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	<title>Platon archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Im Namen der Robe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Sep 2018 18:46:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Namen der Robe – das Bild des Richters in Oper und Literatur * Für Wilfried Schröder (3. September 1944 – 17. Juli 2005) Christoph Schmitz-Scholemann &#160; Vorbemerkung 1: Wer ist Richter? Im folgenden Text wird viel von Richtern die Rede sein. Im Vordergrund stehen bestimmte nach der Wirklichkeit gezeichnete oder auch ganz frei erfundene [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe-3-2/">Im Namen der Robe</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Im%20Namen%20der%20Robe_GN.pdf"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1></h1>
<h1 style="text-align: left;">Im Namen der Robe<br />
<span lang="DE" style="font-size: 18pt;">– das Bild des Richters in Oper und Literatur *</span></h1>
<h4 class="CSS-Untertitel"><span lang="DE" style="font-size: 12.0pt; line-height: 120%;">Für Wilfried Schröder (3. September 1944 – 17. Juli 2005)</span></h4>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann</span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h4></h4>
<h4>Vorbemerkung 1: Wer ist Richter?</h4>
<p>Im folgenden Text wird viel von Richtern die Rede sein. Im Vordergrund stehen bestimmte nach der Wirklichkeit gezeichnete oder auch ganz frei erfundene Personen: Richterbilder. Im Hintergrund, oder im Untergrund, sind aber noch andere, allgemeinere Gedanken in Bewegung: Wenn es das Kennzeichen von Richtern ist, Urteile zu fällen, dann ist das richtig, was Albert Camus sagte: Jeder ist Richter. Wir alle urteilen unablässig – moralisch, ästhetisch, praktisch –, sonst könnten wir nicht leben.<span class="tooltips " style="" title="Obwohl uns natürlich immer das Bibelwort Matthäus VII, 1-5 in den Ohren klingt: &quot;Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welcherlei Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?  Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; danach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!&quot; , dazu Johann Sebastian Bach, K 185/2 BWV 185 &quot;Ach greife nicht durch das verbotne Richten/ dem Allerhöchsten ins gericht!&quot;">  [1] </span> Und jeder ist von den Urteilen seiner Mitmenschen abhängig. Der Gebrauch der Urteilskraft ist eng mit dem Gebrauch der Sprache verbunden und deshalb – weit über die Richterliteratur hinaus – ein literarisches Thema par excellence. Er geht auch weit über die Anwendung von Formen, Formeln und Gesetzen hinaus: Des Gesetzes Ende ist ein gerechter Mensch. <span class="tooltips " style="" title="Über Konfuzius heißt es im ersten Kapitel der Schulgespräche: »Vom Aufseher der öffentlichen Arbeiten wurde Kung zum obersten Richter von Lu gemacht. Als solcher schuf er Gesetze, die aber nicht angewandt zu werden brauchten, da es keine Leute gab, die sie übertraten.« Vgl.: Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 26663; vgl. Kungfutse-Gia Yü, S. 17; http://www. digitale-bibliothek.de/band94.htm"> [2] </span>Aber gibt es den? Die Gefährdungen und Abirrungen der Urteilskraft in moralischen Dingen machen, wie Hannah Arendt <span class="tooltips " style="" title="Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Aus dem Amerikanischen  von Brigitte Granzow. Mit einem einl. Essay von Hans Mommsen, München 1994; vgl. auch: Hannah Arendt, Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Herausgegeben und mit einem Essay von Roland Beiner. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz, München 1995."> [3]</span> in ihrem Buch <em>Eichmann in Jerusalem</em> schrieb, das Urteilen nicht entbehrlich. Sie machen es gefährlich, menschlrchterich und – interessant.</p>
