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	<title>Di Monaco(Marietta) archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Der Prozess um des Esels Schatten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Nov 2018 14:26:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzprosa]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Prozess um des Esels Schatten Frei nach C. M. Wieland Christoph Schmitz-Scholemann Für Friedhelm Rost In der Stadt Abdera, einer trefflichen Republik, die nicht nur in Griechenland liegt und die, wenn sie auch schon tausend Mal an der Sinnesart ihrer Bewohner zugrunde gegangen ist, doch keineswegs ermangelt, ein tausendunderstes und zehntausendunderstes Mal wieder geboren [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/der-prozess-um-des-esels-schatten/">Der Prozess um des Esels Schatten</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/kurzprosa/Der_Prozess_um_des_Esels_Schatten.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Der Prozess um des Esels Schatten</h1>
<h3 style="text-align: left;">Frei nach C. M. Wieland</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<h2></h2>
<h2 style="text-align: right;"><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">Für Friedhelm Rost<br />
</span></h2>
<p>In der Stadt Abdera, einer trefflichen Republik, die nicht nur in Griechenland liegt und die, wenn sie auch schon tausend Mal an der Sinnesart ihrer Bewohner zugrunde gegangen ist, doch keineswegs ermangelt, ein tausendunderstes und zehntausendunderstes Mal wieder geboren zu werden, und zwar ebenfalls aus der Sinnesart ihrer Bewohner, in der Stadt Abdera also trug sich der folgende bemerkenswerte Rechtshandel zu:</p>
<p>Der Zahnarzt Struthion mietete einen Esel, um in die einige Stunden entfernte Nachbarstadt zu reiten. Der Weg ging durch eine baumlose und steinige Gegend. Es war ein heißer Mittag, die Sonne stach und dem Zahnarzt ward so matt zu Mute, dass er rasten wollte. Er befahl dem Eselsführer das Tier anzuhalten, stieg vom Esel und gedachte, Leib und Seele im Schatten des Eselskörpers zu kühlen und zu erquicken. Der Eselsführer aber war damit so ohne weiteres nicht einverstanden: Den Esel habe er vermietet, sagte er, aber doch beileibe nicht den Schatten. Wenn der Schatten des Körpers des Esels genutzt werden solle, so sei neben der Eselsmiete eine weitere Drachme als Schattenmiete fällig. Der arme Zahnarzt hielt diese Worte erst für eine Einbildung seines überhitzten Hirns, dann für einen Scherz und schließlich für ein Zeichen der schamlosesten Geldgier. Der Eselsführer aber beharrte auf seinem Standpunkt und da auch Struthion nicht nachgab, kam es zu einem Prozess, dessen Verlauf auf das lebhafteste Interesse anfangs nur der Beteiligten, alsbald aber auch wachsender Teile des abderitischen Publikums und schließlich auch der Regierenden stieß.</p>
<p>Die Sache wurde zur Staatsaffäre. Man könnte sagen, der unschuldige Schattenesel habe sich als ein prinzipieller Eselsschatten auf die Gehirne der Bürger gelegt. Die Republik jedenfalls teilte sich in Anhänger des Eselstreibers, die sich den Namen »Die Schatten« gaben, und in solche des Zahnarztes, die nicht so stolz oder nicht so klug waren, als dass sie die sich aufdrängende Bezeichnung »Die Esel« als Beleidigung empfunden hätten. Es wurden juristische Gutachten eingeholt, Philosophen erörterten öffentlich den Seinsgrund des Schattens, berühmte Diskuswerfer und Preisboxer meldeten sich zu Wort und vertraten das gesunde Volksempfinden, Lyriker äußerten ihr prinzipielles Befremden, Anwälte boten sich den Parteien kostenlos an, Ärzte, Metereologen, Tierschützer, Schattenökonomen, die Gewerkschaft der Eseltreiber und die Standesvereinigung der in Abdera niedergelassenen Zahnärzte – kurz, alle, die glaubten, etwas von der Sache zu verstehen, also wirklich: alle hatten ihre Meinung und vertraten sie umso vehementer, als man in den Schulen von Abdera seit der Großen Bildungsreform die Schüler lehrte, es sei wichtig und gesund, in allen Dingen eine Meinung zu haben und sie auf jeden Fall zu äußern. Wirklich ernst wurde es aber, als die Schatten gegen die Esel den allerdings boshaften – und historisch nicht belegbaren – Vorwurf des Thersitismus erhoben.</p>
<p>Dazu muss gesagt werden, dass die Abderiten, wie alle fortschrittlichen Republiken, die Macht im Staat auf zwei Parteien verteilt hatten, deren Stärke sich in etwa die Waage hielt. Die eine dieser Parteien bildeten die Jasonisten, deren Oberhaupt der Tempelmeister des insbesondere von den betuchteren Abderiten gern aufgesuchten und mit goldenen Wimpeln geschmückten Jasonheiligtums war. Die andere Partei waren die Latoniden, die der Göttin Latona huldigten und ihren geistlichen Führer im Wärter des schönen Tümpels erkannten, der im abderitischen Sprachgebrauch »Das Meer der Freiheit« hieß, vor der Ehrensäule der Göttin Latona lag und von zahlreichen Fröschen bevölkert war, die in Abdera als heilig verehrt wurden und deren Quaken nicht nur das Grundgeräusch des republikanischen Lebens bildete, sondern auch als Quelle des Staatsorakels (»Rat der Frösche«) diente. Da Jasonisten und Latoniden nun in fast jeder Einzelfrage, wie eben der Schattenfrage, zwar gern und so ausdauernd stritten, dass sich das Problem im Zeitpunkt des schließlich dann doch ausgehandelten Kompromisses im Allgemeinen durch Zeitablauf erledigt hatte – die Abderiten bezeichneten dies als »republikanische Streitkultur« –, sie sich aber andererseits immer einig wussten im Interesse der Staats- respektive Selbsterhaltung, was sie übereinstimmend »den republikanischen Grundkonsens« nannten, hatten sie den bei Vorhandensein zweier konkurrierender Parteien an sich naheliegenden und gefährlichen Streit um die Besetzung der Staatsämter dadurch ein für alle Mal behoben, dass sie dieselben erstens ausschließlich aus dem Kreise ihrer Anhänger und außerdem einvernehmlich proportional, notfalls auch doppelt, besetzten, wofür sich der Ausdruck »praktische Konkordanz« seit langem eingebürgert hatte. Es ist leicht einzusehen, dass Latoniden und Jasonisten dieses zwar für den Staat und die Bürger teure, für ihre Anhänger jedoch einträgliche Verfahren, dessen Einzelheiten an der Akademie für Verwaltungskunst von Abdera von erfahrenen Rechtsprofessoren gelehrt wurden, verteidigten und sich zu diesem Zweck gegen alle Einmischungsversuche von besserwisserischen Kritikern zur Wehr setzten, die sie »Thersitisten« nannten; diese wurden, waren sie einmal als solche erkannt, kurzerhand der Republik verwiesen. Auf solche Weise hatten sich die Abderiten des Theaterdichters Euripides, des Architekten Vitruvius, des Arztes Hippokrates, des Advokaten Lysias und zahlreicher anderer Männer entledigt, die zwar andernorts und bis heute als vorzügliche Kenner ihres Fachs galten und gelten, in Abdera jedoch schon wegen ihrer Weigerung, dem Rat der Frösche zu huldigen, als Quertreiber und »Thersitisten« unerwünscht waren. Wenn also in Abdera der Vorwurf des »Thersitismus« erhoben wurde, so war das ein untrügliches Zeichen, dass die abderitische Staatsräson in Gefahr war.</p>
<p>Kehren wir aber zurück zum Fall des Zahnarztes Struthion. Weitere Einzelheiten des Prozessverlaufs samt seiner politischen Knoten und Knäuel auszuwickeln ist hier nicht der Ort. Die ganze Geschichte ist auch nicht nur von begabteren Schriftstellern, als es der Verfasser gegenwärtiger Zeilen ist, in so mustergültiger Form erzählt und ausgeschmückt worden, dass der jetzige Autor daraus zahlreiche Gedanken und auch Wortfolgen entnommen hat, sondern die größte Künstlerin, nämlich das Leben selbst, breitet das Schauspiel dieses Prozesses, von immer neuem Personal mit immer derselben Inbrunst aufgeführt, in schöner Regelmäßigkeit in den Gerichtssälen aller freien Völker vor uns aus. Was uns hier interessiert ist also weniger der Prozess, als vielmehr der Richter. Oder besser: <em>die</em> Richter. Denn wie alle Rechtsfragen von staatswichtiger Bedeutung – und als solche sah man in Abdera jene Fragen an, von denen mindestens zwanzig Abderiten (die Frösche eingeschlossen), wenn auch nur potentiell, betroffen waren – konnte natürlich auch das Schattenproblem kaum von einem einzigen Richter befriedigend bearbeitet werden. Damit war er, wie wir gleich sehen werden, überfordert, und außerdem werde, so lehrten es die abderitischen Juristen, ein Rechtsstreit erst dadurch zu einem richtigen Prozess, der die Juristen ernährt, dass er in einem formvollendeten Instanzenzug mit zahlreichen Wendungen und Windungen und Zwischenstationen und auf keinen Fall einfach nur so gradeaus voranschreite.</p>
<p>Im Falle der Stadt Abdera begann jedes Verfahren vor dem Stadtrichter Philippides, dessen Charakter für den vieler anderer Stadt- und Amtsrichter stehen kann. Er war, wie aus seinen vom Nomophylax persönlichen erstellten dienstlichen Beurteilungen ersichtlich, »&#8230; ein ehrbarer, integerer, nüchterner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann, der jedermann mit großer Geduld anhört, den Leuten freundlichen Bescheid gibt und im allgemeinen Rufe steht, dass er unbestechlich sei. Überdies ist er ein leidlicher Musikus, sammelt Naturalien, hat einige Schauspiele von schön-abderitischer und jedem Anhauch des Thersitismus widerstehender Gesinnung gemacht, was ihn bei Gelegenheit auch besonders für Beförderungsämter empfiehlt.«</p>
<p>Bei allen diesen Verdiensten hatte der gute Philippides eine Eigenheit, die ihm von Nichtabderiten vielleicht als Fehler ausgelegt werden könnte, die aber letztlich doch nichts weiter war als ein Ausdruck seines liebenswürdigen Charakters. Sooft nämlich zwei Parteien vor ihn kamen, schien ihm allemal derjenige im Recht zu sein, der zuletzt gesprochen hatte.</p>
<p>Man erzählte sich, dass bei seiner ersten Sitzung über den Eselsschatten seine Frau im Saal gesessen habe und es dabei zu folgendem Wortwechsel gekommen sei:</p>
<p>Der Anwalt des Klägers:<br />
Jeder Esel wirft einen Schatten. Der Schatten ist ein Akzessorium des Esels und ist folglich mitvermietet.</p>
<p>Der Richter Phillippides:<br />
Da haben Sie recht.</p>
<p>Der Anwalt des Beklagten:<br />
Wer eine Eselin reitet, darf sie noch lange nicht melken. Eins ist der Esel, das andre sein Schatten.</p>
<p>Der Richter Phillipides:<br />
Da haben Sie recht.</p>
<p>Die Frau:<br />
Aber sie können doch nicht beide recht haben.</p>
<p>Der Richter Phillipides:<br />
Da hast Du auch wieder recht.</p>
<p>Kurz und gut, die Sache kam, da auch der Esel selbst, den Phillipides in seiner Not vorgeladen hatte, zur Aufklärung nichts beitragen konnte oder wollte, und da auch mehrere Vertagungen, Zwischenverfügungen, Teilurteile über komplexe prozessuale Vorfragen, Erörterungs-, Güte-, Sühne-, Mediationstermine und sogar handfeste Vergleichsvorschläge, auf die sich Philippides besonders verstand, nicht verfingen, in die Zweite Instanz, wo sich ihrer ein Kollegium von zwanzig Richtern – zehn Jasonisten und zehn Latoniden – annahm, deren klügstem, einem gewissen Miltias, die Akten zur gehörigen fachjuristischen Aufarbeitung des Problems übermittelt wurden. Von seiner mehrstündigen Relation, wie der juristische Vortrag bei den Abderiten hieß, wollen wir nur soviel erwähnen, dass er, während seine Senatskollegen aufstanden, zum Fenster hinausguckten oder ins Nebenzimmer gingen, um Kuchen oder kleine Bratwürste zu frühstücken und sich im übrigen das verbriefte Recht, während der Relation zu schlafen, keineswegs nehmen ließen – währenddessen also bewies der Berichterstatter Miltias, Richter Zweiter Instanz, <em>ex consensu et consuetudine generis humani</em>, ein Schatten sei zwar ein Ding, aber wie Wind und Wetter, Mondschein, Dämmerung und Luft <em>usui publico</em> gewidmet, könne weder <em>inter vivos</em> noch <em>mortis causa</em> zum Gegenstand bürgerlicher Kontrakte gemacht werden, weshalb – <em>salvis tamen melioribus</em> – der Eselstreiber dem Zahnarzt zum Ersatz von Schaden und Kosten verpflichtet sei, <em>V.R.W. </em> Dass seine Kollegen das Zuhören nicht nötig hatten, um zu verstehen, bewiesen sie, indem sie sich ausnahmslos seinen wohlgegründeten Erwägungen anschlossen und <em>nach Votum</em> erkannten. Das aber vermochte nichts daran zu ändern, dass auch dieses Urteil – wegen der schon erwähnten grundsätzlichen Bedeutung der Sache für die Rechtseinheit in der Republik – nicht das letzte Wort war, das gesprochen wurde, zumal die Schattenpartei das Gerücht aufbrachte, der Berichterstatter habe sich in der Nacht vor der Sitzung die Sache des Zahnarztes von dessen junger Frau gesondert empfehlen lassen.</p>
<p>Um einer umständlichen Geschichte ein kurzes Ende zu machen: Der Große Hof, vor dem als letztem und unumstößlich ein für alle Mal – <em>s.a.h. – salvo appellatione hellenica</em> = vorbehaltlich der Appellation an den Gesamthellenischen Unionsrat (GHEuR) – entscheidendem, vierhundertköpfigem Gremium alle staatswichtigen Rechtsfragen nach gründlicher Überprüfung insbesondere auch der verfassungsrechtlichen Implikationen ihre Erledigung fanden, versammelte sich nach nur fünfjähriger Vorbereitungszeit in festlichem Ornat – das eine Opernschneiderin entworfen hatte – und stellte fest, was sich nun wahrlich nicht verleugnen ließ: Der Esel, der während des gesamten Prozesses im republikanischen Ehrengestüt seinen Hafer gekaut hatte, war gestorben. Damit, so der Präsident in seiner Urteilsverkündung, sei die Sache <em>ipso facto</em> und deshalb auch <em>de iure</em> erledigt und eine Entscheidung sei, selbst wenn es ihrer bedürfe, denkgesetzlich unmöglich geworden. <em>Impossibilum nulla obligatio</em>. Zwar werde von einer Minderheit eingewandt, der Streit sei nicht eigentlich um den Esel gegangen, sondern um seinen Schatten respektive die Frage der Vergütung des Schattens. Indes werfe doch, wie das Gutachten eines Sachverständigen ergeben habe, jeder Esel einen anderen Schatten, so dass, selbst wenn man annehme, Schatten seien ihrem Wesen nach gesondert handelbar, der Wert des Schattens des Körpers des Esels je nach Intensität, Umriß, Bewegung variieren und sogar – das sei das Entscheidende – so nahe gegen Null streben könne, dass eine Entscheidung der Frage schlechthin nicht mehr möglich sei.</p>
<p>Das Urteil wurde mit allgemeiner Zustimmung als weise aufgenommen und sein Wortlaut sowohl in die Amtsblätter als in das Gedächtnis der abderitischen Rechtsgeschichte eingerückt.</p>
<p>Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass der Prozess um des Esels Schatten sich im Nachhinein als der Anfang einer Entwicklung herausgestellt hat, der von Nichtabderiten als Niedergang bezeichnet wird, der indes, bei Licht betrachtet, in einem freilich tief abderitsichen Sinn als Sieg der Staatsklugheit, ja sogar als Triumph der abderitischen Gesinnung über das gemeine Prinzip der sogenannten praktischen Vernunft gelten darf. Denn einige Jahrzehnte später kam es zu einem neuen Streit in der Republik. Er wurde ausgelöst durch eine unerklärliche Vermehrung der Frösche im Latona-Tümpel, die, da die Tötung der heiligen Frösche verboten war, erst zu einer Überfüllung des Tümpels führte, dann zu einer ersten Tümpel-Erweiterung, anschließend wieder zu einer Überfüllung, dann zu einem zweiten Ausbau, dem die nächste Überfüllung folgte &#8211; und so wäre es ewig weitergegangen mit den bedenklichsten Folgen, die man sich nur ausmalen kann, insbesondere für den in der Nähe des heiligen Tümpels gelegenen und unter dem besonderen Schutz der Jasonisten stehenden Markt der Geldwechsler, hätten nicht die Oberhirten der Jasonisten und der Latoniden nach freilich langwierigen, vom anschwellenden Froschgesang als steter Mahnung begleiteten Beratungen beschlossen, die Stadt den Fröschen gänzlich zu überlassen und das Staatsvolk aus der Republik – zu evakuieren. An sich gehe zwar von den Fröschen keine Gefahr aus und die Regierung beherrsche die Lage durchaus, da aber andererseits gelte: <em>Quod posse fieri non putes metuas tamen, </em>sei, auch <em>zur Rückgewinnung des Vertrauens der Märkte und unserer Menschen draußen in der Republik,</em> zu beschließen gewesen wie geschehen. Freilich stellte sich schon bald heraus, dass die Verwaltung von Abdera zwar den Auszug in allen Einzelheiten vorbereitet, aber leider vergessen hatte festzulegen, wohin denn der Weg nach geschehenem Auszug führen sollte. Wir wollen auch hier die manchem vielleicht in den Sinn kommende kleinliche Kritik beiseitelassen. Denn, im Ernst gesprochen: Weiß der Mensch je wirklich, wohin er unterwegs ist? Die Abderiten, das ist jedenfalls sicher, wussten es nicht und so konnte es geschehen, dass sie nicht in eine einzige, sondern in alle Richtungen ausschwärmten, was als das Geheimnis ihrer weltumspannenden Wirkung betrachtet werden darf. Denn nur so konnten sie in allen Ländern und Kontinenten Fuß fassen und sind bis heute fast überall zu finden – zumindest überall da, wo man sie erkennt und für den, der sie erkennt. Heißt es doch einerseits beim Horatius: <em>Sapientia prima est stultitia caruisse, </em>während andererseits des guten Erasmus von Rotterdams <em>Laus stultitiae </em>die befreiende Wirkung der Torheit auf Geist, Seele und Entschlusskraft des Menschen nicht ohne Anlass gepriesen hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>* Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten (C. M. Wielands Sämmtliche Werke, 29. Band). Leipzig 1796. Nachdruck Hamburg 1984.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Plagiatur et altera (p)ars</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/plagiatur-et-altera-pars/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Sep 2018 10:25:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Plagiatur et altera (p)ars Die Fälschung der Welt durch Recht, Kunst und Literatur in William Gaddis’ Roman Letzte In-stanz &#160; Wenn das Recht über die Kunst urteilt, wenn die Kunst das Recht malt oder modelliert und wenn sich beide in der vielschichtigen Zeichenwelt der Literatur gespiegelt finden, dann kann es nicht ausbleiben, dass die drei [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Weltenbummler.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1>Plagiatur et altera (p)ars</h1>
<h3><span style="color: #808080;">Die Fälschung der Welt durch Recht, Kunst und Literatur in William Gaddis’ Roman Letzte In-stanz<span class="tooltips " style="" title="Die Vortragsform wurde für diese Lesefassung im Wesentlichen beibe-halten. Auf Fußnoten habe ich weitgehend verzichtet. Wer sich über William Gaddis unterrichten will, findet in den »Gaddis Annotations« alles – wirklich alles – im Internet unter: www.williamgaddis.org. Die Mu-sik- und Bildeinblendungen, von denen der Vortrag begleitet war, kön-nen naturgemäß nicht wiedergegeben werden. Die Ausschnitte aus dem Interview mit William Gaddis habe ich einem Rundfunk-Feature von Walter van Rossum entnommen, das der DLF produziert und mir für die Zwecke des Vortrags – wie auch weitere Tondokumente – großzü-giger Weise zur Verfügung gestellt hat. Dafür danke ich dem Deutsch-landfunk und Walter van Rossum sehr herzlich. Ebenso gilt mein Dank Herrn Thomas Böhm (Literaturhaus Köln) für seine hilfreichen Hin-weise, Martin Brune (Weimar) für die Aufbereitung des Tonmaterials und Frau Dr. Ulrike Brune (Weimar/Erfurt) für viele klärende Gesprä-che.">*</span></span></h3>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wenn das Recht über die Kunst urteilt, wenn die Kunst das Recht malt oder modelliert und wenn sich beide in der vielschichtigen Zeichenwelt der Literatur gespiegelt finden, dann kann es nicht ausbleiben, dass die drei Welten, indem sie einander abbilden, einander zugleich verzerren und verfälschen. Bei näherer Überlegung wird klar, dass keines der vom Menschen entwickelten Ausdruckssysteme – sei es ein naturwissenschaftliches, künstlerisches, literarisches, soziologisches oder sonst eines – die ganze Wahrheit geben kann. Man fragt sich schließlich, ob es diese ganze Wahrheit und die eine Welt im Original überhaupt gibt, oder ob die Idee einer ganzen Wahrheit nicht ihrerseits eine allerdings tröstliche Fälschung ist.</p>
<h4>I. Der Fall Zyklon Sieben</h4>
<p>In seinem Roman <em>Letzte Instanz</em> gibt William Gaddis <span class="tooltips " style="" title="William Gaddis, Letzte Instanz, Deutsch von Nikolaus Stingl, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003."> [1] </span>ziemlich am Anfang über 15 Seiten hinweg ein Gerichtsurtei <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 33–48. "> [2]</span> in voller Länge wieder. Es beginnt wie folgt:</p>
<p>»URTEIL<br />
CREASE, Richter.</p>
<p>Der klageerhebliche Sachverhalt ist unstreitig. Am Morgen des 30. September blieb ein in der Gemeinde <em>Tatamount (Virginia) </em>freilaufender und unter dem Namen Spot aktenkundiger Hund im unteren Bereich einer voluminösen Stahlskulptur mit dem Titel Zyklon Sieben stecken …  Auf der Suche nach seinem Schützling stellte der Halter des Hundes, der siebenjährige James B., vom Gewinsel und Gebell des Tiers alarmiert, dessen Notlage fest. Seine vergeblichen Bemühungen, es daraus zu befreien, wurden von einem Passanten unterstützt, dem sich umgehend andere anschlossen, deren gemeinsame Versuche, das unglückliche Geschöpf durch gutes Zureden, Einschüchterung und Täuschung hervorzulocken, dessen Zwangslage freilich eher verschlimmerten, insofern sie es noch tiefer in das Gebilde hineintrieben. Diese fruchtlosen Aktivitäten zogen in der Folge einen repräsentativen Querschnitt der örtlichen Bevölkerung an, von den üblichen Müßiggängern und älteren Mitbürgern bis hin zu Angehörigen des Gemeinderats, des Sheriffbüros, der Feuerwehr sowie, kaum verwunderlich, Artgenossen des Opfers selbst, und nachdem sich der Vorfall bis zum Abend in den benachbarten Weilern herumgesprochen hatte, erschienen nicht nur deren Bewohner in solcher Zahl, dass ein ausgedehntes Verkehrschaos entstand, sondern es fanden sich auch Vertreter der örtlichen Presse sowie ein umtriebiges Fernsehteam am Ort des Geschehens ein. Obwohl es gelang, Mittel und Wege ausfindig zu machen, um den Hunger des Hundes zu stillen, dauerte dessen unfreiwillige Gefangenschaft bis weit in den folgenden Tag hinein an; zu diesem Zeitpunkt fasste der vollzählig tagende Gemeinderat den Beschluss, die Feuerwehr zu beauftragen, mittels Schneidbrennern in das Gebilde einzudringen, um das Tier zu bergen …</p>
<p>Durch die Medien auf die Bedrohung seines Werkes aufmerksam geworden, beantragte <em>der Urheber des bewussten Kunstwerks, </em>Mr. Szyrk, von seinem Atelier in SoHo, New York, aus unter Verweis auf die »Notwendigkeit, unmittelbaren und irreparablen Schaden« von seiner Skulptur abzuwenden, eine einstweilige Anordnung auf Unterlassung, … , während zwecks Bergung des Tiers bereits die Schneidbrenner entzündet wurden… «</p>
<p>Es geht also um einen Antrag auf Einstweilige Verfügung. Der Künstler will erreichen, dass das Gericht sein Kunstwerk vor der Feuerwehr rettet, die ihrerseits beabsichtigt, einen Hund zu retten, um ein Kind zu trösten. Ich werde gegen Ende meiner Ausführungen auf diesen Fall zurückkommen, in dem sich Kunst und Kreatur, Recht und Literatur so beispielhaft ineinander verknoten, dass man glauben könnte, William Gaddis habe die Geschichte eigens für eine Tagung zum Thema Recht, Kunst und Literatur erfunden.</p>
<h4>II.<em> A Frolic of his own</em></h4>
