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	<title>Wieland(Christoph Martin) archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Im Namen der Robe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Mar 2004 20:00:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feature]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Namen der Robe Richtergestalten in Oper und Literatur / Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Spr. 1: weibliche, helle, junge Stimme Spr. 2: hörbar ältere, männliche Stimme Spr. 3: junge männliche Stimme Spr. 4: weibliche Stimme Spr. 5: metallisch-sonore männliche Stimme (ein bißchen wie aus der Filmwerbung) &#160;   O-Ton Shorty [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/radiotexte/features/Im-Namen-der-Robe.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Im Namen der Robe</h1>
<h3 style="text-align: left;">Richtergestalten in Oper und Literatur / Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Spr. 1: weibliche, helle, junge Stimme<br />
Spr. 2: hörbar ältere, männliche Stimme<br />
Spr. 3: junge männliche Stimme<br />
Spr. 4: weibliche Stimme<br />
Spr. 5: metallisch-sonore männliche Stimme (ein bißchen wie aus der Filmwerbung)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em> </em></p>
<p><em>O-Ton Shorty Long (Soul-Song: </em>Here comes the judge!<em>):<br />
</em>»Jiiiiji! – Jiiiiji!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>O-Ton Barbara Salesch (Sat 1-Werbung):<br />
</em>»Gleich spricht Richterin Barbara Salesch das Urteil. Bleiben Sie dran!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long:<br />
</em>»The court’s in session! The court’s in session!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Zu der Zeit aber war Richterin in Israel die Prophetin Deborah &#8230; Und sie wohnete unter den Palmen &#8230; auf dem Gebirge Ephraim. Und die Kinder Israel kamen hinauf zu ihr vor Gericht &#8230; Lobet den Herren, die ihr auf schönen Eseln reitet, die Ihr am Gericht sitzet und singet.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Altes Testament, Buch der Richter</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long:<br />
</em>»Here comes the judge. Here comes the judge!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Zu vier Orten in einer Stadt zieht es mich auf Reisen immer wieder: zu den öffentlichen Anlagen, zum Markt, zum Friedhof und zum Gerichtsge­bäude.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>André Gide, <em>Erinnerungen aus dem Schwurgericht</em>.</p>
<p><em>Ab etwa der Mitte des Gide-Textes erklingt O-Ton </em>Martha<em> (Finale des Ersten Aufzu­ges aus Friedrich von Flotows Oper </em>Martha<em>. Man hört auf dem Hintergrund eines verhaltenen Volksgemurmels zunächst eine Amtsglocke schallen. Dann beginnt das Orchester, anschließend fällt der Chor ein: »Der Markt beginnt, die Glocke schallt, der Richter naht mit Amtsgewalt.«)</em></p>
<p><em>Die folgenden Sätze werden sehr rasch und im Flüsterton (auch einander überlap­pend) gleich ab Beginn der Musik gesprochen, man muß nicht jedes Wort genau verste­hen, das ganze soll höchstens 30 Sekunden dauern. Die mit * gekennzeichneten Sätze sind dem Roman </em>Letzte Instanz<em> von William Gaddis, (2. Auflage, Hamburg 2003) entnommen, der mit ** einem Interview mit dem italienischen Ministerpräsiden­ten Silvio Berlusconi (FAZ vom 6. September 2003, Nr. 207, S. 6). </em></p>
<p><em>S</em><em>pr. 4:<br />
</em>»Gerechtigkeit? Gerechtigkeit gibt’s im Jenseits, hier auf Erden gibt’s das Recht.«*</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Seien Sie still, der Richter kommt.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Mein Gott, ist der häßlich!</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Um diese Arbeit zu machen, muß man psychisch gestört sein, anthropo­logisch anders als der Rest der Menschheit.«**</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Bloß gut, daß ihn noch keiner dabei erwischt hat, wie er sein Gebiß im Glas darauf hin untersucht, ob er am Vortag zu Abend gegessen hat.«*</p>
<p><em>Musik bricht ab.</em></p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc? – What’s up, Doc?<em> (amerikanische Filmkomödie von Peter Bogdanovic aus dem Jahr 1972). Szene 25 (spielt im Bezirksgericht von San Francisco). Man hört das Geräusch, wie Richter Maxwell den Saal betritt, er sagt noch nichts, währenddessen &#8230;</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Psst. Er sieht uns an.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc?:</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Sehen Sie sich dieses Volk an, ein übler Haufen, durch und durch verdor­ben.</p>
<p>Konstabler:<br />
Das sind nur die Zuschauer.</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Ja, natürlich. Fangen wir an.</p>
<p>Konstabler:<br />
Achtung, allen hier Anwesenden geben wir kund und zu wissen, daß der Hohe Gerichtshof hiermit am 30. Juni 1972 die Verhandlung eröff­net. Den Vorsitz hat seine Ehren Richter Marvin B. Maxwell.</p>
<p><em>Richter Maxwell</em> <em>schlägt mit dem Hammer auf den Tisch. O-Ton endet. </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Kein Tag ohne Richter.</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh beginnt, Text läuft weiter. </em>Here comes the judge<em> (Reggae-Song). Vor dem Song ist ein gesprochener Text von Peter Tosh, der soll hier wegbleiben, so daß der O-Ton mit den drei Schlägen des Schlagzeugers beginnt. </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Barbara Salesch, Alexander Holdt, 15 Uhr Familiengericht, 16 Uhr Jugendgericht. 20 Uhr <em>Tagesschau</em>: Der Bundesgerichtshof, das Bundesverfas­sungsgericht, der Europäische Gerichtshof. Eine Robe schö­ner als die andere. Die Welt ist voller Richter.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr 1:<br />
</em>Im Namen der Robe. Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch.<br />
Ein Feature von Christoph Schmitz-Scholemann</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Den Beruf des Richters gab es schon, als man die Gesetze noch mit Kei­len in Tontafeln schrieb. Und am Jüngsten Tag wird es ihn erst recht geben. Ein archaischer Beruf, wie der des Priesters und des Dichters. (<em>O-Ton Peter Tosh endet.) </em>Hier ist sein Porträt, live und in Farbe, gemalt nach den Lügen des Lebens und der Wahrheit der Literatur. Enthaltend ein abschließendes Gespräch, in dem herausragende Vertreter des Berufs­standes selbst zu Wort kommen.</p>
<p><em>O-Ton Oper </em>Zar und Zimmermann<em> von Albert Lortzing, Arie des van Bett, es handelt sich um eine ironisch-triumphale Arie, die mit den Worten »O sancta justizia!« beginnt. Lediglich diese drei gesungenen Worte – ohne Orchestervorspiel – sollen hier erklingen. </em></p>
<p><em>van Bett:<br />
</em>O sancta Justizia!</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?<em>: </em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Setzen Sie sich! Ich wünsche keine Störungen, keinen Lärm, keine Zwi­schenrufe oder sonstige Demonstrationen. Ich wünsche Frieden, Ruhe und Ordnung. Wenn hier irgendein Unsinn getrieben wird, ganz gleich, welcher Art, greife ich unbarmherzig durch. Ich warne also, ich denke, das ist klar genug.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?<em> endet.</em></p>
<p><em>Spr. 1 (sehr ruhig):<br />
</em>»Zu der Zeit kamen zwo Huren zum Könige und traten vor ihn. Und das eine Weib sprach: Ah, mein Herr, ich und dies Weib wohneten in einem Hause, und ich gebar bei ihr im Hause: Und über drei Tage, da ich geboren hatte, gebar sie auch, und wir waren beieinander, daß kein Fremder mit uns war im Hause, nur wir beide. Und dieses Weibes Sohn starb in der Nacht, denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, und legte ihn an ihren Arm und ihren toten Sohn legt sie an meinen Arm &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em><em>Erstes Buch von den Königen</em>, 3, 16</p>
<p><em>Spr. 1</em>:<br />
Und Salomo sprach: Holet mir ein Schwert her. Und da das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach er: Teilet das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sprach das Weib, dessen Sohn lebete zum Könige (denn ihr mütterlich Herz ent­brannte über ihren Sohn): Ah, mein Herr. Gebet ihr das Kind lebendig und tötet es nicht. Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein, laßt es teilen. Da antwortet der König und sprach: Gebt dieser das Kind leben­dig und tötets nicht. Die ist seine Mutter.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Gott wollte keine Könige. Er wollte Richter. Sind Richter Könige?«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Du bist gegen mich nur ein Schafskopf, mein lieber Sancho &#8230; und ein­zig weil die fahrende Ritterschaft dich mit ihrem Hauch berührt hat, wirst du ohne weitere Umstände Richter &#8230; Bedenke zuallererst, daß die äußere Erscheinung eines zu wichtigen Ämtern erhobenen Menschen mit dem übereinstimmen muß, was das Amt erheischt.«</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Ratschlag des fahrenden Ritters Don Quichote an seinen Knappen, den Bauern Sancho Pansa, als diesem das Richteramt übertragen wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Erstes Kapitel: Gerechtigkeit und gute Form</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Mäntel sollen sie auf ihren Schultern tragen. Ohne Waffen sollen sie sein. Nüchtern sollen sie Urteil finden über jeglichen Mann, er sei deutsch oder wendisch, leibeigen oder frei.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Sachsenspiegel, deutsches Gesetzbuch aus dem 13. Jahrhundert.</p>
<p><em>Spr. 5 (mit Temperament, es handelt sich um den Richter Azdak, der in Brechts </em>Kau­kasischem Kreidekreis<em> ein lebhaft-chaotischer, polternder und gutherziger Charakter ist):<br />
</em>»&#8230; Er kann ein Ochse sein, aber er muß bestallt sein, sonst wird das Recht verletzt, das ein sehr empfindliches Wesen ist, etwa wie die Milz, die niemals mit Fäusten geschlagen werden darf, sonst tritt der Tod ein &#8230; Recht muß immer in vollkommenem Ernst gesprochen werden &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 4 (leise über den weiterlaufenden Text des Azdak gesprochen):<br />
</em>Bert Brecht, <em>Der Kaukasische Kreidekreis</em>, Richter Azdak.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Wenn zum Beispiel ein Richter eine Frau verknackt, weil sie für ihr Kind ein Maisbrot gestohlen hat, und er hat seine Robe nicht an oder er kratzt sich beim Urteil so, daß mehr als ein Drittel von ihm entblößt ist, das heißt, er muß sich dann am Oberschenkel kratzen, dann ist das Urteil eine Schande und das Recht ist verletzt. Eher noch könnte eine Richter­robe und ein Richterhut ein Urteil sprechen als ein Mensch ohne das alles. Das Recht ist weg wie nix, wenn nicht aufgepaßt wird &#8230;«</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh weiter ab der Stelle, an der er zuvor unterbrochen wurde</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Man sagt leicht, was soll die Robe, was soll der Stab, was soll das Ba­rett. Natürlich sind alle Hüte der Welt für sich genommen unwichtiger als ein einziger richtiger Gedanke, der unterhalb des Hutes gedacht wird. Es ist aber ein falscher Gedanke, daß es nur auf das Innere ankäme. Die Insignien der Macht schaffen Distanz zwischen dem Menschen und der Macht. Sie zeigen, daß der Macht ausübende Mensch und der der Macht unterworfene Mensch sich &#8230;</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh endet.</em></p>
<p>&#8230; voneinander unterscheiden, aber nicht im Wesen. Es ist eben nur der Hut. Wichtig bleibt immer, daß man einen Menschen nicht mit sei­nem Hut verwechselt. Und der Mensch sein Herz nicht mit seiner Perücke. Vor allem, wenn die Perücke staubig ist.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?:</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
<em>niest</em></p>
<p>Konstabler:<br />
»Euer Ehren fühlen sich doch wohl?«</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Nein, meine Ehren fühlen sich nicht wohl. Ich habe Kopfschmerzen, Mein Kreislauf hat praktisch aufgehört zu funktionieren und meine Ner­ven sind völlig am Ende.«</p>
<p>Konstabler:<br />
»Das tut mir leid.«</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Haben Sie eine Ahnung, was das heißt, hier zu sitzen Tag für Tag, wenn an Ihnen diese endlose Parade menschlicher Trümmerhaufen vorbei­zieht?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Der Bad Mergentheimer Kreidekreis.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Am 24. Oktober 1996 erschienen im Amtsgericht Bad Mergentheim eine Frau, ihr kürzlich geschiedener Mann, ein Tierpsychologe und ein zehn Jahre alter Pudel. Der ehemals gemeinsame Pudel lebte bei der Frau und der Mann verlangte »Herausgabe«. Die Frau sagte, sie fürchte um die Seele des Pudels. Der Richter beobachtete alle im Verhandlungssaal versammelten Kreaturen genau und stellte fest,</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; daß der Hund, nachdem er von der Leine genommen war, sich so­fort zielstrebig zum <em>Mann </em> begab, sich von diesem bereitwillig auf den Schoß nehmen ließ und dort deutliche Zeichen des Wohlgefallens von sich gab; z. B. leckte er das Gesicht des Mannes mehrfach ab. Der Sachver­ständige führte aus, daß der Hund nach wie vor &#8230; beide Parteien möge.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Da ein Vergleich scheiterte, und auch eine Teilung des zum Hausrat gehö­renden Pudels nicht in Betracht zu ziehen war, entschied der Rich­ter, der Mann dürfe</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; zweimal monatlich &#8230; mit dem Hund &#8230; spazieren &#8230; gehen &#8230;, je­weils am 1. und 3. Donnerstag eines jeden Monats von 14 bis 17 Uhr.«</p>
<p><em>O-Ton </em>Zar und Zimmermann<em>, Arie van Bett (wie vorher):<br />
</em>»O sancta justizia!«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Zweites Kapitel. Das Gefühl der Ratlosigkeit beim Versuch, das Recht zu erkennen. Oder: Der Schatten des Körpers des Esels.</p>
<p><em>Spr. 3 (nachdem bis hierhin ein ziemliches Tempo vorherrschte, soll der folgende Text ruhig ein wenig altväterlich gesprochen werden):<br />
</em>In der Stadt Abdera, die nicht nur in Griechenland liegt, und, wenn sie auch schon tausend Mal an der Sinnesart ihrer Bewohner zugrunde gegangen ist, &#8230;</p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>Frei nach Christoph Martin Wieland: <em>Die Geschichte der Abderiten</em>.</p>
<p><em>Hier setzt O-Ton Richard Strauss ein: Die Arie des Richters Philippides aus der Oper </em>Des Esels Schatten<em> von Richard Strauss. Die Musik strahlt eine leicht melancho­lische Heiterkeit aus und läuft unaufdringlich unter dem Text.</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>doch keineswegs ermangelt, ein tausendunderstes und zehntausendund­erstes Mal wieder geboren zu werden, und zwar ebenfalls aus der Sinnesart ihrer Bewohner, in der Stadt Abdera also trug sich der folgende bemerkenswerte Rechtshandel zu: Der Zahnarzt Struthion mie­tete einen Esel, um in die Nachbarstadt zu reiten &#8230; Es war ein heißer Mittag, die Sonne stach und dem Zahnarzt ward so matt zu Mute, wie manchen seiner Patienten beim Anblick des Dentisten-Werkzeugs. Er befahl dem Eselsführer das Tier anzuhalten, stieg vom Esel und wollte, um sich zu erfrischen, im Schatten des Eselskörpers Platz nehmen. Der Eselsführer aber war damit nicht einverstanden, er habe den <em>Esel </em>vermie­tet, nicht aber den <em>Schatten</em>. Wenn der Schatten genutzt werden solle, so sei neben der Eselsmiete eine weitere Drachme fällig. Der arme über­hitzte Zahnarzt konnte oder wollte nicht zahlen, und so kam es zu einem Prozeß, dessen Verlauf, wie alle wichtigen Angelegenheiten in Abdera, auf das lebhafteste öffentliche Interesse stieß. Die Einzelheiten des Rechtshan­dels samt seiner politischen Knoten und Knäuel auszuwickeln ist hier nicht der Ort. Was uns interessiert ist nicht der Prozeß, sondern der Richter: Philippides war, wie so viele Amtsrichter, &#8230; ein ehrbarer, nüchterner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann, der jedermann mit großer Geduld anhörte, den Leuten freundlichen Bescheid gab und im allgemeinen Rufe stand, daß er unbestechlich sei. Überdies war er ein guter Musikus und deshalb sang er, bevor er, wie es der Brauch kluger Richter ist, einen Vergleich vorschlug, eine kleine Kavatine über die Gerech­tigkeit &#8230;</p>
