<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Lysias von Syrakus archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
	<atom:link href="https://christophschmitzscholemann.de/tag/lysias-von-syrakus/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://christophschmitzscholemann.de/tag/lysias-von-syrakus/</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Thu, 22 Nov 2018 11:50:25 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.7.5</generator>
	<item>
		<title>Im Namen der Robe</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe-3-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Sep 2018 18:46:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Dionysios von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Lysias von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Nikomachos]]></category>
		<category><![CDATA[Platon]]></category>
		<category><![CDATA[Quintilian(Marcus Fabius)]]></category>
		<category><![CDATA[Sokrates]]></category>
		<category><![CDATA[Solon von Athen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=2143</guid>

					<description><![CDATA[<p>Im Namen der Robe – das Bild des Richters in Oper und Literatur * Für Wilfried Schröder (3. September 1944 – 17. Juli 2005) Christoph Schmitz-Scholemann &#160; Vorbemerkung 1: Wer ist Richter? Im folgenden Text wird viel von Richtern die Rede sein. Im Vordergrund stehen bestimmte nach der Wirklichkeit gezeichnete oder auch ganz frei erfundene [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe-3-2/">Im Namen der Robe</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Im%20Namen%20der%20Robe_GN.pdf"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1></h1>
<h1 style="text-align: left;">Im Namen der Robe<br />
<span lang="DE" style="font-size: 18pt;">– das Bild des Richters in Oper und Literatur *</span></h1>
<h4 class="CSS-Untertitel"><span lang="DE" style="font-size: 12.0pt; line-height: 120%;">Für Wilfried Schröder (3. September 1944 – 17. Juli 2005)</span></h4>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann</span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h4></h4>
<h4>Vorbemerkung 1: Wer ist Richter?</h4>
<p>Im folgenden Text wird viel von Richtern die Rede sein. Im Vordergrund stehen bestimmte nach der Wirklichkeit gezeichnete oder auch ganz frei erfundene Personen: Richterbilder. Im Hintergrund, oder im Untergrund, sind aber noch andere, allgemeinere Gedanken in Bewegung: Wenn es das Kennzeichen von Richtern ist, Urteile zu fällen, dann ist das richtig, was Albert Camus sagte: Jeder ist Richter. Wir alle urteilen unablässig – moralisch, ästhetisch, praktisch –, sonst könnten wir nicht leben.<span class="tooltips " style="" title="Obwohl uns natürlich immer das Bibelwort Matthäus VII, 1-5 in den Ohren klingt: &quot;Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welcherlei Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?  Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; danach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!&quot; , dazu Johann Sebastian Bach, K 185/2 BWV 185 &quot;Ach greife nicht durch das verbotne Richten/ dem Allerhöchsten ins gericht!&quot;">  [1] </span> Und jeder ist von den Urteilen seiner Mitmenschen abhängig. Der Gebrauch der Urteilskraft ist eng mit dem Gebrauch der Sprache verbunden und deshalb – weit über die Richterliteratur hinaus – ein literarisches Thema par excellence. Er geht auch weit über die Anwendung von Formen, Formeln und Gesetzen hinaus: Des Gesetzes Ende ist ein gerechter Mensch. <span class="tooltips " style="" title="Über Konfuzius heißt es im ersten Kapitel der Schulgespräche: »Vom Aufseher der öffentlichen Arbeiten wurde Kung zum obersten Richter von Lu gemacht. Als solcher schuf er Gesetze, die aber nicht angewandt zu werden brauchten, da es keine Leute gab, die sie übertraten.« Vgl.: Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 26663; vgl. Kungfutse-Gia Yü, S. 17; http://www. digitale-bibliothek.de/band94.htm"> [2] </span>Aber gibt es den? Die Gefährdungen und Abirrungen der Urteilskraft in moralischen Dingen machen, wie Hannah Arendt <span class="tooltips " style="" title="Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Aus dem Amerikanischen  von Brigitte Granzow. Mit einem einl. Essay von Hans Mommsen, München 1994; vgl. auch: Hannah Arendt, Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Herausgegeben und mit einem Essay von Roland Beiner. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz, München 1995."> [3]</span> in ihrem Buch <em>Eichmann in Jerusalem</em> schrieb, das Urteilen nicht entbehrlich. Sie machen es gefährlich, menschlrchterich und – interessant.</p>
<h4>Vorbemerkung 2: Alles begann in Eisenach</h4>
<p>Eines der ältesten und zugleich originellsten Gedichte in deutscher Sprache ist das Atzelied des Walter von der Vogelweide. Es handelt, auch, von einem ungerechten Richter.</p>
<p>Walter von der Vogelweide: Das Atzelied <span class="tooltips " style="" title="Troubadours, Trouvères, Ministrels – Studio der frühen Musik Thomas Binkley, Teldec 4509-97938-2, 2 CDs mit Textheft, CD 2 Nr. 5; im Stil der antiautoritären Volkslied-Rezeption der 1970er Jahre: Ougenweide, Liederbuch, Polydor 837 162-2, 1 CD mit Textheft; Walters lyrisches Werk ist im Internet vollständig als freeware zugänglich unter: http://www.litlinks.it/ w/walther_v.htm"> [4]</span></p>
<p>Mir hat her Gerhart Atze<br />
ein pfert erschozzen zIsenache;<br />
daz klage ich dem den er bestât:<br />
derst unser beider voget.<br />
Ez was wol drier marke wert,<br />
nu hoerent frömde sache:<br />
sit daz es an ein gelten gat,<br />
wa mit er mich nu zoget.<br />
Er seit von grozer swaere,<br />
wie daz min pferit maere<br />
dem rosse sippe waere<br />
daz im den finger abe<br />
gebizzen hat ze schanden:<br />
ich swer mit beiden handen,<br />
daz si sich niht erkanden,<br />
ist ieman der mir stabe?</p>
<p>Der Fall ist schnell erzählt: Der Dichter Walter von der Vogelweide hält sich in Thüringen auf. <span class="tooltips " style="" title="Wahrscheinlich um das Jahr 1205; auf das Jahr 1206 wird der Sängerkrieg auf der Wartburg in Eisenach datiert (wenn er datiert wird), der nicht nur Richard Wagner zu seinem Tannhäuser, sondern neuerdings auch Franz Hodjak zu einer fulminanten Roman-Parabel auf das Verhältnis von Kunst und Macht inspiriert hat: Franz Hodjak, Der Sängerstreit, Frankfurt 2000."> [5]</span> In Eisenach wird sein Pferd erschossen, und zwar von einem gewissen Gerhart Atze, einem Hofbeamten. Walter verklagt ihn auf Schadensersatz. Er verlangt drei Mark für seine gute Mähre. Als die Gerichtsverhandlung beginnt, staunt Walter nicht schlecht. Denn zu Gericht sitzt der Landgraf – wahrscheinlich Herrmann von Thüringen –, der zugleich der Vorgesetzte des Gerhard Atze ist. Die Befürchtung, es werde unter diesen Umständen nicht zu einem neutralen Urteil kommen, bewahrheitet sich auf beinahe surreale Weise:</p>
<p dir="ltr">Gerhard Atze verteidigt sich gegen die evident gerechte Schadensersatzforderung des Dichters mit einem, wie wir hoffen wollen,  auch nach damaligem Recht lachhaften Argument: Das getötete Pferd sei verwandt gewesen mit einem anderen Pferd, und dieses andere Pferd habe ihm, Atze, irgendwann einmal den Finger abgebissen. Nun werden in Prozessen nicht selten unsinnige Einwände gegen berechtigte Forderungen vorgebracht. Das Besondere hier ist, dass der Richter sich, in geheuchelter Neutralität, auf diesen Unsinn einlässt und von Walter verlangt, ihn zu widerlegen. Der soll, entgegen dem alten Rechtsgrundsatz <em>impossibilium nulla obligatio</em>, nun eine negative Tatsache beweisen, nämlich dass sein totes Pferd nicht verwandt ist mit jenem anderen Pferd, von dem er nichts weiter weiß außer, dass von ihm behauptet wird, es habe Atze den Finger abgebissen.</p>
<p>Soweit bekannt ist das Atzelied, das man eigentlich eine dadaistische Opernminiatur nennen muss, der erste Beitrag in deutscher Sprache zum Thema Recht, Musik und Literatur. Es zeigt den Dichter als den geborenen Justiz-Verspotter und zugleich als das geborene Justizopfer.</p>
<p>Die Vorstellung ist also nicht nur landläufig, sondern auch alt: Aus der Sicht des Poeten ist der Richter hauptsächlich an der Schädlichkeit seines Wirkens <span class="tooltips " style="" title="Auch der junge Goethe scheint einen skeptischen, wenn nicht verächtlichen Blick auf das Gerichtspersonal gepflegt zu haben: Im Götz von Berlichingen vertreten den Juristenstand erst ein schmieriger Schwätzer namens Olearius (vormals Ölmann, stets zu Diensten), dann eine anfangs rachsüchtige, alsbald aber ihre Feigheit offen legende Mannschaft von Dorfrichtern und schließlich einige grundböse Dunkelmänner, die ein Femegericht abhalten. Später scheint sich der Blick geändert zu haben, wie man an dem in weiser oder einfältiger Selbstbeschränkung lebenden Gerichtsrat in dem Schauspiel Die natürliche Tochter sehen kann."> [6]</span> zu erkennen. Er sorgt dafür, dass die Ungerechtigkeit durch ein dem Schein nach rationales, in Wahrheit aber bis zur Boshaftigkeit absurdes Verfahren kaschiert werden kann. Er ist eine hassenswerte und verteufelt <span class="tooltips " style="" title="In diesem Punkt stimmt die Volksmeinung mit derjenigen der Künstler überein, wie wir aus dem von Ludwig Bechstein überlieferten Märchen Der Richter und der Teufel lernen: Der reiche und boshafte Richter trifft den Teufel und zwingt ihn, mit ihm zusammen durch die Stadt zu gehen. Der Richter möchte unbedingt wissen, was die Menschen dem Teufel im Ernst geben. Es stellt sich heraus, dass dieser oder jener auf dem Markt zu einem anderen Menschen (Kind, Frau, Kollege) sagt: Scher Dich zum Teufel, dass dies aber nicht ernst gemeint ist. Ernst gemeint dagegen ist der Ausruf einer alten Frau, die den Richter als denjenigen erkennt, der ihr zu Unrecht ihre letzte Kuh genommen hat durch ein hartes Urteil: Dass sie es ernst meint mit ihrem Satz, er solle zum Teufel gehen, ist leicht erkennbar. So muss der Richter in die Hölle."> [7]</span> lächerliche Figur. Unsere Sympathie gehört deshalb selbstverständlich dem Dichter.</p>
<p>Diese Grundkonstellation finden wir in vielen literarischen Darstellungen von Richtern. Oft erscheinen sie als fleischgewordene Unerbittlichkeit, oder besser als zu Papier gewordene ehemalige Menschen. Wo andere ein Herz haben, findet sich ein Zettelkasten, und ihr Gesicht ist  zusammengesetzt aus allem, was man auf keinen Fall küssen möchte, <span class="tooltips " style="" title="Keine Regel ohne Ausnahme: Paris, der in dem berühmten Streit dreier Göttinnen (Hera, Athene und Venus – Macht, Klugheit, Liebe) um den Preis der Schönheitskönigin das Urteil sprechen muss, ist ein ausnehmend wohlgestalteter Sohn der Erde, vgl. Christoph Martin Wieland: Das Urtheil des Paris, in C.M. Wieland: Sämmtliche Werke, III, Hamburg 1984 Nachdruck der 1795 im Göschen-Verlag Leipzig erschienenen Gesamtausgabe letzter Hand."> [8]</span> aus kalten Kröten und Fischschwänzen zum Beispiel, wie auf dem Porträt <em>Der Jurist</em>, das der italienische Maler Giuseppe Archimboldo im 16. Jahrhundert malte. <span class="tooltips " style="" title="»Am vergangenen Donnerstag habe ich meine Richter gesehen. Ich will nicht behaupten, sie seien nicht schön; sie sind ganz abscheulich hässlich; und ihre Seele gleicht bestimmt ihrem Gesicht«, schreibt Charles Baudelaire am 18. August 1857 – kurz vor Beginn des Prozesses wg. Les Fleurs du Mal an seine damalige Geliebte, Madame Sabatier – zit. nach Charles Baudelaire, Sämtliche Werke/Briefe, hrsg. von Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1975, Bd 3 S. 25 ff,"> [9]</span></p>
<p>Aus der Literatur lassen sich viele zu diesem Bild des Richters passende Beschreibungen anführen. Klassisch ist die von Edgar Allan Poe in der 1843 erschienenen Kurzgeschichte <em>The Pit and the Pendulum</em>: <span class="tooltips " style="" title="»Grube und Pendel«, Frankfurt 2001; zahlreiche weitere Übersetzungen sind auf dem Markt, ferner auch mehrere Audio-Einspielungen; die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, 1913 von Alice Guy, 1961 von Roger Corman; 1990 von Stuart Gordon."> [10]</span></p>
<p>»Ich sah die Lippen der schwarzgekleideten Richter. Sie erschienen mir weiß – weißer als das Blatt, auf das ich diese Worte schreibe – und dünn bis zur Groteske; dünn und grausam fest geschlossen, dünn in unbeweglicher Härte, in strenger Verachtung aller Menschenleiden. Ich sah, dass Aussprüche, die mein Schicksal bedeuteten, noch immer über diese Lippen kamen, sah wie sie sich im Sprechen des Todesurteils verzerrten. Ich sah sie die Silben meines Namens bilden, und ich schauderte, weil kein Laut zu hören war.« <span class="tooltips " style="" title="Ähnliche Schilderungen bei Victor Hugo, Der letzte Tage eines Verurteilten, aus dem Französischen übersetzt von W. Scheu, Zürich 1984, 2. Kapitel; Joseph Conrad, Lord Jim, aus dem Englischen übersetzt von Klaus Hoffer, Zürich 1998, 2000, Viertes Kapitel; vgl. auch das Gedicht: Das Gericht von Peter Huchel."> [11]</span></p>
<p>Man wird mir die Bemerkung gestatten, dass mich diese Sicht der Dichter auf den angesehenen Berufsstand, dem ich seit mehr als einem Vierteljahrhundert angehöre, schmerzt. Sie muss ja auch nicht stimmen. Schon einer der ersten Autoren des Abendlands, den man als Dichterjuristen bezeichnen kann, Solon von Athen, schrieb: Polla pseudontai aioidai – Vieles lügen die Dichter. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Herwig Görgemanns/Joachim Latacz (Hrsg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Griechisch/Deutsch, Band 1, Archaische Periode, Stuttgart 1991 (RUB), S. 207; vgl. auch Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Zweites Buch, Nr. 84: »und doch ist es für eine Wahrheit gefährlicher, wenn der Dichter ihr zustimmt, als wenn er ihr widerspricht! Denn wie Homer sagt: ›Viel ja lügen die Sänger!‹«, Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Zweites Buch. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6013, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 94) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm"> [12]</span></p>
<p>Vielleicht hat ja Walter von der Vogelweide, der ein ziemlich lockerer Zeisig gewesen sein soll, die Geschichte nur erfunden, um dem Landgrafen und seinem Beamten eins auszuwischen.<span class="tooltips " style="" title="So sieht es z.B. Thomas Bein in Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1997 (Reclams Universal Bibliothek), S. 297 (»fiktive Spott- und Hohnattaxcke eines Kleinen gegen einen Großen«); ähnlich Claudia Brinker-von der Heyde, Die literarische Welt des Mittelalters, Darmstadt 2007, 112 f."> [13]</span> Ich bitte Sie jedenfalls um Nachsicht dafür, dass ich Ihnen im Dienst meines Berufsstandes auch einige positive Richtergestalten aus der Weltliteratur <span class="tooltips " style="" title=" Große Achtung erwarb sich der Richter Gi Gau, ein Schüler des Kung-Tse (Konfuzius): »Gi Gau war Strafrichter in We und verurteilte einen Mann zum Abhacken der Füße. Nach einiger Zeit kam es zu den Unruhen des Kuai Wai. Gi Gau wollte ihnen entgehen und ging nach dem Stadttor. Der Mann mit den abgehackten Füßen war Torhüter. Er sprach zu Gi Gau: ›Dort ist eine Lücke.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle klettert nicht über Mauern.‹ Da sprach er wieder: ›Dort ist ein Loch in der Mauer.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle kriecht nicht durch Löcher.‹ Da sprach jener abermals: ›Hier ist ein Haus.‹ Gi Gau trat ein. Als die Verfolger vorüber waren und Gi Gau im Begriff war weiterzugehen, da sprach er zu dem Mann mit den abgehackten Füßen: ›Ich konnte seinerzeit nicht umhin, in Ausübung der Gesetze meines Herrn selbst Euch die Füße abhacken zu lassen. Nun bin ich in Schwierigkeiten, das wäre gerade die richtige Zeit für Euch gewesen, mir Euern Groll heimzuzahlen, statt dessen habt Ihr mir dreimal durchgeholfen. Was ist der Grund davon?‹ Der Mann mit den abgehackten Füßen sprach: ›Daß mir die Füße abgehackt wurden, daran war ich selber schuld, da ließ sich nichts machen. Aber als Ihr damals mich zu richten hattet nach den Gesetzen, da suchtet Ihr nach einem Vorgang für meinen Fall, um mir die Strafe zu ersparen. Das wußte ich. Als dann der Fall erledigt war und die Strafe festgesetzt und es dazu kam, das Urteil zu verkündigen, da wart Ihr unruhig und betrübt. Als ich Eure Mienen sah, wußte ich das auch. Ihr habt wirklich nicht unrecht an mir getan. Wenn der Himmel einen Edlen hervorbringt, so legt er ihm den Weg (Tao) ins Herz; darum habe ich Euch durchgeholfen.‹  Meister Kung hörte den Vorfall und sprach: ›Trefflich, wer als Beamter das Gesetz einheitlich anwendet und doch auf Güte und Rücksicht bedacht ist, der pflanzt Gutes. Wer Härte und Strenge anwendet, der pflanzt Groll. Meister Gau verstand es, unparteiisch zu handeln.‹« (Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China (wie Anm. 2), S. 26706. "> [14]</span> vorstellen werde. <span class="tooltips " style="" title=" Eingeräumt sei, was Friedrich Nietzsche im Dritten Buch der &lt;em&gt;Fröhlichen Wissenschaft&lt;/em&gt; sagt: »Wenn Gott ein Gegenstand der Liebe werden wollte, so hätte er sich zuerst des Richtens und der Gerechtigkeit begeben müssen – ein Richter, und selbst ein gnädiger Richter, ist kein Gegenstand der Liebe.«, vgl. Friedrich Nietzsche, Werke, München o.J., Bd. 2, S. 134) (c);  http://www. digitale-bibliothek.de/band31.htm "> [15]</span></p>
<h4>Vorbemerkung 3: Die gute Ordnung</h4>
<p>»Das Richterbild in Oper und Literatur« heißt mein Thema. Es geht um literarische und musikalische Bilder. Auch, wenn diese Bilder manchmal über ihren Rahmen hinausweisen – es ist mir um Anschauung und in diesem Sinne auch um Wissenschaft (vgl. § 51 UrhG), aber nicht um ästhetische oder juristische Theorien oder Abstraktionen zu tun. Ich habe mich folglich bemüht, meinen Vortrag von allen Hintergedanken freizuhalten, und auch an Gedanken gibt es von meiner Seite im Folgenden nur das Nötigste. In Anlehnung an Mark Twain zu reden:</p>
<p><strong><em>Personen, die versuchen, eine tiefere Moral in den folgenden</em></strong><br />
<strong><em>Erzählungen zu finden, werden gerichtlich verfolgt.</em> </strong><span class="tooltips " style="" title="Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer, Deutsch von Lore Krüger, Zürich 1985, Vorrede des Artillerie-Kommandanten G.G., »auf Befehl des Autors«."> [16]</span></p>
<p>Um allerdings ein wenig Ordnung in das Material zu bringen und um den Kunstgenuss zu erleichtern, habe ich den Stoff in Kapitel gegliedert. Sieben davon sind unterschiedlichen richterlichen Phänotypen <span class="tooltips " style="" title="Es gibt natürlich weitere Phänotypen, die hier nicht behandelt werden:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;1.) zum Beispiel den Unbedeutenden Richter, von dem William Shakespeares Komödie Maß für Maß, deren Hintergrund die reichlich unübersichtlichen Verhältnisse der Wiener Kriminaljustiz bilden, ein mustergültiges Exemplar auf die Bühne bringt. Während nämlich der Gerichtsdiener Elbogen (dim-witted) nebst dem Scharfrichter Grauslich und dem Bierzapfer Pompeius Pumphos die Szene beherrscht, besteht der ganze Text des im ersten Auftritt des Zweiten Aktes erscheinenden Richters in den Worten »Elf, gnädiger Herr« und »Ich danke Euch untertänig«,  erstere Aussage als Antwort auf die Frage, wieviel Uhr es sei, die zweite als Annahme einer Einladung zum Essen durch einen Herrn vom Staatsrat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;2.) Der Mensch als Weltenrichter – »Es erscheint uns heute selbst zum Lachen, wenn der Mensch in Anspruch nehmen wollte, Werte zu erfinden, welche den Wert der wirklichen Welt überragen sollten – gerade davon sind wir zurückgekommen als von einer ausschweifenden Verirrung der menschlichen Eitelkeit und Unvernunft, die lange nicht als solche erkannt worden ist. Sie hat ihren letzten Ausdruck im modernen Pessimismus gehabt, einen älteren, stärkeren in der Lehre des Buddha; aber auch das Christentum enthält sie, zweifelhafter freilich und zweideutiger, aber darum nicht weniger verführerisch. Die ganze Attitüde ›Mensch gegen Welt‹, der Mensch als ›Welt-verneinendes‹ Prinzip, der Mensch als Wertmaß der Dinge, als Welten-Richter, der zuletzt das Dasein selbst auf seine Waagschalen legt und zu leicht befindet – die ungeheuerliche Abgeschmacktheit dieser Attitüde ist uns als solche zum Bewußtsein gekommen und verleidet – wir lachen schon, wenn wir ›Mensch und Welt‹ nebeneinandergestellt finden, getrennt durch die sublime Anmaßung des Wörtchens ›und‹!« Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch. Wir Furchtlosen. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6232; vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 211) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;3.) Die Welt als Menschenrichterin:  Das Empfinden, die ganze Welt habe sich gegen einige Menschen verschworen, um ungerecht  Recht über sie zu sprechen, findet sich in dem während der Weberaufstände im 19. Jhdt. entstandenen anonymen Volkslied: »Die Welt, die ist jetzt ein Gericht/ noch schlimmer als die Feme./ Wo man nicht erst ein Urteil spricht,/ das Leben schnell zu nehmen. – Hier wird  der Mensch langsam gequält,/ hier ist die Folterkammer./ Es werden Seufzer viel gezählt/ als Zeugen von dem Jammer. – Die Herren Zwanziger die Henker sind,/ die Diener ihre Schergen, davon ein jeder tapfer schindt,/ anstatt was zu verbergen ... Und hat auch einer noch den Mut,/ die Wahrheit herzusagen,/ dann kommt’s so weit, es kostet Blut;/ und dann will man verklagen.« Zit. nach Ernst Klusen (Hrsg.), Deutsche Lieder, Frankfurt 1980, S. 516; aus den Untersuchungsakten zum Weberaufstand: »Am Abend des 3. Juni zogen ungefähr 20 Personen bei den Gebäuden der Kaufleute Zwanziger vorbei und sangen ein Spottlied auf die genannten Kaufleute: es entstand hierdurch Lärm und der Gerichtsmann Wagner verhaftete einen der Teilnehmer...Das abgesungene Gedicht wurde ebenfalls ergriffen.« Zit. nach Klusen, ebenda, S. 842.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;4.) Der Tod als Richter, vgl. Andreas Gryphius, 1616–1654, Auff eines vornehmen Juristen Grab-Stein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Ich durch all Gesetz vnnd alle Recht kont brechen;&lt;br /&gt;
Dem an Verstand vnd Kunst kaum jemand gleiche war;&lt;br /&gt;
Der Ich die Dunckelheit der sache machte klar;&lt;br /&gt;
Hab vber mich den Todt must lassen Vrtheil sprechen/&lt;br /&gt;
Den Todt/ an dem mich nicht mein grosse Macht könt rächen!&lt;br /&gt;
Nichts galt mein hoher Sinn; nichts galt der Worte schar.&lt;br /&gt;
Mein wolberedte Zung erstumbte gantz vnd gar/&lt;br /&gt;
Als mich der scharffe Pfeil des Richters thät erstechen.&lt;br /&gt;
Jtzt sind mein Augen zu/ dehn vor nichts mochte sein&lt;br /&gt;
Verborgen/ vñ mich selbst verbirgt ein kurtzer Stein.&lt;br /&gt;
Was hilfft nun daß Ich vor kondt rathen allen Sachen&lt;br /&gt;
Daß Ich vor keinem Part noch Throne mich entsetzt/&lt;br /&gt;
Daß mir kein Handel je ward allzuschwer geschätzt/&lt;br /&gt;
Da ich nicht möcht den Streit des Todes richtig machen.&lt;br /&gt;
(Gryphius: Sonette. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 40908; Gryphius-GA Bd. 1, S. 15–16).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;5.) Der bescheidene Richter. Während uns in der Literatur häufiger Richter gezeigt werden, deren Beschränktheit gerade durch das Auftrumpfende ihres Benehmens hervortritt, hat Johann Wolfgang von Goethe den selteneren Gegentypus in dem Gerichtsrat geschaffen, der eine Retter-Rolle in dem Schauspiel Die natürliche Tochter zu übernehmen hat (s. u.). Dieser Richter kennt seine Grenzen und überschreitet sie nicht, seine Geisteshaltung schillert zwischen Weisheit, Bescheidenheit, Kleingeistigkeit und Feigheit:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In abgeschloßnen Kreisen lenken wir,&lt;br /&gt;
Gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe&lt;br /&gt;
Des Lebens wiederkehrend Schwebende.&lt;br /&gt;
Was droben sich in ungemeßnen Räumen&lt;br /&gt;
Gewaltig seltsam hin und her bewegt,&lt;br /&gt;
Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,&lt;br /&gt;
Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl&lt;br /&gt;
Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.&lt;br /&gt;
Vgl. Goethe-HA Bd. 5, S. 272-273;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;6.) Der Richter als Künstler – dass es auch diese Spielart gibt, trat durch ein Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf ins Bewusstsein des öffentlichen Diskurses, in dem festgehalten wurde dass der Juror des Spruchkörpers, der bei dem Fernsehsender RTL für Deutschland den Superstar sucht, ein Künstler im Sinne der Versicherungspflicht bei der Künstlersozialkasse ist: Dieter Bohlen ist Richter und Künstler in einem, (dpa-Meldung vom 12. November 2007;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;7.) José Ortega y Gasset hat den in seinen Augen verabscheuungswürdigen  Typus des »zufriedenen jungen Mannes« beschrieben (Der Aufstand der Massen, Stuttgart 1963) – dementsprechend kann auch Der zufriedene Richter besichtigt werden, und gar nicht selten. Bei leichtem Übergewicht und leicht übertriebener Gesichtsglätte trägt sein Lächeln eine leicht übertriebene Aufgeräumtheit zur Schau, wie sie jene Schüler empfinden, die genau wissen, dass sie den Anforderungen des Lehrers entsprechen; leider lauert hinter diesem Stolz auf den eigenen von Harm- und Phantasielosigkeit genährten Gehorsam  die Bereitschaft, jeden, der seinen Ranzen oder sein Gesicht nicht so gut aufgeräumt hat, unter dem Tisch gegen die Schienbeine zu treten, ohne dass es jemand merkt. Einen solchen grundzufriedenen, von Makkaroni mit Ketchup träumenden Richter beschreibt Jürgen K. Hultenreich in seinem Roman Die Schillergruft, Berlin 2001, S. 186 ff.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;8.) Der in Zorn ausbrechende Richter. Den Beruf des Richters kann nur ausüben, wer Geduld hat. Man muss sich jede Menge Lügen anhören und dazu ein unbewegtes Gesicht machen. Man muss jede Menge Streitwerte festsetzen und damit den Rechtsanwälten, die man für chronisch überbezahlt, fachlich  überschätzt und moralisch zumindest überfordert  halt, das Heu in die Scheune schieben. Man muss als Instanzrichter jede Menge von den Obergerichten entwickelter Rechtssätze anwenden und damit seinen geborenen Feinden, nämlich den Oberrichtern, die man für chronisch überbezahlt und chronisch unterbelichtet halt, huldigen. Bei so bewandten Sachen ist es nur menschlich,  dass man sich gelegentlich Luft macht.  Wenn die eigene Familie sich nicht als Opfer zur Verfügung stellt und die Geschäftstellenverwalterin krank ist, kann es geschehen, dass der ansonsten so geduldige Herr Kammervorsitzende einem verdutzten Anwalt oder einer Partei sowas von hanebüchen die Leviten liest wie es der Richter Wool in der Satire What is a judge? des gelernten Rechtsanwalts und langjährigen Unterhausabgeordneten Alan Patrick Herbert (1890–1972) tut, indem er den Anwalt unvermittelt als alten Schwätzer anredet und seine Mandantin als blonde Kuh. In Wahrheit handelte es sich um eine Schauspielerin, die nach Vertrag für jede Drehwoche 5000 Pfund erhalten sollte und die an sich auf fünf Wochen angesetzte Drehzeit auf 15 Wochen ausgedehnt hatte, indem sie sich weigerte eine vorgesehene Bade-Szene zu spielen, so lange das Wasser im Pool nicht auf mindestens 24 Grad geheizt war (vgl. A. P. Herbert, Clear Facts, Muddled Laws – Alles was Recht ist, dtv-zweisprachig, übersetzt von Richard Frenzl, München 1989).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;9.) Der Verbrecher als Richter tritt uns in Alfred Hitchcocks Spielfilm Jamaika Inn aus dem Jahre 1939 entgegen. Dass ser Richter und Staatsanwälte nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit ansah, sondern im Großen und Ganzen als zynische, kalte,  skrupellose und egoistische Heuchler, kann man auch in anderen Werken Hitchcocks feststellen. In Jamaika Inn ist der Richter aber nicht nur eine moralisch fragwürdige Gestalt und ein seinem Amt nicht gewachsener Mensch, sondern der Anführer einer Räuberbande, vgl. Andreas Grube, Gerichtsszenen bei Alfred Hitchcock, NJW 2007, 631 ff. 10.) Der zynische Richter begegnet dem Leser bei Louis-Ferdinand Céline (1894–1961) in dem Roman Reise ans Ende der Nacht, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003, Seite 198-208: Er trägt den Namen Grappa und ist Kolonial-Leutnant in dem kleinen Ort Topo im Kongo. Ihm zur Seite steht der Sergeant Alcide, der seinerseits eine Truppe von 12 einheimischen  Milizionären befehligt. Grappe, »dessen Leib gewaltig war, eine Strafe, mit kurzen, purpurroten, schauderhaften Händen. Händen, die nie irgendwas begreifen würden. Abgesehen davon versuchte Leutnant Grappe auch gar nichts zu begreifen«,  hält jeden Donnerstag Gericht und versucht dieser von ihm als lasting empfundenen Pflicht dadurch enthoben zu warden, dass er absurde und grausame Urteile spricht. Gleichgültig, was ihm vorgetragen wird von Parteien und Zeugen, stets greift er willkürlich einen derv or ihm Erschienen heraus und lässt ihn aufs Blut auspeitschen. Sonderbarerweise hält  dieses Verfahren die einheimischen Rechtssuchenden nicht davon ab, immer wieder vor dem Richter Recht zu suchen;  einer tritt sogar freiwillig zum Empfang der Peitschenhiebe an. Grappa, der zur Metapher eines boshaften Gottes taugt,  sitzt derweil in einem knirschenden Rohrsessel und raucht Zigarren: »Ah! Wenn die nur wüssten, wie scheißegal mir denen ihre Zänkereien sind, dann würden die in ihrem Dschungel bleiben und mir nicht hier mit ihrem Blödsinn auf die Nerven gehen! ... Erzähle ich denen etwa die ganze Zeit von meinen Angelegenheiten? Obwohl, so langsam möchte ich fast glauben, denen gefällt meine Rechtsprechung irgendwie, diesen Mistkerlen! Seit zwei Jahren versuch ich jetzt, ihnen den Spaß zu verleiden, aber sie kommen jeden Donnerstag wieder ... Glauben Sies mir oder nicht,  junger Mann, das sind fast immer dieselben, die da kommen! ... Pervers müssen die sein, oder was!«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;11.)  Der Richter als Mitglied des Spruchkörpers unterliegt, wie jeder Richter weiß, der einmal einer Kammer oder einem Senat angehört hat, einer besonderen Seinsweise, die man als perennierende, weil strukturelle narzistische Kränkung bezeichnen kann. Weder das Haupt dieses delikaten, ja prekären corpus iuris noch seine Glieder können je, wie sie eigentlich wollen, weshalb keiner von ihnen sich zu wollen traut,  was er im Grunde zu können wünscht, so dass, was sie als Kollegium tun, oft keiner gewollt hat, weshalb sie, zur Vermeidung dauerhaften und gesundheitsschädlichen Zwists,  sich gegen den Rest der Welt umso inständiger verschwören. Wehe dem, der da nicht mittut!  Ein Beispiel dafür finden wir in der Geschichte von Sir Oblong-Fitz-Oblong, dem kleinen dicken Ritter: Er erhält vom Herzog den Auftrag auf den Bollingru-Inseln für Ordnung zu sorgen. Deren Bewohner werden ausgeplündert von Baron Bollingru, der sich der Mithilfe des Ritters Schwarzherz bedient.  Ein Mittel der Ausplünderung besteht darin, dass Bolingru und Schwarzherz, die einander im Grunde verachten, gemeinsam zu Gericht sitzen und eklatant ungerechte Urteile zu eigenem Nutz und Frommen fällen. Sir Oblong, wie weiland Don Quijote fahrender Ritter in höherem Auftrag, gelingt es, als drittes Mitglied in den Spruchkörper gewählt zu werden. Sofort entsteht Streit um den Zeitpunkt des Sitzungsbeginns, um die Kleiderordnung (Robe oder nicht) und um Befangenheitsprobleme. Oblong muss erkennen, dass seine beiden Kollegen, von denen der eine während der Verhandlung ungeniert schnarcht, zu unparteiischer Amtsausübung nicht überredet werden können,  sondern ihm und den Parteien unter Berufung auf die Bolingrusche Prozessordnung und das dort verankerte Mehrheitsprinzip rüdest übers Maul fahren. Das Recht hat erst dann wieder eine Chance, als es Oblong gelingt, einen vierten Richter ins Kollegium zu bringen: Nun müssen, damit überhaupt entschieden werden kann, Sachargumente sprechen. Die Augsburger Puppenkiste hat vor fast einem halben Jahrhundert aus dem Kinderbuch Der kleine dicke Ritter  (Süddeutsche Zeitung, München 2005) von Robert Oxton Bolt (1924–1995) ein hübsches Puppenspiel gemacht (DVD, Schwarz-Weiß, Augsburger Puppenkiste, Oehmichens Marionetten Theater, hr MEDIA, Katalog-Nr. 280042)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;12.) Der Richter als Terrorist ist eine Gestalt, die uns vielleicht nur in den Medien und in der politischen Propaganda begegnet, vielleicht aber auch tatsächlich existiert: In Somalia hatten nach einer seit 1991 herrschenden Anarchie die Scharia-Richter begonnen, etwas Ordnung zu schaffen. Nach Auffassung der Amerikaner war diese Ordnung nicht akzeptabel, sie sah wohl für westliche Maßstäbe unangemessene Verbote vor, wie beispielsweise für das Anschauen von Fuißballspielen im Fernsehen. 2006 marschiertedie äthiopische Armee ein. Die Richter flohen und lassen nun Milizen gegen die äthiopische Besatzung kämpfen. Das Erscheinungsbild dieses Richtertyps ist  soldatisch, vgl. FAZ 27. September 2008, Nr. 227, Seite 4. Einen Scharia-Richter gibt es inzwischen wohl auch in Berlin, er heißt Hassan Allouche, und sein Bild erinnert an einen wohlgenährten Freiheitskämpfer in Freizeitkleidung, allerdingsarbeitet er bei einem Autohändler in Berlin,  trägt eine schusssichere Weste; er vermittelt zwischen rivalisierenden Clans. Ein terroristischer Richter ist in der Vorstellung des Angelus Silesius oddenbar auch Jesus Christus, wenn er das Jüngste Gericht hält:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Urteil ist bald abgefaßt,&lt;br /&gt;
Er sprichts mit eignem Munde,&lt;br /&gt;
Er sprichts, daß auch das Blut erblaßt&lt;br /&gt;
In ihres Herzens Grunde:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Geht hin und weichet weg von mir,&lt;br /&gt;
Ihr Grundvermaledeiten,&lt;br /&gt;
Geht hin, trollt euch von meiner Tür,&lt;br /&gt;
Bleibt weg zu ewgen Zeiten.&lt;br /&gt;
Geht hin ins Feur, ins ewge Feur,&lt;br /&gt;
In Schlund der grundten Höllen&lt;br /&gt;
Mit Beelzebub, dem Ungeheur,&lt;br /&gt;
Und seinen Rottgesellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da fallen sie mit großem Schrein,&lt;br /&gt;
Mit Prasseln und mit Krachen&lt;br /&gt;
Wie Klötze in den Schlund hinein&lt;br /&gt;
Und in der Höllen Rachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(Angelus Silesius: Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 3660 (vgl. Angelus-SW Bd. 3, S. 245-246) http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm )&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;13.) Das Volk als Richter ist vermutlich das Schlimmste, was einem Rechtsuchenden begegnen  kann. »Wir haben ein Gesetz/ Und nach dem Gesetz/Muss er sterben!« antwortet das Volk dem Pontius Pilatus in der Johannes-Passion.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;14.) Der Sitzer und sieben weitere Richtertypen sind von dem Wiener Rechtsanwalt und Essayisten Walther Rode (1876–1934) in seinem Buch Knöpfe und Vögel – Lesebuch für Angeklagte (Edition Memoria, Hürth bei Köln und Wien 2000, herausgegeben von Thomas B. Schumann) trefflich beschrieben worden. Die Richter sieht er als einen asketischen, am Ufer des Daseins misstrauisch hockenden Menschenschlag, dem die sitzende Lebensweise von Gott vorgeschrieben ist – so Anton Kuh im Vorwort –: »Die breiten Gesäße beherrschen die Welt.«"> [17] </span> gewidmet, das letzte zeigt die Antwort der Oper auf eine ewig drängende Frage: Wie wird man eigentlich Richter?</p>
<h4>Kapitel I: Der Richter als Mythos</h4>
<p>»Venturus est cum gloria, iudicare vivos et mortuos – er wird kommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebendigen und die Toten«,  heißt es im Großen Glaubensbekenntnis. <span class="tooltips " style="" title="Einzelheiten siehe bei: Reinhard Staats, Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Darmstadt 1996."> [18] </span> Die Vorstellung, das Richteramt sei Teil der göttlichen Macht <span class="tooltips " style="" title="got ist selber recht. dar umme ist im recht lip, schrieb Eike von Repgow"> [19]</span> oder der natürlichen Ordnung, <span class="tooltips " style="" title="Nach ältester chinesischer Tradition stehen die Funktionen in Staat und Gesellschaft in einer festen Verbindung zu den Jahreszeiten, die ihrerseits Vertreter der kosmischen Ordnung sind. Diese Ordnung darf nicht verletzt werden, wenn das biologische Leben der Einzelnen und das Leben der Gemeinschaft, ja sogar das Wetter nicht verwirrt werden soll. Wenn der Himmelssohn nicht bestimmte Handlungen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten verrichtet, so kann es geschehen, dass der Kosmos damit antwortet, dass auch er bestimmte von ihm erwartete und regelmäßig erbrachte Leistungen verweigert: Sonne und Wind zu bekömmlichen Zeiten zu schicken usf. Die Zeit des Richtens ist der Herbst, was nahe liegt, denn das Richten hat zweifellos etwas von einer Abrechnung und von der Ernte und der Verteilung derselben. »Der Meister des Gerichtswesens (Sï-Kou) hat das Amt des Herbstes, indem er öffentliche und private Prozesse hört, die Unordnungen und Widersetzlichkeiten des Volkes in Ordnung bringt und die Waage hält, um das Volk nach der Mitte hin zu ändern. Alle Unbotmäßigkeit des Volkes entspringt aus untätiger Sicherheit.« Chinesische Philosophie: Li Gi – Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 25315 – Li Gi, S. 100; http://www.digitale-bibliothek.de/ band94.htm."> [20]</span> ist uralt, <span class="tooltips " style="" title="Nach Platon, Kritias, 119 c ff. hatte das vorgeschichtliche Atlantis (zehntausend Jahre vor der klassischen Zeit Athens) seine Gesetze von Poseidon empfangen; es war auf eine Erzsäule geschrieben, die im  Poseidon-Tempel inmitten der Insel stand. Hier, im Tempel, richteten die zehn Könige von Atlantis, nachdem sie gemeinsam einen der im Heiligtum frei herumlaufenden Stiere mit Knüppeln nund Fäusten gejagt, getötet und sein Blut auf das Gesetz hatten spritzen lassen, nächtens in schönen blauen Roben unter dem Beistand des Gottes und des Weines., vgl. Platon, Werke, hrsg. v. Günther Eigler, bearb. von Klaus Widdra, Griech. u. Deutsch, Bd 7, Darmstadt 2005, S. 249,"> [21]</span> kulturübergreifend <span class="tooltips " style="" title="Kulturübergreifend ist allerdings auch die Vorstellung, dass, im Falle einer vollkommen gerechten Einrichtung des Lebens, wie sie im Goldenen Zeitalter, im Paradies, im Nirwana  oder im Endstadium des Kommunismus anzutreffen war oder sein wird, weder für Gesetze noch für Richter Platz ist: Ovid, Metamorphosen, I, 89-93:&lt;a href=&quot;#_edn22&quot; name=&quot;_ednref22&quot;&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,&lt;br /&gt;
sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.&lt;br /&gt;
