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Der verdrießliche Herr Bechstein (01.08.20)

 

Schön ist es in Meiningen. Eine Heiterkeit und Leichtigkeit strahlt diese Stadt aus, etwas Südliches hat sie. Und ein für viele Ohren lustig klingender Dialekt wird dort gesprochen, von dem mir ein Ur-Meininger verriet, er würde manchmal als »Werra-Kreolisc« bezeichnet. Das ist aber beileibe nicht alles, was Meiningen auszeichnet. Gibt es irgendwo in Deutschland oder sonstwo eine 20.000 Seelen-Stadt mit einem 4-Sparten-Theater, das aus der Ferne aussieht wie die Akropolis? Und auch berühmte Bürger hatte und hat die Stadt. Zum Beispiel  Ludwig Bechstein.

Über Bechstein, den wir als einen der großen deutschen Märchensammler kennen, heißt es in älteren Biographien, er sei »früh verwaist«. In Wahrheit war es so:  Seine Mutter, Johanna Bechstein aus Altenburg, liebte einen französischen Emigranten und wurde schwanger. Zur Niederkunft reiste sie nach Weimar, wo sie am 24. November 1801 ein, wie es die Taufurkunde vermerkt, »uneheliches Söhnlein« gebar und es – fast noch im Taufkleid – in die Obhut einer Ziehmutter gab. Seinen Vater hat der Junge nie gesehen. Die Weimarer Zeit, die Bechstein später als »schlimmen Traum« beschrieb, endete 1810. Ein Verwandter nahm das traurige, aber hoffnungreiche Kind zu sich, ließ es eine Lehre machen und studieren. Seine poetische Begabung brachte Bechstein an den Meininger Hof. »Er scheint« so schrieb ein Besucher 1842 »mit seinem Schicksal zufrieden, er hat Haus, Frau und Kinder …  und als Hofbibliothecar einen kleinen Gehalt und denselben Titel, der einst … Schiller’n zu Theil ward.«

Bechstein war aber nicht nur Bibliothekar, Regionalhistoriker und Märchensammler, er hat, wie so mancher Bibliothekar, in seinen freien Stunden auch gedichtet. Und in seine romantischen, eher konventionellen Verse mischte sich immer wieder etwas von der traurigen Stimmung seiner Weimarer Kindheit, die ihn nie ganz losließ. Er empfand sich selbst als einen eher verdrießlichen Gesellen, was ihn noch mehr verdross. Was ihn allerdings auszeichnet, ist, dass er über seinen Hang zum Pessimismus selber auch lachen konnte, weshalb Besucher, die ihn nicht so gut kannten wie er sich selbst, ihn als letztlich dann doch recht zufriedenen Menschen erlebten.

Das muss auch an Meiningen gelegen haben.

Der Verdrießliche

Ich bin verdrießlich!
Weil ich verdrießlich bin,
Bin ich verdrießlich.

Sonne scheint gar zu hell,
Vogel schreit gar zu grell,
Wein ist zu sauer mir,
Zu bitter ist das Bier,
Honig zu süßlich.

Weil nichts nach meinem Sinn,
Weil ich verdrießlich bin,
Bin ich verdrießlich.

Dort wird Musik gemacht,
Dort wird getanzt, gelacht,
Dort wirft man gar den Hut:
Wie mich das ärgern tut!
Ist nicht ersprießlich,
Ist nicht nach meinem Sinn,
Weil ich verdrießlich bin,
Ach, so verdrießlich.

Wo ich auch geh’ und steh’,
Ich meinen Schatten seh’,
Immer verfolgt er mich.
Ist das nicht ärgerlich?
Und, wenn der Himmel trüb’,
Ist es mir auch nicht lieb.
Winter ist mir zu kalt,
Frühling kommt mir zu bald,
Sommer ist mir zu warm,
Herbst bringt den Mückenschwarm,
Mücken auf jeder Hand,
Mücken an jeder Wand,
O wie mich das verstimmt!
O wie mich das ergrimmt!
Wie das in’s Herz mich brennt!
Himmelkreuzelement! –

Bin ganz verdrießlich,
Weil nichts nach meinem Sinn
Weil ich verdrießlich bin,
Ach, wie verdrießlich!

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