<p>Der 1995 auf Englisch erschienene Roman trägt im Deutschen den Titel »Letzte Instanz«. Das passt nicht sehr gut, soll aber wahrscheinlich die auf court-room-stories abonnierte und auf Titel wie <em>Der Prozess</em>, »Der Richter«, »Die Akte« usw. ansprechende Leserschicht gewinnen. Der Roman unterscheidet sich allerdings maßgeblich von dieser Art Literatur, und zwar zunächst einmal ganz oberflächlich dadurch, dass er nur am Rande die moralisch so ergiebige Welt des Strafrechts betrifft. Die Prozesse, mit denen sich die Romanfiguren zu plagen haben, sind Zivilprozesse, und das heißt sie sind selten herzergreifend, manchmal verflochten, gelegentlich überflüssig und eigentlich immer zu teuer.</p>
<p>»A frolic of his own« ist der amerikanische Originaltitel des Romans und ich dachte anfangs, er hätte irgendetwas mit dem gleichnamigen Hundefutter zu tun, was aber nur sehr indirekt der Fall ist. Das englische Wort frolic stammt aus der indogermanischen Wurzel pro, deren Grundbedeutung vorwärts, steil, jäh, schnell ist. Im Niederländischen wurde daraus vrolijk, im Deutschen fröhlich. Das englische frolic hat mehr von der Urbedeutung bewahrt und heißt soviel wie »Herumtollen« oder »Außer Rand und Band sein«. »A frolic of his own« ist nun ein im Jahre 1834 von dem englischen Richter Baron Parke geprägter und bis heute gebräuchlicher Ausdruck der anglo-amerikanischen Rechtssprache. Er umreißt die Grenze der Verantwortlichkeit des Dienstherrn für die von dem Dienstverpflichteten verursachten Schäden. Grundsätzlich muss derjenige, der sich der Dienste eines anderen bedient, zum Beispiel ein Arbeitgeber, für die Schäden haften, die der Dienstverpflichtete, also zum Beispiel der Arbeitnehmer, in Ausübung der Dienste verursacht. Begibt sich aber der Arbeitnehmer im wörtlichen oder im übertragenen Sinn, zum Beispiel aus einer Laune heraus, auf Abwege, dann ist dieser Arbeitnehmer »on a frolic of his own«. Die Haftung des Dienstherrn endet. So,</p>
<p>»wenn zum Beispiel ein Büroangestellter mit einem Gummiband Büroklammern verschießt, und einer verliert dabei ein Auge, dann sagt man, er hat <em>on a frolic of his own </em>gehandelt, aus privater Lust und Tollerei, keine Absicht, sich im Sinne des Betriebes seines Arbeitgebers zu betätigen … .« <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 473. "> [3]</span></p>
<p>Ein paar Bemerkungen zur anglo-amerikanischen Rechtskultur, von der ich den Eindruck habe, dass sie der Denkweise des kontinentaleuropäischen Juristen nach wie vor nicht recht behagt. Der kontinentaleuropäische Jurist scheint mir ein Systemdenker zu sein, der Amerikaner Problemdenker: Recht ist, was der Fall ist. Für den Europäer ist das Recht eine Gesetzessammlung, für den Amerikaner eine Entscheidungssammlung, der Europäer bevorzugt unter den Juristen den Rechtswissenschaftler und den Gesetzgeber, der Amerikaner den Richter und den Rechtsanwalt. Wenn ein deutscher Richter sich einen Namen machen und als Person Ruhm erwerben will, muss er Bücher schreiben und Honorarprofessor werden. Ein amerikanischer Richter erwirbt sich persönlichen Ruhm durch seine Urteile.</p>
<p>Das ist natürlich <em>cum grano salis </em>gesprochen. Die Rechtsordnungen nähern sich einander an. Die Anzahl der Gesetze in den USA steigt, umgekehrt die Bedeutung des Richterrechts in Deutschland. Wir beklagen in Deutschland vielfältige Überlagerungen und Chaos erzeugende Interferenzen zwischen nationalem und dem europäischem Recht, das seinerseits auf undurchsichtige Weise, vermutlich eher nach aleatorischen Methoden in Brüssel, Straßburg und Luxemburg erzeugt wird.  Aber auch in den USA gibt es postmodernen Normenwildwuchs und begriffliche Ziselierungen, deren Feinsinnigkeit an die spätscholastische Theologie erinnert. Möglicherweise sind wir Zeugen einer erdumspannenden Entropie der juristischen Systeme, aber lassen wir das. Hören wir, wie William Gaddis Lage des Zivilrechts einschätzte:</p>
<p>»Die ganze Idee des Rechts war wahrscheinlich ursprünglich: Was bringt uns zusammen? Was lässt uns in Frieden zusammen leben, ohne dass wir uns gegenseitig erschießen? Jetzt ist das ganze Recht so kompliziert geworden, dass es selbst dazu beiträgt, uns das Leben zu erschweren. Ich meine vor allem das amerikanische Zivilrecht mit seiner Kasuistik der Präzedenzfälle. Und deshalb lautet der erste Satz meines Romans: Gerechtigkeit gibt’s im Jenseits, in dieser Welt gibt’s das Recht.«</p>
<p>Die wichtigste Gemeinsamkeit zwischen den kontinentalen und den angelsächsischen  Rechtsordnungen bestand schon immer. Es gibt kein Recht ohne Sprache – Law is language. Und gerade hier, in der Sprache, treten die Unterschiede des Denkens hervor: Die deutschen Richter sind darauf bedacht, jede persönliche Note zu vermeiden. Rechtsgeschichtliche, allgemein-historische, philosophische, kunsttheoretische, literarische und ähnliche Betrachtungen findet man in Urteilen deutscher Bundesgerichte selten. Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen, dass solche Betrachtungen im Allgemeinen auch nicht angestellt werden, jedenfalls nicht im Dienst. Wenn jemand dagegen verstößt, so wird man den betreffenden Kollegen im Stillen als einen komischen Vogel ansehen, offiziell wird man ihm respektvoll versichern, er verstehe es, »über den Tellerrand zu schauen«, wobei mit dem passenden Bild des deutschen Suppentellers zugleich die Weite des Horizonts beschrieben ist, über den hinauszublicken der deutsche Richter als gewagt empfindet, – außerdienstlich kann das alles natürlich ganz anders aussehen. Im Gegensatz dazu scheint mir das amerikanische Urteil geradezu ein <em>literarisches</em> Genre zu sein, irgendwo zwischen Erzählung, Rede und Essay angesiedelt, in dem sich Bildung, Witz, Pathos und die hohe Kunst der geistreich-hintersinnigen Abschweifung mischen. Lawrence Sterne lässt allenthalben freundlich grüßen.</p>
<h4>III. Dramatis personae</h4>
<p>William Gaddis war ein außerordentlich belesener Schriftsteller und ein raffinierter Künstler. Wer will, begegnet in seinen Büchern Platos Dialogen und Michelangelos Gedichten, Richard Wagners Stabreimen und Frederic Chopins Etüden, er trifft Freud und Melville, Thomas Bernhard und die großen amerikanischen Philosophen bis hin zu Gertrude Himmelfarb und vielen andere mehr, allerdings oftmals in den unscheinbarsten Verkleidungen. Der Leser darf damit rechnen, dass die Sätze mehrdeutig und Geschichten hinter den Geschichten zu finden sind. Gaddis montiert Gesprächsfetzen und Zeitungsausschnitte, Werbeslogans aus Postwurfsendungen, Gedichte und fingierte amtliche Schriftstücke und als cantus firmus ist nicht selten eine Stimme aus dem Radio oder dem Fernsehen zu vernehmen, die die Romanhandlung mit litaneiähnlichen Staumeldungen, dümmlichen Quizfragen, Anpreisungen von Abführmitteln und den Blut- und Feuergeschichten der abendlichen News-Shows untermalt – es ist eine vielstimmige Sprachsymphonie und zugleich ist alles wie im richtigen Leben: Kaum jemand kann seinen Satz zu Ende sprechen, immer redet einer dazwischen und manches leichthin gesprochene Wort entfaltet seinen Sinn erst hundert Seiten später. Dem Leser wird viel abverlangt. Denn Gaddis verzichtet darauf, die Motivlagen und Gefühle seiner Protagonisten zu kommentieren. Der Leser muss sich die Handlung zu einem guten Teil selbst erschließen. Ihm wird das präsentiert, was man hören und sehen kann, also die Außenansicht, die Bewegungen der Personen im Raum und in protokollarischer Genauigkeit das, was sie sagen.</p>
<p>»A frolic of his own« ist so vor allem ein Dialogroman, nähert sich also stark einem Drama an. Deshalb will ich, wie bei Theaterstücken jedenfalls früher üblich, die dramatis personae kurz vorstellen. Man versuche nicht, sich Einzelheiten zu merken. Es verliert sich sonst der rote Faden, der bei diesem Roman nicht zuletzt darin besteht, dass sehr viel Absurdes nebeneinanderher läuft und man trotzdem irgendwie weiter kommt, wenn auch nicht immer vorwärts.</p>
<p>Oscar Crease, Universitätsdozent von unbestimmt fortgeschrittenem Alter, wohnt auf Long Island in einer ehemals prachtvollen, nun heruntergekommenen Villa, um die ständig eine Grundstücksmaklerin mit rotlackierten Fingernägeln herumflattert wie ein nervöser Geier. Oscar führt einen Plagiatsprozess gegen einen Hollywood-Regisseur und einen Schadensersatzprozess wegen eines Unfalls. Sein Haus ist mit Zeitungsausschnitten und Bücherstapeln vollgestopft, Oscars Gehirn sieht ähnlich aus. Aufgrund der unfallbedingten und auf Anraten des Anwalts nur zögernd heilenden Verletzungen ist er während der gesamten Zeit, in der der Roman spielt, in seiner Bewegungsfreiheit so eingeschränkt, dass es dem Autor leicht fällt, das aristotelische Grundgesetz der Dramaturgie, nämlich die Einheit von Ort, Zeit und Handlung im Großen und Ganzen zu wahren. Er liegt zuerst auf der Unfallstation, aber von Seite zehn bis Seite siebenhundert spielt sich alles bei ihm zu Hause ab. Er kurvt in einem mit Kinderhupe ausgestatteten Rollstuhl durch die Zimmer, am Schluss steht er auf eigenen Beinen, aber hustend. Er ist ledig, kinderlos, antriebsarm, selbstgerecht, beginnt irgendwann die Anzüge seines Vaters aufzutragen und die in ihren Taschen befindlichen Zigaretten aufzurauchen. Auch wenn er sich oft so benimmt, ist Oscar nicht allein auf der Welt.</p>
<p>Seine Freundin Lilly, blond, hat ein deutlich phallozentrisches Weltbild, sie ist kindlich in ihrem Eigennutz, fremdnützig in ihrer Lüsternheit und treibt es mit diesem hier und jenem dort, aber längst nicht mit jedem auf der Rückbank eines alten Dodge. Sie ist, was wiederholt zu werden verdient, sehr blond in allen Umständen und Liebeslagen, aber so dumm, dass sie 2 und 2 nicht zusammenzählen könnte, ist sie nicht, wenn auch gesagt werden muss, dass sie bei 3 mal 3 ins Nachdenken geriete. Jedoch ist sie bescheiden genug, das Nachdenken im Regelfall Berufeneren zu überlassen, zum Beispiel Papi oder dem Reverend oder Kevin oder Harry oder eben Oscar. Wenn sie etwas kocht, dann panierte Hühnerbrust aus der Tiefkühltruhe und Spiegeleier. Immer, wenn sie Geld braucht, und das ist sehr oft, fragt sie Oscar: »Kann ich Dir irgendwas besorgen?«, anschließend bittet sie ihn, ihr die Bluse aufzuknöpfen und zu fühlen, ob er einen Knoten in ihrer Brust spürt, einer Bitte, der Oscar selten widerstehen kann, besonders dann nicht, wenn er vor dem Fernseher auf dem Sofa liegt und zumal, da die Bitte oft verbunden wird mit dem weiterführenden Angebot: »Soll Mami pusten, und dann ist es wieder gut?« Übrigens stellt sich am Ende heraus, dass Lily in Krisenlagen äußerst solidarisch ist und außerdem wirklich einen Knoten in der Brust hat, der operativ entfernt werden muss: Es handelt sich bei dem Geschwulst jedoch nicht um ein <em>Karzinom</em>, sondern um verklumptes <em>Silikon</em>, Überbleibsel einer nicht lege artis vorgenommenen Brustvergrößerung. Sie bewahrt den Klumpen auf in einem Marmeladenglas, vielleicht lohnt sich ja ein Prozess gegen den Schönheitschirurgen. Merke: Diese Welt ist voller Fälschungen, noch nicht einmal die Tumore sind echt. So viel zu Lily.</p>
<p>Christina Lutz, Halbschwester der schon erwähnten Hauptperson Oscar Crease, ist die praktische Vernunft in Person, klarsichtig, nervenstark, kümmert sich um ihren in seinen Prozessen beinah wahnhaft versinkenden Bruder, sie ist die einzige Person, die nicht in einen Prozess verstrickt ist und sorgt sich um ihren Mann Harry Lutz.</p>
<p>Harry Lutz ist Rechtsanwalt, ständig überarbeitet und von Zahnschmerzen gequält. Er hält sich mit Whiskey und Tabletten mühsam aufrecht, wird von seinen Seniorpartnern zum Psychiater geschickt, sieht im Recht nichts weiter als Sprache, Worte, und bezeichnet die Juristen als eine gegen die Öffentlichkeit und den gesunden Menschenverstand gerichtete Verschwörung, der es durch die Unverständlichkeit ihres Fachjargons gelinge, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Einmal, als er bei Oscar zu Besuch ist und sich Whiskey über die Hose schüttet, ist Lily mit einem Papiertaschentuch zur Stelle »und es war kein mystisches Zusammentreffen von Eros und Tod, als sie sich tiefer über ihn beugte, um sich mit dem feuchten Tuch über den Fleck auf seiner Hose herzumachen … sich um ihn wand und seinen Lippen die bloße Brust bot … um das Naturgesetz in all seiner Zweckmäßigkeit ganz unsentimental und ohne Rücksicht auf Härten wieder ins Lot zu bringen«. Wenige Tage später stirbt der schrecklich kluge Harry Lutz, wie von seiner Frau vorausgesehen, an restloser Erschöpfung.</p>
<p>Christinas Freundin Trish Hemsley, steinreich, hat vorübergehend einen entzückenden kleinen weißen Hund und, gleichfalls vorübergehend, einen fast ebenso entzückenden indischstämmigen Anwalt, der ihr gelegentlich im Auto unter den Rock gehen darf. Sie trägt spitze Schuhe aus malvenfarbenem Peau-de-soie von Gianni, rasselt zu Beginn der Geschichte mit einer Blutproben transportierenden Krankenschwester zusammen, wodurch  ihr Mantel bekleckert wird, – für sie ein willkommener Anlass -, das Krankenhaus zu verklagen, denn »bei Gianni würden sie mir nicht mal mehr ein Totenhemd schneidern, wenn sie den Mantel jetzt sehen könnten mit Gott weiß was für Blut dran, von dem man sich Gott weiß was holen kann, diese neue Seuche, die sie aufgetan haben, um sich an uns zu rächen, und wir dachten, seit der Erfindung des Penicillins hätte ein schöner Fick keine bösen Folgen mehr … « <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 15. "> [4]</span></p>
<p>Thomas Crease, Bundesrichter, ist Oscars Vater und Verfasser des eingangs schon zum Teil zitierten Urteils. Er ist 97 Jahre alt und war in den Zwanziger Jahren Assistent am Supreme Court, weshalb er den berühmten Richter Oliver Wendell Holmes jr. persönlich kannte. Hören wir zur Charakterisierung des Richters Crease einen kurzen Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen seinem Schwiegersohn Harry Lutz und dessen Frau Christina Lutz, Stieftochter des Richters <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 55, 62. "> [5]</span> :</p>
<p>Harry:<br />
»’Eins kann ich dir sagen, ich würde nur sehr ungern einen Fall vor ihm vertreten, wenn er nüchtern ist.’</p>
<p>Christina:<br />
‚Du bist ihm doch nur dieses eine Mal begegnet, Harry, da war er nun wirklich nicht in bester Verfassung.’</p>
<p>Harry:<br />
‚Hat mich dauernd mit Herr Rechtsanwalt angeredet, dieses höfliche Getue und dazu die Soßenflecken auf der Krawatte, ich bin mir nicht mal sicher, dass er überhaupt mitgekriegt hat, wer ich bin. Offenbar hat er gedacht, ich wollte über Richter Holmes’ Sondervotum im Fall Black &amp; White Taxcab reden, er hat die totale Erinnerung an das Jahr 1928, als er am High Court Gerichtsschreiber … war … <em>und dann </em> … sein Richterzimmer … , eine Affenhitze, Zigarrenrauch zum Schneiden dick, und dazu diese grauenvolle lebensgroße Plastiknachbildung von Dürers betenden Händen verkehrtrum auf der Fensterbank … ’</p>
<p>…</p>
<p>Christina:<br />
Das hat diese Pressemeute überhaupt nicht zu interessieren,<br />
‚ … dass Vater drei Päckchen am Tag raucht, dabei hat er erst mit fünfundsiebzig überhaupt zu rauchen angefangen, wen geht das eigentlich was an, bloß gut, dass sie ihn nie dabei erwischt haben, wie er sein Gebiss im Glas daraufhin untersucht, ob er am Tag zuvor zu Abend gegessen hat.’«</p>
<p>NN, Gerichtsschreiber, bringt die Asche des im Alter von 97 Jahren dann doch noch verstorbenen Bundesrichters Thomas Crease in einer Kaffeedose zu Oscar und richtet sich dort vor dem Fernseher häuslich ein, sieht mit Vorliebe Filme über Schlangen und Quiz-Shows an. Er ist schwerer Alkoholiker mit tröpfelndem Harngang, trinkt seinen Whiskey aus Flaschen, die in grünen und braunen Wollsocken stecken und wird schließlich von Lily am Flughafen ausgesetzt</p>
<p>U.v.a.m.</p>
<p>Hier ist der Eingangsdialog des Romans. Christina und Harry Lutz sitzen auf dem Korridor eines Hospitals vor Oscars Krankenzimmer und führen das folgende Gespräch, während ein Kranker in einem Rollstuhl herumkurvt, um zur Gymnastikstunde zu gelangen, die von Marimba-Rhythmen begleitet wird.</p>
<p>Gerechtigkeit? – Gerechtigkeit gibt’s im Jenseits, hier auf Erden gibt’s das Recht.</p>
<ul>
<li>&#8211; Und natürlich will Oscar beides. Schon wie er immer von Ordnung redet. Sie zog den Fuß vor einem bedrohlich nah im Rollstuhl vorbeipaddelnden Alten zurück,- dass es ihm nur um eine gewisse Ordnung geht.</li>
<li>&#8211; Dass die Züge pünktlich verkehren, so hat er’s  … .</li>
<li>&#8211; Ich rede nicht von Zügen, Harry.</li>
<li>&#8211; Und ich rede von Faschismus, dahin führt das nämlich, dieser Ordnungswahn. Alles andere ist bloß Schmierentheater.</li>
<li>&#8211; Ach was, aber weißt du, was er wirklich will?</li>
<li>&#8211; Die Leute die Vor Gericht gehen und Gerechtigkeit fordern, sind doch bloß aufs große Geld aus.</li>
<li>&#8211; Es geht nicht einfach ums Geld, nein, was sie wirklich wollen …</li>
<li>&#8211; Es geht ums Geld, Christina, es geht immer ums Geld. Alles andere ist nichts als Schmierentheater, du hör mal …</li>
<li>&#8211; Was sie wirklich wollen, deine Faschisten, und Oscar, überhaupt jeder, mal im Ernst, worum geht’s denn wirklich? Sie klopfte trotzig mit dem Fuß gegen die klimpernden Marimba-Rhythmen an, die drüben bei den Vorhängen ins Wartezimmer rieselten, wo der Rollstuhl gegen einen Heizkörper gestoßen und zum Stillstand gekommen war. Züge? Faschismus? Darum geht es mitnichten, auch nicht um die ‚Üppigkeit samtweicher Pfühle, glänzendes Spektakel und herrlichen Gesang’, es sei denn, sie versuchen auf diese Weise einfach, auch ein bisschen ernst genommen zu werden, – das Geld ist nämlich bloß die Messlatte, oder? Es ist der einzige gemeinsame Bezugspunkt, den die Leute haben, um andere dazu zu bringen, sie so ernst zu nehmen, wie3 sie es selbst tun, mehr verlangen sie doch gar nicht, oder? Denk mal drüber nach, Harry.</li>
<li>&#8211; Ich habe drüber nachgedacht, du hör mal, wie lange müssen wir eigentlich noch warten, ich muss nämlich in einer Stunde bei Gericht sein …</li>
</ul>
<p><span style="color: #333333; font-size: 18px;">IV. Einst am Antietam</span></p>
<p>Es geht also um Gerechtigkeit. Das Leben von Harry, Christina, Oscar und Lilly in der Romanzeit wird wesentlich bestimmt durch Prozesse, die sie führen, planen oder geführt haben. Der für den Protagonisten Oscar wichtigste ist ein Plagiatsprozess. Oscar hat in seiner Jugend ein Theaterstück über den amerikanischen Bürgerkrieg geschrieben, »Einst am Antietam« heißt das Drama. Eines Tages erfährt Oscar, dass ein Hollywood-Regisseur einen blutrünstigen und mit schwüler Erotik aufgeladenen Bürgerkriegsschinken gedreht hat. Der Film, so entnimmt Oscar der Presse, weist erstaunliche Übereinstimmungen mit seinem Theaterstück auf. Oscar beauftragt einen Anwalt mit einer Millionen–Klage gegen den Regisseur und die Produktionsfirma. Die Klage scheint aussichtslos zu sein, denn Oscars Theaterstück ist niemals gedruckt und erst recht nicht aufgeführt worden. Er hat das Stück lediglich einer Theateragentur geschickt, in der seinerzeit der beklagte Hollywood-Regisseur arbeitete. Aber selbst diesen schwachen Anhaltspunkt kann er nicht beweisen. Die Korrespondenz mit der Agentur ist in seinen monströsen Papiersammlungen unauffindbar verschollen. Außerdem hat Oscar selbst in seinem Theaterstück Motive aus einem Drama von Eugene O`Neill verwendet und seitenweise Platon abgeschrieben. Das weist ihm der gegnerische Anwalt – ein <em>aufgeblasener Hindu</em>, wie Oscar ihn nennt (im Unterschied zu seinem eigenen Anwalt, den er als <em>Vorzeige-Schwarzen </em>bezeichnet) – im Laufe der sogenannten <em>deposition </em>nach. Die <em>deposition </em>ist eine Spezialität des amerikanischen Prozessrechts, eine eidliche Zeugen- und Parteivernehmung, die nach Austausch von Klageschrift und Klageerwiderung stattfindet. Die <em>deposition </em>spielt sich in Abwesenheit der Richter außerhalb des Gerichts allein zwischen Anwälten, Parteien und Zeugen ab. Die Anwälte beider Parteien liefern sich bei dieser Gelegenheit einen ersten ritualisierten Schlagabtausch, dessen Protokoll später zu den Gerichtsakten genommen wird. Ich zitiere nun einen kleinen und leider auch noch gekürzten Ausschnitt aus dem im Roman vollständig wiedergegebenen Protokoll über die Vernehmung Oscars <span class="tooltips " style="" title=" Ebd., S. 214–258. "> [6]</span>. Der Gegner hat Oscar gerade eben beschuldigt, aus Platon abgeschrieben zu haben. In diesem Moment versucht Oscars Anwalt, Mr. Basie, das Verhör zu unterbrechen:</p>
<p style="padding-left: 30px;">MR. BASIE (Oscars Anwalt): Ich erhebe Einspruch.<br />
MR. MADHAR PAI (gegnerischer Anwalt): Sie unterbrechen den Zeugen.<br />
MR. BASIE: Das ist die Absicht meines Einspruchs.<br />
MR. MADHAR PAI: Sie erheben Einspruch bezüglich der Form?<br />
MR. BASIE: Ja.<br />
MR. MADHAR PAI: Zu Protokoll?<br />
MR. BASIE: Zu Protokoll.<br />
MR. MADHAR PAI: Na schön. Machen wir voran. <em>(Zur Protokollführerin) </em>Lesen Sie bitte noch einmal vor.<br />
MR. BASIE: Halt, Moment.<br />
MR. MADHAR PAI: Wieso? Lesen Sie vor.<br />
MR. BASIE: Ich bin noch nicht fertig. Wieso wollen Sie vorlesen lassen? Er hat Ihre Frage beantwortet.<br />
MR. MADHAR PAI: Wieso unterbrechen Sie dann?<br />
MR. BASIE: Weil ich Einspruch erheben möchte.<br />
MR. MADHAR PAI: Würden Sie Ihren Einspruch bitte formulieren?<br />
MR. BASIE: Sie setzen den Zeugen unter Druck, indem Sie ihn unterbrechen, eher er mit seinen Antworten fertig ist.<br />
MR. MADHAR PAI: Ich glaube, das waren Sie, der den Zeugen unterbrochen hat.<br />
MR. BASIE: Ich habe das Recht, Einspruch zu erheben, wenn der Zeuge durch diese Taktik der wiederholten Unterbrechungen bedrängt wird.<br />
MR. MADHAR PAI: Und ich wiederhole, Sir, das Protokoll wird ausweisen, dass Sie es sind, der den Zeugen unterbrochen hat. <em>(Zur Protokollführerin). </em>Bitte lesen Sie es noch einmal vor.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(Protokoll wird vorgelesen)</p>
<p style="padding-left: 30px;">MADHAR PAI (setzt die Befragung Oscars fort):<br />
Frage: Wir haben vorhin festgestellt, dass es jedem freisteht, eine Idee aufzugreifen und sie so auszudrücken, wie es ihm …<br />
BASIE: Ich bin noch nicht fertig.<br />
MADHAR PAI: Ich mache das einfach nicht mehr mit, Harold … Ich habe versucht, diese  …  Abschweifungen auszuschalten, aber Sie sind offenbar wild entschlossen, die Sache mit Ihren ständigen Unterbrechungen zu verlängern, und das ist höchst unprofessionell.<br />
BASIE: Ich denke, das Protokoll wird ausweisen, dass die Befragung in Ihrer ganzen Tendenz zu einer einzigen Abschweifung geworden ist.<br />
MADHAR PAI: Ich weiß nicht, wovon Sie reden.<br />
Mr. BASIE: Ich rede davon, wie wir überhaupt auf Plato gekommen sind und inwieweit es für diese Urheberrechtsklage relevant ist, … weil nämlich Platos Urheberrecht, bloß mal angenommen, er hatte eins, sowieso schon vor Christi Geburt erloschen wäre.<br />
MADHAR PAI: Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, hier selbst einen Moment lang abzuschweifen, Mr. Basie, weil es vielleicht ganz lehrreich und für das, was Sie Ihre Karriere zu nennen belieben, sogar von späterem Nutzen ist. Ich habe mich nie mit dem Status von Urheberrechtsvereinbarungen im Athen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts beschäftigt, die, da gebe ich Ihnen recht, vom Zweck unserer Zusammenkunft doch zu weit entfernt sind. Wir zitieren <em>allerdings </em>Stellen aus <em>einer </em>Übersetzung von Platos Staat, an der <em>zunächst </em>die Macmillan Company …  <em>und heute die</em> Oxford University Press die Rechte innehat, die nach meiner Kenntnis … bis auf den heutigen Tag nicht erloschen sind. Sie können diese Rechte verfolgen, wenn Sie Lust haben.<br />
BASIE: Ach du Scheiße.</p>
