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	<title>Kirsten(Wulf) archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Einführende und abschließende Worte zu Lyriklesungen (01.09.20)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2020 16:28:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Kirsten(Wulf)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>  Einführende und abschließende Worte zu Lyriklesungen (01.09.20) In den letzten 15 Jahren fiel mir immer wieder die Aufgabe zu, Lyriklesungen einzuleiten und am Schluss noch ein paar Worte zum Ausklang zu sprechen. Das war eine schöne und ehrenvolle und immer wieder neue Erfahrung;  auf jeden Fall für mich, weil ich Gedichte liebe. Es war [&#8230;]</p>
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<li> </li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Einführende und abschließende Worte zu Lyriklesungen (01.09.20)</h1>
<p>In den letzten 15 Jahren fiel mir immer wieder die Aufgabe zu, Lyriklesungen einzuleiten und am Schluss noch ein paar Worte zum Ausklang zu sprechen. Das war eine schöne und ehrenvolle und immer wieder neue Erfahrung;  auf jeden Fall für mich, weil ich Gedichte liebe. Es war aber auch eine Herausforderung. Denn Lyriklesungen stehen unter dem Verdacht, dem literarischen Hochland anzugehören, was auch bei Freundinnen und Freunden der Literatur nicht jedermanns Sache ist. Es stellt sich da sehr leicht eine allzu weihevolle Stimmung ein, was sich u. a. darin äußert, dass die Zuhörer frühzeitig die Augen schließen, um sich dem »Inemuri«  hinzugeben, also jener Kulturtechnik des öffentlichen Nickerchens, die angeblich von japanischen Managern erfunden wurde und bei der die Wahrnehmung der Umgebung gerade soweit erhalten bleibt, dass Anwesenheit unbezweifelbar ist und durch Applaus an der richtigen Stelle sowie zumindest scheinbar sachdienliche Fragen nach Ende des Vortrags unter Beweis gestellt werden kann. Wer je den Loriot-Sketch über die Wasserglaslesung gesehen hat, weiß, wovon ich rede. Bei dem Versuch, dieser Atmosphäre etwas entgegenzuwirken, haben sich im Laufe der Jahre das folgende Eingangswort und die Schlussbemerkung gut bewährt. Zur Schlussbemerkung muss ich voranschicken, dass ich sie hier in ihrer vollständigen Fassung wiedergebe, zu der ein Gedicht von Wulf Kirsten gehört. Es trägt den Titel »stille«. Es ist vielfach veröffentlicht worden, auch in der Wochenzeitung »DIE ZEIT« und in der »Thüringer Anthologie«, weshalb ich es für vertretbar halte, das Gedicht hier für die nächsten 14 Tage wörtlich wiederzugeben.</p>
<p><strong>1. Einführende Worte zu Lyriklesungen</strong></p>
<p>Gedichte anzuhören ist mindestens so anstrengend wie Gedichte zu schreiben. Deshalb möchte ich Ihnen, liebes Publikum, meine besondere Anerkennung zollen, dass Sie sich hier hingesetzt haben! Und ich will Sie auf Folgendes aufmerksam machen. Poesie ist das Reich der Freiheit. Niemand kann Dichterinnen vorgeben, wie sie schreiben sollen. Es hat aber auch niemand das Recht, Besuchern von Lyrik-Lesungen vorzuschreiben, wie sie zuhören sollen. Sie dürfen also weinen, wenn Sie gerührt sind, lachen, wenn Ihnen zum Lachen ist, und wenn Ihr Mobiltelefon plötzlich zu jammern oder zu jauchzen beginnt, dürfen Sie es selbstverständlich zum Schweigen bringen, und wenn Sie schließlich zwischendurch einen Moment geistig abschalten müssen, weil der schöne Klang der Worte Sie sanft einzulullen beginnt, dann dürfen Sie auch dieser Neigung nachgeben und sich einen kleinen Wachtraum gestatten. Man muss, ja man kann bei Lyrik nicht alles in einem linearen Sinn wie einen mathematischen Beweis denkerisch nachvollziehen. »Auch Denken kann der Gesundheit schaden«, sagt übrigens Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik. Und Gedichte sind zu einem guten Teil aus Traum und Schaum, aus Stimmungen und Stimmen gemacht. In diesem Sinne gute und entspannte Unterhaltung.</p>
<p><strong>2. Worte zum Ausklang von Lyriklesungen: Stille zum Schluss</strong></p>
<p>Was, das fragen wir uns am Ende dieser poetischen Stunde, ist eigentlich das Besondere an Gedichten. Oder hat sich die Frage längst erledigt? Ist Poesie eine Sache von gestern, ein verlorener Posten? Man sagt ja, es werden heute keine Gedichte mehr gehört, gelesen und gelernt. Aber das ist absolut nicht wahr. Kinder und Jugendliche lernen ungebeten jede Menge gereimte und rhythmisierte Texte auswendig. Fragen Sie nach Sido und Kollegah – und Sie werden Wortsprudel über sich ergehen lassen müssen, viel Gereimtes, wenn auch nicht immer das Licht der Sterne. Man kann von Rap-Texten halten, was man will: Dass die jungen Leute etwas gegen Aussagen in gebundener Sprache hätten, ist einfach Quatsch. Sie sehnen sich danach, sie lieben ihre Gedichte, wenn es auch andere sind als die im Lehrplan herrschende Sorte. Und irgendwann werden sie vielleicht Goethe und Benn und Walther von der Vogelweide und Ringelnatz entdecken und vermutlich auch Wulf Kirsten. Er ist einer der bedeutendsten Lyriker der Gegenwart, ein preisgekröntes Haupt. Sein Gedicht »stille« passt sehr gut zu dem Besonderen, was Gedichte ausmacht. Jedes Gedicht ist eine Einladung zur Konzentration des Geistes, eine Einladung zum Zuhören. Der entscheidende Moment ist die Sekunde, bevor das Gedicht anfängt und die, die vergeht, wenn es aufgehört hat. Es ist der Augenblick, in dem wir der Stille zuhören: Sie umschließt den Raum, in dem wir eigentlich leben.  Dieser Raum ist hier an diesem Ort, aber es ist trotzdem ein universaler Raum, es ist der Raum unserer Gedanken und Gefühle. Sie allein geben dem, was wir sehen und hören und wollen und tun, einen Sinn. Und nur weil es diesen von Stille umhegten Raum gibt, lohnt es sich zu reden. Wie heißt es in der Apostelgeschichte: Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben. </p>
<p><strong>Wulf Kirsten</strong></p>
<p><strong>stille</strong></p>
<p>wenn es der stille endlich gelingt,<br />ungestört zu sich selbst zu kommen,<br />hörst du, wie sie plötzlich zu summen<br />anhebt, weiß ich, wie lange sie<br />brauchte, sich dieses imaginäre summen<br />auszudenken, äußert welthaltig<br />für jene, die ihr zuzuhören und sie<br />zu vernehmen bereit sind, du irrst,<br />wenn du meinst, dies sei doch recht<br />beiläufig, wenn nicht gar bloß<br />einbildung, nein, erst so wird<br />alles wesentliche, was dich umgibt<br />und dich ausmacht, in dieses unablässige<br />summen eingewoben und bildet textur,<br />es fragt sich nur, wer noch wollte<br />und sollte das überirdische hören,<br />alle ohren verstöpselt, alle blicke<br />weltab gerichtet auf smartphones,<br />die dazu verhelfen, nicht mehr gewahr<br />zu werden, die sie umfangende welt.</p>

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		<title>Grußwort bei der Eröffnung des poetischen Wanderwegs &#8222;7 Sätze über meine Dörfer&#8220; (Wulf Kirsten) (15.07.19)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jul 2019 01:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Kirsten(Wulf)]]></category>
		<category><![CDATA[Thüringer Literaturrat]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Grußwort bei der Eröffnung des poetischen Wanderwegs &#8222;7 Sätze über meine Dörfer&#8220; (Wulf Kirsten) (15.7.19) Am 23. Juni 2019 wurde im Schloss Klipphausen (bei Meißen in Sachsen) eine, soweit ich weiß, einmalige poetische Landfschaftsinstallation eröffnet. Entlang eines Wanderweges in und um Klipphausen sind auf fest installierten Metalltafeln 19 Gedichte des Lyrikers Wulf Kirsten zu lesen, [&#8230;]</p>
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<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Grußwort bei der Eröffnung des poetischen Wanderwegs &#8222;7 Sätze über meine Dörfer&#8220; (Wulf Kirsten) (15.7.19)</h1>
<p><em>Am 23. Juni 2019 wurde im Schloss Klipphausen (bei Meißen in Sachsen) eine, soweit ich weiß, einmalige poetische Landfschaftsinstallation eröffnet. Entlang eines Wanderweges in und um Klipphausen sind auf fest installierten Metalltafeln 19 Gedichte des Lyrikers Wulf Kirsten zu lesen, der am 21. Juni 2019 seinen 85. Geburtstag feierte. Die Gedichte stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der „erde bei meißen“, jener Landschaft, in der Wulf Kirstens Poesie verwurzelt ist. Es handelt sich um ein Projekt der Gemeinde Klipphausen mit dem Thüringer Literaturrat e.V., dessen Vorsitzender ich bin. </em></p>
<p>Sehr geehrter Herr Bürgermeister Mann,<br />
lieber Wulf Kirsten, liebe Sofia Kirsten,<br />
sehr geehrte und liebe Freundinnen und Freunde des Dichters Wulf Kirsten,</p>
<p>lassen Sie mich ein paar Worte des Dankes sagen für den Thüringer Literaturrat, der das Glück hatte, an dem mitzuwirken, was wir heute hier feiern. Eines der Ziele, die wir uns auf die Fahne geschrieben haben, besteht darin, dem Zusammenhang zwischen der Sprache, vor allem der dichterischen Sprache, und dem Raum, aus der sie hervorgegangen ist, nachzuspüren. Poesie wird als eine universale Sprache bezeichnet, aber sie kommt nicht aus dem Universum und sie spricht nicht zu den Sternen. Nein, sie hat ihre Herkunft und ihre Heimat auf der Erde und sie spricht zu uns als Menschen, die ebenfalls eine Herkunft haben und einen Raum, mit dem uns Gefühle, Gedanken, Bilder und Worte verbinden. Und ich freue mich sehr, dass die in Wahrheit archaische Verbindung der Poesie mit Landschaft und Herkunft gerade hier zu Tage treten kann: Auf der Erde bei Meißen, in Klipphausen, wo nun die Gedichte Wulf Kirstens ganz greifbar und körperlich Teil der Landschaft geworden sind und die Landschaft Teil der Poesie wird. Wir werden bei unserm Rundgang gleich beobachten können, wie ein Wort in der Landschaft seine Wirkung verändert und auch, wie die Natur eine Metalltafel mit einem Gedicht darauf in ihr eigenwilliges Spiel einbezieht, sei es, dass der Wind eines Baumes Blatt darauf ablegt oder dass sich ein Vogel darauf setzt und ein eigenes Gedicht singt.</p>
<p>Vor ungefähr einem Jahr waren Jens Kirsten und ich bei Ihnen, sehr geehrter Herr Bürgermeister. Wir hatten Ihnen einen Brief geschrieben und vorgeschlagen, diesen Rundweg mit Gedichten Wulf Kirstens einzurichten. Wir wurden hier in diesem Hause freundlich empfangen, bekamen Kaffee und es fing damit an, dass wir über dies und das und das und dies sprachen, über Klipphausen und die Sächsische Staatsregierung und über Schulneubauten und das Industriegebiet, und irgendwann beschlich mich das ungute Gefühl, die Sache läuft wie so oft, wenn man als Kulturverein etwas von einem Politiker will, er redet, verteilt Plätzchen, und redet und redet, bis man vergessen hat, warum man überhaupt gekommen ist. Also nahm ich mir ein Herz und fragte, wie es denn mit unserem Vorschlag für den Dichterweg ist, ob Sie dem vielleicht nähertreten können. Und Sie, lieber Herr Mann, haben eine Antwort gegeben, die ich in vielen Jahren in sehr vielen solcher Gespräche nicht ein einziges Mal gehört hatte. Sie sagten ganz einfach das schöne deutsche Wort: JA. Das machen wir.</p>
<p>Auf der Rückfahrt im Auto fragten wir uns, ob wir richtig gehört hatten. Ob Sie, lieber Herr Mann, nicht doch gesagt hätten, Sie müssten erst noch den Denkmalschutz einschalten – und die Zustimmung des Gemeinderats – und das sei natürlich schwierig – und wer denn was bezahlen sollte – und überhaupt der Datenschutz und die Rechtslage kompliziert undsoweiter. Am Schluss waren wir uns einig, Sie hatten tatsächlich Ja gesagt, Sie haben es auch nicht nachträglich relativiert oder irgendwelche Quisquilien aufgeworfen. Dem Wort folgte die Tat: Die Vorbereitungen liefen ohne Hast und ohne Aufgeregtheiten munter und freundlich wie ein sächsisches Uhrwerk. Es war eine zuverlässige und wohlgelaunte Zusammenarbeit. Und heute sind wir hier und sagen Danke. Ganz herzlichen Dank der Gemeinde Klipphausen, den vielen, die vor allem auch in den letzten Wochen und heute die großen und kleinen Mühen getragen haben mit soviel Liebe zur Heimat und ihrem Dichter, und ganz besonders danken wir Ihnen, sehr verehrter Herr Bürgermeister Mann, bei Ihnen Frau Jänigen, die als Hauptamtsleiterin sicher manche Last zu schultern hatten, und Euch beiden, lieber Wulf Kirsten und liebe Sophia Kirsten, und Ihnen allen, die Sie durch Ihre freudige Anwesenheit diesen wunderschönen Morgen unvergesslich machen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<item>
		<title>Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/wulf-kirsten-zum-80-geburtstag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Jun 2014 15:00:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches]]></category>
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		<category><![CDATA[Klipphausen]]></category>
		<category><![CDATA[Kraft(Gisela)]]></category>
		<category><![CDATA[Literarische Gesellschaft Thüringen e.V.]]></category>
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		<category><![CDATA[Wilsdruff]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag Gehalten am 21. Juni 2014 Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Lieber Wulf Kirsten, liebe Sofia Kirsten, verehrte Frau Ministerpräsi­dentin, geehrter Herr Oberbürgermeister, geachtete Stadträte und Landtags­abgeordnete, geschätzter Herr Präsident Seemann, liebe Familie Kirsten einschließlich der tapfer hier ausharrenden Enkel, werte Damen und Herren Abgeordnete und Ratsmitglieder, hochansehnliche Festver­sammlung, Freundinnen und Freunde [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literarisches/Laudatio-Wulf-Kirsten.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</h1>
<h3>Gehalten am 21. Juni 2014</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lieber Wulf Kirsten, liebe Sofia Kirsten, verehrte Frau Ministerpräsi­dentin, geehrter Herr Oberbürgermeister, geachtete Stadträte und Landtags­abgeordnete, geschätzter Herr Präsident Seemann, liebe Familie Kirsten einschließlich der tapfer hier ausharrenden Enkel, werte Damen und Herren Abgeordnete und Ratsmitglieder, hochansehnliche Festver­sammlung, Freundinnen und Freunde der Dichtkunst von nah und fern,</p>