<h4>Vorbemerkung 2: Alles begann in Eisenach</h4>
<p>Eines der ältesten und zugleich originellsten Gedichte in deutscher Sprache ist das Atzelied des Walter von der Vogelweide. Es handelt, auch, von einem ungerechten Richter.</p>
<p>Walter von der Vogelweide: Das Atzelied <span class="tooltips " style="" title="Troubadours, Trouvères, Ministrels – Studio der frühen Musik Thomas Binkley, Teldec 4509-97938-2, 2 CDs mit Textheft, CD 2 Nr. 5; im Stil der antiautoritären Volkslied-Rezeption der 1970er Jahre: Ougenweide, Liederbuch, Polydor 837 162-2, 1 CD mit Textheft; Walters lyrisches Werk ist im Internet vollständig als freeware zugänglich unter: http://www.litlinks.it/ w/walther_v.htm"> [4]</span></p>
<p>Mir hat her Gerhart Atze<br />
ein pfert erschozzen zIsenache;<br />
daz klage ich dem den er bestât:<br />
derst unser beider voget.<br />
Ez was wol drier marke wert,<br />
nu hoerent frömde sache:<br />
sit daz es an ein gelten gat,<br />
wa mit er mich nu zoget.<br />
Er seit von grozer swaere,<br />
wie daz min pferit maere<br />
dem rosse sippe waere<br />
daz im den finger abe<br />
gebizzen hat ze schanden:<br />
ich swer mit beiden handen,<br />
daz si sich niht erkanden,<br />
ist ieman der mir stabe?</p>
<p>Der Fall ist schnell erzählt: Der Dichter Walter von der Vogelweide hält sich in Thüringen auf. <span class="tooltips " style="" title="Wahrscheinlich um das Jahr 1205; auf das Jahr 1206 wird der Sängerkrieg auf der Wartburg in Eisenach datiert (wenn er datiert wird), der nicht nur Richard Wagner zu seinem Tannhäuser, sondern neuerdings auch Franz Hodjak zu einer fulminanten Roman-Parabel auf das Verhältnis von Kunst und Macht inspiriert hat: Franz Hodjak, Der Sängerstreit, Frankfurt 2000."> [5]</span> In Eisenach wird sein Pferd erschossen, und zwar von einem gewissen Gerhart Atze, einem Hofbeamten. Walter verklagt ihn auf Schadensersatz. Er verlangt drei Mark für seine gute Mähre. Als die Gerichtsverhandlung beginnt, staunt Walter nicht schlecht. Denn zu Gericht sitzt der Landgraf – wahrscheinlich Herrmann von Thüringen –, der zugleich der Vorgesetzte des Gerhard Atze ist. Die Befürchtung, es werde unter diesen Umständen nicht zu einem neutralen Urteil kommen, bewahrheitet sich auf beinahe surreale Weise:</p>
<p dir="ltr">Gerhard Atze verteidigt sich gegen die evident gerechte Schadensersatzforderung des Dichters mit einem, wie wir hoffen wollen,  auch nach damaligem Recht lachhaften Argument: Das getötete Pferd sei verwandt gewesen mit einem anderen Pferd, und dieses andere Pferd habe ihm, Atze, irgendwann einmal den Finger abgebissen. Nun werden in Prozessen nicht selten unsinnige Einwände gegen berechtigte Forderungen vorgebracht. Das Besondere hier ist, dass der Richter sich, in geheuchelter Neutralität, auf diesen Unsinn einlässt und von Walter verlangt, ihn zu widerlegen. Der soll, entgegen dem alten Rechtsgrundsatz <em>impossibilium nulla obligatio</em>, nun eine negative Tatsache beweisen, nämlich dass sein totes Pferd nicht verwandt ist mit jenem anderen Pferd, von dem er nichts weiter weiß außer, dass von ihm behauptet wird, es habe Atze den Finger abgebissen.</p>
<p>Soweit bekannt ist das Atzelied, das man eigentlich eine dadaistische Opernminiatur nennen muss, der erste Beitrag in deutscher Sprache zum Thema Recht, Musik und Literatur. Es zeigt den Dichter als den geborenen Justiz-Verspotter und zugleich als das geborene Justizopfer.</p>
