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	<title>Übersetzungen archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Geert van Istendael – ein belgischer Dichter der Gegenwart</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Dec 2019 14:09:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Übersetzungen]]></category>
		<category><![CDATA[Hölderlin(Friedrich)]]></category>
		<category><![CDATA[Van Istendael(Geert)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Geert van Istendael – ein belgischer Dichter der Gegenwart I. Zur Person Geert van Istendael lernte ich Anfang 2010 kennen. Die Literarische Gesellschaft Thüringen veranstaltete damals eine Reihe von Lese- und Diskussionsabenden mit dem Titel: »Zur Frage der Himmelsrichtungen – Deutsches aus Ost und West«. Wir suchten jemandem, der die deutsch-deutschen Dinge von außerhalb Deutschlands [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li></li>
</ul>
<h1 style="padding-left: 30px; text-align: left;"><span style="font-family: gill-sans-bold; font-size: 22pt;">Geert van Istendael –<br />
ein belgischer Dichter der Gegenwart<br />
</span></h1>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">I. Zur Person<br />
</span></h4>
<p>Geert van Istendael lernte ich Anfang 2010 kennen. Die Literarische Gesellschaft Thüringen veranstaltete damals eine Reihe von Lese- und Diskussionsabenden mit dem Titel: »Zur Frage der Himmelsrichtungen – Deutsches aus Ost und West«. Wir suchten jemandem, der die deutsch-deutschen Dinge von außerhalb Deutschlands betrachtete und literarisch anspruchsvoll darüber geschrieben hatte. Sehr gut Deutsch können sollte er natürlich auch, weil wir ja das Weimarer Publikum auch ins Gespräch ziehen wollten. Schließlich musste die gesuchte Person noch einen großherzigen und gutmütigen Charakter aufweisen, denn wir konnten uns keine großen Honorare leisten. Tatsächlich fanden wir einen solchen wunderbaren Menschen in Brüssel. Er hatte soeben ein ins Deutsche übersetztes Buch mit dem Titel »Mein Deutschland – Von Aachen bis Zwiebelmarkt« veröffentlicht: Geert van Istendael.</p>
<p>Geert van Istendael ist einer der bedeutendsten belgischen Schriftsteller der Gegenwart. Er wurde 1947 geboren und entstammt einer katholischen belgischen Gelehrtenfamilie. Sein Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg als Berater Konrad Adenauers ein einflussreicher Mann. Belgien ist ein Land mit drei Muttersprachen: Niederländisch in Flamen, Französisch in der Wallonie und Deutsch in Ost-Belgien um St. Vith herum. Geert van Istendael schreibt hauptsächlich auf Niederländisch. Gedichte, Essays, Erzählungen, Zeitungskommentare, historische Werke (vor allem über Brüssel und Belgien, aber auch über Deutschland und die Niederlande) und Romane (z. B. Krimis). Er übersetzte Goethe und Hölderlin ins Niederländische. Bei all dem ist er auch noch an der Kirchenorgel zu Hause und hegt als Lebenstraum den Wunsch, einmal in einer der thüringer Dorfkirchen Bach zu spielen.</p>
<p>Mich faszinieren seine Gedichte und seine Prosa durch eine Eigenschaft, die man jedenfalls in Deutschland nicht so oft findet. Es ist eine unbedingte Dinglichkeit. Eine Leidenschaft für die Wirklichkeit, für das Einfache, für das Leben des Volks. Für Menschen und Dinge. Christlich gesprochen, für Gottes Schöpfung, das Erdenleben und die Menschenwelt: Stadt und Land, Kirche und Markt, Apfelbäume und Schuhkartons, Briefwaagen und gefleckte Ferkel, Straßenköter und Träume und Enttäuschungen. Eine direkte, zugreifende, knappe Sprache, eine strenge Ästhetik, eine Künstlermoral, die sich jedes feuilletonistische oder weltanschauliche Gequatsche verbietet. Genau dieser Realismus findet sich auch in Istendaels politischen Äußerungen.</p>
<p>Die musische Seite ist aber noch nicht alles: Istendael ist ein absolut unabhängiger, eigenwilliger politischer Kopf. Er war lange Jahre der Anchor-Man in den täglichen Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen belgischen Fernsehens und danach als Auslands-Korrespondent fürs belgische Fernsehen unterwegs. Auch in dieser Eigenschaft lernte er Deutschland und vor allem auch die DDR kennen, die er Ende der 80er Jahre mit seinem Filmteam durchreiste. Er erlebte im November 1989 die berühmte Schabowski-Pressekonferenz in Ost-Berlin mit. Anfang 2010 stellte er in Weimar sein auch heute lesenswertes Buch »Mein Deutschland – Einsichten in die deutsche Seele« vor. Die Außenperspektive auf Deutsche in Ost und West, das wurde bei der Lesung und der anschließenden Diskussion deutlich, unterscheidet sich erheblich von der Binnenwahrnehmung. Van Istendael jedenfalls berichtete, dass er als Kind immer, wenn er mit seinem Vater bei Aachen die belgisch-deutsche Grenze überquerte, das ungemütliche Gefühl hatte, hier, zwischen Lüttich und Aachen, verlaufe bereits der – mentale – Eiserne Vorhang. Jedenfalls war für ihn der atmosphärische Unterschied zwischen Lüttich und Aachen deutlich größer als der zwischen Aachen und Erfurt.</p>
<p>Van Istendael, der neben Niederländisch und Französisch auch Englisch, Spanisch, Deutsch und Italienisch spricht, ist Mitbegründer der Gruppe »het brussels dichterscollectief« (»Brüsseler Dichterkollektiv«), das mit 50 Dichtern aus allen europäischen Ländern (u. a. Seamus Heaney (gest. 2013), Franzobel und Ulf Stolterfoth) eine leidenschaftliche poetische Liebeserklärung an die europäische Idee – nicht an die europäische Bürokratie! – geschrieben hat: »De europese grondwet in verzen« (Das europäische Grundgesetz in Versen). Aus diesem tieflebendigen, anarchischen, vielstimmigen und vielfarbigen Langtext haben Geert van Istendael und ich 2013/2014 ein etwa einstündiges Bühnenprogramm entwickelt: »Europa ist ein Gedicht« enthält rund 40 Texte in etwa fünf Sprachen, wobei alle Gedichte auch in Deutsch vorkommen. Wir haben es in wechselnder Besetzung zwischen 2014 und 2019 ua in Brüssel, Berlin, Luxemburg, Weimar und Erfurt aufgeführt. 2016 hat Geert van Istendael bei einem literarischen Salon in unserer Wohnung in Weimar eine Reihe von Texten gelesen. Eine Woche später entging er mit knapper Not dem grauenhaften islamistischen Mordanschlag in der U-Bahn Station Maelbeek, worüber Geert vasn Istendael einen Artikel für die Thüringer Allgemeine schrieb.</p>
<p>Aus dem überaus reichhaltigen und vielgestaltigen schriftstellerischen Weerk Geert van Istendaels stelle ich hier zwei Zeitungsartikel und eine Reihe von Gedichten vor, sowie die von Istendael angefertigte Übersetzung eines Hölderlin-Gedichts ins Niederländische. Die Übersetzungen ins Deutsche stammen von mir.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">II. Aus dem Werk – Zwei politische Kommentare<br />
</span></h4>
<p><strong>Omdat wij Gode onwelgevallig zijn </strong><strong><em>(März 2016)</em></strong></p>
<p><em>https://vijgennapasen.wordpress.com/2016/03/28/omdat-wij-gode-onwelgevallig-zijn/</em></p>
<p>Ik wil iets kwijt over de leugens waarmee we onszelf hebben gesust. Meer dan twintig jaar geleden sprak ik in een duistere kroeg eens met een overtuigde Vlaams Blokker. Ik verdedigde het klassieke linkse standpunt van integratie. De man bekeek me meewarig en zei: Die zullen zich nooit aanpassen, dat is een veel te grote cultuur. Hij woonde in de Brusselse gemeente Schaarbeek. Hij verafschuwde zijn islamitische buren, maar zijn afschuw berustte op bewondering voor hun onbeweeglijkheid. Hij, extreemrechts, doorgrondde hen beter dan ik, lichtelijk links. Ik denk dat vooral linkse lieden, en let wel, ik noem mijzelf links, zich met grote hardleersheid bezondigd hebben aan eurocentrisme en rationalistisch paternalisme. Zij (wij) gingen ervan uit dat vroeg of laat de migranten van islamherkomst zich wel min of meer zouden aanpassen aan de liberale waarden en rechtsopvattingen van onze samenleving. Ook ik was die mening toegedaan, o ja.</p>
<p>Geseculariseerde Europeanen, vooral de wat jongere onder hen, hebben er geen flauw idee van hoe genadeloos een bekerende wereldgodsdienst toeslaat als je zijn aanspraak op alleenheerschappij probeert te dwarsbomen. Dat doe je veel gauwer dan je het beseft, bijvoorbeeld als je voor die godsdienst duivelse noties verdedigt als verdraagzaamheid of scheiding van godsdienst en staat.Niets zo nuttig als geschiedenis. Weten wij niet meer hoeveel ketters gesmeuld hebben op de brandstapels van Alva? Weten wij niet meer dat de inquisitie de volledige bevolking der Nederlanden ter dood veroordeelde? Of dat de godsdienstoorlog om onze gewesten tachtig jaar heeft geduurd? Dat de godsdienstoorlogen in Duitsland het leven hebben gekost aan naar schatting één derde van de bevolking? Dat alles binnen de christenheid. Toegegeven, het is eeuwen geleden.</p>
<p>Vandaag weet IS van geen wijken. Evenzeer. Het is onnozel en roekeloos te denken dat je uiteindelijk wel zult kunnen onderhandelen. Met de nazi’s kon je ook niet onderhandelen. Met nazi’s praat je niet, zei Churchill, je vecht ertegen. Laten we dus onze al te westerse, al te rationele redeneringen wantrouwen. Onze oorzaken zijn niet hun oorzaken, onze gevolgen zijn niet hun gevolgen. Geseculariseerde Europeanen, ja, nogmaals zij – nee wij, hebben geen flauw benul van het tijdsperspectief dat heerst in dergelijke religies. Ons tijdsidee is radicaal beperkt tot de duur van een mensenleven. Aanhangers van zulke religies leven met een eeuwigheidperspectief. Toch proberen wij telkens opnieuw die andere binnen onze rationalistische categorieën te wringen.</p>
<p>Wij trekken rechte, rationele lijnen van discriminatie, mislukte scholing, gebroken gezinnen en dergelijke naar misdaad en zo verder naar fundamentalisme. Mooie, redelijke analyses zijn het. Maar veel te geruststellend. Zo van, als we al die problemen oplossen, zal ook het verlangen naar terreur wel verdwijnen. Vergeet het. Of neem deze. Wij bombarderen hen daar, dus brengen zij bommen tot ontploffing hier. Logisch, niet? Zo klaar als een klontje. De IS zelf zegt het trouwens. Ik geloof er geen woord van. Ook zonder één westerse bom zullen zij proberen ons soort samenleving te vernielen. Onze geheime diensten melden dat zij daarbij uiterst systematisch en efficiënt te werk gaan. Zij haten ons, moeilijker is het niet. Waarom? Omdat wij Gode onwelgevallig zijn. Punt.</p>
<p><strong>Weil wir Gott nicht wohlgefällig sind (März 2016)</strong></p>
<p>Ich muss noch etwas loswerden. Über die Lügen, mit denen wir uns selbst getäuscht haben.</p>
<p>Vor über zwanzig Jahren unterhielt ich mich in einer düsteren Kneipe mit einem überzeugten flämischen Nationalisten. Ich verteidigte das klassische linke Integrations-Konzept. Der Mann betrachtete mich mitleidig und sagte: Die werden sich niemals anpassen, das ist eine viel zu große Kultur. Er wohnte in dem Brüsseler Stadtteil Schaarbeek. Er verabscheute seine islamischen Nachbarn, aber sein Abscheu beruhte auf Bewunderung für ihre Unbeweglichkeit. Er, extremrechts, durchschaute sie besser als ich, der gemäßigte Linke. Ich denke, dass vor allem Linke, und, hör gut zu, ich nenne mich selbst links, sich mit großer Unbelehrbarkeit der Sünde des Eurozentrismus und des paternalistischen Rationalismus hingegeben haben. Sie (wir) gingen davon aus, dass die islamischen Migranten sich mehr oder weniger anpassen würden an die liberalen Werte und Rechtsauffassungen unseres Zusammenlebens. Ja, auch ich neigte dieser Auffassung zu.</p>
<p>Säkularisierte Europäer, vor allem die jüngeren, haben nicht die leiseste Ahnung davon, wie gnadenlos eine missionarische Weltreligion zuschlagen kann, wenn man versucht, ihren Anspruch auf Alleinherrschaft zu durchkreuzen. Das passiert viel schneller, als man denkt, zum Beispiel wenn man gegenüber der Religion teuflische Ideen verteidigt wie Toleranz oder Trennung von Religion und Staat. Nichts ist da so nützlich wie ein Blick in die Geschichte. Wissen wir nicht mehr, wie viele Ketzer geschmort haben auf den Scheiterhaufen des Herzogs von Alba? Wissen wir nicht mehr, dass die Inquisition die gesamte Bevölkerung der Niederlande zum Tode verurteilt hat? Oder dass die Religionskriege in unseren Landstrichen 80 Jahre gedauert haben? Dass die Religionskriege in Deutschland nach Schätzungen das Leben von einem Drittel der Bevölkerung gekostet haben? Das alles innerhalb der Christenheit. Zugegeben, es ist Jahrhunderte her.</p>
<p>Heute will der IS nichts von Zurückweichen wissen. Es ist genau dasselbe. Es ist naiv und leichtsinnig zu glauben, dass man schließlich und endlich mit ihnen wird verhandeln können. Mit den Nazis konnte man auch nicht verhandeln. Mit Nazis redet man nicht, sagte Churchill, man bekämpft sie. Misstrauen wir also unseren allzu westlichen, allzu rationalen Redensweisen. Unsere Ursachen sind nicht ihre Ursachen, unsere Folgerungen sind nicht ihre Folgerungen.</p>
<p>Säkularisierte Europäer, ja nochmals sie, nein wir, haben keinen Schimmer von der Zeitperspektive, die in solchen Religionen herrscht. Unsere Zeitidee ist radikal begrenzt durch die Dauer eines Menschenlebens. Anhänger dieser Religionen (die Islamisten zum Beispiel) leben mit einer Ewigkeitsperspektive. Und doch versuchen wir immer wieder, sie in unsere rationalistische Kategorien zu zwingen.</p>
<p>Wir ziehen gerade und rationale Linien, deren Ausgangspunkte Diskriminierung, schlechte Schulen, zerbrochene Familien und dergleichen sind und die hinführen zu Verbrechen und Fundamentalismus. Schöne, redliche Analysen sind das. Aber viel zu beruhigend. So in der Art, dass, wenn wir alle die Probleme lösen, dann wird auch die Lust auf Terror verschwinden. Vergiss es! Oder nimm dieses schöne Argument: Weil wir sie bombardieren, deshalb zünden sie ihre Bomben bei uns. Logisch? Klar wie Kloßbrühe. Der IS sagt es ja selbst. Ich glaube kein Wort davon. Auch ohne eine einzige westliche Bombe würden sie versuchen unsere Lebensart kaputtzumachen. Unsere Geheimdienste melden, dass sie dabei äußerst systenmatisch und effizient zu Werke gehen. Sie hassen uns. Das ist alles. Warum? Weil wir Gott nicht wohlgefällig sind. Punkt.</p>
<p><strong>2. Metrostation Maalbeek (März 2016)</strong></p>
<p>Metrostation Maalbeek, lijn 1 en 5. Sinds 22 maart de bloedigste plek van de hoofdstad van Europa, de moordkuil van heel Europa.</p>
<p>Lijn 1 en 5 zijn de drukste van de stad. Al jaren kom ik er vrijwel dagelijks voorbij. Ik neem de metro in station Merode, vijf minuten wandelen van mijn voordeur verwijderd, en begeef me naar het centrum. Zo heten de stations: Merode – Schuman – Maalbeek/Maelbeek – Kunst-Wet/Arts-Loi – Park/Parc – Centraal Station/Gare Centrale – De Brouckère – Sint-Katelijne / SainteCatherine, enzovoort, u merkt het, Brussel heeft twee officiële talen en de stad wil die ook laten zien. Ik zie deze volgorde, geheel of gedeeltelijk, elke week opnieuw voorbijflitsen, vijf keer, tien keer, soms vaker. Denk ik daarbij aan bommen en granaten? Maar nee.</p>
<p>Wel bekroop me meermaals de gedachte, komaan zeg, waar wachten die jihadi’s op? Ze hebben in New York twee torens verpulverd, een paar duizend lijken, in Madrid, Station Atocha, de voorstadlijn opgeblazen, bijna tweehonderd doden, ze hebben in Londen de Underground opgeblazen, meer dan vijftig doden, in de Bataclan, Parijs, hebben ze zichzelf opgeblazen plus tientallen anderen, in Bagdad en Aleppo zijn er meer explosies dan huizen, over het dodencijfer durf ik zelfs niet na te denken. En hier ik sta op het spitsuur in de Brusselse metro, samen met een slordige duizend andere passagiers, als sardienen op elkaar gepakt, we rijden precies onder het hoofdkwartier van de Europese Unie door, maar er is niet één fanatieke baardmens die op het idee komt de martelaar uit te hangen.</p>
<p>Dat vroeg ik me af en ik ging, zoals duizend anderen, over tot de orde van de dag. Tot 22 maart dus.</p>
<p>Op 22 maart moest ik naar Antwerpen om de jury voor te zitten van een poëziewedstrijd voor scholen. De organisatoren wilden dat ik om 10:15 aanwezig zou zijn. Aldus geschiedde, want ik ben nogal een stipte jongen en het is hooguit vijftig kilometer ver.</p>
<p>Stel je nu even voor dat die brave mensen mij hadden uitgenodigd om 10:45. Dan zou ik mijn huis net iets later hebben verlaten. Dan zou ik een net iets latere metro hebben genomen, van Merode naar Schuman, van Schuman naar Maalbeek/Maelbeek en zo naar het Centraal Station.</p>
<p>Dan was ik ontploft. Of door een aardedonkere gang naar het aardoppervlak gesukkeld, misschien een been of een arm achterlatend. Hoe kun je nu en volgende week en later dat doorgefanatiseerde religieuze tuig ongelijk geven en blijven geven?</p>
<p>Door opnieuw dagelijks de metro te nemen, zodra het kreng weer wil rijden ten minste. En dat zal ik doen, dat zullen duizenden en duizenden doen. Bang? Ja, ook, dat spreekt van zelf. Maar vooral met de vaste wil om ons leven te leiden zoals wij het willen, wij allemaal samen, jazeker, maar mét onze Belgische verschillen in talen en godsdiensten.</p>
<p>In deze tragische dagen neemt het volk van Brussel vreedzaam zijn stad in beslag. Honderden kaarsen branden op het Beursplein, hartje stad. Met stoepkrijt worden welwillende boodschappen aan het wegdek toevertrouwd. Zelfs de taalstrijdbijl hebben we begraven. Op één spandoek lees ik Nous sommes Bruxelles / Wij zijn Brussel.</p>
<p>Je kunt dat allemaal wegvegen als een opstoot van vals sentiment. Zo simpel is het niet.</p>
<p>Brusselaars zijn veerkrachtiger dan buitenlandse waarnemers vaak voor mogelijk houden. In de Eerste Wereldoorlog schreef een van onze grootste schrijvers, Karel van de Woestijne, een reeks bijdragen voor een belangrijke Nederlandse krant (Nederland was toen neutraal), vanuit bezet Brussel, waar hij toen woonde. Zo’n bezetting, zo’n wereldoorlog, vier jaar lang, dat is toch ook niet niks. De anders zo zwaarmoedige Van de Woestijne bewonderde zeer het vermogen van de Brusselaars om ook in de donkerste tijden hun zorgeloosheid, hun zelfspot, hun ontembare anarchisme, hun voorliefde voor absurditeit niet te verliezen.</p>
<p>Ik weet het, de samenstelling van de bevolking is onkennelijk veranderd sindsdien. Maar blijkbaar absorbeert Brussel al die golven van buitenlanders en maakt het hen na verloop van tijd tot echte zinnekes, dat zijn straathondjes van gemengd en twijfelachtig ras, vitale koters die blijven blaffen en kwispelstaarten, wat er ook gebeurt.</p>
<p>Wij waren en zijn nog steeds zinnekes, meer en dieper dan we het zelf beseffen of willen toegeven, ook de Brusselaars die nog niet zo lang geleden hier zijn aangeland. Ik heb groot vertrouwen in die onbekommerde vrolijkheid, dat ontembare oer-Brusselse idee van leven en laten leven.</p>
<p>Om de twee jaar trekt de grote Zinnekeparade dwars door de stad, een kolossale, krankzinnige stoet. De deelnemers spotten met alles en nog wat en vooral met zichzelf. Maar het blijft niet beperkt tot een optocht af en toe. Het is een levenshouding. Het is een praktijk om te overleven dwars door al onze verschillen heen. Om ook dit te boven te komen. Brussel is een dagelijkse zinnekeparade.</p>
<p><strong>Von Weimar in die Hölle </strong></p>
<p><em>Thüringer Allgemeine 31. März 2016</em></p>
<p>Metrostation Maalbeek, Linie 1, Linie 5. Seit dem 22. März der blutigste Fleck in Europas Hauptstadt, die Mördergrube von ganz Europa.</p>
<p>Die Züge der Linien 1 und 5 sind fast immer pickepackevoll, es sind die meistbefahrenen der Stadt. Seit Jahren komm ich hier praktisch täglich vorbei. In der Station Merode, fünf Minuten von meiner Haustür entfernt, steige ich ein und fahre Richtung Zentrum. Und so heißen die Stationen: Merode – Schuman – Maalbeek/Maelbeek – Kunst-Wet/Arts-Loi – Park/Parc – Centraal Station/Gare Centrale – De Brouckère – Sint-Katelijne/SainteCatherine und so weiter. Man merkt, Brüssel hat zwei offizielle Sprachen und die Stadt will beide zeigen. Ich sehe diese Reihenfolge, ganz oder zum Teil, jede Woche von Neuem an mir vorbeiflitzen, fünf Mal, zehn Mal, manchmal noch öfter. Denke ich dabei an Bomben und Granaten? Aber nein.</p>
<p>Wohl beschlich mich mehrfach der Gedanke, sag mal, worauf warten eigentlich die Jihadis noch? Sie haben in New York zwei Türme pulverisiert, ein paar tausend Leichen, in Madrid, Bahnhof Atocha, die S-Bahn in die Luft gejagt, fast zweihundert Tote, sie haben in London die U-Bahn in die Luft gejagt, über 50 Tote, im Bataclan, Paris, haben sie sich selbst in die Luft gejagt und Dutzende andere dazu, in Bagdad und Aleppo gibt es mehr Explosionen als Häuser, über die Anzahl der Toten trau ich mich gar nicht nachzudenken. Und hier steh ich zur Hauptverkehrszeit in der Brüsseler Metro, mit einem schlappen Tausend anderer Passagiere, wie Sardinen aufeinandergepackt, wir fahren genau unter dem Hauptquartier der Europäischen Union durch und es gibt keinen einzigen fanatisierten Bartheini, der auf die Idee kommt, den Märtyrer rauszuhängen?</p>
<p>Das dachte ich mir und ich ging, wie tausend andere, zur Tagesordnung über. Bis zum 22. März.</p>
<p>Am 22. März mußte ich nach Antwerpen. Vorsitz in einer Jury. Ein Gedichtwettbewerb für Schulen. Um 10.15 Uhr sollte ich dasein, so wollten es die Organisatoren. Und so kam es auch, denn ich bin ein verdammt pünktlicher Mensch, immer noch, und es ist höchstens 50 Kilometer entfernt.</p>
<p>Stellen Sie sich nur mal kurz vor, die braven Leute hätten mich für 10.45 eingeladen. Dann hätte ich mein Haus wohl ein paar Minuten später verlassen. Dann hätte ich eine etwas spätere Metro genommen, von Merode nach Schumann nach Maalbeek/Maelbeek und von da Richtung Centraal Station. Dann wäre ich wohl explodiert. Oder durch einen stockdunklen Gang an die Erdoberfläche gekrochen, vielleicht mit einem Bein oder einen Arm weniger.</p>
<p>Und wie kannst Du jetzt und nächste Woche und danach diesem durch und durch verblendeten Gesindel zeigen, daß es verdammt noch mal im Unrecht ist? Jetzt und immer wieder im Unrecht?</p>
<p>Einfach dadurch, daß Du wieder jeden Tag die Metro nimmst, immer wieder, jedenfalls sobald das blöde Ding wieder fährt. Ich muß das tun, und das müssen Tausende und Abertausende auch tun. Mit Angst? Ja, auch, natürlich, selbstredend. Aber vor allem mit dem festen Willen unser Leben so zu führen wie wir das wollen, wir alle zusammen, natürlich, und zwar mit allen unseren belgischen Verschiedenheiten, allen Unterschieden in Sprachen und Religionen.</p>
<p>In diesen tragischen Tagen nimmt das Volk von Brüssel friedlich seine Stadt in Beschlag. Hunderte von Kerzen brennen auf dem Börsenplatz, dem guten Herzen der Stadt. Mit Malkreide werden freundliche Botschaften dem Pflaster anvertraut. Sogar das Sprachen-Kriegsbeil haben wir begraben. Auf einem Betttuch lese ich &#8222;Nous sommes Bruxelles / Wij zijn Brussel.&#8220; &#8211; &#8222;Wir sind Brüssel&#8220; auf Französisch und Niederländisch.</p>
<p>Du kannst das natürlich leicht abtun und einfach wegfegen – »Aufstand der falschen Gefühle« heißt das dann. Aber so einfach ist das nicht.</p>
<p>Brüsseler sind wesentlich widerstandsfähiger als ausländische Beobachter für möglich halten. Im ersten Weltkrieg schrieb einer unserer größten Dichter, Karel van de Woestijne, eine Artikelserie für eine bedeutende Niederländische Zeitung (die Niederlande waren damals neutral); er schrieb sie aus dem (vom deutschen Kaiserreich) besetzten Brüssel, wo er wohnte. So eine Besetzung, so ein Weltkrieg vier Jahre lang, das ist wahrlich kein Pappenstiel! Der sonst so schwermütige van de Woestijne bewunderte die Brüsseler sehr. Weil sie es auch in den dunkelsten Zeiten fertigbrachten, sich ihre Sorglosigkeit, ihre Selstironie, ihren unbezähmbaren Anarchismus und ihre Vorliebe für das Absurde zu bewahren.</p>
<p>Ich weiß, die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich seitdem bis zur Unkenntlichkeit verändert. Aber ganz offensichtlich saugt Brüssel alle die Ströme von Ausländern auf und verwandelt sie, egal was passiert, nach einer gewissen Zeit in echte zinnekes – so nennen wir in Brüssel eine bestimmte Sorte von meist schwarz-weiß gefleckten Straßenkötern, sie sind von ziemlich gemischter Rasse und zweifelhafter Herkunft, aber lieb, sehr treu, sehr schlau und unheimlich stark. Wir alle, wir Brüsseler waren und sind immer noch zinnekes, und zwar mehr und in einem tieferen Sinn als wir zugeben wollen, auch die von uns, die noch nicht so lange hier gelandet sind. Im Inneren wissen wir, daß wir alle Bastarde sind und es stört uns nicht, im Gegenteil. Ich habe großes Vertrauen in die unbekümmerte Fröhlichkeit, die unbezähmbare Ur-Brüsseler Idee vom Leben und Lebenlasssen.</p>
<p>Alle zwei Jahre zieht hier in Brüssel die große »Zinneke-Parade« quer durch die Stadt, eine kolossale, verrückte Prozession. Die Teilnehmer treiben ihren Spott mit allem und jedem und vor allem mit sich selbst. Aber das ist nicht beschränkt auf eine Parade alle zwei Jahre. Es ist eine Lebenseinstellung. Es ist eine Praxis des Überlebens quer durch alle unsere Verschiedenheiten. Das ist unsere Art, damit klarzukommen: Eine tägliche, eine unendliche Zinneke-Parade.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">III. Aus dem Werk – Einige Gedichte<br />
</span></h4>
<p><strong>1. Aus: De europese grondwet in verzen </strong></p>
<p><strong>Wij </strong></p>
<p>Wij allen samen, volk van Europa, verleden Europa<br />
Van stieren en strijders, Europa van heden, sluimer en vrede,<br />
Wij, volk van Europa, zo anders, zo eender,<br />
Van alle beroepen, vakken en stielen, nederige, trotse,<br />
Dure, armzalige, arbeid en kunde, droevig en blij :<br />
Ole, de windingenieur, uit Roskilde,<br />
Ines van de vis uit Figueira da Foz,<br />
Dimitriu, die paarden verkoopt, in Suceava,<br />
Benazir, aan de kassa bij Woolworths in Slough,<br />
Armand, de vuurmeester, uit de Famenne,<br />
Caitlin uit Sligo, webmeesteres,<br />
Paavo, de houtvlotter, uit Lappeenranta,<br />
Maja van de rozen uit de Stara Planina,<br />
France, de chef van het station Trbovlje,<br />
Elena van de vrachtschepen uit Limassol,<br />
Juan, plasticultura, Fuentevaqueros,<br />
Marija uit Klaipeda, junior consultant,<br />
Heinz, communist en werkloos in Schwedt,<br />
Claude, de brandweerman, Esch-sur-Alzette,<br />
Linda uit Ystad, politieagente,<br />
Jaan uit Viljandi, zingende postbode,<br />
Madlo, receptioniste in Brno,<br />
Rudolfs, Daugavpils, parkwachter, opa,<br />
Ute, de skilerares, uit Geschurn,<br />
Domínic, mecanicien, La Valetta,<br />
Ceija, die vloeren ontsmet in Safankovo,<br />
Joop van de welzijnszorg, Purmerend,<br />
Battista, huisarts, in Portomaggiore,<br />
Erzsébet predikt Calvijn in Tokaj,<br />
Henryk uit Bydgoszcz, gewoon een pastoor,<br />
Thérèse, boerin, uit Blond, Limousin,<br />
En natuurlijk Melíssa, wie kent niet Melíssa, van Bar Ifigénia, Thessaloníki,<br />
Wij, soeverein, wij volk van Europa.</p>
<p><strong>Wir</strong></p>
<p>Wir alle, Volk von Europa, dem alten Europa<br />
der Stiere und Krieger, dem neuen Europa der friedlichen Träumer,<br />
Wir, Volk von Europa, so verschieden, so gleich,<br />
Aus allen Berufen, Fächern und Richtungen, Hand und Verstand,<br />
einfach und stolz, wohlhabend und arm, traurig und froh.<br />
Ole, Windingenieur in Roskilde bei Kopenhagen,<br />
Ines und ihr Fisch in Nazaré<br />
Dimitriu, Pferdehändler in Suceava an der Moldau,<br />
Benazir an der Apothekenkasse in Berkshire<br />
Armand der Feuerwerker in Lüttich<br />
Caitlin die Weberin von Sligo<br />
Paavo Flößer aus Lappeenranta<br />
Maja mit den Rosen aus Franzensbad<br />
Miso Fußballspieler aus Trifolje<br />
Die Frachtschiff-Elena aus Limassol<br />
Juan der Steinmetz von Fuentevaqueros<br />
Maria aus Klaipeda, junior consultant,<br />
Heinz arbeitsloser Kommunist in Schwedt,<br />
Claude, Feuerwehrmann in Esch aan d&#8217;r Uelzecht<br />
Linda von Ystad, Polizistin,<br />
Jan von Fellin, der singende Postbote,<br />
Madlo, Rezeptionist in Brünn,<br />
Rudolf von Dünaburg, Parkwächter, Opa,<br />
Ute von Geschurn, Skilehrerin<br />
Der Mechatroniker von La Valetta, Dominic,<br />
Joop vom Gesundheitsamt Katwijk,<br />
Der Hausarzt von Portomaggiore, Battista,<br />
Erszebet, calvinistische Predigerin in Tokaj,<br />
Der Hirte Heinrich von Bromberg,<br />
Therese, Bäuerin aus Blond bei Limoges,<br />
Und natürlich Melissa, wer kennt nicht Melissa,<br />
aus der Bar Iphigenia in Thessaloniki,<br />
Wir, Herrscher von eigenen Gnaden, Volk von Europa,<br />
Wir.<strong> </strong></p>
<p><strong>Art. 24 Het recht op luiheid</strong></p>
<p>El buen jardinero aprecia la sombra del manzano.</p>
<p><strong>Artikel 24 Das Recht auf Faulheit</strong></p>
<p>Der gute Gärtner ehrt den Schatten seines Apfelbaums.</p>
<p><strong>Artikel 24 b Het recht op appelbomen</strong></p>
<p>Hier heeft eenieder recht op appelbomen,<br />
Op hoge stammen uit verloren dromen<br />
Ramboer en goudrenet en grauw rabauw,<br />
Rins vlees zal over de papillen komen.</p>
<p><strong>Artikel 24 b Das Recht auf Apfelbäume</strong></p>
<p>Hier hat ein jeder Recht auf Apfelbäume,<br />
