die Pflicht, meine andere Wange hinzuhalten &#8230; Dennoch dür­fen wir nicht vergessen, dass Jesus zwar seine andere Wange hingehalten &#8230;, aber auch die Peitsche benutzt hat, um jene zu züchtigen, die das Haus Gottes in eine Räuberhöhle verwandeln wollten.«</p>
<p>England hat – anders als einige afrikanische Länder – keine Hexenrich­ter mehr, aber es hat wie wir in Deutschland auch eine freie Presse, die unter dem Vorwand der Ausübung des Grundrechts auf Mei­nungsfreiheit Hetzjagden auf einzelne, vornehmlich machtlose, Men­schen oder Minderheiten organisiert. Wir denken nicht nur an Christian Wulff oder Annette Schawan. In Coelhos Roman gibt es Morddrohun­gen gegen Sherine, die in der Zeitung »Hexe von Portobello« heißt. Eines Ta­ges verschwindet sie von der Bildfläche und Scotland Yard gibt be­kannt, man habe eine zu Tode gemarterte Frauenleiche gefunden, bei der es sich um Sherine handeln müsse. Zum Glück erfährt der Leser im letzten Kapitel, dass Sherine in Zusammenarbeit mit der Polizei ihre Ermordung nur vorgetäuscht hat, um sich der realen Hinrichtung zu entziehen. Sie wird gerettet, muss sich fortan allerdings verstecken. Die Hetzjagd endet nicht mit der physischen Hinrichtung, aber mit dem sozia­len Tod. Die Hexe von Portobello teilt übrigens mit den übrigen literarischen Hexen zwei Äußerlichkeiten: Sie hat eine dunkle Herkunft und noch dunklere Augen. Die Vorstellung, dass Zauberkraft insbeson­dere von den Augen der Hexen ausgeht, liegt auch dem folgenden Ge­dicht zu Grunde. Es stammt von Felix Dahn (1834–1912), der an sich eher Romancier und Rechtshistoriker war.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>»Die Hexe</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Wenn du ein Hexlein richten soll’t, blick’ nicht ihr in die Augen,<br />
</em><em>Sonst wird dein töricht Herz ihr hold, kann nicht zum Richten taugen.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Das hat den Burggraf von Tirol geführt in Tod und Schande:<br />
</em><em>Der war ein junger Ritter wohl und Richter in dem Lande.</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Zu Bozen an dem schwarzen Stein, da saßen Schöffen elfe: –<br />
</em><em>›Die Hexe muß verbronnen sein‹ – sprach er – ›so Gott mir helfe‹.</em><em>  </em><em>&#8230;</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Und von dem Stein der Burggraf schritt mit allem Volk zum Weiher:<br />
</em><em>Zwei Schergen schleppten die Hexe mit, gehüllt in dunkle Schleier.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>›Halt – laßt mich erst dem Teufelskind in die Koboldaugen schauen:<br />
</em><em>Und ob sie Zauberkohlen sind, – mir soll davor nicht grauen.‹ –</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Er reißt den Schleier fort mit Macht: – da war’s um ihn geschehen: –<br />
</em><em>Zwei schwarze Augen voll süßer Nacht, die haben ihn angesehen.  </em><em>&#8230;</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Er hielt die Hand vors Angesicht, er tät sich baß verfärben:</em><br />
<em> ›Halt! – Sie ist keine Hexe nicht! – Sie ist rein! – Sie soll nicht sterben!‹ – </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>›Die Hexe muß verbronnen sein!‹ – So sprachen da die Elfe –</em><br />
<em> ›Du bist behext: – gedenke fein: du schwurst, so Gott dir helfe!‹ </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Sie halten dem Grafen Schwert und Hand, sie zerren sie fort zum Weiher –<br />
</em><em>Und als er sich zornig losgewandt, – im Wasser schwamm ihr Schleier.</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Er springt ihr nach, er faßt sie wohl: – da täten sie beide sinken: –<br />
</em><em>So mußte der Burggraf von Tirol um eine Hex’ ertrinken.«</em></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
3.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"> Formfragen</span></h4>
<p>Diese beiden ersten Kapitel meines Vortrags dienten u. a. dem Zweck, auf der Oberfläche – der Bilder- und <em>Buchstabenhaut</em>, um einen Aus­druck der Weimarer Ästhetik-Professors Olaf Weber (geb. 1944) abzuwan­deln – unserer gegenwärtigen Kultur nach Spuren jenes juristi­schen, theologi­schen und moralischen Desasters zu suchen, das die Hexen­prozesse darstel­len. In den folgenden Kapiteln will ich Ihnen im Wesentlichen solche Werke vorstellen, die das Thema nicht in eine an­dere Zeit zu transpo­nieren versuchen, sondern es in seiner Zeit belassen. Ich werde unterschiedliche literarische Genres einbeziehen, also nicht nur erzäh­lende Literatur, sondern auch Lyrik, Essay, Kampfschrift, Drama, Film und Oper. Die Kapitel sind nicht systematisch aufeinander bezogen, son­dern versuchen, aus unterschiedlichen Richtungen auf das Thema zu schauen und auf diese Weise ein plastisches, mehrdimensionales Bild zu erzeugen.</p>
<p>Die schöne Literatur nimmt sich der Hexenprozesse erst ein halbes Jahr­hundert nach der letzten Hexenverbrennung in Mitteleuropa an. Der früheste deutsche Roman ist Ludwig Tiecks (1773–1853) <em>Hexensab­bat</em> von 1832. Er spielt im französischen Arras und zeigt den Einbruch des juristisch maskierten Hexenwahns in die heitere Welt der Frührenais­sance. Ihm folgten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder ein­zelne erzählende Werke, ohne dass daraus eine <em>vague</em> geworden wäre. Wir fin­den bekannte Namen wie Friedrich Hebbel, Ludwig Bechstein, Wil­helm Raabe, Theodor Storm, Theodor Fontane und Ludwig Gang­hofer, aber mehr noch Autoren, die man heute eher dem Kreis der poetae mino­res zurechnen möchte, obwohl sie alle in ihrer Zeit populäre und teilweise hochinteressante Dichter waren, etwa Wilhelm Meinhold, Wil­helm Heinrich Riehl, Willibald Alexis, Josef Leitgeb, Erika Mitterer, Ja­kob Wassermann und andere. Die Hexenjagd war weder konfessionell gebunden noch machte sie vor Sprachgrenzen halt. Und so haben auch andere Literaturen Werke zu diesem Thema hervorgebracht. Ich er­wähne Aldous Huxley, Arthur Miller, Nathaniel Hawthorne und – schon gehört – Paulo Coelho. Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ist der Hexenroman eine richtige Wachstumsbranche. Dabei findet man auf der ei­nen Seite Bücher, die von einem oft regional oder lokal geprägten Inte­resse an historischer Aufhellung gekennzeichnet sind. Bei anderen ge­winnt man den Eindruck, es gehe eher darum, die beim Leser vermutete Gier nach der delikaten Mischung aus Weihrauch, Sex und Folter anzurei­zen, die das Thema verspricht. Und doch haben alle literarischen Werke über Hexenprozesse, die ich in der Hand hatte, eine Gemeinsam­keit. Sie sind <em>fact-based</em>. nach historisch belegten Zeugnissen geschrie­ben oder sie spielen zumindest mit diesem Anschein. Oft zitieren sie ausgie­big Verhörprotokolle, Stadtchroniken, Urteile und so fort. Dabei sind die literarisch ambitionierten Autoren bei der Schilderung von Fol­ter und Hinrichtung meist zurückhaltender als die Quellen. Die Wirklich­keit der Hexenprozesse war so grell und so furchtbar, dass sie in einem Roman unglaubhaft wirken müsste.</p>
<p>Damit hängt ein weiteres literarisches Problem des Genres zusammen: Der Konflikt zwischen Hexe und Richter bietet keine große moralische Spannung. Die Entscheidung über Gut und Böse hat der Leser, erst recht der des 21. Jahrhunderts, längst getroffen, bevor er ein Hexenbuch in die Hand nimmt. So klare moralische Verhältnisse sind für den Boulevard-Journalisten eine Freude. Die Kerbe, in die er hauen will, ist so tief und breit, dass er sie auch mit dem gröbsten Werkzeug nicht verfehlen kann. Dem ernsthaften Romancier ist diese Lage jedoch prekär: Er braucht interessante und das heißt wohl doch einigermaßen offene Konflikte. Das Spiel muss wenigstens zu Beginn unentschieden stehen. Viele Autoren versuchen daher, im Roman eine Identifikationsfigur auftreten zu lassen, die den Opfer-Täter-Konflikt glaubwürdig und interessant macht, indem sie ihn in sich auszutragen hat. Im Fall der Hexenprozesse muss das eine Person sein, die einerseits dem Hexenglauben anhängt, andererseits aber Gründe zum Zweifel hat. So verlegt Theodor Storm (1817–1888) in sei­ner sehr zu Herzen gehenden Novelle <em>Renate</em> den Hexenprozess als einen tragischen Reifungsprozess in das Herz des Pfarrers Josias: Er muss am Ende eines frommen Lebens erkennen, dass er die Liebe einer Frau und damit das größte Gottesgeschenk einem scheinbar unumstößlichen Dogma geopfert hat, das nichts als plumpester Aberglaube war.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
4.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Politik und Hexerei</span></h4>
<p>Die politische Dimension der Hexenprozesse macht sich in den literari­schen Bearbeitungen unterschiedlich bemerkbar. Aldous Huxley (1894–1963) etwa zeigt in dem von Herbert E. Herlitschka übersetzten Buch <em>Die Teufel von Loudun</em>, dass es zur Hinrichtung des Pfarrers Urbain Grandier vermutlich nie gekommen wäre, wenn sich nicht Aberglaube und kleinstädti­scher Neid mit dem Interesse des Königs an der Zurückdrän­gung des Protestantismus verbunden hätten. So wie ja auch die Jagd auf den seinerzeitigen Bundespräsidenten Christian Wulff sehr gut zu politi­schen Tendenzen passten, Wulff wegen seiner toleranten Haltung gegen­über dem Islam zu strafen. Eine ganz andere Dimension lässt Erika Mitte­rer (1906–2001) aufscheinen, die eine Hexenjagd derart metapho­risch auflädt, dass ihr Anfang der 40er Jahre veröffentlichter Roman <em>Der Fürst der Welt</em> eine gleichnishafte Darstellung des Dritten Reichs aus christ­lich-konservativer Sicht wurde: Der Satan ist am Werk, aber nicht als Hexe, sondern als Richter.</p>
<p>Das Theaterstück <em>Agnes Bernauer</em> von Friedrich Hebbel (1813–1863) er­zählt die historisch belegte Geschichte des bayerischen Thronfol­gers Alb­recht, der sich Ende des 15. Jahrhunderts in die Tochter eines Baders verliebt und sie einen Tag später heiratet. Der Beruf des Baders war da­mals suspekt wegen seiner Nähe zur Heilkunst und zur Prostitu­tion. Als Albrechts Vater Ernst von der Hochzeit hört, ist er entsetzt, weil seine dynastischen Pläne eine andere Frau für Albrecht vorsehen. Er versucht mit Druck und Diplomatie seinen Sohn umzustimmen oder wenigstens Agnes zum Verzicht zu bewegen. Das misslingt. Albrecht liebt Ag­nes. So bleibt aus der Sicht des Vaters nur eine Möglichkeit: Agnes Bernauer muss sterben. Drei dazu berufene Juristen überzeugen sich – in einem nicht näher geschilderten Prozess und jedenfalls, ohne Agnes je gesehen zu haben – von ihrer Schuld als Hexe. Das Urteil lautet auf Erträn­ken. Lange zögert der alte Herzog, bis er das Todesurteil dann doch unter­schreibt. Er verachtet den Hexenglauben des Volkes und wohl auch die Juristen, die den Aberglauben in eine bürokratische Verfahrensra­tionali­tät kleiden, die uns zweifeln lässt, ob es tatsächlich so etwas wie <em>Gerechtig­keit durch Verfahren </em>geben kann. Aber zurück zum alten Herzog Ernst: Er macht sich den Aberglauben aus Gründen der Staatsräson zu eigen. Als sich die Liebenden für einige Tage trennen, lässt er Agnes gefangen neh­men und auf die Donaubrücke zur Hinrich­tung führen.</p>
<p>Carl Orff (1895–1982) hat die Geschichte von der Bernauerin nach al­ten bayrischen Volkstexten vertont und das Libretto selbst geschrieben. Man darf sich zu dem folgenden Textausschnitt die kraftvoll-bäuerliche Musik in der Art der <em>Carmina Burana</em> denken. Der junge Herzog Alb­recht ist von seiner Reise zurückgekehrt und sucht seine Frau:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>»Albrecht:<br />
</em><em>Wo ist die Bernauerin?</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Volk:<br />
</em><em>Ertrunken,<br />
</em><em>ertrunken,<br />
</em><em>ertrunken im Donauwasser</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Albrecht:<br />
</em><em>Wo ist die Bernauerin?</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Volk (Männer):<br />
</em><em>Reiter san kummen,<br />
</em><em>kummen zur Nacht,<br />
</em><em>die habn die Bernauerin<br />
</em><em>zur Bruckn nausbracht,<br />
</em><em>ins Wasser<br />
</em><em>habns sie’s neinzwungen.</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Albrecht:<br />
</em><em>Reiter san kummen,<br />
</em><em>kummen zur Nacht,<br />
</em><em>die habn die Bernauerin<br />
</em><em>zur Bruckn nausbracht?<br />
</em><em>Woher san die Reiter<br />
</em><em>kummen?</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Volk:<br />
</em><em>Reiter san kummen,<br />
</em><em>kummen zur Nacht,<br />
</em><em>von Minka san’s<br />
</em><em>grittn daher.</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Albrecht:<br />
</em><em>Reiter san kummen,<br />
</em><em>kummen zur Nacht,<br />
</em><em>von Minka san’s<br />
</em><em>grittn daher?<br />
</em><em>Wer hat die Reiter<br />
</em><em>ausgsendt?</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Volk:<br />
</em><em>Z’Minka, da sitzt<br />
</em><em>a Herzog am Stuhl,<br />
</em><em>der hat die Reiter<br />
</em><em>ausgsendt.«</em></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">5.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Tatsachen und Ursachen</span></h4>
<p>Viele Bücher wurden geschrieben über die Gründe für die Hexenpro­zesse. Die Hexenforschung ist ein wissenschaftliches Subsystem, das mittler­weile viele Irrtümer bereinigt hat. Die Zahl der Opfer z. B. zählt eher nicht nach Millionen, sondern wird jetzt auf etwa 100.000 geschätzt, da­runter mehr Frauen, aber auch viele Männer und keine Juden. Hexe­rei war Ketzerei und konnte nur von Christen begangen werden. Die Hexenpro­zesse – das muss man sich immer wieder ins Bewusstsein heben – sind kein mittelalterliches Phänomen, sondern eines der beginnenden Neuzeit in Westeuropa. Die Hexenprozesse sind, gemessen an der Mensch­heitsgeschichte, eine moderne Einrichtung. Wenn man länger darüber nachdenkt, kann man sie wegen des Zusammentreffens von entfes­selter Dummheit und Brutalität mit nahezu perfekter Organisation als Vorläufer der rationellen Typenmorde von der französischen Revolu­tion über die Säuberungen in der Sowjetunion bis zum Holocaust und den Blutgerichten des Pol Pot betrachten. Es gab Städte, die nie eine Hexe verbrannt haben, wie Frankfurt und Nürnberg. Die Zeit der Hexenpro­zesse ist ja <em>auch </em>die Zeit von da Vinci, Pico de la Mirandola, Columbus, Galilei, Händel, Bach, Newton: Eine Zeit des Kampfs für Vernunft, Kunst, Kultur, Menschlichkeit, also <em>gegen </em>den Aberglauben. Johannes Kepler selbst gelang es nur mit knapper Not, seine Mutter vor dem Scheiterhaufen zu retten.</p>
<p>Die Hexenjäger verstanden ihr Handwerk nicht als irrationalen Fanatis­mus, sondern als konsequenten und vernünftigen Kampf gegen das Böse. Wer oder was aber war schuld daran, dass sie so sehr in die Irre gin­gen? Der Krieg als Vater aller Dinge? Die Ökonomie? Von 1470 bis 1620 steigen die Getreidepreise um 260 v. H., die Löhne nur um 120 v. H., und die Bevölkerung wächst um 70 v. H. Der Edelmetallumlauf vervierfacht sich durch Gold und Silber aus Lateinamerika. Marxisten sagen, es war Klassenjustiz als Folge der erhöhten sozialen Spannungen beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Einen Beleg für diese These finden wir in Wolfgang Lohmeyers (geb. 1919) von 1976 bis 1981 erschienener Romantrilogie über Friedrich von Spee. Sie beginnt mit dem Prozess gegen die Kölner Kauffrau Katharina Henot, die im Jahre 1627 als Hexe hingerichtet wurde. Treibende Kraft war die mit Katharina Henot um das Postprivileg konkurrierende Taxis-Dynastie. Die schlechte Metaphysik im Dienste einer räuberischen Ökonomie.</p>
<p>Auch der Prozess kostet natürlich Geld. Die Justiz, auch wenn sie für schlimme Zwecke arbeitet, kostet immer auch Geld. Die Henker und die Richter arbeiteten nicht für lau. Der Gotteslohn, mit dem sie zufrieden sein müssten, wenn es ihnen im Tiefsten ernst wäre mit ihrem Glauben, reicht ihnen nicht. Hier ein Ausschnitt aus einer kurpfälzischen Gebührenord­nung für Nachrich­ter.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>»Mit Instrumenten zur Tortur aufwarten 1 Thaler 30 Kreuzer<br />