<p>Die alte Erfahrung, dass Prozesse eigentlich für niemanden gut sind, außer für die Juristen, bestätigt sich auch hier: Prozesse reißen ins Geld und verderben die Laune. Das Auf und Ab des Prozessgeschehens mit zahlreichen unverhofften Wendungen, positiven Überraschungen und grässlichen Enttäuschungen, Verfahrensfinten und vorübergehenden Stillständen hält Oscar und seine Angehörigen während der gesamten Romanzeit in einem Zustand fruchtloser Erregtheit, fördert schmerzhafte Erinnerungen zu Tage und zwingt Oscar zu unangenehmen und stets zu spät kommenden Einsichten über sich selbst und das Verhältnis zu seinem Vater und zu seiner Schwester. Er beginnt maßlos zu trinken und zu rauchen und ist auf dem besten Wege, sich zu ruinieren. Er lehnt ein Vergleichsangebot der Gegenseite über 200.000 Dollar ab und verliert den Prozess in erster Instanz. Ein unverhoffter Lichtblick öffnet sich, als Oscar mit Hilfe seines Vaters, der die Berufungsbegründung aufsetzt, wider jede Erwartung das Berufungsverfahren gewinnt. Das geschieht nach allgemeiner Überzeugung jedoch nicht aus rechtlichen Gründen. Es geschieht vielmehr ausschließlich deshalb, weil die Berufungsrichter die Urteile der Richterin erster Instanz aus tiefem Unbehagen über deren Jugendlichkeit prinzipiell und immer aufheben und das genaue Gegenteil entscheiden. Jede weitere Aufführung des Films wird nun verboten. Die Gesellschaft muss den aus der Rechtsverletzung entstandenen Bruttogewinn an Oscar herausgeben. Am Tage nach dem Urteil zieht Lily, die sich in der Zwischenzeit anderweitig vergnügt hatte, wieder bei Oscar ein. Oscar rechnet mit Millionen und kauft sich sofort einen grünen Jaguar. Jedoch, es kommt ein dickes Ende: Nachdem die Filmgesellschaft nämlich zur Herausgabe sämtlicher Bruttogewinne verurteilt worden war, weist sie nach, dass es trotz eines Hundertmillionenumsatzes keinerlei Gewinn gegeben hat, weder brutto noch netto, sondern einen Verlust von 18 Millionen Dollar, weshalb Oscar, wie seine Schwester ihm rät, froh sein sollte, wenn er nicht draufzahlen muss. Soweit kommt es nun aber auch wieder nicht. Oscar wird rechtskräftig der fiktive Kaufpreis für die Verwertung des Theaterstücks zuerkannt, das sind insgesamt zweihunderttausend Dollar. Das ist, man erinnert sich, genau der Betrag, den man ihm anfangs als Vergleichssumme angeboten hatte. Leider deckt er jetzt aber nicht einmal mehr den von Oscar zu tragenden Anteil an den Anwaltskosten. Am Ende muss Oscar Crease dann doch in Gespräche über den Verkauf des Long-Island-Hauses eintreten.</p>
<p>Bevor wir uns jetzt der Biographie des Autors William Gaddis zuwenden, zur Einstimmung einige Zeilen aus einem amerikanischen Schlager vom Beginn der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. »Come back to Sorrento« heißt das sehr gefühlvolle Lied, das William Gaddis lange Jahre im Ohr geklungen haben muss. Denn in seinem ersten Roman »Die Fälschung der Welt« <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, Die Fälschung der Welt, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, München 2000. "> [7]</span> tönt es immer wieder aus einer Music-Box. Ich glaube, dass auch bei William Gaddis, wie bei vielen amerikanischen Autoren, der zur Schau getragene Sarkasmus eigentlich nur das Negativ einer zwar oft enttäuschten, aber immer lebendigen und von uns alten Europäern manchmal mit Gefühlskitsch verwechselten Sehnsucht darstellt, nach Glück, Liebe und Gerechtigkeit.</p>
<p>Hear the music of the waters,<br />
Vows of tenter passion sighing,<br />
Like thy heart to which go flying<br />
All my thoughts in wakeful dream.</p>
<p>See the lovely dewy garden,<br />
Breathing orange-perfumed greeting,<br />
Nought can set my heart a-beating<br />
Like the fragrance of its bloom.</p>
<h4>V. Zu William Gaddis</h4>
<p>Die persönliche Begegnung mit einem großen Schriftsteller verläuft nicht selten enttäuschend, es sei, so schrieb einmal ein Literaturkritiker, als ob man auf der Suche nach dem Geheimnis einer köstlichen Gänseleberpastete letzten Endes – die Gans trifft. William Gaddis legte einer seiner Romanfiguren diesen Satz in den Mund: »Ein Künstler ist nichts weiter als die Hefe seines Werks.« Sehen wir uns also, bevor wir das Werk weiter betrachten, die Hefe an, aus der es, unter anderem, entstanden ist.</p>
<p>William Thomas Gaddis wurde am 29. Dezember 1922 in New York geboren. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er drei Jahre alt war. Die ersten Schuljahre verbrachte er in kleinen Internaten, die der kongregationalistischen Kirche nahe standen. Die Mutter war nicht arm, sie lebte in einem Haus auf Long Island, wohin Gaddis mit 13 zurückkehrte und wo er die High School besuchte. In den späten High-School- und frühen Universitätsjahren kämpfte Gaddis gegen ein rätselhaftes Tropenfieber mit mehreren lebensbedrohlichen Episoden. Da er ein guter bis exzellenter Schüler war, konnte er zur Harvard-Universität wechseln, die ihn 1945 unehrenhaft entließ. Nach dem Rauswurf ging Gaddis nach New York und verdingte sich als Rechercheur bei der Presse, vor allem für den New Yorker war er unterwegs. Ausgedehnte Reisen nach Südamerika und Europa, vor allem nach Italien und Spanien, das er liebte, und Paris, das er verachtete, finanzierte er mit den Mieteinnahmen aus dem Haus seiner Mutter. Unterdessen wuchs der erste Roman »The Recognitions« zu Deutsch: »Die Fälschung der Welt« zu einem über tausend Seiten starken äußerst komplexen Gemälde heran. Die Künstler-Szene der Beat-Generation in New York Anfang der 50er Jahre bildet den Hintergrund für die Geschichte eines genialen, tiefreligiösen, innerlich zerrissenen jungen Malers, der die Eskapaden seiner Frau durch Fälschungen niederländischer Meister finanziert und letztlich, auf der Flucht vor konkurrierender Banden krimineller Kunsthändler, in einem spanischen Kloster an Alkoholdemenz zugrunde geht. Zentrale Orte sind die Horatio Street in Greenwich Village und eine Bar namens Viareggio, in der immer wieder der Song »Come back to Sorrento« erklingt und ein weißhaariger Mann sein Bier damit erschnorrt, dass er aussieht wie Hemingway und vielleicht sogar Hemingway ist. Gaddis war glücklich, als er das Buch fertig hatte. Er glaubte zu Recht, einen der größten Romane des Jahrhunderts geschrieben zu haben. Er war sehr optimistisch, was man daran erkennt, dass er heiratete und in kurzem Abstand eine Tochter und einen Sohn zeugte. Er war Anfang 30 und erwartete nachgerade stündlich den Nobel-Preis.</p>
<p>»Als ich meinen ersten Roman anfing, da dachte ich, ich hätte entdeckt, was niemand weiß, was aber jeder eigentlich wissen muss, nämlich, dass wir inmitten falscher Werte leben. Und ich wollte alle davon in Kenntnis setzen. Deshalb ging es in dem Roman um Fälschungen, um alle Arten von Fälschungen, Fälschungen auf den unterschiedlichsten Ebenen. Und ich hatte gedacht, die Leute wären davon ziemlich ergriffen und sie würden sagen: Das habe ich nicht gewusst. Aber als der Roman ‚Die Fälschung der Welt’ erschien, erschütterte es die Welt überhaupt nicht, bloß ich war fertig. Ich war wütend und gebrochen und außerdem war ich pleite. Das Buch verschwand wieder und ich musste die ganze Sache erst einmal verdauen.  Das waren keine besonders glücklichen Zeiten.«</p>
<p>Gaddis veröffentlichte in den folgenden zwei Jahrzehnten nicht eine einzige Zeile. 1976, kurz nachdem er für seinen zweiten Roman »J.R.« <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, JR, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay und Klaus Modick, München 1999. "> [8]</span> nicht den Nobel-Preis, aber immerhin den National Book-Award erhalten hatte, schlich sich sein damals 18 jähriger Sohn an den Schreibtisch des Vaters und stellte fest, dass dieser nach Eingang des Preisgeldes komplett schuldenfrei war und sogar ein Guthaben hatte: 12 Cents. In den zwanzig Jahren zuvor hatte Gaddis sich, seine erste Frau und seine zwei Kinder als Werbetexter und Ghostwriter über Wasser gehalten. Er schrieb Filmdrehbücher für die Army, Reden für die Vorstände von Kodak und IBM und bezahlte eine aufwendige Behandlung seiner maroden Zahnwurzeln, indem er für den Zahnarzt einen Artikel im Ärzteblatt schrieb. Außerdem arbeitete Gaddis in diesen 20 Jahren an seinem schon erwähnten preisgekrönten zweiten Roman. »J. R.« ist der Titel – wir erinnern uns an John Rockefeller und J. R. Ewing aus dem Denver-Clan. In Gaddis »J. R.« geht es also um die Welt der Wirtschaft und der Finanzen, um die Börse, um Politik, globale Ausbeutung. Der Held »J.R.« ist in diesem Roman allerdings ein elfjähriger Schüler, der es in wenigen Monaten schafft, durch sinistre Transaktionen einen gewaltigen Konzern zusammenzuschustern. Seine Geschäftsideen hat er aus Broschüren und Zeitungsannoncen. Von einer Telefonzelle aus operiert er mit verstellter Stimme und bedient sich eines labilen Musiklehrers namens Bast als Geschäftsführer. Bast, der eigentlich lieber komponieren möchte und einem Zirkel erfolgloser Literaten, Maler und Musiker angehört, wird von J. R. auf eine zugleich naive und niederträchtige Art unter Druck gesetzt, erst, damit er einsteigt, später, damit er bei der Stange bleibt. Der folgende Dialog entspinnt sich, nachdem Bast gerade seine Lehrerstelle gekündigt hat. Bast geht auf dem Rückweg von einem Klassenausflug in der einbrechenden Dunkelheit voran und J. R., der in einer von Bast inszenierten Opernaufführung des »Rheingold« den Alberich spielt und seinem etwas weltfremden Lehrer ein paar Dollar für Fahrkarten vorgestreckt hat, beginnt:</p>
<p>J.R.: »Nee, also klar, aber ich meine, was machen Sie denn jetzt, eh …</p>
<ul>
<li>&#8211; Das hab ich dir doch gerade gesagt!</li>
<li>&#8211; Ja klar, aber Sie haben doch eben gesagt, dass Sie diese Melodien hier nicht für Geld schreiben, ich meine, wenn Sie sowieso kein Lehrer mehr sind, dann kommen diese Geschäftsideen hier vielleicht gerade recht, eh? Wo sind Sie, warten Sie … er brach aus dem Unkraut hervor … &#8211; eh? Müssen wir hier abbiegen? Ich meine ja bloß, Moment, ich wollte doch nur …</li>
<li>&#8211; Lass mich bloß mit deinen Zeitungen und dem ganzen Kram in Ruhe, es ist dunkel! Ich kann das Zeug jetzt ohnehin nicht lesen, warum willst du überhaupt, dass ich es lese, warum ich, ausgerechnet ich …</li>
<li>&#8211; Nee, also ich dachte ja nur, vielleicht können wir uns gegenseitig nützlich sein, verstehen Sie? Wie ich das erste Mal schon gesagt habe? Ich meine, wo ich Ihnen gerade diesen Kredit hier gegeben habe für diese Fahrscheine, da dachte ich …</li>
<li>&#8211; Also gut! Ich hab mich bedankt, oder nicht? Ich zahl dir Zinsen, oder nicht? Ich geb sie dir, sobald es geht, ich tausch sie um, die Schule schuldet mir noch Geld für …</li>
<li>&#8211; Nee, warten Sie doch mal einen Moment, eh? Sie wollen, dass ich sie für Sie umtausche?</li>
<li>&#8211; Ja, gut, hier, ich geb Dir n Dollar, damit sind wir quitt, hier ist noch einer …</li>
<li>&#8211; Nee, aber sehen Sie doch, der Dollar ist …</li>
<li>&#8211; Also gut, hier! Hier, ich hab noch ein paar Zehn-Centstücke aus der Cafeteria, und jetzt gute Nacht und auf Wiedersehen!</li>
<li>&#8211; Nee, aber sehen Sie, wir sollten das voneinander trennen, weil ich die Fahrscheine davon abziehen muss, verstehen Sie?</li>
<li>&#8211; Nein, versteh ich nicht! Sieh mal …</li>
<li>&#8211; Nee, aber so geht das eben, eh, sehen Sie, weil wenn Sie sich dieses Geld hier von mir leihen, dann arbeitet es eben nicht für mich, so lange ich es nicht zurückbekomme, für diese Fahrscheine hier, deshalb macht man ein Disagio, verstehen Sie?&#8230;</li>
<li>&#8211; Schön, dann gib Sie mir einfach wieder, ich werde selber …</li>
<li>&#8211; Nee, das ist schon okay, eh, ich mach das für Sie, und ich meine, wir nehmen diesen Zinssatz hier von zehn Prozent, okay? Weil das ist dann leichter auszurechnen, weil man braucht ja nur das Komma verschieben, also das macht dann … «</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ab 1976 konnte Gaddis von seinen Einkünften als Schriftsteller einigermaßen leben. Er wohnte in New York und Long Island, war stets erstklassig – wenn auch aus zweiter Hand – gekleidet, liebte Zigaretten, Whiskey, Krimi- und Comedy-Serien im Fernsehen, galt als womanizer und war mit allen bedeutenden Schriftstellern der Zeit befreundet oder bekannt: Thomas Pynchon, Saul Bellow, John de Lillo, John Updike, Donald Barthelme  usw. 1985 erschien ein weiterer, diesmal kurzer Roman »Carpenters Gothic«, zu Deutsch »Die Erlöser« <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, Die Erlöser, Deutsch von Klaus Modick und Martin Hiel-scher, Reinbek bei Hamburg 1994. "> [9]</span>. Noch einmal ein knappes Jahrzehnt benötigte Gaddis dann, um seinen bei weitem erfolgreichsten Roman zu schreiben: »A frolic of his own«,  auf den ich nun wieder zurückkomme.</p>
<h4>VI. Prozesse über Prozesse</h4>
<p>Wir haben die Geschichte des Plagiatsprozesses gehört. Zu Beginn hatte ich einen Ausschnitt aus dem Prozess um den Hund im Kunstwerk vorgelesen. Diese Prozesse sind aber längst nicht die einzigen Rechtsstreitigkeiten in dem Roman. Oscar lebt in einer Welt, die praktisch alles, vom kleinen privaten Laster über Unglücksfälle, Ehekrisen, vom Haarausfall bis zum großen Krieg erst ins Fernsehen und dann vor die Gerichte schleppt oder umgekehrt.</p>
<p>Hier eine grobe, bei weitem nicht vollständige Übersicht über die Prozesse in William Gaddis Roman »Letzte Instanz«.</p>
<p>Klage der Erben des Schriftstellers Eugene O’Neill gegen Oscar Crease wegen Plagiats von Teilen des Dramas »Trauer muss Elektra tragen«</p>
<p>Klage mehrerer Männer gegen die steinreiche Trish Hemsley, gerichtet auf Unterlassung der von Trish beabsichtigten Abtreibung. Alle Männer nehmen für sich in Anspruch, die Väter der Leibesfrucht zu sein</p>
<p>Klage eines Amateurfilmers gegen den Hollywood-Regisseur Konstantin Kiester, weil dieser für seinen Afrika-Film Uruburu eine von dem Amateurfilmer gedrehte Tötungsszene verwendet hat</p>
<p>Klage des Oscar Crease gegen eine Historische Gesellschaft wegen des Urheberrechts an den Briefen seines Urgroßvaters</p>
<p>Scheidungsprozess von Lily gegen ihren ersten Ehemann, geführt von einer Anwältin, der Lily auf Anraten von Oscar jedoch das Mandat entzieht</p>
<p>Prozess des von Lily ausgesuchten zweiten Scheidungsanwalts gegen die erste Scheidungsanwältin auf Herausgabe der Handakten. Diesem Anwalt entzieht Lily ebenfalls das Mandat</p>
<p>Prozess des dritten Scheidungsanwalts, dessen Namen Oscar auf einem Streichholzbriefchen gefunden hatte, gegen den zweiten Scheidungsanwalt auf Herausgabe der Handakten</p>
<p>Klage von Lilys erstem Ehemann gegen Lilys zweiten Scheidungsanwalt, wegen Ehebruchs mit Lily auf dem Vordersitz eines Dodge</p>
<p>Klage Trish Hemsley gegen die Katholische Kirche wegen Anfechtung des Testaments von Trishs Mutter, die der Kirche ihr Vermögen vererbt hatte</p>
<p>Klage Trish Hemsley auf Schadensersatz wegen Beschädigung einer Pelzjacke durch mehrere Spritzer Ketchup</p>
<p>Schadensersatzklage gegen den Künstler Szyrk, weil eines seiner Kunstwerke auseinander gebrochen ist und einen Passanten erschlagen hat</p>
<p>Klage eines Schusters gegen Trish Hemsley auf Begleichung einer Reparaturrechnung</p>
<p>Von Oscars Schwager Harry Lutz über mehrere Jahre als Anwalt betreute Klage der Episkopalen Freikirche gegen Pepsi-Cola Inc. auf Unterlassung des Gebrauchs des Namens Pepsi-Cola wegen Verwechslungsgefahr, da Pepsi-Cola in Wahrheit ein Anagramm von Episcopal sei – was übrigens stimmt</p>
<p>Klage Oscar Crease gegen sich selbst als Halter eines PKW der Marke Sosumi wegen Schadensersatz und Schmerzensgeld. Oscar hatte vor seinem eigenen Auto, in den Motorraum gebeugt, gestanden, als er erfolgreich versuchte, das Auto durch Kurzschließen zu starten, dabei hatte ihn sein eigenes führerloses Auto überfahren und schwer verletzt.</p>
<p>Klage Oscar Crease gegen die für seinen Sosumi bestehende Haftpflichtversicherung auf Freistellung von den Ansprüchen, die Oscar gegen sich selbst eingeklagt hat</p>
<p>Klage der Haftpflichtversicherung gegen den Vorbesitzer des Sosumi auf Freistellung von der Haftung für die von Oscar Crease geltend gemachten Freistellungsansprüche</p>
<p>Klage des Vorbesitzers des Sosumi gegen den PKW-Einzelhändler, der ihm das Auto verkauft hat, auf Freistellung von den Freistellungsansprüchen der Haftpflichtversicherung</p>
<p>Klage des PKW-Einzelhändlers gegen den Großhändler auf Freistellung von den Freistellungsansprüchen des Vorbesitzers des Sosumi</p>
<p>Klage des Großhändlers gegen den Hersteller Sosumi Motors Inc. auf Freistellung etc.</p>
<p>Schadensersatzklage der Firma Sosumi-Motors gegen den Monteur, der für den eventuellen Herstellungsfehler verantwortlich ist</p>
<p>Klage des Monteurs gegen das Zulieferunternehmen, das ein fehlerhaftes Einbauteil geliefert haben soll.</p>
<p>Ein Prozess scheint den nächsten hervorzubringen und dieser wieder mindestens einen und man fragt sich, ob es noch die Menschen sind, die die Prozesse führen, oder ob es nicht umgekehrt ist: Das Justizsystem hat sich selbständig gemacht und die Menschen können  bestenfalls noch so tun, als bestimmten sie, was gespielt wird. Eigentlich ist nichts mehr real, nichts mehr wirklich ernst, vielleicht mit Ausnahme der Kunst. Unversehens wird die Welt der Prozesse zur dichterischen Metapher einer außer Rand und Band geratenden Welt. Das ganze System ist <em>on a frolic of his own </em>und der Mensch irrt darin herum wie ein Hund, der sich in einer überdimensionalen Stahlskulptur verirrt hat. Oder, um eine von Gaddis gern gebrauchte Metapher zu verwenden, und zwar für die Situation des Einzelnen in einer Welt, deren Gott sich davongestohlen hat oder möglicher Weise auch verrückt geworden ist: Vielleicht sind wir in einer ähnlichen Lage wie die Tasten eines automatischen Klaviers, die nichts von der mit Löchern versehenen Papierrolle ahnen, die sich im Innern dreht – und der stets gut gelaunte, aber bis zur Debilität unterhaltungssüchtige Gott am Klavier weiß auch nicht, wie das Stück heißt, noch wie es weitergeht und wann es aufhört: Er tut nur so, als ob er in die Tasten griffe. Zur Illustration ist dem geneigten Leser empfohlen, sich das eine oder andere der im Internet reichlich angebotenen Privat-Videos mit Menschen vor automatischen Klavieren (<em>»player piano«) </em>anzuschauen.</p>
<h4>VII. Zyklon Sieben – Fortsetzung und Schluss</h4>
<p>Ich komme nun auf den Prozess Zyklon Sieben zurück, der neben dem Plagiatsprozess den größten Raum im Roman einnimmt. Sie erinnern sich: Der Hund Spot hatte sich in die Stahlskulptur verirrt. Gaddis gibt dem Leser auch diese Geschichte nur zu einem kleinen Teil als Erzähler im klassischen Sinne zur Kenntnis. Er unterbreitet vielmehr die – freilich fiktiven – Quellen, in diesem Fall Zeitungsberichte, Fernsehreportagen und vor allem Urteile, die von dem 97-jährigen Judge Crease stammen, dem Vater von Oscar also. Gaddis hat für den Roman die Welt des Rechts eingehend betrachtet. Das Recht sprach seinen Humor zum ersten Mal an, als eine Filmgesellschaft ihm einen Vertrag anbot, der ihr sämtliche Rechte an der Verbreitung des Films zusicherte, und zwar nicht nur <em>throughout the world</em>, also in der ganzen Welt, sondern außerdem noch <em>elsewhere.</em> Dass die Juristen damit ihren Zuständigkeitsbereich in aller Bescheidenheit sogar weiter ausdehnten als die Physiker, empfand Gaddis als ein schönes, aber auch überraschendes Zeichen der Tiefe und Unbedingtheit des Glaubens ans Recht. Über solche Beobachtungen sprach Gaddis Mitte der 80er Jahre auf einer Party mit dem New Yorker Rechtsanwalt Daniel Oresman, der ihm daraufhin eine 87-bändige Entscheidungssammlung, die <em>American Jurisprudence, </em>schickte. Insbesondere die schadensersatzrechtlichen Teile dieser Sammlung studierte Gaddis fast ein Jahrzehnt lang. Besonders erfreut haben soll ihn die Klage eines amerikanischen Bürgers gegen <em>Satan and His Staff, </em>die von dem angerufenen Bundesgericht als unzulässig abgewiesen wurde, weil der Teufel keine zustellungsfähige Anschrift im Gerichtsbezirk besitze. Gaddis hatte außerdem die Sämtlichen Werke von Oliver Wendell Holmes jr. in seiner Arbeitsbibliothek. In seinem Verlagsvertrag für »A frolic of his own« sicherte er sich das Copyright »in perpetuity, throughout the universe« und betonte in einem Schreiben an seinen Verleger, dass perpetuity seiner Auffassung nach in jedem Falle das Leben nach dem Tod einschloss, wenngleich er der Aussicht aufs Jenseits skeptisch gegenüberstand: Jenseits, sagte er, ach Gott, es ist ja hier schon schwer genug.</p>
<p>Nun zum Fall Zyklon Sieben. Richter Crease hat über einen Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Verfügung zu entscheiden, die der Künstler Szyrk gegen die Gemeinde Tatamount beantragt hat. Die Gemeinde möchte den in der Skulptur eingeschlossenen Hund mittels Schneidbrennern befreien, der Künstler hört davon und beantragt, der Gemeinde die Zerstörung des Kunstwerks zu untersagen. Selbstverständlich ist die öffentliche Meinung in Gestalt von Reportern, Fotografen, Kameraleuten, Würstchenverkäufern, Tierschützern, Anti-Homosexuellen-Ligen usf. vollzählig am Ort des Geschehens erschienen und steht geschlossen hinter dem Hund und dem Schneidbrenner. Richter Crease aber ist alt genug, diesem Druck zu widerstehen und verbietet die Rettungsaktion. Die Kunstfreiheit ist ihm wichtiger als die Krokodilstränen des Vaterlands.</p>
<p>Das Urteil hat allerdings in der Berufungsinstanz keinen Bestand. Es wird aufgehoben. Die Rettung des Hundes wird im Namen der Menschlichkeit gestattet. Die Stunde der Schneidbrenner scheint gekommen zu sein. Orney Bilk, ein Fettbacke genannte Senator, der tagsüber gegen die Schwulen wettert, die, so seine Worte, durch die Kunstszene herumstöckeln, was ihn nicht hindert, sich nachts mit jungen Männern in Lederröckchen zu vergnügen, der Senator Bilk also verlangt die Amtsenthebung von Judge Crease. Der aber gibt keineswegs klein bei, sondern bewirbt sich, dem Volkszorn und seinen 97 Jahren zum Hohn, um ein Beförderungsamt. Was die Volksseele endgültig überkochen lässt, ist sein zweites Urteil in dieser Sache. Kläger ist diesmal der Hundehalter, also der siebenjährige James B. Er verlangt von der Gemeinde Tatamount Schadensersatz. Der Fall hat sich, wie man sehen wird, nicht nur rechtlich weiterentwickelt, sondern auch der Strom der Tatsachen hat sich fortgewälzt.</p>
<p>»URTEIL<br />
In Sachen James B., Minderjähriger, gegen die Gemeinde Tatamount und andere, US District Court, S.D. Va. 453-87</p>
<p>Streitgegenstand ist …  eine Freiluft-Stahlskulptur. In einer früheren, vor diesem Gericht verhandelten Klage hat der Schöpfer dieses einzigartigen Werkes, R. Szyrk, mit Erfolg eine …  einstweilige Verfügung beantragt … Dieses Urteil wurde in der Berufung aufgehoben, so dass die Gemeinde das Recht der Entfernung  erhielt, in deren Verlauf das Tier, so durfte vermutet werden, die Freiheit wiedererlangen würde; im Endeffekt jedoch wurde Zyklon Sieben, ehe die entsprechenden Maßnahmen ergriffen wurden, von einem Blitz getroffen und sein unfreiwilliger Bewohner, wie man feststellen musste, für immer von aller irdischen Mühsal befreit.</p>
<p>Streitpunkt ist <em>nunmehr </em>die Frage, ob die Gemeinde in ihrer Eigenschaft als Verwahrer der beweglichen Sache, und sei ihr diese noch so unbeabsichtigt und unglücklich zugefallen, ihre dem Hinterleger geschuldete Pflicht zur erforderlichen Sorgfalt nicht erfüllt hat und aufgrund solcher angeblicher Fahrlässigkeit für den dadurch entstandenen Schaden <em>auf Herausgabe und Geldersatz </em>haftet … «</p>
