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	<title>King(Martin Luther) archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Das zweitälteste Gewerbe der Welt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Nov 2017 13:01:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feature]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das zweitälteste Gewerbe der Welt – praktische Rhetorik einst und jetzt Christoph Schmitz-Scholemann &#160; O-Töne: Heinrich Lübke (Bundespräsident 1959–1969), Rede über die Fischindus­trie (Auszug) Martin Luther King, I-have-a-dream-speech, 28. August 1963 in Wash­ington, D. C. (Auszug) M 1, M 2, M 3: Sprecher &#160; O-Ton Heinrich Lübke: »Auch die Fischerei und die Fischindustrie hätten allen Anlass, [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/das-zweitaelteste-gewerbe-der-welt/">Das zweitälteste Gewerbe der Welt</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/radiotexte/features/Das-zweitaelteste-Gewerbe-der-Welt.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Das zweitälteste Gewerbe der Welt</h1>
<h3 style="text-align: left;">– praktische Rhetorik einst und jetzt</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>O-Töne:<br />
Heinrich Lübke (Bundespräsident 1959–1969), Rede über die Fischindus­trie (Auszug)<br />
Martin Luther King, I-have-a-dream-speech, 28. August 1963 in Wash­ington, D. C. (Auszug)<br />
M 1, M 2, M 3: Sprecher</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>O-Ton Heinrich Lübke:<br />
»Auch die Fischerei und die Fischindustrie hätten allen Anlass, durch intensivere Aufklärung und Werbung den Konsumenten eine solche Ware schmackhaft zu machen. Es war schon mal besser damit, mit dieser &#8230;, mit dieser Propaganda und mit diesen Aufklärungsvorträgen und vor al­len Dingen den &#8230; äh &#8230; den Propaganda-Essen. Ich habe in Frankfurt ein Essen, ein Fischessen mitgemacht, wo also die &#8230; äh &#8230; Fische aus den Truhen sofort in die Küche kamen und die waren dann von den zuständi­gen Köchen oder von den Hausfrauen, waren die dann entsprechend behandelt. Und ich kann nur sagen, es ist zwischen dem und den nicht in &#8230; durch die &#8230; äh &#8230; Truhen und die Tiefkühlketten herangebrachten frischen Fische &#8230; Es ist &#8230; gar nicht zu vergleichen. Man behauptet nun, die Hausfrauen bzw. die Fischesser hätten sich an die etwas angegangenen oder &#8230; au gout &#8230; ausgegangenen Fische besser gewöhnt, sie wären das gewohnt und liebten das &#8230; dieses mehr als die frischen &#8230; Ich muss nur sagen: wer das nebeneinander hält, der kann überhaupt keine andere Wahl &#8230; äh &#8230; Wahl &#8230; be &#8230; äh &#8230; Wahl wäh­len, dass ohne die &#8230; ohne die äh &#8230; ohne die Tiefkühlketten werden wir uns späterhin &#8230; nicht mehr die Ernährung verbessern können.«</p>
<p>M 1:<br />
Es lag nicht nur am Alter, dass der frühere Bundespräsident Heinrich Lübke kein mitreißender Redner war. Und auch seine Herkunft aus dem rauen Sauerland erklärt nicht hinreichend die Hartnäckigkeit, mit der Heinrich Lübke seinen eigenen Gedanken auch dann noch die Treue hielt, wenn sie ihrerseits ihn längst verlassen hatten und sich ihre Wege in einem psychodelisch anmutenden Worte-Nirwana zu verzweigen began­nen, sich sonderbar in einander verschlangen und schließlich tief ins Reich des Unsagbaren – wenn nicht des Unsäglichen – vorstießen. Hätte der Mann vielleicht einen Rhetoriklehrgang besuchen sollen? Die Bun­deszentrale für politische Bildung war damals anderer Meinung:</p>
<p>M 2:<br />
»Wenn man von Heinrich Lübke sagt, er sei schwierig, so heißt dies, dass er bis zur Rücksichtslosigkeit anspruchsvoll gegen sich und seine Umwelt ist. Kein Manuskript ist ihm gut genug. Es gehört zu seinem Charakterbild, dass er sich eher auf das Glatteis der freien Rede begibt als ein Manuskript abzulesen, das ihn nicht restlos überzeugt hat. Das hat er schon öfter so gehalten, obwohl er weiß, dass die Kunst der freien Rede nicht seine Stärke ist.«</p>
<p>M 1:<br />
Es ist beliebt, Redlichkeit gegen Beredsamkeit auszuspielen. Gerade profes­sionelle Rhetoriker bedienen sich gern dieses Tricks: Wenn Sie uns zu Beginn ihrer Rede mit bescheidenem Augenaufschlag versichern, sie seien leider keine großen Redner und könnten sich daher keiner anderen Waffe bedienen als der ungeschminkten Wahrheit, so ist das ein wohl überlegter Appell an unsere antizivilisatorischen Instinkte, an das dumme Gefühl, dass, wer es gut und ehrlich mit uns meint, auf den Glanz der Worte nicht zu achten hat. Als sei rhetorischer Unstand eine wesentliche Voraussetzung für moralischen Anstand. Wer nicht richtig reden kann, muss ein guter Mensch sein. War also Heinrich Lübke in Wahrheit »der gute Wilde« im Palais Schaumburg? Der edle Stammel-Häuptling aus dem Sauerland?</p>
<p>Oder hätte er nicht doch gut daran getan, anstelle von Propaganda über Tiefkühlketten Vorträge über die Herstellung von Gedankenketten und Satzgeflechten anzuhören? Mangel an einschlägigen Werken hat damals ebenso wenig wie heute geherrscht.</p>
<p>Aus dem Stichwort- und Titelregister der Buchgroßhandlungen von Koch, Neff und anderen, Ausgabe 1993/94, Stichwort »Reden«:</p>
<p>M 2:<br />
»Der Mut zu reden«<br />
»Richtig reden«<br />
»Richtig miteinander reden«<br />
»Selbstsicher reden«<br />
»Überzeugend reden«<br />
»Überzeugend frei reden«<br />
»Überzeugend und lebendig reden«<br />
»Reden wie ein Profi«<br />
»Vom geistlichen Reden«</p>
<p>M 1:<br />
Ganz offenkundig gedeiht hier – von den Feuilletons und Litera­turkritikern unbeachtet – ein sehr einträgliches literarisches Genre. Was bedeutet diese stille Blüte der Liebe zum rechten Wort? Geht es einfach nur um Geld, um die Verbesserung von Marktchancen? Oder verbirgt sich da im anrüchigen Unterholz der Literatur, zwischen Lebenshilfe und Geburtstags-Lyrik, der alte Traum von der Überwindung des baby­lonischen Fluchs? Der Wunsch, jeder Einzelne möge so gut und so schön zu sprechen in der Lage sein, dass alle Menschen einander verstehen und mögen und lieben? Und wer liest überhaupt solche Bücher? »Ich bes­timmt nicht!« lautet die Antwort, wenn man sich in gebildeten Kreisen umhört, und es klingt ein Unterton mit, als hätte die Frage nicht rhetorischen sondern erotischen Übungen gegolten. Ist es eines gebilde­ten Menschen unwürdig, ein Rhetorikbuch in die Hand zu nehmen? Hier weitere Titel zur Auswahl</p>
<p>M 2:<br />
»Brillante Briefe, prägnante Reden«<br />
»Reden und verhandeln«<br />
»Reden und überzeugen«<br />
»Schwestern reden mit Patienten«<br />
»Wr sprechen für uns – Rhetorik für Frauen«<br />
»Rhetorik an Alexander«<br />
»Lehrbuch der Rhetorik«<br />
»Reden und Sprüche zu Grundsteinlegung, Richtfest und Einzug«<br />
»Reden zu Familienfesten«<br />
»Reden zum Geburtstag«</p>
<p>M 2:<br />
&#8230; undsoweiter undsofort. Es würde Stunden dauern, die Liste der im Händlerkatalog genannten Rhetorik-Bücher vorzulesen – und dabei handelt es sich doch nur um die im Jahre 1994 lieferbaren Titel, die ihrer­seits nicht mehr sind als – um es in einem Bild zu sagen – die jüng­sten Blätter an einem über 2000 Jahre alten Baum. Denn die kommer­zielle Rhetorik hat, wie der erotische Kommerz, eine uralte Tradition. Die Erwerbsrhetorik ist keineswegs eine Erfindung der Moderne. Sie ist keine Perfidie der industrialisierten Kommunikations-Kultur. Was die Rhetorik-Trainer betreiben, ist das zweitälteste Gewerbe der Welt.</p>
<p>Vier der über 300 lieferbaren Titel sollen heute Abend zu Wort kom­men, zwei neue und zwei sehr alte. Ob und wozu sie uns nutze sein kön­nen, steht zur Debatte: Wir werden bei Aristoteles ebenso vorsprechen wie bei Wilhelm Busch, drei Grundprinzipien der Rhetorik kennenlernen und zum Schluss eine der schönsten und ergreifenden Reden dieses Jahrhun­derts hören – sie stammt übrigens nicht von einem deutschen Präsidenten. Als Cicerone auf dem Gang durch die Bibliothek der Rhetorik dient uns kein Geringerer als er selbst: Cicero.</p>
<p>M 3:<br />
Markus Tullius Cicero: <em>De oratore – Über den Redner</em>, lateinisch/deutsch, übersetzt und herausgegeben von Harald Merklin, Philipp Reclam jun­ior, Stuttgart, 2. Aufl. 1986, 7,80 DM, 652 Seiten.</p>
<p>M 1:<br />
Cicero war Anwalt und Politiker in Rom; und das hieß: er musste durch Reden im Senat und vor Gericht die Zuhörer auf seine Seite ziehen. Er hielt es für eine Missachtung des Publikums, wenn ein Redner ungepflegte, arhythmische Satzperioden vortrug, wenn er sich die Mühe der gedanklichen Zuspitzung nicht machte, schiefe Vergleiche wählte und wenn er zu gefühlsfaul war, um sich von der Sache und den Personen, über die er sprach, stimulieren und bei Bedarf auch zu Tränen rühren zu lassen. In seinem Buch <em>De oratore – Über den Redner</em> trug er alles zusammen, was seiner Meinung nach den guten Redner ausmacht: Gebrauchsrhetorik für Junge Römer. Es versteht sich, dass Cicero anders über die Kunst der Rede dachte als die Bundeszentrale für politische Bildung.</p>
<p>M 3:<br />
»Welche Musik ist denn zu finden, die süßer klingt als eine Rede im rechten Maß und Ton? &#8230; Was &#8230; ist bestechender als eine Fülle treffender Gedanken? Was bewundernswerter als eine Sache durch den Glanz der Formulierung ins rechte Licht zu setzen &#8230; Der Redner &#8230; versteht das Volk in seiner Trägheit mitzureißen und seine Zügellosigkeit zu mäßigen. Seine Kunst bringt Schurken das Verderben und Unschuldi­gen die Rettung &#8230; Und die Geschichte vollends, die vom Gang der Zeiten Zeugnis gibt, das Licht der Wahrheit, die lebendige Erinnerung &#8230; durch welche Stimme, wenn nicht die des Redners, gelangt sie zur Unsterb­lichkeit?«</p>
