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	<title>Kleine Reden und Miszellen archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Literaturvermittlung im Zeitalter der Digitalisierung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Nov 2018 13:52:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kleine Reden und Miszellen]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturvermittlung]]></category>
		<category><![CDATA[Thüringer Fachtag Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Literaturvermittlung im Zeitalter der Digitalisierung Zweiter Fachtag Literatur des Thüringer Literaturrats im Erfurter Landtag am 25. Oktober 2018 Christoph Schmitz-Scholemann &#160; Einführende Bemerkungen Sehr verehrte Frau Harjes-Ecker, sehr geehrte, liebe Freundinnen und Freunde der Literatur, seien Sie herzlich willkommen beim 2. Fachtag Literatur im Thüringer Landtag. Mein Name ist Christoph Schmitz-Scholemann, ich bin einer der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/kleine-reden-und-miszellen/Literaturvermittlung-im-Zeitalter-der-Digitalisierung.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img decoding="async" class="aligncenter wp-image-645 size-full" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Literaturvermittlung im Zeitalter der Digitalisierung</h1>
<h3 style="text-align: left;">Zweiter Fachtag Literatur des Thüringer Literaturrats im Erfurter Landtag am 25. Oktober 2018</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;"><br />
Einführende Bemerkungen</span></h2>
<p>Sehr verehrte Frau Harjes-Ecker, sehr geehrte, liebe Freundinnen und Freunde der Literatur,</p>
<p>seien Sie herzlich willkommen beim 2. Fachtag Literatur im Thüringer Landtag. Mein Name ist Christoph Schmitz-Scholemann, ich bin einer der beiden Vorsitzenden des Thüringer Literaturrates und meine Aufgabe ist es laut Programmzettel, Sie zu begrüßen, was ich soeben getan habe und womit ich meine Rede eigenlich auch schon wieder beenden könnte. Da mir aber signalisiert wurde, ich hätte insgesamt neun Minuten einschließlich Schlussapplaus, nutze ich die Gelegenheit etwas zu unserem übergreifenden Thema zu sagen.</p>
<p>Das Thema lautet: »Literaturvermittlung«. Der Begriff weist auf ein Problem hin. Wenn wir darüber nachdenken, was außer Literatur sonst noch so alles ›vermittelt‹ wird, z. B. Arbeit, Wohnungen, Fußballspieler, Versicherungen, Wetten und sogar Ehen, dann stellen wir fest, dass der Notwendigkeit von Vermittlungsdiensten stets ein Defizit oder ein Ungleichgewicht zugrundeliegt. Entweder will jemand etwas haben, was nicht leicht zu bekommen ist, oder jemand will etwas verkaufen, was er nicht leicht loswerden kann. Bei der Literatur, fürchte ich, ist Letzteres öfter der Fall als das Erstere. Gedichte kaufen ist einfach, sie verkaufen ein Problem; sogar wenn man sie verschenkt, ist man der dankbaren Freude des Beschenkten keineswegs sicher, wie ich schmerzhaft feststellen musste, als ein Lyrikband aus meiner Feder, den ich verschenkt hatte, bald darauf bei E-Bay angeboten wurde und zwar mit dem Hinweis »mit Widmung des Autors, keine Gebrauchsspuren«.</p>
<p>Literatur ist also, vorsichtig ausgedrückt, nicht immer leicht vermittelbar. Bestimmt liegt es manchmal auch daran, dass es sich um schlechte Literatur handelt. Das ist aber keineswegs die Regel. Der große Arthur Rimbaud hat mit seinen Gedichten keinen Sou verdient und jeder von uns kennt Werke der Weltliteratur, die zu Lebzeiten des Autors keinen Absatz fanden. Das heißt natürlich auch wieder nicht, dass alle gutverkauften Bücher schlecht sind. Es heißt nur, dass die Relation zwischen gut und gutverkäuflich in der Literatur besonders unsicher ist.</p>
<p>Das alles ist nun viel zu bekannt, als dass wir allein dewegen einen ganzen Tag darüber sprechen müssten. In den letzten zehn, zwanzig Jahren ist aber etwas hinzugekommen, das nicht nur die literarische Welt, sondern das gesamte Leben und zwar überall auf der Erde, massiv verändert hat. Es ist die Digitalisierung, die den Informationsaustausch, also auch und besonders die Literatur, einer Elektrifizierung, Virtualisierung, Beschleunigung, Bilddurchflutung, Wissenserweiterung, Enthierarchisierung, Globalisierung und mit all dem einhergehend einem Sprachumbruch unterworfen hat, wie es ihn in der Geschichte der Menschheit seit Erfindung der Schrift noch nicht gegeben hat. Und dieser Umbruch ist nicht von Literaten oder Sprachforschern erfunden oder gesteuert worden, sondern von Technikern, Mathematikern, Physikern und vor allem Geschäftsleuten – wie ja auch die Erfindung der Schrift vor fünfeinhalbtausend Jahren nicht durch Dichterinnen geschah, sondern durch Kaufleute, die Warenverzeichnisse anlegten.</p>
<p>Die Literatur und damit auch die Literaturvermittlung sind von diesen fundamentalen Veränderungen sehr viel tiefergehend betroffen als andere Bereiche des Lebens, vermutlich sogar mehr als von der Erfindung des Buchdrucks. Die Digitalisierung erschüttert die Gutenberg-Galaxie. Niemand weiß, was das Ergebnis sein wird. Die Erfindung des Buchdrucks war ein tiefer Einschnitt, obwohl der Buchdruck an den Sprachen und an den Zeichensystemen der Buchstaben nichts geändert hat, sondern nur an der Form ihrer Materialisierung. Die Digitalisierung ändert mehr: Sie beruht unter der für uns mehr oder weniger verständlichen Oberfläche auf Sprachen, die hier im Raum vermutlich sehr wenige Menschen beherrschen. Das heißt aber zugleich, dass wir, die wir nach wie vor mit unseren Buchstaben auskommen müssen, die Macht über die Zeichen nicht mehr uneingeschränkt haben. Wir merken das spätestens dann, wenn es uns nicht gelingt, gegen den erbitterten Widerstand eines Rechtschreibprogramms ein Gedicht in Kleinbuchstaben mit unorthogaphischer Schreibung ins Smartphone zu tippen. Aber auch in der Schreiboberfläche machen sich neue Zeichen breit, Hashtags, Smileys, slashs. Das ist gar nicht mal so nice. Womit ich einen zarten Hinweis darauf verbinden will, dass sich die Sprache der jungen Menschen, die weder einen Füllhalter benutzen noch das Zehnfinger-Schreibmaschinensystem, dafür aber mit zwei Daumen schneller ihre infos sharen als ich zum Beispiel speaken kann, massiv verändert gegenüber unseren Sprachgewohnheiten. Der französische Philosoph Michel Serres, der inzwischen 87 Jahre alt ist, nennt die jungen Menschen deshalb mit durchaus liebevoller Ironie »Däumlinge« und »Mutanten«: »Mutanten« deshalb, weil nach seiner Meinung die geänderten technischen Vorausetzungen eine – auch in die Gene wirkende – Veränderung des Lernens, Denkens und Sozialverhaltens mit sich bringen. Serres ist aber weit davon entfernt, die jungen Leute zu verurteilen und eine Rückkehr in die alten Muster zu empfehlen. Es war nämich früher, sprich, als man noch orthographisch fehlerfreie Briefe schrieb, in Bibliotheken nach Wissen suchte, Latein und Griechisch lernte und <em>Die Glocke</em> auswendig konnte – früher war durchaus nicht alles besser. Vielmehr haben z. B. in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert unter Geltung des Humboldtschen und Stein-Hardenbergschen Gymnasialsystems die deutschen Eliten grausame und verbrecherische Kriege und Gewaltherrschaften hervorgebracht. Und auch die belgischen, französischen und englischen Kolonisierungen in Afrika wurden von Menschen betrieben, die genauso gebildet wie brutal waren. Die Gutenberg-Galaxie war nie eine Idylle.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist es an der Zeit, über die Chancen zu sprechen, die wir haben, den gewaltigen Umbruch, mit dem wir es zu tun haben, nicht zu beweinen, sondern zu verstehen lernen und nach Kräften gut zu gestalten. Das ist der Sinn unseres Unterfangens.</p>