<p>ich freue ich mich sehr über die Gelegenheit, an diesem würdigen Ort und in Gegenwart so zahlreicher, bedeutender und anlassgemäß mildge­stimmter Häupter der Kulturwelt meinen persönlichen Preisgesang auf das nun achtzigjährige Geburtstagskind anstimmen zu dürfen. Ich tue das mit Vergnügen und aus vollem Herzen. Sicherheitshalber habe ich aber ein Manuskript mitgebracht, damit mir der Mund nicht zu sehr übergeht. Meine Rede hat zehn Kapitel. Aber Sie müssen nicht erschrecken. Es wird nicht langweilig. Denn jedes Kapitel ist einem Aspekt im Werk oder im Leben von Wulf Kirsten gewidmet, und zwar so, dass sich alle Ab­schnitte hoffentlich zu einem Ganzen runden. Also nicht wie zehn Paragra­phen sollen die Teile sein, sondern ungefähr so wie die Frucht­kam­mern einer Orange.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das erste Kapitel heißt »Klipphausen«</span></h4>
<p>geboren zu Klipphausen, zwei morgen wind<br />
hinterm haus &#8230;</p>
<p>so beginnt das berühmte Gedicht <em>Erdlebenbilder</em> von Wulf Kirs­ten. Geboren in einem Dorf am Sommeranfang vor 80 Jahren auf der »Erde bei Meißen«. Und die Erde ist, jedenfalls bei Meißen, wirklich schön, besonders, wenn der Himmel »glänzt wie gloriaseide«. Wulf Kirs­ten hat mich, der ich als nordrheinwestfälischer Großstädter aufwuchs und als fast lebenslanger Bürohäftling nicht an viel gute Natur gewöhnt bin, einmal im Juni über die Erde bei Meißen geführt. Ich erinnere mich an duftende Erdbeerfelder, ich erinnere mich an eine Mühle im Tal und daran, dass in dieser Gegend sogar der Bach, vermutlich wegen seiner erfrischenden Anmut, weiblichen Geschlechts ist, und dass uns die süßes­ten Kirschen in den Mund gewachsen wären, wenn wir uns nur getraut hätten den Kopf nach hinten zu biegen. Das war an einem sonnigen Samstag­nachmittag in der Nähe von Klipphausen, es könnte in Klein­schön­berg gewesen sein, ich erinnere mich nicht genau, aber das ist nicht schlimm, denn eigentlich war es im Paradies. Es ist schon wahr, was Wulf Kirsten schreibt: »prunkvoll getäfelte wohnungen / sind zu beziehen / unter freiem himmel.«</p>
<p>Also geboren 1934 – das war, nebenbei bemerkt, das Jahr, in dem die Nazis den deutschen Eintopfsonntag einführten. Einen Dorfjungen haben wir uns vorzustellen, goldene Löffel waren ihm nicht in die Wiege gelegt, »armer karsthänse nachfahr« nennt er sich, es würde zu arbeiten sein, das war absehbar. In dem Gedicht <em>Woherwohin</em> heißt es:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>ich schnauf, ich rühr im schlamm, ich kaue sauerampfer,</em><br />
<em> ich sitz verdreckt auf einem rodestock im wald</em><br />
<em> und leb getrost im stande der geflickten hosen.</em></p>
<p>Es muss glückliche Augenblicke gegeben haben, wie uns das Gedicht <em>Kindheit</em> lehrt:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>hinter dem dorf</em><br />
<em> saß ich, eines bauern hütejunge,</em><br />
<em> auf herbstnem graskleid</em><br />
<em> im geruch der umwaldeten wiesen.</em><br />
<em> ich war der Kuhfürst</em><br />
<em> sancta simplicitas</em><br />
<em> im brombeerverhau.</em><br />
<em> umgetan hatte sich</em><br />
<em> alles geschmeide</em><br />
<em> farbentrunkener oktober.</em><br />
<em> rauchdurchzüngelt im gelände</em><br />
<em> war alles laubwerk</em><br />
<em> von blakenden kräutichtfeuern.</em><br />
<em> querfeldein</em><br />
<em> über der dorfmark ornament</em><br />
<em> schweiften wir,</em><br />
<em> ich ohne hirtengesang</em><br />
<em> und die malmende herde</em><br />
<em> ich und meine herde,</em><br />
<em> eine passion des herbstes.</em></p>
<p>Wulf Kirsten hat sich der unberühmten ländlichen Schönheit der Erde bei Meißen dichterisch angenommen. Und wie! »die hafergelben flan­ken / seines gelobten lands / seine rauhe, rissige erde« hat er, wie es in eiem anderen Gedicht heißt, »ins wort« genommen. Dabei hat er eine Sprache und einen Ton gefunden, die weit entfernt sind von dekorativer Verklärung des Lands, seiner Leute, seiner Ochsen und seiner Hornoch­sen – seine Lyrik ist frei von »bukolischer lügenpost«. Es ist eine immer neu überraschende Landschaft aus Sätzen und aus Wörtern, von denen man viele vergeblich in Wörterbüchern sucht – versuchen Sie ja nicht, ein Gedicht von Wulf Kirsten durch ein Spracherkennungsprogramm oder gar eine Übersetzungsmaschine zu jagen – Ihr Computer würde Stein und Bein spucken. Es ist eine Sprache jenseits gemütvoller Sinnerwartun­gen, eine Sprache jenseits eingeübter Wendungen – eine unruhig drän­gende Sprache, manchmal meint man, die physischen und die metaphysi­schen Dinge selbst rebellieren und poltern zu hören gegen die durch Lo­gik, Grammatik und Konvention gesetzten Grenzen sprachlichen Aus­drucks. Wulf Kirstens Gedichte sind ein Wider­standsnest gegen die internati­onale Diktatur der Plastikwörter, wie Uwe Pörksen sie genannt hat.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das zweite Kapitel heißt Die Ackerwalze und Abschied vom Lande</span></h4>
<p>Wulf Kirsten lässt uns kein Wort lang vergessen, dass wir Erdmenschen sind, dass unsere Sprache Teil der Landschaft und die Landschaft Teil des Menschen ist – und manchmal spricht auch die Erde selbst, wie in dem nun folgenden Gedicht. Es erzählt von einem ländlichen Ehepaar, das den Boden mit einer Stele walzt und dabei den auf der Stele stehen­den Grabspruch in die Erde prägt:</p>
<p style="padding-left: 60px;">DIE ACKERWALZE<br />
meiner Eltern gedenkend</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>mein vater, perfekter steinmetz</em><br />
<em> und nebenher landmann, mit sinn</em><br />
<em> fürs praktische, sah in einer gestürzten grabsäule,</em><br />
<em> aus dem block gehauen</em><br />
<em> und poliert für die ewigkeit,</em><br />
<em> eine ackerwalze über das feld rollen,</em><br />
<em> erdklumpen zerdrücken, das saatbeet bereiten.</em><br />
<em> wenn sich zwei vorspannen,</em><br />
<em> in die kopfseile stemmen,</em><br />
<em> ersetzt der sparsame starrsinn</em><br />
<em> das zugvieh im joch.</em><br />
<em> jahr um jahr zogen die walze</em><br />
<em> steinzeitlich</em><br />
<em> am eisengestänge über eigenen grund</em><br />
<em> und reformierten boden</em><br />
<em> bergunter, bergauf,</em><br />
<em> vater und mutter, ohne zu murren und aufzustecken,</em><br />
<em> immer mit letzter kraft in den sielen,</em><br />
<em> längs der starren deichsel</em><br />
<em> zum gespann getreulich vereint,</em><br />
<em> walzten sie mit jeder umdrehung</em><br />
<em> des rollierenden grabsteins</em><br />
<em> in altmodischer schnörkelschrift,</em><br />
<em> zur spirale gedreht, in den lehm:</em><br />
<em> geliebt, beweint und unvergessen.</em></p>
<p>Wir verabschieden uns nun vom Dorf und verlassen die engere sächsische Welt um Klipphausen, obwohl es da noch allerhand zu sagen gäbe, nicht nur über die bei Klipphausen gelegene Kleinstadt Wilsdruff. Wulf Kirsten hat ihr – und damit zugleich allen Kleinstädten, die um gute Bahnan­schlüsse kämpfen müssen – in der Erzählung »Kleewunsch« ein liebevoll-ironisches Portrait gewidmet. Wir springen ins Jahr 1965. Wulf Kirsten ist 31 Jahre alt, hat seine kaufmännische Lehre und einige Berufserfahrung hinter sich, er hat die Arbeiter- und Bauernfakultät in Leipzig besucht, Deutsch und Russisch studiert und kurze Zeit als Lehrer gearbeitet. Militär­dienst hat er nicht geleistet. Auf Nachfrage sagte er mir, es habe sich bei ihm wohl um so eine Mischung aus Schwejk und Felix Krull gehan­delt, er habe bei Musterungen immer zu hohen Blutdruck bekom­men – wie ich gehört habe, soll er dann zum Versehrtensport abkomman­diert worden sein und – welch süße Bestrafung! – junge Studentinnen im Zivilschutz unterweisen müssen. Ob das nun so oder so ähnlich war – mit 31 jedenfalls ist Wulf Kirsten auf Stellungssuche, schreibt Gedichte und treibt, dem hohen Blutdruck zum Hohn, einen anstrengenden Sport. Er ist nämlich als Kletterer unterwegs, in der Sächsischen Schweiz, wo die Gipfel so schöne Namen haben wie Querkopf Lenin und Höllenhund­scheibe. Klettern ist der Kraftsport der Intelligenz, die Kraft darf nicht irgendwo am Körper als peinlicher Muskelhügel sitzen – nach dem bekann­ten Motto: 1000 Volt im Arm, aber oben brennt kein Licht –, sondern sie muss als gleichsam dezentrale bewegliche Energie raffiniert verteilt sein, bis in Hand und Fuß, in die Fingerkuppen und die Zehen reichen und nicht nur Wucht sondern zugleich Schnellkraft und Zähigkeit sein. Klettern ist auch der Sport altruistischer Einzelgänger – einer muss das Seil halten. Und Klettern ist Angstbekämpfung – denn die Angst ist beim Bergsteigen immer mit unterwegs, als seelischer Zustand und ganz körperlich in Gestalt der sogenannten »Nähmaschine« als ein plötzlich auftretendes unkon­trol­liertes Muskelzittern, das von Freunden des Rock ’n’ Roll auch »Elvis« genannt wird. All dies und die 150jährige sächsiche Tradition kleinteilig organisierter, widerstandsfähiger Bergsteiger-Klubs – wir lesen von einer trotzkistischen Kletterergruppe im Dritten Reich – klingt in Wulf Kirstens Gedicht <em>Bergsteiger</em> von 1971 an, aus dem ich hier nur wenige Zeilen zitiere:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>hochsteigen, wo kein weg ist.</em><br />
<em> sich einfach hochziehn am bergleib</em><br />
<em> mit den fingerkuppen</em><br />
<em> &#8230; an senkrechter felswand halt suchen,</em><br />
<em> fuß fassen auf den schultern des baumanns,</em><br />
<em> am nackten stein kleben,</em><br />
<em> &#8230;</em><br />
<em> höhe gewinnen an der hangeltraverse,</em><br />
<em> im kamin hochlaufen auf händen und füßen,</em><br />
<em> die schultern in die scharte gestemmt</em><br />
<em> &#8230; über des teufels nadelkissen springen,</em><br />
<em> auf die Höllenhundscheibe,</em><br />
<em> dem satan auf den kopf &#8230;</em><br />
<em> fällt einer ins seil,</em><br />
<em> werden die fäuste des andern nicht aufgehn. &#8230;</em></p>
<h4></h4>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das dritte Kapitel: »Los angeles muertos – Die toten Engel«</span></h4>
<p>Das Wort Engel kommt von griechisch angelos, lateinisch angelus, der Engel, und angela, die Engelin. Auf Deutsch heißt angelos Bote und nicht nur in der christlichen Religion ist der Engel ein Botschafter Gottes, der auf die Erde kommt, zum Beispiel nach Deutschland, und dort, wie zum Beispiel in dem bekannten Wim-Wenders-Film, Kontakt mit Künstlern aufnimmt. In neuerer Theologie ist der Engel die Personifizierung der Botschaft, also ein Bild, mit dem gesagt werden soll, dass Gott mit den Menschen spricht, ein Übersetzer der Sprache des Himmels in Men­schen­worte.</p>
<p>Was aber hat Wulf Kirsten mit all dem zu schaffen? Nun, Wulf Kirs­ten ist nicht nur selbst Objekt der Wissenschaft, der germanistischen vor allem im In- und Ausland, Wulf Kirsten ist »poeta doctus«, ein gelehrter Dichter, und es gibt ziemlich wenig im Bereich der Poesie, mit dem man ihn überraschen kann. Wer seine oft wie naturbelassen klingenden Ge­dichte ein zweites und drittes Mal liest, erkennt den Künstler und sein Handwerkszeug, Asyndeton – Anapher – Hyperbaton – Anadiplose – alles, was das Herz des Deutschlehrers höher schlagen lässt, ist hier am Werk, um Worte aufzuladen, Steigerung zu erreichen, Leben zu erzeugen – allerdings nicht einfach so, sondern zu einem Zweck, den der griechi­sche Grammatiker Longinos im 1. Jahrhundert u. Z. so beschrieb: mit allen diesen Mitteln »wollen die besten Schriftsteller &#8230; das Wirken der Natur nachahmen: Dann nämlich ist Kunst am Ziel, wenn sie als Natur erscheint; die Natur wieder ist vollendet, wenn sie die Kunst unmerkbar einschließt.«</p>
<p>Das Fundament dazu hat sich Wulf Kirsten als Student in der deut­schen Bücherei zu Leipzig geschaffen, wo er jede freie Minute verbrachte und las. »Ich hatte (dort) ein Mauseloch gefunden«, schreibt er, »aus dem ich aus der DDR herauszublicken vermochte ins Weltläufige, so dass sich die öffentlichen, auch ideologisch grenzbefestigten Maßstäbe verwinzig­ten.«</p>
<p>Sein Blick ging in deutschsprachige Literatur aus Ost und West, er blieb dort aber nicht stehen, sondern wanderte in die Welt, z. B. zu Walt Whitman’s »Leaves of Grass«, zu Charles Baudelaires »Blumen des Bö­sen«, zu Arthur Rimbaud’s »trunkenem Schiff« und zu den spanischen Dichtern des 20. Jahrhunderts. Hier stieß er auf Rafael Alberti, der von 1902 bis 1999 lebte und Ende der 20er Jahre ein Gedicht schrieb mit dem Titel »Los angeles muertos«. Wulf Kirsten bezeichnet das Gedicht als eines der Gipfel-Gedichte, das ihm immer wieder Kraft und Mut gegeben habe, sich zu einer vielleicht unerreichbaren Gestaltungshöhe aufzuschwin­gen, um »weiterzuschreiben auf den eigenen Ton hin, auf einen Individualstil«.</p>
<p>Hier Wulf Kirstens deutsche Nachdichtung:</p>
<p style="padding-left: 60px;">DIE TOTEN ENGEL</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Sucht sie, sucht sie doch:</em><br />
<em> in der Schlaflosigkeit vergessener Röhrfahrten,</em><br />
<em> in Abzugsgräben, verschüttet vom Schweigen des Kehrichts,</em><br />
<em> in der Nähe von brandigen Tümpeln, die keine Wolke mehr spiegeln</em><br />
<em> nie mehr ein Paar verlorene Augen,</em><br />
<em> weder einen zerbrochenen Ring</em><br />
<em> noch einen zersplitterten Stern.</em></p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Ich hab sie gesehn,</em><br />
<em> auf wilden Schutthalden, plötzlich aus Nebelfeldern getaucht.</em><br />
<em> Ich hab sie berührt</em><br />
<em> in der Öde, wo ein toter Ziegel lag,</em><br />
<em> den ein Karren verlor, eingegangen ins Nichts.</em><br />
<em> Nie sind sie fern, wenn ein Schornstein stürzt,</em><br />
<em> wenn glitschige Blätter sich an die Schuhsohlen heften.</em><br />
<em> Dort sind sie, überall,</em><br />
<em> noch in jenen verdorbenen Spänen, die kein Feuer mehr frißt,</em><br />
<em> in der Verschollenheit gebrechlicher Stühle,</em><br />
<em> unweit der Kritzel und Krakel, eingefroren auf grindigen Mauern.</em></p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Sucht sie, sucht sie doch:</em><br />
<em> unter dem Wachstropfen im Buch, der ein Wort begrub</em><br />
<em> oder den Schriftzug auf einem Brieffetzen,</em><br />
<em> den der Wind durch den Staub schleift,</em><br />
<em> nah einer Flaschenscherbe, im Unrat verkommen,</em><br />
<em> einer abgetretenen Schuhsohle, verirrt im Schnee,</em><br />
<em> einem Rasiermesser, verlorengegangen am Rand eines Abgrunds.</em></p>