poena metusque aberant, nec verba minantia fixo&lt;br /&gt;
aere legebantur, nec supplex turba timebat&lt;br /&gt;
iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti."> [22]</span></p>
<p><a href="#_edn22" name="_ednref22"></a> und bis heute lebendig, <span class="tooltips " style="" title="In einer 2007 erschienenen Erzählung klagt Hiob gegen Gott, ein schwieriges Unterfangen, da auch in diesem Prozess Richter auch wieder Gott ist. Interessanter wäre es vielleicht gewesen, den Teufel auf die Richterbank zu setzen, Ludwig Lütkehaus, Das nie erreichte Ende der Welt, Frankfurt am Main 2007."> [23]</span> wenn auch manchmal eher als satirisch gemeinte Kennzeichnung der Selbsteinschätzung von Richtern. <span class="tooltips " style="" title="Ein sehr berühmter, selbstbewusster und stets mit streng zurückgekämmtem Haar, Nackentolle, geschliffenen Worten und gefährlichem Blick durch eine gefährlich funkelnde Brille auftretender spanischer Richter und Medien-Star ist seine Exzellenz Baltasar Garzón, Ermittlungsrichter am Tribunal Supremo, der im Juli 2006 durch Einstweilige Verfügung einer Rock-Band aus Benicassím untersagen ließ, weiterhin unter dem Namen »Garzón« aufzutreten. Die Gruppe folgte dem Gerichtsbefehl umgehend und verkündete auf ihrer Website www.superjuez.com: »Es handelt sich um ein schreckliches Missverständnis. Als wir uns diesen Namen gaben, hatten wir nur eine Absicht: Wir wollten unserer Ehrerbietung gegenüber einem der Großen unserer Zeit Ausdruck verleihen, einem Mann, der den zu Unrecht aus der Mode gekommenen Tugenden der Gelassenheit und ... Bescheidenheit endlich wieder Geltung verschafft ... Unsere Absicht war, den größten Richter Spaniens zu ehren ...«. Die Gruppe änderte ihren Namen aufgrund der Einstweiligen Verfügung in »Grande-Marlaska«, womit sie den Namen eines ebenfalls am tribunal supremo tätigen Kollegen von Garzón wählte, ohne dass dieser Kollege sich dagegen gewehrt hätte, EL PAIS, sábado 22 de julio de 2006, S. 40.">[24]</span> So befasste sich vor einigen Monaten Jürgen Fliege in seiner Nachmittagssendung mit den von ihm so genannten »Halbgöttern in Schwarz«. Wie eng in der irrationalen Bilderwelt des Unterbewussten das Richterbild mit religiösen Gefühlen <span class="tooltips " style="" title="Dass irrationale Kräfte auch in der heutigen Rechtskultur wirken, zeigt Uwe Volkmann (FAZ 16. März 2007, Nr. 64/2007, S. 9: »Einst versammelte sich das Volk um die Schamanen und die Altäre, um sich in der Vertreibung der bösen Geister zumindest kurzzeitig als stark und geeint zu erfahren. Heute versammelt sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die ohne gesicherte Wahrheit auskommen muss und deren Mitglieder einander fremd geworden sind, um das Recht – das symbolische Recht.« Ein schönes Beispiel für solche Debatten um Gesetze, deren Wirkung auf die Lebensverhältnisse sehr überschaubar ist, war der erbittert geführte Streit in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung um die durch § 14 Abs. 3 TzBfG im Jahre 2002 geschaffene Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen mit Menschen ab 52 Jahren. Während die einen eine massenweise Entrechtung älterer Arbeitnehmer fürchteten, glaubte der Gesetzgeber ein Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit älterer Menschen gefunden zu haben. In Wahrheit waren weniger als 1500 Arbeitnehmer von der Regelung überhaupt betroffen, also weniger als 0,01 vH der Erwerbstätigen. Der einzige allerdings Aufsehen erregende Prozess um die Norm war nach Auskunft aller Fachkundigen getürkt."> [25]</span><a href="#_edn25" name="_ednref25"></a> verbunden ist, ist in Stanley Kubricks letztem Film <em>Eyes wide shut </em><span class="tooltips " style="" title="Mit Nicole Kidman und Tom Cruise, DVD 2001, ASIN: B00005ML1O,"> [26]</span> zu sehen, dessen literarisches Vorstück Arthur Schnitzlers <em>Traumnovelle </em><span class="tooltips " style="" title="Arthur Schnitzler (hrsg. Peter Bekes), Traumnovelle, Textausgabe mit Materialien, Braunschweig 2003"> [27]</span> ist. Die bei Schnitzler in roten Roben auftretenden Femerichter <span class="tooltips " style="" title="Les francs-juges – die Femerichter lautet der Titel eines vielgespielten Orchesterstücks (op. 3) von Hector Berlioz – London Classical Players unter d. Ltg. v. Roger Norrington, virgin veritas 7243 5 61379 2 9, der eine Oper mit diesem Titel (Les francs-juges) geplant hatte, in der ein Chor der Femerichter auftreten sollte: Der Text seines Librettisten und Freundes Humbert Ferrand lautete wie folgt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;»Wir, die Rächer der himmlischen Gesetze&lt;br /&gt;
Wir, deren Schicksalsarm das Verbrechen besiegt.&lt;br /&gt;
Wir zerschmettern, zerschmettern Euer Opfer;&lt;br /&gt;
Wir verschließen unsere Herzen dem Mitleid.&lt;br /&gt;
Wir genießen die Schreie des Bluts und der Erde!&lt;br /&gt;
Unsere Augen sind erleuchtet von einer inneren Flamme!&lt;br /&gt;
Wir ermüden nicht, wir zerschmettern das Opfer!&lt;br /&gt;
Dass man an unseren Schrecken glaubt, zerschmettern wir!«"> [28]</span></p>
<p>ersetzte Kubrick umstandslos durch einen ebenfalls in roter Robe amtierenden Priester.</p>
<p>Im Götterhimmel der heidnischen Antike kam die Gerechtigkeit <span class="tooltips " style="" title="Zu Gericht über Menschen saßen die griechischen Götter freilich nicht. Dazu hätten sie gerecht sein müssen, was ihnen fernlag und nach Ansicht des griechischen Tragödienschreibers Euripides auch nichts genutzt hätte, weil sie mit dem Übermaß an Schuld, das sich die Menschen aufladen, nicht ferig geworden wären: »Auch nicht der ganze Himmel wäre groß genug,/ Der Menschen Sünden, wenn sie Zeus dort schriebe auf,/ Zu fassen, noch auch er, zu überschauen sie / Und jedem seine Strafe zuzuteilen. Nein! / Die Strafe ist schon hier, wenn Ihr nur sehen wollt!«, zit. nach  Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt 1986, S. 18."> [29]</span> erst nach einer ganzen Serie von mörderischen Verbrechen zum Zug: <span class="tooltips " style="" title="Für die Griechen war das Wesen des Göttlichen nicht notwendig mit der Gerechtigkeit verbunden, dafür trieben die Olympier nach der communis opinio des ebenso kommunen Athener Stadtbürgers zu viel göttliches Unwesen. In Platons Staat vertritt Thrasymachos die Auffassung, jeder, auch der gerechte Mann, werde, vorausgesetzt, er könne sich unsichtbar machen wie Gyges mit dem Ring, Frau und Gut und Leben seines Nachbarn nicht unangetastet lassen, er werde sich eben genau so (ungerecht) benehmen wie es die Götter auf Erden zu halten pflegten: »Wenn es nun zwei solcher Ringe gäbe und den einen der Gerechte sich ansteckte, den andern der Ungerechte, so wäre, wie mir scheint, wohl keiner von so eherner Festigkeit, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und es über sich gewänne, fremden Gutes sich zu enthalten und es nicht zu berühren, trotzdem daß er ohne Scheu sogar vorn Markte weg nehmen dürfte, was er wollte, und in die Häuser hineingehen und beiwohnen, wem er wollte, und morden und aus dem Gefängnis befreien, wen er wollte, und überhaupt handeln wie ein Gott unter den Menschen.« Platon, Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 49-50; http://www.digitale-bibliothek.de/ band2.htm."> [30]</span> Der Urgott Uranos wird von seinem Sohn Kronos durch Kastration getötet. Kronos frisst seine Söhne, außer Zeus, der seinen Vater zum Dank in die Unterwelt befördert, anschließend sofort seine Tante Themis vergewaltigt, die dann allerdings ihrerseits die Horen <span class="tooltips " style="" title="Es sind drei an der Zahl: Eirene (Frieden), Eunomia (Ordnung) und Dike (Gerechtigkeit)"> [31]</span> zur Welt bringt, Göttinnen der guten Ordnung. Interessanterweise, so Carl Philipp Moritz in einem Brief an Goethe, sind die Horen</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>zugleich die Jahreszeiten, welche gleichsam mit gerechter Teilung ihrer Wohlthaten, durch ihren immerwährenden Wechsel, das schöne Gleichgewicht in der Natur erhalten &#8230; ihr Geschäft ist, die Türen des Himmels zu öffnen und zu schließen &#8230; auch spannen die Horen jeden Morgen die Rosse an den Sonnenwagen.</em></p>
<p>Der Mythos wusste also bereits, dass das Recht ein steter Balance-Akt ist, eine dem Auf und Ab der Natur abgeschaute Bewegung des Lebens gegen den Tod. Ebenso wusste der Mythos, dass Zeit und Recht ein Gemeinsames haben, insofern sie nämlich beide einerseits Setzungen sind, denen aber andererseits etwas in der physikalischen Welt entspricht, das sehr schwer zu definieren ist. <span class="tooltips " style="" title="»Es schweigt mir jegliche Natur/ Beim Ticktack von Gesetz und Uhr«, Friedrich Nietzsche,  Die fröhliche Wissenschaft,  Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 67299, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 28), http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm."> [32]</span> Anscheinend hat es einen tiefen Grund, dass in den Gerichtssälen Uhren hängen und dass, wahrscheinlich eingedenk der ungeduldigen Rosse vor dem Sonnenwagen, so viele Richter Frühaufsteher sind.</p>
<p>Am besten vertraut ist uns natürlich die jüdisch-christliche Version von der Göttlichkeit der Richtergewalt, wie wir sie z. B. aus Psalm 97 kennen:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Wolken und Dunkel ist um ihn her. Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhls Festung.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Feuer geht vor ihm her und zündet an um ihn her seine Feinde.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Seine Blitze leuchten auf den Erdboden. Das Erdreich siehet und erschrickt.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem Herrn, vor dem Herrscher des ganzen Erdbodens. Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit.</em></p>
<p>Die Komponisten und Librettisten stellen diesen Zug des Richters ins Religiöse häufig durch eine pompöse Melodik und Instrumentierung dar. Gern läutet als akustisches Signal eine Glocke, wie sie der Katholik aus der Liturgie vor der Wandlung kennt. Ein schönes Beispiel ist die festliche Eröffnung des Gerichtstages in der Oper <em>Martha</em> von Friedrich von Flotow. <span class="tooltips " style="" title="Bayerisches Staatsorchester u. d. Ltg. v. Robert Heger, mit Anneliese Rothenberger, Brigitte Fassbaender, Nicolai Gedda, Hermann Prey ua, EMI-Classics, 7243 5 66364 2, 2 CDs mit Textbuch."> [33]</span> Der Richter, ausgestattet mit einem dröhnenden Bass, schafft im Volk Raum für das Recht:</p>
<p>VOLK<br />
Der Markt beginnt, die Glocke schallt!<br />
Der Richter naht mit Amtsgewalt.<br />
Herbei! Ihr Mägde jung und alt! Herbei.</p>
<p>RICHTER<br />
Raum und Platz der Obrigkeit!<br />
Leute, macht euch nicht so breit.</p>
<p>VOLK<br />
Raum und Platz der Obrigkeit!</p>
<p>RICHTER<br />
Hört, was das Gesetz euch spricht! Höret! Aber stört mich nicht!</p>
<p>VOLK<br />
Höret! Aber störet ihn nicht!</p>
<p>RICHTER<br />
liest<br />
»Anna! Wir von Gottes Gnaden« –<br />
Hut ab, Schlingels, so wie ich!<br />
Höflichkeit kann nimmer schaden.<br />
»Wir erkennen feierlich<br />
Richmonds Privilegia, sigillata regia &#8230;«</p>
<p>Sehr oft ertönen auch drei Schläge mit dem Holzhammer, wie zu Beginn des Reggae-Klassikers <em>Here comes the judge. <span class="tooltips " style="" title="Peter Tosh, Honorary Citizen, Columbia/Legacy, C3K 65064-65066, 7464-65064-2, 3 CDs mit Textbuch."> [34]</span></em> Die Schläge sind das Respekt fordernde akustische Zeichen dafür, dass der Richter erscheint, oder, wenn er schon da ist, etwas Wichtiges zu verkünden hat. Ruhe im Saal! Man muss es mindestens dreimal sagen, was der deutsche Staatsrechtler Walter Leisner <span class="tooltips " style="" title="Walter Leisner, Das letzte Wort – Der Richter späte Gewalt, 1. Auflage, Berlin 2003."> [35]</span> noch im Jahre 2003 am Ende seiner mehrhundertseitigen und tiefernsten Abhandlung <em>Das letzte Wort</em> forderte: »Der Richter braucht Ruhe!« <span class="tooltips " style="" title="Notabene: Nicht immer ist es feine Gesellschaft, die vor Gericht steht. Gottfried August Bürger (Lenore, str. 25 fg): »am hochgericht / tanzt um des rades spindel / halb sichtbarlich bei mondenlicht / ein luftiges gesindel.«"> [36]</span> Aber zurück zu Peter Tosh und dem Reggae-Song <em>Here comes the judge</em>, dem übrigens ein Musical zugrunde liegt. Darin geht es um eine fiktive Gerichtsverhandlung, in der  große Kolonisatoren wie Columbus und Vasco da Gama vor dem, wie sich zeigen wird, ziemlich ungnädigen Gericht der Kolonisierten erscheinen müssen.</p>
<p>Here comes the judge<br />
Here he im<br />
O yeah, o yeah, god save the African king<br />
anyone want anything to say before<br />
come say it now and say it like you glad<br />
not like you mad<br />
cause this judge has no mercy</p>
<p>Christopher Columbus?<br />
yes sire<br />
Francis Drake?<br />
yes me lord<br />
your honour<br />
present<br />
Alexander so called the great?<br />
I am here, I am here<br />
David Livingston?<br />
Yes sir<br />
Marco Pole?</p>
<p>that the evidence I shall give shall be the whole truth<br />
and nothing but the truth<br />
so help me god</p>
<p>Chorus:<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session</p>
<p>You are brought here</p>
<p>One<br />
robbing and raping Africa<br />
Two<br />
stealing black people out of Africa<br />
Three<br />
brainwashing black people<br />
Four<br />
holding black people in captivity<br />
Five<br />
killing over 50 million black people without a cause</p>
<p>Chorus:<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session</p>
<p>&#8230; has anything to say before this execution<br />
say it quick, say it glad<br />
the judge is getting impatient<br />
no mercy</p>
<p>each of you must be hang by the tongue</p>
<p>»Silence in court!« sind auch die Worte, mit denen in der Oper <em>Trial by Jury</em> von Gilbert &amp; Sullivan <span class="tooltips " style="" title="The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard.)"> [37]</span> der Einzug des Richters beginnt. Die Musik zu diesem am Ende des 19. Jahrhunderts geschriebenen Einakter klingt gewiss nicht zufällig so nach Gloria in excelsis und Hallelujah, als wäre sie einem Händel-Oratorium entnommen. Der 1836 geborene Librettist, William Schwenck Gilbert, kannte die Gerichte aus eigenem Erleben. Er war lange Zeit Rechtsanwalt in London. Er starb als Sir William Gilbert im Alter von 74 Jahren bei dem Versuch, eine junge Frau aus der Themse zu retten.</p>
<p>Man wird die ironische Absicht der gottesdienstlichen Klänge und Worte, an denen in <em>Trial by Jury</em> kein Mangel ist, noch leichter ermessen können, wenn man weiß, dass es in der auf den Einzug des Richters folgenden Verhandlung um eine ziemlich alltägliche Scheidungssache geht. Ich komme darauf im Nachwort zurück.</p>
<p>RECIT–USHER (on Bench) <span class="tooltips " style="" title="Alle Texte aller Gilbert&amp;amp;Sullivan-Opern (u.v.a.m.) findet man in »The Gilbert &amp;amp; Sullivan-Archive« unter math.boisestate.edu/gas/ im Internet."> [38]</span><a href="#_edn38" name="_ednref38"><sup><br />
</sup></a>Silence in Court, and all attention lend.<br />
Behold your Judge!  In due submission bend!</p>
<p>Enter Judge on Bench</p>
<p>CHORUS<br />
All hail, great Judge!<br />
To your bright rays<br />
We never grudge<br />
Ecstatic praise.<br />
All hail!</p>
<p>May each decree<br />
As statute rank<br />
And never be<br />
Reversed in banc.<br />
All hail!</p>
<p>Die Übergabe der Rechtsgewalt an den Menschen geschieht im europäischen Rechtskreis durch Kontaktaufnahme Gottes mit auserwählten Menschen. Moses werden die zehn Gebote anvertraut. Im Psalm 72 heißt es:</p>
<p>Gott gib dein Gericht dem Könige und deine Gerechtigkeit des Königs Sohn. / Dass er dein Volk bringe zur Gerechtigkeit und deine Elenden rette./ Lass die Berge den Frieden bringen unter das Volk und deine Hügel die Gerechtigkeit.</p>
<p>Salomon ist also nur mit Gottes Gnade ein Urbild des Richters geworden. »We are nothing without divine inspiration!« sagte der amtierende Honourable Justice B.A. Adejuno, Präsident des National Industrial Court von Nigeria. So bescheiden sind nicht alle Richter, wie die folgende Passage der Arie des van Bett aus Lortzings <em>Zar und Zimmermann </em><span class="tooltips " style="" title="Bamberger Symphoniker unter d. Ltg. v. Hans Gierster, mit Dietrich Fischer-Dieskau, Ingeborg Hallstein, Fritz Wunderlich u.a., Deutsche Grammophon 471-139-2, 1 CD."> [39]</span> zeigt. Es kann Vergnügen bereiten, sich einen selbst- und sendungsbewussten Richter eigener Wahl vorzustellen, wie er sich morgens im Spiegel betrachtet:</p>
<p>O ich bin klug und weise,<br />
Und mich betrügt man nicht.<br />
Diese ausdrucksvollen Züge,<br />
Dieses Aug’, wie ein Flambeau,<br />
Verkünden meines Geistes Siege,<br />
Ich bin ein zweiter Salomo.<br />
Denn ich weiß zu bombardieren,<br />
Zu rationieren, zu expektorieren,<br />
Zu blamieren, inspizieren,<br />
Echauffieren, räsonieren, malträtieren,<br />
Und zu ieren, zieren, rühren,<br />
Führen, schmieren, ratifizieren.<br />
Mit einem Wort, man sieht mir’s an,<br />
Ich bin ad speciem ein ganzer Mann!</p>
<p>Nun aber zum ersten und wirklichen Salomon, dem Urbild des von Gott erleuchteten gerechten Richters: Wahre Größe braucht auch bei Richtern keinen Pomp und schämt sich ihrer Nachdenklichkeit nicht – das lehrt uns die sehr zarte Melodie, zu der Friedrich Georg Händel den König Salomon (im Oratorium Solomon <span class="tooltips " style="" title="The Monteverdi Choir, English Baroque Solist unter d. Ltg. v. John Eliot Gardiner  mit Caroly Watkinson, Barbara Hendricks u.a. Philips 421 612-2, 2 CDs mit Textheft."> [40]</span> ) sein berühmtes Urteil verkünden lässt. Auch der Text spiegelt weniger den Triumph des Rechts als vielmehr die Trauer des Richters über die Ungerechtigkeit:</p>
<p>Israel, attend to what your king shall say:<br />
Think not I meant the innocent to slay.<br />
The stern decision was to trace with art,<br />
The secret dictates of the human heart.<br />
She who could bear the fierce decree to hear,<br />
Nor send one sigh, nor shed one pious tear,<br />
Must be a stranger to a mother’s name –<br />
Hence from my sight, nor urge a further claim!<br />
But you, whose fears a parent’s love attest,<br />
Receive, and bind him to your beating breast:<br />
To you, in justice, I the babe restore,<br />
And may you lose him from your arms no more.</p>
<p>Das Göttliche hat auf die Richter abgefärbt, aber leider wirkt es nicht auf alle Richter gleichmäßig, wie uns die apokryphe <em>Historia von der Susanna und Daniel</em> zeigt. Hier wird die übliche Vorstellung, dass Alter mit Gerechtigkeit und Jugend mit erotischem Leichtsinn zusammengeht, auf den Kopf gestellt:</p>
<p>»Es war ein Mann zu Babylon, der hatte ein Weib, die hieß Susanna &#8230;, die war sehr schön&#8230;Es wurden aber .. zwei Älteste aus dem Volk zu Richtern gesetzt &#8230; Die &#8230; liefen zu ihr und sprachen: Susanna, siehe der Garten ist zugeschlossen und niemand sieht uns und wir sind entbrannt in Liebe zu Dir, drum tu unsern Willen. Willst du aber nicht, so wollen wir schwören, daß wir einen jungen Mann bei dir gefunden haben &#8230; Und Susanna tats nicht was sie verlangten und fing laut an zu schreien, aber die Richter schrien auch &#8230; Und das Volk glaubte den zweien als Richtern &#8230; und verurteilten Susanna zum Tode &#8230; Und da man sie zum Tode führte, erweckte Gott den Geist eines jungen Knaben. Der hieß Daniel &#8230; und fing laut an zu rufen &#8230; ›Seid ihr &#8230; solche Narren, daß ihr eine Tochter Israel verdammt, ehe Ihr die Sache erforscht habt &#8230;?‹ Und alles Volk kehrte eilend um &#8230; und sprachen zu Daniel: ›Setz dich her zu uns. Gott fordert dich zum Richteramte!‹ Und Daniel sprach: Trennt die beiden Alten, so will ich jeglichen von ihnen gesondert verhören. Und da sie die beiden getrennt hatten, sprach er zu dem ersten: ›Hast du nun Susanna gesehen, wie der junge Mann bei ihr lag, so sage an: Unter welchem Baum hast du sie gefunden?‹ Er antwortet: ›Unter einer Linde.‹ &#8230; Dann ließ er den anderen vor sich kommen und sprach zu ihm: ›Nun sage an: Unter welchem Baum hast du Susanna und den jungen Mann gefunden?‹ Er aber antwortet: ›Unter einer Eiche.‹ Da sprach Daniel: ›Oh recht! Mit eurer Lüge bringt Ihr Euch selbst ums Leben.‹ Da fing alles Volk an, laut zu rufen und sie priesen Gott. Und Daniel ward groß vor dem Volk von dem Tage an &#8230;«</p>
<h4>Kapitel II: Der angsteinflößende Richter</h4>
<p>Das zweite Kapitel ist ein Seitenstück zum ersten. Es geht um den Aspekt der Angst. In Anlehnung an Ludwig Feuerbach könnte man sagen, der Mensch habe Gott auch deshalb geschaffen, um seiner namenlosen Existenzangst einen Namen geben und sie im Gebet  besprechen zu können. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, mit einem Nachwort von Karl Löwith, Stuttgart 1969, 13. Kapitel: Die Allmacht des Gemüts oder das Geheimnis des Gebets."> [41]</span> Der Tag des Gerichts, Gottes <em>dies irae,</em> ist für den Menschen der Tag der Angst. <span class="tooltips " style="" title="Mehrere Kantaten Bachs haben die Angst vor Gottes Gericht zum Thema: »Ein unbarmherziges Gerichte/ wird über dich gewiss ergehn!« K 89/3. »Ich armer Mensch, ich armer Sünder/ steh hier vor Gottes Angesicht, / ach Gott, ach Gott, verfahr gelinder / und geh nicht mit mir ins Gericht« K 179/6 ... »Bei Warten ist Gefahr, / willt Du die Zeit verlieren, / der Gott, der ehmals gnädig war, / kann leichtlich dich vor seinen Richtstuhl führen« K 102/6. Vgl. Lucia Hasselböck, Bach-Textlexikon, Kassel 2004, S. 85, Stichwort »Gericht«."> [42]</span> Wahr ist, dass auch vor dem menschlichen Gericht niemand gern steht, mit Ausnahme der Advokaten vielleicht. Das tiefe Unbehagen ergreift auch den, dem der Verstand sagt, dass eigentlich nichts passieren kann. Und wer doch etwas ausgefressen hat, wie der Räuberhauptmann in den Bremer Stadtmusikanten, dem vernebelt das schlechte Gewissen die Wahrnehmung so arg, dass er den Hahn auf dem Haus für den Richter und das Kikeriki für den Haftbefehl nimmt. <span class="tooltips " style="" title="Eine märchenhaft-komische Übersteigerung des Angstmotivs findet sich auch im Kirke-Kapitel (Kapitel 15) des Ulysses, in dem Leopold Bloom zunächst vor einem steinbärtigen Kriminalrichter erscheinen muss und sich anschließend selbst zum Richter ausruft, vgl. James Joyce, Ulysses, Roman, übersetzt von Hans Wollschläger, kommentierte Ausgabe Frankfurt 2004."> [43]</span></p>
<p>In den Augen der Dichter scheinen die Richter das Gefühl, Angst und Schrecken zu verbreiten, gelegentlich zu genießen. Die vor zweieinhalbtausend Jahren uraufgeführte Komödie <em>Die Wespen </em><span class="tooltips " style="" title="Aristophanes, Sämtliche Komödien, übertragen von Ludwig Seeger, Einleitung von Otto Weinreich, Zürich 1968, S. 191 ff."> [44]</span> von Aristophanes bringt gleich einen ganzen »Chor der Richter«. Sie werden als ekelhafte Insekten dargestellt, die einen riesigen, phallusartigen Stachel tragen und einer von ihnen erklärt sich wie folgt über seinen Beruf:</p>
<p>Nun sprich: Bin ich nicht ein gewaltiger Herr,<br />
Gewaltig wie Zeus, der Allmächtige selbst,<br />
Und spricht man von mir nicht grad wie von Zeus?<br />
Denn wenn im Gerichtshof wir lärmen und schrein,<br />
Da bleiben sie stehn, die vorübergehn,<br />
Und sprechen: Allmächtiger Zeus, das Gericht!<br />
Wie es donnert und tobt!‘<br />
Und schleudr‘ ich den Blitz, dann schnattern vor Angst<br />
Und Entsetzen die reichen, hochachtbaren Herrn<br />
Und kacken sich voll.</p>
<p>Das Bild des Richters als eines Angsterzeugers spiegelt Mark Twain in dem Roman <em>Tom Sawyers Abenteuer</em> in der Seele eines Knaben. Tom ist verliebt in ein blondes Mädchen namens Becky Thatcher. Um ihr zu imponieren, kauft er von anderen Schülern Fleißkärtchen aus dem Religionsunterricht zusammen. Vor versammelter Schule soll ihm daraufhin der Preis für besondere Bibel-Kenntnisse verliehen werden. Mit der  Preisverleihung ist ein ehrenwerter Mann mittleren Alters betraut.</p>
<p>»Der mittelalterliche Mann schien ein bedeutender Mann zu sein. Er war der oberste Richter des Kreises – gewiss die erhabenste Persönlichkeit, die diese Kinder je gesehen hatten. Und sie grübelten darüber, aus welchem Stoff der wohl gemacht sein könne. Und dann waren sie begierig auf seine Stimme und dann zitterten sie wieder davor, sie zu hören. Er war aus Constantinopel – zwölf Meilen entfernt – er war also durch die ganze Welt gekommen und hatte alles gesehen &#8230; Die scheue Ehrfurcht, welche diese Vorstellungen hervorriefen, war aus dem absoluten Schweigen und den starr auf ihn gerichteten Augen deutlich zu lesen.</p>
<p>Das also war der große Richter Thatcher! Der Bruder ihres Bürgermeisters &#8230;</p>
<p>Tom wurde vor den Richter geführt. &#8230; seine Zunge klebte am Gaumen, der Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte, teils infolge der Größe des Mannes, teils weil er Becky Thatchers Vater war&#8230;</p>
<p>Der Richter legte die Hand auf Toms Kopf und nannte ihn einen tüchtigen kleinen Mann und</p>
<p>›&#8230; jetzt kannst du mir &#8230; eine große Freude machen&#8230;Ohne Zweifel kennst du die Namen aller zwölf Apostel. Willst du mir also die Namen der beiden zuerst von Jesus erwählten Jünger nennen?‹</p>
<p>Tom zupfte an einem Knopf und sah möglichst einfältig aus. Er wurde rot und senkte die Augen.</p>
<p>Sein Lehrer flüsterte ihm zu: ›Antworte dem Herrn, Thomas, fürchte dich nicht.‹</p>
<p>Tom wurde immer röter, bis eine vornehme Dame sagte: »Also wenn Du Angst vor dem Richter hast, mir kannst du es sagen. Die ersten zwei Apostel waren &#8230; :‹</p>
<p>›David und Goliath‹ sagte Tom.«</p>
<p>Dass der Richter uns Angst macht, hängt sicher damit zusammen, dass unsere Phantasie ihn mit den Attributen der Macht ausstattet. Hinter dem Richter steht nicht nur die göttliche Gerechtigkeit, sondern auch die  göttliche Unerbittlichkeit und Grausamkeit, kurz gesagt: der Henker, wie wir nicht nur von Friedrich Dürrenmatt <span class="tooltips " style="" title="Der Richter und sein Henker, Zürich 2002; auch die übrigen Auseinandersetzungen Dürrenmatts mit dem Thema weisen eine hohe Tiefenschärfe auf: Justiz, Roman, Zürich 1998; Die Panne, Erzählung, Zürich 1995; Der Verdacht, Kriminalroman, Zürich 2002."> [45]</span> wissen. Ein Urteil muss, um ein wirkliches Urteil zu sein, vollstreckt werden oder doch jedenfalls die Drohung, vollstreckt werden zu können, in sich tragen. <span class="tooltips " style="" title="Dieser gewalttätige Hintergrund des Urteilens geht auch im metaphorischen Gebrauch nicht verloren. Christoph Martin Wieland (1733–1813) schrieb an Johann Heinrich Merck, den er als Rezensenten des Teutschen Merkur bei Laune halten wollte: »Ihr löbliches Vorhaben, sich künftig im Merkur aufs Loben zu legen i.e. uns Freunde mit dem ungerechten Mammon zu machen, hat … meinen großen Beyfall. Aber dann und wann eine Execution … ist höchst nöthig, weil I. das Publicum von Zeit zu Zeit gerne jemand hängen oder Köpfen sieht; secundo, weil wir uns dadurch im Besitz unserer hohen Gerichtsbarkeit erhalten. Und eben darum müssten solche Executionen selten … aber wenn sie geschehen, desto feyerlicher und exemplarischer seyn.« An Merck, 31. Mai 1776, Wieland, Briefe, Bd 5, S. 510."> [46]</span>Ein französischer Rechtsphilosoph sagte vor einigen Jahren in einer Rede an junge Richter: »Es ist wichtig für Sie zu wissen, dass Sie einen der grausamsten Berufe ausüben, den es gibt. Sie werden erheblichen Schaden anrichten. Das ist unvermeidlich.« <span class="tooltips " style="" title="An diese Tatsache erinnert auch der Umstand, dass im sagenhaften Atlantis der Gerichtstag, der in diesem Falle eine Gerichtsnacht war, mit einem ziemlich grausamen und blutigen Opferritual begann: Stierblut mussten die Richter eigenhändig auf das Gesetz spritzen, vgl. Platon, Kritias, 119 c, zit. Nach Platon, Werke, Griech.-Deutsch, herausgegeben von Günter Eigler, Darmstadt 2005, S. 249, 250."> [47]</span> Zugleich weckt der Richter auch unser Schuldbewusstsein. Kaum einer hat ein so reines Gewissen, dass er vor dem Urteil eines als allwissend gedachten Richters, der zugleich auch ein Rächer ist, bestehen könnte. Es gibt Ausnahmen: Reine, engelsgleiche Charaktere. Aber es ist nicht gesagt, dass die menschliche Justiz, die ein System des Misstrauens ist und den Menschen eher auf die Finger als ins Herz schaut <span class="tooltips " style="" title="Das Verhältnis zwischen Gesetz und Unrecht ist vielschichtig, manchmal bringt das Gesetz die Sünde erst hervor: »Die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz«, Paulus 1 Kor. 15, 56."> [48]</span> der arglosen Unschuld gerecht wird. Im Gegenteil: Es kann zu Tragödien kommen, wie in Benjamin Brittens Oper <em>Billy Budd</em>, <span class="tooltips " style="" title="London Symphony Chorus/London Symphony Orchestra unter d. Ltg. v. Richard Hickox mit Simon Keenlyside, Philip Langridge, John Tomlinson u.a., Chandos 9826 (3), 3 CDs mit Textheft; als Video-DVD: English National Opera Chorus/English National Opera Orchestra unter d. Ltg. v. David Atherton, mit Thomas Allen, Philip Langridge, Richard van Allen u.a., Arthaus Musik 100 278."> [49]</span> die nach dem 1891 erschienenen gleichnamigen Roman von Hermann Melville <span class="tooltips " style="" title="Hermann Melville, Vortoppmann Billy Budd und andere ausgewählte Erzählungen, Leipzig 1984."> [50]</span> entstand.</p>
<p>Billy Budd ist ein herzensreiner bildschöner junger Matrose, der unter einem Sprachfehler leidet. Dieser Engel wird von seinem Vorgesetzten auf sadistische Weise gequält. Billy Budd kann sich, weil er stottert, nicht mit Worten wehren. Mit einer impulsiven Geste stößt er seinen Vorgesetzten um, der unglücklich stürzt und stirbt. Vere, der Kapitän des Schiffs, der Billy Budd liebt wie Abraham seinen Sohn Isaak liebte, beruft ein Standgericht ein. Die Richter verurteilen Billy Budd zum Tode. Der Kapitän könnte seinen Liebling begnadigen, denn an Bord ist er der oberste Richter. Aber die Schiffsräson siegt.</p>
<p>»Kapitän Vere:<br />
Ich akzeptiere euer Urteil &#8230; Auf den Verstoß gegen die Gesetze auf Erden steht die Todesstrafe. Und ich, König auf diesem Brocken Erde, auf dieser schwimmenden Monarchie, fordere den Tod. Aber ich habe das göttliche Urteil des Himmels gesehen. Ich habe gesehen, wie das Unrecht zuschanden wurde. Eingeengt in diese kleine Kajüte, habe ich das Mysterium der Güte erblickt.</p>
<p>Und ich fürchte mich.<br />
Vor welchem Tribunal werde ich erscheinen, wenn ich die Güte vernichte?</p>
<p>Der Engel Gottes hat den Schlag geführt und durch mich muss der Engel aufgehängt werden. Schönheit, Edelmut, Güte, es liegt an mir, dass Ihr vernichtet werdet.</p>
<p>Ich, Edward Fairfax Vere, Kapitän der Indomitable, mit der gesamten Mannschaft verloren auf dem endlosen Meer.</p>
<p>Ich bin der Bote des Todes. Wie kann er mir verzeihen? Wie mich empfangen?«</p>
<p>Während der Kapitän sich mit zerrissenem Herzen auf den Weg macht, um seinem Billy das Urteil zu verkünden, ertönt eine rätselhafte und in der Operngeschichte viel besprochene Folge von 34 Orchesterakkorden, die nach der Uhr gemessen zweieinhalb Minuten, nach dem Gefühl aber ein halbes Leben lang andauert. Sie klingt wie ein Echo der tausendfältigen Trauer, die das Versagen des menschlichen Rechts in den Seelen gerade der Gerechtesten verursacht. <span class="tooltips " style="" title="Christoph Martin Wieland schrieb in einer Anmerkung zu Johannes Daniel Falks satirischem Epos: Die Helden: »Freilich trat hier einer von unseren unseligen Kollisionsfällen ein, wo das größte Recht in einem anderen Sinne großes Unrecht ist.« Vgl. Johannes Daniel Falk, Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel, Lustspiele, Gedichte, Publizistik, hrsg. Paul Saupe, Berlin 1988, S. 661."> [51]</span></p>
<h4>Kapitel III: Der furchtbare Richter</h4>
<p>Das Richterbild in der deutschen Nachkriegsliteratur ist von den fanatischen Zügen eines Kasseler Rechtsanwalts geprägt, der mit Anfang zwanzig Bolschewist und mit fünfzig Jahren Präsident des Volksgerichtshofs war: Roland Freisler. <span class="tooltips " style="" title="Von den Schrecken des alltäglichen Wirkens dieses Mannes findet sich ein beeindruckender Bericht bei Rudolf Predeek, Die rote Robe, Düsseldorf 1949: Der Düsseldorfer Unternehmer (Mineralwasser), Karnevalspräsident und Angehörige des Honoratiorenvereins Düsseldorfer Jonges Leo Statz (1898–1943) hatte den Wunsch eines Angestellten nach Gehaltserhöhung zurückgewiesen und war von diesem Angestellten daraufhin wegen einer defaitistischen Äußerung über die Kriegsaussichten Deutschlands denunziert worden – eine Frühform des whistle-blowing. Da Statz sich schon häufiger widerspenstig gegenüber der NSDAP gezeigt hatte, beschloss man an ihm ein Exempel zu statuieren. Über die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter Freislers Vorsitz schreibt Predeek (aaO., S. 82 ff. ) u. a.: »Freisler hatte eine durchtrieben wirkungsvolle Verhandlungsmethode. Sachlich und ruhig begann er zu sprechen. Fast erreichte er es, dass er Zutrauen erweckte, um sich dann plötzlich mit umso überraschenderer Wendung unversehens auf sein Opfer stürzen zu können. Er … genoss seine Stunden in selbstgefälligen Zügen, ein judex diabolicus, dem nichts heilig war, weder das Recht, das er nicht anerkannte, noch das Volk, das er betrog, noch der Unschuldige, den er verfolgte.« Statz, tiefgläubiger Katholik, wurde von Freisler im Gerichtssaal dem Spott der Zuschauer preisgegeben, insbesondere das relativ hohe Einkommen des Unternehmers gab Freisler Gelegenheit, den Neid der Zuhörer gegen Statz aufzustacheln. Statz wurde zum Tode verurteilt und am 1. November 1943 gegen 16.00 hingerichtet. Vgl. auch Helmut Moll, In den Fängen des Nationalsozialismus, Düsseldorfer Jahrbuch, Bd. 68, Düsseldorf 1997, S. 194–202; von Statz, der viele Karnevalslieder schrieb (u.a. 1938 in Anspielung auf Mussolini: »Sei doch einmal nett zu mir. Alles, alles schenk ich Dir, sei nicht zaghaft-zimperlich: Duze, Duze, Duze mich!«, das verboten wurde, woraufhin Statz als Motto des Karnevalszuges 1939 die Parole »Verboten – erlaubt« ausgab), erschien posthum ein Band mit kleinen humoristischen Erzählungen: Der Sillbund, Drei Eulen Verlag, Düsseldorf 1946."> [52]</span> Dieses Bild hat in den 60er und 70er Jahren die Vorstellung vor allem des linksintellektuellen Milieus von Staat und Recht so nachhaltig geprägt, dass fast ein Klischee daraus geworden ist, eine Art negativer Kitsch. <span class="tooltips " style="" title="Wie eine späte und seltsam angestaubt daherkommende Auswirkung dieser bequemen Klischeevorstellung kam es mir vor, als, Zeitungsberichten zufolge, Anfang 2006 der Journalist Hendryk M. Broder nach einem verlorenen Prozess erklärte, »die Erben der Firma Freisler« seien wieder einmal am Werk gewesen. Es wird nun gegen Broder wegen Beleidigung ermittelt, womit Gelegenheit zu weiterer Verbreitung des sicher im Alterszorn gesprochenen Unfugs bestehen dürfte, vgl. DIE WELT, 6. Februar 2006, S. 11."> [53]</span> Und doch existierten jene furchtbaren Richter. <span class="tooltips " style="" title="Es scheint nicht sehr viele Richter im Dritten Reich gegeben zu haben, die anders dachten als die damalige Regierung und den Mut hatten, dies auszusprechen. Einer von diesen nicht sehr vielen war Lothar Kreyssig (30.10.1898 Flöha (Sachsen) – 5.7.1986 Bergisch Gladbach), der sich als Amtsrichter in Brandenburg (Havel) gegen die Tötung ihm als Amtsvormund anvertrauter behinderter Menschen wehrte. Als ihm der Justizminister Gürtner einen handgeschriebenen Führerbefehl vorlegte, erklärte er, ein Führerbefehl schaffe kein Recht und wurde in den Ruhestand versetzt und zwar unter Zahlung der gesetzlichen Versorgungsbezüge. Später war Kreyssig ua Präses der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und rief als Vizepräsident Ost des Deutschen Evangelischen Kirchentages im April 1958 die »Aktion Sühnezeichen« ins Leben, vgl. Wolf Kahl, Lothar Kreyssig – Amtsrichter im Widerstand und Prophet der Versöhnung, DRiZ 2008, 299."> [54]</span> Peter Weiss hat in dem Stück <em>Die Ermittlung</em> <span class="tooltips " style="" title="Frankfurt 2005; als Audiocassette in der Hörspielbearbeitung von 1965 für den Hessischen Rundfunk von Hermann Naber unter der Regie von Peter Schulze-Rohr mit Fritz Strassner, Herbert Fleischmann, Hanne Hiob u.a., Der Hörverlag, ISBN 3-89584-112-9;"> [55]</span> die Protokolle des Frankfurter Auschwitz-Prozesses zu einem in mehrere Gesänge eingeteilten Sprech-Oratorium verarbeitet. Im <em>Gesang von der Schwarzen Wand</em> bringt er einen KZ-Richter auf die Bühne, der als Zeuge vernommen wird:</p>
<p>»Richter<br />
Wir rufen als Zeugen auf<br />
den damaligen weisungsgebenden Vorgesetzten<br />
der hier befindlichen Angeklagten</p>
<p>Herr Zeuge<br />
Sie waren Chef der zuständigen Zentrale<br />
der Sicherheitspolizei<br />
und Vorsitzender des Standgerichts<br />
Was hatten Sie als solcher<br />
mit den Hinrichtungen zu tun<br />
die von der Politischen Abteilung<br />
im Lager durchgeführt wurden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Meine Dienststelle hatte mit den Handhabungen<br />
der Politischen Abteilung im Lager<br />
nicht das geringste zu tun<br />
Mir standen ausschließlich Fälle<br />
von Partisanen zur Verhandlung<br />
Diese wurden ins Lager überführt<br />
und dort in einem Sitzungsraum abgeurteilt</p>
<p>Richter<br />
Wo befand sich dieser Sitzungsraum</p>
<p>Zeuge 1<br />
In irgendeiner Baracke</p>
<p>Richter<br />
Lag der Sitzungsraum nicht im Block Elf</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da bin ich überfordert</p>
<p>Zeuge 6<br />
Ich war Schreiber im Block Elf<br />
Bei dieser Tätigkeit erhielt ich Einblick<br />
in die Arbeit des Standgerichts<br />
Der Sitzungsraum befand sichvorne links<br />
am Korridor des Block Elf</p>
<p>Richter<br />
Wie sah dieser Raum aus</p>
<p>Zeuge 6<br />
Da waren 4 Fenster zum Hof<br />
und da stand ein langer Tisch</p>
<p>Richter<br />
Herr Zeuge<br />
Erinnern Sie sich an diesen Raum</p>
<p>Zeuge 1<br />
Nein</p>
<p>Richter<br />
Sind Sie nie im Inneren Gebiet<br />
des alten Lagers gewesen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da bin ich überfordert</p>
<p>Richter<br />
Sind Sie nie durch das Lagertor gegangen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es ist möglich<br />
Ich erinnere mich daß da<br />
eine Musikkapelle spielte</p>
<p>Richter<br />
Waren Sie nie im Hof von Block Elf</p>
<p>Zeuge 1<br />
Vielleicht einmal<br />
Da soll eine Mauer gewesen sein<br />
Ich habe sie aber nicht mehr in Erinnerung</p>
<p>Richter<br />
Eine schwarzgestrichene Mauer<br />
muß doch auffallen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ich habe keine Erinnerung</p>
<p>Richter<br />
Herr Zeuge<br />
Sie waren also der Vorsitzende<br />
War denn auch ein Verteidiger dabei</p>