</em><em>Daumenstock anlegen 2 Thaler<br />
</em><em>Spanisch Stiefel anlegen 2 Thaler<br />
</em><em>Bei der Tortur anziehen 3 Thaler<br />
</em><em>Einen auf die Bank legen und mit Gerten streichen 3 Thaler<br />
</em><em>Einen an den Pranger stellen und mit Ruten streichen 2 Thaler<br />
</em><em>Einem eine Maulschelle geben 2 Thaler<br />
</em><em>Einem den Galgen aufzubrennen 3 Thaler<br />
</em><em>Einem Nasen und Ohren abzuschneiden 5 Thaler<br />
</em><em>Einem die Zunge abzuschneiden 5 Thaler<br />
</em><em>Einen mit glühenden Zangen zwicken 5 Thaler<br />
</em><em>Einem die Hand abzuhauen 5 Thaler<br />
</em><em>Einen mit dem Strang hinzurichten 7 Thaler 30 Kreuzer<br />
</em><em>Einen mit dem Schwert hinzurichten 7 Thaler 30 Kreuzer<br />
</em><em>Einen zu begraben oder das vom Galgen gefallene Gerippe 2 Tha­ler<br />
</em><em>Den Kopf oder eine Hand auf den Pfahl zu stecken 5 Thaler<br />
</em><em>Den Leib auf das Rad zu legen 5 Thaler<br />
</em><em>Einen zu radbrechen 12 Thaler<br />
</em><em>Einen zu verbrennen 5 Thaler<br />
</em><em>Den Scheiterhaufen aufzurichten 3 Thaler<br />
</em><em>Einen Selbstmörder zu henken 5 Thaler 30 Kreuzer<br />
</em><em>Einen zu vierteilen 12 Thaler<br />
</em><em>Die Viertel auf die Straße zu henken 3 Thaler<br />
</em><em>Wenn der Maleficiant mit dem Wagen zur Richtstatt geführt wer­den muss<br />
</em><em>oder doch der Wagen zur Richtstatt mitgehen muss 3 Thaler<br />
</em><em>Einen einzusacken oder zu ersäufen 5 Thaler«</em></p>
<p>Nehmen wir hinzu, dass das Vermögen der Hingerichteten eingezogen und zwischen Landesherrn, Kirche und Hexenjäger aufgeteilt wurde, so erkennen wir, dass der Hexenprozess ein einträgliches Geschäft war.</p>
<p>Eine völlig andere Sichtweise auf die Ursachen für die Hexenverfol­gung ist im Dunstkreis von Bioläden und Frauenzentren populär und wird in dem Film <em>Die Hexen von Eastwick</em> (nach dem gleichnamigen Roman von John Updike) bemerkenswerter Weise von einem Mann ausge­spro­chen. Noch dazu von einem Kerl, der sich damit in die Gunst einer von unbestimmter erotischer Sehnsucht getriebenen Frau aus der grün-alternati­ven Szene einer amerikanischen Kleinstadt einschleichen möchte. Daryl van Horne – wir werden noch auf ihn zurückkommen – spricht es aus: Dass nämlich die Hexenverfolgungen einzig dazu dienten, intelligente, selbstbewusste Frauen – vor allem Hebammen – aus der männlich dominierten Berufswelt zu drängen: »Männer«, sagt Daryl <em>(Jack Nicholson at his very best)</em> mit satanischem Grinsen, »sind unge­heure Arschlöcher.« Kurz danach verführt er die Frau und man sieht seinen Pferdeschwanz wippen. Die nationalsozialistischen Sicht war übri­gens von der feministischen nicht so weit entfernt: Sie sah die Hexenpro­zesse als einen groß angelegten Versuch der römisch-klerikalen Kräfte, die germanische Frau als Trägerin der arischen Urweisheit auszuschal­ten.</p>
<p>Bisher hat noch jede schlagkräftige These zur Erklärung der Hexenpro­zesse eine ebenso schlagkräftige Gegenthese gefunden. Wenn alle Erklärungen versagen, was bleibt dann übrig? Natürlich nur eins: Das Wetter. Und wirklich fällt die hohe Zeit der Hexenprozesse mit der soge­nannten kleinen Eiszeit in Mitteleuropa zusammen, die Missernten und Hungersnöte brachte. Auch die geographische Verteilung der Hexenverfol­gungen ist aufschlussreich. Es gibt eine deutliche Ballung in klima­tisch und verkehrstechnisch diskriminierten Kleinstädten, wie z. B. Preston­pans in Schottland oder Neuerburg in der Westeifel, wo Dumm­heit, Dauerregen, Inzest und Weihrauch die Gehirne der Bürger nachhal­tig zerfraßen.</p>
<p>Eine neuere These fasst die verschiedenen Aspekte zusammen und sagt: Die Hexenprozesse waren ein Versuch der <em>Kontingenzreduktion</em>. Sie waren nicht die gezielte, konkret interessengebundene Erfindung einer Person oder einer Gruppe, sondern sie erfanden sich gewisserma­ßen von selbst, als Abwehr gegen das Gefühl der Hilflosigkeit des naturun­kundi­gen Menschen, der Krieg, Krankheit, Unwetter, Seuchen hilflos ausge­setzt ist. Die Hexenprozesse sind demnach ein Verfahren der Gesell­schaft, durch ritualisierte Opfer die überirdischen Kräfte zu beschwichti­gen und damit ihre Existenz als Gesellschaft zu bewahren. Von der »Angst als Grundlage der Religion« sprach der englische Mathema­tiker und Philosoph Bertrand Russell (1872–1970) in seinem Buch: <em>Warum ich kein Christ bin</em>. Und so bestürzend das sein mag: Wer den Ursachen der Hexenprozesse nachgeht, kommt irgendwann am gesellschaftlichen Ur­sprung der Religion an. Jedenfalls einer Religion wie un­serer lieben christli­chen, die Erlösung von Schuld durch ein Menschenop­fer in den Mittelpunkt der Liturgie und des Denkens stellt.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">6.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Vorgeschichten und Nachfolger</span></h4>
<p>Systematische Verfolgungen von Menschen mit den Mitteln des Rechts treten immer wieder auf. Man kann an die frühchristlichen Märtyrerpro­zesse denken, an die Ketzerprozesse als unmittelbare Vorläufer der Hexen­prozesse, aber auch an die Umtriebe von Freislers Volksgerichts­hofs, an die Moskauer Schauprozesse 1936 bis 1938, an die Kommunisten­jagd des amerikanischen Senators Joseph McCarthy an der Wende von den Vierziger zu den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, an Prozesskampagnen gegen Homosexuelle in der Frühzeit der Bundesrepub­lik und an die Verfolgung wegen sogenannter Staatsgefährden­der Hetze in der DDR. Die Märtyrerprozesse nehmen dabei eine Sonderstellung ein. Die Christen hatten eine aus Sicht der Römer faire Chance ihre Haut zu retten. Sie hätten abschwören können, taten es aber nicht, weil sie Folter und Tod als Ehre ansahen und teil­weise gar nicht genug davon bekamen. Vom heiligen Laurentius berichtet die Legenda Aurea, er habe, mit dem Rücken auf dem Rost über glühen­den Kohlen liegend, Hymnen gesungen und zu seinem Peiniger gesagt: »Meine Rückseite ist gar, jetzt musst Du mich auf die andere Seite wen­den!« Das christliche Märtyrertum hatte also deutlich masochistische Züge, was die genussfreudigen römischen Richter als Gipfel der Unver­schämtheit ansahen.</p>
<p>Die <em>Legenda Aurea</em> des Jacobus de Voragine (1230–1298) ist eine teils haar­sträubende, teils fromme Sammlung von Märtyrergeschichten, die bis ins 16./17. Jahrhundert sehr populär war und sogar höhere Aufla­gen hatte als die Bibel: Man könnte diese publikumswirksame Mischung aus Glaube, Hoffnung und Hiebe als das <em>Goldene Blatt</em> des Mittelalters bezeich­nen. Hier ist, in einer modernen Adaption, die Geschichte vom heiligen Sebastian:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Vom heiligen Sebastian</p>
<p style="padding-left: 30px;">Sebastian, ein Soldat aus Narbonne, muss ein schöner junger Mann gewe­sen sein, denn es heißt, die Kaiser – man hatte damals zwei zur glei­chen Zeit – hätten ihn zum Kommandanten ihrer Leibkohorte gemacht, um sich seines Anblicks erfreuen zu können.<br />
Was die Kaiser nicht wussten, war, dass Sebastian ein ›vir christianis­simus‹ war, ein sehr christlicher Mann. Wenn wir heute von jemandem sagen, er sei christlich, dann ist das, trotz allem, was wir von uns Christen und unserer Vergangenheit wissen, immer noch ein Kompliment. Das war zu Lebzeiten des heiligen Sebastian, im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, ganz anders.<br />
In allem, was wir heute unter Kultur im weitestem Sinne verstehen, wa­ren die Römer und Griechen den Christen überlegen: Philosophie, Literatur, Musik, Architektur, Naturwissenschaft, Jurisprudenz, Straßen­bau – es war ein hochkultiviertes Leben, das man in Rom führte. Dass andere Menschen, z. B. die Sklaven in den Ergasterien, hungerten und gepeinigt wurden, störte die Kaiser wenig, wenn sie sich gedünstete Fla­mingozungen als Antipasti munden ließen oder ein Himbeer-Sorbet zum Dessert nahmen, aus Schnee hergestellt, den man von den Bergen in die Stadt brachte. Auch an Göttern herrschte kein Mangel. Der christliche Gott mit seinem Alleinvertretungsanspruch und dem moralischen Rigoris­mus der kleinen Leute war aus Sicht der Römer eine fundamentalisti­sche Provokation – ein ›vir christianissmus‹ wie Sebastian war ein gefährlicher, aggressiver, intoleranter Sektierer.<br />
Zwei Brüder, Marcus und Marcellinus, Freunde des heiligen Sebas­tian und Christen wie er, werden wegen christlicher Umtriebe zum Tode verurteilt. Der Richter lässt ihnen eine Chance:<br />
›Ich schenke euch euer Leben zurück, wenn ihr eurem unsinnigen Glau­ben abschwört.‹<br />
Einen Tag haben sie Zeit, im Gefängnis über das Angebot nachzuden­ken. Ihre Mutter kommt zu ihnen, das Haar aufgelöst, wei­nend, sie zer­reißt sich die Kleider, schlägt sich an die Brüste und schreit:<br />
›Weh mir! Meine Söhnchen! Wenn Feinde kämen, euch zu rauben, ich ginge mitten durch die blutigste Schlacht, euch zu retten; wenn ihr ins Gefängnis geworfen seid, laßt mich die Mauern zerbrechen, um euch zu befreien; was sind das für schreckliche neue Lehren, die unsere Kinder zu sterben lehren, statt zu leben!‹<br />
Da wird auch der gebrechliche Vater der beiden Jungen herbeige­führt; von Dienern gestützt, Asche auf dem Haupt, schreit er zum Him­mel. Ihm folgen die jungen Frauen, Säuglinge auf den Armen, sie weinen und schreien:<br />
›Wie könnt ihr so grausam sein! Habt ihr uns nicht die Liebe verspro­chen? Seht diese Kinder! Haben sie kein Recht auf ihre Väter? Mit wel­chem Recht verschmäht ihr eure Eltern, verratet eure Freunde, vertreibt eure Frauen, verleugnet eure Kinder, verjagt das Leben – und liebt eure Henker?‹<br />
Da wären den christlichen Zwillingen die Herzen wohl weich gewor­den, wenn nicht der heilige Sebastian ihnen die folgende Rede gehalten hätte:<br />
›O ihr starken Soldaten Christi! Lasst euch nicht die ewige Krone rau­ben durch schmeichlerische Reden. Seit Anfang der Welt hat das Leben die getäuscht, die auf es gesetzt haben. Was ist denn gut an diesem Le­ben? Es zwingt zur Lüge, verführt zum Diebstahl, reizt zur Wollust, ver­langt den Betrug. Aber der Schmerz, der uns heute verbrennt, ist morgen ver­raucht, in einer Stunde ist er zu Ende – und die ewige Freude ist gewon­nen. Seien wir nicht schwach! Spornen wir uns an in der Liebe zum Martyrium! Hallelujah.‹«</p>
<p>Diese berühmte Rede des heiligen Sebastian hatte Erfolg: Die christli­chen Jünglinge starben, und auch Sebastian selbst errang die Märtyrer­krone: Kaiserliche Scharfschützen banden ihn an einen Pfahl und schos­sen einen solchen Schwarm von Pfeilen auf ihn, dass er, wie die Legende weiß, aussah »wie ein Igel«. Die Leiche stopfte man »in cloacam« – die Zentrallatrine von Rom.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">7.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Sexualität</span></h4>
<p>Der Teufel ist lüstern, wenn nicht sogar die Lüsternheit selbst aus einem oder mehreren Teufeln besteht, wie viele bildnerische Darstellungen von Teufeln nahelegen. Auch das Hexenthema hat eine unübersehbare sexu­elle Komponente. In den Blumen des Bösen besingt Charles Bau­delaire (1821–1867) eine dunkelhäutige Dirne als »<em>Hexe aus Ebenholz</em>« und sehnt sich danach »<em>zu brechen deine Kraft, zu bleichen deine Stirn/ Im Schlamme deines Betts</em>«. Die weibliche Sexualität erscheint hier als Inbegriff des schmutzi­gen Bösen, oder das Böse ist eigentlich das Sexu­elle. Das stimmt überein mit erotik- und frauenfeindlichen christ­lichen Traditionen seit der Apokalypse des Johannes, erst recht seit Tertul­lian und Augustinus und auch mit Sätzen, die wir im Ersten Teil (I.6) des <em>Hexenhammers</em> finden, je­nem 1486 erschienenen Buch des Dominikanermönchs Heinrich Kra­mer genannt Institoris (1430–1505), das dank der eben nicht nur segensrei­chen Erfindung der Buchdrucker­kunst zweihundert Jahre lang überall in Europa als Anleitung für die systematische Durchführung von Hexenprozessen gedient hat.</p>
<p>»Endlich [kommen wir] zur Erörterung der fleischlichen Begierden des Körpers selbst. Von da kommen unzählige Schädigungen des menschli­chen Lebens, so daß wir mit Recht &#8230; sagen können: ›Wenn die Welt ohne Frauen sein könnte, wäre unser Lebenswandel göttlich &#8230; du mußt wissen, daß jenes dreigestaltige Ungeheuer geschmückt ist mit dem herrlichen Antlitz des Löwen, entstellt wird durch den Unterleib der stinken­den Ziege, bewaffnet ist mit dem Schwanz einer giftigen Viper. Das will sagen, daß ihr Anblick schön ist, die Berührung [aber] grausig [und] der Umgang tödlich.‹«</p>
<p>Weiteres will ich der geneigten Leserin ersparen, insbesondere die von voyeuristischer Vorlust strotzenden Erörterungen im Zweiten Teil, die sich mit den kalten Samenergüssen der Teufel befassen.</p>
<p>Auch in den belletristischen Bearbeitungen der Hexenprozesse spielt die Sexualität eine zentrale Rolle. In dem 1843 erschienenen Roman <em>Die Bernsteinhexe</em> schildert Wilhelm Meinhold (1797–1851) das peinliche Ver­hör seiner Heldin Maria Schweidler, die als Hexe verfolgt wird. Sie hatte sich – wie die meisten Angeklagten – alsbald nach Beginn der Folter zum Geständnis bereit erklärt. Das Verhör der Maria Schweidler wird von ihrem alten Vater, dem Pfarrer Abraham Schweidler erzählt, und zwar in der Sprache des 17. Jahrhunderts, wobei wir das Wort ›Quaestio‹ mit ›Frage‹ und das Wort ›Responsio‹ mit ›Antwort‹ zu übersetzen ha­ben:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Quaestio. Ob sie zaubern könne?<br />
Responsio. Ja, sie könne zaubern.<br />
Q. Wer ihr solches gelehret?<br />
R. Der leidige Satan selbsten.<br />
Q. Wieviel Teufel sie habe?<br />
R. Sie hätte an einem genug.<br />
Q. Wie dieser Teufel hieße?<br />
Illa (sich besinnende): Hieße Disidaemonia.<br />
Q. In welcher Gestalt ihr selbiger erschienen?<br />
R. In der Gestalt des Amtshauptmanns, oftmalen auch wie ein Bock mit grimmigen Hörnern.  &#8230;<br />
Q. Ob der Satan ihr beigewohnet?<br />
R. Sie habe nur bei ihrem Vater ihre Wohnung gehabt.<br />
Q. Sie wölle wohl nit verstehen. Ob sie mit dem leidigen Satan Un­zucht getrieben und sich fleischlich mit ihm vermischet?<br />
Hier ist sie also verschamrotet, daß sie sich mit beiden Händen die Au­gen zu­gehalten und darauf angehoben zu weinen und zu schluchzen, und da sie nach vielen Fragen keine Stimme von sich geben, ist sie vermah­net worden, die Wahrheit zu reden, widrigenfalls sie der Angst­mann wieder auf die Leiter heben würd. Hat jedoch endlich »Nein!« gesaget, welches aber Ein ehrsam Gericht nicht gegläubet, sondern sie dem Angstmann abermals befohlen, worauf sie mit ›Ja‹ geantwortet.<br />
Q. Diese abscheuliche Frage kann ich nur lateinisch hersetzen: ›Num semen Daemonis calidum fuerit aut frigidum‹ [›Ob des Teufels Samen warm oder kalt gewesen sei‹] – worauf sie geantwortet, daß sie sich da­rauf nicht mehr besinnen könne.<br />
R. Ob sie von dem Satan in Wochen gekommen oder einen Wechsel­balg er­zeuget und in welcher Gestalt?<br />
Q. Nein, wär nie geschehen.<br />
R. Ob ihr der böse Geist kein Zeichen oder Mal an ihrem Leib geben und wo?<br />
Q. Die Male hätte Ein ehrsam Gericht ja bereits gesehen.«</p>
<p>Eine besonders tiefgehende, bewegende und ihr Thema durchdrin­gende Auseinandersetzung mit den sexuellen Bestandteilen des Hexen­wahns finden wir in dem schon erwähnten Buch <em>Die Teufel von Loudun</em>, das von Krysztof Penderecki zu einer Oper umgearbeitet wurde: Der Priester Ur­bain Grandier, Pfarrer der Kirche Saint-Pierre-du-Marché in dem westfranzösischen Städtchen Loudun – heute trägt das führende Antiqua­riat des Orts den Namen »Urbain Grandier« – war ein schöner und statt­licher Kerl. Die Frauen und Töchter von Loudun schmolzen dahin vor Verlangen nach der um ihrer Verbotenheit willen doppelt begehrenswer­ten Lust, sich mit ihm zu vereinigen, Urbain Grandier schmolz nur allzu gerne mit, manchmal sogar im Beichtstuhl, was die Sache besonders pri­ckeln ließ. Die ehrbaren Bürger kochten vor Wut. Da es ihnen peinlich war, die eigentlichen <em>gravamina</em> auszusprechen, waren sie erleichtert über die irgendwie in der Luft liegende und vom Kardinal Richelieu aus politischen Gründen geförderte Entdeckung, dass Grandier ein Hexer sein müsse. Dabei halfen ihm diverse Teufel, die zu diesem Zweck Besitz von einer sexuell frustrierten buckligen jungen Nonne ergrif­fen hatten. Grandier wurde gefoltert und hingerichtet.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">8.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Methode und Wahnsinn</span></h4>