<p>Der amerikanische Philosoph und Mathematiker Charles Sanders Peirce sagt: »Jedes wahre Gedicht ist ein vernünftiges Argument.« Ich habe mich ge­fragt, wofür dieses Gedicht von den toten Engeln ein Argument ist, dieses Gedicht, das Wulf Kirsten sehr tief durchdacht haben muss, als er es übersetzte. Ich glaube, es hat etwas mit dem Grund zu tun, aus dem überhaupt Gedichte geschrieben werden. Dieser Grund kann sich ja nicht da­rin erschöpfen, uns mitzuteilen, dass es Scherben, Schuhsohlen, Schutthal­den, Schnee und Schornsteine gibt. Die Arbeit der Dichtkunst scheint in Übersetzung und Verwandlung zu bestehen, in der unbegreifli­chen Verwandlung der Dinge und Worte in Gegenstände der fluiden Welt des Denkens, Fühlens und Glaubens – zur Flamme wird der Staub, sagt Rilke, und so denke ich, dass jedes wahre Gedicht von einem Engel begleitet ist. Und es könnte sein, dass wir durch Rafael Albertis Gedicht aufgefordert sind, in allen Dingen und unter allen Umständen, auch am Rande des Abgrunds, nach dem Engel zu suchen, der sie begleitet, nach der Wahrheit, deren Ausdruck sie sind, weil das Universum mit allen Einzeldingen – jetzt zitiere ich erneut Charles Sanders Peirce – »ein gro­ßes Symbol für Gottes Absicht ist«.</p>
<p>Die Überschrift meines vierten Kapitels habe ich wieder einem Ge­dicht von Wulf Kirsten entnommen. Sie heißt: Lob der Datenverarbei­tung.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das vierte Kapitel: Lob der Datenverarbeitung</span></h4>
<p>1965 kam Wulf Kirsten nach Weimar. »In Weimar beginnt eigentlich mein Leben« hat er einmal gesagt. Er hatte eine Bewerbung an den Auf­bau-Verlag geschickt, das empfindet er noch heute als mutig, wenn nicht gar verwegen, aber er hatte Erfolg. Wulf Kirsten war Teil einer jungen Truppe, zu der auch Joachim Golz und Konrad Paul gehörten, die beide heute hier sind. In dem Band <em>Gegenbilder des Zeitgeists</em> von 2009 sind Erinnerungen aus dem Lektorenleben nachzulesen. Zu diesem Leben gehörte beiläufig die Datenverarbeitung.</p>
<p>Wir haben uns daran gewöhnt, dass unser Leben heute zu einem gu­ten Teil nicht von Menschen, sondern von Maschinen gesteuert wird, von de­nen man noch nicht weiß, ob sie dümmer oder klüger als Menschen sind. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass es eine bedeutende und stetig wach­sende Anzahl von Texten gibt, die weder von einem Menschen geschrie­ben noch gar gelesen wurden. Die interessante Frage ist, ob die in die­sen Texten engelsgleich dahindämmernden Sinngehalte überhaupt existieren. Bevor wir aber beim Nachgrübeln darüber auf das seit dem Altertum umstrittene Problem der von menschlicher Wahrnehmung unab­hängigen Existenz von Ideen kommen, wenden wir uns einem besonde­ren Gedicht von Wulf Kirsten zu, dem <em>Lob der Datenverarbeitung</em>. Er schrieb es in einer Zeit, als die Automatisie­rung von Arbeitsprozessen noch Kybernetik hieß und mit Lochkarten arbeitete, Anfang der 70er Jahre. Die unvermeidlichen Verar­mungen und Sinnverluste, auch die unfreiwillig komischen Sinnver­schiebungen, die bei der Umwandlung der Wirklichkeit in binäre Maschinen­sprache auftreten, sind hier zu einem kostbaren und etwas halsbrecherischen Poem verdichtet worden.</p>
<p style="padding-left: 60px;">LOB DER DATENVERARBEITUNG</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>das alphabet verwalten</em><br />
<em> männlich oder weiblich in zwei spalten</em><br />
<em> entweder od</em><br />
<em> bekannt ist nur der hierarchische code</em><br />
<em> das lochfeld vollkommen ausfüllen</em><br />
<em> sich dann in schweigen hüllen</em><br />
<em> ein unter-, ober-, aber-, über-, vor- und hinterloch</em><br />
<em> ist immer noch der beste koch.</em><br />
<em> ein a gelocht</em><br />
<em> ein ei gekocht</em><br />
<em> ein c gestrichen</em><br />
<em> die schulden elektronisch beglichen</em><br />
<em> gestürzt gedreht gepocht</em><br />
<em> gerüttelt geschüttelt</em><br />
<em> gerupft gestopft geklopft</em><br />
<em> mal ausgelocht mal eingelocht</em><br />
<em> und eingefärbt und angeschwärzt</em><br />
<em> schließ aus schließ ein beherzt</em><br />
<em> die kybernetische maus</em><br />
<em> sieht aus ihrem loch heraus</em><br />
<em> die nullen immer mit verlochen</em><br />
<em> wie von der tarantel gestochen</em><br />
<em> in steter sorge um</em><br />
<em> rückt an, kreuzt auf und an</em><br />
<em> und ab und zu ganz still und stumm</em><br />
<em> gleich mann für mann</em><br />
<em> die achte revision</em><br />
<em> vom neunten bataillon</em><br />
<em> jeder sportlehrer hat eine nummer</em><br />
<em> numerierte figuren haben keinen kummer</em><br />
<em> der code ist verschlüsselt</em><br />
<em> der schlüssel vermasselt</em><br />
<em> schlamassel</em><br />
<em> alphabet, du assel</em></p>
<p>Auf Befragen sagte mir Wulf Kirsten, bei diesem Gedicht handele es sich um die leicht überarbeitete Mitschrift aus einem Datenverarbeitungskurs, den er in den Anfangsjahren seiner Lektorenzeit zu absolvieren hatte.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Das fünfte Kapitel: »Die Weigerung, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, ist seit der Antike jeder Staatsform zum Verhängnis geworden.«</span></h4>
<p>Dies ist ein Zitat von Wulf Kirsten aus dem Nachwort zu einem der von Christoph Victor herausgegebenen Bücher über 1989/1990, die ich mit fieberndem Herzen gelesen habe. Sie geben beredte Auskunft auch über den Anteil, den Wulf Kirsten und viele der hier im Saale Anwesenden am Oktoberfrühling hatten. Ich für mein Teil habe die entscheidenden Tage in einem Waldhaus in der Eifel verbracht, mit den weltgeschichtlichen Geschehnissen verbunden lediglich durch den nebelverhangenen Bild­schirm eines altersschwach blökenden Schwarz-Weiß-Fernsehers. Ich weiß, dass ich mörderische Angst hatte, es könne geschossen werden, ich weiß, dass ich die Menschen, die ich im Fernsehen demonstrieren und die Wahrheit sagen, singen und rufen sah, für ihren bestürzenden Mut etwa so bewunderte, wie ich zwanzig Jahre vorher Martin Luther King bewun­dert hatte. Das war vielleicht ein Echo des Gefühls, das Wulf Kirsten als »säkulares Erhobensein« beschrieben hat. Was die Lehren daraus betrifft, zitiere ich hier gern noch einige Sätze aus Wulf Kirstens Nachwort zur 2009 erschienenen Zweiten Auflage des Oktoberfrühlings:</p>
<p>»Ich habe nicht bereut und werde dies auch nicht tun, wenigstens das Scherflein der Witwe zur Abschaffung eines Systems beigetragen zu ha­ben, das am Ende an einem unentwirrbaren Lügenfilz erstarrt und schließ­lich erstickt ist. Zu dieser Wahrheitsfindung &#8230; gehört für mich sprachkritisches Denken und entsprechender Umgang mit Sprache. Wie oft spreizen sich, um etwas zu bemänteln, wenn nicht gar zu vertuschen, Schönredner und Schönfärber mit neuen rasch verschleißenden Phrasen und Euphemismen. &#8230; Phrasendrescher schaffen kein Vertrauen &#8230; dies gilt für alle, die mit Sprache umgehen, sekundäre Analphabeten nicht ausgenommen. Ich für mein Teil verteidige die Sprache als Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Natürlich weiß ich sehr wohl, daß Wort-Denken-Handeln-Tat eine Einheit bilden müssen. Nur in dieser Verbin­dung ist Wahrheit zu haben. &#8230;«</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Mit dem sechsten Kapitel erreichen wir die Gegenwart.</span></h4>
<p>Wulf Kirstens Weg hätte, wenn er das gewollt hätte, in den 90er Jahren in hohe Ämter führen können. Er wollte aber nicht, was für die hohen Äm­ter schlecht war, aber gut für andere, z. B. sehr gut für die Literarische Gesellschaft Thüringen e. V. Wulf Kirsten ist ihr Mitglied Nr. 001. Er hat die Gesellschaft 1991 mit gegründet und war lange Jahre ihr Vorsitzender und Vorstand. Auch mir als einem seiner Nachfolger im Amt hat er unend­lich viele Stunden geschenkt, in denen wir Projekte entworfen, bera­ten und auf den Weg gebracht haben. Ohne Wulf Kirsten gäbe es keinen Thüringer Literaturpreis, kein Harald-Gerlach-Stipen­dium und keine Edition Muschelkalk. Um Autoren, vor allem die jungen, kümmert er sich bis heute. Manchen, die hier im Saal sind, hat er die Liebe ange­tan, ihre Texte nicht nur zu lesen, sondern auch mit ihnen zu besprechen, zu verbessern, daran zu feilen – kurz mit ihnen zu arbeiten. Ich denke, es ist ein großes Glück, in einem so zarten und zugleich widerständigen Hand­werk wie dem der Lyrik einen Meister zu finden, der Lehrlinge annimmt, und zwar in jedem Sinn des Wortes. Und nicht nur für die Jungen bist Du, lieber Wulf, mit Deiner Genauigkeit in den Sachen der Kunst, mit der Zurückweisung aller Geschwätzigkeit, mit dem unbedingten Einstehen für die Poesie und die eigenen Texte ein Vorbild, dem wir unseren Dank, unsere Bewunderung und unsere äu­ßerst bewegte Zuneigung schenken.</p>
<p>Bis heute ist sich Wulf Kirsten übrigens nie zu schade, die Mühen der Ebene auf sich zu nehmen. Dafür geht er auch, wie man es von Stoß-stür­mern im Fußball verlangt, die Wege, die weh tun. Einmal hat er – ich glaube zusammen mit Gisela Kraft, Martin Straub und Wolfgang Haak – einen leibhaftigen, um nicht zu sagen einen äußerst leibhaftigen Kultus­minis­ter zur Förderung literarischer Anliegen kurzerhand zum Essen in ein edles Weimarer Restaurant eingeladen, was bei dem bekann­ten Appetit des Ministers sicher nicht ganz billig war. Aber auch seine physische Schmerzgrenze spielt für Wulf keine Rolle, wenn es darum geht, Gefahren nicht nur nicht auszuweichen, sondern ihnen mit Vehe­menz entgegenzutreten. Ich erinnere mich noch gut, wie ich ihn vor eini­gen Jahren auf der Hegelstraße traf. Er war gerade dabei, Einladungen für eine Lesung der Literarischen Gesellschaft in Briefkästen zu werfen. Während wir auf dem Bürgersteig in der Sonne standen und irgendetwas besprachen, näherte sich ein junger Mann auf einem Fahrrad, dessen Bremsen justament in diesem Augenblick versagten, was dazu führte, dass er Wulf schlichtweg umfuhr. Wer nun geglaubt hätte, dass der gestürzte Wulf sich durch diese hinterhältige Attacke hätte einschüchtern lassen, staunte nicht schlecht. Wulf schnellte nämlich mit einer bewundernswer­ten Spannkraft vom Boden in die Höhe und rief dem vielleicht zwanzigjähri­gen Studenten die denkwürdigen Worte zu: »Betrachten Sie sich als geohrfeigt, Sie Flegel!« Das geschah mit solcher Verve, dass der Student, der sich auf seinem Rad so gerade noch hatte halten können, schleunigst das Weite suchte. Man kann das dem Studenten nicht verar­gen, denn zu den vielen Begabungen des Wulf Kirsten gehört mit Sicher­heit die des spontanen, eruptiven und treffenden Fluchens. Den Ausdruck für Erfurt, den ich aus seinem Munde vernahm, habe ich für heute vorsichts­halber vergessen, und auch den Namen eines berühmten Men­schen, den er kürzlich als Niestüte und Prolet-Okkultisten bezeichnete, weil er ihn im Verdacht hatte, sich seine stammtischlerischen Meinungen im Wesentlichen durch Lektüre von Horoskopen zu bilden. Kehren wir aber zurück zu dem Studenten, der, das sei zur Ehre des jungen Mannes gesagt, fünf Minuten nach dem Unfall mit einer Tüte Kräutertee und einer rührenden Entschuldigung zurückkam und anschließend mit Wulf zusammen zu den nächsten Briefkästen wanderte, in friedliches Gespräch vertieft.</p>
<p>Ich bin noch nicht ganz fertig. Denn es warten noch vier kurze Kapi­tel, in denen es geht um Liebe, um Querköpfe, um Wanne-Eickel und den Kulturbahnhof Weimar.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Kapitel Sieben: Liebe</span></h4>
<p>Liebesgedichte sind ein heikles Genre. Denn die geläufige Erwartung geht doch eher in die Richtung »nobelpreisverdächtige Hand­tuchsprüche«, wie Wulf Kirsten sagt, oder es korrespondiert allzusehr mit der hier pars pro toto genannten Internetplattform <em>herzklopfen-online.de</em> und ähnli­chen Publikationen. Dergleichen ist von Wulf Kisten nicht zu haben. Und doch gibt es da ein Gedicht, das ich als Liebesgedicht identifiziert habe. Das Wort der Worte fällt nicht, aber das Gedicht spricht so klar und einfach und so nah an der Grenze des redlicherweise Aussprechbaren, dass es mir die Sprache verschlagen hat.</p>
<p>Das Gedicht beschreibt, wenn ich es recht verstehe, nicht mehr als die Erinnerung an eine Nuance, einen Zwischenton, eine Schattierung des Fühlens. Das Wort Wir fällt, es ist Nacht, der Mond scheint, aber das Wort Liebe fällt nicht, obwohl von nichts anderem die Rede ist. Es geht um jenen geheimnisvollen Augenblick verschwiegenen Einvernehmens zweier Herzen, der manchmal Anfang eines Glücks wird, manchmal äußer­lich folgenlos vorübergeht und auf ewig eine Erinnerung bleibt, für die es nie einen Beweis geben wird, eine Erinnerung, die als ein geheimnis­voll schöner Schmerz Bestand hat.</p>
<p style="padding-left: 60px;">MINZOWER ELEGIE</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>auf nebelbänken ruhte die nacht.</em><br />
<em> wir gingen durch koppeln,</em><br />
<em> atmeten grasduft.</em><br />
<em> das knirren der rinder rief uns nach.</em><br />
<em> undurchdringlich die leeren felder.</em><br />
<em> der weg zum see erzählte geschichten,</em><br />
<em> die ich vergaß.</em><br />
<em> wir schwiegen in die gespiegelte stille,</em><br />
<em> der es den atem verschlug. –</em><br />
<em> die erinnerungen leben getrennt.</em><br />
<em> nichts wiederholt sich:</em><br />
<em> der grasgeruch jener nacht,</em><br />
<em> die regungslosigkeit der leeren felder,</em><br />
<em> die strömung des mondrauchs über dem see,</em><br />
<em> gesichter, vergraben im laub.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Achtes Kapitel: Querköpfe</span></h4>
<p>Als ich 2001 von Köln nach Weimar kam, hatte ich das unschätzbare Glück, schon recht bald Wulf Kirsten kennen zu lernen. Wir sprachen über Köln und irgendwie kam ich auf einen adeligen kölner Mitbürger zu sprechen, einen gelernten Soloviolinisten. Er hatte dem Konzertbetrieb Ade gesagt, lebte in einer keineswegs drogenfreien und auch an Frauen und Kindern reichen Kommune, sah aus wie ein Räuberhauptmann, stellte sich mehrmals wöchentlich in die Fußgängerzone, packte seine Geige aus, begann zu fiedeln wie ein junger Gott, und sang oder vielmehr brüllte die wildesten antikapitalistischen Lieder, die man sich denken kann, was zu regelmäßigen Verhaftungen führte. Ich kannte ihn als Nach­barn aus familiären Auftritten am Nikolausabend, wo er den garsti­gen Knecht Ruprecht gab. Wie sich zu meiner großen Verblüffung heraus­stellte, war dieser rauhe Geselle auch Wulf Kirsten bestens be­kannt, er war interessanterweise so ziemlich der einzige gemeinsame Be­kannte, den wir in Köln hatten. Wulf hatte ihn in den 80er Jahren in Köln auf der Straße singen und geigen gesehen, war bei späterer Gelegen­heit auf seine Texte gestoßen und kannte sogar seinen Geburts­ort, nämlich Dippoldiswalde in Sachsen. Vor zwei Jahren gelang es uns, ein Gesprächskonzert mit Wulf Kirsten und Klaus Christian von Wro­chem alias Klaus dem Geiger in Weimar zustande zu bringen und es war ein Abend der fröhlichsten Anarchie.</p>