<p>Christian Müller wird uns zeigen, wie man digitale Medien nutzen kann, um Schülern die Welt der Literatur zu öffnen, Anna Luise Erler wird über ihre Arbeit als Buchhändlern in einer kleinen Stadt sprechen, Harald Welzer wird die Veränderungen der Debattenkultur unter dem Einfluss der Digitalisierung beleuchten, Guido Naschert die kreativen Potentiale beschreiben, die Poesie und digitale Filmkunst freisetzen, Gerhard Pfennig die für Schriftsteller und Literaturvermittler wichtigen rechtlichen Aspekte der Digitalisierung behandeln und Jürgen Wiebicke sollte davon erzählen, wie man philosophische Literatur unter heutigen Bedingungen an großes und an kleines Publikum erfolgreich vermitteln kann. In einer Abschlussrunde wird Christian Müller mit Monika Rettig, Andreas in der Au und Ralph Schönfelder Vermittlungskonzepte diskutieren. Durch den Tag führen wird uns Blanka Weber.</p>
<p style="text-align: justify;">Ausgetüftelt und organisiert haben das Ganze der Geschäftsführer des Thüringer Literaturrates Jens Kirsten zusammen mit Sylvie Knoblich und Ursula Heinemann in der Thüringer Staatskanzlei. Bei allen Beteiligten bedanke ich mich ganz herzlich, bei der Staatskanzlei auch dafür, dass sie das nötige Geld aufgebracht hat und freue mich nun sehr, dass Frau Harjes Ecker-Ecker uns die Ehre erweist, einige Worte aus Sicht der Landesregierung an uns zu richten.<span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;"><br />
</span></p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;"><br />
Schlusswort<br />
</span></h2>
<p>Blanka Weber hat mir gesagt, es wäre gut, wenn am Ende einer solchen Tagung noch ein Schlusswort gesprochen wird. Ich glaube, sie hat recht, es gehört sich so und ich nehme gern diese Gelegenheit wahr, um allen Referentinnen und Referenten und dem überaus lebendigen Publikum für die Mitwirkung, für ihr Engagement ihre Vorträge und Debattenbeiträge sehr herzlich zu danken. Und auch Ihnen, liebe Frau Weber, Dank für die feinfühlige, stringente und wohlunterrichtete Moderation!</p>
<p>Was den Gehalt dessen betrifft, was wir heute gehört und besprochen haben: Bei dem Reichtum und der Vielfalt an Gedanken und Informationen und auch an sehr unterschiedlichen rhetorischen Temperamenten, die wir heute kennen gelernt haben, wäre es vermessen, irgendeine Art von Zusammenfassung zu versuchen. Lassen Sie mich statt dessen mit zwei Überlegungen schließen, die mir in den letzten Wochen und auch heute wieder durch den Kopf gingen.</p>
<p>Die eine lautet: Wenn es richtig ist, dass durch die Digitlisierung fast alles Wissen der Menschheit nach und nach frei zugänglich ist im Netz, und zwar überall und jederzeit (außer bei Stromausfall), wozu braucht man überhaupt Leute, die Unterricht geben, etwas vorlesen, Vorträge halten, diskutieren? Hätten wir das heute nicht alles auch virtuell abwickeln können? Als interaktiven Massen-Online-Kurs? Ich glaube, das wäre nicht dasselbe gewesen. Aber warum nicht? Ich glaube, die wirkliche, reale, handfeste Welt ist stärker und sie wird bleiben. Ich denke an das, was Annaluise Erler heute morgen gesagt hat über das Erfolgsgeheimnis ihrer Buchhandlung in Tharandt, nämlich das Schaffen von emotional greifbaren Erlebnissen und Bindungen in geschlossenen sprich analogen körperlichen Räumen, oder in den Worten Harald Welzers: Es geht um »Widerfahrnisse«, der Philosoph würde vielleicht von »Kontingenz-Erfahrung« sprechen – und davon haben wir heute eine Menge gehabt. Jedenfalls sind die Vorträge und die Diskussion ein Beweis dafür, dass es einen riesigen Unterschied gibt zwischen dem Wissen als einer Ansammlung von Zeichen einerseits und andererseits Menschen, die diesem Wissen durch ihr gesprochenes Wort, durch ihre Gestik und Mimik eine spezifische Färbung, einen Zusammenhang, ein Leben, eine Richtung, eine Wahrhaftigkeit, kurz gesagt: Subjektivität geben. Es ist auch ein Unterschied, ob man irgendwo einsam vor einem Display sitzt oder in einem echten euklidischen Raum zusammen ist unter Menschen, die akustisch, optisch, haptisch, olfaktorisch aufeinander wirken, applaudieren, kritisieren, dazwischenrufen, murmeln, sich räuspern und soweiter.</p>
<p>Kurz gesagt: Je größer und unübersichtlicher der Bestand an zugänglichem Wissen ist, umso mehr kommt es auf die Umstände der Vermittlung und die Subjektivität der Vermittler an. Ich glaube jedenfalls, dass Literaturvermittlung nur gelingen kann, wenn die Vermittler sich auf ihre Erfahrung und ihr Fingerspitzengefühl verlassen, auf ihre Gewitztheit und schlechthin alles das, was man früher Esprit oder Geist, vielleicht auch Instinkt genannt hat und sich nicht dem großen Narrativ der Algorithmen unterwerfen.</p>
<p>Die zweite Überlegung entnehme ich dem Werk des kanadischen Philosophen Marshall McLuhen, der vor einem halben Jahrhundert, als die Literaturfreunde von der Furcht vor Radio, Fernsehen und Film umgetrieben wurden: »Wenn eine neue Technologie … unsere Sinne in die soziale Welt ausdehnt, werden sich neue Verhältnisse zwischen allen unseren Sinnen ergeben. Dies ist vergleichbar mit dem Hinzufügen einer neuen Note zu einer Melodie. Wenn sich die Verhältnisse der Sinne in irgendeiner Kultur ändern, wird das, was vorher klar war, trüb werden, und was unklar oder trüb war, wird durchsichtig werden.«</p>
<p style="text-align: justify;">
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			</item>
		<item>
		<title>»Recht ist keine Mathematik«</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/recht-ist-keine-mathematik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Oct 2018 17:55:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kleine Reden und Miszellen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Recht ist keine Mathematik« Interview in der SZ vom 13. Oktober 2018 Manche Entscheidungen von Gerichten sind schwer nachvollziehbar. Christoph Schmitz-Scholemann, ehemaliger Richter am Bundesarbeitsgericht, kritisiert überkomplexe Regelungen und unverständliche Fachsprache. Interview von Ina Reinsch Christoph Schmitz-Scholemann ist ehemaliger Richter am Bundesarbeitsgericht in Erfurt und Verfasser von zahlreichen juristischen und literarisch-juristischen Abhandlungen. Er erklärt, warum [&#8230;]</p>
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<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">»Recht ist keine Mathematik«</h1>
<h3 style="text-align: left;">Interview in der SZ vom 13. Oktober 2018</h3>
<p>Manche Entscheidungen von Gerichten sind schwer nachvollziehbar. Christoph Schmitz-Scholemann, ehemaliger Richter am Bundesarbeitsgericht, kritisiert überkomplexe Regelungen und unverständliche Fachsprache.</p>
<p><em>Interview von Ina Reinsch</em></p>
<p>Christoph Schmitz-Scholemann ist ehemaliger Richter am Bundesarbeitsgericht in Erfurt und Verfasser von zahlreichen juristischen und literarisch-juristischen Abhandlungen. Er erklärt, warum Urteile manchmal so schwer zu verstehen sind und weshalb die Deutschen dennoch eines der besten Rechtssysteme der Welt haben.</p>
<p><strong>SZ: Warum sind manche Entscheidungen für den Bürger auf den ersten Blick so schwer nachvollziehbar?</strong></p>
<p><strong>Christoph Schmitz-Scholemann:</strong> Meist kennt man die Entscheidungen aus der Presse. Das heißt, man kennt den Sachverhalt fast nie vollständig. Oftmals ist auch die Rechtslage so kompliziert, dass man sie nicht mit wenigen Worten erklären kann. Hier sehe ich auch die Medien in der Pflicht, ihre Arbeit nicht nur auf Schnelligkeit und Pointierung auszulegen. Zum Beispiel im Fall des muslimischen Warenhaus-Mitarbeiters, der sich weigerte, Bierkisten zu tragen. Die Vorinstanzen haben festgestellt, dass ein ernster Gewissenskonflikt zugrunde lag. Das war für die Allgemeinheit vielleicht schwer nachvollziehbar. Religions- und Gewissensfreiheit sind aber wichtig in einer pluralen Gesellschaft.</p>
<p><strong>Ein Urteil ergeht »im Namen des Volkes«. Müssen auch die Richter darauf achten, verständlicher zu erklären?</strong></p>