<p>Dass Zustände des Menschen, die in früheren Zeiten auf Teufelsbündne­rei zurückgeführt wurden, heute überwiegend als Krankheiten der Seele verstan­den werden, ist kein überraschender Gedanke. Schon Johannes Weier (1515–1588), ein Arzt und Berater des Herzogs von Jülich, vertrat – ebenso wie Michel de Montaigne (1533–1592) – im 17. Jahrhundert diese Meinung. Wahrscheinlich wäre es aber falsch zu sagen: Die Hexen waren Psychopathinnen und die Hexenprozesse waren das Instrument der Gesun­den, um psychisch auffällige Menschen zu töten. Die Aussage wäre schon deshalb falsch, weil auch unter den Hexenjägern, den Denunzi­an­ten, den Zeugen, Richtern, Nachrichtern, Scharfrichtern und Folter-knech­ten seelische Abnormitäten so offen zu Tage getreten sind, dass nicht wenige von ihnen ihrem eigenen Wahn zum Opfer fielen. Adolf Friedrich von Schack (1815–1894) schildert in seiner Ballade <em>Die Hexenjagd</em> die Geschichte des Hexenjägers Geiß, der von Halluzinationen getrieben bei Nacht ins Moor zieht und dort ein schreckliches Ende fin­det:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>»Da taucht aus der Tiefe im weißen Gewand<br />
</em><em>Die tolle Gertraud, die er gestern verbrannt;<br />
</em><em>In die Arme will sie ihn schlingen.<br />
</em><em>Er starrt; ihn dünkt, als ob himmelan<br />
</em><em>Zur Riesin sie wüchs’ und schwölle.<br />
</em><em>›Hoho! Hoho! – mein süßer Kumpan!<br />
</em><em>Auf Wiedersehn in der Hölle!‹</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Jäh, bäumt sich das Roß; ein Fluch noch gellt<br />
</em><em>Aus dem Munde des Reiters, und taumelnd fällt<br />
</em><em>Er häuptlings hinab zu dem Schlunde.<br />
</em><em>Rings fliegen die Hexen heran vom Moor;<br />
</em><em>Sie klatschen mit Händen; sie jauchzen im Chor<br />
</em><em>Und tanzen um ihn in der Runde,<br />
</em><em>Bis gelb die Nebel der Frühe brau’n<br />
</em><em>Und es dämmert über dem Graben;<br />
</em><em>Da huschen sie fort durch das Morgengraun<br />
</em><em>Und lassen die Leiche den Raben.«</em></p>
<p>Wahnsinn und Methode gingen bei den Hexenverfolgungen eine in­nige Verbindung ein. Zwei Phänomene stechen dabei ins Auge: Der Teufels­pakt und der Exorzismus als kirchenamtlich bis heute geregelte Form der Be­freiung des Menschen von dem Bösen in seinem Innern, das übrigens meist fließend Lateinisch spricht. Mit beiden hat sich Sigmund Freud (1856–1933) in einem 1922 erschienenen Aufsatz befasst. Er trägt den Titel: <em>Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert</em>.</p>
<p>In dem Aufsatz erzählt und analysiert Freud – anhand von Klosterak­ten aus dem 17. Jahrhundert – die Geschichte des Malers Christoph Haiz­mann, der nach dem Tode seines Vaters in eine Depression fiel, als deren Folge ihn eine Arbeitshemmung berufs- und vielleicht sogar erwerbs­unfähig machte. In dieser Not wandte sich der Maler Haizmann an keinen geringeren als den Teufel, dem er sich durch einen mit Blut unterzeichneten Vertrag »als leibeigener Sohn« verschrieb und ver­sprach, ihm im 9. Jahr Leib und Seele zu gewähren. Als das Ende der vertraglich vereinbarten Frist von neun Jahren nahte, begann er an Krämp­fen und quälenden Visionen zu leiden. Er ging ins Kloster Maria­zell und klagte den Mönchen sein Leid. Doch wie Abhilfe schaffen? Ver­träge muss man schließlich halten, pacta sunt servanda. Es entsprach dem damaligen und entspricht dem heutigen Rechtsverständnis, dass man sich von gegenseitigen Verträgen, also solchen Verträgen, in denen eine Leis­tung um der Gegenleistung willen vereinbart ist, nur bei Vertrags­bruch der anderen Seite lösen kann. Aber der Teufel ist, wie eine 1996 erschie­nene juristische Dissertation über Teufelsverträge von Re­nate Zelger (geb. 1923) ergeben hat, vertragstreu bis zur Pedanterie. Das hatte er auch im Fall Haizmann so gehalten und den Maler von seiner Arbeits-hem­mung befreit. Wir sind darüber so gut unterrichtet, weil Haiz­mann seinen Vertrags­partner mehrfach porträtierte.</p>
<p>Trotzdem wussten die Mönche einen Ausweg. Ihnen war aus dem theolo­gischen Studium und der liturgischen Praxis bekannt, dass der Teu­fel zwar kein Mensch ist, aber eben auch kein Unmensch. Er lässt mit sich reden und ist für gute Worte empfänglich, vor allem, wenn es Latein ist. Latein mag der Teufel. Und es befällt ihn ein wohliges Schaudern, wenn er bestimmter Gegenstände ansichtig wird und gewisse Worte ausge­sprochen hört. Er hat Respekt vor dem Kreuz und wenn mehrere fromme Männer das Ave Maria singen, dann wird er weich. Zwei Wo­chen dauerte der Exorzismus, dann, am 8. September 1677, sah Haiz­mann den Teufel plötzlich leibhaftig in einer Ecke der Klosterkirche von Mariazell. Der Teufel winkte den Maler herbei und überreichte ihm den schriftlichen Vertrag: Durch diese nur als großmütig zu bezeichnende Geste gab der Teufel zu erkennen, dass er aus dem Dokument fürderhin Rechte nicht mehr herleiten wolle. Dann verschwand er und Christoph Haizmann händigte den Vertrag an die Mönche aus.</p>
<p>Haizmann verließ das Kloster mit Dank und begab sich nach Wien – wo er nach wenigen Monaten erneut unter Krämpfen und Visionen zu leiden begann. Wie konnte das sein? Im Mai 1678 kam Haizmann wieder nach Mariazell, die Mönche zeigten wieder das Kreuz und sprachen das Gegrüßet-Seist-Du-Maria, der Teufel wurde wiederum weich, erschien in der Kirchenecke und was nun geschah, zeigt uns den Teufel als wahren Ausbund an Beamtenpedanterie: Er musste nämlich zugeben, dass er von al­len Verträgen, die er schließt, Kopien herstellt und in der Hölle aufbe­wahrt, so auch vom Pakt mit dem Maler. Nach einigem Hin und Her gab er aber auch die Abschrift heraus und Haizmann ward endlich geheilt. Als Laienbruder Chrysostomos (Goldmund) ging er ins Kloster des Or­dens Neustatt an der Moldau, wo er anno domini 1700 friedlich aus dem Leben schied.</p>
<p>Die tiefenpsychologischen Vermutungen, die Siegmund Freud an die Geschichte knüpfte, sind interessant, aber ich will sie hier nur kurz erwäh­nen: Sie bestanden darin, dass Haizmann mit der Teufelsphantasie eine unbewusste homoerotische Fixierung an seinen Vater bearbeitet hat. Man kann zu dieser Diagnose stehen wie man mag, unbestreitbar bleibt, dass missglückte Triebverarbeitung an seelischen Erkrankungen mitwirkt, die ihrerseits, da der Glaube an das Böse im Menschen die Hexenrichter blind machte, vielen Schaden angerichtet haben. Hierher gehört die der weiblichen Adoleszenz gelegentlich eigene Hysterie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">9.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Die Masse</span></h4>
<p>Neben den staatlich und kirchlich regulierten hat es auch ungeregelte Hexenjagden in Form von Pogromen gegeben. Es handelt sich um Ausbrü­che der Wut des Volks, die, wie Georg Trakl sagt, »den wilden Orgeln des Wintersturms gleicht«. In seiner Erzählung <em>Else von der Tann</em> hat Wilhelm Raabe (1831–1910) einem jungen Mädchen, das Op­fer des Volkszorns wurde, ein literarisches Denkmal gesetzt.</p>
<p>Wir schreiben das Jahr 1636. Ein Dorf im Harz: Wallrode im Elend. Das 18. Jahr des 30jährigen Krieges, der die Menschen stumpf und böse gemacht hat. Kriegsflüchtlinge sind gekommen, ein Lehrer aus Magde­burg und seine Tochter Else. Der Pfarrer versucht, Vater und Tochter ins Dorfleben einzubinden, und manchmal hat es den Anschein, das könnte gelingen. Doch die Fremden bleiben fremd. Durch die Abgeschieden­heit ihres Daseins im Walde nähren sie die finstersten Phanta­sien der Dörfler. Einige wollen geheimnisvolle Instrumente in der Waldhütte gesehen ha­ben, andere sogar, horribile dictu, Bücher.</p>
<p>»Nur um Ungeheuerliches, Furchtbares, Tag- und Lichtscheues zu brü­ten und zu schaffen, konnten sich die Fremden auf solch absonderli­che Weise an solchem unheimlichem Orte verborgen haben – das war die Meinung des Dorfes.«</p>
<p>Der Pfarrer, auch das war die Meinung des Dorfes, muss von den Frem­den verhext worden sein. Wer weiß, auf welche teuflische Weise, jedenfalls war Else von der Tann ein ausnehmend schönes Mädchen, das sogar mit den Bäumen und den Tieren sprach. Endlich, nach zwölf lan­gen Jahren, gelingt es dem Pfarrer – Vater und Tochter zum Besuch des Gottesdienstes zu bewegen. &#8230; Da erhebt sich ein widriges Gemurmel:</p>
<p>»Die Hex! Die Hex! Der Hexenmeister! Ging es anfangs leise, dann im­mer lauter in die Runde. Was wollen sie hier? Weshalb kommen sie herab aus ihren Schlupfloche? Sie sollen bleiben, wo sie sind! Sie sollen nicht hernieder kommen ins Dorf! Schlagt sie – treibt sie von dannen – räuchert sie aus! &#8230; Aber der Pfarrer zu Wallrode im Elend sah und hörte nicht; mit erklingendem Herzen führte er Else von der Tanne in sein Gotteshaus &#8230;«</p>
<p>Als die Messe zu Ende ist und der Pfarrer mit Else und Konrad die Kir­che verlassen will, stellen sie fest, dass sich Dorfbewohner auf dem Kirchhof zusammengerottet haben.</p>
<p>»›Gebannt! Gebannt! &#8230; Hex, Hex! Schlage tot! &#8230; Und aus der Hand des Buben, welcher den dürren Zweig vom Galgenbaume brach, &#8230; flog ein scharfkantiger Kiesel und traf die Jungfrau auf die linke Brust, dass sie mit einem Schrei zusammenbrach und bewusstlos in die Arme des Vaters sank &#8230; Einige Tropfen roten Blutes traten auf ihre Lippen, und grässlich jauchzte das Volk, als es die schlanke herrliche Gestalt zusammenknicken und sinken sah &#8230; Einige Stunden später stirbt das Mädchen.«</p>
<p>Der amerikanische Dichter Nathaniel Hawthorne (1804–1864) war der Nachfahre eines der Richter in den Hexenprozessen von Salem in Massachusetts. In seinem Roman <em>The scarlet letter</em> muss die junge Hester Prynne vor der versammelten Dorfgemeinschaft erscheinen. Sie hat die Wahl, entweder den Namen des Vaters ihres unehelichen Kindes – es ist, was außer ihr und ihm niemand weiß, der Pfarrer von Salem – preiszuge­ben oder in Zukunft einen scharlachroten Buchstaben am Kleid tra­gen zu müssen. Sie entscheidet sich für die öffentliche Schmach.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">10.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Das Böse</span></h4>
<p>Die ursprüngliche verlautbarte Absicht der Hexenprozesse bestand darin, das Böse oder das Schlechte in der Welt aufzuspüren und im Namen des Guten auszumerzen. Diese gute Absicht ist in Wahrheit nichts Gutes. Sie steht am Beginn aller systematischen Verfolgungen und Pogrome. Ihr Irrtum besteht in der Annahme, dass das Böse ein definierbares äußerli­ches Kennzeichen hat: Warzen, Muttermale, eine niedere Stirn wie bei Cesare Lombroso (1835–1909), heute vielleicht eine Missbildung, ein Sprachgebrauch, ein Tattoo und in Zukunft ein genetischer Defekt oder eine Auffälligkeit bei den Hirnströmen. Das Böse ist aber in Wirklichkeit, wenn es denn je eine vom Guten abtrennbare, gar noch mit Emblemen geschmückte Existenz hatte, längst eine unauflösliche Verbindung mit allem Lebendigen eingegangen; »es« ist allenfalls noch als Ingredienz der Wirklichkeit vorhanden – wie die Spucke im Ozean. So groß auch die Folgen böser Taten sein mögen, das Böse wirkt meist im Kleinen, der Teufel steckt im Detail.</p>
<p><em>Die Hexen von Eastwick</em> heißt ein 1984 bei Alfred A. Knopf in New York erschienener und schon erwähnter Roman von John Updike (1932–2009). Updike erzählt die Geschichte einer Gruppe junger Frauen, die sich in einer amerikanischen Kleinstadt am Ozean langweilen. Ihre maßlo­sen Sehnsüchte nach einem neuen und interessanten Mann befeu­ert der soeben in die Stadt ziehende Darryl Van Horne, ein männlicher Kallypygos, von dem wenig Konkretes aber im Allgemeinen immerhin bekannt ist, dass er eine interessante Aura hat, ferner geheimnisvolle Kennt­nisse, nicht nur im Leben, auch in Künsten, Wissenschaften und Geldangelegenheiten. Die Frauen mischen in ihren Einbauküchen vegeta­risch/vegane Liebestränke und treffen sich in Darryl Van Horne’s Pool zu ausgiebigen erotischen Spielen. Natürlich küssen sie dem Mann mit dem flämischen Nachnamen auch die Posteriora. Und so beherrscht sein membrum virile ihre Hoffnungen, bis sie mit Schaudern feststellen müssen: Der Samen ist kalt, so prächtig auch der Hintern prangt. Kein Zweifel: Darryl Van Horne ist der Teufel. Und dem gelingt es am Ende des Buches, der kleinstädtischen Kirchgemeinde zum Spott, eine Predigt von der Kanzel herab zu halten, die den Titel trägt <em>Diese Schöpfung ist schreck­lich</em> und die in Auszügen wie folgt lautet:</p>
<p>»Wisst Ihr, was man in Deutschland mit Hexen machte? Man pflegte sie auf einen Eisenstuhl zu setzen und ein Feuer darunter anzuzünden. Man riss ihnen das Fleisch mit rotglühenden Kneifzangen heraus. Daumen­schrauben, Streckbett, Spanische Stiefel, Wippgalgen &#8230; Okay. Na und? &#8230; Der Punkt ist, dies alles übereinander gestapelt und trillionen­fach multipliziert, ergibt nicht einmal ein Häufchen Bohnen, verglichen mit der Grausamkeit, die die natürliche, organische, freundliche Schöp­fung ihren Kreaturen zugefügt hat, seit die erste, arme, besoffene Reihe von Aminosäuren sich aus der galvanisierten Ursuppe empor kämpfte. Frauen, die nie der Hexerei angeklagt waren, hübsche, kleine blonde Püppchen, die nie ein böses Auge auf nur einen Tausendfüßler geworfen haben, sterben jeden Tag unter Schmerzen, die wahrscheinlich genauso schlimm und sicher langwieriger sind als jene, die der gute alte Hexen­stuhl zugefügt hat &#8230; Ich war immer fasziniert von Parasiten &#8230; bis hin zu dreißig Fuß langen Bandwürmern und Spulwürmern, die so groß und fett sind, dass sie den Dickdarm blockieren &#8230; Im schlammigen Dreck von jemandes Gedärm herumsitzen – das ist ihr größtes Vergnügen &#8230; Der durchschnittliche intestinale Spulwurm von der Größe eines Bleistifts legt seine Eier in die Exkremente des Wirts &#8230; Dann kommen die Eier in eu­ren Mund, und ihr schluckt sie, ob euch das nun passt oder nicht. Sie schlüpfen in euren Zwölffingerdarm aus, die kleinen Larven bohren sich durch die Darmwände &#8230; und wandern in eure Lungen &#8230;«</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">11.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Recht und Folter</span></h4>
<p>Die Verwaltungspraxis der Hexenverfolgung war in etwa die folgende: Hexenfinder zogen durchs Land, oft Geistliche. Sie ermunterten in Predig­ten die Einwohner des Orts, in den sie kamen, zu der im kanoni­schen Prozessrecht so genannten <em>denuntiatio</em>. Daraufhin wurde das Gericht ak­tiv. Den Vorsitz führte meist ein Adliger. Ihm saßen Schöffen bei. Der Richter ließ die Denunzierten verhaften. Bis hierhin hieß das Verfahren Generalinquisition. Danach begann der <em>processus ordina­rius</em>, oder die Spezialin­quisition. Zunächst wurden Zeugen befragt. Dann folgte die Vernehmung der Angeklagten. Legten sie nicht sogleich ein Geständnis ab, begann die <em>Territio</em>, also die Folter.</p>