<p>M 1:<br />
Nun, der Weg zur Unsterblichkeit ist weit. Und er ist mühsam. Auch der, dem das Glück die Gabe der Rede in die Wiege gelegt hat, muss sich üben, und die anderen erst recht. Geübt und ihre Reden Satz für Satz berechnet haben sie alle: Demosthenes und Savanarola, Martin Luther und Danton, der Propagandist auf der Butterfahrt und die Animateur­innen auf der Mehrzweckbühne des Robbinson-Clubs im Hotel Monica Beach auf Fuerteventura. Wie man reden üben kann, sagt:</p>
<p>M 2:<br />
Heinz Lemmermann: <em>Lehrbuch der Rhetorik, Redetraining mit Übungen</em>, fünfte Auflage 1993, 240 Seiten, 14,80 DM.</p>
<p>M 1:<br />
Dieses Paperback ist in der Reihe »Businesstraining« (praktisches Wis­sen für berufliche Aufsteiger) erschienen: herausgegeben hat es der Verlag »moderne Industrie AG« in München; es handelt sich um einen stillen Bestseller: Seit der ersten Auflage im Jahre 1963 wurden 150.000 Exem­plare gedruckt – und die meisten davon wohl auch verkauft und gelesen. Der Verfasser lehrt an der Universität Bremen Kommunikationswissen­schaft. Er versteht sein Metier. Er schreibt einfach, verständlich und nicht ohne einen manchmal etwas altväterlichen Humor à la Wilhelm Busch. Hier findet sich alles, was der Rede-Lehrling lernen muss: vom Atemtrain­ing bis zur Schulung des Gedächtnisses, von Betrachtungen über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden bis zu Rat­schlägen für den zweckmäßigen Aufbau einer Geburtstagsrede; wir finden Erläuterungen zu klassischen Stilmitteln wie Metapher, Chiasmus, Raffung, Wiederholung, rhetorische Frage. Wir finden Beispiele für geglückte Redetexte, und Lemmermann ist sich weder zu fein, die sim­plen praktischen Fragen zu behandeln, noch fällt er je in dumpfe Theorie­feindschaft: Sogar ein ansehnliches Literatur – Verzeichnis mit Hinweisen auf Werke zu Geschichte und Philosophie der Rhetorik suchen wir nicht vergeblich. Und alles, was Lemmermann gibt, gibt er leicht und eingängig, kurz gesagt: populär. Sein Buch ist nützlich, gut lesbar, und es ist unterhaltsam.</p>
<p>Über die Verwendung von Bild und Metapher schreibt Lemmer­mann:</p>
<p>M 2:<br />
»So mancher Redner möchte bildkräftig sein und stolpert dabei dann von einem Bild in ein anderes, dass auch nicht die geringste Beziehung zum vorhergehenden hat &#8230;</p>
<p>M 3:<br />
›Der Zahn der Zeit hat schon manche Träne getrocknet &#8230;‹</p>
<p>M 2:<br />
so endeten die trostreichen Worte eines Grabredners. In den Reden Wil­helms II. findet man Stellen wie diese:</p>
<p>M 3:<br />
›Eines Ozeans von Druckerschwärze bedient er sich, um die Wege zu verschleiern, die klar zutage liegen.‹</p>
<p>M 2:<br />
Einst forderte der Abgeordnete Graf Bethusy den deutschen Reichstag auf,</p>
<p>M 3:<br />
›den Strom der Zeit bei der Stirnlocke zu fassen‹.</p>
<p>M 2:<br />
Zweifellos ein schwieriger Handgriff &#8230;«</p>
<p>M 1:<br />
Für die Technik der Stoffsammlung gibt Lemmermann folgenden Rat:</p>
<p>M 2:<br />
»›Stets findet Überraschung statt, da wo man’s nicht erwartet hat‹, sagt Wilhelm Busch so geht es auch mit den Gedanken &#8230; Gedanken halten sich nicht an die Empfangszeiten, die man ihnen höflich einräumt; sie kommen, wann sie wollen: in der Straßenbahn, im Kino, beim Essen. Wichtig ist, dass man sie sofort festhält, vielleicht nur in einem Stichwort. (In Gerhard Hauptmanns Schlafzimmer musste die Tapete am Bett oft erneuert werden, da er darauf seine nächtlichen Einfälle notierte.). Darum: Man trage stets einen kleinen Notizblock (DIN A 7) und – Stift bei sich &#8230;</p>
<p>Äußere Voraussetzung für fruchtbare Vorbereitungsarbeit ist das Herausfinden der besten Arbeitszeit, die bei uns oft verschieden ist &#8230; Dem einen kommen die Gedanken bei einem Glas Wein, dem anderen beim Spazierengehen. So läppisch es klingt: die ›ambulante Behandlung‹ des Geistes wirkt besonders beim motorisch veranlagten Menschen. ›Peripa­tein‹ – das Umherwandeln war schon bei den alten Griechen ein Mittel, um reiche Jagdbeute im Gedankenrevier zu machen. Man denke zum Beispiel an die Bedeutung des mittelalterlichen Kloster-Kreuzgan­ges. Goethe meint, Bewegung in frischer Luft bringe produktivmachende Kräfte. Und nicht zuletzt ist es wieder Wilhelm Busch, der die Bedeutung der körperlichen Bewegung für die Gedankenarbeit erkannt hat, wenn er reimt:</p>
<p>M 3:<br />
›Ein leichtes Rütteln, sanftes Schwanken<br />
erweckt und sammelt die Gedanken.<br />
Manch Bild, das sich versteckt vielleicht,<br />
wird angeregt und aufgescheucht.‹</p>
<p>M 1:<br />
Philosophisch im tiefen Sinne des Wortes ist Lemmermanns populäre Rhetorik gewiss nicht, aber es steckt eine Menge Alltagsklugheit darin. Sie ist, mit Descartes zu sprechen, ad usum vitae geschrieben. Nicht für die großen Augenblicke, aber nützlich für die Mittellagen des Lebens.</p>
<p>Natürlich lässt sich eine Menge gegen Rhetorikbücher dieser Art ein­wenden. Poesie und Ideentiefe, Ich-Erforschung, abgründige Ironie oder klare Systematik, Gedankenschärfe, Moral, Gesellschaftskritik – das sind nicht die Domänen der Erwerbsrhetoriker, auch fällt ein Mangel an Origi­nalität und ein Hang zu Gemeinplatz und Sentenz auf. Um ein wenig zu übertreiben: Wir wandern durch die Kapitel mancher populä­rer Rhetoriken, als ob wir durch einen Ikea-Katalog des Geistes spazieren gingen. Alles steht im passenden Licht, appetitlich und geschmackvoll, hell, sauber, zweckmäßig, adrett, vernünftig – mit einem Wort: einladend und ansprechend für jedermann. Und das ist kein Zufall. Es ist vielmehr die Anwendung des ersten und ältesten rhetorischen Prinzips. Es besagt, dass der Redner die zu erwartenden Gefühls – und Gedankenwelten der Zuhörer ernst nehmen und zum Ausgangspunkt der eigenen Argumenta­tion machen soll. Im Reich der Rhetorik ist der Kunde König, nicht der Autor. Wer das beachtet, ob er nun über Tiefkühlketten redet oder die Ketten der Lohnsklaverei, der hat schon viel gewonnen. Wer sich al­lerdings für sein Publikum nicht interessiert, der wird es auch nicht er­reichen. Cicero sagt das so:</p>
<p>M 3:<br />
»Wir brauchen einen Mann mit scharfem Geist und einer Klugheit, die sich auf Begabung und Erfahrung gründet, einen Mann, der ein Gespür für die Gedanken und Gefühle, Meinungen und Erwartungen seiner Mitbürger und der Menschen hat, die er durch seine Rede von etwas überzeugen will. Er muss die Eigenarten jeden Stammes, Alters oder Standes kennen und die Gesinnung und Empfindung derer zu erspü­ren suchen, vor denen er etwas vertritt oder vertreten soll.«</p>
<p>M 1:<br />
Manche der modernen Rhetoriklehrer scheinen ihrem Publikum nicht viel Urteilskraft zuzutrauen – vor allem die Anbieter von Kurzrhetoriken und Musterreden mit Anweisungen für den Zeitpunkt der Erhebung von Sektglas, Zeigefinger und Stimme. Diese Bücher sind meistens ebenso dünn wie dümmlich. Man muss vor ihnen allerdings nicht warnen; denn das besorgen sie selbst, vorausgesetzt natürlich man wirft einen Blick hinein. Manchmal genügt sogar schon der Titel: Denn dass uns jemand, wie es einer der Autoren verspricht, »in 8 Tagen zur guten Rede« führen kann – wer sollte das im Ernst glauben?</p>
<p>Einen anspruchsvollen Weg dagegen geht der Stuttgarter Rhetorik-Trainer Heinrich Fey. Er mischt Erkenntnisse der Lernpsychologie und der Philosophie ebenso in sein Buch wie Beispiele aus Technik, Naturwissen­schaft und Politik. Die Hydraulik einer Doppelschrauben­motorschiffes lernt man kennen und den Zusammenhang zwischen dem Gewicht der Nebennierenrinde und der Wilddichte bei Damwild, ferner erfährt man etwas über die zweckmäßige Gestaltung des Schulunterrichts und den Aufbau einer Predigt – das Buch ist voller Einzelheiten, an denen Fey die rhetorischen Regeln zeigt. Das Buch heißt:</p>
<p>M 2:<br />
Sicher und überzeugend präsentieren – Rhetorik, Didaktik, Medieneinsatz für Kurz­vortrag, Referat, Verkaufspräsentation, Berlin-Bonn-Regensburg 1993, 205 Seiten, gebunden, 38,00 DM.</p>
<p>M 1:<br />
Fey wendet sich an Leute, die ihren Hörern von Berufs wegen über­durchschnittlich vertrackte Botschaften übermitteln müssen: zum Beispiel als Jurist das Sühneprinzip im Strafrecht, als Verkäufer ein Patent zur Sicherung von Autobahnböschungen, oder als Politiker ein Projekt für ökologische Industrieansiedlung. Sein Darstellungsprinzip beschreibt er selbst so:</p>
<p>M 2:<br />
»Meist geht der Umgang mit einer Sache dem Erlernen des dazugehöri­gen Wortes voraus, oder Wort und Sachverhalt werden ge­meinsam erworben. Wir haben schon lange am Fläschchen gesaugt, be­vor wir wussten, wie es heißt &#8230;</p>
<p>Der Vorgang ist im einzelnen so zu beschreiben: wir haben einen Sin­neseindruck, ein Sinnesdatum, dann entsteht für uns daraus auf dem Weg der Erfahrung der Gegenstand, und endlich schließen wir aus den verschie­denen Sinnesdaten und der Erfahrung auf Zusammenhänge, auf die Stellung des Gegenstandes in der Welt, auf die Relation und suchen oder finden dafür passende Wörter, Zeichen, Begriffe und Ober­begriffe &#8230;</p>
<p>Deshalb besteht die alte Schulmeister-Regel wohl zu Recht:</p>