<p>Zeuge 1<br />
Wenn einer gewünscht wurde</p>
<p>Richter<br />
Wurde mal einer gewünscht</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es kam selten vor</p>
<p>Richter<br />
Und wenn es vorkam</p>
<p>Zeuge 1<br />
Dann wurde einer bestellt</p>
<p>Richter<br />
Wer war der Verteidiger</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ein Beamter der Dienststelle</p>
<p>Richter<br />
Fanden verschärfte Vernehmungen statt</p>
<p>Zeuge 1<br />
Dazu bestand keine Veranlassung<br />
Ich habe jedenfalls nichts<br />
von verschärften Vernehmungen gehört<br />
Die Tatbestände waren so klar<br />
daß es keiner verschärften Vernehmung bedurfte</p>
<p>Richter<br />
Was waren die Tatbestände</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es waren ausschließlich staatsfeindliche Handlungen</p>
<p>Richter<br />
Gestanden die Verhafteten</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da gab es nichts zu leugnen</p>
<p>Richter<br />
Wie kam es zu den Geständnissen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Durch Vernehmungen</p>
<p>Richter<br />
Wer führte die Vernehmungen aus</p>
<p>Zeuge 1<br />
Die Politische Abteilung</p>
<p>Richter<br />
Hatten Sie als Richter keine Bedenken<br />
auf welche Art die Geständnisse<br />
herbeigeführt wurden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ich kann nichts dafür<br />
wenn der eine oder andere meiner Leute<br />
seine Befugnisse überschritten hat<br />
Ich habe meinen Männern ständig eingeschärft<br />
daß sie bei allen Verhandlungen<br />
korrekt aufzutreten hatten</p>
<p>Richter<br />
Wurden bei den Vernehmungen Zeugen gehört</p>
<p>Zeuge 1<br />
In der Regel nicht<br />
Wir fragten ob alles stimme<br />
und sie sagten alle Ja</p>
<p>Richter<br />
Sie hatten also nur Todesurteile auszusprechen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ja<br />
Freisprüche gab es praktisch nicht<br />
Verfahren wurden nur eröffnet<br />
wenn alles klar war</p>
<p>Richter<br />
Haben Sie niemals Anzeichen<br />
bei den Beschuldigten erkannt<br />
die auf unzulässige Behandlung<br />
hätten schließen lassen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Nein</p>
<p>Richter<br />
Sind auch Frauen und Kinder<br />
vor der Schwarzen Wand<br />
erschossen worden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Davon ist mir nichts bekannt</p>
<p>Zeuge 6<br />
Zwischen den Häftlingen<br />
die zur Aburteilung durch das Standgericht<br />
in den Block eingeliefert wurden<br />
befanden sich zahlreiche Frauen und Minderjährige<br />
Die Anklage lautete auf Schmuggel<br />
oder Kontakt mit Partisanengruppen<br />
Im Gegensatz zu den Lagerhäftlingen<br />
die im Keller eingeschlossen waren<br />
hielten sich die Polizeigefangenen<br />
im Erdgeschoss des Blocks auf<br />
Sie wurden einzeln in das Sitzungszimmer geführt<br />
Der Richter verlas das Urteil<br />
er nannte nur den Namen und sagte dann<br />
Sie sind zum Tode Verurteilt<br />
Die meisten Verurteilten<br />
verstanden die Sprache nicht<br />
und wußten gar nicht<br />
warum man sie verhaftet hatte<br />
Vom Gerichtszimmer wurden sie sofort<br />
zum Auskleiden in den Waschraum geführt<br />
und von dort in den Hof gebracht</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeuge<br />
Wieviel Urteile hatten Sie<br />
als Vorsitzender des Standgerichts<br />
zu verlesen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Daran kann ich mich nicht erinnern</p>
<p>Ankläger<br />
Wie oft wurden Sie<br />
zur Urteilssprechung einberufen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das weiß ich nicht mehr</p>
<p>Ankläger<br />
Wie lange dauerte eine Sitzung<br />
des Standgerichts</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das kann ich nicht sagen</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeuge<br />
Sie sind heute Leiter<br />
eines großen kaufmännischen Betriebs<br />
Als solcher müssen Sie gewohnt sein<br />
mit Ziffern und Zeitrechnungen umzugehn<br />
Wieviele Menschen<br />
wurden von ihnen verurteilt</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das weiß ich nicht</p>
<p>Zeuge 6<br />
Bei einer Sitzung des Standgerichts<br />
wurden im Durchschnitt<br />
100 bis 150 Todesurteile Verlesen<br />
Die Sitzung dauerte 1 ½ bis 2 Stunden<br />
und fand alle 2 Wochen statt</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeug<br />
wieviele Menschen wurden ihrer Schätzung nach<br />
insgesamt<br />
vor der Schwarzen Wand erschossen</p>
<p>Zeuge 6<br />
Aus den Totenbüchern und unsern Aufzeichnungen<br />
geht hervor<br />
daß zusammen mit den gewöhnlichen Bunkerleerungen<br />
annähernd 20 000 Menschen<br />
vor der schwarzen Wand erschossen wurden«</p>
<p>Es ist kein Vorrecht Deutschlands, furchtbare Richter hervorzubringen. Es ist auch kein Vorrecht des 20. Jahrhunderts. Schon die spätmittelalterliche Legenda aurea des Jacobus de Voragine <span class="tooltips " style="" title="Jacobus de Voragine, Legenda aurea, aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 13. Auflage, Gütersloh 1999."> [56]</span> ist voller Berichte über grausame Prozesse gegen die frühen Christen <span class="tooltips " style="" title="Ein Beispiel ist der Richter Paschasius, vor den die heilige Lucia von ihrem Ehemann gezogen wird, weil die ihr Geld an die Armen verschwendet. Paschasius will sie zwingen, den römischen Göttern zu opfern. Er verurteilt sie, als Hure in einem Freudenhaus zu arbeiten. Aber 1000 Knechte und sogar Ochsen vermögen nicht, sie dorthin zu  zu bringen. Daraufhin lässt Paschaius, der später selbst hingerichtet wurde, sie erst mit Urin übergießen und ihr anschließend mit einem Schwert die Kehle durchbohren, vgl. Jacobus de Voragine, ebd., S. 27–29."> [57]</span> <span class="tooltips " style="" title="Die Freigabe zur Prostitution war eine gegen Frauen häufiger angewandte Strafe und sexuell geprägter Sadismus bei Richtern offenbar keine Seltenheit:, vgl. Anne Jensen, Gottes selbstbewusste Töchter – Frauenemanzipation im frühen Christentum? Berlin, Hamburg, Münster 2003, S. 185 ff."> [58]</span>.</p>
<p>Auch Georg Friedrich Händel, der offenbar einen besonderen Zugang zum Zeremoniösen der Gerichtsverhandlung hatte, hat den Prozess gegen ein Märtyrer-Liebespaar vor dem römischen Richter Valens in seinem späten Oratorium <em>Theodora<span style="font-size: 11.6667px;"> </span></em><span class="tooltips " style="" title="Les Arts Florissants unter d. v. William Christie mit Daniel Taylor, Richard Croft u.a., Erato B0000A1M7P, 3 Cds."> [59]</span> dargestellt. Vor einigen Jahren wurde einer meiner sanftesten Kollegen von einem Kläger, der sich ungerecht behandelt fühlte, als »Nazi- und Hexenrichter« bezeichnet. Dass der Mann diese Bezeichnung wählte, zeigt, wie tiefe Spuren bis heute Inquisition und Hexenverfolgung hinterlassen haben. Umberto Eco hat in seinem Roman <em>Der Name der Rose</em> eine Gerichtsverhandlung in einem Kloster des ausgehenden Mittelalters geschildert. Wer die Protokolle von Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof studiert, dem springen die Parallelen der auf Entwürdigung des Angeklagten zielenden Vernehmungstechnik des Richters ins Auge. Hier einige Ausschnitte aus Ecos Roman <em>Der Name der Rose</em>:<span class="tooltips " style="" title="Umberto Eco: Der Name der Rose, Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1982; als Video-DVD unter der Regie von Jean-Jacques Annaud mit Sean Connery, F.Murray Abraham u.a., Warner Brothers/ Constantin, 3447695."> [60]</span></p>
<p>»Fünfter Tag – Nona – Worin Recht gesprochen wird und man den beklemmenden Eindruck hat, dass alle im Unrecht sind.</p>
<p>Der Richter &#8230; tat so, als ob er Papiere ordnete – aber zerstreut, denn sein Blick war dabei auf den Angeklagten gerichtet, und in diesem Blick lag eine Mischung aus geheuchelter Nachsicht &#8230;, aus eisiger Ironie &#8230; und aus gnadenloser Strenge.</p>
<p>All das, was ihm vorgehalten wurde, wusste der Angeklagte längst, doch der lauernde Blick und das Schweigen des Inquisitors dienten dazu, es ihm erneut ins Gedächtnis zu rufen, ja es ihn geradezu körperlich spüren zu lassen &#8230;</p>
<p>Remigius (Angeklagter):<br />
»Meine Seele ist unschuldig &#8230;«</p>
<p>Bernard, Richter, brüllt<br />
»Seht ihr? So reden  sie alle! Wenn einer von ihnen gefasst wird, tritt er vor das Gericht, als ob sein Gewissen ruhig und rein wäre &#8230; sage mir nun: Woran glaubst du?«</p>
<p>Remigius:<br />
»Ich glaube alles, was Ihr und die anderen guten Doctores mich glauben heißen.«</p>
<p>Bernard<br />
»Aha! Aber die ›guten Doctores‹ &#8230; Du deutest an, dass du mir glauben würdest, wenn ich glauben würde, was jene glauben, andernfalls aber glaubst du nur ihnen!«</p>
<p>Remigius:<br />
»Nein, Herr Inquisitor, nein, ich schwöre euch &#8230;«</p>
<p>Bernard:<br />
»Du schwörst? Ein neuer Beweis deiner Ruchlosigkeit! &#8230; Du elender Fuchs.«</p>
<p>Remigius:<br />
»Aber was kann ich denn tun?«</p>
<p>Bernard:<br />
»&#8230; Gar nichts kannst du mehr tun. Ich allein weiß, was jetzt noch getan werden muss &#8230; Dir bleibt nur noch zu gestehen. Doch wenn du gestehst, wirst du verdammt und verurteilt werden, und wenn du nicht gestehst, wirst du auch verdammt und verurteilt werden, nämlich wegen Meineides. Also gestehe, um wenigstens dieses Verhör abzukürzen, das unser Gewissen quält und unseren Sinn für Mitleid und Güte verletzt.«</p>
<p>In dem von Kriegen und Hexenverfolgungen gekennzeichneten 17. Jahrhundert, in dem es nach einer amtlichen Zählung mehr Teufel gab als Frankreich Einwohner hatte, spielt die Geschichte der <em>Teufel von Loudun</em>, die von dem Hugenotten Nicolas Aubin <span class="tooltips " style="" title="Nicolas Aubin, Geschichte der Teufel von Loudun oder der Besessenheit der Ursulinen und von der Verdammung und Bestrafung von Urbain Grandier, Pfarrer derselben Stadt, aus dem Französischen übertragen von Dieter Walter, 2. Auflage Berlin 1981."> [61]</span> erforscht wurde. Aldous Huxley machte daraus einen Roman <span class="tooltips " style="" title="Aldous Huxley, Die Teufel von Loudun, dtv, München 1985."> [62]</span> und Krysztof Penderecky eine Oper. <span class="tooltips " style="" title="Chor und Orchester der Hamburger Staatsoper unter d. Ltg. v. Marek Janowski, mit Tatiana Troyanos,  Cvetka Ahlin, Hans Sotin  u.a. Philips B00000133P, 2 CDs mit Textheft."> [63]</span> Die Geschichte ist folgende: Der Priester Urbain Grandier, Pfarrer der Kirche Saint-Pierre-du-Marché, war ein schöner und stattlicher Kerl. Die Frauen und Töchter von Loudun schmolzen nach der Beichte auf dem Venusaltar seiner Pfarrkirche, Urbain Grandier schmolz mit und die Bürger kochten vor Wut. Da es ihnen peinlich war, die eigentlichen gravamina auszusprechen, waren sie erleichtert über die irgendwie in der Luft liegende und vom Kardinal Richelieu aus politischen Gründen geförderte Entdeckung, dass Grandier ein Hexer sein müsse. Man verhaftete ihn, durchsuchte sein Haus und fand verschiedene, in Spiegelschrift abgefasste Verträge, welche neben der Unterschrift des Grandier die nach gerichtlichem Befund zweifellos echten handschriftlichen Signaturen der Teufel Asmodi, Beelzebub und Behemot trugen. Als Richter in dem sich über ein Jahr hinziehenden Prozess gegen Grandier fungierte ein Mann namens Laubardemont. In seiner Person kam alles zusammen, was einen Richter im allgemeinen von der Führung eines Prozesses von vornherein ausschließt: Er war den Feinden des Priesters persönlich und verwandtschaftlich verbunden, er war als Sonderrichter von der Staatsführung eingesetzt mit dem einzigen und ausdrücklichen Auftrag, Grandier zu erledigen, und er übte neben dem Richteramt das des Staatsanwalts und neben dem Amt des Staatsanwalts sogar noch das des Zeugenbetreuers aus. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass er in Wirklichkeit nicht Richter, sondern das Haupt einer von der Staatsführung eingesetzten Terrorbande war. Im Prozess hatte Grandier bis zuletzt geleugnet, auch dann noch, als ihm ein Arzt mit einer fingerlangen Nadel hunderte Stiche ins Fleisch gesetzt hatte, angeblich, um die zwei bis fünf gefühllosen Stellen zu finden, durch die ein Teufelsbündner sich nach der gängigen Doktrin auszeichnete, und auch dann noch hatte er geleugnet, als man ihm Arme und Beine mit eisernen Pressen zerquetscht hatte. Nicht einmal die letzte von ihm erflehte Gunst, nämlich erwürgt zu werden, ehe man ihn auf den Scheiterhafen warf, wurde ihm gewährt. So verbrannte er bei lebendigem Leibe.<span class="tooltips " style="" title="Allen neuen Freunden des alten Irrtums, Folter sei ein geeignetes Mittel zur Verbrechensbekämpfung, sei das Studium des Falls Urbain Grandier empfohlen."> [64]</span></p>
<p>Kapitel IV: Die gerechten Richter</p>
<p>Die unübersehbar hässlichen Züge des Richterbildes sind damit im Wesentlichen deutlich genug beschrieben. Das Vierte Kapitel ist den gerechten Richtern gewidmet, und das ist auch der Titel eines Altarbildes aus Gent, das von Jan van Eyck stammt. Es wurde in den dreißiger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts gestohlen und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Eine wichtige Rolle spielt es in dem Roman <em>La chûte</em> (<em>Der Fall</em>),<span class="tooltips " style="" title="Albert Camus, Der Fall, Roman, Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957."> [65]</span> der Albert Camus den Literatur-Nobelpreis eintrug.</p>
<p>Gerechte Richter kommen in Literatur und Oper gar nicht so selten vor. Zwei Typen sind vorherrschend, einer ist der gottähnliche, allwissende, stets beherrschte und weise Mann, dessen Urbild wir mit Salomon  kennen gelernt haben. Die meisten Fernsehrichter sind nach diesem Muster gestrickt. <span class="tooltips " style="" title="Der Erfolg der Sendungen mit Fernsehrichtern ist offenkundig umgekehrt proportional dem rechtlichen und tatsächlichen Gehalt der verhandelten Fälle; der Mangel an Einblicken in Recht und Leben wird allerdings kompensiert durch einen reichen Überfluss an Einblicken in die tief ausgeschnittenen Dekolletees von Zeuginnen und Angeklagten, vgl. dazu Melanie Amann: »Das Urteil lautet«, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7. Juni 2009, Nr. 23/2009, S. 12."> [66]</span> Der zweite Typ ist mehr von der Art des Daniel oder der Mutter aller Richterinnen, der biblischen Deborah. Es ist ein unkonventioneller und dabei volkstümlicher Mensch, der gelegentlich Gesetze bricht und unter Umständen sogar Gewalt anwendet, um Gerechtigkeit herzustellen. Ihn finden wir bei Calderon de la Barca im <em>Richter von Zalamea</em>,<span class="tooltips " style="" title="Pedro Calderón de la Barca, Dramatische Werke, die Höhepunkte seines Schaffens, Wien 1979, S. 19 ff."> [67]</span> einem Dorfrichter, der den adeligen Vergewaltiger seiner Tochter verurteilt und auch gleich aufhängen lässt. <span class="tooltips " style="" title="DEFA-Verfilmung von 1956 unter der Regie von Martin Hellberg mit Hans-Joachim Büttner, Gudrun Schmidt-Ahrends, Rolf Ludwig u.a., als Video bei Icestorm Entertainment, 10095; nicht nur den DDR-Oberen, auch den Nationalsozialisten passte der Typ Richter, der sich nicht viel um Gesetze schert: am 8. Januar 1937 wurde der Richter von Zalamea in einer Nachdichtung durch Wilhelm von Scholz am Schillertheater in Berlin uraufgeführt."> [68]</span> Dem gleichen Typ gehört der Held des 2003 erschienenen Romans <em>Der Richter aus Paris</em> von Ulrich Wickert <span class="tooltips " style="" title="Ulrich Wickert, Der Richter aus Paris, Eine fast wahre Geschichte, Hamburg 2003."> [69]</span> an, ein französischer Untersuchungsrichter, der sich mit dem Staatspräsidenten anlegt, um eine Korruptionsaffäre aufzudecken. Dabei ist dieser Richter so erfolgreich, dass er sich inzwischen zum Serienhelden auszuwachsen scheint: Im Jahre 2005 erschien <em>Der Richter in Angola</em>. <span class="tooltips " style="" title="Ulrich Wickert, Die Wüstenkönigin, Der Richter in Angola, Hamburg 2005."> [70]</span> Auch der Azdak <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, edition Suhrkamp Nr. 31, Frankfurt 1963; vgl. auch: Hanns Ernst Jäger, Bertolt Brecht – Songs, Gedichte, Prosa, 3 Lieder aus dem Kaukasischen Kreidekreis, Pläne Archiv Nr. 89003, CD."> [71]</span> im <em>Kaukasischen Kreidekreis</em> von Bert Brecht <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff."> [72]</span> ist hier zu nennen und Rolf Hochhuths Richterin Heinemann, die in dem Stück <em>Unbefleckte Empfängnis</em> <span class="tooltips " style="" title="Rolf Hochhuth, Unbefleckte Empfängnis, Ein Kreidekreis, Reinbek b. Hamburg 1988."> [73]</span> einer Angeklagten, von deren Unschuld sie überzeugt ist, zur Flucht verhilft. Die <em>western-hero</em>-Spielart des unkonventionellen, unkompliziert zupackenden Richters ist, wie wir aus der Comic-Serie <em>Lucky Luke </em>wissen, Judge Roy Bean, den man »The law west of the Pecos« nannte. Sein Wahlspruch war: »Hang’m first – verhandelt wird später!« Über seinem Gerichtsgebäude, das gleichzeitig als Saloon diente, prangte der bemerkenswerte Slogan »Gerechtigkeit und kühles Bier«. <span class="tooltips " style="" title="Morris, Lucky-Luke, Bd. 31: »Der Richter«, o. J."> [74]</span></p>
<p>In der Wirklichkeit finden wir gerechte Richter natürlich viel eher als unauffällige Helden des Alltags, die unter der Last des Amtes leiden, sich krank und unverstanden fühlen und zu Vertagungen und Vergleichsvorschlägen neigen. Um diesen dritten Typ des gerechten Richters, einen still wirkenden Amtsrichter, <span class="tooltips " style="" title="Vgl. zum Bild des Amtsrichters: Karl Kroeschell, Der Amtmann, Zur Kulturgeschichte eines Juristenberufs, 2002, im Internet unter http://www. rewi.hu-berlin.de/online/fhi/articles/0210kroeschell/=210kroeschell.htm zitiert nach Weber, Festschrift für Adomeit, 809 ff. (824)."> [75]</span> haben sich Christoph Martin Wieland <span class="tooltips " style="" title="Christoph Martin Wieland, Geschichte der Abderiten, Reclam Ditzingen, 1986."> [76] </span> und Richard Strauss verdient gemacht. <em>Des Esels Schatten </em><span class="tooltips " style="" title="Rundfunkchor Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Karl Anton Rickenbacher mit Sir Peter Ustinov (Erzähler), Andreas Kohn, Eberhard Büchner u.a.: »Des Esels Schatten«, Der unbekannte Richard Strauss, Koch-Schwann 3-1792-2, CD mit Textheft."> [77]</span>heißt eine kleine Oper, die Richard Strauss am Ende seines Lebens für eine Schule schrieb. Den Stoff für die Oper entnahm Richard Strauss Christoph Martin Wielands Roman <em>Geschichte der Abderiten</em>: Es geht um die Stadtrepublik Abdera, die man getrost als Metapher für alle Republiken, also auch für unsere heutige deutsche nehmen darf.</p>
<p>In der Stadt Abdera trug sich der folgende Rechtshandel zu: Der Zahnarzt Struthion mietete einen Esel, um in die Nachbarstadt zu reiten. Es war ein heißer Mittag, die Sonne stach und dem Zahnarzt ward matt zu Mute. Er befahl dem Eselsführer das Tier anzuhalten, stieg vom Esel und wollte, um sich zu erfrischen, im Schatten des Eselskörpers Platz nehmen. Der Eselsführer aber war damit nicht einverstanden: Er habe den Esel vermietet, nicht aber dessen Schatten. Wenn der Schatten genutzt werden solle, so sei neben der Eselsmiete eine weitere Drachme fällig. Der arme überhitzte Zahnarzt konnte oder wollte nicht zahlen, und so kam es zu einem Prozess, dessen Verlauf, wie alle wichtigen Angelegenheiten in Abdera, auf das lebhafteste öffentliche Interesse stieß. Die Einzelheiten des Rechtshandels samt seiner politischen Knoten und weltanschaulichen Knäuel auszubreiten ist aber hier nicht der Ort. Uns interessiert der Richter, der schließlich alles auseinanderwickeln muss: Philippides war, wie so viele Amtsrichter, »ein ehrbarer, nüchterner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann, der jedermann mit großer Geduld anhörte, den Leuten freundlichen Bescheid gab und im allgemeinen Rufe stand, dass er unbestechlich sei«. Überdies war er ein guter Musikus <span class="tooltips " style="" title="Philippides ist im Grunde ein versonnener, ja bei aller Empfindung für die Amtsmühen noch sonniger Charakter; ein Gegenstück ist der Amtmann von Lenzbach im Prinz Rosa-Stramin von Ernst Koch (* 1808 Singlis an der Schwalm, &#x271d; 1858 Luxembourg), den die tausend Glockenstimmen Gottes nicht zum Besuch der Sonntagsmesse verführen können, weil er sich als selbstquälerischer naturblinder und aktengläubiger Pedant  lieber mit Appelations-Extrajudizial- und Hämorrhoidalbeschwerden abarbeitet, vgl. Hermann Weber, Kurhessischer Obergerichtsreferendarius, Fremdenlegionär und Professor in Luxemburg, Ernst Koch – Ein Dichterjurist im Vormärz."> [78][/simple_tooltip ]und sang,  bevor er, wie es der Brauch kluger Richter ist, einen Vergleich vorschlug, eine kleine Kavatine über die Gerechtigkeit: <span class="tooltips " style="" title="Ein musikalisch und schriftstellerisch begabter Richter ist der Vorsitzende Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Wolfgang Neukirchner gewesen, der ua den Text des Schlagers Es gibt kein Bier auf Hawaii für Paul Kuhn schrieb, unter dem Pseudonym »Josua Röckelein«:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt kein Bier auf Hawaii,&lt;br /&gt;
es gibt kein Bier.&lt;br /&gt;
Drum fahr ich nicht nach Hawaii,&lt;br /&gt;
drum bleib ich hier.&lt;br /&gt;
Es ist so heiss auf Hawaii,&lt;br /&gt;
kein kühler Fleck,&lt;br /&gt;
und nur von Hula Hula&lt;br /&gt;
geht der Durst nicht weg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als »Adolf von Klebsattel« verdiente er wahrscheinlich das meiste Geld, denn unter diesem Namen schrieb er die Texte zahlreicher Schlager des blonden Sängers Heino, z. B. »Blau, blau, blau blüht der Enzian.«, vgl. www.zeit.de/1993/16/Der-geistige-Vater-von-Heino."></span> [79]</span></p>
<p>Ich möchte am Wiesenrain sitzen,<br />
aus Weiden eine Flöte mir schnitzen,<br />
statt unter Aktenstaub und Paragraphen<br />
zu richten, zu schlichten, zu bestrafen.</p>
<p>Was ist denn Recht?<br />
Darüber lässt sich streiten;<br />
es wechselt Form und Sinn im<br />
Lauf der Zeiten.</p>
<p>Der Philosoph muß vor sich selbst<br />
Bekennen:<br />
Recht ist von Unrecht oft nicht zu trennen.</p>
<p>Der Mensch ist gut, nur hat er Schwächen!<br />
Wer soll da wohl ein Urteil sprechen?<br />
Oh böses Schicksal! Grad mich verdammt es<br />
Zur undankbaren Pflicht des Richteramtes. <span class="tooltips " style="" title="Dass der Richter gerade lieber etwas anderes täte als sein Urteil schreiben, zeigt Anton Pawlowitsch Tschechow  (29. Januar 1860 greg. in Taganrog, Russland – 15. Juli 1904 greg in Badenweiler) in der Humoreske Die Sirene, in der ein Gerichtspräsident nach der Sitzung des Gerichts versucht, sein Votum zu Papier zu bringen: Vergeblich, weil sein Sekretär Shilin »ein kleines Männchen mit Bartansätzen bei den Ohren und süßem Gesichtsausdruck« ununterbrochen und in den schönsten Ausmalungen vom bevorstehenden Essen spricht."> [80]</span></p>
<p>Kapitel V: Der verstrickte Richter.</p>
<p>Wir haben gesehen, wie der göttliche Richter über der Welt schwebt. In der schon erwähnten <em>Legenda aurea</em> des Jacobus de Voragine heißt es sogar, die Schöffen <a href="#_edn81" name="_ednref81"></a><span class="tooltips " style="" title="In Antonio Machdos (1875–1939) Gedicht Un criminal (Soledades CVIII) klingt etwas von der unnachgiebigen, ja unerbittlichen  Härte gerade der ehrenamtlichen Richter an, die aus dem gutem Einvernehmen mit der  Härte des Wetters, des Schicksals und des gesunden Volksempfindens zusätzlich Kraft gewinnt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Un Criminal – Ein Verbrecher&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Angeklagte fahl und glattrasiert&lt;br /&gt;
In seinen Augen ist viel dunkle Glut,&lt;br /&gt;
die seine Knabenmaske lügen straft&lt;br /&gt;
und die Gebärden frommer Mäßigung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vom düstern Priesterseminar hat er die Mine&lt;br /&gt;
der Bescheidenheit und auch den tief&lt;br /&gt;
zur Erde oder ins Brevier gesenkten Blick behalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Verehrer Mariens,&lt;br /&gt;
der Mutter der Sünder,&lt;br /&gt;
in Burgos Examen in Theologie,&lt;br /&gt;
bereit für die niederen Weihen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Grausam war sein Verbrechen. Er war eines Tages&lt;br /&gt;
satt aller göttlichen wie die profanen Texte,&lt;br /&gt;
und es reute ihn alle die Zeit,&lt;br /&gt;
vertan mit lateinischen Hyperbatons.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Plötzlich verliebt in ein schönes Mädchen&lt;br /&gt;
und die Liebe steigt ihm zu Kopf&lt;br /&gt;
wie der goldene Rebensaft&lt;br /&gt;
und weckt seine wilde Natur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Träumen sieht er die Eltern – Landarbeiter&lt;br /&gt;
und Pächter – beleuchtet&lt;br /&gt;
von roten Reflexen am Herd&lt;br /&gt;
die gebräunten Landmannsgesichter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er wollte erben. Oh Nüsse und Kirschen&lt;br /&gt;
des Bauerngartens, schattig und grün,&lt;br /&gt;
Ähren vom Golde des Weizens,&lt;br /&gt;
überquellende Kornkammern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und entsann sich der Axt, die hing&lt;br /&gt;
an der Mauer, glänzend, geschliffen,&lt;br /&gt;
der starken Axt die das Brennholz hieb&lt;br /&gt;
von den Ästen der Eiche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ihm gegenüber die Richter in alten&lt;br /&gt;
vertrauerten Roben;&lt;br /&gt;
und eine Reihe aus düsteren Brauenfalten&lt;br /&gt;
plebejisches Antlitz: die Schöffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Verteidiger im Plädoyer,&lt;br /&gt;
schlägt mit der Faust auf das Pult;&lt;br /&gt;
ein Schreiber bekritzelt Papier,&lt;br /&gt;
und der Staatsanwalt hört ohne Rührung&lt;br /&gt;
die sonore emphatische Rede,&lt;br /&gt;
durchblättert die Akten&lt;br /&gt;
oder liebkost mit den Fingerspitzen&lt;br /&gt;
die sauberen Gläser der Goldrandbrille.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Saaldiener sagt: »Den knüpfen sie auf, das ist sicher.«&lt;br /&gt;
Der junge Rabe erwartet Milde.&lt;br /&gt;
Einer aus dem Dorf, Galgenvogel, hilft der strengen&lt;br /&gt;
Gerechtigkeit, das Böse auszumerzen."> [81]</span> wohnten der Sitzung des Jüngsten Gerichts schwebend bei, wenn auch hauptsächlich aus Gründen des Platzmangels im engen Tale Josaphat, wo bekanntlich die finale Gerichtsverhandlung abgehalten werden wird. Allerdings ist die Tätigkeit des Schwebens ein untrügliches Zeichen der Heiligkeit. Und folglich ist das Überdendingenschweben selbst im übertragenen Sinne kaum noch gebräuchlich, außer in der idealisierenden Sicht einiger Richter auf sich selbst und im verklärten Blick einiger Theoretiker des Rechtsstaats. Für viele Künstler ist dagegen gerade das Verstricktsein des Richters in das Leben, über das sie zu Gericht sitzen, interessant. Hier sind jene Friktionen zu erwarten, die, wie Schiller sagte, den Götterfunken der Inspiration hervorbringen können.</p>
<p>Exemplarisch ist eine Erzählung von Oskar Jellinek. <span class="tooltips " style="" title="Oskar Jellinek, Hankas Hochzeit, Novellen und Erzählungen, hrsg. von Wulf Kirsten, Berlin 1980."> [82]</span>Dieser 1886 in Brünn geborene und 1949 in Hollywood gestorbene jüdische Schriftsteller war zunächst Richter in Wien und wurde 1925 berühmt mit der Geschichte von einem dürren und hinkenden Dorfrichter, der mit der schönen und sinnlichen Wlasta verheiratet ist und einmal in seinem Leben stark sein will wie ein Bauer. Nun wird ihm der junge hübsche Quirin vorgeführt, Liebling des Dorfes und vor allem der Liebling der Frauen. Es besteht Mordverdacht gegen Quirin. Wird der Richter stark genug sein, dem Recht Geltung zu verschaffen, obwohl die Volksseele auf der Seite des Verdächtigen ist?</p>
<p>Der Richter unterwirft den Quirin einem scharfen Verhör. Quirin bestreitet die Tat, sagt aber nicht, wo er die Tatnacht verbracht hat. Im Verhör hält der Richter ihm ein blutiges Messer vor die Augen.</p>
<p>In Quirins Kehle stieg ein hilfloses Schluchzen &#8230; ›Das ist nicht mein Messer, das ist nicht mein Messer‹ stieß er &#8230; hervor, auf die blutige Klinge weisend, ›ich schwör’s bei meiner Mutter Seligkeit!‹ – ›Laß deine Mutter, Quirin,‹ sagte der Richter.</p>
<p>Nachdem der Richter noch einige administrative Akten erledigt hatte, ging er nach Hause &#8230; Er faltete die Stirn und trat ein. Am geöffneten Fenster stand Wlasta, seine Frau, und sang. ›Du hältst ihn natürlich für unschuldig!‹ sagte der Richter – ›Ich – wen?‹ fragte seine Frau – ›Wen? Na, den Qurin!‹ Wlasta &#8230; schluckte geflissentlich und sagte dann: ›Gewiß halt’ ich ihn für unschuldig.‹ &#8230; Der Quirin ist kein Mörder – das weiß jeder, der nicht neidisch oder eifersüchtig ist auf ihn.‹ sagte sie &#8230;«</p>
<p>Der Richter ist von Qurins Schuld überzeugt. Er gibt ihm eine Nacht Bedenkzeit, um das Geständnis zu unterschreiben.</p>
<p>Quirin Michalek hatte in dieser Nacht gebangt, gehofft und gebetet &#8230; Er warf sich hin und her. Denn das, was er gestehen sollte, hatte er nicht begangen, und das, was er begangen hatte, durfte er nicht gestehen.</p>
<p>Am Morgen legt Quirin dann doch das verlangte Mordgeständnis ab.</p>
<p>&#8230; Der Richter hatte Quirins Geständnis sofort protokolliert und ihn dann abführen lassen. In diesem Augenblick wurde weit die Tür geöffnet, und Wlasta, seine Frau, rauschte herein. Der Richter erstarrte. ›Was – was unterstehst du dich?‹ ›Ich komme dir sagen, daß der Quirin unschuldig ist. Er war gestern nacht bei mir.‹ &#8230; Da sah der Richter seine Macht in den Abgrund versinken &#8230; Er war blamiert, entthront, verstoßen &#8230; Und in dem siedenden Verlangen, Hohn und Spott von sich abzuwehren, stieß er zu. Wohl hielt seine Frau &#8230; das Gebetbuch schützend vor ihre Brust, aber der Stahl traf ihre Kehle, tödlich&#8230; Der Richter stand vor der Leiche seines Weibes. Ihm war leicht zumute. Er hatte kraftvoll gehandelt wie ein Bauer.«</p>
<p>Wo es um den verstrickten Richter <span class="tooltips " style="" title="Eines der vielen modernen Beispiele ist der Richter Daniel Savage in: Tim Parks, Doppelleben, Roman, aus dem Englischen von Michael Schulte, München 2003."> [83]</span>geht, müssen wir natürlich auch von Adam, dem Menschen und Dorfrichter sprechen, in dessen Amtsräumen sich Wurstpellen um Schnapsflaschen ringeln. Kleists <em>Zerbrochener Krug</em> wurde von dem 1944 in Auschwitz ermordeten Prager Komponisten Viktor Ullmann auf eine sehr witzige, burlesk-pointierte Art vertont. <span class="tooltips " style="" title="Deutsches Symphonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Gerd Albrecht mit Roland Hermann, Claudia Barainsky, Johann Werner Prein u.a., Der zerbrochene Krug, Orfeo C 419 981 A, CD mit Textheft."> [84]</span>Als Grundlage für das Libretto benutzte Ullmann Kleists Originaltext, den er aber stark kürzte, um die humane Botschaft zuzuspitzen. Hier sind einige Zeilen aus der Anfangsszene. Adam ist soeben geweckt worden, weil sich überraschend ein Oberrichter zur Überprüfung seiner Amtstätigkeit angesagt hat. Adam ist übel zugerichtet und sein Rechtspfleger Licht wundert sich darüber:</p>
<p>»Licht:<br />
Ei, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam?<br />
Was ist mit euch gescheh’n? Wie seht Ihr aus?</p>
<p>Adam:<br />
Ja seht, zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße.<br />
Gestrauchelt bin ich hier, denn jeder trägt den<br />
leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.</p>
<p>Licht:<br />
Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg’ jeglicher &#8230;?</p>
<p>Adam:<br />
Ja in sich selbst!</p>
<p>Licht:<br />
Verflucht das!</p>
<p>Adam:<br />
Wie beliebt?</p>
<p>Licht:<br />
Ihr stammt von einem lockern Ältervater,<br />
der so beim Anbeginn der Dinge fiel,<br />
und wegen seines Falls berühmt geworden;<br />
Ihr seid doch nicht &#8230;?</p>
<p>Adam:<br />
Nun?</p>
<p>Licht:<br />
Gleichfalls?</p>
<p>Adam:<br />
Ob ich? Hier bin ich hingefallen, sag’ ich Euch!</p>
<p>Licht:<br />
Unbildlich hingeschlagen?</p>
<p>Adam:<br />
Ja unbildlich.</p>
<p>Licht:<br />
Wann trug sich die Begebenheit denn zu?</p>
<p>Adam:<br />
Jetzt, in dem Augenblick, da ich dem Bett entsteig’. Ich hatte noch das Morgenlied im Mund, da stolpr’ ich in den Morgen schon, und eh’ ich noch den Lauf des Tags beginne, renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus.«</p>
<p>Adam lügt natürlich. In Wirklichkeit ist er nicht einfach so gestrauchelt, sondern war nachts der jungen Eva nachgestiegen. Die hatte sich gegen Adam gewehrt. Dabei zerbrach ein Krug. Über die Zerstörung dieses Kruges, für die Evas Verlobter verantwortlich gemacht wird, findet nun vor den Augen des Oberrichters ein Prozess statt. Und Adam, dem die Sache furchtbar peinlich ist, sitzt zu Gericht. Nur er und Eva wissen, wie der Krug zerbrach. Adam versucht, die Sache zu vertagen oder zu vergleichen. Aber letztlich verurteilt er einen Unschuldigen, um sich aus der Affäre zu ziehen. Doch dann taucht ein Beweisstück auf, das ihn entlarvt: Am Tatort wird seine Perücke gefunden. Der Richter flieht.</p>
<p>»Seht, wie der Richter Adam &#8230; das aufgepflügte Winterfeld durchstampft! &#8230; Seht! Seht! Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht!«</p>
<p>Übrigens ist die Amtstracht des Richters für viele Schriftsteller das, was die drei Hammerschläge für die Komponisten sind. Als Sancho Pansa, der »Sack voll Sprichwörtern« und bäuerliche Gefährte des Don Quichote gegen Ende des berühmten Romans von Miguel de Cervantes Saavedra <span class="tooltips " style="" title="Miguel de Cervantes Saavedra, Don Quixote von La Mancha, Zürich 1992, Zweiter Teil, 42. Kap."> [85]</span>zum Richter auf der Insel Barataria ernannt wird, weist der Ritter von der traurigen Gestalt ihn zurecht:</p>
<p>»Du bist gegen mich nur ein Schafskopf, mein lieber Sancho&#8230; und einzig weil die fahrende Ritterschaft dich mit ihrem Hauch berührt hat, wirst du ohne weitere Umstände Richter &#8230; Bedenke zu allererst, dass die äußere Erscheinung eines zu wichtigen Ämtern erhobenen Menschen mit dem übereinstimmen muss, was das Amt erheischt.«</p>
<p>Also die Kleidung ist wichtig, vor allem Robe <span class="tooltips " style="" title="»Mentele scolen se uppe den sculderen hebben« heißt es im Sachsenspiegel, Drittes Buch, Art. 69 § 1; vgl. Sachsenspiegel oder Sächsisches Landrecht mit Übersetzung und reichhaltigem Repertorium von Dr. Carl Robert Sachse, Heidelberg 1848, reprint o.J., Reprint-Verlag, Leipzig."> [86]</span> und Perücke, manchmal auch der Richterstab: Diese Utensilien stehen symbolisch <span class="tooltips " style="" title="Niemand muss Sorge haben, das irgendwie überlebt wirkende Kleidungsproblem würde eines Tages verschwinden oder auch nur die Kraft verlieren, den ernstesten Streit zu verursachen. Es handelt sich um eine anthropologische Konstante, vgl. den Bericht von Melanie Amann: Nicht ohne den Langbinder – Zwei Rechtsanwälte kämpfen gegen die Krawattenpflicht vor Gericht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 22. Januar 2009, Nr. 18, S. 9: Ein Amtsrichter verbannte im Oktober 2008 den Rechtsanwalt Säftel durch Beschluss aus dem Gerichtssaal: »Rechtsanwalt Säftel trägt keinen Langbinder.« Rechtsanwalt Säftel fand, Anzug und Lederschuhe müssten reichen, eine Krawatte habe er gar nicht und außerdem sei er immer noch stilvoller gekleidet als der Richter in Jesuslatschen und weißen Socken."> [87]</span>für das Amtliche, oft in ironisierender Absicht. Um ein Beispiel aus der populären Literatur zu nennen: In Jules Vernes Roman <em>In 80 Tagen um die Welt </em><span class="tooltips " style="" title="Jules Verne, Le tour du monde en 80 jours, Librairie Générale Francaise, Paris 2000, 15. Kap."> [88]</span> müssen sich Phileas Fogg und sein Diener Passepartout vor dem Amtsrichter Obadiah in Kalkutta verantworten. Als Obadiah zu Beginn der Verhandlung bemerkt, dass er versehentlich die Perücke seines Schreibers aufgesetzt hat, sagt er: »Mein lieber Herr Oysterpuff, was glauben Sie wohl, wie ein Richter ein vernünftiges Urteil sprechen soll, wenn er die Perücke eines Schreibers auf dem Kopf hat?« Erst nach dem Perückentausch geht die Verhandlung dann weiter. Und Bert Brecht lässt seinen Richter Azdak im <em>Kaukasischen Kreidekreis</em> <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff."> [89]</span> sich wie folgt über das Robenproblem erklären:</p>
<p>»Wenn zum Beispiel ein Richter eine Frau verknackt, weil sie für ihr Kind ein Maisbrot gestohlen hat, und er hat seine Robe nicht an oder er kratzt sich beim Urteil so, daß mehr als ein Drittel von ihm entblößt ist, das heißt, er muß sich dann am Oberschenkel kratzen, dann ist das Urteil eine Schande und das Recht ist verletzt. Eher noch könnte eine Richterrobe und ein Richterhut ein Urteil sprechen als ein Mensch ohne das alles. Das Recht ist weg wie nix, wenn nicht aufgepaßt wird &#8230;« <span class="tooltips " style="" title="Dass die Bekleidung den Beruf macht, gilt nicht allgemein: Cucullus non facit monachum! sagt der Narr in der 5. Szene des Ersten Aktes von Shakespeares Was Îhr Wollt und fügt hinzu: Das will soviel sagen wie: Mein Gehirn ist nicht so buntscheckig wie mein Rock! – Vielleicht kommt es beim Narren und beim Mönch wirklich mehr  darauf an, dass sie es richtig in sich haben als, wie bei Richtern, dass sie das Rechte richtig an sich tragen."> [90]</span></p>
<p>Die Verstrickung in die Wirklichkeit steht offenkundig in einem Spannungsverhältnis zu dem Anspruch, über andere urteilen zu wollen. <span class="tooltips " style="" title=""> [91]</span></p>
<p>Der Apostel Paulus schreibt an die Römer: »Denn worinnen Du einen anderen richtest, verdammst Du Dich selbst, sintemal Du eben dasselbige tust, das Du richtest.« <span class="tooltips " style="" title="Paulus, Römerbrief, 2,1."> [92]</span></p>
<p>Dieses Spannungsverhältnis finden wir in der Literatur manchmal als Tragik, oft aber als Komik wieder. Einige Beispiele haben wir schon kennen gelernt, auf zwei besonders schöne kann ich nur hinweisen: Den Richter Gänsezaun in Francois Rabelais Gargantua und Pantagrue, <span class="tooltips " style="" title="Meister Franz Rabelais der Arzenei Doctoren Gargantua und Pantagruel, Aus dem Französischen verdeutscht durch Gottlob Regis, München 1964. Drittes Buch, 39. Kap."> [93]</span>der ausführlich erklärt, warum es lege artis ist, den Prozessausgang durch ein im übrigen äußerst kompliziertes Verfahren auszuwürfeln. Und auch Sancho Pansa als Richter der Insel Barataria, der u.a. folgenden Rat von seinem Herrn mit auf den Weg bekommt:</p>
<p>»Glaube mir, Sancho, für alle Geschenke, die die Frau eines Richters annimmt, muss der Mann am Jüngsten Gericht Rechenschaft ablegen und nach seinem Tode alles vierfach bezahlen!« <span class="tooltips " style="" title="Siehe oben."> [94]</span></p>