<p>Es geht also darum, ob die Gemeinde für den Tod des im Rechtssinne gewissermaßen in der Skulptur <em>hinterlegten </em>Hundes haftet. Nach einer weitläufigen Erörterung der Geschichte des angelsächsischen Verwahrungsrechts wendet sich das Urteil der Frage zu, welchen Wert der verstorbene Hund überhaupt haben konnte. Die Gemeinde hatte argumentiert, es habe sich – gemessen an Geruch und Anziehungskraft für Fliegen – um Müll gehandelt, weshalb sie den Kadaver mit vollem Recht entfernt und beseitigt habe. So einfach könne es sich die Beklagte jedoch nicht machen, urteilt Richter Crease und führt aus:</p>
<p>»Im vorliegenden Fall ist der Wert des Verstorbenen als Quell einer namens des Klägers, <em>des siebenjährigen James B.</em> errichteten, blühenden  Treuhandgesellschaft, deren Vermögen sich aus Tantiemen und Lizenzgebühren speist, welche die verschiedenen gewinnbringenden Verwertungen des Tiers in Form von Puppen, Töpferwaren, Bechern, Schlüsselanhängern, Puzzlespielen, T-Shirts, Comic-Strip-Rechten und einer vorgesehenen Zeichentrickfilmserie für das Fernsehen betreffen, vollkommen offensichtlich und wird unabsichtlich sogar von der Beklagten bestätigt, die mit einer erstaunlich unüberlegten, bei einer niedrigeren Instanz eingereichten und abgewiesenen Klage einen großzügigen Anteil an derartigen Gewinnen forderte, da sie überhaupt erst den Umstand geschaffen habe, der zur notorischen Notlage des Tiers führte.</p>
<p>… .der Eigentumswert der sterblichen Überreste des fraglichen Tiers wird <em>außerdem </em>belegt durch die dem Gericht als Beweismittel vorliegenden Kaufangebote von Tier-Präparatoren aus Chicago, Dallas und Kamakura, Japan, ferner von einem einfallsreichen Handschuhmacher aus San Francisco, der das Fell als Prototyp einer als »Hiawathas Zauberfäustlinge« unter dem Markenzeichen »Echtes Spotskinimitat Trademark Trag sie mit der Fellseite nach außen« zu vermarktenden Produktlinie erwerben möchte, und durch ein Eilangebot von Bao Dai`s Tasti Snax in Queens Village, New York, dessen Absichten im dunkeln bleiben. Vorbehaltlich einer Suche auf der kommunalen Mülldeponie beruft sich der Beklagte auf mangelnde Schlüssigkeit, und die Klage <em>auf Herausgabe </em>wird  …  nach Ermessen des Gerichts als zur Zeit unbegründet abgewiesen.«</p>
<p>Das Urteil behandelt nun die entscheidende Frage, ob das etwaige Fehlverhalten der Gemeinde – wenn ihr ein solches vorgeworfen werden könne – kausal für den eingetretenen Schaden war, immerhin war ja ein Blitz dazwischengefahren. Die Geschworenen hatten hierzu, wie auch die Zeitungen und der Senator Bilk, die Auffassung vertreten, der Blitz sei als Strafe Gottes anzusehen und insofern der Gemeinde zuzurechnen. Wir ahnen, dass Richter Crease sich die Gelegenheit zu einer grundlegenden und ausschweifenden Stellungnahme zu einem so wunderbar allgemeinen Thema wie dem der Kausalität auf keinen Fall entgehen lassen wird. Den Rahmen dieses Vortrags würde die Wiedergabe dieser Ausführungen jedoch sprengen. Ich kann nur die Lektüre des meisterhaften Judikats empfehlen und sagen, dass der Richter den Glauben an göttliche Einwirkungen jedenfalls für den Bereich des Rechts zurückweist und bemerkt, dieser Glaube sei so überflüssig wie die Clavicula – also das Schlüsselbein – der Katze. So lauten dann die letzten Worte des Urteils:</p>
<p>»Bei allem schuldigen Respekt gegenüber den streitenden Parteien, den Geschworenen, der gottesfürchtigen Gemeinde und dem Normalbürger … ist der Glaube an Gott … für dieses erdgebundene Verfahren ohne Belang und Relevanz. Kurzum, Sie mögen Ihm in Ihrem Herzen so viel Raum geben, wie Sie für Ihn erübrigen können, aber in diesem Gericht hat Gott keinen Platz.  … Die Klage auf Schadensersatz wird abgewiesen.«</p>
<p>Am Tag nach der Urteilsverkündung kommt es zu erneuten Demonstrationen gegen Richter Crease: Eine Puppe in schwarzer Robe wird symbolisch verbrannt, Transparente mit der Aufschrift: »SPOT LEBT, GOTT IST RICHTER« und eine Südstaatenflagge werden entrollt, Bierdosen und Steine fliegen und die Zeitung von Tatamount titelt: RICHTER NENNT GOTT SCHLÜSSELBEIN EINER KATZE, 72 Verletzte und erhebliche Sachschäden sind zu beklagen. Und doch muss Richter Crease ein letztes Mal eingreifen. Am Abend vor seinem Tode weist er eine erneute Klage des Bildhauers Szyrk, diesmal gerichtet auf vollständige Entfernung der Skulptur aus der Gemeinde Tatamount, ab. Die Gemeinde darf ihr aufgrund des öffentlichen Rummels inzwischen zur einträglichen Touristenattraktion gewordenes Kunstwerk behalten. Sofort schlägt sich die öffentliche Meinung auf die Seite des eben noch verfemten Richters. »Fettbacke« Senator Bilk, zieht seinen Amtsenthebungsantrag posthum zurück und erklärt im Fernsehen:</p>
<p>»Insofern Richter Thomas Crease die höchsten Ideale unseres großartigen amerikanischen Rechtssystems verkörperte, stehen wir für immer in seiner Schuld, und wie vor ihm schon sein berühmter Vater, so hat nun auch er Unsterblichkeit erlangt!«</p>
<p>Oscar sieht diese Rede des Senators im Fernsehen und sagt zu seiner Schwester:</p>
<p>»Das, das ist widerlich, er gehört erschossen!«</p>
<p>»Politik, Oscar, bloß Politik!« antwortet ihm seine Schwester Christina.</p>
<h4>VIII. Only words?</h4>
<p>Die herkömmliche und endemische Vorstellung von der Aufgabe und Funktionsweise des Rechts besagt, dass die in räumlich abgegrenzter Gemeinschaft zusammenwohnenden Menschen ihr Leben durch rechtliche Regeln ordnen. Sie gewinnen diese Regeln entweder durch Vereinbarung oder durch Erkenntnis göttlicher oder in der Natur liegender Vorgaben oder durch eine Mischung aus beidem, kurz gesagt, entweder weil ein Gott es so will oder weil die Menschen selbst es so wollen. In jedem Falle gehören die Regeln jedoch einer anderen Sphäre an als das Leben selbst. Sie sind nicht naturwissenschaftlicher Art, sie beschreiben nicht das Sein, sondern das Sollen. Sie sind Teil der im weitesten Sinne moralischen Welt, die nicht oder doch nicht so sehr der Zeit und dem Satz vom Grunde unterworfen ist wie die physikalische oder biologische Welt. Diese Herausgehobenheit aus dem Stirb und Werde der materiellen Existenz gibt den Regeln Autorität und Dauer. Kein Mammutbaum und keine Schildkröte ist so alt wie die zehn Gebote.</p>
<p>Das erste Problem bei dieser Sicht des Rechts liegt offenkundig darin, dass die menschlichen Erkenntnis- und Ausdrucksfähigkeiten, was die moralische Welt betrifft, noch ungenügender ausgeprägt sind als gegenüber der materiellen Welt. Der Jurist begegnet diesem Problem durch Vereinfachung. Er lässt die unlösbaren Fragen und die tiefen Themen einfach weg und entscheidet über den Rest, und zwar auf Heller und Pfennig. Das ist lebensnah gedacht und effektiv, aber, gemessen an der Komplexität der Welt, eine ziemlich rustikale Konstruktion, um nicht zu sagen: Eine Fälschung.</p>
<p>Die zweite, sehr viel radikalere Frage, die unsere geläufige Vorstellung vom Recht aufwirft, geht dahin, ob es eine von der materiellen Welt geschiedene Sphäre des Moralischen Gesetzes überhaupt gibt, an der die Rechtsetzer teilhaben und aus der heraus sie bestimmen können, was Recht ist. Wenn die Wege und Gassen des Lebens in Wahrheit nicht von einer moralischen Sonne beleuchtet sind, sondern wir uns diese Sonne nur einbilden, dann schweben wir zwecklos hin und her und tappen auch insoweit im Dunkel, als es die Erkenntnis von Gut und Böse, Recht und Unrecht betrifft. Die Gesetze sind dann nicht Teil einer besonderen Sphäre, sondern sie gehören der materiellen Welt an: Sie sind vergänglich und abhängig von der Materie, heutzutage zum Beispiel immer öfter abhängig von der Zufuhr elektrischer Energie wie ein Stabmixer oder ein automatisches Klavier. Das Rotlicht der Verkehrsampel, als der Inbegriff des modernen Gesetzes: Wenn in Katalonien ein Wasserkraftwerk havariert, ändert sich im Ernstfall die Netzspannung in Schleswig-Holstein und damit auch die Rechtslage in Rendsburg, weil die Ampel ausfällt. Es ist nicht mehr das Recht, das unser Leben steuert. Umgekehrt: Blankes Leben herrscht. Elektrizität und Wasser: Ariston men hydor – das Wichtigste aber ist das Wasser, schrieb schon Pindar.</p>
<p>Das Recht wäre dann das Ergebnis von nur durch die Physik und die Chemie beschreibbaren Kausalverläufen, ein Strom von Worten, die keine zwecksetzenden menschlichen Urheber haben, nur Sprecher. Die Welt wäre ohne Aufsicht durch freie Vernunft und guten Willen. Das klingt deprimierend, hat aber auch seine komischen Seiten, wie Albert Einstein bemerkte: »Das Wissen, dass es keine Willensfreiheit gibt, schützt mich davor, die gute Laune zu verlieren und mich und die anderen Menschen in ihren Handlungen und Urteilen allzu ernst zu nehmen.«</p>
<h4>IX. Das automatische Klavier</h4>
<p>Gaddis war bei Erscheinen von »A frolic of his own« 72 Jahre alt und nicht mehr ganz gesund. Er schrieb noch zwei Werke, einen etwa 100 Seiten langen essayistischen Roman und, darauf basierend, ein Hörspiel. Das Hörspiel schrieb er für den Deutschlandfunk. Gaddis hatte seit Mitte der Neunziger Jahre eine treue und begeisterte Anhängerschaft in den deutschen Feuilletons, vor allem bei der FAZ und – eben – dem Deutschlandfunk. Bei einem Besuch in Deutschland im Jahre 1997 – also ein Jahr vor seinem Tode – wurde Gaddis zum ersten Mal in seinem Leben so richtig der rote Teppich ausgerollt, was er sehr genossen hat. Sein letztes Buch und das Hörspiel verdanken wir einer von Gaddis sein ganzes Erwachsenenleben hindurch verfolgten Sammelleidenschaft. Diese Sammelleidenschaft bezog sich auf ein scheinbar unbedeutendes, ja sogar leicht bizarres Thema, nämlich das »player piano«, zu Deutsch: »Das mechanische Klavier« <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, Das mechanische Klavier, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, München 2005. "> [10]</span>. Das Player Piano war für Gaddis nicht nur ein Instrument, sondern eine vielfältig aussagefähige Metapher. Er sah darin ein Bild für den Siegeszug des binären Codes seit der Frühaufklärung, für die auf Lochstreifen programmierte Information, die als Muster den modernen automatischen Kommunikations- und Kontrollsystemen und inzwischen nahezu aller wirtschaftlichen Wertschöpfung zugrunde liegt, sei es in der Produktion oder in der Dienstleistung oder in der ars multiplacata. Zweitens erkannte er im Player Piano eine Ikone der modernen Sucht nach anstrengungslosem Glück, kurz nach Unterhaltung. Drittens warf es für ihn die Frage nach der Möglichkeit einer nicht binär codierten oder doch codierbaren menschlichen Existenz auf. Viertens eine Frage: Welche Daseinsberechtigung kann sich ein Künstler schaffen in einem Umfeld, das die Produktion oder besser Reproduktion von Kunst technisiert und damit demokratisiert hat, so dass jeder, er sei noch so unfähig und unbegabt. Kunstwerke herstellen kann? Den damit verbundenen Problemen und Assoziationen geht in dem Hörspiel ein ans Bett gefesselter schwerkranker alter Dichter nach, während er die um ihn herum liegenden Stapel von Zeitungsausschnitten, fotokopierten Texten, Büchern und Notizen zu sichten und zu ordnen versucht. William Gaddis, der ansonsten so gut wie nie aus seinen Werken vortrug, hat für den Deutschlandfunk einen kleinen Ausschnitt aus dem Hörspiel gelesen. Er spricht über automatische Klaviere, über die Ersetzung der Hände des Pianisten durch die Phantom-Hände beim Walzenklavier, über Musik, Bach, Scarlatti, Schubert, die Faust-Musik »Oh Augenblick, verweile doch … « Was sich dem Leser der folgenden Zeilen nicht erschließen kann, ist der zwischen Trauer und Verträumtheit schwebende Tonfall des lesenden alten Mannes, der am Ende fast zu singen scheint und damit alles verrät über seine lebenslange Liebe, die zweifellos der Dichtkunst gehörte:</p>
<p>« … The whole thing breaks your heart, here’s another. «Retains its artistic ‘feel’ indefinitely”, goes back to the turn of the century before the player piano, when it was still the piano player, big thing you wheeled up to the piano same punched roll it played on the keys with wooden fingers, tiny felt-tipped wooden fingers playing Scarlatti, Bach, Haydn «and old Handel. Unhappy Schubert speaks to them in the sweet tones of Rosamunde. Beethoven, master of masters, thrills alike” right on to Chopin bemoaning the fate of Poland … ”Many of the artists will never play again, but their phantom hands will live forever” there that’s what it’s about, no more wooden fingers but phantom hands. «What stands between you and the music of the masters?” … The mechanization exploding everywhere and the phantom hands the, Kannst du mich mit Genuss betrügen, yes that, If I ever say to the moment don’t go! Verweile doch! Du bist so schön! No match for the march of science that makes it possible, marches right on and leaves it in the dust, pianos nobody can play and millions of piano rolls left in the dust while their splendid phantom hands are pushed further from reach by the gramophone and finally paralyzed by the radio teaching bird to sing birdsongs O God, O God, O God, Chi m’a tolto a me stesso that’s Michelangelo, that’s from my book, Ch’a me fusse piu presso O più  di me potessi that’s in my book, who has taken from me that self that could do more … ” <span class="tooltips " style="" title=" William Gaddis, Agapé Agape and other writings, Atlantic Books London 2002, S. 12 ff. "> [11]</span></p>
<p>Im Dezember 1998 holten Sarah Gaddis und Matthew Gaddis ihren Vater aus dem Hospital, wo er einen aussichtslosen Kampf gegen Prostata-Krebs und Lungen-Emphysem geführt hatte, nach Hause. Am Abend des 15. Dezember 1998 verpasste Gaddis aus irgendeinem Grund seine Lieblings-Krimiserie »Law and Order«. Nachdem er schon mehrere Jahre nicht mehr geraucht und getrunken hatte, bat er nun seine Kinder um einen Schluck Whiskey und ein paar Zigaretten. Die Bitte wurde gewährt. In den Morgenstunden des 16. Dezember 1998 ist William Thomas Gaddis in den Armen seiner beiden Kinder gestorben.</p>
<p>Now I hear that thou must leave me,<br />
Thou and I will soon be parted,<br />
anst thou leave me broken hearted?<br />
Wilt thou nevermore return?</p>
<p>Then say not good-bye!<br />
Come back again, beloved,<br />
Back to Sorrento,<br />
Or I must die.</p>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1"></a></p>
<hr />
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p>* Die Vortragsform wurde für diese Lesefassung im Wesentlichen beibehalten. Auf Fußnoten habe ich weitgehend verzichtet. Wer sich über William Gaddis unterrichten will, findet in den »Gaddis Annotations« alles – wirklich alles – im Internet unter: <a href="http://www.williamgaddis.org"><em>www.williamgaddis.org</em></a>. Die Musik- und Bildeinblendungen, von denen der Vortrag begleitet war, können naturgemäß nicht wiedergegeben werden. Die Ausschnitte aus dem Interview mit William Gaddis habe ich einem Rundfunk-Feature von Walter van Rossum entnommen, das der DLF produziert und mir für die Zwecke des Vortrags – wie auch weitere Tondokumente – großzügiger Weise zur Verfügung gestellt hat. Dafür danke ich dem Deutschlandfunk und Walter van Rossum sehr herzlich. Ebenso gilt mein Dank Herrn Thomas Böhm (Literaturhaus Köln) für seine hilfreichen Hinweise, Martin Brune (Weimar) für die Aufbereitung des Tonmaterials und Frau Dr. Ulrike Brune (Weimar/Erfurt) für viele klärende Gespräche.</p>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>   William Gaddis, Letzte Instanz, Deutsch von Nikolaus Stingl, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003.</p>
<p><a href="#_ednref2" name="_edn2">[2]</a>   Ebd., S. 33–48.</p>
<p><a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a>   Ebd., S. 473.</p>
<p><a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a>   Ebd., S. 15.</p>
<p><a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a>   Ebd., S. 55, 62.</p>
<p><a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a>   Ebd., S. 214–258.</p>
<p><a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a>   William Gaddis, Die Fälschung der Welt, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, München 2000.</p>
<p><a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a>   William Gaddis, JR, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay und Klaus Modick, München 1999.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a>   William Gaddis, Die Erlöser, Deutsch von Klaus Modick und Martin Hielscher, Reinbek bei Hamburg 1994.</p>
<p><a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a> William Gaddis, Das mechanische Klavier, Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, München 2005.</p>
<p><a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a> William Gaddis, Agapé Agape and other writings, Atlantic Books London 2002, S. 12 ff.</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/plagiatur-et-altera-pars/">Plagiatur et altera (p)ars</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>DADA – und das Rätsel Walter Serner (1992)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/dada-und-das-raetsel-walter-serner/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Aug 1992 23:00:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feature]]></category>
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		<category><![CDATA[Arp(Hans)]]></category>
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		<category><![CDATA[Strawinski(Igor)]]></category>
		<category><![CDATA[Trotzki(Leo)]]></category>
		<category><![CDATA[Tzara(Tristan)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>DADA &#8211; und das Rätsel Walter Serner Zum 50. Todestag des Autor Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Erstsendung: Montag, 17. August 1992, 23.00 bis 24.00 Uhr Süddeutscher Rundfunk Studio Karlsruhe Sprecher M 1 Sprecher M 2 Sprecherin F &#160; I. Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur hereinspaziert! M 2: »C’est la guerre! Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur hereinspaziert! [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/radiotexte/features/Dada-und-das-Raetsel-Walter-Serner.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1>DADA &#8211;</h1>
<h1>und das Rätsel Walter Serner</h1>
<h3>Zum 50. Todestag des Autor</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Erstsendung: Montag, 17. August 1992, 23.00 bis 24.00 Uhr<br />
Süddeutscher Rundfunk Studio Karlsruhe</span></p>
<p><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;">Sprecher M 1<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Sprecher M 2<br />
Sprecherin F</span></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">I.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;"> Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur hereinspaziert!</span></h2>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;"><br />
M 2:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»C’est la guerre! Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur hereinspaziert! &#8230; Die Leute rennen durcheinander, verwirrt, erschreckt, entsetzt. Wo ist ein Halt? Ein Punkt? Ein Zweck? Ein Sinn? &#8230; Die Journale &#8230; telephonieren mit den Ministerien wegen der Motivierungs-Phraseologie. Musik wankt herauf &#8230; Großartige Reden werden auskalkuliert, historisch wertvoll gefeilt und in die bereits besoffene Menge geträufelt, Hochämter inseriert und der liebe Gott persönlich bemüht, das Schlachten zu protegieren. Und alsbald, nach dieser vorzüglich angelegten Reklame, platzen die ersten Granaten. Der Bursche in seiner Loge hat sein Spektakel, die Bevölkerung einen blutigen Zeitvertreib, und der stramme Tod, der einzig wirklich Erfolgreiche, knickst vor der Langeweile, die nach dem ersten Akt Zuschauer und Akteure unweigerlich wieder befällt &#8230;«<br />
</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><em><br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Diese Sätze stammen aus einem Manifest, das während des Ersten Welt­krieges am Luganer See in der Schweiz niedergeschrieben wurde. Der Krieg drang wie ein Schwert in die Seelen der Dichter, und es wurden – um es in den Worten des Evangelisten Lukas zu sagen, ­vieler Herzen Gedanken offenbar.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 2:</span><em><br />
</em>»Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur herein­spaziert! Was Sie noch nie gesehen haben, werden Sie zwar auch hier nicht sehen, aber eine Menagerie, die sich gewaschen hat. &#8230; Hallo: Einer &#8230; steht auf und prophezeit ein Gott-System &#8230; Einer schöpft ein dickes Buch über die letzten Fragen und serviert mit unwiedergebbarer Stirn &#8230; Lösungen &#8230; Ein anderer ärgert sich darüber, wird rabiat und Propagandeur der fuchs­wilden Tat. Wieder einer dichtet &#8230; und will die Sudate seiner pein­lichs­ten Zustände als Vor- oder gar Erlösungen bestaunt wissen. Hin­weg!«<em> </em></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><em><br />
</em>Angesichts der Stahlgewitter, die im Namen der abend­ländi­schen Kul­tur über Europa niedergingen, war der Ruf »Hinweg!«, bezo­gen auf die Hohenpriester und Vize­könige im Reiche dieser Kultur, nur zu berecht­igt. Doch wer oder was sollte an die Stelle der eitlen Journalis­ten, der alten Propheten, der tiefen Philo­sophen und der von sich selbst ergriff­enen Dichter treten? Friedensfreunde? Freiheitskämpfer? Soziale Ge­rechtigkeit? Oder gar – eine Revolution?</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><em>M 2:<br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">»Es gab noch nie eine Revolution. Nur Revolteure. Ra­stas. Das Jahr 1789 ist das historisch mißhandeltste. Die kompakte Majorität der hun­gernden Mägen krächzte vor dem Versailler Schloß und einmal im Taumel der rauschenden Straßen schlug sie Köpfe herunter. Revolu­tion, he? Die hysterische Rauferei organisch zu kurz Gekommener. Freiheit? Ein gewisser kleiner Wohlstand, ein gewisser kleiner Beruf, die Sicherheit vor Ohrfei­gen und das sexuell auf Viertelkost heruntergebrachte Weib­chen &#8230; Pompös!«</span><span style="font-family: baskerville-regular;"><em> </em></span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><em><br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">Wenn es nicht die Freiheit ist und nicht die Revolu­tion, weder der große Gott noch der kleine Wohl­stand, was bleibt dann noch? Wel­chem höheren Zweck oder tieferen Sinn diente das sonderbare Manifest? Viel­leicht – wir wagen es kaum zu hoffen – dem Sex? Oder – wir ahnten es längst – doch wieder nur – der Kunst?</span><span style="font-family: baskerville-regular;"><em> </em></span></span></p>
<p><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 2:</span><em><br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">»Damenseidenstrümpfe sind unschätzbar. Eine Vizekönigin ist ein Fau­teuil. Weltanschauungen sind Vokabelmischungen. Ein Hund ist eine Hängematte.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">     L’art est mort.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">     Vive DADA!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">     Dem Kosmos einen Tritt!<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">     Vive DADA!«</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">Black Snake Blues 1 (CD Michel Godard, Tuba, Le chant du ser­pent), einige Takt</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">II.<br />
