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	<title>Carlos Marzal archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Seuchen und Sonette (15.03.20)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Mar 2020 21:22:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Carlos Marzal]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seuchen und Sonette – Johann Wolfgang von Goethes Gedicht »Nemesis« (15.03.20) &#160; Für Lothar Hütig   Wie verhält man sich, wenn eine Seuche ausbricht? Eine Seuche bedeutet: Es besteht hohe Ansteckungsgefahr. Die Seuche ist eine soziale Macht. Will man ihr entgehen, tut man gut daran, seine gesellschaftlichen Kontakte gering zu halten und zu kontrollieren. Es [&#8230;]</p>
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<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Seuchen und Sonette – Johann Wolfgang von Goethes Gedicht »Nemesis« (15.03.20)</h1>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Für Lothar Hütig </em><em> </em></p>
<p>Wie verhält man sich, wenn eine Seuche ausbricht? Eine Seuche bedeutet: Es besteht hohe Ansteckungsgefahr. Die Seuche ist eine soziale Macht. Will man ihr entgehen, tut man gut daran, seine gesellschaftlichen Kontakte gering zu halten und zu kontrollieren. Es kann ja auch abgesehen von Seuchengefahren von Vorteil sein, den geselligen Zerstreuungs-Angeboten eher zaudernd zu begegnen. Das Verpassen von Gesellschafts-Ereignissen ist oft ein Segen.</p>
<p>Ansteckungsgefahr kommt nicht nur bei körperlichen Krankheiten vor. Es gibt z. B. auch gewisse Verhaltensweisen, z. B. Formen des Redens oder des Sich-Kleidens, die ansteckend wirken. In der Goethezeit gab es unter Dichtern die grassierende Sonett-Mode. Jeder, der konnte, und auch wer es nicht so besonders gut konnte, schrieb 14-zeilige Gedichte nach Petrarcas Maß. Goethe nannte die besonders gefühlsseligen Produkte dieser Gattung abschätzig »Lacrimassen«, also Tränenfluten, indem er sich auf ein allgemein als übler Kitsch angesehenes Theaterstück »Lacrimas« des schwerkatholischen Dichters Wilhelm von Schütz (1776–1847, genannt »Schütz-Lacrimas«) bezog. Goethe glaubte lange, dieser von ihm als Seuche bezeichneten Mode widerstehen zu sollen. Ebenso wie er zu gewissen Zeiten glaubte, sich den eigenen Liebesgefühlen entgegenstellen zu müssen. In dem Sonett »Nemesis« bekennt er, die Folgen seiner Verweigerung nicht bedacht zu haben: Dass nämlich die Seuche sich rächen kann, indem sie den, der sich ihr entziehen wollte, nur umso boshafter verfolgt – wie die Erinyen, die rasenden Rachegöttinnen mit der Schlangenfackel – und er schließlich doch noch der Ansteckungsgefahr erliegt.</p>
<p>Daran musste ich denken, als ich dieser Tage las, was ein führender Virologe zur Corona-Epidemie sagte: Es sei wahrscheinlich gar nicht so klug, die Seuche jetzt mit aller Macht stoppen zu wollen, weil sie dann im nächsten Winter umso mächtiger zurückkehren werde.</p>
<p>Weder das Zaudern und Verpassen noch die beherzte und lustvolle Inkaufnahme der Ansteckungsgefahr ist ein verlässlicher Weg zum Glück. Die Unsicherheit bleibt. Wir müssen sie wohl, wenn wir sie nicht lieben können, wenigstens akzeptieren.</p>
<p><strong>Johann Wolfgang von Goethe: </strong></p>
<p><strong>Nemesis</strong></p>
<p>Wenn durch das Volk die grimme Seuche wütet,<br />
Soll man vorsichtig die Gesellschaft lassen.<br />
Auch hab’ ich oft mit Zaudern und Verpassen<br />
Vor manchen Influenzen mich gehütet.</p>