<p><em>Die Arie ist nun – nach 1:48 – fast am Ende und tritt für die letzten Worte in den Vordergrund, so daß man den folgenden Text gut verstehen kann:</em></p>
<p>Philippides:<br />
»Recht ist von Unrecht oft nicht zu trennen.<br />
Der Mensch ist gut, nur hat er Schwächen!<br />
Wer soll da wohl ein Urteil sprechen?<br />
Oh böses Schicksal! Grad mich verdammt es<br />
zur undankbaren Pflicht des Richteramtes.«<em> </em></p>
<p><em>O-Ton Richard Strauss endet.</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Sollte man das Urteilen überhaupt ablehnen? Sind Richter überflüs­sig? Richte nicht, lautet ein berühmtes Christuswort. Hegel sagte, die Weltgeschichte ist das Weltgerichte, heute heißt es, der Markt ist das Gesetz, der Erfolg das Urteil und kein Richter soll die Hohen Priester des Geldes daran hindern, Werte zu schaffen. Aber von welchen Werten ist da die Rede? Die Philosophin Hannah Arendt schrieb in ihrem Buch <em>Eichmann in Jerusalem</em>:</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»daß menschliche Wesen fähig sein sollten, Recht und Unrecht zu unter­scheiden und zwar selbst dann, wenn alles, was sie leiten könnte, nur ihr eigenes Urteil ist &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Diese Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; beruht auf jenem <em>sensus communis </em>– dem gemeinen und gesunden Ver­stande &#8230; Er ist das Vermögen, durch das die Menschen von den Tie­ren und den Göttern unterschieden sind. Die eigentliche Humanität des Menschen ist es, die sich in diesem Sinn manifestiert &#8230;, weil die Kommunika­tion, das heißt die Sprache, von ihm abhängt &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Recht ist Sprache. Sprache ist Atem und Leben.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Drittes Kapitel. Von den Freuden des Amtes.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Justizia ist blind, sagte sich Homer Simpson, als er – in der 19. Folge der fünften Staffel – zum Schöffen ernannte wurde. Für die Sitzung kaufte er sich eine Brille, deren Gläser zugeklebt waren. Das Volk müsse allerdings glauben, daß ein jederzeit waches Auge auf ihm ruhe, erwog Homer Simpson weiter, weshalb er die Aufkleber auf seinen Brillen­gläsern mit weit aufgerissenen Augen bemalte. Das ganze hatte übrigens den Vorteil, daß er bei den Plädoyers ungeniert die Augen schließen und vom Sitzungsgeld träumen konnte.</p>
<p><em>Alle Spr. gemeinsam (Chor der Richter) (Es handelt sich um den Chor der Richter aus der Komödie </em>Die Wespen<em> des Aristophanes):<br />
</em>»Welch Wesen auf Erden ist hoch beglückt, gefeiert und reich wie ein Richter,<br />
Hat Freuden die Füll’, ist gefürchtet zugleich, wie ein Richter, vor al­lem ein alter?«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Aristophanes: <em>Die Wespen</em>, Uraufführung 405 vor Christus. Es gab da­mals in Athen eine Leidenschaft, die man »Philheliastie« nannte. Man könnte das Wort mit »Richterwahn« übersetzen. Die Athener verklagten einander wie verrückt. Jeden Tag gab es Prozesse. Sie fanden im Freien statt. Es gab kunstvolle und tränenreiche Reden. Man schaute mindestens so gerne zu wie im Mittelalter den Weltgerichtsspielen und heutzutage bei Barbara Salesch. Jedes Zeitalter hat seine eigene Form der Gerichts-show. In Athen wollte jeder Richter sein. Die Chancen dazu waren gut. Denn ein Gericht bestand, je nach Wichtigkeit des Falles, aus bis zu 1001 Rich­tern.</p>
<p><em>Chor der Richter:<br />
</em>»Ich komme nach Haus, mit der Löhnung im Maul, &#8230; und mein Töchter­chen wischt ganz behende<br />
Jedes Stäubchen mir ab und salbt mir die Füß’ und drückt mich und hät­schelt<br />
Und küßt mich: ›Mein liebes Papachen!‹ und fischt drei Obolen raus mit der Zunge.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Drei Obolen pro Sitzung, damit konnte eine Familie gut auskommen. Athen hatte damals ungefähr 50.000 Bürger. Davon waren 6.000 Richter. Deutschland hat knapp 15.000 Richter und müßte 10 Millionen haben, um mit dem Athen der Blütezeit gleichzuziehen.</p>
<p><em>Chor der Richter:<br />
</em>»Denn wenn im Gerichtshof wir lärmen und schrein,<br />
Da bleiben sie stehn, die vorüber gehn,<br />
Und sprechen: Allmächtiger Zeus, das Gericht!<br />
Wie es donnert und tobt!<br />
Und schleudr’ ich den Blitz, dann schnattern vor Angst<br />
Und Entsetzen die reichen, hochachtbaren Herrn<br />
Und kacken sich voll.«</p>
<p><em>Spr. 2 (dem Chor ins Wort fallend):<br />
</em>»Macht nicht solchen Lärm, Ihr Richter von Athen &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4 (leise über den weiterlaufenden Text gesprochen):<br />
</em>Nach Platon, <em>Die Verteidigung des Sokrates</em>.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Ich sage Euch: Wenn der Tod, den Ihr soeben über mich verhängt habt &#8230; nichts weiter ist als eine Auswanderung aus dieser Welt an einen anderen Ort, und wenn ferner das wahr ist, was gesagt wird, daß nämlich alle Verstorbenen im Hades sind – was für ein größeres Glück könnte es wohl geben als eben dies? Denn wenn jemand nun endlich seine diessei­tigen Richter los wird und, in der Unterwelt angelangt, dort die wahren Richter antrifft, die dort wahres Recht sprechen, nämlich den Minos und Rhadamanthys &#8230; wäre das wohl ein schlechter Umzug?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em><em>Der chinesische Kreidekreis</em>. Klabund.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>China, das alte Reich. Wieder ein Streit zwischen zwei Frauen um ein Kind. Die wahre Mutter, Tschang-Haitang, hofft auf ein salomonisches Urteil. Aber der Richter hat andere Gedanken.</p>
<p><em>Spr. 5 (innerer Monolog, genüßlich):<br />
</em>»&#8230; heute bin ich leider ein wenig verkatert. Ich habe die Nacht &#8230; ver­bracht in Gemeinschaft mit den drei reizenden Mädchen Yü, Yei und Yau &#8230; Der Nacken von Yü, alle Achtung! Aber die Schenkel von Yau, auch nicht übel. Aber erst die kleinen Brüste von Yei, ihnen muß ich doch den Preis zuerkennen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Tschang-Haitang wirft sich vor dem Richter nieder. Aber sie hat keine Chance. Er ist bestochen.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Im Namen seiner himmlischen Majestät erkennt der Hohe Gerichts­hof zu Recht folgendes Urteil: Die Angeklagte Tschang-Haitang wird wegen versuchten Kindesraubes &#8230; zum Tod durch des Henkers Schwert verurteilt. Gerichtsdiener, legt ihr den Block um den Hals.«</p>
<p><em>Hier beginnt O-Ton Oper </em>Die Teufel von Loudun<em> (handelt von einem Inquisitions­prozeß), Krysztof Penderecki, 3. Akt, 1. Szene, Vorspiel. Es handelt sich um eine sehr leise beginnende, düstere Musik (etwa 1:40). Sie wird den Text nicht stören, da sie, bis auf einige Spitzen, fast nur ein Rauschen und Grummeln ist. Sie soll unter allen im folgenden Kapitel enthaltenen Texten von Spr. 5 liegen, die dem Ab­schnitt über das Jüngste Gericht aus der </em>Legenda Aurea<em> des Jacobus de Voragine (gest. 1298) nachempfunden sind. Sie müßte zeitlich ungefähr reichen, wenn nicht, soll sie einfach wieder von vorne anfangen. Wenn sie – vor allem am Anfang – zu leise ist, um ihren Zweck zu erfüllen, nämlich die Texte aus der Legenda aurea einerseits atmosphä­risch zu verstärken und sie andererseits von den eingeschobenen Texten (Um­berto Eco, Joseph Conrad, Victor Hugo) abzusetzen, kann man auch lediglich die etwa zwanzig lauteren und dramatischeren Sekunden aus der zweiten Hälfte der Musik nehmen und jeweils unter den Texten von Spr. 5 wiederholen. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Kapitel vier: Angst</p>
<p><em>Spr. 1, 2, 3: (wie eine düster gemurmelte Litanei):<br />
</em>»Adventus domini per quattuor septimanas agitur ad significandum quod quadruplex est adventus: scilicet in carmen, in mentem, in mortem et ad judicium &#8230; signa autem terribilis praecedentia judicium et comitan­tia. Antecedentia sunt tria signa terribilia Antichristo fallacia et ignis vehe­mentia.«</p>
<p><em>Spr. 5 (feierlich und ernst, einsetzend nach dem Wort »septimanas« im vorherigen Text, der dann rasch zurücktritt und ausläuft):<br />
</em>»Amen. Amen. Hallelujah.<br />
Vierfach ist die Ankunft des Herrn: Drei Mal voll Freude über die Menschwerdung Gottes, ein Mal voll Angst vor der Strenge des Richters.<br />
Und dies sind die Vorzeichen des Gerichts: Das Meer wird sich heben fünfzehn Ellen über das höchste Gebirg. Das Untier des Meeres wird aus den Tiefen treten an Land und es wird brüllen zum Himmel und nie­mand wird sein Brüllen verstehen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1 (über den weiterlaufenden Text von Spr. 2, leise):<br />
</em>Das Jüngste Gericht nach Jacobus de Voragine, gestorben 1298, <em>Le­genda aurea</em>, Kapitel 1, De adventu domini:</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»&#8230; Die Vögel werden fallen vom Firmament und verstummen in Furcht vor dem Richter. Blitze fahren dem Himmel ins Angesicht, die Felsen bersten und die Steine prasseln, die Lebenden fliehen aus ihren Häusern und Höhlen, die Gebeine der Toten verlassen die Gräber und heulen in den Gassen. Die Sonne wird schwarz wie ein härener Sack, der Mond ein blutiger See in der Nacht &#8230; Hiernach beginnt das Gericht des Richters, wie Johannes in der Geheimen Offenbarung sagt: Und aus dem Mund des Richters ging ein scharf Schwert &#8230;«</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Bernard Gui &#8230; wußte &#8230; sehr genau, wie man die Angst seiner Opfer in Panik verwandelt. Er sprach nicht, im Gegenteil, während alle erwarte­ten, daß er mit dem Verhör beginnen werde, wühlte er schweigend in den Blättern &#8230;«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>Umberto Eco: <em>Der Name der Rose</em>. »Fünfter Tag – Nona – Worin Recht gesprochen wird und man den beklemmenden Eindruck hat, daß alle im Unrecht sind.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»&#8230; die ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch lagen, und tat so, als ob er sie ordnete – aber zerstreut, denn sein Blick war dabei auf den Angeklag­ten gerichtet, und in diesem Blick lag eine Mischung aus geheuchelter Nachsicht &#8230;, aus eisiger Ironie &#8230; und aus gnadenloser Strenge.</p>
<p><em>O-Ton Freisler – aus dem bekannten Film über die Verhandlungen gegen die Verschwö­rer des 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof, man hört Freisler, teils leise, teils tobend, manchmal auch einen der Angeklagten, ohne die Worte im einzelnen alle genau zu verstehen, – läuft ab hier unter dem Eco-Text, kann ihn gelegentlich auch übertönen und am Schluß um wenige Sekunden überstehen</em>:</p>
<p>All das wußte der <em>Angeklagte</em> längst, doch der lauernde Blick und das Schweigen des Inquisitors dienten dazu, es ihm erneut ins Gedächtnis zu rufen, ja es ihn geradezu körperlich spüren zu lassen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius, Angeklagter):<br />
</em>»Meine Seele ist unschuldig &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, Richter, brüllt):<br />
</em>»Seht ihr? So reden sie alle! Wenn einer von ihnen gefaßt wird, tritt er vor das Gericht, als ob sein Gewissen ruhig und rein wäre &#8230; sage mir nun: Woran glaubst du?«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Ich glaube alles, was Ihr und die anderen guten Doctores mich glau­ben heißen.«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, triumphierend):<br />
</em>»Aha! Aber die ›guten Doctores‹ &#8230; Du deutest an, daß du mir glau­ben würdest, wenn ich glauben würde, was jene glauben, andernfalls aber glaubst du nur ihnen!«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Nein, Herr Inquisitor, nein, ich schwöre euch &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard):<br />
</em>»Du schwörst? Ein neuer Beweis deiner Ruchlosigkeit! &#8230; Du elender Fuchs.«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Aber was kann ich denn tun?«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, zunächst brüllend):<br />
</em>»&#8230; Gar nichts kannst du mehr tun. Ich allein weiß, was jetzt noch ge­tan werden muß <em>&#8230; (plötzlich eisig und sarkastisch)</em> Dir bleibt nur noch zu gestehen. Doch wenn du gestehst, wirst du verdammt und verurteilt wer­den, und wenn du nicht gestehst, wirst du auch verdammt und verurteilt werden, nämlich wegen Meineides. <em>(ganz milde und boshaft:)</em> Also gestehe, um wenigstens dieses Verhör abzukürzen, das unser Gewissen quält und unseren Sinn für Mitleid und Güte verletzt.«</p>
<p><em>O-Ton Freisler endet</em></p>
<p><em>O-Ton Penderecki beginnt wieder </em></p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Er wird erscheinen im Tale Josaphat im heiligen Lande und wird auf einer Anhöhe sitzen. &#8230; Und wenn nicht alle Platz finden im Tale Josaphat und in den umliegenden Dörfern im heiligen Lande, so werden bestimmte Auserwählte über den Köpfen der anderen schweben, selbst Sünder werden schweben, wenn der Richter es will &#8230; Und einige der Vollkommenen werden das Urteil des Richters unterschreiben, wie es Beisitzer tun &#8230;</p>
<p>Und der Richter siehet durch alle Schlösser, da wird Finsternis Licht, was stumm ist, antwortet, und alle Heimlichkeit wird offenbar &#8230;</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Zwischen den roten Gesichtern der beiden Beisitzer vom Schiffahrts­gericht blickte ihn, totenbleich, das glattrasierte und unbeteiligte Gesicht des Gerichtsvorsitzenden an. Aus einem großen Fenster unterhalb der Decke fiel Licht auf die Köpfe und Schultern der drei Männer, und ihre Konturen zeichneten sich mit schmerzhafter Deutlichkeit im Zwielicht des Gerichtssaals ab, wo die Zuhörer nichts als Schatten und Blicke zu sein schienen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (leise, rasch):<br />
</em>Joseph Conrad, <em>Lord Jim</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; Plötzlich sah ich wieder &#8230; den düsteren Gerichtssaal, die Hufeisen­tafel der Richter, auf der blutbefleckte Lumpen lagen, die drei Reihen der Zeugen mit ihren stupiden Gesichtern, die zwei Gendarmen an den bei­den Enden meiner Bank und die schwarzen Roben &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (leise):<br />
</em>Victor Hugo, <em>Der letzte Tag eines Verurteilten</em></p>
<p><em>O-Ton Penderecki beginnt wieder</em></p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Drei Zeugen stehen wider den Menschen beim Jüngsten Gericht. Der erste ist Gott. Denn Jeremias sagt: So spricht der Herr: Ich bin Richter und Zeuge! Der andere Zeuge ist unser Gewissen. Und der dritte ist der Engel.«</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 5 (wie Filmwerbung, vielleicht etwas akustisch verzerrt):<br />
