Der schönste Vereinsbeitritt. Erinnerung an Olaf Weber (15.10.25)
Im Jahr 2008 wurde ich zum Vorsitzenden der Literarischen Gesellschaft Thüringen gewählt. Weil der Verein, wie alle Kulturvereine, ein bißchen klamm mit Geld war, überlegten wir, wie man Abhilfe schaffen könnte. Eine der Ideen, die wir verfolgten, war, viele neue Mitglieder zu gewinnen. Idealerweise, so dachte ich damals, schaffen wir 1000 Neueintritte, das hätte bei dem moderaten Jahresbeitrag von 30 Euro immerhin 30.000 Euro p.a. bedeutet, also eine Masse Geld. Viel rumgekommen ist bei der Aktion letztlich nicht. Ehrlich gesagt, sie war ein Schlag ins Wasser. Es gab aber auch Positives: Erstens die Lehre, dass anspruchsvolle Literatur eben kein Massensport ist. Zweitens war es eine Freude, die wenigen, aber durchweg interessanten und begeisterten Literaturfreunde näher kennen zu lernen, die wir zum Eintritt ermuntern konnten.
Eines der neuen Mitglieder war ein Professor der Bauhaus-Universität in Weimar. Olaf Weber hieß er, geboren am 5. Oktober 1943 in Dresden. Sein Spezialgebiet war die Ästhetik der Baukunst. Nebenher war er leidenschaftlicher Pazifist und organisierte mehrfach den sogenannten 42. Kongress des Absurden, auf dem er einmal einen Fachvortrag durch eine Sopranistin singen ließ. Die Studentenschaft liebte Olaf Weber, der mit Ende 50 vollständig erblindet war. Er war nicht nur ein charismatischer Professor, sondern auch ein begnadeter Spaßvogel. Manchmal trug er einen mit dem Blindenabzeichen verzierten Button am Revers, auf dem stand: „Ich kann kein Bauhaus mehr sehen“.
Ich hatte ihn schon einige Jahre vor seinem Vereins-Eintritt bei Literaturveranstaltungen kennengelernt und bemerkt, wie brennend er an Lyrik interessiert war und dass er selbst äußerst erstaunliche, surrealistisch anmutende Gedichte schrieb – die mir aus der Seele sprachen. Im Mai 2021 erschien der Band „Ein Veilchen, Schulter an Schulter“ in der Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen.
Als Olaf Weber am 11. Oktober 2021 starb, waren wir längst Freunde geworden. Einige meiner Erinnerungen an ihn sind Teil eines podcasts der Literarischen Gesellschaft Thüringen.*
All das führt dazu, dass ich oft und gern an Olaf Weber denke, vor allem im Oktober. Manchmal finde ich ein Bild von ihm oder einen Brief, der mich an ihn erinnert: So wie kürzlich das Aufnahmeersuchen aus dem Jahre 2009, mit dem Olaf als zahlendes Mitglied in die Literarische Gesellschaft Thüringen eintrat. Einen schöneren Antrag habe ich nie bekommen.

Nachzuhören unter https://literarische-gesellschaft.de/die-toten-sterben-niemals-aus/, Minute 26:00 bis 33:00