<p>Und ob gleich Amor öfters mich begütet,<br />
Mocht’ ich zuletzt mich nicht mit ihm befassen.<br />
So ging mir’s auch mit jenen Lacrimassen,<br />
Als vier – und dreifach reimend sie gebrütet.</p>
<p>Nun aber folgt die Strafe dem Verächter,<br />
Als wenn die Schlangenfackel der Erinnen<br />
Von Berg zu Tal, von Land zu Meer ihn triebe.</p>
<p>Ich höre wohl der Genien Gelächter;<br />
Doch trennet mich von jeglichem Besinnen<br />
Sonettenwut und Raserei der Liebe.</p>
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		<title>Schelmenmoral 1 (01.03.20)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/schelmenmoral-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 29 Feb 2020 21:23:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Carlos Marzal]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Schelmenmoral 1 (01.03.20) In vielen Gesprächen, die derzeit in Thüringen geführt werden, taucht die Frage auf, was eigentlich mit den Politikern los ist. Sind sie von einem Virus befallen, das ihre Urteilskraft angegriffen hat? War Alkohol im Spiel? Wollte man den Berlinern einen Streich spielen, weil man erkannt hat, dass sie gar nicht so klug [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Schelmenmoral 1 (01.03.20)</h1>
<p>In vielen Gesprächen, die derzeit in Thüringen geführt werden, taucht die Frage auf, was eigentlich mit den Politikern los ist. Sind sie von einem Virus befallen, das ihre Urteilskraft angegriffen hat? War Alkohol im Spiel? Wollte man den Berlinern einen Streich spielen, weil man erkannt hat, dass sie gar nicht so klug sind, wie sie denken? Oder war es, wie ein Freund mutmaßte, schlichtweg ein Sprach- und Mentalitätsproblem?</p>
<p>Es hat den Anschein, dass die Anfang Februar aus Berlin herbeigedüsten Staatsträgerinnen und Staatsträger, als sie in Erfurt klare Verhältnise schaffen wollten, etwas Entscheidendes nicht wussten, ja nicht einmal ahnten. Nämlich, dass es erstens überhaupt und zweitens speziell in Thüringen sehr schwer wenn nicht unmöglich ist, auf Schwarz-Weiß-Fragen eindeutige Antworten zu bekommen.</p>
<p>Man muss zunächst in Rechnung stellen, dass die scharfe Trennung zwischen Ja und Nein ohnehin auf einem übertrieben binären Weltbild beruht, dem durch die Algorithmisierung politischer Prozesse unglückseligerweise immer mehr Vorschub geleistet wird, zum Nachteil einer der Komplexität nicht nur der Thüringer Gesamtlage angemessenen flexiblen politischen Praxis. In Wahrheit gibt es ja zwischen dem ein-eindeutigen Ja und dem ein-eindeutigen Nein tausend Zwischenlagen und dementsprechend viele Spielarten im Gebrauch der beiden Wörter: Vom zögernden und fragenden Ja über das Ja, aber nicht sofort und das Ja, wenn ichs mir nicht anders überlege bis zum ironischen Nein, das eigentlich ein Ja ist. Hinzu kommt, dass die Eindeutigkeit des Wortlauts immer noch nuancierend, kommentierend, ja konterkarierend durch Gestik, Mimik und Tonfall begleitet werden kann. In Thüringen ist das alles noch ein wenig komplizierter. Denn, wie ich als Rheinländer aus inzwischen zwanzigjährigem Aufenthalt in Thüringen weiß, ist der Thüringer als solcher ein lebenskluger, grundgelassener, höflicher, harmoniebedürftiger und in gewisser Weise poetischer Mensch, der – nach Art der chinesischen Weisheitslehrer des 2. Jahrtausends vor Christus &#8211; ein klares Nein gar nicht kennt oder jedenfalls so lange wie irgend möglich vermeidet, vor allem gegenüber Leuten, die er nicht kennt und die mit