<p>Ja. Erstinstanzliche Gerichte sind meist näher am Volk und daher oft verständlicher. Die Urteile des Bundesverfassungsgerichts sind dagegen teilweise Selbstgespräche der <a href="https://www.sueddeutsche.de/thema/Justiz">Justiz</a>. Sie sind in einer Sprache abgefasst, die der Bürger nicht verstehen kann. Es gibt ein, wie ich finde, fatales Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das sagt, der Bürger habe keinen Anspruch darauf, Gesetze ohne rechtskundige Hilfe zu verstehen. Da hat sich etwas verselbständigt in der Justiz. Es gibt aber auch sehr klar und schön geschriebene Urteile.</p>
<p><strong>Wie kommt es, dass an einem Arbeitsgericht in Deutschland eine Klage anders bewertet wird als an einem anderen?</strong></p>
<p>Oftmals stellt man bei näherem Hinsehen fest, dass die vermeintlich gleichen Sachverhalte doch nicht so ähnlich waren. Aber trotzdem gibt es unterschiedliche Entscheidungen bei im Wesentlichen gleichem Sachverhalt. Ich glaube aber, es lässt sich nicht ändern.</p>
<p><strong>Warum?</strong></p>
<p>Die Grenze zwischen Recht und Unrecht kann man nicht mit dem Lineal ziehen. Recht ist keine Mathematik. Ein Urteil ist das Ergebnis geordneter, praktischer Vernunft. Da gibt es eben auch verschiedene Auffassungen zwischen verschiedenen Richtern. Dieser Widerspruch ist vermutlich unauflösbar, solange das Recht von Menschen gesprochen wird und nicht von Gott. Der Gerichtsprozess ist zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte nicht ideal, aber immer noch besser als die Privatfehde, sei es durch Twitter-Abstimmungen oder Schlägerei. Es gibt jedenfalls weniger Verletzte.</p>
<p><strong>Ist unser Rechtssystem gut, so wie es ist?</strong></p>
<p>Wenn Sie in die deutsche Geschichte schauen oder in andere Länder heute, dann ist unser System sicher eines der besten, das man sich denken kann. Wir haben keine Korruption, es gibt kaum politischen Druck auf die Gerichte, die Arbeitsgerichte zum Beispiel arbeiten sehr schnell und sind dank der Mitarbeit ehrenamtlicher Richter im Allgemeinen bestens geerdet. Trotzdem gibt es Systemfehler, an denen dringend gearbeitet werden muss.</p>
<p><strong>Welche wären das zum Beispiel?</strong></p>
<p>Brüche und offene Widersprüche zwischen nationalem und europäischem Recht, die Neigung des Gesetzgebers zu überkomplexen Regelungen, der Hang mancher Richter, ihre Gedanken mit dem Weihrauch einer kunstreichen Fachsprache zu umnebeln: Alles das ist dazu geeignet, dem nicht juristisch vorgebildeten Bürger das Vertrauen in den Gesetzgeber und die Justiz zu erschweren und damit letztlich das Demokratie-Prinzip zu gefährden. Schließlich soll doch alle Gewalt vom Volk ausgehen.</p>
<p>© SZ vom 13.10.2018</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Synergien zwischen Literatur und Politik (2017)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/synergien-zwischen-literatur-und-politik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Oct 2017 18:34:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kleine Reden und Miszellen]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Thüringer Fachtag Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Synergien zwischen Literatur und Politik Christoph Schmitz-Scholemann &#160; Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Freundinnen und Freunde des guten und schönen Worts, gestatten Sie mir, dass ich angesichts des engen Zeitrahmens auf alle Vorbemerkungen verzichte und stattdessen sofort zur Sache komme. Ich spreche über Synergien zwischen Literatur und Politik. I. Was sind Synergien? Ich [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/synergien-zwischen-literatur-und-politik/">Synergien zwischen Literatur und Politik (2017)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Synergien zwischen Literatur und Politik</h1>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p class="p1"><span class="s1">Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Freundinnen und Freunde des guten und schönen Worts, </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">gestatten Sie mir, dass ich angesichts des engen Zeitrahmens auf alle Vorbemerkungen verzichte und stattdessen sofort zur Sache komme. Ich spreche über Synergien zwischen Literatur und Politik. </span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">I.<br />
Was sind Synergien?</span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">Ich beginne mit einer Begriffsklärung. Das Wort »Synergien« ist etwas in Verruf geraten, weil es aufgrund seines Wohlklangs gern von Unternehmenssanierern und Verwaltungsreformierern verwendet wird, um dahinter Personalabbau und Arbeitsverdichtung zu verstecken. Ich verstehe das Wort nicht in diesem, sondern in seinem eigentlichen Wortsinn. Unter Synergien verstehe ich Kräfte, die durch das Zusammenwirken mehrerer Elemente gewonnen werden, genauer genommen: die <i>nur</i> durch das Zusammenwirken mehrerer Elemente frei werden. Die Idee ist, dass es sich bei Synergien um zusätzliche Kräfte handelt, die anders und größer sind als die Einzelkräfte der zusammenwirkenden Elemente. Synergien aus dem Zusammenwirken von Literatur und Politik müssen also Energien sein, die weder die Literatur für sich allein noch die Politik für sich allein haben und die beiden, vielleicht sogar der Allgemeinheit, einen zusätzlichen Nutzen bringen.</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Um etwas über die so verstandenen Synergien sagen zu können, muss man also ungefähr wissen, welcher Art die Einzelelemente sind, die zusammenwirken sollen, in welcher Beziehung sie zueinander stehen, wie sie sich unterscheiden und<span class="Apple-converted-space">  </span>welche Gemeinsamkeiten sie haben. Mit diesen Aspekten werde ich mich deshalb zunächst beschäftigen. Danach spreche ich darüber, welchen Nutzen Politik und Literatur aus einem Zusammenwirken ziehen können. Am Schluss werde ich 7 Vorschläge<span class="Apple-converted-space">  </span>für gemeinsames Tun skizzieren. </span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">II.<br />
Notwendige Distanz zwischen Staatsmacht und Literatur </span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">Noch eines möchte ich gleich am Anfang klarstellen. Die Synergie, von der ich spreche, kann nur zustande kommen, wenn zwischen der Politik und der Literatur eine kritische Distanz gewahrt bleibt. Eine gewisse Spannung zwischen Literatur und Politik ist Voraussetzung dafür, dass beide voneinander profitieren können. Staatlich gelenkte Dichtung ist das letzte was wir brauchen. </span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">III.<br />
Politik und Literatur – unterschiedliche Sphären</span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">In Deutschland liegen die politische Sphäre und die von den Literaten bestellten Gärtlein traditionell weit auseinander. Die Gefahr, in einer Parteiversammlung einem Poeten zu begegnen, ist ziemlich gering. Umgekehrt bin ich bisher noch bei kaum einer literarischen Veranstaltung einem Politiker begegnet, es sei denn, er wäre zu einem Grußwort eigens eingeladen gewesen. Öffentlich über Leseerlebnisse zu sprechen, gehörte früher zum guten Ton, scheint aber aus der Mode zu sein. Wenn Sie im Internet Bilder von Angela Merkel mit Schriftstellern suchen, finden Sie nicht viel, während an Selfies mit Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger und anderen deutschen Helden des Sports kein Mangel ist.</span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">IV.<br />