auf hohe Stämme aus verlornen Träumen:<br />
Rambour und Goldrennette und grauer Rabau,<br />
Saftfleisch wird über die Papillen schäumen.</p>
<p><strong>Artikel 25 Het recht op huisvesting</strong></p>
<p>Hier heeft eenieder recht op droge haren,<br />
Op dak, niet meer dan dat, om te bewaren<br />
Wat ons tot mensen maakte, een stoel, een vuur,<br />
Op schutsel tegen hagel en barbaren<strong> </strong><strong> </strong></p>
<p><strong>Artikel 25 Das Recht auf Wohnung</strong></p>
<p>Hier hat ein jeder Recht auf trockne Haare,<br />
Ein Dach, nur um zu hüten und bewahren,<br />
Was uns zu Menschen machte: ein Stuhl, ein Herd<br />
Und Schutz vor Hagelwetter und Barbaren.</p>
<p><strong>Artikel 73: Godsdienstvrijheid</strong></p>
<p>Hier in onze stad<br />
woont onder elke toren<br />
een andere god.<br />
Met groene baard,<br />
met paarse baard<br />
of met een pauwenstaart,<br />
godinnen ook<br />
met negen romige borsten<br />
of voeten dansend als een pingpongbal<br />
of raadselachtig als een priemgetal,<br />
of<br />
een lege doos.<br />
Bij het verlaten van die zevenenzeventig bedehuizen<br />
groeten de gelovigen en niet zo erg gelovigen en ongelovigen elkaar,<br />
zij buigen hoofs en kopen in elkaars winkels voor goed geld<br />
melk of wijn,<br />
zoetekoeken,<br />
zoute krakelingen,<br />
bloedkoralen,<br />
heilige boeken, verboden boeken,<br />
koperen cimbalen,<br />
knoflook en iconen,<br />
rode uien, gele kaarsen, zijden hoeden en<br />
voedzame, gespikkelde bonen,</p>
<p>maar nooit, nooit, nooit,<br />
nooit<br />
zullen zij één woord reppen over<br />
godgeleerdheid.<br />
Hier muss ein jeder nach seiner Façon selig werden.<br />
Naar de zon rijzen de zevenenzeventig torens,<br />
naar de uilen en de kauwen de zevenenzeventig torens,<br />
naar de regenbogen de zevenenzeventig verrukkelijke torens.</p>
<p><strong>Artikel 73: Religionsfreiheit</strong></p>
<p>Hier in unserer Stadt<br />
Wohnt unter jedem Turm<br />
Ein anderer Gott.<br />
Mit grünem Bart,<br />
Oder mit blauem Bart,<br />
Mit Pfauenschwanz,<br />
Auch Göttinnen<br />
Mit neun sahnigen Brüsten<br />
Auf Füßen tanzend wie ein Ping-Pong-Ball<br />
Und rätselhaft wie eine Primelzahl<br />
Oder eine leere Büchse</p>
<p>Beim Verlassen der siebenundsiebzig Bethäuser<br />
Grüßen einander die Gläubigen und die nicht so Gläubigen und die Ungläubigen<br />
Sie verbeugen sich höflich und kaufen in den Geschäften der anderen<br />
Milch oder Wein,<br />
Süßen Kuchen<br />
Salzige Brezel,<br />
Blutkorallen,<br />
Heilige Bücher, verbotene Bücher,<br />
Kupferne Zimbeln,<br />
Knoblauch und Ikonen<br />
Rote Zwiebeln, gelbe Kerzen, seidene Hüte und<br />
Nahrhafte, getüpfelte Bohnen.</p>
<p>Aber niemals, niemals, niemals,<br />
niemals<br />
wird ihnen jemals ein Wort über die Lippen kommen von<br />
Theologie<br />
Hier muss ein jeder nach seiner Facon selig werden<br />
Zur Sonne auf streben die siebenundsiebzig Türme<br />
Zu den Eulen und den Dohlen die siebenundsiebzig Türme<br />
Zum Regenbogen die siebenundsiebzig verzückten Türme.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>2. Aus dem Gedichtband – Het was wat was / Es war, was war (2016)</strong></p>
<p><strong>Brievenweger</strong></p>
<p>Jij kunt niets anders dan geheimen wegen,<br />
één per keer, verzegeld in papier.<br />
De benen open, even. Overwegen.<br />
De prijs bepalen. Dun, metallig dier,<br />
wie meet exacter, wie heeft meer verzwegen?</p>
<p>Jij weet van niets. Jij bent getal van alles.<br />
Een kleine sprong en het gewicht kann gaan.<br />
Jij wacht, onaangedaan, op nieuw bericht.</p>
<p><strong>Briefwaage</strong></p>
<p>Du kannst nichts andres als Vertraulichkeiten wiegen,<br />
Stück für Stück, versiegelt in Papier.<br />
Die Beine grade, in Balance. Nachwiegen,<br />
Preis berechnen. Dünnes metallnes Tier,<br />
Wer misst genauer, wer hat mehr verschwiegen?</p>
<p>Du weißt von nichts. Du bist die Zahl von allem.<br />
Ein kleiner Sprung und das Gewicht kann gehn.<br />
Du wartest unbeeindruckt auf die neue Nachricht.</p>
<p><strong>Gevlekt varken</strong></p>
<p><em>Voor Benno Barnard</em></p>
<p>Het slijk der aarde is mijn zaligheid,<br />
mijn lippen plooien tot een vette glimlach<br />
als ik mij schurk, mij wentel uit de tijd,<br />
mijn bolle pens, mijn vel vol zwarte kletsen.<br />
Ik lig. Altijd tot ledigheid bereid.</p>
<p>Mij wacht het mes. Ooit word ik zwoerd. Of lap.<br />
Dat andere schepsel zal zijn lippen likken.<br />
Nog niet. Nu duurt. Ik ben die ben. De dikke.</p>
<p><strong>Geflecktes Ferkel</strong></p>
<p><em>Für Benno Barnard</em></p>
<p>Der Erdenschlamm ist meine Seligkeit,<br />
mein Rüssel faltet sich zu einem fetten Grinsen,<br />
wenn ich mich suhle und mich wälze aus der Zeit.<br />
Mein stolzer Bauch, mein Fell voll schwarzer Kleckse.<br />
Ich lieg. allzeit bereit zur Tatenlosigkeit.</p>
<p>Das Messer wartet schon. Bald bin ich Schnitzel oder Schwarte.<br />
Das andere Geschöpf wird sich die Lippen lecken.<br />
Noch nicht. Die Gegenwart ist lang und ich bin der ich bin. Der Dicke.</p>
<p><strong>Porseleinen kapstokje</strong></p>
<p>Een neus schiet uit de muur, smal, recht naar voren,<br />
krult aan het eind omhoog. Kind blaast op roltong.<br />
Kwaak. Ernaast, erachter, die gladgeschoren<br />
krijtwitte tronie. Links en rechts, een schroefkop.<br />
Spleten zijn ogen. Zoek niet naar mond of oren.</p>
<p>Hij loert, meer dan een eeuw al, naar dit huis.<br />
Oog. Neus. Oog. En op die neus textiel<br />
dat hangt. Ziedaar zijn ziel. Geen commentaar.</p>
<p><strong>Kleiderhaken aus Porzellan</strong></p>
<p>Gradaus schießt seine Nase aus der Wand nach vorne,<br />
und ihre Spitze stupst aufwärts. ein Kind bläst Rolletröte.<br />
Quaaak. Hinter der Spitze, glattgeschoren<br />
das Antlitz. Kreideweiß. Links sowie rechts ein Schraubenkopf.<br />
Die Augen Schlitze. Such nicht nach Mund und Ohren.</p>
<p>Schon mehr als ein Jahrhundert bewacht er dieses Haus.<br />
Aug. Nase. Aug. Und auf der Nase hängen<br />
Textilien. Seht seine Seele. Kein Kommentar.</p>
<p><strong>Laadbord</strong></p>
<p>Alles zal ik dragen. Op dit hout.<br />
Elf planken, negen blokken. Altijd eender.<br />
Eender het aantal spijkers. Volgestouwd.<br />
Fles, plastic, blik, kartonnen doos, krimpfolie.<br />
Alles moet vroeg of laat worden versjouwd.</p>
<p>Daar is de vorkheftruck. Als hij mij grijpt<br />
en optilt en mijn last mij wordt ontnomen,<br />
raakt mij de pluisbal van mijn lichtste dromen.</p>
<p><strong>Pallette</strong></p>
<p>Auf diesem Holze muss ich alles tragen.<br />
Elf Bretter, Blöcke neun. Und immer gleich.<br />
Und immer gleich die Zahl der Nägel. Vollgeladen.<br />
Blech. Flasche, Plastik und Beton und Klarsichtfolie.<br />
Alles, was ist, wird irgendwann irgendwohin getragen.</p>
<p>Da kommt der Gabelstapler. Wenn er mich greift<br />
und anhebt um meine Last dann abzuräumen,<br />
rührt mich ein Luftballon aus unbeschwerten Träumen<strong> </strong></p>
<p><strong>Mand</strong></p>
<p>Van knot gekapt op griend. Geschild. Gekloven.<br />
Gespreid. Geweekt. Door dauw en mist gekust.<br />
Wis laat zich willig buigen, wacht met drogen<br />
tot hij, gevlochten om een leegte, rust<br />
en beidt wat komt. Pak koffie. Uien. Boter.</p>
<p>Kijk toch hoe onze taal dit ding bemint:<br />
korf, mars, ben, paander, gondel, kaar, karbies.<br />
Mand draagt meer namen dan een koningskind.<strong> </strong></p>
<p><strong>Holländischer Korb</strong></p>
<p>Vom Kopf der Weide abgeschnitten und geschält. Gespalten.<br />
Zurechtgelegt und eingeweicht. Geküsst von Brabants Tau und Nebel,<br />
lässt sich die Rute willig beugen und wartet mit dem Trocknen,<br />
bis der Korb, um eine große Leere vorsichtig geflochten, ruht<br />
und harret dessen, was da kommt: Ein Päckchen Kaffee. Eier. Butter.</p>
<p>korf, mars, ben, paander, gondel, kaar, karbies,<br />
Acht Wörter hat der Niederländer für den Korb –<br />
mehr Namen als ein Königskind.</p>
<p><strong>Orgel</strong></p>
<p><em>Voor Joris Lejeune</em></p>
<p>Een troon van lucht is het, een kroon van galm,<br />
het geeft ademen titels: prestant, mixtuur,<br />
linguaal en sesquialter, bas, discant.<br />
Gestuurd door wiskunde van de mensuur<br />
zwermen koraal en psalm naar de gewelven.</p>
<p>Koning van handen, opperheer van voeten,<br />
dwing mij tot spel en gij zult zegevieren<br />
boven de waterval van de klavieren.</p>
<p><strong>Orgel                                                  </strong></p>
<p><em>Für Joris Lejeune</em></p>
<p>Ein Thron aus Luft und eine Krone ganz aus Schall,<br />
und sie verleiht dem Atem Adelstitel: Praestant, Mixtur,<br />
Lingual und Sesquialter, Bass, Diskant,<br />
und von der Weisheit der Mensuren wohl regiert<br />
schwärmen Choral und Psalm hinauf zu den Gewölben.</p>
<p>König der Hände, Oberherr der Füße,<br />
zwingt mich zum Spiel und ihr sollt triumphieren<br />
über den Wasserfall von den Klavieren.<strong> </strong></p>
<p><strong>Ruiter</strong></p>
<p>Staketsel in de wei, de stokken naakt.<br />
Hij rijdt niet naar de verte. Plicht heet blijven.<br />
Hij overwintert, hier, wacht op gewaad<br />
van vlas of gras. De westenwind mag waaien,<br />
hij draaft niet mee. Niet roeren is zijn daad.</p>
<p>Hij draagt voor paarden hooi, het vlas voor linnen.<br />
Het raakt alleen zijn buitenkant. Hij weet:<br />
ooit komt weer het seizoen dat mij ontkleedt</p>
<p><strong>Spanischer Reiter (Heuraufe) </strong></p>
<p>Zaun auf der Weide, nackt die Stöcke,<br />
Er reitet nicht in die Ferne. Pflicht heißt bleiben.<br />
Er überwintert, hier, erwartet sein Kleid<br />
aus Flachs und aus Gras. Der Westwind mag wehen,<br />
er trabt nicht mit. Sein Werk ist Unbeweglichkeit.</p>
<p>Er trägt das Heu für Pferde und für Leinen Flachs.<br />
Doch das betrifft nur seine Außenseite.<br />
Er weiß: Es kommt die Zeit, die mich entkleidet.</p>
<p><strong>Schoenendoos</strong></p>
<p>In rijen opgestapeld of alleen,<br />
zorgvuldiug blijft de binnenkant verborgen.<br />
Wat telt is het kartonnen uniform.<br />
Zit er iets kostbaars achter? Baart het zorgen?<br />
Of tref je aan wat iedereen verwacht?</p>
<p>Het kann een brief van een verboden vrouw zijn,<br />
een pop, een lok, misschien een testament.<br />
Alles of niets, de buitenkant ontkent.</p>
<p><strong>Schuhkarton</strong></p>
<p>In Reihen aufgestapelt oder nur ein Einzelstück,<br />
das Innere bleibt immer gut verborgen.<br />
Genormte Form, nichtssagend und von Pappe.<br />
Ist etwas Kostbares darin? Versteckte Sorgen?<br />
Oder nur das, was sich schon jeder denkt?</p>
<p>Vielleicht ein Brief von einem fremden Mädchen zugeeignet?<br />
Ein Lockenhaar, Stoffpuppen oder gar ein Testament?<br />
Nichts oder alles, ganz egal, solang die Außenseite es nicht kennt.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">IV. Aus dem Werk – Übersetzungen<br />
</span></h4>
<p><strong>Friedrich Hölderlin</strong></p>
<p><strong>Andenken</strong></p>
<p>Der Nordost wehet,<br />
Der liebste unter den Winden<br />
Mir, weil er feurigen Geist<br />
Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.<br />
Geh aber nun und grüße<br />
Die schöne Garonne,<br />
Und die Gärten von Bourdeaux<br />
Dort, wo am scharfen Ufer<br />
Hingehet der Steg und in den Strom<br />
Tief fällt der Bach, darüber aber<br />
Hinschauet ein edel Paar<br />
Von Eichen und Silberpappeln;</p>
<p>Noch denket das mir wohl und wie<br />
Die breiten Gipfel neiget<br />
Der Ulmwald, über die Mühl&#8216;,<br />
Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum.<br />
An Feiertagen gehn<br />
Die braunen Frauen daselbst<br />
Auf seidnen Boden,<br />
Zur Märzenzeit,<br />
Wenn gleich ist Nacht und Tag,<br />
Und über langsamen Stegen,<br />
Von goldenen Träumen schwer,<br />
Einwiegende Lüfte ziehen.</p>
<p>Es reiche aber,<br />
Des dunkeln Lichtes voll,<br />
Mir einer den duftenden Becher,<br />
Damit ich ruhen möge; denn süß<br />
Wär&#8216; unter Schatten der Schlummer.<br />
Nicht ist es gut,<br />
Seellos von sterblichen<br />
Gedanken zu sein. Doch gut<br />
Ist ein Gespräch und zu sagen<br />
Des Herzens Meinung, zu hören viel<br />
Von Tagen der Lieb&#8216;,<br />
Und Taten, welche geschehen.</p>
<p>Wo aber sind die Freunde? Bellarmin<br />
Mit dem Gefährten? Mancher<br />
Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;<br />
Es beginnst nämlich der Reichtum<br />
Im Meere. Sie,<br />
Wie Maler, bringen zusammen<br />
Das Schöne der Erd&#8216; und verschmähn<br />
Den geflügelten Krieg nicht, und<br />
Zu wohnen einsam, jahrelang, unter<br />
Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen<br />
Die Feiertage der Stadt,<br />
Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.</p>
<p>Nun aber sind zu Indiern<br />
Die Männer gegangen,<br />
Dort an der luftigen Spitz&#8216;<br />
An Traubenbergen, wo herab<br />
Die Dordogne kommt,<br />
Und zusammen mit der prächtigen<br />
Garonne meerbreit<br />
Ausgehet der Strom. Es nehmet aber<br />
Und gibt Gedächtnis die See,<br />
Und die Lieb&#8216; auch heftet fleißig die Augen,<br />
Was bleibet aber, stiften die Dichter.</p>
<p><strong>Friedrich Hölderlin </strong></p>
<p><strong>Aandenken</strong></p>
<p>Noordoostenwind,<br />
Mij het liefst van alle winden,<br />
Hij die vurige geest en<br />
Behouden vaart belooft aan de schippers.<br />
Ga nu en groet<br />
De mooie Garonne<br />
En de tuinen van Bordeaux,<br />
Daar, waar op de steile oevers<br />
Het pad loopt en diep in de stroom<br />
De beek neerstort, waarboven echter<br />
Uitkijkt een edel paar<br />
Eiken en zilverabelen.</p>
<p>Nog steeds blijft het mij bij, ook hoe<br />
De brede toppen wuiven<br />
Van het olmenwoud, boven de molen,<br />
In de tuin echter groeit een vijgenboom.<br />
Op feestdagen lopen<br />
De bruine vrouwen daar<br />
Over zijden weiden,<br />
Zo omstreeks maart,<br />
Als dag en nacht gelijk zijn<br />
En over trage paden<br />
Van gouden dromen zwaar<br />
Een wiegende bries trekt.</p>
<p>Laat iemand nu<br />
Mij de geurige beker reiken,<br />
Vol donker licht,<br />
Opdat ik rust vind; want zoet<br />
Zou onder schaduwen de sluimer zijn.<br />
Het is niet goed<br />
Nergens in de ziel sterfelijke<br />
Gedachten te koesteren. Maar goed is<br />
Een gesprek en te vertellen<br />
Wat het hart vindt, veel te horen<br />
Van dagen der liefde<br />
En van daden die werden gesteld.</p>
<p>Waar echter zijn de vrienden heen? Bellarmin<br />
Met zijn gezel? Velen<br />
Zijn bang om naar de bron te gaan;<br />
Met name de rijkdom begint<br />
In zee. Zij,<br />
Als schilders brengen zij samen<br />
Het schone der aarde en zij versmaden<br />
Niet de gevleugelde oorlog en niet<br />
Eenzaam te wonen, hele jaren, onder<br />
De ontbladerde mast, waar de nacht niet schittert<br />
Van de feesten der steden<br />
En van snarenspel en aloude dans niet.</p>
<p>Nu echter zijn naar de Indiërs<br />
Vertrokken de mannen,<br />
Daar, bij de spitse kaap,<br />
Aan wijnbergen waar<br />
De Dordogne afdaalt<br />
En samen met de prachtige<br />
Garonne de stroom<br />
Zeebreed uitmondt. Echter,<br />
De zee neemt en geeft herinnering<br />
En ook de liefde houdt onvermoeibaar de ogen gericht,<br />
Wat blijft echter stichten de dichters.</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/geert-van-istendael/">Geert van Istendael – ein belgischer Dichter der Gegenwart</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Antonio Machado – Notizen zu seinem Leben und einige Gedichte mit deutscher Übersetzung</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/antonio-machado/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Dec 2019 22:50:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzungen]]></category>
		<category><![CDATA[(Machado)Antonio]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=2833</guid>

					<description><![CDATA[<p>Antonio Machado – Notizen zu seinem Leben und einige Gedichte mit deutscher Übersetzung I. Im Gehen entsteht der Weg Antonio Machado war ein spanischer Dichter, der vor etwas mehr als 80 Jahren starb und dessen Gedichte in Spanien bis heute gelesen werden. Sein berühmtestes Gedicht ist jedem gebildeten Spanier bekannt, zumal es auch immer wieder [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/antonio-machado/">Antonio Machado – Notizen zu seinem Leben und einige Gedichte mit deutscher Übersetzung</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Antonio Machado – Notizen zu seinem Leben und einige Gedichte mit deutscher Übersetzung</h1>
<h6></h6>
<h6></h6>
<h6 style="text-align: left;"><strong>I. Im Gehen entsteht der Weg</strong></h6>
<p>Antonio Machado war ein spanischer Dichter, der vor etwas mehr als 80 Jahren starb und dessen Gedichte in Spanien bis heute gelesen werden. Sein berühmtestes Gedicht ist jedem gebildeten Spanier bekannt, zumal es auch immer wieder vertont wird.</p>
<p>Al andar se hace camino<br />
y al volver la vista atrás<br />
se ve la senda que nunca<br />
se ha de volver a pisar.<br />
Caminante, no hay camino,<br />
sino estelas en la mar.<br />
Caminante, son tus huellas<br />
el camino, y nada más;<br />
caminante, no hay camino,<br />
se hace camino al andar.</p>
<p>Im Gehen entsteht der Weg<br />
Und wenn man zurückschaut<br />
dann sieht man einen Pfad<br />
den man nie wieder betreten wird.<br />
Wanderer, es gibt keinen Weg,<br />
nur das Kräuseln des Kielwassers auf dem Meer.<br />
Wanderer, nur deine Spuren<br />
sind der Weg, und weiter nichts;<br />
Wanderer, es gibt keinen Weg,<br />
Der Weg entsteht im Gehen.<strong> </strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>II. </strong><strong>… und suche Gott im Nebel</strong></p>
<p>Geboren wurde Antonio Machado am 26. Juli 1875 in Sevilla. Sein Vater war Anthropologe. Machado hatte zwei Brüder, mit denen er sein Leben lang eng verbunden blieb: Manuel Machado (1874 &#8211; 1949) war Dichter wie Antonio, und Pepe Machado (1879 – 1958) war bildender Künstler. Antonio schrieb sehr früh melancholische, volksliedhafte Gedichte wie dieses aus seinem ersten Lyrikband, der den Titel „Soledades – Einsamkeiten“ trug.</p>
<p>Es una tarde cenicienta y mustia,<br />
destartalada, como el alma mía;<br />
y es esta vieja angustia<br />
que habita mi usual hipocondría.</p>
<p>La causa de esta angustia no consigo<br />
ni vagamente comprender siquiera;<br />
pero recuerdo y, recordando, digo:<br />
—Sí, yo era niño, y tú, mi compañera.</p>
<p>Y no es verdad, dolor, yo te conozco,<br />
tú eres nostalgia de la vida buena<br />
y soledad de corazón sombrío,<br />
de barco sin naufragio y sin estrella.</p>
<p>Como perro olvidado que no tiene<br />
huella ni olfato y yerra<br />
por los caminos, sin camino, como<br />
el niño que en la noche de una fiesta</p>
<p>se pierde entre el gentío<br />
y el aire polvoriento y las candelas<br />
chispeantes, atónito, y asombra<br />
su corazón de música y de pena,</p>
<p>así voy yo, borracho melancólico,<br />
guitarrista lunático, poeta,<br />
y pobre hombre en sueños,<br />
siempre buscando a Dios entre la niebla.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein schwerer Nachmittag aus Asche, dunkel<br />
wie meine Seele, krumm und schief,<br />
und immer Angst, ein düsteres Gemunkel,<br />
das lange schon in meiner Wehmut schlief.</p>
<p>Den Grund für diese Angst erkenn ich nicht und weiß<br />
nicht, wie sie wildert; und wo, an welcher Stelle.<br />
Doch da ist ein Gefühl, das sagt mir leis:<br />
Ich war ein Kind, Du, Angst, warst mein Geselle.</p>
<p>Stimmt es denn, Schmerz, kenn ich Dich nicht?<br />
Du bist die Sehnsucht nach dem guten Leben,<br />
die Einsamkeit der Schatten, die mein Herz durchweben,<br />
das Boot bist Du, das nichts von Schiffbruch weiß noch Sternenlicht.</p>
<p>Wie ein verirrter Hund, der keine<br />
Spur hat und nicht riechen kann und irrt<br />
die Wege, ohne einen Weg zu wissen,<br />
wie ein Kind, das nachts auf einer Fiesta</p>
<p>sich verliert im dichten Drängeln<br />
und der Staubluft, dem Geglitzer<br />
der Lichter, fassungslos, das Herz<br />
bestürzt von Schrecken und Musik,</p>
<p>so geh ich, trüber Tunkenbold<br />
mondsüchtig, Musikant, Poet,<br />
der arme Mensch in Träumen<br />
und suche Gott im Nebel.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>III. El limonéro</strong></p>
<p>An seine Kindheit in Sevilla erinnerte sich Machado oft und mit Inbrunst. Zu seiner Mutter hatte er zeitlebens ein herzliches Verhältnis. Sie überlebte ihn um wenige Tage.</p>
<p>El limonero lánguido suspende<br />
una pálida rama polvorienta,<br />
sobre el encanto de la fuente limpia,<br />
y allá en el fondo sueñan<br />
los frutos de oro &#8230;<br />
Es una tarde clara,<br />
casi de primavera,<br />
tibia tarde de marzo<br />
que el hálito de abril cercano lleva;<br />
y estoy solo, en el patio silencioso,<br />
buscando una ilusión cándida y vieja:<br />
alguna sombra sobre el blanco muro,<br />
algún recuerdo, en el pretil de piedra<br />
de la fuente, dormido, o, en el aire,<br />
algún vagar de túnica ligera.<br />
En el ambiente de la tarde flota<br />
ese aroma de ausencia.<br />
que dice al alma luminosa: nunca,<br />
y al corazón: espera.<br />
Ese aroma que evoca los fantasmas<br />
de las fragancias vírgenes y muertas.<br />
Sí, te recuerdo, tarde alegre y clara,<br />
casi de primavera,<br />
tarde sin flores, cuando me traías<br />
el buen perfume de la hierbabuena,<br />
y de la buena albahaca,<br />
que tenía mi madre en sus macetas.<br />
Que tú me viste hundir mis manos puras<br />
en el agua serena,<br />
para alcanzar los frutos encantados<br />
que hoy en el fondo de la fuente sueñan &#8230;<br />
Sí, te conozco, tarde alegre y clara,<br />
casi de primavera.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der hinfällige Zitronenbaum neigt<br />
einen staubigen Zweig<br />
über den Zauber des reinen Brunnens,<br />
und dort in der Tiefe träumen<br />
goldene Früchte &#8230;</p>
<p>Ein klarer Nachmittag,<br />
fast schon Frühling,<br />
ein lauer und sehr später Nachmittag im April<br />
beinah mit dem Duft des Mai;<br />
und ich bin allein, im stillen Hof,<br />
und fahnde nach dem Bild einer alten kindlichen Sehnsucht &#8230;,</p>
<p>Ja, du froher und klarer Nachmittag, ich erinnere mich<br />
an dich fast wie an einen Frühling,<br />
Nachmittag ohne Blüten, als du mir brachtest<br />
den guten Geruch von Minze<br />
und Königskraut,<br />
das meine Mutter im Topf zog.</p>
<p>Daß du mich sahst, wie ich meine sauberen Hände<br />
in das heitere Wasser tauchte,<br />
um die Zauberfrüchte zu befreien<br />
die heute am Grunde des Brunnens träumen&#8230;</p>
<p>Ja, ich kenne dich, froher und klarer Nachmittag,<br />
fast schon ein Frühling.<strong> </strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>IV. </strong><strong>Viele Wege gewandert</strong></p>
<p>Wie sein Bruder Manuel Machado bildete für Antonio seine Heimat, Kastilien und Spanien, den poetischen Raum. Antonio Machado war vielleicht in einem bestimmten, poetischen Sinn ein Weltbürger, er kannte die französische, englische, russische Literatur seiner Zeit, aber vor allem fühlte er sich als Spanier. Und zwar als Bürger des nicht nur von ihm so genannten „anderen Spaniens“:</p>
<p>Man muss vielleicht wissen, dass spätestens seit dem 19. Jahrhundert – und bis heute – viele Spanier ihr Land als tief gespalten ansehen. Grob gesagt ist da das alte, abergläubische, klerikale, autoritäre, hochmütige, misstrauische, grausame Spanien einerseits. Und andererseits ist da das (aus der Sicht seiner Anhänger) fröhliche, melancholische, volkstümliche, musikalische, anarchische und demokratische Spanien. Die drei Brüder Machado gehörten diesem anderen Spanien an, bis auch sie sich spalteten: Manuel Machado lief 1936 zur Falange des Generlissimus Franco über, während Pepe und Antonio als Republikaner Anfang 1939 mit ihrer Mutter ins französische Exil gingen, wo Antonio am 22. Februar 1939 – wenige Tage vor seiner Mutter) starb, während Pepe nach 1940 nach Chile auswanderte.</p>
<p>Übrigens blieben alle drei Machado-Brüder bis zum Schluss katholisch. Wie sehr Antonio Machado sein Volk, gerade die Bauern und Flamncotänzer liebte, kann man aus dem nun folgenden Gedicht ablesen.</p>
<p>He andado muchos caminos<br />
he abierto muchas veredas &#8230;<br />
He andado muchos caminos &#8230;</p>
<p>He andado muchos caminos,<br />
he abierto muchas veredas;<br />
he navegado en cien mares,<br />
y atracado en cien riberas.</p>
<p>En todas partes he visto<br />
caravanas de tristeza,<br />
soberbios y melancólicos<br />
borrachos de sombra negra,</p>
<p>y pedantones al paño<br />
que miran, callan, y piensan<br />
que saben, porque no beben<br />
el vino de las tabernas.</p>
<p>Mala gente que camina<br />
y va apestando la tierra &#8230;</p>
<p>Y en todas partes he visto<br />
gentes que danzan o juegan,<br />
cuando pueden, y laboran<br />
sus cuatro palmos de tierra.</p>
<p>Nunca, si llegan a un sitio,<br />
preguntan a dónde llegan.<br />
Cuando caminan, cabalgan<br />
a lomos de mula vieja,</p>
<p>y no conocen la prisa<br />
ni aun en los días de fiesta.<br />
Donde hay vino, beben vino;<br />
donde no hay vino, agua fresca.</p>
<p>Son buenas gentes que viven,<br />
laboran, pasan y sueñan,<br />
y en un día como tantos,<br />
descansan bajo la tierra.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Viele Wege bin ich gewandert,<br />
viele Pfade hab ich gefunden;<br />
auf hundert Meeren bin ich gesegelt,<br />
an hundert Küsten bin ich gelandet.</p>
<p>Überall sah ich<br />
Karawanen der Trauer,<br />
Hochmütige und Schwermütige,<br />
die Trunkenen vom schwarzen Schatten.<br />
Und ich sah vermummte Pedanten,<br />
die umherspähen, schweigen und denken,<br />
sie kennen die Welt, weil sie den Wein<br />
der Tavernen nicht trinken.</p>
<p>Ein übles Volk, das wandert<br />
und die Erde verpestet &#8230;</p>
<p>Und überall sah ich<br />
Leute, die tanzen und spielen,<br />
wenn sie können, und bearbeiten<br />
die Handbreit Erde, die ihnen gehört.</p>
<p>Niemals, wenn sie an einen Ort kommen,<br />
fragen sie, wohin sind wir gekommen.<br />
Wenn sie fortziehen, reiten sie<br />
auf dem Rücken eines alten Esels.</p>
<p>Sie kennen keine Eile,<br />
schon gar nicht an Feiertagen.<br />
Wo es Wein gibt, trinken sie Wein;<br />
wo nicht, frisches Wasser.</p>
<p>Es sind gute Leute, sie leben,<br />
arbeiten, ziehen fort und träumen,<br />
und an einem Tag, der wie viele andere ist,<br />
gehen sie sich ausruhen unter der Erde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>V. </strong><strong>Ostern und Auferstehung – Liebe </strong></p>
<p>Antonio Machado führte mit seinen Brüdern anfangs ein sorgloses Leben, ohne viel Geld, aber mit unendlich vielen Diskussionen über die spanische Seele und über Gedichte. Mit etwa 30 Jahren entschloss er sich dann doch noch zu einem ordentlichen Broterwerb. Er studierte Französisch und Philosophie, reiste nach Paris, lernte die französische Literatur und den Philosophen Bergson näher kennen. Nach seiner Rückkehr versuchte er wieder, als freier Autor zu leben, was aber nicht zum Broterwerb reichte. Deshalb nahm er eine Lehrerstelle in dem verträumetn Landstädtchen Soria an und verliebte sich in ein 15-jähriges Mädchen, Leonor Izquierdo, das er bald heiratete. In dieser Zeit schrieb er das Gedicht Ostern und Auferstehung:</p>
<p><strong>Pascua de resurreccion </strong></p>
<p>Mirad: el arco de la vida traza<br />
el iris sobre el campo que verdea.<br />
Buscad vuestros amores, doncellitas,<br />
donde brota la fuente de la piedra.<br />
En donde el agua ríe y sueña y pasa,<br />
allí el romance del amor se cuenta.<br />
¿No han de mirar un día, en vuestros brazos,<br />
atónitos, el sol de primavera,<br />
ojos que vienen a la luz cerrados,<br />
y que al partirse de la vida ciegan?<br />
¿No beberán un día en vuestros senos<br />
los que mañana labrarán la tierra?<br />
¡Oh, celebrad este domingo claro,<br />
madrecitas en flor, vuestras entrañas nuevas!.<br />
Gozad esta sonrisa de vuestra ruda madre.<br />
Ya sus hermosos nidos habitan las cigüeñas,<br />
y escriben en las torres sus blancos garabatos.<br />
Como esmeraldas lucen los musgos de las peñas.<br />
Entre los robles muerden<br />
los negros toros la menuda hierba,<br />
y el pastor que apacienta los merinos<br />
su pardo sayo en la montaña deja.</p>
<p><strong>Ostern. Auferstehung.</strong></p>
<p>Seht: Der Schwung des Lebens malt<br />
Einen Regenbogen über das grünende Feld.<br />
Sucht Eure Geliebten, Mädchen,<br />
sucht sie dort, wo die Quelle aus dem Stein springt.<br />
Wo das Wasser lacht und träumt und plätschert,<br />
da wird der Liebesroman erzählt.<br />
Sollen denn nicht eines Tages in euren Armen<br />
erstaunte Augen die Frühlingssonne sehen?<br />
Augen, die geschlossen sind, wenn sie ins Licht kommen<br />
und die erblindet das Leben verlassen werden?<br />