</em>»Man schreibt das dritte Jahrtausend. Nukleare Kriege und ökologi­sche Katastrophen haben die Erde verwüstet &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Aus der Kinowerbung</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»&#8230; Staaten existieren nicht mehr &#8230; Aus dem Chaos hat sich ein neues, radikales Rechtssystem erhoben, das System der Judges. Sie sind Polizis­ten, Richter und Vollstrecker zugleich. Judge Dredd (Sylvester Stallone) ist eine lebende Legende in Megacity I &#8230; Judge Dredd ist das Gesetz.«</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> – Oper von Gilbert &amp; Sullivan – handelt von einer jungen Frau, die ihren Verlobten auf Einhaltung des Heiratsversprechens verklagt. Der Richter, der seinen Posten mit Hilfe seiner Frau und seines Schwiegervaters ergattert hatte, ver­liebt sich in die Klägerin und heiratet sie. Eine ironisch-feierliche Musik, die aus der Bloom/Joyce-Zeit stammt. Sie beginnt mit den Worten »Silence in Court!« und läuft etwa 2:00.</em></p>
<p><em>Spr. 5 (Dies ist an sich noch Teil des Textes aus der </em>Legenda Aurea<em>, es soll aber jetzt eine Wendung aus dem Düsteren zurück in etwas hellere Stimmung beginnen, deshalb kein Penderecki mehr, sondern Gilbert and Sullivan):<br />
</em>»So spricht Gregorius, der Heilige: ›Oh wie enge werden die Wege des Sünders!‹ Über sich sieht er den zornigen Richter, unter sich den gähnen­den Höllenschlund, zur Linken die Teufel und inwendig das schlechte Gewissen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Am 16. Juni 1904 um 24 Uhr steht Leopold Bloom, der nachdenk­lichste Anzeigenwerber der Weltliteratur, in Dublin auf der Mabbot Street, Eingang zur Nachtstadt, heute Nähe zentraler Busbahnhof. Ein Albtraum. Denn &#8230;</p>
<p><em>Spr. 5 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>James Joyce, <em>Ulysses</em>.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Bloom steht vor Gericht. Alle seine Sünden einschließlich der sündi­gen Gedanken treten als Zeuginnen in Person gegen ihn auf.</p>
<p><em>Spr. 4 (Mrs Talboys):<br />
</em>»Dieser plebejische Don Juan &#8230; sandte mir &#8230; eine obszöne Photogra­phie, eine Beleidigung für jede Dame. Ich habe sie heute noch. Sie stellt eine teilweise nackte Senorita dar, &#8230; die gerade unerlaubten Verkehr mit einem muskulösen Torero ausübt &#8230; Er bedrängte mich, desgleichen zu tun &#8230; und mit den Offizieren der Garnison zu sündigen. Er flehte mich an, seinen Brief in der unaussprechlichsten Weise zu beschmutzen, ihn zu züchtigen, &#8230; ihn zu besteigen und zu reiten und ihn auf die lasterhafteste Weise auszupeitschen &#8230;«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1 (Mrs Bellingham):<br />
</em>»Mich auch!«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 4 (Mrs. Yelverton Barry):<br />
</em>»Mich auch!«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Seine Ehren, Sir Frederick Falkiner, Kriminalrichter von Dublin, in richterlicher Robe aus grauem Stein, erhebt sich steinbärtig von der Bank. Er trägt in den Armen ein Regenschirm-Szepter. Aus seiner Stirn sprießt stark das Mosaische Widdergehörn &#8230; Er setzt das schwarze Barett auf &#8230;«</p>
<p><em>Spr 5 (Sir Frederick Falkiner, Kriminalrichter, sehr hart):<br />
</em>»Bloom soll von der Anklagebank pede stante abgeführt werden, Herr Unter-Sheriff! Er soll im Mountjoy-Gefängnis inhaftiert werden, solange es Seiner Majestät gefällt, und er soll an seinem Halse hängen, bis er tot ist. Und Sie haften mir persönlich für die Vollstreckung dieses Befehls, Herr Unter-Sheriff, Gott sei Ihrer Seele gnädig. Schafft ihn weg!«</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em><em>Kölner Express</em> vom 31. Dezember 2003</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Dr. Ruth Herz (60), hat jetzt selber Ärger mit der Justiz. &#8230; In der RTL-Show <em>Das Jugendgericht</em> spricht die promovierte Juristin Recht vor einem Millionenpublikum &#8230; Wie Express gestern aus Justizkreisen bestä­tigt wurde, soll sich Ruth Herz im Sommer dieses Jahres unerlaubt vom Unfallort entfernt haben. Das wäre eine Straftat &#8230; Bislang streitet die Fernsehrichterin &#8230; ab.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Kant forderte von der öffentlichen Gewalt Publizität. Wer sich nicht zeigt, hat etwas zu verstecken, heißt es, und man vergißt dabei, daß es nicht nur politische Prinzipien, sondern auch Schamgefühle gibt, die den Menschen schützen müssen, wenn er nicht ein nacktes öffentliches Tier werden soll. Also zu Recht kein Fernsehen im Gerichtssaal. Aber Gerichtssäle im Fernsehen. Und der Fernsehrichter in der Mitte mit golde­nem Namensschild und erhobenem Sessel, reinlich anzusehen, und von olympischer Gelassenheit. Nie fällt ein falscher Blick auf die aggressiv dargebotenen Busen, Schenkel und Gesäßrundungen der Prozeßteilneh­mer. Niemand kann glauben, daß so ein Richtermensch, dessen Charak­ter flach und glatt glänzt wie ein TFT-Bildschirm, Schrammen in einer Tiefgarage hinterläßt. Denn eigentlich ist er gar kein richtiger Mensch, obwohl er doch ein wahrer Richter ist.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Fünftes Kapitel. Dorfrichter</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wie anders steht es um Adam, den Menschen. Der Dorfrichter, in des­sen Amtsräumen sich Wurstpellen um Schnapsflaschen ringeln.</p>
<p><em>O-Ton Viktor Ullmann, </em>Der zerbrochene Krug<em>, Oper nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heinrich von Kleist, 1. Szene, Dialog zwischen Adam und Licht, dem Gerichtsschreiber.</em></p>
<p>Licht:<br />
Ei, was zum Henker, sagt Gevatter Adam!<br />
Was ist mit Euch gescheh’n? Wie seht Ihr aus?</p>
<p>Adam:<br />
Ja seht, zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße. Gestrauchelt bin ich hier. Denn jeder trägt den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.</p>
<p>Licht:<br />
Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg’ jeglicher?</p>
<p>Adam:<br />
Ja, in sich selbst!</p>
<p><em>O-Ton Ullmann endet</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Nachts war Adam hinter Evchen her. Sie wehrte sich und ein Krug zer­brach. Nun sitzt Adam zu Gericht. Der Prozeß, den er entscheiden wird, geht um eben jenen Krug, von dem nur Adam und Evchen wissen, wie er zerbrach. Adam verurteilt einen Unschuldigen, um sich aus der Affäre zu ziehen. Doch dann taucht ein Beweisstück auf, das ihn entlarvt: Am Tatort wird seine Perücke gefunden. Der Richter flieht.<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Seht, wie der Richter Adam &#8230; das aufgepflügte Winterfeld durch­stampft! &#8230; Seht! Seht! Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht!«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Im Unglück nichts weiter zu sehen als Zufall oder das Resultat einer Wette zwischen Gott und Teufel, ist eine Beleidigung für das Kausalitäts­denken. Unglück ist Schuld,</p>
<p><em>Während der Text weiter läuft, setzt O-Ton Oper </em>Der zerbrochene Krug<em>, Fi­nale mit Chor, Dauer etwa 1:10, ein. Die Musik soll zunächst nur leise unter dem gesprochenen Text liegen, es ist nicht nötig, daß der Hörer vom ersten Teil des gesunge­nen Texts mehr mitbekommt, als die Signalworte »Adam«, »Eve«, »Apfel«. Frei stehen sollen dann die letzten etwa 10 bis 15 Sekunden des O-Tons, wo die Worte »Fiat justizia« deutlich hervortreten. </em></p>
<p><em>Informationshalber hier der ganze Text des Schlußchors von Eve, Marthe, Rup­recht, Veit, Licht, Walter:</em></p>
<p><em>»Adam und Eve, Adam und Eve, es ist ein alter Trug, immer doch neu: Sie brach den Apfel, er brach den Krug. Hätte einst Eve den Apfel nicht brochen, hätt’ heut’ der Adam nicht Unrecht gesprochen! Doch wer mag schuldig sein, ist er nicht gern allein, alle sind lieber zu zwein, zu zwein! Adam und Eve, Adam und Eve, fiat justitia da­mals wie ebenda: Richter soll keiner sein, ist nicht sein Herze rein: fiat justizia!«   </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>&#8230; fremde oder eigene, das glaubt die Vernunft und sie verlangt einen Richter, der im Namen der Gemeinschaft das Unglück ausgleicht. Ein Urteil muß gesprochen werden, obwohl es mit Erkenntnis und Moral bei Richtern nicht besser bestellt ist als bei anderen Menschen. Aus der Diffe­renz zwischen Anspruch des Amts und Realität der Person entsteht Tra­gik. Oder Komik. Erkenntnis und Schuld sind die großen Themen. Zwi­schen ihnen besteht ein Zusammenhang. Oedipus wurde aus Mangel an Erkenntnis schuldig. Er hatte kein schlechtes Gewissen, so lange er nichts wußte. Deshalb war er ein glücklicher Mann im Vergleich zu Kleists Dorf­richter Adam, der seine Schuld kennt und dessen Prozeßführung ausschließlich dazu dient, den eigenen Sündenfall zu vertuschen. Aber war es Sünde? Oder Liebe? Was ist der Fall?«</p>
<p><em>O-Ton Oper </em>Der zerbrochene Krug<em> ist an der Stelle, wo es heißt »Fiat Justi­zia!« und endet mit dem Schlußakkord der Oper. Dann</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Was der Fall ist, weiß der Richter in der Wirklichkeit nicht aus eige­ner Erfahrung. Aber was ist ein »Richter in der Wirklichkeit«? Und wie wirklich sieht er die Wirklichkeit? Sein Erkenntniswerkzeug ist die Spra­che: Gesetze, Kommentare, Schriftsätze, Präjudizien, Dokumente – eine Welt aus Zeichen, alles sehr zerstreut und oft widersprüchlich: Wenn die Wahrheit ein Krug ist mit einem Bild darauf, dann bekommt der Richter sie nie ganz zu sehen. Weiß er über sich selbst mehr als Worte?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Hier ist Oskar Jellineks Geschichte von einem dürren Dorfrichter, der einmal in seinem Leben stark sein will wie ein Bauer. Nun wird ihm der Frauenliebling des Dorfes, der hübsche Quirin vorgeführt. Es besteht Mordverdacht. Wird der Richter stark genug sein?</p>
<p><em>Text läuft weiter, während O-Ton Benjamin Britten, Oper </em>Billy Budd<em> (nach ei­ner Novelle von H. Melville), einsetzt. Es geht um den jungen, hübschen, unter Druck stets stotternden Seemann William ›Billy‹ Budd, der vom Schiffsprofos schikaniert wird und ihn im Affekt tötet. Zwei Leutnants und ein Segelmeister bilden daraufhin ein kriegsrechtliches Standgericht und verurteilen den jungen Billy Budd zum Tode, weil sie glauben, nach Recht und Gesetz keine andere Wahl zu haben. – 2. Akt, 2. Szene: 34 Orchesterakkorde, die erklingen, während der Kapitän, der von Billys moralischer Un­schuld überzeugt ist, dem jungen Mann das Todesurteil verkündet. Die Musik dauert etwa 2:20 und müßte die Sprechdauer bis zum Ende der folgenden Geschichte von Oskar Jellinek geringfügig überschreiten, so daß zwischen den Abschnitten der Geschichte und am Schluß je einer der 34 Orchesterakkorde allein steht.         </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Wo war Quirin in der Tatnacht?</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»In Quirins Kehle stieg ein hilfloses Schluchzen &#8230; ›Das ist nicht mein Messer, das ist nicht mein Messer‹ stieß er &#8230; hervor, auf die blutige Klinge weisend, ›ich schwör’s bei meiner Mutter Seligkeit!‹ – ›Laß deine Mutter, Quirin,‹ sagte <em>der Richter</em>.«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Nachdem <em>der Richter</em> noch einige administrative Akten erledigt hatte, ging er nach Hause &#8230; Er faltete die Stirn und trat ein. Am geöffneten Fenster stand Wlasta, seine Frau, und sang. ›Du hältst ihn natürlich für unschuldig!‹ – ›Ich – wen?‹ – ›Wen? No, den Qurin!‹ Wlasta &#8230; schluckte geflissentlich und sagte dann: ›Gewiß halt’ ich ihn für unschuldig.‹ &#8230; ›Der Quirin ist kein Mörder – das weiß jeder, der nicht neidisch oder eifersüch­tig ist auf ihn.‹ sagte sie &#8230;«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Quirin Michalek hatte in dieser Nacht gebangt, gehofft und gebe­tet &#8230; Er warf sich hin und her. Denn das, was er gestehen sollte, hatte er nicht begangen, und das, was er begangen hatte, durfte er nicht geste­hen.«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Der Richter hatte Quirins Geständnis sofort protokolliert und ihn dann abführen lassen. In diesem Augenblick wurde weit die Tür geöffnet, und Wlasta, <em>seine Frau</em>, rauschte herein. <em>Der Richter</em> erstarrte. ›Was – was unterstehst du dich?‹ – ›Ich komme dir sagen, daß der Quirin unschuldig ist. Er war gestern nacht bei mir.‹ &#8230; Da sah <em>der Richter</em> seine Macht in den Abgrund versinken &#8230; Er war blamiert, entthront, verstoßen &#8230; Und in dem siedenden Verlangen, Hohn und Spott von sich abzuwehren, stieß er zu. Wohl hielt seine Frau &#8230; das Gebetbuch schützend vor ihre Brust, aber der Stahl traf ihre Kehle, tödlich &#8230; <em>Der Richter</em> stand vor der Leiche seines Weibes. Ihm war leicht zumute. Er hatte kraftvoll gehandelt wie ein Bauer.«</p>
<p><em>O-Ton Benjamin Britten endet mit Orchesterakkord.</em></p>
<p><em>Direkt anschließend: O-Ton Peter Tosh </em>Here comes the judge!<em> (wie oben) läuft un­ter dem Text weiter.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Sechstes Kapitel: Wenn Sie sich Ihren Richter malen könnten, dann sähe er so aus wie &#8230; ?</p>
<p><em>(Die folgenden Texte sollen sehr schnell gesprochen werden, können auch einander ins Wort fallen.)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>&#8230; Frank Engelland von RTL, weil er süß ist wie die Gerechtigkeit.<em> </em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>&#8230; der aus dem Buch von Ulrich Wickert, Jaques Ricou, weil er super aussieht, den Präsidenten der Republik vor Gericht bestellt, und weil er seine Gefühle zeigen kann, ich glaube, einmal weint er sogar.</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>&#8230; jedenfalls nicht wie Daniel Savage aus dem Roman von Tim Parks, der die Mädels von der Geschworenenbank rannimmt und den Angeklag­ten Vorträge über Gerechtigkeit hält.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>&#8230; immer noch Ronald Schill, weil der klare Ansagen hat.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>&#8230; Barbara Salesch, eine Mutter des Rechts in Deutschland.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>&#8230; wie der Richter Di aus dem alten China, rätselhaft in den Wegen sei­nes Geistes, entschlossen im Handeln und glücklich zu Hause bei sei­nen drei Frauen.</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh endet.</em></p>
<p><em>Spr. 4 (etwas langsamer als die vorherigen Texte, gewissermaßen offiziell):<br />
</em>&#8230; kurz gesagt, wie aus dem Lexikon von 1838 »eine zur Handhabung der Gerechtigkeitspflege bestellte Person, die an keinen physischen Män­geln leidet, den vollen Gebrauch ihres Verstandes hat und weder taub, stumm noch blödsinnig ist und ein angemessenes Alter erreicht hat.«</p>
<p><em>Spr. 2 (wieder schnell):<br />
</em>&#8230; nein, ganz anders, am ehesten wie der Azdak aus dem <em>Kaukasischen Kreide­kreis</em>, weil er das Kind nicht der leiblichen, sondern der mütterlichen Mutter zuspricht, er geht nicht nach dem Blut, sondern nach dem Ver­stand und hat trotzdem ein riesiges Herz, aus dem er sein Leiden an der Ungerechtigkeit herausschreit.</p>
<p><em>O-Ton Hanns-Ernst Jäger, singt das Lied des Azdak (etwa 1:10). Ich habe den Text gekürzt, was meiner Meinung nach mit dem O-Ton gut geht, da genügend Pausen vorhanden sind. Der O-Ton kann auch schon etwa ab Mitte des vorstehenden Textes von Spr. 2 einsetzen</em>:</p>
<p>»Die Ämter sind überfüllt, die Beamten sitzen bis auf die Straße.<br />
Die Flüsse treten über die Ufer und verwüsten die Felder.<br />
Die ihre Hosen nicht selber runterlassen können, regieren Reiche.<br />
Sie können nicht auf vier zählen, fressen aber acht Gänge. &#8230;</p>
<p>Darum bluten unsere Söhne nicht mehr, weinen unsere Töchter nicht mehr.<br />
Darum haben Blut nurmehr die Kälber im Schlachthaus,<br />