einer gewissen Aura der geistigen Überlegenheit daherkommen. Solchen Leuten widerspricht man ungern und gibt ihnen lieber das Gefühl, man sehe die Dinge ähnlich wie sie und bestimmt werde alles zu ihrer Zufriedenheit ausgehen. Immer natürlich mit der für die einen sensiblen Gesprächspartner durchaus erfühlbaren Mentalreservation, es sich alles nochmal anders zu überlegen. Und bei Thüringer Männern kommt noch hinzu, dass sie, bevor sie verbindliche Erklärungen abgeben, ohnehin immer noch vorher ›die Regierung‹ fragen müssen, wobei unter ›Regierung‹ in diesem Fall selbstverständlich die Ehefrau zu verstehen ist.</p>
<p>Es war sicher nicht einfach für AKK in diesem äußerlich so harmlos erscheinenden Dschungel aus unklaren Gefühlslagen und hinhaltenden Widerständen nach eindeutigen Aussagen zu suchen. Erschwert wurde ihr und den Berliner Profis das Ganze wahrscheinlich auch noch aus einem anderen Grund: Sie dürften kaum geahnt haben, dass jedenfalls das mittelthüringische Wort für ›Ja‹ gar nicht ›Ja‹ sondern, als hätte es der Erfinder des Dialekts schon auf Irreführung abgesehen, ›No‹ heißt. Vielleicht hat AKK also den armen Mike Mohring gefragt, ob er mit der AfD zusammenarbeiten wolle, und er hat sie freundlich aus seinen unschuldigen braunen Augen angeschaut und einfach ›No, no‹ geantwortet und sie wird sich gedacht habe: Wenn er schon auf Englisch antwortet, dann ist ja alles in Butter!</p>
<p>Kein Wunder also, dass die Gespräche AKK-Thüringer CDU-Landtagsfraktion so endlos lange dauerten, ohne dass bis heute – Stand 1. März 2020 – irgendjemand wüsste, was wirklich Sache ist.</p>
<p>Vielleicht ist das aber auch noch nicht die ganze Erklärung. Es könnte sein, dass die Berliner Führungskräfte denselben Fehler machen, den sogar Gottvater einst machte, als er Adam und Eva verbot, sich durch Kostproben vom Baum der Erkenntnis weiterzubilden. Solche Verbote wecken die Neigung zum Ungehorsam. Der Mensch will wissen, ob wirklich alles so bleiben muss wie es ist. Und das findet man, sei es auch zum eigenen Schaden, am besten durch strategischen Ungehorsam heraus. Eigentlich weiß das jedes Kind.</p>
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		<title>Thüringer Prozesse (15.02.20)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/thueringer-prozesse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Feb 2020 18:51:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Carlos Marzal]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Thüringer Prozesse (15.02.20) Gegenwärtig sind die Thüringer politischen Prozesse und Prozeduren in aller Munde. Sogar die Tageszeitung »La Provincia« von Las Palmas de Gran Canaria kennt nun Turingia – »ese land del este de Alemania« – dieses Land im Osten von Deutschland. Ob, und wenn ja welche, tiefere historische Bedeutung den haarsträubenden Ereignissen um den [&#8230;]</p>
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<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Thüringer Prozesse (15.02.20)</h1>
<p>Gegenwärtig sind die Thüringer politischen Prozesse und Prozeduren in aller Munde. Sogar die Tageszeitung »La Provincia« von Las Palmas de Gran Canaria kennt nun Turingia – »ese <em>land</em> del este de Alemania« – dieses Land im Osten von Deutschland. Ob, und wenn ja welche, tiefere historische Bedeutung den haarsträubenden Ereignissen um den Friseur von Weimar innewohnt und wie sie sich entwickeln, ist umso schwieriger vorherzusagen, als sich täglich neue Stimmen zu Wort melden, deren Meinungen und Vorschläge offenbar mit niemandem abgesprochen sind, jedenfalls nicht mit dem gesunden Menschenverstand oder der Vernunft. Das heißt aber nicht, dass man mit unsinnigen Argumenten keinen Einfluss auf den Gang des Lebens nehmen könnte: Man kann sogar Gerichts-Prozesse damit gewinnen, wie uns Walther von der Vogelweide schon vor rund 800 Jahren erklärt hat.</p>