Das Rätsel Serner</span></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 2:</span><em><br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">»Entsprechend dem Umstand, daß die Schenkung in wirklich libera­ler Absicht ein Ausfluß schöner menschlicher Gesinnung ist, wurde ihre Anfechtung im römischen Rechte auf das Mindestmaß reduziert. Auch die Verpflichtungen des Schenkers waren sehr milde: er schuldete keine Verzugszinsen, hatte das beneficium competentiae und haftete ledig­lich wegen dolus und culpa lata &#8230;«</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><em><br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">Zwischen den wilden Sätzen des dadaistischen Manifests <em>Letzte Locker­ung</em>, aus dem wir anfangs einige Proben hörten, und den ruhig ein­herschreitenden Gedankengän­gen der juristischen Dissertation über die Schenkung scheinen Welten zu liegen. Und doch hat sie ein und die­selbe Seele ersonnen; sie entsprangen ein und dem­selben Kopf. Ein außerge­wöhnlich bunter Kopf aller­dings. Er gehörte Walter Eduard Selig­mann alias Walter Serner, geboren 1889 als Sohn eines Zeitungsverle­gers in Karlsbad, seines Zeichens Hochstapler, Doktor bei­der Rechte der Hohen Ju­ristischen Fakultät der Univer­sität Greifswald und nebenbei vielleicht die rätsel­hafteste Gestalt in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhun­derts.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Das Rätsel Walter Serner betrifft seine Werke; fremd und sonderbar schimmern sie im Garten der Literatur. Das Rätsel Walter Serner ist aber auch ein biographi­sches Rätsel. Schon über das genaue Geburtsdatum im Jahre 1889 sind die Nachschlagewerke nicht einig und der Lauf seiner letzten Jahre liegt fast ganz im Dun­keln. Bis vor kurzem galt er als verschol­len, irgend­wann um 1930, irgendwo in Rußland oder Südame­rika.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Immerhin fällt aber – dank jahrelanger Recherchen des unermüd­lichen Forschers in Sachen Serner, Hans Milch – ­mittlerweile doch mancher Streifen Licht in das Dunkel um die Biographie, und wenn wir Serners scharf ge­schliffene Prosastücke als Spiegel seiner Existenz be­nutzen, dann gewinnen wir so viele Teilansichten, daß wir mit etwas Phanta­sie die ganze Geschichte vom Manne Serner ahnen können. Es ist eine Geschichte voller überraschender Wendungen, sie hat Tempo und Pfiff, sie hat südlichen Witz – und läuft dann wohl doch auf eine tief­deutsche Tragödie hinaus.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Noch einmal also: Nur hereinspaziert, Damen und Her­ren, nur hereinspa­ziert! Lernen Sie den fuchswilden Propheten des Großen DADA kennen, verlieben Sie sich in die rauflustige Dirne Bichette, hören Sie die feine und gemeine Geschichte vom Falschmünzer Kaff, schluch­zen Sie mit Serners Muse Marietta di Monaco und ­seien Sie gefaßt auf ein furchtbares Ende.</span></p>
<p><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">Black Snake Blues 2</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">III.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;"> Die beste Lilienmilchseife der Welt</span></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><em><br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">Im Jahre 1906 meldete die Züricher Parfümerie-Fabrik Bergmann und Compagnie beim Eidgenössischen Amt für Geistiges Eigentum die Marke »DADA« an. Unter dieser Bezeichnung vertrieb sie bis in die Zwan­ziger Jahre mit wechselndem Geschäftserfolg eine Lilienmilchseife, eine Liliencreme und ein fetthaltiges, haarstärkendes Kopfwasser. Das Verkaufsgeschäft von Bergmann und Co. in Zürich, das an Eleganz und geschmackvoller Ausstat­tung keinen Vergleich mit Pariser Boulevard-Qualitäten zu scheuen hatte, lag auf der Bahnhofstraße, zwischen Haupt­bahnhof und Dampfschifflände.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Wer also – wie Dr. Serner 1915 im Alter von 26 Jahren – in Zürich aus dem Bahnhofsgebäude trat und seinen Schritten nach langer Zug­fahrt ihren freien Lauf ließ, den sog der Reiz des schönen Orts unwei­gerlich über die Bahnhofsstraße zum spiegelnden See hinab, vorbei an Banken und Juwelierläden, Buchhandlungen, Cafés und eben auch an den Fenstern des Parfümerie-Detail-Ge­schäftes Bergmann; und hinter diesen Fenstern blinkte »DADA«, die beste Lilienmilchseife der Welt.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Lang ist die Liste der Namen von exilierten Politi­kern, Philosophen und Künstlern, die seit Kriegsbeginn an diesem Schaufenster vorüberge­gangen sein müssen, sie reicht von Lenin bis Igor Strawinski, von Hans Arp bis Francis Picabia, von Leo Trozki bis Tristan Tzara. Es war eine bunte Gesellschaft und die Fremdenpolizei vermutete nicht zu Unrecht, daß diese Herrschaften mit unbehagichen Absichten in die Kopfstation Zürich ge­reist waren.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Während einige von ihnen die Fäden klandestiner Poli­tik spannen oder gar an den Sprengsätzen für die kom­menden Revolutionen bastel­ten, veranstalteten andere eine verrückte Kanonade des Intellekts, mit der sie die Luftschlösser im Reich der abendländischen Kunst und Literatur in tausend Stücke schießen wollten: die­se Bewegung hatte ihren Namen – ob bewußt, oder ein­fach, weil sein Duft in der Luft lag – von der Li­lien­creme aus dem Hause Bergmann und Compagnie ent­lehnt: es handelt sich um das »mouvement DADA«, die erste Kunstrichtung, die für sich in Anspruch nahm, für den Wildwuchs der Phantasie keine Regeln und keine Grenzen gelten zu lassen außer der einen: Anything goes, alles ist erlaubt.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Walter Serner wurde einer der Haupt-Propheten und Wer­be-Tromm­ler der DADA-Bewegung. Er schrieb das schon erwähnte Manifest <span style="font-family: baskerville-italic;">Letzte Lockerung</span> mit dem Unterti­tel <span style="font-family: baskerville-italic;">Handbrevier für Hochstapler</span>, gab zwei Zeit­schriften heraus, gründete zusammen mit Hans Arp und Tristan Tzara die »Aktiengesellschaft zur Vermehrung des dadaistischen Wortschatzes«, or­ganisierte die be­rüchtigten DADA-Soireen im Cabaret Voltaire und im großen Saal »Zur Kaufleuten« und ging in die Kultur­geschichte ein als Präsident des 1. Dadaistischen Weltkongresses im Salle des Eaux Vives in Genf. Im Spiegel der zeitgenössischen Presse zeigt sich das bunte, bewegli­che Bild von DADA und seinem Protagonisten Serner:</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">F:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">Berliner Börsen-Courier</span> vom 17.4.1919:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">»Am 9. April veranstaltete die &#8230; nur allzu bekannte Künstlergruppe ultramodernsten Schlages DADA im großen Saal ›Zur Kaufleuten‹ ihre achte Soiree. Die Neugierde, welche die zahllosen Zeitungsnotizen der letztenm Wochen erregt hatte &#8230; hatte es vermocht, den etwa tau­send Personen fassenden Saal bis auf den letzten Platz zu füllen &#8230; Während die ersten Rezitations- und Musikvorträge lediglich mit mehr oder weniger lautem ironischem Jubel aufgenommen wurden (besonders amü­sierten ein von Tristan Tzara dirigiertes und von 20 Personen exekutiertes simultanistisches Gedicht, ein von fünf Personen aufgeführter Schwarzer-Kakadu-Tanz und die Gedichte Hans Arps), kam es, als Wal­ter Serner mit schneidender Stimme ein von leidenschaftlicher Ge­hässigkeit strotzendes Manifest <em>Letzte Lockerung</em> verlas, zu einem Skandal, von dem alte Zürcher behaup­ten, sich nicht erinnern zu können, jemals einen ähn­lichen erlebt zu haben. Sätze wie »Die Kunst war eine Kinder­krankheit«, »Damenseidenstrümpfe können begrif­fen werden, Gauguins nicht« usw. waren noch die milde­sten &#8230; Man pfiff, schrie, warf kleine Geldstücke, Orangenschalen und Schimpfwörter auf die Bühne und stampfte mit Füßen und Stühlen. Man muß trotz allem die Ruhe des Redners bewundern, der inmitten dieses Hagels und Lärms unbeweglich sitzen blieb, ja sogar zweimal versuchte, sich Gehör zu verschaffen, bis er schließlich mit einer nicht mißzuverstehenden ver­ächtlichen Geste abzog, der er die Krone der Unver­schämtheit aufsetzte, als er später, anstatt die im Programm aufgeführten »eigenen Gedichte« zu lesen (auf die man allerdings gerne verzichtete), eine schwarze Kleiderpuppe auf die Bühne trug, ihr ein Ro­senbukett zu riechen gab und es ihr dann vor die Holz­füße legte &#8230;«</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 2:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">Berliner Börsen-Courier</span> vom 7.1.1920:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">»Genf, im Januar<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">Der erste Weltkongreß der Dadaisten, der bekanntlich seit Anfang Dezember in der Grand Salle des Eaux Vives in Genf tagte, fand kürzlich ein jähes Ende: er wurde polizeilich aufgelöst und wird zweifellos mehreren Teilnehmern ein gerichtliches Nachspiel eintragen. Und zwar mit Recht. Denn der Scherz war wirklich etwas zu weit getrieben worden. Es kam nämlich zwischen Tristan Tzara, dem Gründer des Dadais­mus, und dem bekannten dadaistischen Philosophen Serner, dem Vorsitzenden des Kongresses, zu einem heftigen Wortwechsel, in dessen Verlauf Serner plötzlich einen Browning zog und vier blinde Schüsse auf Tzara abgab, der soviel Geistesge­genwart besaß, sofort vom Stuhl zu sinken. Die Folge war jedoch, daß die zahlreich besetzte Galerie, welche nicht daran zweifelte, daß scharf geschossen worden war, eine Panik ergriff &#8230; Polizeiorgane &#8230; räumten den Saal und brachten Serner und Tzara auf das in der Nähe befindliche Kommissariat, von wo sie, nach kurzem Ver­hör wieder freigelassen, von den auf der Straße war­tenden Dadaisten im Triumph auf den Schultern bis zu ihrem Hotel getragen wurden &#8230;«</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><em>F:<br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">Züricher Tages-Anzeiger</span> vom 4.2.1920:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular;">»Bei der am 29.Januar stattgefundenen Gerichtsver­handlung wurde der bekannte Dadaistenführer Dr. Serner, der, wie erinnerlich, gelegent­lich des Dadaisti­schen Weltkongresses durch Abgabe blinder Schüsse eine Panik hervorgerufen hatte, zu einer Geldstrafe von 3000 Franken verurteilt, im Nichtzahlungsfalle zu drei Monaten Gefängnis. Nach der Urteilsverkündung hielt Dr. Serner eine kurze Ansprache, in der er u. a. äußer­te, daß er, obwohl zu jeder besseren Biographie etwas Gefängnis gehöre, leider gezwungen sei, die Geldstrafe zu erlegen, daß er aber diesem Umstand gleichwohl dankbar sei, da eine längere Einzelhaft der Kontempla­tion und ähnlichen Ungezogenheiten zu sehr Vorschub leiste. Unter wilden Beifallskundgebungen der anwesen­den Dadaisten leerte sich der Saal.«</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><em><br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">Unglaublich! wird mancher der Redakteure und Zeitungs­leser gedacht und sich aus der sicheren Entfernung des Kulturbeobachters über die Schlagfertigkeit des Dr. Serner amüsiert oder über seine Unverfror­enheit empört haben.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Weder die Redakteure noch ihr Publikum konnten ahnen, wie nah ih­nen die Prinzipien der DADA-Kunst in Gestalt solcher Meldungen bereits gerückt waren. Wenn sie ei­nen der Exklusivberichte über DADA-Aktionen lasen, dann hielten sie mitunter nämlich schon das eigentli­che Kunstwerk selbst in Händen, und sie wurden, etwa beim Verfassen entrüste­ter Kommentare oder amüsierter Leserbriefe, selber Autoren einer Literatur, für deren Kritiker und Konsumenten sie sich hielten. Mit anderen Worten: Manche der Zeitungsmeldungen waren erfunden, und zwar von den Häuptern des mouvement DADA höchst­persönlich, mit dem Ziel, die Gehirne ihrer Zeitgenos­sen zum Tanzen zu bringen. DADA akzeptierte keine Grenzen zwischen der Kunst und dem sogenan­nten Leben. Warum also hätte es vor der Presse halt machen sollen?</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Walter Serner war der Meister dieses Spieles. Er nannte es »blague«. Wie er es schaffte, auch seriöse Feuilletonisten immer wieder zu täuschen, wis­sen wir bis heute nicht – jedenfalls gelang es ihm, die sonder­barsten Meldungen in die Spalten der Presse zu lancie­ren, und zwar ohne jede Rücksicht auf ihren Wahrheits­gehalt: Wenn dem Leben nichts einfiel, dachte sich DADA etwas aus. Wenn aber eine Story das gewisse Etwas hatte, dann durfte sie sogar wahr sein. Um die Verwir­rung komplett zu machen, scheute DADA auch nicht davor zurück, gelegentlich falsche Dementis und wahre Gegen­dementis auszustreuen, so daß bis heute oft schwer zu entscheiden ist, was wir eigentlich sehen, wenn wir in den Spie­gel der Presse schauen: den Widerschein der Realität oder das Gaukel­werk eines durchtriebenen Artisten.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Soviel ist heute allerdings sicher: Den dadaistischen Weltkongreß und die nachfolgende Gerichtsverhandlung hat es nie gegeben, obwohl beide gelegentlich noch als reale Ereignisse der Kulturgeschichte erwähnt werden. Die wilden Soireen dagegen im Saal »Zur Kaufleuten« waren – zum Leidwesen vieler Zürcher – nur allzu pral­le Wirklichkeit.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Indes erschöpfte sich im Gang der Jahre doch der Reiz all dieser Spiele mit dem Schein des Seins und dem Sein des Scheins. Als Europa sich vom Krieg und den folgenden Erschütterungen zu erholen begann, leerte sich Zürich. Die bunten Köpfe kehrten zurück in ihre Metropolen. Das mouvement stand still. Alles, was in Zürich von diesem großen Karne­val im Angesicht des großen Krieges blieb, war der Duft von DADA, der be­sten Lilienmilchseife der Welt.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">Black Snake Blues 3</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">IV.<br />
Die Tigerin</span></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><em><br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">Eine Zeitlang noch blieb Walter Serner DADA treu. Man versuchte, vor allem in Berlin und Paris, den großen Karneval zu einer veritablen Kunstrichtung mit Haus­philosophie und Schulhäuptern auszubauen. DADA sollte zum Dadaismus werden. Soviel abendländischer Ernst war nicht nach Serners Geschmack. Er tat, was er immer machte, wenn es ihm langweilig wurde: Er verschwand.</span></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Und er schrieb. Seine literarische Karriere begann eigentlich erst jetzt. Innerhalb weniger Jahre – zwi­schen 1921 und 1927 – erschien fast seine gesamte Pro­duktion. Es handelt sich um das, was man wohl mit Recht ein schmales Œuvre nennen darf: neben den da­daistischen Dichtungen einige Essays, ein Theater­stück, eine Novelle und ein gutes Hundert Kurzge­schichten.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Die Novelle trägt den Titel: <span style="font-family: baskerville-italic;">Die Tigerin</span>. Sie er­zählt die Geschichte von Fec und Bichette. Bichette ist eine ziemlich niederträchtige und überaus rauflu­stige Pariser Nutte, eben: <span style="font-family: baskerville-italic;">Die Tigerin</span>. Sie verliebt sich zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben, und zwar in den nicht minder abge­feimten Galgenvogel Fec. Fec und Bichette, das versteht sich, sind kein Paar wie Hermann und Dorothea. Der Hexameter ist nicht der Rhytmus dieser Liebe:</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-regular;"><em>F:<br />
</em></span><span style="font-family: baskerville-regular;">»Bichette hieb mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte, und be­gann, ununterbrochen halbe Worte ausstoßend, wild darauf herumzukra­men. Endlich fand sie den Schlüssel, sperrte die Ledertasche auf und warf Ketten, Armbänder, Colliers und Etuis kunterbunt auf den Tisch. ›Da, da, da, da &#8230;‹ Ihre zuckenden Finger rissen die Etuis auf und leerten sie aus wie Tüten. Ohrgehänge und Brillantringe rollten umher. Einiges fiel zu Boden. ›Glaubst du, du &#8230; daß ich diesen Letsch da mag? Kein Mensch hat mich noch so was tragen sehen.‹ &#8230;<br />
</span></span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Fec trat auf sie zu, versetzte ihr, von einer Wut gepackt, die ihn selbst dumpf erstaunte, einen Faustschlag auf die Schulter und schleuderte sie aufs Bett.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Bichette schnellte mit tierischer Behendigkeit hoch.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Und schon rauften sie. Bösartig. Verbissen. Keuchend. Aber sie schlugen einander nicht ins Gesicht.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Ein ganz heller, spitzer Schrei, der ihm gefährlich klang, ließ Fec zurück­fahren.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Bichette stand schwer atmend da. Ihre Arme hingen wie in allen Gliedern gebrochen. Ihre schwarzen Seidenstrümpfe waren zerrissen. Ihre rot gewordenen zerkratzten Brüste zitterten. Ihr Gesicht war erdfahl. An einem ihrer Halbschuhe fehlte der Absatz. Sie begann zu taumeln.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Fec, fast erschrocken, umfaßte sie mit beiden Armen und legte sie vor­sichtig aufs Bett. ›Was hast du &#8230; Was ist &#8230;‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Bichette bewegte verneinend ein wenig den Kopf. Dann drückte sie die Hände langsam auf Fecs Wangen, zog ihn zu sich nieder und küßte lang und heiß in seinen Mund hinein &#8230;«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 1:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Nur einige Tage nach Beginn der wilden Liebe beschlie­ßen Fec und Bichette, der Ödnis ihres kleinkriminellen Pariser Lebenswandels zu entfliehen. Man strebt ins Blaue, ans Meer, mit dem Nachtexpress an die Cote d’A-zur!</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">F:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Der Nacht-Rapide ging in vierzig Minuten ab &#8230;<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Kaum, daß das Taxi sich in Bewegung gesetzt hatte, sprang Bichette, wie von einem plötzlichen Rausch erfaßt, Fec auf die Knie, preßte ihm die Hände fest auf den Kopf und sagte in lustbebendem Flüsterton: ›Fec, jetzt gehörst du mir. Mir allein. Und ich gehöre dir. Dir ganz allein. O, das ha­ben wir fein gemacht! Und wir werden alles machen. Alles. Ich habe dich ganz genau verstanden. Und auch du hast mich ganz genau verstanden. – Wir werden uns nichts vortrillern. Wir werden sap bleiben &#8230;‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Fec, völlig mitgerissen, roch mir unsäglichem Genuß ihren Atem. Er zitterte, als er ihren Namen aussprach: ›Bichette &#8230; Ja, das, was die an­deren schwächt und schließlich doch gegeneinander bringt und unter die Pfeifen, das soll uns eine ganz ungeahnte Kraft geben. Die größte Kraft. Den letzten Elan. Hart bis unter die Haare und klar wie das Nichts, auf das allein wir bauen, werden wir nie schwach werden, nie dumm. Und wenn wir untergehen sollten &#8230;, werden wir nicht durch uns unterge­gangen sein. Und das ist es, was nicht nur das Leben, sondern auch den Tod der andern vergällt: das dumpfe Bewußtsein, nicht alles getan zu haben, um die Niederlage zu vermeiden, schwach gewesen zu sein, dumm. Wir aber werden anders untergehn. Vielleicht mit jenem hellen, spitzen Schrei auf den Lippen, den du &#8230; Bichette, Bichette, bitte hau mir eine herunter!‹ Bichette tat es augenblicklich. Und schrie auf vor Vergnügen.«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 1:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">An der Cote d’Azur versuchen Fec und Bichette ihr Glück im großen, harten Stil. In Hotelpalästen und im Spielcasino suchen sie ihre Opfer in Gestalt russi­scher Barone und reicher Engländer. Aber das Paar ver­fängt sich in den allzufein gesponnenen Fäden seiner Betrugsmanöver: Opfer werden zu Rivalen oder zu Ver­folgern, Mißtrauen keimt auf und wächst zu tobender Eifersucht, Bichette verschwindet über Nacht, eine ver­zweifelte Verfolgungsjagd durch halb Frankreich schließt sich an. Das Gottesgeschenk der Liebe hat Fec und Bichette in Teufels Küche getrieben. Als man sich, matt und marode von all den Kämpfen und Verfolgungen, ein letztes Mal begegnet, scheinen sich die Herzen nicht mehr zu erwärmen:</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">F:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Bichette entriß ihm ihren Schirm und ergriff das Geländer der Metro-Haltestelle Anvers. ›V’lan. Von hier aus fahre ich.‹ Sie kehrte Fec den Rücken.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Bichette!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Sie war bereits einige Stufen hinabgestiegen. Dennoch blieb sie sofort stehen und drehte sich rasch um. ›Was willst du noch?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Nichts.‹ Bichette ging weiter.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Nichts!‹ rief Fec ihr nach.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Bichette blieb abermals stehen. Ihr Mund klaffte schief auf, bevor sie lachte: ›Oder willst du &#8230;‹ Ihre Finger machten die Bewegung des Geldzäh­lens. ›So sag doch schon, wie viel du willst! &#8230; Louche ist das &#8230; Komm her!‹ Sie öffnete das Handtäschchen. ›So komm doch schon her!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Fec, der sich nun doch ärgerte, daß sie es erraten hatte, näherte sich widerwillig.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Wieviel willst du?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Gib mir fünftausend. Grotte, man muß leben.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Nicht mehr?‹ &#8230;<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Chut, gib schon her!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">In diesem Augenblick krachte ein Schuß.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Fec hatte eine tötliche Stirnwunde erhalten und war in das Hospital Lari­boisière transportiert worden.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Bichette, welcher der Schuß gegolten hatte, saß an seinem Bett. Sie schluchzte ohne Unterlaß.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Als Bichette &#8230; die breite Treppe des Hospitals hinunterging, sagte sie leise vor sich hin: ›Ob ich ihn geliebt habe? Ob er mich geliebt hat? O Gott, wenn ich das nur wüßte! Ich glaube, ich werde noch wahnsinnig.‹«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">Boulevard of broken dreams 1</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">V.<br />