<p>Die Folter war an sich in der Kirche verpönt. Papst Alexander der III. änderte diese Lehrmeinung der Kirche durch zwei Verlautbarungen Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Kirche sich genötigt fand, härter ge­gen die fundamentalistischen Katharer vorzugehen, denen die gesamte stoffliche Welt als Teufelswerk galt: Die Anfänge der Inquisition. Freilich stand die Folter nach der Carolina unter Richtervorbehalt. Das führte zu einer gewissen Verzögerung, Komplizierung und Verrechtlichung des Übels. Immer ist ja die erste Wirkung des Rechts auf die Wirklichkeit die Verzögerung, die Begrenzung und die Komplikation. Bei der Folter zum Beispiel galt die Regel, dass jeder Angeklagte nur ein Mal gefoltert wer­den durfte. Eine Wiederholung war nicht erlaubt. Die Juristen stehen aber dem Zeitgeist ungern im Wege, auch wenn ihre eigenen Regeln das fordern. Deshalb fanden die gelehrten Juristen durch nicht näher erläu­terte Denkvorgänge heraus, dass die Möglichkeit, die Folter beliebig oft zu unterbrechen und später fortzusetzen, nicht unter das Wieder-holungsver­bot fiel. So gestatteten sie mehrtägige immer neu anset­zende Foltern aller fünf Stufen. Die fünf Stufen der Folter waren: Erstens die Verbalterrition: Das Vorzeigen der Folterwerkzeuge, zweitens bis fünf-tens: Die Realterrition. Sie begann mit der Anlegung der Folterwerk­zeuge und dann den drei Graden der Tortur. Die angewandten Werk­zeuge waren: Daumenschrauben, Spanische Stiefel, trockener Zug, Span­nen, Strecken, Nadelprobe, gespickter Hase, Brennen usf.</p>
<p>Leugnete der Angeklagte bis zum Schluss trotz ordnungsgemäßer Fol­ter, so hätte er an sich freigesprochen werden müssen. Die wenigen Stand­haften – von denen nach meiner Kenntnis bis heute keiner heilig gesprochen worden ist – waren aber, wenn sie nicht unter der Folter star­ben, körperlich derart ruiniert, dass ein Freispruch als Eingeständnis ei­nes Justizirrtums angesehen worden wäre und auch nach damaligem Recht Schadensersatzansprüche hätte auslösen können: Deshalb gab es Frei-sprü­che fast nie, wohl aber die sogenannte <em>absolutio ab instantia</em>, was eine Art vorläufiges Auf-Freien-Fuß-Setzen aus Mangel an Beweisen bedeu­tete und nicht selten mit Konfiskation des Vermögens verbunden war. Kurz gesagt: Die Angeklagten wurden gefoltert, weil man ihre Schuld nicht nachweisen konnte. Und sie wurden nicht freigesprochen, weil sie gefoltert worden waren. Die Richter konnten übrigens Rechtsaus­künfte der Juristenfakultäten einholen. Auf diese Weise gewann die Jurispru­denz Einfluss auf die Hexenprozesse, insgesamt zum beiderseiti­gen Nachteil. Jedenfalls so fadenscheinige Rechtslügen wie die Rechtferti­gung der mehrfachen Folter als Unterbrechung und Fortsetzung und die Ersetzung des Freispruchs durch die <em>absolutio ab instantia</em> hätte es ohne die Juristen-fakultäten vermutlich nicht gegeben.</p>
<p>Vor der Schilderung von Folter und Hinrichtung haben die meisten der ernsthaften Schriftsteller Scheu, während einige auf dem Markt befindli­che und teilweise recht erfolgreichen Hexenbücher das Blut nur so spritzen und die Köpfe mit schlecht versteckter Wonne rollen lassen. Folter und Hinrichtung so darzustellen, dass sie eine über die krude Abbil­dung von abscheulicher Grausamkeit hinaus gehende ästhetische und inhaltliche Funktion erhalten, ist anscheinend schwierig. Am ehesten scheint mir das in dem Film <em>Tag der Rache</em> von Carl Theodor Dreyer (1889–1963) und in der Oper <em>Die Teufel von Loudun</em> von Krzysztof Pender­ecki (geb.1933) gelungen zu sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">12.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Kinder</span></h4>
<p>Es gibt viele Kapitel in der Hexenprozessliteratur, über die hier nichts gesagt wurde. Eines dieser Kapitel ist das der als Hexen angeklagten Kin­der. Am 3. November 1679 erkannte ein Gericht in Meran den gerade 14jährigen Lienhard Tengg der Hexerei für schuldig.</p>
<p>Der kurzen Lebens- und Leidensgeschichte dieses Kindes hat sich der österreichische Dichter Josef Leitgeb (1897–1952) in seinem Roman <em>Kinderle­gende</em> angenommen, der 1934 als sein erstes Prosawerk er­schien. Dabei half ihm die Prozessakte. Sie wird bis heute in der Biblio­thek des Tiroler Landesmuseums in Innsbruck aufbewahrt.</p>
<p>Um das Prozessdokument herum hat Josef Leitgeb ein sehr anrühren­des literarisches Bild des Knaben Lienhard Tengg gemalt. Lienhard wird als unehelicher Sohn einer jungen Bäuerin geboren, die Frucht einer Nacht mit einem warmherzigen, aber haltlosen Landstreicher. Als kleiner Junge muss Lienhard mit ansehen, wie seine Mutter vom Blitz erschlagen wird. In seiner Verzweiflung entflieht er auf die Landstraße, schlägt sich als Kindervagabund durch und begegnet dabei mehrfach einem struppi­gen Mann namens Raz, ebenfalls Landstreicher, dem er sich irgendwie verbunden fühlt, aber dann doch nie anschließen kann. Lienhard stran­det schließlich in einem Dorf in der Nähe von Meran, wo sich eine alte Frau und der Pfarrer seiner annehmen. Er bleibt aber fremd, in sich ge­kehrt, spielt mit Schlangen und Hornissen, spricht mit dem Wald und dem Regen und verprügelt jeden, der irgendwelche Andeutungen über seine Mutter macht. Als dann ein furchtbares Unwetter das Land heim­sucht, ist der Schuldige schnell gefunden: »Hergehext ist das Wetter wor­den, nicht anders als hergehext. Warum ist dieser Bankert, der fremde hergelaufene, so den Berg heruntergerannt? Hat er sich nicht vor dem Blitz fürchten müssen, den er hergezogen hat?«</p>
<p>So beginnt der Prozess gegen Lienhard Teng und nach einigen Ver-zöge­rungen bekennt das Kind unter der Folter, mit dem Teufel im Bunde gewesen zu sein und wird zum Tode verurteilt. In der Nacht vor der Hin­richtung erscheint der Henker in der Zelle, ein unglücklicher Mann, den das Gericht zu seinem Amt bestimmt hat, um ihn zu strafen. Es ist der Vagabund Raz, den Lienhard schon kennt.</p>
<p>»Mit schweren, absichtlich lauten und langsamen Schritten kam der Raz auf ihn zu. Lienhard konnte ihn nicht sehen, es war stockdunkel in der Zelle. Plötzlich fühlte er eine große warme Hand auf seinem Haar. Sie legte sich lind und behutsam auf den Kopf, und dann kam eine zweite, die griff ein wenig zitternd nach seinem Gesicht, und die andere fuhr sachte die Schläfe herab, und nun lagen die Wangen in beiden wie in einem warmen, weichen Nest.<br />
Und dann fühlte das Kind den warmen Atem des Mannes und hörte seine Stimme – sie kam stockend aus der tiefsten Tiefe herauf:<br />
›Bist du’s oder bist du’s nicht, Bub, lieber, feiner?!‹«</p>
<p>In diesem Augenblick erkennt der Henker Raz, dass Lienhard sein Sohn ist. Er beruhigt ihn.</p>
<p>»›Nein, nein, sie werden dir nichts tun, und morgen gehen wir ihnen beiden durch, ich und du.‹<br />
So schön kommt diese tiefe Stimme aus der breiten Brust heraus, und in den mächtigen Armen ist es warm und fein. Da hört Lienhard die Worte von immer weiter und versteht ihren Sinn nicht recht &#8230; da schläft er ein.<br />
Als ihn der Raz schlafen fühlte, beugte er sein umwuchertes Gesicht auf die zarte Stirn des Kindes hinab, und so kam es, dass in dieser Nacht des äußersten Elends der Henker sein Opfer küsste.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">13.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Schluss</span></h4>
<p>Am 3. Dezember 1904 schrieb Ludwig Ganghofer (1855–1920) an seinen Freund Vincent Chiavacci:</p>
<p>»Im Herbst habe ich den 6. Roman aus der Berchtesgadener Serie begon­nen. Er heißt <em>Der Mann im Salz</em> und spielt vor Beginn des 30jährigen Krieges – nationale Zerrissenheit im Flackerschein der Hexen­brände. Eine Zeit, die künstlerisch schwer zu fassen ist! Weil man immer vor der Gefahr steht, dass die Wahrheit wirken muss wie Irrsinn und Pamphlet. Bei aller Reaktion von heute und aller konservativen Tor­heit des homo sapiens liegt doch eine so weite, für das Verständnis kaum zu überbrü­ckende Kluft zwischen der Gegenwart und jener Zeit, die den Hexenham­mer gebar &#8230; Das Studium der Quellen ist mir eine Kette grauen­voller Erschütterungen.«</p>
<p>Die Frage ist, ob sich dem Grauen wenigstens nachträglich irgendein Sinn abgewinnen lässt. Am 12. März 2000 entschuldigte sich Papst Johan­nes Paul II. in einer Zeremonie, die später als »großer Abwasch« bezeichnet wurde, bei Juden, Zigeunern, Indianern, Hexen, Ketzern u. a. und zwar für die »Anwendung der Gewalt im Dienste der Wahrheit«, ausgeübt durch »Töchter und Söhne der Kirche«, die als solche aller­dings unbefleckt geblieben sei. Zwar ist Gewaltverzicht eine leichte Übung für den, der keine Waffen mehr hat. Aber immerhin. Und mit Kirchenschelte ist wenig gewonnen. Sie verdeckt nur den Umstand, dass Grausamkeit eine anthropologische Konstante ist und sich hinter vielen Masken verstecken kann, auch hinter der rationalistischen, wie die französi­sche Revolution gezeigt hat und hinter der sozialen, wie das 20. Jahrhundert bewies. Vielleicht muss man auch nur anerkennen, dass, was wir tun, eben nicht, wie Arthur Miller der hexenhysterischen Mary War­ren in den Mund legt, »Gottes Werk« ist, sondern unser eigenes. Aber wir wollten ja nach dem Guten suchen.</p>
<p>Es gab unter den Opfern der Hexenprozesse heroische Menschen, die sich mit einer kleinen Denunziation hätten retten können und doch der Versuchung, sich ihre Würde und ihren Namen abkaufen zu lassen, wider­standen. Eben darauf zielen die totalitären Machinationen aller Schattierungen: Dem Einzelnen seine widersprüchliche, gebrechliche und doch zähe Individualität zu nehmen, kurz gesagt die Würde und den Namen.</p>
<p>Die Hexenprozesse haben in Deutschland große Werke der politisch-juristischen Essayistik provoziert. Agrippa von Nettesheim (1486–1535), Johannes Weier (1515–1588), Friedrich von Spee (1591–1635) und Chris­tian Thomasius (1655–1728) sind Beispiele für unabhängige und mutige Schriftsteller, die durch den offenen Skandal der Hexenprozesse zu einer Klarheit der Sicht und Schärfe des Arguments, zu Witz, Pointie­rung und Plastizität der Sprache und Entschiedenheit des Urteils gefun­den haben, die man in der politischen Schriftstellerei der Deutschen sel­ten findet. Sie waren Bahnbrecher für die Entmythologisierung des Strafprozesses, für Folterverbot und Unschuldsvermutung. Wer heute die Abschaffung oder Lockerung des Folterverbots fordert, sollte Leben und Werke dieser vier Männer studieren.</p>
<p>Vielleicht würde es aber auch ausreichen, wenn er sich das Theater­stück <em>Hexenjagd</em> des amerikanischen Dichters Arthur Miller (1915–2005) ansähe, das auch verfilmt wurde. Das Stück, das von Marianne Wentzel ins Deutsche übersetzt wurde und 2008 in der 47. Auflage im Fischer Taschenbuchverlag erschien, wurde während der McCarthy-Verfolgun­gen geschrieben. Hintergrund der Handlung sind die Hexenpro­zesse in Massachusetts Ende des 17. Jahrhunderts. Im Mittel­punkt steht der Far­mer John Proctor. Proctor, der nicht an den Teufel, wohl aber an die Liebe zu seiner Frau und an Gott glaubt, muss erleben, wie nach und nach zwanzig Menschen verurteilt und gehängt werden. Letztlich wird auch er zum Tod verurteilt. Ein siebzehnjähriges Mädchen hat ihn aus Rache für letztlich unerwiderte Liebe denunziert. Da sich das Volk inzwi­schen auf seine Seite geschlagen hat, bietet der Richter Proctor Be­gnadi­gung an, wenn der sich bereit findet, wider besseres Wissen ein Geständ­nis zu unterschreiben und die Hexenjagd damit zu legitimieren. Seine Frau steht neben ihm. Proctor, innerlich zerrissen, zögert, setzt seinen Namen unter die Lüge, will aber das Blatt mit dem falschen Geständ­nis dem Richter nicht aushändigen.</p>
<p>Proctor: Ich habe drei Kinder – wie soll ich sie lehren, als aufrechte Men­schen durchs Leben zu gehen, wenn ich meine Freunde verkauft habe &#8230;<br />
Danforth: Aha, Sie wollen das Geständnis ableugnen, wenn Sie frei sind?<br />
Proctor erhebt sich: Nichts will ich ableugnen.<br />
Danforth: Dann erklären Sie mir, Proctor, warum Sie nicht &#8230;<br />
Proctor: Weil es mein Name ist. Weil ich mit diesem Namen leben muss! Weil ich lüge und meinen Namen unter eine Lüge gesetzt habe. Weil ich den Staub an den Füßen derer nicht wert bin, die man gehängt hat. Wie kann ich ohne meinen Namen leben. Ich habe Ihnen meine Seele gegeben. Lassen Sie mir meinen Namen!<br />
Danforth zeigt auf das Geständnis in Proctors Hand: Ist diese Aussage eine Lüge? Wenn es eine Lüge ist, nehme ich sie nicht an. Ich handle nicht mit Lügen, mein Herr. Während dieser Rede sieht Proctor zu­nächst Danforth an, dann Rebecca – eine Mitangeklagte –, dann Eliza­beth – seine Frau. Entweder Sie übergeben mir ein ehrliches Geständnis, oder ich kann Sie nicht vor dem Strick retten. Welchen Weg wollen Sie gehen, Herr Proctor?<br />
Mit ruhiger Gelassenheit zerreißt Proctor das Geständnis.<br />
Willard!<br />
Willard – Gerichtsdiener – kommt von der Tür in den Raum.<br />
Parris: Proctor! Proctor!<br />
Hale: Mann, Sie werden hängen, Sie können das nicht tun!<br />
Proctor geht langsam zu Elizabeth hinüber, nimmt ihre Hände für ei­nen Augenblick, einfach, mit Würde: Bitte Gott, dass er mir gnädig sei. Sie umarmen sich. Er hält sie auf eine Armlänge von sich weg. Zeige keine Tränen. Zeige ihnen ein Herz aus Stein, und besiege sie damit.<br />
Rebecca: Fürchte dich nicht! Ein anderes Gericht erwartet uns.<br />
Danforth zu Willard: Hängt sie hoch über die Stadt. Wer um diese weint, weint um Verbrecher. Er geht hinüber zur Tür.<br />
Bringt sie weg!<br />
Proctor geht zu Rebecca. Danforth geht hinaus. Rebecca geht zur Tür, Proctor nimmt ihren Arm.<br />
Willard: Los Mann. Geht zu Rebecca, nimmt sie am Arm, Rebecca strau­chelt, Willard und Proctor stützen sie. &#8230;<br />
Hale: Frau Proctor, bitten Sie ihn, flehen Sie ihn an! Trommelwirbel. Elizabeth weicht Hales Blick aus. Hale geht bis zum Eingang. Es ist Stolz. Es ist Eitelkeit! Helfen Sie ihm – was nützt ihm der Tod? Soll der Staub ihn lobpreisen? Er kniet. Sollen die Würmer seine Wahrheit verkünden? Gehen Sie zu ihm! Nehmen Sie ihm sein falsches Ehrgefühl.<br />
Elizabeth fest, mit einem bitteren Triumph in der Stimme: Jetzt hat er seine Würde. Verhüte Gott, dass ich ihm die nehme. Der Trommelwirbel schwillt an. Nach drei Sekunden fällt der Vorhang.</p>
<p>&nbsp;</p>
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<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">An sagae existent – Nachwort</span></h4>
<p>Hexen hat es nie gegeben. Hexen sind eine Erfindung des Volks. Hexen bestehen aus nichts als aus Geschichten über Hexen. Hexen waren nie etwas anderes als Literatur. Eine aus alptraumhaften, von Eros und Ge­walt und Wundern wimmelnden Tiefen ausgebrochene <em>fantasy litera­ture</em> (32 Millionen Treffer bei Google am 4. Dezember 2009) der illitera­ten, überle­benssüchtigen und notfalls anthropophagen Bewusstseinsschich­ten, die erst von der christlichen Religion, dann von der Aufklärung bekämpft wurde. Heute sind auch die Hexenprozesse nur noch Geschichten über Hexenprozesse. Die Hexenjäger, Inquisitoren, Folterknechte, boshaften Richter, kaltherzigen Professoren, fanatischen und perversen Priester, das Feuer, das Blut, die Schreie – sie sind nichts als Literatur. Sie sagen etwas über versunkene Wirklichkeiten. Sagen sie auch etwas über die gesellschaftli­che Wirklichkeit der westlichen Zivilisa­tion zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Ich denke schon. Aber sie bilden unsere Wirklichkeit nicht ab wie eine Fotografie etwas abbildet. Die Wirklich­keit von einst ist heute zur Metapher geworden, zum Bild, wie der Sündenbock, wie die Kreuzi­gung und wie die Handwaschung des Pontius Pilatus. Die in der Literatur er­zählte Wirklichkeit ist eigentlich immer eine Metapher, und zwar mindes­tens in zwei Bedeutungen: Sie ist eine in Bilder übersetzte Beschrei­bung gesellschaftlicher Vorgänge, sie ist aber auch ein Bild des­sen, was in einem Menschen vorgehen kann. Sie zeigt die Möglichkeiten des Menschen als Wirklichkeiten. Wenn wir also den hartherzigen Rich­ter Danforth im Streit mit dem schönen Bauerncha­rakter John Proctor sehen, dann heißt das nicht nur: Seht her, wie hartherzig der Richter Danforth war und wie edel der Bauer Proctor, es heißt auch nicht: Seht her, wie hartherzig alle Richter sind und wie gut die Bauern. Sondern der Dichter, der die Charaktere glaubwürdig darstel­len muss, entfaltet vor unseren Augen den Streit, der in seinem Bewusstsein ist, und gibt ihm Gestalt und Gestalten. Und so kann es kom­men, dass wir von einem Hen­ker im 17. Jahrhundert lesen und in ihm das Blutrünstige in unserer Gesellschaft und in uns selbst, in dem Richter Danforth das Hartherzige in unserer Gesellschaft in uns selbst und in dem Bauern Proctor das Gutmü­tige in unserer Gesellschaft und in uns selbst wieder erkennen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Hinweis</span></h4>