<p>Warum erzähle ich das? Es geht nicht nur um das anarchische Bro­deln, das vielen Gedichten und übrigens auch Essays von Wulf Kirsten die unverkennbare Würze gibt. Es geht auch nicht nur um sein lexikali­sches Namensgedächtnis. Es geht um seine Vorliebe für das Nichtkanoni­sche, die sich auch aus der schon erwähnten Anthologie ablesen lässt. Und wie viele Gedichte hat Wulf Kirsten der Schilderung nichtkanoni­scher Künstler, ja überhaupt nichtkanonischer Menschen gewidmet! »Auf der unerbittlichen Suche nach Wahrheit, nach dem Absoluten, nach mehr Tiefenschärfe &#8230; wird der Schriftsteller zum Randläufer und Außensei­ter der Gesellschaft. Aus dieser Distanz sieht er schärfer, ge­nauer, schreibt Wulf Kirsten und: »Will ein Gedicht dem Leser etwas mitteilen über das hinaus, was er ohnehin schon weiß, muß es den Mut zu ei­ner Pionierleistung aufbringen. So wie Kunst vom Mut zur Erstbege­hung, zur Erstsetzung, zur Erstbenennung lebt. &#8230; Zu diesem transformieren­den Kraftakt &#8230; gehört &#8230; der individualistische Mut zur Identitätsfindung, selbst zu sein und dieses Selbsterkennen in eine uner­hörte Mitteilung zu verwandeln.«</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular;">Kapitel Neun: Auf Reisen</span></h4>
<p>Als die literarische Gesellschaft vor einigen Jahren begann, Gedichte thürin­ger Autoren auf Plakaten an Litfaßsäulen zu präsentieren, baten wir auch Wulf Kirsten um ein Gedicht. Das war ein Problem. Denn das Format ließ nur sehr kurze Gedichte zu und Wulf Kirsten schreibt selten kurze Gedichte. Ich glaube, das hat seinen Grund darin, dass seine Ge­dichte aus ihrer wuchtigen Dynamik leben. Sie steigern sich auf eine Schluss­zeile hin. Steigerung ist Bewegung und braucht Platz. Die Bewe­gung kommt auch durch die Verben ins Gedicht, manchmal auch dadurch, dass sich das lyrische Ich selbst bewegt, oft auf einer Wanderung oder im bewegten Gespräch, manchmal mit der Eisenbahn beim unfreiwilligen Anhören der Verkündungen auftrumpfender Ge­schäfts­leute, selten im Auto, denn Wulf Kirsten hat, soweit ich weiß, keinen Führerschein, immer neugierig auf Ortsnamen, unterwegs durch das Saaletal, wo wir Nietzsche begegnen, nach Kuks, an den Comer See, in die Provence, oder durch das Ruhrgebiet, dessen Landschaft selten so liebevoll und gnädig beschrieben wurde wie in dem Gedicht <em>Getrübter Himmel</em> von 1990, wo wir den, ich zitiere, »bizarrsten minutengebil­den aus qualm &#8230; schönen rauchzöpfen &#8230; schlieren &#8230; schlei­ern &#8230; wattezotten« begegnen, »&#8230; rechts Wanne-Eickel, links Wanne-Eickel.«</p>
<p>Da ist es schon vorbeigezogen, das neunte Kapitel, und da Wulf Kirs­tens Reisen seit fast fünfzig Jahren immer hier enden, endet auch mein Preisgesang hier, nämlich, mit meinem zehnten Kapitel, in Weimar. Aber wo und was genau ist Weimar? Die Stadt mit dem Berg über der Stadt, sagen einige, andere: die Stadt in der Nähe von Hottelstedt und Zot­telstedt, wieder andere: ein schön sanierter Schwebezustand zwischen Hier und Gestern unweit Scherkonde, Pfiffelbach und Ilm. Ach, es gibt viel zu viele richtige Antworten.</p>
<p>In einem weltberühmten amerikanischen Online-Lexikon finden sich folgende Aussagen: »Weimars geographische Koordinaten sind 29° 42′  Nord, 96° 47′  West &#8230; Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle in Weimar. Daneben finden sich fleisch- und blechverarbeitende Betriebe und ein Hersteller von Dichtungen.«</p>
<p>Wir fragen uns unwillkürlich, wer mit dem Hersteller von Dichtungen gemeint ist: Das muss doch Wulf Kirsten sein! Aber nein, Sie haben es längst erraten, das Online-Lexikon spricht gar nicht von Dichtung im Sinne von Poesie, sondern von technischen Vorrichtungen. Und über­haupt handelt der ganze Lexikon-Eintrag nicht von Weimar/Thüringen, sondern von Weimar/Texas, wie der Kundige an den geographischen Koordinaten bemerkt hat.</p>
<p>Wir sollten uns davon indes nicht ablenken lassen. Eine Stadt ist mehr als ihre geographischen Koordinaten, sie ist auch mehr als das, was Architek­ten verzapfen. Eine Stadt ist auch ein Ort des Geistes, im besten Fall gebauter Geist, Stein gewordene Idee, durchweht vom unendlichen, kontroversen Menschengespräch: talk of the town. Und ob sie als solche interessant und bedeutsam ist, hängt davon ab, ob sie ein gewisses intellektu­elles Reizklima hat. Das können nur Bürger schaffen, die ihrer Stadt Bestes suchen – mit Herz und Verstand und nicht immer zur kurzfristi­gen Freude des Bürgermeisters. Wer es gut mit der Stadt meint, der wünscht sich, dass Wulf Kirsten nicht aufhört, Vorschläge zu machen für Ehrenbürgerschaften, Straßenumbenennungen, Hausverkäufe und immer in sehr unmissverständlichen Worten. Auch wenns manchmal wehtut, lieber Oberbürgermeister, liebe Stadt- und Landräte, das müsst Ihr aushalten können: Du sollst, heißt es im 5. Buch Mose, dem Ochsen, der da drischet, nicht das Maul verbinden. Ehrt ihn! Die Stadt hat seinem kla­ren Wort mehr zu verdanken als manchem verklärten Hallelujah. Die Wahrheit, die heute für uns zählt, ist nur eine: Weimar ist die Stadt, in der Wulf Kirsten lebt und immer ein offenes menschliches Wort spricht. Und das merkt man ihr zum Glück auch an.</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>Wehmütig</em><br />
<em> bin ich an Weimar</em><br />
<em> vorbeigefahren,</em><br />
<em> lieber Wulf,</em><br />
<em> kurzer Halt nur</em><br />
<em> am »Kulturbahnhof«,</em><br />
<em> wie auf der Leipziger</em><br />
<em> Buchmesse nach</em><br />
<em> deinen Lesungen.</em></p>
<p>so drückt es Dein alter Weggefährte Arnfrid Astel aus. Und es sind viele Weggefährten hier, Freunde aus alten und jungen Tagen, aus allen Himmels­richtungen sind sie gekommen, sogar aus Erfurt und Paris, Amtsträ­ger und Bartträger, ehrbare Verleger und verlegene Verehrer, Präsidentinnen und Dichterinnen, Musikerinnen und Bildhauer, Professo­ren und Übersetzer, Kinder und Enkel – was soll ich noch sagen? Du hast sie Dir alle redlich eingebrockt, mit Gedanken, Worten und Werken, lieber Wulf, Du mit Deiner Begabung, nach Wahrhaftigkeit zu graben, nach den Engeln zu suchen in den Zeiten der Datenverarbeitung, Du mit Deiner Frau Sofia und mit Euer beider allerfreundlichsten Bega­bung, nämlich der, Freunde und Helfer zu sein, und zwar nicht nur dann, wenn der Himmel glänzt wie Gloriaseide.</p>
<p>Ich zitiere aus dem Gedicht <em>Woherwohin</em> die letzten Zeilen:</p>
<p style="padding-left: 60px;"><em>ich, redefigur aus erdreich,</em><br />
<em> verstreu eine handvoll worte &#8230;</em><br />
<em> ich, meine freunde, wir gehn, wir reden</em><br />
<em> immer ein menschliches wort.</em></p>
<p>Danke Ihnen allen für Ihre Geduld, und Dir lieber Wulf:</p>
<p><em>Herzlichen Glück­wunsch zum Geburtstag!</em></p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/wulf-kirsten-zum-80-geburtstag/">Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Völker leert die Regale</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/voelker-leert-die-regale/</link>
		
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		<pubDate>Fri, 14 Mar 2008 20:00:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Völker leert die Regale Sieben Gründe, keine Bücher zu lesen – und wa­rum man es manchmal trotzdem tun muss Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Sprecher: Spr. 1 (männlich, subjektiv, direkt, autorennah) Spr. 2 (männlich oder weiblich) Spr. 3 (männlich) Spr. 4: (männlich, deutsche Stimme für Pierre Bayard) O-Töne: Bettina Wiese, Fachärztin für Neurologie, Hannover Wulf Kirsten, [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/voelker-leert-die-regale/">Völker leert die Regale</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/radiotexte/features/Voelker-leert-die-Regale.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Völker leert die Regale</h1>
<h3 style="text-align: left;">Sieben Gründe, keine Bücher zu lesen – und wa­rum man es manchmal trotzdem tun muss</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sprecher:<br />
</em>Spr. 1 (männlich, subjektiv, direkt, autorennah)<br />
Spr. 2 (männlich oder weiblich)<br />
Spr. 3 (männlich)<br />
Spr. 4: (männlich, deutsche Stimme für Pierre Bayard)</p>
<p><em>O-Töne:<br />
</em>Bettina Wiese, Fachärztin für Neurologie, Hannover<br />
Wulf Kirsten, Lyriker und ehemaliger Lektor, Weimar<br />
Pierre Bayard, Professor für Literaturwissenschaften und Psychoanaly­tiker, Paris<br />
Verschiedene Stimmen und Geräusche aus Mitschnitten von Literatursen­dungen im Fernsehen<br />
Verschiedene Stimmen aus Spielfilmen und zwei Audio-CDs</p>
<p><em>Musik:<br />
</em>Einige Passagen aus: <em>Naftule und der König</em>, <em>Sinfonische Dichtung für Groß und Klein</em> (Helmut Eisel-Klezmer-Trio und Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken). Die ausgesuchten Passagen sind entweder Klarinetten-Soli oder Stücke des Klezmer-Trios (instrumental). Es handelt sich um eine witzige, pointierte und – von kleinen melancholischen Einsprengseln abgesehen – temporeiche und vergnügte Musik.<em> </em></p>
<p><em>O-Ton 1:<br />
</em>Lesen!<em> Mit Elke Heidenreich, Sendung vom 26. Oktober 2007, DVD, 3:01–3:09 (8 Sekunden)</em></p>
<p><em>Sanfte Männerstimme:<br />
</em>»Entspannende Lesemomente mit Elke Heidenreich werden Ihnen präsen­tiert von Messmer-Tee.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Eigentlich mag ich Bücher. Und dass die Leute von Messmer-Tee sich um mein Leseverhalten sorgen, ist ein lieber Zug von ihnen. Offenbar gehören sie zu den kulturtragenden Schichten, die sich in nichts so einig sind wie darin, dass der Mensch möglichst viel lesen soll. Sonderbar nur, dass das Volk davon nichts wissen will – oder warum sonst muss man es immer wieder zum Lesen ermuntern? Besonders die Jugend lässt es an Leselust fehlen, obwohl die Schüler auf Anordnung der Kultusminister inzwischen klassenweise durch die Buchmessen getrieben werden. Aber selbst bei den Buchmessen bilden sich die Menschentrauben nicht um die ar­men, leisen Poeten, sondern um Bratwurststände, Videospiele und memoi­renschreibende Sportler. Woran liegt es, dass die teuersten und raffiniertesten Lese-Kampagnen verpuffen? Sind die Jungen verdorben, die Alten schon halb gestorben und die Mittleren haben keine Zeit? Aber das war ja alles immer schon so! Ich habe einen ganz anderen Verdacht. Wenn eine offenkundig gutgemeinte Aufforderung hartnäckig unbefolgt bleibt – könnte es da nicht sein, dass die Aufforderung – ganz einfach falsch ist? Und wenn ja – sollte man sie nicht durch eine andere ersetzen?</p>
<p><em>Musik 1:<br />
</em><em>Musik aus: </em>Naftule und der König<em>, Nr. 2 (0:12–0:14), Klarinettensolo (klingt wie ein etwas höhnisches Gelächter, 3 Sekunden)</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Völker leert die Regale!</p>
<p><em>O-Ton 2:<br />
</em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Kapitel 3, 11:47–11:52 (5 Sekunden)</em></p>
<p>Don Quijotes Haushälterin (keifend):<br />
»Ihr solltet nicht immer nur ein Buch, sondern acht auf einmal aus dem Fenster werfen!«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Sieben Gründe, keine Bücher zu lesen. Und warum man es manchmal trotzdem tun muss.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Ein Feature von Christoph Schmitz-Scholemann</p>
<p><em>Musik 2:<br />
</em><em>Musik aus: </em>Naftule und der König<em>, Nr. 2 (0:19–0:23), Klarinettensolo (ähnlich wie oben 0:05 Sekunden)</em><em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Es gibt Dinge, die sind besser als ihr Ruf. Die Politik zum Beispiel oder der Regen. Sie sind unentbehrlich und nahrhaft, aber wegen ihres hässlichen Erscheinungsbildes schimpft man auf sie. Zum Ausgleich gibt es Dinge, bei denen steht es gerade umgekehrt. Ihr Ruf übertrifft bei wei­tem ihre wahren Qualitäten. Man lobt sie – und übersieht ihre schädli­chen Seiten. Wenn man in ihre Nähe kommt, muss man sich die Ohren zuhalten, so laut blasen die Posaunen und Trompeten zu ihrem Ruhm.</p>
<p><em>O-Ton 3:<br />
</em>Titel, Thesen, Temperamente<em>, Sondersendung von der Frankfurter Buchmesse 2007, DVD, 25:00–25:10 (10 Sekunden)</em><em> </em></p>
<p><em>Redakteurin Evelyn Fischer (sehr anpreisend):<br />
</em>»&#8230; Ein Lesefest der Superlative mit vielen Überraschungen und Rekor­den. Über dreihunderttausend Besucher, über siebentausend Ausstel­ler, das ist weltweit einmalig &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Eines der am häufigsten und gerade in den gebildeten Kreisen über­schätzten Dinge ist das Lesen von Büchern. Es scheint über jeden Zweifel er­haben zu sein. Man verspricht sich alles Mögliche davon: Bildung, Charak­ter, Ansehen, Kreativität, Gesundheit, Liebe, Entspannung, Glück.</p>
<p><em>O-Ton 4:<br />
</em>Lesen!<em> Mit Elke Heidenreich, Sendung vom 26. Oktober 2007, DVD, 31:18–31:20 (2 Sekunden):<br />
</em>»Sie haben heute gehört, wie glücklich lesen macht &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Und überhört die Warnungen, die gerade von denen ausgesprochen wer­den, die es am besten wissen müssten, den Schriftstellern.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das viele Lesen ist dem Denken schädlich.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Georg Christoph Lichtenberg.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Einen Roman zu schreiben, mag ein reines Vergnügen sein. Nicht ohne Schwierigkeit ist es bereits, einen Roman zu erleben. Aber einen Roman zu lesen, davor hüte ich mich, so gut es irgend geht.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Karl Kraus.</p>
<p><em>O-Ton 5:<br />
</em><em>Gottfried Benn, </em>Das Hörwerk<em>, DVD, Verlag Zweitausendeins, Nr. 1, </em>Die neue literarische Saison<em>, Rundfunkvortrag von August 1931, 0:15–0:21 (6 Sekunden):<br />