Werden nicht eines Tages an Euren Brüsten trinken<br />
die morgen den Boden bestellen?<br />
Oh feiert diesen hellen Sonntag,<br />
ihr blühenden kleinen Mütter, feiert eure Herzen!<strong> </strong></p>
<p><strong>Eine Sommernacht</strong></p>
<p>Mit seiner jungen Frau ging Antonio auf Hochzeitsreise nach Paris. Auf dem Weg dorthin begann sie furchtbar zu husten, man ging in Paris zu den berühmtesten Ärzten und hatte bald die Gewissheit, dass die kleine Leonor an Tuberkulose erkrankt war. Das Ehepaar reiste zurück nach Soria, wo Leonor am 1. August 1912, in einer lauen Sommernacht starb. Für das Verständnis des Gedichts, das Antonio Machado über die Todesnacht schrieb, ist es nicht schlecht zu wissen, dass der Tod auf Spanisch weiblich ist.</p>
<p><strong>Una noche de verano</strong></p>
<p>Una noche de verano<br />
—estaba abierto el bacón<br />
y la puerta de mi casa—<br />
la muerte en mi casa entró.</p>
<p>Se fue acercando a su lecho<br />
—ni siquiera me miró—,<br />
con unos dedos muy finos,<br />
algo muy tenue rompió.</p>
<p>Silenciosa y sin mirarme,<br />
la muerte otra vez pasó<br />
delante de mí. ¿Qué has hecho?<br />
La muerte no respondió.</p>
<p>Mi niña quedó tranquila,<br />
dolido mi corazón.<br />
¡Ay, lo que la muerte ha roto<br />
era un hilo entre los dos!<strong> </strong></p>
<p><strong>Es war eine Sommernacht</strong></p>
<p>Es war eine Sommernacht<br />
– die Balkontür stand offen<br />
und auch die Haustür –<br />
da kam der Tod in mein Haus.</p>
<p>Er näherte sich ihrem Bett –<br />
mich hat er nicht einmal angesehen –<br />
mit seinen feinen Fingern.<br />
Und da zerbrach etwas sehr Zartes.</p>
<p>Still und ohne mich anzusehn<br />
ging der Tod wieder<br />
an mir vorbei. Was hast Du getan?<br />
Der Tod antwortete nicht.</p>
<p>Mein Mädchen war jetzt still,<br />
mein Herz verzweifelt.<br />
Ach, was der Tod zerrissen hat,<br />
war ein Faden zwischen den beiden.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>VII. Señor, ya estamos solos mi corazón y el mar.</strong></p>
<p>Machado schrieb eine Reihe sehr trauriger Gedichte über den Verlust seiner Frau, eines davon ist ein Gebet.</p>
<p>Señor, ya me arrancaste lo que yo más quería.<br />
Oye otra vez, Dios mío, mi corazón clamar.<br />
Tu voluntad se hizo, Señor, contra la mía.<br />
Señor, ya estamos solos mi corazón y el mar.</p>
<p>Herr, du hast mir entrissen das was ich am meisten begehrt.<br />
Höre, mein Gott, aufs Neue mein Herz zu Dir schreien.<br />
Dein Wille geschah, Herr, gegen den meinen.<br />
Herr, nun sind wir allein, mein Herz und das Meer.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>VIII. Baeza – Wege </strong></p>
<p>Bald nach dem Tod seiner Frau verließ Antonio Machado die Stadt Soria und ließ sich in einem anderen, ebenfalls ländlichen Städtchen nieder, in Baeza, wo dies Gedicht entstand:</p>
<p><strong>Caminos</strong></p>
<p>De la ciudad moruna<br />
tras las murallas viejas,<br />
yo contemplo la tarde silenciosa,<br />
a solas con mi sombra y con mi pena.</p>
<p>El rio va corriendo,<br />
entre sombrías huertas<br />
y grises olivares,<br />
por los alegres campos de Baeza.</p>
<p>Tienen las vides pámpanos dorados<br />
sobre las rojas cepas.<br />
Guadalquivir, como un alfanje roto<br />
y disperso, reluce y espejea.</p>
<p>Lejos, los montes duermen<br />
envueltos en la niebla,<br />
niebla de otono, maternal: descansan<br />
las rudas moles de su ser de piedra<br />
en esta tibia tarde de noviembre,<br />
tarde piadosa, cárdena y viloeta.</p>
<p>El viento ha sacudido<br />
los mustios olmos de la carretera,<br />
levantando en rosados torbellinos<br />
el polvo de la tierra.<br />
La luna está subiendo<br />
amoratada, jadeante y llena.</p>
<p>Los caminitos blancos<br />
se cruzan y se alejan,<br />
buscando los dispersos caseríos<br />
del valle y de la sierra.<br />
Caminos de los campos &#8230;<br />
!Ay, ya no puedo caminar con ella!</p>
<p><strong>Wege</strong></p>
<p>Aus der maurischen Stadt<br />
hinter dem alten Gemäuer<br />
betrachte ich den stillen Nachmittag<br />
allein mit meinem Schatten und meinem Schmerz.</p>
<p>Der Strom fließt gemächlich<br />
zwischen schattigen Obstgärten<br />
und grauen Olivenhainen<br />
in den heiteren Feldern von Baeza.</p>
<p>Die Reben tragen goldene Ranken<br />
um die roten Strünke.<br />
Der Guadalquivir, wie ein krummer alter vergessener Säbel,<br />
leuchtet und spiegelt.</p>
<p>Ferne schlafen die Berge<br />
eingerollt in Nebel,<br />
Herbstnebel, mütterlich: die rohe Masse<br />
ruht aus von ihrem felsigen Sein<br />
an diesem behaglichen Novembernachmittag,<br />
frommer Nachmittag, distelblau und violett.</p>
<p>Der Wind hat gerüttelt<br />
an den mürrischen Ulmen der Straßen<br />
erhebend zu rosenfarbenen Wirbeln<br />
den Staub der Erde.<br />
Der Mond steigt auf<br />
schmerzlichblau, keuchend und voll.</p>
<p>Die weißen Pfade<br />
kreuzen und entfernen sich,<br />
auf der Suche nach den vergessenen Gehöften<br />
des Tals und Gebirgs.<br />
Wege und Felder &#8230;<br />
Ach! Und ich kann nicht mehr wandern mit ihr!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>IX. Baeza – Im Haus des Apothekers – Ländliche Betrachtungen</strong></p>
<p>In Baeza wohnte Machado zur Untermiete bei einem Apotheker, der sich abends, wenn Antonio zwischen Büchern saß und schrieb und rauchte und trauerte, mit Bauern und Bürgern aus der Stadt traf, um die Ereignisse des Tages, sei es der Regen, sei es die Politik, beim Rotwein besprach. Darüber schrieb Machado sein längstes Gedicht, das zwischen Ironie, Heiterkeit und Trauer schwankt, mit dem Titel »Gedicht eines Tages – Ländliche Meditationen«.</p>
<p><strong>Poema de un dia – Meditaciones rurales</strong></p>
<p>He aquí ya, profesor<br />
de lenguas vivas (ayer<br />
maestro de gay-saber,<br />
aprendiz de ruiseñor),<br />
en un pueblo húmedo y frío,<br />
destartalado y sombrío,<br />
entre andaluz y manchego.<br />
Invierno. Cerca del fuego.<br />
Fuera llueve un agua fina,<br />
que ora se trueca en neblina,<br />
ora se torna aguanieve.<br />
Fantástico labrador,<br />
pienso en los campos. ¡Señor,<br />
qué bien haces! Llueve, llueve<br />
tu agua constante y menuda<br />
sobre alcaceles y habares,<br />
tu agua muda,<br />
en viñedos y olivares.<br />
Te bendecirán conmigo<br />
los sembradores del trigo;<br />
los que viven de coger<br />
la aceituna;<br />
los que esperan la fortuna<br />
de comer;<br />
los que hogaño,<br />
como antaño,<br />
tienen toda su moneda<br />
en la rueda,<br />
traidora rueda del año.</p>
<p>¡Llueve, llueve; tu neblina<br />
que se torne en aguanieve,<br />
y otra vez en agua fina!<br />
¡Llueve, Señor, llueve, llueve!<br />
En mi estancia, iluminada<br />
por esta luz invernal,<br />
—la tarde gris tamizada<br />
por la lluvia y el cristal—,<br />
sueño y medito.<br />
Clarea<br />
el reloj arrinconado,<br />
y su tic-tac, olvidado<br />
por repetido, golpea.<br />
Tic-tic, tic-tic &#8230; Ya te he oído.<br />
Tic-tic, tic-tic &#8230; Siempre igual<br />
monótono y aburrido.<br />
Tic-tic, tic-tic, el latido<br />
de un corazón de metal.</p>
<p>En estos pueblos, ¿se escucha<br />
el latir del tiempo? No.<br />
En estos pueblos se lucha<br />
sin tregua con el reloj,<br />
con esa monotonía<br />
que mide un tiempo vacío.<br />
Pero ¿tu hora es la mía?<br />
¿Tu tiempo, reloj, el mío?<br />
(Tic-tic, tic-tic &#8230;) Era un día<br />
(Tic-tic, tic-tic) que pasó,<br />
y lo que yo más quería<br />
la muerte se lo llevó.<br />
Lejos suena un clamoreo<br />
de campanas &#8230;<br />
Arrecia el repiqueteo<br />
de la lluvia en las ventanas.<br />
Fantástico labrador,<br />
vuelvo a mis campos. ¡Señor,<br />
cuánto te bendecirán<br />
los sembradores del pan!<br />
Señor, ¿no es tu lluvia ley,<br />
en los campos que ara el buey,<br />
y en los palacios del rey?<br />
¡Oh, agua buena, deja vida<br />
en tu huida!<br />
¡Oh, tú, que vas gota a gota,<br />
fuente a fuente y río a río,<br />
como este tiempo de hastío<br />
corriendo a la mar remota,<br />
con cuanto quiere nacer,<br />
cuanto espera<br />
florecer<br />
al sol de la primavera,<br />
sé piadosa,<br />
que mañana<br />
serás espiga temprana,<br />
prado verde, carne rosa,<br />
y más: razón y locura<br />
y amargura<br />
de querer y no poder<br />
creer, creer y creer!<br />
Anochece;<br />
el hilo de la bombilla<br />
se enrojece,<br />
luego brilla,<br />
resplandece,<br />
poco más que una cerilla.<br />
Dios sabe dónde andarán<br />
mis gafas &#8230; entre librotes,<br />
revistas y papelotes,<br />
¿quién las encuentra? &#8230; Aquí están.<br />
Libros nuevos. Abro uno<br />
de Unamuno.<br />
¡Oh, el dilecto,<br />
predilecto<br />
de esta España que se agita,<br />
porque nace o resucita!<br />
Siempre te ha sido, ¡oh Rector<br />
de Salamanca!, leal<br />
este humilde profesor<br />
de un instituto rural.<br />
Ésa tu filosofía<br />
que llamas diletantesca,<br />
voltaria y funambulesca,<br />
gran Don Miguel, es la mía.<br />
Agua del buen manantial,<br />
siempre viva,<br />
fugitiva;<br />
poesía, cosa cordial.<br />
¿Constructora?<br />
—No hay cimiento<br />
ni en el alma ni el viento—.<br />
Bogadora,<br />
marinera,<br />
hacia la mar sin ribera.<br />
Enrique Bergson: Los datos<br />
inmediatos<br />
de la conciencia, ¿Esto es<br />
otro embeleco francés?<br />
Este Bergson es un tuno;<br />
¿verdad, maestro Unamuno?<br />
Bergson no da como aquel<br />
Immamuel<br />
él volatín Inmortal;<br />
este endiablado judío<br />
ha hallado el libre albedrío<br />
dentro de su mechinal.<br />
No está mal:<br />
cada sabio, su problema<br />
y cada loco, su tema.<br />
Algo importa<br />
que en la vida mala y corta<br />
que llevamos<br />
libres o siervos seamos;<br />
mas, si vamos<br />
a la mar,<br />
lo mismo nos han de dar.<br />
¡Oh, estos pueblos! Reflexiones,<br />
lecturas y acotaciones<br />
pronto dan en lo que son:<br />
bostezos de Salomón.<br />
¿Todo es<br />
soledad de soledades,<br />
vanidad de vanidades,<br />
que dijo el Eclesiastés?<br />
Mi paraguas, mi sombrero,<br />
mi gabán &#8230; El aguacero<br />
amaina &#8230; Vámonos, pues.</p>
<p>Es de noche. Se platica<br />
al fondo de una botica.</p>
<p>—<br />
Yo no sé,<br />
Don José,<br />
cómo son los liberales<br />
tan perros, tan inmorales.<br />
— ¡Oh, tranquilícese usté!<br />
Pasados los carnavales;<br />
vendrán los conservadores,<br />
buenos administradores,<br />
de su casa.<br />
Todo llega y todo pasa.<br />
Nada eterno:<br />
ni gobierno<br />
que perdure,<br />
ni mal que cien años dure.<br />
—Tras estos tiempos, vendrán<br />
otros tiempos y otros y otros,<br />
y lo mismo que nosotros<br />
otros se jorobarán.<br />
Así es la vida Don Juan.<br />
—Es verdad, así es la vida.<br />
—La cebada está crecida.<br />
—Con estas lluvias &#8230;<br />
Y van<br />
las habas que es un primor.<br />
—Cierto; para marzo, en flor.<br />
Pero la escarcha, los hielos &#8230;<br />
— Y además, los olivares<br />
están pidiendo a los cielos<br />
agua a torrentes.<br />
— A mares.<br />
¡Las fatigas, los sudores<br />
que pasan los labradores!<br />
En otro tiempo &#8230;<br />
Llovía<br />
también cuando Dios quería.<br />
—Hasta mañana, señores.<br />
Tic-tic, tic-tic &#8230; Ya pasó<br />
un día como otro día,<br />
dice la monotonía<br />
del reló.</p>
<p>Sobre mi mesa Los datos<br />
de la conciencia, inmediatos.<br />
No está mal<br />
este yo fundamental,<br />
contingente y libre, a ratos,<br />
creativo, original;<br />
este yo que vive y siente<br />
dentro la carne mortal,<br />
¡ay!, por saltar impaciente<br />
las bardas de su corral.</p>
<p>Baeza, 1918</p>
<p><strong>Das Gedicht eines Tages – Ländliche Betrachtungen</strong></p>
<p>Hier sitze ich nun, Lehrer für<br />
neue Sprachen, Meister des<br />
lockeren Tons bis gestern,<br />
Lehrling der Nachtigallen,<br />
in diesem feuchten und kalten Nest,<br />
verkommen und düster<br />
zwischen Andalusien und der Mancha.<br />
Winter. Nahe beim Feuer.<br />
Draußen regnets, Nieselregen,<br />
der sich manchmal in Nebel verwandelt,<br />
manchmal in wässrigen Schnee.<br />
Ich stelle mir vor ein Bauer zu sein,<br />
der an die Felder denkt. Oh Herr,<br />
würde ich sagen,<br />
das machst Du sehr gut! Regne, regne<br />
regne Dein Wasser wieder und wieder<br />
über Gersten und Bohnen,<br />
Dein stummes Wasser über den Wein<br />
und den Olivenhain.<br />
Es werden Dich preisen mit mir<br />
alle, die Gerste säen fürs Bier.<br />
die leben um zu pflücken,<br />
Oliven zu pflücken,<br />
die das Glück erwarten<br />
vom essen.<br />
Die in diesem Jahr<br />
wie in jedem Jahr<br />
all ihr Geld<br />
werfen ins Glücksrad der Welt,<br />
in das trügerische Rad der Zeit.<br />
Regne, regne, möge Dein Nebel<br />
sich verwandeln in wässrigen Schnee<br />
und dann wieder in Nieseleregen,<br />
Regne, Herr, regne, regne!</p>
<p>In meinem Zimmer erleuchtet<br />
vom Winterlicht – ich<br />
– der späte Nachmittag grau, gedämpft<br />
vom Regen und vom Fensterglas –<br />
hier träum ich und überlege und denke nach.<br />
Da meldet sich<br />
aus der Ecke die Standuhr,<br />
Tic-Tac sagt sie, ich hatte sie schon vergessen,<br />
Du wiederholst Dich, sage ich, sie tut ihren Schlag,<br />
Tic-Tac, Tic-Tac, ja ich hab Dich gehört.<br />
Tic-Tac, Tic-Tac, immer dasselbe,<br />
eintönig, stur wie ein Ochse.<br />
Tic-Tac, so klopft<br />
ihr metallenes Herz.<br />
Ob man in so einem Nest das metallene<br />
Klopfen der Zeit hört? Nein,<br />
in diesen Dörfern kämpft man nur<br />
pausenlos gegen die Uhr,<br />
gegen die Eintönigkeit,<br />
mit der sie ermisst die Leere der Zeit.<br />
Aber ist Deine Stunde auch meine?<br />
Ist Deine Zeit, Uhr, die meine?<br />
(Tic-Tac, Tic-Tac) &#8230; es gab einen Tag<br />
(Tic-Tac, Tic-Tac) der verging,<br />
und was ich am meisten liebte,<br />
das raffte der Tod dahin.</p>
<p>Von fernher klingen<br />
Glockenschläge &#8230;<br />
Stärker trommelt<br />
der Regen gegen die Fenster.<br />
Ich bin wieder Bauer, zurück auf den Feldern. Oh Herr,<br />
Preis und Lob<br />
denen, die säen das Brot!<br />
Oh Herr! Ist nicht Dein Regen Gesetz<br />
in den Ochsenfurchen des Feldes<br />
so gut wie in den Palästen des Königs?<br />
Oh gutes Wasser, schenke uns Leben<br />
auf Deiner Flucht!<br />
Der Du kommst Tropfen für Tropfen,<br />
Quelle um Quelle und Fluss um Fluss,<br />
wie diese Zeit voll Überdruss,<br />
oh Wasser, das zum fernen Meer fließen muss,<br />
zu allem das werden will,<br />
zu allem das blühen will,<br />
zu der Sonne im April<br />
lass Dich gnädig herab,<br />
denn morgen wirst Du eine frühe Ähre sein,<br />
du wirst die grüne Wiese sein, das rosige Fleisch<br />
und mehr: Verstand und Gekreisch<br />
des Wahnsinns<br />
und Bitternis<br />
der Liebe und der Unfähigkeit<br />
zu glauben, zu glauben, zu glauben!</p>
<p>Es wird Nacht.<br />
Der Faden in der Glühbirne<br />
errötet,<br />
dann strahlt er<br />
und leuchtet<br />
ein bißchen heller als ein Streichholz.<br />
Gott weiß, wohin sich meine Brille<br />
verkrochen hat &#8230; zwischen Stapeln von Büchern,<br />
Zeitungen und Papieren,<br />
ja wo denn &#8230; da ist sie.<br />
Neue Bücher. Ich öffne eines<br />
von Unamuno.<br />
Der geliebte,<br />
der über alles geliebte<br />
des lebendigen Spaniens, das sich rüstet,<br />
das gerade geboren wird oder aufersteht.<br />
Immer war Dir, Rektor<br />
von Salamanca, treu<br />
der kleine Lehrer<br />
von der Dorfschule.<br />
Diese deine Philosophie<br />
du nennst sie dilettantisch,<br />
seiltänzerisch, sprunghaft,<br />
großer Don Miguel, das ist meine.<br />
Wasser von der guten Quelle,<br />
immer lebendig,<br />
flüchtig,<br />
Poesie, eine Sache des Herzens.<br />
Konstruktivismus?<br />
– Aber es gibt kein Fundament<br />
nicht in der Seele und nicht im Wind –<br />
Rudern ist Glück, hinaussegeln<br />
auf das Meer ins Uferlose.<br />
Henri Bergson: Die unmittelbaren<br />
Daten<br />
des Bewusstseins. Noch<br />
so ein falscher Franzose?<br />
Dieser Bergson ist ein Schlawiner,<br />
wirklich, Meister Unamuno?<br />
Bergson bietet nicht<br />
wie jener Immanuel<br />
den unsterblichen Zaubertrick.<br />
Dieser verteufelte Jude<br />
hat den freien Willen gefunden<br />
in seiner warmen Stube.<br />
Nicht schlecht, Herr Specht,<br />
jeder Gelehrte hat sein Problem<br />
und jeder Verrückte sein eignes System.<br />
Eben!<br />
Es ist nicht egal,<br />
ob wir in unserem einzigen Leben,<br />
der kurzen Qual,<br />
die wir haben,<br />
freie Menschen sind oder Sklaven.<br />
Aber wenn wir sowieso<br />
alle aufs große Meer hinausgehn,<br />
wozu dann der freie Wille?<br />
Oh, diese Dörfer! Reflexionen,<br />
Lektüren und Annotationen,<br />
alles hat doch denselben Ton:<br />
Das große Gähnen von Salomon.<br />
Alles ist<br />
Einsamkeit der Einsamkeit,<br />
Wahn des Wahns,<br />
wie der Ekklesiast sagt?<br />
Mein Hut, mein Stock, mein Regenschirm<br />
oh Mann – zeig endlich Hirn,<br />
der Schauer hat bald ausgerauscht,<br />
wir müssen raus aus diesem Haus.</p>
<p>Schon beinah Nacht. Und in der Apotheke<br />
wird laut gemurmelt und geredet.<br />
– Mein lieber Don Jose,<br />
was ich nicht versteh,<br />
Liberale müssen sein, das ist das eine,<br />
doch warum sind sie solche Hundeschweine?<br />
– Ach, machen Sie sich keine Sorgen,<br />
der Karneval geht nur bis übermorgen,<br />
dann kommen die Rechten und sorgen mit Macht<br />
für Ruhe und Ordnung, mein Freund, dass es kracht<br />
und klingelt in ihren Kassen.<br />
Das kommt und das geht,<br />
Nichts ist für immer,<br />
Rechte und Liberale,<br />
die Zeit frisst sie alle.<br />
Ene, mene, Mäusespeck<br />
In hundert Jahr ist alles weg.<br />
– Nach diesen Zeiten, da kommen andere<br />
Zeiten und wieder andere und noch andere,<br />
und das schöne ist, in jenen fernen Tagen<br />
muss sich keiner von uns mehr plagen.<br />
So ist das Leben, Don Juan.<br />
– Stimmt genau, dann sind andere dran.<br />
– Die Gerste kommt dies Jahr ganz gut voran.<br />
– Kein Wunder bei diesem Regen,<br />
auch für die Bohnen ist es ein Segen!<br />
– Stimmt, sie blühen schon, und wir haben erst März,<br />
es liegt noch Frost in der Luft, da kann noch was kommen!<br />
– Habt ihr die Oliven gesehen?<br />
Sie strecken die Äste zum Himmel und flehen<br />
um Regen in Strömen!<br />
– In Meeren!<br />
– Sie müssen triefen, die Oliven!<br />
Schweiß und Arbeit, Müh und Not<br />
sind des Bauern bittres Brot!<br />
Früher, früher war alles anders als heute &#8230;<br />
– Früher gab es auch schon Regen,<br />
denn es ist doch Gottes Segen.<br />
– Dann bis morgen, gute Leute!</p>
<p>Tic-Tac, Tic-Tac &#8230; schon<br />
wieder ist ein Tag<br />
vorbei, sagt im stur<br />
monotonen Ton<br />
meine Uhr.</p>
<p>Auf meinem Tisch Die Daten<br />
des Bewusstseins<br />
Gar nicht so übel geraten,<br />
dieses fundamentale Ich,<br />
ein Zufall und frei, ab und an ein Stich<br />
ins Schöpferische und Echte,<br />
dieses Ich das denkt und lebt im Haus<br />
des sterblichen Fleisches.<br />
ach wie es gerne springen würde<br />
über Zaun und Hürde!</p>
<p>Baeza 1918</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>X. </strong><strong>Guiomar</strong></p>
<p>In Baeza hielt es Antonio Machado bis 1919 aus. Man muss sagen, dass er eigentlich ein Großstadtmensch war, der gerne in Cafés und Kneipen saß, vorzugsweise mit seinen Brüdern, und literarische Pläne schmiedete. Von 1919 bis 1931 arbeitete Machado unter der Woche als Lehrer in Segovia und verbrachte soviel Zeit wie möglich in dem eine Zugstunde entfernten Madrid. Zusammen mit seinem Bruder Manuel schrieb er Theaterstücke, die recht erfolgreich waren. In dieser Zeit unterhielt Antonio eine geheime Liebesbeziehung zu einer Frau aus der besseren Gesellschaft, Guiomar genannt.</p>
<p><strong>Todo amor es fantasia</strong></p>
<p>Todo amor es fantasia;<br />
él inventa el año el dia,<br />
la hora y su melodia;<br />
inventa el amante y, mas,<br />
la amada. No prueba nada,<br />
contra el amor, que la amada<br />
no haya existido jamas.</p>
<p><strong>Alle Liebe ist Fantasie</strong>.</p>
<p>Alle Liebe ist Fantasie.<br />
Sie erfindet das Jahr und den Tag,<br />
die Stunde, die Melodie<br />
und den Liebenden und sie,<br />
die Geliebte. Und nie<br />
gibt es gegen die Liebe ein Argument &#8211;<br />
und wär’ die Geliebte auch inexistent.<strong> </strong><strong> </strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>XI. Der politische Machado</strong></p>
<p>Die politische Macht wechselte Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre mehrfach zwischen dem konservativen und dem »anderen« Spanien. Mehr und mehr wurde daraus ein handfester Machtkampf; Gewalt lag in der Luft. 1931 schloss sich Antonio der republikanischen Seite an und übernahm auch politische Aufgaben. Als Francisco Franco 1936 mit Unterstützung Hitlers den offenen Bürgerkrieg gegen die gewählte republikanische Regierung begann, wurde der Dichter Federico Garcia Lorca rasch Opfer des poltischen Terrors der Falangisten. Antonio Machado schrieb über den Mord an Garcia Lorca:</p>
<p><strong>El crimen fue en Granada</strong></p>
<p>Se le vio, caminando entre fusiles,<br />
por una calle larga,<br />
salir al campo frío,<br />
aún con estrellas de la madrugada.<br />
Mataron a Federico<br />
cuando la luz asomaba.</p>
<p>El pelotón de verdugos<br />
no osó mirarle la cara.<br />
Todos cerraron los ojos;<br />
rezaron: ¡ni Dios te salva!<br />
Muerto cayó Federico<br />
—sangre en la frente y plomo en las entrañas—<br />
… Que fue en Granada el crimen<br />
sabed —¡pobre Granada!—, en su Granada.</p>
<p><strong>Das Verbrechen geschah in Granada</strong></p>
<p>Man sah ihn zwischen Gewehren gehen,<br />
durch eine lange Gasse,<br />
hinaus aufs kühle Feld,<br />
noch leuchtete der Morgenstern.<br />
Sie töteten Federico<br />
im Morgenrot.</p>
<p>Der Schwarm der Verbrecher wagte nicht<br />
ihm ins Gesicht zu sehen.<br />
Sie schlossen die Augen<br />
und beteten: Dass Gott Dich verlasse!<br />
Tot fiel Federico<br />
– Blut auf der Stirn und Blei in den Eingeweiden &#8211;<br />
&#8230; dass es in Granada geschah, das Verbrechen,<br />
wisset! – armes Granada – sein Granada.</p>
<p>Als die Faschisten begannen, Madrid einzunehmen, floh Machado mit seiner alten Mutter und dem Bruder Pepe. Mit dem zunehmend erbärmlich ausgestatteten Tross der republikanischen Regierung ging es erst nach Valencia, dann nach Barcelona und schließlich nach Frankreich, über die Grenze bei Port Bou und Cerbére nach Collioure, wenige Kiloemeter hinter der spanisch-französischen Grenze. In dieser Zeit schrieb Antonio Machado weiter Gedichte.</p>
<p><strong>Meditacion del dia</strong></p>
<p>Frente a la palma de fuego<br />
que deja el sol que se va,<br />
en la tarde silenciosa<br />
y en este jardin de paz,<br />
mientras Valencia florida<br />
se bebe el Guadalaviar<br />
– Valencia de finas torres,<br />
en el lirico cielo de Ausias March, *<br />
trocando su rio en rosas<br />
antes que llegue a la mar ! –<br />
pienso en la guerra. La guerra<br />
viene como un huracan<br />
por los paramos del alto Duero,<br />
por las llanuras de pan llevar,<br />
desde la fertil Extremadura<br />
a estos jardines de limonar,<br />
desde los grises cielos astures<br />
a las marismas de luz y sal.<br />
Pienso en Espana, vendida toda<br />
de rio a rio, de monte a monte, de mar a mar.</p>
<p><strong>Meditation</strong></p>
<p>Gegenüber der Hand aus Feuer,<br />
hinterlassen von der untergehenden Sonne<br />
an diesem schweigsamen Abend<br />
und in diesem Garten des Friedens,<br />
während das blühende Valencia<br />
seinen Fluss trinkt<br />
– Valencia der schlanken Türme<br />
im poetischen Himmel des Ausias March,<br />
das seinen Fluss in Rosen verwandelt<br />
auf dem Weg ins Meer –<br />
denk ich an den Krieg. Der Krieg<br />
kommt wie ein Sturm<br />
aus dem wüsten Land des oberen Duero,<br />
aus den Kornkammern der Ebenen,<br />
aus der fruchtbaren Extremadura<br />
in diese Zitronengärten,<br />
aus den grauen asturischen Himmeln,<br />
in die Marschen von Licht und Salz,<br />
ich denke an Spanien,<br />
verkauft, ganz verkauft<br />
von Fluss zu Fluss,<br />
von Gebirg zu Gebirg,<br />
von Meer zu Meer.</p>
<p>Es entstehen in dieser Zeit auch polemische Texte, mit denen Machado in den Bürgerkrieg eingreifen will. »Alerta« heißt eines dieser Kampfgedichte, gerichtet an die spanische Jugend. Darin heißt es:</p>
<p>En las encrucijadas del camino<br />
crueles enemigos nos acechan:<br />
dentro de casa la traición se esconde,<br />
fuera de casa la codicia espera.<br />
Vendida fue la puerta de los mares,<br />
y las ondas del viento entre las sierras,<br />
y el suelo que se labra,<br />
y la arena del campo en que se juega,<br />
y la roca en que yace el hierro duro;<br />
sólo la tierra en que se muere es nuestra.<br />
Alerta al sol que nace,<br />
y al rojo parto de la madre vieja.<br />
Con el arco tendido hacia el mañana<br />
hay que velar. ¡Alerta, alerta, alerta!</p>
<p>An den Wegkreuzen<br />
lauern uns grausame Feinde auf<br />
im Haus versteckt sich der Verrat.<br />
Draußen wartet die Gier.<br />
Verkauft ist das Tor zu den Meeren,<br />
und die Wellen des Windes in den Ebenen,<br />
und der Boden den wir bestellt haben,<br />
und der Sand des Feldes, auf dem wir gespielt haben,<br />
und der Stein, in dem das harte Eisen liegt.<br />
Nur die Erde, in die wir sterben, gehört uns.<br />
Hütet euch vor der aufgehenden Sonne!<br />
Hütet euch vor der Glutgeburt der alten Mutter!<br />
Mit gespanntem Bogen wachsam<br />
in den Morgen. Gebt Acht! Gebt Acht! Gebt Acht!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>XII. Diese blauen Tage und das Meer der Kindheit.</strong></p>
<p>Bei allem Engagement für die linke Seite im Bürgerkrieg ist Machado nie Kommunist geworden. Er blieb katholisch. Über sein Verhältnis zum Marxismus zitierte er gern diesen Satz: Mit den Kommunisten bis in den Tod – aber keinen Schritt weiter!</p>
<p>In Collioure lebte Machado mit seinem Bruder und seiner Mutter in einem kleinen Hotel. Pepe und Antonio gingen niemals gemeinsam zum Essen in den Speisesaal. Sie hatten zusammen nur ein Oberhemd. Solange er konnte, machte Antonio Spaziergänge zum Strand, wo er gerne in einem der dort liegenden Fischerboote saß und das Meer und die Häuser betrachtete und von einer guten Zukunft träumte, entweder in Frankreich oder in Russland, das er für ein Reich christlicher Brüderlichkeit hielt. Es waren nur wenige Wochen, die er noch zu leben hatte. Eine einzige Gedichtzeile brachte er in dieser Zeit zu Papier:</p>
<p>Estos dias azules y el mar de la infancia.</p>
<p>Diese blauen Tage und das Meer der Kindheit.</p>
<p>Am 22. Februar 1939 starb Antonio Machado. Er ist auf dem Friedhof von Collioure begraben. Viele spanische Jugendgruppen reisen dorthin. Das Grabmal ist auch heute jederzeit besät mit Blumen und Briefen und Steinen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>XIII. Gebet</strong></p>
<p>Der nicaraguanische Dichter Rubén Darío (1867–1916) war eine Zeitlang mit Antonio Machado befreundet. Er schrieb das folgende Gedicht:</p>
<p><strong>Oracion por Antonio Machado</strong></p>
<p>Misterioso y silencioso<br />
iba una y otra vez.<br />
Su mirada era tan profunda<br />
que apenas se podía ver.<br />
Cuando hablaba tenia un dejo<br />
de timidez y de altivez.<br />
Y la luz de sus pensiamentos<br />
casi siempre se veía arder.<br />
Era luminoso y profundo<br />
como era hombre de buena fe.<br />
Fuera pastor de mil leones<br />
y de corderos a la vez.<br />
Conduciría tempestades<br />
o traería un panal de miel.<br />
Las maravillas de la vida<br />
y del amor y del placer,<br />
cantaba en versos profundos<br />
cuyo secreto era de él.<br />
Montado en un raro Pegaso,<br />
un día al imposible fue.<br />
Ruego por Antonio a mis dioses,<br />
ellos le salven siempre. Amén.</p>
<p><strong>Gebet für Antonio Machado</strong></p>
<p>Geheimnisvoll und schweigsam<br />
ging er jedesmal.<br />
Sein Blick war so tief<br />
daß man ihn kaum sah.<br />
Wenn er gesprochen hatte, war ein Nachklang<br />
von Schüchternheit und Hochmut.<br />
Und das Licht seiner Gedanken<br />
sah man fast immer brennen.<br />
Er war lichtvoll und tief<br />
und ein wohlmeinender Mann.<br />
Er war ein Hirte von tausend Löwen<br />
und Lämmern zugleich.<br />
Er brachte Unwetter mit<br />
oder eine Honigwabe.<br />
Die Wunder des Lebens,<br />
der Liebe und der Lust<br />
sang er in tiefen Versen,<br />
deren Geheimnis er selbst war.<br />
Er stieg auf einen seltenen Pegasus<br />
und eines Tags war er in der Nähe des Unmöglichen.<br />
Bittgebet für Antonio zu meinen Göttern,<br />