Der Abreiser</span></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anfang 1925 bat ein Rezensent Serners Verlag Paul Steegemann in Ber­lin um Auskunft über Walter Serners Pri­vatleben. Die Antwort des Verlages lautete so:</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 2:</span><br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Herr Serner, für den Sie sich so interessieren, ist etwa 35 Jahre alt und stammt aus Teplitz. Sein Vater ist deutscher Jude; seine Mutter Tschechin. Er kam früh auf die sogenannte schiefe Ebene und hat sich zeitlebens in aller Welt herumgetrieben. Seine Adresse werden Sie nicht in Literaturkalendern, wohl aber bei der Kriminalpolizei erfahren kön­nen. Er ist internationaler Hochstapler im allergrößten Stil. Seine Lehr­jahre verlebte er in Paris als Costel (Zuhälter). In seinen Büchern steht nichts, was nicht gelebt wurde. Sie können dies alles ruhig sagen. Herr Serner pfeift darauf. Er bereist gegenwärtig den Orient als Besitzer großer, öffentlicher Häuser in Argentinien.«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Möglicherweise hat Walter Serner diese Verlagsmittei­lung selbst formu­liert. Niemand weiß, wieviel daran Wahrheit ist und wieviel Mystifika­tion. Serner liebte es, seine Existenz in einen Nebel ebenso bizar­rer wie frivoler Selbstauskünfte zu hüllen. Das fiel ihm umso leichter, als er, solange das irgendwie möglich war, ein Leben auf Reisen und Rädern führte. Mal zeigte er sich auf einer Seeterasse in Genf, dann schickte er Briefe aus Neapel oder Wien, oder er tauchte unter in den düsteren Gassen von Barceloneta. Die Zirkel der Literaten waren nicht seine Welt. Immer war er bettelarm, ein Hungerkünstler, der sich tage­lang in der Matratzengruft eines Vorstadthotels einschloß, aber nur, um seine schöne schlanke Eleganz alsbald wieder auf Avenuen und Boule­vards spazieren zu führen. Die wenigen Photographien, die von Serner existieren, zei­gen eine gepflegte Gestalt: Anzug mit Weste, Kragen und Kravatte, ein aufmerksamer ernster Blick und eine feine Spur von Spott in den Mundwinkeln. Dieser Kopf könnte einem jungen Privat-Bankier gehören oder einem Diplomaten oder einem erstklassigen Hoteldieb.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Hören wir Serner über Serner:</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 2:</span><br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Ich wurde am 15. März 1889 in Karlsbad geboren. In dieser Stadt besuchte ich das Gymnasium, wo ich in dem römischen Schriftsteller P. Ovidius Naso die erste Be­kanntschaft mit einem subtilen Geist machte und in Ge­stalt des Lehrkörpers mit der menschlichen Niedertracht. Ich galt als subversives Element, obwohl ich mich damals nur für Stuben­mäd­chen interessierte und auch sonst bemühte, dem genannten Schriftsteller Ehre zu machen. Das Jus-Studium, das ich mit achtzehn Jah­ren begann, kam nicht zur Ausführung, sondern Wien, das zu jener Zeit eine sehr beherzigenswerte Stadt war. Mir ist es noch heute rätsel­haft, wie es möglich war, daß ich die rechtshistorische Staatsprüfung be­stand. Kurz darauf brachte ich einen Spielgewinn an der Hand eines Münchner Faschings durch und fuhr mit dem letzten Goldstück nach Berlin &#8230; Als der Weltkrieg ausbrach, war ich aber immerhin schon so übel beleu­mundet, daß mein vierjähriger Zwangsaufenthalt in der Schweiz mir mancherlei Distraktion verschaffte &#8230; Störend empfinde ich nur, daß man mir kontinuierlich die geschmacklosesten Motive unter­schiebt. Ich erkläre deshalb feierlich, daß ich weder Bordellbesitzer bin noch die rechte Hand von Boris Ssawinkow, &#8230; daß ich das von mir sehr geliebte Jicky-Parfüm vermittelst ei­nes Vaporisateurs verwende; daß ich zartfühlend bin, faul, neugierig und roh; daß ich weder für Skoda reise noch für den Kaiser der Sahara, sondern zu meinem Ver­gnügen; und daß ich einen tschechoslowakischen Paß be­sitze und glücklicherweise eine harte Haut.«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Seine harte Haut hat Walter Serner oft gebraucht und fast immer hat sie ihm genutzt. Der Schriftsteller Franz Jung, der im Jahre 1915 nach der Schlacht bei Tannenberg von Hindenburgs Truppe desertierte, schreibt in seiner Autobiographie:</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 2:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Ich bin durchgekommen. Ich kam nach Berlin. Im Cafe des Westens wurde ich von einem Dr. Serner in Empfang genommen &#8230; Dr. Serner empfing mich &#8230; in einem pompösen Pelzmantel – das war aber auch alles; darunter war nur spärliche Unterwäsche, den Anzug hatte er verset­zen müssen. Dieser Serner war auch kein Doktor und hieß nicht Serner, sondern Seligmann. Serner schrieb unter seinen vollen Titeln einen ärzt­lichen Rapport an das Ersatz-Regiment, wonach er auf der Straße einen Soldaten mit dieser und dieser Nummer aufgefunden habe, in einem desolaten Zustand, so daß er sofort die Überweisung in ein Spital veran­laßt habe &#8230; Ich hatte damit einen Vorsprung von gut einer Woche für meine Flucht nach Österreich gewonnen &#8230; Es ist mir eine große Freude gewesen, später zu hören, daß Dr. Serner sich nach der Schweiz absetzen konnte, und zwar am gleichen Tage, als die Polizei im Cafe des Westens bereits mit dem Verhaftungsbefehl auf ihn wartete.«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">Boulevard of broken dreams 2</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">VI.<br />
Der Pfiff um die Ecke</span></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 1:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Die Agenten der Staatsgewalt kamen Walter Serner immer wieder ins Gehege. Und vom ewigen Kampf zwischen Ge­setzesbrechern und Gesetze­shütern, vom Krieg zwischen rivalisierenden Gangstern, von Mord und Betrug, Gewalt und Prostitution handeln auch die meisten der etwa einhundert Kurzgeschichten, die Serner schrieb und die ihm in den Zwanziger Jahren immerhin soviel lite­rarischen Ruhm eintrugen, daß der Verlag Paul Steegemann im Jahre 1927 eine Serner-Gesamtausgabe wagte.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Man rühmte den blitzenden, spöttischen Realismus die­ser Gangster-Prosa; »der Satan selbst mit seinem kal­ten Finger« könne es nicht besser, schrieb der Philo­soph Theodor Lessing. Serner selbst bezeichnete seine zum Teil mit einem Schuß herber Erotik versehenen Kri­minalgeschich­ten als die ihm gemäßeste Form der »Me­moiren«, obwohl er, wie er einräumte, nicht bei jeder Leiche »persönlich vorgesprochen« habe.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Es sind viele kluge Dinge über Serner geschrieben wor­den, über seinen Existenzialismus, seinen Nihilismus und was der Ismen sonst noch sein mögen. Davon soll aber jetzt nicht die Rede sein. Zu leicht könnten wir, mit Serner zu sprechen, dem Tiefsinn und verwandten Ungezogen­heiten erliegen. Hören wir stattdessen, wie bereits angekündigt, eine von Serners feinen und ge­meinen Kriminalgeschichten: <span style="font-family: baskerville-italic;">Die Bande Kaff</span> aus dem 1925 erschienen Band <span style="font-family: baskerville-italic;">Der Pfiff um die Ecke</span>. Geben wir uns dem ural­ten und doch immer wieder neuen Reiz des Kampfes zwischen dem Ge­setz und dem Verbrechen hin, hier ausgeführt vom Detektiv Delaro, vom Fal­schmünzer Kaff, dem die Polizei schon bedenklich nah auf den Pelz gerückt ist, und von der Morphinistin Anny, Kaffs giftiger Braut, die viel­leicht gar keine Morphinistin ist. Die Story kommt daher wie fast alle Kurzgeschichten Walter Serners, wie ein schriller Pfiff um die Straßen­ecke einer Großstadt.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 2:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Gegen sechs Uhr morgens stand die Sonne stets in einem langen Streifen an der rechten Wand jenes Zimmers, das Kaff &#8230; vom Portier mit der Begründung sich erbat, er habe es bereits dreimal bewohnt und schätze es wegen seiner ruhigen Lage. Er schätzte es nicht deswegen, sondern wegen des langen Streifens Sonne, dessen Verwertung ein ster­bender Kumpan aus Dankbarkeit ihm überlassen hatte.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Am folgenden Morgen, als gegen sechs Uhr seine Taschen-Weckuhr schnurrte, sprang Kaff aus dem Bett, ergriff den großen, länglichen Handspie­gel, den er am Abend vorher in Spiegelschrift mit Buchstaben bemalt hatte, hielt ihn in den Sonnenstreifen und dirigierte den Wider­schein vorsichtig durch das offene Fenster auf die Decke des gegenüber, eine Etage höher, befind­lichen Zimmers, woselbst Anny, die gleichfalls sich hatte wecken lassen, in nur wenig verschwommenen Buch­staben den Satz las: ›Delaro arbeitet schon, sei um elf Café Dauphin‹.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny sah verabredetermaßen nach dem Wetter und hüpfte hierauf ins Bett zurück, neugierig nach der Decke blickend, auf der nach wenigen Minuten die Worte erschienen:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Sei pünktlich!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny war es. Und da sie Delaro schon von der Straße aus hatte sitzen sehen, betrat sie so das Cafe, daß sie ihm den Rücken zuwandte und ihn erst dann zu erblicken schien, als sie ihm bereits am Nebentisch gegenübersaß.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro rauchte vergnügt, während das eine Auge für alle Fälle über den Rand der Zeitung hinausging.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny, dies unter dem breiten Hutrand hervor beobachtend, hielt es daraufhin für vorteilhaft, Delaros Aufmerksamkeit dadurch zu erregen, daß sie ein leeres Cachet aus ihrem Handtäschchen nahm und mit über­triebenen Vorkehrungen, dabei nicht gesehen zu werden, schluckte.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro sah es. Da der Fall, dessentwegen er nach London gekommen war (die Aufspürung des Falschmünzers Kaff und seiner Bande) ihm für den Augenblick nichts zu tun gab, zögerte er nicht, die Dame näher zu besichtigen. Nachdem er, in vorbedachter Weise allerlei Zeitungen suchend, mehrmals an Annys Tisch vorübergewechselt war, ließ er wie versehentlich ein Journal neben ihr zu Boden fallen und entschuldigte sich unaufhörlich.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny, sehr ergötzt, daß es ihr gelungen war, summte die ersten Takte des new-yorker Chansons ›I can’t love &#8230;‹ und lächelte dämonisch.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro setzte sich deshalb, als geschähe es vor Verwirrung, ihr gegenüber an den Tisch. ›Sie kommen aus New York?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny sah traurig über ihn hinweg. ›Geben Sie mir zwei Zigaretten!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Zwei?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny blickte, noch trauriger, auf den Tisch.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro hielt ihr sein Etui hin.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Nachdem Anny sich bedient hatte, erläuterte sie: ›Eine für die Schnauze, die andere für meinen Kerl.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro behielt seine seriöse Miene bei. ›Sie nehmen Morphium?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Wer zuerst schweigt, schweigt am besten.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Sie scheinen nicht viel zu tun zu haben.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Tätigkeit ist aller Laster Anfang.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro, kaum lächelnd, entzündete sich eine Zigarette.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny hüstelte. ›Ich bin sicher, daß Sie mich für so verausgabt halten, ich könnte glauben, Sie wären mit der Anlage geboren, die Zigarette so zwischen den Lippen zu drehen, wie Sie es tun.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro ärgerte sich nun doch und vergriff sich deshalb: ›Ich gehe nur mit Weibern, die mir gut stehen.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Also ein Einsamer.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro mußte lachen. ›Heben wir doch unsere Raketen für den Ernstfall auf. Unter uns wäre es angezeigter, offener zu sein.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Unter uns?‹ Anny holte abermals ein Cachet hervor.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Lügen wir also deutlicher.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Unverbesserlich!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Beeilen Sie sich. Die Situation geht zu Ende.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro, schnell auf seine Armbanduhr blickend, schlug ihr vor, mit ihm in den Regents Park zu fahren und dann bei ›Frascati‹ in der Oxford Street zu lunchen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Ist das das Lokal mit der roten Ziegelfassade?‹ Delaro nickte und er­hob sich &#8230;<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Als sie die Drehtüre des Cafes passierten, streifte Anny die Wade des knapp vor ihr eintretenden Kaff, der die Mütze schief in die Stirn gedrückt trug und um den linken Arm einen falschen Verband. &#8230;<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr hielt Kaff den großen Handspie­gel in den Sonnenstreifen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny in ihrem Zimmer las: ›Delaro arbeitet Hochdruck, Eile tut not.‹ Sofort lief sie zum Fenster und sah nach dem Wetter; diesmal aber mit der Variation, die rechte Hand über die Augen zu halten: das Zeichen für Kaff, daß sie es diesen Abend versuchen werde.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Eine Stunde später telephonierte sie dem Portier des Hotel Atlantic, er möge sie mit Mister Delaro verbinden.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Ah &#8230; Sie, Anny?‹ Delaros Stimme war nicht nur morgendlich frisch, sondern auch die eines Mannes, der soeben ein vorzügliches Geschäft gemacht hat. ›So früh schon auf? Nun, wie gehts?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Haben Sie wirklich erst übermorgen Zeit für mich?‹ zwitscherte Anny gekränkt in den Apparat.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Liebe, ich sagte Ihnen doch, daß ich &#8230;‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Sie essen zu wenig. Deshalb haben Sie keine Gefühle.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Vielleicht haben Sie recht. Aber ich habe eine ganze Reihe wichtiger Sachen zu erledigen, die kei&#8230;‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Gestern sagten Sie, es wäre nur eine.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro, der es nicht gesagt hatte, ließ sich, unsicher geworden, Lügen strafen. ›Sie passen ja gefährlich auf.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Habe ich eine Schmutzkonkurrentin?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Für einen so billigen Herrn halten Sie mich?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Nein. Aber die Londoner Damen nicht für sehr teuer.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Sie haben eine wunderbare Schnauze.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Und, ich schwöre es Ihnen, keinen Kerl.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Daran habe ich niemals geglaubt.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Ich wußte es. Halten Sie die Bewegung der Erde um die Sonne für inkorrekt?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Nun?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Ich warte auf die Pointe.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Sie irren. Ich wollte damit nur sagen, daß Sie diese Bewegung, zu der Sie im Großen und Ganzen gezwungen sind, auch im Kleinen und Hal­ben mitmachen sollten, sofern Sie nicht &#8230;‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Dieser Verdacht, Sie seltenes Nachtgestirn, kann mich nicht treffen, denn &#8230; Eine Sekunde bitte &#8230;‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny nahm augenblicks den zweiten Hörer, setzte sich geräuschlos, hörte auf zu atmen und lauschte angestrengt. Nach einigen Sekunden näherten sich undeutliche Stimmen Delaros Apparat. Aber erst nach etwa drei Minuten vermochte Anny folgende Satzfetzen aufzufangen: ›&#8230; war es nicht im Chronicle, </span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Pitts &#8230; Man muß, wenn es klappen soll, in der Fenchurch Street &#8230; Im Osten. Dann aber hat es keinen Zweck, die Leute, die doch &#8230; von South Kensington bis &#8230; Neuerliches Stimmengewirr. Dann ›Vielleicht auch zwecklos, Pitts &#8230; Ich bin dafür, es doch so zu machen, daß wir sofort &#8230;‹ Die Stimmen entfernten sich.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Anny?‹ rief Delaro endlich ungeduldig. ›Anny, halloh!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny machte ein Geräusch, als ergriffe sie erst jetzt wieder den Hörer. ›Halloh, Delaro? Halloh! Ah, Sie vermuten wohl, daß ich so wenig Zeit habe wie Sie.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Wieso.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Nur Leute, die keine Zeit haben, warten lange.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Ebenso wahr wie rar. Doch ich kann Sie entschädigen. Ich habe heute Zeit für Sie.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Meinen Glückwunsch!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Unverschämt!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Such is life.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Aber entzückend.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Also heute abend. Um acht.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Bei Frascati, wie vereinbart.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Good by.‹ Anny hängte den Hörer ein &#8230;<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Als sie abends in großer Toilette bei ›Frascati‹ erschien, erwartete De­laro sie bereits im Vestibül, war aufgeräumter noch als am Morgen und hatte diesmal so vorzüglichen Appetit, daß es Anny nicht schwer fiel, das Diner bis gegen zehn Uhr hinauszuziehen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Zu dieser Zeit wurde Delaro ans Telefon gerufen, wo man ihn mit ver­stellter Stimme bestürmte, sofort nach Fenchurch Street zu fahren; Kaff sei, als Arbeiter verkleidet, dort aufgetaucht, in der Wohnung sei Licht, man höre Tumult etc.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro hatte die unbekannte Stimme zwar Verdacht er­regt, der Um­stand aber, daß sie ihn ›Pitts‹ genannt hatte, ließ ihn annehmen, daß die Aufregung Powells Stimme (denn nur diese konnte es sein) verändert haben mochte.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro bat um Entschuldigung, Annys Hand ergreifend; er würde in einer halben Stunde zurück sein.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny aber bestand darauf, mitfahren zu dürfen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Unterwegs wurde Delaro, eben als er mit beiden Händen Annys Kopf nahm, um sie zu küssen, blitzschnell von ihr gefesselt. Ihn zu knebeln unterließ sie, um ihn, freilich mit vorgehaltener Browning, ausfragen zu kön­nen: ›In welcher Angelegenheit sind Sie in London?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro, der seine Lage nicht unterschätzte, hielt es für das Vorsichtig­ste, falsch die Wahrheit zu sagen: ›Um Casallo zu finden.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Kaffs Komplizen?‹ Anny kicherte höhnisch. ›Warum nicht lieber ihn selber?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaros Brauen zuckten zornig. ›Wer hat mit mir telefoniert?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny wackelte mit dem Browning, ihn kurz gegen den Chauffeur rich­tend. ›Der!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Wer!‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Der am Volant – Kaff.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Ah!‹ Delaro machte sichtlich eine furchtbare Anstrengung, um seine Ruhe zu bewahren. ›Ich weiß, daß ich Ihnen ausgeliefert bin. Geist wie dem Ihren bin ich unter Verbrechern noch nie begegnet. Das entschul­digt meinen Hereinfall ein wenig. Ich verspreche Ihnen die ganze Falschmünzer-Affaire durch ein Machtwort niederzuschlagen, wenn Ihre Bande Europa verläßt.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Er stellt Bedingungen!‹ Anny stieß mitleidig den Atem aus. ›Er ver­spricht! Sie scheinen vor Angst zu vertrotteln.‹ Sie hielt die Waffe näher an seine Stirn, da sie den unklaren Eindruck gehabt hatte, als hätte er versucht, sich zu bewegen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›In meinem Portefeuille in der linken Brusttasche be­finden sich siebenhundert Pfund.‹ Delaro dachte so ra­send nach, daß er erbleichte. ›Außerdem unterschreibe ich für das Zehnfache.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Er deliriert,‹ sagte Anny trocken. ›Halten sie mich wirklich für so dumm? Dann würde ich mich allerdings nicht mehr darüber wundern, daß Sie mich nicht überwachen ließen.‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Selbst wenn es geschehen wäre, hätte es wohl nichts verhindert. Wenn Menschen Ihres Kopfes Verbrecher werden, entwickeln sie eine tolle Phantasie und arbeiten viele Jahre hindurch gänzlich ungestört. Bis einmal ein Zufall, der immer kommt, ein wichtiges Detail lüftet und da­durch bald auch das ganze System.‹ Delaro hoffte, halb bereits sich aufgebend, ihr doch noch zu schmeicheln.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny jubilierte innerlich, diesen Gegner vor dem Schuß zu haben. ›Schlucken Sie das!‹ Sie hielt ihm ein Cachet hin, das eine Dosis Morphium enthielt, die genügt hätte, ein Pferd zu töten.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Im selben Augenblick hob Delaro die Fäuste, um ihr die Stahlfassung der Handschellen auf den Kopf zu schla­gen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anny schoß. Und sah sofort, daß es nur ein harter Streifschuß war, der den Schläfenknochen weggerissen hatte. Das Hirn lag in einer Breite eines Fingers bloß. Der Schmerz mußte ungeheurlich sein. ›Schlucken Sie das!‹ befahl sie herrisch, wütend darüber, daneben geschossen zu haben.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Delaro, vor Schmerz fast ohnmächtig, aber doch noch so weit bei Bewußtsein, um zu wissen, daß er verloren sei, öffnete die Lippen und verschluckte das Gift.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Drei Sekunden später schoß Anny noch einmal. Die Kugel drang ne­ben der Nase schief nach oben ins Gehirn. Delaro war sofort tot &#8230; Kaff, der weitergefahren war, hielt vor einer kleinen Bar, stieg aus, trank einen Likör, trat auf die Straße, dann in einen Laden und ließ schließlich das Auto im Stich.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Am nächsten Morgen erwachte er, durch die Weckuhr bereits daran gewöhnt, von selber gegen sechs Uhr. Aber der Sonnenstreifen fehlte. Der Himmel war bleigrau. Kaff sah aus dem Fenster.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Gegenüber, eine Etage höher, lehnte Anny am Fenster und lachte, als sie ihn erblickte. ›How do you do?‹<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">›Thank you, very well.‹«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">Boulevard of broken dreams 3</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">VII.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;"> Doktor Zunder</span></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 1:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Die männlichen Helden der Kurzgeschichten von Walter Serner sind ziemlich eisige Typen. Abreiser-Typen wie Serner selbst, die irgendwo auftauchen, einen Wirbel anblasen und dann mir nichts dir nichts ver­duften. Einsam sind sie aber nicht, jedenfalls nicht in dem Sinne, daß ihnen keine Frauen zur Seite stünden – oder auch lägen. Im Gegenteil: viele der geistreichen Sadi­sten und graziösen Tagediebe haben das Glück, sich, wenn schon nicht auf die sexuelle Treue, so doch auf die Solidarität einer stabilen Braut stützen zu kön­nen.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Walter Serner, so scheint es, hat ganz ähnliches Glück gehabt. Wie ja überhaupt die Geschichte vom Manne Serner mit ihren rasanten Wen­dungen und Zuspitzungen oft den Eindruck macht, als wäre das Dre­hbuch zu diesem Leben von Serner selbst geschrieben worden.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Was nun die stabilen Bräute betrifft, so verband Serner eine beinah lebenslange Liebe mit Dorothea Herz, über die nicht viel mehr bekannt ist, als daß sie aus Berlin stammte, jüdischen Glaubens war und in den spä­ten Dreißiger Jahren in Prag Serners Frau wurde. Die letzte uns bekannte Reise hat das Ehepaar Walter und Dorothea Serner gemeinsam an­getreten doch davon wird am Ende noch die Rede sein.