</em>»Ich habe mit Verlagsprospekten nichts zu tun. Ich lese überhaupt nicht viele literarische Bücher.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Gottfried Benn.</p>
<p><em>O-Ton 6:<br />
</em><em>Film </em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel Cervantes Saavedra, DVD 1, 3. Kapitel, 10:28–11:05 (37 Sekunden):</em></p>
<p>»Haushälterin:<br />
Lasst uns mit dem Verbrennen beginnen. Wollen wir hoffen, dass kei­ner der Hexenmeister, von denen in den Büchern die Rede ist, uns für die Vernichtung dieser fürchterlichen Schandwerke bestraft.</p>
<p>Lizentiat:<br />
Du brauchst Dich vor keinen Hexenmeistern in Büchern zu fürchten. Die Gefahr besteht viel mehr darin, dass Du an die Existenz von Hexenmeis­tern glaubst. Meister Nicolas, gib mir immer ein Buch nach dem andern, damit ich sie gründlich überprüfen kann. Vielleicht sind einige darunter, die es nicht verdient haben, auf den Scheiterhaufen gewor­fen zu werden.</p>
<p>Haushälterin:<br />
Nein, ihr dürft keines verschonen, weil sie alle schuld an seinem Zu­stand haben. Werft sie durch das Fenster in den Hof. Dort schichtet sie zu einem Scheiterhaufen und verbrennt sie.<em> </em></p>
<p>Lizentiat:<br />
Ich halte es nicht für richtig, die Bücher zu verbrennen, ohne vorher die Titel gelesen zu haben.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Miguel de Cervantes, <em>Don Quixote</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Der Anfang allen Leseübels ist dieses Schuldgefühl, das man von klein auf eingeimpft bekommt, meist mit jenem aufmunternden Tonfall, der in gesunden Herzen den Verdacht aufkeimen lässt, es handele sich letztlich doch um etwas, das irgendwie mit Kariesprophylaxe oder Darmkrebsvor­sorge zu tun haben muss.</p>
<p><em>O-Ton 7:<br />
</em>Lesen!<em> Mit Elke Heidenreich, Sendung vom 26. Oktober 2007, DVD, 32:09–32:12 (3 Sekunden)</em></p>
<p><em>Elke Heidenreich:<br />
</em>»Ich bin guter Hoffnung, dass Sie lesen!«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Immer haben wir zu wenig gelesen. Schon in der Schule ging das los. <em>Schimmelreiter</em>, <em>Das Fräulein von Scuderi</em>, <em>Unterm Rad</em>, <em>Bergkristall</em>, <em>Emilia Gallotti</em>, <em>Homo faber</em> – ich wette, von 100 Schülern lesen höchs­tens fünf den Text von vorne nach hinten durch, alle anderen pfeifen aufs Le­seglück und pfuschen. Pfuschen sich durch die Texte, hassen die Texte, hassen die Inhaltsangaben, hassen die Interpretationen. Aber natürlich wagt nie­mand den offenen Aufruhr. Niemand würde sich trauen, seinen Hass zu bekennen. Im Gegenteil, Heuchelei ist angesagt. Obwohl doch in Wirklich­keit noch nicht einmal die größten Freunde der Bücher alles gelesen haben können, was man gelesen haben müsste. Wulf Kirsten, Lyriker, lange Jahre Lektor eines großen Verlages:</p>
<p><em>O-Ton 8:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, 14:47–15:02 (15 Sekunden):<br />
</em>»Das Problem beginnt dann, wenn man in ein Gespräch verwickelt wird und es geht um ein Buch, das man unbedingt gelesen haben müsste, muss, müsste! Und das man aber nicht gelesen hat und dann mitredet und so tut, als hätte man’s gelesen, weil man sich nicht erlauben kann, es nicht zu lesen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Ich lese nie ein Buch, das ich rezensieren muss, es könnte mich zu sehr beeinflussen.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Oscar Wilde</p>
<p><em>Musik 3 (identisch mit Musik 2):<br />
</em><em>Musik aus: </em>Naftule und der König<em>, Nr. 2 (0:19–0:23), Klarinettensolo (ähn­lich wie oben 0:05 Sekunden)</em><em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>In der Literaturbeilage einer angesehenen Wochenzeitung erschien kürz­lich eine Sammelrezension. Es ging um neue Bücher über das Lesen. Der Rezensent erledigte auf einer Seite 8 Bücher mit einem Gesamtum­fang von etwa 2750 Seiten. Ein stolzes Pensum, Chapeau!</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das bisschen, was ich lese, schreib ich mir selbst.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Kurt Tucholsky</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Das originellste der besprochenen Bücher trägt den Titel: <em>Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.</em> Der Autor ist Pierre Bayard, ein französischer Literaturprofessor und Psychoanalytiker. Er schreibt, es gebe nirgendwo so viel Prahlerei wie beim Lesen und beim Sex. Recht hat er. Man werfe einen Blick in die Feuilletons vor Weihnach­ten, Ostern oder den Sommerferien. Diese elenden Umfragen: Was lesen Sie im Urlaub, Herr Kultusminister? Hauptsächlich Speisekar­ten – das wäre eine ehrliche Antwort. Aber nein, alle tun so, als würden sie ohne Unterbrechung von morgens bis abends den steinigen Acker der Dichtkunst und der Philosophie umpflügen, Krume für Krume, Stein für Stein, und dabei ständig entzückt auflachen oder weinen oder begeisterte Ausrufe von sich geben. Pierre Bayard hat eine eigene Theorie des Lesens entwickelt. Ich sprach mit ihm in einer nicht ganz schalldichten Messe­koje, umgeben vom Gesumm der Verleger, Autoren, Buchhändler, Rechte­verkäufer und Resteverramscher.</p>
<p><em>O-Ton 9:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 30:17–31:34 (1:17):<br />
</em>»Cette manière de lire c’est celle qui consiste à aller de la première ligne à la dernière ligne du livre en lisant toutes les lignes, les unes après les autres. Je n’ai rien contre cette manière de lire, je croix qu’elle est importante et il faut évidemment la connaître … et je la pratique comme tout le monde. Mais ceux qui sont familiers des livres, et nous sommes ici à la Foire de Francfort avec des professionnels des livres, nous savons bien qu’il y a aussi d’autres manières de lire, d’autres manières de rencontrer des livres. Il nous arrive par faute de temps, par manque de désire de parcourir un livre. Il nous arrive d’entendre parler d’un livre, simplement, sans l’avoir entre les mains … et pourtant d’en parler. Il nous arrive très souvent d’oublier les livres. Il nous arrive très sou­vent aussi de ne même pas savoir à propos d’un livre, si nous l’avons lu ou si nous ne l’avons pas lu. Il y a de multiples chemins de lecture, de multiples trajets individuels vis-à – vis des livres et je crois que ces chemins de lecture ne sont pas irres­pectueux du livre.«</p>
<p><em>Spr. 4 (Über den französischen Text):<br />
</em>»Die übliche Art des Lesens besteht darin, dass man den Text von der ersten bis zur letzten Zeile liest, eine Zeile nach der andern. Ich habe nichts gegen diese Methode, gelegentlich mach ich es selbst auch so. Aber wer viel mit Büchern umgeht, und wir sind ja hier auf der Buch­messe unter Profis, der weiß in Wahrheit ganz genau, dass es noch andere Arten zu lesen gibt. Manchmal haben wir keine Zeit, ein Buch ganz zu lesen oder wir haben keine Lust. Und wir reden über ein Buch, das wir noch nie in der Hand hatten. Oder wir vergessen den Inhalt eines Buchs, das wir gelesen haben oder wissen nicht mehr, ob wir es nun gelesen ha­ben oder nicht. Es gibt viele Formen der Lektüre, nicht nur dieses von der ersten bis zur letzten Zeile durchnehmen, und ich glaube, dass diese anderen Wege kei­neswegs etwas mit einem Mangel an Respekt gegenüber der Literatur zu tun haben.«</p>
<p><em>O-Ton 10:<br />
</em><em>Spielfilm </em>Stolz und Vorurteil<em>, DVD, 8:07–8:35 (28 Sekunden):</em><em><br />
</em><em>Applaus, dann</em></p>
<p>»Jane:<br />
Wie gefällt es Ihnen hier in Harfordshire, Mister Bingley?</p>
<p>Mr. Bingley:<br />
Vortrefflich.</p>
<p>Jane:<br />
Die Bibliothek auf Leatherfield soll zu einer der besten des Landes gehö­ren.</p>
<p>Mr. Bingley:<br />
Ja, das erfüllt mich mit Schuld. Ich bin nämlich kein sonderlich großer Leser. Ich ziehe die Natur vor. Aber ich meine, ich <em>kann</em> natürlich lesen. Und natürlich kann man auch in der freien Natur lesen. Versteht sich.</p>
<p>Jane:<br />
Ich wünschte ich würde mehr lesen, aber es gibt immer so viele an­dere Dinge zu tun.</p>
<p>Mr. Bingley:<br />
Ja genau das wollte ich damit sagen.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Man preist uns das Lesen an wie eine Medizin. Die vereinigte Bewusst­seinsindustrie arbeitet mit allen Mitteln, mit Blondinen, Statisti­ken, Früchtetee und dem lieben Gott.</p>
<p><em>O-Ton 10:<br />
</em>Titel, Thesen, Temperamente<em>, Sondersendung von der Frankfurter Buchmesse 2007, DVD, 25:12–25:35 (23 Sekunden):</em></p>
<p><em>Redakteurin Evelyn Fischer (wie oben, anpreisend):<br />
</em>»Und hier unsere highlights: Jede Menge Prominente. Ulrich Tukur zum Beispiel stellt sein erstes Buch vor.«<em> </em></p>
<p><em>Joschka Fischer:<br />
</em>»Am meisten hat mich verändert der Bruch Ende der Siebziger Jahre.«</p>
<p><em>Evelyn Fischer:<br />
</em>»So oder ganz anders. Zwei Sichten auf die rotgrünen Jahre.«</p>
<p><em>Philosoph:<br />
</em>»Es gibt gute Argumente für die Existenz Gottes.«</p>
<p><em>Evelyn Fischer:<br />
</em>»Mit Gott in die Charts. Der Buchmarkt und die Religion.«</p>
<p><em>Musik 4 (wie Musik 1): Klarinettensolo (wie oben), 5 Sekunden </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Bei der Buchmesse lässt sich die Wirkung der Bücher auf die Men­schen gut beobachten: Sie enthirnen die Texte auch der intelligentesten Reporterinnen, korrumpieren den Geschmack der Kritiker, bereichern die reichen Verleger, ruinieren die armen, verführen Schauspieler, Politi­ker und ihre Angehörigen zu den peinlichsten Bepinselungen der eigenen Bäuche – das dümmste Geschwätz hat die größten Lautsprecher und die Poesie verkriecht sich in die schäbigsten Kojen – wenn das so ist, und niemand kann es im Ernst bestreiten: Warum sollten Bücher ausgerech­net dem Leser gut tun? Bessert das Lesen das Leben? Ist es gesund? Bet­tina Wiese, Neurologin:<em> </em></p>
<p><em>O-Ton 11:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 37:27–37:50 (23 Sekunden):<br />
</em>»Lesen kann gesund sein, wenn es therapeutisch eingesetzt wird, da gibt’s ja die Therapierichtung der Bibliotherapie, die darauf fußt, dass Menschen durch das Lesen von bestimmten zu ihnen passenden und ausgewählten Büchern für ihr eigenes seelisches Gleichgewicht profitie­ren, in diesem Bereich ist Lesen durchaus gesund &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Also gut, es mag solche Fälle geben, wir wollen nichts bestreiten und nichts übertreiben, auch Alkohol und Nikotin haben ihre medizinischen Anwendungen, warum nicht auch das Lesen hin und wieder.</p>
<p><em>O-Ton 12:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, USB-Stick, 58:27–59:23 (0:56):<br />
</em>»Lesen findet meistens ja doch in sitzender Position und mehr oder weni­ger entspannt bei Kunstlicht statt in geschlossenen Räumen. Und diese sitzende Position als solche ist, wenn sie über längere Zeit eingenom­men wird, durchaus nicht gesundheitsfördernd, weil es einfach zu einer Erschlaffung der Zwischenwirbelmuskulatur führt und eine unge­sunde Haltung ist, die den Verschleißerscheinungen, degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule und damit auch Bandscheibenleiden Vorschub leistet, die am besten dadurch vermieden werden, dass man immer wieder in unterschiedlichen Körperhaltungen aktiv ist, Gleichge­wichtsherausforderungen meistern muss und die Rumpfmuskulatur an­spannt, also genau das, was man beim Lesen nicht macht.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Hans Blumenberg: <em>Die Lesbarkeit der Welt</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Dann wird mit einem Mal der Staub auf den Büchern sichtbar. Sie sind alt, stockfleckig, riechen moderig, sind eines vom anderen abgeschrie­ben, weil sie die Lust genommen haben, in anderem als in Büchern nachzusehen. Die Luft in den Bibliotheken ist stickig, der Über­druss, in ihr zu atmen, ein Leben zu verbringen, ist unausbleiblich. Bü­cher machen kurzsichtig und lahmärschig, ersetzen, was nicht ersetzbar ist. So entsteht aus Stickluft, Halbdunkel, Staub und Kurzsichtigkeit, aus der Unterwerfung unter die Surrogatfunktion, die Bücherwelt als Unna­tur. Und gegen Unnatur sind allemal Jugendbewegungen gerichtet. Bis dann die Natur wieder in deren Büchern steht.«</p>
<p><em>O-Ton 13:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 25:16–25:44 (0:28):<br />
</em>»Das Auge ist nicht primär fürs Lesen gemacht. Das Lesen ist etwas, das in der Entwicklungsgeschichte sehr spät kam. Die Menschen sind ja Säugetiere und Primaten, die sich draußen bewegt haben und in der Na­tur rumgeguckt haben, da Muster gelesen haben, Fährten gelesen haben und das Auge ist vor allem auf Bewegungserkennung gerichtet.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Lesen ist eine Krankheit des Rindviehs, die von den Bauern auch Studie­ren geheißen wird.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>So steht es in Grimms <em>Wörterbuch</em>. Zugegeben, es ist nicht die einzige Wortbedeutung von Lesen, die Grimm kennt. Aber wir können uns unwill­kürlich vorstellen, was die Krankheit des Lesens aus der Sicht der naturverbundenen Bauern ausmacht: Mit auf den Boden gerichtetem Blick verharrt die Kuh auf der Stelle, die Vorderhufe in den Matsch ge­stemmt, als ob sie die Regenwürmer hypnotisieren wolle. Sucht sie den Sinn des Lebens durch Betrachtung der unter ihr ausgebreiteten Seite im Buch der Natur zu ergründen? So eingeengt ist die Richtung ihres Interes­ses, dass sie nicht einmal Scheuklappen bräuchte, um von der beweg­ten Schönheit der Welt nichts mitzubekommen, nichts von den Rundungen und Ecken, kein Fünkchen von den Farben und Schattierun­gen, keine Idee von dem unablässigen Sichnähern und Sichentfernen der benachbarten Rindviecher, der Esel, der Mücken, der Vögel, der Hubschrau­ber und der Wolken. Die Bauern sind gute Beobachter.</p>
<p><em>O-Ton 14:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 27:50–28:32 (0:42):<br />
</em>»Und wenn dann dieses Muster im primären Sehzentrum angekom­men ist, also im Hinterhaupt, in der okzipitalen Sehrinde, dann wird es identifiziert als relevante Information und wird weiter geleitet in übergeord­nete Sehzentren. Beim Lesen besteht ne ganz enge Verknüp­fung zum Sprachzentrum, was im Temporallappen sitzt, also im Schläfenlap­pen, bei den Rechtshändern links im Schläfenlappen sitzt &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Wenn das alles sich so verhält, dann kann die Devise nur lauten: Scho­nen Sie Ihren Temporallappen! Lesen Sie nur das Nötigste, erbarmen Sie sich Ihrer Zwischenwirbelmuskulatur! Man kann es drehen und wenden, wie man will: Dieses ständige Bücherverschlingen ist ganz einfach schäd­lich.</p>