<p>Der Text behält die Vortragsform weitgehend bei. Die in den Vortrag eingestreuten Ton- und Filmdokumente können hier naturge­mäß nicht wiedergegeben werden, teilweise habe ich sie durch Texte zu ersetzen versucht. Aus Gründen des Zeitmangels war es mir nicht mög­lich, einen seriösen wissenschaftlichen Apparat aufzunehmen, deshalb habe ich ihn ganz weggelassen. Auf einige der Autoren, die im Text nicht ge­nannt sind, mit deren hervorragenden Werken ich aber meiner Unkennt­nis wenigstens teilweise aufhelfen konnte, sei jedenfalls pauschal verwiesen: Es sind die in der <em>Digitalen Bibliothek</em> (Bd. 93, directmedia, Ber­lin 2003) vertretenen Autorinnen und Autoren, allen voran Christa Tuczay und Wolfgang Behringer. Ausdrücklich erwähnen muss ich auch die äu­ßerst verdienstvolle Dissertation von Markus Kippel: <em>Die Stimme der Vernunft über einer Welt des Wahns – Studien zur literarischen Rezeption der Hexenpro­zesse im 19. und 20. Jahrhundert</em>. Münster 2001. Danken möchte ich meiner Frau Dr. Ulrike Brune, die mich drin­gend vor dem Thema ge­warnt hatte und sie trotzdem in zahllosen Gesprä­chen mit mir über das Thema nachgedacht hat. Gewidmet habe ich den Beitrag dem inzwi­schen verstorbenen Strafrechts- und Kirchenrechts­lehrer Heribert Wai­der, bei dem zu studieren mein Freund Martin Roeber und ich das beson­dere Glück hatten. Er hat uns die Größe von Menschen wie Spee und Thomasius erkennen gelehrt.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9"></a></p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/hexenprozesse-im-spiegel-der-literatur/">Hexenprozesse im Spiegel der Literatur (2009)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Solon von Athen (1993)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/solon-von-athen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jan 1993 09:20:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Solon von Athen Glück, Gerechtigkeit und Poesie Christoph Schmitz-Scholemann Unveröffentlicht, geschrieben 1993. &#160; Sp. 1: Manche hielten ihn für verrückt. Er schrieb Gedichte gegen Geldgier und Ausbeutung. Heute würde man sagen: Ein politi­scher Lyriker. Ein Unbelehrbarer. Einer, dar sich einbildet, er könne die Welt verbessern, wenn er seine Worte richtig setzt. Aber tun das nicht [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/solon-von-athen/">Solon von Athen (1993)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
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</ul>
<h1>Solon von Athen</h1>
<h3>Glück, Gerechtigkeit und Poesie</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>Unveröffentlicht, geschrieben 1993.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Manche hielten ihn für verrückt. Er schrieb Gedichte gegen Geldgier und Ausbeutung. Heute würde man sagen: Ein politi­scher Lyriker. Ein Unbelehrbarer. Einer, dar sich einbildet, er könne die Welt verbessern, wenn er seine Worte richtig setzt. Aber tun das nicht auch die weltkundi­gen Staatsprak­tiker? Wenn sie in ihren Gesetzen jedes Wort zwei und drei­mal umdrehen – dann doch wohl deshalb, weil sie glauben, daß die Worte etwas bewirken, und zwar zum Besseren. Solon von Athen, um den es hier geht, tat beides: Er schrieb Gedichte und gab seiner Stadt Gesetze. Das Volk feierte ihn als Be­freier. Wieder und wieder, selbst noch im Greisenalter, leg­te er sich mit den Mächtigen an. Dabei wollte er eigent­lich nur glücklich sein, und zwar in einem ganz einfachen und leich­ten Sinn: eine schöne Frau, gesunde Kinder, Freunde und ein Stück Land. Deshalb ist die Geschichte von Solon eine Geschichte über Glück, Gerechtigkeit und Poesie. Deren er­stes Kapitel handelt vom Goldenen Zeitalter.</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Als Solon zur Welt kam, erzählte man den Kindern die Sage vom Golde­nen Zeitalter. Dieser Sage zufolge muß das Leben der soeben von den Göttern erschaffenen Menschen ein wahres Gedicht gewesen sein. Sie folgten bei allem, was sie fühlten und taten, dem Rhythmus ihrer göttli­chen Natur.</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Hesiod, <em>Werke und Tage</em>, Verse 109, 112–116</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Anfangs schufen die Götter ein goldnes Menschengeschlecht &#8230;<br />
Sorgenlos glücklich, wie die olympischen Götter lebten die Menschen,<br />
Ferne den Mühen und ferne der Trübsal; auch das Alter<br />
Traf sie mitnichten, an Händen und Füßen immer gelenkig<br />
Freuten sie sich bei Gelagen, allem Übel immer entrückt.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>»Auch als die Menschen die Bekanntschaft des Unglücks machen muß­ten, blieb ihnen zunächst noch etwas, um das wir sie nicht genug beneiden können, eine gute und gerechte Regierung. Die Herrscher ga­ben dem Leben der Gemeinschaft Sinn und Form.«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Seneca, <em>Briefe an Lucilius über Ethik</em>, Vierzehntes Buch, Neunzigster Brief</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»In jenem Zeitalter also, das man das ›Goldene‹ nennt, lag die Königsherr­schaft &#8230; in den Händen der Weisen. Sie hielten die Gewalttätig­keit im Zaum und schützten den Schwächeren vor dem Stärke­ren, rieten zu und rieten ab und zeigten das Nützliche sowie das Schädliche; ihre Umsicht traf Vorkehrun­gen, damit es den Ihren an nichts fehle, ihre Tapferkeit hielt Gefahren fern, ihre Güte mehrte den Wohlstand und verschönerte das Dasein ihrer Untertanen. Zu regieren bedeu­tete nicht Despotie, sondern die Erfüllung einer moralischen Pflicht. Niemand hatte die Absicht oder einen Grund zu gewalttätigem Aufstand, da man einem guten Herrscher gern gehorchte und der König den Ungehorsamen nichts Ärgeres androhen konnte als seine Abdankung &#8230;«</p>
<p>Goldene Zeiten, weiß Gott! So milde waren damals die Herzen der Her­ren und ihre Taten so königlich klug, daß man, um ihre Macht in Bahnen zu halten, nicht einmal Gesetze brauch­te. Aber es gab auch Un­glück. Unglück im Großen; Kriege, Er­dbeben, Überschwemmungen, Feuersbrünste, verhagelte Ernten; und Unglück im Kleinen: Krankheit, Eifersucht, Raub und Mord. Der gute König half, wo er konnte. Aber er konnte nicht immer. Den Übergriffen der Naturkräfte einschließlich der menschlichen Bosheit hatte er letztlich nur eines entge­genzusetzen – näm­lich den Glauben, daß all das Unberechen­bare im Leben, gleich ob Naturkatastrophen oder Kriege, so­ziale Zusammenbrüche oder private Desaster, einzig und al­lein auf persönlichen Eingriffen der Götter be­ruhte. Infol­gedessen bemühten sich die Könige um ein günstiges Verhält­nis zu den Göttern. Sie beteten viel und opferten noch mehr; man baute den Göttern Häuser und trank auf ihr Wohl; Kochge­schirr und Gold schleppte man an die Altäre, Blut floß an den heiligen Stätten, Blut von Schafen und Stieren, aber auch Menschenblut. Man war fromm im golde­nen Zeitalter, aber man war auch unwissend; die Menschen steckten voller Angst, denn sie wussten, dass sie sterblich waren, und sie waren abergläubisch, Die Könige neigten ihr Haupt vor angeblich göttlichen Baumstrünken, und sie beteten Zie­genböcke an.</p>
<p>Das Goldene Zeitalter versank. Was blieb von der alten Ordnung war ein schöner Nachklang: in den Gedichten der Lyriker und in den Träu­men der Philosophie von einer besseren Welt.</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Seneca, <em>Briefe an Lucilius über Ethik</em></p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»&#8230; nachdem durch schleichende Verbreitung von Lastern die Königs­herrschaft zur Tyrannei entartet war, begannen Gesetze unentbehr­lich zu werden, und auch diese gaben anfänglich die Weisen. Solon, der Athen auf die Basis der Rechtsgleichheit gestellt hat, gehörte zu den berühmten ›Sieben Weisen‹.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Zweites Kapitel: Die Sieben Weisen</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>»Die Zeit um die Wende vom siebenten zum sechsten Jahrhundert v. Chr. pflegt nach dem Vorgange der Alten als das Zei­talter der Sieben Weisen bezeichnet zu werden. Es ist ein Zeitalter der Reflektiertheit; gebrochen ist die unbefangene Hingabe an die Lebensgewohnheiten der Vorzeit, das Volksbe­wusstsein ist im Innersten aufgewühlt, die Individuen begin­nen ihre eigenen Wege zu gehen, und bedeutende Männer treten mit ernster Mahnung auf &#8230; Lebensregeln werden aufgestellt &#8230; in witzigen Wendun­gen wird die moralisierende Predigt schmackhaft gemacht, geflügelte Worte fliegen von Mund zu Mund &#8230;«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Wilhelm Windelband, <em>Geschichte der Philosophie im Altertum</em>, Nördlingen 1888</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Ob in den schattigen Säulenhallen der Philosophenschulen oder auf den Märkten zwischen Knoblauch, Oliven und Stock­fisch – überall rund ums Mittelmeer würzte man seine Reden mit den lebensklugen Sätzen der Sieben Weisen. So entstand ein Schatz von Sentenzen, der im Laufe der Jahrhunderte in Gestalt von Sprichwörtern auf den Grund des Stroms der Überlieferung sank, bevor ihn die geduldige Akribie der Alter­tumsforscher wieder zu Tage för­derte. Einige Beispiele.</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Kleobul von Rhodos spricht:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Sklaven beim Wein nicht prügeln; sonst hält man dich für betrun­ken!«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Chilon aus Sparta sagte:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Auf der Straße haste nicht, um andere zu überholen!«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Thales aus Milet sprach:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Unbildung ist eine Last; Untätigkeit ist eine Qual.«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Pittakos aus Lesbos sagt:</p>
<p><em>Sp. 3:</em><br />
»Zuverlässig das Land, unzuverlässig das Meer.«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Bias aus Priene sprach:</p>
<p><em>Sp. 3:</em><br />
»Von den Göttern sage: sie sind.«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>»Periander von Korinth sprach:«</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Ruhe ist schön. Halte dich an alte Gesetze, aber an frische Speisen.«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Solon von Athen sagte:</p>
<p><em>Sp. 3.<br />
</em>»Wisse und schweige! Das Unsichtbare erschließe aus dem Sichtba­ren.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Um die Sieben Weisen rankten sich wundersame Legenden; einer von ihnen soll sogar auf einem Delphin durch die Ägäis ge­ritten sein. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich bei ihnen nicht um Märchenfiguren handelte, sondern um historische Personen, die an der Schwelle zum Zeitalter der schriftlichen Überlieferung gelebt haben. Hei­lig waren sie nicht, aber dafür klug; von Beruf Bürgermeister, Rich­ter, Dichter, Mathematiker, Handwerker – oder auch mehreres davon zu­gleich. Wie das Volk ihr Andenken hochhielt, zeigen am besten einige anonyme Inschriften, die vor gut hundert Jahren in Ostia entdeckt wur­den – an der Wand eines zweitau­send Jahre alten Pissoirs.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Der überschlaue Chilon lehrte leise furzen.«<br />
»Wer harten Stuhlgang hat, soll drücken, mahnte Thales.«&#8216;<br />
»Um gut zu kacken, rieb sich Solon seinen Bauch.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Wenn wir weiter nichts wüßten über Solon, als daß sein Name gut ein halbes Jahrtausend nach seinem Tode noch bekannt ge­nug war, um für Toiletten-Lyrik zu taugen – so müßten wir schon daraus schließen, daß er sich dem Gedächtnis des Vol­kes tief eingeprägt hat. Glücklicherweise wissen wir aber wesentlich mehr, vor allem durch Plutarch, einen Histori­ker aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Er hat eine Bio­graphie Solons hinterlassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Drittes Kapitel: Auf nach Salamis!</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Wenige Meilen vor Athen liegt die Insel Salamis, breit und schwer wie ein versteinertes Schlachtschiff im Meer, in feindlicher Hand eine Bedro­hung für Athen. aber ein gutes Bollwerk, wenn es Athen gehörte. Um den Be­sitz dieser Insel stritten seit ewigen Zeiten Athen und die Nachbarstadt Megara. Es wurden viele Kriege geführt.</p>
<p><em>Sp 1:<br />
</em>Nach Plutarch: <em>Große Griechen und Römer</em>, Solon und Poplicola:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>›Als die Athener eines langen und verlustreichen Krieges mit den benach­barten Megarern um die Insel Salamis müde geworden waren und ein Gesetz gemacht hatten, mit dem es bei Strafe des Todes verboten war, im Rat einen Antrag auf Eröffnung des Kriegs gegen Salamis zu stellen, da litt Solon schwer unter dieser Schmach. Da er bemerkte, daß viele junge Leute genauso dachten wie er, sich aber wegen des Gesetzes nicht trauten, ihre Meinung öffentlich zu sagen, ließ Solon das Gerücht in die Stadt ausstreuen, er sei wahnsinnig geworden. Er stellte sich verrückt. Heimlich schrieb er ein Gedicht und lernte es auswendig. Dann, eines Tages, setzte er sich ein sonderbares Hütchen auf den Kopf und sprang durch die Stadt. Als sich viel Volk auf dem Markt versammelt hatte, stieg er auf den Stein des Herolds und deklamierte seine Elegie, deren Anfang lautet:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>Auf nach Salamis wollen wir segeln, im Kampf die schöne Insel gewin­nen und endlich die Feigheit verlieren.‹</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Solons Karriere als Dichter beginnt also, wenn man es in heutige Be­griffe fasst, mit einem nationalistischen Bocksgesang und mit einem einiger­maßen raffinierten Gesetzesverstoß – der übrigens erfolgreich war: Athen raffte sich zu einem neuen Krieg auf und eroberte Salamis zurück; nach manchen Berichten führte der junge Solon dabei ein abenteuerlusti­ges Kommando – aber wir sparen uns diese blutigen Details der Außenpoli­tik, denn viel interessanter ist die »kylonische Verschwörung«. Mit ihr begann Solons innenpolitische Karrie­re. Es ging um einen Olympia­sieger, um eine Revolution und um das Asylrecht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Viertes Kapitel: Die kylonische Verschwörung</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Bei den 35. Olympischen Spielen im Jahre 640 v. Chr. errang Kylon von Athen einen glanzvollen Sieg im Pferderennen. Kylon war ein Sport­ler von der Art, wie sie in unseren Zeiten bei kritischen Journalisten beliebt sind: Er machte sich Ge­danken, und zwar vor allem über politi­sche Dinge. Dabei muß er ein wenig durcheinander gekommen sein. Den Ju­bel der At­hener Bevölkerung anläßlich des Olympiasiegs jedenfalls buchte er nicht auf das Konto seines Pferdeglücks, son­dern auf das seiner politischen Ambitionen; wer immer ihm den Floh ins Ohr gesetzt hatte – ein paar Jahre nach dem Olympiasieg versuchte er einen Staatsstreich. Er scheiterte. In seiner Not floh er samt Genossen an den Altar auf der Ak­ropolis. Da fühlten sie sich sicher.</p>
<p>Seit alters her hatte jeder – ob Sträfling, Fremdling oder Sonderling – ›asylia‹: das Recht auf körperliche Unverletz­lichkeit, solange er in direk­ter, körperlicher Verbindung zum Altar stand. Der Altar gehörte Gott. Keine irdische Macht hatte hier etwas zu suchen. Das war heiliges Recht. Wer es verletzte, griff die Götter an.</p>
<p>So flieht in einem Theaterstück des Aischylos eine Gruppe ägyptischer Asylantinnen an den Altar der Stadt Argos und beschwört den König:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Fortgeschleppt wollest du uns<br />
Von dem Herd dieser Götter nimmer sehn,<br />
Landes einiger Herrscher du!<br />
Sieh der Männer Frevelmut! &#8230;<br />
Duld es nie, mich die um Schutz fleh&#8217;nde frech<br />