Tränen nur mehr die Weiden gegen Morgen am Urmisee.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em><em>Unbefleckte Empfängnis. Ein Kreidekreis</em> von Rolf Hochhuth, Uraufführung 1989</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Streit um ein im Reagenzglas erzeugtes Kind. Sonja, die Leihmutter, Lisbeth, die genetische Mutter, ferner die jeweiligen Ehemänner und der verantwortliche Arzt sind sich einig: Lisbeth, die genetische Mutter, soll das Kind haben. Aber die Politik mischt sich ein. Der Staat hat eine Ethik-Kommission gegründet, bestehend aus der grünen Feministin, dem liberalen Landtagspräsidenten und Monsignore Siebenstiehl von der katholi­schen Kirche. Die verstehen zwar wenig von Gynäkologie, aber alles von Moral. Sie sorgen dafür, daß es zum Prozeß kommt. Dem Arzt soll die Zulassung und Lisbeth das Kind genommen werden. Als der Staats­anwalt und das Jugendamt zugreifen wollen, arrangiert die mutige und listige Richterin Heinemann eine Verhandlungspause, damit Lisbeth mit ihrem Kind fliehen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Siebentes Kapitel: Wie die Entscheidung gefunden wird. Oder: Fast al­les steht im Gesetz und der Rest in der Seele des Richters.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Endlich kamen</p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiter laufenden Text):<br />
</em>Nach François Rabelais, <em>Gargantua und Pantagruel</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Panurg und Pantagruel doch in die schöne Stadt Tausendzung. Aber was müssen sie sehen! Der berühmte Richter Gänsezaum sitzt auf der Anklagebank. Der Großpräsident Breitmaul vom Obergericht wirft dem alten Gänsezaum vor, ein Fehlurteil gesprochen zu haben. Gänsezaum murmelt etwas von nachlassender Sehkraft und Würfeln &#8230;<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Was für Würfel? Von welchen Würfeln redet er?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Die Würfel der Rechte, Euer Ehren, Alea judiciorum, wie davon Docto. schreiben 26. quaestiones 2. Kapitel Abschnitt 1, emptio quod debetur, fortfolgende etcetera pp. &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Ihr würfelt ums Recht?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Alles nach Vorschrift, Herr Chefpräsident, und wie es der Gerichts­brauch not tut, folglich wird zuerst die Akte studiert, durchwälzt, gelesen, wiedergelesen, sodann repetiere und revidiere ich Petitiones, Citationes, Comparationes, res licita et illicita, Einreden, Ausreden, Kreuzverhör, Querverkehr und nicht zuletzt die praktische Konkordanz, &#8230;«</p>
<p><em>Spr 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Ich verstehe.«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»&#8230; und zwar alles doppelt, also für beide Seiten, audiatur et altera pars, dann leg ich alle Akten des Beklagten rechts auf den Schreibtisch und würfel&#8216; für ihn, denn ›cum sunt partium jura obscura &#8230;‹, zu Deutsch: ›ist das Recht in dunkler Lage, weise besser ab die Klage.‹ Doch anschlie­ßend leg ich die Akten des Klägers auf die linke Seite des Schreibtischs und werfe für ihn des selbigen gleichen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Und wie entscheidet Ihr?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Immer für den, für den ich zuerst gewürfelt habe.«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Und warum dann so viele Umstände?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Die Form! Herr Chefpräsident, die Form! Bei deren Ermangelung nichts gültig ist. Gerechtigkeit durch Verfahren, oder wie der Aquinat sagt, forma mutata mutatur substantia ipse. Zum zweiten Leibes Ertüchti­gung. Ist denn in unserer Rats-Welt irgend ein so würziges gymnastisches Vergnügen als: Akten kramen, Zettel stöbern, Lesezeichen einkleben und ausnehmen, radieren, siegeln, in Regalibus suchen, Staub abblasen. Und drittens: Das Volk sagt immer, schnell, schnell, schnell die Rübe runter! Doch falsch Urteil ist schneller vollstreckt als begründet. Die Zeit ist die Mutter der Wahrheit, wie Sankt Gregorius sagt. Dieserhalben verschieb, verspät und vertag ich was ich vertagen kann, daß der Prozeß zur Reif gedeih, damit er sein Los, wenn es ihn trifft, leichter trage.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Achtes Kapitel: Zeit, Recht, Schönheit.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das Kreuz ist aus dem Gerichtssaal verschwunden, an seine Stelle ist die Uhr getreten. Der Hüter der Zeit ist in den Mythen aller Völker zu­gleich Hüter des Rechts,« sagt Ernst Cassirer in der <em>Philosophie der symboli­schen Formen</em>.</p>
<p>Spr. 1:<br />
Kreidekreise</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wer allein auf einer Insel lebt, kann Weisheit besitzen. Aber niemand kann für sich allein gerecht sein. Gerechtigkeit ist eine gesellige Tugend. Wie Liebe und Schönheit setzt sie Gesellschaft voraus und den Spiegel, der das Urteil spricht. Dieser sprechende Spiegel ist der Richter. Sein Wort zeitigt gute Proportionen, wenn es die Wahrheit zeigt. Wenn nicht, schafft es Unglück. Das ist die Lehre des Kreidekreises.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Neuntes Kapitel: Alte und junge Richter</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Es war ein Mann zu Babylon, der hatte ein Weib, die hieß Susanna &#8230;, die war sehr schön &#8230; Es wurden aber &#8230; zwei Älteste aus dem Volk zu Richtern gesetzt &#8230; Die &#8230; liefen zu ihr und sprachen: Susanna, siehe der Garten ist zugeschlossen und niemand sieht uns und wir sind entbrannt in Liebe zu Dir, drum tu unsern Willen. Willst du aber nicht, so wollen wir schwören, daß wir einen jungen Mann bei dir gefunden haben &#8230; Und Susanna tats nicht was sie verlangten und fing laut an zu schreien, aber die Richter schrien auch &#8230; Und das Volk glaubte den zweien als Richtern &#8230; und verurteilten Susanna zum Tode&#8230;Und da man sie zum Tode führte, erweckte Gott den Geist eines jungen Knaben. Der hieß Daniel &#8230; und fing laut an zu rufen &#8230; ›Seid ihr &#8230; solche Narren, daß ihr eine Toch­ter Israel verdammt, ehe Ihr die Sache erforscht habt &#8230;?‹ Und alles Volk kehrte eilend um &#8230; und sprachen zu Daniel: ›Setz dich her zu uns. Gott fordert dich zum Richteramte!‹ Und Daniel sprach: ›Trennt die beiden Alten, so will ich jeglichen von ihnen gesondert verhören.‹ Und da sie die beiden getrennt hatten, sprach er zu dem ersten: ›Hast du nun Susanna gesehen, wie der junge Mann bei ihr lag, so sage an: Unter welchem Baum hast du sie gefunden?‹ Er antwortet: ›Unter einer Linde.‹ &#8230; Dann ließ er den anderen vor sich kommen und sprach zu ihm: ›Nun sage an: Unter welchem Baum hast du Susanna und den jungen Mann gefunden?‹ Er aber antwortet: ›Unter einer Eiche.‹ Da sprach Daniel: ›Oh recht! Mit eu­rer Lüge bringt Ihr Euch selbst ums Leben.‹ Da fing alles Volk an, laut zu rufen und sie priesen Gott. Und Daniel ward groß vor dem Volk von dem Tage an &#8230;«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Zehntes Kapitel: Befragung einiger herausragender Richterpersönlich­keiten</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Um mit dem schwersten zu beginnen: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Justiz passe sich jedem politischen System an?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc<em>?:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Überspringen wir einfach diesen Teil und gehen wir weiter.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Eine Frage zur Person. Wenn Sie in den Spiegel sehen, wie finden Sie sich?</p>
<p><em>O-Ton </em>Zar und Zimmermann<em>, Arie des van Bett:<br />
</em>»Diese ausdrucksvollen Züge,<br />
dieses Aug’ wie ein Flambeau &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Wenn Sie den Gerichtssaal betreten und einen jugendlichen Angeklag­ten sehen, was denken Sie dann?</p>
<p><em>O-Ton </em>Die zwölf Geschworenen<em>:<br />
</em>»Diese Jungs von heute, die taugen alle nichts. Als ich ein Kind war, habe ich zu meinem Vater Sie gesagt.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Das erinnert mich an die Devise von Judge Roy Bean »Hang ’em first – verhandelt wird später.« Empfinden Sie es als Beleidigung, wenn ich Sie frage, ob ein Richter vielleicht etwas differenzierter denken sollte?</p>
<p><em>O-Ton </em>Die Rache des Jesse James<em>:</em></p>
<p>Richter:<br />
»Macht 50 Dollar.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Was ist Ihr größter Fehler?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Mitleid. Ich habe einfach zu viel &#8230; Mitleid.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>In einem Roman von Gabriel García Márquez heißt es: »Elf Monate nach Amtsantritt ließ sich Richter Arcadio zum ersten Mal in seinem Büro nieder.« Sind Richter faul?</p>
<p><em>O-Ton Jesse James:<br />
</em>»100 Dollar. Schimpft nur weiter. Ich kriege von jeder Strafe ein Drit­tel.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Lassen Sie es mich anders formulieren: Sprechen Sie ganz einfach über die Belastung durch Ihren Beruf.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Sehen Sie diese gelbe Pille hier? Wissen Sie, wofür die ist?</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Nein, Euer Ehren.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc?<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Um mich daran zu erinnern, hier diese blaue zu schlucken.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Und wofür ist die blaue, Sir?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc?<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Keine Ahnung. Sie haben Angst, es mir zu sagen.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Elftes Kapitel: Richter hassen</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>›Manchmal hassen wir die Richter. Warum? Weil sie ein Gespinst von Regularien über das Leben ziehen, in dem sich die Rechtschaffenen verfan­gen und das die Mächtigen einfach zerreißen? Weil sie statt eines Herzens staubige Papiere unter der Robe tragen wie der Jurist auf dem berühmten Bild von Arcimboldo?‹</p>
<p><em>O-Ton Familiengericht mit Frank Engelland (Gesamtlänge des O-Tons etwa 0:25) beginnt unter dem weiterlaufenden Text. Es geht um das Aufenthaltsbestimmungs­recht für ein kleines Mädchen, das, wie in den Fernsehgerichts­fällen üblich, vom Schicksal schwer geschlagen wurde: Nicht nur, daß es selbst an Neuroder­mitis erkrankt, der Vater ein arbeitsloser Alkoholiker, die Tante eine Schlampe, der Onkel ein Mörder ist, sondern zu allem Überfluß hat es auch erst vor wenigen Wo­chen ansehen müssen, wie die eigene Mutter umgebracht wurde. Dementsprechend emotions­geladen läuft die Gerichtsverhandlung ab.   </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Oder sind sie bestechlich wie die Richter in den Fastnachtsspielen des Mittelalters? Aber ach, das sind ja alles nur Karikaturen. Kleinkariert, kalt und bestechlich können auch Dichter und Hotelportiers sein. Wenn wir Richter hassen, dann aus dem selben Grund, aus dem das Publikum der Gerichtsshows sie liebt: Es ist die Macht. Es sieht so aus, als ob Rich­ter Macht hätten.</p>
<p><em>Weiter O-Ton Familiengericht mit Frank Engelland, erst einige Sekunden wildes Durcheinanderreden, dann</em></p>
<p>Richter Engelland:<br />
Also, wenn alle durcheinanderreden, verstehe ICH kein Wort.</p>
<p><em>Ende O-Ton Familiengericht</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wenn der Richter redet, hören alle zu. Das Machtwort – die Erfül­lung des Kleinbürgertraums. Endlich Schluß mit dem Gequatsche. Man läßt seine Gedanken gern aufsaugen von der Macht und vergißt, die Wirr­nis der Welt mit ruhigem Auge zu sehen. ›Die Welt sehen heißt: Über Richter richten.‹</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Zwölftes und letztes Kapitel: What’s in a name oder Alles nur ein Spiel?</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> beginnt – bei weiterlaufendem Text – etwa 20 Sekunden vor der Stelle, an der sie oben nach dem Joyce-Text unterbrochen wurde, so daß nach dem nächsten Text von Spr. 3 die Arie anfängt. Die Gesamtdauer des O-Tons müßte ab hier etwa 3:20 betragen.</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Die Theatralik der Robe scheint anzudeuten: Vielleicht ist alles nur ein Spiel. Aber im <em>Namen</em> der Robe zeigt sich etwas anderes. Das Wort kam im dreizehnten Jahrhundert auf. Französische Ritter raubten ihren Feinden die Prunkkleider, zogen sie sich selbst an und nannten sie mit dem germanischen Namen: Raub. Und die französische Sprache machte im Laufe der Zeit aus gemeinem Raub eine vornehme Robe.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Friedrich Dürrenmatt, <em>Die Panne</em>, erschienen 1956</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Herrenabend unter pensionierten Juristen. Keiner jünger als fünfundsieb­zig. Richter, Henker, Staatsanwalt und Advokat. Man schmaust, man trinkt, man spielt ein Gesellschaftsspiel. Es heißt: Der Strafpro­zeß. Die alten Knaben spielen ihre alten Rollen und den Angeklag­ten macht der Gast des Abends, ein durch Autopanne im Land­haus des Richters gestrandeter Textilvertreter. Nach dem ersten Wein prahlt er damit, wie er seinen Chef in den Herztod trieb, indem er dessen »leckeres Frauchen« verführte. Bei dem Wort »leckeres Frauchen« schnal­zen die Greise mit der Zunge. »Bravo!« meckert der Staatsanwalt und klatscht in die Hände angesichts der juristischen Herausforderung, die es bedeutet, aus dieser Herzensaffäre eine Mordanklage zu zimmern. Flammend widerspricht der Advokat, während alle ordentlich einen zur Brust nehmen.</p>
<p><em>Der O-Ton sollte hier einige Sekunden allein stehen; wenn es zeitlich hinkommt, wie ich es gestoppt habe, müßte es bei Strophe vier bis sechs sein.   </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Am Schluß klettert der Richter auf den Konzertflügel. Unter Beifall, Hoch­rufen, Jodelversuchen und Sektkorkenknallen verkündet er mit schwe­rer Zunge das Todesurteil – welch ein Spiel! Man umarmt sich, »Dank, lieber Richter!« schluchzt der Textilvertreter und taumelt von Greisenbrust zu Greisenbrust, eher er sich zur Nachtruhe verabschiedet. Die alten Herren genehmigen sich noch ein Gläschen und torkeln Arm in Arm zum Gästezimmer, wo sie ihrem Angeklagten das Nachtlied singen wollen. Als sie die Tür öffnen, sind sie augenblicklich nüchtern. Der Gast baumelt am Fensterkreuz. Er hat sich erhängt. Das ist das Ende des Spiels. Das ist wirklich eine Panne.</p>
<p><em>Der Nachgesang der Arie sollte nun bald erreicht sein. Darüber </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em><em>Absage.</em></p>
<p>Ende.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Anhang:<br />
Übersetzung der Arie des Richters aus <em>Trial by Jury</em>,<br />
nur informationshalber</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Als ich anfing als Richter beim Amtsgericht,<br />
Da war ich noch frisch und munter.<br />
Doch ich kannte kein Aas und auch Geld hatt ich nicht,<br />
Und so kam ich nicht rauf und nicht runter.</p>
<p>Eine löchrige Robe in Anthrazit<br />
Und Aktenstaub an den Händen,<br />
Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich hängte mein Fähnchen, ich war ja nicht dumm,<br />
In alle politischen Winde.<br />
Ich dachte, im Ministerium<br />
Erkennt man die Jungfrau am Kinde.</p>
<p>So kommts auch. Man ruft mich. Ich sage nicht nein<br />
Und verlieb mich ins falsche Gebiß der<br />
Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Der Minister macht einen Freudensprung.<br />
Und sagt: Mit Deinen Talenten –<br />
Also wirklich, Du hast den gewissen Schwung<br />
Eines Obergerichtspräsidenten.</p>
<p>An den Anblick des Mädchens gewöhnst Du dich bald<br />
Sie riecht süß wie der Mai und würzig.<br />
Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Der gute Minister hielt wirklich Wort<br />
Und gab mir den schönen Posten,<br />
Ich bin jetzt der Präsident am Ort,<br />
Nur mein Weib beginnt leider zu rosten.</p>
<p>Doch sonst geht’s mir gut, man lädt mich ein<br />
Und genießt meine tolle Rhetorik.<br />
Ich referiere in jedem Verein,<br />