<p><em>Musik 5:<br />
</em>Naftule und der König<em>, Stück Nr. 7 (1:14–1:22), 9 Sekunden</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Dass der moralische Mensch durch das Lesen von Büchern gebessert würde, trifft leider auch nicht zu. Auch böse Menschen haben Bücher. Gerade die grausamsten Verbrechen der Menschheit wurden und wer­den von sehr belesenen Menschen erdacht und verteidigt. Und an lyri­schen Verfeinerungen der Kriegshetze durch humanistisch gebildete Fe­dern hat es ohnehin nie gefehlt.</p>
<p><em>O-Ton 15:<br />
</em><em>Richard Dehmel: </em>Deutschlands Fahnenlied<em>, 1915, (sehr pathetisch) rezitiert von Alexander Moissi, CD Deutschsprachige Literatur 1900–1918, 2:57–3:21 (0:24):</em></p>
<p>»Oh!<br />
Hütet die Fahne!<br />
Unsere Frauen und Mädchen winken uns nach!<br />
Herrliche Fahne!<br />
Sie winken, die Augen voll Adlerglanz.<br />
Ihr Herz kämpft mit um den blutigen Kranz!<br />
Oh! Hoch die Fahne! Ewig hoch!«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Richard Dehmel, <em>Deutschlands Fahnenlied</em> 1915</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Sehr lehrreich ist die Geschichte vom Meister Tinius, den die Bücher zum Verbrecher machten. Wer tiefer über diese Geschichte nachdenkt, dem kann nicht entgehen, dass sie nicht nur in der geographischen Mitte Deutschlands spielt, nämlich in Thüringen und Sachsen, sondern auch im Zentrum des deutschen Wesens. Der mit Selbstgerechtigkeit und Gefühls­kälte gepaarte Grübelsinn des Protagonisten verrät alles über das wilddüster brennende Herz, dessen Flammen dem deutschen Denker immer wieder das Hirn versengen. Johann Georg Tinius war Pfarrer in Poserna zwischen Halle und Leipzig, als er am 4. März 1813 verhaftet wurde. Das geschah nicht in seinem Wohnzimmer und nicht in seiner Kirche, es geschah in seiner Bibliothek. Pfarrer Tinius war ein hoch gebilde­ter Mann. Er wollte alles wissen und mit diesem Wissen wollte er auftrumpfen. Seine Sammlung umfasste an die sechzigtausend Werke. Gelehrte von Nah und Fern besuchten und bewunderten ihn. Aber seine Leidenschaft war teuer, zu teuer für das Pfarrersgehalt und das Vermö­gen seiner Frau. Als die kleinen Unterschleife aus der Gemeindekasse nicht mehr ausreichten, soll er Handelsreisende mit vergiftetem Schnupf­tabak in Tiefschlaf versetzt und dann bestohlen haben. Anfang 1813 war seine finanzielle Not so erdrückend, dass er einer alten Dame in Leipzig das Haupt trepanierte – mit einem Gerät, das dem Zuckerhammer seiner Ehefrau verteufelt ähnlich sah. Fast ein Vierteljahrhundert musste Tinius im Gefängnis sitzen. Sein geistlicher Vorgesetzter</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Wir sehen an dem schrecklichen Beispiele dieses Mannes, wie unglück­lich tief ein Mensch sinken kann, wenn er sich von einer einzigen Leidenschaft beherrschen lässt. &#8230; Durch Stolz und Eitelkeit verblendet, unterdrückte er alle Regungen des Gewissens und stürzte sich in den tiefsten Abgrund des Verderbens.«</p>
<p><em>Musik 6 (wie Musik 5)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Die Bücherfreunde schwärmen gerne vom Papier, von seinen hapti­schen Qualitäten, von seinem Geruch, von seinem Geraschel – dass sie die Bücher nicht essen, ist das reine Wunder.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Und ich nahm das Büchlein von der Hand des Engels und ver­schlang es, und es war süße in meinem Munde wie Honig, und da ichs gegessen hatte, grimmete mirs im Bauch.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>sagt der Evangelist Johannes in der geheimen Offenbarung. Übrigens: Unbeschriebenes Papier ist allemal bekömmlicher. Der wahre Mann des Geistes ist ein Freund nicht des bedruckten, sondern des leeren Blatts.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Papier, das seine Jungferschaft noch nicht verloren hat und noch mit der Farbe der Unschuld prangt, ist immer besser als gebrauchtes.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Georg Christoph Lichtenberg.</p>
<p><em>Musik 7:<br />
</em><em>Stück aus </em>Naftule und der König<em>, Nr. 7 (01:46–02:40), die höhnisch la­chende Klarinette ist hier im Orchester zu hören. Die schwungvolle Musik läuft ein paar Se­kunden allein und dann unter dem Text weiter &#8230;</em><em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Aus einer Studie zu Optimierungspotentialen beim Energieeinsatz und bei der Abfallreduzierung in der Papierindustrie:</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Die Herstellung von Papier benötigt große Mengen sowohl an thermi­scher als auch an elektrischer Energie. Die deutsche Papier­industrie ist deshalb zu einem Großabnehmer der Energieversorgungsunter­nehmen geworden. Sie stand im Jahre 1998 mit einem Fremdstrom-bedarf von über 9 Mio MWh unter allen Branchen an sechster Stelle &#8230; Der spezifische Gesamtenergieeinsatz betrug im Jahre 2005 geschätzte 2,6 Megawattstunden pro Tonne.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Macht drei Watt pro Buchseite, allein fürs Papier. – Drucken, Verpa­cken, Verschicken, Verkaufen nicht mitgerechnet – und Schreiben so­wieso nicht. Man kann den CO2-Ausstoß leicht ausrechnen. Aber anders als Rinderzüchter, Autofahrer und sonstige Umweltfrevler tun die Freunde der Bücher so, als hätten sie mit der Natur keinen Streit, ganz im Gegenteil: Sie haben ein gutes Gewissen. Besonders, wenn sie mög­lichst viele bunt gedruckte Studien über die Klimakatastrophe lesen.</p>
<p><em>Hier spätestens soll die Musik aufgehört habe</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»&#8230; Die Wälder werden immer kleiner, das Holz nimmt ab, was wollen wir anfangen? O zu der Zeit, wenn die Wälder aufhören, können wir sicherlich so lange Bücher brennen, bis wieder neue aufgewachsen sind.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Wieder Lichtenberg.</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Aber das ist noch nicht alles. Die Grundstoffe, aus denen das meiste Pa­pier besteht, sind: Viel Holz, viel Wasser, etwas Leim, etwas Farbe. Auch wenn heute Altpapier eingesetzt wird, so ist doch auch dieses Altpa­pier irgendwann einmal Holz gewesen:</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Die erste Ursache von einem Buche<br />
Ist nicht der Geist, sind nicht die Triebe,<br />
Auch nicht das Geld und nicht die Ruhmesliebe,<br />
Es ist Papier: Ein Blatt von einem Baum, das Buch von einer Buche.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Anonymus, 19. Jahrhundert</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Im Jahre 1997 lag der Abfallanteil in der deutschen Papierindustrie bezo­gen auf eine Tonne produziertes Papier bei etwa 205 kg/t. &#8230; Zu den Abfällen oder Reststoffen der Papierindustrie zählen Rinden- und Holzab­fälle, Sortier- und Siebrückstände aus der Stoffaufbereitung (soge­nannte Spuckstoffe), Faser – und Bioschlamm aus der Abwasserreinigung sowie Verbrennungsrückstände (Asche) aus der Energieerzeugung.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Ein gutes Fünftel Spuckstoffe und Schlamm auf jedes Buch, das man liest!</p>
<p><em>Musik 8 (wie Musik 6)</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Auf eine einzige verständliche Zeile oder eine richtige Bemerkung entfal­len Meilen sinnloser Kakaphonien, sprachlichen Kauderwelschs, zusammenhanglosen Zeugs. (Ich weiß von einer wilden Region, in der die Bibliothekare die abergläubische und eitle Jagd nach dem Sinn in Bü­chern verschmähen und die Lektüre auf die gleiche Stufe mit Traumdeute­rei und Handlesekunst stellen &#8230; sie behaupten &#8230; dass die Bücher an sich nichts bedeuten. Diese Anschauung geht, wie man sehen wird, nicht völlig fehl &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Jorge Luis Borges: <em>Die Bibliothek von Babel</em>.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Herr General,« sagte der Bibliothekar, »Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines <em>lese</em> &#8230; Wer sich auf den Inhalt einlässt, ist als Bibliothekar verloren! &#8230; Er wird niemals einen Überblick gewinnen!«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Robert Musil, <em>Der Mann ohne Eigenschaften</em></p>
<p><em>O-Ton 16:<br />
</em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Vor Kapitel 1: 0:25: </em><em> </em></p>
<p>Lied:<br />
»In einem Dorf in La Mancha.<br />
Ich hab den Namen schon lange vergessen.<br />
Da lebte einst ein Herr Don Quijote &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das Alter unseres Junkers streifte hart an die Fünfzig; er hatte eine gute Konstitution, einen hageren Leib, ein ausgemergeltes Gesicht, war ein großer Frühaufsteher und ein Liebhaber der Jagd. &#8230;<br />
Nun aber muss man wissen, dass sich besagter Junker, sooft er nichts zu tun hatte, das heißt den größten Teil des Jahres hindurch, damit beschäf­tigte &#8230; Bücher zu lesen.«</p>
<p><em>O-Ton 17:<br />
</em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Kapitel 1: 4:57–6:20 (1:23):</em><em> </em></p>
<p>Erzähler:<br />
»Er tat das mit solchem Eifer, dass er oft darüber die Jagd vergaß und sich sein Haus immer mehr mit Büchern füllte.«</p>
<p>Don Quijote:<br />
»Ja‚ es ist der Sinn des Widersinns, mit dem Ihr meine Gedanken ver­wirrt. Dieser Widersinn ist es, der mein Denken immer weiter schwächt. So dass es nicht ohne Sinn ist, wenn ich Eure Schönheit beklage anstatt sie zu preisen.</p>
<p>Erzähler:<br />
»Oft mühte sich der Edelmann nächtelang ab, solche Sentenzen zu verste­hen oder einen Sinn in diesem Wirrwarr zu entdecken. Ja seine Wissbegierde ging so weit, dass er manchen Acker veräußerte, um immer wieder Ritterbücher kaufen zu können. Vom Abend bis zum Morgen vertiefte er sich in die Werke berühmter Schriftsteller. Besonders entzückt war er, wenn er zu zärtlichen Schilderungen inniger Liebe kam. Der arme Ritter las und las. Und darüber verlor er den Verstand.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Der bedenkliche Zustand des Junkers blieb seiner Nichte nicht verbor­gen.</p>
<p><em>O-Ton 18:<br />
</em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Kapitel 3: 3:45–4:11 (0:26):<br />
</em>»Ich möchte noch erwähnen, Meister Nicolas, dass mein Onkel oft tage­lang in diesen schrecklichen Büchern gelesen hat. Oft las er zwei Tage und Nächte ununterbrochen und dann warf er sein Buch in die Ecke und nahm sein Schwert in die rechte Hand und hieb und stach auf die Wände los und wenn er sich dann ausgetobt hatte, sagte er, er sei müde und habe vier Riesen bezwungen und von dem Schweiß der aus ihm heraus rann glaubte er, es sei das Blut von den Wunden, die er im Kampf empfangen habe.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Was Wunder, dass einfache Menschen unkluge Handlungen begin­gen, seine Bibliothek vermauerten und seine Bücher verbrannten. Natür­lich könnte man sagen: Don Quijotes Problem war nicht das Lesen an sich, er hat nur die falschen Bücher gelesen. Er hätte eine bessere Aus­wahl treffen müssen.</p>
<p><em>O-Ton 19:<br />
</em><em>O-Ton </em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Kapitel 3: 11:53–12:30 (0:37)</em></p>
<p>Lizentiat:<br />
»Diese Bücher sollten nicht verbrannt werden, weil es sich hier um äu­ßerst wertvolle Werke der Dichtkunst handelt, die müssen wir den kommen­den Generationen erhalten.«</p>
<p>Nichte:<br />
»Nein, die müsst Ihr auch verbrennen, wie alle anderen. Sollte mein On­kel von dem Ritterwahn geheilt werden, könnte ihm beim Lesen der Gedichte der Gedanke kommen, ein Schäfer werden zu wollen. Er würde dann durch Wälder und über Wiesen ziehen und was noch viel schlim­mer ist: Er würde ein Dichter werden wollen. Eine Krankheit, von der man sagt, dass sie ansteckend sei.«</p>
<p>Lizentiat:<br />
»Das überzeugt mich. Wir werden die Perlen der Dichtkunst auch dem Feuer überantworten.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Zwischen den Büchern und der Wirklichkeit ist eine alte Feindschaft gesetzt. Das Geschriebene schob sich an die Stelle der Wirklichkeit, in der Funktion, sie als das endgültig Rubrizierte und Gesicherte überflüssig zu machen.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Hans Blumenberg, <em>Die Lesbarkeit der Welt</em></p>
<p><em>Musik 8 (wie Musik 7, aber nach wenigen Sekunden abbrechend)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Muss man ein Buch überhaupt gelesen haben, um es zu beurteilen?«</p>
<p><em>O-Ton 20:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, USB-Stick, 0:33–1:44 (mit Schnitten, 0:30):<br />
</em>»Im Prinzip ja. In der Praxis geht das nicht immer. &#8230; Wenn zum Bei­spiel ein Lektor auf seinem Schreibtisch zig Manuskripte liegen hat, die er innerhalb kürzester Zeit gelesen haben soll, was aber gar nicht möglich ist &#8230; also dieser Druck lastet auf einem Lektor. Also was will er dann ma­chen. Wie liest man dann? Im Elisionsverfahren. Man liest an, man liest in der Mitte ein Stück und man liest den Schluss.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Wenn der Bauer prüft, ob der Käse reif ist, schlingt er auch nicht den ganzen Käse hinunter, pflegt der Verleger Kehl zu sagen.</p>
<p><em>O-Ton 21:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, USB-Stick, 1:44–2:30 (0:46):<br />
</em>»Das betrifft jetzt fette Prosamanuskripte, zu dickleibige. Es gibt ja viele Erzähler, die brauchen einen langen Anlauf und können dann nicht aufhören, bis sie 800 Seiten vollgeschrieben haben, ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber dann liegt es nahe, dass der Lektor, er muss ja misstrau­isch sein wie ein Steuerprüfer, bei der Prüfung eines Manu­skripts, dass er, wenn er zwanzig Seiten gelesen hat, dass er dann schon im Grunde weiß, ob das Buch wert ist, vollkommen gelesen zu werden.«</p>
<p><em>O-Ton 22:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 45:16–45: 46 (0:30):<br />