<p>Die Vorstellung ist also nicht nur landläufig, sondern auch alt: Aus der Sicht des Poeten ist der Richter hauptsächlich an der Schädlichkeit seines Wirkens <span class="tooltips " style="" title="Auch der junge Goethe scheint einen skeptischen, wenn nicht verächtlichen Blick auf das Gerichtspersonal gepflegt zu haben: Im Götz von Berlichingen vertreten den Juristenstand erst ein schmieriger Schwätzer namens Olearius (vormals Ölmann, stets zu Diensten), dann eine anfangs rachsüchtige, alsbald aber ihre Feigheit offen legende Mannschaft von Dorfrichtern und schließlich einige grundböse Dunkelmänner, die ein Femegericht abhalten. Später scheint sich der Blick geändert zu haben, wie man an dem in weiser oder einfältiger Selbstbeschränkung lebenden Gerichtsrat in dem Schauspiel Die natürliche Tochter sehen kann."> [6]</span> zu erkennen. Er sorgt dafür, dass die Ungerechtigkeit durch ein dem Schein nach rationales, in Wahrheit aber bis zur Boshaftigkeit absurdes Verfahren kaschiert werden kann. Er ist eine hassenswerte und verteufelt <span class="tooltips " style="" title="In diesem Punkt stimmt die Volksmeinung mit derjenigen der Künstler überein, wie wir aus dem von Ludwig Bechstein überlieferten Märchen Der Richter und der Teufel lernen: Der reiche und boshafte Richter trifft den Teufel und zwingt ihn, mit ihm zusammen durch die Stadt zu gehen. Der Richter möchte unbedingt wissen, was die Menschen dem Teufel im Ernst geben. Es stellt sich heraus, dass dieser oder jener auf dem Markt zu einem anderen Menschen (Kind, Frau, Kollege) sagt: Scher Dich zum Teufel, dass dies aber nicht ernst gemeint ist. Ernst gemeint dagegen ist der Ausruf einer alten Frau, die den Richter als denjenigen erkennt, der ihr zu Unrecht ihre letzte Kuh genommen hat durch ein hartes Urteil: Dass sie es ernst meint mit ihrem Satz, er solle zum Teufel gehen, ist leicht erkennbar. So muss der Richter in die Hölle."> [7]</span> lächerliche Figur. Unsere Sympathie gehört deshalb selbstverständlich dem Dichter.</p>
<p>Diese Grundkonstellation finden wir in vielen literarischen Darstellungen von Richtern. Oft erscheinen sie als fleischgewordene Unerbittlichkeit, oder besser als zu Papier gewordene ehemalige Menschen. Wo andere ein Herz haben, findet sich ein Zettelkasten, und ihr Gesicht ist  zusammengesetzt aus allem, was man auf keinen Fall küssen möchte, <span class="tooltips " style="" title="Keine Regel ohne Ausnahme: Paris, der in dem berühmten Streit dreier Göttinnen (Hera, Athene und Venus – Macht, Klugheit, Liebe) um den Preis der Schönheitskönigin das Urteil sprechen muss, ist ein ausnehmend wohlgestalteter Sohn der Erde, vgl. Christoph Martin Wieland: Das Urtheil des Paris, in C.M. Wieland: Sämmtliche Werke, III, Hamburg 1984 Nachdruck der 1795 im Göschen-Verlag Leipzig erschienenen Gesamtausgabe letzter Hand."> [8]</span> aus kalten Kröten und Fischschwänzen zum Beispiel, wie auf dem Porträt <em>Der Jurist</em>, das der italienische Maler Giuseppe Archimboldo im 16. Jahrhundert malte. <span class="tooltips " style="" title="»Am vergangenen Donnerstag habe ich meine Richter gesehen. Ich will nicht behaupten, sie seien nicht schön; sie sind ganz abscheulich hässlich; und ihre Seele gleicht bestimmt ihrem Gesicht«, schreibt Charles Baudelaire am 18. August 1857 – kurz vor Beginn des Prozesses wg. Les Fleurs du Mal an seine damalige Geliebte, Madame Sabatier – zit. nach Charles Baudelaire, Sämtliche Werke/Briefe, hrsg. von Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1975, Bd 3 S. 25 ff,"> [9]</span></p>