sie sollen ihn retten für immer. Amen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/antonio-machado/">Antonio Machado – Notizen zu seinem Leben und einige Gedichte mit deutscher Übersetzung</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hal Sirowitz: MOTHER SAID</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/hal-sirowitz-mother-said/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Dec 2019 09:57:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Übersetzungen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=2817</guid>

					<description><![CDATA[<p>Hal Sirowitz: Mother Said &#160; Beschädigter Körper Bei Regen solltest du nicht im Meer schwimmen, sagte Mutter. Es könnte ein Blitz ins Wasser schlagen, &#38; dann bist du gelähmt wie Gemüse. Du magst kein Gemüse. Stell dir vor, wie es wäre, wenn du für den Rest deines Lebens Gemüse sein müßtest. Jemand wird dich waschen [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li></li>
</ul>
<h4><span style="color: #808080; font-size: 18pt;">Hal Sirowitz: Mother Said</span></h4>
<p>&nbsp;</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Beschädigter Körper</strong></span></h5>
<p>Bei Regen solltest du nicht im Meer schwimmen,<br />
sagte Mutter. Es könnte ein Blitz ins Wasser schlagen,<br />
&amp; dann bist du gelähmt wie Gemüse. Du magst kein Gemüse.<br />
Stell dir vor, wie es wäre, wenn du<br />
für den Rest deines Lebens Gemüse sein müßtest.<br />
Jemand wird dich waschen müssen,<br />
dich zur Toilette bringen, dich füttern.<br />
Die Kinder werden dich ärgern. Aber<br />
du könntest natürlich Glück haben &amp; nur von einem<br />
Blitz mit Schwachstrom getroffen werden. Dann<br />
wirst du ein pfiffiges Gemüse, zum Beispiel Spargel.<br />
Du wirst in der Lage sein, dein Bett selbst zu machen –<br />
was du jetzt natürlich nicht tust – aber die Leute<br />
werden soviel Mitleid haben, daß sie nicht mit dir reden.<br />
Du denkst vielleicht, es würde Spaß machen,<br />
den ganzen Tag so im Haus herumzugemüsen. Aber<br />
immer, wenn du dann über deine Lage nachdenkst,<br />
– zum Beispiel: wäre es nicht toll, ein Schokoladeneis<br />
zu essen – dann flackert der Gedanke &amp; geht aus.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Arm ab</strong></span></h5>
<p>Streck den Arm nicht aus dem Fenster,<br />
sagte Mutter. Es könnte plötzlich ein anderes Auto<br />
auftauchen &amp; den Arm abreißen. Dann muß<br />
dein Vater anhalten, das abgetrennte Teil in den<br />
Kofferraum stecken &amp; dich zum Krankenhaus bringen.<br />
Es ist nicht wie die Teile von deinem Fernrohr,<br />
die man wieder zusammen klacken kann. Ein Arzt wird ihn<br />
annähen. Du wirst nie mehr kurze Ärmel tragen können.<br />
Du willst ja nicht, daß man die Einstiche sieht.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Krümel</strong></span></h5>
<p>Iß nicht in deinem Zimmer,<br />
sagte Mutter. Du züchtest das Ungeziefer.<br />
Die Biester leben von Leuten wie dir.<br />
Sonst würden sie verhungern.<br />
Wen willst du eigentlich glücklich machen:<br />
Deine Mutter oder eine Horde Ameisen?<br />
Was haben sie jemals für dich getan?<br />
Nichts. Sie sind völlig gefühllos.<br />
Sie essen deine Süßigkeiten auf. Trotzdem<br />
behandelst du sie besser als mich.<br />
Du fütterst &amp; fütterst sie.<br />
Und mir hast du noch nie etwas angeboten.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Söhne</strong></span></h5>
<p>Wir sind Juden, sagte Vater.<br />
Also glauben wir nicht an Christus.<br />
Wenn es Gottes Wille wäre, daß wir Jesus verehren,<br />
hätte er bestimmt eine Möglichkeit gefunden,<br />
Italiener aus uns zu machen. Ich habe nichts<br />
gegen Ihn. Wahrscheinlich war Er ein netter Mann.<br />
Er hat sich Mühe gegeben, das muß man anerkennen.<br />
Eine Menge Leute glaubt bis heute, Er ist der Sohn Gottes.<br />
Ich weiß nicht, was Er gegen seinen wirklichen Vater hatte.<br />
Aber wenn du das mit mir machen würdest, ich meine: Sagen,<br />
du wärst der Sohn eines anderen, das würde mir weh tun.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Wie ich entstanden bin</strong></span></h5>
<p>Mein Vater kämmte sich das Haar zurück,<br />
eher er losging, um meine Mutter zu treffen<br />
in der Lobby vom Hotel Astor. Er<br />
wartete unter der Uhr. Sie<br />
strich über die Knöpfe an ihrer Bluse,<br />
um sicher zu sein, daß keiner offen war. Dann<br />
ging sie auf ihn zu. Sie küßten sich.<br />
Sie gingen tanzen. Als der Barkeeper nicht guckte,<br />
kippte sich mein Vater Whiskey ins Sprudelwasser,<br />
den er in seiner Jacke versteckt hatte.<br />
Er war bald betrunken. Sie brachte ihn zu einer Parkbank,<br />
gab ihm Kaffee &amp; Erdnüsse, bis er einigermaßen<br />
nüchtern war. Ich war noch nicht geboren.<br />
Ich war nur eine vage Idee in ihren Herzen,<br />
die deutlicher wurde, je näher sie zu ihr nach Hause kamen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Denk an mich</strong></span></h5>
<p>Jedes Wochenende fahren deine Mutter &amp; ich raus,<br />
um Friedhöfe anzugucken, wie andere Leute Musterhäuser<br />
besichtigen, sagte Vater. Wir haben nicht denselben Geschmack.<br />
Ich mag gerne Hügel mit Blick auf den Verkehr, während sie<br />
Blumenbeete bevorzugt. Sie sehnt sich nach einem Stückchen<br />
Erde abseits vom Verkehrslärm. Was den Tod betrifft, richte<br />
ich mich nach ihr, sonst habe ich im Leben die Hölle.<br />
Aber wenn du Kerzen für uns anzündest, sieh zu, daß ihre<br />
mitten auf einer geblümten Tischdecke steht. Und meine<br />
auf dem Fensterbrett. Sprich keine Gebete für mich,<br />
mach einfach deinen Finger naß &amp; geh damit durch die Flamme.<br />
Wenn du an mich denkst, denk an die Tricks, die ich dir beigebracht habe.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Keine Geburtstage mehr</strong></span></h5>
<p>Fuchtel nicht mit dem Regenschirm im Supermarkt herum,<br />
sagte Mutter. Da stehen massenweise Gläser<br />
mit Spaghetti-Sauce über deinem Kopf,<br />
die können auf dich fallen &amp; dann bist du tot.<br />
Dann kannst du weder heute abend zur Party gehen<br />
noch morgen auf die Bowlingbahn.<br />
Und anstatt deinen Geburtstag zu feiern<br />
mit Limonade &amp; Keksen,<br />
müssen wir deine Todestage mit Tee<br />
&amp; Käsecrackern begehen. Und dein Vater &amp; ich<br />
werden nie mehr Spaghetti essen können, weil<br />
uns die Marinara-Sauce an dich erinnert.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Verkrüppelter Finger</strong></span></h5>
<p>Steck deinen Finger nicht in die Ketchup-Flasche,<br />
sagte Mutter. Er könnte stecken bleiben, &amp;<br />
dann muß du warten, bis dein Vater nach Hause kommt<br />
&amp; ihn herauszieht. Er wird<br />
nicht besonders erfreut sein, einen dreckigen Fingernagel<br />
in dem Ketchup herumlungern zu sehen, den er sich<br />
auf seinen Hamburger tut. Er wird so fest an deinem Finger<br />
ziehen, daß du für den Rest deines Lebens nie mehr<br />
einen Ring daran tragen kannst.<br />
&amp; wenn du jemals eine Freundin haben solltest,<br />
&amp; ihr seid beim Händchenhalten, dann wird sie dich<br />
fragen, warum einer von deinen Fingern verkrüppelt ist.<br />
Dann wirst du ihr wohl oder übel sagen müssen,<br />
daß du nicht auf deine Mutter gehört hast &amp;<br />
unbedingt mit der Ketchup-Flasche spielen mußtest,<br />
&amp; dann wird sie denken, wahrscheinlich hört er<br />
auf mich genau sowenig, &amp; sie wird deine Hand zurückstoßen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Fehlender Finger</strong></span></h5>
<p>Halt deine Hand nicht ins Wasser,<br />
Wenn dein Vater rudert, sagte Mutter. Ein Fisch<br />
könnte denken, daß einer deiner Finger ein Wurm ist –<br />
Ich habe gehört, daß Fische von dem dauernden Wasser in den<br />
Augen kurzsichtig werden – &amp; er beißt ihn ab.<br />
Dann kannst du an deinen Fingern nicht mehr<br />
bis zehn zählen &amp; du wirst alle<br />
Mathe-Tests in den Sand setzen &amp; als Torwart<br />
wirst du den Ball nicht mehr vernünftig fangen können<br />
&amp; statt Elfmeter zu töten<br />
wirst du als Balljunge enden. Und bilde dir ja nicht ein,<br />
nur weil du einen Fingernagel weniger zu schneiden hast,<br />
würden wir dich hinten &amp; vorne bedienen, als<br />
wärst du ein Krüppel. Die übrigen Finger müssen<br />
lernen, härter zu arbeiten.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Hundeverstand</strong></span></h5>
<p>Daß mein Hund, sagte sie, dich anspringt &amp; abküßt<br />
jedesmal wenn du das Haus betrittst,<br />
das heißt noch lange nicht, daß sie weiß, was sie tut.<br />
Wahrscheinlich hat sie das von mir, sie hat gesehen,<br />
wie ich dich geküßt habe, &amp; nun denkt sie, so muß man es<br />
machen, aber als sie gesehen hat, wie ich dich geküßt habe,<br />
das war, ehe ich wußte, was für ein Idiot du bist,<br />
&amp; sie kann das nicht auseinanderhalten.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Hundeherz</strong></span></h5>
<p>Der einzige Grund, warum ich so lange mit dir zusammen<br />
geblieben bin, sagte sie, war, wenn ich Schluß<br />
gemacht hätte, wäre mein Hund traurig geworden, er war<br />
fast schon abhängig von dir, wegen des Futters &amp;<br />
der Spaziergänge, während ich dich wohl kaum vermissen werde,<br />
du hast ja nie etwas für mich getan,<br />
zum Glück kann ich allein spazierengehen &amp; essen,<br />
trotzdem tut es mir irgendwie leid, denn immer, wenn<br />
ich den Hund maulen höre, könnte es sein, daß er zu dir will.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Mein Sohn sorgt für mich</strong></span></h5>
<p>Ich kann mich nicht umbringen, sagte Mutter,<br />
es ist verboten nach dem jüdischen Gesetz,<br />
also bin ich darauf angewiesen, daß du es erledigst,<br />
&amp; du machst wirklich ganze Arbeit. Du<br />
hast mir schon ein paar Tage von meinem Leben gestohlen,<br />
als du mit diesen verdreckten Schuhen rein kamst<br />
&amp; eine Spur durchs ganze Haus gezogen hast. Ich mußte<br />
auf die Knie gehen, um den Boden zu schrubben,<br />
&amp; ich sagte mir, mein Sohn meint es gut<br />
mit dir, er kürzt<br />
mein Leben ab, damit ich mir keine<br />
Sorgen ums Alter machen muß, aber wenn ich ihm wirklich wichtig<br />
wäre, dann würde er meinem Leben genau jetzt ein Ende machen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Not talking to me again</strong></span></h5>
<p>Schönheit ist dünn wie Haut, sagte Vater,<br />
aber sag nicht deiner Mutter, daß ich dir das gesagt habe,<br />
sonst denkt sie, ich fände<br />
sie häßlich. Aber ich habe sie<br />
nicht nur wegen ihres Aussehens geheiratet,<br />
sondern weil ich dachte, sie ist nett.<br />
Heute abend trifft das anscheinend nicht zu. Aber<br />
vielleicht stimmt es morgen wieder.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Mein toter Goldfisch</strong></span></h5>
<p>Ich hätte gern einen Alligator gehabt,<br />
aber meine Eltern schenkten mir einen Goldfisch.<br />
Als er starb, warf meine Mutter ihn ins Klo<br />
&amp; zog ab. Sie sagte, wenn wir ihn im Garten beerdigen,<br />
könnte eine Katze ihn ausbuddeln &amp; essen.<br />
Ich war sauer auf meinen Vater, weil er zur Toilette ging<br />
zehn Minuten nach der Beerdigung.<br />
Er hatte keinen Respekt vor dem Toten.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Zwei Besuche an einem Tag</strong></span></h5>
<p>Wir fahren zum Friedhof, ein paar<br />
tote Verwandte besuchen, sagte Mutter, &amp; auf dem Rückweg<br />
gucken wir noch bei deiner Tante vorbei.<br />
Es ist eine gute Gewohnheit, das Lebendige<br />
mit dem Toten zu mischen. Andernfalls<br />
würden wir uns entweder auf dem Friedhof langweilen,<br />
oder wenn wir zu lange bei ihr blieben,<br />
würden wir wünschen, sie wäre tot. Außerdem wenn wir<br />
zwei Sachen an einem Tag erledigen, können wir uns<br />
nächstes Wochenende ins Vergnügen stürzen, zum Beispiel<br />
ans Meer fahren. Wenn deine Tante wie üblich<br />
zu viel redet, werden wir ihr sagen, wir kommen<br />
grade vom Friedhof. Dann dürfte sie stiller werden.<br />
Sie geht nämlich nie hin, &amp; das zeigt, je öfter man<br />
die Toten besucht, um so weniger hat man zu sagen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Hörner auf der Stirn</strong></span></h5>
<p>Je weiter du dich von zu Hause fortwagst,<br />
sagte Mutter, desto weniger wirst du die Leute kennen.<br />
Hier auf unserer Straße hat jeder von dir gehört<br />
oder dich wenigstens ein Mal gesehen. Aber<br />
hinter der nächsten Kreuzung erkennt dich vielleicht<br />
nur noch einer wieder. Und dann kommen hunderte<br />
von Straßen, wo keiner auch nur ahnt, daß es dich gibt.<br />
Und das geht immer weiter so, bis du<br />
nach Nebraska kommst, da ist es noch schlimmer.<br />
Die Leute da haben noch nie einen Juden gesehen.<br />
Sie glauben, du hast Hörner auf der Stirn, &amp; sie werden<br />
sie sehen wollen. Deshalb darfst du nie<br />
zu weit weg von mir gehen. Du willst doch nicht,<br />
daß irgendwelche Fremden dauernd an deinem Kopf herumtatschen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Breaking up is hard to do</strong></span></h5>
<p>»Wir haben keinerlei Gemeinsamkeiten«,<br />
sagte ich. »Wir sind vollkommen verschieden.<br />
Es hat keinen Zweck zusammen zu bleiben.«<br />
Aber dann fing sie an, meinen Penis zu massieren,<br />
von außen durch die Hose, &amp; plötzlich fiel mir ein,<br />
daß wir beide indisches Essen mögen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Serenade</strong></span></h5>
<p>Wir saßen so dicht beieinander in der U-Bahn,<br />
daß ein Polizist kam<br />
&amp; seinen Schlagstock raus holte<br />
ihn unters Kinn klemmte wie eine Geige<br />
&amp; tat, als ob er uns ein Ständchen bringen wollte.<br />
Das war in dem Jahr, als wir uns so geliebt haben,<br />
daß er uns dafür hätte verhaften können.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Notlage</strong></span></h5>
<p>Ich habe deine blaue Unterwäsche weggeworfen,<br />
sagte Mutter. Es war ein Loch drin.<br />
Niemand, der mein Sohn heißt, muß<br />
so etwas anziehen.<br />
Es fällt alles auf mich zurück.<br />
Ich weiß, daß man es von außen nicht sieht.<br />
Aber sicher ist das nicht. Du brauchst dir nur<br />
ein Bein zu brechen. Du kommst ins Krankenhaus.<br />
Die Schwester zieht dir die Hose aus &amp; sieht es sofort.<br />
Der Arzt macht dir keinen Gips, weil er denkt, deine Eltern<br />
können es nicht bezahlen. Ich habe dich nicht großgezogen,<br />
damit du mich in Verlegenheit bringst. Als du klein warst,<br />
habe ich dir Mädchensachen angezogen. Du warst zauberhaft.<br />
Das ganze Gesicht voller Locken.<br />
Aber seien wir ehrlich, so süß bist du nicht mehr.<br />
Du bis zu alt, um einfach irgendwie rumzulaufen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Body parts</strong></span></h5>
<p>Steck deine Hand nicht durchs Gitter,<br />
sagte Mutter, wenn du mit dem Aufzug fährst.<br />
Ich habe mal in einer Zeitung von einem Jungen<br />
gelesen, dem der Zeigefinger abgerissen ist,<br />
als er genau das machte, was du jetzt tust.<br />
Seine Eltern rasten mit ihm ins Krankenhaus,<br />
aber in der Aufregung haben sie vergessen,<br />
den abgerissenen Finger mitzunehmen.<br />
Sie fuhren zurück, aber da war er schon weg.<br />
Wahrscheinlich hat ihn eine Putzfrau weggeworfen.<br />
Die Ärzte mußten ihm einen fremden Finger<br />
an den Stumpf nähen, &amp; so viel ich weiß,<br />
hat er nicht gepaßt &amp; er muß Handschuhe tragen,<br />
sogar im Sommer.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Gibt es einen Gott?</strong></span></h5>
<p>Es gibt keinen Beweis, daß im Himmel ein Gott ist,<br />
sagte Mutter. Aber das Gegenteil kann auch<br />
keiner beweisen. Nur die Toten wissen Bescheid.<br />
Aber sie haben genug damit zu tun, tot zu sein.<br />
Deshalb sagen sie nichts. Wenn ich du wäre,<br />
ich ginge in die Synagoge, um auf Nummer sicher zu gehen.<br />
Wenn Er tot ist, verlierst du weiter nichts als<br />
die Zeit, die du mit Beten verbracht hast. Aber wenn es Ihn gibt,<br />
&amp; du bist nicht hingegangen, dann kriegst du jede Menge Ärger.<br />
Es wird dir nicht gefallen in der Hölle,<br />
Du hast es nicht gern, wenn es so heiß ist.<br />
Außerdem könnte ich dich nie besuchen.<br />
Für Engel ist nämlich der Zutritt verboten.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Der Tag beginnt</strong></span></h5>
<p>Ich brauchte nicht zur Schule zu gehen, um zu lernen,<br />
wie man Mutter wird, sagte Mutter. Das kam<br />
ganz von allein. Wenn ich dir die Flasche<br />
in den Mund steckte, warst du zufrieden. Wenn ich sie<br />
zu schnell wieder rauszog, hast du geweint.<br />
&amp; wenn ich dich allein ließ, warst du sauer.<br />
Deshalb überrascht es mich außerordentlich,<br />
daß du nach all den Jahren noch immer nicht weißt,<br />
wie sich ein Sohn zu benehmen hat. Ich habe soviel über dich gelernt<br />
in den ganzen Jahren, &amp; du<br />
überhaupt nichts von mir.<br />
Wenigstens eins hätte dir auffallen können, nämlich,<br />
daß ich es hasse, dein Zimmer zu betreten, &amp;<br />
dein ungemachtes Bett zu sehen. Das ist für mich, als ob<br />
der Tag nicht anfängt. Der Morgen beginnt, wenn<br />
du dein Bett gemacht hast. &amp; keine Minute eher.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Night tricks</strong></span></h5>
<p>Ich denke niemals nach, wenn ich im Bett liege,<br />
sagte Vater. Ich kriech unter die Decke,<br />
um den Tag zu vergessen. Als ich jünger war,<br />
habe ich mich hin- und hergewälzt<br />
mit irgendwelchen tollen Geschäftsideen.<br />
Einmal bin ich die ganze Nacht aufgeblieben &amp; morgens<br />
rannte ich ins Büro &amp; erzählte dem Chef meinen Plan<br />
&amp; wie reich wir damit würden. Er lachte mich aus.<br />
Ich fühlte mich wie ein Idiot. Die Nacht gaukelt<br />
dir was vor. Sie macht, daß du dir schlauer vorkommst<br />
als du bist. Deshalb geh ich immer früh ins Bett<br />
&amp; laß deine Mutter lang aufbleiben.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Wenn ich mal für meinen Hund sprechen darf</strong></span></h5>
<p>Du hast meiner Hündin ein neues Halsband gekauft,<br />
sagte sie, wofür sie dir dankbar ist<br />
&amp; wofür ich dir ebenfalls danke. Sie will,<br />
was alle Hunde wollen: Liebe und pünktlich<br />
gefüttert werden, was du ja auch tust, aber sie<br />
wäre vermutlich noch glücklicher, wenn du auch ihrer<br />
Besitzerin, also mir, etwas Hübsches zum<br />
Anziehen schenken würdest, anstatt mir nur Küsse<br />
zu geben, die ich auch von ihr kriegen kann,<br />
und sie hat eine längere Zunge.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Hundeerziehung</strong></span></h5>
<p>Als ich in dich verliebt war, sagte sie,<br />
&amp; mein Hund deine Hand ablecken &amp; küssen wollte,<br />
dachte ich, sie hat einen guten Geschmack, aber als<br />
ich wütend auf dich wurde &amp; sie<br />
dir immer noch nachlief egal wohin,<br />
dachte ich sie hat einen schlechten Geschmack, &amp; es war<br />
mir peinlich, daß sie es vielleicht von mir<br />
haben könnte. &amp; wenn ich dich dann angebrüllt habe<br />
&amp; deine Schuhe durch die Bude gekickt,<br />
ich möchte, daß du weißt, daß ich es nur wegen ihr<br />
getan habe, damit sie weiß wie man reagieren muß,<br />
&amp; nicht so unterwürfig ist, wenn sie sich mal<br />
in einen anderen Hund verliebt, &amp; es stellt sich raus,<br />
er ist ein Idiot.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Fernseherfahrung</strong></span></h5>
<p>Ich hatte nicht so eine Ausbildung wie du,<br />
sagte Vater, aber das heißt nicht,<br />
daß ich dumm wäre. Es heißt nur, daß ich mir<br />
alles selbst beibringen mußte.<br />
Dies ist ein wunderbares Land.<br />
Ich mag es nicht, wenn du es schlecht machst.<br />
Du kennst Vietnam<br />
nur vom Fernsehen. Du hast keine wirkliche<br />
Ahnung davon. Wenn du so unheimlich klug wärst,<br />
hättest du bestimmt herausgefunden,<br />
wie du zur Schule gehen kannst,<br />
ohne daß es mich einen Pfennig kostet.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Wie man betet</strong></span></h5>
<p>Bete nie um materielle Dinge,<br />
sagte Mutter, zum Beispiel um neue Fußballschuhe.<br />
Gott mag das nicht. Spar Ihn dir auf<br />
für wichtigere Dinge, zum Beispiel wenn einer von uns<br />
sehr krank wird. Man kann sich bei Ihm<br />
am besten dadurch beliebt machen, daß man um<br />
etwas Allgemeines bittet, wie Gesundheit &amp; Glück.<br />
&amp; sag Ihm, Er muß es dir nicht sofort geben,<br />
es reicht, wenn du es später kriegst, in der Zukunft.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Wortmacht</strong></span></h5>
<p>Ich hätte noch einen Sohn haben können,<br />
sagte Mutter, aber dann hätte ich meine Liebe<br />
aufteilen müssen. Also verzichtete ich<br />
&amp; habe nur dich. Aber manchmal denke ich,<br />
ich hätte die Konkurrenz ganz gut gebrauchen können,<br />
die ein kleiner Bruder bedeutet hätte.<br />
Die Verwandten hätten ihn auf den Arm genommen<br />
&amp; in die Luft geworfen. Das hätte dir vielleicht<br />
einen Stich gegeben, daß du endlich etwas tust. Denn<br />
jetzt bist du sogar zu faul, nur ein Wort im Lexikon<br />
nachzuschlagen &amp; dein Wortschatz ist sehr begrenzt<br />
&amp; eines Tages wird deine Frau dich fragen,<br />
ob du sie wirklich liebst. Dann solltest du Ja sagen &amp;<br />
daß sie eine <em>magische Attraktion</em> auf dich ausübt. Aber leider<br />
weißt du nicht, was dieses Wort überhaupt bedeutet<br />
&amp; so wirst du es nicht gebrauchen können. &amp; selbst<br />
wenn sie dir <em>Webster’s Unabridged Dictionary<br />
</em>zum Geburtstag schenkt, würdest du<br />
den Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstehen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Kindness</strong></span></h5>
<p>Man braucht Kinder, die sich im Alter um einen kümmern,<br />
sagte Mutter, nicht daß ich von dir erwarten würde,<br />
daß du dich um mich kümmerst, wenn ich<br />
alt bin. Wenn du nur lernen würdest,<br />
dich um dich selbst zu kümmern &amp; einer geregelten Arbeit<br />
nachzugehen, dann wäre ich schon glücklich. Ich erwarte nicht,<br />
daß du mich unterstützt, wenn ich alt bin, obwohl ich doch<br />
hoffe, du wirst es mir mit Freundlichkeit vergelten,<br />
daß ich dich auf die Welt gebracht habe.<br />
Du brauchst mir nicht alle Freundlichkeit sofort zu geben,<br />
du kannst es über die Jahre strecken.<br />
Ohne mich wärest du nicht am Leben,<br />
sondern du wärst stecken geblieben, eingesperrt<br />
in die Spermazellen deines Vaters, &amp; könntest nicht raus.<br />
Ich habe nie etwas dafür verlangt, daß ich dich aufziehe, aber<br />
manchmal denke ich, wenn du hättest zahlen müssen für die<br />
Zeit, in der ich dir Manieren beigebracht habe, dann hättest du was gelernt.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Locked door</strong></span></h5>
<p>Ich habe immer darauf gewartet, daß ein Feuer im Haus ausbricht,<br />
so daß ich meine Eltern hätte wecken &amp; ihnen<br />
das Leben retten können. Dann hätten sie mich<br />
mehr lieben müssen. Aber das Haus brannte nicht,<br />
&amp; ich weiß nicht, was meine Eltern hinter der<br />
verschlossenen Schlafzimmertür gemacht haben, ich wußte nur,<br />
daß sie nicht an mich gedacht haben. Sie brachten mich<br />
früher ins Bett, auch wenn ich gar nicht<br />
müde war, sie sagten, sie bräuchten mehr Schlaf,<br />
aber morgens sahen sie nie sehr ausgeruht aus.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Nachrichten von meinem Tod</strong></span></h5>
<p>Wenn du eine Zeitlang bei einer Freundin<br />
bleibst, sagte Mutter, ruf mich an &amp; gib mir<br />
ihre Telefonnummer. Wenn ich tot<br />
umfalle, dann solltest du es doch von einem<br />
Mitglied der Familie erfahren &amp; nicht zufällig<br />
in den Todesanzeigen der Zeitung lesen.<br />
Du kannst sie ruhig zur Beerdigung mitbringen,<br />
wenn sie Lust hat, aber du solltest vorher<br />
nach Hause gehen &amp; dich umziehen.<br />
Zieh auf jeden Fall ein schwarzes Jackett an<br />
&amp; einen schwarzen Schlips.<br />
Schone deinen Vater &amp; sieh zu, daß<br />
er nicht ebenfalls tot umfällt, weil er sich<br />
Sorgen macht, ob du überhaupt noch lebst. &amp; sollte ich<br />
nur einen Herzanfall erleiden<br />
&amp; möchte, daß du mich im Krankenhaus besuchst,<br />
hab keine Angst, daß ich dich in Verlegenheit bringe,<br />
ich werde ihr nicht sagen, daß ich deine Mutter bin,<br />
ich werde einfach sagen, ich bin eine Nachbarin.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Gefährliche Küsse</strong></span></h5>
<p>Wir gingen in einen Park, der so gefährlich war,<br />
daß du beim Küssen dein Taschenbuch<br />
festhalten mußtest. &amp; ich dachte mir,<br />
wenn du dein Leben riskierst, um mich zu küssen,<br />
würdest du mich bestimmt mit zu dir nehmen,<br />
wo wir sicher waren. Aber du scheinst die<br />
Gefahr geliebt zu haben.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Norden</strong></span></h5>
<p>Als wir die gefüllten Auberginen aufgegessen hatten<br />
in dem Türkischen Restaurant find mein Penis an<br />
wie eine Kompaßnadel zu arbeiten.<br />
Er zeigte auf dich. Aber du hast in eine<br />
andere Richtung geguckt. Du wolltest<br />
nicht entdeckt werden.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Trial and Tribulation</strong></span></h5>
<p>Steck deine Finger nicht in die Steckdose,<br />
sagte Mutter. Du könntest einen Schlag kriegen,<br />
&amp; wenn du davon nicht stirbst, behältst<br />
du trotzdem eine Menge Elektrizität in den Haaren.<br />
Das geht nicht mit Shampoo raus.<br />
Dein Haar wird aufrecht von deinem Kopf abstehen,<br />
&amp; jeder sieht, was du getan hast.<br />
Wenn Gott nicht wollte, daß du Locken hast,<br />
hätte er dich einer anderen Mutter gegeben.<br />
Aber Er hat dich mir gegeben, &amp; ich frage mich, warum.<br />
Ich bin in die Synagoge gegangen &amp; habe gebetet.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Pennerleben</strong></span></h5>
<p>Du wirst als Penner enden, sagte Mutter<br />
wenn du nicht schon einer bist, aber du wirst<br />
sehr schnell herausfinden daß selbst ein Penner<br />
hart arbeiten muß, wenn er die Leute überzeugen will<br />
daß er wirklich arm ist. Wenn es regnet<br />
kannst du nicht mit dem Regenschirm<br />
da stehen &amp; um Geld betteln, sondern<br />
du mußt richtig naß werden, denn je mehr du<br />
tropfst, um so mehr Mitleid kriegst du, &amp;<br />
wenn du unter die dusche gehst, dann nur<br />
ohne seife, denn wenn kein<br />
Dreck in deinem Gesicht ist, wirkst<br />
du nicht echt, &amp; wenn jemand dir ein<br />
altes Stück Brot gibt, mußt du es<br />
wohl oder übel essen, auch wenn du keinen Hunger hast,<br />
sonst kommst du in den Ruf<br />
wählerisch zu sein, &amp; dann gibt dir niemand mehr irgendwas.<br />
Das einzige, worum ich dich bitte, wenn du<br />
diesen Beruf ergreifen solltest,<br />
ist wenn ich dich auf der Straße treffe<br />
&amp; drück dir ein paar Dollars in die Hand,<br />
laß dir nicht anmerken, daß du mich kennst,<br />
denn ich will nicht, daß irgend jemand weiß,<br />
daß ich deine Mutter bin.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Zwei Beerdigungen für dieselbe Person</strong></span></h5>
<p>Nach dem jüdischen Gesetz, sagte Mutter,<br />
darfst du deinen Arm, wenn er abgerissen ist,<br />
nicht einfach wegwerfen, sondern<br />
du mußt ihn zum Friedhof bringen &amp; beerdigen, weil<br />
man ihn als Teil des Menschen betrachtet. &amp; man darf<br />
auch nicht zwei Gräber haben, einen für den Arm<br />
in New York, einen für den restlichen Körper<br />
in New Jersey. Alle Teile<br />
müssen an derselben Stelle beerdigt werden.<br />
Wenn du also deinen Arm in New York verlierst,<br />
aber zum Beispiel in Kalifornien<br />
stirbst, könnten deine Hinterbliebenen<br />
dich nicht in Kalifornien beerdigen, sondern<br />
müßten dich die ganze Strecke bis New York zurückfliegen,<br />
damit du wieder mit deinem Arm vereint bist,<br />
&amp; bilde dir ja nicht ein, der Flug wäre gratis,<br />
Nur weil du tot bist.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Krieg im Haus</strong></span></h5>
<p>Wir waren eine friedliche Familie,<br />
sagte Mutter, bis du Vietnam<br />
ins Haus gebracht hast. Ich will keinen Krieg<br />
in meinem Wohnzimmer. Wenn ihr streiten wollt,<br />
du &amp; dein Vater, geht gefälligst<br />
in den Garten. Da ist Platz genug<br />
Wir nutzen den Garten ohnehin viel zu wenig.<br />
Wir sollten ihn viel mehr nutzen. &amp; wenn ihr beide<br />
genug herumgebrüllt habt &amp; euch entschließen könnt,<br />
zur Abwechslung mal was Nützliches zu tun,<br />
dann könnt ihr die verwelkten Blätter aufsammeln.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Eins kommt zum andern</strong></span></h5>
<p>Als ich deine Unterhosen in die<br />
Waschmaschine tat, sagte Mutter, sind mir einige<br />
braune Flecken aufgefallen, was nur heißen kann,<br />
daß du nicht genug Klopapier benutzt,<br />