</em>»Et je cite dans mon livre une anecdote assez drôle ou l’écrivain fran­çais Paul Valéry doit écrire un article à-propos de la mort de Proust. Et Valéry explique qu’il n’a pas lu Proust, qu’il n’a pas le temps de le lire et pourtant il parle de Proust. Evidemment l’expérience est un peu exagérée mais je crois qu’elle comporte une grande sagesse, surtout de la part de quelqu’un, Paul Valéry, qui passe pour un des esprits les plus cultivés de son époque.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Ich erzähle in meinem Buch eine ganz spaßige Anekdote, wie der französische Schriftsteller Paul Valéry einen Artikel über den Tod von Marcel Proust schreiben muss. Und Valéry erklärt, dass er Proust gar nicht gelesen hat, weil er keine Zeit dazu hatte. Und trotzdem, spricht er dann über Proust. Sicher hat er etwas übertrieben, aber die Anekdote bringt doch eine Menge Weisheit an den Tag, vor allem auf Seiten von Paul Valéry, der als einer der kultiviertesten Geister seiner Epoche galt.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Man kann also ein nicht nur ein großer Schriftsteller, sondern auch ein kultivierter Mensch sein, ohne Proust gelesen zu haben, ja man darf sogar zugeben, dass man ihn nicht gelesen hat und kann dennoch etwas Richtiges sagen.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Diß ist was nach uns lebt/ wordurch wir selber leben/<br />
Wann wir den schwachen Leib der Grufft zu Pfande geben.<br />
Die Bücher weisen zwar diß alles was wir ehren;<br />
Doch lehren Bücher auch dich ohne Bücher lehren.«</p>
<p><em>Spr. 3 :<br />
</em>Andreas Gryphius: <em>Uber eine Bibliothec</em></p>
<p><em>O-Ton 23:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 45:46–47:15 (1:29):<br />
</em>»Ce que dit Valéry c’est que Proust on peut l’ouvrir à n’importe quel endroit. Parce qu’il y a une telle richesse du tissu proustien que peu im­porte la manière dont on le lit on peut l’ouvrir quand on veut. Et ce qu’il ne dit pas mais ce qui est latent à ce qu’il dit, et ce qui concerne aussi Proust mais la plupart des grands écrivains c’est que les auteurs &#8230;<br />
C’est que les grands écrivains inventent un nouveau type de lecteur. Je veux dire par là qu’ils contraignent à inventer un nouveau type de lecture &#8230; Je veux dire par là à inventer une nouvelle lecture. Proust et Joyce sont très caractéristique.<br />
C’est impossible de lire Proust en Français de la première à la dernière ligne. Car une phrase sur deux est beaucoup trop longue. Si on essaie de la lire en commençant par les sujets en allant vers les compléments &#8230; on se perd.<br />
Autrement dit ces phrases proustiennes il faut les voir, comme des sortes d’arbres qui apparait sur la page, De couleurs d’adjectifs &#8230;<br />
Proust contraint à inventer une nouvelle lecture qui est visuelle. Et cela, Valéry il l’a très bien compris.<br />
Et je crois que c’est le sens profond de l’anecdote où il nous dit qu’il ne lit pas Proust et qu’il l’ouvre à n’importe où.<br />
Alors cela ne veut absolument pas dire qu’il ne faut pas lire Proust, qu’il faut jeter Proust. Cela veut dire qu’il ne faut pas hésiter à inventer de nouveaux modes de lecture.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Und was Valery sagt ist, dass man Proust aufschlagen kann, wo immer man will und aus jeder Stelle den ganzen Reichtum des Textgewebes erkennen kann. Die großen Autoren erfinden eine neue Art des Lesens. Proust und Joyce sind ein gutes Beispiel dafür. Es ist in Wahrheit unmög­lich Proust auf Französisch linear zu lesen, von der ersten bis zur letzten Zeile und dann Punkt. Jeder zweite Satz ist viel zu lang dafür. &#8230; Man verliert sich darin. Man muss die Proustschen Sätze sehen, wie Bäume, die auf dem Blatt erscheinen. Es ist eine neue Art der visuellen Lektüre. Und das hat Valery sehr gut verstanden. Valery sagt uns: Seht, welch ein großer Schriftsteller dieser Proust ist, dass man, wo immer man ihn auf­schlägt, dem ganzen Proust begegnet. Das heißt natürlich nicht, dass man Proust wegwerfen soll. Es heißt, dass man nicht zögern soll, seinen eige­nen Zugang auch in der Art des Lesens zu finden.«</p>
<p><em>O-Ton 24:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, </em><em>13:01–13:51 (0:50):<br />
</em>»Es soll sogar Verleger gegeben haben, die angeblich gerochen haben, ob ein Manuskript etwas taugt oder nicht. Zum Beispiel Gustav Kiepen­heuer wurde nachgesagt, dass er so etwas konnte, er soll gar nicht gelesen haben, er hatte natürlich auch Leute dafür, aber ein Verleger selber musste ja auch eine Beziehung zum Buch haben, heute ist das meist schon anders. Aber im S. Fischer Verlag, über Jahrzehnte der renom­mierteste Belletristik-Verlag in Deutschland von 1880 bis 1930, etwa 50 Jahre lang, da galt das Wort, ein Manuskript war erst angenommen, wenn die Frau des Verlegers Hedwig Fischer eine Träne auf das Manuskript hat fallen lassen.«</p>
<p><em>Musik 9:<br />
</em><em>Klezmermusik </em>Naftule und der König<em>, Nr. 11, 9:18–9:33 (leicht ironisch-me­lancholisches Klarinettensolo, 15 Sekunden) </em></p>
<p><em>O-Ton 25:<br />
</em><em>Spielfilm </em>Sommer vorm Balkon<em>, DVD, 1:28:26–1:28:53</em></p>
<p>Nike:<br />
»Ick lese noch.«</p>
<p><em>(Ein Buch wird aufgeklappt, Geräusche einer Bettdecke, die zurechtgerückt wird.</em></p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Seit wann liest Du denn im Bett?«</p>
<p>Nike:<br />
»Immer schon, bevor Du hier injeritten bis. Sollteste auch gelegent-lich.«</p>
<p><em> </em><em>LKW-Fahrer:<br />
</em>»Ha’ìck versucht. Iss nich meine Welt.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet, in deren Genuß er sich für alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschädigen konnte. Wenn nun rund um ihn her nichts als Lärmen und Schelten und häusliche Zwietracht herrschte oder er sich vergeblich nach einem Gespielen umsah, so eilte er hin zu seinem Buche.<br />
So ward er schon früh aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatür­liche idealistische Welt verdrängt, wo sein Geist für tausend Freu­den des Lebens verstimmt wurde, die andre mit voller Seele genießen können.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Carl Philipp Moritz, <em>Anton Reiser</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Bereut man es, wenn man irgendwann feststellt, man hat eigentlich viel zuviel gelesen?«</p>
<p><em>O-Ton 26:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, 17:59–19:00:<br />
</em>»Das würde ich nicht sagen. Ich hab ja angefangen, kreuz und quer zu lesen, ohne Leitfaden gewissermaßen, heute kann ich mich nur wundern und drüber lachen, aber ich hab es nicht bereut, es hat ja meiner Liebe zum Buch, zur Literatur keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, es hat mich immer aufs Neue angestachelt. Mehr zu lesen, weiter zu lesen und mir eine Welt aus Büchern zu schaffen. Das würde ich nicht sagen. Heute im Alter ist es dann so, dass man sich sagt, es betrifft mich eigentlich gar nicht mehr. Wenn man ein Buch liest und merkt dann im Laufe der Lek­türe, dass es einen überhaupt nicht bewegt, dann lese ich es nicht zu Ende. Das kommt im Alter immer häufiger vor, dass man ein Buch rela­tiv früh, also mitten in der Lektüre beiseite legt und liegen lässt.«</p>
<p><em>O-Ton 27:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 52:33–53:00:<br />
</em>»En fait, depuis longtemps, j’ai un rapport assez libre aux livres. Cela vient au fait que moi, j’étais à l’extérieur du monde des livres von meiner sozialen Herkunft her und es war sehr schwer für mich, in die Welt der Bücher hineinzukommen. beaucoup de mal de rentrer dans ce monde des liv­res.<br />
Maintenant je me sens à l’aise. Et si un livre m’ennuie j’arrête sans culpab­ilité très rapidement. Donc ce genre d’expérience aujourd’hui je ne l’ai plus.«</p>
<p><em> </em><em>Spr. 3 (über den französischen Text):<br />
</em>»In der Tat habe ich seit langem ein ziemlich freies Verhältnis zu Bü­chern. Das hängt mit meiner sozialen Herkunft zusammen, die weit außer­halb der Welt der Bücher lag. Und es war sehr schwer für mich, in diese Welt der Bücher hineinzufinden. Jetzt fühle ich mich wohl. Und wenn mich ein Buch langweilt, höre ich ganz schnell auf zu lesen, ohne das geringste Schuldgefühl.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Die Abhandlungen in diesem Büchelchen hießen also: ›Für Kinder von sechs Jahren‹, ›Für Kinder von sieben Jahren‹ usw. Anton las also den Abschnitt ›Für Kinder von neun Jahren‹ und fand, daß es noch Zeit sei, ein frommer Mensch zu werden, daß er aber schon drei Jahre ver­säumt habe. &#8230; Dies erschütterte seine ganze Seele, und er faßte einen so festen Vorsatz sich zu bekehren, wie ihn wohl selten Erwachsene fassen mögen. Von der Stunde an befolgte er alles, was von Gebet, Gehorsam, Geduld, Ordnung usw. in dem Buche stand, auf das pünktlichste und machte sich nun beinahe jeden zu schnellen Schritt zur Sünde.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Carl Philipp Moritz, <em>Anton Reiser</em></p>
<p><em>Musik 10 (wie Musik 9)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Ein bisschen kommt es wohl doch darauf an, <em>was </em>man liest und wann und zu welchem Zweck und welche Folgerungen man daraus zieht.</p>
<p><em>O-Ton 28:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 01:04:14–01:04:26 (0:12):<br />
</em>»Wenn man diesen Gedanken zu Ende führt, könnte man das exzes­sive Lesen von Beipackzetteln durchaus als einen Risikofaktor dafür bezeich­nen, dass eine Therapie nicht durchgeführt wird.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Alles in allem: Vielleicht sollte man es machen wie der Bücherfreund Prospero in Shakespeares Komödie <em>Sturm</em>, der am Ende sagt: »Und tiefer als ein Senkblei je geforscht / will ich mein Buch ertränken!«?</p>
<p><em>O-Ton 29:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 48:09–50:00 (1:50):<br />
</em>»Alors je (ne) crois pas que la lecture puisse être nuisible. Il y a certaine­ment des livres nocifs, parce que ce sont des livres &#8230; certains liv­res politiques auxquels vous pourrez penser sans difficultés ce sont des livres dont il aurait été préférable qu’ils ne soient pas écrits.<br />
La lecture en elle-même je crois porte toujours une forme d’enrichi-ssement au moins en raison &#8230; ce que je disais toute à l’heure &#8230; qui est cette question de la complexité.<br />
Nous rentrons de plus en plus dans une société ou la complexité se réduit. Manque de complexité du discours politique et encore avons nous la chance de vivre dans des démocraties donc avec un discours poly-phoni­que.<br />
Manque de complexité aussi de l’image, qui la plupart du temps n’a pas du tout ce type de complexité du textes littéraires avec ses différents niveaux de sens, ces hiérarchie entre les différentes valeurs. Donc je serais tenter de dire que la plupart du temps la lecture est une source d’enrichi-ssement.<br />
Mais que nous pouvons l’enrichir encore. Et nous pouvons l’enrichir en­core en enseignant à ceux qui sont à l’extérieur de ce monde des livres la liberté. La liberté de la lecture multiple, la liberté de la circulation mul­tiple dans les livres, la liberté aussi d’aller voir les livres qui sont à coté des liv­res. Car un livre ce n’est pas seulement un livre, c’est aussi: les livres qui sont autours.<br />
Et je crois que la personne cultivée est capable mieux qu’une autre de situer un livre par rapport à d’autres.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Ich glaube nicht, dass Lesen schlechthin schädlich sein kann. Natür­lich gibt es schädliche Bücher. Bestimmte politische Bücher, die besser nie geschrieben worden wären. Das Lesen an sich bringt aber immer eine Be­reicherung, weil Literatur Komplexität darstellt, sie ist polyphon und nicht monoton wie die meisten politischen Debatten &#8230;<br />
Auch die vielen Bilder, die man uns liefert, sind nie so komplex wie literari­sche Texte, mit ihren unterschiedlichen Sinnebenen, ihren Wertehie­rarchien, bis in den Satzbau, die Grammatik hinein.<br />
Diese Bereicherung können wir steigern. Zum Beispiel gegenüber Men­schen, die sich außerhalb der Welt der Literatur befinden. Deren Freiheit sollten wir steigern, ihre Freiheit, auf ihre Arten zu lesen, auch die Freiheit, Bücher in vielerlei Beziehungen zueinander zu setzen auch die Bücher zu sehen, die neben den Büchern sind. Denn ein Buch ist nie nur ein Buch. Es sind immer auch die Bücher darum herum. Ein Mensch, der sich die Freiheit nimmt, auf seine Weise mit Büchern umzuge­hen, ein kultivierter Mensch eben ist eher in der Lage ein Buch in sei­nem Verhältnis zu anderen Büchern zu sehen.«</p>
<p><em>O-Ton 30:<br />
</em><em>Spielfilm </em>Sommer vorm Balkon<em>, DVD, 1:28:57–1:29:31 (0:34):</em></p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Wat steht denn da? Sach doch ma, wat du jrade liest!«</p>
<p>Nike:<br />
»Ein Roman.«</p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Und von wem iss der?«</p>
<p>Nike:<br />
»Von Stendhal.«</p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Ick dachte, det is ne Stadt.«</p>
<p>Nike:<br />
»Stendhal is och n Schriftsteller, sojar n Franzose.«</p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Siehste, ham wer wieder wat jelernt.«</p>
<p>Nike:<br />
»Wieso <em>wir</em>, <em>Du</em> hast wat jelernt.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Ja, es ist wahr. Manchmal ist es unvermeidlich, dass man etwas lernt durchs Lesen. Auch wenn es ein anderer tut und auch das nur im Film. Manchmal greifen eben die Bücher direkt ins Leben ein. Das sind Sternstun­den.</p>
<p><em>O-Ton 31:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, </em><em>35:30–37:19 (1:49):<br />
</em>»Je croix que les vrais livres sont des livres qui sont nécessaires, indispen­sables pour ceux qui les écrivent. Et je croix que ça se sent si le livre n’obéit pas à une nécessité intérieure profonde: C’est ce qui dis­tingue pour moi, serais je tenter de dire, les auteurs qui font des livres et les auteurs qui font une œuvre. Les auteurs qui font des livres peuvent parfois écrire de meilleurs livres que les auteurs qui font une œuvre.<br />
Mais quand un auteur fait une œuvre cela veut dire qu’il est animé par un besoin intérieur de travailler un certain nombre de questions qui lui sont propres. Cela veut d’ailleurs dire, souvent, que l’auteur se répète. Les auteurs qui font une œuvre, très souvent font la même, parce que sans cesse ils tournent, sans arriver à l’atteindre, autour de ce point d’eux-mêmes qui est absolument fondamentale et qui leur donne ce besoin irrépres­sible d’écrire.<br />