<p>M 3:<br />
Erst zeigen, dann sagen.</p>
<p>M 2:<br />
Das Sprechen vollzieht sich in der Sprachebene. Die Sprachebene ist, bezogen auf die Sachebene, eine Ebene darüber, eine Meta-Ebene. Ver­wenden wir allgemeine Begriffe, sind diese wiederum in einer Ebene über jener der Begriffe für das einzelne, das besondere, also Metaebene zur Ebene der Sprache für das Konkrete. Ein Vortrag, der vorwiegend aus allgemeinen Begriffen besteht, bewegt sich somit in einer Metaebene zu einer Metaebene. Kein Wunder, wenn die Hörer hier nicht mehr folgen können oder folgen wollen. Sprechen Sie also <em>von</em> den Dingen und nicht <em>über</em> die Dinge, und jedermann wird Ihnen gern zuhören. Wir erfüllen damit eine alte Forderung des Wilhelm von Ockham an die Wissenschaft: die Forderung nach der Ökonomie der Begriffe &#8230;, d. h., möglichst keine Begriffe einzuführen oder zu benutzen, die nicht von der Sache verlangt werden &#8230;«</p>
<p>M 1:<br />
Natürlich hat Fey die linguistischen und lernpsychologischen Grundgedanken seiner Rhetorik nicht eigens und in Person erfunden. Er bedient sich frei nach Bedarf bei Aristoteles und Charles Sanders Peirce, bei Faraday ebenso wie bei Max Bense, Bertrand Russell, Ludwig Wittgen­stein und vielen anderen. Fey folgt dem zweiten Prinzip der Rhetorik, das darin besteht, keine Erkenntnisquellen zu verschmähen. Man könnte es ein Prinzip methodischer Prinzipienlosigkeit nennen oder einen Anwendungsfall der anarchistischen Erkenntnistheorie Paul Feyer­abends oder ein gnadenloses intellektuelles Zappen, doch wie auch im­mer: Jeder Gedanke ist willkommen, wenn er plausibel klingt. Ob eine Formulierung von einem großen Philosophen stammt oder von einer kleinen Comicstrip-Figur, ob eine Metapher aus der Natur oder aus dem Straßenverkehr genommen ist, ob sie Tiefe hat oder nur ein bisschen fremden Schimmer – das alles ist nicht entscheidend – wichtig ist der Beitrag zum bunten Gewebe der Rede, die den Zuhörer unterrichtet, unterhält und im besten Falle auch bewegt. Cicero sagt:</p>
<p>M 3:<br />
»Da die Beredsamkeit nicht leer und nackt dastehen darf, sondern durch ein mannigfaltiges reizvolles Wechselspiel verbrämt und ausge­schmückt sein muss, gehört es zu einem guten Redner, dass er viel gehört und viel gesehen, viel erwogen und bedacht und viel gelesen habe, doch nicht davon als von seinem Eigentum Besitz ergriffen, sondern wie von Fremdem nur gekostet habe &#8230;«</p>
<p>M 1:<br />
Über das scheinbar banale Thema der Arbeit an der Wandtafel schreibt Fey:</p>
<p>M 2:<br />
»Dass Wandtafel-Arbeit Zeit braucht, haben wir schon erwähnt. Doch kann man diesen nötigen Zeitaufwand auch bewusst einsetzen, um Zeit zu schinden, um so die Anforderungen an die Schlagfertigkeit des Referen­ten herabzusetzen.</p>
<p>Die Fragen werden an der Wandtafel gesammelt. Während der Refe­rent schreibt, kann er schon versuchen, die Fragen für sich günstiger zu formulieren, und er gewinnt Zeit, sich eine Antwort einfallen zu lassen &#8230;</p>
<p>Dann nummeriert er die Fragen durch und fasst ganze Frage-Grup­pen durch Pfeile und geschweifte Klammern oder Farben zusammen:</p>
<p>M 3:<br />
›Lassen Sie uns mit der dritten Frage beginnen, die wird so zur Num­mer 1, dann mit der vierten Frage als Nummer 2 weitermachen &#8230;‹</p>
<p>M 2:<br />
»Hierdurch gewinnt der Referent noch einmal Zeit und vermag die Fra­gen in eine für ihn günstige Reihenfolge zu bringen, wobei durch einfache Schwerpunktverlagerung Schwierigkeiten umgangen werden können und leicht Unangenehmes durch Angenehmes zu verdecken ist &#8230; Wirklich strittige Bereiche schiebt man möglichst ans Ende, um so die Möglichkeit zu haben, wegen (angeblichen) Überschreitens des Zeitlimits abzubrechen.«</p>
<p>M 1:<br />
Hat man richtig gehört? Rät der Rhetoriker, »Unangenehmes durch Angenehmes zu verdecken«? Ist das nicht intellektuelles Foulspiel? Nun gut, antwortet der Rhetoriker, ganz lupenrein ist die Sache nicht, aber erstens schreibe ich meine Bücher nicht für Mönche, sondern für Leute, die sich im Alltag behaupten müssen, und zweitens – ein bisschen schum­meln gehört eben zum Leben. So weit, so harmlos und so gut – aber es gibt auch Autoren, deren Empfehlungen den Bereich des Boshaften nicht nur streifen. Einer scheint ein aufmerksamer Beobachter von Elefanten- und Tigerrunden im Fernsehen zu sein. Er schreibt:</p>
<p>M 2:<br />
»Widerlegen Sie Ihren Partner oder Gegner zunächst einmal mit pseudo­sachlichen Überlegungen. Interpretieren Sie ihn einfach falsch. Nehmen Sie einen Teil seiner Sachargumente heraus, unterstellen ihnen einen anderen Sinn und widerlegen Sie, was er angeblich gesagt hat. Damit drängen Sie Ihren Gegner zunächst in eine Verteidigungsposition. Er muss dem Publikum gegenüber erklären, dass er das ja gar nicht ge­meint habe &#8230; Nützt das alles noch nichts, dann stellen Sie die Persönlich­keit Ihres Gegners vollends infrage &#8230; Schieben sie seinen Argumenten oder Behauptungen niedrige Motive unter, verdächtigen Sie ihn der Unfair­ness, bezichtigen sie ihn der Diffamierung und der Demagogie, verwirren Sie die Begriffe!«</p>
<p>M 1:<br />
Wir lassen den Autor ungenannt, in seinem eigenen wohlverstandenen Interesse und auch, weil wir ihm für seine üblen Ratschläge nicht auch noch Publicity gönnen mögen. Wenn man sich auf diese Art von Rheto­rik einlässt, könnte es bedeuten, dass das dritte Grundprinzip der kommer­ziellen Rhetorik schlicht und einfach überschrieben werden müs­ste mit dem Titel: »Lug und Trug«. Und so lautet ja auch ein be­liebtes Klagelied über die Rede-Künstler: Sie seien skrupellose Propagandis­ten, geltungssüchtig, erfolgsversessen und scherten sich einen feuchten Keh­richt um Wahrheit und Moral. Ob es früher besser bestellt war mit diesen Propagandisten, darüber kann uns vielleicht das letzte der heute Abend vorgestellten Bücher Auskunft geben.</p>
<p>M 2:<br />
Aristoteles: <em>Rhetorik an Alexander</em>, herausgegeben, übertragen und mit einem Vorwort versehen von Paul Gohlke, Schöningh Verlag, Paderborn 1959, 109 Seiten, broschiert, 8,20 DM.</p>
<p>M 1:<br />
Dies ist der älteste erhaltene Rhetorikkurs. Er stammt aus der Mitte des vierten Jahrhunderts vor Christus, aus einer Zeit also, von der man glauben möchte, dass Recht noch Recht war, wenn nicht sogar das Wünschen noch geholfen hat. Das Buch ist unter dem Namen des griechischen Philosophen Aristoteles überliefert, wahrscheinlich zu Un­recht, aber das soll uns jetzt nicht stören. Aristoteles schreibt:</p>
<p>M 2:<br />
»Man hüte sich &#8230;, hässliche Dinge mit hässlichen Worten zu benen­nen, damit man seine Gesinnung nicht in schlechtes Licht stelle, sondern man muss derartiges dunkel andeuten &#8230; Man bediene sich des verstellten Ernstes und mache das am Gegner lächerlich, worauf er am meisten stolz ist. Im persönlichen Verkehr und vor wenigen Zuhörern muss man ihm die Ehre nehmen, vor der Menge aber soll man besonders mit allge­meinen Anschuldigungen arbeiten. Aufbauschen und herabsetzen muss man &#8230;«</p>
<p>M 1:<br />
Dies zum persönlichen Umgang mit dem politischen Gegner, wohl ge­merkt nicht heute, sondern vor fast zweieinhalb Jahrtausenden. Und auch für die damals buchstäblich auf dem Markt, nämlich unter freiem Him­mel öffentlich ausgetragenen Gerichtsverhandlungen erteilt der griechische Lehrmeister keine zimperlichen Anweisungen.</p>
<p>M 2:<br />
»Der Ankläger &#8230;muss die Rechtsbrüche und Verfehlungen der Gegner aufbauschen und vor allem zeigen, wie der andere freiwillig, mit Vorbedacht und &#8230; besonders großen Mitteln gefrevelt habe &#8230; Kann man dies nicht, muss man vielmehr einräumen, dass der Gegner &#8230; trotz bester Absicht nur Pech gehabt habe, dann muss man aber die Verzei­hung abschneiden. Indem man nämlich den Zuhörern sagt, man solle nicht nach der Tat von bloßen Fehlern sprechen, sondern müsse sich vorher in Acht nehmen, und sodann wenn jener auch nur &#8230; Pech gehabt habe, so müsse doch eben wegen seines Pech und seiner Fehler der Täter bestraft werden &#8230; Im letzten Teil der Rede &#8230; macht man seine Wider­sacher schlecht und erregt den Neid gegen sie, wenn man behauptet, dass durch sie oder ihre Freunde den Zuhörern oder ihren Angehörigen übel mitgespielt wurde &#8230; Daraus nämlich wird Hass und Zorn gegen sie erwach­sen. Geht dies nicht, wird man alles zusammentragen, was die Zuhörer neidisch machen wird auf die Gegner, da Neid nicht weit ab liegt vom Hass &#8230; Mit diesen Mitteln wird man im Nachwort sich selber in ein günstiges, die Gegner in ungünstiges Licht setzen. Aus allen diesen Stücken wird man kunstgerecht die Anklage- und Verteidigungsreden zusammenstellen &#8230;«</p>
<p>M 1:<br />
Dies zur Kultur öffentlicher Rede vor zweieinhalb Jahrtausenden. Ein Politiker, der heute öffentlich derartige Ratschläge erteilen würde, hätte vermutlich binnen kürzester Frist gehörigen Ärger. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe der <em>Rhetorik an Alexander</em> heißt es denn auch:</p>
<p>M 2:<br />
»Man kann die <em>Rhetorik an Alexander</em> nicht lesen, ohne zuweilen geradezu ein Grauen zu empfinden vor dem Zynismus ihres Verfassers.«</p>
<p>M 1:<br />
Grauen-empfinden ist bekanntlich eine der Lieblingsbeschäftigungen des moralischen Menschen – aber wir wollen doch lieber zu sehen, ob sich die Sache aufklären lässt. Dazu müssen wir ein wenig ausholen:</p>