wenn du zur Toilette gehst. &amp; wenn du<br />
eines Tages das Haus verläßt &amp; heiratest,<br />
deine Frau ist nicht mit dir verwandt, sie<br />
wird nicht so tolerant sein wie ich es bin.<br />
Du willst doch bestimmt nicht, daß sie getrennte Wäschen<br />
macht, eine mit ihren Sachen, eine mit deinen,<br />
denn dadurch würde sie sich vielleicht angewöhnen<br />
auch andere Dinge getrennt zu machen, zum Beispiel essen.<br />
&amp; wenn sie merkt, wieviel angenehmer es ist, nicht<br />
mit dir zusammen zu essen, weil sie dich nicht dauernd<br />
auf deinem Hamburger herummampfen hört, dann könnte sie<br />
versuchen, überhaupt nicht mehr mit dir zusammen<br />
zu leben, also praktisch Scheidung.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Mehr Lippenstift</strong></span></h5>
<p>Ich fragte mich, warum sie sich dauernd die Lippen<br />
nachzog, denn wenn wir uns küßten, ging<br />
gleich wieder alles ab. Aber ich fürchte,<br />
sie wußte was sie tat, denn<br />
als Bettzeit war, hat sie mich<br />
nur umarmt.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Beziehungsexperte</strong></span></h5>
<p>Ich sagte meiner Therapeutin, daß ich eine Freundin hatte.<br />
Sie sagte mir, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen,<br />
ich könnte auf sie zählen, sie würde mir helfen,<br />
sie wäre nämlich Experte für Beziehungen,<br />
&amp; seit mehr als zwanzig Jahren verheiratet.<br />
Sie sagte, die beste Methode ist,<br />
Sich selber klein zu machen &amp; das Partner-Ego zu stärken.<br />
Sie sagte, ihr Mann sei ebenfalls Arzt,<br />
aber sie erzählt ihm immer, er sei der bessere Arzt,<br />
&amp; wenn sie jemals krank würde,<br />
würde sie sich nur von ihm behandeln lassen. Also<br />
sagte ich zu meiner Freundin, daß sie viel besser<br />
im Bett ist als ich. Sie antwortete, das hätte sie auch schon gemerkt.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Der heiße Ofen</strong></span></h5>
<p>Mutter war wie ein Jongleur,<br />
sie konnte fünf Sachen<br />
gleichzeitig kochen, &amp; wenn<br />
ihr mal etwas verkochte, dann nahm<br />
sie das nicht tragisch,<br />
sie glich es einfach aus,<br />
indem sie etwas anderes ein bißchen roh servierte.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Genie</strong></span></h5>
<p>Das ist kein Mädchen auf dem Bild,<br />
sagte Mutter. Das ist Albert Einstein.<br />
Er ist anders als wir. Er ist ein Genie.<br />
Er darf sein Haar so lang tragen.<br />
Mach dich nicht über ihn lustig.<br />
Wenn du jemals so schlau wirst wie er,<br />
dann brauchst du nicht mehr zum Friseur.<br />
Aber glaub mir, es lohnt sich nicht.<br />
Man kriegt es kaum geregelt. Du brauchst die<br />
doppelte Zeit zum kämmen, um all die Knoten rauszukriegen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Den Weg nach Hause finden</strong></span></h5>
<p>Lehn dich nicht ans Schaufenster,<br />
sagte Mutter. Es geht kaputt,<br />
&amp; wenn ein Wunder geschieht &amp; du<br />
solltest dich nicht verletzen, wird der<br />
Geschäftsführer Schadensersatz verlangen.<br />
Zuerst werde ich natürlich versuchen<br />
so zu tun, als wäre ich nicht deine Mutter,<br />
aber wahrscheinlich wird der Zwang, dir eine zu kleben,<br />
stärker sein als die Vernunft, die gebieten würde,<br />
dich zu verstoßen. Und außerdem wüßte ich nicht,<br />
wie du nach Hause kämst, wenn ich mich davonschleichen würde.<br />
Ich flehe dich an, wenigstens hin &amp; wieder<br />
einen Blick auf die Verkehrsschilder zu werfen.<br />
Des täte übrigens auch deiner Zeugnisnote im Lesen ganz gut.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Zerbrochenes Glas</strong></span></h5>
<p>Schmeiß nicht gleich das nächste Glas kaputt,<br />
sagte Mutter, wenn du deine Milch trinkst.<br />
Als Moses die zehn Gebote zerbrach, mußte er nicht nur<br />
den ganzen Berg zum zweiten Mal hochklettern,<br />
um neue zu holen, sondern Gott bestrafte ihn zusätzlich<br />
dadurch, daß Moses warten mußte, bis er ins Gelobte Land kam.<br />
Vielleicht sollte ich dich aus Pappbechern<br />
trinken &amp; dich auf Gläser warten lassen,<br />
bis du einen eigenen Hausstand hast.<br />
Du solltest dankbar sein, daß ich netter bin als Gott.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Begräbnis-Ökonomie</strong></span></h5>
<p>Als ich dir zum Geburtstag ein Grab<br />
geschenkt habe, sagte Vater,<br />
statt daß du dankbar warst,<br />
hast du gesagt, du willst es nicht,<br />
du hättest keine Lust zu sterben.<br />
Aber man kann sich nicht auf den Tod vorbereiten.<br />
Er kommt, wann er will.<br />
Alles, was du tun kannst, ist<br />
dafür zu sorgen, daß du nicht arm wirst,<br />
wenn er kommt. Wenn du wartest, bis du im Sterben liegst,<br />
hast du vielleicht gar keine Zeit mehr<br />
eins zu kaufen. Du willst dann auch keine<br />
Scherereien mehr.<br />
&amp; wenn die Geschäftsleute erst merken,<br />
daß du dem Tode nahe bist,<br />
dann nehmen sie dir viel mehr ab als so.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Freundin beim Abendessen</strong></span></h5>
<p>Sie ist sehr hübsch, sagte Mutter,<br />
aber sie wird dich verlassen.<br />
Sie hat über ihre Zukunft geredet,<br />
&amp; bist nicht darin vorgekommen. Ich bat sie,<br />
sie soll noch mal das gleiche erzählen, es hätte ja<br />
sein können, daß sie sich vertan hat &amp; dich<br />
nur aus Versehen nicht erwähnte, aber<br />
in der zweiten Version kamst du auch nicht vor.<br />
Sie sprach davon, auswärts zu studieren,<br />
&amp; als ich sie gefragt habe, was sie alles mitnehmen würde,<br />
erwähnte sie ihren Mantel,<br />
ihre Schuhe, aber von dir war nicht die Rede.<br />
Sie sagt, sie schwärmt für dich, aber das sagen<br />
die Leute immer von ihren Puppen, wenn sie sie weggeben.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Was hat er anders gemacht?</strong></span></h5>
<p>Bei der Party waren seine Hände auf deinen Brüsten.<br />
Aber wenn wir weggehen,<br />
läßt du mich höchstens deine Kaffeetasse berühren.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Der Morgen danach</strong></span></h5>
<p>Als ich die Jalousien hochzog<br />
Dachte ich daran wie Gott sagte,<br />
es werde Licht,<br />
&amp; es ward Licht,<br />
also sagte ich zu ihr,<br />
laß &amp; jetzt nicht Schluß machen, &amp; sie sagte,<br />
Laß mir etwas Zeit, ich muß darüber nachdenken,<br />
ich kann mich nicht so schnell entscheiden.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Rache</strong></span></h5>
<p>Mutter wollte nie, daß ich<br />
mit dem Kopf am offenen Fenster schlafe.<br />
Sie wollte nicht, daß ich mich erkälte.<br />
Die Folge war, daß mich immer der Wind an den Füßen kitzelte,<br />
wenn ich nicht einschlafen konnte.<br />
In diesem Sommer hatte ich nichts zu tun,<br />
außer daß ich mir vorstellte, tot zu sein.<br />
Ich wünschte mir, sie nach meinem Tod sehen zu können,<br />
um sie beobachten zu können, wie sie mich vermißt.<br />
Aber dann entschloß ich mich, meinen Tod hinauszuschieben,<br />
bis er mehr Wert haben würde.<br />
Je mehr Leute ich kannte, umso mehr würden weinen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Schmutzige Windeln</strong></span></h5>
<p>Ich habe nie verstanden, warum die Deutschen<br />
uns so hassen konnten, sagte Mutter, nur weil<br />
wir Juden sind, aber was mir noch schwerer in den Kopf geht,<br />
das ist, daß du mich so hassen könntest, nur weil ich<br />
deine Mutter bin. Es muß einen geben, der dir sagt,<br />
daß du nicht so spät ins Bett gehst,<br />
&amp; wenn ich es nicht tue, fängst du in der Schule an<br />
zu schlafen &amp; dein Lehrer meldet es einem Sozialarbeiter vom<br />
Verein für mißbrauchte Kinder,<br />
&amp; dann nehmen sie dich mir weg,<br />
was nicht so schlimm wäre, wenn es sich nur<br />
um ein Wochenende drehen würde, dann bliebe mir ja noch<br />
was übrig von dir, aber wenn es für längere Zeit wäre,<br />
ich würde sterben. Ich hoffe, du weißt,<br />
daß du ein Wunschkind bist,<br />
dein Vater &amp; ich wollten dich, auch wenn wir nicht sicher<br />
waren, daß wir dich kriegen würden.<br />
Du warst kein Malheur, obwohl, ehe<br />
du trocken warst, hattest du schon eine Menge Malheurchen.<br />
Ich mußte es aufwischen,<br />
obwohl ich dir das nie vorgeworfen habe,<br />
du hast einfach deine Zeit gebraucht, um dich<br />
zu entwickeln, die Schließmuskelkontrolle fehlte,<br />
&amp; ich dachte, wenn du älter wirst, zeigst du dich<br />
irgendwie erkenntlich &amp; machst ab &amp; zu<br />
die Toilette sauber.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>The double</strong></span></h5>
<p>Vater sagte, er hat die Nachrichten gesehen,<br />
&amp; da war einer bei einer Anti-Atomkraft-Demonstration<br />
der mir sehr stark ähnelte. Er<br />
hatte meine Nase, dieselbe Haarfarbe<br />
&amp; hatte meinen Mantel an. Aber er wußte,<br />
daß ich es nicht sein konnte, weil<br />
der Typ in die Kameras winkte,<br />
das Friedenssymbol zeigte &amp; seine armen Eltern<br />
damit in Verlegenheit brachte, was kein Zeichen<br />
besonderer Intelligenz ist. Denn warum sollte man<br />
es den FBI-Leuten so leicht machen, einen zu identifizieren?<br />
Sie werden gut bezahlt, also sollen sie ruhig<br />
ein bißchen Arbeit haben mit vermummten Gesichtern<br />
&amp; Mänteln, die einem anderen gehören.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Gottes gute Seite</strong></span></h5>
<p>Du bist eine Schande für die Juden,<br />
sagte Mutter, wenn du dein Hemd nicht in die Hose steckst.<br />
Es gibt Leute da draußen, die hassen uns,<br />
weil einige von uns reich &amp; clever sind.<br />
Aber du willst anscheinend, daß sie uns hassen,<br />
weil wir schlampig angezogen sind. Wir haben<br />
Feinde genug. Du brauchst uns keine<br />
neuen zu machen. &amp; ich mag es überhaupt nicht,<br />
wenn du mit deinem Freund schwätzt, während<br />
der Rabbi predigt. Denn wenn wir mal darauf angewiesen sind,<br />
daß Gott uns einen Gefallen tut, hört Er dir<br />
oder deinem Vater, der wieder mal<br />
eingeschlafen ist, vielleicht gar nicht zu,<br />
Er hört vielleicht nur dem Rabbi zu, vor allem in diesem Jahr,<br />
wo er grade eine neue Synagoge gebaut hat für Ihn.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Das erste &amp; das letzte Mal</strong></span></h5>
<p>Ich war nervös, als wir ins Bett gingen,<br />
denn wenn man etwas zum ersten Mal tut,<br />
dann setzt man ein Verhaltensmuster,<br />
von dem sehr schwer wieder loszukommen ist.<br />
Ich dachte, wir müssen jetzt ein Leben lang<br />
immer auf dieselbe Art miteinander schlafen.<br />
Aber in Wirklichkeit bestand kein Grund zur Sorge.<br />
Es blieb bei dem einen Mal.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Überall Augen</strong></span></h5>
<p>Jetzt, wo du älter wirst, sagte Mutter,<br />
solltest du ein Suspensorium tragen,<br />
wie dein Vater, wenn du an den Strand gehst.<br />
Es kann passieren, daß du ein Mädchen siehst,<br />
das sich im Badeanzug zu dir rüber beugt,<br />
&amp; plötzlich hast du einen stehen.<br />
Auch wenn du ins Meer rennst, kannst du es<br />
nicht immer verstecken. Es gibt Leute,<br />
die können unter Wasser sehen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Scorecard</strong></span></h5>
<p>Ich verliebte mich in sie, als wir saßen,<br />
&amp; ich bin sicher, ich würde mich auch<br />
im Stehen in sie verliebt haben, &amp; als ich aufstand,<br />
war ich nicht mehr verliebt in sie,<br />
&amp; sie war überhaupt nicht verliebt,<br />
weder im Sitzen noch im Stehen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>My fifth relationship</strong></span></h5>
<p>Ich fühlte mich nicht entspannt genug,<br />
um ihr Bad zu benutzen. Ich wartete,<br />
bis ich ihre Wohnung verlassen hatte.<br />
Sie gab mir ein frisches Handtuch,<br />
aber in einer öffentlichen Toilette fühlte ich mich<br />
mehr Zuhause, es war egal, ob etwas Wasser auf den Boden kam.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Lesestunde</strong></span></h5>
<p>Um besser lesen zu lernen, sagte Mutter,<br />
mußt du alles lesen, was du siehst. Wenn<br />
du über die Straße gehst, solltest du die<br />
Verkehrsschilder lesen. Wenn du im Restaurant bist,<br />
lies die Frühstückskarte, auch wenn du nur<br />
zum Abendessen dort bist. Die Welt ist ein einziges großes Buch.<br />
Überall sind Worte. In deinen Schuhen genauso<br />
wie auf dem Schildchen in deiner Unterhose.<br />
Mit zunehmendem Alter kannst du sogar<br />
in Gesichtern lesen.<br />
Aber vor einem muß ich dich warnen. Wenn ein Mädchen<br />
dich anlächelt, dann heißt das nicht,<br />
daß du besonders viel hineinlesen solltest.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Zu Hause leben</strong></span></h5>
<p>Deine Eltern können nicht gegen dich<br />
vor Gericht gehen, sagte meine Therapeutin, &amp; dich<br />
wegen des Geldes verklagen, das sie für deine Schuhe<br />
ausgegeben haben. Nach dem Gesetz sind sie dir zum<br />
Unterhalt verpflichtet. Wenn sie dir also sagen, du sollst<br />
ihnen das Geld für all die Hosen ersetzen, die sie für dich<br />
kaufen mußten, dann antworte nicht, verklagt mich doch,<br />
das wäre eine Provokation. Du mußt ihnen mit Humor begegnen<br />
&amp; sagen, wenn du arbeitest, dann schickst du ihnen<br />
hin &amp; wieder einen Scheck. Sag ihnen nicht, wieviel<br />
du ihnen geben willst. Krisen vermeidet man am besten,<br />
indem man sich aufs Allgemeine beschränkt.<br />
Wenn du aus dem Haus bist, kannst du ins Detail gehen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Der Sammler</strong></span></h5>
<p>Ich weiß, sagte Mutter, daß du deiner Therapeutin<br />
lauter Horrorgeschichten<br />
über mich erzählst, als ob ich eine<br />
Verbrecherin wäre. Aber wenn sie je unser Haus<br />
betreten &amp; einen Blick in dein Zimmer geworfen hätte,<br />
hätte sie dich auch zum Aufräumen gezwungen.<br />
Andere Söhne sammeln Briefmarken &amp; Münzen,<br />
aber ich war mit einem gesegnet, der Staub sammelte.<br />
Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn du deine Sammlung<br />
unter dem Bett versteckt hättest, aber du hast sie<br />
durchs ganze Haus verteilt, wann immer du dein Zimmer<br />
verlassen hast.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Therapist near the house</strong></span></h5>
<p>Du solltest dir einen Therapeuten nehmen, sagte Mutter,<br />
Der bei mir in der Nähe wohnt, anstatt daß du jedesmal<br />
den ganzen Weg in die Stadt machen mußt. Nach der Therapie<br />
kannst du bei mir zu Mittag essen.<br />
Ich werde dir sagen, ob er recht hatte.<br />
Und wenn du für dich behalten willst, was er gesagt hat,<br />
ist es auch in Ordnung. Daran bin ich gewöhnt. Obwohl es<br />
mir nicht so schwer fiel, als du drei warst &amp; kaum<br />
sprechen konntest. Ich dachte allerdings, mit dem Alter<br />
würdest du etwas ausführlicher. Du erzählst einem Fremden<br />
deine ganze Lebensgeschichte. Aber wenn du bei mir bist,<br />
kriegst du die Zähne nicht auseinander.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Parent swapping</strong></span></h5>
<p>Wir wissen, daß wir nicht besonders hoch in deiner Achtung<br />
stehen, sagte Mutter, &amp; daß du lieber<br />
andere Eltern hättest, wie die Goldbergs<br />
von gegenüber. Du hältst uns für grausam,<br />
weil wir dich früh ins Bett schicken.<br />
Aber wenn eine andere Familie dich haben will,<br />
bitteschön! Obwohl du<br />
nach ein paar Tagen bestimmt wieder zurück willst.<br />
Niemand kann die leiblichen Eltern ersetzen. Außerdem<br />
bist du nicht gerade ein Sonderangebot. Du machst dein Bett nicht.<br />
Du machst das ganze Haus dreckig. Aber ich bin<br />
zu anständig, als daß ich den Nachbarn erzählen würde,<br />
was wirklich mit dir los ist. Ich sag es nur dir.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>An meinem Grab</strong></span></h5>
<p>Wir gehen heute zum Grab meiner Mutter,<br />
sagte Mutter, du mußt lernen, wie man sich<br />
auf einem Friedhof benimmt, damit du weißt,<br />
was du zu tun hast, wenn ich tot bin &amp; du kommst mich besuchen.<br />
Geh nicht einfach so vorbei, Schönen Tag auch, &amp; Tschüß, &amp; das wars.<br />
Du mußt dir schon etwas Zeit nehmen,<br />
ein bißchen davorstehen, herumgehen,<br />
die Nachbargräber angucken, damit du dich zurechtfindest,<br />
wenn du das nächste Mal hingehst. Die Leute,<br />
die in meiner Nähe begraben sind, das sind nun mal<br />
meine Nachbarn, ob es mir paßt oder nicht.<br />
Also sprich ein paar Gebete für sie.<br />
Denk nur an das Gute,<br />
das ich für dich getan habe. Wenn ich etwas Schlechtes<br />
getan habe, dann bestimmt nicht mit Absicht. Vergiß das<br />
Schlechte am besten schon jetzt, dann hast du weniger Arbeit<br />
mit dem Vergessen, wenn ich tot bin.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Birds of the same feather flock together</strong></span></h5>
<p>Wenn ich mir ein Tier zum Sohn gewünscht hätte,<br />
sagte Mutter, dann hätte ich mir auch ein Tier<br />
als Mann genommen, aber das habe ich nicht gemacht,<br />
also enttäusch mich nicht &amp; verwandel dich nicht in einen<br />
Wolf, &amp; jag nicht hinter jeder Frau her.<br />
Du solltest nur zu den Tanzveranstaltungen der jüdischen<br />
Gemeinde gehen &amp; ausschließlich mit<br />
jüdischen Mädchen Umgang haben.<br />
Mischehen funktionieren nur,<br />
wenn du keine Kinder hast, aber sobald man eins hat,<br />
geht die Streiterei los, in welcher Religion<br />
das Kind aufwachsen sollte, &amp; dann<br />
mischen sich ihre Eltern ein &amp; stacheln sie auf,<br />
daß sie dir nur noch Schinken vorsetzt &amp;<br />
alles, was du sonst noch verabscheust,<br />
jeden Abend, &amp; dann haust du ab.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Hühnchen Chow Mein</strong></span></h5>
<p>Viele Leute machen ein riesiges Theater um Sex,<br />
sagte Mutter, aber wenn du damit fertig bist,<br />
dann wars das. Es hält nicht einmal so lange<br />
wie ein Chicken Chow Mein<br />
das du in jedem Restaurant bestellen kannst, denn<br />
wenn du das Chicken nicht aufkriegst, dann kannst du<br />
den Rest einpacken lassen<br />
&amp; zu Hause aufessen.<br />
Vom Sex bleibt gar nichts,<br />
außer du entscheidest dich für Kinder. Du solltest<br />
aber in jedem Fall vorher heiraten, weil die Frau<br />
immer sagen kann, es ist nicht von dir,<br />
sie hat es von einem anderen &amp; dann<br />
stehst du mit leeren Händen da, wie vorher.<br />
&amp; wenn sie Zwillinge kriegt, dann heißt das noch lange nicht, daß sie dir eins abtritt.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Souvenirs</strong></span></h5>
<p>Ich hatte zwei Pariser, aber du sagtest,<br />
du willst nur mit mir kuscheln &amp; wenn wir Sex hätten<br />
wäre ich nur frustriert. Du bist eingeschlafen, ehe<br />
ich dich vom Gegenteil überzeugen konnte. Wenn wir miteinander<br />
geschlafen hätten, hätte ich sie einfach weggeworfen,<br />
aber so bewahre ich sie auf zur Erinnerung an dich.<strong> </strong></p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Sinneswandel</strong></span></h5>
<p>Ich war mir nicht sicher, ob du mit mir schlafen würdest,<br />
auch als wir nackt waren. Ich dachte<br />
du könntest es dir anders überlegen,<br />
wie in dem Chinesischen Restaurant, als du erst<br />
frittierte Shrimps bestellt hast &amp; zehn Minuten,<br />
nachdem die Bedienung weg war, wolltest du auf einmal Muscheln.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Vergrößert</strong></span></h5>
<p>Meine Eltern hatten mir ein Vergrößerungsglas<br />
geschenkt. Ich ging in mein Zimmer,<br />
zog mir die Hosen runter &amp; machte meinen Penis<br />
doppelt so groß. Je weiter weg ich das Glas hielt,<br />
umso größer wurde mein Penis,<br />
bis er dicker war als mein Arm.<br />
Ich sah mich im Zimmer um, ob ich<br />
irgendwas mit einem gigantischen Penis anstellen könnte.<br />
Aber mir fiel nichts ein. Ich zog mir die Hose hoch,<br />
&amp; ging in die Küche wo meine Mutter sagte<br />
»Gefällt dir dein neues Spielzeug?« Ich sagte »Ja,<br />
aber es wäre schön, wenn das, was ich vergrößert habe,<br />
groß bliebe, auch ohne Vergrößerungsglas.«<br />
»Das ist nicht schlimm«, sagte sie<br />
»Es ist genug überflüssiges Zeug im Haus,<br />
ich würde es nicht vergrößern.«</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Wie man sich ausrauben läßt</strong></span></h5>
<p>Wenn jemand auf der Straße das Messer<br />
gegen dich zieht, sagte Vater, &amp; dein ganzes<br />
Geld verlangt, gib es ihm, denn neues Geld<br />
kannst du verdienen, aber ein neues Leben<br />
kriegt man nicht. Gib ihm auch dein Kleingeld,<br />
auch die Pfennige. Sag ihm, daß du ihn verstehst,<br />
daß er dich nur deshalb ausraubt, weil er es tun<br />
muß, &amp; daß du ihm nicht böse bist,<br />
sonst könnte er beschließen, dich umzubringen, &amp; du<br />
hättest keinen Zeugen. Wenn er mit der Klinge spielt,<br />
biete ihm deine Armbanduhr an. Du kannst dir<br />
immer eine neue besorgen. Ich würde ihm<br />
sogar meinen Ring geben, wenn er es verlangen würde,<br />
aber auf keinen Fall freiwillig andere Sachen,<br />
wie Mantel &amp; Schuhe, sonst wird er anhänglich,<br />
vor allem, wenn ihm deine Sachen passen,<br />
er könnte beschließen, mit dir nach hause zu gehen,<br />
&amp; dann raubt er mich auch noch aus.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Spionageanweisungen</strong></span></h5>
<p>Geh runter, sagte Mutter,<br />
&amp; erzähl mir, was deine Schwester &amp; ihr Freund<br />
da machen. Ich will wissen, ob sie knutschen. &amp; wenn<br />
sie nicht am küssen sind, muß ich wissen,<br />
worüber sie sich unterhalten. Wenn du geschnappt wirst,<br />
sag ihr auf keinen Fall, daß ich dich geschickt habe.<br />
Sag ihr, du wolltest eigentlich nur unten aufs Klo,<br />
weil ich oben im Badezimmer war, &amp; du hättest nur zugehört,<br />
um herauszukriegen, wie es ist, wenn du auch in das Alter<br />
kommst. Schlimmstenfalls verpaßt sie dir eine,<br />
&amp; das wäre eine sehr gute Gelegenheit für mich,<br />
selber herunter zu laufen &amp; sie anzubrüllen,<br />
weil sie dich geschlagen hat, &amp; selber herauszukriegen,<br />
was die beiden da unten so lange treiben.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Einmal reicht</strong></span></h5>
<p>Geh nicht zu nah an die Klippen, sagte Mutter,<br />
du könntest runterfallen, &amp; das<br />
wäre das Ende der Welt,<br />
so wie du sie kennst,<br />
&amp; der Anfang der Welt, wie nur Gott sie kennt, &amp; Er<br />
wird nicht gerade in Jubel ausbrechen,<br />
ich bin ziemlich sicher, daß Er dich<br />
nicht ohne Grund in diese Welt gesetzt hat,<br />
sonst hätte er mir bestimmt nicht die Möglichkeit gegeben,<br />
dich als Sohn zu haben,<br />
&amp; wenn Er merkt, daß du dein Leben vorzeitig beendet hast,<br />
könnte es sein, daß Er dich zurückschickt,<br />
aber du würdest nicht mehr durch mich zurückkommen,<br />
ich bin einfach zu müde, noch mal Kinder zu kriegen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Laß mich vor dir sterben</strong></span></h5>
<p>Nicht genug, daß ich diese gräßlichen Wehen<br />
zu ertragen hatte, sagte Mutter,<br />
um dich zur Welt zu bringen, ich sehe<br />
es an deinen blutunterlaufenen Augen,<br />
daß du Drogen nimmst,<br />
wahrscheinlich wirst du vor mir sterben,<br />
&amp; dann muß ich dich auch noch betrauern.<br />
Ich dachte, du würdest wenigstens die Höflichkeit besitzen,<br />
nach mir zu sterben, so<br />
daß du Blumen auf mein Grab tun kannst<br />
&amp; Lämpchen für mich anzünden.<br />
Aber da werde ich mich wohl<br />
an jemanden anderen wenden müssen.<br />
Aber auch wenn du mich zufälligerweise doch überleben solltest, werden bei dir<br />
wahrscheinlich so viele Hirnzellen<br />
zerstört sein, daß du<br />
meinen Friedhof gar nicht findest,<br />
Friedhöfe sind nämlich meistens etwas abseits gelegen,<br />
weil die Menschen nicht ständig<br />
an den Tod erinnert werden sollen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Erklärung</strong></span></h5>
<p>Wenn John F. Kennedy seine Mutter zur Amtseinführung<br />
mitbringen kann, sagte Mutter, &amp; es ihm nicht peinlich ist,<br />
daß sie ihn umarmt –<br />
wieso willst du eigentlich nicht mit mir<br />
auf der Straße gesehen werden? Er ist der oberste Boß<br />
vom ganzen Land, &amp; du kümmerst dich nicht mal<br />
um dein Zimmer. Wer es sauber macht, das bin ich.<br />
Ich habe noch nie gehört, daß ihn jemand ein Weichei nennt,<br />
nur weil er so an seiner Mutter hängt. Und wenn es doch<br />
einer sagen würde, wäre es ihm egal, weil er weiß,<br />
daß es nicht stimmt. Als ich dir die Windeln gewechselt habe,<br />
hast du auch nicht gesagt, verschwinde. Dafür war ich gut genug.<br />
Mütter sind die am meisten verachtete Gruppe<br />
in der Gesellschaft. Sobald die Kinder groß sind,<br />
tun sie so, als würden sie uns nicht mehr kennen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Familie</strong></span></h5>
<p>Lehn dich nicht gegen die Autotür,<br />
sagte Mutter. Ich weiß nicht, ob sie zu ist,<br />
&amp; schon fällst du raus. Wir haben nichts von dir,<br />
wenn du tot bist, wir haben auch so nicht viel<br />
von dir, aber wenn du älter wirst,<br />
dann wird sich das hoffentlich ändern. Wenn<br />
du Arzt wirst, kannst du meinen Blutdruck kontrollieren<br />
&amp; Gratis-Proben von Medikamenten mitbringen,<br />
wenn du zu Besuch bist. Ideal wäre es natürlich,<br />
wenn du eine Zahnärztin heiratest,<br />
die nach meinen Zähnen sieht.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Schlechte Angewohnheiten können ein ganzes Leben zerstören</strong></span></h5>
<p>Wenn du dir nur endlich abgewöhnen würdest, in der<br />
Öffentlichkeit in der Nase zu popeln, sagte Mutter, du würdest<br />
ein erfolgreicher Mann. Deine Freundinnen werden es<br />
nicht mögen. Sie werden denken,<br />
wenn er es öffentlich macht, macht er es zu Hause<br />
erst recht. Dein Chef wird dir nicht die Hand geben<br />
wollen, egal wie gut du bist. Man wird einen Bogen um dich machen.<br />
Wenn du es tust, solange keiner hinguckt,<br />
dann stört es auch keinen. Aber wenn du es<br />
vor Leuten machst, dann denken sie, du willst damit<br />
irgend etwas zum Ausdruck bringen, zum Beispiel,<br />
daß du ohne Mutter aufgewachsen bist – was nun wirklich<br />
nicht der Fall ist.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Can’t imagine what she’ll see</strong></span></h5>
<p>Wenn ich alt bin, sagte Mutter,<br />
geh ich lieber ins Altersheim,<br />
als zu dir &amp; deiner Frau zu ziehen, weil ich keine Lust habe,<br />
mir dauernd den Kopf darüber zu zerbrechen, was sie an dir findet,<br />
&amp; sie muß ja etwas an dir gefunden haben, sonst<br />
hätte sie dich nicht geheiratet.<br />
Ich hoffe für dich, daß sie immer weiter<br />
das an dir findet, was sie gefunden hat,<br />
denn wenn sie damit aufhört, findet sie es<br />
möglicherweise bei einem anderen Mann. Also solltest du<br />
herausfinden, was sie besonders an dir mag &amp; diesen<br />
Charakterzug solltest du dann ausbauen, oder wenn es<br />
etwas Körperliches ist, zum Beispiel dein Körper,<br />
dann solltest du auf deine Linie achten.<br />
Man sagt wohl, Liebe ist blind, aber in deinem Fall<br />
müßte sie außerdem taub sein,<br />
bei deiner ewigen Nörgelei.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Der Weg</strong></span></h5>
<p>Der kürzeste Weg zwischen<br />
ihren Schultern &amp; ihrer Taille<br />
führte über ihre Brust,<br />
also legte ich dort eine Pause ein,<br />
um herauszufinden, ob<br />
ich die Nacht bei ihr verbringen<br />
oder vor die Tür gesetzt würde.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>We couldn’t work it out</strong></span></h5>
<p>Bevor sie damit fertig war, mir zu erklären, was für ein<br />
Idiot ich bin, hatte ich genug von meinem Kaugummi,<br />
ich nahm es aus dem Mund, wickelte es in ein Stück Papier<br />
&amp; steckte es in meine Tasche,<br />
&amp; sie sagte: »Wie ich sehe, interessierst du dich mehr<br />
für das, was du tust, als für das, was ich dir zu sagen habe.«<br />
&amp; ich sagte: »Es hatte keinen Geschmack mehr« &amp;<br />
sie sagte: »Du hättest warten können, bis ich fertig war mit Reden.«</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Einen guten Eindruck machen</strong></span></h5>
<p>Ich onanierte zwei Mal,<br />
ehe wir zu der Verabredung gingen,<br />
ich wollte den Eindruck vermeiden, als wäre ich ein geiler Bock.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Vor deiner Geburt</strong></span></h5>
<p>Ich hoffe, du bist nicht einer von den Söhnen,<br />
sagte Mutter, die, vergessen, daß sie eine Mutter haben,<br />
kaum, daß sie aus dem Haus sind,<br />
&amp; wenn ich dir hin &amp; wieder einen Tritt verpasse,<br />
damit du dich anständig benimmst, vergiß bitte nicht,<br />