<p><em>Walther von der Vogelweide: </em></p>
<p><em>Erster Atzeton, Teil III</em></p>
<p><em>Mir hat her Gerhart Atze<br />
</em><em>ein pfert erschozzen zIsenache;<br />
</em><em>daz klage ich dem den er bestât:<br />
</em><em>derst unser beider voget.<br />
</em><em>Ez was wol drier marke wert,<br />
</em><em>nu hoerent frömde sache:<br />
</em><em>sit daz es an ein gelten gat,<br />
</em><em>wa mit er mich nu zoget.<br />
</em><em>Er seit von grozer swaere,<br />
</em><em>wie daz min pferit maere<br />
</em><em>dem rosse sippe waere<br />
</em><em>daz im den finger abe<br />
</em><em>gebizzen hat ze schanden:<br />
</em><em>ich swer mit beiden handen,<br />
</em><em>daz si sich niht erkanden,<br />
</em><em>ist ieman der mir stabe?</em><em> </em></p>
<p><em>Mir hat Herr Gerhart Atze<br />
</em><em>mein Pferd erschossen zu Eisenach.<br />
</em><em>Ich zog sogleich vor das Gericht,<br />
</em><em>Und wer da saß, ihr glaubt es nicht:<br />
</em><em>Ein Mann aus dem Regierungsamt,<br />
</em><em>in dessen Dienst – Herr Atze stand.<br />
</em><em>Drei Goldmark war das Pferd wohl teuer.<br />
</em><em>Was nun geschah, war ungeheuer,<br />
</em><em>hört, wie sich der Herr Atze wand,<br />
</em><em>als es ans Zahlen ging. Er hob die Hand<br />
</em><em>und sagte, dass meine liebe Mähre<br />
</em><em>verwandt mit einem Pferde wäre,<br />
</em><em>das ihm den Finger einstmals ab<br />
</em><em>gebissen hat. Ich schwör bei meiner Ehre,<br />
</em><em>dass die angeblich verwandten<br />
</em><em>Pferde sich nicht mal kannten.<br />
</em><em>Doch steh ich ohne Zeugen.<br />
</em><em>So muss das Recht sich beugen. </em></p>
<p>Mit diesem fast 800 Jahre alten Gedicht hat Walther von der Vogelweide die Tradition der Justizkritik in der deutschen Lyrik begründet. Der Fall ist schnell erzählt: Bei seinem Aufenthalt am Hof des Landgrafen Hermann in Eisenach wird das Pferd des Dichters erschossen, und zwar von einem gewissen Gerhart Atze, einem Hofbeamten, dessen Existenz übrigens urkundlich nachgewiesen ist. Walter verklagt Atze auf Schadensersatz. Als die Gerichtsverhandlung beginnt, staunt Walter nicht schlecht. Denn zu Gericht sitzt ein Vorgesetzter des Herrn Atze, vielleicht Minister, vielleicht sogar der Landgraf selbst. – jedenfalls steckt der Richter mit Atze offenkundig unter einer Decke. Die Befürchtung, es werde unter diesen Umständen nicht zu einem neutralen Urteil kommen, bewahrheitet sich auf beinahe surreale Weise:</p>
<p>Gerhard Atze verteidigt sich gegen die evident gerechte Schadensersatzforderung des Dichters mit einem, wie wir hoffen wollen, auch nach damaligem Recht lachhaften Argument: Das getötete Pferd sei verwandt gewesen mit einem anderen Pferd, und dieses andere Pferd habe ihm, Atze, irgendwann einmal den Finger abgebissen. Nun werden in Prozessen nicht selten haarsträubend unsinnige Einwände gegen berechtigte Forderungen vorgebracht. Das Besondere hier ist, dass der Richter sich, in geheuchelter Neutralität, auf diesen Unsinn einlässt und von Walter verlangt, den Gegenbeweis anzutreten. Walter soll eine, wie es die Juristen nennen, negative Tatsache beweisen, nämlich dass sein totes Pferd nicht verwandt ist mit jenem anderen Pferd, von dem er nichts weiß außer, dass von ihm behauptet wird, es habe Atze den Finger abgebissen.</p>