Synergien – ein Blick über die Grenzen und in die Vergangenheit </span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">Die Trennung der politischen von der literarischen Sphäre ist keinesfalls zwangsläufig.<span class="Apple-converted-space">  </span>Sie war auch nicht immer und ist auch nicht überall vorhanden. Ich bin deshalb sicher, dass sich eine wechselseitige Förderung von Politik und Literatur zu gemeinsamem Nutzen bewerkstelligen lässt. Drei Beispiele will ich nennen für den reichen Segen, den das Zusammenwirken von Politik und Literatur bringen kann. Solon von Athen lebte im 6. Jahrhundert vor Christus. Wir kennen seine politische Bedeutung aus dem Buch von Friedrich Engels über den <em>Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats</em>: Solon hat nämlich den damals üblichen Verkauf von verarmten Schuldnern und ihrer Familien in die Sklaverei per Gesetz abgeschafft. Weniger bekannt ist, dass Solon eigentlich Lyriker war. Er schrieb deshalb die Gesetze zur Abschaffung der Schuldknechtschaft in eindringlich rhythmisierten Versen, was dazu führte, dass man sie sich schnell einprägen und sie leicht befolgen konnte. Ich will daraus nicht die Forderung ableiten, zB das derzeitig in Thüringen virulente Gesetz über die Gebietsreform in Blankversen abzufassen. Aber dass ein durch Literatur-Lektüre geschultes Sprachempfinden für die Abfassung von Gesetzestexten sinnvoll sein kann, davon bin ich überzeugt. Besonders erfolgreich war übrigens das Zusammenwirken von Literatur und Politik am Weimarer Hof von 1775 bis 1825 – ein halbes Jahrhundert lang war der erste Berater des Fürsten ein Dichter. Von dieser Konstellation zehrt Weimar, wenn nicht Thüringen bis heute. Und das letzte Beispiel: Ist irgendjemandem ein Staatsmann bekannt, der sein Land sympathischer vertreten hätte als der Schriftsteller Vaclav Havel, der von 1993 bis 2003 tschechischer Staatspräsident war? Nie in den letzten 100 Jahren stand Tschechien in höherem Ansehen als in der Zeit von Vaclav Havels Präsidentschaft. </span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">V.<br />
Misstrauen zwischen Politik und Literatur</span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">Ich fürchte, bei dem Stichwort »Synergien zwischen Politik und Literatur« werden sowohl auf Seiten der Literatur als auch der Politik allergische Reaktionen auftreten. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Es gibt bei Schriftstellern und überhaupt bei musisch veranlagten Menschen eine Tendenz, sich von der Politik fernzuhalten, ihr jedenfalls mit Misstrauen zu begegnen. Viele Künstler pflegen ein ziemlich heldenhaftes Selbstbild, dem zufolge sie in besonderer Nähe zu ewigen Werten und Wahrheiten leben und wirken, während man den Politikern ziemlich viel Übles zutraut, Opportunismus, Postengeschacher, Nepotismus, kurz: Ahnungslosigkeit in der Sache und Hemmungslosigkeit im Füllen der eigenen Taschen. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Umgekehrt ist die literarische Welt auch nicht eben das Hätschelkind der Politik. Das politische Geschäft, soweit wir es als Bürger beobachten können, ist sehr stark durch Öffentlichkeit geprägt. Vieles geschieht so, wie es geschieht, mit Rücksicht auf die Wirkung, die es in der öffentlichen Meinung hinterlässt, hinterlassen soll oder vermutlich hinterlassen wird. Das führt zu einem steigenden Einfluss von Journalisten, Meinungsforschern, Politologen, Börsen-Analysten, PR-Beratern, Werbefachleuten. Die Frage, was (vermutlich) bei vielen Leuten oder bei Leuten mit viel Einfluss gut ankommt, ist mindestens so wichtig wie diejenige, worauf es in der Sache ankommt. Die öffentliche Meinung ist vom Gesetz der großen Zahl geprägt. Wer sie gewinnen will, muss<span class="Apple-converted-space">  </span>»die Vielen« überzeugen, auch wenn »die Vielen« unter Umständen nicht fachkundig sind. Dieser Umstand macht es für die Literatur sehr schwer, im Nutzenkalkül eines Politikers auch nur am Rande vorzukommen. Es gibt einfach nicht so viele Dichterinnen und Dichter. Literatur ist ein Minderheitenprogramm. Noch dazu ist ihre Wirtschaftskraft unbedeutend verglichen mit der von Banken und Industrie. Dichter füllen keine Hallen. Wahrscheinlich erreicht ein Landtagsabgeordneter mehr Menschen, wenn er die Jahresversammlung des Quo Vadis Square Dance Club Thüringen e.V. in Suhl eröffnet, als wenn er einer Lyriklesung auf der Burg Ranis beiwohnt. </span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">VI.<br />
Gemeinsamkeiten zwischen Politikern und Schriftstellern</span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">Sprechen wir aber von dem, was Politikern und Schriftstellern gemeinsam ist. Die erste Gemeinsamkeit zwischen Schriftstellern und Politikern ist so offensichtlich, dass man so gut wie nie darüber spricht. Beide Betätigungen sind nämlich eigentlich gar keine richtigen Berufe. Tucholsky sagte, Schriftsteller ist kein Beruf, sondern eine Beschäftigung. Jedenfalls gibt es keinen staatlich vorgeschriebenen Ausbildungsgang. Jeder kann Bundeskanzler werden, jeder Romancier, er muss keine Schule besucht haben, schon gar nicht muss er eine Prüfung bestehen, er muss nicht Meister sein und nicht Doktor. Willy Brandt war Schiffsmakler von Ausbildung, Thomas Mann hatte kein Abitur &#8211; um nur mal zwei Nobelpreisträger zu nennen. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Die zweite Gemeinsamkeit ist, dass die Bevölkerung sowohl Politikern als auch Schriftstellern ein gewisses Grundmisstrauen entgegenbringt. Dieses Grundmisstrauen kommt sehr hübsch in einer Anekdote zum Ausdruck, die über den österreichischen Schriftsteller Alfred Polgar erzählt wurde. Als dessen Frau eine neue Haushaltshilfe einstellte, schärfte sie ihr ein, niemals an Vormittag dessen Zimmer zu betreten, weil Polgar vormittags arbeite. Schon am ersten Tag verstieß die Haushilfe gegen das Verbot und drang, mit dem Staubwedel bewaffnet,<span class="Apple-converted-space"> </span>in Polgars Arbeitszimmer<span class="Apple-converted-space">  </span>ein. Als sie von Polgars Frau zurechtgewiesen wurde, verteidigte sie sich mit den Worten: »Er hat ja überhaupt nicht gearbeitet, er saß nur am Schreibtisch.« Der Mensch vertraut in erster Linie dem, was er sieht. Bei der Arbeit von Politikern und Schriftstellern ist nicht viel zu sehen. Diese Leute arbeiten im Sitzen, lesen, schreiben, reden – aber das ist nicht das, was das Volk herkömmlicherweise »etwas tun« nennt. Sie pflügen nicht, sie ackern nicht, sie schrauben nicht, sie hämmern nicht, sie sitzen einfach nur rum und quatschen.</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Dritte Gemeinsamkeit: Die Qualität der Arbeitsergebnisse ist schwer zu beurteilen. Ob ein Auto tut, was es soll, ist messbar, bei Gedichten und Gesetzen ist es das nicht oder erst nach langer Zeit. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Und schließlich: Beide arbeiten, wenn man es poetisch ausdrücken will, am Firmament des Ideen-Himmels, der sich über das Treiben der Menschheit wölbt und im Wesentlichen nur mit Worten beschreibbar ist.<span class="Apple-converted-space">  </span>Beider Handwerkszeug ist die Sprache. Schriftsteller und Politiker haben vermutlich nicht dasselbe Interesse an der Sprache. Die einen, die Schriftsteller nämlich, stehen zur Sprache wohl eher im Verhältnis eines Grundlagenforschers zu seinem Gegenstand, während für die Politiker mehr die Fragen der Anwendung im Vordergrund stehen. Das eine ist ein poetischer, das andere ein rhetorischer Zugang, aber in beiden Fällen geht es um Sprache. </span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">VII.<br />
Wie kann die Literatur der Politik nutzen? </span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">Ich spreche hier von Literatur nicht in dem weiten Sinne, in dem alles Literatur ist, was in Buchstaben geschrieben ist oder doch alle Wörter, die auf Papier gedruckt<span class="Apple-converted-space">  </span>zwischen Buchdeckeln sind, ich spreche also nicht von soziologischer, juristischer oder naturwissenschaftlicher Fachliteratur, auch nicht von Werbetexten und Presseerzeugnissen. Ich spreche nur von dem, was man früher die »schöne« Literatur genannt hat, Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Gedichte, Lieder, Chansons. Die Frage ist also, welchen Nutzen solche Phantasiegebilde einem Politiker bringen können.</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Was mir als erstes einfällt, ist das, was für die meisten Menschen der Hauptgrund ist, Literatur zu lesen: Sie wollen Unterhaltung, Zeitvertreib, Vergnügen. Ich denke, das ist für so hin- und hergezerrte, dauergestresste Menschen wie Politiker besonders wichtig: Ein kleines Gedicht jeden Morgen – und ich sage Ihnen, Sie blühen mental auf. Zum Beispiel dieses kleine Gedicht schrieb Joachim Ringelnatz eigens zu dem Zweck, dass man es sich hinter den Spiegel klemmt: </span></p>
