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In eigener Sache (15.10.21)

 

In den nächsten Tagen erscheint im Coesfelder Elsinor-Verlag das zweisprachige Buch »Den Toten bewachen – Garder le mort«. Es handelt von einem Thema, das irgendwie zum Herbst zu passen scheint und dessen zeitlose Aktualität uns in der Pandemie unangenehm nahe gerückt wurde: Es geht um das Sterben und den Tod.

»Den Toten bewachen – Garder le mort« enthält Gedichte des französischen Schriftstellers Jean-Louis Giovannoni mit deutschen Übersetzungen. Die französischen Gedichte erschienen erstmals Mitte der 70er Jahre.  Der schmale Band steht in der französischen Lyrik als eine Art Geheim-Ikone der Gegenwartspoesie da. Über 40 Jahre nach seinem Ersterscheinen wurde »Garder le Mort« 2017 schon zum sechsten Mal aufgelegt und ist bis heute immer wieder Gegenstand literarischer und literaturwissenschaftlicher Betrachtungen. Es ist ein hartes Buch. Schon der Titel ist merkwürdig: »Garder le mort« – was soll das heißen? Auf den Toten achten?  Es könnte auch »Den Toten bewahren« oder »Den Toten an sich nehmen« oder »Den Toten bei sich behalten« oder »Den Toten für sich vereinnahmen« heißen. Jean-Louis Giovannoni sagt dazu, dass der Aspekt des aktiven, durchaus auch misstrauischen Bewachens – etwa so wie man Gefangene bewacht – in seinem Verständnis besonders wichtig ist. »Den Toten bewachen« dürfte dem am nächsten kommen. Wichtig ist, dass nicht von »la mort«, also vom Begriff des Tods, sondern von dem Toten in seiner provozierenden, spitzen Körperlichkeit die Rede ist.

Eine stille, manchmal gebieterische Gewalt und gelegentlich ein halb grimmiger, halb leutseliger Humor ist in den über sechzig kurzen Gedichten zu spüren. Sie drehen sich anfangs, in fragmentarischen Sätzen, um die dem eigenen Innern einwohnende Vorangst, die alles, was mit Sterben und Tod zu tun hat, umgibt und uns regelrecht terrorisieren kann. Und dann wird es bald sehr körperlich, überkonkret beinahe, verletzend konkret. Beobachtungen, Gedanken bei der Totenwäsche, beim Zurechtmachen des Leichnams. Und dann das Fortleben des Toten in den Gesprächen der Lebenden: Die Worte verwesen nicht. Tröstlich in einem irgendwie bequemen Sinn ist das Buch nicht. Das Buch ist existentiell. Für den Autor, weil der Tod seiner Mutter den Anlass für die Niederschrift bildete. Für den Leser, weil die Gedichte uns die eigentlich banale Erkenntnis, dass Leben nur mit der Gewissheit des Todes zu haben ist, mit atemberaubender Konkretheit  entgegenhält. Wenn Kenner der menschlichen Seele sagen, die einzige Möglichkeit, Todesangst zu bearbeiten, liege in der Konfrontation mit dem Körper eines Toten, dann ist die grimmige Totenwache, die Jean-Louis Giovannoni uns mit »Garder le mort« zumutet, eine gute, ja eine geradezu mutige Therapie.

Jean-Louis Giovannoni, Jahrgang 1950, hat lange in psychiatrischen Einrichtungen gearbeitet und lebt heute als Dichter und Übersetzer in Paris. Zu seinem 70. Geburtstag 2020 widmete ihm die vor über 90 Jahren gegründete Zeitschrift »Revue des Sciences Humaines« ein umfangreiches Sonderheft. Diesem Sonderheft ist das hier erstmals auf Deutsch übersetzte Nachwort des auch in Deutschland bekannten Schriftstellers Éric Vuillard (Prix Goncourt 2017) entnommen, in dem er sich dem Besonderen nähert, das Giovannonis Gedichte auch in der französischen Literatur bedeuten. Vuillard bekennt sich zu einer Dichtung, die auf jede Form metaphysischen Raunens verzichtet und sich der Körperlichkeit der Welt stellt. Für die Genehmigung zur Verwendung seines Essays als Nachwort danke ich Éric Vuillard an dieser Stelle nochmals sehr herzlich.

Die Übersetzung stammt von meiner Tochter Paula Scholemann und mir. Paula hat in Dublin und Paris studiert, in Köln promoviert, lebt in Frankreich und arbeitet dort als Sprachlehrerin.

Die Anregung zur Übersetzung gab Edoardo Costadura, der an der Universität Jena Romanische Literaturwissenschaft lehrt und das Projekt über zwei Jahre hin wissenschaftlich begleitet und mit Rat und Tat freundschaftlich gefördert hat. Ihm ist ebenso zu danken wie dem Verlag »Editions Unes« in Nizza für die Genehmigung zum Abdruck der französischen Gedichte sowie Thomas Pago, dessen beträchtlicher verlegerischer Mut die schön gestaltete zweisprachige Ausgabe möglich gemacht hat.   

Den Toten bewachen – Garder le Mort, Gedichte von Jean Louis Giovannoni, Französisch/Deutsch, mit einem Nachwort von Éric Vuillard. Deutsche Übersetzung von Paula Scholemann und Christoph Schmitz-Scholemann, Elsinor-Verlag Coesfeld, 180 Seiten, Klappenbroschur, Fadenheftung. 15,00 Euro.

ISBN-10‏ : ‎ 3942788578 – ISBN-13‏ : ‎ 978-3942788571

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