Il y a donc ce besoin d’écrire, ce point en nous, mais qui ne deviendra un point incandescent d’écriture que si dans le même temps il y a une démarche vers l’autre<br />
Je crois que les grandes œuvres ne sont pas seulement des œuvres qui sont nécessaire pour ceux qui les ont faites ce sont des œuvres dans les­quelles l’écrivains a réussi à travaillé ce qui en lui était ce point d’incan-descence mais avec l’autre.<br />
En inventant un autre, un lecteur à venir, qui lui permette á travailler autour de ce point d’incandescence.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Ich glaube, die wahren Bücher sind diejenigen, die geschrieben wer­den <em>mussten, </em>die lebensnotwendig waren für diejenigen, die sie geschrieben haben. Man spürt es sofort, wenn ein Buch nicht aus einer tiefen inneren Notwendigkeit heraus geschrieben ist. Das unterscheidet in meinen Au­gen ein Buch von einem Werk. Die Autoren, die einfach Bücher machen, können oftmals besser schreiben als diejenigen, die ein Werk schaffen. Aber wer ein Werk schafft, der ist getrieben von dem inneren Zwang, bestimmte Probleme abzuarbeiten, die ihn persönlich bedrängen, lebenswich­tige, für ihn existentielle Dinge, deren er nicht Herr wird, und die er in jedem seiner Werke immer wieder abarbeiten muss. Und diese innere Glut, die sich in die Glut des Werks überträgt, ist zugleich eine Botschaft an den Leser. Die großen Werke stecken mit ihrer Glut den Anderen an, und der Andere, das ist der Leser. Die großen Werke erfin­den ihre Leser.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Noch einmal: Man kann viel Gutes über das Lesen von Büchern sa­gen. Das soll nicht verschwiegen werden. Warum auch? Es geht nicht darum die Ikone zu zerstören, es geht darum, den Weihrauch beiseite zu pusten und die Priester zu verscheuchen, damit das Bild wieder sichtbar wird. Wir erkennen ausdrücklich den Nutzen der Bücher an.</p>
<p><em>Musik 10 (wie Musik 2) </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Nur eben nicht immer und in jeder Hinsicht und Menge. Der Liebe zum Beispiel stehen die Bücher oft im Wege. Nicht, dass es an Liebesroma­nen fehlen würde. Trotzdem: Der Weg zum Körper führt selten durchs Buch. Das sicherste Indiz sind die regelmäßig zur Zeit der Buchmesse erschlaffenden Besucherzahlen in den Frankfurter Freudenhäu­sern. Und schon der römische Dichter Horaz ließ sich zu sehr unhöflichen Versen hinreißen, als eine etwas aus der Blüte geratene Frau versuchte, seine Männlichkeit mit zwischen den Kissen zwanglos platzierten philosophischen Büchern zu reizen.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»mich fragen was mir den saft raubt! &#8230;<br />
glück und segen! die teuersten blumen – aber aufs grab! &#8230;<br />
weil du zwischen deine kissen büchlein streust von<br />
philosophen sollen nun die<br />
nerven die nicht lesen können und mein treues<br />
glied einen aufstand machen? willst<br />
du dass er sich erhebt von den stolzen hoden?<br />
dann bemühe mund und zunge!«</p>
<p><em>Musik 11 (wie Musik 1)</em></p>
<p><em> </em><em>Spr. 2:<br />
</em>»Wer also eine Kunst in Schriften hinterlässt und auch wer sie auf­nimmt, in der Meinung, dass etwas Deutliches und Sicheres durch die Buchstaben kommen könne, der ist einfältig genug und weiß in Wahrheit nichts von der Weissagung des Ammon, wenn er glaubt, geschriebene Reden wären noch sonst etwas als nur demjenigen zur Erinnerung, der schon das weiß, worüber sie geschrieben sind. &#8230;<br />
Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin doch ganz eigentlich der Malerei ähnlich: Denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften &#8230;«</p>
<p><em> </em><em>Spr. 3:<br />
</em>Platon, <em>Phaidros</em></p>
<p><em> </em><em>Spr. 1:<br />
</em>Unter Platons Führung in den Analphabetismus? Natürlich müssen wir zwei Typen des Analphabeten unterscheiden. Den primären und den sekundären. Dem sekundären begegnen wir häufig. Er hat lesen und schreiben gelernt, er hat Schulen, oft auch Universitäten besucht, er sieht jedoch davon ab, von dem Schlüssel zur Welt des Denkens, den er in der Hand hat, Gebrauch zu machen. Er zieht <em>bullshit</em> vor. Seine Macht ist unangefochten. Jedenfalls über die meisten Fernsehprogramme, das pri­vate Radio, einen großen Teil der Politikinszenierung und der gedruckten Presse. Ob Knut mit seinem Pfleger knutscht, der Ministerpräsident mit der langen Nase gegen Ausländer wettert, die in ihren deutschen Küchen unschuldige deutsche Schafe schächten, während sich nebenan Top-Mo­dell <em>Kitty</em> nackt auf dem Flokati räkelt und mit ihrem Kätzchen spielt und darunter ein alternder Schauspieler mit befreitem Lächeln ein Mittel gegen Blähungen preist, – ob ein Fußballspieler, ein Friseur und ein Minis­ter mit Drittklässlern ein sogenanntes Wissensquiz bestreiten – die Infantilisierung und Dealphabetisierung des öffentlichen Lebens und auch der an sich für Kultur vorgesehenen öffentlichen Räume ist trium­phal. Und niemand sollte sich einbilden, die Buchindustrie arbeite diesem Prozess entgegen und deshalb müsse für das Lesen geworben werden. Das Gegenteil ist der Fall.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Daß jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken.<br />
Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahr­hundert Leser – und der Geist selber wird stinken.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Friedrich Nietzsche, <em>Also sprach Zarathustra</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Die Buchbranche wuchs 2007 um 4 Prozent. Dieses Wachstum ist kein Mittel gegen die grassierende öffentliche Verblödung, sondern offenkun­dig eines ihrer Symptome. Um welche Bücher geht es denn bei dem Bücherboom? Man besuche die Internetauftritte einiger Großver­lage und man wird gleich bemerken, dass der Raum für Bilder und Pikto­gramme ein Vielfaches des für vollständige deutsche Sätze vorgesehenen Raumes beträgt, und dass die wenigsten der dort vorgestellten Personen Schriftsteller oder gar Dichter im herkömmlichen Sinne sind. Sogar der Begriff Worturheber wäre, auf diesen Personenkreis angewandt, ein glat­ter Euphemismus. Es sind Boxer, Bergsteiger, Köche – ehrbare Men­schen natürlich, denen aber irgendein Interesse an der Sprache der Dich­ter noch nie jemand nachgesagt hat.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Von der Weisheit aber bieten die Schriften den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn Vielleser sind die Schüler nun und ohne Beleh­rung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch insgemein Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Scheinweise geworden sind, nicht Weise.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Platon, Aus dem Dialog <em>Phaidros</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Etwas ganz anderes ist der primäre Analphabetismus. Das sind die Men­schen, die das Lesen nicht verlernen können, weil sie es nie gelernt haben. Kann man überhaupt ohne Buchstaben leben? Gibt es glückliche Analphabeten?</p>
<p><em>O-Ton 32:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 44:31–45:15 (mit Schnitten: 0:20):<br />
</em>»Ja, auf jeden Fall gibt es die &#8230; und es gibt viele Analphabeten, die, ohne zu lesen und lesen zu können, ein ganz reiches Erlebnisspektrum haben und auch ein ganz reiches Leben führen. &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Dass der Analphabetismus eine gesunde Sache sein kann, wollen wir glauben. Aber kann ein Freund der Literatur ein Freund des Analphabeten­tums sein? Aber ja doch, es liegt sogar auf der Hand warum, sagte Hans Magnus Enzensberger 1985. Man erinnere sich: Das <em>Gilgamesch-Epos</em> und die <em>Odyssee</em> wurden gesungen, lange bevor man sie aufschrieb. Die ersten Dichter waren Analphabeten.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Ihre elementaren Formen, vom Mythos bis zum Kinderreim, vom Mär­chen bis zum Lied, vom Gebet bis zum Rätsel, sind allesamt älter als die Schrift. Ohne mündliche Überlieferung gäbe es keine Poesie und ohne die Analphabeten keine Bücher.«</p>
<p><em>Musik 12 (wie Musik 7</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Und warum muss man manchmal trotzdem lesen?</p>
<p><em>O-Ton 33:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 39:53–40:14 (0:21):<br />
</em>»Et celui qui prête attention au livre a pu remarquer que pour faire ce livre j’avais besoin de lire des dizaines et dizaines d’ouvrages pour trouver les scènes dont j’avais besoin.<br />
Par exemple j’ai lu toute l’œuvre de Nabokov, parce que j’étais per­suadé que Nabokov avait dû traiter cette question. Nabokov n’a pas traité cette question. Mais du coup j’ai lu tous ses livres.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Und wer mein Buch aufmerksam gelesen hat, dem wird nicht entgan­gen sein, dass ich Dutzende Werke studieren musste, um die vielen Zitate zu finden. Zum Beispiel habe ich den ganzen Nabokov gelesen. Ich dachte, Nabokov muss sich mit meinem Thema befasst haben. Aber er hat sich nicht damit befasst. Um das herauszufinden, habe ich alle seine Bücher gelesen.«</p>
<p><em>O-Ton 34:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, 19:14–19:42 (0:28):<br />
</em><em>»</em>Ich hatte einen Bruder zum Beispiel, von dem weiß ich sehr genau, der hat ganz wenig gelesen. Aber die wenigen Bücher, die er gelesen hat, die hat er so intensiv in sich einziehen lassen, dass das für ihn ganz wich­tig war. Und er konnte darüber sehr profund reden. Das waren nun keine Romane von Thomas Mann oder Alfred Döblin und so. Es waren ganz andere Bücher, über Zirkuswelt oder Theaterwelt oder irgend so etwas.«</p>
<p><em>O-Ton 35:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, </em><em>51:36–51:58 (0:22):<br />
</em>»Ecoutez, je vais peut-être indiquer des contre-exemples à ma théorie, mais je fréquente malheureusement assez souvent les hôpitaux, j’ai un certain nombre de problèmes de santé, je vais dans les avions et comme j’ai des enfants jeunes je vais dans les manèges, et je préférais vraiment que ces trois professions ne lisent pas mon livre et lisent leurs manuels de la première à la dernière ligne.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Hören Sie, was ich jetzt sage, sind vielleicht Gegenbeispiele zu meiner Lesetheorie, aber wenn ich ins Krankenhaus muss oder ein Flugzeug benutze oder mit meinen Kindern in den Zirkus gehe, also, da fände ich es doch sehr beruhigend, wenn der Anästhesist und der Flugkapitän und der Monteur, der das Zirkuszelt aufstellt, wenn sie alle ihre Handbücher von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen hätten.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Und warum schreibt einer überhaupt ein Buch ?</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich Lesen ein trau­riges Surrogat der Rede.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Goethe, <em>Dichtung und Wahrheit</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Die Schriftgärtchen wird der Ernsthafte nur Spieles wegen besäen und beschreiben. &#8230;<br />
Wenn man also jemandes Schriften vorliegen sieht, dann war das für ihn nichts sehr Ernsthaftes, sofern er selbst ernsthaft ist: Dieses Ernsthafte aber liegt irgendwo an dem schönsten Ort von allen.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Platon, <em>Phaidros</em> und <em>Siebenter Brief</em></p>
<p><em>Musik 13:<br />
</em><em>Klezmer-Musik, </em>Naftule und der König,<em> CD Nr.8, 3:07–3:25, (kurzes Solo mit beschwingt einsetzendem Orchester, das dann abbricht) </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Eigentlich mag ich Bücher. Aber vielleicht ist das Bücherlesen eine aus­sterbende Kulturtechnik. Man hat Telefone, Kameras, Filme, Hörbü­cher, Radio, Fernsehen, Videoanimationen, man hat SMS, DVD, MP3 und Podcast – man kann sich gut unterhalten und viel über die Welt erfah­ren, ohne ein Buch in die Hand zu nehmen. Der elektronische Bil­der- und Gedankenaustausch geht schneller als der durch gedruckte Buchsta­ben. Muss er deshalb unkultivierter sein? Es gibt Videokunst und SMS-Lyrik. Um die Poesie müssen wir uns jedenfalls nicht sorgen. Die gab es vor der Schrift. Wir haben die Kunst in den Genen, wie die Spottdros­sel ihr Lied. Ein Problem allerdings bleibt. Was tun mit der Zeit, die sich beim Lesen so gepflegt totschlagen lässt? Ich hätte eine Idee. Man könnte das tun, wofür das Lesen eigentlich ein Ersatz ist. Ein Grund für die Erfindung der Schrift war ja, dass man sich mit räumlich oder zeitlich entfernten Menschen unterhalten wollte. Letztlich ging es nicht ums Lesen, sondern ums Reden: Zwiesprache, um ein schönes altes Wort zu gebrauchen. Wie wäre es also, wenn wir darauf öfter zurückkämen, auf das Miteinander-Reden. Bei Tee oder bei Wein, bei Gebäck oder Tabak. Und worüber? Wer weiß – über Not und Brot, über Blau und Rot. Und wenn uns gar nichts mehr einfällt, reden wir über alle die Bü­cher, die wir nicht gelesen haben.</p>
<p><em>O-Ton 36:<br />
</em><em>Gottfried Benn, </em>Das Hörwerk<em>, DVD, Verlag Zweitausendeins, Nr. 141: »Kommt &#8230;« Gedicht gelesen 1955, 0:40:</em></p>
<p>»Kommt reden wir zusammen.<br />
Wer redet, ist nicht tot.<br />
Es züngeln doch die Flammen<br />
Schon sehr um unsere Not.</p>
<p>Kommt, sagen wir: Die Blauen.<br />
Kommt, sagen wir: Das Rot.<br />
Wir hören, lauschen, schauen,<br />
Wer redet, ist nicht tot.</p>
<p>Allein in Deiner Wüste,<br />
In Deinem Gobi-Graun.<br />
Du einsamst: Keine Büste,<br />
Kein Zwiespruch, keine Fraun.</p>
<p>Und schon so nah den Klippen,<br />
Du kennst Dein schwaches Boot.<br />
Kommt, öffnet doch die Lippen:<br />
Wer redet, ist nicht tot.«</p>
<p><em>Musik 14:<br />
</em>Naftule und der König<em>, Nr. 11, 9:17–10:07 (0:50). </em></p>
<p><em>Die ersten fünfzehn Sekunden enthalten ein etwas melancholisches Solo und sollten allein klingen, dannach kippt das Stück in eine witzige und sehr vergnügte Orchestermu­sik. Darüber:</em></p>
<p>Absage</p>
<p><em>Die letzten 5 Sekunden der Musik mit einem knappen und effektvollen Finale soll­ten wieder allein klingen. </em></p>
<p><em>Ende.</em></p>
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