daß du es warst, der mich zuerst getreten hat, als ich<br />
schwanger war mit dir. Ich aß zwei Portionen Eis<br />
zum Nachtisch, eine für mich, eine für dich,<br />
aber anstatt deine Portion zu verschlingen, wie es sich<br />
für einen Fötus gehört, hast du den Mund zugemacht.<br />
&amp; als ich beim Kinderarzt war &amp; er mir sagte,<br />
daß ich zu dick werde &amp; auf mein Gewicht<br />
achten sollte, habe ich versucht, gar nichts<br />
zu essen, aber da fingst du an, zu treten.<br />
Ich konnte es gar nicht erwarten, daß du geboren wurdest,<br />
um es dir heimzuzahlen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Late talker</strong></span></h5>
<p>Mit drei hast du noch nicht gesprochen,<br />
sagte Mutter. Wir gingen mit dir zum Arzt,<br />
er sagte, wir sollten uns keine Sorgen machen, du würdest<br />
schon rechtzeitig anfangen. Ein Jahr später<br />
warst du so weit. Jetzt hörst du gar nicht mehr auf.<br />
&amp; wir sehnen uns immerzu nach der guten alte Zeit,<br />
als du noch still warst. Damals konntest<br />
du dich noch benehmen &amp; hast keine Widerworte gegeben.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Ein Jahr jünger</strong></span></h5>
<p>Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst,<br />
sagte Mutter, gibt es<br />
keinen Geburtstag. &amp; anstatt<br />
daß du neun wirst, bleibst du noch ein ganzes Jahr<br />
acht. Und keiner von deinen<br />
Freunden hat Lust mit einem zu spielen,<br />
der ein ganzes Jahr jünger ist. Du wirst sitzenbleiben,<br />
&amp; mußt die ganzen langweiligen Stunden noch einmal<br />
absitzen. Jeder wird älter werden, nur<br />
du nicht. Du bleibst gleich. Du wirst sie niemals<br />
einholen können. Schließlich kann man nicht<br />
zwei Geburtstage in einem Jahr haben, wir können uns<br />
auf keinen Fall zwei Geburtstagsgeschenke leisten.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Erinnerungen</strong></span></h5>
<p>Dies sind die besten Jahre deines Lebens,<br />
sagte Mutter, weshalb ich dir dringend empfehle,<br />
deinen Schokoladenkuchen etwas langsamer zu essen<br />
&amp; gelegentlich ein paar nützliche Dinge zu tun,<br />
zum Beispiel mir beim Putzen zu helfen,<br />
dann hast du, wenn du älter wirst, ein paar Erinnerungen,<br />
von denen du erzählen kannst. Denn wenn du eine<br />
Freundin hast &amp; sie erzählt dir von der Zeit,<br />
als sie ihrer Mutter beim Spülen half &amp;<br />
beim Staubsaugen,<br />
dann kannst du überhaupt nicht mitreden,<br />
&amp; sie wird denken, was hat der für ein langweiliges Leben,<br />
&amp; wenn ich ihn heirate, wird er sich wahrscheinlich<br />
an die Jahre mit mir auch nicht erinnern.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Traummäntel</strong></span></h5>
<p>Alles was man am Tage tut,<br />
davon träumt man nachts, sagte Mutter,<br />
deshalb rede ich nicht mit deinem Vater,<br />
denn ich habe keine Lust,<br />
ewig auf ihn zu warten &amp; schlechter behandelt zu werden<br />
als ein Sklave, ich möchte von schönen<br />
Dingen träumen, zum Beispiel einem Pelzmantel, &amp; nicht<br />
davon, mich mit einem Geizkragen herumzustreiten,<br />
&amp; wenn er anfängt, sich mit dir zu unterhalten, dann<br />
nur deshalb, weil ich nicht mehr mit ihm rede,<br />
am besten du sprichst auch nicht mit ihm, dann fühlt er sich<br />
vielleicht so einsam, daß er mir einen Nerz kauft, &amp;<br />
dann kann er von mir aus auch wieder mit mir reden.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Lesestoff</strong></span></h5>
<p>Meine Eltern schenkten mir ein Wörterbuch<br />
zum Geburtstag. Mutter sagte,<br />
wenn ich jeden Tag fünf neue Wörter lerne,<br />
kenne ich am Ende des Jahres<br />
über tausend neue Wörter,<br />
&amp; ich kann Englisch so gut<br />
als wäre es eine Fremdsprache,<br />
&amp; wenn ich nach Europa fahre,<br />
versteht mich jeder sofort.<br />
Ich versuchte, es vom Anfang bis zum Ende zu lesen,<br />
aber schon beim »A« hatte ich keine Lust mehr.<br />
Ich benutzte beim Abendessen<br />
einige von den neuen Wörtern: <em>abbedingen<br />
</em>&amp; <em>abyssal</em>. Aber sie sagte, das ist doch<br />
Angeberei, &amp; wirklich gebildete Leute<br />
bringen große Worte in ihrer Konversation unter,<br />
ohne daß es irgend jemand merkt.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Enges Quartier</strong></span></h5>
<p>Ich weiß nicht, sagte Vater,<br />
warum deine Mutter diesen Friedhof<br />
für uns ausgesucht hat.<br />
Ich bin noch nicht mal unter der Erde,<br />
&amp; schon mag ich ihn nicht.<br />
Die Bäume sehen so düster aus<br />
mit ihren vedrehten Ästen.<br />
Sie sind bestimmt nicht von hier,<br />
sie müssen importiert sein. Guck dir<br />
die Grabsteine an, wie sie in Reih &amp; Glied stehen.<br />
Sie klumpen so dicht zusammen,<br />
daß du nicht zwischen ihnen durchgehen kannst,<br />
ohne daß sich alles in dir zusammenkrampft.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Schwarz angezogen</strong></span></h5>
<p>Diese Wildwest-Filme sind alle gleich,<br />
sagte Vater. Der Gute hat weiße Sachen an<br />
&amp; gewinnt immer. Der Böse geht in<br />
schwarz &amp; verliert immer. Ein einziges Mal<br />
möchte ich sehen, wie der Böse<br />
die Frau kriegt &amp; sich mit ihr<br />
aus dem Staub macht. Ich glaube, die Ehe würde<br />
sogar halten. Er hat ja nur schwarze Klamotten,<br />
&amp; die sind viel leichter zu waschen als weiße.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Weiß auf Schwarz</strong></span></h5>
<p>Der Schnee blieb länger in ihrem Haar<br />
als mein »I love you«<br />
in ihrem Herzen</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Kein Grund zu bleiben</strong></span></h5>
<p>Ich bin erst ein Jahr mit der Schule fertig,<br />
sagte sie, &amp; trotzdem gibt es fast nichts,<br />
was ich nicht ausprobiert hätte. Ich hatte eine schwule<br />
Liebesbeziehung, verliebte mich in einen älteren Mann<br />
(der ebenfalls Alkoholiker war), wurde von meinem Vater<br />
zusammengeschlagen &amp; nahm jede Menge Drogen. Das einzige,<br />
was nicht klappte, war mein Selbstmordversuch. Aber wenn mein<br />
Freund nicht dazwischengekommen wäre, hätte ich auch das<br />
geschafft. Alles, was mir noch übrigblieb, war eine Beziehung mit einem Typen wie dir.<br />
(Du bist nicht langweilig, nur ein bißchen ungewöhnlich.)<br />
Nachdem ich nun auch das geschafft habe, obwohl es nicht ganz<br />
einfach war, denke ich, es wird Zeit, daß ich gehe.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Diebe unter uns</strong></span></h5>
<p>Zähl nicht das Geld in deinem Portemonnaie,<br />
sagte Mutter, wenn einer zuguckt. Er könnte<br />
auf die Idee kommen, es zu klauen.<br />
Die Menschen sind aus sich heraus schlecht genug.<br />
Man muß sie nicht ermutigen, sich noch schlechter zu benehmen.<br />
Du solltest dein Geld zählen, bevor du von zuhause<br />
weggehst. Und du solltest möglichst wenig Kleingeld bei dir<br />
tragen, es klappert so,<br />
&amp; irgendeiner denkt, du bist reich &amp; versucht<br />
dich zu überfallen. Und wenn er dich beklaut,<br />
dann beklaut er auch mich, denn schließlich muß ich hinterher alles ersetzen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Unterschiedliche Versionen</strong></span></h5>
<p>Der Unterschied zwischen Christen<br />
&amp; Juden, sagte Mutter, liegt darin, daß sie<br />
Jesus haben, der in Gleichnissen redete, &amp; wir haben<br />
Moses, der Befehle erteilte. Keiner von ihnen<br />
sprach Englisch, denn sie lebten<br />
in der Wüste, &amp; Laurence von Arabien,<br />
der Englischkurse gab, wenn er nicht gerade kämpfen mußte,<br />
war noch nicht geboren. Unsere Religion ist die ältere,<br />
&amp; sie haben uns kopiert. Sie behaupteten,<br />
sie hätten die Bibel verbessert durch das<br />
Neue Testament. Aber du &amp; ich, wir wissen genau, daß,<br />
wenn man etwas verbessern will, indem man es größer macht,<br />
wie zum Beispiel mehr Brot in die Frikadellen mischen,<br />
es wird nie so gut als wenn man es läßt, wie es ist.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Konzentration</strong></span></h5>
<p>Du mußt darauf achten, wann du zum Klo gehst,<br />
sagte Mutter, sonst sitzt du<br />
eine halbe Stunde, ohne<br />
daß was dabei herauskommt &amp; du kriegst<br />
Hämorrhoiden, bevor du ein<br />
alter Mann bist, &amp; jeder merkt, daß du sie hast,<br />
schon an der Art, wie du sitzt. Ich weiß, daß du gehen mußt,<br />
denn ich habe etwas gerochen<br />
beim Fernsehen, &amp; es muß von dir sein,<br />
weil es mit Sicherheit nicht von mir war,<br />
&amp; dein Vater sagte, er hätte nichts damit<br />
zu tun, &amp; er lügt zwar,<br />
aber nie in solchen Dingen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Körper vermißt</strong></span></h5>
<p>Geh nicht nach dem Essen ins Meer schwimmen,<br />
sagte Mutter, du könntest einen Krampf kriegen<br />
&amp; ertrinken. Auf die Rettungsschwimmer<br />
kann man sich nicht verlassen. Es kann sein,<br />
daß er dich nicht sieht, wenn du ins Wasser gehst,<br />
weil er sich gerade den Sand aus dem Haar kämmt.<br />
Vielleicht finden wir deinen Leichnam nicht,<br />
weil er zu weit aufs Meer treibt<br />
&amp; nicht mit der Flut zurück gespült wird.<br />
Trotzdem werde ich einen Grabstein für dich besorgen,<br />
&amp; alles so machen, als wärst du im Grab,<br />
ich werde einfach niemandem sagen, daß du nicht drin bist.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Hinter der Tür</strong></span></h5>
<p>Mach die Tür nicht auf, wenn einer klopft,<br />
sagte Mutter, außer du weißt, wer es ist.<br />
Es könnte ein Räuber sein. Er wird sich bei dir bedanken,<br />
daß du ihn rein gelassen hast, &amp; dann raubt er dich aus.<br />
Er wird alle unsere Wertgegenstände mitnehmen, &amp; überhaupt<br />
alles, was nicht niet- &amp; nagelfest ist. Sogar die Nägel wird<br />
er klauen, wenn er einen Hammer bei sich hat &amp; dich<br />
entführen. Du bist nicht allzuviel wert,<br />
aber das weiß er natürlich nicht &amp; verlangt Tausende Dollars<br />
Lösegeld &amp; uns bleibt nichts übrig, als zu zahlen,<br />
denn ich brauche dich, damit ich dir die Ohren langziehe, weil du<br />
die Tür aufgemacht hast.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Prospective Bride</strong></span></h5>
<p>Ich weiß nicht, warum du uns deine Freundin nicht vorstellst,<br />
sagte Mutter. Natürlich, wenn es sie in<br />
Wirklichkeit gar nicht gibt &amp; sie ist nur ein Hirngespinst<br />
von dir, dann kann ich dich verstehen.<br />
Aber wenn sie aus Fleisch &amp; Blut ist, findest du nicht,<br />
sie würde sich freuen, Leute kennenzulernen?<br />
Ich weiß nicht, was ihr den ganzen Tag zusammen treibt<br />
in eurer kleinen Wohnung. Ich trau mich gar nicht zu fragen,<br />
aber wird es nicht langweilig? Ich koche ihr was ganz Spezielles.<br />
Sie muß es nicht mögen. Sie muß es nur essen &amp; wir versprechen dir,<br />
nichts zu sagen, was dich in ein schlechtes Licht setzt.<br />
Wir wollen dich ja loswerden. Wir haben keinerlei Interesse<br />
daran, daß du hier herumhängst &amp; uns<br />
daran erinnerst, wie wir älter werden.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Ich hätte nie gedacht, daß es passieren würde</strong></span></h5>
<p>Als wir im Bett waren, hast du den Griff um meinen Penis<br />
verändert. Erst hattest du ihn wie einen Hammer<br />
in der Hand, dann durfte er sich ausruhen,<br />
bis du schließlich das Interesse an ihm<br />
verloren hast, du hattest erwartet,<br />
daß ich irgend etwas tat. Aber ich<br />
war noch viel zu erschrocken, daß du vor mir da warst.<strong> </strong></p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Nichts als befehlen</strong></span></h5>
<p>Sie biß mich ins Ohr &amp; sagte »Fick mich!«<br />
&amp; ich dachte, ich wäre grade dabei.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Selbst die Vögel sind manchmal still</strong></span></h5>
<p>Laß uns Verstecken spielen, sagte Mutter.<br />
Du kannst dich irgendwo im Haus verstecken,<br />
während ich die Wäsche mache, &amp;<br />
wenn ich dich nicht finde, habe ich Ruhe,<br />
&amp; wenn ich dein Versteck entdecke,<br />
fangen wir von vorne an. Du meinst,<br />
je mehr Krach du machst, um so mehr Spaß<br />
hast du, aber man kann den Mund halten<br />
&amp; trotzdem Spaß haben. Ich habe keine Lust,<br />
zu warten, bis ich tot bin, um<br />
Ruhe &amp; Frieden zu finden, denn dann kann ich<br />
es nicht mehr genießen, also tu mir den Gefallen<br />
&amp; laß mir jetzt ein bißchen davon.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Heaven bound</strong></span></h5>
<p>Wenn ich tot bin, sagte Mutter, hätte ich sehr gern,<br />
daß du für mich betest. Mach es auf Hebräisch<br />
&amp; Englisch, damit Gott es zwei Mal hört.<br />
Wir wollen hoffen, daß es nicht nötig ist &amp; daß ich<br />
direkt in den Himmel komme. Aber ein paar Tage kann es schon<br />
dauern, ich weiß nicht, wie weit es von New York aus ist.<br />
Ich werde dann wohl kaum für mich selbst beten können,<br />
denn ich habe ja keinen Körper mehr, &amp; das<br />
erschwert die Orientierung. Trotzdem wird es eine<br />
große Erleichterung sein – endlich bin ich die Pfunde los.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Wie man richtig hinfällt</strong></span></h5>
<p>Lauf nicht über die U-Bahn-Gitter,<br />
sagte Mutter. Sie könnten locker sein,<br />
&amp; du fällst in den Abgrund &amp; brichst dir ein Bein.<br />
&amp; selbst wenn du es schaffst &amp; einen Arm ausstreckst,<br />
um dich abzufangen, dann brichst du dir eben den Arm.<br />
Nimm am besten den linken, denk dran, daß du<br />
Rechtshänder bist. Am ersten Tag macht es noch Spaß,<br />
einen Gips zu tragen.<br />
Jeder will etwas drauf kritzeln, ich auch,<br />
aber dann paßt nichts mehr drauf,<br />
&amp; deine Freunde, die an dem Tag nicht in der Schule waren,<br />
werden sauer auf dich sein, weil du ihnen<br />
nicht das kleinste Fleckchen auf dem Gips reserviert hast.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Ausgestochenes Auge</strong></span></h5>
<p>Steck deinen Kopf nicht aus dem Fenster,<br />
sagte Mutter, wenn dein Vater fährt.<br />
Ein Zweig von einem Baum kann dir dein Auge<br />
ausstechen, &amp; selbst wenn er sofort stehenbleibt<br />
&amp; dein Auge irgendwo im Laub wiederfindet,<br />
kann man es nicht einfach wieder reinstecken<br />
&amp; dann funktioniert es wieder, so einfach geht das nicht.<br />
Da muß schon ein Arzt kommen &amp; die Nerven wieder miteinander<br />
verbinden, &amp; wenn auch nur ein kleines Stückchen<br />
beschädigt ist – es kann ja sein, daß dein Vater aus Versehen<br />
darauf getreten ist – dann wird es nie wieder<br />
richtig funktionieren, &amp; jeder wird merken,<br />
daß da was nicht stimmt,<br />
schon an der Art, wie du schielst.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Get a job</strong></span></h5>
<p>Deine Augen sind ganz rot, sagte Mutter,<br />
du hast bestimmt wieder Drogen genommen.<br />
Beim nächsten Mal kannst du mir welche abgeben.<br />
Schlaftabletten könnte ich gut gebrauchen.<br />
Ich schlafe schlecht in letzter Zeit, ich mache mir<br />
Sorgen um dich. Du bist der einzige in deiner Klasse,<br />
der in diesen Sommerferien keinen Job hat. Wenn ich die Mütter<br />
deiner Freunde treffe, fragen sie mich,<br />
was du machst, &amp; wenn ich sage, du liest,<br />
dann fragen sie, warum du das nicht abends machst,<br />
nach der Arbeit. Dir reicht es nicht,<br />
ein normaler Faulpelz zu sein,<br />
du sitzt den ganzen Tag in deinem Zimmer, um rauszukriegen,<br />
wie man ein noch größerer Faulpelz werden kann.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Peng peng ich hab sie totgeschossen</strong></span></h5>
<p>Daß dein Vater nicht weiß, was er dir<br />
zum Geburtstag geschenkt hat, sagte Mutter,<br />
heißt noch lange nicht, daß er es nicht<br />
gekauft hat. Er hat es im Laden gekauft, ohne<br />
dabei zu sein, indem er mir das Geld gegeben hat.<br />
Dein Vater &amp; ich, wir sind gleichberechtigte Partner.<br />
Das Geschenk ist zur Hälfte von ihm. Es stimmt,<br />
daß er nicht durch die Gänge dampfern &amp;<br />
sich die letzte Cowboy-Flinte schnappen mußte<br />
unter den neidischen Blicken einer Frau, die doppelt so groß<br />
war wie er. Er mußte auch nicht an der Kasse Schlange stehen.<br />
Das brauchte dein Vater alles nicht &amp; deshalb verstehe ich<br />
wirklich nicht, wieso du die Flinte an mir<br />
ausprobierst &amp; nicht an ihm?</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Waschlappen</strong></span></h5>
<p>Vater kam von der Arbeit nach Hause<br />
&amp; bemerkte, daß sein Sohn keine Waschlappen mehr benutzte.<br />
Seine Frau meinte, es gebe zu viele Stellen hinten,<br />
an die man mit den Händen nicht dran kommt.<br />
Er stellte sich auf ihre Seite,<br />
des lieben Friedens willen.<br />
Er konnte nicht verstehen, warum sein Sohn es nicht so machte wie er selbst,<br />
nämlich den Waschlappen naß machen, aber nie benutzen</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Zeitverschwendung</strong></span></h5>
<p>Wenn ich gewußt hätte, daß du dich nicht für mich<br />
interessierst, hätte ich nicht die ganzen Nächte damit verplempert,<br />
mir auf dir einen runterzuholen. Ich hätte mir<br />
jemanden vorgestellt, der wesentlich unerreichbarer ist,<br />
wie Madonna; wenn die nach einer Woche nicht in meinem Bett<br />
gelandet wäre, wäre ich nicht so enttäuscht gewesen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Untertauchen</strong></span></h5>
<p>Sex wurde wie Schwimmen für mich.<br />
Ich hatte keine Lust ins Wasser zu gehen.<br />
Ich wollte drauen stehen &amp; zugucken.<br />
Aber nachdem du mich reingestoßen hattest,<br />
wollte ich nicht mehr weg, bis du mich rausgezogen hast.</p>
<p><span style="color: #808080;"><strong>Im Zo</strong></span></p>
<p>Dein Vater &amp; ich müssen nicht in den Zoo,<br />
sagte Mutter. Wir haben in unserem Leben<br />
genug Tiere gesehen. Wir tun es für dich.<br />
Hoffentlich denkst du, wenn du erwachsen bist, an die Opfer,<br />
die wir für dich gebracht haben. Ich kann überhaupt nicht<br />
verstehen, wie du dazu kommst, auf uns sauer zu sein,<br />
weil du kein Eis kriegst. Wir sind nicht zum Vergnügen<br />
in den Zoo gefahren. Da hätten wir zu Hause vor dem<br />
Fernseher bleiben können. Wir sind mit dir hierhin gegangen,<br />
damit du später, wenn wir tot sind, nicht behaupten kannst,<br />
wir wären nie irgendwohin gegangen mit dir.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Happy or sad</strong></span></h5>
<p>Wenn du glücklich bist, sagte Mutter, bin ich<br />
glücklich. Und wenn du traurig bist, bin ich traurig.<br />
Wenn du es dir aussuchen kannst, ob du glücklich<br />
oder traurig sein willst, denk nicht immer nur an dich,<br />
denk an mich &amp; sei glücklich. Und wenn du es dir nicht<br />
aussuchen kannst, sondern wirklich traurig bist,<br />
dann maul wenigstens den ganzen Tag herum,<br />
brings hinter dich,<br />
dann können wir wieder beide glücklich sein.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Sich selbst bestrafen</strong></span></h5>
<p>Immer nur Arbeit &amp; überhaupt kein Vergnügen,<br />
sagte Mutter, davon wirst du dumm. Und<br />
dann kommen die Mütter von deinen Freunden<br />
&amp; denken, ich bin auch dumm &amp; reden<br />
nicht mehr mit mir. Du mußt raus an die frische<br />
Luft ab &amp; zu &amp; nachgucken, ob die Welt<br />
noch steht. Wenn du den ganzen Tag<br />
herumsitzt, dann verbitterst du,<br />
wie die alte Frau im Schuh. Sie hätte<br />
umziehen können, in eine größere Wohnung,<br />
zum Beispiel in einen Stiefel,<br />
aber sie blieb, wo sie war, wahrscheinlich,<br />
um ihre Mutter zu ärgern.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Fenster kaputt</strong></span></h5>
<p>Scherben bringen Glück, heißt es,<br />
sagte Mutter, deshalb habe ich mich zusammengenommen,<br />
als du das Fenster beim Baseball-Spielen<br />
kaputtgemacht hast, ich dachte, du wolltest mir bestimmt<br />
was Gutes tun, aber nachdem ich eine geschlagene Stunde<br />
auf dem Boden herum gerutscht bin um die Splitter aufzupicken,<br />
&amp; mich jetzt noch nicht traue,<br />
auf Strümpfen zu gehen, weil es sein kann, daß<br />
ich nicht alle erwischt habe, jetzt muß ich dir sagen,<br />
ich will nichts mehr von dir,<br />
bringe mir bitte kein Glück,<br />
&amp; wenn du Ball spielen willst, dann bitte<br />
vor dem Haus eines Freundes.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Loose belt</strong></span></h5>
<p>Es stimmt, sagte Mutter, du bist nackt<br />
zur Welt gekommen, aber das heißt nicht,<br />
daß du dauernd den Hosenbund in den<br />
Kniekehlen haben mußt. Du solltest deinen<br />
Gürtel etwas enger schnallen. Es macht<br />
keinen guten Eindruck bei einem Mädchen,<br />
wenn sie deinen Hintern kennenlernt,<br />
ehe sie deinen Namen weiß. Sie wird denken,<br />
wenn er mir seinen zeigt, dann bestimmt,<br />
weil er meinen sehen will, &amp; dann will<br />
sie wahrscheinlich nichts mit dir zu tun haben.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Ein Schneeball im August</strong></span></h5>
<p>Tu keinen Schnee ins Tiefkühlfach,<br />
sagte Mutter. Warte, bis es schneit,<br />
wie jeder andere auch, dann hast du Schnee<br />
genug. &amp; wenn du es hundertmal spannend findest,<br />
deinem Freund mitten im August bei dreißig Grad<br />
einen Schneeball ins Gesicht zu pfeffern,<br />
seine Mutter wird keineswegs begeistert sein,<br />
wenn sie das Horn an seinem Kopf fühlt,<br />
denn der Schnee wird zu Eis.<br />
Sie wird sich bitterlich bei mir beklagen,<br />
weil ich einen Kriminellen großziehe. Und ich<br />
kann nicht mal auf Unschuldig plädieren, denn<br />
als Mutter bin ich für alles verantwortlich,<br />
was meinen Eisschrank betritt &amp; wieder verläßt.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Moving train</strong></span></h5>
<p>Lauf nicht während der Fahrt im Zug herum,<br />
sagte Mutter. Du kannst hinfallen<br />
&amp; dir die Kniescheiben brechen. Du mußt<br />
ins Krankenhaus &amp; wirst operiert. Und es kann sein,<br />
daß dein Vater dir keinen Fernseher ins Zimmer<br />
stellt, dann hast du nichts, wo du hin gucken kannst.<br />
Denn wenn wir es dir zu unterhaltsam machen,<br />
dann fällst du wieder hin &amp; brichst dir was anderes.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Schädliche Sonne</strong></span></h5>
<p>Wenn du zum Strand gehst, sagte Mutter,<br />
dann möchte ich, daß du aus der Sonne bleibst.<br />
Man liest immer wieder, daß häufige Sonnenbrände<br />
Hautkrebs verursachen. Es wird dir anfangs nicht leichtfallen,<br />
deine Freunde im Wasser toben zu sehen, während du selbst<br />
unter einem Sonnenschirm sitzt, aber dann mußt du<br />
daran denken, wenn ihr alle siebzig seid,<br />
werden sie an Hautkrebs sterben, du wirst wahrscheinlich<br />
auch sterben, aber an etwas anderem, an irgend etwas<br />
Innerem, wo keiner merkt, was es ist</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Tumbling down</strong></span></h5>
<p>Jack &amp; Jill, sagte Mutter, als sie den Berg hoch gingen,<br />
um den Eimer Wasser zu holen, da war noch alles in Ordnung,<br />
aber auf dem Rückweg haben sie alles verschüttet, weil sie<br />
eben nur auf dem Hinweg auf ihre Mutter gehört haben.<br />
Also ich hoffe, du denkst an alles, was ich dir gesagt habe,<br />
auch wenn ich tot bin,<br />
denn die Zeiten<br />
ändern sich, aber die Menschen<br />
bleiben immer dieselben. Es ist mir egal, wie<br />
fortschrittlich die Frauen noch werden, eines ist sicher:<br />
Wenn du dich nicht kämmst, gehen sie nicht mit dir aus,<br />
denn sie denken sich, er stellt mich auf die Probe,<br />
&amp; wenn ich ihm die ungekämmten Haare durchgehen lasse,<br />
dann wird er sich beim nächsten Mal<br />
nicht mal mehr waschen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Heute nicht</strong></span></h5>
<p>Sie sagte, ich könnte nicht<br />
mit zu ihr kommen, weil sie<br />
für eine Klausur lernen müßte. Und<br />
dabei könnte ich ihr nicht helfen,<br />
weil ich nicht gut genug in Mathematik wäre.<br />
Das einzige, worin ich gut wäre,<br />
wäre, sie auszuziehen,<br />
aber das könnte sie auch selbst.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Am Eingang zum Kinderzoo</strong></span></h5>
<p>Ich sah die völlig übertrieben ausstaffierte Vogelscheuche<br />
vor dem Kinder-Zoo – gar nichts kann sie<br />
verscheuchen, auch nicht meine Gedanken<br />
an dich. Ich höre die Musik vom<br />
Karussell im Hintergrund &amp;<br />
denke daran, wie du gelächelt hast,<br />
wenn du Kinder sahst. Du wolltest mich davon<br />
überzeugen, wie schön es wäre, wenn wir<br />
welche hätten. Aber wir kriegten keine.<br />
Dein Diaphragma saß zu fest.<br />
Und manchmal tröpfelte mein Sperma deine Beine herunter.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Inventing Jobs</strong></span></h5>
<p>Du wirst bald dreißig, sagte Vater,<br />
&amp; hast immer noch keinen Beruf. Wenn einer<br />
mich fragt, was du machst, erfinde ich<br />
einen Beruf für dich &amp; ich muß immer aufpassen,<br />
was ich sage, damit ich dir nicht jede Woche<br />
einen neuen Job andichte. Sonst werden sie<br />
mißtrauisch. Wenn du tatsächlich einen Job findest,<br />
&amp; die Leute sagen, ich hätte ihnen erzählt, du arbeitest<br />
im X-Laden, aber sie haben dich im Y-Laden gesehen,<br />
dann wäre ich so glücklich, daß du endlich<br />
auf eigenen Füßen stehst, daß es mir egal wäre, ob sie mich<br />
für einen Lügner halten.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Getrennte Plätze</strong></span></h5>
<p>Deine Mutter &amp; ich waren im Kino,<br />
sagte Vater. Es war sehr voll,<br />
&amp; es gab nur noch Einzelplätze.<br />
Wir hatten nichts dagegen, auseinander zu sitzen. Ich vergaß,<br />
ihr die Eintrittskarte zu geben. Ich hatte einen Platz<br />
zwischen zwei Frauen. Der Kartenabreißer wollte<br />
deine Mutter nicht in den Saal lassen. Eine halbe Stunde, nachdem<br />
der Film angefangen hatte, sehe ich deine Mutter<br />
durch den Gang kommen, eingerahmt von zwei Kartenabreißern<br />
mit Taschenlampen. Sie sah mich zwischen den beiden<br />
Frauen sitzen, Popcorn essen &amp; lachen –<br />
es war eine Komödie, es gab nichts zu weinen.<br />
Seit zwei Wochen liegt sie mir damit in den Ohren.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Wie man mit Geld umgeht</strong></span></h5>
<p>Einige Frauen werden hinter deinem Geld her sein,<br />
sagte Vater. Daß du in Wirklichkeit gar keines hast,<br />
wird sie nicht davon abhalten.<br />
Sie werden warten, bis du welches hast,<br />
&amp; dann werden sie es nehmen. Deshalb sollte man mit<br />
Frauen nie darüber sprechen, wieviel man verdient.<br />
Oder, in deinem Fall, wieviel man verdienen<br />
wird. Heirate jemanden wie<br />
deine Mutter. Sie hat sich nie dafür interessiert,<br />
wieviel ich verdiene. Sie liebte mich um meiner selbst<br />
willen. Aber sie hat immer gezählt,<br />
wieviel ich hatte. Sie wollte sicher sein,<br />
daß ich es nicht für andere Frauen ausgab.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Bibelgeschichte</strong></span></h5>
<p>Christus war ein Jude, sagte Vater, &amp; dann wurde er<br />
katholisch. Ich lese nie im Neuen Testament,<br />
weil ich nicht mal mit dem alten fertig bin,<br />
aber ich weiß, daß er Krach hatte mit den Juden<br />
&amp; ein paar Tische im Tempel umwarf.<br />
Wenn mir die Art von meinem Rabbi nicht gefiele,<br />
ich würde einfach die Gemeinde wechseln, aber<br />
damals war das anders, es gab nur eine Synagoge<br />
pro Stadt, &amp; sie hatten auch keine<br />
reformierten, konservativen &amp; orthodoxen Flügel,<br />
wie es heute der Fall ist, also war er gezwungen,<br />
eine neue Religion zu gründen.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Anderen geht es schlechter</strong></span></h5>
<p>Du kannst deinen Geburtssternen dankbar sein,<br />
sagte Vater, daß du nicht als Krüppel zur Welt<br />
gekommen bist. Egal, wie unzufrieden du mit deinem Leben bist,<br />
tröste dich, denn anderen geht es schlechter. Stell dir vor,<br />
du müßtest zum Klo hüpfen &amp; auf einem Bein pinkeln.<br />
Wenn du nicht aufpaßt, fällst du<br />
in die Schüssel. Dann mußt du schreien, daß<br />
dir jemand raushilft. Also sei dankbar für<br />
das, was du hast. &amp; beklage dich nicht, wenn<br />
etwas nicht so klappt, wie du es dir ausgedacht hast.<br />
Und wenn du niedergeschlagen bist, kannst du immer<br />
noch ein Zimmer weiter gehen &amp; den Fernseher anwerfen.<br />
Wenn du ein Krüppel wärest, wäre das schon eine größere<br />
Veranstaltung, ins nächste Zimmer zu kommen. Du brauchst<br />
einen der dich hinbringt &amp; auch wieder zurück.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Dollars in Pennies wechseln</strong></span></h5>