<p class="p1"><em><span class="s1">An den Mann im Spiegel<br />
</span>Du bist ein krummer, dummer Hund!</em><br />
<em><span class="s1">Und hast es doch so gut gehabt,<br />
</span><span class="s1">Bist gar nicht reich und bist gesund,<br />
</span><span class="s1">Auch großenteils nicht unbegabt.<br />
</span><span class="s1">Du altes Schwein im Trüffelbeet,<br />
</span><span class="s1">Weißt du auch stets, wie gut&#8217;s dir geht?<br />
</span><span class="s1">Du, spring nicht über Schranken,<br />
</span><span class="s1">Die höher, als du selbst bist, sind.<br />
</span><span class="s1">Vergiß nie, täglich wie ein Kind<br />
</span><span class="s1">Für alles tief zu danken.</span></em></p>
<p class="p1"><span class="s1">Insbesondere die letzten vier Zeilen, sind, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, sehr hilfreich, wenn man etwas zu tun hat, das in der Öffentlichkeit als wichtig angesehen wird und dabei die Bodenhaftung nicht verlieren will. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Hinzu kommt die Verbesserung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Wenn Sie Politiker sind und eine Rede vorbereiten wollen, blättern Sie ein wenig in Goethes <em>Faust</em> oder in Schillers <em>Räubern</em> oder im <em>Hamlet</em> von Shakespeare oder in einem Roman von Ingo Schulze und Sie werden feststellen, wie viel bunter, tiefsinniger und überzeugender Sie ein politisches Statement sprachlich gestalten können, wenn Sie Formulierungen aus der Literatur verwenden. Und Sie werden weiter bemerken, dass es sich dabei nicht nur um rhetorischen Schmuck handelt, nicht nur um sprachliche Girlanden, sondern dass Sie ihrem Gedanken mit einer überraschenden Wendung auch eine schwer zu beschreibende zusätzliche Würze verleihen. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Außerdem kommt die öffentlich gewordene Belesenheit meist ziemlich gut an: Der Politiker gerät in den angenehmen Ruf, einer zu sein, der über den Tag hinaus denkt, über den Tellerrand schaut und wie die Ausdrücke sonst noch lauten mögen, kurz gesagt, Sie gelten als gebildet. Und das eigentliche Wunder ist, dass Sie diesen Ruf, vorausgesetzt Sie haben die schönen Zitate nicht nur aus einer Zitatensammlung im Internet geklaut, ganz zu Recht erworben haben. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Und nun komme ich zu dem wichtigsten Punkt. Ich glaube nämlich, dass gerade die schöne Literatur eine unentbehrliche Erkenntnisquelle ist und als solche derzeit viel zu wenig genutzt wird. In politischen Zusammenhängen sind wir es mehr und mehr gewohnt, unser Weltbild und unser Selbstbild aus sogenannten Studien von Demoskopen,<span class="Apple-converted-space">  </span>Soziologen, Politologen und anderen Datenerhebern zu generieren. Wir definieren die Normalität unseres eigenen Lebens zunehmend anhand von statistischen Werten, von Diagrammen und Kurven.<span class="Apple-converted-space">  </span>Wir leben, ich glaube Herr Staatssekretär Krückels hat es so ausgedrückt, in zahlenbasierten Kurvenlandschaften. Meine Behauptung ist, dass wir damit uns selbst verfehlen. Denn in den Zahlen zeigt sich vielleicht das Leben der Gesellschaft, aber das Leben und die Gefühle der einzelnen Menschen verschwinden darin. Zahlen und Kurven sagen über das, was den Menschen ausmacht, genau so viel wie der Barcode-Zettel auf einer Pampelmuse über Geruch und Geschmack und alles das, was diese Frucht begehrenswert macht. Nämlich gar nichts. Und genau hier, wo es um das nicht in Statistiken Abbildbare geht, beginnt das Reich der Literatur. Sie zeigt uns das, was das Leben ausmacht, fleischliches und geistiges Leben, kleine und große Katastrophen, Trauer und Liebe, Lust und Tränen und Lachen, Ratlosigkeit und Rastlosigkeit, Widersprüche und Irrtümer, Hoffnungen, Schamgefühle und Ängste, die uns doch alle immer wieder heimsuchen, also Gefühle und Leidenschaften aller Art. Die Politikwissenschaftler wundern sich gegenwärtig über Vieles, zB darüber, warum sich Menschen bei ihren Wahlentscheidungen so irrational verhalten. Eine Dichterin wundert sich über das Irrationale überhaupt nicht. Schon ihre Berufswahl ist ja, rational gesehen, ein Unsinn. Ich glaube deshalb allen Ernstes, dass es für jeden, also auch und sogar gerade für Menschen, die weitreichende Entscheidungen zu treffen haben, zB Politiker, eine große Hilfe sein kann, sich mit Literatur zu befassen. Weil sie dem wirklichen Menschenleben auf den Grund geht und aufgrund von Intuition und Phantasie sogar zukünftige Entwicklungen vorausspüren kann. Lesen Sie, was Dostojewski vor 150 Jahren über das Verhältnis Russlands zum Westen Europas und zur Moderne geschrieben hat und Sie werden ganz neu über Putin nachdenken. </span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">VIII.<br />
Was kann die Literatur von Politikern lernen?</span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">Die Frage, ob Schriftsteller von Politikern etwas lernen können, haben wir noch zu beantworten. Ich glaube die Frage ist zu bejahen.</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Wer ernsthaft Literatur schaffen will, muss ein beträchtliches Maß an Eigensinn und Kompromisslosigkeit mitbringen. Kunst, auch literarische Kunst, setzt ein gewisses Maß an Rebellentum voraus. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Politiker dagegen sind Kompromissmenschen, und ich finde, so unentbehrlich der rebellische Eigensinn ist, Kompromissfähigkeit ist ebenfalls etwas ungeheuer Schönes und Wichtiges, das als literarisches Thema unterbelichtet ist. Dabei geht es um die für ein friedliches Zusammenleben unentbehrliche Tugend guter Nachbarschaft. Es<span class="Apple-converted-space">  </span>kommt nicht auf den Glanz der Originalität an, sondern auf Konsens und common sense, Übereinstimmung und Gemeinsinn. »tua res agitur paries cum proximus ardet«, sagte nun wieder ein großer römischer Dichter (Horaz) und das heißt auf Deutsch: Es geht um Dich, wenn Dein Nachbarhaus brennt. Gemeint ist die Einsicht, die aller Politik zu Grunde liegt, nämlich dass der Mensch nur in Gesellschaft überlebensfähig ist, er hat sich nicht selbst gemacht und kann sich nicht selbst begraben, auch der klügste und originellste und sogar der erfolgreichste Autor, der sich denken lässt, braucht die Feuerwehr, wenn es brennt, einen Zahnarzt, wenn er eine Wurzelentzündung hat, und vor allem verdankt er seine Originalität zu großen Teilen nicht sich selbst, sondern anderen Dichtern und vor allem der Sprache, die ja ein kollektives Gebilde ist, wie ein Teppich, an dem jeder, der spricht, mit webt. Der Poet hat also mehr noch als jeder andere Bürger eine Schuldigkeit gegenüber der Gemeinschaft, in der und von der er lebt. Das sind alles keine großen Einsichten, aber die praktischen Konsequenzen, zum Beispiel, dass ein Schriftsteller gelegentlich mal eine politische, vielleicht sogar parteipolitische Veranstaltung besuchen, sich als Wahlhelfer betätigen, in Schulen, literarischen Vereinen seine Begabung und seinen Phantasiereichtum gelegentlich in den Dienst anderer zu stellen bereit sein sollte. </span></p>
<h4 class="p1"><span class="s1" style="font-size: 12pt; font-family: gill-sans-regular; color: #808080;">IX.<br />
Vorschläge</span></h4>