Mich von den Bildern fort, mich wie ein Roß mit Gewalt<br />
Beim stirnumflochtenen,<br />
Farbigen Band, beim Kleid fort mich gezerrt zu sehn.<br />
Wiss es wohl, deinen Kindern, deinem Haus –<br />
Wie du auch wählst, euch bleibt, blutig zu büßen einst<br />
Gleiches mit Gleichem noch,<br />
Wie ja, bedenk ’s – des Zeus ewige Ordnung ist.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Der Revolutionär Kylon hatte also guten Grund, sich am Altar sicher zu fühlen. Sein Gegenspieler, der Stadtregent Megakles, ließ den Tempel von Soldaten umstellen. Er versprach Kylon freies Geleit, wenn er das Asyl verließe. Kylon ging darauf ein, band aber vorsichtshalber einen Wollfaden am Al­tar fest. Während die Aufrührer die Tempelstufen hinunter­stiegen, hielten sie sich an dem Faden fest. Sie wollten die körper­liche Bindung an den Altarstein nicht verlieren. Aber Megakles zerriß den Wollfaden und ließ die Aufständischen niederknüppeln. Außer Kylon selbst überlebte keiner von ihnen.</p>
<p>Aus Polizeisicht war das ein Erfolg für die Staatsmacht. Und doch &#8230; Ei­nige Athener Bürger, vor allem die Bauern, warfen Megakles vor, die­sen Erfolg nur durch Bruch des Asylrechts gewonnen zu haben, »Asylfrev­ler« nannte man Megakles und seine Leute. Der Streit schwelte über Jahre und erhielt im­mer wieder neue Nahrung, weil die Athener Bauern für immer weniger Geld immer härter arbeiten mußten. Sie scho­ben ihre jämmerliche wirtschaftliche Lage Megakles in die Schuhe, weil der durch den Asylfrevel die Stadtgöttin erzürnt habe. So mischten sich religiöse und soziale Empörung. Ein Bür­gerkrieg wäre unvermeidlich gewesen, wenn sich nicht der da­mals noch junge Solon als Schlichter eingeschaltet hätte. Er schlug ein Gerichtsverfahren zur Aufklärung des »Asylfre­vels« vor. Das Urteil fiel hart aus: Die noch lebenden Asylfrevler mußten das Land verlassen, und die Leichen der bereits verstorbenen wurden ausgegraben und über die Grenzen geworfen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Fünftes Kapitel: Glückskatalog</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Daß ein Dichter oder ein Philosoph heute in die Politik geht, ist selten. Daß er dabei kein Unheil anrichtet, erst recht. Warum ist das so? Er war zu gut für die Politik, so lautet ein übliches Urteil über den in der Politik geschei­terten homme de lettre, ein anderes: Moral und Politik – das paßt eben nicht zusammen. Wenn wir so denken, dann setzen wir voraus, daß der literarische Mensch einen irgendwie tie­feren Begriff von Gut und Böse, von Glück und Unglück hat als der Politiker; der Politiker, so neh­men wir an, versteht unter Glück im günstigsten Fall, daß seine Mitbür­ger ein Huhn im Topf und Wein im Keller haben. Wenn wir dagegen die mo­ralischen Schriftsteller aufschlagen, ob Böll oder Kant, Plato oder Seneca: fast alle sehen das wahre Glück, die Be­stimmung des Menschen als eine ethische Größe an, die viel mit Tugend und Wahrheit, mit Ver­nunft und Nächstenliebe zu tun hat, wenig aber mit fetten Hühnern und altem Wein. Kei­ner der genannten Schriftsteller hätte sich den Gedanken er­laubt, glücklich zu sein sei die reine Freude.</p>
<p>Was Solon unter Glück verstand, hat er in einem Gedicht auf­geschrie­ben, das den Titel Glückskatalog erhalten hat:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Glücklich, wem liebliche Knaben sind und feurige Russe, Jagdhunde und ein Freund, der Ausländer ist,<br />
Gleicherweise ist reich, dem vieles Silber zu eigen und Gold und weite Strecken der weizentragenden Erde &#8230;<br />
Rosse, Maulesel auch; und wem dies alles zuteil ward, freut sich in Flan­ken und Bauch und schlürft üppig, so viel er vermag.<br />
Sei es ein Knabe zuerst, so erfreut ihn, wenn er gereift ist &#8230; die Frau.<br />
Weiter bedarf er zu seinem Glücke nichts.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Ungewöhnliche Sätze für einen Dichter und Denker. Keine Dun­kel­heit, kein Anflug von Bitternis, keine hohen Worte und keine tieferen Dinge, keine Vertröstung aufs Jenseits, keine Trennung zwischen äußeren Glücksumständen und dem, was wir unter inneren Werten verstehen, auch keine moralische Diffe­renz zwischen den Spielarten der Geschlechts­lust; dem Dies­seits und der Gegenwart ein Kuß! Es ist alles die reine und schlürfende Äußerlichkeit, nichts als Freude in Flanke und Bauch. Manchem mag der chinesische Philosoph Lao Tse in den Sinn kommen mit dem berühmten Satz: »Füllet die Bäuche/Leeret die Köpfe!«</p>
<p>Solche Bereitschaft, sich in Liebe zum Diesseits und zur Äu­ßerlichkeit zu verlieren – ist das vielleicht der Schlüssel zum Erfolg für einen Politi­ker? Jedenfalls muß, wer sich so dem Diesseits zuwendet, auch mit Enttäu­schungen rechnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Sechstes Kapitel: Solon bei Thales von Milet</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Solons Vater hatte das Vermögen seiner uralten Adelsfamilie mehr oder weniger durchgebracht, so daß der junge Salon not­gedrungen ver­schiedentlich zum Äußersten schreiten mußte: zur Arbeit. Dies allerdings nicht wie ein Bauer »mit gebeugtem Rücken und auf die Scholle gehefte­ten Augen«, son­dern als einer, dessen Blick die Weite des Meeres und die Gesichter der Menschen zu lesen lernte, als Fernhandels-Kaufmann. Er lernte Sitten und Gesetze fremder Völker von Ägypten bis ins südliche Rußland kennen. Er studierte – so berichtet Platon – die Verfassung des sagenhaften Staates Atlantis und schloß Freundschaft mit dem Mathemati­ker und Philosophen Thales von Milet.</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Plutarch, <em>Große Griechen und Römer</em>, Solon und Poplicola:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Als Solon zu Thales nach Milet kam, heißt es, drückte er seine Verwun­derung aus, daß Thales gar nicht ans Heiraten und Kinderzeu­gen gedacht hatte. Thales schwieg fürs erste, nach Verlauf weniger Tage aber stiftete er einen Fremden dazu an, zu behaupten, er, der Fremde, sei vor zehn Tagen von Athen abge­reist. Als nun Solon den Fremden fragte, ob es etwas Neues in Athen gäbe, antwortete der Mann, wie ihm Thales geheißen hatte: ›Nichts Besonderes, außer, ja, daß die Beerdigung ei­nes Jünglings stattfand und die ganze Stadt mitging. Denn er war, wie die Leute sagten, der Sohn eines sehr angesehenen und durch besondere Tüchtigkeit ausgezeichneten Bürgers, Er war aber nicht da, sondern, wie es hieß, schon seit langer Zeit auf Reisen.‹</p>
<p>›Der Unglückliche!‹ sagte Solon. ›Wie nannten sie ihn denn?‹</p>
<p>›Ich habe den Namen gehört,‹ sagte der Mann, ›aber ich kann mich nicht auf ihn besinnen. Doch wurde viel von seiner Weisheit und Gerechtig­keit gesprochen.‹</p>
<p>So wurde mit jeder Antwort Solon in immer größere Furcht versetzt und brachte schließlich ganz bestürzt den Fremden selbst auf den Na­men, indem er ihn fragte, ob etwa der Ver­storbene ein Sohn Solons sei. Als der Mann das bejahte, war Solon schon im Begriff, sich gegen den Kopf zu schlagen und zu handeln und zu reden wie Menschen in tiefster Betrübnis, da faßte ihn Thales bei der Hand und sagte: ›Siehst du Solon, dies bringt mich eben vom Heiraten und Kinderzeugen ab, was selbst dich starken Mann umwirft. Aber beruhige dich dieser Geschichte wegen: sie ist nicht wahr.‹</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Siebentes Kapitel: Epimenides</p>
<p><em>Sp. 2:</em></p>
<p>Während Solon auf Reisen war, gingen die Dinge in Athen nicht zum Besten. Eine sonderbare Unruhe herrschte in der Stadt. Epimenides, ein Wanderredner aus Kreta, erschien für einige Monate in Athen, nachdem ›die Asylfrevler‹ die Stadt verlassen hatten. Er hielt finstere Bußpredigten, er­mahnte die Reichen zur Schlichtheit, die Armen zur Mäßigung ihres Zorns und alle beide zur Rückkehr zu dem guten und einfachen Leben der Väter. Die einfachen Leute liebten ihn; sie unter­zogen sich begeistert den Entsühnungsritualen und Reinigung­sopfern, die er ihnen abver­langte; noch Jahrhunderte später erzählte sich das Volk die unglaublichs­ten Geschichten von dem Wundermann: seine Mutter sei eine Waldgöt­tin gewesen und sein Vater ein Kurete, einer der wilden, lärmenden Geburts­helfer des Zeus.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Achtes Kapitel: Die soziale Frage</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Die große soziale Frage dieser Zeit war aber mit Bußpredigten und Reini­gungsritualen nicht zu lösen.</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Friedrich Schiller: <em>Die Gesetzgebung des Lykurgos und Solon</em>.</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>»Die Noth zwang die ärmeren Bürger zu den Reichen ihre Zuflucht zu nehmen, zu eben den Blutigeln, die sie ausgeso­gen hatten; aber sie fanden nur eine grausame Hülfe bei die­sen. Für die Summen, die sie aufnahmen, mußten sie ungeheure Zinsen bezahlen, und wenn sie nicht Termin hielten, ihre Ländereyen selbst an die Gläubiger abtreten. Nach­dem sie nichts mehr zu geben hatten, und doch leben mußten, waren sie dahingebracht, ihre eigenen Kinder als Sklaven zu ver­kaufen, und end­lich, als auch diese Zuflucht erschöpft war, borgten sie auf ihren eigenen Leib, und mußten sich gefallen lassen, von ihren Kreditoren als Sklaven verkauft zu werden. Gegen diesen abscheulichen Menschenhandel war noch kein Ge­setz in Attika gegeben, und nichts hielt die grausame Hab­sucht der reichen Bürger in Schranken. So schrecklich war der Zustand Athens. Wenn der Staat nicht zugrunde gehen sollte, so mußte man die­ses zerstörte Gleichgewicht der Gü­ter auf eine gewaltsame Art wieder-herstel­len.«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Friedrich Engels: <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats</em></p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Sämtliche Feldfluren Attikas starrten von Pfandsäulen, an denen ver­zeichnet stand, das sie tragende Grundstück sei dem und dem verpfändet um soundso viel Geld. Die Äcker, die nicht so bezeichnet, waren großen­teils bereits wegen verfallner Hypotheken oder Zinsen verkauft, in das Eigentum des adligen Wucherers übergegangen; der Bauer konnte froh sein, wenn ihm erlaubt wurde, als Pächter darauf sitzenzubleiben und von einem Sechstel des Ertrags seiner Arbeit zu leben, während er fünf Sechstel dem neuen Herrn als Pacht zahlen mußte. Noch mehr. Reichte der Erlös des verkauften Grund­stücks nicht hin zur Deckung der Schuld &#8230;, so mußte der Schuldner seine Kinder ins Ausland in die Sklaverei verkau­fen, um den Gläubiger zu decken. Verkauf der Kinder durch den Vater – das war die erste Frucht des Vaterrechts und der Monogamie! &#8230; Das war die angenehme Morgenröte der Zivilisa­tion beim athenischen Volk!«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Solon selbst schrieb über den Zustand seiner Stadt ein Gedicht:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Ganz von Sinnen und von Geldgier verdummt zerstören Bürger des großen Athen<br />
selbst ihre eigene Stadt, Arm in Arm mit den rechtsvergessenen Füh­rern des Volkes &#8230;<br />
heilig ist ihnen nichts – ob aus den Schätzen des Staats<br />
oder dem Gold der Götter – sie stehlen wo sie nur können &#8230;<br />
Und das Übel breitet sich aus wie reißender Wundbrand,<br />
unsere ganze Stadt wird eine Sklavin des Geldes.<br />
Blutiger Aufruhr und Krieg erwachen dann wieder, die so<br />
oft und so jäh zerstört blühende Jugendzeit.<br />
Das sind die Übel die unsre Stadt zerwühlen. Die Armen<br />
aber, für Geld verkauft, schändlich in Ketten gelegt,<br />
Fristen als Sklaven in kalter Fremde ihr elendes Leben &#8230;<br />
So treten Kummer und Elend in jedes einzelne Haus, die<br />
Hölzernen Tore des Hofs wehren das Übel nicht ab,<br />
Sondern es springt über Mauer&#8216; und Zaun ins Zimmer, jagt und<br />
Packt im hintersten Eck jeden, niemand entkommt.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Niemand entkommt – die Ausbeutung schädigt eben nicht nur die Ausge­beuteten: sie steht im Begriff, die alte Ordnung in einen Bürger­krieg zu stürzen und damit die Ausbeuter selbst zu vernichten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Neuntes Kapitel: Solon Archon</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Die Stimmung in den staubigen Gassen der Stadt war also ge­spannt. Die reichen Herren sehnten einen starken Mann her­bei, der den Groll der zerlumpten und hungrigen Armen unter­drücken würde. Die Eisenlan­zen der Ritter hätten ihm zur Verfügung gestanden. Die Bauern wollten ebenfalls einen starken Mann: Sie hofft­en, er werde die Großgrundbe­sitzer notfalls mit Gewalt ent­eignen und das Land neu auftei­len. Knüppel aus Olivenholz lagen zu Genüge bereit. Es roch nach Revolution. In dieser Lage, man schrieb das Jahr 594 vor Christus, wurde Solon zum Archon und Diallektes gewählt, zum Herrscher und Richter der Stadt. Und Solon hatte, so schien es, nur die Wahl zwischen den Holz­knüppeln der Bauern und den eisernen Spießen der Ritter. Er ent­schied sich für keine von beiden, sondern nahm seine Zuflucht zu einer ganz anderen Gewalt. Er setzte sich und schrieb.</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>»Das Objekt, das von aller menschlichen Ewigkeit her Macht enthält, ist die Rede, oder genauer, ihr bindender Ausdruck: die Sprache.«</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>Roland Barthes: <em>Leçon/Lektion</em>, Antrittsvorlesung im Collège de France</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Zehntes Kapitel: Der Gesetzgeber bei der Arbeit</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Anacharsis, so heißt es, kam nach Athen zum Hause Salons, klopfte und sagte, er sei als ein Fremdling gekommen, um ein Gastfreundschaftsver­hältnis mit ihm zu begründen. Salon er­widerte, es sei besser, bei sich zu Hause Freundschaften zu schließen. ›Nun denn‹, sagte Anacharsis, ‚du bist ja zu Hau­se. Solaon nahm ihn freundlich auf und behielt ihn eine Zeitlang bei sich, während er schon &#8230; an seinen Gesetzen ar­beitete. Als Anacharsis davon hörte, lachte er über diese Bemü­hung Solons, daß er glaubte, mit geschriebenen Verord­nungen die Ungerechtigkeit und Habsucht der Bürger in Schranken halten zu kön­nen; sie seien ja nichts anderes als Spinnweben, welche zwar die Schwa­chen und Kleinen, die sich darin fingen, festhalten, von den Mächtigen und Reichen aber zerrissen werden würden. Solon soll hierauf erwidert haben, die Menschen hielten ja auch Verträge, wenn es für keinen der beiden Partner vorteilhaft wäre, sie zu brechen &#8230; übrigens sagte Anachar­sis auch noch, als er einer Volksversamm­lung beiwohnte, daß bei den Griechen die Weisen redeten und die Toren entschieden.«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Plutarch, <em>Große Griechen und Römer</em>, Solon und Poplicola</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Wenn man unter Worten wie ›Handlung‹, ›Tat‹, ›Aktion‹ usw. körper­liche Einwirkungen auf die Welt versteht, und als ihr Gegenteil das bloße Denken und Reden ansieht, dann hat Solon so gut wie nichts getan. Er konnte sich zwar, soviel wir wissen, auf eine kleine Truppe vun Ordnungshü­tern verlassen, von größeren Polizeiaktionen ist aber nichts bekannt. Er wollte den Hütten wohl Frieden bringen, aber nicht um den Preis eines Kriegs – nicht gegen Hütten und nicht gegen Pa­läste. Seine Waffe war das Wort. Er schrieb und sprach. Die Gesetze, nach denen sich die Bewohner Athens in Zukunft richten sollten, setzte er, nach dem Bericht des Plutarch, zu einem guten Teil in Verse. Der Urvater der Geset­zesjuristen war also: ein Dichter, und das Gesetz ein Gedicht.</p>