Mein Verdienste sind äußerst honorig.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Er referiert in jedem Verein,<br />
Seine Verdienste sind sehr honorig.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich war fast ein Krösus, doch wie schon gesagt,<br />
Es klapperte noch das Gebiß der<br />
Häßlichen alten schimmligen Magd<br />
Vom Landesjustizminister.</p>
<p>Ich warf sie raus – was sollte ich tun?<br />
Ich werde halt etwas blechen.<br />
Dafür bin ich frei und richte nun<br />
Über gebrochene Heiratsversprechen.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Dafür ist er frei und verhandelt nun<br />
Das gebrochene Heiratsversprechen.«</p>
<p><em>Über der weiter laufenden Musik ab Strophe 10 bzw. so, daß der Schlußapplaus, der im O-Ton aufbrandet nach der Absage den Schluß des Features bildet, je nachdem kann man auch die Absage um einige Namen kürzen.</em></p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Denn jetzt bin ich Präsident!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Unrecht ist ihm fremd!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich bin Gerichtspräsident!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Unrecht ist ihm fremd!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Das Gesetz ist ein Schmand.<br />
Doch ich bleib im Richteramt.<br />
Bis zum Tode, verdammt!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Ja, das Recht ist ihm bekannt!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Denn mein Trick ist gut geglückt.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ja, mein Trick ist gut geglückt.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Jeder sieht mit einem Blick,<br />
Wie mein altbewährter Trick<br />
Funktioniert hat! Welch ein Glück!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p>Ende.</p>
<p style="text-align: justify;">
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe/">Im Namen der Robe</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Isokrates (1991)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/isokrates/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Jan 1991 09:53:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander der Große]]></category>
		<category><![CDATA[Demosthenes]]></category>
		<category><![CDATA[Dionysios von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[García Lorca(Federico)]]></category>
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		<category><![CDATA[Gide(André)]]></category>
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		<category><![CDATA[Philipp II. von Makedonien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Isokrates Christoph Schmitz-Scholemann Unveröffentlicht. Entstanden 1991. I. Mythos An den Grenzen des Wissens ist das Reich der Worte nicht zu Ende. Im Gegenteil. Über das, was wir buchstabengenau kennen, brauchen wir keine Worte zu machen: Es versteht sich von selbst, Formeln und Flos­keln genügen. Dagegen wer die Grenzen des Bekannten zu überschreiten gedenkt, findet an [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literarisches/Isokrates.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1>Isokrates</h1>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>Unveröffentlicht. Entstanden 1991.</p>
<h4 style="text-align: justify;"><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">I.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><span style="font-family: gill-sans-regular;">Mythos</span></span></h4>
<p>An den Grenzen des Wissens ist das Reich der Worte nicht zu Ende. Im Gegenteil. Über das, was wir buchstabengenau kennen, brauchen wir keine Worte zu machen: Es versteht sich von selbst, Formeln und Flos­keln genügen. Dagegen wer die Grenzen des Bekannten zu überschreiten gedenkt, findet an Floskeln und Formeln kein Genüge. Er braucht Worte.</p>
<p>Die griechische Sprache hält mehrere Ausdrücke für das bereit, was wir im Deutschen unter »Wort« verstehen. Einer dieser Ausdrücke ist »Mythos«. »Mythos» beschreibt nicht so sehr den Bezirk des Begrifflichen und Festbegrenzten, sondern ein »Mythos« ist dasjenige Wort, das einen bewegten oder bewegenden Gedanken ausspricht, »Mythos« ist ein Wort, das spekuliert, tastet, erfindet, kurz: ein Wort, das seinen Sinn noch sucht. Von da ist es nicht weit zu der zweiten Bedeutung des Wortes, die mit Erzählung, Sage, Geschichte beschrieben ist. Übrigens ist das Wort sehr alt und sein tiefer und warmer Klang weist auf einen Zusammenhang mit dem Muhen der Kuh. Das sollte uns nicht irre machen, sondern zur Beschei­denheit ermahnen. Nicht nur Menschen suchen ihren Ausdruck.</p>
<p>Eine günstige Eigenschaft der Mythen besteht darin, daß sie im Gro­ßen eindeutig und in den Einzelheiten vieldeutig sind. Außerdem ist nie­mand durch methodische oder sprachliche Barrieren gehindert, mitzure­den: Der Mythos ist ein urdemokratisches Erkenntnismittel, dessen Nut­zen gelegentlich auch von den exakten Wissenschaften geschätzt wird.</p>
<p>Als nach dem zweiten Weltkrieg die Kernphysiker bei ihrer Lieblingsbe­schäf­tigung, nämlich Materie zu zertrümmern, um zu sehen, wie sie innen sei und was sie zusammenhalte, – weit jenseits der Grenzen, die den natürlichen Sinnen gesetzt sind – immer noch feinere und wieder kleinere und dann noch unendlich geringere Teilchen fanden, da began­nen schließlich die Instrumente zu zittern und das Flimmern auf den Monitoren wurde so unergründlich, daß niemand mehr wußte, ob es etwas anderes bedeutete als sich selbst. Solchermaßen an Grenzen sto­ßend, entsann sich einer der Wissenschaftler des Romans <em>Finnegans Wake</em> und der darin enthaltenen rätselhaften Geschichte von Herrn Mark und seinen drei Söhnen, den Quarks, die, durch den geheimnisvol­len Kleb­stoff der Geschwisterschaft zusammengehalten, gelegentlich selb­dritt an­stelle ihres Vaters agieren. Und so stellte man sich denn das Pro­ton als den Vater Mark und die Teile, aus denen es gelegentlich zu beste­hen schien, als seine Söhne, die Quarks, vor. Bis heute heißen die inzwi­schen experimentell nachgewiesenen kleinsten Elementarteilchen Quarks.</p>
<p>Ebenfalls nach dem zweiten Weltkrieg, als die Staaten in Europa in Trümmern lagen, schrieb der französische Dichter André Gide eine Erzäh­lung mit dem Titel <em>Theseus</em>. Er griff damit einen Mythos auf, der mehr als zweitausend Jahre zuvor schon den griechischen Schriftsteller Isokrates (437–338 v. Chr.) beschäftigt und sein Denken geprägt hatte.</p>
<p>Was das alles miteinander zu tun hat? Nun, hören wir zunächst die aufs Ganze gesehen sehr erfreuliche Geschichte vom sagenhaften Grün­der der Stadtrepublik Athen:</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
II.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Theseus</span></p>
<p>Bevor Theseus die ihm von den Göttern zugedachte große Arbeit versu­chen konnte, erprobte das Schicksal seine Kraft und sein Glück. Denn die Götter können wohl Pläne für ihre Lieblinge schmieden, aber sie haben keine Macht über Arachne, die mit ihren Schwestern in dunklen Winkeln sitzt und für jeden die Fäden des Schicksals spinnt.</p>
<p>In den alten Zeiten lebten sehr schädliche Männer im attischen Bergge­lände, die »Geächteten«; ob man sie – in noch viel früheren Jahrhun­derten – aus den Dörfern geworfen hatte, weil sie, möglicher­weise aufgrund einer schwierigen Jugend, boshaft waren, oder ob sie bos­haft wurden, weil man sie ausstieß, läßt sich nicht mehr klären. Fest steht nur, daß sie sich als Unholde betätigten, als Theseus mit ihnen zu tun bekam. Die drei übelsten Burschen hießen: Skeiron, Damastes und Pithyokamp­tes.</p>
<p>Pithyokamptes ist der sprechende Name eines schweigsamen Mannes. Der ›Fichtenbeuger‹ wohnte im Wald. Wenn ein Wandersmann daher­kam, bot ihm Pithyokamptes eine Kraftprobe an. Der Riese bog mit je­der Hand die Spitze einer Fichte nieder, und sein Opfer mußte es ihm nach­tun. Gütigerweise half ihm Pithyokamptes beim Baumbiegen, feu­erte ihn auch an und lobte ihn für seine schier übermenschliche Kraft so sehr, daß der Wanderer seine eigenen Kräfte überschätzte und sich vom Riesen bereitwillig die Hände an den Fichtenspitzen festbinden ließ. Auf diesen Moment hatte Pityokamptes gewartet. Jetzt nämlich ließ er die Baumspit­zen los und der Waldboden wackelte von dem Gelächter, das der Riese ausstieß, während der Wandersmann von den sich aufspreizen­den Fich­ten hochgeschleudert und in der Luft zerrissen wurde.</p>
<p>Skeiron lebte an der Küste des Meeres, auf einem steil aus der Bran­dung ragenden Felsen hatte er sich sein Räubernest gebaut. Der Mann war gehbehindert. Er hinkte. Wenn, was selten genug der Fall gewesen sein wird, ein Reisender vorüberkam, ein versprengter Soldat vielleicht aus Sparta oder ein betrunkener Philosoph, dann klagte ihm Skeiron sein Leid und bat um die kleine Gefälligkeit einer Beinmassage. Eine so beschei­dene Bitte abzuschlagen, waren die Reisenden, wie es schien, zu höflich. So knieten sie sich vor dem Kranken nieder und kneteten ihm die Waden und bekamen zum Dank – einen mächtigen Tritt ins Gesicht und stürzten rücklings vom Fels hinab in den gurgelnden Abgrund des Meers. Da wartete eine Kröte und fraß den gefallenen Samariter mit Stumpf und mit Stiel.</p>
<p>Damastes hatte an der Straße nach Eleusis, einen Tagesmarsch vom Pei­räus entfernt in nördlicher Richtung, eine ländliche Fremdenherberge eingerichtet. Freundlich pfeifend ging er vor seinem Gasthaus auf und ab und ermunterte die Reisenden einzutreten. Die Leiden der Gäste began­nen, wenn sie sich zum Schlafe niederlegten. Das Bett ist ja viel zu kurz, Herr Wirt! Und dies wieder bei weitem zu lang! Das macht nichts, erwi­derte Damastes, ich werde das in Ordnung bringen, legen Sie sich nur schon mal hin! Und wie er dann half, der rührige Wirt! Aber nicht die Betten machte er passend, sondern die Gäste. Was von ihren Gliedern über den Rand stand, haute er ab mit der Axt. Und wenn sie, wie meis­tens, zu klein waren, dann machte er sie lang, er zog und dehnte und streckte sie, bis sie zerrissen.</p>
<p>Mit diesen sinistren Genossen ging Theseus auf seine Weise um. Er schlug sie mit ihren eigenen Waffen. Den Pityokamptes zerriß er, Damas­tes machte er passend fürs Zwergenbett und Skeiron stieß er vom Felsen hinab der Kröte ins giftige Maul.</p>
<p>Das freie Land, das nun vor ihm lag, Attika nämlich, bot aber immer noch keinen beruhigenden Anblick: Zwischen verstreuten Dörfern dehn­ten sich große, unbebaute Flächen aus, die von unsicheren Straßen durchzo­gen waren. Und wie die Landschaft zwischen den Dörfern wüst und zerklüftet war, mangelte es auch den Verbindungen der Dorfgemein­schaften untereinander an Kultivierung und Form. Es herrschten Miß­trauen und Gewalt.</p>
<p>Immerhin: Theseus fand in einem der Dorfhäupter seinen Vater Ägeus, den er so lange gesucht hatte. Zeit für sein großes Werk fand The­seus aber nicht sogleich. Die Eifersucht und die Mordlust seiner Stief­mutter Medea standen dagegen. Mehrfach mußte Theseus seine ganze Geistesgegenwart aufbieten, um ihren giftigen Anschlägen zu entgehen. Aber selbst dann noch, als Medea gescheitert und verbrannt war, hatte die Kette der Bewäh­rungsproben ihr Ende nicht erreicht, ja, die schwerste Prüfung wartete sogar noch. Theseus wurde von seinem Vater dazu ausersehen, die auswärtigen Beziehungen des attischen Fischer-Dor­fes zu ordnen, ein höchst verwickelter Auftrag, wie unser schon erwähnter Gewährsmann, der französische Dichter Andre Gide, ganz treffend be­merkte. Dem fer­nen und mächtigen König Minos in Kreta waren alljähr­lich sieben Jüng­linge zu verabfolgen, eines alten Krieges wegen, also gewis­sermaßen zu Reparationszwecken. Und was die blühenden Männer auf der Insel Kreta erwartete, war nichts weniger als der sichere Tod in Gestalt eines gefährlichen Mischwesens aus Mensch und Stier: der Minotaurus steckte im innersten Bezirk des Labyrinths, gierig auf Knaben­blut.</p>
<p>Diesmal konnte sich Theseus nicht mit der Anspannung seiner eige­nen Körper- und Geisteskräfte begnügen. Gegen die Wirrsale des Laby­rinths und den Stier im Zentrum hätte Theseus allein keine Chance ge­habt. Daß er dies voraussah, zeichnet ihn aus. Wenn man so will, kann man sagen: Erstmals in seinem Heldenleben war nicht nur das Ziel seines Edelmuts gemeinschaftsbezogen, sondern auch die Technik des heroi­schen Wir­kens selbst wies <em>in nuce </em>jene gesellschaftlich-politische Dimen­sion auf, die uns auch bei seinem größten Werk begegnen wird. Daß der Stier das ganze als eine böse Intrige wertete, wundert uns nicht: Was verstehen schon Stiere von Politik!</p>
<p>Theseus zog zwei Menschen ins Vertrauen, Ariadne und Dädalus. Zur Königstochter Ariadne spann er den Silberfaden seiner – übrigens bes­tens trainierten – prinzlichen Liebe; wie er Dädalus, den Hofbaumeister und genialen Erfinder des Labyrinths, auf seine Seite zog, ist nicht be­kannt. Jedenfalls muß der Architekt dem Helden den Bauplan des Laby­rinths verraten haben. Kurz und gut, der Stier ward bei den Hörnern gepackt und überwältigt, die lieben Hände der Prinzessin hielten den Faden, an dem Theseus aus den Irrwegen herausfand an das nüchterne Licht des Tages und Theseus kehrte als Sieger heim, wenn auch nicht ohne Ver­luste: Die treue Ariadne ließ er unterwegs auf einer einsamen Insel zu­rück (und setzte die Reise mit ihrer wesentlich attraktiveren Schwes­ter Phädra fort) und Vater Ägeus stürzte sich am Tage der Rück­kehr seines Sohnes zu Tode. Theseus war nun der geborene König.</p>
<p>Und so versammelte er die Ältesten und Reichsten seiner Heimatge­meinde und der benachbarten Dörfer um sich und hielt ihnen eine Rede, de­ren genauer Wortlaut durch André Gide aufgezeichnet worden ist:</p>
<p>»Ich lasse nichts gelten als persönliche Tüchtigkeit und erkenne keinen anderen Wert an«, sagte <em>Theseus </em>und fuhr fort: »Ihr habt euch zu berei­chern gewußt durch Geschicklichkeit, Wissen, Beharrlichkeit; noch öfter aber durch Ungerechtigkeit und Mißbrauch. Die Zwistigkeiten unter euch gefährden die Sicherheit des Staates. Nach meinem Willen soll er mächtig und vor euren Intrigen geschützt sein. &#8230; Die verwünschte Geld­gier, die euch quält, bringt euch kein Glück, denn sie ist in Wahrheit unersätt­lich. Je mehr man erwirbt, um so mehr wünscht man zu erwer­ben. Ich werde euer Vermögen herabsetzen; und zwar mit Gewalt (ich besitze sie), wenn ihr diese Einschränkung nicht gutwillig annehmt. Mir behalte ich nur die Aufsicht über die Gesetze und die Heeresleitung vor. Am übrigen liegt mir wenig. Ich will als König ebenso einfach leben, wie ich es bis zum heutigen Tage getan habe, und zwar auf dem gleichen Fuße wie die kleinen Leute. Ich werde den Gesetzen Achtung verschaf­fen &#8230; Man soll im Lande ringsum sagen können: Attika wird nicht durch einen Tyrannen, sondern durch eine Volksherrschaft regiert, denn jeder Bürger dieses Staates wird im Rate gleiches Recht haben, ohne Ansehen der Geburt. Wenn ihr nicht freiwillig mitmacht, werde ich euch, wie ge­sagt, dazu zu zwingen wissen. Ich werde eure kleinen lokalen Gerichts­höfe und Ratsstuben zerstören und vernichten und werde das, was bald Athen heißen wird, unter der Akropolis versammeln &#8230; Jetzt geht und laßt es euch gesagt sein.«</p>
<p>Und Theseus ließ diesen starken Worten Taten folgen. Er schmiedete die ehedem verfeindeten Dorfgemeinschaften zum Volk der Athene zusam­men. Er begab sich aller königlichen Autorität, kehrte ins Glied zurück und fürchtete sich nicht, ohne Geleit vor aller Augen als schlichter Bürger zu erscheinen. Um die Bedeutung und Macht Athens zu heben, ließ er verkünden, daß jeder ohne Unterschied aufgenommen werde, woher er auch käme, wenn er den Wunsch hätte, sich in Athen niederzulas­sen. Und er versprach den Neuankömmlingen die gleichen Rechte wie den Ureinwohnern und den früher angesiedelten Bürgern.</p>