<p>Die Redekunst gehörte im klassischen Athen zur Grundausbildung des heranwachsenden Bürgersohnes. Bald, nachdem die Stadt das Alphabet kennengelernt hatte, führte sie geschriebene Gesetze ein; fortan, so dachte man sich, sollten goldene Worte anstelle von Tyrannen die Herrschaft ausüben. Die öffentlichen Angelegenheiten wollte man in Athen nicht mehr durch Gewalt, sondern in Rededuellen im Stadtparla­ment und vor den Volksgerichten entscheiden. Ob Kriegserklärung, Steuer­erhöhungen oder die Besetzung der Regierungsämter – alles war Gegenstand von Debatte und Abstimmung, und zwar in der Öffentlich­keit, vor dem Auge und Ohr des Stadtvolks. Während vorher gegolten hatte, dass nur die Regierenden reden durften, war es nun umgekehrt: Nur wer zu reden verstand, durfte hoffen, ein Regierungsamt zu erobern. Ein eigener Beruf hatte sich daraus entwickelt, die sogenannten Logogra­phen – zu deutsch: Redenschreiber. Sie lieferten, gegen Geld, versteht sich, Reden für jede Gelegenheit. Um sich die Arbeit zu erleichtern, gin­gen die Logographen ähnlich vor wie es heutige Software-Ingenieure tun. Sie führten Arbeitsprotokolle. Sie schrieben ihre Erfahrungen auf und sammelten Musterstücke: Zum Beispiel stehende Redewendungen, passende Gesetzestexte, Sprichwörter, Redefiguren, Reaktionen der Zuhörer usw. Und aus diesen Werkbüchern der Logographen entstanden die ersten Lehrbücher der Rhetorik. Die Redenschreiber eröffneten Schu­len. Die jungen Männer aus den besseren Kreisen feilten dort an Übungsreden, vorzugsweise mit bizarren Themen, etwa »Lobrede für eine Maus« oder »Schelterede gegen das Salz«, und sie lernten zu deklamieren. Die politische, und gerade auch die streitende und aggres­sive Rhetorik ist also ein Kind der Freiheit und des Alphabets. Jede Rede hatte eine Widerrede und jede Debatte einen Schiedsrichter, nämlich das Volk. Und was folgt daraus für den Redner? Die <em>Rhetorik an Alexander</em> sagt:</p>
<p>M 2:<br />
»Man soll &#8230; seine Bemühungen nicht nur auf das Reden richten, sondern auch auf das eigene Leben &#8230; Weil der ganze Lebenszuschnitt viel dazu hilft, überzeugend zu wirken und einen guten Ruf zu genießen &#8230; Man wird persönlich gewinnen, wenn man seine Verabredungen ein­hält, dieselben Freunde fürs ganze Leben bewahrt und auch in allen übri­gen Betätigungen sich nicht als wankelmütig, sondern standhaft erweist. Man wird beachtet werden, wenn man sich an Großes und Edles und für die Allgemeinheit Nützliches wagt &#8230; Und anstatt die Worte kurz, klar und glaubwürdig zu gestalten, soll man lieber die Dinge selber danach einrichten.«</p>
<p>M 1:<br />
Anders gewendet: Das Ziel des Redners ist es, die Zustimmung des Pub­likums zu gewinnen; die Rede soll wirken. Die Wirkung der Rede ist aber nicht allein von ihrem geschickten Aufbau, von Mienenspiel und Stimmgewalt des Redners abhängig, sondern auch von der stummen Kraft seiner menschlichen Ausstrahlung. Und der Redner braucht einen Ruf, der mit seinen Worten einigermaßen übereinstimmt. Sonst glaubt ihm keiner, was er sagt. Und wie erwirbt er diese wichtigste Waffe des Redners, die Glaubwürdigkeit? Ganz schwer und ganz einfach: Indem er ziemlich oft, wenn schon nicht die eine große, dann wenigstens seine konkrete Wahrheit sagt und sich im Duell fair verhält. Der Gebrauch gemeiner Tricks und hinterhältiger Lügen verbietet sich im Normalfall also schon aus rhetorischen Gründen: Er kommt nicht gut an; als Notbe­helf ist er allerdings manchmal unentbehrlich. Der römische Redelehrer Quintilian pflegte zu sagen:</p>
<p>M 3:<br />
»Der Ruf eines Redners muss so untadelig sein, dass man ihm notfalls auch eine Lüge glaubt.«</p>
<p>M 1:<br />
Im Idealfall gilt aber etwas anderes: wenn der Redner an Formu­lierungen feilt, dann formt er zugleich das Bild seines Charakters. Hören wir ein letztes Mal Cicero:</p>
<p>M 3:<br />
»Es ist auch gar nicht möglich, dass der Zuhörer Schmerz oder Hass, Neid oder Furcht empfindet, dass er sich zu Tränen und Mitleid bewegen lässt, wenn alle die Gefühle, zu denen der Redner die Zuhörer bringen will, dem Redner selbst nicht eingebrannt und eingeprägt erscheinen &#8230; Was mich angeht, so besteht kein Grund, weshalb ich vor so klugen Leu­ten &#8230; lügen sollte &#8230; Denn eben die Natur der Rede, die man einsetzt, um auf andere zu wirken, wirkt noch stärker als auf irgend einen der Zuhörer auf den Redner selbst.«</p>
<p>M 1:<br />
Das dritte Prinzip der Rhetorik ist also nicht Lug und Trug, sondern ganz im Gegenteil: Glaubwürdigkeit – was allerdings die eine oder an­dere Notlüge nicht ausschließt. Wenn jemand die Unwahrheit sagt, sei es nun in einer Geburtstagsrede, in einem Werbefilm oder in der Politik, so ist das gewiss kein schöner Zug; gefährlich wird es aber erst, wenn die Widerrede unterdrückt wird. Man darf sich also nicht den Mund ver­stopfen lassen. Die Kunst der freien Rede braucht vor allem eines, nämlich Redefreiheit. Nur Despoten sind nicht auf die Zustimmung des Publikums angewiesen. Die Rhetorik ist eine urdemokratische Wissen­schaft – was vielleicht auch ihre literarische Unterholz-Existenz erklärt. Vor den letzten Wahlen zum Europaparlament konnte das französische Publikum im Fernsehen Abend für Abend je zwei politische Matadore nach Kopfes- und nach Herzenslust streiten sehen; die Sendungen waren ein Publikumsrenner. Dass wir in Deutschland als Höhepunkt der Redekunst die betretene Feierlichkeit eine Ansprache unseres Staatsober­haupts vor geladenen Gästen mit Blumenschmuck und Streichorchester verehren – darüber kann man lange nachdenken.</p>
<p>Am 28. August 1963 kamen 250.000 Menschen aus allen Teilen der Ver­einigten Staaten nach Washington; sie demonstrierten in einer politisch aufgeheizten Stimmung gegen Rassendiskriminierung, für Arbeit und Freiheit. Die Schlussrede hielt der Pfarrer Dr. Martin Luther King.</p>
<p>M 2:<br />
»Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Geor­gia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhal­ter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.<br />
Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Missis­sippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt.<br />
Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird &#8230;<br />
Lasst den Ruf der Freiheit erschallen von Tennessee Lookout Moun­tain. Lasst die Freiheit erschallen von jedem Hügel und Maulwurfshügel Mississippis, von jeder Erhebung! Lasst die Freiheit erstrahlen! Wenn wir die Freiheit erschallen lassen – wenn wir sie erschallen lassen von jeder Stadt und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Großstadt, dann wird schon bald der Tag kommen, an dem alle Kinder Gottes – schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken – sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro-Spirituals singen kön­nen: ›Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind end­lich frei!‹</p>
<p>O-Ton Martin Luther King, der erste Abschnitt unter dem letzten Ab­schnitt des deutschen Textes, danach der englische Text allein:</p>
<p>»I have a dream that one day on the red hills of Georgia the sons of for­mer slaves and the sons of former slave owners will be able to sit down together at the table of brotherhood.<br />
I have a dream that one day even the state of Mississippi, a state swelter­ing with the heat of injustice, sweltering with the heat of oppres­sion, will be transformed into an oasis of freedom and justice.<br />
I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character.<br />
I have a dream today.<br />
I have a dream that one day down in Alabama, with its vicious racists, with its governor having his lips dripping with the words of interposition and nullification, that one day right down in Alabama little black boys and black girls will be able to join hands with little white boys and white girls as sisters and brothers. &#8230;<br />
This will be the day when all of God’s children will be able to sing with new meaning, »My country ’tis of thee, sweet land of liberty, of thee I sing. Land where my fathers died, land of the Pilgrims’ pride, from every mountainside, let freedom ring.<br />
Let freedom ring from the snow-capped Rockies of Colorado. Let free­dom ring from the curvaceous slopes of California. But not only that; let freedom ring from the Stone Mountain of Georgia. Let freedom ring from Lookout Mountain of Tennessee.<br />
Let freedom ring from every hill and molehill of Mississippi. From every mountainside, let freedom ring.<br />
And when this happens, and when we allow freedom ring, when we let it ring from every village and every hamlet, from every state and every city, we will be able to speed up that day when all of God&#8217;s children, black men and white men, Jews and gentiles, Protestants and Catholics, will be able to join hands and sing in the words of the old Negro spiritual, »Free at last! Free at last! Thank God Almighty, we are free at last!«</p>
<p><em>Ende</em></p>
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		<item>
		<title>Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/wulf-kirsten-zum-80-geburtstag/</link>
		