<p>Man wird sofort sehen, wie ein Richter sich den Ruf verderben kann, wenn er sich nicht an diesen Ratschlag hält.</p>
<p>Kapitel VI: Der bestochene Richter</p>
<p>Die Opernkenner wissen, dass in der populärsten Mozart-Oper, der <em>Hochzeit des Figaro</em> <span class="tooltips " style="" title="Chor der Staatsoper Dresden/Staatskapelle Dresden unter d. Ltg. v. Otmar Suitner mit Hermann Prey, Anneliese Rothenberger, Peter Schreier u.a., Die Hochzeit des Figaro, Deutsch von Hermann Levi, Berlin Classics 0020962, 3 CDs mit Textheft."> [95]</span> eine Gerichtsverhandlung stattfindet. Figaro hat von der wesentlich älteren Barberina Geld geliehen. Er kann es nicht zurückzahlen. Nach dem mit Barberina geschlossenen Vertrag ist er nun verpflichtet, sie zu heiraten. Der Graf, der auf Figaros Verlobte Susanna scharf ist, hat seinen Richter Don Curzio – den wohl einzigen  stotternden Juristen der Operngeschichte – gut instruiert.</p>
<p>»D-d-du b-b-bezahlst oder h-h-heiratest! P-p-punktum!« lautet das Urteil, das allerdings, wie so viele Judikate des wirklichen Lebens, von eben diesem wirklichen Leben alsbald kassiert wird: Es stellt sich nämlich heraus, dass Barberina in Wahrheit Figaros Mutter ist.</p>
<p>Wie kommt es, dass sich Mozart und da Ponte so niederträchtige und inkorrekte Späße mit der Justiz erlaubten? Nun: Das Libretto von <em>Figaros Hochzeit</em> beruhte auf einem Theaterstück des französischen Waffenhändlers und Literaten Pierre Augustin de Beaumarchais. Er war im ancien regime aus tausend Gründen in einen Prozess verwickelt und wurde von Ludwig dem 16. mehrfach ins Gefängnis gesteckt. <span class="tooltips " style="" title="Die ganze Geschichte ist dokumentiert in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 1504 ff."> [96]</span> Wie sich herausstellte, hatte sein Richter, ein gewisser Elsässer mit dem Namen Goezmann, <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Beaumarchais, Mémoires contre Goezman, in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 673 ff.; die Mémoires erschienen in ganz Europa, Goethe entnahm ihnen den Stoff und weite Teile des Textes für sein Jugenddrama Clavigo; vgl. zu allem auch: Schmitz-Scholemann, Figaros Rache, Deutschlandfunk 2003."> [97]</span>der im Nebenamt Lehrbücher schrieb, außer einem Sprachfehler noch eine geldgierige Frau. Sie kassierte Bestechungsgelder von den (beiden!) Prozessparteien. Beaumarchais verlor den Prozess, weil seine Gegner etwas mehr zahlten als er. Mit seinem Theaterstück <em>La folle journee</em> rächte sich Beaumarchais. Er stellte in den Mittelpunkt des Stücks eine Gerichtsverhandlung, gab dem Richter einen kleinkarierten und gehässigen Charakter und einen dem Original recht ähnlichen Namen. Das Stück wurde mehrfach verboten, hatte aber letztlich gewaltigen Erfolg, der sich bis nach Wien herumsprach. Hier ein Auszug aus der Gerichtsverhandlung in Beaumarchais’ Theaterstück. <span class="tooltips " style="" title="Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, La folle journée ou Le Mariage de Figaro, Texte integrale, Paris 1998."> [98][/simple_tooltip ]Es geht, wie in der Oper, um die Klage der Barberina gegen Figaro auf Zahlung oder Erfüllung des Heiratsversprechens:</p>
<p>»Richter: <span class="tooltips " style="" title="Meine Übersetzung erlaubt sich einige Freiheiten, für eine worttreue Übersetzung siehe: Beaumarchais, Figaros Hochzeit, Deutsch von Gerda Scheffel, Frankfurt a. M. 1976."></span> [99]</span></p>
<p>Die Form, meine Herren, die Form!</p>
<p>Figaro:<br />
Aber gewiss, mein Herr. Den Parteien geht es zwar um die Sache, aber die Form ist die Sache des Gerichts.</p>
<p>Richter:<br />
Der Kerl ist gar nicht so dumm wie ich dachte. Also mein Freund, wenn Du Dich so gut auskennst, dann heraus mit der Sprache, worum gehts?</p>
<p>Figaro:<br />
Mein Herr, ich habe volles Vertrauen in Ihre Gerechtigkeit, obwohl Sie ja zur Justiz gehören.</p>
<p>Richter:<br />
Jawohl ich bin von der Justiz, allerhand, jaja. Aber wenn Du zahlen mußt und zahlst aber nicht &#8230;</p>
<p>Figaro:<br />
Wenn ich tatsächlich nicht zahle, also wenn ich nicht zahlen kann, dann ist es doch fast, wie wenn ich nicht zahlen muss!</p>
<p>Richter:<br />
Zweifellos &#8230; Impossibilium nulla obligatio &#8230; Eh &#8230; wie bitte? Was sag ich da?</p>
<p>Barberina:<br />
Hören Sie mich an, mein Herr!</p>
<p>Richter:<br />
Nun gut, sprechen wir verbaliter!</p>
<p>Barberina:<br />
Das Papier, das Sie in den Händen haben, ist ein Heiratsversprechen, verbunden mit einem Darlehen.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, etcetera, etcetera undsoweiter.</p>
<p>Barberina:<br />
Kein etcetera.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, Sie haben das Geld gekriegt!</p>
<p>Barberina:<br />
Nein, ich hab es verliehen.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, Sie stipulieren! Eine Stipulation! Interessanter Casus!</p>
<p>Barberina:<br />
Nein, Monsieur, er soll mich heiraten.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe immer besser, er will Sie heiraten &#8230;</p>
<p>Barberina:<br />
Will er eben nicht, deshalb führe ich doch den Prozess!</p>
<p>Richter:<br />
Wollen Sie etwa sagen, ich verstehe den Prozess nicht?</p>
<p>Barberina:<br />
Keineswegs, Monsieur. (zu sich selbst): Wo sind wir eigentlich hier? (zum Richter): Sind Sie hier der Richter?</p>
<p>Richter:<br />
Natürlich! Was glauben Sie wohl, warum ich den Posten gekauft habe!</p>
<p>Barberina:<br />
Es ist ein großes Unrecht, dass solche Posten verkauft werden.</p>
<p>Richter:<br />
Stimmt genau! Man hätte ihn mir umsonst geben sollen. Gegen wen klagen Sie eigentlich?«</p>
<p>Wenn man aus den ins Komische gewendeten Zügen der Richterbilder in der Oper und der Literatur eine einzige Person machen wollte, in der sich sowohl das Schreckliche und Furchterregende, das Menschenfeindliche und das überzogen Selbstbewusste, aber auch die Überforderung durch die Wirklichkeit, der Kampf mit der Amtstracht und letztlich sogar die Verstrickung zeigen, also eigentlich alles, was dem Amt Charakter gibt und was man als den immer wieder scheiternden und immer wieder notwendigen Versuch der Reduktion von Komplexität bezeichnen kann, dann müsste man den kalifornischen Richter Maxwell erfinden. Zum Glück ist er aber bereits erfunden worden, und zwar von dem amerikanischen Regisseur Peter Bogdanovitch. Der Leser ist aufgefordert, unbedingt die berühmte Gerichtsszene aus dem Film <em>Is was Doc?</em> anzusehen. Jede verbale Wiedergabe wäre eine Beleidigung für die Eigenständigkeit der Filmkunst im allgemeinen und im besonderen für das Genie der Drehbuchautoren, des Regisseurs und der Darsteller, <span class="tooltips " style="" title="Auf Video-DVD: »Is’ was, Doc?«, Regie und Story Peter Bogdanovich, Screenplay Buck Henry, David Newman u. Robert Benton, mit Barbra Streisand und Ryan O’Neill, Warner Brothers 104195."> [100]</span>vor allem des unvergesslichen Liam Dunn als Judge Maxwell.</p>
<p>Kapitel VII: Ein Bild von einem Richter</p>
<p>»Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten«, heißt es bei Hermann Hesse und den fürs erste letzten Raum mit Richterbildern habe ich Ein Bild von einem Richter« genannt. Ich meine damit zweierlei.</p>
<p>Zum einen: In der großen und tiefen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es Bücher, in deren Mittelpunkt der Richter nicht mehr als reale Person des Lebens steht, sondern nur noch als Bild. In dem schon erwähnten Roman <em>Der Fall</em> von Albert Camus <span class="tooltips " style="" title="Albert Camus, Der Fall, Roman, aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957."> [101]</span> geht es um das Bild <em>Die gerechten Richter</em> von van Eyck. Ein aus dem Gleis geratener, trunksüchtiger Rechtsanwalt bewahrt in einer Amsterdamer Dachkammer dieses Bild vor dem Zugriff der Polizei und der Unterwelt. Damit ist in der metaphorischen Sprache des Dichters gesagt, dass die Vorstellung des gerechten Richters, also letztlich die Sehnsucht des Menschen nach Gerechtigkeit wohl noch existiert, aber eigentlich nur noch ins geheim, als Gerümpel, verwaltet von einem heruntergekommenen Advokaten. <span class="tooltips " style="" title="Übrigens dürfte es kaum ein literarisches Genre geben, in dem so wenig über Gerechtigkeit geschrieben wird, wie die juristische Fachliteratur."> [102]</span> Ähnliches lässt sich über das Richterbild in Franz Kafkas unvollendetem Roman <em>Der Prozess </em><span class="tooltips " style="" title="Franz Kafka, Der Prozeß, Roman, Frankfurt am Main, Hamburg 1960."> [103]</span> sagen. Dem eines Morgens von zwei Männern in Mänteln sistierten und alsdann in einen undurchsichtigen Prozess gezogenen Bankangestellten K. gelingt es nie, die für seinen Fall entscheidenden Richter zu sprechen. Einmal findet zwar vor großem Publikum eine Verhandlung beim Untersuchungsrichter statt, der sich aber als ein schlecht unterrichteter und ordinärer Mensch niederen Ranges herausstellt. Auf seinem Richtertisch stehen zwei Bücher. Das eine ist ein pornographisches Werk, das andere trägt den kindischen Titel: »Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte«. Von den übrigen Richtern bekommt K. nur Bilder zu sehen, die der Gerichts-Maler Tintorelli, der eigentlich auf Heidelandschaften in Öl spezialisiert ist, in einem Dachverschlag herstellt.</p>
<p><em>Der Prozess</em> gegen K. ist kein gewöhnlicher Gerichtsprozess. <span class="tooltips " style="" title="Eine interessante Deutung des Romans als einer Art Prophetie der immer mehr in strukturelle Aporien führenden Überkomplexität  des materiellen Rechts und des Verfahrensrechts am Beginn des 21. Jahrhunderts hat  jetzt Klaus Lüderssen  mit seinem Essay »Die düstere Poesie des Paradoxen im Recht« vorgelegt (FAZ, 11. Februar 2006, S. 45)."> [104] </span> Der Betroffene erfährt nicht, was gegen ihn vorliegt. Er wird ab und an befragt, hin und wieder gefoltert, er erhält Mitteilungen oder Winke oder glaubt, sie zu erhalten, und auf unbestimmte Weise sind alle seine Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen und Familienangehörigen in das Verfahren einbezogen. Das ganze Leben des Prokuristen wird Teil des Gerichtsverfahrens und alle Menschen scheinen irgendwie zum Gericht zu gehören. Natürlich rebelliert der Gerechtigkeitssinn gegen ein so offenkundig ungerechtes Verfahren, von dem noch nicht einmal sicher ist, dass es mit einem Urteil endet. Doch im Laufe des Jahres schwindet die Gewissheit, mit der K. behauptet, unschuldig zu sein. In einer Kirche trifft K. einen Geistlichen, der auf einer Kanzel steht und behauptet, er sei  der Gefängniskaplan. Ich bin unschuldig, sagt K. Das stimmt, entgegnet der Kaplan, aber er fügt hinzu: Das sagen alle.</p>
<p>Schließlich erscheinen wieder die beiden Männer in Mänteln und führen K. an einen einsamen Ort, wo sie ihn mit einem Messer bedrohen. Die letzten Sätze des unvollendet gebliebenen Romans lauten:</p>
<p>»War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiss gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.</p>
<p>Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. ›Wie ein Hund!‹ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.« <span class="tooltips " style="" title="Der Prozeß wurde 1963 von Orson Welles verfilmt mit Anthony Perkins, Jeanne Moreau und Romy Schneider und ist als DVD (»Le procès«) bei studiocanal EDV 29 – 302 175-3 (leider nur in Frankreich) erschienen."> [105]</span></p>
<p>Ähnlich depressive Befunde, nämlich die Abwesenheit oder den Verlust eines lebendigen Bildes vom Richter als einer menschlichen Instanz, von der Gerechtigkeit oder überhaupt nur irgendeine Entscheidung zu erwarten wäre, ließen sich auch aus Dürrenmatts Justizromanen oder auch aus dem bekannten <em>Lehrbuch für Konkursrecht</em> des inzwischen  pensionierten Naumburger OLG-Richters Rosendorfer herausdestillieren, in dem der Landgerichtsrat Ballmann erst in dem Augenblick glücklich wird, in dem er sozialen Selbstmord begeht und den Dienst quittiert. <span class="tooltips " style="" title="Herbert Rosendorfer, Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht, dtv, München 1998."> [106]</span></p>
<p>Es gibt aber noch eine weitere, vielleicht nicht ganz so tiefsinnige, dafür aber auch weniger depressive Klasse von Literatur, die für mich unter den Titel »Ein Bild von einem Richter« gehört. Wir finden sie vornehmlich in den USA, ich meine die so genannten court-room-stories, von denen ja auch viele verfilmt worden sind. <span class="tooltips " style="" title="Nur einer sei genannt: Das Urteil nach dem Roman von John Grisham unter der Regie von Gary Fleder mit Gene Hackman, John Cusack und Dustin Hofman, DVD: 20th Century Fox/Regency F2-SDE 2426708."> [107]</span> Man sollte diese Bücher <span class="tooltips " style="" title="Seit 2007 gibt es auch ein Court-room-Computerspiel. Es heißt »Pheonix Wright, Ace Attorney: Justice for all« und läuft auf Nintendo DS (von Capcom)."> [108]</span> nicht unterschätzen. Sie sind oft von ehemaligen oder noch praktizierenden Rechtsanwälten geschrieben und verraten eine subtile Milieukenntnis. Meist steht im Mittelpunkt ein mutiger Anwalt, der die Unschuld einer schönen Frau verteidigt. Auch bestechliche, lächerliche, faule Bezirksrichter gehören zur personellen Ausstattung. Aber gelegentlich, manchmal im Hintergrund, manchmal auch am Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, tritt ein ganz besonderer Richtertyp auf. Es ist die Sorte des steinalten, kauzigen und unbeirrten Bundesrichters, der, wie z. B. der Richter Crease in William Gaddis’ Roman <em>Letzte Instanz</em>, <span class="tooltips " style="" title="Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film Das Urteil von Nürnberg unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5."> [110] </span> Brandlöcher im Jackett und Dollar-Bündel in Plastiktüten unter dem Bett hat und reichlich ausgestattet ist mit Mut, juristischem Scharfsinn, klassischer Bildung und galligem Humor. Vor allem aber zeichnen sich diese eigenwilligen Gestalten durch Sprachmacht und Gerechtigkeitsgefühl aus.</p>
<p>Dieser angelsächsische, vor allem US-amerikanische Richtertyp <span class="tooltips " style="" title="Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film Das Urteil von Nürnberg unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5."> [110]</span> hat ein Vorbild im realen Leben, <span class="tooltips " style="" title="Angesichts der besonderen Bedeutung der Richterpersönlichkeit im Case-Law-System ist es nicht erstaunlich, dass die anglo-amerikanische Kultur in besonderem Maße vorbildgebende Richterpersönlichkeiten hervorbringt, im echten Leben wie in der lebendigen Fiktion, vgl.nur Blumenwitz, Einführung in das anglo-amerikanische Recht, 7. Auflage, München 2003, S. 11–62."> [111]</span> nämlich den in den USA jedem Kind bekannten Oliver Wendell Holmes jr. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Fikentscher, Methoden des Rechts in vergleichender Darstellung, Bd II, Anglo-Amerikanischer Rechtskreis,, 1975, S. 151 ff.; ders. Rechtswissenschaft und Demokratie bei Justice Oliver Wendell Holmes, 1970; Radbruch SJZ 1946, 25; Frankfurter, Mr. Justice Holmes and The Supreme Court 1961."> [112] </span>Holmes jr. stammte aus dem Kreis um den Philosophen Charles Sanders Peirce, <span class="tooltips " style="" title="1839–1914, Begründer des sog. »amerikanischen Pragmatismus«, vgl. Charles Sanders Peirce, Vorlesungen über Pragmatismus, mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Elisabeth Walther, Hamburg 1991."> [113] </span> er war ein brillanter Ostküsten-Intellektueller und Richter am Supreme Court. Seine Urteile, Vorträge und Bücher, an denen er lange feilte und deren Entwürfe er stets mit Sorgfalt verbrannte, gelten in den USA als absolut literaturfähig. Er starb 1935  im Alter von 94 Jahren. Kurz vor seinem Tod schrieb Holmes an seine früheren Anwalts-Kollegen:</p>
<p>»Ich kann mich vom Leben und von Euch nicht in förmlichen Worten verabschieden. Das Leben gleicht für mich einem jener japanischen Bilder, denen unsere Vorstellungskraft nicht erlaubt, am Rahmen zu enden. Wir zielen ins Unendliche und wenn der Pfeil zu Boden fällt, steht er in Flammen.«</p>
<p>Ein schönes, dunkles und für einen Vierundneunzigjährigen ziemlich feuriges Bild, das wieder einmal zeigt, dass die Ästhetik der Sprache und die moralische Ordnung der Welt, wie einst bei Solon, zusammengehören. Um es in einem Satz zu sagen: Die Sprache ist der Atem des Rechts und der Glaube an das Recht ist nichts anderes als der Glaube an das Leben.</p>
<p>Das gilt umso mehr, wenn die Liebe sich hineinmischt, wie der erwartungsvolle Leser im</p>
<p>Nachwort</p>
<p>endlich erfahren wird, worin das zu Beginn gegebene Versprechen eingelöst wird, darzulegen, wie man Richter wird, jedenfalls im Vereinigten Königreich. Wer jemals einen englischen Richter kennen gelernt hat, weiß, was ein trotz Kenntnis von der Absurdität der Existenz und dem Bewusstsein eigener Schuld heiterer und zufriedener Mensch <span class="tooltips " style="" title="Dass hinter dieser Haltung Seelenarbeit steckt, zeigt das Privatleben eines pensionierten englischen Richters, geschildert von Charles Morgan, Der Richter, Roman, übertragen von Herberth E. Herlitschka, Frankfurt am Main und Hamburg 1957."> [114]</span> ist. Um einen solchen handelt es sich bei dem Richter, den Gilbert &amp; Sullivan in den Mittelpunkt ihrer schon erwähnten Oper <em>Trial by Jury</em> <span class="tooltips " style="" title="The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard)."> [115]</span> gestellt haben. Er hat, wie weiland Don Curzio, einen Prozess wegen gebrochenen Heiratsversprechens zu führen. Die Klägerin ist jung und hübsch, der Beklagte will sie aber nicht mehr haben. Die juristische Lösung erfahren wir nicht. Denn der Richter löst den Fall praktisch. Er verliebt sich in die Klägerin. <span class="tooltips " style="" title="Einen Richter, der durch Liebe, oder wenigstens doch durch ein Eheangebot Gerechtigkeit herzustellen versucht, finden wir auch bei Johann Wolfgang von Goethe in dem Drama Die natürliche Tochter.  Der »Gerichtsrat« – einen Namen erfahren wir nicht – erklärt sich bereit, Eugenie, die uneheliche (»natürliche«) Tochter eines Herzogs vor den mörderischen Nachstellungen ihres Halbbruders und Erbkonkurrenten durch bürgerliche Ehe zu retten. Eugenie ist einverstanden, unter der Bedingung, dass die Ehe nicht vollzogen wird, Goethe, Sämtliche Werke in 18 Bänden (Artemis-Gedenkausgabe), Zürich 1977, Bd. 6, S. 315 ff., vgl. auch Karl Otto Conrady, Goethe, Leben und Werk, Ausgabe 2006, Patmos-Verlag, Düsseldorf 2006, S. 744 ff."> [116]</span> Und in der zauberhaften Arie, von der hier nur der Text wiedergegeben werden kann, erfahren wir, warum der Überdruss des Richters an seiner bisherigen Frau eng verbunden ist mit dem Grund, aus dem er überhaupt Richter wurde. Case dismissed! <span class="tooltips " style="" title="Für wichtige Hinweise danke ich: Kai Agthe, Naumburg/Halle, Knut Bröhl, Erfurt/Köln, Ulrike Brune, Weimar/Erfurt; Hans Hachmann, Karlsruhe, Wulf Kirsten, Weimar, Martin Roeber, Herxheim, Hans-Joachim Strauch, Jena/Weimar, Hermann Weber, Berlin/Bad Vilbel, Hildegard Wenner, Köln, Mario Wiegand, Weimar."> [117]</span></p>
<p>»Richter:<br />
›When I, good friends, was called to the bar,<br />
I’d an appetite fresh and heartly.<br />
But I was, as many young barristers are,<br />
An impecunious party.</p>
<p>I’d a swallow-tail coat of a beautiful blue –<br />
And a brief which I bought of a booby –<br />
A couple of shirts, and a collar or two,<br />
And a ring that looked like ruby!‹</p>
<p>Chor:<br />
„A couple of shirts, and a collar or two,<br />
And a ring that looked like a ruby.“</p>
<p>Richter:<br />
„In Westminster-Hall I danced a dance,<br />
Like a semi-despondent fury;<br />
For I thought I never should hit on a chance<br />
Of addressing a British Jury –<br />
But I soon got tired of third-class journeys,<br />
And dinners of bread and water;<br />
So I fell in love with a rich attorney’s<br />
Elderly, ugly daughter.“</p>
<p>Chor:<br />
„So he fell in love with a rich attorney‘s<br />
Elderly, ugly daughter.“</p>
<p>Richter:<br />
„The rich attorney, he jumped with joy,<br />
And replied to my fond professions:<br />
‚You shall reap the reward of your pluck, my boy,<br />
At the Bailey and Middlesex sessions.</p>
<p>You’ll soon get used to her looks,‘ said he,<br />
‚And a very nice girl you’ll find her!<br />
She may very well pass for forty-three<br />
In the dusk, with a light behind her!“</p>
<p>Chor:<br />
„She may very well pass for forty-threee<br />
In the dusk, with a light behind her!“</p>
<p>Richter:<br />
„The rich attorney was good at his word;<br />
The briefs came trooping gaily,<br />
And every day my voice was heard<br />
At the Sessions or Ancient Bailey.</p>
<p>All thieves who could my fees afford<br />
Relied  on my orations.<br />
And many a burglar I‘ve restored<br />
to his friends and his relations.“</p>
<p>Chor:<br />
„And many a burglar he’s restored<br />
To his friends and his relations.“</p>
<p>Richter:<br />
„At length I became as rich as the Gurneys –<br />
An incubus then I thought her.<br />
So I threw over that rich attorney’s<br />
Elderly, ugly daughter.</p>
<p>The rich attorney my character high<br />
Tried vainly to disparage –<br />
And now, if you please, I’m ready to try<br />
This Breach of Promise of Marriage!“</p>
<p>Chor:<br />
„And now if you please, he’s ready to try<br />
This Breach of Promise of Marriage!“</p>
<p>Richter:<br />
„For now I’m a judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„Yes now I’m a judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„Though all my law be fudge,<br />
Yet I‘ll never, never budge,<br />
But I’ll live and die a Judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It was managed by a job &#8211; “</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It was managed by a job &#8211; “</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It is patent to the mob<br />
That my being made a nob<br />
Was effected by a job.</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“<br />
Übersetzung <span class="tooltips " style="" title="Meine Übersetzung beansprucht keine Treue gegenüber dem Original und auch sonst keinen Preis, sondern versucht lediglich den Sinngehalt auf deutsche Verhältnisse zu übertragen."> [118]</span></p>
<p>Richter:<br />
„Als ich anfing als Richter beim Amtsgericht,<br />
Da war ich noch frisch und munter.<br />
Doch ich kannte kein Aas und auch Geld hatt ich nicht,<br />
Und so kam ich nicht rauf und nicht runter.</p>
<p>Eine löchrige Robe in Anthrazit<br />
Und Aktenstaub an den Händen,<br />
Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.“</p>
<p>Chor:<br />
„Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich hängte mein Fähnchen, ich war ja nicht dumm,<br />
In alle politischen Winde.<br />
Ich dachte, im Ministerium<br />
Erkennt man die Jungfrau am Kinde.</p>
<p>So kommts auch. Man ruft mich. Ich sage nicht nein<br />
Und verlieb mich ins falsche Gebiß der<br />
Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.“</p>
<p>Chor:<br />
„Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.“</p>
<p>Richter:<br />
»Der Minister macht einen Freudensprung.<br />
Und sagt: Mit Deinen Talenten –<br />
Also wirklich, Du hast den gewissen Schwung<br />
Eines Obergerichtspräsidenten.</p>
<p>An den Anblick des Mädchens gewöhnst Du dich bald<br />
Sie riecht süß wie der Mai und würzig.<br />
Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p>Chor:<br />
„Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.“</p>
<p>Richter:<br />
„Der gute Minister hielt wirklich Wort<br />
Und gab mir den schönen Posten,<br />
Ich bin jetzt der Präsident am Ort,<br />
Nur mein Weib beginnt leider zu rosten.</p>
<p>Doch sonst geht’s mir gut, man lädt mich ein<br />
Und genießt meine tolle Rhetorik.</p>
<p>Ich referiere in jedem Verein,<br />
Mein Verdienste sind äußerst honorig.“</p>
<p>Chor:<br />
„Er referiert in jedem Verein,<br />
Seine Verdienste sind sehr honorig.“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich war fast ein Krösus, doch wie schon gesagt,<br />
Es klapperte noch das Gebiß der<br />
Häßlichen alten schimmligen Magd<br />
Vom Landesjustizminister.</p>
<p>Ich warf sie raus – was sollte ich tun?<br />
Ich werde halt etwas blechen.<br />
Dafür bin ich frei und richte nun<br />
Über gebrochene Heiratsversprechen.“</p>
<p>Chor:<br />
„Dafür ist er frei und verhandelt nun<br />
Das gebrochene Heiratsversprechen.“</p>
<p>Richter:<br />
„Denn jetzt bin ich Präsident!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Unrecht ist ihm fremd!“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich bin Gerichtspräsident!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Unrecht ist ihm fremd!“</p>
<p>Richter:<br />
„Das Gesetz ist ein Schmand.<br />
Doch ich bleib im Richteramt.<br />
Bis zum Tode, verdammt!“</p>
<p>Chor:<br />
„Ja, das Recht ist ihm bekannt!“</p>
<p>Richter:<br />
„Denn mein Trick ist gut geglückt.“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>Richter:<br />
„Ja, mein Trick ist gut geglückt.“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>Richter:<br />
„Jeder sieht mit einem Blick,<br />
Wie mein altbewährter Trick<br />
Funktioniert hat! Welch ein Glück!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>* Der Vortrag geht auf ein Hörfunk-Feature zurück, das ich für den Deutschlandfunk geschrieben habe (<em>Im Namen der Robe – Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch</em>, DLF 2004). Für die hier vorgelegte Lesefassung wurde die Vortragsform weitgehend beibehalten. Ein Manko war nicht zu vermeiden: Die in den mündlichen Vortrag eingestreuten Musikbeispiele und Filmausschnitte lassen sich nun einmal nicht in Papierform bringen. Wer die Mühe nicht scheut, kann anhand der Fußnoten die <em>missing links </em>einfügen. Bei den wahren Freunden der Literatur muss ich mich entschuldigen für die unverzeihliche Grausamkeit, mit der ich verschiedenen Texten der Weltliteratur zu Leibe gerückt bin, indem ich sie gekürzt habe. Es geschah, wie ich zugeben muss, aus dem ganz und gar eigennützigen Motiv, die Verständlichkeit meines Vortrags zu retten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>   Obwohl uns natürlich immer das Bibelwort Matthäus VII, 1-5 in den Ohren klingt: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welcherlei Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; danach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!«, dazu Johann Sebastian Bach, K 185/2 BWV 185 »Ach greife nicht durch das verbotne Richten/ dem Allerhöchsten ins gericht!«</p>
<p><a href="#_ednref2" name="_edn2">[2]</a>   Über Konfuzius heißt es im ersten Kapitel der Schulgespräche: »Vom Aufseher der öffentlichen Arbeiten wurde Kung zum obersten Richter von Lu gemacht. Als solcher schuf er Gesetze, die aber nicht angewandt zu werden brauchten, da es keine Leute gab, die sie übertraten.« Vgl.: Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 26663; vgl. Kungfutse-Gia Yü, S. 17; http://www. digitale-bibliothek.de/band94.htm</p>
<p><a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a> Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Aus dem Amerikanischen  von Brigitte Granzow. Mit einem einl. Essay von Hans Mommsen, München 1994; vgl. auch: Hannah Arendt, Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Herausgegeben und mit einem Essay von Roland Beiner. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz, München 1995.</p>
<p><a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a> Troubadours, Trouvères, Ministrels – Studio der frühen Musik Thomas Binkley, Teldec 4509-97938-2, 2 CDs mit Textheft, CD 2 Nr. 5; im Stil der antiautoritären Volkslied-Rezeption der 1970er Jahre: Ougenweide, Liederbuch, Polydor 837 162-2, 1 CD mit Textheft; Walters lyrisches Werk ist im Internet vollständig als freeware zugänglich unter: http://www.litlinks.it/ w/walther_v.htm</p>
<p><a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a>   Wahrscheinlich um das Jahr 1205; auf das Jahr 1206 wird der Sängerkrieg auf der Wartburg in Eisenach datiert (wenn er datiert wird), der nicht nur Richard Wagner zu seinem Tannhäuser, sondern neuerdings auch Franz Hodjak zu einer fulminanten Roman-Parabel auf das Verhältnis von Kunst und Macht inspiriert hat: Franz Hodjak, Der Sängerstreit, Frankfurt 2000.</p>
<p><a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a>   Auch der junge Goethe scheint einen skeptischen, wenn nicht verächtlichen Blick auf das Gerichtspersonal gepflegt zu haben: Im <em>Götz von Berlichingen</em> vertreten den Juristenstand erst ein schmieriger Schwätzer namens Olearius (vormals Ölmann, stets zu Diensten), dann eine anfangs rachsüchtige, alsbald aber ihre Feigheit offen legende Mannschaft von Dorfrichtern und schließlich einige grundböse Dunkelmänner, die ein Femegericht abhalten. Später scheint sich der Blick geändert zu haben, wie man an dem in weiser oder einfältiger Selbstbeschränkung lebenden Gerichtsrat in dem Schauspiel <em>Die natürliche Tochter</em> sehen kann.</p>
<p><a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a>   In diesem Punkt stimmt die Volksmeinung mit derjenigen der Künstler überein, wie wir aus dem von Ludwig Bechstein überlieferten Märchen <em>Der Richter und der Teufel</em> lernen: Der reiche und boshafte Richter trifft den Teufel und zwingt ihn, mit ihm zusammen durch die Stadt zu gehen. Der Richter möchte unbedingt wissen, was die Menschen dem Teufel im Ernst geben. Es stellt sich heraus, dass dieser oder jener auf dem Markt zu einem anderen Menschen (Kind, Frau, Kollege) sagt: Scher Dich zum Teufel, dass dies aber nicht ernst gemeint ist. Ernst gemeint dagegen ist der Ausruf einer alten Frau, die den Richter als denjenigen erkennt, der ihr zu Unrecht ihre letzte Kuh genommen hat durch ein hartes Urteil: Dass sie es ernst meint mit ihrem Satz, er solle zum Teufel gehen, ist leicht erkennbar. So muss der Richter in die Hölle.</p>
<p><a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a>   Keine Regel ohne Ausnahme: Paris, der in dem berühmten Streit dreier Göttinnen (Hera, Athene und Venus – Macht, Klugheit, Liebe) um den Preis der Schönheitskönigin das Urteil sprechen muss, ist ein ausnehmend wohlgestalteter Sohn der Erde, vgl. Christoph Martin Wieland: Das Urtheil des Paris, in C.M. Wieland: Sämmtliche Werke, III, Hamburg 1984 Nachdruck der 1795 im Göschen-Verlag Leipzig erschienenen Gesamtausgabe letzter Hand.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a>   »Am vergangenen Donnerstag habe ich meine Richter gesehen. Ich will nicht behaupten, sie seien nicht schön; sie sind ganz abscheulich hässlich; und ihre Seele gleicht bestimmt ihrem Gesicht«, schreibt Charles Baudelaire am 18. August 1857 – kurz vor Beginn des Prozesses wg. <em>Les Fleurs du Mal</em> an seine damalige Geliebte, Madame Sabatier – zit. nach Charles Baudelaire, Sämtliche Werke/Briefe, hrsg. von Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1975, Bd 3 S. 25 ff,</p>
<p><a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a> »Grube und Pendel«, Frankfurt 2001; zahlreiche weitere Übersetzungen sind auf dem Markt, ferner auch mehrere Audio-Einspielungen; die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, 1913 von Alice Guy, 1961 von Roger Corman; 1990 von Stuart Gordon.</p>
<p><a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a> Ähnliche Schilderungen bei Victor Hugo, Der letzte Tage eines Verurteilten, aus dem Französischen übersetzt von W. Scheu, Zürich 1984, 2. Kapitel; Joseph Conrad, Lord Jim, aus dem Englischen übersetzt von Klaus Hoffer, Zürich 1998, 2000, Viertes Kapitel; vgl. auch das Gedicht: <em>Das Gericht</em> von Peter Huchel.</p>
<p><a href="#_ednref12" name="_edn12">[12]</a> Vgl. Herwig Görgemanns/Joachim Latacz (Hrsg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Griechisch/Deutsch, Band 1, Archaische Periode, Stuttgart 1991 (RUB), S. 207; vgl. auch Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Zweites Buch, Nr. 84: »und doch ist es für eine Wahrheit gefährlicher, wenn der Dichter ihr zustimmt, als wenn er ihr widerspricht! Denn wie Homer sagt: ›Viel ja lügen die Sänger!‹«, Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Zweites Buch. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6013, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 94) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm ].</p>
<p><a href="#_ednref13" name="_edn13">[13]</a> So sieht es z.B. Thomas Bein in Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1997 (Reclams Universal Bibliothek), S. 297 (»fiktive Spott- und Hohnattaxcke eines Kleinen gegen einen Großen«); ähnlich Claudia Brinker-von der Heyde, Die literarische Welt des Mittelalters, Darmstadt 2007, 112 f.</p>
<p><a href="#_ednref14" name="_edn14">[14]</a> Große Achtung erwarb sich der Richter Gi Gau, ein Schüler des Kung-Tse (Konfuzius): »Gi Gau war Strafrichter in We und verurteilte einen Mann zum Abhacken der Füße. Nach einiger Zeit kam es zu den Unruhen des Kuai Wai. Gi Gau wollte ihnen entgehen und ging nach dem Stadttor. Der Mann mit den abgehackten Füßen war Torhüter. Er sprach zu Gi Gau: ›Dort ist eine Lücke.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle klettert nicht über Mauern.‹ Da sprach er wieder: ›Dort ist ein Loch in der Mauer.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle kriecht nicht durch Löcher.‹ Da sprach jener abermals: ›Hier ist ein Haus.‹ Gi Gau trat ein. Als die Verfolger vorüber waren und Gi Gau im Begriff war weiterzugehen, da sprach er zu dem Mann mit den abgehackten Füßen: ›Ich konnte seinerzeit nicht umhin, in Ausübung der Gesetze meines Herrn selbst Euch die Füße abhacken zu lassen. Nun bin ich in Schwierigkeiten, das wäre gerade die richtige Zeit für Euch gewesen, mir Euern Groll heimzuzahlen, statt dessen habt Ihr mir dreimal durchgeholfen. Was ist der Grund davon?‹ Der Mann mit den abgehackten Füßen sprach: ›Daß mir die Füße abgehackt wurden, daran war ich selber schuld, da ließ sich nichts machen. Aber als Ihr damals mich zu richten hattet nach den Gesetzen, da suchtet Ihr nach einem Vorgang für meinen Fall, um mir die Strafe zu ersparen. Das wußte ich. Als dann der Fall erledigt war und die Strafe festgesetzt und es dazu kam, das Urteil zu verkündigen, da wart Ihr unruhig und betrübt. Als ich Eure Mienen sah, wußte ich das auch. Ihr habt wirklich nicht unrecht an mir getan. Wenn der Himmel einen Edlen hervorbringt, so legt er ihm den Weg (Tao) ins Herz; darum habe ich Euch durchgeholfen.‹   Meister Kung hörte den Vorfall und sprach: ›Trefflich, wer als Beamter das Gesetz einheitlich anwendet und doch auf Güte und Rücksicht bedacht ist, der pflanzt Gutes. Wer Härte und Strenge anwendet, der pflanzt Groll. Meister Gau verstand es, unparteiisch zu handeln.‹« [Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China (wie Anm. 2), S. 26706.</p>
<p><a href="#_ednref15" name="_edn15">[15]</a> Eingeräumt sei, was Friedrich Nietzsche im Dritten Buch der <em>Fröhlichen Wissenschaft</em> sagt: »Wenn Gott ein Gegenstand der Liebe werden wollte, so hätte er sich zuerst des Richtens und der Gerechtigkeit begeben müssen – ein Richter, und selbst ein gnädiger Richter, ist kein Gegenstand der Liebe.«, vgl. Friedrich Nietzsche, Werke, München o.J., Bd. 2, S. 134) (c);  http://www. digitale-bibliothek.de/band31.htm ]</p>
<p><a href="#_ednref16" name="_edn16">[16]</a> Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer, Deutsch von Lore Krüger, Zürich 1985, Vorrede des Artillerie-Kommandanten G.G., »auf Befehl des Autors«.</p>
<p><a href="#_ednref17" name="_edn17">[17]</a> Es gibt natürlich weitere Phänotypen, die hier nicht behandelt werden:</p>
<p>1.) zum Beispiel den <strong>Unbedeutenden Richter</strong>, von dem William Shakespeares Komödie <em>Maß für Maß</em>, deren Hintergrund die reichlich unübersichtlichen Verhältnisse der Wiener Kriminaljustiz bilden, ein mustergültiges Exemplar auf die Bühne bringt. Während nämlich der Gerichtsdiener Elbogen (dim-witted) nebst dem Scharfrichter Grauslich und dem Bierzapfer Pompeius Pumphos die Szene beherrscht, besteht der ganze Text des im ersten Auftritt des Zweiten Aktes erscheinenden Richters in den Worten »Elf, gnädiger Herr« und »Ich danke Euch untertänig«,  erstere Aussage als Antwort auf die Frage, wieviel Uhr es sei, die zweite als Annahme einer Einladung zum Essen durch einen Herrn vom Staatsrat.</p>
<p>2.) <strong>Der Mensch als Weltenrichter</strong> – »Es erscheint uns heute selbst zum Lachen, wenn der Mensch in Anspruch nehmen wollte, Werte zu erfinden, welche den Wert der wirklichen Welt überragen sollten – gerade davon sind wir zurückgekommen als von einer ausschweifenden Verirrung der menschlichen Eitelkeit und Unvernunft, die lange nicht als solche erkannt worden ist. Sie hat ihren letzten Ausdruck im modernen Pessimismus gehabt, einen älteren, stärkeren in der Lehre des Buddha; aber auch das Christentum enthält sie, zweifelhafter freilich und zweideutiger, aber darum nicht weniger verführerisch. Die ganze Attitüde ›Mensch gegen Welt‹, der Mensch als ›Welt-verneinendes‹ Prinzip, der Mensch als Wertmaß der Dinge, als Welten-Richter, der zuletzt das Dasein selbst auf seine Waagschalen legt und zu leicht befindet – die ungeheuerliche Abgeschmacktheit dieser Attitüde ist uns als solche zum Bewußtsein gekommen und verleidet – wir lachen schon, wenn wir ›Mensch und Welt‹ nebeneinandergestellt finden, getrennt durch die sublime Anmaßung des Wörtchens ›und‹!« Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch. Wir Furchtlosen. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6232; vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 211) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm.</p>
<p>3.) <strong>Die Welt als Menschenrichterin</strong>:  Das Empfinden, die ganze Welt habe sich gegen einige Menschen verschworen, um ungerecht  Recht über sie zu sprechen, findet sich in dem während der Weberaufstände im 19. Jhdt. entstandenen anonymen Volkslied: »Die Welt, die ist jetzt ein Gericht/ noch schlimmer als die Feme./ Wo man nicht erst ein Urteil spricht,/ das Leben schnell zu nehmen. – Hier wird  der Mensch langsam gequält,/ hier ist die Folterkammer./ Es werden Seufzer viel gezählt/ als Zeugen von dem Jammer. – Die Herren Zwanziger die Henker sind,/ die Diener ihre Schergen, davon ein jeder tapfer schindt,/ anstatt was zu verbergen &#8230; Und hat auch einer noch den Mut,/ die Wahrheit herzusagen,/ dann kommt’s so weit, es kostet Blut;/ und dann will man verklagen.« Zit. nach Ernst Klusen (Hrsg.), Deutsche Lieder, Frankfurt 1980, S. 516; aus den Untersuchungsakten zum Weberaufstand: »Am Abend des 3. Juni zogen ungefähr 20 Personen bei den Gebäuden der Kaufleute Zwanziger vorbei und sangen ein Spottlied auf die genannten Kaufleute: es entstand hierdurch Lärm und der Gerichtsmann Wagner verhaftete einen der Teilnehmer&#8230;Das abgesungene Gedicht wurde ebenfalls ergriffen.« Zit. nach Klusen, ebenda, S. 842.</p>