<p>Ich hatte mein Messer bei mir in der Schule, sagte Vater,<br />
&amp; schnitzte ein Bild in mein Pult. Der Direktor sagte,<br />
ich bekäme kein Abschlußzeugnis, wenn ich ihm nicht<br />
5 Dollars für die Reparatur brächte.<br />
Meine Eltern gaben mir das Geld, &amp; es war<br />
eine Menge zu der Zeit. Ich ging zur Bank<br />
&amp; wechselte die Dollars in 500 Pennies. Ich steckte<br />
sie in eine Papiertüte, klopfte an der Tür<br />
des Direktors &amp; schüttete die Pennies<br />
auf seinen Schreibtisch. Ich sagte ihm, ich hätte mein<br />
Sparschwein geschlachtet. Ich dachte, er würde Mitleid kriegen<br />
&amp; sagen, ich soll mein Geld behalten. Statt dessen<br />
sagte er, er nähme keine 1-Penny-Stücke, ich sollte zur Bank<br />
gehen &amp; ihm fünf Dollars bringen. Der Junge war fit.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Wie man die Wäsche macht</strong></span></h5>
<p>Kurz bevor deine Mutter starb, sagte Vater,<br />
ging sie mit mir in die Waschküche<br />
&amp; zeigte mir, wie man die Wäsche macht. Sie<br />
ließ mich fünf Quarters einwerfen<br />
&amp; zeigte mir den Knopf, den man drücken muß.<br />
Sie ließ mich nicht hochgehen zwischendurch,<br />
ich mußte warten, bis die Maschine<br />
fertig war. Es war, als säße man im Auto<br />
eine Ewigkeit vor einer roten Ampel. Dann zeigte sie mir,<br />
wie der Trockner funktioniert. Sie wollte,<br />
daß ich unabhängiger werde. Es hat geklappt.<br />
Ich brauche nicht wieder zu heiraten.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Erfahrungen mit Kräutern</strong></span></h5>
<p>Ich fuhr meine Freundin zum Grab ihres Freunds,<br />
sagte Vater. Sie wollte, daß ich mit raus komme,<br />
aber ich blieb im Auto. Ich dachte mir,<br />
sie hat bestimmt private Dinge mit ihm zu besprechen,<br />
da wollte ich mich raus halten. Mit allem, was ich sage,<br />
bringe ich sie zum Lächeln. Sie hilft mir mit meiner<br />
Prostata. Sie empfiehlt eine Menge<br />
verschiedene Kräuter, zum Beispiel Saw Palmetto. Ich mag sie<br />
sehr. Sie mag mich immerhin soweit, daß sie mir von ihrer Blase erzählt.</p>
<h5><span style="color: #808080;"><strong>Timing</strong></span></h5>
<p>Nachdem wir miteinander geschlafen hatten, gingen<br />
wir essen. Ich versuchte, meine Seezunge<br />
nicht schneller zu essen als sie. Ich dachte mir,<br />
wenn wir schon keinen gleichzeitigen<br />
Orgasmus schaffen, können wir wenigstens<br />
zusammen mit dem Essen fertig werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/hal-sirowitz-mother-said/">Hal Sirowitz: MOTHER SAID</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Drei Gedichte über die Elsbeere</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/drei-gedichte-ueber-die-elsbeere/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Nov 2019 10:24:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Übersetzungen]]></category>
		<category><![CDATA[Epode]]></category>
		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Drei Gedichte über die Elsbeere &#160; I. Seit Längerem schon treffen sich vier ältere Herren einmal im Monat zu einem frugalen, etwas leberwurstlastigen Abendmahl mit, meist leichten, alkoholischen Getränken. Einer von dem Quartett bin ich. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, vor allem über die literarischen Götter und Welten, lesen auch wohl aus [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/drei-gedichte-ueber-die-elsbeere/">Drei Gedichte über die Elsbeere</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/uebersetzungen/horaz-epoden.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="padding-left: 30px;"><span style="font-family: gill-sans-bold; font-size: 22pt;">Drei Gedichte über die Elsbeere</span></h1>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-1"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">I.</span></h4>
<p>Seit Längerem schon treffen sich vier ältere Herren einmal im Monat zu einem frugalen, etwas leberwurstlastigen Abendmahl mit, meist leichten, alkoholischen Getränken. Einer von dem Quartett bin ich. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, vor allem über die literarischen Götter und Welten, lesen auch wohl aus neuester eigener Produktion. Vor gut zwei Jahren verhedderten sich unsere Gesprächsfäden aus irgendeinem Grunde an etwas ganz anderem, nämlich einem Baum. Es war der Baum des Jahres 2011, die Elsbeere. Wir stellten fest, dass es ein fabelhaftes Buch über die Elsbeere gibt, geschrieben von einem pensionierten Forstbeamten mit dem klangschönen Namen Wedig Kausch-Blecken von Schmeling. Was bei literarisch orientierten Menschen nicht verwundern kann, geschah schon bald: Es wurde beschlossen, Texte über die Elsbeere zu schreiben. Die Form war freigestellt, aber etwas literarisch sollte es schon sein.</p>
<p>Das war für mich eine prekäre Angelegenheit, denn ich hatte noch nie einen Elsbeerbaum in Natur gesehen. Anders meine drei Mitstreiter, die zu unseren Treffen Elsbeerzweige, Elsbeerblüten, Elsbeerbilder, Elsbeer-Brotbretter, Elsbeerschnäpse, Elsbeerpralinen usf mitbrachten. Ich redete nach Kräften mit, aber, ehrlich gesagt, fühlte ich mich im Kreise so ausgewiesener Naturkenner ein bißchen als Hochstapler. Mein Verhältnis zu Bäumen ist freundlich, aber völlig ungetrübt von Sachkenntnis. Ich bin in westdeutschen Großstädten aufgewachsen, meine Schule, das Dreikönigsgymnasium in der Kölner Innenstadt, stand an einer Straße, deren Bewohner sich gegen das von der Stadtverwaltung aus Gründen des <em>greenwashing</em> geplante Anpflanzen von Bäumen mit dem vermutlich zutreffenden Argument wehrten, dass dort seit Römerzeiten nie ein Baum gestanden habe. Warum denn jetzt auf einmal?</p>
<p>Im Mai 2018 hat mir dann Wolfgang Haak mit freundlich mahnendem Begleitschreiben zu Trainingszwecken ein Bild von einer ortsfesten Elsbeere, nämlich der Elsbeere im Park von Schloss Belvedere, geschickt mit dem Auftrag, sie zu finden. Ich bin mit dem reinsten Naturforscherherzen der Welt losgegangen und die Folge war ein zweistündiges mehrfaches aber leider völlig ergebnisloses Umrunden des russischen Friedhofs in Belvedere.</p>
<p>Im Sommer 2018 habe ich bei sengender Hitze zusammen mit meiner Frau und meinem jüngsten Sohn in der Nähe von Bitburg/Eifel eine nach genauen Google-Maps-Koordinaten lokalisierte Elsbeere gesucht. Die Suche dauerte mehrere Stunden, die wenigen Spaziergänger erwiesen sich als ortsunkundige tschetschenische Zuwanderer, mein Sohn zog sich bei der Wanderung durch dorniges Unterholz einen Hornissenstich zu, so dass schließlich, auch zur Wahrung des Familienfriedens, die Expedition als gescheitert abgebrochen werden musste.</p>
<p>Etwas später, an einem anderen Ort in der Eifel, haben wir dann tatsächlich eine Elsbeere gefunden, allerdings nicht, weil ich sie erkannt hätte, sondern weil vor ihr ein Schild stand: „Elsbeere – Baum des Jahres 2011“. Das war ein schöner, siegreicher Augenblick und es entstand eine ganze Serie von Photographien, auf denen ich allein und mit Frau und Sohn vor der Elsbeere lächle.</p>
<p>Trotzdem fühlte ich mich nicht berechtigt, einen literarischen Text über den inzwischen schicksalhaft gewordenen Baum zu schreiben. Und so verfiel ich auf den Gedanken, Elsbeergedichte in fremden Sprachen zu suchen und sie auf Deutsch zu präsentieren. Drei Gedichte sprachen mich besonders an, ein französisches, ein englisches und ein italienisches. Ich übersetzte sie und versah sie mit Kurzbiographien der Autoren und einer kurzen Vorrede, wie nun folgt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-2"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">II. Drei fremdsprachige Elsbeer-Gedichte mit Übersetzung</span></h4>
<p>In der Gesellschaft der Bäume wirkt die Elsbeere wie eine vornehme Außenseiterin. Man findet sie kaum je mittendrin in einer Baumgruppe. Sie steht am Rand und wurzelt tief. Sie drängt sich nicht auf. Oft gibt sie sich erst auf den zweiten Blick als die einzigartige und mit hartem Eigenwillen ausgestattete Schönheit zu erkennen, die sie doch unzweifelhaft ist. Dies spröde und in einem gewissen Sinn sogar mehrdeutige Wesen der „schönen Else“ spiegelt sich auch in der Sprache: Die Elsbeere hat viele merkwürdige, vermutlich aus den Tiefen der regionalen Sprachgeschichten auf uns gekommene Namen. Einige davon muss sie sich mit anderen Bäumen teilen. Das ist nicht nur im Deutschen so. Auf Englisch zum Beispiel heißt die Elsbeere „service-tree“, was man auf Anhieb mit „Dienst-Baum“ übersetzen könnte, aber der „service“ vom „service-tree“ hat nichts mit dem room-service oder gar mit dem Tee-Service (also letztlich dem lateinischen „servus“ &#8211; Diener) zu tun, sondern ist eine Ableitung vom lateinischen „sorbus“, was, als taxonomische Kategorie genommen, auch die Vogelbeere oder Mehlbeere oder Eberesche umfasst. Gleiches gilt für das italienische „sorbo“. Einigermaßen sicher darf man für das französische Wort „alisier“ sein, dass es nur die Elsbeere meint, aber eben nur <em>einigermaßen</em> sicher.</p>
<p>Hier sind nun, ohne weitere Vorrede, die drei Elsbeergedichte, die ich, mit einiger Freiheit, übersetzt habe. Mangels eines anderen überzeugenden Kriteriums habe ich sie nach dem Geburtsdatum der Autoren angeordnet, und zwar in zeitlich absteigender Reihenfolge.</p>
<p><em>Byron Herbert Reece</em> (14. September 1917 – 3. Juni 1958) war ein amerikanischer Lyriker und Erzähler. Er lebte in ländlichen und eher armen Verhältnissen als Farmer und Aushilfslehrer. Zu seinen Lebzeiten erschienen vier Gedichtbände und zwei Bände mit Erzählungen. In seinem Heimatstaat Georgia war und ist er anerkannt und gewann, auch posthum, eine Reihe von Auszeichnungen. Eine Schallplatte mit Mozart-Musik lief, als man ihn am 3. Juni 1958 in seinem Arbeitszimmer leblos auffand; er hatte sich, an einer schweren Krankheit leidend und ohnehin zu Depressionen neigend, das Leben genommen.</p>
<p><em>wir wünschten sie blieben länger </em></p>
<p>pflaume pfirsich apfel birne<br />
und die elsbeere oben am hang<br />
entrollen das blatt und entrollen die blüte.<br />
sie geben der luft den würzigen duft,<br />
wenn die blätter ihr herz bis zur neige<br />
ausschütten. sie herrschen nicht lang,<br />
doch herrschen sie heiter, wir<br />
wünschten sie blieben noch lange hier.<br />
wir wünschten, sie hätten verzauberte zweige,<br />
da oben am hang, befreit<br />
vom allesverzehrenden fließen der zeit.<br />
doch weil sie bald gehen<br />
sind sie schöner denn je<br />
pflaume pfirsich apfel birne<br />
und die elsbeerblüten weißer als schnee.</p>
<p><em>We Could Wish Them a Longer Stay</em></p>
<p>Plum, peach, apple and pear<br />
And the service tree on the hill<br />
Unfold blossom and leaf.<br />
From them comes scented air<br />
As the brotherly petals spill.<br />
Their tenure is bright and brief.<br />
We could wish them a longer stay,<br />
We could wish them a charmed bough<br />
On a hill untouched by the flow<br />
Of consuming time; but they<br />
Are lovelier, dearer now<br />
Because they are soon to go,<br />
Plum, peach, apple and pear<br />
And the service blooms whiter than snow.</p>
<p><em>Charles-Nérée Beauchemin</em> (20. Februar 1850 – 29. Juni 1931) lebte in Yamachiche, in der Nähe von Trois-Rivières, Quebec, also im frankophonen Teil Kanadas. Er war Arzt von Beruf und gehörte der Dichterschule „Le Terroir“ an. „Terroir“ heißt wörtlich „Boden“, hat aber im Zusammenhang mit der Dichtung eine etwas andere Färbung: Der „poète du terroir“ zum Beispiel ist der „Heimatdichter“. Beauchemins Gedichte waren für ländlich-regionale Motive und Tonlagen bekannt und wegen ihres spätromantischen Gefühlsreichtums sehr beliebt.</p>
<p><em>der singende zweig des elsbeerbaums</em></p>
<p>es ist mir beinahe verklungen<br />
das schlummerlied das mir als kind<br />
der elsbeerzweig einst gesungen<br />
leise wispernd im wind</p>
<p>zweig den der windhauch wiegte<br />
ach wundersamer gesang<br />
in den meine kindheit sich schmiegte<br />
du machst mich schaudern so bang</p>
<p>die wortlosen melodien<br />
wie sag ich nur was sie mir sind<br />
durch meine träume ziehen<br />
weisen von blättern und wind</p>
<p>ach brächte das säuseln der lüfte<br />
die tage der kindheit zurück<br />
so gäben die lieder die düfte<br />
dem herz eine stunde glück</p>
<p>kein echo gibt es mir wieder<br />
das uralte kindergedicht<br />
weder die lust der lieder<br />
und die gärten der liebe nicht</p>
<p>der gesang des zweigs ist verklungen<br />
und auch sein geheimnis versank<br />
was der wind mir einstmals gesungen<br />
nass wird mein aug und das herz wird krank</p>
<p>du melancholischer sänger<br />
fass dich weine und schweig<br />
es hört dich nun nicht länger<br />
der singende elsbeerzweig<em> </em></p>
<p><em>La branche d’alisier chantant</em></p>
<p>Je l’ai tout à fait désapprise<br />
La berceuse au rythme flottant,<br />
Qu’effeuille, par les soirs de brise,<br />
La branche d’alisier chantant.</p>
<p>Du rameau qu’un souffle balance,<br />
La miraculeuse chanson,<br />
Au souvenir de mon enfance,<br />
A communiqué son frisson.</p>
<p>La musique de l’air, sans rime,<br />
Glisse en mon rêve, et, bien souvent,<br />
Je cherche à noter ce qu’exprime<br />
Le chant de la feuille et du vent.</p>
<p>J’attends que la brise reprenne<br />
La note où tremble un doux passé,<br />
Pour que mon coeur, malgré sa peine,<br />
Un jour, une heure en soit bercé.</p>
<p>Nul écho ne me la renvoie,<br />
La berceuse de l’autre jour,<br />
Ni les collines de la joie,<br />
Ni les collines de l’amour.</p>
<p>La branche éolienne est morte ;<br />
Et les rythmes mystérieux<br />
Que le vent soupire à ma porte,<br />
Gonflent le coeur, mouillent les yeux.</p>
<p>Le poète en mélancolie<br />
Pleure de n’être plus enfant,<br />
Pour ouïr ta chanson jolie,<br />
Ô branche d’alisier chantant!</p>
<p>Der dritte Dichter ist der älteste. <em>Francesco Petrarcha</em> (20. Juli 1304 – 19. Juli 1374) ist zu berühmt, als dass man in einer dreizeiligen Biographie etwas Nützliches zu ihm sagen könnte. Zu dem unten wiedergegebenen Sonett nur soviel: Man weiß nicht ganz genau, ob es wirklich von Petrarca stammt. In einigen Ausgaben der „rime“ (Reime) ist es gar nicht enthalten, in anderen unter der Überschrift „Petrarca zugeschrieben“ oder als „rime estravaganti“ o.ä. Allerdings wurde ich mir beim Übersetzen immer sicherer, dass das Gedicht von einem ziemlich genialen Dichter stammen muss, vor allem wegen der Schlusszeile, auf die hier alles zustrebt. Es ist, wenn es von Petrarcha geschrieben wurde, sein ältestes erhaltenes Gedicht.</p>
<p><em>9. november 1336 </em><em>– antwort an einen der von paris weggeschickt wurde</em></p>
<p>vielmals am tage fasst mich verzweiflung. mehr<br />
als ich tragen kann quälen mich raue eisenketten<br />
mit denen die welt mich hier fern von dir sehr<br />
fest zu fest hält. ich weiß mich nicht zu retten.</p>
<p>nur du allein bist meine hoffnung. doch ich seh<br />
dich nicht. schiel ich? bin ich erblindet?<br />
ach dass mein leben mir nicht schwindet<br />
ist es wohl zeit dass ich in meine heimat geh.</p>
<p>doch bin ich eingeschlossen von zwei seiten.<br />
mir stehn die wasser zweier flüsse bis zum kinn.<br />
von freiheit träum ich nur weil ich ein sklave bin.</p>
<p>kein lorbeer krönt mich. nur harte elsbeerblätter<br />
beschweren mir die stirne. willst du mein retter<br />
sein so sage mir nur eines: weinst du auch?</p>
<p><em>9. novembre 1336 – responsio mea ad unum missum de Parisiis</em></p>
<p>Più volte il dì mi fo vermiglio et fosco,<br />
pensando a le noiose aspre catene,<br />
di che &#8218;l mondo m&#8217;involve et mi ritene<br />
ch&#8217;i&#8216; non possa venire ad esser vosco.</p>
<p>Ché, pur al mio veder fragile e losco,<br />
avea ne le man&#8216; vostre alcuna spene;<br />
et poi dicea: — Se vita mi sostene,<br />
tempo fia di tornarsi a l&#8217;aere tosco. —</p>
<p>D&#8217;ambedue que&#8216; confin son oggi in bando,<br />
ch&#8217;ogni vil fiumicel m&#8217;è gran distorbo,<br />
et qui son servo libertà sognando.</p>
<p>Né di lauro corona, ma d&#8217;un sorbo<br />
mi grava in giù la fronte: or v&#8217;adimando<br />
se &#8218;l vostro al mio non è ben simil morbo.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-3"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">III. </span></h4>
<p>Nachdem alle vier Elsbeer-Texte geschrieben waren, beschlossen wir, ein Buch daraus zu machen. Es erschien im Herbst 2018 als Privatdruck mit Illustrationen von Walter Sachs und einem Aufsatz von Andreas Pahl über die Elsbeere im Park von Schloss Belvedere. Der Titel lautet: Die Elsbeere – Wilde Früchte am Baum der Poesie. Enthalten ist ein Gedicht von Wulf Kirsten, eines von Michael Knoche und ein kleiner poetischer Zyklus von Wolfgang Haak.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/drei-gedichte-ueber-die-elsbeere/">Drei Gedichte über die Elsbeere</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Horaz: Epoden</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/horaz-epoden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Aug 2017 08:38:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Übersetzungen]]></category>
		<category><![CDATA[Epode]]></category>
		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=741</guid>

					<description><![CDATA[<p>Horaz: Epoden &#160; Übersetzt von Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; &#160; Epode 1 – 2 – 3 – 4 – 5 – 6 – 7 – 8 – 9 – 10 – 11 Erste Epode Ibis Liburnis du ziehst auf liburnischen booten zwischen turm- hohen seglern zu kämpfen freund Maecenas bereit die gefahren alle mit Caesar [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/uebersetzungen/horaz-epoden.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="padding-left: 30px;"><span style="font-family: gill-sans-bold; font-size: 22pt;">Horaz: Epoden</span></h1>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: left; padding-left: 150px;"><strong><span style="font-family: baskerville-italic;">Übersetzt von Christoph Schmitz-Scholemann</span></strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h6 style="text-align: center;"><span style="font-family: gill-sans-regular;">Epode<a href="#anker-epode-1"> 1</a> – <a href="#anker-epode-2">2</a> – <a href="#anker-epode-3">3</a> – <a href="#anker-epode-4">4</a> – <a href="#anker-epode-5">5</a> –<a href="#anker-epode-6"> 6</a> – <a href="#anker-epode-7">7</a> – <a href="#anker-epode-8">8</a> – <a href="#anker-epode-9">9</a> – <a href="#anker-epode-10">10</a> – <a href="#anker-epode-11">11</a></span></h6>
<hr />
<h4 id="anker-epode-1"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"><br />
Erste Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Ibis Liburnis</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">du ziehst auf liburnischen booten zwischen turm-</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> hohen seglern zu kämpfen freund</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> Maecenas bereit die gefahren alle mit</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> Caesar zu teilen: und wir? das</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> leben wird falls du zurückkehrst angenehm sein</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> falls aber nicht hart eine last.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> werden wir wie du befiehlst der muße pflegen?</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> das wird ohne dich keine lust.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> können wir aber die mühen tragen die uns</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> der mut zu schultern gebietet? wir</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> werden sie tragen über den kamm der alpen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> den gastfeindlichen kaukasus</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> weit in die letzten erdfalten des westens und</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> immer mit kraftvollem herzen.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> wie meine mühe die deine erleichtern soll</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> da ich im krieg nicht geübt bin?</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> aus der ferne fürchte ich mehr um dich als wenn</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> ich dir nah bin. wie die mutter</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> die doch zu schwach ist zu helfen trotzdem nah bei</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> den ungefiederten küken</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> wacht und späht nach der anschleichenden schlange und</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> läßt ihre brut niemals allein.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> gerne gehen wir in diesen und in jeden krieg und</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> hoffen du weist uns nicht zurück:</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> nicht damit sich mehr junge stiere stemmen ins</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> joch und meine felder pflügen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> nicht damit sich mein vieh an hundstagen kühlen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> kann auf lukaniens weiden</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> nicht damit ich ein weiß strahlendes landhaus im</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> walde bei tusculum baue –</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> reich und übergenug beschenkt von deiner gunst</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> bin ich und will nichts was ich wie</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> Chremes aus geiz eingraben müßte oder wie</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;"> müßige erben verschleudern.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-2"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Zweite Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Beatus ille</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">»glücklich wer fern von geld und geschäften ernst und</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">einfach wie die sterblichen einst</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">das väterliche feld mit eigenen stieren</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">bepflügt zinslos abgabenfrei</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">und es schmettert ihn keine trompete zum</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">krieg und schreckt ihn weder die wut</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">des meers noch die der gerichte und er kriecht nicht</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">in hinterzimmern wichtiger</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">männer. also umschlingt er mit liebesfrohen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">ranken vom weinlaub die schlanken</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">pappeln oder im abgelegenen tal sieht</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">er den muhenden herden zu</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">oder schneitelt morsche zweige rundum vom baum</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">und pfropft fruchtbare auf oder</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">er sammelt honig in reinen krügen und er</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">schneidet schafen das haar. und wenn</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">dann der herbst sein mit früchten geschmücktes haupt hebt</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">und schüttelt – welcher glänzende</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">streit der farben! – so freut sich der landmensch birnen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">zu pflücken und dunkle trauben</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">und trägt sie dir Priapos gartengott zu und</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">dir Silvan schutzgott der grenzen.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">im gastlichen gras unter der alten eiche</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">zu lagern nun welcher genuß!</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">das wasser zwischen den böschungen arbeiten</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">hören die vögel klagen im</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">wald und die nymphen flüstern an den quellen – wie</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">leichtsinnig werden die träume!</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">aber wenn dann mit donnerschlägen Iupiter</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">regen und schließlich auch schnee bringt</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">hetzt er mit hundemeuten die wilden schweine</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">hin und her und endlich ins garn</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">oder er spannt auf glatte stöcke ein netz für</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">die neugierigen drosseln und</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">fängt sich zum lohn einen ängstlichen hasen und</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">den weithergereisten kranich.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">wer vergäße da nicht der tränen leicht</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">und seufzer des liebeskummers?</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">erst recht wenn die frau schicklich die kleinen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">pflegt und waltet im haus und am herd</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">kerngut ein sabinisches oder gebräunt von</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">der sonne ein apulisches</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">weib. sie schichtet das holz im herd zur ankunft</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">des matten mannes vom feld schließt</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">das zufriedene vieh in den geflochtenen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">weidenzaun melkt die gespannten</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">euter und holt aus dem faß köstlichen jungen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">wein und bereitet die mahlzeit</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">aus den kräutern und früchten des gartens.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">Lucrinische austern scholle</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">butt vom ostwind vielleicht winters an unsere</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">ufer getrieben vergnügen</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">mich nicht und kein afrikanischer vogel darf</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">mir hinab in den bauch kein huhn</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">aus Ionien ist mir so lieb wie oliven</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">vom fettesten zweig gepflückt und</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">wiesenverliebter ampfer und für den harten</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">bauch heilsame malven und ein</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">zum festtag geschlachtetes lamm oder hase</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">der gier des wolfes entrissen.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">wie günstig bei solchem geschmause die schafe</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">von der weide zum stall trotten</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">sehn und den müden stieren schlenkert der pflug mit</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">nach oben gekehrter schneide</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">vom gebeugten nacken. die knechte kehren zum</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">göttlich glänzenden herd zurück.«</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">als Alfus der halsabschneider so sprach fühlte</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">er sich schon ganz wie ein bauer</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">und verlieh das eben erwucherte geld wieder</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular;">um zinsen und zinseszinsen.</span></p>
<h4></h4>