<p class="p1"><span class="s1">Ich will zum Schluss einige Vorschläge machen, wie das von mir beschriebene Synergiepotenzial in einen Handlungsplan oder besser noch gleich in die Tat umgesetzt werden kann. Ich fange an mit dem, für das es auch in Thüringen schon Beispiele gibt und schwinge mich dann nach und nach auf zu Vorschlägen, die Ihnen vielleicht utopisch vorkommen mögen.</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Als einen schönen Brauch empfinde ich es, dass politische Parteien gelegentlich Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu Mitgliedern der Bundesversammlung, die bekanntlich den Bundespräsidenten wählt, bestimmen. In Thüringen hat zum Beispiel im Jahr 2017 die Linke den Schriftsteller Landolf Scherzer in die Bundesversammlung entsandt. Das verdient Nachahmung auch seitens anderer Parteien und auch bei der Besetzung anderer Ehrenämter und repräsentativer Aufgaben. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Mich persönlich hat es sehr gefreut, dass der Ministerpräsident in diesem Jahr zweimal literarische Ereignisse durch seine persönliche Anwesenheit und gedankenreiche Grußworte geehrt hat. Auch für die Grußworte und die Präsenz der Staatssekretärin, zum Beispiel heute, sowie für die Präsenz des Kultusministers und seine Teilnahme am literarischen Diskurs bei verschiedenen Gelegenheiten dürfen wir dankbar sein – und uns verstärkte Fortsetzung wünschen. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Ende August haben wir im Landtag unseren verstorbenen Freund und Helfer Hans-Jürgen Döring mit einer literarischen Gedenk-Veranstaltung geehrt. Seine Freunde aus Politik und Literatur haben aus seinen Werken gelesen. Wer dabei war, weiß, welch stille und dichte Stimmung im Saal herrschte. Das kam wohl daher, dass jeder, der das Wort ergriff,<span class="Apple-converted-space"> </span>lassen Sie mich den etwas pathetischen Ausdruck benutzen, aus tiefster Seele sprach. Warum also nicht diese wunderbare Erfahrung aufgreifen und einmal im Jahr Politiker und Schriftsteller und Freunde der Literatur zu einer literarischen Veranstaltung im Plenarsaal des Landtags einladen? Thüringen hat große Schriftsteller hervorgebracht und wird sie weiter hervorbringen. Das ins öffentliche Bewusstsein zu heben und deutlich zu machen, dass Literatur ein Teil des Lebens im Lande ist, scheint mir der Mühen wert.</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Vor einigen Jahren klagte ein Vertreter der Landesregierung, den wir zu einem Grußwort eingeladen hatten, er wisse so wenig über die zeitgenössische Thüringer Literatur, ein bestimmtes Buch, das er gebraucht habe, sei in seinem Ministerium nicht greifbar. Da könnte leicht geholfen werden. Warum sollten nicht die Thüringer Ministerien jährlich einen Betrag von vielleicht 1000 € zur Verfügung haben, um sich eine kleine Handbibliothek mit Thüringer Gegenwartsliteratur leisten zu können? Entsprechende Buchvorschläge würden die literarischen Vereine in Thüringen gerne zur Verfügung stellen.</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Ich kenne nicht die protokollarischen Gepflogenheiten des Freistaats beim Empfang auswärtiger Besucher und umgekehrt bei Reisen in außerthüringische Gefilde. Hier und da ein kleines Buchgeschenk aus dem reichen Schatz der literarischen Produktion Thüringens vorrätig zu haben, wäre aber gewiss kein Fehler und eine schöne, den Schenker als gebildeten Menschen zierende Geste. Auch dazu mangelt es bei uns nicht an Ideen. Es müssen ja nicht immer Pralinen, von innen leuchtende Goetheköpfe oder Schmucktassen aus der heimischen Porzellan-Fabrikation sein. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Ich habe mir mal die Webseite angeschaut, mit der sich der Freistaat Thüringen im Internet präsentiert. Man findet dort, hübsch aufgemacht und intuitiv bedienbar, lauter sogenannte Themen-»tags«. Zum Beispiel unter dem »tag« mit der Bezeichnung »Leben« findet man den Satz »mindestens 15 cm lang« – das bezieht sich natürlich auf eine Bratwurst. Daneben gibt es aber auch einen »tag« »Goethe«, hier dachte ich, der Name des Dichters stünde stellvertretend für die Literatur schlechthin und erwartete einen kleinen Überblick über die Thüringer Literaturlandschaft. Was aber kam war etwas anderes, nämlich ein Hinweis der Thüringen Tourismus GmbH auf die, und jetzt wörtlich »Playmobil-Sonderedition des berühmten Dichters«. Das war alles zum Stichwort Goethe. Liebe Landesregierung, ich glaube, da geht noch was! </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Es gibt noch weitere Ideen, da bin ich sicher, lassen Sie mich nur eine noch nennen. Deutschland hatte von Wolf Biermann über Franz-Josef Degenhardt bis hin zu den Puhdys eine wunderbare Tradition des politischen Liedes. Heute blüht diese Pflanze mehr oder weniger im Verborgenen. Warum sollte nicht<span class="Apple-converted-space"> </span>in Thüringen, sei es in Kochberg oder in Ranis oder in Erfurt ein »Festival des politischen Lieds« entstehen? Vielleicht sogar international angelegt, oder europäisch? Man könnte dem sich gleichzeitig breitmachenden martialisch-barbarischen Politrock von Themar doch etwas entgegensetzen? </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Jens Kirsten hat mich dankenswerter Weise darauf aufmerksam gemacht, dass es ein solches Festival und mit genau diesem Namen in der DDR gab und die Erinnerung daran nicht jeden in Festlaune versetzen wird. Vielleicht sollte man also einen anderen Namen wählen. Vielleicht war aber auch an der Grundidee des DDR-Festivals etwas Richtiges, so dass es sich lohnen würde, der angekratzten Ehre des Namens mit neuem Geist zu neuem Glanz zu verhelfen? </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Sie merken, ich formuliere das alles nicht im Sinne von Forderungen, sondern von Vorschlägen, Anregungen, Fragen. Man kann auf dem Gebiet von Geist und Kreativität wenig bis gar nichts mit Gesetzen, Durchführungsverordnungen und Verwaltungsanweisungen erreichen. Aber man kann die kulturelle Atmosphäre eines Landes sehr leicht mit ziemlich wenig Geld und von Herzen kommenden Ideenreichtum beeinflussen. Politiker können Zeichen setzen. </span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Wie sagte Goethe: »Das Beispiel des Fürsten wirkt mächtig um sich her und fordert mit heimlicher Gewalt jeden Staatsbürger zu ähnlichen Handlungen auf &#8230;«</span></p>
<p class="p1"><span style="color: #808080; font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">X.</span></p>
<p class="p4"><span class="s1">Ich danke Ihnen für Ihre Geduld!</span></p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/synergien-zwischen-literatur-und-politik/">Synergien zwischen Literatur und Politik (2017)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Literaturland Thüringen unterwegs</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/literaturland-thueringen-unterwegs/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Jan 2017 20:00:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kleine Reden und Miszellen]]></category>
		<category><![CDATA[Haak(Wolfgang)]]></category>
		<category><![CDATA[Hultenreich(Jürgen K.)]]></category>
		<category><![CDATA[Kirsten(Jens)]]></category>
		<category><![CDATA[Mann(Thomas)]]></category>
		<category><![CDATA[Pauly(Albert)]]></category>
		<category><![CDATA[Thelen(Albert Vigoleis)]]></category>
		<category><![CDATA[Thüringen]]></category>
		<category><![CDATA[Thüringer Literaturrat]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Literaturland Thüringen unterwegs Rede, gehalten in Viersen am 29. Januar 2017 Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Lieber Albert, liebe Freundinnen und Freunde der Literatur, es ist eine Ehre und eine Freude für mich, Sie heute morgen hier in der Albert-Vigoleis-Thelen-Stadtbibliothek in Viersen zu begrüßen. Danke, dass Sie gekommen sind! Mein Name ist Christoph Schmitz-Scholemann und ich [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/kleine-reden-und-miszellen/Literaturland-Thueringen-unterwegs.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Literaturland Thüringen unterwegs</h1>
<h3>Rede, gehalten in Viersen am 29. Januar 2017</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lieber Albert, liebe Freundinnen und Freunde der Literatur,</p>