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		<pubDate>Sat, 21 Jun 2014 15:00:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag Gehalten am 21. Juni 2014 Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Lieber Wulf Kirsten, liebe Sofia Kirsten, verehrte Frau Ministerpräsi­dentin, geehrter Herr Oberbürgermeister, geachtete Stadträte und Landtags­abgeordnete, geschätzter Herr Präsident Seemann, liebe Familie Kirsten einschließlich der tapfer hier ausharrenden Enkel, werte Damen und Herren Abgeordnete und Ratsmitglieder, hochansehnliche Festver­sammlung, Freundinnen und Freunde [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literarisches/Laudatio-Wulf-Kirsten.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</h1>
<h3>Gehalten am 21. Juni 2014</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lieber Wulf Kirsten, liebe Sofia Kirsten, verehrte Frau Ministerpräsi­dentin, geehrter Herr Oberbürgermeister, geachtete Stadträte und Landtags­abgeordnete, geschätzter Herr Präsident Seemann, liebe Familie Kirsten einschließlich der tapfer hier ausharrenden Enkel, werte Damen und Herren Abgeordnete und Ratsmitglieder, hochansehnliche Festver­sammlung, Freundinnen und Freunde der Dichtkunst von nah und fern,</p>
<p>ich freue ich mich sehr über die Gelegenheit, an diesem würdigen Ort und in Gegenwart so zahlreicher, bedeutender und anlassgemäß mildge­stimmter Häupter der Kulturwelt meinen persönlichen Preisgesang auf das nun achtzigjährige Geburtstagskind anstimmen zu dürfen. Ich tue das mit Vergnügen und aus vollem Herzen. Sicherheitshalber habe ich aber ein Manuskript mitgebracht, damit mir der Mund nicht zu sehr übergeht. Meine Rede hat zehn Kapitel. Aber Sie müssen nicht erschrecken. Es wird nicht langweilig. Denn jedes Kapitel ist einem Aspekt im Werk oder im Leben von Wulf Kirsten gewidmet, und zwar so, dass sich alle Ab­schnitte hoffentlich zu einem Ganzen runden. Also nicht wie zehn Paragra­phen sollen die Teile sein, sondern ungefähr so wie die Frucht­kam­mern einer Orange.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das erste Kapitel heißt »Klipphausen«</span></h4>
<p>geboren zu Klipphausen, zwei morgen wind<br />
hinterm haus &#8230;</p>
<p>so beginnt das berühmte Gedicht <em>Erdlebenbilder</em> von Wulf Kirs­ten. Geboren in einem Dorf am Sommeranfang vor 80 Jahren auf der »Erde bei Meißen«. Und die Erde ist, jedenfalls bei Meißen, wirklich schön, besonders, wenn der Himmel »glänzt wie gloriaseide«. Wulf Kirs­ten hat mich, der ich als nordrheinwestfälischer Großstädter aufwuchs und als fast lebenslanger Bürohäftling nicht an viel gute Natur gewöhnt bin, einmal im Juni über die Erde bei Meißen geführt. Ich erinnere mich an duftende Erdbeerfelder, ich erinnere mich an eine Mühle im Tal und daran, dass in dieser Gegend sogar der Bach, vermutlich wegen seiner erfrischenden Anmut, weiblichen Geschlechts ist, und dass uns die süßes­ten Kirschen in den Mund gewachsen wären, wenn wir uns nur getraut hätten den Kopf nach hinten zu biegen. Das war an einem sonnigen Samstag­nachmittag in der Nähe von Klipphausen, es könnte in Klein­schön­berg gewesen sein, ich erinnere mich nicht genau, aber das ist nicht schlimm, denn eigentlich war es im Paradies. Es ist schon wahr, was Wulf Kirsten schreibt: »prunkvoll getäfelte wohnungen / sind zu beziehen / unter freiem himmel.«</p>
<p>Also geboren 1934 – das war, nebenbei bemerkt, das Jahr, in dem die Nazis den deutschen Eintopfsonntag einführten. Einen Dorfjungen haben wir uns vorzustellen, goldene Löffel waren ihm nicht in die Wiege gelegt, »armer karsthänse nachfahr« nennt er sich, es würde zu arbeiten sein, das war absehbar. In dem Gedicht <em>Woherwohin</em> heißt es:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>ich schnauf, ich rühr im schlamm, ich kaue sauerampfer,</em><br />
<em> ich sitz verdreckt auf einem rodestock im wald</em><br />
<em> und leb getrost im stande der geflickten hosen.</em></p>
<p>Es muss glückliche Augenblicke gegeben haben, wie uns das Gedicht <em>Kindheit</em> lehrt:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>hinter dem dorf</em><br />
<em> saß ich, eines bauern hütejunge,</em><br />
<em> auf herbstnem graskleid</em><br />
<em> im geruch der umwaldeten wiesen.</em><br />
<em> ich war der Kuhfürst</em><br />
<em> sancta simplicitas</em><br />
<em> im brombeerverhau.</em><br />
<em> umgetan hatte sich</em><br />
<em> alles geschmeide</em><br />
<em> farbentrunkener oktober.</em><br />
<em> rauchdurchzüngelt im gelände</em><br />
<em> war alles laubwerk</em><br />
<em> von blakenden kräutichtfeuern.</em><br />
<em> querfeldein</em><br />
<em> über der dorfmark ornament</em><br />
<em> schweiften wir,</em><br />
<em> ich ohne hirtengesang</em><br />
<em> und die malmende herde</em><br />
<em> ich und meine herde,</em><br />
<em> eine passion des herbstes.</em></p>
<p>Wulf Kirsten hat sich der unberühmten ländlichen Schönheit der Erde bei Meißen dichterisch angenommen. Und wie! »die hafergelben flan­ken / seines gelobten lands / seine rauhe, rissige erde« hat er, wie es in eiem anderen Gedicht heißt, »ins wort« genommen. Dabei hat er eine Sprache und einen Ton gefunden, die weit entfernt sind von dekorativer Verklärung des Lands, seiner Leute, seiner Ochsen und seiner Hornoch­sen – seine Lyrik ist frei von »bukolischer lügenpost«. Es ist eine immer neu überraschende Landschaft aus Sätzen und aus Wörtern, von denen man viele vergeblich in Wörterbüchern sucht – versuchen Sie ja nicht, ein Gedicht von Wulf Kirsten durch ein Spracherkennungsprogramm oder gar eine Übersetzungsmaschine zu jagen – Ihr Computer würde Stein und Bein spucken. Es ist eine Sprache jenseits gemütvoller Sinnerwartun­gen, eine Sprache jenseits eingeübter Wendungen – eine unruhig drän­gende Sprache, manchmal meint man, die physischen und die metaphysi­schen Dinge selbst rebellieren und poltern zu hören gegen die durch Lo­gik, Grammatik und Konvention gesetzten Grenzen sprachlichen Aus­drucks. Wulf Kirstens Gedichte sind ein Wider­standsnest gegen die internati­onale Diktatur der Plastikwörter, wie Uwe Pörksen sie genannt hat.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das zweite Kapitel heißt Die Ackerwalze und Abschied vom Lande</span></h4>
<p>Wulf Kirsten lässt uns kein Wort lang vergessen, dass wir Erdmenschen sind, dass unsere Sprache Teil der Landschaft und die Landschaft Teil des Menschen ist – und manchmal spricht auch die Erde selbst, wie in dem nun folgenden Gedicht. Es erzählt von einem ländlichen Ehepaar, das den Boden mit einer Stele walzt und dabei den auf der Stele stehen­den Grabspruch in die Erde prägt:</p>
<p style="padding-left: 60px;">DIE ACKERWALZE<br />
meiner Eltern gedenkend</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>mein vater, perfekter steinmetz</em><br />
<em> und nebenher landmann, mit sinn</em><br />
<em> fürs praktische, sah in einer gestürzten grabsäule,</em><br />
<em> aus dem block gehauen</em><br />
<em> und poliert für die ewigkeit,</em><br />
<em> eine ackerwalze über das feld rollen,</em><br />
<em> erdklumpen zerdrücken, das saatbeet bereiten.</em><br />
<em> wenn sich zwei vorspannen,</em><br />
<em> in die kopfseile stemmen,</em><br />
<em> ersetzt der sparsame starrsinn</em><br />
<em> das zugvieh im joch.</em><br />
<em> jahr um jahr zogen die walze</em><br />
<em> steinzeitlich</em><br />
<em> am eisengestänge über eigenen grund</em><br />
<em> und reformierten boden</em><br />
<em> bergunter, bergauf,</em><br />
<em> vater und mutter, ohne zu murren und aufzustecken,</em><br />
<em> immer mit letzter kraft in den sielen,</em><br />
<em> längs der starren deichsel</em><br />
<em> zum gespann getreulich vereint,</em><br />
<em> walzten sie mit jeder umdrehung</em><br />
<em> des rollierenden grabsteins</em><br />
<em> in altmodischer schnörkelschrift,</em><br />
<em> zur spirale gedreht, in den lehm:</em><br />
<em> geliebt, beweint und unvergessen.</em></p>
<p>Wir verabschieden uns nun vom Dorf und verlassen die engere sächsische Welt um Klipphausen, obwohl es da noch allerhand zu sagen gäbe, nicht nur über die bei Klipphausen gelegene Kleinstadt Wilsdruff. Wulf Kirsten hat ihr – und damit zugleich allen Kleinstädten, die um gute Bahnan­schlüsse kämpfen müssen – in der Erzählung »Kleewunsch« ein liebevoll-ironisches Portrait gewidmet. Wir springen ins Jahr 1965. Wulf Kirsten ist 31 Jahre alt, hat seine kaufmännische Lehre und einige Berufserfahrung hinter sich, er hat die Arbeiter- und Bauernfakultät in Leipzig besucht, Deutsch und Russisch studiert und kurze Zeit als Lehrer gearbeitet. Militär­dienst hat er nicht geleistet. Auf Nachfrage sagte er mir, es habe sich bei ihm wohl um so eine Mischung aus Schwejk und Felix Krull gehan­delt, er habe bei Musterungen immer zu hohen Blutdruck bekom­men – wie ich gehört habe, soll er dann zum Versehrtensport abkomman­diert worden sein und – welch süße Bestrafung! – junge Studentinnen im Zivilschutz unterweisen müssen. Ob das nun so oder so ähnlich war – mit 31 jedenfalls ist Wulf Kirsten auf Stellungssuche, schreibt Gedichte und treibt, dem hohen Blutdruck zum Hohn, einen anstrengenden Sport. Er ist nämlich als Kletterer unterwegs, in der Sächsischen Schweiz, wo die Gipfel so schöne Namen haben wie Querkopf Lenin und Höllenhund­scheibe. Klettern ist der Kraftsport der Intelligenz, die Kraft darf nicht irgendwo am Körper als peinlicher Muskelhügel sitzen – nach dem bekann­ten Motto: 1000 Volt im Arm, aber oben brennt kein Licht –, sondern sie muss als gleichsam dezentrale bewegliche Energie raffiniert verteilt sein, bis in Hand und Fuß, in die Fingerkuppen und die Zehen reichen und nicht nur Wucht sondern zugleich Schnellkraft und Zähigkeit sein. Klettern ist auch der Sport altruistischer Einzelgänger – einer muss das Seil halten. Und Klettern ist Angstbekämpfung – denn die Angst ist beim Bergsteigen immer mit unterwegs, als seelischer Zustand und ganz körperlich in Gestalt der sogenannten »Nähmaschine« als ein plötzlich auftretendes unkon­trol­liertes Muskelzittern, das von Freunden des Rock ’n’ Roll auch »Elvis« genannt wird. All dies und die 150jährige sächsiche Tradition kleinteilig organisierter, widerstandsfähiger Bergsteiger-Klubs – wir lesen von einer trotzkistischen Kletterergruppe im Dritten Reich – klingt in Wulf Kirstens Gedicht <em>Bergsteiger</em> von 1971 an, aus dem ich hier nur wenige Zeilen zitiere:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>hochsteigen, wo kein weg ist.</em><br />