<p>Solon ließ die Gesetze in mannshohe Holzbalken ritzen. Die Buchsta­ben wurden ausgemalt, damit man sie besser lesen kon­nte. Die Balken liefen oben und unten spitz zu. Mit den Spitzen staken sie in einem Rah­men. So konnte man sie um ihre Längsachse drehen, so ähnlich wie man heute einen Zei­tungsständer dreht. Dieses öffentliche Buch aus Holz wurde in der Unterstadt aufgestellt, downtown Athen, nahe beim Markt. Da kamen alle hin, Bauern und Ritter, Zugereiste, Händler, Handwer­ker, Fischer, auch Frauen und Sklaven. Wer lesen konnte, der las. Und die übrigen redeten nach, was sie hörten. Und wunderten sich womöglich über den schönen Rhythmus der Rechtssätze und wie leicht man sich alles merken konnte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Elftes Kapitel: Lastenabschüttelung</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Die erste und wichtigste Neuerung betraf die Wirtschaft. Solon ließ nicht etwa die Schuldsteine aus den Feldern reißen und das Grundeigen­tum neu verteilen. Was er anordnete, kann man am ehesten als einen Währungsschnitt beschreiben, verbunden mit dem Verbot der Schuldknecht­schaft:</p>
<p><em>Sp. 3:</em></p>
<p>»Als Solon zum Herrn der Dinge geworden war, befreite er das Volk für Gegenwart und Zukunft dadurch, daß er die Haftung für Geldschul­den mit dem Leibe verbot &#8230; und eine Abminderung der Schulden vor­nahm, der privaten wie der öffentlichen, die man Lastenabschüttelung nennt, weil eine Last gleichsam ab­geschüttelt wurde.«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Aristoteles: <em>Die Verfassung der Athener</em></p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Wie hoch der staatlich verordnete Schuldenerlaß war, und wie das im einzelnen vor sich ging, ist nicht überliefert. Es muß aber ein tiefer Schnitt zugunsten der Schuldner gewesen sein. Denn einige von denen, die, wenn es irgendwo klingelt, immer nur eins verstehen, nämlich: Geld, nutzten die Lastenabschüttelung zu einem Geschäft. Es gab eine regel­rechte Lastenabschüttelungs-Kriminalität, vergleichbar der sogenannten Vereinigungskriminalität Anfang der 90er-Jahre in Deutschland. Noch einmal Aristoteles:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Als &#8230; Solon im Begriffe stand, die Schuldabschüttelung vorzuneh­men, sprach er mit einigen seiner Freunde darüber, woraufhin seine Freunde Schulden machten und eine Menge Land kauften, und als kurz darauf die Schulden erlassen wur­den, waren sie reiche Leute &#8230; nach der Darstellung derer, die ihm etwas anhängen wollen, soll Solon sich auch selbst daran beteiligt haben &#8230; Überzeugender freilich klingt die (gegentei­lige) Behauptung der Volkspartei; denn es ist nicht anzunehmen, daß jemand in allem Übrigen gerecht und uneigen­nützig sich erwies, so daß er, obwohl es ihm möglich gewesen wäre, die eine Partei sich willfährig zu machen und die Ge­waltherrschaft über die Stadt zu erringen, sich lieber bei­den verhaßt machte und die Ehre und das Wohl des Staates über den eigenen Vorteil stellte, dann aber in so kleinen Dingen, die nicht der Mühe wert waren, sich beschmutzt haben soll &#8230;«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Zwölftes Kapitel: Die Verfassung der Athener</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Solon wollte Athen eine Verfassung geben, die dem kalten Bürger­krieg den Boden entzöge. Eine Möglichkeit wäre eine auf Bauern und Handwerker gestützte Alleinherrschaft gewe­sen, eine Art sozialistischer Monarchie. Diese Methode war damals in Griechenland Mode.</p>
<p>Daneben gab es das, was man die sado-aristokratische Option nennen könnte, ihrer hatte man sich in Sparta bedient. Dort fanden die alten Herrengeschlechter Kraft genug für eine die Grenze zum Sadismus oft überschreitende Brutalität, um Bauern und Handwerker niederzuhalten.</p>
<p>Solon hatte andere Gedanken. Vielleicht war ihm die überra­gende Be­deutung des Geldes aufgefallen. Das Geld, mag er sich gedacht haben, hat eine wunderkräftige Eigenschaft: Es gibt den Wert einer Sache, ohne doch diese Sache selbst zu sein. Es funktioniert so ähnlich wie die Spra­che, auch die Wörter sind ja nicht die Sachen, sondern sie repräsentieren sie nur im Austausch der Reden. Das Geld ist also ein Verständigungsmit­tel, man verständigt sich mit ihm nicht über den Sinn der Dinge, aber über ihren Wert. Es ist vielleicht kein gerechtes, aber ein handliches Maß, und zwar für sehr unterschiedliche Dinge: Roggen vom Schwarzen Meer, Trocken­fisch aus Selinunt oder auch die Erotik einer phönizischen Mietflötistin, alles läßt sich in gleicher Münze messen. Und so wie die Sprache Bewegung in die Gedanken der Menschen bringt, weil sie nämlich die Gedanken von ihrem biologischen Gefängnis, dem Ge­hirn, befreit, so löst das Geld den Tausch­wert von der Ware.</p>
<p>Wenn also alles seinen Preis hat, warum nicht auch die Teil­habe an der Macht? wird sich Solon gesagt haben. Das war in­sofern revolutionär, als bis dahin politische Macht allein durch Zugehörigkeit zu einer Adelsfami­lie, also letztlich durch einen biologischen Umstand: nämlich die Ge­burt erworben wurde. Solon ließ nun das Vermögen jeden Athe­ner Bürgers schätzen. Dann wies er die Bürger vier Vermö­gensklassen zu. Den vier Vermögensklassen entsprachen vier Stufen der Mitwirkung an der Politik.</p>
<p>Die Vermögensschätzungen sollten in regelmäßigen Abständen wieder­holt werden. Man konnte sich also hochverdienen, und man konnte abstürzen. Was in der Ritterwelt als Katastrophe gegolten hatte und nur durch blutige Gemetzel zustandekommen konnte, nämlich Bewe­gung in den Machtverhältnissen, wurde von Salon auf diese Weise zu einem Verfassungs-Prinzip erho­ben.</p>
<p>Wenn aber Solon, wie wir hörten, das Vermögen zum Maß des Zu­gangs zu den Regierungsämtern machte: Warum ließ sich das Volk da­rauf ein? Dasselbe Volk, das doch gerade durch die Habgier seiner Her­ren in so fürchterliche Not geraten war! Das trotz der Lastenabschütte­lung in seiner überwältigenden Mehrheit zur untersten Vermögensklasse gehörte und natürlich auch nicht über Nacht reich wurde, in großen Tei­len viel­leicht niemals reich werden würde! Hätte es nicht allen Grund gehabt, Solon als Verräter aus dem Lande zu jagen?</p>
<p>Es gab wirklich Gründe genug zur Unzufriedenheit. Wir dürfen uns vor­stellen, daß es Mühe kostete, diese Unzufriedenheit zu überwinden. Leider ist keine der Reden erhalten, die Solon damals hielt. Vielleicht ging eine von ihnen ungefähr so:</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>»Zu Unrecht, ihr Männer von Athen, ganz zu Unrecht mißtraut ihr mir. Seid ihr denn blind? Warum in der Götter Namen seht ihr nicht, wie sehr ich alles zu eurem Vorteil eingerichtet habe? Seid ihr taub? Habt ihr nicht gehört, was ich euch ge­sagt habe? Die Wohlhabenden werden da­rum wetteifern, in die oberste Vermögensklasse aufgenommen zu wer­den, und sie wer­den sich um die Regierungsämter streiten. Da jedes Amt nur auf ein Jahr vergeben wird, werden die reichen Männer un­ablässig in Kämpfe verwickelt sein. Ihr fragt: Was euch das angeht? Ich bleibe euch die Antwort nicht schuldig: Solange die Oberen sich ineinander verbei­ßen, werden sie keine Kraft finden, euch noch einmal das Knie auf die Kehle zu setzen.</p>
<p>Und noch eins: Warum ist euer Gedächtnis so kurz? Habt ihr das wich­tigste Gesetz vergessen, das ich euch gab? Wißt ihr nicht, daß dieses Gesetz jedem einzelnen von euch, gleich welcher Vermögensklasse er angehört, das Recht gibt, die Re­gierenden vor Gericht zu ziehen? Und habt ihr vergessen, wo die Klagen verhandelt werden? Hier am Markt, mitten in der Stadt stehen die langen Bänke, auf denen die Richter Platz nehmen und in aller Öffentlichkeit ihre Entscheidung fällen. Und auch diese letzte Frage will ich euch beantworten, näm­lich wer die Richter sind. Denn darin gebe ich euch recht: Das beste Gesetz ist den Griffel nicht wert, mit dem es ge­schrieben ist, wenn die Richter schlecht sind. Also wer wird hier zu Gericht sitzen und sein Urteil fällen über Arm und Reich, über Groß und Klein, über Regierende und Regierte? Ich will es euch sagen und merkt es euch gut! Ihr selber seid es! Die Männer von Athen, das Volk, ihr, die ihr der untersten Vermögensklasse angehört, ihr werdet zu Gericht sitzen. Regieren werdet ihr nicht, aber wenn die Regieren­den das Gesetz verletzen, dann könnt ihr sie zur Rechenschaft ziehen. Beruhigt euch also, Männer von Athen, gebraucht eu­ren Ver­stand und eure Stimme, nicht eure Knüppel!«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Dreizehntes Kapitel: Kratzen verboten</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Nicht nur Wirtschaft und politische Verfassung hat Solon re­formiert, seine Gesetze gaben auch zahlreiche Einzelweisun­gen, die Privatleben und politische Einstellung des Bürgers in günstige Bahnen lenken sollten.</p>
<p>Der Historiker Plutarch hat in seiner Biographie Solons eine Reihe der Gesetze überliefert; er gibt zwar leider nicht den Wortlaut der einzel­nen Vorschriften, aber er paraphrasiert ihren Inhalt ebenso ausführlich wie er ihn unverdrossen kom­mentiert. Nicht immer ist die Paraphrase vom Kommentar genau zu unterscheiden – aber was solls. Plutarch war der letzte Geschichtsschreiber, der, im zweiten Jahrhundert nach Chri­stus, noch selbst Reste vom Holz des Gesetzes in Hän­den hielt. Ihm zuzuhö­ren lohnt sich schon deshalb, weil es uns einen interessanten Ein­blick in das Alltagsleben vor zweieinhalbtausend Jahren gibt. Hören wir Plutarch.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Unter den &#8230; Gesetzen Salons ist das eigentümlichste und überra­schendste dasjenige, welches den mit Entziehung des Bürgerrechts be­straft, der sich im Falle des Bürgerk­riegs neutral verhält und sich auf keine der beiden Seiten schlägt. Die Absicht dabei ist wohl, daß niemand sich der Allgemeinheit gegenüber gleichgültig und unempfindlich ver­halten soll &#8230;«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Das heute so genannte Phänomen der Schweigespirale, also die Nei­gung vieler Bürger, in politischen Dingen zu schweigen, um hinterher sagen zu können, man sei immer schon auf der richtigen Seite gewesen – das scheint es auch damals gegeben zu haben.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Absonderlich und lächerlich scheint das folgende Gesetz zu sein: Wenn eine erbberechtigte Tochter heiratet und es stellt sich heraus, daß der mit ihr nach dem Gesetz verbun­dene Gatte zeugungsunfähig ist, dann hat sie das Recht, sich von einem nahen Verwandten des unfruchtba­ren Mannes beschla­fen zu lassen. Einige finden dieses Gesetz gut und sinnvoll, vor allem gegenüber solchen Männern, die zum Ge­schlechtsver­kehr unfähig sind, des Geldes wegen aber Erbtöchter heiraten &#8230; Wenn solche Männer nämlich erkennen, daß sich ihre Frau mit wem sie will verbinden darf, dann werden sie die Ehe entweder aufgeben oder nur mit Schimpf und Schande auf­rechterhalten; im einen wie im andern Falle werden sie für ihre Habgier büßen &#8230; Demselben Zweck dient der Brauch, daß die Braut mit dem Bräutigam eingeschlossen wird, nachdem sie eine Quitte verzehrt hat, und daß derjenige, der die Erbin bekommt, ihr jedenfalls drei Mal monatlich beiwohnen muß. Denn wenn auch keine Kinder geboren werden, so ist das doch eine Ehre und eine Aufmerk­samkeit, die der Mann einer sitt­samen Frau erweist &#8230; Bei den sonstigen Heiraten verbot Solon die Mitgiften und verordnete, daß die Braut nur drei Ge­wänder und Hausgerät von geringem Wert, sonst nichts, mit­bringen durfte. Denn er wollte, daß die Ehe nicht eine Ge­schäfts- und Kaufangelegenheit sein, sondern daß die Verein­igung von Mann und Frau zum Zweck der Kinderzeugung in Liebe und Zärtlich­keit geschehen sollte &#8230; Und wenn einer in der Schlafkammer einer rei­chen Alten einen jungen Mann ausfindig macht, der da wie ein Stein­huhn gemästet wird, so sollte er ihn fort und zu einem jungen Mädchen bringen, das einen Mann braucht &#8230;«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Wann hat je ein Gesetzgeber solche Mühe darauf gewendet, die Ehe zu einer Lust zu machen, zu einer »Freude in Flanke und Bauch«?</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Gelobt wird ferner das Gesetz Solons, das einem Toten Böses nachzusa­gen verbietet. Denn fromm ist es, die Dahingeschie­denen als heilig zu betrachten&#8230;Lebenden übel nach­zureden war nicht überall, sondern nur in der Nähe von Heiligtümern, vor Gerichten und Behörden und bei Sportveranstaltungen verboten &#8230; Denn es gehört sich nicht und ist ungezogen, seinen Zorn nirgendwo zu bezähmen; ihn allerdings über­all in der Gewalt zu haben, ist schwer und für manche sogar unmöglich, und das Gesetz muß mit Rücksicht auf das Mögliche abgefaßt werden, wenn es wenige mit Nutzen und nicht alle ohne Nutzen bestrafen soll.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Wann hat je ein Gesetzgeber soviel Verständnis für die Klatsch- und Spottlust der Menschen gehabt?</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Er gab ferner für die Ausfahrten der Frauen, für Trauern und für Festfei­ern ein Gesetz, das Unordnung und Zuchtlosig­keit einschränken sollte. Er verordnete, daß eine Frau, wenn sie eine Reise machte, nicht mehr als drei Kleider bei sich haben, nicht mehr Essen und Trinken als für einen Obolos und keinen über eine Elle großen Korb mitnehmen, auch nicht bei Nacht reisen sollte, außer im Wagen mit vorgetragener Fakkel. Bei der Trauerfeier schaffte er das Zerkratzen der Ge­sichter, das Singen von Klageliedern und den Brauch ab, auch bei Begräbnissen ande­rer mitzuheulen. Er erlaubte nicht, einen Ochsen als Totenopfer zu bringen, mehr als drei Kleider ins Grab mitzugeben und fremde Grabmä­ler zu besuchen außer bei der Bestattungsfeier.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Man kann eben alles übertreiben – auch die Trauerarbeit.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»&#8230; und da er sah, daß der karge Boden mit Not denen, die ihn bebau­ten, Unterhalt bot, aber nicht imstande war, eine müßige arbeitslose Menge zu ernähren, so gab er dem Handwerk Ehre und ordnete an, daß der Rat auf dem Areopag die Auf­sicht darüber zu führen hatte, woher jeder seinen Unterhalt beziehe, und die Müßiggänger bestrafte &#8230;«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Es klingt nach Sozialabbau – aber so ganz dumm ist es vielleicht doch nicht.<em> </em></p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Im höchsten Maße widersinnig ist, wie es scheint, Solons Gesetzge­bung über die Frauen. Der Ehemann, der seine Frau mit einem anderen Mann auf frischer Tat ertappte, durfte den Ehebrecher töten, Wer aber eine unverheiratete Frau entführ­te und vergewaltigte, erhielt eine Geld­strafe von 100 Drach­men. Wenn jemand eine Frau einem anderen Mann zu­führte, be­trug die Strafe zwanzig Drachmen, ausgenommen diejenige, die sich öffentlich verkaufen, womit er die Dirnen meint, denn die gehen ja ganz offen zu dem, der sie bezahlt &#8230;«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Dieses Gesetz brachte Salon den Ruf ein, der Erfinder der Freudenhäu­ser zu sein. Aber das ist denn doch wohl zuviel Ehre.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Dem Sieger bei den isthmischen Spielen setzte er einen Preis von 100 Drachmen aus, dein Olympiasieger 500 Drachmen.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Reine Amateure waren die Sportler also auch damals nicht.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Wer einen Wolf ablieferte, sollte fünf Drachmen bekommen, für ei­nen Jungwolf eine Drachme; fünf Drachmen entsprachen dem Preis eines Ochsen, eine Drachme dem eines Schafes. Die Bekämpfung der Wölfe war bei den Athenern alte Sitte &#8230; Sodann bestimmte er sehr sachverstän­dig die Abmessungen der Pflanzungen, und zwar verordnete er, daß man beim Setzen von anderen Pflanzen auf seinem Acker einen Abstand von fünf Fuß, bei Feigen- und Ölbäumen neun Fuß Abstand halten sollte. &#8230; Bienenstöcke durfte man nur in dreihundert Fuß Entfernung von solchen aufstellen, die von einem andern schon vorher angesetzt waren.«</p>