<p>es ist eine Ehre und eine Freude für mich, Sie heute morgen hier in der Albert-Vigoleis-Thelen-Stadtbibliothek in Viersen zu begrüßen. Danke, dass Sie gekommen sind! Mein Name ist Christoph Schmitz-Scholemann und ich bin Vorsitzender des Thüringer Literaturrates, der diese Matinee zusammen mit dem Verein für Heimatpflege e. V. veranstaltet. Mit mir hier sind die Schriftsteller Wolfgang Haak aus Weimar und der in Berlin lebende Erfurter Autor Jürgen K. Hultenreich, die ich gleich gesondert vorstelle. Ich danke meinem lieben Kollegen und Freund Albert Pauly, dass er so wunderbar die Werbetrommel gerührt hat und wir hier vor ausverkauftem Hause stehen dürfen, und ich danke Jens Kirsten für die Vorbereitung in Zusammenarbeit mit der Thüringer Staatskanzlei, die uns die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt hat.</p>
<p>Warum kommen Thüringer Schriftsteller nach Viersen? wird sich man­cher von Ihnen gefragt haben. Ich will die drei besten Gründe nen­nen.</p>
<p>Der erste ist, dass es für jeden Freund der deutschen Literatur eine bei­nahe heilige Pflicht ist, wenigstens einmal in seinem Leben die Geburts­stadt Albert Vigoleis Thelens aufzusuchen. Denn wer nur ein wenig in seinem Roman <em>Die Insel des zweiten Gesichts</em> geblättert hat, diesem sehr deutschen und sehr internationalen Buch voller Scherz, Sa­tire, Ironie, tieferer Bedeutung und – vor allem – niederrheinischer Abschwei­fungskunst – der muss zugeben, dass Thomas Mann recht hatte, als er sagte: Dieser Roman gehört zu den drei wichtigsten Büchern des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Der zweite Grund ist, dass der Thüringer Literaturrat vor einigen Jah­ren die Idee hatte, ein bißchen Werbung für unser Land außerhalb Thürin­gens zu machen. Muss man überhaupt Werbung für Thüringen machen? Ich fürchte: Ja.</p>
<p>Wenn im überregionalen Fernsehen von Thüringen die Rede ist, geht es vorzugsweise um Burgen oder Bratwürste oder um Bernd Höcke und den NSU. Sogar die Sachsen machen sich lustig, wie vor kurzem der Kabarettist Olaf Schubert, der sagte: Thüringen besteht zu 98 Prozent aus Wald, der Rest sind Bäume und ein paar braune Vollpfosten. Thürin­gen hat also ein Image-Problem – das ist nicht zu bestreiten. Was also tun? Wir hätten es bei den unvergesslichen Worten eines ehemaligen Ministerpräsidenten belassen können, die da angeblich lauteten: »Es ist auch in dieser Frage von entscheidender Bedeutung einen zentralen Stand­punkt einzunehmen.« Aber das reichte uns nicht ganz und so haben wir uns entschlossen, statt zu jammern etwas Positives zu unternehmen. »Literaturland Thüringen unterwegs« heißt die Reihe, die uns bisher schon nach München, Dresden, Frankfurt, Saarbrücken, Karlsruhe, Köln, Berlin und Brüssel geführt hat – und heute zu Ihnen nach Viersen.</p>
<p>Wir wollen zeigen, dass es zwischen Eisenach und Altenburg, zwi­schen Nordhausen und Meiningen auch ein ganz anderes Thüringen gibt als das Klischee es will, ein charmantes Land mit einer lebendigen und vielfältigen Kulturszene, in der nicht zuletzt die zeitgenössische Literatur für Salz und Pfeffer sorgt. Unsere zahlreichen literarischen Vereine sind hochaktiv. Wir kleben Gedichte auf Plakatwände, wir haben einmal im Jahr ein großes Literaturfest auf einer Burg nahe bei Jena, wir haben mehrere literarisch anspruchsvolle Buchreihen, eine veritable literarische Halbjahreszeitschrift, wir haben in Erfurt, Weimar und Jena blühende Poetry-Slam-Kulturen – und das ist nur ein winziger Ausschnitt. Ich habe mal ausgerechnet, dass wir in Thüringen gemessen an der Einwohnerzahl mehr Lesungen haben als Berlin. Wir lesen natürlich auch in kleinen Buchhandlungen, in Stadtbibliotheken, aber auch an ungewöhnlichen Orten, wir lesen in den vielen im Vergleich zu nordrhein-westfälischen Verhältnissen kleinen Städten, Viersen zum Beispiel ist größer als Weimar, das wiederum schon die viertgrößte Stadt Thüringens ist, aber wir gehen auch und gern über die Dörfer, es gibt Lesungen in Scheunen und Gefängnissen und Gerichten, Kirchen und alten Fabriken, Kneipen, Kindergärten, Schulen, Apotheken, Wellness-Bädern und Kranken­häusern, man könnte sagen: Wir lesen, bis der Arzt kommt, und sogar wenn der Arzt nicht mehr helfen kann, hören wir nicht auf, dann lesen wir auf dem Friedhof. Wir sind mit Internetseiten und Facebook auch auf den neuen Kommunikationsboulevards unter­wegs, es gibt ein Fest für poetry-films, ja, Weimar entwickelt sich gerade zu einem Epi-Zentrum der deutschen poetry-film-Szene, wir betreiben eine Audiothek, auf der man zeitgenössische Autoren hören kann. Und wenn Sie Thüringen besuchen und sich für Literatur interessieren und gleichzeitig wandern wollen, finden Sie auf <em>literaturland-thueringen.de</em> Veranstaltungstermine und erprobte Vorschläge für literarische Wanderun­gen. Das alles wird vom Freistaat kräftig unterstützt, operiert aber, wie die Politologen sagen, nongouvernemental, also durch ein de­zentrales, von sehr viel ehrenamt­lichem Engagement getragenes Netz­werk, eine poetische NGO.</p>
<p>Der dritte Grund, aus dem wir heute hier sind, spiegelt sich in dem Motto, das wir für diese Veranstaltung gewählt haben: Es geht um Deutsch­land. Die Frage nach deutscher Identität wird allenthalben disku­tiert. Das hängt sicher mit dem Aufkommen nationalistischer Denkweisen überall auf der Welt und eben auch in Deutschland zusammen, wo wir das Problem jahrzehntelang am liebsten umgangen haben: Jetzt müssen wir Antworten finden, wenn wir unser Heimatland nicht den Nationalis­ten überlassen wollen, die es schon mehrfach ruiniert haben. Tatsächlich herrscht große Unsicherheit über das, was »Deutsch« eigentlich heißt. Ein Beispiel:</p>
<p>Als ich vor kurzem eine Schlagerwelle eingeschaltet hatte – ich ge­stehe, dass ich gelegentlich Schlager höre – glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen. Eine dieser sahnigen Moderatorenstimmen verkündete als Losung des Abends die Worte »Heute 100 Prozent Deutsch«. Das Lied, das er dann spielte, war allerdings: »Voulez vous coucher avec moi, ce soir?« Nun fragt man sich natürlich, ob das sein kann: 100prozent Deutsch, aber die entscheidenden Worte des Lebens auf Französisch?</p>
<p>Man kann derzeit alles Mögliche über die Definition des Deutschen le­sen. Die BILD-Zeitung hat eine eigene Reihe von Kurzbeiträgen Promi­nenter aufgelegt. Man findet auch viel Tiefgründiges in Büchern aus der Zeit der napoleonischen Kriege, als die geistige Elite auf der Su­che nach dem Nationalcharakter war. Wenn man allerdings die amtli­chen Einbürgerungstests zu Grund legt, dann muss man als Deutscher zum Beispiel wissen, welche Farben das Wappen seines Bundeslandes hat, dass man sich am Rosenmontag eine Pappnase aufsetzen sollte, aber nicht an Pfingsten, dass man ein Gerichtsverfahren Prozess nennt und nicht etwa Prozedur (wobei Letzteres nach meinen Erfahrungen oftmals auch zutrifft) und dass man beim Einwohnermeldeamt keine Gaststättener­laubnis bekommt. Dahinter steht wohl die Idee, dass in ei­nem welt-anschaulich neutralen Staat als gemeinsamer höchster Wert außer dem Karneval (sprich: dem Vergnügen) eigentlich nur die Gesetze übrig-bleiben. Aber ist Gesetzestreue, z. B. Steuernzahlen, Nicht-bei-Rot-über-die-Straße-gehen und Den-Müll-in-die-richtige-Tonne-werfen wirk­lich etwas Deutsches – mit der Konsequenz, dass man ab 7 Punkten in Flensburg kein richtiger deutscher Staatsbürger mehr ist? Andere schla­gen »Verfassungspatriotismus« als Nationaltugend vor. Das Grundgesetz als einigendes Band im Bund der Deutschen – keine schlechte Idee. Aber auch diese Idee hat einen Haken. Denn die Kernsätze des Grundgeset­zes, Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, soziale Gerechtig­keit, Folterverbot – das sind ihrem Wesen nach internationale, universelle Werte. Sie stehen für eine weltumspannende Humanität. Sie sind unent-behrlich, aber sie sind nicht »typisch deutsch«.</p>