<p>Theseus<em>, </em>den das Schicksal zur Härte erzogem hatte, war auch durch die Warnungen seines Freundes Peirithoous nicht zu beirren. Dieser Freund sagte: »Die Gleichheit ist unter den Menschen nicht natür­lich &#8230; Ohne Wettbewerb, Rivalität, Eifersucht, bleibt diese Masse formlos und wälzt sich im Sumpf. Du magst wollen oder nicht &#8230; bald werden sich wieder Unterschiede der äußeren Lage herausbilden; das heißt eine lei­dende Plebs und eine Aristokratie.«</p>
<p>Theseus entgegnete ihm: »Bei Gott, darauf rechne ich &#8230; Aber zu­nächst sehe ich nicht ein, warum diese Plebs leiden soll, wenn die neue Aristokra­tie, die ich nach Kräften begünstigen werde, diejenige des Geis­tes ist, wie ich es wünsche, nicht die des Geldes &#8230;«</p>
<p>Soweit André Gide’s Bericht über die Gründung Athens durch The­seus. Niemand wird leugnen, daß, gemessen an der durchschnittlichen Weitsicht der Helden von Herakles bis Siegfried, das Urteil über Theseus gar nicht günstig genug ausfallen kann. Und all die sind zu tadeln, die sich noch nach Tausenden von Jahren an den kleinen Unbeherrschthei­ten des Mannes reiben. Natürlich hätte er seine Lebensretterin Ariadne nicht auf einer einsamen Insel in der Ägäis abladen sollen, um mit ihrer Schwester Phädra über die weindunkle See zu entschwinden. Und erst recht überschritt Theseus seinen geschichtlichen Auftrag, als er versuchte, die schöne Helene aus Lakedaimon zu entführen. Aber erstens hat er seine erotische Exzentrik stets teuer bezahlt, diese Dinge sind also an sich erledigt, zweitens wäre es unredlich, das Überschreiten der gewohnten Grenzen bei dem Politiker Theseus zu loben, um dieselbe Eigenschaft dem Erotiker zu verübeln, drittens ist es ein durch keine Erfahrung beleg­tes Vorurteil, daß, wer sich selbst nicht beherrschen kann, auch zur Herr­schaft über andere nicht tauge. Und schließlich sind das alles doch nur Marginalien, die das Entscheidende niemals verdunkeln dürfen: Theseus war ein sagenhafter Mann.</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
III. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Betrifft: Erziehung</span></p>
<p>&#8230; gelegentlich einfach mitten im Satz beginnen. So lautet eine der Empfeh­lungen des Lehrers Isokrates von Athen (437–338 v. Chr.). Es entsteht ein Gefühl von Voraussetzungslosigkeit und Frische, wenn man mit der Tür ins Haus fällt wie der Frühlingswind oder wie ein Kind oder wie das Glück persönlich.</p>
<p>Wer sich im Athen des fünften und vierten Jahrhunderts vor Christus zum Unterrichten berufen fühlte, mußte sich nicht, wie die Lehrer heute, zunächst einmal in die Gewalt der institutionalisierten Erziehungswissen­schaft begeben, um sich dann mühsam wieder aus ihren Fängen zu be­freien, sondern er eröffnete ganz einfach eine Schule. Er brauchte dazu keine Genehmigungen und Zertifikate, sondern nur: einen kühlen Raum, ei­nen guten Ruf, einige Holzbänke und Schüler.</p>
<p>An all dem hatte der Lehrer Isokrates keinen Mangel. Er war nach eige­nem Bekunden ein eher schüchterner Mann. Seine Stimme krächzte und vor großem Publikum wackelten ihm die Knie. Er war ein lausiger Redner und versagte in seinem ersten Beruf als Anwalt. Und so wurde er Lehrer. Und zwar für Rhetorik.</p>
<p>Die Rhetorik, wie sie Isokrates in der Tradition der Sophisten ver­stand, beschränkte sich allerdings nicht, wie der heutige Beigeschmack des Wortes nahelegt, auf Tricks und Tips für rotzige Politiker, business­men und Advokaten. Nein, diese Rhetorik war eine umfassende Disziplin mit einem handfesten praktischen Ziel: Die Rhetorik trat als zentrale Herrschaftstechnik in dem Maße an die Stelle bewaffneter Unterdrü­ckung, wie die Tyrannis von der Demokratie abgelöst wurde. Weil sich das Schicksal der Stadtrepublik Athen in der Volksversammlung und in den Gerichten entschied, mußte man dort im Rate der Männer am Markt, wie es bei Homer heißt – Erfolg haben. Wer etwas zu sagen ha­ben wollte, mußte reden können.</p>
<p>Isokrates hat wahrscheinlich auch ein Lehrbuch der Redekunst ge-schrie­ben. Es ist verloren gegangen, dürfte sich aber nicht wesentlich unterschieden haben von den erhaltenen Kompendien anderer Schulhäup­ter. Mit deren Hilfe können wir uns ein Bild davon machen, wie vielfältig der Bereich dessen war, was man damals unter Rhetorik verstand.</p>
<p>Die Rhetoriklehrer fanden heraus, daß der Redner, ob er will oder nicht, die Gefühle seiner Zuhörer anspricht. Wem sich die Herzen verschlie­ßen, kann Menschen nicht bewegen. Also versuchte man, die Natur der menschlichen Gefühle zu ergründen; es entstand eine Vorform der Psychologie daraus.</p>
<p>Der Redner durfte aber auch die Vernunft seiner Zuhörer nicht beleidi­gen. Deshalb entwickelten die Rhetoriklehrer ausgefeilte Argumentati­onsregeln; es wuchs eine Vorform der Logik und der Erkennt­nistheorie heran.</p>
<p>Der Redner mußte ein Meister der Sprache sein: die Rhetoriker leg­ten das Fundament für Grammatik und Stilistik. Ein gutes Gedächtnis brauchte der Redner; man entwickete die Grundlagen der Mnemotech­nik. Der Redner vor den Gerichten konnte auf gehörige Kenntnis des Rechts nicht ganz verzichten. Und so wundern wir uns nicht, daß es die Rhetoriklehrer gewesen sind, die an der Wiege der Jurisprudenz standen.</p>
<p>Und dann das schwerste Stück: Ein wirklich großer und dauerhaft wirksa­mer Redner braucht, so fanden die Rhetoriker heraus, persönliche Glaubwürdigkeit. Seine Person muß seine Worte beglaubigen. Er muß die Vorstellungen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht und von Wahr und Falsch, die aus seinen Worten sprechen, verkörpern. Und so stießen die Rhetoriklehrer – aus scheinbar ganz unphilosophischen Zweckmä­ßigkeitsüberlegungen – zu den sogenannten tiefen Dingen und letzten Fragen – wir kommen später darauf zurück.</p>
<p>Es war also nicht wenig, was den Schülern im Fache Rhetorik vermit­telt wurde. Aber es war durchaus nicht alles. Der Lehrer Isokrates war ein nüchterner Mann. In seinem Kopfe wucherten keine Romane und blüh­ten auch keine Oden und Elegien. Und so studierte und lehrte er die alte und neue Geschichte seiner Vaterstadt Athen, wobei er zur alten Ge­schichte durchaus auch die Mythologie rechnete, vor allem den The­seus-Mythos, den er in seinen politischen Reden nicht müde wird zu deuten und zu variieren.</p>
<p>Was dieses zweite Hauptfach an der Schule des Isokrates, nämlich die Geschichte Athens und Griechenlands betrifft, so sind weder Lehrpläne noch curricula überliefert; an Merksprüchen von der Sorte »Drei Drei Drei – Bei Issos Keilerei« fehlte es schon deshalb, weil weder Isokrates noch sonst die Griechen ihre Zeit als einen so exakten Takt aus Stunden und Sekunden verstanden, wie wir das heute tun und dabei anzunehmen scheinen, nicht der Wechsel der Jahreszeiten sei das Naturgesetz, sondern das artifizielle Zucken der Ziffern auf der Atomuhr in der physikalisch-technischen Bundesanstalt zu Braunschweig. Die Griechen orientierten sich an Ereignissen – übrigens am liebsten aus der Welt des Sports –, nicht an abstrakten Festsetzungen. Wenn es galt, eine Schlacht zu datie­ren, dann gebrauchte man keine Jahreszahl, sondern man sagte etwa: Im zweiten Winter nach den Olympischen Spielen, in denen Theodoros aus Theben den Siegeskranz im Wagenrennen errang, usw.</p>
<p>Der Unterschied in der Sichtweise ist größer, als man auf den ersten Blick glauben mag. Wenn wir ein Koordinatensystem auf Millimeterpa­pier malen und eine Ellipse einzeichnen, dann sehen wir diese Ellipse als ein Produkt von Berechnungen, Vorgaben und Formeln. Denken wir uns das Millimeterpapier und das Koordinatensystem weg und warten ein wenig, bis die harte Rechtwinkligkeit aus unserer Wahrnehmung geschwun­den ist, dann wird die Ellipse zum Ei oder zum Eiland oder zur Wolke oder zur Pfütze. Die Formel verwandelt sich in ein Bild und das Bild schwimmt auf dem Ozean unserer inneren Welt wie die bewegliche Insel des Windkönigs Äolos auf dem Mittelmeer. Die Dinge werden bieg­sam und deutbar: Die Historie wird zum Mythos. Moderne Historiker sagen, die Griechen hätten kein korrektes Verhältnis zur historischen Wahrheit gehabt. Richtig ist, daß sie keine guten Reporter waren. Aber wunderbare Erzähler.</p>
<p>Wie Isokrates seinen Schülern die Geschichte seiner Vaterstadt nahe­brachte, ist nicht bekannt. Man wird die Werke des Herodot, Thukydides und Xenophon gelesen haben und sicher auch die sogenannten Atthidogra­phen, die eine Mischung aus Sagenerzählungen und Alltagsge­schichte der Stadt präsentierten. Aus den über dreißig erhaltenen Redetex­ten des Isokrates kann man zu erschließen versuchen, wie eine kurzgefaßte Geschichte Athens aus der Feder des Meisters, geschrieben am Ende seines fast hundertjährigen Lebens, ausgesehen haben könnte:</p>
<p>»Lange Jahre nach den goldenen Zeiten unseres Stadtgründers The­seus hatten in Athen der Unverstand und die Geldgier wieder die Macht in Händen. Eine skrupellose Adelsclique hielt die große Mehrheit des Volks in Schuldknechtschaft. Da sandte unsere Schutzgöttin Athene den Dichter und Richter Solon. Er befreite das Volk, verteilte das Land neu und erließ Gesetze in schöner, rhythmischer Sprache. Sie gelten bis auf den heutigen Tag. Solons Fehler war, daß er sich allzubald wieder aus den Staatsgeschäften zurückzog. Das Volk wurde übermütig. In seinem unmäßigen Haß gegen die Reichen verschenkte das Volk die Macht, die ihm Solon erkämpft hatte, an den Tyrannen Peisistratos. Aber auch der hatte eines Tages ausgespielt, und so kehrte die Demokratie zurück. Indes wuchs ein mächtiger äußerer Feind heran: Der persische Großkönig saß wie eine fette Spinne in den dunklen Winkeln Asiens und machte sich daran, das Netz seiner Gewalt in den Westen zu erweitern. Zweimal stand er mit seinem Lakaien-Heer im Herzen Griechenlands, zwei Mal unterlag der barbarische Despot.</p>
<p>In den schönen Jahren danach war Athen die Herrscherin des östli­chen Mittelmeers. Der Seehandel blühte. Der Markt quoll über. Die An­wälte hatten Konjunktur. Die Stadt lebte in Saus und Braus. Sie leis­tete sich die schönsten Tempel Griechenlands, die größten Feste, und sie leis­tete es sich, jeden noch so begabten Politiker aus der Stadt zu werfen, wenn er dem Volk nicht mehr gefiel. Allerdings mästeten wir unser Glück auf Kosten der Kolonien, deren Tribute wir gnadenlos eintrieben. Und so fiel es Sparta nicht schwer, unsere unzufriedenen Verbündeten aufzuhet­zen und mit ihnen in den Bruderkrieg gegen uns zu ziehen. Mit persischem Gold bestritt Sparta den Sold für die thrakischen Bogenschüt­zen, die paphlagonischen Reiter, sizilischen Schiffskämpfer und all die anderen Söldnertruppen, die aus allen Teilen der bewohnten Erde nach Griechenland kamen. Wir erlitten eine bittere Niederlage. Wir verloren unsere Silberbergwerke, unsere Flotte, unsere Mauern wurden geschleift und unsere Handelsbeziehungen zerschnitten. Aber das schlimmste war, daß sich Bürger unserer Stadt bereitfanden, im Auftrage Spartas eine verbrecherische Tyrannenregierung zu bilden. Diese Bande machte je­den, der ihr nicht paßte, einen Kopf kürzer. Sie stürzte das Volk von Athen in einen Bürgerkrieg. Glücklicherweise gewann aber letztlich die demokratische Partei doch wieder die Oberhand.</p>
<p>Nach dem Ende des großen Kriegs mit Sparta vagabundierten die ar­beitslosen Söldnertruppen durch Europa und Kleinasien, und diese Hor­den suchten sich ihre Kriege und Scharmützel, traten in die Dienste verwege­ner Condottieri und skrupelloser Regionaltyrannen ebenso wie sie Bürger-Truppen demokratischer Städte beisprangen. Sie trugen Mord und Brand in das hellenische Land und sie kannten nur einen Herrn: das Geld. Deshalb blieb Hellas zerrissen, wurden nach wie vor Dörfer geplün­dert, Ernten verwüstet, Frauen, Männer und Kinder versklavt oder ermordet, irrten Flüchtlinge und Verbannte durch Griechenland und suchten Asyl.«</p>
<p>So etwa könnte ein Abriß der athenischen Geschichte aus der Feder des greisen Lehrers Isokrates ausgesehen haben. Andere Fächer als Ge­schichte und Rhetorik wurden bei Isokrates nicht gegeben, vor allem keine Mathematik und keine Himmelskunde; das unterschied die Schule des Isokrates von anderen Instituten.</p>
<p>Und wie haben wir uns den praktischen Unterrichtsbetrieb vorzustel­len? Wie war es um Didaktik, Methodik, Disziplin bestellt? Nun, es sind keine staatlichen Vorschriften, Richtlinien, Programme und Empfehlun­gen überliefert. Immerhin lassen sich aber auch hier Rückschlüsse aus den erhaltenen Reden des Isokrates ziehen:</p>
<p>Isokrates glaubte nicht an die Allmacht der Erziehung. Seine Mei­nung war, daß man niemanden, erst recht nicht mit Zwang, zu einem neuen Menschen erziehen kann. Die klassische Frage, ob Tugend lehrbar sei, hätte er glatt verneint. Wohl aber könne man starke Begabungen fördern und die Nachteile fehlender Begabung durch Übung bis zu ei­nem gewis­sen Grade ausgleichen. Man kann seine Pädagogik auf zwei Prinzipien zurückführen:</p>
<p>Nichts mit Gewalt!</p>
<p>Reden! Reden! Reden!</p>
<p>Die Schüler, im Alter ab etwa 14 Jahren, allesamt männlichen Ge­schlechts und aus den angesehensten Familien nicht nur Athens, sondern ganz Griechenlands stammend, sammelten sich in den Morgenstunden um den Meister und blieben bis zum Nachmittag. Vorzugsweise waren fiktive Anklage- oder Verteidigungsreden gegen oder für berühmte Gestal­ten aus der Geschichte (einschließlich Mythologie) zu verfassen. Vorgegeben wurde eine möglichst knifflige Aufgabe, zum Beispiel die Verteidigung des Theseus gegen den Vorwurf, seine Lebensretterin Ari­adne verlassen zu haben. Mit welchen Argumenten dies geschah, war im Prinzip gleichgültig, nur überzeugend mußten sie sein. Es war also keines­wegs verpönt, den Mythos kurzerhand umzudichten, indem man etwa behauptete, Ariadne habe sich ihrerseits verliebt und es sei ein Akt der Großzügigkeit gewesen, daß Theseus sie nicht gezwungen habe, bei ihm zu bleiben.</p>
<p>So las man und schrieb, lernte auswendig, deklamierte, diskutierte, verbes­serte, lernte erneut, deklamierte erneut, diskutierte erneut, korri­gierte erneut und immer so weiter, bis das Ergebnis den Lehrer zufrieden­stellte. Isokrates setzte nicht nur seine Schüler diesem unablässi­gen Gespräch aus, sondern auch seine eigenen Texte unterwarf er der Diskussion im Kreise der Schüler, änderte, diskutierte, bis er irgendwann, manchmal nach Jahren, in einem Fall sogar erst nach Jahrzehnten glaubte, eine Veröffentlichung wagen zu können.</p>
<p>Die Schüler wählten den Zeitpunkt des Schulabgangs selbst; die meis­ten blieben drei oder vier Jahre. Abschlußprüfungen wurden nicht abge­legt, es gab weder Zeugnisse noch Noten.</p>
<p>Man kann die pädagogischen Prinzipien der Schule des Isokrates auch komplizierter formulieren, als wir es getan haben. Das fortwährende kriti­sche Gespräch hieße dann vielleicht »rationale Kommunikation«, die Bereitschaft des Lehrers, sich selbst in die Kritik einbeziehen zu lassen, wäre zweifellos ein »tendenziell symmetrischer Vollzug« und das Erziehungs­ziel ließe sich ohne weiteres beschreiben als »Vermittlung humaner Handlungsorientierung«. Und so können wir dann in der Hoff­nung, daß auch ein Pädagoge unserer Zeit versteht, was gemeint ist, in den Worten des Erziehungswissenschaftlers Klaus Schaller (1925–2015) aussprechen, daß Erziehung für Isokrates »Hervorbringung und Vermitt­lung humaner Handlungsorientierung im tendenziell symmetrischen Vollzug rationaler Kommunikation« war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: 12pt; font-family: gill-sans-regular;">IV.</span><br />
<span style="font-size: 12pt; font-family: gill-sans-regular;">Die schönste aller Reden</span></p>
<p>Christoph Martin Wieland gründete vor knapp zweihundert Jahren »zur nützlichen Unterhaltung des lesenden Publikums« die Zeitschrift <em>Atti­sches Museum</em>. Im ersten Heft brachte Wieland den <em>Panegyrikos</em> des Isokrates, die schönste aller Reden, wie man im Altertum sagte.</p>