<p>4.) <strong>Der Tod als Richter</strong>, vgl. Andreas Gryphius, 1616–1654, Auff eines vornehmen Juristen Grab-Stein.</p>
<p><em>     </em></p>
<p><em>     Der Ich durch all Gesetz vnnd alle Recht kont brechen;</em></p>
<p><em>    Dem an Verstand vnd Kunst kaum jemand gleiche war;</em></p>
<p><em>    Der Ich die Dunckelheit der sache machte klar;</em></p>
<p><em>     Hab vber mich den Todt must lassen Vrtheil sprechen/</em></p>
<p><em>     Den Todt/ an dem mich nicht mein grosse Macht könt rächen!</em></p>
<p><em>    Nichts galt mein hoher Sinn; nichts galt der Worte schar.</em></p>
<p><em>    Mein wolberedte Zung erstumbte gantz vnd gar/</em></p>
<p><em>     Als mich der scharffe Pfeil des Richters thät erstechen.</em></p>
<p><em>      Jtzt sind mein Augen zu/ dehn vor nichts mochte sein</em></p>
<p><em>     Verborgen/ vñ mich selbst verbirgt ein kurtzer Stein.</em></p>
<p><em>     Was hilfft nun daß Ich vor kondt rathen allen Sachen</em></p>
<p><em>    Daß Ich vor keinem Part noch Throne mich entsetzt/</em></p>
<p><em>    Daß mir kein Handel je ward allzuschwer geschätzt/</em></p>
<p><em>     Da ich nicht möcht den Streit des Todes richtig machen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>    </em> (Gryphius: Sonette. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 40908; Gryphius-GA Bd. 1, S. 15–16).</p>
<p><em>    </em> 5.) <strong>Der bescheidene Richter.</strong> Während uns in der Literatur häufiger Richter gezeigt werden, deren Beschränktheit gerade durch das Auftrumpfende ihres Benehmens hervortritt, hat Johann Wolfgang von Goethe den selteneren Gegentypus in dem Gerichtsrat geschaffen, der eine Retter-Rolle in dem Schauspiel <em>Die natürliche Tochter</em> zu übernehmen hat (s. u.). Dieser Richter kennt seine Grenzen und überschreitet sie nicht, seine Geisteshaltung schillert zwischen Weisheit, Bescheidenheit, Kleingeistigkeit und Feigheit:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>In abgeschloßnen Kreisen lenken wir,</em></p>
<p><em>    Gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe</em></p>
<p><em>Des Lebens wiederkehrend Schwebende.</em></p>
<p><em>    Was droben sich in ungemeßnen Räumen</em></p>
<p><em>    Gewaltig seltsam hin und her bewegt,</em></p>
<p><em>    Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,</em></p>
<p><em>    Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl</em></p>
<p><em>    Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Vgl. Goethe-HA Bd. 5, S. 272-273;</p>
<p>6.)<strong> Der Richter als Künstler</strong> – dass es auch diese Spielart gibt, trat durch ein Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf ins Bewusstsein des öffentlichen Diskurses, in dem festgehalten wurde dass der Juror des Spruchkörpers, der bei dem Fernsehsender RTL für Deutschland den Superstar sucht, ein Künstler im Sinne der Versicherungspflicht bei der Künstlersozialkasse ist: Dieter Bohlen ist Richter und Künstler in einem, (dpa-Meldung vom 12. November 2007;</p>
<p>7.) José Ortega y Gasset hat den in seinen Augen verabscheuungswürdigen  Typus des »zufriedenen jungen Mannes« beschrieben (Der Aufstand der Massen, Stuttgart 1963) – dementsprechend kann auch <strong>Der zufriedene Richter </strong>besichtigt werden, und gar nicht selten. Bei leichtem Übergewicht und leicht übertriebener Gesichtsglätte trägt sein Lächeln eine leicht übertriebene Aufgeräumtheit zur Schau, wie sie jene Schüler empfinden, die genau wissen, dass sie den Anforderungen des Lehrers entsprechen; leider lauert hinter diesem Stolz auf den eigenen von Harm- und Phantasielosigkeit genährten Gehorsam  die Bereitschaft, jeden, der seinen Ranzen oder sein Gesicht nicht so gut aufgeräumt hat, unter dem Tisch gegen die Schienbeine zu treten, ohne dass es jemand merkt. Einen solchen grundzufriedenen, von Makkaroni mit Ketchup träumenden Richter beschreibt Jürgen K. Hultenreich in seinem Roman <em>Die Schillergruft</em>, Berlin 2001, S. 186 ff.</p>
<p>8.)<strong> Der in Zorn ausbrechende Richter. </strong>Den Beruf des Richters kann nur ausüben, wer Geduld hat. Man muss sich jede Menge Lügen anhören und dazu ein unbewegtes Gesicht machen. Man muss jede Menge Streitwerte festsetzen und damit den Rechtsanwälten, die man für chronisch überbezahlt, fachlich  überschätzt und moralisch zumindest überfordert  halt, das Heu in die Scheune schieben. Man muss als Instanzrichter jede Menge von den Obergerichten entwickelter Rechtssätze anwenden und damit seinen geborenen Feinden, nämlich den Oberrichtern, die man für chronisch überbezahlt und chronisch unterbelichtet halt, huldigen. Bei so bewandten Sachen ist es nur menschlich,  dass man sich gelegentlich Luft macht.  Wenn die eigene Familie sich nicht als Opfer zur Verfügung stellt und die Geschäftstellenverwalterin krank ist, kann es geschehen, dass der ansonsten so geduldige Herr Kammervorsitzende einem verdutzten Anwalt oder einer Partei sowas von hanebüchen die Leviten liest wie es der Richter Wool in der Satire <em>What is a judge?</em> des gelernten Rechtsanwalts und langjährigen Unterhausabgeordneten Alan Patrick Herbert (1890–1972) tut, indem er den Anwalt unvermittelt als alten Schwätzer anredet und seine Mandantin als blonde Kuh. In Wahrheit handelte es sich um eine Schauspielerin, die nach Vertrag für jede Drehwoche 5000 Pfund erhalten sollte und die an sich auf fünf Wochen angesetzte Drehzeit auf 15 Wochen ausgedehnt hatte, indem sie sich weigerte eine vorgesehene Bade-Szene zu spielen, so lange das Wasser im Pool nicht auf mindestens 24 Grad geheizt war (vgl. A. P. Herbert, Clear Facts, Muddled Laws – Alles was Recht ist, dtv-zweisprachig, übersetzt von Richard Frenzl, München 1989).</p>
<p>9.) <strong>Der Verbrecher als Richter </strong>tritt uns in Alfred Hitchcocks Spielfilm <em>Jamaika Inn</em> aus dem Jahre 1939 entgegen. Dass ser Richter und Staatsanwälte nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit ansah, sondern im Großen und Ganzen als zynische, kalte,  skrupellose und egoistische Heuchler, kann man auch in anderen Werken Hitchcocks feststellen. In <em>Jamaika Inn</em> ist der Richter aber nicht nur eine moralisch fragwürdige Gestalt und ein seinem Amt nicht gewachsener Mensch, sondern der Anführer einer Räuberbande, vgl. Andreas Grube, Gerichtsszenen bei Alfred Hitchcock, NJW 2007, 631 ff. 10.)<strong> Der zynische Richter </strong>begegnet dem Leser bei Louis-Ferdinand Céline (1894–1961) in dem Roman <em>Reise ans Ende der Nacht</em>, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003, Seite 198-208: Er trägt den Namen Grappa und ist Kolonial-Leutnant in dem kleinen Ort Topo im Kongo. Ihm zur Seite steht der Sergeant Alcide, der seinerseits eine Truppe von 12 einheimischen  Milizionären befehligt. Grappe, »dessen Leib gewaltig war, eine Strafe, mit kurzen, purpurroten, schauderhaften Händen. Händen, die nie irgendwas begreifen würden. Abgesehen davon versuchte Leutnant Grappe auch gar nichts zu begreifen«,  hält jeden Donnerstag Gericht und versucht dieser von ihm als lasting empfundenen Pflicht dadurch enthoben zu warden, dass er absurde und grausame Urteile spricht. Gleichgültig, was ihm vorgetragen wird von Parteien und Zeugen, stets greift er willkürlich einen derv or ihm Erschienen heraus und lässt ihn aufs Blut auspeitschen. Sonderbarerweise hält  dieses Verfahren die einheimischen Rechtssuchenden nicht davon ab, immer wieder vor dem Richter Recht zu suchen;  einer tritt sogar freiwillig zum Empfang der Peitschenhiebe an. Grappa, der zur Metapher eines boshaften Gottes taugt,  sitzt derweil in einem knirschenden Rohrsessel und raucht Zigarren: »Ah! Wenn die nur wüssten, wie scheißegal mir denen ihre Zänkereien sind, dann würden die in ihrem Dschungel bleiben und mir nicht hier mit ihrem Blödsinn auf die Nerven gehen! &#8230; Erzähle ich denen etwa die ganze Zeit von meinen Angelegenheiten? Obwohl, so langsam möchte ich fast glauben, denen gefällt meine Rechtsprechung irgendwie, diesen Mistkerlen! Seit zwei Jahren versuch ich jetzt, ihnen den Spaß zu verleiden, aber sie kommen jeden Donnerstag wieder &#8230; Glauben Sies mir oder nicht,  junger Mann, das sind fast immer dieselben, die da kommen! &#8230; Pervers müssen die sein, oder was!«</p>
<p>11.) <strong> Der Richter als Mitglied des Spruchkörpers </strong>unterliegt, wie jeder Richter weiß, der einmal einer Kammer oder einem Senat angehört hat, einer besonderen Seinsweise, die man als perennierende, weil strukturelle narzistische Kränkung bezeichnen kann. Weder das Haupt dieses delikaten, ja prekären corpus iuris noch seine Glieder können je, wie sie eigentlich wollen, weshalb keiner von ihnen sich zu wollen traut,  was er im Grunde zu können wünscht, so dass, was sie als Kollegium tun, oft keiner gewollt hat, weshalb sie, zur Vermeidung dauerhaften und gesundheitsschädlichen Zwists,  sich gegen den Rest der Welt umso inständiger verschwören. Wehe dem, der da nicht mittut!  Ein Beispiel dafür finden wir in der Geschichte von Sir Oblong-Fitz-Oblong, dem kleinen dicken Ritter: Er erhält vom Herzog den Auftrag auf den Bollingru-Inseln für Ordnung zu sorgen. Deren Bewohner werden ausgeplündert von Baron Bollingru, der sich der Mithilfe des Ritters Schwarzherz bedient.  Ein Mittel der Ausplünderung besteht darin, dass Bolingru und Schwarzherz, die einander im Grunde verachten, gemeinsam zu Gericht sitzen und eklatant ungerechte Urteile zu eigenem Nutz und Frommen fällen. Sir Oblong, wie weiland Don Quijote fahrender Ritter in höherem Auftrag, gelingt es, als drittes Mitglied in den Spruchkörper gewählt zu werden. Sofort entsteht Streit um den Zeitpunkt des Sitzungsbeginns, um die Kleiderordnung (Robe oder nicht) und um Befangenheitsprobleme. Oblong muss erkennen, dass seine beiden Kollegen, von denen der eine während der Verhandlung ungeniert schnarcht, zu unparteiischer Amtsausübung nicht überredet werden können,  sondern ihm und den Parteien unter Berufung auf die Bolingrusche Prozessordnung und das dort verankerte Mehrheitsprinzip rüdest übers Maul fahren. Das Recht hat erst dann wieder eine Chance, als es Oblong gelingt, einen vierten Richter ins Kollegium zu bringen: Nun müssen, damit überhaupt entschieden werden kann, Sachargumente sprechen. Die Augsburger Puppenkiste hat vor fast einem halben Jahrhundert aus dem Kinderbuch <em>Der kleine dicke Ritter</em>  (Süddeutsche Zeitung, München 2005) von Robert Oxton Bolt (1924–1995) ein hübsches Puppenspiel gemacht (DVD, Schwarz-Weiß, Augsburger Puppenkiste, Oehmichens Marionetten Theater, hr MEDIA, Katalog-Nr. 280042)</p>
<p>12.)<strong> Der Richter als Terrorist </strong>ist eine Gestalt, die uns vielleicht nur in den Medien und in der politischen Propaganda begegnet, vielleicht aber auch tatsächlich existiert: In Somalia hatten nach einer seit 1991 herrschenden Anarchie die <strong>Scharia-Richter</strong> begonnen, etwas Ordnung zu schaffen. Nach Auffassung der Amerikaner war diese Ordnung nicht akzeptabel, sie sah wohl für westliche Maßstäbe unangemessene Verbote vor, wie beispielsweise für das Anschauen von Fuißballspielen im Fernsehen. 2006 marschiertedie äthiopische Armee ein. Die Richter flohen und lassen nun Milizen gegen die äthiopische Besatzung kämpfen. Das Erscheinungsbild dieses Richtertyps ist  soldatisch, vgl. FAZ 27. September 2008, Nr. 227, Seite 4. Einen Scharia-Richter gibt es inzwischen wohl auch in Berlin, er heißt Hassan Allouche, und sein Bild erinnert an einen wohlgenährten Freiheitskämpfer in Freizeitkleidung, allerdingsarbeitet er bei einem Autohändler in Berlin,  trägt eine schusssichere Weste; er vermittelt zwischen rivalisierenden Clans. Ein terroristischer Richter ist in der Vorstellung des Angelus Silesius oddenbar auch Jesus Christus, wenn er das Jüngste Gericht hält:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Das Urteil ist bald abgefaßt,</em></p>
<p><em>      Er sprichts mit eignem Munde,</em></p>
<p><em>      Er sprichts, daß auch das Blut erblaßt</em></p>
<p><em>      In ihres Herzens Grunde:</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;</em></p>
<p><em>      Geht hin und weichet weg von mir,</em></p>
<p><em>      Ihr Grundvermaledeiten,</em></p>
<p><em>      Geht hin, trollt euch von meiner Tür,</em></p>
<p><em>      Bleibt weg zu ewgen Zeiten.</em></p>
<p><em>      Geht hin ins Feur, ins ewge Feur,</em></p>
<p><em>      In Schlund der grundten Höllen</em></p>
<p><em>      Mit Beelzebub, dem Ungeheur,</em></p>
<p><em>      Und seinen Rottgesellen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;</em></p>
<p><em>     Da fallen sie mit großem Schrein,</em></p>
<p><em>      Mit Prasseln und mit Krachen</em></p>
<p><em>      Wie Klötze in den Schlund hinein</em></p>
<p><em>      Und in der Höllen Rachen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>[Angelus Silesius: Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 3660 (vgl. Angelus-SW Bd. 3, S. 245-246) http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]</p>
<p>13.) <strong>Das Volk als Richter </strong>ist vermutlich das Schlimmste, was einem Rechtsuchenden begegnen  kann. »Wir haben ein Gesetz/ Und nach dem Gesetz/Muss er sterben!« antwortet das Volk dem Pontius Pilatus in der Johannes-Passion.</p>
<p>14.)<strong> Der Sitzer </strong>und sieben weitere Richtertypen sind von dem Wiener Rechtsanwalt und Essayisten Walther Rode (1876–1934) in seinem Buch <em>Knöpfe und Vögel – Lesebuch für Angeklagte</em> (Edition Memoria, Hürth bei Köln und Wien 2000, herausgegeben von Thomas B. Schumann) trefflich beschrieben worden. Die Richter sieht er als einen asketischen, am Ufer des Daseins misstrauisch hockenden Menschenschlag, dem die sitzende Lebensweise von Gott vorgeschrieben ist – so Anton Kuh im Vorwort –: »Die breiten Gesäße beherrschen die Welt.«</p>
<p><a href="#_ednref18" name="_edn18">[18]</a> Einzelheiten siehe bei: Reinhard Staats, Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Darmstadt 1996.</p>
<p><a href="#_ednref19" name="_edn19">[19]</a> got ist selber recht. dar umme ist im recht lip, schrieb Eike von Repgow</p>
<p><a href="#_ednref20" name="_edn20">[20]</a> Nach ältester chinesischer Tradition stehen die Funktionen in Staat und Gesellschaft in einer festen Verbindung zu den Jahreszeiten, die ihrerseits Vertreter der kosmischen Ordnung sind. Diese Ordnung darf nicht verletzt werden, wenn das biologische Leben der Einzelnen und das Leben der Gemeinschaft, ja sogar das Wetter nicht verwirrt werden soll. Wenn der Himmelssohn nicht bestimmte Handlungen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten verrichtet, so kann es geschehen, dass der Kosmos damit antwortet, dass auch er bestimmte von ihm erwartete und regelmäßig erbrachte Leistungen verweigert: Sonne und Wind zu bekömmlichen Zeiten zu schicken usf. Die Zeit des Richtens ist der Herbst, was nahe liegt, denn das Richten hat zweifellos etwas von einer Abrechnung und von der Ernte und der Verteilung derselben. »Der Meister des Gerichtswesens (Sï-Kou) hat das Amt des Herbstes, indem er öffentliche und private Prozesse hört, die Unordnungen und Widersetzlichkeiten des Volkes in Ordnung bringt und die Waage hält, um das Volk nach der Mitte hin zu ändern. Alle Unbotmäßigkeit des Volkes entspringt aus untätiger Sicherheit.« Chinesische Philosophie: Li Gi – Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 25315 – Li Gi, S. 100; http://www.digitale-bibliothek.de/ band94.htm ].</p>
<p><a href="#_ednref21" name="_edn21">[21]</a> Nach Platon, Kritias, 119 c ff. hatte das vorgeschichtliche Atlantis (zehntausend Jahre vor der klassischen Zeit Athens) seine Gesetze von Poseidon empfangen; es war auf eine Erzsäule geschrieben, die im  Poseidon-Tempel inmitten der Insel stand. Hier, im Tempel, richteten die zehn Könige von Atlantis, nachdem sie gemeinsam einen der im Heiligtum frei herumlaufenden Stiere mit Knüppeln nund Fäusten gejagt, getötet und sein Blut auf das Gesetz hatten spritzen lassen, nächtens in schönen blauen Roben unter dem Beistand des Gottes und des Weines., vgl. Platon, Werke, hrsg. v. Günther Eigler, bearb. von Klaus Widdra, Griech. u. Deutsch, Bd 7, Darmstadt 2005, S. 249,</p>
<p><a href="#_ednref22" name="_edn22">[22]</a> Kulturübergreifend ist allerdings auch die Vorstellung, dass, im Falle einer vollkommen gerechten Einrichtung des Lebens, wie sie im Goldenen Zeitalter, im Paradies, im Nirwana  oder im Endstadium des Kommunismus anzutreffen war oder sein wird, weder für Gesetze noch für Richter Platz ist: Ovid, Metamorphosen, I, 89-93:</p>
<p><em>Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,</em></p>
<p><em>           sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.    </em></p>
<p><em>           poena metusque aberant, nec verba minantia fixo</em></p>
<p><em>           aere legebantur, nec supplex turba timebat</em></p>
<p><em>           iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti.</em></p>
<p><a href="#_ednref23" name="_edn23">[23]</a> In einer 2007 erschienenen Erzählung klagt Hiob gegen Gott, ein schwieriges Unterfangen, da auch in diesem Prozess Richter auch wieder Gott ist. Interessanter wäre es vielleicht gewesen, den Teufel auf die Richterbank zu setzen, Ludwig Lütkehaus, Das nie erreichte Ende der Welt, Frankfurt am Main 2007.</p>
<p><a href="#_ednref24" name="_edn24">[24]</a> Ein sehr berühmter, selbstbewusster und stets mit streng zurückgekämmtem Haar, Nackentolle, geschliffenen Worten und gefährlichem Blick durch eine gefährlich funkelnde Brille auftretender spanischer Richter und Medien-Star ist seine Exzellenz Baltasar Garzón, Ermittlungsrichter am Tribunal Supremo, der im Juli 2006 durch Einstweilige Verfügung einer Rock-Band aus Benicassím untersagen ließ, weiterhin unter dem Namen »Garzón« aufzutreten. Die Gruppe folgte dem Gerichtsbefehl umgehend und verkündete auf ihrer Website www.superjuez.com: »Es handelt sich um ein schreckliches Missverständnis. Als wir uns diesen Namen gaben, hatten wir nur eine Absicht: Wir wollten unserer Ehrerbietung gegenüber einem der Großen unserer Zeit Ausdruck verleihen, einem Mann, der den zu Unrecht aus der Mode gekommenen Tugenden der Gelassenheit und &#8230; Bescheidenheit endlich wieder Geltung verschafft &#8230; Unsere Absicht war, den größten Richter Spaniens zu ehren &#8230;«. Die Gruppe änderte ihren Namen aufgrund der Einstweiligen Verfügung in »Grande-Marlaska«, womit sie den Namen eines ebenfalls am tribunal supremo tätigen Kollegen von Garzón wählte, ohne dass dieser Kollege sich dagegen gewehrt hätte, EL PAIS, sábado 22 de julio de 2006, S. 40.</p>
<p><a href="#_ednref25" name="_edn25">[25]</a> Dass irrationale Kräfte auch in der heutigen Rechtskultur wirken, zeigt Uwe Volkmann (FAZ 16. März 2007, Nr. 64/2007, S. 9: »Einst versammelte sich das Volk um die Schamanen und die Altäre, um sich in der Vertreibung der bösen Geister zumindest kurzzeitig als stark und geeint zu erfahren. Heute versammelt sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die ohne gesicherte Wahrheit auskommen muss und deren Mitglieder einander fremd geworden sind, um das Recht – das symbolische Recht.« Ein schönes Beispiel für solche Debatten um Gesetze, deren Wirkung auf die Lebensverhältnisse sehr überschaubar ist, war der erbittert geführte Streit in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung um die durch § 14 Abs. 3 TzBfG im Jahre 2002 geschaffene Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen mit Menschen ab 52 Jahren. Während die einen eine massenweise Entrechtung älterer Arbeitnehmer fürchteten, glaubte der Gesetzgeber ein Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit älterer Menschen gefunden zu haben. In Wahrheit waren weniger als 1500 Arbeitnehmer von der Regelung überhaupt betroffen, also weniger als 0,01 vH der Erwerbstätigen. Der einzige allerdings Aufsehen erregende Prozess um die Norm war nach Auskunft aller Fachkundigen getürkt.</p>
<p><a href="#_ednref26" name="_edn26">[26]</a> Mit Nicole Kidman und Tom Cruise, DVD 2001, ASIN: B00005ML1O,</p>
<p><a href="#_ednref27" name="_edn27">[27]</a> Arthur Schnitzler (hrsg. Peter Bekes), Traumnovelle, Textausgabe mit Materialien, Braunschweig 2003</p>
<p><a href="#_ednref28" name="_edn28">[28]</a> <em>Les francs-juges – die Femerichter</em> lautet der Titel eines vielgespielten Orchesterstücks (op. 3) von Hector Berlioz – London Classical Players unter d. Ltg. v. Roger Norrington, virgin veritas 7243 5 61379 2 9, der eine Oper mit diesem Titel (<em>Les francs-juges</em>) geplant hatte, in der ein Chor der Femerichter auftreten sollte: Der Text seines Librettisten und Freundes Humbert Ferrand lautete wie folgt:</p>
<p><em> »Wir, die Rächer der himmlischen Gesetze</em></p>
<p><em>     Wir, deren Schicksalsarm das Verbrechen besiegt.</em></p>
<p><em>     Wir zerschmettern, zerschmettern Euer Opfer;</em></p>
<p><em>     Wir verschließen unsere Herzen dem Mitleid.</em></p>
<p><em>     Wir genießen die Schreie des Bluts und der Erde!</em></p>
<p><em>     Unsere Augen sind erleuchtet von einer inneren Flamme!</em></p>
<p><em>     Wir ermüden nicht, wir zerschmettern das Opfer!</em></p>
<p><em>     Dass man an unseren Schrecken glaubt, zerschmettern wir!«</em></p>
<p><a href="#_ednref29" name="_edn29">[29]</a> Zu Gericht über Menschen saßen die griechischen Götter freilich nicht. Dazu hätten sie gerecht sein müssen, was ihnen fernlag und nach Ansicht des griechischen Tragödienschreibers Euripides auch nichts genutzt hätte, weil sie mit dem Übermaß an Schuld, das sich die Menschen aufladen, nicht ferig geworden wären: »Auch nicht der ganze Himmel wäre groß genug,/ Der Menschen Sünden, wenn sie Zeus dort schriebe auf,/ Zu fassen, noch auch er, zu überschauen sie / Und jedem seine Strafe zuzuteilen. Nein! / Die Strafe ist schon hier, wenn Ihr nur sehen wollt!«, zit. nach  Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt 1986, S. 18.</p>
<p><a href="#_ednref30" name="_edn30">[30]</a> Für die Griechen war das Wesen des Göttlichen nicht notwendig mit der Gerechtigkeit verbunden, dafür trieben die Olympier nach der communis opinio des ebenso kommunen Athener Stadtbürgers zu viel göttliches Unwesen. In Platons <em>Staat</em> vertritt Thrasymachos die Auffassung, jeder, auch der gerechte Mann, werde, vorausgesetzt, er könne sich unsichtbar machen wie Gyges mit dem Ring, Frau und Gut und Leben seines Nachbarn nicht unangetastet lassen, er werde sich eben genau so (ungerecht) benehmen wie es die Götter auf Erden zu halten pflegten: »Wenn es nun zwei solcher Ringe gäbe und den einen der Gerechte sich ansteckte, den andern der Ungerechte, so wäre, wie mir scheint, wohl keiner von so eherner Festigkeit, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und es über sich gewänne, fremden Gutes sich zu enthalten und es nicht zu berühren, trotzdem daß er ohne Scheu sogar vorn Markte weg nehmen dürfte, was er wollte, und in die Häuser hineingehen und beiwohnen, wem er wollte, und morden und aus dem Gefängnis befreien, wen er wollte, und überhaupt handeln wie ein Gott unter den Menschen.« Platon, Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 49-50; http://www.digitale-bibliothek.de/ band2.htm.</p>
<p><a href="#_ednref31" name="_edn31">[31]</a> Es sind drei an der Zahl: Eirene (Frieden), Eunomia (Ordnung) und Dike (Gerechtigkeit)</p>
<p><a href="#_ednref32" name="_edn32">[32]</a> »Es schweigt mir jegliche Natur/ Beim Ticktack von Gesetz und Uhr«, Friedrich Nietzsche,  Die fröhliche Wissenschaft,  Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 67299, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 28), http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm.</p>
<p><a href="#_ednref33" name="_edn33">[33]</a> Bayerisches Staatsorchester u. d. Ltg. v. Robert Heger, mit Anneliese Rothenberger, Brigitte Fassbaender, Nicolai Gedda, Hermann Prey ua, EMI-Classics, 7243 5 66364 2, 2 CDs mit Textbuch.</p>
<p><a href="#_ednref34" name="_edn34">[34]</a> Peter Tosh, Honorary Citizen, Columbia/Legacy, C3K 65064-65066, 7464-65064-2, 3 CDs mit Textbuch.</p>
<p><a href="#_ednref35" name="_edn35">[35]</a> Walter Leisner, Das letzte Wort – Der Richter späte Gewalt, 1. Auflage, Berlin 2003.</p>
<p><a href="#_ednref36" name="_edn36">[36]</a> Notabene: Nicht immer ist es feine Gesellschaft, die vor Gericht steht. Gottfried August Bürger (Lenore, str. 25 fg): »am hochgericht / tanzt um des rades spindel / halb sichtbarlich bei mondenlicht / ein luftiges gesindel.«</p>
<p><a href="#_ednref37" name="_edn37">[37]</a> The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard.)</p>
<p><a href="#_ednref38" name="_edn38">[38]</a> Alle Texte aller Gilbert&amp;Sullivan-Opern (u.v.a.m.) findet man in »The Gilbert &amp; Sullivan-Archive« unter math.boisestate.edu/gas/ im Internet.</p>
<p><a href="#_ednref39" name="_edn39">[39]</a> Bamberger Symphoniker unter d. Ltg. v. Hans Gierster, mit Dietrich Fischer-Dieskau, Ingeborg Hallstein, Fritz Wunderlich u.a., Deutsche Grammophon 471-139-2, 1 CD.</p>
<p><a href="#_ednref40" name="_edn40">[40]</a> The Monteverdi Choir, English Baroque Solist unter d. Ltg. v. John Eliot Gardiner  mit Caroly Watkinson, Barbara Hendricks u.a. Philips 421 612-2, 2 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref41" name="_edn41">[41]</a> Vgl. Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, mit einem Nachwort von Karl Löwith, Stuttgart 1969, 13. Kapitel: Die Allmacht des Gemüts oder das Geheimnis des Gebets.</p>
<p><a href="#_ednref42" name="_edn42">[42]</a> Mehrere Kantaten Bachs haben die Angst vor Gottes Gericht zum Thema: »Ein unbarmherziges Gerichte/ wird über dich gewiss ergehn!« K 89/3. »Ich armer Mensch, ich armer Sünder/ steh hier vor Gottes Angesicht, / ach Gott, ach Gott, verfahr gelinder / und geh nicht mit mir ins Gericht« K 179/6 &#8230; »Bei Warten ist Gefahr, / willt Du die Zeit verlieren, / der Gott, der ehmals gnädig war, / kann leichtlich dich vor seinen Richtstuhl führen« K 102/6. Vgl. Lucia Hasselböck, Bach-Textlexikon, Kassel 2004, S. 85, Stichwort »Gericht«.</p>
<p><a href="#_ednref43" name="_edn43">[43]</a> Eine märchenhaft-komische Übersteigerung des Angstmotivs findet sich auch im Kirke-Kapitel (Kapitel 15) des <em>Ulysses</em>, in dem Leopold Bloom zunächst vor einem steinbärtigen Kriminalrichter erscheinen muss und sich anschließend selbst zum Richter ausruft, vgl. James Joyce, <em>Ulysses</em>, Roman, übersetzt von Hans Wollschläger, kommentierte Ausgabe Frankfurt 2004.</p>
<p><a href="#_ednref44" name="_edn44">[44]</a> Aristophanes, Sämtliche Komödien, übertragen von Ludwig Seeger, Einleitung von Otto Weinreich, Zürich 1968, S. 191 ff.</p>
<p><a href="#_ednref45" name="_edn45">[45]</a> Der Richter und sein Henker, Zürich 2002; auch die übrigen Auseinandersetzungen Dürrenmatts mit dem Thema weisen eine hohe Tiefenschärfe auf: Justiz, Roman, Zürich 1998; Die Panne, Erzählung, Zürich 1995; Der Verdacht, Kriminalroman, Zürich 2002.</p>
<p><a href="#_ednref46" name="_edn46">[46]</a> Dieser gewalttätige Hintergrund des Urteilens geht auch im metaphorischen Gebrauch nicht verloren. Christoph Martin Wieland (1733–1813) schrieb an Johann Heinrich Merck, den er als Rezensenten des Teutschen Merkur bei Laune halten wollte: »Ihr löbliches Vorhaben, sich künftig im Merkur aufs Loben zu legen i.e. uns Freunde mit dem ungerechten Mammon zu machen, hat … meinen großen Beyfall. Aber dann und wann eine Execution … ist höchst nöthig, weil I. das Publicum von Zeit zu Zeit gerne jemand hängen oder Köpfen sieht; secundo, weil wir uns dadurch im Besitz unserer hohen Gerichtsbarkeit erhalten. Und eben darum müssten solche Executionen selten … aber wenn sie geschehen, desto feyerlicher und exemplarischer seyn.« An Merck, 31. Mai 1776, Wieland, Briefe, Bd 5, S. 510.</p>
<p><a href="#_ednref47" name="_edn47">[47]</a> An diese Tatsache erinnert auch der Umstand, dass im sagenhaften Atlantis der Gerichtstag, der in diesem Falle eine Gerichts<em>nacht</em> war, mit einem ziemlich grausamen und blutigen Opferritual begann: Stierblut mussten die Richter eigenhändig auf das Gesetz spritzen, vgl. Platon, <em>Kritias</em>, 119 c, zit. Nach Platon, Werke, Griech.-Deutsch, herausgegeben von Günter Eigler, Darmstadt 2005, S. 249, 250.</p>
<p><a href="#_ednref48" name="_edn48">[48]</a> Das Verhältnis zwischen Gesetz und Unrecht ist vielschichtig, manchmal bringt das Gesetz die Sünde erst hervor: »Die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz«, Paulus 1 Kor. 15, 56.</p>
<p><a href="#_ednref49" name="_edn49">[49]</a> London Symphony Chorus/London Symphony Orchestra unter d. Ltg. v. Richard Hickox mit Simon Keenlyside, Philip Langridge, John Tomlinson u.a., Chandos 9826 (3), 3 CDs mit Textheft; als Video-DVD: English National Opera Chorus/English National Opera Orchestra unter d. Ltg. v. David Atherton, mit Thomas Allen, Philip Langridge, Richard van Allen u.a., Arthaus Musik 100 278.</p>
<p><a href="#_ednref50" name="_edn50">[50]</a> Hermann Melville, Vortoppmann Billy Budd und andere ausgewählte Erzählungen, Leipzig 1984.</p>
<p><a href="#_ednref51" name="_edn51">[51]</a> Christoph Martin Wieland schrieb in einer Anmerkung zu Johannes Daniel Falks satirischem Epos: <em>Die Helden</em>: »Freilich trat hier einer von unseren unseligen Kollisionsfällen ein, wo das größte Recht in einem anderen Sinne großes Unrecht ist.« Vgl. Johannes Daniel Falk, Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel, Lustspiele, Gedichte, Publizistik, hrsg. Paul Saupe, Berlin 1988, S. 661.</p>
<p><a href="#_ednref52" name="_edn52">[52]</a> Von den Schrecken des alltäglichen Wirkens dieses Mannes findet sich ein beeindruckender Bericht bei Rudolf Predeek, Die rote Robe, Düsseldorf 1949: Der Düsseldorfer Unternehmer (Mineralwasser), Karnevalspräsident und Angehörige des Honoratiorenvereins <em>Düsseldorfer Jonges</em> Leo Statz (1898–1943) hatte den Wunsch eines Angestellten nach Gehaltserhöhung zurückgewiesen und war von diesem Angestellten daraufhin wegen einer defaitistischen Äußerung über die Kriegsaussichten Deutschlands denunziert worden – eine Frühform des whistle-blowing. Da Statz sich schon häufiger widerspenstig gegenüber der NSDAP gezeigt hatte, beschloss man an ihm ein Exempel zu statuieren. Über die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter Freislers Vorsitz schreibt Predeek (aaO., S. 82 ff. ) u. a.: »Freisler hatte eine durchtrieben wirkungsvolle Verhandlungsmethode. Sachlich und ruhig begann er zu sprechen. Fast erreichte er es, dass er Zutrauen erweckte, um sich dann plötzlich mit umso überraschenderer Wendung unversehens auf sein Opfer stürzen zu können. Er … genoss seine Stunden in selbstgefälligen Zügen, ein judex diabolicus, dem nichts heilig war, weder das Recht, das er nicht anerkannte, noch das Volk, das er betrog, noch der Unschuldige, den er verfolgte.« Statz, tiefgläubiger Katholik, wurde von Freisler im Gerichtssaal dem Spott der Zuschauer preisgegeben, insbesondere das relativ hohe Einkommen des Unternehmers gab Freisler Gelegenheit, den Neid der Zuhörer gegen Statz aufzustacheln. Statz wurde zum Tode verurteilt und am 1. November 1943 gegen 16.00 hingerichtet. Vgl. auch Helmut Moll, In den Fängen des Nationalsozialismus, Düsseldorfer Jahrbuch, Bd. 68, Düsseldorf 1997, S. 194–202; von Statz, der viele Karnevalslieder schrieb (u.a. 1938 in Anspielung auf Mussolini: »Sei doch einmal nett zu mir. Alles, alles schenk ich Dir, sei nicht zaghaft-zimperlich: Duze, Duze, Duze mich!«, das verboten wurde, woraufhin Statz als Motto des Karnevalszuges 1939 die Parole »Verboten – erlaubt« ausgab), erschien posthum ein Band mit kleinen humoristischen Erzählungen: Der Sillbund, Drei Eulen Verlag, Düsseldorf 1946.</p>
<p><a href="#_ednref53" name="_edn53">[53]</a> Wie eine späte und seltsam angestaubt daherkommende Auswirkung dieser bequemen Klischeevorstellung kam es mir vor, als, Zeitungsberichten zufolge, Anfang 2006 der Journalist Hendryk M. Broder nach einem verlorenen Prozess erklärte, »die Erben der Firma Freisler« seien wieder einmal am Werk gewesen. Es wird nun gegen Broder wegen Beleidigung ermittelt, womit Gelegenheit zu weiterer Verbreitung des sicher im Alterszorn gesprochenen Unfugs bestehen dürfte, vgl. DIE WELT, 6. Februar 2006, S. 11.</p>
<p><a href="#_ednref54" name="_edn54">[54]</a> Es scheint nicht sehr viele Richter im Dritten Reich gegeben zu haben, die anders dachten als die damalige Regierung und den Mut hatten, dies auszusprechen. Einer von diesen nicht sehr vielen war Lothar Kreyssig (30.10.1898 Flöha (Sachsen) – 5.7.1986 Bergisch Gladbach), der sich als Amtsrichter in Brandenburg (Havel) gegen die Tötung ihm als Amtsvormund anvertrauter behinderter Menschen wehrte. Als ihm der Justizminister Gürtner einen handgeschriebenen Führerbefehl vorlegte, erklärte er, ein Führerbefehl schaffe kein Recht und wurde in den Ruhestand versetzt und zwar unter Zahlung der gesetzlichen Versorgungsbezüge. Später war Kreyssig ua Präses der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und rief als Vizepräsident Ost des Deutschen Evangelischen Kirchentages im April 1958 die »Aktion Sühnezeichen« ins Leben, vgl. Wolf Kahl, Lothar Kreyssig – Amtsrichter im Widerstand und Prophet der Versöhnung, DRiZ 2008, 299.</p>
<p><a href="#_ednref55" name="_edn55">[55]</a> Frankfurt 2005; als Audiocassette in der Hörspielbearbeitung von 1965 für den Hessischen Rundfunk von Hermann Naber unter der Regie von Peter Schulze-Rohr mit Fritz Strassner, Herbert Fleischmann, Hanne Hiob u.a., Der Hörverlag, ISBN 3-89584-112-9;</p>
<p><a href="#_ednref56" name="_edn56">[56]</a> Jacobus de Voragine, Legenda aurea, aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 13. Auflage, Gütersloh 1999.</p>
<p><a href="#_ednref57" name="_edn57">[57]</a> Ein Beispiel ist der <em>Richter Paschasius</em>, vor den die heilige Lucia von ihrem Ehemann gezogen wird, weil die ihr Geld an die Armen verschwendet. Paschasius will sie zwingen, den römischen Göttern zu opfern. Er verurteilt sie, als Hure in einem Freudenhaus zu arbeiten. Aber 1000 Knechte und sogar Ochsen vermögen nicht, sie dorthin zu  zu bringen. Daraufhin lässt Paschaius, der später selbst hingerichtet wurde, sie erst mit Urin übergießen und ihr anschließend mit einem Schwert die Kehle durchbohren, vgl. Jacobus de Voragine, ebd., S. 27–29.</p>
<p><a href="#_ednref58" name="_edn58">[58]</a> Die Freigabe zur Prostitution war eine gegen Frauen häufiger angewandte Strafe und sexuell geprägter Sadismus bei Richtern offenbar keine Seltenheit:, vgl. Anne Jensen, Gottes selbstbewusste Töchter – Frauenemanzipation im frühen Christentum? Berlin, Hamburg, Münster 2003, S. 185 ff.</p>
<p><a href="#_ednref59" name="_edn59">[59]</a> Les Arts Florissants unter d. v. William Christie mit Daniel Taylor, Richard Croft u.a., Erato B0000A1M7P, 3 Cds.</p>
<p><a href="#_ednref60" name="_edn60">[60]</a> Umberto Eco: Der Name der Rose, Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1982; als Video-DVD unter der Regie von Jean-Jacques Annaud mit Sean Connery, F.Murray Abraham u.a., Warner Brothers/ Constantin, 3447695.</p>
<p><a href="#_ednref61" name="_edn61">[61]</a> Nicolas Aubin, Geschichte der Teufel von Loudun oder der Besessenheit der Ursulinen und von der Verdammung und Bestrafung von Urbain Grandier, Pfarrer derselben Stadt, aus dem Französischen übertragen von Dieter Walter, 2. Auflage Berlin 1981.</p>
<p><a href="#_ednref62" name="_edn62">[62]</a> Aldous Huxley, Die Teufel von Loudun, dtv, München 1985.</p>
<p><a href="#_ednref63" name="_edn63">[63]</a> Chor und Orchester der Hamburger Staatsoper unter d. Ltg. v. Marek Janowski, mit Tatiana Troyanos,  Cvetka Ahlin, Hans Sotin  u.a. Philips B00000133P, 2 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref64" name="_edn64">[64]</a> Allen neuen Freunden des alten Irrtums, Folter sei ein geeignetes Mittel zur Verbrechensbekämpfung, sei das Studium des Falls Urbain Grandier empfohlen.</p>
<p><a href="#_ednref65" name="_edn65">[65]</a> Albert Camus, Der Fall, Roman, Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref66" name="_edn66">[66]</a> Der Erfolg der Sendungen mit Fernsehrichtern ist offenkundig umgekehrt proportional dem rechtlichen und tatsächlichen Gehalt der verhandelten Fälle; der Mangel an Einblicken in Recht und Leben wird allerdings kompensiert durch einen reichen Überfluss an Einblicken in die tief ausgeschnittenen Dekolletees von Zeuginnen und Angeklagten, vgl. dazu Melanie Amann: »Das Urteil lautet«, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7. Juni 2009, Nr. 23/2009, S. 12.</p>
<p><a href="#_ednref67" name="_edn67">[67]</a> Pedro Calderón de la Barca, Dramatische Werke, die Höhepunkte seines Schaffens, Wien 1979, S. 19 ff.</p>
<p><a href="#_ednref68" name="_edn68">[68]</a> DEFA-Verfilmung von 1956 unter der Regie von Martin Hellberg mit Hans-Joachim Büttner, Gudrun Schmidt-Ahrends, Rolf Ludwig u.a., als Video bei Icestorm Entertainment, 10095; nicht nur den DDR-Oberen, auch den Nationalsozialisten passte der Typ Richter, der sich nicht viel um Gesetze schert: am 8. Januar 1937 wurde der Richter von Zalamea in einer Nachdichtung durch Wilhelm von Scholz am Schillertheater in Berlin uraufgeführt.</p>
<p><a href="#_ednref69" name="_edn69">[69]</a> Ulrich Wickert, Der Richter aus Paris, Eine fast wahre Geschichte, Hamburg 2003.</p>
<p><a href="#_ednref70" name="_edn70">[70]</a> Ulrich Wickert, Die Wüstenkönigin, Der Richter in Angola, Hamburg 2005.</p>
<p><a href="#_ednref71" name="_edn71">[71]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, edition Suhrkamp Nr. 31, Frankfurt 1963; vgl. auch: Hanns Ernst Jäger, Bertolt Brecht – Songs, Gedichte, Prosa, 3 Lieder aus dem Kaukasischen Kreidekreis, Pläne Archiv Nr. 89003, CD.</p>
<p><a href="#_ednref72" name="_edn72">[72]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff.</p>
<p><a href="#_ednref73" name="_edn73">[73]</a> Rolf Hochhuth, Unbefleckte Empfängnis, Ein Kreidekreis, Reinbek b. Hamburg 1988.</p>
<p><a href="#_ednref74" name="_edn74">[74]</a> Morris, Lucky-Luke, Bd. 31: »Der Richter«, o. J.</p>
<p><a href="#_ednref75" name="_edn75">[75]</a> Vgl. zum Bild des Amtsrichters: Karl Kroeschell, Der Amtmann, Zur Kulturgeschichte eines Juristenberufs, 2002, im Internet unter http://www. rewi.hu-berlin.de/online/fhi/articles/0210kroeschell/=210kroeschell.htm zitiert nach Weber, Festschrift für Adomeit, 809 ff. (824).</p>
<p><a href="#_ednref76" name="_edn76">[76]</a> Christoph Martin Wieland, Geschichte der Abderiten, Reclam Ditzingen, 1986.</p>