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Dorthea Herz war natürlich nicht die einzige Frau in Serners Leben. Davon legt nicht zuletzt die Widmung Zeugnis ab, die er seiner Kurzge­schichten-Sammlung Zum blauen Affen voranschickte. »Marietta! Marietta!! Marietta!!!« lautet sie und gemeint war damit Marietta di Monaco, eine zerbrechliche Varieté-Schönheit, der Walter Serner in den Züricher Jah­ren begeg­net war. Ihr bürgerlicher Name war Marie Kirndörfer, sie stam­mte aus München und veröffentlichte Anfang der sechziger Jahre einige sehr zarte und poetische auto­biographische Notizen. Ein Abschnitt daraus handelt von ihrer Liebesbeziehung mit Walter Serner. Marietta nennt ihn »Doktor Zunder«.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">F:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Als alle meine Freunde blumengeschmückt der Front entgegen­san­gen, wurden meine Erlebnisse auf ein bedrückendes Minimum be­schränkt.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">So beschloß ich hoffnungsvoll und aussichtslos nach Zürich zu reisen, wo ich noch einigen ersehnten Bekannten zu begegnen hoffte. &#8230;<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Am Abend vor dem ersten Auftreten saß der ›elegante Herr‹ mit zwei Rumänen in einer Nische des Cafes.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Nachdem man mich an den Tisch gebeten hatte, verlief die Un­terhaltung etwas hemmend.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Da mir der ›elegante Herr‹ seltsame Anträge machte und meine Lip­pen mit seinen Fingern zu einem Kuß spitzte, wurde ich frivol und heiter.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Später sprang ich lachend über die Brücke, verabschie­dete mich lachend; und verschwand rasch in einer dunk­len Straße.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Ich wußte mich von den dreien begehrt, dachte aber immer mit erschwertem Atem an den einen.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Der Tag kam.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Die Stunde näherte sich.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Der Himmel war heiter.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Mein Herz pochte.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Ich war auf dem Wege nach der Stapferstraße.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Noch kannte ich die Straße nicht – seine Straße.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Mein Herz flog.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Angst und Süßigkeit durchschossen mich.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Ich zwang meine Schritte in ein Gleichmaß – und alle<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Gefühle häuften sich zu schwindelnder Überstürzung.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Ob er zu Hause ist? – Ja? – Nein? – Egal! – Ich gehe meinen Weg: – ›Stap­ferstraße 21 – dritter Stock ­Doktor Zunder‹.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Ich klopfe.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Er ist da.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Mein Atem kam nicht zur Ruhe.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Wir tranken Tee und sprachen erschwert.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Er küßte wie ein Besessener.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Dann wurde es Abend.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Wir kauften starke Zigaretten, gingen nebeneinander<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">und meine Stimme war sehr weich.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Er war streng, still und sachlich.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Immer verabschiedete er sich mit einem artigen Handkuß<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">– und meine Sehnsucht wuchs.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">So häuften sich Tage.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Einmal gingen wir über die Bahnhofsbrücke, am<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Zentralhotel vorbei.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Er bog nicht nach rechts ab, zu meiner Wohnung,<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">sondern nach links, um die Ecke.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Ich schwieg.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Er schwieg.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Wir schwiegen durch die Weinbergstraße – zur<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Stapferstraße hinauf.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Der Mond schien.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Die Nacht war warm – und die Straßen still.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Wir schwiegen über die Treppe – im Zimmer – im Bett.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Ich erwartete das Geheimnis der Liebe – und meinem<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Mund entsprang ein rohes Wort.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Zitternd erwartete ich, vor die Tür geworfen zu<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">werden.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Da überwanden ihn die Gefühle zu einer zärtlichen<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Umarmung.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Am Morgen war der erste Mai.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Die Natur blühte auf Kommando.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Die Sonne lachte.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Wir gingen Hand in Hand.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">In mir wohnte der Friede eines dreijährigen Kindes.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Dieses Glück ertrugen wir wenige Tage.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Er scherzte – ich war gekränkt – rannte davon – weinte – vergrub mich in meiner Stube – und aller Schmerz einer Liebe überhäufte mich.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Wie oft bin ich ganz einsam durch das raschelnde Herbstlaub ge­gangen, an den kleinen Häusern und Vorgärten des Zürichberges vorbei. – Wie oft bei Sonnenuntergang ohne Tränen traurig gewesen? An der Limmat saß ich nachts im einsamen Park und bat die<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Sterne um den Tod.«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">Boulevard of broken dreams 4</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;">VIII.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt;"> »Eine Blüte aus Israel und die Freude am Schweinischen«</span></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 1:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Im Juni 1926 erschien in der Leipziger Zeitschrift <span style="font-family: baskerville-italic;">Hammer</span> ein anony­mer Artikel unter der Überschrift »Eine Blüte aus Israel und die Freude am Schweini­schen«. Dieser Artikel war Teil einer Kampagne der na­tionalistischen Presse, zu der ein Jahr zuvor Alfred Rosenberg im <span style="font-family: baskerville-italic;">Völki­schen Beobachter</span> den Startschuß ge­geben hatte. Rosenberg schrieb:</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 2:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Wie weit heruntergekommen wir allesamt bereits sind, das zeigt nichts deutlicher als ein Aufsatz des jüdi­schen Professors Theodor Lessing aus Hannover, den dieser über einen schriftstellernden jüdischen Mäd­chenhändler – Walter Serner – &#8230; geschrieben hat. &#8230; Der deutsche Hoch­schulprofessor schildert &#8230; mit fühlbarer Wollust die geistigen Ausschei­dungen des jüdischen Mädchenhändlers &#8230; Die Tatsache der Verhim­melung einer Mädchenhändler- und Zuhälterpoesie seitens eines ›auf­geklärten‹ jüdischen Professors ist als Symptom und Symbol wichtiger als alle Statistik. Sie zeigt den grauenerregenden Abgrund zwischen dem Menschen und dem Juden, wenn dieser einmal alle europäische Tünche ab­gestreift hat.«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 1:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Es dauerte noch einige Jahre, aber dann ging diese Saat auf.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Anfang 1933 schrieb der Oberstudienrat A. Leonpacher ein Gut­ach­ten über Serner’s 1927 erschienenen Erzäh­lungsband <span style="font-family: baskerville-italic;">Die tückische Straße</span>. Das Gutachten war vom Bayerischen Landesjugendamt ange­fordert wor­den. Betreff: Bekämpfung der Schund- und Schmutzschriften. In dem Gutachten heißt es:</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 2:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Die Kurzgeschichten handeln von Prostituierten, Sadisten, Narzis­sen, Homosexuellen, von Schlafwagenszenen, von Vagabunden, Ver­brecherhöhlen, von Hochstaplern, Geheimbündlern, Gefängsnissachverstän­digen, javanischer Geschlechtsbetätigung, Kas­senschrankräubern, von Vergewaltigung in der Revolutionspanik, von sizilianischen Spelunken, von selbstironisierender Lebensverachtung, von Liederlichkeit in San Remo und Nizza.<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Diese Unterhaltungsliteratur ist spannend und flott geschrieben, teil­weise in nachlässigem Stil. Der Inhalt ist ohne Wert und ohne sittliches Ziel, die Lebensauffassung ist leichtsinnig lüstern, phantastisch verzerrt, teilweise antireligiös und zum größeren Teile amoralisch &#8230;<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Da der größere Teil der Erzählungen das Geschlechtsle­ben schwül, lüstern, verantwortungslos von der nied­rigsten Seite her zynisch beleuch­tet, ist die Schrift &#8230; als Schmutz zu betrachten und deshalb eine schwere Gefahr für die nach phantastischer Hochstap­ler- und Verbrecher-Roman­tik lüsterne Jugend. Deshalb ist zu beantragen, daß die Schrift auf die Liste der Schund- und Schmutzbücher gesetzt wird.«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-italic; font-size: 12pt;">M 1:<br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">So geschah es dann auch. Durch Beschluß der Prüfstelle Berlin vom 25.4.1933 wurden sämtliche Kurzgeschichten Serners ebenso wie das Theaterstück auf die Liste der verbotenen Literatur gesetzt.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Walter Serner, der seit Ende der Zwanziger Jahre nichts mehr schrieb, scheint sich für die teilweise heftig geführten Auseinandersetzungen um das Verbot seiner Bücher nicht interessiert zu haben. Je weiter die Drei­ßiger Jahre voranschritten, umso mehr muß die Sorge um den Erhalt der bloßen Existenz in den Vorder­grund getreten sein. »Spazierenfahren durch Europa«, Serners Lieblingsbeschäftigung, wurde mühsamer und ge­fährlich. Einem Manne jüdischer Abstammung empfahl es sich nicht, nach Berlin zu reisen, in Spanien tobte der Bürgerkrieg und im übrigen Europa machte sich Vor­kriegsstimmung breit. Die Politiker in den demo­krati­schen Ländern rannten durcheinander. Wo war ein Halt? Ein Punkt? Ein Zweck? Ein Sinn?</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Serner kehrte 1938 mit Dorothea Herz in seine böhmische Heimat zurück. Viele deutsche Juden gingen damals nach Prag in der Hoffnung, dort überwintern zu können, bis der Spuk in Deutschland vorüber wäre. Serner durfte sich sogar besonders sicher fühlen, denn er war – vielleicht in einem Akt der Aufsässigkeit gegen seinen jüdischen Vater – nach dem Abitur zum katholischen Glauben seiner Mutter übergetreten. Jedenfalls heiratete er Dorothea Herz – das schien der beste Schutz für sie zu sein – und führte ein unauffälliges Leben als Privatlehrer. Aber spätestens seit Gründung des Protekrorats Böhmen im März 1939 merkten die Juden in Prag, daß ihnen die Schlinge um den Hals gelegt wurde. Dann begann der Krieg. Wie hatte Serner noch in der Novelle <span style="font-family: baskerville-italic;">Die Tigerin</span> geschrieben?</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">F:</span><br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">»Hart bis unter die Haare und klar wie das Nichts, auf das allein wir bauen, werden wir nie schwach werden, nie dumm &#8230; Und das ist es, was nicht nur das Leben, sondern auch den Tod der andern vergällt: das dumpfe Bewußtsein, nicht alles getan zu haben, um die Niederlage zu vermeiden, schwach gewesen zu sein, dumm. Wir aber werden anders untergehen. Vielleicht mit jenem hellen, spitzen Schrei auf den Lip­pen &#8230;«</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;"><span style="font-family: baskerville-italic;">M 1:</span><br />
</span><span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt;">Im Jahre 1941 beantragten Walter und Dorothea Serner die damals noch mögliche Ausreise in den Westen – über Italien nach Shanghai oder Palästina. Die Formalitäten verzögerten sich. Am 10. August 1942 bestieg das Ehe­paar Walter Israel Serner und Dorothea Sarah Sernerova – so die offiziellen Dokumente – in Prag den Zug. Der Zug fuhr aber nicht nach Westen. Er ging ins Lager Theresienstadt. Wer in Theresienstadt blieb, hatte Glück. Denn Theresienstadt diente als Musterlager. Hierhin führte man das Internationale Rote Kreuz, um Geschäfte zu machen, Juden gegen Devisen. Walter und Dorothea Serner blieben nur zehn Tage in Theresienstadt. Dann bestiegen sie zum letzten Mal den Zug. Die Reise ging tief in den Osten, wahrscheinlich in die Gegend von Trostinetz bei Minsk. Dort standen Autos bereit, »Duschegubky« wurden sie von der russischen Bevölkerung genannt, zu Deutsch »Seelenvertilger«. Es han­delte sich um Vergasungsautos, in denen die aus Theresienstadt herantrans­portierten Frauen und Männer getötet wurden. Sieb­zeh­ntausend Menschen kamen im Sommer 1942 aus Theresienstadt nach Minsk. Zehn Überlebende sind bekannt. Walter und Dorothea Serner zählen nicht dazu.</span></p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/dada-und-das-raetsel-walter-serner/">DADA – und das Rätsel Walter Serner (1992)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Weltenbummler, Dadaist und Doktor beider Rechte (1989)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/walter-serner-zum-100-geburtstag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Jan 1989 15:30:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
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		<category><![CDATA[Di Monaco(Marietta)]]></category>
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		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=1757</guid>

					<description><![CDATA[<p>Weltenbummler, Dadaist und Doktor beider Rechte Walter Serner zum 100. Geburtstag Christoph Schmitz-Scholemann &#160; Zu Lebzeiten schon war er ein Rätsel und eine Legende – wann und wo er starb, weiß man bis heute nicht genau: Walter Serner gilt als verschol­len. Mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem dieser exzentrische Schrift­steller und promovierte Jurist seine letzten [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
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</ul>
<h1>Weltenbummler, Dadaist</h1>
<h1>und Doktor beider Rechte</h1>
<h3>Walter Serner zum 100. Geburtstag</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zu Lebzeiten schon war er ein Rätsel und eine Legende – wann und wo er starb, weiß man bis heute nicht genau: Walter Serner gilt als verschol­len. Mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem dieser exzentrische Schrift­steller und promovierte Jurist seine letzten Zeilen veröffentlichte, finden seine Werke – vor allem die erotischen und Kriminalgeschichten – wieder Interesse bei Verlegern und Lesern. Sein 100. Geburtstag am 15.1.1989 bildet den Anlaß, einen Blick auf Leben und Werk Walter Serners zu werfen.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">I.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"> Einleitung</span></h4>
<p>Am 15. 1. 1989 jährt sich zum 100. Male der Geburtstag Walter Serners. Dieser Schriftsteller und »doctor utriusque iuris« ist weithin unbekannt. Dem Juristen Serner flocht man keine Kränze und der Schriftsteller wird bis heute unter der Nummer »Geheimtip« gehandelt. Werfen wir einen Blick in Nachschlagewerke und Anthologien, so finden wir merkwürdige Auskünfte:</p>
<p>&#8211; »Adresse werden Sie nicht in Literaturkalendern, wohl aber bei der Kriminalpolizei erfahren können.« <sup>1<br />
</sup>&#8211; »Autor von Detektiv-Romanen, mondäner Tänzer, Hautspezialist und Gentleman-Einbrecher &#8230;« <sup>2<br />
</sup>&#8211; »Betreiber einer Lustwarenhauskette von Tunis bis Tanger &#8230;« <sup>3<br />
</sup>&#8211; »Geheimer Agent einer außerdeutschen Weltmacht &#8230;« <sup>4<br />
</sup>&#8211; »Sein Name ist in Wahrheit Benno Traven, internationale Hochstapler und Heiratsschwindler &#8230;« <sup>5<br />
</sup>&#8211; »Reiste um 1922 nach Rußland, weitere Daten nicht ermittelt &#8230;« <sup>6<br />
</sup>&#8211; »&#8230; brach 1927 mitten in der Arbeit an einem Roman über eine Damenschneider nach Südamerika auf &#8230;« <sup>7<br />
</sup>&#8211; »&#8230; ausgewandert nach Shanghai &#8230;« <sup>8<br />
</sup>&#8211; »&#8230; nach 1933 verschollen &#8230;« <sup>9</sup></p>
<p>Gemessen an den eher gepflegt-konventionell wirkenden Lebensläufen vieler dichtender Juristen, gemessen selbst an dem sonderbaren Kammer­gerichtsrat E. T. A. Hoffmann ist Walter Serner eine seltsam schillernde Figur. Sogar in der an Extravaganzen reichen Kulturszene der 20er Jahre galt er als »legendäre und rätselhafte Gestalt«. <sup>10</sup></p>
<p>Der Lauf dieses Lebens kann in mancher Hinsicht als bewegtes Sinn­bild für den Lauf seiner Zeit gelten, insofern nicht zuletzt, als es ein Leben in rastloser Hast war, ein Leben auf Reisen und auf Rädern; es führte aus der fast verträumten Windstille des <em>fin de siècle</em> in die reißenden Stürme des 20. Jahrhunderts, die diesen Doktor der Rechte durch Europa wirbelten und schließlich, am Ende seiner letzten uns bekannten Reise, höchstwahr­scheinlich unter sich begruben.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">II.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"> Karlsbad</span></h4>
<p>Das Elternhaus stand im böhmischen Karlsbad. Dort wurde Walter Edu­ard Seligmann am 15.1.1889 <sup>11</sup> als zweites Kind eines jüdischen Vaters und seiner katholischen Frau geboren. Der Vater hatte ursprünglich ei­nen »israelitischen Restaurationsbetrieb« in dem Kurstädtchen geführt, war aber seit 1887 Herausgeber, Verleger und Chefredakteur der <em>Karlsba­der Zeitung</em>. Dieses Wochenblatt trug nicht wenig zum Kulturleben des Heilbades bei. Den Brunnengästen aus allen Teilen Mitteleuropas, die sich vom Karlsbader Wasser Linderung ihrer Darmleiden und Hypochond­rien versprachen, diesem ebenso prominenten wie kultivierten Publikum wurde einiges geboten: Konzertabende, Vernissagen, Operet­ten – und die <em>Karlsbader Zeitung</em> umrankte das ganze mit gediegenem Feuille­ton und launigen Glossen. Das klingt nach Bildungsbürgertum im Hause Seligmann und nach gemessenem Freisinn. Und sicherlich gab es für den Heranwachsenden reichlich Gelegenheit, die klassischen und zeitgenössischen Strömungen in Kunst und Literatur kennenzulernen. Und doch – der liberale Schein trügt:</p>
<p>»Der Vater, ein unerbittlicher Haustyrann &#8230;, dem bürgerliche Konven­tion und Würde auf der Stirne geschrieben standen &#8230; überschüt­tete die literarische Leidenschaft seines Sohnes &#8230; mit unsäglicher Verach­tung.« Bei den allfälligen »Krachs« sagte der Sohn »eigentlich nie ein Wort, sondern verriet nur durch die Blässe seines Gesichts und das Zit­tern seiner Lippen, was in ihm vorging.« <sup>12</sup></p>
<p>Nach dem Abitur im Jahre 1909 trat der Sohn zum katholischen Glau­ben seiner Mutter über und nahm einen offenbar frei erfundenen Familiennamen an. Kurz darauf bestieg er als Walter Serner den Zug und reiste nach Wien.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">III.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"> Wien-Berlin</span></h4>
<p>»Sahob, du bist doch Jurist!« sagt die kleine Fiora in einer von Serners Kurzgeschichten. Und Doktor Sahob antwortet: »Pech! Aber ich mache es durch den Vorteil wett, daß kein Mensch es mir glaubt.« <sup>13</sup></p>
<p>Serner war an den Universitäten Wien und Greifswald über drei Jahre lang für das Studium der Rechte eingeschrieben. Nach fünf Semestern begann er mit der Niederschrift seiner Dissertation. Für die <em>Karlsbader Zeitung</em> seines Vaters schrieb er in den Studienjahren »Wiener Kunst­briefe«, die dem Promenadenpublikum in der Provinz Böhmen das geis­tige Klima der k. u. k. Metropole schildern, und gelegentlich auch Musikkriti­ken – harmlose Beiträge, in denen man etwa nachlesen kann, wie die beliebte Frau Winternitz-Dorda eine ganz superbe »Mimi« gab und wie die Jella Schreiter nächtens im Soubrettenfach brillierte. <sup>14</sup> Viel­leicht sollte sich dem Vater der Eindruck eines fleißig den rechtlichen Studien obliegenden und nebenher liebenswürdigen Bildungsjournalis­mus treibenden Sohnes vermitteln.</p>
<p>Wenn dies der Eindruck des Vaters war, so war er falsch. In Wahrheit berührten den Sohn das römische, das gemeine und das prozessuale Recht nur sehr en passant. Immer öfter und für immer längere Zeiträume mied er die Hörsäle, mischte sich, der Reiselust trotz knappster Mittel wie ei­ner Obsession frönend, in die Wiener, Pariser, Münchner und Berliner Malerei- und Literaturkreise. Dort diskutierte man allerdings nicht die Vindikationslage, dort wurde nicht stipuliert und eviziert, man sprach vielmehr über Karl Kraus’ beißende Justizkritik, die sich überschlagenden Stilrichtungen bis hin zum Expressionismus und die über allen Erörterun­gen bleiern lastende Kriegserwartung.</p>
<p>Indes: Serner hielt auf Konvention. Seine Doktorarbeit <em>Die Haftung des Schenkers wegen Mängel im Rechte und wegen Mängel der verschenkten Sache </em><sup>15</sup> reichte er 1912 der hohen juristischen Fakultät der Universität Greifswald ein. Die Fakultät war mit dem Text einverstanden. Aber das Rigorosum! Die blanke Peinlichkeit nach Serners eigener Einschätzung. Die Einzel­noten wiesen Unterschiede auf, allerdings nur im Grade der Entrüstung über die offenbar tief wurzelnde Kenntnislosigkeit des Doktoranden. Sie reichten von »Sehr schwach« bis »Ungenügend«. Serner gab aber keines­wegs auf. Einige Monate muß er sich – wahrscheinlich zu Hause in Karls­bad – mit Macht auf die Jurisprudenz geworfen haben. Jedenfalls bestand er im Mai 1913 das Rigorosum und wurde zum Doktor der Rechte promo­viert. Mit dem Tage der mündlichen Wiederholungsprüfung ist das Thema Serner und die Jurisprudenz erschöpft – wenn man einmal davon absieht, daß sich Anfang der Dreißiger Jahre ein bis heute berühmter Vertreter der Anwaltschaft mit Serner zu befassen hatte; wir kommen darauf zurück.</p>
<p>Serner schloß sich nun enger an die Berliner Expressionisten an. Er veröf­fentlichte nicht mehr in der <em>Karlsbader Zeitung</em>, sondern in der <em>Aktion</em>, die damals an der Spitze der literarischen Mode marschierte. Seine Arbei­ten verraten eine rasche Wandlung: Während anfangs moralische Em­phase den Stil und christliche Werte wie Mitleid und Nächstenliebe die Thematik bestimmten, traten bald andere Personen und Gegenstände in den Vordergrund: philosophisch Darwinismus und Nihilismus, kultu­rell das heraufkommende Kino und als Leitfigur jener andere doctor iuris, der, wie Serner, in ganz Europa zu Hause war: Giacomo Casanova. Faszinie­rend sind für Serner nicht mehr Fragen nach Moral und Ethik, sondern der Kampf zwischen Starken und Schwachen, Dummen und Gewieften, auch die Erotik, jenseits von Gut und Böse. <sup>16</sup> Ohne Sentiment sieht er auch den Bereich des Politischen:</p>