<p>Das gilt übrigens auch, wie mir ein Biologe sagte, für unsere DNA. Alle Versuche, die Angehörigen einer Nation durch Merkmale der Doppelhe­lix des Desoxyribonukleinsäure-Moleküls zu identifizieren, ge­hen ins Leere. Es gibt keine deutsche DNA – so wenig wie es eine deut­sche Grippe oder deutsches Wasser gibt. Alles, was man herausfinden kann, ist, dass wir Mitteleuropäer genetisch alle ein eurasischer Migran­ten-Mischmasch sind – ganz abgesehen davon, dass genetische Unter­schiede nichts über den moralischen Wert eines Menschen aussagen.</p>
<p>Ich will Sie aber jetzt nicht in eine deutsche Identitätskrise führen, und deshalb mache ich es kurz: Für mich ist Deutsch in erster Linie eine Spra­che, nicht irgendeine, sondern meine Sprache, unsere Sprache, die Spra­che der Lieder und Gedichte, die ich kenne, von »Der Mond ist aufgegan­gen« bis »Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn«, es ist die deut­sche Sprache mit all ihren wunderbaren Dialekten, vom Niederrheini­schen über das Thüringische bis zum Sächsischen, vom Bayrischen bis zum Alemannischen, von Walther von der Vogelweide über Martin Lu­ther bis zu Thomas Mann und Albert Vigoleis Thelen und Gottfried Benn und Hanns-Dieter Hüsch, es ist das Vertraute, Heimatliche im Klang der Sprache, in der wir unsere Flüche und unsere süßen Worte sprechen und miteinander streiten und uns versöhnen, kurz gesagt die Sprache, in der wir einander so gut verstehen können, wie wir uns in keiner anderen Sprache der Welt verstehen könnten. Es ist die Sprache, in der ich die Zwischentöne erkennen kann wie in keiner anderen, in der ich den gestelzten Ausdruck vom herzhaften unterscheiden kann, ohne nachdenken zu müssen, den amtlichen Ton vom mitfühlenden, den sarkasti­schen vom naiven, den ironischen vom gleichgültigen, den groben vom schlauen, den nachdenklich stotternden vom feurig aufbrausenden undsoweiter undsofort. Es ist die Sprache, in der ich am Berufsjargon unterscheiden kann, ob einer Arzt oder IT-Techniker ist, sogar das Fremde, das Andere, das Nichtdeutsche erkenne ich: Die Aussprache deutscher Wörter lehrt mich, ob jemand Türke ist oder Engländer, Fran­zose oder Italiener. Und unsere Sprache bewahrt unsere Traditionen auf, die religiösen zum Beispiel, sonst würden wir nicht Herrgottsakrament und Gott sei Dank sagen und Hexenjagd, es gäbe kein Amen in der Kir­che und niemand wäre klüger als der Papst erlaubt, und auch die kulturel­len Traditionen des Alltags finden wir in unserer Sprache, sonst gäbe es kein Gelsenkirchener Barock, keine Nierentische und schon mal gar keinen Kitsch. All das käme uns Spanisch vor oder es wären böhmi­sche Dörfer.</p>
<p>Aber, so höre ich den Einwand sprechen, was ist mit den Österrei­chern, mit den Schweizern, mit den Belgiern in St. Vith?</p>
<p>Und ich antworte: Auch das Schwizzerdütsch ist natürlich deutsche Spra­che. Und die Österreicher und Belgier von St. Vith würden niemals bestreiten, dass sie Deutsch reden. Und ich sage auch nicht, dass jeder ein deutscher Bürger ist, der unsere Sprache beherrscht. Ich sage nur, dass schwerlich Deutscher sein kann, wer nicht wenigstens versucht, deutsch zu sprechen. Ich sage, dass unsere Sprache mit allen Unschärfen am Rande die zuverlässigste Auskunft über unsere deutschen Eigenarten gibt. Am leichtesten erkennt man das an Worten, die z. B. ins Englische gar nicht oder nur unter starker Sinnverschiebung übersetzbar sind: Von Blutwurst über Heiligenschein, Jugendstil, Reinheitsgebot bis Wanderlust und Zeitgeist.</p>
<p>Wenn wir wissen wollen, was Deutsch ist, müssen wir einfach unsere Sprache befragen und das können wir am besten, wenn wir uns mit Litera­tur beschäftigen. Deshalb ist es wichtig, dass unsere Kinder lesen lernen, dass sie Lieder singen, nicht nur »Voulez vou coucher avec moi, ce soir?« sondern auch »Am Brunnen vor dem Tore« und »Die Gedan­ken sind frei« und »Kein schöner Land« und »Sag mir, wo die Blumen sind« und »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein« und »Du lass Dich nicht verhärten« und von Adil Tawil »Zuhause ist da, wo deine Freunde sind«. Notwendig ist, dass die Gesellschaft zu erkennen gibt, wie wichtig ihr die Sprache und die Literatur sind. Dazu gehört die Förderung des Deutschunterrichts, dazu gehört die Verpflichtung von Flüchtlingen, unsere Sprache zu lernen, dazu gehört auch, dass die Kennt­nis der alten und die Produktion der neuen, zeitgenössischen Litera­tur gefördert werden. Das hat eine finanzielle Seite. Kulturetats dürfen nicht gekürzt werden. Geld ist aber nicht alles. Wichtig ist auch, dass Politiker sich sichtbar zur Literatur bekennen. Dass sie sich nicht nur bei Karnevalssitzungen, Fußballspielen und Bambi-Verleihungen sehen lassen, sondern auch bei Schriftsteller-Lesungen. Dass sie nicht nur Chefban­ker und Rennfahrer zu sich einladen, sondern, wie die Herrscher früherer Epochen, mit Dichterinnen und Dichtern zu Mittag essen. Dass sie ihre Sprache nicht nur von Soziologen, Politikberatern und Werbetex­tern bestimmen lassen, sondern, wenn sie schon keine Zeit haben, alles was sie sagen, selbst zu formulieren, sich Rat bei Schriftstellern holen.</p>
<p>Noch einmal: Wenn wir wissen wollen, was deutsche Identität aus­macht, müssen wir unsere Sprache befragen und das können wir am besten, wenn wir uns mit Literatur beschäftigen.</p>
<p>Heute morgen wollen wir das tun. Und zwar mithilfe zweier Schriftstel­ler. Sie sind nicht in der Bundesrepublik Deutschland groß geworden, sondern in der DDR, dem anderen Staat, der einerseits auch Deutschland, andererseits aber aus rheinischer Sicht doch eher Ausland war. Vieles, von dem sie erzählen, hätte in Westdeutschland nie gesche­hen können, ja, man hätte sich nicht einmal vorstellen können, dass so etwas möglich ist, und doch gehört es zu dem, was wir deutsch nennen müssen, was in Hunderttausenden deutscher Biografien auch heute gegen­wärtig ist und was in unserem gemeinsamen Leben in Deutschland auch politisch wirksam ist – genauso wie die Vorgänge, die sich auf der <em>Insel des zweiten Gesichts</em> zugetragen haben, obwohl das Buch in Spa­nien spielt und obwohl sein Autor Albert Vigoleis Thelen 5 Jahrzehnte seines Lebens nicht in Deutschland verbracht hat.</p>
<p><em>Jürgen K. Hultenreich</em>, 1948 in Erfurt geboren, er ist gelernter Schaufens­terdekorateur, arbeitete als Musiker und Bibliothekar. Er lebt heute als freier Schriftsteller und Zeichner in Berlin. Anfang der 60er Jahre wurde er nach einem illegalen Grenzübertritt in der ČSSR verhaf­tet, kam erst in Untersuchungshaft und dann in eine psychiatrische Kli­nik. Sein Roman <em>Die Schillergruft</em> über den erzwungenen Aufenthalt in der Psychiatrie ist die eindrucksvolle Parabel auf eine kranke Gesellschaft – eine Tragikomödie, wie man sie selten in der deutschen Literatur findet. Dass sich der Protagonist des Romans als Angeklagter vor Gericht mit Schiller-Zitaten verteidigt, hat Hultenreich 2013 die Ehrengabe der deut­schen Schillerstiftung eingetragen.</p>
<p><em>Wolfgang Haak</em> wurde 1954 in Gent­hin geboren. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Jena, wo er auch Mathematik studiert hat. In den 80er Jahren betrieb er eine von der Stasi misstrauisch beäugte Kunstgalerie in Weimarer Hinterhöfen und spielte in der Wendezeit eine maßgebliche Rolle beim demokratischen Umbruch in Thüringen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten leitet er eines der wenigen Elitegymnasien, die es in Deutschland gibt: das Musikgymna­sium Schloss Belvedere in Weimar. Außerdem ist er einer der wichtigsten Thüringer Schriftsteller. Sein Augenmerk gilt der verborgenen Poesie des Alltags. Sein Markenzeichen ist ein mal melancholischer, mal burlesker, immer poetischer Humor. Er ist Mitglied im deutschen PEN-Zentrum und wurde 2001 mit dem Reinheimer Satire-Löwen ausgezeichnet.</p>
<p>Danke für Ihre Geduld!</p>
<p><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="text-align: justify; font-family: 'Open Sans', Arial, sans-serif; font-size: 14px;"> </span><br />
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