<em> sich einfach hochziehn am bergleib</em><br />
<em> mit den fingerkuppen</em><br />
<em> &#8230; an senkrechter felswand halt suchen,</em><br />
<em> fuß fassen auf den schultern des baumanns,</em><br />
<em> am nackten stein kleben,</em><br />
<em> &#8230;</em><br />
<em> höhe gewinnen an der hangeltraverse,</em><br />
<em> im kamin hochlaufen auf händen und füßen,</em><br />
<em> die schultern in die scharte gestemmt</em><br />
<em> &#8230; über des teufels nadelkissen springen,</em><br />
<em> auf die Höllenhundscheibe,</em><br />
<em> dem satan auf den kopf &#8230;</em><br />
<em> fällt einer ins seil,</em><br />
<em> werden die fäuste des andern nicht aufgehn. &#8230;</em></p>
<h4></h4>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das dritte Kapitel: »Los angeles muertos – Die toten Engel«</span></h4>
<p>Das Wort Engel kommt von griechisch angelos, lateinisch angelus, der Engel, und angela, die Engelin. Auf Deutsch heißt angelos Bote und nicht nur in der christlichen Religion ist der Engel ein Botschafter Gottes, der auf die Erde kommt, zum Beispiel nach Deutschland, und dort, wie zum Beispiel in dem bekannten Wim-Wenders-Film, Kontakt mit Künstlern aufnimmt. In neuerer Theologie ist der Engel die Personifizierung der Botschaft, also ein Bild, mit dem gesagt werden soll, dass Gott mit den Menschen spricht, ein Übersetzer der Sprache des Himmels in Men­schen­worte.</p>
<p>Was aber hat Wulf Kirsten mit all dem zu schaffen? Nun, Wulf Kirs­ten ist nicht nur selbst Objekt der Wissenschaft, der germanistischen vor allem im In- und Ausland, Wulf Kirsten ist »poeta doctus«, ein gelehrter Dichter, und es gibt ziemlich wenig im Bereich der Poesie, mit dem man ihn überraschen kann. Wer seine oft wie naturbelassen klingenden Ge­dichte ein zweites und drittes Mal liest, erkennt den Künstler und sein Handwerkszeug, Asyndeton – Anapher – Hyperbaton – Anadiplose – alles, was das Herz des Deutschlehrers höher schlagen lässt, ist hier am Werk, um Worte aufzuladen, Steigerung zu erreichen, Leben zu erzeugen – allerdings nicht einfach so, sondern zu einem Zweck, den der griechi­sche Grammatiker Longinos im 1. Jahrhundert u. Z. so beschrieb: mit allen diesen Mitteln »wollen die besten Schriftsteller &#8230; das Wirken der Natur nachahmen: Dann nämlich ist Kunst am Ziel, wenn sie als Natur erscheint; die Natur wieder ist vollendet, wenn sie die Kunst unmerkbar einschließt.«</p>
<p>Das Fundament dazu hat sich Wulf Kirsten als Student in der deut­schen Bücherei zu Leipzig geschaffen, wo er jede freie Minute verbrachte und las. »Ich hatte (dort) ein Mauseloch gefunden«, schreibt er, »aus dem ich aus der DDR herauszublicken vermochte ins Weltläufige, so dass sich die öffentlichen, auch ideologisch grenzbefestigten Maßstäbe verwinzig­ten.«</p>
<p>Sein Blick ging in deutschsprachige Literatur aus Ost und West, er blieb dort aber nicht stehen, sondern wanderte in die Welt, z. B. zu Walt Whitman’s »Leaves of Grass«, zu Charles Baudelaires »Blumen des Bö­sen«, zu Arthur Rimbaud’s »trunkenem Schiff« und zu den spanischen Dichtern des 20. Jahrhunderts. Hier stieß er auf Rafael Alberti, der von 1902 bis 1999 lebte und Ende der 20er Jahre ein Gedicht schrieb mit dem Titel »Los angeles muertos«. Wulf Kirsten bezeichnet das Gedicht als eines der Gipfel-Gedichte, das ihm immer wieder Kraft und Mut gegeben habe, sich zu einer vielleicht unerreichbaren Gestaltungshöhe aufzuschwin­gen, um »weiterzuschreiben auf den eigenen Ton hin, auf einen Individualstil«.</p>
<p>Hier Wulf Kirstens deutsche Nachdichtung:</p>
<p style="padding-left: 60px;">DIE TOTEN ENGEL</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Sucht sie, sucht sie doch:</em><br />
<em> in der Schlaflosigkeit vergessener Röhrfahrten,</em><br />
<em> in Abzugsgräben, verschüttet vom Schweigen des Kehrichts,</em><br />
<em> in der Nähe von brandigen Tümpeln, die keine Wolke mehr spiegeln</em><br />
<em> nie mehr ein Paar verlorene Augen,</em><br />
<em> weder einen zerbrochenen Ring</em><br />
<em> noch einen zersplitterten Stern.</em></p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Ich hab sie gesehn,</em><br />
<em> auf wilden Schutthalden, plötzlich aus Nebelfeldern getaucht.</em><br />
<em> Ich hab sie berührt</em><br />
<em> in der Öde, wo ein toter Ziegel lag,</em><br />
<em> den ein Karren verlor, eingegangen ins Nichts.</em><br />
<em> Nie sind sie fern, wenn ein Schornstein stürzt,</em><br />
<em> wenn glitschige Blätter sich an die Schuhsohlen heften.</em><br />
<em> Dort sind sie, überall,</em><br />
<em> noch in jenen verdorbenen Spänen, die kein Feuer mehr frißt,</em><br />
<em> in der Verschollenheit gebrechlicher Stühle,</em><br />
<em> unweit der Kritzel und Krakel, eingefroren auf grindigen Mauern.</em></p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Sucht sie, sucht sie doch:</em><br />
<em> unter dem Wachstropfen im Buch, der ein Wort begrub</em><br />
<em> oder den Schriftzug auf einem Brieffetzen,</em><br />
<em> den der Wind durch den Staub schleift,</em><br />
<em> nah einer Flaschenscherbe, im Unrat verkommen,</em><br />
<em> einer abgetretenen Schuhsohle, verirrt im Schnee,</em><br />
<em> einem Rasiermesser, verlorengegangen am Rand eines Abgrunds.</em></p>
<p>Der amerikanische Philosoph und Mathematiker Charles Sanders Peirce sagt: »Jedes wahre Gedicht ist ein vernünftiges Argument.« Ich habe mich ge­fragt, wofür dieses Gedicht von den toten Engeln ein Argument ist, dieses Gedicht, das Wulf Kirsten sehr tief durchdacht haben muss, als er es übersetzte. Ich glaube, es hat etwas mit dem Grund zu tun, aus dem überhaupt Gedichte geschrieben werden. Dieser Grund kann sich ja nicht da­rin erschöpfen, uns mitzuteilen, dass es Scherben, Schuhsohlen, Schutthal­den, Schnee und Schornsteine gibt. Die Arbeit der Dichtkunst scheint in Übersetzung und Verwandlung zu bestehen, in der unbegreifli­chen Verwandlung der Dinge und Worte in Gegenstände der fluiden Welt des Denkens, Fühlens und Glaubens – zur Flamme wird der Staub, sagt Rilke, und so denke ich, dass jedes wahre Gedicht von einem Engel begleitet ist. Und es könnte sein, dass wir durch Rafael Albertis Gedicht aufgefordert sind, in allen Dingen und unter allen Umständen, auch am Rande des Abgrunds, nach dem Engel zu suchen, der sie begleitet, nach der Wahrheit, deren Ausdruck sie sind, weil das Universum mit allen Einzeldingen – jetzt zitiere ich erneut Charles Sanders Peirce – »ein gro­ßes Symbol für Gottes Absicht ist«.</p>
<p>Die Überschrift meines vierten Kapitels habe ich wieder einem Ge­dicht von Wulf Kirsten entnommen. Sie heißt: Lob der Datenverarbei­tung.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das vierte Kapitel: Lob der Datenverarbeitung</span></h4>
<p>1965 kam Wulf Kirsten nach Weimar. »In Weimar beginnt eigentlich mein Leben« hat er einmal gesagt. Er hatte eine Bewerbung an den Auf­bau-Verlag geschickt, das empfindet er noch heute als mutig, wenn nicht gar verwegen, aber er hatte Erfolg. Wulf Kirsten war Teil einer jungen Truppe, zu der auch Joachim Golz und Konrad Paul gehörten, die beide heute hier sind. In dem Band <em>Gegenbilder des Zeitgeists</em> von 2009 sind Erinnerungen aus dem Lektorenleben nachzulesen. Zu diesem Leben gehörte beiläufig die Datenverarbeitung.</p>
<p>Wir haben uns daran gewöhnt, dass unser Leben heute zu einem gu­ten Teil nicht von Menschen, sondern von Maschinen gesteuert wird, von de­nen man noch nicht weiß, ob sie dümmer oder klüger als Menschen sind. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass es eine bedeutende und stetig wach­sende Anzahl von Texten gibt, die weder von einem Menschen geschrie­ben noch gar gelesen wurden. Die interessante Frage ist, ob die in die­sen Texten engelsgleich dahindämmernden Sinngehalte überhaupt existieren. Bevor wir aber beim Nachgrübeln darüber auf das seit dem Altertum umstrittene Problem der von menschlicher Wahrnehmung unab­hängigen Existenz von Ideen kommen, wenden wir uns einem besonde­ren Gedicht von Wulf Kirsten zu, dem <em>Lob der Datenverarbeitung</em>. Er schrieb es in einer Zeit, als die Automatisie­rung von Arbeitsprozessen noch Kybernetik hieß und mit Lochkarten arbeitete, Anfang der 70er Jahre. Die unvermeidlichen Verar­mungen und Sinnverluste, auch die unfreiwillig komischen Sinnver­schiebungen, die bei der Umwandlung der Wirklichkeit in binäre Maschinen­sprache auftreten, sind hier zu einem kostbaren und etwas halsbrecherischen Poem verdichtet worden.</p>