<p><a href="#_ednref77" name="_edn77">[77]</a>  Rundfunkchor Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Karl Anton Rickenbacher mit Sir Peter Ustinov (Erzähler), Andreas Kohn, Eberhard Büchner u.a.: »Des Esels Schatten«, Der unbekannte Richard Strauss, Koch-Schwann 3-1792-2, CD mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref78" name="_edn78">[78]</a> Philippides ist im Grunde ein versonnener, ja bei aller Empfindung für die Amtsmühen noch sonniger Charakter; ein Gegenstück ist der Amtmann von Lenzbach im <em>Prinz Rosa-Stramin</em> von Ernst Koch (* 1808 Singlis an der Schwalm, <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.0.3/72x72/271d.png" alt="✝" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> 1858 Luxembourg), den die tausend Glockenstimmen Gottes nicht zum Besuch der Sonntagsmesse verführen können, weil er sich als selbstquälerischer naturblinder und aktengläubiger Pedant  lieber mit Appelations-Extrajudizial- und Hämorrhoidalbeschwerden abarbeitet, vgl. Hermann Weber, Kurhessischer Obergerichtsreferendarius, Fremdenlegionär und Professor in Luxemburg, Ernst Koch – Ein Dichterjurist im Vormärz.</p>
<p><a href="#_ednref79" name="_edn79">[79]</a> Ein musikalisch und schriftstellerisch begabter Richter ist der Vorsitzende Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Wolfgang Neukirchner gewesen, der ua den Text des Schlagers <em>Es gibt kein Bier auf Hawaii</em> für Paul Kuhn schrieb, unter dem Pseudonym »Josua Röckelein«:</p>
<p><em>     Es gibt kein Bier auf Hawaii, </em></p>
<p><em>     es gibt kein Bier. </em></p>
<p><em>     Drum fahr ich nicht nach Hawaii, </em></p>
<p><em>     drum bleib ich hier. </em></p>
<p><em>     Es ist so heiss auf Hawaii, </em></p>
<p><em>     kein kühler Fleck,            </em></p>
<p><em>     und nur von Hula Hula </em></p>
<p><em>     geht der Durst nicht weg.</em></p>
<p>Als »Adolf von Klebsattel« verdiente er wahrscheinlich das meiste Geld, denn unter diesem Namen schrieb er die Texte zahlreicher Schlager des blonden Sängers Heino, z. B. »Blau, blau, blau blüht der Enzian.«, vgl. www.zeit.de/1993/16/Der-geistige-Vater-von-Heino.</p>
<p><a href="#_ednref80" name="_edn80">[80]</a> Dass der Richter gerade lieber etwas anderes täte als sein Urteil schreiben, zeigt Anton Pawlowitsch Tschechow  (29. Januar 1860 greg. in Taganrog, Russland – 15. Juli 1904 greg in Badenweiler) in der Humoreske <em>Die Sirene</em>, in der ein Gerichtspräsident nach der Sitzung des Gerichts versucht, sein Votum zu Papier zu bringen: Vergeblich, weil sein Sekretär Shilin »ein kleines Männchen mit Bartansätzen bei den Ohren und süßem Gesichtsausdruck« ununterbrochen und in den schönsten Ausmalungen vom bevorstehenden Essen spricht.</p>
<p><a href="#_ednref81" name="_edn81">[81]</a> In Antonio Machados (1875–1939) Gedicht <em>Un criminal</em> (<em>Soledades</em> CVIII) klingt etwas von der unnachgiebigen, ja unerbittlichen  Härte gerade der ehrenamtlichen Richter an, die aus dem gutem Einvernehmen mit der  Härte des Wetters, des Schicksals und des gesunden Volksempfindens zusätzlich Kraft gewinnt</p>
<p><em> Un Criminal – Ein Verbrecher</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Der Angeklagte fahl und glattrasiert</em></p>
<p><em>     In seinen Augen ist viel dunkle Glut,</em></p>
<p><em>     die seine Knabenmaske lügen straft</em></p>
<p><em>     und die Gebärden frommer Mäßigung.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Vom düstern Priesterseminar hat er die Mine</em></p>
<p><em>     der Bescheidenheit und auch den tief </em></p>
<p><em>     zur Erde oder ins Brevier gesenkten Blick behalten.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Verehrer Mariens,</em></p>
<p><em>     der Mutter der Sünder,</em></p>
<p><em>     in Burgos Examen in Theologie,</em></p>
<p><em>     bereit für die niederen Weihen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Grausam war sein Verbrechen. Er war eines Tages</em></p>
<p><em>     satt aller göttlichen wie die profanen Texte,</em></p>
<p><em>     und es reute ihn alle die Zeit, </em></p>
<p><em>     vertan mit lateinischen Hyperbatons.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Plötzlich verliebt in ein schönes Mädchen</em></p>
<p><em>     und die Liebe steigt ihm zu Kopf</em></p>
<p><em>     wie der goldene Rebensaft</em></p>
<p><em>     und weckt seine wilde Natur.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     In Träumen sieht er die Eltern – Landarbeiter</em></p>
<p><em>     und Pächter – beleuchtet</em></p>
<p><em>     von roten Reflexen am Herd</em></p>
<p><em>     die gebräunten Landmannsgesichter.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Er wollte erben. Oh Nüsse und Kirschen</em></p>
<p><em>     des Bauerngartens, schattig und grün,</em></p>
<p><em>     Ähren vom Golde des Weizens,</em></p>
<p><em>     überquellende Kornkammern.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Und entsann sich der Axt, die hing </em></p>
<p><em>     an der Mauer, glänzend, geschliffen,</em></p>
<p><em>     der starken Axt die das Brennholz hieb</em></p>
<p><em>     von den Ästen der Eiche. </em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;  </em></p>
<p><em>     Ihm gegenüber die Richter in alten</em></p>
<p><em>     vertrauerten Roben;</em></p>
<p><em>     und eine Reihe aus düsteren Brauenfalten</em></p>
<p><em>     plebejisches Antlitz: die Schöffen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Der Verteidiger im Plädoyer,</em></p>
<p><em>     schlägt mit der Faust auf das Pult;</em></p>
<p><em>     ein Schreiber bekritzelt Papier,</em></p>
<p><em>     und der Staatsanwalt hört ohne Rührung</em></p>
<p><em>     die sonore emphatische Rede, </em></p>
<p><em>     durchblättert die Akten</em></p>
<p><em>     oder liebkost mit den Fingerspitzen</em></p>
<p><em>     die sauberen Gläser der Goldrandbrille.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Ein Saaldiener sagt: »Den knüpfen sie auf, das ist sicher.« </em></p>
<p><em>     Der junge Rabe erwartet Milde.</em></p>
<p><em>     Einer aus dem Dorf, Galgenvogel, hilft der strengen </em></p>
<p><em>     Gerechtigkeit, das Böse auszumerzen. </em></p>
<p><a href="#_ednref82" name="_edn82">[82]</a> Oskar Jellinek, Hankas Hochzeit, Novellen und Erzählungen, hrsg. von Wulf Kirsten, Berlin 1980.</p>
<p><a href="#_ednref83" name="_edn83">[83]</a> Eines der vielen modernen Beispiele ist der Richter Daniel Savage in: Tim Parks, Doppelleben, Roman, aus dem Englischen von Michael Schulte, München 2003.</p>
<p><a href="#_ednref84" name="_edn84">[84]</a> Deutsches Symphonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Gerd Albrecht mit Roland Hermann, Claudia Barainsky, Johann Werner Prein u.a., Der zerbrochene Krug, Orfeo C 419 981 A, CD mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref85" name="_edn85">[85]</a> Miguel de Cervantes Saavedra, Don Quixote von La Mancha, Zürich 1992, Zweiter Teil, 42. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref86" name="_edn86">[86]</a> »Mentele scolen se uppe den sculderen hebben« heißt es im Sachsenspiegel, Drittes Buch, Art. 69 § 1; vgl. Sachsenspiegel oder Sächsisches Landrecht mit Übersetzung und reichhaltigem Repertorium von Dr. Carl Robert Sachse, Heidelberg 1848, reprint o.J., Reprint-Verlag, Leipzig.</p>
<p><a href="#_ednref87" name="_edn87">[87]</a> Niemand muss Sorge haben, das irgendwie überlebt wirkende Kleidungsproblem würde eines Tages verschwinden oder auch nur die Kraft verlieren, den ernstesten Streit zu verursachen. Es handelt sich um eine anthropologische Konstante, vgl. den Bericht von Melanie Amann: Nicht ohne den Langbinder – Zwei Rechtsanwälte kämpfen gegen die Krawattenpflicht vor Gericht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 22. Januar 2009, Nr. 18, S. 9: Ein Amtsrichter verbannte im Oktober 2008 den Rechtsanwalt Säftel durch Beschluss aus dem Gerichtssaal: »Rechtsanwalt Säftel trägt keinen Langbinder.« Rechtsanwalt Säftel fand, Anzug und Lederschuhe müssten reichen, eine Krawatte habe er gar nicht und außerdem sei er immer noch stilvoller gekleidet als der Richter in Jesuslatschen und weißen Socken.</p>
<p><a href="#_ednref88" name="_edn88">[88]</a> Jules Verne, Le tour du monde en 80 jours, Librairie Générale Francaise, Paris 2000, 15. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref89" name="_edn89">[89]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff.</p>
<p><a href="#_ednref90" name="_edn90">[90]</a> Dass die Bekleidung den Beruf macht, gilt nicht allgemein: <em>Cucullus non facit monachum! </em>sagt der Narr in der 5. Szene des Ersten Aktes von Shakespeares Was Îhr Wollt und fügt hinzu: <em>Das will soviel sagen wie: Mein Gehirn ist nicht so buntscheckig wie mein Rock! – </em>Vielleicht kommt es beim Narren und beim Mönch wirklich mehr  darauf an, dass sie es richtig in sich haben als, wie bei Richtern, dass sie das Rechte richtig an sich tragen.</p>
<p><a href="#_ednref91" name="_edn91">[91]</a> Eines der vielen literarischen Beispiele für diesen schlichten Befund haben wir in der Ballade <em>Die Hexe</em> von Felix Dahn (1834–1912), der nicht nur Dichter (ua von Balladen) war, sondern auch Professor für Rechtsgeschichte, der sich mit »Studien zur Geschichte der germanischen Gottesurteile« habilitiert hatte:</p>
<p><em>„Wenn du ein Hexlein richten soll&#8217;t, blick&#8216; nicht ihr in die Augen,<br />
</em><em>Sonst wird dein töricht Herz ihr hold, kann nicht zum Richten taugen.<br />
</em><em>Das hat den Burggraf von Tirol geführt in Tod und Schande:<br />
</em><em>Der war ein junger Ritter wohl und Richter in dem Lande.<br />
</em><em>Zu Bozen an dem schwarzen Stein, da saßen Schöffen elfe: –<br />
</em><em>›Die Hexe muß verbronnen sein‹ – sprach er – so Gott mir helfe.«</em></p>
<p>Als der Burggraf und Richter der als Hexe angeklagten Frau dann doch in die »nachtsüßen« Augen sieht, will er von einer Verurteilung nichts mehr wissen. Aber die Schöffen stoßen die Hexe ins Wasser. Der Richter springt ihr nach: Beide ertrinken, zit nach Dahn: Balladen. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 18119; vgl. Dahn-GW Bd. 5, S. 356; http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm.</p>
<p><a href="#_ednref92" name="_edn92">[92]</a> Paulus, Römerbrief, 2,1.</p>
<p><a href="#_ednref93" name="_edn93">[93]</a> Meister Franz Rabelais der Arzenei Doctoren Gargantua und Pantagruel, Aus dem Französischen verdeutscht durch Gottlob Regis, München 1964. Drittes Buch, 39. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref94" name="_edn94">[94]</a> Siehe oben.</p>
<p><a href="#_ednref95" name="_edn95">[95]</a> Chor der Staatsoper Dresden/Staatskapelle Dresden unter d. Ltg. v. Otmar Suitner mit Hermann Prey, Anneliese Rothenberger, Peter Schreier u.a., Die Hochzeit des Figaro, Deutsch von Hermann Levi, Berlin Classics 0020962, 3 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref96" name="_edn96">[96]</a> Die ganze Geschichte ist dokumentiert in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 1504 ff.</p>
<p><a href="#_ednref97" name="_edn97">[97]</a> Vgl. Beaumarchais, Mémoires contre Goezman, in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 673 ff.; die Mémoires erschienen in ganz Europa, Goethe entnahm ihnen den Stoff und weite Teile des Textes für sein Jugenddrama Clavigo; vgl. zu allem auch: Schmitz-Scholemann, Figaros Rache, Deutschlandfunk 2003.</p>
<p><a href="#_ednref98" name="_edn98">[98]</a> Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, La folle journée ou Le Mariage de Figaro, Texte integrale, Paris 1998.</p>
<p><a href="#_ednref99" name="_edn99">[99]</a> Meine Übersetzung erlaubt sich einige Freiheiten, für eine worttreue Übersetzung siehe: Beaumarchais, Figaros Hochzeit, Deutsch von Gerda Scheffel, Frankfurt a. M. 1976.</p>
<p><a href="#_ednref100" name="_edn100">[100]</a> Auf Video-DVD: »Is’ was, Doc?«, Regie und Story Peter Bogdanovich, Screenplay Buck Henry, David Newman u. Robert Benton, mit Barbra Streisand und Ryan O’Neill, Warner Brothers 104195.</p>
<p><a href="#_ednref101" name="_edn101">[101]</a> Albert Camus, Der Fall, Roman, aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref102" name="_edn102">[102]</a> Übrigens dürfte es kaum ein literarisches Genre geben, in dem so wenig über Gerechtigkeit geschrieben wird, wie die juristische Fachliteratur.</p>
<p><a href="#_ednref103" name="_edn103">[103]</a> Franz Kafka, Der Prozeß, Roman, Frankfurt am Main, Hamburg 1960.</p>
<p><a href="#_ednref104" name="_edn104">[104]</a> Eine interessante Deutung des Romans als einer Art Prophetie der immer mehr in strukturelle Aporien führenden Überkomplexität  des materiellen Rechts und des Verfahrensrechts am Beginn des 21. Jahrhunderts hat  jetzt Klaus Lüderssen  mit seinem Essay »Die düstere Poesie des Paradoxen im Recht« vorgelegt (FAZ, 11. Februar 2006, S. 45).</p>
<p><a href="#_ednref105" name="_edn105">[105]</a> <em>Der Prozeß</em> wurde 1963 von Orson Welles verfilmt mit Anthony Perkins, Jeanne Moreau und Romy Schneider und ist als DVD (»Le procès«) bei studiocanal EDV 29 – 302 175-3 (leider nur in Frankreich) erschienen.</p>
<p><a href="#_ednref106" name="_edn106">[106]</a> Herbert Rosendorfer, Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht, dtv, München 1998.</p>
<p><a href="#_ednref107" name="_edn107">[107]</a> Nur einer sei genannt: <em>Das Urteil</em> nach dem Roman von John Grisham unter der Regie von Gary Fleder mit Gene Hackman, John Cusack und Dustin Hofman, DVD: 20th Century Fox/Regency F2-SDE 2426708.</p>
<p><a href="#_ednref108" name="_edn108">[108]</a> Seit 2007 gibt es auch ein Court-room-Computerspiel. Es heißt »Pheonix Wright, Ace Attorney: Justice for all« und läuft auf Nintendo DS (von Capcom).</p>
<p><a href="#_ednref109" name="_edn109">[109]</a> William Gaddis, Letzte Instanz, Roman, Deutsch von Nikolaus Stingl, 2. Auflage, Reinbek 2003.</p>
<p><a href="#_ednref110" name="_edn110">[110]</a> Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film <em>Das Urteil von Nürnberg</em> unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5.</p>
<p><a href="#_ednref111" name="_edn111">[111]</a> Angesichts der besonderen Bedeutung der Richterpersönlichkeit im Case-Law-System ist es nicht erstaunlich, dass die anglo-amerikanische Kultur in besonderem Maße vorbildgebende Richterpersönlichkeiten hervorbringt, im echten Leben wie in der lebendigen Fiktion, vgl.nur Blumenwitz, Einführung in das anglo-amerikanische Recht, 7. Auflage, München 2003, S. 11–62.</p>
<p><a href="#_ednref112" name="_edn112">[112]</a> Vgl. Fikentscher, Methoden des Rechts in vergleichender Darstellung, Bd II, Anglo-Amerikanischer Rechtskreis,, 1975, S. 151 ff.; ders. Rechtswissenschaft und Demokratie bei Justice Oliver Wendell Holmes, 1970; Radbruch SJZ 1946, 25; Frankfurter, Mr. Justice Holmes and The Supreme Court 1961.</p>
<p><a href="#_ednref113" name="_edn113">[113]</a> 1839–1914, Begründer des sog. »amerikanischen Pragmatismus«, vgl. Charles Sanders Peirce, Vorlesungen über Pragmatismus, mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Elisabeth Walther, Hamburg 1991.</p>
<p><a href="#_ednref114" name="_edn114">[114]</a> Dass hinter dieser Haltung Seelenarbeit steckt, zeigt das Privatleben eines pensionierten englischen Richters, geschildert von Charles Morgan, Der Richter, Roman, übertragen von Herberth E. Herlitschka, Frankfurt am Main und Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref115" name="_edn115">[115]</a> The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard).</p>
<p><a href="#_ednref116" name="_edn116">[116]</a> Einen Richter, der durch Liebe, oder wenigstens doch durch ein Eheangebot Gerechtigkeit herzustellen versucht, finden wir auch bei Johann Wolfgang von Goethe in dem Drama <em>Die natürliche Tochter</em>.  Der »Gerichtsrat« – einen Namen erfahren wir nicht – erklärt sich bereit, Eugenie, die uneheliche (»natürliche«) Tochter eines Herzogs vor den mörderischen Nachstellungen ihres Halbbruders und Erbkonkurrenten durch bürgerliche Ehe zu retten. Eugenie ist einverstanden, unter der Bedingung, dass die Ehe nicht vollzogen wird, Goethe, Sämtliche Werke in 18 Bänden (Artemis-Gedenkausgabe), Zürich 1977, Bd. 6, S. 315 ff., vgl. auch Karl Otto Conrady, Goethe, Leben und Werk, Ausgabe 2006, Patmos-Verlag, Düsseldorf 2006, S. 744 ff.</p>
<p><a href="#_ednref117" name="_edn117">[117]</a> Für wichtige Hinweise danke ich: Kai Agthe, Naumburg/Halle, Knut Bröhl, Erfurt/Köln, Ulrike Brune, Weimar/Erfurt; Hans Hachmann, Karlsruhe, Wulf Kirsten, Weimar, Martin Roeber, Herxheim, Hans-Joachim Strauch, Jena/Weimar, Hermann Weber, Berlin/Bad Vilbel, Hildegard Wenner, Köln, Mario Wiegand, Weimar.</p>
<p><a href="#_ednref118" name="_edn118">[118]</a> Meine Übersetzung beansprucht keine Treue gegenüber dem Original und auch sonst keinen Preis, sondern versucht lediglich den Sinngehalt auf deutsche Verhältnisse zu übertragen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe-3-2/">Im Namen der Robe</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/erinnerungen-an-hans-arnfrid-astel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Aug 2018 15:10:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Dionysios von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Lysias von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Nikomachos]]></category>
		<category><![CDATA[Platon]]></category>
		<category><![CDATA[Quintilian(Marcus Fabius)]]></category>
		<category><![CDATA[Sokrates]]></category>
		<category><![CDATA[Solon von Athen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=2067</guid>

					<description><![CDATA[<p>Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel * 9. Juli 1933 in München † 12. März 2018 in Trier Christoph Schmitz-Scholemann &#160; 1. Treffen im Omnibus von Großkochberg nach Rudolstadt DAS Minzwölkchen weht über die Mauer auf dem Weg zum Omnibus. &#160; Kennengelernt habe ich Arnfrid Astel im Omnibus auf der Fahrt von Großkochberg nach Rudolstadt während [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/erinnerungen-an-hans-arnfrid-astel/">Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/erinnerungen-an-hans-arnfrid-astel.pdf"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1></h1>
<h1 style="text-align: left;">Erinnerungen an<br />
Hans Arnfrid Astel<br />
<span lang="DE" style="font-size: 18pt;">* 9. Juli 1933 in München † 12. März 2018 in Trier</span></h1>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann<br />
</span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h4>1. Treffen im Omnibus von Großkochberg nach Rudolstadt</h4>
<p><em>DAS Minzwölkchen<br />
</em><em>weht über die Mauer<br />
</em><em>auf dem Weg zum Omnibus.</em><span class="tooltips " style="" title="Alle in diesem Beitrag zitierten Gedichte – mit einer näher geennzeichneten Ausnahme – sind der Webseite »Hans Arnfrid Astel – Sinn- und Stilübungen – Sand am Meer« entnommen, die im Internet unter www.zikaden.de aufrufbar ist."> [1]</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kennengelernt habe ich Arnfrid Astel im Omnibus auf der Fahrt von Großkochberg nach Rudolstadt während der PEN-Tagung Anfang Mai 2012. Die schlanke Erscheinung, die gepflegte Nonchalance seiner Kleidung, die fröhlich in die Stirn fallenden blonden Haare, der Ausdruck brüderlicher Gesprächsbereitschaft in Mimik und Gestik, die zögernde Sprechweise bei stets sprungbereiter Intelligenz – das alles war mir schon bei vorausgehenden Tagungen aufgefallen, ohne dass sich ein Kontakt ergeben hätte. Arnfrid Astel war für mich vor allem ein großer Name, regelrecht ein Begriff, und zwar aus meiner Jugend in der Achtundsechzigerzeit und noch lange danach. Manche seiner Liebesgedichte kannte man auswendig, besonders eines:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>KURZES LIEBESGEDICHT</p>
<p><em>Weißt du noch,<br />
</em><em>wie wir auf dem Teppich geblieben sind?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hoch im Kurs standen natürlich auch die politisch scharfen, glasklaren Kurzgedichte, unverbrämte, antiromantische, sachliche, parteiische und doch immer mit einem überraschenden gedanklichen Dreh ausgestattete Lyrik.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>TELEFONÜBERWACHUNG</p>
<p><em>Der »Verfassungsschutz«<br />
</em><em>überwacht meine Gespräche.<br />
</em><em>Mit eigenen Ohren hört er:<br />
</em><em>Ich mißtraue einem Staat,<br />
</em><em>der mich bespitzelt.<br />
</em><em>Das kommt ihm verdächtig vor. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jedenfalls war die Luft frisch und würzig, während wir vom Schloss zum Bus gingen und schließlich nebeneinander zu sitzen kamen. Von der schönen Berg- und Tallandschaft um uns her war aufgrund fortgeschrittener Abend-Dunkelheit nicht viel zu sehen, und Arnfrid Astel begann mich auszufragen, bevor ich Zeit hatte, meiner Verlegenheit Raum zu geben. Wir plauderten munter bis Rudolstadt und danach noch weiter in einer Bierkneipe. Hier ist einiges von dem, was ich bei dieser und dann vielen weiteren Gelegenheiten über ihn erfuhr:</p>
<h4>2. Recht der Arbeit</h4>
<p>Bei Begegnungen mit Schriftstellern passiert es mir nicht oft, dass sie für meinen Beruf als Arbeitsrichter mehr als höfliches Interesse zeigen. Das war bei Arnfrid anders und es hatte folgende Bewandtnis damit: Nach seinem Studium der Biologie und der Literatur in Heidelberg und ein paar kleineren Umwegen wurde er 1967/68 Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk. Diese »Anstalt« war in jenen Tagen so fest in den Händen der – damals noch stramm konservativen – CDU, dass man sich noch nachträglich wundern muss, wie einer wie Arnfrid Astel überhaupt eingestellt werden konnte. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis der Intendant des Saarländischen Rundfunks, ein getreuer Vasall Konrad Adenauers namens Dr. Franz Mai (1939, übrigens mit einem arbeitsrechtlichen Thema, promoviert), offenbar von dem Gefühl befallen wurde,  sein Sender habe sich eine »linke Bazille« eingefangen. Gleich zweimal, im Juni und im Dezember 1971, kündigte er dem Redakteur Astel fristlos: Er habe der Presse ein internes Schreiben des Intendanten zugespielt, ohne Nebentätigkeitsgenehmigung in einem Gefängnis Gedichte vorgelesen, sich auf einer CDU-Wahlversammlung unpassend verhalten und obendrein noch ein verfassungswidriges Gedicht mit dem Titel Auto-Mobil-Machung veröffentlicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>AUTO-MOBIL-MACHUNG</p>
<p><em>Nur Lastwagen sollen vorerst eingezogen werden<br />
</em><em>bei der Mobilmachungsübung 1972,<br />
</em><em>dreihundert bis fünfhundert private Kraftfahrzeuge.<br />
</em><em>Nimmt sich da die gelegentliche Enteignung<br />
</em><em>eines BMW-Personenkraftwagens<br />
</em><em>durch die Baader-Meinhof-Gruppe<br />
</em><em>nicht vergleichsweise harmlos aus?<br />
</em><em>Wer ist nun also »Staatsfeind Nr. 1«,<br />
</em><em>Verteidigungsminister Schmidt<br />
</em><em>oder Ulrike Meinhof (bzw. Andreas Baader)?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Prozess, den Arnfrid Astel gegen die Kündigungen anstrengte, ging durch alle drei Instanzen und fand ein großes Echo in der deutschen Presse. Astel wurde berühmt. Und er obsiegte: Am 7. Dezember 1972 erklärte das damals noch in Kassel sitzende Bundesarbeitsgericht (Aktenzeichen: 2 AZR 235/72) die Kündigungen für unwirksam. Das Urteil kann man getrost als Meilenstein auf dem Weg zu einer grundrechtsbasierten Praxis der Arbeitsbeziehungen bezeichnen. Endlich war es »amtlich«, dass Arbeitnehmer nicht mehr, wie man das lange nannte, ihr Grundrecht auf Meinungsfreiheit an den Werkstoren abzugeben hatten. Astel, der zugleich mit der Übergabe der ersten Kündigung vom Schreibtisch weg durch zwei Anstalts-Mitarbeiter persönlich zum Parkplatz eskortiert worden war, kehrte alsbald nach Urteilsverkündung in das schön auf einem Berg oberhalb von Saarbrücken gelegene Funkhaus zurück, ein modern umbautes und umgebautes klassizistisches Schloss. Dort setzte er sich, wie er mir erzählte, unangemeldet in eine gerade laufende Redaktionskonferenz. Astels Vertrauen in den Rechtsstaat erfuhr durch den Prozessausgang eine so maßgebliche Stärkung, dass er bald selbst auf der Richterbank Platz nahm: Als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Saarbrücken.</p>
<h4>3. Naturtrüb</h4>
<p>Als Redakteur blieb er  beim Saarländischen Rundfunk in Amt und Würden bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1998. Im Funkhaus genoss er, vielleicht, weil sich kein Vorgesetzter mehr an ihm die Finger verbrennen wollte, alle denkbaren Freiheiten. Davon profitierte eine ganze Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, denen er in seinem Programm – wie soll man sagen? – Unterschlupf, Zuflucht, Bühne bot. Bis heute berühmt ist die von ihm entwickelte besondere Art der Präsentation in der Sendereihe <em>Literatur im Gespräch</em>. Astel, stets ohne schriftliches Konzept antretend, ließ darin literarische Größen von Heinrich Böll,  Hans Magnus Enzensberger, Wulf Kirsten bis Wilhelm Genazino zu Wort kommen. Mit Spannung verfolgt der Hörer, wie sie mit Astel reden, zögern, ja manchmal sogar, für das Radio eigentlich eine Katastrophe, sich hörbar schweigend mit ihm unterhalten. Die Sendungen wurden, wie man hörte, ungeschnitten ausgestrahlt, »naturtrüb« wie frisch gepresster Apfelsaft.</p>
<h4>4. Thüringen I</h4>
<p>Astels arbeitsrechtliche Erfahrungen waren für mich natürlich von professionellem Interesse – es gibt nicht viele Arbeitnehmer, die nach einem gewonnenen Kündigungsschutzprozess tatsächlich an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren, die meisten lassen sich abfinden. Jedenfalls brachte mich das Omnibus-Gespräch auf die Idee, Astel zu uns nach Hause einzuladen und zu bitten, nicht nur aus seinen Gedichten zu lesen, sondern auch seine Prozess-Geschichte vor einem Kreis literarischer und juristischer Freunde zu erzählen. Das geschah dann auch bald. Die Einladungskarte versahen wir mit einem der ganz kurzen Astel-Gedichte, über die man so schrecklich schön lange nachdenken kann:</p>
<p><em>Die Amsel fliegt auf.<br />
</em><em>Der Zweig winkt ihr nach.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es wurde ein intensiver Abend Anfang Dezember 2012 in unserer Weimarer Wohnung, der auch vielen meiner Freunde bis heute im Gedächtnis ist. Zumal sich zwei Gäste einfanden, die mit Arnfrid Astel schon seit einem halben Jahrhundert in Kontakt waren: Die Lyriker Wulf Kirsten aus Weimar und Siegfried Schröpfer aus Erfurt. Astel hatte noch während seines Studiums in Heidelberg eine literarische Zeitschrift gegründet, die in der Geschichte der deutschen Nachkriegsdichtung überaus einflussreichen <em>Lyrischen Hefte</em>. In ihnen veröffentlichte er hochrangige moderne Lyrik. Viele deutschsprachige Dichterinnen und Dichter, die später berühmt wurden, fanden sich hier zum ersten Mal gewürdigt und vor allem gedruckt. Einer von ihnen war Wendel Moreno, der seine Texte aus dem anderen, von der Bundesrepublik mit feindseligen Mauern und Stacheldrähten getrennten Teil Deutschlands an Arnfrid Astel geschickt hatte. Der Name »Wendel Moreno« war ein Pseudonym. Dahinter verbarg sich kein Geringerer als der Anfang der 60er Jahre noch weithin unbekannte sächsische Lyriker Wulf Kirsten, der heute in Weimar lebt. An dem Abend bei uns zu Hause gab er auch preis, dass Astel an einem seiner Gedichte ein kleines bißchen mitgeschrieben habe. Der andere Dichter war Siegfried Schröpfer aus Erfurt, den Arnfrid, warum auch immer, mit augenzwinkernder Beharrlichkeit »Landfried« nannte. Auch seine Gedichte machte Astel in den Lyrischen Heften dem westlichen Publikum zugänglich.</p>
<p>Am nächsten Abend gingen meine Frau und ich mit Astel durch Weimar spazieren. Es war eine helle, sehr milde Vollmondnacht. Wir streiften durch den Park an der Ilm, plauderten im Mondschatten unterhalb des Römischen Hauses, oberhalb der Ilmwiesen, die hier den schönen Namen »Kalte Küche« tragen, ganz nah an der kleinen künstlichen Quelle, an der auf einer Tafel das berühmte Goethe-Gedicht angebracht ist:</p>
<p><em>Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen,<br />
Gebet jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!<br />
Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,<br />
Und dem Liebenden gönnt, dass ihm begegne sein Glück.<br />
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:<br />
Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülfreich zu sein.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Astel erzählte viel an dem Abend, vor allem von seiner Kindheit in Weimar und von dem Tag, an dem diese Kindheit ihr jähes Ende fand, im Frühjahr 1945, als sein Vater sich das Leben nahm.</p>
<h4>5. Tagungen</h4>
<p>In der Zeit von 2012 bis 2017 habe ich Arnfrid Astel bei allen PEN-Tagungen gesehen, wir haben uns des öfteren in Saarbrücken und Trier und in der Eifel getroffen. Ich erinnere mich an ein gemeinsames Frühstück in Marburg, bei dem er mich auf die in der Tat überraschend bunten Lichtreflexe aufmerksam machte, die sich durch den schrägen Einfall der Frühsonne auf dem staubigen Fensterglas des zur Straße gelegenen Frühstücksraumes zeigten. Ich erinnere mich an diverse Steine, die er bei Gruppen-Spaziergängen (stets am Ende der Karawane) von der Erde aufhob und deren Besonderheiten er mir erklärte. In Marburg entwichen wir auf Arnfrids Veranlassung einer organisierten Stadtführung wegen des aufdringlich-witzigen Tonfalls der Führerin und besuchten auf eigene Faust das Schloss, wo er mir eine bestimmte Art der Herstellung von bunten Vasen erklärte. Fast immer hatte Arnfrid eine Stofftasche bei sich. In der trug er, was er auf dem Weg fand und ihn interessierte, nach Hause, einen Stein, ein Stück Holz – später dachte ich an den Hirtenjungen aus Giovanni Vergas Erzählung Jeli, il pastore: »&#8230; er wusste wie der Wind bläst, wenn er Gewitter brigt, und welche Farbe die Wolke hat, wenn es bald schneien wird. Jedes Ding hatte sein eigenes Aussehen und seine Bedeutung, und zu jeder Stunde des Tages gab es immer etwas zu sehen und zu hören &#8230; alles, was er auf dem Erdboden liegen sah, hob er auf.«</p>
<p>Ich erinnere mich auch an ein sehr langes Gespräch in Magdeburg. Wir gingen am Ufer der in der Sonne blinkenden Elbe spazieren, sprachen über familiäre Angelegenheiten beiderseits, auch über Schatten, die sich über Lebenswege legen – Astels ältester Sohn Hans hatte sich 1985 das Leben genommen; seitdem trug der Vater auch den Namen seines Sohnes und nannte sich Hans Arnfrid Astel. Und doch kamen dann Sätze, die sich mir einprägten. Er erzählte mir lange, in so zarten und dezenten und liebevollen Worten, dass mir warm ums Herz wurde, von seiner Lebensgefährtin, die ich unbedingt kennenlernen solle und sagte schließlich: »So wie ich mit ihr heute lebe, bin ich ein glücklicher Mensch, ich lebe sehr, sehr glücklich.« Am 1. November letzten Jahres bekam ich eine Mail mit Bild, auf dem Arnfrid zwischen Weinbergen in der Sonne stand und nach überstandenem Zahnarzttermin lächelte. »Inzwischen unternehmen wir schon wieder wunderbar herbstliche Spaziergänge in den Weinbergen an Saar und Mosel.«</p>
<h4>6. Thüringen II</h4>
<p>Von 2013 bis 2017 verband uns eine Zusammenarbeit, die sich auch aus der Tatsache ergab, dass Arnfrid Astel zwar in München geboren, aber mit seiner Familie schon im Jahr seiner Geburt nach Weimar gekommen war und hier bis 1945 gelebt hatte. Wulf Kirsten entdeckte 2014, als Arnfrids Elternhaus in Weimar renoviert wurde, ein Fensterblech, in das die Astelkinder in den 30er/40er Jahren – nicht unbedingt zitierfähige – Worte eingeritzt hatten, die man noch entziffern konnte. Auch in Astels Gedichten finden sich zahlreiche Spuren seiner Weimarer Kindheit, nicht nur solche, die sich auf die stark nationalsozialistische Prägung des Vaters beziehen. Man gebe auf seiner Webseite »Sand am Meer« nur das Stichwort »Weimar« ein, und man findet elf Treffer, weitere zu Erfurt, Arnstadt, Jena – und das sind nur die der algorithmisch begrenzten Intelligenz der Suchmaschine zugänglichen expliziten Erwähnungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>OSTKONTAKTE</p>
<p><em>Als mein Freund kürzlich<br />
</em><em>wieder nach Weimar fuhr,<br />
</em><em>bat ich ihn,<br />
</em><em>mir den Baum zu fotografieren,<br />
</em><em>auf dem wir als Kinder<br />
</em><em>Burgen gebaut hatten.<br />
</em><em>Er brachte mir<br />
</em><em>eine Fotografie mit,<br />
</em><em>darauf waren Kinder zu sehen,<br />
</em><em>die auf unserem Baum<br />
</em><em>eine Burg bauten.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dies Gedicht schrieb Astel in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es wurde am 13. Juni 2015 mit einem Kommentar aus meiner Feder in der größten Thüringer Tageszeitung, der Thüringer Allgemeinen gedruckt. Gedicht und Kommentar waren Teil eines Projekts des Thüringer Literaturrates, dessen Vorsitzender ich seit 2012 bin. Drei Jahre lang erschien Woche für Woche ein für Thüringen in irgendeiner Hinsicht wichtiges Gedicht. Arnfrid Astel war nicht nur mit den <em>Ostkontakten </em>beteiligt, sondern auch mit drei Kommentaren, die er uns schenkte und die man ebenfalls auf seiner Webseite nachlesen kann, zu Gedichten von Michael Buselmeier, von mir und von</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Siegfried (»Landfried«) Schröpfer:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Frage an einen Gedankeneigentümer</p>
<p><em>Du ängstlich<br />
</em><em>auf dem Eigentum<br />
</em><em>an deinen Gedanken<br />
</em><em>Bestehender, warum<br />
</em><em>behältst du<br />
</em><em>deine Gedanken<br />
</em><em>nicht für dich?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mein derzeit liebstes Astel-Gedicht mit Thüringer Grundierung ist eines, in dem kein Ortsname vorkommt, oder wenn, dann nur versteckt, nämlich in dem Wort »Balsamine«. Die »Balsamine« ist, einerseits, eine Pflanze mit Migrationshintergrund, irgendwie hat sie es unter Verletzung aller Grenzregime geschafft, sich selbst aus Indien nach Deutschland einzuschleppen. Sie ist besonders berüchtigt für ihren ungehemmten Fortpflanzungstrieb und bedient sich dabei gewisser unfairer Tricks zum Schaden der bieder-ortsfesten Pflanzen-Population, wie man bei Wikipedia nachlesen kann (»durch einen Schleudermechanismus, der schon durch Regentropfen ausgelöst werden kann, schleudern die Früchte ihre Samen bis zu sieben Meter weit weg (Saftdruckstreuer)«). Arnfrid Astel benutzt für diese lebenspendende Zauberkraft den biologischen Fachausdruck Turgor: »ein Druck von innen«.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>INDISCHES SPRINGKRAUT</p>
<p><em>Wer bügelt die Blusen<br />
</em><em>der Balsamine?<br />
</em><em>Es ist der Turgor,<br />
</em><em>ein Druck von innen,<br />
</em><em>und doch kein Busen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Andererseits, das muss noch nachgetragen werden, ist »Balsamine« auch der Name eines seit Generationen berühmten Waldgasthauses in der Nähe von Weimar, wo menschliche Hummeln bis heute jede Menge süße Speisen und angenehm betäubende Getränke zu sich nehmen können.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>WEIMAR. Einkehr im<br />
</em><em>Wirtshaus zur Balsamine.<br />
</em><em>Wie eine Hummel.</em><em> </em></p>
<p><em> </em></p>
<h4>7. Thüringen – Saarland</h4>
<p>Ende 2016 reisten zwei Thüringer Schriftsteller, Wulf Kirsten und Christian Rosenau, zu einer Lesung nach Saarbrücken ins Künstlerhaus. Organisiert hatten die Reise Jens Kirsten vom Thüringer Literaturrat und Klaus Behringer vom Saarländischen Schriftstellerverband. Arnfrid Astel, mit zwei Hickory-Nüssen in den Händen spielend, moderierte den Abend, der vom Saarländischen Rundfunk (Dank an Ralph Schock!) aufgenommen und etwas später gesendet wurde. Nach der Lesung saßen wir lange in einem italienischen Restaurant beisammen, es wurde früher Morgen und es wurden verdächtig bunte Schnäpse serviert, ehe wir die wahrhaft gastliche Stätte verließen und der 83jährige Arnfrid Astel sich von dem 82jährigen Wulf Kirsten freundschaftlichst verabschiedete. Drei Gedichte gibt es von Astel über Kirsten, eines davon ist dies:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>TANKA FÜR WULF KIRSTEN</p>
<p>zum achtzigsten Geburtstag<br />
<em>Irdene Schüsseln<br />
</em><em>aus der Erde bei Meißen<br />
</em><em>(nicht gleich Porzellan)<br />
</em><em>auszulöffeln lebenslang<br />
</em><em>die eingebrockte Suppe.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>8. Gerard Manley Hopkins</h4>
<p>Die Gespräche mit Arnfrid wurden in den letzten beiden Jahren häufiger und länger. Wenn wir über Literatur und vor allem Lyrik sprachen, war ich als fröhlicher Dilettant natürlich der – mit immer neuem Gewinn – Zuhörende. Oft empfahl Arnfrid den englischen Lyriker und Jesuiten Gerard Manley Hopkins zur Lektüre. Über kleinere Internet-Recherchen kam ich aber nicht hinaus. Als Wulf Kirsten mich am 13. März anrief und mir sagte, dass Arnfrid am Vortag in Trier plötzlich gestorben war, ergriff mich eine tiefe, ungläubige und sehr, sehr traurige Bestürzung. Es dauerte einige Wochen, bis ich mich wieder auf seine Webseite traute. Dort fand ich seinen 1963 geschriebenen großen Essay über Gerard Manley Hopkins (geb. 28. Juli 1844 in Stratford bei London; gest. 8. Juni 1889 in Dublin), über »Inkraft« und »Inbild« und die Wiederbelebung des altenglischen »Sprungrhythmus« mit dem Ziel, Gedichten eine neue Lebendigkeit zu geben. Nach der Lektüre beginne ich zu ahnen, welchen Sinn Arnfrid Astels unbeirrbar liebevoller Blick auf das Individuelle der Menschen und Dinge hatte. Für Hopkins, schreibt Astel, sei es darum gegangen, »im Individuellen und Einzelnen die höhere Form des Daseins gegenüber dem Allgemeinen« zu würdigen und zu feiern. »Alle Dinge«, so zitiert Astel ihn, »alle Dinge sind &#8230; geladen mit Liebe, sind geladen mit Gott, und wenn wir es nur verstehen, sie richtig anzurühren, sprühen sie Funken und fangen Feuer, geben Tropfen ab und fließen über, tönen und erzählen von ihm.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>9. Saarbrücken, 13. April 2018</h4>
<p>Im Januar 2018 erzählte Arnfrid, der Kultusminister des Saarlandes habe ihn angerufen und gefragt, ob er bereit sei, die Ehrenprofessur des Saarlandes anzunehmen. Arnfrid war sichtlich erfreut und sagte mit der ihm eigenen Ironie, er werde sogar persönlich an der Verleihung teilnehmen, allerdings nur »im Erlebensfall«. Dieser Fall trat nicht ein. Am 24. März 2018 erschien die Anzeige mit der Todesnachricht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit den Namen seiner Lieben. Darüber sein kleines Gedicht:</p>
<p><em>Die Amsel fliegt auf.<br />
</em><em>Der Zweig winkt ihr nach.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Ehrenprofessur des Saarlandes wurde Arnfrid Astel dennoch verliehen, posthum am 13. April 2018 im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Funkhaus Halberg des Saarländischen Rundfunks durch den Kultusminister des Saarlands, Ulrich Commercon. Die Totenrede hielt Sibylle Knauss: »Ecce poeta – Siehe, ein Dichter!« Auf den Stühlen lagen Karten mit einem Gedicht von Arnfrid Astel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>EWIG &amp; DREI TAGE</p>
<p><em>Ich war am Leben, ach, ich bin es noch.<br />
</em><em>Wenn du mich liest, dann lebe ich in dir.<br />
</em><em>Sei du der Himmel, der ich anderen war,<br />
</em><em>daß auch im Himmel du nicht untergehst,<br />