<p>Die Rede wurde niemals gehalten, sondern, um das Jahr 380 vor Chris­tus, als Flugschrift veröffentlicht. Isokrates glaubte, Athen solle den innergriechischen Kleinkriegen ein Ende machen und stattdessen eine Allianz der griechischen Demokratien gegen den persischen Despoten führen. Nur so, glaubte er, könne das vagabundierende Gewaltpotential der Söldnerheere gebunden werden. Um den Führungsanspruch seiner Heimatstadt zu rechtfertigen, arbeitete er seine Rede zu einer Eloge auf die kulturelle und politische Tradition Athens aus:</p>
<p>»Oft schon habe ich mich darüber gewundert: Warum die Veranstal­ter der Turniere und Olympiaden so große Gewinne aussetzen zur Beloh­nung für körperliche Tüchtigkeit, während sie diejenigen, die auf eigene Rechnung zum Wohl der Gemeinschaft ihren Geist kräftigen, nur mit kleinen Preisen abspeisen. Müßte es nicht geradezu umgekehrt sein? Denn selbst, wenn es allen Sportlern gelänge, das Maß ihrer Stärke zu verdoppeln: es nützte uns anderen nicht. Dagegen die Weisheit eines einzigen Mannes trägt reiche Frucht für alle, die sich seiner Gedanken bedienen &#8230;</p>
<p>Als die Hellenen noch gesetzlos lebten und in zerstreuten Horden, die einen unterdrückt von Tyrannen, die andern in wilder Anarchie, da war es unsere Stadt Athen, die diesen Übeln ein Ende machte. Wem sie ihren Schutz nicht geben konnte, dem gab sie wenigstens ein ermutigendes Beispiel. Sie war nämlich die erste, die verläßliche Regeln für das Zusam­menleben der Menschen in der Gemeinschaft aufstellte. Wir erkennen das daran, daß die ersten Städte, die sich anschickten, nicht mehr nach den Gesetzen von Gewalt und Willkür zu richten, sondern auch die schwers­ten Verbrechen in einem vernünftigen Verfahren abzuurteilen, ihre Gesetze von uns übernommen haben. Und was die schönen Künste und die vielen Erfindungen für den täglichen Bedarf betrifft, so wurden sie entweder bei uns erfunden oder doch erprobt und zur Vollendung gebracht, bevor wir sie an die übrigen Hellenen weitergaben. Unsere Gesetze und das ganze Leben in unserer Stadt atmen den Geist der Offen­heit und Fremdenfreundlichkeit. Bei uns ist jeder Fremde gern gese­hen. Gleichgültig, ob er als armer Mann kommt und Geld braucht, oder ob er sich bei uns niederläßt, um sein Vermögen zu genießen, wir sind auf die Glücklichen ebenso eingerichtet wie auf diejenigen, die das Un­glück aus ihrer Heimat vertrieben hat: die einen finden bei uns den köstlichs­ten Zeitvertreib, die anderen ein sicheres Asyl.</p>
<p>Und weiter: Da nicht jedes Land alles produziert, was die dort leben­den Menschen brauchen, sondern an dem einen Mangel hat, an dem andern Überfluß, so wußte man lange keinen Rat, wie zugleich der Man­gel auszugleichen und der Überschuß zu verwerten sei: Auch hier half Athen. Denn wir richteten den großen Markt im Peiräus ein; da gibt es alles, was man in der übrigen Welt nur schwer oder gar nicht bekommt, und zwar in Hülle und Fülle.</p>
<p>Den Stiftern unserer großen gesamtgriechischen Wettspiele nun ge­bührt schon allein deshalb ein besonderes Lob, weil sie den Brauch begrün­det haben, daß während der Festtage überall in der hellenischen Welt die Waffen schweigen. Statt gegeneinander zu kämpfen, erinnern wir uns in den festlichen Opfergottesdiensten unserer gemeinsamen Vergan­genheit und stimmen uns ein auf eine gemeinsame Zukunft. Alte Freundschaften werden erneuert und neue gestiftet. Niemandem wird die Zeit arg, keiner langweilt sich, weder die gewöhnlichen Leute noch diejeni­gen, die sich in irgendetwas besonders hervortun. Die einen kön­nen ihre Künste zur Schau stellen, die andern freuen sich dabei, den Wett­kämpfern zuzusehen. So haben alle ihr Vergnügen und können sich geschmeichelt fühlen, die Zuschauer, weil man so viel Wert auf ihren Applaus legt, die Akteure, weil ganz Griechenland gekommen ist, um ihnen zuzuschauen &#8230;</p>
<p>Es gibt nicht nur die sportlichen Wettkämpfe zu sehen, wo es um Kraft und Behendigkeit geht, sondern auch Wettstreite der Beredsamkeit, der Wissenschaften und der schönen Künste &#8230; Und während andernorts Festspiele nur in Abständen von mehreren Jahren stattfinden und dann auch nur wenige Tage dauern, kann unsere Stadt mit Recht als ein einzi­ges ununterbrochenes Festspiel bezeichnet werden &#8230;</p>
<p>Besonders aber gereicht es unserer Stadt zur Ehre, daß sie die Philoso­phie und die Redekunst gehörig zu ehren wußte: die Philosophie, die bei all diesen Erfindungen und Einrichtungen mitgewirkt, uns zu den Geschäf­ten des bürgerlichen Lebens gebildet, unsere Sitten gemildert, und uns zu unterscheiden gelehrt hat, nämlich zwischen denjenigen Übeln, die aus Unwissenheit und denen, die aus physischer Notwendig­keit entspringen, so daß wir den einen abzuhelfen, die anderen aber auf noble Art zu ertragen lernen. Und Athen hat uns auch die Kunst zu re­den geschenkt, die jeder zu besitzen wünscht und ihrem Besitzer neidet. Denn unsere Stadt sah, daß unter allem Lebendigen allein der Mensch mit der Anlage zu Vernunft und Sprache geboren ist, und daß uns dieser einzige Vorzug auch in allem übrigen über die Natur erhebt; sie erwog ferner, daß Glück und Zufall in alle anderen Geschäfte und Unternehmun­gen der Menschen mit solcher Wirkung sich mischen, daß nicht selten kluge Leute ihre Wirkung verfehlen, wohingegen Dummköp­fen alles glücklich vonstatten geht, die Geschicklichkeit zu reden hingegen nie die Sache eines rohen, wertlosen Menschen, sondern gerade das ist, woran man hauptsächlich den gebildeten Mann von dem ungebildeteten unterscheidet, und daß man weder aus der Tapferkeit eines Mannes noch aus seinem Reichtum und anderen Vorzügen dieser Art, sondern vornehm­lich daraus, was er sagt und wie er spricht, den Schluß zieht, ob er wohl oder schlecht erzogen sei &#8230;</p>
<p>Aus all diesen Gründen bestrebte sich unsere Stadt, die anderen Völ­ker in der Kunst zu denken und zu reden hinter sich zu lassen; und bei­des ge­lang ihr so wohl, daß ihre Schüler die Lehrmeister der übrigen gewor­den sind, ja, daß der Name ›Hellenen‹ nicht länger eine Rasse, sondern eine bestimmte Denkweise bezeichnet, und daß alle diejenigen mit mehr Recht Hellenen heißen, die unsere gemeinsame Kultur mit uns teilen, als diejenigen, in deren Adern griechisches Blut fließt &#8230;«</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
V.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Wie groß ist die Sonne?</span></p>
<p>Ganze Bibliotheken sind seit der Zeit, als man noch auf Kuhhäute schrieb, bis in unser Jahrhundert mit Auslegungen des Panegyrikos gefüllt worden. Die schöne feinpolierte Rede ist wie ein Zauberspiegel, der nicht nur für die Mitwelt glänzte, sondern in dem die unterschiedlichsten Generati­onen und Zeitalter die verschiedensten politischen und histori­schen, literarischen und philosophischen Wahrheiten zu erkennen glaub­ten.</p>
<p>Wir begnügen uns hier mit zwei Aspekten.</p>
<p>Zum ersten: Der Eindruck, den Isokrates von den Zuständen in Athen gibt, stimmt ohne Zweifel in manchen Punkten nicht mit der historischen Wirklichkeit überein. Gerade, was die Behandlung Fremder betrifft, hat­ten sich die Athener einige Entgleisungen zuschulden kommen lassen. So schleppten sie im Jahre 404 dreihundert Bürger aus den Nachbarstädten Salamis und Eleusis bei Nacht auf den Markt in Athen, nicht etwa, um mit ihnen zu feiern, sondern man prügelte sie mit Knüppeln zu Tode. Auch das Todesurteil gegen den kauzigen Sokrates war nicht eben ein Musterstück für großzügige Förderung der Philosophie. All das wußte Isokrates nur zu gut. Wenn man ihn gefragt hätte, wie er diese partielle Geschichtsfälschung rechtfertigen könne, hätte er vielleicht so geantwor­tet:</p>
<p>Einmal habe ich an keiner Stelle konkret etwas Falsches behauptet, son­dern ich habe nur die vorhandenen günstigen Tendenzen etwas stär­ker betont. Zum andern ging es mir darum, meine Landsleute zu guten Taten für die Zukunft zu ermutigen, und da werde ich sie doch nicht an ihre vergangenen Mißgriffe, sondern an ihre guten Anlagen und Absich­ten erinnern. Und schließlich ist das öffentliche Lügen nur dann ein Prob­lem, wenn kein Widerspruch zugelassen ist. Und genau darum geht es mir ja: Um Freiheit und um die Demokratie.</p>
<p>Der zweite Aspekt läßt sich am besten als Frage formulieren: Was, beim Herkules, ist Philosophie? Fast fällt es nicht auf, daß Isokrates in der pa­negyrischen Rede zwei Wissenschaften als gleichrangig nebeneinander stellt, nämlich die Philosophie und die Rhetorik, die nach dem heute stadt- und landläufigen Verständnis Abgründe voneinander trennen. So beiläufig diese Gleichsetzung erscheint, so gezielt ist sie doch. Im dritten Bande des <em>Bilder-Conversations-Lexikons für das deutsche Volk</em> von F. A. Brock­haus, Leipzig, 1839, heißt es:</p>
<p>»Philosophie ist eine Wissenschaft, welche aus dem angestrengten For­schen der Menschen nach den Gründen oder dem Wesen der Dinge sich gebildet hat und von dem Erhabensten, was die menschliche Vernunft als die Bedingung alles Seins und Wissens oder der Welt anerkennt und der Glaube voraussetzt, die für uns erreichbar höchste Erkenntnis zu erlan­gen sich bestrebt. Diese philosophische Erkenntniß hält sich daher nicht blos an das in Raum und Zeit Gegebene, sondern sucht die Gründe des Vorhandenen und noch Möglichen und die Nothwendigkeit desselben zu er­forschen und, soweit es angeht, selbst bis in das Gebiet des Übersinnli­chen zu verfolgen.«</p>
<p>Diese Auffassung von der Philosophie als einer Suche nach der letzten voraussetzungslosen Wahrheit hinter den flüchtigen Dingen, sei es nun ein Gott oder eine ewig kreisende Seinskugel oder ein absolutes Prinzip oder ein dialektisches Urgesetz oder eine Zahl, steht in Deutschland seit jeher hoch im Kurs. Sie geht auf Platon zurück. Und sie stellt so ziemlich genau das Gegenteil dessen dar, was Isokrates dachte.</p>
<p>Platon betrieb, ein paar Straßen von der Schule des Isokrates entfernt, ebenfalls ein Lehrinstitut, die Akademie. Die beiden Herren waren Konkur­renten, und in ihren Schriften nahmen sie, fast immer versteckt, aufeinander Bezug. Was den Ruf unter den Zeitgenossen und was den finanziellen Aspekt betrifft, konnte Platon Isokrates nicht das Wasser rei­chen. Isokrates war bei weitem erfolgreicher. Er war ein Prinzenerzie­her mit fürstlichen Honoraren und einem glänzendem Ansehen in der gan­zen damals bekannten Welt.</p>
<p>Doch was den Inhalt der Lehren und die schriftstellerischen Qualitä­ten betrifft, sah die Sache nicht so eindeutig aus. Kurz gesagt: Platon hatte Tiefe und Witz, Poesie und moralische Aggressivität und Isokrates setzte historische Bildung, eine kultivierte Skepsis, rhetorischen Schliff und common sense dagegen. Isokrates glaubte nicht wirklich an die tiefen Dinge. Götter waren für ihn eine gesellschaftlich notwendige Einrich­tung, aber er verband keine dunklen Gedanken mit der Religion. Er hatte Frauen und Freundinnen bis ins hohe Alter, aber er verlor in seinen Re­den keine geheimnisvollen Worte über die Liebe. Und die Philosophie hatte für ihn eine praktische Funktion. Lebensweisheit, Weltklugheit sollte sie sein, der Philosoph soll über das Leben nachdenken, um den Men­schen raten zu können, mitnichten soll er selber herumrätseln wie ein Kind über den Tod und die Unendlichkeit und das All. Methodische Vorschriften für den Philosophen gab es nicht: mochte er dichten, fragen, rechnen oder phantasieren, anything goes, wichtig war nur, daß er sich der Diskussion stellte und sein Maß nicht von den Sternen sondern von den Menschen nahm. Und so gesehen ist die Philosophie dann tatsäch­lich eine ebenbürtige Schwester der Rhetorik: Hirn und Zunge gehören zusammen!</p>
<p>Diese Haltung zur Philosophie hatte Isokrates nicht selbst erfunden, son­dern sie war attische Tradition. »Wie groß ist die Sonne?« fragte je­mand einen Sophisten, der im Grase lag und seine Füße betrachtete. Die Antwort: »Halb so groß wie mein rechter Fuß.«</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
VI.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Platon und Isokrates</span></p>
<p>Isokrates war der Sohn eines reichen Flötenfabrikanten. Er litt niemals Mangel und blieb zeit seines Lebens im Lande. Er gehörte erst als An­walt, dann als Rhetorik-Lehrer zu den etablierten Nutznießern des demokrati­schen Systems. Ämter übernahm er nicht, doch seine Reden und offenen Briefe, gerichtet an das Volk von Athen, an Fürstensöhne und fremde Könige wurden vielfach abgeschrieben und zirkulierten als Flugschriften: geflügelte Worte.</p>
<p>Es handelte sich dabei stets um situationsbezogene Ratschläge, nicht um grundsätzliche Parolen. Das hat Isokrates den Ruf des Opportunisten ein­getragen. Dem Prinzen von Zypern rät er, seine monarchischen Voll­machten mit Augenmaß zu gebrauchen, damit sein Volk nicht revoltiere. Wenn er die Prozeßsucht der Athener und die Schlaumeierei der Intellektu­el­len kritisiert, dann hält er seinen Mitbürgern die karge und gerade Lebensart der Spartaner als bekömmlich vor, in anderen Fällen preist er das freie, offene und opulente Leben in Athen zur Nachahmung an. Mal drängt er zum Kriege, mal fleht er um Frieden. Nur die stilisti­sche Erlesenheit dieser Texte, die stets auch als rhetorische Etüden dien­ten, änderte sich durch die Jahrzehnte nicht. Und immer wieder scheint in seinen Texten der Mythos von Theseus auf, dem es gelungen war, den widerstrebenden Bewegungen der attischen Stämme ohne Tyrannei ein ebenso belebtes wie haltbares Haus in Gestalt der Stadtrepublik zu ge­ben.</p>
<p>Isokrates vermied polemische Zuspitzungen ebenso wie gesellschafts-politi­sche Visionen. Zu den einen habe es ihm an Tempera­ment und Witz gefehlt, zu den andern an Gerechtigkeitsdrang und Phanta­sie, sagen seine Kritiker. Außerdem sei er während der meisten Jahre seines Le­bens erstens zu reich, zweitens zu alt und drittens zu eitel gewesen, um den wahren Charakter des immer artifizieller werdenden Regierungssys­tems seiner Stadt zu begreifen, das längst zur bloßen Dekora­tion einer im Grunde nihilistischen Ellbogengesellschaft verkom­men sei. Und die feinen Ziselierungen seines Satzbaus seien wie Girlan­den, mit deren Hilfe sich die gähnende Leere seiner Gedanken zugleich schmücke und verstecke.</p>
<p>Auch Platon entstammte den besseren Kreisen und gab sich in seiner Jugend den üblichen körperlichen und intellektuellen Ausschweifungen der jeunesse dorée seiner Vaterstadt hin: dem Wein und der tragischen Dichtung. Die Dialoge, mit denen er in den mittleren Lebensjahren sei­nem Seelenführer Sokrates ein literarisches Denkmal setzte, zeigen ihn als ei­nen ironischen Stadt-Melancholiker und poetischen Philosophen. Doch je älter Platon wurde, umso mehr vertiefte sich sein Widerwille gegen die Athener Gesellschaft. Gründe dafür gab es genug: Die Macht der in Pla­tons Augen allenfalls scheinklugen Volks- und Gerichtsredner, ihr Opportu­nismus, das Parteiengeschiebe, die Kulissenkämpfe, die Korrup­tion, die Entscheidung der Staatsangelegenheiten je nach Stim­mungslage der Mehrheit, die Ämterpatronage, die Spekulationsgeschäfte der Händ­ler, das ganze laszive Leben, Trinkgelage, Hurerei, Päderastie, obszöne Umzüge, verdorbene Theaterstücke, respektlose Satiren, Gottesläste­run­gen – das alles, so schien es Platon, verfehlte den göttlichen Auftrag, ein Leben in Tugend und Wahrhaftigkeit zu organisieren.</p>
<p>Und während das Wort Gerechtigkeit bei Isokrates den eher formel­len Sinn eines fairen Umganges im Streite der Meinungen und Interessen hat, verband Plato mit diesem Begriff einen ganz bestimmten Inhalt. Er schrieb als alternder Mann zwei große utopische Werke, den <em>Staat</em> und die <em>Gesetze</em>, in denen er seine Vorstellungen von einem gerecht eingerich­teten Staat darlegte: Die Macht in diesem Staat wies er einem Direkto­rium weiser, in die Geheimlehren eingeweihter Greise zu. Damit sich das Volk seinem Glück, in Gerechtigkeit leben zu dürfen, nicht unver­ständiger­weise entzöge, sollte die Ausreise streng reglementiert sein. Dem Gelderwerb wollte Platon ebenfalls enge Grenzen setzen und das Eigen­tum nach mathematischen Formeln gerecht unter die Staatsbürger vertei­len, wie ja auch im All Feuer, Erde, Wasser und Luft in vernünfti­ger und deshalb schöner mathematischer Proportion verteilt seien.</p>