<p style="padding-left: 60px;">LOB DER DATENVERARBEITUNG</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>das alphabet verwalten</em><br />
<em> männlich oder weiblich in zwei spalten</em><br />
<em> entweder od</em><br />
<em> bekannt ist nur der hierarchische code</em><br />
<em> das lochfeld vollkommen ausfüllen</em><br />
<em> sich dann in schweigen hüllen</em><br />
<em> ein unter-, ober-, aber-, über-, vor- und hinterloch</em><br />
<em> ist immer noch der beste koch.</em><br />
<em> ein a gelocht</em><br />
<em> ein ei gekocht</em><br />
<em> ein c gestrichen</em><br />
<em> die schulden elektronisch beglichen</em><br />
<em> gestürzt gedreht gepocht</em><br />
<em> gerüttelt geschüttelt</em><br />
<em> gerupft gestopft geklopft</em><br />
<em> mal ausgelocht mal eingelocht</em><br />
<em> und eingefärbt und angeschwärzt</em><br />
<em> schließ aus schließ ein beherzt</em><br />
<em> die kybernetische maus</em><br />
<em> sieht aus ihrem loch heraus</em><br />
<em> die nullen immer mit verlochen</em><br />
<em> wie von der tarantel gestochen</em><br />
<em> in steter sorge um</em><br />
<em> rückt an, kreuzt auf und an</em><br />
<em> und ab und zu ganz still und stumm</em><br />
<em> gleich mann für mann</em><br />
<em> die achte revision</em><br />
<em> vom neunten bataillon</em><br />
<em> jeder sportlehrer hat eine nummer</em><br />
<em> numerierte figuren haben keinen kummer</em><br />
<em> der code ist verschlüsselt</em><br />
<em> der schlüssel vermasselt</em><br />
<em> schlamassel</em><br />
<em> alphabet, du assel</em></p>
<p>Auf Befragen sagte mir Wulf Kirsten, bei diesem Gedicht handele es sich um die leicht überarbeitete Mitschrift aus einem Datenverarbeitungskurs, den er in den Anfangsjahren seiner Lektorenzeit zu absolvieren hatte.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das fünfte Kapitel: »Die Weigerung, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, ist seit der Antike jeder Staatsform zum Verhängnis geworden.«</span></h4>
<p>Dies ist ein Zitat von Wulf Kirsten aus dem Nachwort zu einem der von Christoph Victor herausgegebenen Bücher über 1989/1990, die ich mit fieberndem Herzen gelesen habe. Sie geben beredte Auskunft auch über den Anteil, den Wulf Kirsten und viele der hier im Saale Anwesenden am Oktoberfrühling hatten. Ich für mein Teil habe die entscheidenden Tage in einem Waldhaus in der Eifel verbracht, mit den weltgeschichtlichen Geschehnissen verbunden lediglich durch den nebelverhangenen Bild­schirm eines altersschwach blökenden Schwarz-Weiß-Fernsehers. Ich weiß, dass ich mörderische Angst hatte, es könne geschossen werden, ich weiß, dass ich die Menschen, die ich im Fernsehen demonstrieren und die Wahrheit sagen, singen und rufen sah, für ihren bestürzenden Mut etwa so bewunderte, wie ich zwanzig Jahre vorher Martin Luther King bewun­dert hatte. Das war vielleicht ein Echo des Gefühls, das Wulf Kirsten als »säkulares Erhobensein« beschrieben hat. Was die Lehren daraus betrifft, zitiere ich hier gern noch einige Sätze aus Wulf Kirstens Nachwort zur 2009 erschienenen Zweiten Auflage des Oktoberfrühlings:</p>
<p>»Ich habe nicht bereut und werde dies auch nicht tun, wenigstens das Scherflein der Witwe zur Abschaffung eines Systems beigetragen zu ha­ben, das am Ende an einem unentwirrbaren Lügenfilz erstarrt und schließ­lich erstickt ist. Zu dieser Wahrheitsfindung &#8230; gehört für mich sprachkritisches Denken und entsprechender Umgang mit Sprache. Wie oft spreizen sich, um etwas zu bemänteln, wenn nicht gar zu vertuschen, Schönredner und Schönfärber mit neuen rasch verschleißenden Phrasen und Euphemismen. &#8230; Phrasendrescher schaffen kein Vertrauen &#8230; dies gilt für alle, die mit Sprache umgehen, sekundäre Analphabeten nicht ausgenommen. Ich für mein Teil verteidige die Sprache als Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Natürlich weiß ich sehr wohl, daß Wort-Denken-Handeln-Tat eine Einheit bilden müssen. Nur in dieser Verbin­dung ist Wahrheit zu haben. &#8230;«</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Mit dem sechsten Kapitel erreichen wir die Gegenwart.</span></h4>
<p>Wulf Kirstens Weg hätte, wenn er das gewollt hätte, in den 90er Jahren in hohe Ämter führen können. Er wollte aber nicht, was für die hohen Äm­ter schlecht war, aber gut für andere, z. B. sehr gut für die Literarische Gesellschaft Thüringen e. V. Wulf Kirsten ist ihr Mitglied Nr. 001. Er hat die Gesellschaft 1991 mit gegründet und war lange Jahre ihr Vorsitzender und Vorstand. Auch mir als einem seiner Nachfolger im Amt hat er unend­lich viele Stunden geschenkt, in denen wir Projekte entworfen, bera­ten und auf den Weg gebracht haben. Ohne Wulf Kirsten gäbe es keinen Thüringer Literaturpreis, kein Harald-Gerlach-Stipen­dium und keine Edition Muschelkalk. Um Autoren, vor allem die jungen, kümmert er sich bis heute. Manchen, die hier im Saal sind, hat er die Liebe ange­tan, ihre Texte nicht nur zu lesen, sondern auch mit ihnen zu besprechen, zu verbessern, daran zu feilen – kurz mit ihnen zu arbeiten. Ich denke, es ist ein großes Glück, in einem so zarten und zugleich widerständigen Hand­werk wie dem der Lyrik einen Meister zu finden, der Lehrlinge annimmt, und zwar in jedem Sinn des Wortes. Und nicht nur für die Jungen bist Du, lieber Wulf, mit Deiner Genauigkeit in den Sachen der Kunst, mit der Zurückweisung aller Geschwätzigkeit, mit dem unbedingten Einstehen für die Poesie und die eigenen Texte ein Vorbild, dem wir unseren Dank, unsere Bewunderung und unsere äu­ßerst bewegte Zuneigung schenken.</p>
<p>Bis heute ist sich Wulf Kirsten übrigens nie zu schade, die Mühen der Ebene auf sich zu nehmen. Dafür geht er auch, wie man es von Stoß-stür­mern im Fußball verlangt, die Wege, die weh tun. Einmal hat er – ich glaube zusammen mit Gisela Kraft, Martin Straub und Wolfgang Haak – einen leibhaftigen, um nicht zu sagen einen äußerst leibhaftigen Kultus­minis­ter zur Förderung literarischer Anliegen kurzerhand zum Essen in ein edles Weimarer Restaurant eingeladen, was bei dem bekann­ten Appetit des Ministers sicher nicht ganz billig war. Aber auch seine physische Schmerzgrenze spielt für Wulf keine Rolle, wenn es darum geht, Gefahren nicht nur nicht auszuweichen, sondern ihnen mit Vehe­menz entgegenzutreten. Ich erinnere mich noch gut, wie ich ihn vor eini­gen Jahren auf der Hegelstraße traf. Er war gerade dabei, Einladungen für eine Lesung der Literarischen Gesellschaft in Briefkästen zu werfen. Während wir auf dem Bürgersteig in der Sonne standen und irgendetwas besprachen, näherte sich ein junger Mann auf einem Fahrrad, dessen Bremsen justament in diesem Augenblick versagten, was dazu führte, dass er Wulf schlichtweg umfuhr. Wer nun geglaubt hätte, dass der gestürzte Wulf sich durch diese hinterhältige Attacke hätte einschüchtern lassen, staunte nicht schlecht. Wulf schnellte nämlich mit einer bewundernswer­ten Spannkraft vom Boden in die Höhe und rief dem vielleicht zwanzigjähri­gen Studenten die denkwürdigen Worte zu: »Betrachten Sie sich als geohrfeigt, Sie Flegel!« Das geschah mit solcher Verve, dass der Student, der sich auf seinem Rad so gerade noch hatte halten können, schleunigst das Weite suchte. Man kann das dem Studenten nicht verar­gen, denn zu den vielen Begabungen des Wulf Kirsten gehört mit Sicher­heit die des spontanen, eruptiven und treffenden Fluchens. Den Ausdruck für Erfurt, den ich aus seinem Munde vernahm, habe ich für heute vorsichts­halber vergessen, und auch den Namen eines berühmten Men­schen, den er kürzlich als Niestüte und Prolet-Okkultisten bezeichnete, weil er ihn im Verdacht hatte, sich seine stammtischlerischen Meinungen im Wesentlichen durch Lektüre von Horoskopen zu bilden. Kehren wir aber zurück zu dem Studenten, der, das sei zur Ehre des jungen Mannes gesagt, fünf Minuten nach dem Unfall mit einer Tüte Kräutertee und einer rührenden Entschuldigung zurückkam und anschließend mit Wulf zusammen zu den nächsten Briefkästen wanderte, in friedliches Gespräch vertieft.</p>
<p>Ich bin noch nicht ganz fertig. Denn es warten noch vier kurze Kapi­tel, in denen es geht um Liebe, um Querköpfe, um Wanne-Eickel und den Kulturbahnhof Weimar.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Kapitel Sieben: Liebe</span></h4>
<p>Liebesgedichte sind ein heikles Genre. Denn die geläufige Erwartung geht doch eher in die Richtung »nobelpreisverdächtige Hand­tuchsprüche«, wie Wulf Kirsten sagt, oder es korrespondiert allzusehr mit der hier pars pro toto genannten Internetplattform <em>herzklopfen-online.de</em> und ähnli­chen Publikationen. Dergleichen ist von Wulf Kisten nicht zu haben. Und doch gibt es da ein Gedicht, das ich als Liebesgedicht identifiziert habe. Das Wort der Worte fällt nicht, aber das Gedicht spricht so klar und einfach und so nah an der Grenze des redlicherweise Aussprechbaren, dass es mir die Sprache verschlagen hat.</p>
<p>Das Gedicht beschreibt, wenn ich es recht verstehe, nicht mehr als die Erinnerung an eine Nuance, einen Zwischenton, eine Schattierung des Fühlens. Das Wort Wir fällt, es ist Nacht, der Mond scheint, aber das Wort Liebe fällt nicht, obwohl von nichts anderem die Rede ist. Es geht um jenen geheimnisvollen Augenblick verschwiegenen Einvernehmens zweier Herzen, der manchmal Anfang eines Glücks wird, manchmal äußer­lich folgenlos vorübergeht und auf ewig eine Erinnerung bleibt, für die es nie einen Beweis geben wird, eine Erinnerung, die als ein geheimnis­voll schöner Schmerz Bestand hat.</p>