</em><em>solang die Menschheit noch am Ewigen Leben. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>   Alle in diesem Beitrag zitierten Gedichte – mit einer näher geennzeichneten Ausnahme – sind der Webseite »Hans Arnfrid Astel – Sinn- und Stilübungen – Sand am Meer« entnommen, die im Internet unter www.zikaden.de aufrufbar ist.</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/erinnerungen-an-hans-arnfrid-astel/">Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Aus der Ahnengalerie der Anwälte (1991)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/aus-der-ahnengalerie-der-anwaelte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Jan 1991 17:00:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Dionysios von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Lysias von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Nikomachos]]></category>
		<category><![CDATA[Platon]]></category>
		<category><![CDATA[Quintilian(Marcus Fabius)]]></category>
		<category><![CDATA[Sokrates]]></category>
		<category><![CDATA[Solon von Athen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=1774</guid>

					<description><![CDATA[<p>Aus der Ahnengalerie der Rechtsanwälte Leben und Wirken des Lysias von Syrakus Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Die Ärzte haben ihren Hippokrates, die Dichter den Homer und die Mathe­matiker Thales und Pythagoras. Jeder Berufsstand, der etwas auf sich hält, ehrt mindestens einen Patron aus den Anfängen der abendländli­schen Geschichte. Und die Rechtsanwälte? Haben sie keinen würdigen [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/aus-der-ahnengalerie-der-anwaelte/">Aus der Ahnengalerie der Anwälte (1991)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Aus-der-Ahnengalerie-der-Anwa%CC%88lte.pdf"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Aus der Ahnengalerie der Rechtsanwälte</h1>
<h3>Leben und Wirken des Lysias von Syrakus</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Ärzte haben ihren Hippokrates, die Dichter den Homer und die Mathe­matiker Thales und Pythagoras. Jeder Berufsstand, der etwas auf sich hält, ehrt mindestens einen Patron aus den Anfängen der abendländli­schen Geschichte. Und die Rechtsanwälte? Haben sie keinen würdigen Ahnen in klassischer griechischer Zeit?</p>
<p>Sie haben. Er trat nur ein einziges Mal in seinem Leben vor Gericht auf und führte doch Hunderte von Prozessen. Er war der berühmteste seiner Zunft im Athen der Jahrzehnte des Sokrates und des Plato. Er war ein glühender Demokrat und ein gebildeter Mann. Er war mit Fällen jeden Kalibers befaßt; von Prozessen um einen Hund <a href="#_edn1" name="_ednref1"><sup>[1]</sup></a> oder einen staat­lich geschützten Baumstumpf <a href="#_edn2" name="_ednref2"><sup>[2]</sup></a> reicht das Spektrum bis zu homoeroti­schen Eifersuchtsdramen, <a href="#_edn3" name="_ednref3"><sup>[3]</sup></a> politischem Mord, <a href="#_edn4" name="_ednref4"><sup>[4]</sup></a> Beamtenanklagen, <a href="#_edn5" name="_ednref5"><sup>[5]</sup></a> Erbstrei­tigkeiten <a href="#_edn6" name="_ednref6"><sup>[6]</sup></a> und Versehrtenrenten. <a href="#_edn7" name="_ednref7"><sup>[7]</sup></a> Seine mehr als vierhundert Plädoyers galten in der gesamten Antike als Muster erfolgreicher Gerichts­beredsamkeit <a href="#_edn8" name="_ednref8"><sup>[8]</sup></a> – fünfunddreißig sind bis heute erhalten. Der Name des Mannes lautet Lysias von Syrakus.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
I.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Beginn einer Karriere</span></h4>
<p>An einem Herbstmorgen des Jahres 403 v.Chr. in Athen betrat Lysias von Syrakus im Alter von vielleicht fünfzig Jahren zum ersten Mal in seinem Leben das Rednerpodest vor Gericht. <a href="#_edn9" name="_ednref9"><sup>[9]</sup></a> Die Szenerie einer Gerichtsverhandlung im klassischen Athen <a href="#_edn10" name="_ednref10"><sup>[10]</sup></a> hatte wenig mit der Atmosphäre gepflegten Aktenraschelns zu tun, wie wir sie aus den Sälen unse­rer Justiz kennen. Dem Redner gegenüber saß das Gericht: zwischen 50 und 1500 Bürger Athens auf langen Bänken. Einer von ihnen maß den Streitenden mit einer Wasseruhr die Redezeit zu. <a href="#_edn11" name="_ednref11">[11]</a> Die Richter waren für ihre Temperamentsausbrüche bekannt und mußten immer wieder zur Ruhe angehalten werden: »Mê thorybeite« oder »Mê thorybêsate!« – »Hört auf mit dem Krach!« oder »Fangt nicht schon wieder an mit dem Krach!« rief der Redner ihnen dann zu.</p>
<p>Der Gerichtsraum war ein mit Brettern abgetrennter Teil des Mark­tes. Manche Gerichte tagten unter offenem Himmel. Zuschauer drängten sich hinter Holzbarrieren. Die Geräusche und Gerüche des Stadtlebens bildeten den Hintergrund, vor dem die Kämpfe ums Recht allmorgend­lich neu entbrannten.</p>
<p>Der Prozeß, der an jenem Herbstmorgen des Jahres 403 v. Chr. an­stand, war von außerordentlicher Brisanz. Ein Fall von politischem Mord wurde verhandelt. <a href="#_edn12" name="_ednref12">[12]</a> Und so begann Lysias seine erste Rede:</p>
<p>»Nicht den Anfang zu machen, Ihr Herren Geschworenen, fällt mir bei dieser Anklage schwer, sondern ein Ende zu finden: so ungezählt und so furchtbar ist das, was sie uns angetan haben, daß man es durch Lügen nicht verschlimmern und auch bei aufrichtigster Wahrhaftigkeit nicht vollständig beschreiben kann &#8230;«</p>
<p>Worum ging es? Von welchen Verbrechen war die Rede? Wer waren »sie«, die Lysias gleich zu Beginn so heftig unter Beschuß nahm?</p>
<p>Wir müssen etwas ausholen. Das Jahr 403 v. Chr. war für Athen so et­was wie eine Stunde Null. Jahrzehntelang hatte man Krieg geführt mit dem Hauptrivalen Sparta. Das war kein Märchenkrieg wie zwischen den edlen Bauernkönigen Hektor und Agamemnon vor Troja. Der Krieg zwischen Athen und Sparta war so schmutzig und grausam, wie er bei den damaligen technischen Möglichkeiten sein konnte: Die Getreidefel­der der Feinde wurden niedergebrannt, die Ölbäume zerhauen, die Weinstö­cke ausgerissen, Nachschubwege blockiert. Städte belagert, bis die Zivilbevölkerung nur noch die Wahl hatte, entweder an Hunger, Durst und Seuchen zugrundezugehen oder sich zu ergeben. Es gab Plünde­rungen, Mord und Kannibalismus. <a href="#_edn13" name="_ednref13">[13]</a></p>
<p>Aber diese Verbrechen meinte Lysias nicht, vielleicht waren es für ihn auch gar keine Verbrechen. Krieg war eben Krieg. Den Krieg gegen Sparta hatte Athen zwei Jahre zuvor endgültig verloren. Die mächtige Flotte war zerschlagen. die Silberbergwerke in der Hand Spartas, die lange Mauer, der Peiräus, die Werften: Der Stolz einer Stadt, die ein halbes Jahrhundert Herrscherin des östlichen Mittelmeers war, lag in Schutt und Asche. Das war die eine Seite.</p>
<p>Die andere Seite war die, daß Athen den Peloponnesischen Krieg im Na­men der Demokratie geführt hatte. Die Niederlage Athens war damit zugleich eine Niederlage der demokratischen Partei innerhalb Athens. Die andere Partei, die der Oligarchen nämlich, hatte schon lange ver­sucht, den Krieg zu beenden; kein Wunder, denn dieser Partei gehörten zum Teil sehr reiche Männer an, die der Finanzierung des Krieges müde waren. <a href="#_edn14" name="_ednref14">[14]</a> Bald nach der Niederlage witterten sie Morgenluft. Mit der Hilfe Spartas ergriffen sie die Macht. Zu ihnen gesellten sich ehrgeizige Existen­zen, die zwar kein politisches Programm, aber ungestillten Machthun­ger hatten. Sie gewannen schnell die Oberhand und innerhalb weniger Monate entstand daraus eine Art autoritärer Junta, das Schreckens­regiment der sogenannten »Dreißig«. Wer von der Volkspar­tei nicht erschlagen wurde, floh. Es kam zum Bürgerkrieg und als Sparta der Junta der »Dreißig« die Unterstützung entzog, kehrten die Demokra­ten und mit ihnen die Demokratie nach Athen zurück. Das war wenige Monate, bevor Lysias im Herbst des Jahres 403 zum ersten Mal in seinem Le­ben vor Gericht auftrat. Angeklagt war ein Mitglied der Junta. Die Anklage lautete auf Totschlag, begangen an Lysias’ Bruder.</p>
<p>Lysias begann sein Plädoyer mit einer detaillierten Schilderung: wie der Angeklagte zusammen mit einer Horde von Schergen das Haus der Familie überfiel und ausraubte, der Schwägerin den Schmuck vom Kör­per riß, den Bruder gefangennahm und hinrichtete und wie er selbst, Lysias, mit knapper Not das Leben retten konnte; eindringlich beschwört er die noch frische Erinnerung der Richter an die Machtergreifung der Dreißig: Sie stellten die Ratsversammlung unter den »Schutz« einer bewaff­neten Garde und nötigten ihr so das Gesetz zur Ermächtigung der Junta ab, sie gingen systematisch unter ihren Mitbürgern auf Menschen­jagd, verschleppten bei Nacht und Nebel aus den Nachbarstädten Sala­mis und Eleusis 300 Einwohner und ließen sie in Athen regelrecht abschlach­ten.</p>
<p>Dem Angeklagten, der sich damit zu rechtfertigen sucht, er habe dem Morden widersprochen und in Befehlsnotstand gehandelt, entgegnet Lysias: »Also deshalb, weil Du erfolglos widersprochen hast, sollen wir dich für einen ehrlichen Mann halten. Aber dafür, daß du meinen Bruder verhaftet und getötet hast, glaubst du keine Strafe zu verdienen?« <a href="#_edn15" name="_ednref15">[15]</a></p>
<p>Und der Redner fährt, nun wieder den Geschworenen zugewandt, fort: »Alle anderen Athener mögen mit einigem Recht die Verantwortung für die Geschehnisse auf die Dreißig abwälzen. Wenn nun aber die Drei­ßig selbst anfangen und sich gegenseitig die Schuld zuschieben wollen – könnt Ihr das wirklich gelten lassen? &#8230; An wen wollt Ihr euch dann noch halten, wen bestrafen? &#8230; Ich weiß, daß die Getöteten uns hören. Sie wer­den Kenntnis nehmen von Eurem Urteilsspruch. Sie werden denken: Wer die Dreißig freispricht. der spricht gegen uns das Todesurteil. Wer aber die Dreißig verurteilt, der nimmt Rache für uns Opfer. Damit schließe ich meine Anklage: Ihr habt gehört, ihr habt gesehen, ihr habt – gelitten –, ihr habt den Angeklagten in eurer Gewalt. Nun richtet!« <a href="#_edn16" name="_ednref16">[16]</a></p>
<p>Als Lysias das Podest verließ, hatte Athen einen neuen Helden des Worts. Sein Plädoyer gegen Willkür und Gesetzlosigkeit galt über Jahr-hun­derte als Inbegriff von Brillanz und Überzeugungskraft in der Gerichtsberedsamkeit. Und es war zugleich der Beginn der ersten <a href="#_edn17" name="_ednref17">[17]</a> in der Ge­schichte des Abendlandes dokumentierten Karriere eines Mannes. der die Gesetze kannte und gegen gutes Geld Rechtsrat und Beredsamkeit zur Führung von Prozessen lieh. In unseren Begriffen also: eines Anwalts.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
II.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Nicht postulationsfähig und doch Lenker des Verfahrens: der Logo­graph</span></h4>
<p>Daß die Rede wegen der Tötung seines Bruders die einzige blieb, die er vor Gericht hielt, war eine Folge der athenischen Gesetze. Sie geboten. daß jede Prozeßpartei sich vor Gericht selbst vertrat. <a href="#_edn18" name="_ednref18">[18]</a> Schlechte Zeiten für den Anwalt – könnte man denken. Indes: Die Gesetzeslage in Athen war, wir werden es sehen, verworren. Zurechtfinden konnten sich nur Spezialisten. Überdies war die Prozeßlust der Athener vor allem in demokrati­schen Zeiten sprichwörtlich, ebenso ihre Empfänglichkeit für geschicktes Argumentieren und witziges Formulieren. Mit anderen Wor­ten: die Lage forderte ganz einfach Profis. Und deshalb gab es sie auch – dem Gesetz zum Trotz. Sie mußten sich freilich im Hintergrund halten und ganz bescheiden nannten sie sich »Logographen« – Redenschreiber: aber anders als die Ghostwriter unserer heutigen Politiker beschränkten sie sich keineswegs darauf, vorgegebene oder gar nicht vorhandene In­halte mit dem hübschen Kleid gefälliger Redensarten zu ummänteln, sondern sie waren es, die die Gerichtsprozesse lenkten, sie bestimmten die Taktik und kannten sich, anders als die Richter, in den Gesetzen aus.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
III.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Eine schwierige Rechtslage</span></h4>
<p>Man stelle sich einen Forscher im Jahre 4000 nach Christus vor: er be­kommt den Auftrag, das Recht und die Gerichtsverfassung im Deutsch­land des 19. und 20. Jahrhunderts darzustellen. An zeitgenössischen Quel­len stehen ihm einige Theaterstücke, etwa <em>Der zerbrochene Krug</em>, <em>Der Hauptmann von Köpenick</em> und <em>Der kaukasische Kreidekreis</em> zur Verfügung, ferner Martin Heideggers Gesamtwerk und das Bienenrecht aus dem BGB Stand 1911 – das sei, außer einigen Fragmenten hier und da, alles.</p>
<p>Man wird einräumen, daß der Forscher sich in einer nicht eben benei­denswerten Lage befände. Und man wird sehr leicht seine Begeiste­rung verstehen, wenn er nun plötzlich auf eine Sammlung von Schriftsät­zen eines Anwalts am Bundesgerichtshof – sagen wir – aus den Jahren 1946 bis 1976 stößt. Als ein Geschenk des Himmels wird er sie angesichts der übrigen Quellen ansehen und er wird sie nach allen Regeln seiner Wissenschaft ausweiden, obwohl er natürlich weiß, wie problematisch gelegentlich der Rückschluß aus einem Anwaltsschriftsatz auf die Rechts­lage sein kann.</p>
<p>Was nun für jenen Forscher die genannten Theaterstücke und das Ge­samtwerk Heideggers sind, das sind für die heutigen Althistoriker die Komödien des Aristophanes und das gut erhaltene Werk Platon’s, und was jenem die Schriftsätze sind, das sind heute die erhaltenen Reden der Logographen und darunter vor allem die Gerichtsreden des Lysias. <a href="#_edn19" name="_ednref19">[19]</a> Und dies ist – in wenigen groben Strichen – das Bild, das uns die Forscher vom Rechtsleben im klassischen Athen zeichnen: <a href="#_edn20" name="_ednref20">[20]</a></p>
<p>Die Gerichtsbarkeit lag in den Händen von Laienrichtern. Sie wurden jeden Tag neu den Gerichten zugelost und bekamen ein Sitzungsgeld für ihre Tätigkeit. Es gab eine schwer überschaubare Zahl von Gerichten, die meist mit 500 Geschworenen besetzt waren. Jedes Gericht war für be­stimmte Klagearten zuständig.</p>
<p>Ausländer, Frauen und Sklaven nahmen am Rechtsleben nur einge­schränkt oder gar nicht teil, Sklaven durften gefoltert werden. Jeder männli­che athenische Bürger konnte jeden anderen Bürger verklagen. Er brauchte bei vielen Klagearten keine Verletzung eigener Rechte geltend zu machen, es reichte aus, wenn er das öffentliche Wohl verteidigen zu müssen angab. Eine strenge Scheidung in Straf- und Zivilsachen gab es nicht. Es war also leicht zu klagen.</p>
<p>Und folglich wurde viel geklagt. Geschäftstüchtige Leute – die sogenann­ten Sykophanten – ersannen an den Haaren herbei gezogene Klagen gegen wohlhabende Mitbürger oder drohten damit und ließen sich dann gegen klingende Münze großzügig abfinden. Man konnte auch den politischen Gegner vortrefflich in öffentlichen Mißkredit bringen, indem man ihm peinliche Prozesse anhängte: das war nicht viel schwerer, als es heute ist, eine Pressekampagne anzuzetteln und es erfüllte die glei­che Funktion. <a href="#_edn21" name="_ednref21">[21]</a></p>
<p>Bei den meisten Klagen fand ein Vorverfahren vor einem Friedensrich­ter statt. Wenn man sich nicht einigte, nahm er Klage und Klageerwiderung nebst angebotenen Beweismitteln auf und verschloß die ent­sprechenden Schriftstücke in einer Kapsel. Dort blieben sie bis zur Verhandlung vor dem Gericht, die von einem Beamten geleitet wurde. Jede Partei kam in einer zusammenhängenden Rede zu Wort <a href="#_edn22" name="_ednref22">[22]</a> und mußte sich auf die im Vorverfahren angebrachten Beweismittel beschrän­ken. An geeigneten Stellen innerhalb der Rede ließ der Redner seine Zeugen auftreten und den Gerichtsdiener die vom Redner zu beschaffen­den Gesetzestexte verlesen. Die Richter durften während und nach der Verhandlung nicht miteinander beraten. Sie konnten meist nur die Klage zu­sprechen oder abweisen. Das taten sie, indem sie Stimmsteinchen in Urnen warfen.</p>
<p>Die materielle Rechtslage war unübersichtlich. Es gab zwar die hölzer­nen Pfeiler, in welche Solon zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. einen Grundbestand an Rechtsregeln hatte einritzen lassen. <a href="#_edn23" name="_ednref23">[23]</a> Aber sie waren nach Sprache und Inhalt den Athenern des Jahres 400 beinahe so fremd. wie es für uns germanische Rechtssprüche aus dem Mittelalter sind. Überdies hatten natürlich die Gesetzgeber der auf Solon folgenden 200 Jahre in den unterschiedlichsten politischen Verfassungen neue Ge­setze erlassen, andere aufgehoben, wieder in Kraft gesetzt usw. Welche Verwirrung geherrscht hat und was dabei herauskam, wenn man sie zu beseitigen versuchte, das illustriert die von Lysias verfaßte Rede gegen den Staatsschreiber Nikomachos aus dem Jahre 399. <a href="#_edn24" name="_ednref24">[24]</a> Dieser Mann hatte im Jahre 411 den Auftrag erhalten, eine Sammlung der gültigen Gesetze niederzuschreiben. Hören wir Lysias:</p>
<p>»Während ihm das Geschäft übertragen wurde, in der Zeit von 4 Mona­ten die solonischen Gesetze neu aufzuzeichnen, setzte er sich selbst anstelle Solons zum Gesetzgeber ein, und während ihm eine Frist von 4 Monaten zur Erledigung seines Auftrags gesetzt war, machte er daraus ein Amt von 6jähriger Dauer. Und er ließ sich das Ausstreichen der einen und das Einschreiben der anderen Gesetze Tag für Tag die ganzen 6 Jahre hindurch bezahlen.«</p>
<p>Damit aber nicht genug. Die vor Gericht streitenden Parteien brach­ten einander widersprechende Gesetze für sich vor und beide behaupte­ten, sie hätten die ihrigen von Nikomachos erhalten.</p>
<p>Der Logograph hatte bei solchen ›Rahmenbedingungen‹ einen denk­bar schweren Stand: Er durfte selbst nicht vor Gericht auftreten, mußte demnach die Stimmung der rechtsunkundigen Richter sowie die Verteidi­gung des Gegners vorausahnen und das Plädoyer darauf einzurich­ten versuchen, die Gesetzestexte mußte er beschaffen und konnte doch nicht sicher sein, ob sich der Gegner nicht ›bessere‹ Texte ›beschafft‹ hatte. Da konnte nur ein Meister seines Fachs bestehen.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
IV.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Die Schule der Beredsamkeit</span></h4>
<p>Wie wurde man ein solcher Meister? Hatte man Akademien, Institute der Rechtsgelehrsamkeit? Man hatte nicht. Und mehr noch: Es fehlte vollstän­dig an einer Rechtswissenschaft in unserm heutigen Sinn. Als schmerzhaften Mangel empfand man das allerdings nicht. Denn dafür gab es etwas anderes: die Schulen der Rhetorik. Lysias von Syrakus be­trieb eine solche Schule in Athen, <a href="#_edn25" name="_ednref25">[25]</a> bis er vor den Dreißig ins Exil fliehen mußte.</p>
<p>Rhetorik – wenn wir dieses Wort hören, melden sich die Ressenti­ments: Schönschwätzerei und Wortgeklingel, Sonntagsreden, hohles Pa­thos, üble Tricks. Die Kritik an der Rhetorik hat Tradition. Sie läßt sich über Martin Luther <a href="#_edn26" name="_ednref26">[26]</a> und Gregor den Großen <a href="#_edn27" name="_ednref27">[27]</a> zurückverfolgen bis zu Plato und Sokrates. Letzterer verglich sie mit Mode und Kosmetik, sie drapiere, so sagte er, die Wahrheit und schminke sie zurecht; hinterlistig verberge sich hinter dem schönen Schein die arge Schmeichelei mit all ihrer Schlechtigkeit und ihrem Raffinement, mit ihrer Gemeinheit und ihrem Sklavensinn, betrüge mit gekünstelten Formen und Farben, mit Politur und bunten Kleidern. <a href="#_edn28" name="_ednref28">[28]</a> Aber hüten wir uns vor den allzu heftigen Kritikern der Eloquenz. Sie alle sind nämlich vor allem eins: meisterhafte Rhetoriker. Sie bedienen sich reichlich aus dem Fundus, den die Rhetorikleh­rer gefüllt haben.</p>
<p>Die Geburtsstunde der Rhetorik ist von der Geburtsstunde der Demokra­tie in den westgriechischen Stadtstaaten Siziliens um 470 vor Christus nicht zu trennen. <a href="#_edn29" name="_ednref29">[29]</a> Als das Machtwort des Tyrannen nicht mehr galt, trat die Wortmacht der Rhetoren ihren Siegeszug an. Als nicht mehr das Gewicht des Goldes. nicht adlige Geburt und nicht Waffenstärke entscheiden sollten, sondern die Mehrheit der Köpfe, da gab es nur ein Mittel, um Einfluß zu gewinnen: man mußte die Mitbürger durch Reden überzeugen. und zwar dort, wo über die widerstreitenden Interessen entschie­den wurde: in der Volksversammlung und vor Gericht. Die Tech­nik der argumentierenden Rede war es, die ein Rhetoriklehrer wie Lysias erforschte und unterrichtete.</p>
<p>Ein Teil dieser Technik bestand aus Regeln über die rechte Form des Redens. Eine gute Rede sollte damit beginnen. daß man die Zuhörer günstig stimmte: anschließend war der zur Entscheidung stehende Sachver­halt zu schildern und der Streitpunkt klarzulegen. Dann brachte man die eigenen Argumente, zerpflückte diejenigen des Gegners und faßte endlich in einem Schlußappell, der nach Möglichkeit auch in Herz und Gemüt der Zuhörer zielte, die wichtigsten Punkte zusammen. <a href="#_edn30" name="_ednref30">[30]</a></p>
<p>Zu den formalen Regeln gehörte auch die Empfehlung gewisser Stil-figu­ren für einen effektvollen Satzbau, die Handhabung von Reim und Rhythmus, Wortspiel und Alliteration, Mimik, Gestik und Stimmfüh­rung, Mnemotechnik und Atemtraining – ein fein geknüpftes Netz von Begriffen wurde über die gesprochene und die geschriebene Sprache geworfen, um ihre Wirkungsweise verstehen und beherrschen zu können: was damals aus praktischer Notwendigkeit erdacht wurde, ist durch die Jahrhunderte bis heute Grundlage der Wissenschaften von Sprache und Kommunikation geblieben. <a href="#_edn31" name="_ednref31">[31]</a></p>
<p>Der Rhetorik-Unterricht erschöpfte sich natürlich nicht in Regeln für die Gestaltung der Fassade einer Rede. Mindestens genauso wichtig war die Lehre von ihrem Inhalt. Das A und O: wer Gehör finden will, muß selbst ein feines Ohr haben. Die – oftmals unausgesprochenen – logi­schen, psychologischen und anthropologischen Voraussetzungen der Argumentation müssen mit den Grundannahmen der jeweiligen Zuhörer übereinstimmen. Was der Redner sagt, muß vor dem Bildungs- und Erfah­rungshintergrund der Zuhörer plausibel und wahrscheinlich klin­gen. Mit anderen Worten: Als entscheidend für den Erfolg eines Argu­ments sah man nicht seine wie auch immer verstandene Wahrheit an, sondern seine kluge Einbettung in die Erwartungen der Zuhörer, oder, um es im politischen Jargon unserer Tage zu sagen: auf Konsensfähigkeit kam es an. <a href="#_edn32" name="_ednref32">[32]</a> Man ließ es übrigens nicht bei so allgemeinen Anweisungen bewenden, vielmehr stellten die Rhetoriklehrer ihren Schülern umfang-rei­che Sammlungen von erfolgversprechenden Argumentationen für jede Situation zur Verfügung, und zwar säuberlich geordnet nach sogenannten »topoi« (lat. »loci communes«), zu Deutsch »Fundorten«. Das Prinzip des »topischen« Argumentierens, das wegen seiner Geschmeidig­keit auch in der heutigen Rechtswissenschaft seine Vertre­ter <a href="#_edn33" name="_ednref33">[33]</a> hat, mag ein stark vereinfachtes Beispiel erläutern: Der Redner hatte einen alten Mann zu verteidigen, der des Mordes bezichtigt wurde. Schlug er nun in seiner Sammlung nach, so fand er etwa unter dem Stich­wort »Eigenschaften der Person« das Unterstichwort »Alter« und da las er: »Ein alter Mensch ist ruhig und besonnen, er läßt sich nicht wie ein Jüngling zu Gewalttätigkeiten hinreißen.« Aber auch der Ankläger konnte in diesem Fall etwas Brauchbares finden, vielleicht dies: »Ein älte­rer Mensch ist besonnen, er weiß was er tut. Er weiß natürlich auch, daß ihm niemand eine Gewalttat zutraut. Umso ungenierter wird er sie bege­hen.«</p>
<p>Zu jedem Thema. so behauptete ein berühmter Rhetoriker zu Lysias Zeiten, ließen sich zwei entgegengesetzte Meinungen vertreten, auch zu der Frage, ob sich zu jedem Thema zwei entgegengesetzte Meinungen vertreten ließen. <a href="#_edn34" name="_ednref34">[34]</a> Müssen wir also doch unsere Vorurteile gegen die Rheto­rik bestätigen? Ist sie nichts weiter als die Kaderschule der Lüge und Roßtäuscherei? Und was ist unter ethischen Gesichtspunkten eigent­lich von Leuten zu halten, die heute diese und morgen jene Meinung begründen, immer so, wie es der Mandantschaft in den Kram paßt, dem Gericht kommod und dem Portemonnaie bekömmlich ist? Nicht erst die heutigen Anwälte müssen sieh solche vorwurfsvollen Fragen gefallen las­sen.</p>
<p>Es ist nicht überliefert, welche Antwort der Rhetoriklehrer und Anwalt Lysias darauf gab. Aber sie wird nicht weit entfernt gewesen sein von dem, was die Philosophenschule der Sophisten lehrte: Sichere Erkenntnis ist dem Menschen nicht möglich. Es gibt keine absolute Wahrheit und keine absoluten Werte. Die Menschen sind deshalb gezwungen, sich durch ein Gestrüpp von Wahrscheinlichkeiten zu bewegen. Wer also, wie der Anwalt, im Kampf der Interessen für seinen Mandanten alle denkba­ren und erfolgversprechenden Argumente vorbringt, zieht nur die Konse­quenz aus den begrenzten Erkenntnisfähigkeiten des Menschen. <a href="#_edn35" name="_ednref35">[35]</a> Und eins spricht in jedem Falle für ihn: Er zwingt niemandem etwas auf. Sein Gegner kann sich derselben, friedlichen Waffe des Wortes bedienen. Es gewinnt, wer die Mehrheit der Köpfe überzeugt. Und mehr als eine von Wahrscheinlichkeitsgründen abgestützte Überzeugung kann niemand für sich in Anspruch nehmen. Dies ist eine skeptische und zugleich liberale Haltung. Sie orientiert sich nicht an Ewigkeitswerten und Gerechtigkeitsuto­pien. Stattdessen nimmt sie Bedacht auf praktische Ver­nunft. Und sie nimmt das »Mängelwesen Mensch« zum Maß der Dinge.</p>
<p>Das heißt aber nun keineswegs, daß der Redner sich von allen morali­schen und ethischen Bindungen freisagen konnte. Im Gegenteil: Ein wichti­ges Element seiner Überzeugungskraft und damit seines Erfolges bildete nämlich neben dem Wortschatz und dem Rhythmus seiner Rede, neben seinem Witz und seiner geschulten Vortragskunst etwas anderes: die persönliche Glaubwürdigkeit. Er brauchte den Ruf eines Ehren­manns. Und ob er ein Ehrenmann war, darüber konnte er in einer Stadtre­publik seine Mitbürger kaum dauerhaft täuschen. Er mußte es mit sei­ner alltäglichen bürgerlichen Existenz unter Beweis stellen. Der römi­sche Rhetoriklehrer Quintilian bemerkte ironisch, ein guter Redner müsse schon deshalb ein Mann von Moral und Redlichkeit sein, weil man ihm sonst seine Lügen nicht abnähme. <a href="#_edn36" name="_ednref36">[36]</a></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
V.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Biographie</span></h4>
<p>Lysias wurde um 450 vor Christus in Athen geboren. <a href="#_edn37" name="_ednref37">[37]</a> Der Vater war ein Sizilianer aus Syrakus; er betrieb in Athen eine gutgehende Manufak­tur mit über hundert Sklaven; dort wurden Waffen geschmiedet, hauptsäch­lich wohl Schilde. Das Haus dieses wohlhabenden und angesehenen Mannes stand im Peiräus. Er war, wie Lysias selbst, nicht athenischer Bürger, sondern »Metöke«, <a href="#_edn38" name="_ednref38">[38]</a> ein Ausländer mit Wohnrecht und Steuerpflicht. Im Elternhaus des Lysias verkehrten Politiker wie Perik­les und Philosophen wie Sokrates. <a href="#_edn39" name="_ednref39">[39]</a> Es wird eine besonnte Jugend gewesen sein, die Lysias in Athen verbrachte. Als der Vater starb, wan­derte Lysias aus: In der Heimat seines Vaters, in Sizilien, soll er bei dem Begründer der Schulrhetorik, Teisias, Unterricht genommen haben. Zwan­zig Jahre später kehrte er nach Athen zurück und eröffnete selbst eine Rednerschule. Aus dieser Zeit ist eine Übungsrede erhalten. Getreu dem Motto, daß sich zu jedem Thema eine befürwortende wie eine ableh­nende Haltung vertreten ließ, liebten es die Rhetoriklehrer, zu Übungs­zwecken Prunkreden auszuarbeiten, sozusagen Etüden der Beredsam­keit, deren Themen bewußt provozierend, absurd oder schein­bar lächerlich gewählt waren. Es gab Ansprachen über die Existenz des Nichts und Plädoyers zur Ehrenrettung berühmter Schurkengestalten aus Märchen und Mythos. <a href="#_edn40" name="_ednref40">[40]</a> Lysias verfaßte den <em>Erotikos. </em><a href="#_edn41" name="_ednref41">[41]</a> Es geht um Liebe. Und zwar um die Liebe eines reifen Mannes zu einem hübschen Jüng­ling. Wird der leise alternde Herr eher zum Ziel seiner Lüste gelangen. wenn er heiß verliebt ist? Oder hat er mehr Erfolg, wenn er cool bleibt? Lysias verteidigt das Paradoxon: Wer verliebt ist. taugt nicht für die Liebe.</p>
<p>Geübt wurde auch die Erörterung erfundener Rechtsfälle: Ein junger und ein älterer Mann geraten in Streit. Der Alte, erkennbar schwächlich, provoziert und bedroht den Jüngeren. Der Jüngere schlägt zu, verletzt den Kontrahenten, der sich flugs zum Arzt begibt, was er besser gelassen hätte. Denn der Arzt leistet Pfuscharbeit und der Alte stirbt ihm unter den Händen. <a href="#_edn42" name="_ednref42">[42]</a> Ein vergleichender Blick in die Skriptenliteratur unserer Tage lehrt uns die offenbar zeitlose Aktualität solcher Übungsstücke.</p>
<p>Etwa ein Jahrzehnt lang konnte Lysias als Rhetoriklehrer arbeiten. Dann, in den Jahren 404–403 unter dem Regiment der Dreißig. wurde sein und seines Bruders gesamtes Vermögen zerschlagen. Lysias floh mit der demokratischen Partei ins Exil und stand an der Spitze, als die Demokra­ten vom Peiräus aus die Stadt zurückgewannen. Fortan gehörte Lysias trotz des schweren Unrechts, das ihm und seiner Familie gesche­hen war, keineswegs zu den Scharfmachern aufseiten der Volkspartei. Den Mitgliedern der Junta solle man den Prozeß machen, ansonsten aber die Versöhnung suchen, das war seine Haltung und er übernahm auch verschiedentlich die Verteidigung für oligarchische Parteigänger. Da er dies nicht umsonst, sondern gegen gutes Geld tat und auch Argumente verwendete, die er in anderen Prozessen bekämpfte, blieben die Vorwürfe des Opportunismus, der Geschäftemacherei und der allzu großen Gelenkig­keit in Fragen der Moral nicht aus; <a href="#_edn43" name="_ednref43">[43]</a> aber das hatten wir schon.</p>
<p>Es war keineswegs eine Selbstverständlichkeit, daß ein Lehrmeister der Redekunst in der Prozeßpraxis reüssierte. <a href="#_edn44" name="_ednref44">[44]</a> Mancher verfing sich in dem zunehmend kunstreich gesponnenen Netz rhetorischer Regeln und Figu­ren. Aus späterer Zeit wird berichtet, wie ein berühmter Lehrer einen Fall übernahm und vor Gericht seinen Gegner mit rollenden Augen und gro­ßer Geste fragte: »Bist Du bereit, den Streit durch einen Eid zu regeln? So schwöre! Aber ich will den Eid diktieren: Schwöre bei den Gebeinen deines Vaters, die noch nicht begraben sind, schwöre beim Andenken deines Vaters &#8230;« und sofort; als er geendet hatte erhob sich der Gegner und nahm den Vorschlag an. Der Redner protestierte: »Ich habe keinen Vorschlag gemacht. Ich habe eine rhetorische Figur verwendet.« Lysias war aus anderem Holz geschnitzt. Er war ein praktischer Mann. Seine Reden zielten nicht auf den Applaus der Philosophen und Literaten, son­dern auf den Erfolg seiner Auftraggeber vor Gericht. Das waren ganz unterschiedliche Leute: Politiker, Bauern, kleine Händler, reiche Müßig-gän­ger, Beamte – ein Querschnitt durch die athenische Bürger­schaft. Und da sie ihre Gerichtsreden selbst zu sprechen hatten, mußten die Worte, die Gedankengänge, die Gefühlslagen so gewählt werden, daß sie zu den Personen paßten. Sie mußten glaubwürdig sein. Ihre Sprache mußte sich in den Grenzen ihrer Welt bewegen. Und zugleich durften die Er­wartungen der Richter nicht enttäuscht werden, die einerseits Schlicht­heit liebten, andererseits auf eine gewisse Brillanz nicht verzichten woll­ten. Für den Logographen ein Tanz auf dem Eis. Lysias berechnete seine Reden auf den Augenblick: Als einer seiner Mandanten sich beschwerte, beim ersten Lesen der Rede sei er begeistert gewesen. aber bei der zwei­ten und dritten Lektüre habe er doch seine Zweifel bekommen, ob die Argumentation nicht hier und da ihre Brüche habe, antwortete Lysias: »Das ist genau der Grund. warum du die Rede vor Gericht nur ein Mal halten solltest.« <a href="#_edn45" name="_ednref45">[45]</a></p>
<p>Die größte Ehre. nach der Lysias strebte, blieb ihm bis zu seinem Tode versagt: Er wurde niemals athenischer Vollbürger. <a href="#_edn46" name="_ednref46">[46]</a></p>
<p>Eine andere Auszeichnung jedoch wurde ihm zuteil. Bei den 99. Olympi­schen Spielen im Jahre 384 trat er als Redner für den Stadtstaat Athen auf. Für einen wortmächtigen Mann muß es eine große Versu­chung gewesen sein. bei solcher Gelegenheit das ganze Gepränge und Raffinement der oratorischen Kunst zu Gehör zu bringen und sich auf einer Woge festlicher Harmonie in den Himmel heben zu lassen. Das hätte der Üblichkeit entsprochen. Doch Lysias machte einen anderen Gebrauch von seiner Kunst. Er nutzte die Gelegenheit zu einer heftigen Attacke gegen den Tyrannen Dionysios I. von Syrakus, der mit großem Gefolge in Olympia erschienen war, unter anderem, um die Erzeugnisse seiner Dichtkunst vorzutragen (sie soll in ganz Hellas nicht minder gefürch­tet gewesen sein als die Gesangskünste des Troubadix in Gallien). Lysias, ein streitlustiger Alter von bald 70 Jahren. stachelte mit seiner Rede die Jugend der versammelten hellenischen Welt auf, Dionysios und seine sizilianischen Lakaien au dem geheiligten Hain zu jagen. So ge­schah es dann auch. Die Festzelte der syrakusanischen Gesandtschaft wurden gestürmt und Dionysios 1. ergriff die Flucht. <a href="#_edn47" name="_ednref47">[47]</a></p>
<p>Bis in seine späten Tage scheint Lysias ein rüstiger und dem Leben zuge­wandter Mann geblieben zu sein. Als Greis unterhielt er eine Liebesbe­ziehung zu einer Hetäre und ließ ihr und ihrer Schwester mitten in Athen ein Haus bauen. Lysias von Syrakus starb um das Jahr 380 v. Chr. in Athen. Seine olympische Rede dürfte den Höhepunkt seiner öffentli­chen Wirksamkeit gebildet haben. Sie ist, wie die Gerichtsrede wegen der Ermordung seines Bruders, ein Beleg dafür, daß der Pragmatis­mus des Rhetorikers und Anwalts keineswegs in Wertnihilis­mus, opportunistische Geschäftemacherei und ähnliche moralische Bedenk­lichkeiten münden mußte, sondern sich sehr wohl mit einem ho­hen demokratischen Ethos vertrug. Nicht der schlechteste Ausweis zum Eintritt in die Ahnengalerie der Anwaltschaft.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
VI.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Drei Prozeßreden</span></h4>
<p>Im Altertum waren über 400 Niederschriften von Reden des Lysias in Umlauf, die meisten davon gingen verloren, nur 35 sind uns erhalten geblieben; bei einigen ist die Echtheit umstritten. <a href="#_edn48" name="_ednref48">[48]</a></p>
<p>Dreierlei wurde und wird Lysias besonders nachgerühmt: seine takti­sche Intelligenz, seine klare und plastische Schilderung der jeweils zugrunde­liegenden Sachverhalte und schließlich, daß er es meisterhaft verstand, seinen Klienten die Gerichtsreden auf den Leib zu schneidern, ihre Argumentation und ihre Wortwahl ihren Charakteren anzupassen. Drei Beispiele mögen diese Vorzüge illustrieren.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
1. Der Angeklagte fordert eine harte Strafe – für das Opfer (Die 1. Rede). <a href="#_edn49" name="_ednref49">[49]</a></span></h4>
<p>Der Angeklagte steht wegen Mordes vor Gericht, verklagt von den Verwand­ten des Opfers. Der Angeklagte streitet nicht ab, das Opfer getö­tet zu haben. Indes war nach athenischem Gesetz der Ehemann berech­tigt, den Verführer seiner Frau, wenn er ihn auf frischer Tat ertappte, sofort zu töten. Eben dies nimmt der Angeklagte für sich in Anspruch. Die Sache hatte aber einen Haken: Das Tötungsrecht des betrogenen Ehemanns wurde zu Lysias Zeiten bereits als allzu archaisch empfunden und die Richter waren wohl nicht wenig geneigt, andere Motive hinter der Tat zu vermuten, dem Angeklagten mithin die Rechtfertigung abzuerken­nen: <a href="#_edn50" name="_ednref50">[50]</a> in letzterem Falle hätte es den Angeklagten Kopf und Kragen kosten können. Bei der Verteidigung kam deshalb alles darauf an. daß der Angeklagte sich als ein Mann schlichten und geraden Sinnes zeigte und man ihm das rechtfertigende Motiv »ehrlicher Eifersucht« abnahm. Lysias läßt den Angeklagten mit einem Überraschungsangriff beginnen, indem er die Richter zu gnadenloser Härte und zum Aus­spruch der Todesstrafe ermuntert – zu verhängen über den ehebrecheri­schen Fremdgänger. Dieses Urteil habe er, der Angeklagte, in weit vorausei­lendem Gehorsam als Arm des Gesetzes zum Schutz aller Ehemän­ner (also auch der Richter) bereits vollstreckt. Sehen wir zu. wie Lysias es in den folgenden Partien der Verteidigungsrede versteht, den Charakter des treuherzigen Kleinbauern und zugleich ein Genrebild aus dem attischen Familienleben zu malen.</p>
<p>»&#8230; denn, meine Herren, die Wahrheit ist der beste Anwalt und mein einziger dazu. Deshalb bleibt mir nichts übrig, als, so gut ich kann, zu erzählen, wie sich alles zugetragen hat.</p>
<p>Als ich, ihr Herren Athener, mich entschloß zu heiraten und die Frau ins Haus kam, da machte ich es so wie ihr es wohl auch machen würdet: ich hielt sie zwar nicht zu kurz, aber sie konnte bei mir natürlich keines­wegs tun und lassen, was sie wollte. Durchgehen ließ ich ihr nichts und ich hatte immer ein Auge auf sie, wie es eben sein muß. Als sie mir dann allerdings ein Kind schenkte, da gewann sie mein Vertrauen und ich teilte alles mit ihr: denn ich habe mir gedacht, so wäre es am schönsten für das häusliche Glück unserer jungen Familie. Und wirklich, ihr Herren Athener, ihr könnt es mir glauben: damals, in der ersten Zeit, da ist sie für mich die liebste und die beste Frau auf der Welt gewesen. Sie war eine wunderbar sparsame Haushälterin und hatte alles hübsch und gepflegt in Ordnung. Dann starb meine gute Mutter. Und ihr Tod wurde für mich der Beginn allen Übels. Bei der Beerdigung sah dieser Mensch. wegen dem ich hier vor euch stehe, zum ersten Mal meine Frau und nach und nach hat er sie herumgekriegt. Er paßte unsere Dienerin ab, verwickelte sie in Gespräche und das Verderben nahm seinen Lauf. Um euch ein genaues Bild zu verschaffen, muß ich nun etwas ausholen. Mein Häus­chen besteht aus einem ebenerdigen und einem darübergelegenen, gleich-großen Stockwerk: ursprünglich war unten die Männer- und oben die Frauenwohnung. Als nun das Kind kam, hat meine Frau es gestillt. Damit sie aber nicht jedes Mal. wenn das Kind gebadet wurde oder sonst etwas war, die Treppe hinaufsteigen mußte und dabei möglicherweise noch gestürzt wäre, bin ich in das obere Stockwerk gezogen und die Frau nach unten. Bald wurde es zur Gewohnheit, daß die Frau nachts nach unten ging und dort schlief, damit sie das Kind, wenn es schrie, gleich aufnehmen und an die Brust legen konnte. Das ging eine ganze Zeit lang so. Nie wäre ich darauf gekommen, irgendetwas dahinter zu vermuten: im Gegenteil, in meiner Blindheit hielt ich allen Ernstes meine Frau für die treueste Seele von ganz Athen. Die Wochen gingen dahin, ihr Her­ren, und eines Tages, als ich vor der Zeit vorn Feld nach Hause kam und gerade gegessen hatte, fing plötzlich das Kind an zu schreien und brüllte wie am Spieß.</p>