<p>Der Geschlechtstrieb als Urheber so vieler Verwirrungen bedurfte selbst­verständlich straffer staatlicher Zügel. Insbesondere Homosexualität sei zu unterbinden, meinte Platon, was vielleicht psychologisch aufschluß­reich ist, und zwar insofern, als Platons Jugendwerke geradezu dampfen von einer Atmosphäre unterschwelliger Homoerotik. Die Erzeugnisse der Kunst, der Dichtung und der Musik sollten ganz aus dem Staate der Gerech­tigkeit verbannt sein, es sei denn, eine Zensurbehörde hätte ihre Eignung als aufbauende Produkte ausdrücklich festgestellt. überall in Stadt und Land mußten Polizeikräfte wachen; die Verletzung der Ge­setze sollte im Falle nachhaltiger Vernunft- und Gerechtigkeitsresistenz die Verbannung oder den Tod nach sich ziehen.</p>
<p>Ein konsequentes Programm!</p>
<p>Platon beließ es nicht bei der Utopie: Er unterhielt eine sehr enge Bezie­hung zu dem sizilischen Herrscherhaus des Diktators Dionysios von Syrakus, der ein autodidaktischer Dichter war und die platonische Philoso­phie studierte. Platon segelte oft nach Syrakus, denn er glaubte, dort mit Hilfe des Diktators einen total gerechten Staat bauen zu können. Die­ser erste in der abendländischen Geschichte bekanntgewordene Ver­such der Einrichtung einer Gesellschaft aus der Kraft der integren Ver­nunft verfing sich alsbald in Eifersüchteleien und Palastquerelen; er en­dete für die Stadt Syrakus und seine Bewohner mit einem entsetzlichen Blutbad. Platon war tief enttäuscht, und er schob die Schuld für den Fehl­schlag der Verschlagenheit und Dummheit des Dionsysios zu, der nicht tief genug in die philosophischen Lehren eingedrungen sei.</p>
<p>So standen sich also mit Platon und Isokrates nicht nur zwei unter-schiedli­che philosophische Lehrmeinungen, sondern zwei grundver­schiedene Weltsichten gegenüber. Die Grenze zwischen den beiden Positio­nen ist allerdings nicht diejenige, die Karl Marx zwischen sich und der ihm vorangegangenen Philosophie konstatierte, es ist nicht die Grenze zwischen asketischer Weltabgewandtheit auf der einen und akti­ver, nach Veränderung gieriger Weltzuwendung auf der anderen Seite. Wie das Beispiel Syrakus zeigt, wandte sich Platon durchaus der realen Welt zu. Der Unterschied liegt nicht in der Richtung des Denkens, son­dern im Ausgangspunkt und im Ziel.</p>
<p>Für den späten Platon waren die Dinge der realen Welt ein flüchtiges Produkt der reinen Idee. Das Ziel konnte deshalb nur sein, die Dinge ihrem Urbild, der einen und einzigen göttlichen Idee der Gerechtigkeit möglichst nahezubringen. Die Welt hatte sich der Idee zu fügen.</p>
<p>Wer dagegen die Reden des Isokrates studiert, mag sich an Vater Mark und seine Söhne, die Quarks erinnern: Je genauer er hinsieht, umso weniger erkennt er eine große väterliche Idee, stattdessen findet er eine bunt wimmelnde, in geschwisterlichem Wettstreit vereinte Schar von Gedankenblitzen und Erfahrungen. Das heißt nicht, daß Isokrates keine Vorstellung von Richtig und Falsch und von Gut und Böse gehabt hätte: im Gegenteil, er hatte sogar sehr viele davon. Sein Denken war, wenn man so will, eine regelrechte Republik von Wertvorstellungen, und es lag ihm fern, die Utopien, Gerechtigkeitsideale und Letztbegründungen aus dieser Republik hinauszuwerfen. Erst ihre ungehinderte Konkurrenz untereinander und mit anderen Denkweisen und den vielen im Mythos überlieferten Wahrheiten schien ihm eine Chance dafür zu bieten, daß die Philosophie, wie er sie verstand, richtige Ratschläge für das Leben finden könne.</p>
<p>Und was haben wir mit diesem Streit der beiden alten Griechen zu tun? Sehen wir zu!</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
VII. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Survivre n’est pas vivre</span></p>
<p>Bis zum Jahre 1968 standen die Mauern der Kölner Universität sprachlos und kalt. Dann sprühte jemand auf den Sandstein eine Parole: Survivre n’est pas vivre. Der Satz war schon längst wieder abgewaschen, als 1983 der amerikanische General Haig erklärte, der Frieden sei nicht das höchste Gut, es gebe auch Werte, für die zu sterben lohnend und richtig sei. Survivre n’est pas vivre – Aber was muß hinzukommen, damit aus dem blanken Überleben eine schöne üppige vita wird? Bratkarttoffeln? Gerechtig­keit? Kinder? Ein Hölderlin-Vers? Die Freiheit? Dieser himmel­blaue Neunundsiebziger Ford-Fairmount-6-Zylinder?</p>
<p>Einer der einflußreichsten und gewiß der originellste deutsche Staats­rechtsgelehrte unseres Jahrhunderts war der 1985 gestorbene Carl Sch­mitt aus Plettenberg im Sauerland. Er schrieb zwei Bücher mit dem Titel <em>Politische Theologie</em>, und er liebte die Liberalen nicht: Sie wollten, daß die Ströme des technischen Fortschritts und des universalen gesellschaftli­chen Diskurses eines Tages die politisch-ideologischen Blöcke wegspülen soll­ten. Ideologie-Freiheit, also Freiheit von allen religiösen und weltanschau­lichen Fesseln, sei für sie der höchste Wert. Die Chance, eine politische Ordnung aus einer sozialen oder religiösen Idee zu entwerfen, die Chance einer Utopie also, werde damit zunichte gemacht. Die Wertfrei­heit der Liberalen Gesellschaft bestehe in dreierlei Gestalt: Wertfrei­heit in der Wissenschaft, Verwertungsfreiheit in der Produktion und Bewertungsfrei­heit im Konsum. Der in einer solchen befreiten Gesell­schaft lebende Neue Mensch sei unvermeidlich aggressiv, und zwar ag­gressiv im Sinne »des unaufhörlichen Fortschritts und unaufhörlicher Neu-Setzungen.« Er habe keine Feinde mehr, sondern er überhole ein­fach »das Veraltete durch das wissenschaftlich-technisch-industriell Neue &#8230; das Alte erledige sich von selbst in einem unendlichen Prozeß-Progreß, der das Alte entweder – nach dem Maß neuer Verwertbarkeit verwerte, oder als unverwertbar ignoriere, oder als störenden Unwert vernichte.«</p>
<p>Gut bekannt ist, daß Carl Schmitt in den ersten Jahren des Nationalsozia­lismus eine herausgehobene Rolle bei der Gleichschaltung der Rechtswissenschaft und bei der Verfolgung jüdischer Kollegen spielte. Das diskreditiert ihn, aber diskreditiert es auch seine Gedanken?</p>
<p>Er könnte ja trotzdem Recht haben! Jedenfalls findet man ganz ähnli­che Formulierungen bei vielen, und nicht den schlechtesten Köpfen unse­res Jahrhunderts, von Ivan Ilich bis Paul Virilio, von Hans Jonas bis Charles Peguy. Was ist das auch für ein Leben ohne Zeus und ohne Sozialis­mus! Ohne Gott und ohne Platon, nur mit Platin und Plutonium! Ist diese Welt der rasenden Ingenieure und des entfesselten Geldes nicht aggressiv in jede Richtung? Pulvert sie nicht die Erde aus und ätzt sie nicht Löcher in den Himmel? Und liegt der Grund dafür nicht darin, daß niemand ist, der Grenzen setzt; der dem wildgewordenen Kapital und den rasenden Ingenieuren sagt: Bis hierhin und keinen Schritt weiter? In einem Gedicht von Federico Garcia Lorca mit dem Titel: <em>La aurora – Die Morgenröte</em> heißt es:</p>
<p><em>Die Morgenröte von New York hat<br />
</em><em>Vier Säulen aus Morast<br />
</em><em>Und einen Sturm schwarzer Tauben,<br />
</em><em>Die in fauligen Pfützen plätschern.</em></p>
<p><em>&#8230;</em><em> </em></p>
<p><em>Die Morgenröte kommt, und niemand nimmt sie in den Mund.<br />
</em><em>Denn hier gibt es kein Morgen und keine Hoffnung.<br />
</em><em>Wütende Schwärme von Geldmünzen<br />
</em><em>Durchlöchern und verschlingen die verlassenen Kinder.</em><em> </em></p>
<p><em>Die ersten die aufstehn verstehn bis ins Mark,<br />
</em><em>Daß es keine Liebe gibt und kein Paradies ohne Blätter.<br />
</em><em>Sie wissen, daß sie zum Morast der Zahlen und Gesetze gehn,<br />
</em><em>Zu kunstlosen Spielen und fruchtlosem Schweiß.</em><em> </em></p>
<p><em>Das Licht liegt begraben unter dem Lärm der Ketten,<br />
</em><em>Schamlos erledigt von einer Wissenschaft ohne Wurzeln.<br />
</em><em>In den Vorstädten gibt es Leute, die schlaflos umhergehn,<br />
</em><em>Als seien sie eben einem Schiffbruch von Blut entkommen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">VIII. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Vermeiden Sie Proskynesen!</span></p>
<p>Wer sich an den großen Ideen von Liebe, Gleichheit und umfassender Gerechtigkeit orientiert, hat allen Anlaß zur Verzweiflung. Es gibt zwar einen erdumspannenden Fortschritt, doch der hat anscheinend keine soziale und keine christliche, ja nicht einmal ansatzweise ethisch orien­tierte Richtung, vielleicht hat er nur eine Richtung ins Nichts, in die Ver­nichtung. Aber was tun? Die großen Richtunggeber, Religionen und Utopien, sind diskreditiert. Sie haben Berge von Leichen hinterlassen in den Kellern der Häuser, die angeblich nach göttlichen Plänen errichtet waren. Niemand kann sich ihnen anvertrauen. Sollen wir uns, wie Ödi­pus, die Augen ausstechen, um wenigstens nicht sehen zu müssen, was wir nicht ändern können?</p>
<p>Vielleicht ist aber auch mit den großen Ideen etwas nicht in Ordnung. Vielleicht sind sie einfach zu groß und wir täten einstweilen besser daran, nicht nach der einen väterlichen Zauberformel zu forschen, sondern in aller Bescheidenheit nach brauchbaren Botschaften zum Überleben zu suchen, zum Beispiel bei Isokrates, bei Platon, bei André Gide oder bei Theseus. Gott finden wir auf diese Weise vielleicht nicht, aber einen tröstli­chen und – wer weiß? – vielleicht sogar nützlichen Zeitvertreib. Schon die Geschichte von Isokrates und die uralte Sage von Theseus kann uns eine Menge lehren. Zum Beispiel:</p>
<p>Es gibt Rettung auch in aussichtsloser Lage.</p>
<p>Diese Rettung kommt von guten Ideen (das mit dem Faden war wirk­lich ein guter Einfall) und von Menschen.</p>
<p>Manchmal sogar von dem Architekten der Falle, in die man geraten ist.</p>
<p>Lassen Sie sich keine Zerreißproben aufdrängen.</p>
<p>Ausländer rein!</p>
<p>Lassen Sie sich nicht die Hände binden.</p>
<p>Gegen Ungeheuer ist Gewalt erlaubt, auch wenn das Ungeheuer persön­lich eine schwierige Kindheit hatte.</p>
<p>Hüten Sie sich vor Wirten, die behaupten, für jeden ein passendes Bett zu haben!</p>
<p>Vermeiden Sie Proskynesen! Man bekommt zu leicht einen Tritt.</p>
<p>Die Lüge ist ein kleines Übel. Ein großes Übel ist die Unterdrückung der Widerrede.</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
IX.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Theseus und Ödipus</span></p>
<p>Wie André Gide in seiner Erzählung <em>Theseus</em> berichtet, kam Ödipus, nach­dem er sich die Augen ausgestochen hatte, von Theben nach Athen und bat Theseus um Asyl. Es enstpann sich ein Dialog zwischen den bei­den alten Männern:</p>
<p>»Ödipus:<br />
Du wunderst dich, daß ich mir die Augen ausgestochen habe; und ich wundere mich selbst darüber. Aber vielleicht trieb mich noch etwas ande­res zu dieser unüberlegten, grausamen Tat: Irgendein geheimes Bedürf­nis, mein Schicksal zum Äußersten zu treiben, meinen Schmerz zu verschär­fen und eine heldische Bestimmung auszufüllen. Vielleicht ahnte ich von ungefähr die erhabene, erlösende Macht des Leidens; deswegen widerstrebt es auch dem Helden, ihm auszuweichen. Darin bezeugt sich, glaube ich, vor allem seine Größe. Nie ist er tapferer, als wenn er als Op­fer fällt. So erzwingt er den Dank des Himmels und entwaffnet er die Rache der Götter &#8230;</p>
<p>Theseus:<br />
Lieber Ödipus &#8230;, ich kann diese Art übermenschlicher Weisheit nur lo­ben, zu der du dich bekennst. Aber mein Denken kann dir auf diesem Wege nicht folgen. Ich bleibe ein Kind dieser Erde und glaube, daß der Mensch, gleichviel wer er ist und wie verderbt er dir erscheinen mag, die Karten ausspielen muß, die er in der Hand hat. Gewiß ist es dir gelun­gen, noch dein Unglück zum Guten zu wenden und ihm eine engere Berüh­rung mit dem abzugewinnen, was du das Göttliche nennst. Außer­dem lasse ich mich gerne davon überzeugen, daß an deiner Person ein Segen haftet, und daß er sich, wie die Orakel künden, der Erde mitteilt, wo du für immer ruhen wirst &#8230;«</p>
<p>Ödipus wurde wie Theseus in Athen bestattet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">X.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Demosthenes Demosthenou Paianieus</span></p>
<p>Am Abend des 8. August 338 v. Chr., so berichten die Geschichtsschrei­ber, torkelte Philipp der Zweite, König des nordgriechischen Berglandes der Makedonen, aus dem Feldherrenzelt ins Freie. Vor ihm lag die Ebene von Chaironea. Der schmale Fluß, der sich durch das Gelände wand, war von Leichen fast verstopft und die Erde dampfte noch von dem Blut der Gefallenen. Der König tanzte und sang: <em>Demosthenes De­mosthenou Paianieus. </em>Er sang und tanzte und stampfte mit den Füßen den Takt. <em>Demosthenes Demosthenou Paianieus. </em>Das waren die Worte, mit denen der geniale Debatten­redner Demosthenes, Sohn des Demosthenes aus dem attischen Bezirk Paiania, in der Volksversammlung zu Athen die Anträge einge­bracht hatte, deren Ziel es war, eine Kriegs-Koalition ge­gen den autori­tär-aggressiven Philipp von Makedonien zu schmieden. Im Sommer 338 stand die alliierte Armee. In seinen Reden hatte Demosthe­nes Philipp schon hundertmal getötet. Nun sollte vollstreckt werden. Die sonst unterei­nander heillos zerstrittenen griechischen Städte führten ein starkes Heer gegen Philipp den Zweiten und seine rohen Gesellen aus den Schluch­ten des Balkan. Traditionsgemäß stimmten die Athener zu Be­ginn der Schlacht den großen Kriegsgesang an, den Paian. An ihrer Spitze stand <em>Demosthenes Demosthenou Paianieus. </em>Aber nicht sehr lange. Denn die Griechen waren dem Sturm von Kraft und Mut nicht gewach­sen, den Philipp und vor allem sein siebzehnjähriger Sohn Alexander entfesselten. Über tausend Athener wurden niedergemacht, die übrigen vom Felde gefegt, Demosthenes stahl sich schon nach wenigen Stunden aus der Schlacht. <em>Demosthenes Demosthenou Paianieus </em>floh nach Athen und begann sogleich mit der Arbeit an dem Manuskript für seine Verteidigungs­rede.</p>
<p>Der damals wahrscheinlich älteste Bürger Athens, Isokrates, der – an­ders als sein Schüler Demosthenes – immer vor einem Krieg gegen Phi­lipp gewarnt hatte, stand im 99. Lebensjahr. Auf die Nachricht von der endgültigen Niederlage seiner Stadtrepublik stellte der Rhetorikprofessor Isokrates die Nahrungsaufnahme ein. Innerhalb einer Woche verlosch sein Leben.</p>
<p>Wenige Jahre später tat der Sohn Philipps von Makedonien, Alexan­der, genannt ›Der Große‹, genau das, was Isokrates den Stadtrepubliken immer wieder empfohlen hatte: er sammelte die vagabundierenden Söldner­truppen und die Heere der griechischen Städte und zog nach Persien. Er eroberte die kleinasiatische Küste, besiegte den Großkönig und zog weiter nach Ägypten und Indien. In seiner Begleitung reiste ein Troß von vorwiegend in Athen ausgebildeten Wissenschaftlern und Schrift­stellern, die hatten in ihrem Gepäck den literarischen und philosophi­schen Nachlaß Athens, einschließlich der Tragödien des Äschy­los, der Dialoge Platons und der Flugschriften des Isokrates. Und so er­füllte sich der Traum des alten Isokrates, nachdem er endgültig ausge­träumt war: Die Schüler Athens wurden die Lehrmeister der Völker und der Name der »Hellenen« bezeichnete in der mit dem Alexanderzug eingelei­teten Epoche tatsächlich nicht mehr eine bestimmte Rasse, son­dern eine Kultur, den Hellenismus.</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/isokrates/">Isokrates (1991)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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