<p>Ob der Fall sich wirklich so zugetragen hat, wissen wir natürlich nicht. Vielleicht hatte der Dichter sich über den Landgrafen oder den Beamten Atze geärgert und wollte ihnen eins auswischen. Wie auch immer: Wer sich in hohen Ämtern Parteilichkeit und Eigennutz zuschulde kommen lässt, muss mit langfristigen Schädigungen seines guten Rufs rechnen. Auch wenn er kurzfristig am längeren Hebel sitzt &#8211; in Thüringen und anderswo.</p>
<p><em>Original des mittelhochdeutschen Textes in: Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder, Sangsprüche, herausgegeben von Thomas Bein, 15. Auflage, Berlin/Boston 2013, Seite 394; aus dem Mittelhochdeutschen frei übersetzt von Christoph Schmitz-Scholemann. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Schwermetall – Zwei Gedichte von Carlos Marzal (01.02.20)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/schwermetall/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Jan 2020 13:57:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Carlos Marzal]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Schwermetall – Zwei Gedichte von Carlos Marzal (01.02.20) In irgendeinem Café in Spanien fand ich im vorigen Jahr eine illustrierte Zeitschrift mit dem Titel »Fashion &#38; Arts magazine«, Ausgabe Februar 2019. Sie enthielt jede Mange Mode und Werbung, 100 Seiten Hochglanz, man kennt die Sorte aus dem Friseurladen oder vom Wartezimmer bei der Zahnärztin. Das [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Schwermetall – Zwei Gedichte von Carlos Marzal (01.02.20)</h1>
<p>In irgendeinem Café in Spanien fand ich im vorigen Jahr eine illustrierte Zeitschrift mit dem Titel »Fashion &amp; Arts magazine«, Ausgabe Februar 2019. Sie enthielt jede Mange Mode und Werbung, 100 Seiten Hochglanz, man kennt die Sorte aus dem Friseurladen oder vom Wartezimmer bei der Zahnärztin. Das Generalthema des Hefts war »Los intelectuales y la moda – Una relación abierta«. Der offenen Beziehung zwischen den Intellektuellen und der Mode sind in der Ausgabe einige Artikel gewidmet. Ganz am Anfang – zwischen dem Impressum und einer Max-Mara-Werbung – steht ein Gedicht des Valencianers Carlos Marzal. Es heißt »Schwermetall«. Auf der drittletzten Seite, unter einem Schwarz-Weiß-Bild der ihr Drehbuch studierenden Marilyn Monroe, das zweite Gedicht: »Eine lesende Frau«.</p>
<p>Carlos Marzal wurde 1961 in Valencia geboren, wo er auch heute lebt. 2002 bekam er den spanischen Nationalpreis für Poesie. Auf die Frage der Tageszeitung »El Pais«, warum er in seinem Gedichtband »Paises nocturnos« einen so negativen Ton anschlage, sagte er: »Um dem Leser einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.« Ob er sich für irgendwas rächen wolle? »Nein, mir reicht es vollkommen aus, wenn es mir gelingt, dem Leser den Tag zu versauen. In Wahrheit ist es der Versuch echte Emotionen zu wecken. Wenn ich das Gefühl habe, mir fliegt die Schädeldecke weg, das ist Poesie.«</p>
<p>Die beiden in der Mode-Illustrierten veröffentlichten Gedichte sind alles andere als Schläge in die Magengrube. Sie sind feinsinnig, philosophisch, poetisch. Sie sind, soweit ich es herausfinden konnte, nicht ins Deutsche übersetzt. Da sie in einer auflagenstarken Zeitschrift standen, habe ich mir gedacht, es wird Carlos Marzal keinen Schlag in die Magengrube versetzen, wenn ich sie an dieser versteckten Stelle des weltweiten Netzes mit meiner deutschen Übersetzung veröffentliche. Und wenn doch, ist auf jeden Fall eine Emotion geweckt.</p>