<p>»Ein schüchterner Blick in die sogenannte Geschichte geschickt, be­weist, daß mit Aufklärung, geistiger Erziehung und ähnlichen Albernhei­ten nichts zu machen ist &#8230; Was wollt Ihr? Revolution? Sie ist doch nur die hysterische Rauferei geistig irgendwie Zukurzgekommener.«  <sup>17</sup></p>
<p>Obschon Serner also keineswegs revolutionären Ideen anhing, zählte man ihn im Berlin des Jahres 1914 zu den Pazifisten. Deren Aktionsradius wurde bald sehr eng. Dem fahnenflüchtigen Dichter Franz Jung beschei­nigte – formell korrekt – »Dr. Walter Serner« einen Herzanfall auf offe­ner Straße; mit dem scheinbar ärztlichen Attest konnte sich der Deserteur ins Ausland retten.<sup>18</sup> Solche Scherze verzieh die Obrigkeit damals nicht leicht. Serner bestieg wenige Wochen später – im Januar 1915 – den Zug und reiste nach Zürich.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">IV.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"> Zürich – Genf – Lugano – Paris</span></h4>
<p>Im Zürich dieser Zeit gaben sich Kriegsunwillige der unterschiedlichsten nationalen und politischen Provenienz ein Stelldichein. Die Polizei hatte viel Arbeit mit dem bunten Volk. Unter den Fremden waren nämlich auch ausgesprochen unbehagliche Gesellen: Trotzki und Lenin zum Bei­spiel und ein gewisser Rumäne mit dem Phantasienamen Tristan Tzara. <sup>19</sup> Er stand im Zentrum eines Kreises von Musikern, Malern und Literaten, die alles, was das Abendland bis zum Kriegsausbruch sein »Höheres« zu nennen gewohnt war, tatkräftig über Bord werfen wollten, einschließlich sämtlicher christlicher und sozialutopischer Morallehren, einschließlich auch aller alten und neuesten Kunstrichtungen. Das alte Europa war für diese Leute durch das zügellose Menschenschlachten des Weltkrieges nicht nur diskreditiert, sondern komplett bankrott.</p>
<p>Zu dem Kreis um Tristan Tzara stieß Serner und wurde bald – zum Teil in Wochenrhythmen zwischen Genf, Lugano und Zürich umherrei­send – einer der Protagonisten und Werbetrommler. Man gab der Anti-Bewegung auch einen Namen, dessen Aussagelosigkeit ein Hohn sein sollte auf alles Überkommene, nämlich das französische Wort für »Hotte­pferdchen«: Dada. <sup>20</sup> Dada wollte die Provokation. Man lud das auf Kunstge­nuß gestimmte Publikum in Zürich zu Soireen. Wenn sich der Saal dann mit soignierten Herren und ihren Damen im kleinen Schwar­zen gefüllt hatte, geschah es wohl, daß Tristan Tzara einen Chor stum­mer Holzpuppen dirigierte oder daß Serner mit schneidender Stimme Sätze wie diese hinausschleuderte:</p>
<p>»Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseiden­strümpfe verkauft und Gauguins geschätzt werden &#8230; Damenseiden­strümpfe sind unschätzbar. Eine Vizekönigin ist ein Fauteuil. Weltanschauun­gen sind Vokabelmischungen. Ein Hund ist eine Hänge­matte. L’art est mort. Vive Dada!« <sup>21</sup></p>
<p>Die Provokation mißlang selten. Das Publikum johlte und tobte. Mün­zen und Tomaten flogen auf die Bühne. Es kam zu Tumulten und Schläge­reien. Die europäische Presse nahm den Dauerskandal dankbar auf. Man druckte über die Dadaisten, was man in die Hände bekam. Zum Beispiel die Meldung, daß der bekannte Maler Walter Helbig ein Dada-Manifest unterzeichnet habe; ein paar Tage später rückte man das unter Helbigs Namen eingesandte Dementi in die Spalten, wieder einige Tage darauf erschien dann das Dementi des Dementis – es war Serners Spezialität, frei erfundene Nachrichten zu lancieren und damit Presse und Öffentlichkeit zu verwirren; er verbreitete fingierte Lebensläufe, Exklusivbe­richte über ein Pistolenduell mit Kokoschka und Picabia auf der Rehalp, über einen »dadaistischen Weltkongreß« inklusive Schießerei auf dem Podium usw. usw. <sup>22</sup></p>
<p>Mit der Zeit freilich erschöpfte sich das Interesse. Vielleicht war aber auch das Ende des Krieges der Anfang vom Ende der Dadaisten: Der äußere Druck war gewichen, man konnte wieder zurück, nach Berlin, nach Wien und Paris, es gab wieder Hoffnung, auf Demokratie für die einen, auf Sozialismus für andere. Plötzlich verstand jeder etwas anderes unter Dada, es gab Richtungskämpfe, Geldintrigen und Serner, meist im Hotel in Genf oder Lugano, empfand bei all dem nichts als Überdruß und Langeweile. Im Grunde war aus der Negation aller Philosophien selbst eine Philosophie geworden. Im Jahre 1922 brach Serner alle Kon­takte zu den Dadaisten von einer Stunde zur anderen ab. Er bestieg den Zug und fuhr von Paris nach Neapel, dann nach München und traf bald in Berlin ein.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">V.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;"> Berlin</span></h4>
<p>Wenn dieser Abschnitt »Berlin« überschrieben ist, so bedeutet das nicht, daß Serner nun in der deutschen Hauptstadt seßhaft geworden wäre. Er ging vielmehr weiter seiner Lieblingsbeschäftigung nach und »fuhr spazie­ren durch Europa«. <sup>23</sup> Barcelona, Cannes, Locarno, Wien, Prag, London, Kopenhagen – beständig war allein der Wechsel der Aufenthaltsorte. Nach Berlin kehrte er aber immer wieder zurück, hier saß sein Verlag, und hier hatte Serner seine größten Erfolge etwa bis zur Mitte des Jahr­zehnts.</p>
<p>Er gehörte keiner politischen oder literarischen Gruppe an. Die Halb­welt der Kokotten und ihrer »Apachen«, <sup>24</sup> das Schummerlicht von Vorstadt­spelunken und – wenn ausnahmsweise das Geld reichte – der schöne falsche Glanz eines Luxushotels, dies zog Serner dem intellektuel­len Milieu vor. Offenbar tat ihm solcher Umgang keinen Abbruch. Sein Äußeres zumindest wies Spuren der Verwahrlosung nicht auf. Die ihm begegneten, schildern ihn als schlank, hochgewachsen, mit gepflegt zurückge­kämmtem schwarzen Haar, einem schmalen und sehr feinen Gesicht, funkelnden Augen, immer elegant, gestreifte Hose, Jackett, Kra­watte – das Bild eines Gentleman; <sup>25</sup> man hätte ihn glatt für einen vom Erfolg umschmeichelten Herrn mit »Hintergrund« halten können. Er­folge hatte Serner in der Tat – und Hintergründe erst recht – jedoch von sehr eigener Art. Zum Beispiel Erfolge beim Geld:</p>
<p>»Er war ein Zauberer der Sparsamkeit, aber selbst er war nicht im­mer erfolgreich genug, um etwas zu essen zu haben. Doch sagte er das keinem. Er verschwand einfach &#8230;« Zwei oder drei Tage blieb er im Bett – wo es stand, wußte niemand – und aß nichts. »Dann erschien er wieder, ro­sig und frisch.« <sup>26</sup></p>
<p>Zum Beispiel Erfolge bei Frauen: Neandertalermanieren soll er gegen­über Damen an den Tag gelegt haben. <sup>27</sup> Wenn das stimmt, scheint es seine Freundinnen nicht sonderlich gestört zu haben. Eine der Geliebten, Marietta di Monaco, Schauspielerin und Dichterin, nannte ihn »Doktor Zunder« und schilderte die Begegnung so: <sup>28</sup></p>
<p>»Es wurde schon Mitte April, die Tage immer wärmer, die Luft duften­der, Bäume und Wiesen grüner.<br />
Da sehnte ich mich nach einem Geliebten.<br />
Ich durchdachte meine Bekannten – und der Wunsch blieb bei dem ei­nen haften.<br />
Nun war er bereits der Ersehnte und wich mir aus.<br />
Ich drohte ihm brieflich, meine Anstrengungen einzustellen, falls ich ihn nicht bestimmten Tages, zur bestimmten Stunde bei sich zu Hause anträfe &#8230;<br />
Er ist da &#8230;<br />
Wir tranken Tee und sprachen erschwert.<br />
Er küßte wie ein Besessener.«</p>
<p>Die Erfolge des Schriftstellers Serner beruhen auf knapp einem Hundert Kurzgeschichten und einer Novelle. <sup>29</sup> Es handelt sich fast durchweg um die Schilderung einiger Stunden oder Tage aus dem Lebensweg einer Dirne, eines Betrügers, Hochstaplers oder Revolverhelden &#8211; Gestalten, wie sie Serner bei seinen Wanderungen an den Rändern der Gesellschaft nahe waren. <sup>30</sup> Es geht in den Erzählungen nicht romantisch zu, keines­wegs moralisch und erst recht nicht sozialkritisch. Es gibt keine Kritik des Verbrechens, keine Ergründung seiner Ursachen, keinen Tadel an der Polizei, nur eine harte und kalte, sehr detailgenaue Darstellung nicht enden­der Kämpfe, Tricks und Finessen mit den Ingredienzien: Sex, Geld­gier, Browning, Smith &amp; Wesson. Fast immer fühlt sich ein Akteur ver­folgt und ist es auch meist, verfolgt von Polizeispitzeln, konkurrierenden Banden, exzentrischen Mädchen oder allen zugleich. Dabei wechseln die Rollen zwischen Jäger und Gejagtem, Gauner und Spitzel unablässig. Das Personal der Geschichten spricht eine eigenartige knappe und sarkastische Sprache, oft im Dialekt, und Serner treibt die Handlung in scharf geschliffenen, mitleidslosen Sätzen voran. Wer ethisch oder soziologisch bequem ausgepolsterte Kriminalgeschichten mag, kommt nicht auf seine Kosten. Der Dreh dieser Gaunerprosa liegt in Spannung, Erotik und eisigem Witz.</p>
<p>Serner bekam viel Lob dafür. Es hieß, der Satan selber könne nicht bes­ser schreiben. <sup>31</sup> Aber es gab auch Ablehnung. Sie wurde selten litera­risch begründet. Sie kam aus einem Winkel von Politik und Gesellschaft, in dem man sich einen besonderen Reim auf Nihilismus und Darwinis­mus gemacht hatte. Diese Richtung kennzeichnet sich am besten durch ihren Sprachgebrauch: »Eine Blüte aus Israel und die Freude am Schweini­schen« <sup>32</sup> war eine der Serner zugedachten »Rezensionen« über­schrieben und im <em>Völkischen Beobachter</em> fand Alfred Rosenberg, im Falle Serner zeige sich der »grauenerregende Abgrund zwischen dem Men­schen und dem Juden« und fuhr fort: »Leben heißt für den Juden: Mo­der schaffen und als Wurm in ihm wirken.« <sup>33</sup></p>
<p>Serner hat sich nicht sonderlich für diese Vorboten des Grauens von Auschwitz und Stalingrad interessiert. Er kam ab 1925 ohnehin immer seltener nach Berlin. Er meldete sich hin und wieder mit einem Brief aus Genf oder einem Manuskript aus Barcelona. Gelegentlich ließ er Stellung­nahmen zu seiner Person ausstreuen, von denen man bis heute kaum weiß, wieviel daran Wahrheit und wieviel Mystifikation ist. Er führte z. B. als A. D. (Alfred Döblin) ein Interview mit sich selbst und bezeichnet sich darin als einen äußerst unsympathischen und arroganten Schriftsteller.<sup>34</sup> Dann, ab 1928/29, verlieren sich Serners Spuren ir­gendwo zwischen Prag und Wien und den schmalen, der Kleingaunerei und dem geldfeilen Venusdienste günstigen Gassen von Barceloneta.</p>
<p>Den publizistischen und juristischen Streit, der von 1931 bis 1933 um seine Werke wogte, hat Serner wahrscheinlich nicht mehr zur Kenntnis genommen. Es ging um zwei Verfahren, mit denen nahezu alle Bücher Serners auf die Liste der Schund- und Schmutzschriften <sup>35</sup> gesetzt werden sollten.</p>
<p>In diesen Jahren der Massenarbeitslosigkeit, des Hungers und der Ar­mut erkannten einige Pädagogen eine schwere Bedrohung für die deut­sche Jugend, aber nicht etwa durch die wirtschaftliche Not oder die Um­triebe der Nationalsozialisten, sondern durch Walter Serners Erzählun­gen. Die handelten nämlich, fand z. B. ein Oberstudienrat aus München, von »Narzissen, Homosexuellen, Schlafwagenszenen, Verbrecherhöhlen, javanischer Geschlechtsbetätigung und von Liederlichkeit in San Remo und Nizza«! Es bestehe »schwere Gefahr für die nach Verbrecher-Roman­tik lüsterne Jugend«. <sup>36</sup> Das Landesjugendamt der Rheinprovinz meinte kurz und knapp, was Serner bringe, sei »reinster Schund mit stark schmutzigem Einschlag«. <sup>37</sup></p>
<p>Aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts fällt es schwer, derartige Formulierungen überhaupt ernst zu nehmen. So mag man sich fragen, was sich der Oberstudienrat wohl Unanständiges unter einer »Schlafwagen­szene« vorstellte und inwiefern ihm eine Liederlichkeit beson­ders widerlich vorkam, wenn sie nicht auf einer bayrischen Alm, sondern an der Cote d’Azur stattfand. Damals sah man das aber anders. Serners Schriften wurden von der staatlichen Prüfstelle unter die Lupe genommen. Man forschte mit Akribie nach Unzucht. Es gab Gutachten und Gegengutachten. Und die Freiheit des Wortes fand einen – zunächst – sehr wirksamen Fürsprecher in dem bereits erwähnten Rechtsanwalt beim KG; sein Name ist Philipp Möhring. <sup>38</sup> Er verteidigte die Novelle <em>Die</em> <em>Ti­gerin</em> als eine Bereicherung der deutschen Literatur, die vergleichbar gute Milieuschilderungen bis dato nicht hervorgebracht habe. Der erste Indizierungsantrag im Jahre 1931 wurde denn auch abgelehnt, <sup>39</sup> 1933 half dann aber noch nicht einmal mehr das Argument, die Bücher seien ohnehin vergriffen und viel zu anspruchsvoll formuliert, als daß die Ju­gend eine »Freude am Obszönen« daraus befriedigen könnte. Die Bücher wurden verboten. <sup>40</sup></p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">VI.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"> Prag</span></p>
<p>Über Serners Existenz in den dreißiger und vierziger Jahren ist sehr we­nig bekannt. Trotzdem kann man sich ein ungefähres Bild machen. »Spazie­renfahren durch Europa« wurde natürlich schwierig und für ei­nen Mann mit einem jüdischen Vater auch zunehmend gefährlich, je mehr sich die dreißiger Jahre ihrem Ende zuneigten. Aber Serner war gewandt und kannte die Tricks, überdies wiesen ihn die amtlichen Doku­mente als Katholiken aus. Sollte es ihm – mit besten Verbindungen in die neutrale Schweiz ausgestattet – schwergefallen sein, auch im beengten Rahmen sein bisheriges Leben fortzuführen?</p>
<p>Im Jahre 1937 taucht er als Tourist in einem Wiener Hotel auf, als bisheri­gen Wohnort gibt er Barcelona an. Dann kehrt er in seine böhmi­sche Heimat zurück und lebt in Prag. 1938 heiratet er seine langjährige Freundin Dorothea Herz. Im März 1939 gründet Deutschland das »Protekto­rat Böhmen und Mähren«. Kurz darauf beginnen die deutschen Be­hörden im Protektorat mit der Beschlagnahme jüdischen Vermögens.<sup>41</sup> Serner und seine Frau gelten als »Rassejuden«. Das jüdische Geld wird – makaber genug – für den Aufbau des Ghetto-Lagers Theresienstadt verwen­det.</p>
<p>Serner und seine Frau beantragen 1939/1940 die damals mögliche Aus­reise nach Shanghai. Das Genehmigungsverfahren verzögert sich. <sup>42</sup> Am 10.8.1942 besteigen Walter »Israel« und Dorothea »Sarah« Serner in Prag den Zug. Die Reise geht aber nicht in den Westen. Sie führt in das Lager Theresienstadt. Dort bleiben sie 10 Tage. Am 20.8. besteigen sie zum letzten Mal einen Zug. Zusammen mit 1000 Frauen und Män­nern werden sie mit Güterwaggons in den »Osten« transportiert, vermut­lich nach Trostinetz bei Minsk in Weißrußland. »Wer damals in die Mins­ker Gegend kam, fand seinen Tod gewöhnlich in den auf russisch so traurig ›Duschegubky‹ genannten Vergasungsautos. Aus diesen Transpor­ten (insgesamt 17 000 Menschen) sind 10 Überlebende bekannt.« <sup>43</sup> Wal­ter und Dorothea Serner gehören nicht zu ihnen.</p>
<hr />
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">Anmerkungen:</span></h4>
<p>1    So die Auskunft von Serners Verleger Paul Steegemann im Jahre 1925 an den Geschichtsphilosophen und Literaturkritiker Theodor Lessing (1872–1933), zit. nach Bd. VIII der Serner-Gesamtausgabe (8 Bde und 2 Suppl.), im folgenden: GW.</p>
<p>2    Schodder, GW VIII, (o. Fußn. 1), S. 234.</p>
<p>3    Schodder (o. Fußn. 2), S. 234.</p>
<p>4    Schodder (o. Fußn. 2), S. 234.</p>
<p>5    Schodder (o. Fußn. 2), S. 234.</p>
<p>6    Schodder (o. Fußn. 2), S. 234.</p>
<p>7    Drews in: Kunisch, Hdb. der deutschen Gegenwartsliteratur, II, 2. Aufl. (1970).</p>
<p>8    So der Mahler und Experimentalfilmer Hans Richter (1888–1976) in seinem 1961 erscheinen Buch <em>DadaProfile</em>, S. 105; Richter hält es für möglich, dass Ser­ner in den internationalen Heroinhandel verwickelt gewesen ist.</p>
<p>9    Kürschners Deutscher Literaturkalender, Nekrologe 1926–1970, 1973; Kind­lers Literatur-Lexikon, Suppl., 1970.</p>
<p>10  Drews (o. Fußn. 7).</p>
<p>11  Serner gab selbst gelegentlich den 15. 3. 1889 als Geburtsdatum an; warum, ist nicht bekannt, vgl. GW VIII (o. Fußn. 1), S. 87.</p>
<p>12  So Heinrich Fischer, ein Jugendfreund Serners, in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung, vom 1.4.1965 zur Rezension von H. Heißenbüttel v. 20. 3. 1965. Fischer (1896–1974) machte sich einen Namen als Hrsg. der Werke von Karl Kraus.</p>
<p>13  »Der Doktor Sahob«, GW IV (o. Fußn. 1), S. 97 ff.</p>
<p>14  GW I, (o. Fußn. 1) S. 247, 249.</p>
<p>15  GW, Suppl. 1 (o. Fußn. 1); Schodder (o. Fußn. 1), »Serner illustrierte das Thema seiner Arbeit so: Jemand schenkt seinem guten Freund einen wertvol­len Römer, der einen Sprung hat; bei nächster Gelegenheit trinkt der Be­schenkte daraus, das Glas zersplittert und fügt ihm Schnittwunden an Lippen und Zunge bei – dann muß der fröhliche Geber Arztkosten und Schmerzens­geld und alles sonst aus seiner Tasche bezahlen.« Es dürfte sich um die ein­zige juristische Doktorarbeit handeln, die in so gut wie keiner juristischen Biblio­thek, wohl aber in den belletristischen Regalen des Buchhandels zu fin­den ist.</p>
<p>16  Dem Einfluß Nietzsches begegnet der Leser nicht nur bei Serner auf Schritt und Tritt, er war vielmehr prägend für die deutschen und französischen Expressi­onisten aller Kunstgattungen zwischen 1910 und 1920, vgl. Gabrielle Buffet-Picabia in: Francis Picabia (1879–1953), »Funny guy und Dada«, Schrif­ten 1, 1981; Drews: »Zur geistigen Existenz Walter Serners« in: Manu­skripte, 25. Jahrgang (1985), S. 149 ff.</p>
<p>17  »Über Denkmäler, Weiber und Laternen«, GW I (o. Fußn. 1), S. 143 ff.</p>
<p>18  Franz Jung (1888–1963), Nationalökonom und expressionistischer Schriftstel­ler, der in den 20er Jahren Arbeiterliteratur schrieb, sich jedoch bald vom Kom­munismus abwandte und nach dem 2. Weltkrieg als Wirtschaftskorrespon­dent in den USA arbeitete – für die F.A.Z. In seiner Autobio­graphie »Der Weg nach unten«, Edition Nautilus, Hamburg 1988, S. 91 f. schildert Jung die Begegnung im Cafe des Westens: »Dr. Serner emp­fing mich in einem pompösen Pelzmantel – das war aber auch alles; darunter war nur spärliche Unterwäsche, den Anzug hatte er versetzen müssen &#8230;«</p>
<p>19  Tristan Tzara (1896–1963); sein richtiger Name war Sami Rosenstock, er trat später der KPF bei, vgl. Tzara: »Die frühen Gedichte«, München 1984; Bolli­ger, Magnaguagno, Meyer, Raabe: »Dada Zürich«, 1985, S. 174.</p>
<p>20  »Dada« war auch der geschützte Markenname eines Kopfwassers und einer Lilienmilch-Creme, vgl. Bolliger (o. Fußn. 19), S. 25 ff., 69, dort auch zu dem bis heute geführten Streit um die Urheberschaft der Bezeichnung »Dada«, vgl. auch Richard Huelsenbeck (1892–1974), dadaistischer Schriftsteller, spä­ter Psychoanalytiker in New York in seiner Anthologie: Dada, Eine literari­sche Dokumentation, 1984, S. 11 ff. und E. Philipp: »Dadaismus«, 1980, S. 34 f.</p>
<p>21  »Letzte Lockerung – manifest dada« GW II (o. Fußn. 1), S. 159 ff. Das Werk ist eines von zahllosen dadaistischen »Manifesten«, die damals erschienen. Ser­ner widmete es Anton v. Hoboken (1887–1983). Dieser reiche Niederlän­der, der später das Haydn-Werkeverzeichnis erstellte, ist wahrscheinlich ei­nige Jahre lang eine von Serners geheimnisvollen Geldquellen gewesen.</p>
<p>22  Die Meldung über das »Duell auf der Rehalp« erschien in etwa 30 Tageszeitun­gen Europas. Der von Serner frei erfundene »Dadaistische Weltkon­greß« taucht bis heute gelegentlich als angeblich bedeutendes reales Ereignis der Kunstgeschichte auf, vgl. Bolliger (o. Fußn. 19), S. 45, Ihrig in: Lite­ratur u. Kritik, Jahrgang 20, (1985), S. 497 f.</p>
<p>23  GW VIII (o. Fußn. 1), S. 87.</p>
<p>24  »Apache« ist dem einschlägigen Pariser argot entnommen und bedeutet »Zuhälter, Ganove«. Serners Erzählungen beziehen ihren Reiz nicht zum kleins­ten Teil aus der Verwendung von argot-Ausdrücken und -Redewendun­gen.</p>
<p>25  Richter (o. Fußn. 8), S. 105.</p>
<p>26  Richter (o. Fußn. 8), S. 105.</p>
<p>27  Richter (o. Fußn. 8), S. 105.</p>
<p>28  Marietta di Monaco (1893–1981) hieß mit ihrem richtigen Namen Marie Kirndorfer; sie war die Muse der dadaistischen Saison; Klabund (1891–1928) widmete ihr sein Buch »Marietta. Ein Liebesroman aus Schwabing«. Die Ge­schichte vom Dr. Zunder erschien in ihrem Buch »Ich kam – ich geh’« 1962, S. 14 ff.</p>
<p>29  »Zum blauen Affen«, 1921; »Der isabelle Hengst«, 1923; »Der Pfiff um die Ecke«, 1925; »Die Tigerin«, Berlin 1925; »Die tückische Straße«, 1927. GW III, IV, V (o. Fußn. 1).</p>
<p>30  Die besondere Nähe zwischen Serners realen Lebensumständen und der Welt sei­ner Erzählungen dokumentiert sich in einigen Sätzen aus der Novelle »Die Tigerin«. Sie charakterisieren den männlichen Protagonisten Fec und könn­ten auch auf Serner selbst gemünzt sein: »Kein Mensch wußte, wovon er eigent­lich lebte &#8230; Man sah ihn häufig in den mondänen Kurorten, im Winter in Wien, London, Berlin, Rom. Er war immer elegant, fast stets allein, aber wenn er abgereist war, gab es irgendwie einen Skandal« (GW III (o. Fußn. 1), S. 5, 12). »Hinter jeder Zeile von mir steht Gesehenes oder Gehörtes und gar oft am eigenen Leibe Erfahrenes &#8230; Es dürfte schwer fallen, einen Autor zu entde­cken, der die Verbrecherkreise Europas gründlicher kennt und aufrichti­ger geschildert hat als ich.» (Serner, GW VIII (o. Fußn. 1(, S. 95 ff.)</p>
<p>31  Lessing (o. Fußn. 1).</p>
<p>32  So die Leipziger Monatsschrift »Hammer« im Juni 1926, zit. nach GW VIII (o. Fußn. 1), S. 94.</p>
<p>33  Alfred Rosenberg (1893–1946), Chefideologe der NSDAP, in: »Professor und Mädchenhändler«, Völkischer Beobachter vom 8. 7. 1925, zit. nach VIII (o. Fußn. 1), S. 91 f.</p>
<p>34  »Walter Serner über sein Leben und seine Bücher« von »A. D.«, vgl. GW VIII (o. Fußn. 1), S. 144 ff.</p>
<p>35  Grundlage war das »Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften« vom 18.12.1926. Das erste Indizierungsverfahren bewirkte eine sprunghafte Steigerung von Serners Verkaufsziffern, vgl. GW VIII (o. Fußn. 1), S. 244.</p>
<p>36  Gutachten v. A. Leonpacher vom 18.1.1933 für das Bayerische Landes-Jugend­amt, GW VIII (o. Fußn. 1), S. 194 f.</p>
<p>37  Indizierungsantrag vom 5.9.1931, gestellt vom Landesjugendamt der Rheinpro­vinz, GW VIII (o. Fußn. 1), S. 174 f.</p>
<p><sup>38 </sup> GW VIII (o. Fußn. 1), S. 183 ff.; Serners damaliger Verleger Paul Steegemann hatte Möhring mit der Interessenwahrnehmung im Indizierungsverfahren beauf­tragt.</p>
<p>39  Beschluß der Prüfstelle Berlin vom 24.11.1931, GW VIII (o. Fußn. 1), S. 188 f.</p>
<p>40  Beschluß der Prüfstelle Berlin vom 25.4.1933; als einziges Mitglied der Prüf­stelle gab der Verlagsbuchhändler Ernst Rowohlt seinen Widerspruch gegen die Indizierung zu Protokoll, vgl. GW VIII (o. Fußn. 1), S. 204 ff.</p>
<p>41  Vgl.: H. G. Adler: Theresienstadt 1941–1945, Das Antlitz einer Zwangsgemein­schaft, 2. Aufl. (1960), S. 8 f.</p>
<p>42  Die Ausreiseformalitäten wurden z. T. bewußt verschleppt. Als Italien in den Krieg eintrat, war damit auch der Weg nach Shanghai versperrt. Für die Bear­beitung des Ausreiseantrags mußten die Juden vorab beträchtliche Zahlun­gen leisten. Die Bearbeitung erfolgte durch die von den deutschen Behör­den gegründete »Jüdische Kultusgemeinde«. Ab 1941 wurde jeder Pra­ger Jude gezwungen, bei der Kultusgemeinde einen Ausreiseantrag zu stellen und zu zahlen. Viele Juden hofften bis zuletzt, die beginnenden Deportatio­nen führten letztlich nach Shanghai oder Palästina.</p>
<p>43  Adler (o. Fußn. 41), S. 52, 837.</p>
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