<h4 id="anker-epode-3"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Dritte Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Parentis olim</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">wer vater und mutter erschlug den soll man<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schmecken lassen wie eine strafe<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schmeckt die schlimmer als alles gift ist: knoblauch.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">der wirft den eisernen landknecht<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">um und sein pferd und wütet heiß und wild in den<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">därmen! oder täuschte man mich?<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">gab man mir rohes vipernblut? hat die hexe<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Canidia heute gekocht?<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Medeas geschenk ehe sie auf dem drachen floh<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">tötete Iasons braut: es war<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mit knoblauch getränkt. nie quält die sonne so heiß<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">das trockene Apulien<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und gräßlicher hat sich das nessushemd nicht in<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Herkules schultern gebrannt als<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">knoblauch brennt. du Maecenas wenn dir nach knoblauch<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zumute ist küss dem mädchen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">die hand nicht den mund und gestatte ihr gnädig<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">am rand des bettes zu liegen.</span></p>
<h4></h4>
<h4 id="anker-epode-4"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Vierte Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Lupis et agnis</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">wolf und lamm sind von natur einander nicht mehr<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">verfeindet als ich mit dir. ach!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">deine wangen wie fahl vom gefängnis wie wund<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">von harten fesseln die waden.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">geh nur die brust hochmütig geschwellt – all dein gold<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">macht doch nicht heller die schwärze<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">deines verrats. wandle prächtig im faltenwurf<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">deiner toga doch sieh auch die<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dich sehen die gesichter eingedunkelt durch<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">des herzens ehrliches hassen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">vor stunden noch gepeitscht bis zur erschöpfung der<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">kerkerknechte jetzt aber<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">grundbesitzer herr mit tausend morgen weinland.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">deine stolzen pferde trampeln<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">die Via Appia hohl und gegen recht und<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">sitte sitzt du in der ersten<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">reihe. du lächelst. hilft es krieg gegen räuber<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zu führen eisenschnauzige<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schiffe gegen barbaren zu schicken wenn du<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">soldatenführer in rom bist?</span></p>
<h4></h4>
<h4 id="anker-epode-5"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Fünfte Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> At o deorum</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">»was bei allen göttern im himmel hat dieses<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">geschrei zu bedeuten? warum<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">stieren diese verwilderten fratzen mich an<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mich allein? bei deinen kindern<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Canidia (wenn du je eine hebamme<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">brauchtest) ich fleh dich an bei den<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">aberwitzigen roten kleidern die deinen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">leib umflattern bei Iupiter<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">der was du tust verdammt so sieh mich nicht an bös<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wie die stiefmutter oder das<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">vom eisen getroffene wild!« so flehte der<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">kleidung beraubt der knabe ein<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">kind zitternd es hätte sogar das herz eines<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">thrakischen kriegers erweicht. doch<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Canidia wirr das haupthaar mit vipern<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zu zischenden zöpfen gedreht<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">sammelt aus gräbern gerissenes feigenholz<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">sammelt schwarze zypressen und<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">eier beschmiert mit dem blut einer häßlichen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">kröte die feder der blinden<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">eule thessalische kräuter und spanisches<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">giftgras knochen vom kopf einer<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">heißen hündin und in tscherkessischem feuer<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">röstet sie alles. Sagana<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">aber im leichten kittel sprengt faules wasser<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">durchs haus und ihr haar steht zu berg<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wie die stacheln vom meerigel abstehn oder<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">fliehenden ebern die borsten.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Veia stumpfsinnig stöhnend unter den mühen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">der bosheit kratzt erde aus mit<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">harter hacke. da soll der knabe lebendig<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">begraben nur mit dem kopf aus<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">der erde wie ein schwimmer mit dem kinn aus dem<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wasser ragend zweimal dreimal<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">täglich die mahlzeiten wechseln sehen und in<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ausführlichsten qualen sterben.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wenn dann seine aufs essen starrenden augen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">endlich gebrochen sein werden<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">brauen die weiber aus mark und leber des kinds<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">liebestränke. und Folia<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">von Ariminensis so geht das gerücht im<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">faulen fernen neapel war<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">auch mit dabei die mannsgeile hexe und sie<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">hat mit hellem theassalischem<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">heulgesang den mond und die sterne vom himmel<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">geholt. was sprach was verschwieg nun<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Canidia mit dem letzten blauschwarzen zahn<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">am nagel kauend? »ihr seid mir«<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">rief sie »immer die treuesten zeugen: Nacht und<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Diana herrscherin über<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">das schweigen. steht mir bei. steht mir bei. wendet ins<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">haus des feindes heillosen zorn.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schlafmatt in den fürchterlichen wäldern versteckt<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">sich das wild. aber den geilen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">greis Varus sollen vorstadthunde verbellen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zum grellen gelächter aller<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">den alten geölten lüstling. und wie? aber<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">was? warum wirkt die tinktur das<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">aserbeidjanische gift der Medea nicht?<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">hat nicht Medea der zweiten<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">frau ihres mannes ein kleid das in dieses gift<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">getunkt war geschenkt? und ist nicht<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dieses weib verbrannt bei lebendigem leib als<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ihr das kleid die haut brannte? an<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">keinem kraut und keiner verborgenen wurzel<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ließ ich es fehlen. sein kissen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">sogar gesalbt mit dem seim des vergessens<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">fremder frauen. ah! ah! weder<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">vom gift noch von fluchgesängen gebunden geht<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">er frei. aber warte Varus!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">neues werde ich brauen ein ungeheuer<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">an eiterbrühe. ich sehe<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dich weinen und nie wird ein gegengetränk dir<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">den verstand zurückgeben nein<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">du entkommst meiner geilheit nicht denn ich geb dir<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ein besseres stärkeres gift<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und eher noch stürzt der brennende himmel ins<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">meer und die erde sitzt oben<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">darauf als daß du nicht dampfst vor gier nach mir wie<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">kochender asphalt.« so rief sie<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">aber der knabe milderte seine worte<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">nun nicht mehr. erst noch unsicher<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wie er sein schweigen bräche schleudert er schlimme<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">flüche gegen die zuchtlosen:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">»kein saft kein gift macht unrecht zu recht. sie wandeln<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">das menschliche wechsellos nicht.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ich werde euch hetzen mit meinen flüchen. kein<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">opfer und kein gebet wird euch<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">retten. bald habe ich ausgehaucht. dann komme<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ich nachts als totengespenst mit<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">krummen nägeln zerkratz ich eure gesichter<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und ich reite auf eurem herz<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und raube euch den schlaf mit schrecken. steinigen wird<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">euch der pöbel und zerquetschen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">eure greisinnengeilheit. unbeerdigt in<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">den straßen verstreut beute für<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">streunende wölfe und aasvögelfraß eure<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">knochen. das schauspiel wird meinen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">eltern und meinem großen bruder nicht entgehn.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ach daß sie mich überleben!«</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-6"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Sechste Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Quid inmerentis hospites</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">was quälst du harmlose fremde du hund feige<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wenn es auf wölfe geht? nur zu!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">vorwärts wenn du dich traust! greif an! mich der zurück<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">beißt. wie ein scharfer Molosser<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">helfer der hirten oder wie der Spartaner<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">die ohren aufgestellt hetze<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ich durch hohen schnee alles wild das vor mir flieht.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und du? der wald hallt vom hellen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">gebell deiner stimme gell während du schnüffelst<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">nach bröckchen die man dir vorwirft<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">hüte! hüte dich! für üble gesellen wie<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dich sind meine hörner zum stoß<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">bereit. Hipponax trieb seinen schwiegervater<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zum selbstmord mit nichts als frechen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">versen. und ich sollte da weinen weil du mich<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mit deinem schwarzen zähnchen ritzest?</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-7"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Siebente Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Quo quo scelestis ruitis?</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">wohin ach wohin ihr schändlichen rennt ihr? was<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zieht ihr von neuem die schwerter?<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">hat nicht genug lateinisches blut die erde<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">getränkt und die flüsse gefärbt?<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ihr rennt nicht daß Rom Karthagos hochmütige<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">türme verbrennt oder daß endlich<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">die briten die unberührten in ketten die<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Via Sacra hinabsteigen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">müssen. ihr wollt daß die stadt sich nach feindeswunsch<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mit eigener hand entleibt! das<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ist weder bei wölfen noch löwen sitte: die<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">eigene art zu zerfleischen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">treibt euch die blinde wut oder der schärfere<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">stachel alter schuld? antwortet!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schweigen. bleiche blässe entfärbt eure wangen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">die zerwühlten herzen erstarrt.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ja es ist so: das schicksal hetzt euch hart gegen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">einander. ihr lebt im schatten<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">des brudermords: zum fluch der enkel floß das blut<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">des arglosen Remus aufs feld.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-8"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Achte Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Rogare longo</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">mich fragen was mir den saft raubt! du schon seit mehr<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">als einem jahrhundert verfault!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">du – die zähne schwarz und die stirn vom alterspflug<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">durchfurcht! scheußlich gähnt die öffnung<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zwischen den schlappen hintertaschen wie das loch<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">einer läufigen kuh. aber<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dein busen soll mich entzünden? mürbe tüten<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wie pferdeeuter quallender<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">bauch hagere schenkel sich hochkrümmend aus den<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dick aufgeblasenen waden.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">glück und segen! die teuersten blumen aufs grab!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">palmzweig und flötenmusik! bleib<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">du die dame der blinkenden perlen die den<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schwersten schmuck in der stadt hat. wie?<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">weil du zwischen deine kissen büchlein streust von<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">philosophen sollen nun die<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">nerven die nicht lesen können und mein treues<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">glied einen aufstand machen? willst<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">du daß er sich erhebt von den stolzen hoden?<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dann bemühe mund und zunge!</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-9"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Neunte Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Quando repostum Caecubum</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">wann trink ich mit dir den Caecuberwein Mäcen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zur feier daß Octavian<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ganz gesiegt hat Iupiter zu gefallen mit<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dir in deinem luftigen schloß<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und die lyra mischt ihren dorischen klang den<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">pfiffen der wilden flöten bei<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wann? wie vor wochen als Sextus der sich sohn des<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wassergotts nennt übers meer mit<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">brennenden schiffen entfloh geschlagen der mann<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">der Rom in fesseln zu legen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">gedachte mit Roms entfesselten sklaven. ach<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">welch ein Römer! Kleopatras<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schildknecht und lanzenträger! diener runzliger<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">eunuchen! das ließ die sonne<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">erröten: ein diwan im heerlager. diwan<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mit weib unter dem mückennetz<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">liegend. aber die gallischen reiter schrieen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Octavian! und wandten die<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schäumenden pferde gegen Antonius. da<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">krochen die feindlichen schiffe<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">tief in den hafen. und nun triumph! goldene<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">kriegswagen! jungkühe stampfen!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">triumph! so glänzend kehrte der sieger gegen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Jugurtha nicht heim glänzender<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">auch Africanus nicht dessen grab sich über<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Karthago wölbt als nun unser<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Octavian! der feind zu land und meer besiegt<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">tauscht nun den roten mantel des<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">siegers gegen das trauerhemd. nach kreta will<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">er aber der wind will es nicht<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und treibt die schiffe zur großen Syrte oder<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ins ungewisse der meere.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">größere becher mein junge! wein von Chios<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">von Mytilene oder den<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">der das schwindelübel der seekrankheit mildert<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">den Caecuberwein. sorgen und<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">furcht um Octavian lösen sich auf wenn<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wir den Caecuber trinken.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-10"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Zehnte Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Mala soluta navis</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">anker licht und leinen los. der himmel grollt. gut<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">so denn Maevius sticht in see<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">der stinker. südwind peitsch die schnaubenden wasser<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">beidseits gegen sein schiff. laß<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">sich überschlagende wellen schwarzer ostwind<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">tauwerk und ruder zerreißen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">erheb dich nördlicher sturm brich ihm den mastbaum<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">wie im gebirge zerfranste<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">eichen. kein freundlicher stern steh ihm bei wenn bei<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">nacht Orion trüb und müde<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">entschwindet. unruhig sei seine fahrt wie der<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">griechischen sieger als ihren<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">zorn vom brennenden Troja ab und dem boot des<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">gottlosen Ajax zuwandte<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Athene. wieviel schweiß harrt deiner matrosen!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und deiner selbst welch bleicher schreck<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">und feiges wimmern und betteln vor einem gott<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">der sich wendet wenn knurrend der<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">sturm wassergebirge dein boot zu zersplittern<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">befiehlt. und dein leib wenn er dann<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">am strand gestreckt liegt eine fette beute der<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">möwen den geilsten geißbock will<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ich verbrennen und noch ein lamm dazu als dank<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">den günstigen göttern des sturms.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 id="anker-epode-11"><span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;">Elfte Epode</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-bold; color: #808080;"> Petti, nihil me</span></h4>
<p><span style="font-family: baskerville-regular;">selbst gedichteschreiben Pettius hilft mir nicht<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mehr. schwer zerschmettert von liebe in lust hinschmelzend erhitzt<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">vor allem bei biegsamen burschen und beinah<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">noch kindlichen mädchen. und dies ist doch nun schon der dritte<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Dezember der von den häuptern des walds<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">die blätterhüte gefegt hat seit meiner raserei für<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Inachia &#8230; weh mir! wie war ich mir selbst zu<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dauernder scham ein geschwätz in der stadt! welche qual war es<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">gast sein müssen bei tischgesprächen. mein schweigen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">dumpfheit und seufzer tief aus der seele redeten laut von<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">meiner verliebtheit. »gegen geld gilt der glanz des<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">verstands eines armen nichts.« klagte ich damals dir und ich<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">weinte mich heiß und mit feurigem wein trieb ein<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">schamloser gott aus was verschlossen war in den dunkelsten<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">kammern des herzens: »aber jetzt nun kocht mir die<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">galle über und zerätzt die trostreichen pflaster die nie<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">meine wilde wunde heilen. ich werde mich<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">nie mehr prügeln mit männern die meiner nicht wert sind.« so schwor<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ich dir hoch und heilig. du sagtest: geh nach haus.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">ich ging aber wo mich mein zögernder fuß hinführte und<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">das war keine freundliche türe ach eine<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">harte schwelle ach eine steinige stufe zerquetschte<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mir rippen und rücken. nun aber hat mich die<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">liebe gepackt zu dem jungen der heller glänzt als alle<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mädchen Lyciscus. von ihm bringt mich niemals ein<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">guter rat kein neidisches wort meiner freunde weg nur eins<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">nämlich neues feuer entfacht durch das weiße<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">mädchen dort oder den glatten knaben da mit den locken.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h6 style="text-align: center;"><span style="font-family: gill-sans-regular;">Epode<a href="#anker-epode-1"> 1</a> – <a href="#anker-epode-2">2</a> – <a href="#anker-epode-3">3</a> – <a href="#anker-epode-4">4</a> – <a href="#anker-epode-5">5</a> –<a href="#anker-epode-6"> 6</a> – <a href="#anker-epode-7">7</a> – <a href="#anker-epode-8">8</a> – <a href="#anker-epode-9">9</a> – <a href="#anker-epode-10">10</a> – <a href="#anker-epode-11">11</a></span></h6>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/horaz-epoden/">Horaz: Epoden</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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