<p style="padding-left: 60px;">MINZOWER ELEGIE</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>auf nebelbänken ruhte die nacht.</em><br />
<em> wir gingen durch koppeln,</em><br />
<em> atmeten grasduft.</em><br />
<em> das knirren der rinder rief uns nach.</em><br />
<em> undurchdringlich die leeren felder.</em><br />
<em> der weg zum see erzählte geschichten,</em><br />
<em> die ich vergaß.</em><br />
<em> wir schwiegen in die gespiegelte stille,</em><br />
<em> der es den atem verschlug. –</em><br />
<em> die erinnerungen leben getrennt.</em><br />
<em> nichts wiederholt sich:</em><br />
<em> der grasgeruch jener nacht,</em><br />
<em> die regungslosigkeit der leeren felder,</em><br />
<em> die strömung des mondrauchs über dem see,</em><br />
<em> gesichter, vergraben im laub.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Achtes Kapitel: Querköpfe</span></h4>
<p>Als ich 2001 von Köln nach Weimar kam, hatte ich das unschätzbare Glück, schon recht bald Wulf Kirsten kennen zu lernen. Wir sprachen über Köln und irgendwie kam ich auf einen adeligen kölner Mitbürger zu sprechen, einen gelernten Soloviolinisten. Er hatte dem Konzertbetrieb Ade gesagt, lebte in einer keineswegs drogenfreien und auch an Frauen und Kindern reichen Kommune, sah aus wie ein Räuberhauptmann, stellte sich mehrmals wöchentlich in die Fußgängerzone, packte seine Geige aus, begann zu fiedeln wie ein junger Gott, und sang oder vielmehr brüllte die wildesten antikapitalistischen Lieder, die man sich denken kann, was zu regelmäßigen Verhaftungen führte. Ich kannte ihn als Nach­barn aus familiären Auftritten am Nikolausabend, wo er den garsti­gen Knecht Ruprecht gab. Wie sich zu meiner großen Verblüffung heraus­stellte, war dieser rauhe Geselle auch Wulf Kirsten bestens be­kannt, er war interessanterweise so ziemlich der einzige gemeinsame Be­kannte, den wir in Köln hatten. Wulf hatte ihn in den 80er Jahren in Köln auf der Straße singen und geigen gesehen, war bei späterer Gelegen­heit auf seine Texte gestoßen und kannte sogar seinen Geburts­ort, nämlich Dippoldiswalde in Sachsen. Vor zwei Jahren gelang es uns, ein Gesprächskonzert mit Wulf Kirsten und Klaus Christian von Wro­chem alias Klaus dem Geiger in Weimar zustande zu bringen und es war ein Abend der fröhlichsten Anarchie.</p>
<p>Warum erzähle ich das? Es geht nicht nur um das anarchische Bro­deln, das vielen Gedichten und übrigens auch Essays von Wulf Kirsten die unverkennbare Würze gibt. Es geht auch nicht nur um sein lexikali­sches Namensgedächtnis. Es geht um seine Vorliebe für das Nichtkanoni­sche, die sich auch aus der schon erwähnten Anthologie ablesen lässt. Und wie viele Gedichte hat Wulf Kirsten der Schilderung nichtkanoni­scher Künstler, ja überhaupt nichtkanonischer Menschen gewidmet! »Auf der unerbittlichen Suche nach Wahrheit, nach dem Absoluten, nach mehr Tiefenschärfe &#8230; wird der Schriftsteller zum Randläufer und Außensei­ter der Gesellschaft. Aus dieser Distanz sieht er schärfer, ge­nauer, schreibt Wulf Kirsten und: »Will ein Gedicht dem Leser etwas mitteilen über das hinaus, was er ohnehin schon weiß, muß es den Mut zu ei­ner Pionierleistung aufbringen. So wie Kunst vom Mut zur Erstbege­hung, zur Erstsetzung, zur Erstbenennung lebt. &#8230; Zu diesem transformieren­den Kraftakt &#8230; gehört &#8230; der individualistische Mut zur Identitätsfindung, selbst zu sein und dieses Selbsterkennen in eine uner­hörte Mitteilung zu verwandeln.«</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Kapitel Neun: Auf Reisen</span></h4>
<p>Als die literarische Gesellschaft vor einigen Jahren begann, Gedichte thürin­ger Autoren auf Plakaten an Litfaßsäulen zu präsentieren, baten wir auch Wulf Kirsten um ein Gedicht. Das war ein Problem. Denn das Format ließ nur sehr kurze Gedichte zu und Wulf Kirsten schreibt selten kurze Gedichte. Ich glaube, das hat seinen Grund darin, dass seine Ge­dichte aus ihrer wuchtigen Dynamik leben. Sie steigern sich auf eine Schluss­zeile hin. Steigerung ist Bewegung und braucht Platz. Die Bewe­gung kommt auch durch die Verben ins Gedicht, manchmal auch dadurch, dass sich das lyrische Ich selbst bewegt, oft auf einer Wanderung oder im bewegten Gespräch, manchmal mit der Eisenbahn beim unfreiwilligen Anhören der Verkündungen auftrumpfender Ge­schäfts­leute, selten im Auto, denn Wulf Kirsten hat, soweit ich weiß, keinen Führerschein, immer neugierig auf Ortsnamen, unterwegs durch das Saaletal, wo wir Nietzsche begegnen, nach Kuks, an den Comer See, in die Provence, oder durch das Ruhrgebiet, dessen Landschaft selten so liebevoll und gnädig beschrieben wurde wie in dem Gedicht <em>Getrübter Himmel</em> von 1990, wo wir den, ich zitiere, »bizarrsten minutengebil­den aus qualm &#8230; schönen rauchzöpfen &#8230; schlieren &#8230; schlei­ern &#8230; wattezotten« begegnen, »&#8230; rechts Wanne-Eickel, links Wanne-Eickel.«</p>
<p>Da ist es schon vorbeigezogen, das neunte Kapitel, und da Wulf Kirs­tens Reisen seit fast fünfzig Jahren immer hier enden, endet auch mein Preisgesang hier, nämlich, mit meinem zehnten Kapitel, in Weimar. Aber wo und was genau ist Weimar? Die Stadt mit dem Berg über der Stadt, sagen einige, andere: die Stadt in der Nähe von Hottelstedt und Zot­telstedt, wieder andere: ein schön sanierter Schwebezustand zwischen Hier und Gestern unweit Scherkonde, Pfiffelbach und Ilm. Ach, es gibt viel zu viele richtige Antworten.</p>
<p>In einem weltberühmten amerikanischen Online-Lexikon finden sich folgende Aussagen: »Weimars geographische Koordinaten sind 29° 42′  Nord, 96° 47′  West &#8230; Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle in Weimar. Daneben finden sich fleisch- und blechverarbeitende Betriebe und ein Hersteller von Dichtungen.«</p>
<p>Wir fragen uns unwillkürlich, wer mit dem Hersteller von Dichtungen gemeint ist: Das muss doch Wulf Kirsten sein! Aber nein, Sie haben es längst erraten, das Online-Lexikon spricht gar nicht von Dichtung im Sinne von Poesie, sondern von technischen Vorrichtungen. Und über­haupt handelt der ganze Lexikon-Eintrag nicht von Weimar/Thüringen, sondern von Weimar/Texas, wie der Kundige an den geographischen Koordinaten bemerkt hat.</p>
<p>Wir sollten uns davon indes nicht ablenken lassen. Eine Stadt ist mehr als ihre geographischen Koordinaten, sie ist auch mehr als das, was Architek­ten verzapfen. Eine Stadt ist auch ein Ort des Geistes, im besten Fall gebauter Geist, Stein gewordene Idee, durchweht vom unendlichen, kontroversen Menschengespräch: talk of the town. Und ob sie als solche interessant und bedeutsam ist, hängt davon ab, ob sie ein gewisses intellektu­elles Reizklima hat. Das können nur Bürger schaffen, die ihrer Stadt Bestes suchen – mit Herz und Verstand und nicht immer zur kurzfristi­gen Freude des Bürgermeisters. Wer es gut mit der Stadt meint, der wünscht sich, dass Wulf Kirsten nicht aufhört, Vorschläge zu machen für Ehrenbürgerschaften, Straßenumbenennungen, Hausverkäufe und immer in sehr unmissverständlichen Worten. Auch wenns manchmal wehtut, lieber Oberbürgermeister, liebe Stadt- und Landräte, das müsst Ihr aushalten können: Du sollst, heißt es im 5. Buch Mose, dem Ochsen, der da drischet, nicht das Maul verbinden. Ehrt ihn! Die Stadt hat seinem kla­ren Wort mehr zu verdanken als manchem verklärten Hallelujah. Die Wahrheit, die heute für uns zählt, ist nur eine: Weimar ist die Stadt, in der Wulf Kirsten lebt und immer ein offenes menschliches Wort spricht. Und das merkt man ihr zum Glück auch an.</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Wehmütig</em><br />
<em> bin ich an Weimar</em><br />
<em> vorbeigefahren,</em><br />
<em> lieber Wulf,</em><br />
<em> kurzer Halt nur</em><br />
<em> am »Kulturbahnhof«,</em><br />
<em> wie auf der Leipziger</em><br />
<em> Buchmesse nach</em><br />
<em> deinen Lesungen.</em></p>
<p>so drückt es Dein alter Weggefährte Arnfrid Astel aus. Und es sind viele Weggefährten hier, Freunde aus alten und jungen Tagen, aus allen Himmels­richtungen sind sie gekommen, sogar aus Erfurt und Paris, Amtsträ­ger und Bartträger, ehrbare Verleger und verlegene Verehrer, Präsidentinnen und Dichterinnen, Musikerinnen und Bildhauer, Professo­ren und Übersetzer, Kinder und Enkel – was soll ich noch sagen? Du hast sie Dir alle redlich eingebrockt, mit Gedanken, Worten und Werken, lieber Wulf, Du mit Deiner Begabung, nach Wahrhaftigkeit zu graben, nach den Engeln zu suchen in den Zeiten der Datenverarbeitung, Du mit Deiner Frau Sofia und mit Euer beider allerfreundlichsten Bega­bung, nämlich der, Freunde und Helfer zu sein, und zwar nicht nur dann, wenn der Himmel glänzt wie Gloriaseide.</p>
<p>Ich zitiere aus dem Gedicht <em>Woherwohin</em> die letzten Zeilen:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>ich, redefigur aus erdreich,</em><br />
<em> verstreu eine handvoll worte &#8230;</em><br />
<em> ich, meine freunde, wir gehn, wir reden</em><br />
<em> immer ein menschliches wort.</em></p>
<p>Danke Ihnen allen für Ihre Geduld, und Dir lieber Wulf:</p>
<p><em>Herzlichen Glück­wunsch zum Geburtstag!</em></p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/wulf-kirsten-zum-80-geburtstag/">Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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