<p>»Auch ein Gesetz. über Schäden durch Vierfüßler gab er, worin verord­net ist, daß ein Hund, der jemanden gebissen hat, an ei­nem drei Ellen langen Halseisen auszuliefern ist. Der Gedan­ke ist gut zur Förde­rung der Sicherheit.«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Manche sagen, Solon habe den Gesetzen eine Geltungsdauer von einhun­dert Jahren gegeben. Vielleicht war es so. Es ist ja beliebt, Jahrhun­dertverträge zu schließen und Tausendjährige Reiche zu begrün­den. Wir möchten aber doch lieber dem Historiker Herodot Glauben schenken; er sagt, die Athener hätten Solon ihr Ehrenwort geben müssen, zehn Jahre lang die Gesetze einzuhalten. Solon kannte seine Mitbürger zu Genüge; es kann ihm nicht entgangen sein, daß sie ihre Ehrenworte, je mehr und je Grö­ßeres sie damit beschworen, zwar umso bereitwilliger spra­chen, aber auch umso leichter brachen. Und Solon kannte sich selbst: Er wußte, wie begrenzt der Bereich war, den er über­sehen konnte Auch die klügste Absicht gleicht, wie der eng­lische Philosoph John Langshaw Austin schrieb, einer Berg­mannslampe: Sie beleuchtet von dem kleinen Bereich des Sichtbaren bestenfalls den winzigen Teil des Stollens, der in Blickrichtung liegt, und von dem Riesenreich des Unsicht­baren: nichts. Solon hat die Summe seiner Erfahrungen als Gesetzgeber in einer Elegie gezogen. Davon sind einige Zeilen erhalten.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Ich gab dem Volk, was dem Volke gebührt, von seiner Würde<br />
nahm ich ihm nichts und nichts hab ich hinzugefügt.<br />
Den Mächtigen aber, den Geldmännern habe ich unanständigen Reich­tum<br />
nicht länger erlaubt. Alles war wohlüberlegt.«</p>
<p><em>Sp. 2:</em></p>
<p>Solon hatte seine Arbeit getan, und es war eine große Ar­beit; das empfan­den auch seine Mitbürger so. Sie feierten ein Fest, das Lastenabschüt­telungs-Fest. Wie es dabei zu­ging, ist nicht überliefert. Aber wir dürfen es uns ausma­len, und zwar anhand einiger Nachrichten, die von den Altertumsforschern aus der Literatur des sechsten und fünften Jahrhunderts über das sogenannte Blütenfest zusam­mengetragen wurden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Vierzehntes Kapitel: <em>Thyradse keres</em> – Hinaus mit Euch Ihr bösen Geis­ter!</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Ende Februar eines jeden Jahres feierte Athen seit unvor­denklichen das Blütenfest. Es dauerte drei Tage. In der Nacht zum ersten Festtag zog eine wein- und blumenselige Prozession durch die Stadt. Frauen, Kinder, Sklaven – das Herz Athens sang und sprang und pfiff durch die Gassen. Den Höhepunkt des Festgefolges bildete, wie bei unseren Rosen­montagszü­gen, ein großer geschmücker Wagen. Er hatte die Form eines Schiffsbauchs. Um ihn herum tanzten junge Männer, die sich als prächtig aufgerichtete Penisse maskiert hatten. Oben auf dem Karren fuhr der Herr und Gott Dionysos, ein völlig enthemmter Prinz Karneval. Bei ihm die basilinna. Das war die Ehefrau des sogenannten basileus, der in der Stadt eine Funktion innehatte, die man, in heutigen Begriffen, als eine Mischung zwischen Erzbischof und Ehrenbürgermeister be­zeichnen könnte. Die basilinna also hatte die freudige Pflicht, alle Wünsche dieses liebestollen Himmelsmannes zu erfüllen. Wenn die Frau Bürgermeister und der Gott ihre hei­lige Arbeit hinter sich gebracht hatten, wurden die Weinfäs­ser für das Volk geöffnet.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>Am Abend des zweiten Tages schlug die Stunde des basileus. Er war Schiedsrichter beim Kannen-Kampf. Die Teilnehmer der Endrunde versammelten sich auf dem Marktplatz. Sie nahmen auf Hockern Platz. Jeder hatte einen kleinen Tisch vor sich. Darauf ruhten die Sportgeräte. Das waren: eine Kanne, ein Becher und ein Krug. Wenn der basileus das Startzeichen gab, mußten die Zuschauer stille schweigen wie das Publi­kum in Wimbledon, wenn die Meister zum Match servieren. Die Arme der Kämpfer schnellten in diesem Augenblick äußerster Span­nung nach vorn, ihre sehnigen Hände packten die Kannen bei den Henkeln und – sie schenkten sich ein. Und ein großes Plät­schern, ein Spritzen, ein Schlür­fen und Schmatzen, ein Schnalzen, Schlucken, Gurren, Gurgeln und Glucksen hob an: Das Wettsaufen war eröffnet. Dreieinviertel Liter Wein faßte jede Kanne und was für ein Wein das war! Das Feuer der un­teren Welt brannte in diesem Tropfen. Drei Liter unvermisch­ten Weins hatten soviel Alkohol wie eine Flaschen Brandy heute. Wer also seine Kanne leerte und auch den letzten sü­ßen Tropfen aus dem Becher leckte – und konnte dann noch stehn: der hatte sich den Sieg sauber ersoffen; und die Efeukränze und den Honigkuchen und die Hochrufe des ebenso sachkundigen wie trunkenen Publikums hätte der Sieger noch unbeschwer­ter genießen können, hätte er nicht aus dem eksta­tischen Flötenspiel der Stadtpfeifer jenen Hauch von Ver­zweiflung und Todesentset­zen herausgehört, und im Flackern der Fackeln jenen Schat­ten des entsetztlichsten Abgrunds er­ahnt, den jeder tapfere Trinker kennt und fürchtet und dem er niemals entrinnt.</p>
<p>Wenn nämlich die Menschen nicht nüchtern und aufmerksam sind, son­dern in Lust und Trunkenheit zerstreut, dann be­freien sich aus den Schattenhöhlen und Spalten der Erde die Rache- und Reuegeister und die Dämonen. Und sie ergreifen, angeführt von Hermes Chthonios, Be­sitz von jeder Seele, von jedem Zimmer und Haus, von jedem Hof und jeder Straße, ja von der ganzen Stadt, und sie wüten stumm und tückisch.</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Die Beschwichtigung der Erdgeister überließ man Frauen und Kin­dern. Die Frauen kochten eine Mahlzeit aus Schwarzwur­zeln, Knob­lauch, Zwiebeln, Pilzen, Kartoffeln und Dinkel und stellten die dampfen­den Töpfe am Morgen des dritten Festta­ges ins Freie. Sie erwarteten, die Erdgeister würden Ge­schmack an den eingekochten Erdfrüchten finden und, wie die irdischen Männer nach einem guten Essen aus Müdigkeit milde zu werden pflegen, so würden auch die Dämonen ihre düsteren Absichten vergessen. Die Kinder der Stadt taten ein übriges: Sie legten parfümierte Kleider an und versammelten sich, un­ter Anleitung der basi­linna, zu einem kultischen Schaukeln, um die satten Dämonen einzulul­len Am Abend, wenn auch die Männer wieder zu Kräften und neuem Mut gekommen waren, zog noch einmal die ganze Stadt los und scheuchte die Totengei­ster durch die Straßen, und man rief und schrie sich die Seele aus dem Hals: Das Fest ist aus! Hinaus mit euch, ihr bösen Geister! – <em>thyradse keres uket anthestäria!</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Fünfzehntes Kapitel: Solon ist kein scharfer Denker</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Solon war für ein Jahr gewählt worden, und er hatte sich in diesem ei­nen Jahr bei vielen unbeliebt, bei allen aber unentbehrlich gemacht. Man trug ihm die dauerhafte Allein­herrschaft an. Er antwortete, das verstoße gegen die eben in Kraft gesetzte demokratische Verfassung. Dann bat man ihn, wenigstens als Berater zur Verfügung zu stehen und Auskunft zu geben, wenn etwa Dunkelheiten des Gesetzeswerks zu Tage träten und Auslegungsstreit entstünde. Auch dies lehnte Solon ab. Statt sich vom politischen Alltagskampf zerreißen zu lassen, zog er es vor, zu verreisen. Einstweilen, so soll er seine Mitbürger beschieden haben, müßten sie ohne ihn auskommen, er wolle ausspannen und die während seiner Regie­rungsarbeit stockenden Handelsgeschäfte wieder in einträgliche Bewegung bringen. Bei der Rückkunft werde er dann feststellen, ob sie seine Lektion gelernt hätten.</p>
<p>Wenn Solon geglaubt haben sollte, das Volk werde seine Bescheiden­heit zu würdigen wissen, so hatte er sich getäuscht. Das sonderbare Koordi­natensystem, in das die Bevölkerung die Eigenschaften ihrer leiten­den Persönlichkeiten einzutragen pflegt, und demzufolge es bei Politi­kern nur einen Fehler gibt, der noch schlimmer ist als unverschäm­tes und rück­sichtsloses Machtstreben: nämlich kein unverschämtes und rücksichtsloses Machtstreben, dieses offenbar zeitlose Mu­ster, in dem Unbestechlichkeit als Dummheit, Bescheidenheit als Mangel an Durchset­zungskraft und Ehrlichkeit bestenfalls als naiver Idealismus er­scheint, dieses Muster also scheinen die Athener auch auf ihren guten Solon angewandt zu haben. Solon selbst schrieb ein Gedicht, in dem er den Standpunkt eines von Solon enttäuschten Atheners auf die Spitze treibt:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Solon ist kein scharfer Denker und kein Mann von klugem Rat.<br />
Gutes wollt’ ein Gott ihm geben – aber er, er nahm es nicht!<br />
Schon ist voll das Netz, jedoch der Blinde traut sich nicht, den Fang<br />
an Land zu ziehn. Was ihm fehlt ist Mut genauso wie Verstand.<br />
Wäre ich an seiner Stelle und Athen gehörte mir<br />
Nur für einen einz&#8217;gen Tag! Ach für diese Seligkeit gäb<br />
ich Haus und Hof, ich ließe mich sogar zu Tode prügeln!«</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Solon ließ sich aber nicht umstimmen. Er verreiste. Unter anderem in das Gebiet, das man heute die türkische Riviera nennt – damals hieß es Kleinasien.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Sechszehntes Kapitel: Krösus</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>In der lydischen Stadt Sardeis in Kleinasien herrschte zu Beginn des sechsten Jahrhunderts vor Christus der reichste Mann der damals bekann­ten Welt; er hieß Kroisos, zu Deutsch: Krösus. Ob er sich im Schein des Goldes gesonnt hat wie On­kel Dagobert in Dollars badet, davon weiß weder die Legende noch die ernsthafte Geschichtsschreibung etwas, aber in den Kammern seines Palasts funkelten zweifellos die edels­ten Me­talle, und in dem weiten Tal, das seinen Palast umgab, duft­eten Milch und Honig wie in Kanaa, und sogar das Wasser der beiden Gebirgsbä­che, die friedlich durch seine Stadt murmelten, glitzerte golden &#8230;</p>
<p>In diese prachtvolle asiatische Stadt kam Solon. Und Krösus begann das Gespräch so:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»›Gastfreund aus Athen, zu uns ist über dich vielerlei Kunde gekom­men wegen deiner Weisheit und deiner Fahrten &#8230; jetzt nun ist das Verlan­gen über mich gekommen, zu fragen, ob du schon einen gesehen hast, der der Allerglücklichste war.‹ &#8230; Solon erwiderte &#8230;: ›Tellos aus Athen &#8230; Denn erstens be­saß Tellos zu einer Zeit, da es dem Staate gut ging, schöne und wackere Söhne, und er sah, wie ihnen allen Kinder gebo­ren wurden und am Leben blieben &#8230;‹«</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Herodot, <em>Forschungen</em></p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Natürlich war Krösus enttäuscht. Er dachte ja, niemand anders als er selbst könne kraft seines Reichtums der glücklichste Mensch sein. Aber trotz mehrmaliger Nachfrage bequemte sich Solon nicht dazu, seinen so überaus reichen Gastgeber als einen glücklichen Menschen zu bezeich­nen. Krösus wurde unruhig und fragte:</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»›Lieber Gastfreund aus Athen, aber mein Glück ist von dir so reinweg als ein Nichts gerechnet, daß du nicht einmal Pri­vatleuten mich gleich erachtest?‹« Solon gab zur Antwort:»›Lieber Kroisos, mich, der ich weiß, daß das Göttliche in seiner Gesamtheit neidisch und Unruhe schaffend ist, be­fragst du um menschliche Dinge. In der langen Zeit eines Menschenle­bens geschieht es, daß man vieles sehen muß, was man nicht möchte, und auch vieles davon erleidet. Denn bis zu 70 Jahren setze ich die Grenze des Lebens für einen Menschen &#8230; Von allen diesen Tagen dieser 70 Jahre, es sind 26.250, bringt jedesmal der nächste kein Ding, das dem vor­angegangenen völlig gleich wäre. So also ist, Kroisos, das Glück ganz Zufall &#8230; Und daß nun ein Mensch allein dies alles &#8230;‹</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>das ganze Glück, nämlich Reichtum, Gesundheit, Schönheit, Freude an seinen Kindern, ein gutes Ende und eine gute Nach­rede</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>›allein in sich zusammenfasse, ist unmöglich, so wie kein Land allein im­stande ist, alles sich selbst zu bieten, sondern es hat das eine und es bedarf des andern. Welches aber das meiste besitzt, das ist das beste. So aber ist auch das menschliche Einzelwesen, allein für sich genommen, in sich nicht hinreichend, das eine hat es, und eines anderen bedarf es. Wer aber von diesen Dingen das meiste ein Leben lang hat und dann noch auf glückliche Weise sein Leben be­schließt, der ist in meinen Augen, König, würdig, daß man ihn glücklich nennt. Sehen aber muß man bei jedem Dinge auf das Ende, wie es ablaufen wird. Denn vielen schon zeigte die Gottheit Glück und stürzte sie dann in die tiefste Tiefe &#8230;‹«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sp. 1:</em><br />
Siebzehntes Kapitel: Heimkehr</p>
<p><em>Sp. 2:<br />
</em>Als Solon von seiner langen Reise zurückkam, waren die Gra­ben­kämpfe der Parteien wieder aufgebrochen, und ein gutaussehender jun­ger Mann namens Peisistratos, mit dem So­lon anscheinend eine Zeitlang befreundet war, hatte sich an die Spitze der Unzufriedenen gestellt.</p>
<p>Eines Tages donnerte Peisistratos in seinem Maultier-Wagen in die Stadt; auf dem Marktplatz hielt er an. Die Maultiere waren schwer ver­letzt, und auch er selbst, Peisistratos, blutete. Ein Attentat, begangen von den Schergen der Rei­chen, so hieß es. Eine Stadtversammlung wurde einberufen. Eine Leibwache für Peisistratos! Das war die Forderung des Volkes. Solon sprach dagegen. Er konnte sich nicht durchset­zen. Peisistra­tos bekam fünfzig mit Keulen bewaffnete Männer zugebilligt; und kaum hatte sich diese Garde formiert, be­setzte sie die Akropolis. Ihr Anführer Peisistratos rief sich zum Alleinherrscher in Athen aus. Das blieb er für Jahrzehnte. Und dem Bestand seiner Tyrannei tat es keinen Abbruch, als man herausfand, daß er das Attentat nur vorge­täuscht und sich und seinen Maultieren die Wunden höchstper­sönlich beigebracht hatte.</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Solon aber ging nach Hause und legte seine Waffen, die er als Athener Bürger in sei­nem Haus zu hüten hatte, auf die Straße, vor die Tür. Das hieß: Ich bin nicht auf der Seite der Macht. »Was ihm das Vertrauen gebe, daß Peisistratos ihm nichts anhaben werde?« soll jemand gefragt haben. »Mein Alter,« antwortete Solon.</p>
<p>War er gescheitert? War alles umsonst? Nicht ganz. Peisistratos erwies sich als milder Tyrann. Die meisten der solonischen Gesetze blieben in Kraft. Sie wurden die Grundlage des römischen Zwölftafelgesetzes, und das römische Recht lebt in den Gesetzbüchern und Kommentaren des kontinentaleuropäischen und den Urteilen der angelsächsischen Richter bis heute fort. Und dann sind da noch die Ge­dichte. Und in ihrem Nach­klang: der Traum von einem goldenen Zeitalter, von Glück und Gerechtig­keit.</p>
<p><em>Sp. 3:<br />
</em>»Es gibt ein Alter, in dem man lehrt, was man weiß; doch da­nach kommt ein anderes, in dem man lehrt, was man nicht weiß: das nennt man <em>Forschen</em>. Es kommt jetzt vielleicht das Alter einer anderen Erfah­rung: der des <em>Verlernens</em>, die nicht vorhersehbare Umarbeitung wirken zu lassen, durch die das Vergessen die Ablagerung des Wissens, der Kulturen, der Glaubensüberzeu­gungen, durch die man hindurchgegangen ist, prägt. Diese Er­fahrung hat, glaube ich, einen berühmten und altmodischen Namen, den ich hier ohne Komplexe am Kreu­zungspunkt seiner Etymologie aufzugreifen wage: <em>Sapientia</em>: keine Macht, ein wenig Wissen, ein wenig Weisheit und soviel Würze wie mög­lich.«</p>
<p class="p1"><em>Spr. 2:</em><br />
Roland Barthes,<em> Leçon/Lektion</em>, Antrittsvorlesung im Collège de France</p>
<p><em>Sp. 1:<br />
</em>Solon war allem Anscheine nach ein unwürdiger Greis. Ob es uns paßt oder nicht, die Legende will es so: Er trank, zog mit Komödianten umher und machte sich blaue Stunden mit schönen Damen. Selbst im Tode, so ordnete er an und so ge­schah es auch wohl, sollte alles einfach sein und ganz leicht: Seine Asche wurde in den Wind gestreut.</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/solon-von-athen/">Solon von Athen (1993)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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