<p><strong>Metal Pesado</strong></p>
<p>Igual que sucedía, siendo niños,<br />
con las mágicas gotas de mercurio,<br />
que se multiplicaban imposibles<br />
en una perturbada geometría,<br />
al romperse el termómetro, y daban a la fiebre<br />
una pátina más de irrealidad,<br />
el clima incomprensible de los relojes blandos.</p>
<p>Algo de ese fenómeno concierne a nuestra alma.<br />
En un sentido estricto, cada cual<br />
es obra de un sinfín de multiplicaciones,<br />
de errores de la especie, de conquistas<br />
contra la oscuridad. Un individuo<br />
es en su anonimato una obra de arte,<br />
un atávico mapa del tesoro<br />
tatuado en la piel de las genealogías<br />
y que lleva hasta él mismo a sangre y fuego.</p>
<p>No hay nada que no hayamos recibido<br />
ni nada que no demos en herencia<br />
Existe una razón para sentir orgullo<br />
en mitad de esta fiebre que no acaba.</p>
<p>Somos custodios de un metal pesado,<br />
lujosas gotas de mercurio amante.</p>
<p><strong>schwermetall</strong></p>
<p>genauso war es, als wir kinder waren<br />
und diese magischen quecksilberkügelchen<br />
sich unglaublich vermehrten<br />
in einer chaotischen geometrie.<br />
wenn das thermometer kaputtging, gaben sie dem fieber<br />
diesen anflug von unwirklichkeit,<br />
das unbegreifliche gefühl von weichen uhren.</p>
<p>irgendetwas an diesem sachverhalt hat mit unserer seele zu tun.<br />
in einem sehr genauen sinn ist jede einzelne<br />
das werk einer unendlichkeit von multiplikationen,<br />
von irrtümern der spezies, von eroberungskriegen<br />
gegen die dunkelheit. das individuum<br />
ist in seiner anonymität ein kunstwerk,<br />
eine archaische schatzkarte,<br />
eintätowiert in die haut seiner ahnenfolge<br />
dringt es ins innerste mit blut und feuer.</p>
<p>es gibt nichts, das wir nicht empfangen hätten,<br />
und nichts, das wir nicht vererben würden.<br />
wir haben grund stolz zu sein<br />
inmitten dieses fiebers, das nicht aufhört.</p>
<p>wir sind die wächter eines schwermetalls,<br />
prachtvolle kügelchen des liebestollen quecksilbers.</p>
<p><strong>UNA MUJER LEYENDO</strong></p>
<p>Una mujer leyendo es todas las lectoras de este mundo. Es todos lectores de la historia. Ese libro que sostiene entre las manos está escrito con todos libros precedentes, con todas las páginas que alguna vez contuvieron palabras con voluntad de emocionarnos. Cuaquier mujer leyendo no es una mujer cualquiera: es la lectora. Y sostiene un papiro, un incunable, una edición de bolsillo, todos los libros que alguna vez salieron de imprenta: sostiene el universo.</p>
<p><strong>eine lesende frau</strong></p>
<p>eine lesende frau ist alle lesende frauen der welt. sie ist alle leser der geschichte. dieses buch, das sie in händen hält, ist geschrieben aus allen büchern, die davor waren, mit allen seiten, die irgendwann einmal wörter enthielten, die gefühle erregen wollten. keine lesende frau ist irgendeine lesende frau. sie ist die leserin. sie hat einen papyrus in der hand, einen wiegendruck, ein taschenbuch, alle bücher, die einmal aus der druckerpresse kamen. sie hat das universum in der hand.</p>
<p>&nbsp;</p>
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