<p>Was ich damals noch nicht wußte, aber später erfuhr, ist: die Dienerin hatte das Kind absichtlich geärgert. um es zum Schreien zu bringen. Dieser Mann war nämlich im Hause. Nun, ich sagte zu meiner Frau, sie solle sich um das Kind kümmern und ihm die Brust geben. daß es mit der Heulerei aufhörte. Erst wollte sie nicht Innunter, angeblich, weil sie sich freute, mich endlich wiederzusehen. Da hin ich wütend geworden und habe ihr gesagt, sie müsse jetzt aber gehen. »Ja, ja« sagte sie »damit Du hier oben mit dem Kindermädchen allein bist. Neulich, als Du betrunken warst, da hast Du’s ja auch mit ihr getrieben.« Da mußte ich lachen. Sie lachte auch und tat so, als ob sie mit mir herumalbern wollte. Jedenfalls stand sie auf, ging aus dem Zimmer, schloß die Tür und drehte den Schlüs­sel um. Und ich, arglos, wie ich immer noch war und müde von der Arbeit auf dem Felde, legte mich hin und schlief den Schlaf des Gerech­ten. Gegen Morgen kam sie und schloß die Türe auf.</p>
<p>Warum nachts die Türen so gequietscht hätten, fragte ich sie. Ja, sagte sie, das Lämpchen am Kinderbett sei ausgegangen und sie habe es bei den Nachbarn wieder anzünden lassen. Ich habe geschwiegen und habe mir gedacht: Es wird wohl so sein. Allerdings kam es mir so vor, als ob sie Schminke und Puder im Gesicht hatte, was mich etwas wunderte. Schließ­lich war die Trauerzeit für ihren kurz vorher gestorbenen Bruder noch nicht vorbei. Gesagt habe ich trotzdem nichts, sondern bin schwei­gend hinaus aufs Feld gegangen.</p>
<p>Danach verging wieder einige Zeit, während der ich weit entfernt war, von meiner Schande auch nur etwas zu ahnen; bis mich eines Tages eine alte Frau ansprach, und zwar geschickt von einer anderen Frau, die ihrer­seits, wie ich später erfuhr, zuvor von diesem Eratosthenes verführt wor­den war. Diese andere Frau war mittlerweile schlecht zu sprechen auf Eratosthenes, weil er sie nicht mehr mit der gewohnten Regelmäßigkeit besuchte, und sie ließ ihn so lange bewachen, bis sie schließlich die Ursa­che seiner nachlassenden Liebe gefunden hatte. Die alte Menschin nun trat ganz in der Nähe meines Hauses. wo sie auf der Lauer lau, auf mich zu und sagte: »Euphiletos« sagte sie »Euphiletos! Denk ja nicht, es ist irgend ein Weibergewäsch, was ich dir zu sagen habe. Hör mir zu. Dieser Mann frevelt an dir und deiner Frau. Er ist unser gemeinsamer Feind, verstehst du?! Wenn du deine Dienerin, die, die immer zum Markt geht und dir hei Tisch aufwartet, wenn du die nimmst und ausquetschst, dann wirst du alles gewahr. Es ist Eratosthenes aus Oie, er ist der Übeltäter; er hat nicht nur deine Frau verführt, sondern noch jede Menge andere. Er macht regelrecht eine Wissenschaft daraus. Mit diesen Worten machte sie sich aus dem Staube, ihr Herren, und ich, ich war wie vor den Kopf gesto­ßen. Dann aber hielten Argwohn und Verdacht mit Macht Einzug bei mir und auf einmal schien es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen: ich mußte daran denken, wie mich meine Frau im Zimmer eingeschlos­sen hatte, mir fiel ein, wie die Hoftür und die Haustür in die­ser Nacht gequietscht hatten, was doch sonst nie vorkam, und ich sah das geschminkte Gesicht meiner Frau vor mir. All das schoß mir durch den Kopf und ich war erfüllt von Argwohn. Als ich nach Hause kam. befahl ich der Dienerin mit mir zum Markte zu gehen, führte sie dann aber in das Haus eines meiner Freunde und eröffnete ihr, daß ich über alle Vor­gänge in meinem Hause bestens unterrichtet sei. »Du hast jetzt die Wahl« sagte ich ihr »entweder ich lasse dich foltern und in die Mühle werfen, wo du für der Rest deines Lebens wie ein Esel das Rad treten kannst, oder du ge­stehst mir jetzt auf der Stelle die ganze Wahrheit, dann geschieht dir nichts und ich werde dir deine Missetaten verzeihen. Wage aber nicht, mich zu belügen. Sag die Wahrheit.« Erst hat sie geleugnet und gesagt, ich solle tun, was ich nicht lassen könne, sie wisse von nichts. Als ich aber den Namen »Eratosthenes« nannte und daß er »derjenige, welcher« ist, da war sie sehr betroffen, weil sie wohl annahm, ich wüßte alles bis ins Kleinste. Plötzlich warf sie sich vor mir nieder, nahm mir das Verspre­chen ab, daß ich ihr nichts tun würde, und dann sprudelte sie los und klagte ihn an: wie er sich nach der Beerdigung an sie herangemacht, wie er sich ihrer als geheimer Botschafterin bedient und meine Frau zu einem Treffen überredet hatte, unter welchen Vorwänden sie ihm Zugang ver­schaffte, wie meine Frau beim Erntedankfest mit seiner Mutter den Tem­pel besuchte, während ich aufs Land gefahren war, alles erzählt sie mir, bis in die kleinsten Kleinigkeiten. Als sie fertig war, habe ich ihr gesagt: »Du stehst mir dafür gerade, daß kein Mensch etwas von all dem erfährt. Wenn aber doch: so werde ich unsere Verabredung vergessen. Ich ver­lange von dir, daß du mir eine Gelegenheit schaffst, sie auf frischer Tat zu er­tappen. Ich will keine Worte. sondern klare Beweise und Tatsachen.« Sie erklärte sich einverstanden.</p>
<p>(Ich will euch nun schildern), was an dem letzten Tage geschah. Ich hatte einen guten Freund namens Sostratos. Den traf ich, als er nach Sonnenuntergang vom Feld kam. Da ich wußte, daß er hei sich zu Hause um diese Tageszeit niemanden antreffen würde, lud ich ihn ein bei mir zu es­sen. Wir gingen also zu nur nach Hause und aßen in meinem Zimmer zu Abend. Er ließ es sich schmecken, verabschiedete sich und ging. Ich legte mich schlafen. Und wer dann kam, ihr Herren, das war kein ande­rer als Eratosthenes. Da hat mich die Dienerin sofort geweckt und mir gesagt, er sei im Hause. Ich sagte ihr, sie solle die Türen bewachen, schlich mich aus dem Haus und versuchte, Freunde zusammenzuholen, die einen waren zu Hause, die andern nicht. Ich trommelte so viele wie möglich zusammen und dann zogen wir los. Aus dem nächsten Laden nahmen wir Fackeln mit und gingen hinein.</p>
<p>Die Haustür steht offen, die Dienerin hat alles richtig gemacht. Wir sto­ßen die Schlafzimmertür auf und die von uns als erste in den Raum treten, sehen ihn bei der Frau liegen, als die letzten hineinkommen, steht er nackt auf dem Bett. Ich, ihr Herren Athener, ich verpasse ihm einen Schlag. Er sackt sofort zusammen. Ich bringe ihm beide Hände auf den Rücken und fessele sie. »Wie wagst Du es, mein Haus zu betreten?« frage ich ihn. Er gesteht seine Schuld sofort ein und beginnt zu bitten und zu flehen, ich solle Geld nehmen und ihn nicht töten. »Ich werde dich nicht töten,« sage ich, «ich nicht! Aber das Recht wird dich töten, das Gesetz unserer Stadt! Das du übertreten hast, weil es dir weniger gilt als die Befriedi­gung deiner Lüste. Weil du es vorziehst, in Sünde zu leben und dich an meiner Frau und an meinen Kindern zu versündigen statt die Gebote des Rechts und des Anstands zu achten! &#8230;«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
2. Ein schwer versehrter Herr? (Die 24. Rede)</span><span style="font-size: 10pt;"> <a href="#_edn51" name="_ednref51">[51]</a></span></h4>
<p>Athen war natürlich keine Demokratie im heutigen Sinne. »Volksherr­schaft« ist nur dann ein passender Ausdruck, wenn man Sklaven, Frauen und Bürger anderer Städte nicht zum Volke zählt. Und noch einer Bevölke­rungsgruppe blieben die hohen Ämter verschlossen: den Körper-be­hinderten. Sie bekamen aber, wenn sie denn athenische Vollbür­ger waren, für den Ausschluß von der Macht und den damit verbun­denen Pfründen Ausgleich in Form einer Versehrtenrente. Jedes Jahr überprüfte ein Gericht die Berechtigung zum Bezug der Rente. Wer immer etwas gegen den Rentier zu erinnern hatte, konnte eine Klage anbringen. <a href="#_edn52" name="_ednref52">[52]</a> So war es auch dem Mann geschehen, dem Lysias die nachfol­gend in Ausschnitten wiedergegebene Rede schrieb. Er war allem An­schein nach sichtbar gehbehindert und betrieb ein kleines Ladenge­schäft, eine Bude, in der er irgendwelche Salben zum Kauf anbot, viel­leicht konnte man bei ihm auch einen Wein trinken. Diesem Mann, des­sen Verteidigungsrede wir gleich hören, machte ein Mitbürger die Behinder­tenrente streitig, denn er reite auf Pferden einher, sei also offen­bar fit, und benötige auch deshalb keine staatliche Unterstützung, weil er mit seiner Bude genug verdiene und dort auch zweifelhaften Umgang pflege. Seine Verteidigungsrede macht uns mit einem attischen Schlitzohr be­kannt:</p>
<p>»&#8230; Hohes Gericht, diejenigen, denen das Schicksal ein Unglück aufgela­den hat, werden, so glaube ich, sich zu helfen versuchen; sie wer­den darüber nachdenken, wie sie ihr Schicksal mit der geringsten Unbequem­lichkeit tragen können. Einer von diesen bin ich und in mei­ner Notlage bin ich darauf verfallen mir ab und zu ein Pferd zu borgen, wenn ich schon mal einen längeren Weg machen muß. Daß ich nur aus diesem Grunde Pferde ausborge, hohes Gericht, und nicht etwa, wie der Kläger behauptet, zu Sport und Vergnügen, dafür ist der beste Beweis dieser: Wenn ich es mir erlauben könnte, so würde ich doch ein eigenes, bequem gesatteltes Maultier reiten, und nicht auf andrer Leute Pferde klettern. Aber weil ich mir solche Anschaffungen nun einmal nicht erlau­ben kann, bin ich ja regelrecht gezwungen, jetzt und auch in Zukunft, mir von fremden Leuten Pferde auszuleihen. Und wieder, Hohes Gericht: Ist es nicht unlogisch daß dieser da, käme ich auf einem eigenen Maultier einher, schweigen müßte – denn was wollte er wohl dagegen haben? – nun aber, weil ich auf geborgten Pferden reite, will er euch weismachen, wunders wie gesund ich doch bin? Da könnte er mir genauso gut vorwer­fen, daß ich mich auf zwei Krücken stützen muß, indem er etwa sagte: Während sich andere mit nur einer Krücke begnügen, leiste ich mir in meinem grenzenlosen Reichtum gleich zwei – weshalb ich also kernge­sund sein müsse. Kann man sich eine krausere Logik vorstellen? &#8230;</p>
<p>Und wenn einer von euch sich doch von ihm überzeugen ließe: wa­rum eigentlich hin ich bis heute vom Regierungsamt ausgeschlossen? Wo doch einzig die Schwerversehrten nicht zu Archonten gelost werden kön­nen? So nehmt mir meine kleine Rente! Nur zu! Erkennt sie am besten gleich dem Kläger zu und beschließt, daß nicht ich der Krüppel bin, son­dern er! Und wenn ihr mich dann für gesund erklärt, wer sollte mich wohl hindern, in die Regierung einzutreten und statt der kleinen Rente einen erklecklichen Beamtensold zu kassieren? Aber nein, natürlich, das ist nicht eure Meinung, und es ist in Wahrheit auch nicht die Überzeu­gung des K Eigers. Er kam ja nur, um mir meine Behinderung streitig zu machen, als wäre sie eine reiche Braut. Und allein deshalb will er euch überreden, etwas anderes zu glauben als das was ihr seht. Aber er wird damit keinen Erfolg haben können. Denn ihr seid Leute mit gesundem Menschenverstand. Ihr seht, welch ein alter Krüppel hier vor Euch steht. Ihr traut euren Augen mehr als seinen schönen Reden. &#8230; Weiter behaup­tet er, in meiner Bude sammle ich Leute um mich, die ihr eignes Geld verpraßt hätten und jetzt darauf ausgingen, andern das ihre aus der Ta­sche zu ziehen. Aber Vorsicht! Denn damit klagt er ja keineswegs nur mich an, sondern in Wirklichkeit alle, die einen solchen Laden haben wie ich. Und er bezichtigt nicht nur meine Kundschaft, sondern in Wahrheit alle, die in solche Läden gehn. Und jeder geht dorthin, auch ihr geht dorthin, der eine in die Salbenbude, der andere zum Barbier, der dritte zum Schuster, der vierte wohin es ihn eben grade treibt, meistens natür­lich in eine der vielen Buden gleich hier am Markt, seltener in die weiter abgelegenen. Sollte also tatsächlich einer von euch meine Kunden für Spitzbuben halten, so müßte er das gleiche für die Kunden der übrigen Läden gelten lassen, und wenn für die, dann doch wohl für alle Athener. Denn, wie ich schon sagte, ihr alle liebt es, über den Markt und durch die Gassen zu schlendern und eure kleinen Vergnügungen in diesen und besonders in jenen Etablissements zu suchen.</p>
<p>Aber es gibt nun wirklich keinen Grund, daß ich euch noch länger mit der akribischen Widerlegung all der Einzelheiten langweile, die mir der Kläger vorwirft. Das Wesentliche habe ich gesagt – zu welchem Nutzen und Frommen sollte ich es ihm gleichtun und euch mit Strohhalmaffären belästigen? Nein, hohes Gericht, ich habe nicht mehr als eine schlichte Bitte an euch: denkt über mich, wie ihr auch früher gedacht habt. Bleibt bei eurer Meinung. Die einzige Gunst, die das Schicksal mir in unserer Vaterstadt zu genießen gab – laßt nicht zu, daß dieser eine da sie mir raubt und euch alle beredet, mir wieder zu nehmen, was ihr mir schon so lange zugebilligt habt. Deshalb nämlich, Hohes Gericht, weil blindes Unglück uns Gebrechliche von Amt und Ehren ausgeschlossen hat, teilt uns das Gesetz diese schmale Rente als Entschädigung zu, in der weisen Einsicht, daß der Zufall über Glück und Unglück eines jeden von uns nicht nach Verdienst richtet, sondern nach Willkür. Wie sollte ich da nicht die elendeste und bejammernswerteste Kreatur heißen, wenn mich erst mein erbärmlicher Körper um das größte und schönste betrügt, das es gibt, nämlich den Dienst an der Vaterstadt, und mich dann auch noch der Kläger des Almosens beraubt, das mir eben diese Vaterstadt in ihrer Weisheit und Weitsicht gab? Niemals, hohes Gericht, niemals dürft ihr so urteilen! Wie auch hätte ich ein solches Urteil verdient? Habe ich je ge­gen irgendeinen von euch Prozesse geführt und ihn um sein Vermögen gebracht? Niemand wird das behaupten können. Steck ich die Nase in fremde Angelegenheiten, bin ich ein Heißsporn und Streithahn? Das ist nicht der Gebrauch, den ich von meinen bescheidenen Kräften mache. Bin ich ein unverschämter Angeber, bin ich ein Schläger? Sogar der Klä­ger würde das nicht behaupten, es sei denn, er wollte der Legion seiner Lügen noch eine weitere hinzufügen. War ich in der Zeit der Diktatur auf der Seite der Mächtigen? Habe ich meine Mitbürger unterdrückt? Im Gegenteil! Mit den Demokraten bin ich ins Exil nach Chalkis gegangen; während ich hier in Ruhe hätte leben können, habe ich mit euch die Gefah­ren des Freiheitskampfes geteilt.</p>
<p>Hohes Gericht! Da ich in nichts gefehlt habe, behandelt mich nicht wie einen Verbrecher. Schließt euch den früheren Entscheidungen in meiner Sache an. Bedenkt: Es geht hier nicht um Rechenschaft über Staats­gelder, es geht auch nicht um die Entlastung eines hohen Beamten, es handelt sich – um ein Almosen, die Rede ist von einem Obolus. Wenn ihr das bedenkt so werdet ihr ein gerechtes Urteil fällen und ich für mein Teil werde es euch zu danken wissen. Dieser aber, der Kläger, wird für die Zukunft etwas lernen. Er wird nämlich lernen, daß es sich nicht ge­hört, über Schwächere herzufallen, sondern daß man die Kräfte mit seines­gleichen messen soll.«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
3.  Unbegrenzte Auslegung (Die 10. Rede)</span> <span style="font-size: 10pt;"><a href="#_edn53" name="_ednref53">[53]</a></span></h4>
<p>Der letzte Redeausschnitt zeigt uns Lysias auf der Höhe seiner taktischen Meisterschaft. Die Ausgangslage für seinen Mandanten war denkbar schwierig: Er hatte in einem Prozeß als Zeuge ausgesagt: und zwar hatten er und ein weiterer Zeuge bestätigt, daß der Angeklagte, ein gewisser Theomnest, in einer Schlacht den »Schild weggeworfen«, also Fahnen­flucht begangen habe. Theomnest wurde trotzdem freigesprochen, war seinerseits zum Gegenangriff übergegangen und hatte die Verurteilung des anderen Zeugen wegen Verleumdung erreicht. Gelegentlich dieser Rechtsstreite hatte Theomnest wohl eher beiläufig über Lysias Mandan­ten geäußert, dem sei ohnehin nicht zu glauben, schließlich habe er sei­nen Vater umgebracht. Diese Äußerung bildete nun den Hintergrund für den dritten Prozeß: Lysias verfaßte für seinen Mandanten – wohl auch, um einer Verleumdungsklage des Theomnest zuvorzukommen – seiner­seits eine Verleumdungsklage gegen Theomnest. Das Gesetz gab dafür nicht allzuviel her. Einen abstrakt gefaßten Verleumdungsparagraphen gab es nicht. Vielmehr verbot das Gesetz – in archaischer Manier – nur den Gebrauch bestimmter, einzeln aufgezählter Worte. Eines jener Worte lautete »Vatermörder«. Dieses Wort hatte Theomnest unstreitig nicht gebraucht. Hatte er den Vorwurf sinngemäß erhoben? Lysias läßt keinen Zweifel daran. Aber er belegt das nicht mit Tatsachen (gaben sie nichts her?). sondern er wählt einen indirekten Weg: Theomnest, so macht er die Zuhörer glauben, verteidigt sich mit einer überholten. skla­visch am Wortlaut haftenden. ja nachgerade lächerlichen Auslegung des Verleumdungsgesetzes: Wer sich so verteidigt, klagt sich an! Das war der Eindruck, der den Richtern vermittelt werden sollte. Und zugleich sollten sie daran erinnert werden, daß man es bei Theomnest schließlich mit einem Fahnenflüchtigen zu tun hatte. Dabei durfte er allerdings den Vor­wurf der Fahnenflucht nicht direkt erheben – das wäre zu gefährlich gewe­sen, weil es dem Theomnest angesichts der Vorprozesse Anlaß zu erfolgversprechender Verleumdungsklage gegeben hätte.</p>
<p>»&#8230; Vielleicht wird er sich wieder auf das Argument verlegen, das er schon vor dem Friedensrichter gebraucht hat. Das Gesetz, wird er sagen. bestrafe nur den wegen Beleidigung, der ganz bestimmte, verbotene Ausdrü­cke verwende. Wenn er also behaupte, ich hätte meinen Vater getötet, so verstoße er deswegen nicht gegen das Gesetz, weil dort nur der Ge­brauch des Wortes ›Mörder‹ unter Strafe gestellt sei; diesen Ausdruck habe er aber nicht in den Mund genommen. Ich für mein Teil glaube allerdings, ihr Herren Richter interessiert euch nicht für begriffliche Spitzfin­digkeiten, sondern für den Sinn des Gesetzes. Und ihr wißt natür­lich, daß nur diejenigen, die einen Menschen getötet haben, Mörder hei­ßen, und umgekehrt jeder, der ein Mörder ist, auch einen Menschen getötet hat. Da hätte der Gesetzgeber eine Menge Arbeit, wenn er immer all die Wörter einzeln herzählen wollte, die dasselbe bedeuten. Die alle meint er, indem er eins nennt.</p>
<p>Und du, Theomnest! Wenn jemand behauptet, du habest gegen dei­nen Vater oder gegen deine Mutter die Hand erhoben – dies sind die Worte des Gesetzes –, so würdest du gegen den Verleumder vor Gericht gehen! Und mit Recht! Aber würdest du es denn mit weniger Recht tun, wenn dieser Jemand gesagt hätte: Jener Theomnest hat seinen männli­chen und seinen weiblichen Elternteil geschlagen? Mit Vergnügen würde ich auch auf eine andere Frage deine Antwort hören, denn darin bist du von uns beiden zweifellos der größere Meister, im Worteschmieden und im Reden: Angenommen. jemand sagt, du seist als Soldat aus dem Feld geflohen: das Gesetz, ich rufe es in Erinnerung. lautet wörtlich: »Wer einen anderen zu Unrecht der Fahnenflucht bezichtigt, wird bestraft.« – So würdest du ihn sicherlich zur Rechenschaft ziehen, oder etwa nicht? Und wenn er dann anfinge sich zu verteidigen und sagte: Er habe ja nicht be­hauptet, du seist von der Fahne, sondern nur, du seist aus dem Felde geflohen, was würdest du antworten? Wäre die Sache damit für dich erle­digt? Wie? Und wenn du Polizeigewalt hättest und es käme jemand und führte dir einen Banditen vor und sagte zu dir: »Verhafte ihn, er hat mir Mantel und Jacke gestohlen!« Diesen Banditen ließest du laufen, weil du von Gesetzes wegen nur Leute verhaften darfst, die »Diebe« genannt werden, nicht aber solche, die etwas gestohlen haben? Und wenn einer auf frischer Tat bei einer Kindesentführung betroffen wird, dem würdest du wahrscheinlich bescheinigen, daß er keineswegs ein Menschenräuber ist, weil nämlich deine Gedanken viel zu sehr in Wortklaubereien ver­strickt sind und du keine Zeit mehr hast für die wirklichen Tatsachen, derentwegen doch alleine die Menschen so viele Worte machen!</p>
<p>Und nun, ihr Herren Richter, merkt wohl auf: Mir scheint nämlich, un­ser Theomnest hat sich mit seiner schlappen und vergnügungssüchti­gen Existenz noch nicht ein einziges Mal zu unserem höchsten Kriminalge­richt auf den Areopag hinaufgeschleppt. Ihr alle wißt es natür­lich: wenn dort vor den Geschworenen ein Mordfall verhandelt wird, dann spricht zunächst der Ankläger den Schwur und er gebraucht dabei keineswegs den Ausdruck »Mord«, sondern er schwört, der Angeklagte habe einen Menschen »getötet«, und genauso schwört dann der Ange­klagte, er habe nicht »getötet«. Sie gebrauchen also gerade das Wort, das Theomest auf mich angewandt hat. Was für eine absurde Logik wäre es aber, den Täter, der sich als Mörder bekannt hat, freizusprechen mit der Begründung, die Anklage habe nicht auf Mord gelautet, sondern darauf, der Angeklagte habe getötet? Und ist es nicht genau das, was Theomnest zu seinen Gunsten anführen will?</p>
<p>Aber zurück zu dir, Theomnest &#8230; Bist du eigentlich so gewieft, daß du die Gesetze so zurechtbiegen kannst, wie es dir gerade zupaß kommt? Oder bist du so mächtig, daß niemand, dem du ein Unrecht zufügst, dich mit Erfolg zur Rechenschaft ziehen kann? Schämst du dich nicht eines solchen Benehmens? Schämst du dich nicht, deinen Vorteil darin zu su­chen, ungestraft Unrecht tun zu können, anstatt dir Verdienste um un­sere Vaterstadt zu erwerben? &#8230; Lies mir nun die altehrwürdigen Gesetze Solons vor:</p>
<p><em>Gesetz:<br />
</em>»Welchem das Heliaia Gericht schärfere Strafe zumißt, fünf Tage<br />
fest in das Schandeisen lege man solchem Manne den Fuß.«</p>
<p>Nun, das »Schandeisen«, Theomnest, ist genau das, was wir heute als öffentliche Fesselung an den Holzblock kennen. Und wenn nun einer, nachdem er die Fesselung an den Holzblock glücklich überstanden hat, käme und eine Klage anbrächte gegen die Vollstreckungsbeamten mit der Begründung. man habe ihn ans Eisen aber nicht ans Holz fesseln dürfen, würde man den nicht für, sagen wir, einigermaßen beschränkt halten? Lies das andere Gesetz vor:</p>
<p><em>Gesetz:<br />
</em>»Es schwöre den Schwur bei Apoll der handhafte Mann und bringe der Bürgen sieben. Und hege er Furcht vor dem Richtspruch. nimmer­mehr sei ihm verstattet zu fliehen.«<br />
»Handhaft« bedeutet natürlich »auf frischer Tat« beim Diebstahl er­wischt, und »verstattet« bedeutet »erlaubt«.</p>
<p><em>Gesetz:<br />
</em>»Welcher Mann die Tür verschleußt, während der Dieb im Hause ver­weilt &#8230;«<br />
»Verschleußen« heißt nichts anderes als »verschließen« und ich bitte dich, Theomnest, keine Debatte darüber!</p>
<p><em>Gesetz:<br />
</em>»Sind für ein Darlehen Zinsen bedungen &#8230;«<br />
»Bedungen«, bester Freund, hat an dieser Stelle nichts mit »Dung« und »düngen« zu tun, sondern bedeutet ganz einfach versprochen.</p>
<p>Es gibt noch vieles dieser Art, ihr Herren Richter. Und wenn er nicht ein kompletter Holzkopf ist, dann müßte es ihm jetzt in den Trichter gekommen sein: Die Dinge sind dieselben, heute wie damals, nur die Bezeichnungen, die Namen der Dinge gebrauchen wir heute teilweise nicht mehr so wie früher. Er selbst wird es eingestehen: schweigend, so glaube ich, wird er gleich das Gericht verlassen. Wenn aber nicht, so bitte ich euch, ihr Herren Richter, erkennet das Rechtliche! Erwägt, wieviel schlimmer es ist, hören zu müssen, man habe den eigenen Vater getötet, als, man habe Fahnenflucht begangen. Ich jedenfalls möchte lieber tau­send Mal von der Fahne geflohen sein, als in einem so schrecklichen Rufe we­gen meines Vaters zu stehen. Dieser dort, Theomnest, unter der gut begründeten Anklage der Fahnenflucht, die doch weit weniger ehrenrüh­rig ist als diejenige des Vatermordes, fand bei euch nicht nur Mitleid, sondern es gelang ihm sogar, einen Zeugen um seine Ehrenrechte als Bürger dieser Stadt zu bringen. Ich dagegen, der ich ihn tun sah, was auch ihr wißt; der ich damals bei der Fahne geblieben und nicht geflohen bin; ich, der ich angeklagt bin einer grauenhaften und fürchterlichen Tat; ich: wenn er Freispruch erlangt, bin ich erledigt, ruiniert, zerschmettert, er aber keineswegs in gleichem Maße, wenn er wegen Verleumdung verur­teilt wird.</p>
<p>Ich, ihr Herren, sollte von ihm nicht Genugtuung erhalten? Was liegt denn eigentlich gegen mich vor? Daß er zu Recht so üblen Ruf mir anhän­gen will? Aber das sagt ihr ja selbst nicht im Ernst! Daß Theomnest ein anständigerer Mann ist als ich und aus besserem Hause? Das würde er nicht einmal selbst behaupten. Daß ich als Fahnenflüchtiger den we­gen Verleumdung vor Gericht zerre, der als tapferer Soldat im Felde ausharrte? Nicht so lautet allerdings die Rede, die in der Stadt umgeht. &#8230; Ich weiß nicht, ob ich über all das noch mehr sagen sollte. Daß ihr aber Theomnest verurteilen solltet, dies weiß ich, denn es hat noch nie einen wichtigeren Prozeß für mich gegeben als diesen: Zwar oberflächlich geht es hier nur um eine Verleumdungsklage, doch mit eurem Urteil entscheidet ihr zugleich über die schlimme Anklage, die dahinter steht und um die es eigentlich geht. Und diese gegen mich erhobene Klage lautet auf Vatermord! &#8230;</p>
<p>Bedenkt all dies und steht mir bei! Steht meinem Vater bei! Steht zu den geschriebenen Gesetzen und zu dem heiligen Eid, den ihr geschwo­ren habt!«</p>
<hr />
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">Anmerkungen:</span></h4>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>    Friedrich Blass, Die Attische Beredsamkeit, I. Abteilung, Leipzig 1887, S. 633; Ferdinand Baur, Die erhaltenen Reden des Lysias, übersetzt, erläutert und mit Einleitungen versehen. Stuttgart 1868 ff.. S. 50.</p>
<p><a href="#_ednref2" name="_edn2"><sup>[2]</sup></a>     »Verteidigungsrede wegen des ausgegrabenen Ölbaumes« (7. Rede), Baur aaO S. 137 ff.; vgl. auch: Ernst Heitsch, Recht und Taktik in der 7. Rede des Lysias, Museum Helveticum 18 (1961) S. 204–219.</p>
<p><a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a>   »Verteidigungsrede gegen Simon« (3. Rede), Baur S. 93 ff.</p>
<p><a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a>   »Rede gegen Eratosthenes« (12. Rede), Baur S. 174 ff.; die Rede ist unter II in Auszügen wiedergegeben</p>
<p><a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a>   »Rede gegen den Staatsschreiber Nikomachos« (30. Rede), Baur S. 403 ff.</p>
<p><a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a>   »Rede gegen Diogeiton« (32. Rede), Baur S. 433 ff.</p>
<p><a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a>   »Verteidigungsrede gegen einen Antrag auf Entziehung der einem Gebrechlichen bewillig-ten Geldrente« (24. Rede). Baur S. 344 ff. die Rede ist unten in Auszügen wiedergegeben.</p>
<p><a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a>   W. R. M. Lamb: Lysias, with an english translation, Cambridge (Mass.), London, 1976. S. XVII; M.T. Cicero: orator. Lateinisch-Deutsch, ed. Bernhard Kytzler, 3. Auflage, München-Zürich 1988 (Sammlung Tusculum), S. 24 IT. (8. 26 ff.); Libanios v. Antiochia (314–393 n. Chr.): Briefe, Griechisch-Deutsch. ed. G. Fatoutas. T. Kriseher, München 1980, S. 171 S. 423; Albin Lesky: Geschichte der griechischen Literatur, 2. Auflage, Bern und München 1963, S. 641 f.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a>    Die Rede wurde wahrscheinlich zwischen September und Dezember des Jahres 403 v. Chr. gehalten, vgl. Lamb, aaO S. XXIV; Zweifel an dieser Datierung hei Michael Hillgruber: Die zehnte Rede des Lysias, Einleitung, Text und Kommentar, Berlin-New York 1988, S. 100 ff.</p>
<p><a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a>   Näheres über die Lage und Einrichtung der Gerichtsstätten hei Justus Hermann Lipsius: Das Attische Recht und Rechtsverfahren. 3 Bände. Leipzig 1905. 1912. 1915, S. 167 ff.</p>
<p><a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a>   Die Wasseruhr (Klepsydra) wurde regelmäßig von einem der Geschworenen bedient, Lipsius aaO S. 911; Einzelheiten über die Technik der Wasseruhr bei H. Diels: Antike Technik, Berlin 1920, S. 155 ff.</p>
<p><a href="#_ednref12" name="_edn12">[12]</a>   Rede gegen Eratostehenes, vgl. Fn. 4.</p>
<p><a href="#_ednref13" name="_edn13">[13]</a>   Thukydides. Historien, II 47 ff. (Pest in Athen), II, 70 (Belagerung von Poteidaia, Kannibalismus), V 91 ff., 116 (Schicksal der Einwohner von Melos).</p>
<p><a href="#_ednref14" name="_edn14">[14]</a>   Dies schon bald nach dem Tode des Perikles (429 v. Chr.), vgl. Eduard Meyer: Geschichte des Altertums, 9. Auflage 1952–1958, Nachdruck Essen, ohne Jahr, Bd. 7, VI, S. 340 ff.; Leopold von Ranke: Geschichte des Altertums, Stuttgart, o. J., S. 283 ff.</p>
<p><a href="#_ednref15" name="_edn15">[15]</a>   Vgl. Fn. 4, aaO, Rdnr. 26.</p>
<p><a href="#_ednref16" name="_edn16">[16]</a>   Vgl. Fn. 4, aa0, Rdnr. 100</p>
<p><a href="#_ednref17" name="_edn17">[17]</a>   Natürlich hatte Lysias Vorgänger, etwa Antiphon (480–411 v. Chr.); über sie ist aber wenig bekannt und keiner von ihnen hat sich so sehr der praktischen Gerichtsrhetorik gewidmet, vgl. etwa zu Antiphon die Beiträge bei Anargyros Anastassiou/Dieter Irmer: Kleinere attische Redner, Darmstadt 1977, S. 9–65.</p>
<p><a href="#_ednref18" name="_edn18">[18]</a>   Lipsius, Bd. III, 5.905 ff.: die Prozeßpartei konnte in gewissen Fällen befreundete Fürsprecher. sog. synhegoroi (Fürsprecher) oder syndikoi (Sachwalter, daher der deutsche Syndikus), zusätzlich auftreten lassen; da aber die berufsmäßige Prozeßvertretung nicht gestattet war und die Fürsprecher offen auftreten mußten, konnte sich daraus ein anwaltsähnlicher Berufsstand nicht entwickeln.</p>
<p><a href="#_ednref19" name="_edn19">[19]</a>   Vgl.: Louis Gernet: Einführung in das Studium des alten griechischen Rechts, in: Erich Berneker (Hrsg.): Zur griechischen Rechtsgeschichte, Darmstadt 1968, S. 4 ff. (6 ff.).</p>
<p><a href="#_ednref20" name="_edn20">[20]</a>   Die vollständigste Darstellung ist wohl das Werk von Lipsius (Fn. 10); vgl. auch Jochen Bleicken: Die athenische Demokratie, 2. Auflage, Paderborn, München, Wien 1988, S. 162 ff.</p>
<p><a href="#_ednref21" name="_edn21">[21]</a>   Vgl. Bleicken aaO (Fn. 20) S. 320 ff. Ein Fall moderner Sykophantie behandelt BGH Urteil v. 22.5.1989 – II ZR 206,&#8217;88 – NJW 1989, 2689 ff.: Mißbräuchliche Erhebung einer aktienrechtlichen Anfechtungsklage mit dem Ziel, eine Abfindung von der AG zu erhalten</p>
<p><a href="#_ednref22" name="_edn22">[22]</a>   Gelegentlich auch in zwei Reden, Lipsius aaO, S. 910 Fit. 10; Heitsch, aaO; Platon. Apologie. I 17 A, 36 A vgl. Platon: Sämtliche Werke in deutscher Übersetzung, 5. Auflage, Köln und Olten 1967, Erster Band, S. 7ff, 29 ff, 32 ff</p>
<p><a href="#_ednref23" name="_edn23">[23]</a>   Hans Volkmann: Artikel ›Solon‹ in Lexikon der Antike in 5 Bänden (Der kleine Pauly), München 1975.</p>
<p><a href="#_ednref24" name="_edn24">[24]</a>   30. Rede, vgl. Fn. 5</p>
<p><a href="#_ednref25" name="_edn25">[25]</a>   Plöbst in: Pauly-Wissowa. Real-Enzyklopädie. Band XIII Teilband 2. Stuttgart 1927. Sp. 2534–2543: Lesky aaO, S. 639, 640.</p>
<p><a href="#_ednref26" name="_edn26">[26]</a>   Gert Ueding/Bernd Steinbrink, Grundriß der Rhetorik, Stuttgart 1986, S. 80</p>
<p><a href="#_ednref27" name="_edn27">[27]</a>   Dieselben, aaO, S. 57</p>
<p><a href="#_ednref28" name="_edn28">[28]</a>   Platon: Gorgias. zit. nach der Übertragung von Karl Preisendanz. Jena 1920. S. 38.</p>
<p><a href="#_ednref29" name="_edn29">[29]</a>   Gert Ueding/Bernd Steinhrink aaO S. 11 ff.; Manfred Fuhrmann: Die antike Rhetorik, 2. Auflage München-Zürich. 1975. S. 15 ff.; Werner Eisenhut: Einführung in die antike Rhetorik und ihre Geschichte. 3. Auflage. Darmstadt 1952. S. ff.</p>
<p><a href="#_ednref30" name="_edn30">[30]</a>   Vgl. Otto A. Baumhauer: Die sokratische Rhetorik. Eine Theorie sprachlicher Kommunikation. Stuttgart 1956,, S. 130 ff.</p>
<p><a href="#_ednref31" name="_edn31">[31]</a>   Baumhauer. aaO S. 157 ff. (166–179), vgl. den interessanten Überblick hei Ueding/ Steinbrink aaO S. 27 ff (Cicero) 48 ff. (Augustinus) 71 ff. (ars praedicandi im Mittelalter) 78 f. (protestantischer Lehrplan 1546) 115 ff. (Adolph Freiherr von Knigge), 145 ff. (Gerichtsrhetorik des 19. Jahrhunderts), 157 ff. (20 Jahrhundert); zur Rechtsrhetorik heute vgl. Fn. 3; eine literarische Rhetorik, die sich streng an der antiken Systematik und Begrifflichkeit orientiert, bringt Heinrich Lausberg, Elemente der literarischen Rhetorik, 9. Auflage, München 1987</p>
<p><a href="#_ednref32" name="_edn32">[32]</a>   Dies wurde unter dem Begriff des eikós abgehandelt, vgl. Baumhauer aaO S. 135–143.</p>
<p><a href="#_ednref33" name="_edn33">[33]</a>   Vgl. zur ›topos‹-Lehre etwa Baumhauer S. 147 ff.; eine kurzgefaßte moderne Rhetoriklehre, die sich weitestgehend auf antike Lehrbücher stützt und der Sache nach nichts entbehrt, was triviale Rhetorik-Handbücher enthalten, geben Ueding/Steinbrink S. 193 ff. einschließlich einer Sammlung von ›topoi‹ S. 220–235; die Aktualität der Topik-Lehre für die Rechtswissenschaft zeigt Theodor Viehweg, Topik und Jurisprudenz. 5. Auflage, München 1974, S. 14 ff. (17) auf: vgl. auch: Fritjof Haff, Juristische Rhetorik. Freiburg, München. 1981; ders.: Rhetorik und Computer, NJW-COR 1989 II, S. 21 ff; III S. 14 ff. : ders.: Das Tübinger Verhandlungs-Seminar, Tübingen 1988; Walter Grasnick: Über Rechtsrhetorik heute, in Dyck/Jens/Ueding (Hrsg.). Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 7, Tübingen 1988 S. 25 ff. – alle mit zahlreichen weiteren Nachweisen; neuerdings beachtlich: Tonio Walter, Kleine Rhetorikschule für Juristen, München 2009</p>
<p><a href="#_ednref34" name="_edn34">[34]</a>   Protagoras v. Abdera (485–415 v. Chr.). vgl. Baumhauer. aaO. S. 144.</p>
<p><a href="#_ednref35" name="_edn35">[35]</a>   Gorgias v. Leontinoi (484–376 v. Chr.): Über das Nichtseiende in: Thomas Buchheim. Gorgias v. Leontinoi, Reden, Fragmente, Testimonien, Griechisch-Deutsch, Hamburg 1989. S. 41 ff. vgl. auch ebenda Anm. 22 zu Fragment 11a: Isokrates (436–338 v. Chr.), vgl. Fuhrmann aaO S. 24 ff.; vgl. auch Gian Battista Vico: Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung. Düsseldorf 1947, zitiert bei Viehweg (Fn. 33). S. 17.</p>
<p><a href="#_ednref36" name="_edn36">[36]</a>   Vgl. zum Problem der persönlichen Glaubwürdigkeit des Redners für die römische Zeit: C. Joachim Classen. Cicero – heute?, NJW 1989, S. 367 ff. m. w. N.; Clarke, aaO, S. 142 ff. (153); siehe auch: Erwin Fuchs, Darf der Anwalt lügen?, AnwBl 1989, S. 353 ff.</p>
<p><a href="#_ednref37" name="_edn37">[37]</a>   Die Angaben über das Geburtsjahr schwanken zwischen 459 v.Chr. und 432 v. Chr. vgl. Blass aaO. S. 339–345; Ulrich Schindel, Untersuchungen zur Biographie des Redners Lysias, Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge. 110 (1967). S. 32–52, Nachdruck bei Anargyros Anastassiou/Dieter Irmer (Hrsg): Kleinere Attische Redner, Darmstadt 1977, S. 264 ff.; die Zweifel an dem in der Antike angenommenen Geburtsjahr 459 rühren unter anderem daher, daß Lysias noch in den Jahren um 380 ein intimes Verhältnis zu der Dirne Metaneira und ihrer Schwester unterhielt, was man offenbar einem 79jährigen nicht zutraute. Baur aaO S. 27.</p>
<p><a href="#_ednref38" name="_edn38">[38]</a>   Zur rechtlichen und sozialen Stellung der Metöken vgl. Heinz Bellen. Artikel ›Metoikoi‹, Der Kleine Pauly, Bd. 3, München 1975, Op. 1276–1278. m. w. N.</p>
<p><a href="#_ednref39" name="_edn39">[39]</a>   Platon: Der Staat, I, 1327 A – 1332 A. vgl. Platon. Sämtliche Werke (Fn. 22). Bd. 2. S. 5 ff.</p>
<p><a href="#_ednref40" name="_edn40">[40]</a>   Beispielhaft Gorgias v. Leontinoi: Lobpreis der Helena, Verteidigungsrede für Palamedes, aaO (Fn. 35), S. 4 ff., 17 ff.</p>
<p><a href="#_ednref41" name="_edn41">[41]</a>   Vgl. Blass aaO S. 423 ff.; die Rede ist im platonischen Dialog <em>Phaidros</em> wiedergegeben und wird dort von Sokrates heftig kritisiert, Platon. Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 411 ff.</p>
<p><a href="#_ednref42" name="_edn42">[42]</a>   Der Fall stammt von Antiphon (480–411 v. Chr.), vgl. Fuhrmann S. 22 f.</p>
<p><a href="#_ednref43" name="_edn43">[43]</a>   Sehr kritisch zu den Logographen insgesamt: Bleicken aaO, S. 176 ff. H. J. Wolff in: Methodische Grundfragen der rechtsgeschichtlichen Verwendung attischer Gerichtsreden, zit. bei Hillgruber (Fn. 9), S. 9.</p>
<p><a href="#_ednref44" name="_edn44">[44]</a>   Clarke: Die Rhetorik hei den Römern. Göttingen 1968. S. 117 f.: Vgl. auch: Wilhelm Süss: Ethos. Aalen 1975 (Neudruck der Ausgabe Leipzig 1910), S. 225 ff.</p>
<p><a href="#_ednref45" name="_edn45">[45]</a>   Lamb aaO (Fn. 8) S. XVIII</p>
<p><a href="#_ednref46" name="_edn46">[46]</a>   Unmittelbar nach Absetzung der »Dreißig« im Jahre 403 beantragte Thrasybul, Lysias die Vollbürgerschaft wegen seiner Verdienste um die Demokratie zu verleihen: der Antrag scheiterte an einem Formfehler, vgl. Plöbst aaO (Fn. 25)</p>
<p><a href="#_ednref47" name="_edn47">[47]</a>   Blass aaO, S. 430 ff.; die Rede wird teilweise in 388 v. Chr. (98. Olympiade) datiert, vgl. Marcello Gigante: II discorso olimpico di Lisia, Studi in onore di L. Castiglioni, Florenz 1960, zit. nach Anastassiou/lrmer (Fn. 37), S. 158 ff. (Übersetzung von Fiorella Grensemann)</p>
<p><a href="#_ednref48" name="_edn48">[48]</a>   Blass aaO S. 353 ff.: Baur aaO S. 40.</p>
<p><a href="#_ednref49" name="_edn49">[49]</a>   »Verteidigungsrede wegen der Tötung des Eratosthenes« ( I. Rede). Die Rede wurde vor einem der Blutgerichte gehalten; wahrscheinlieh vor dem Delphinion, das für Tötungsklagen zuständig war, bei denen sich der Täter auf Rechtfertigungsgründe berief. vgl. Lipsius. aaO (FN 10), S. 121 ff.; Baur aaO (Fn. 1). S. 44, 56: Lamb aaO (Fn. 8). S. 3; vgl. auch LG Paderborn. Urteil v. 12.10.1989 – 1 S 197/89 – NJW 1990. 261) ff.: Kein Schmerzensgeld für den vom Ehemann in flagranti ertappten und sofort heftig verprügelten Liebhaber.</p>
<p><a href="#_ednref50" name="_edn50">[50]</a>   Lamb aaO (Fn. 49)</p>
<p><a href="#_ednref51" name="_edn51">[51]</a>   Vgl. Fn. 7; die Rede wurde bald nach 4113 v. Chr. im Rat der 500 (Bule) gehalten, Lamb S. 516, 517: Baur 344–346.</p>
<p><a href="#_ednref52" name="_edn52">[52]</a>   Die Rente war unterschiedlich hoch und betrug zur Zeit der Rede wohl 1 Obolus täglich, Blass S. 634; 2 Oboloi täglich ernährten einen »mäßigen Mann«, vgl. Anton Westermann. Lysias, Ausgewählte Reden, Stuttgart o. J., S. 63 (Einleitung zur 24. Rede)</p>
<p><a href="#_ednref53" name="_edn53">[53]</a>   »Gegen Theomnest I« (10. Rede); die Rede wurde um 384 v. Chr. vor einem Heliastengericht gehalten; sie hat Anlaß zu sehr weitreichenden Rückschlüssen auf die Grundlagen des griechische Rechtsdenkens gegeben; u. a. wurde aus ihr die These abgeleitet, es habe in Athen rigoroser Gesetzespositivismus geherrscht, das entspräche der formalistischen Orientierung archaischen Rechtsdenkens, vgl. Hillgruber (Fn. 9) passim; Baur (Fn. 1), S. 161 f.; Lamb (Fn. 8), S. 196 f.; vielleicht handelt es sich aber auch um einen rhetorischen Trick, der darin besteht, dass Lysias die positivistische Pedanterie seines Gegners maßlos übertreibt, um sie dann desto leichter durch Lächerlichkeit erledigen zu können</p>
<p style="text-align: justify;">
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/aus-der-ahnengalerie-der-anwaelte/">Aus der Ahnengalerie der Anwälte (1991)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