<p>Aus der Literatur lassen sich viele zu diesem Bild des Richters passende Beschreibungen anführen. Klassisch ist die von Edgar Allan Poe in der 1843 erschienenen Kurzgeschichte <em>The Pit and the Pendulum</em>: <span class="tooltips " style="" title="»Grube und Pendel«, Frankfurt 2001; zahlreiche weitere Übersetzungen sind auf dem Markt, ferner auch mehrere Audio-Einspielungen; die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, 1913 von Alice Guy, 1961 von Roger Corman; 1990 von Stuart Gordon."> [10]</span></p>
<p>»Ich sah die Lippen der schwarzgekleideten Richter. Sie erschienen mir weiß – weißer als das Blatt, auf das ich diese Worte schreibe – und dünn bis zur Groteske; dünn und grausam fest geschlossen, dünn in unbeweglicher Härte, in strenger Verachtung aller Menschenleiden. Ich sah, dass Aussprüche, die mein Schicksal bedeuteten, noch immer über diese Lippen kamen, sah wie sie sich im Sprechen des Todesurteils verzerrten. Ich sah sie die Silben meines Namens bilden, und ich schauderte, weil kein Laut zu hören war.« <span class="tooltips " style="" title="Ähnliche Schilderungen bei Victor Hugo, Der letzte Tage eines Verurteilten, aus dem Französischen übersetzt von W. Scheu, Zürich 1984, 2. Kapitel; Joseph Conrad, Lord Jim, aus dem Englischen übersetzt von Klaus Hoffer, Zürich 1998, 2000, Viertes Kapitel; vgl. auch das Gedicht: Das Gericht von Peter Huchel."> [11]</span></p>
<p>Man wird mir die Bemerkung gestatten, dass mich diese Sicht der Dichter auf den angesehenen Berufsstand, dem ich seit mehr als einem Vierteljahrhundert angehöre, schmerzt. Sie muss ja auch nicht stimmen. Schon einer der ersten Autoren des Abendlands, den man als Dichterjuristen bezeichnen kann, Solon von Athen, schrieb: Polla pseudontai aioidai – Vieles lügen die Dichter. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Herwig Görgemanns/Joachim Latacz (Hrsg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Griechisch/Deutsch, Band 1, Archaische Periode, Stuttgart 1991 (RUB), S. 207; vgl. auch Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Zweites Buch, Nr. 84: »und doch ist es für eine Wahrheit gefährlicher, wenn der Dichter ihr zustimmt, als wenn er ihr widerspricht! Denn wie Homer sagt: ›Viel ja lügen die Sänger!‹«, Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Zweites Buch. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6013, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 94) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm"> [12]</span></p>
<p>Vielleicht hat ja Walter von der Vogelweide, der ein ziemlich lockerer Zeisig gewesen sein soll, die Geschichte nur erfunden, um dem Landgrafen und seinem Beamten eins auszuwischen.<span class="tooltips " style="" title="So sieht es z.B. Thomas Bein in Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1997 (Reclams Universal Bibliothek), S. 297 (»fiktive Spott- und Hohnattaxcke eines Kleinen gegen einen Großen«); ähnlich Claudia Brinker-von der Heyde, Die literarische Welt des Mittelalters, Darmstadt 2007, 112 f."> [13]</span> Ich bitte Sie jedenfalls um Nachsicht dafür, dass ich Ihnen im Dienst meines Berufsstandes auch einige positive Richtergestalten aus der Weltliteratur <span class="tooltips " style="" title=" Große Achtung erwarb sich der Richter Gi Gau, ein Schüler des Kung-Tse (Konfuzius): »Gi Gau war Strafrichter in We und verurteilte einen Mann zum Abhacken der Füße. Nach einiger Zeit kam es zu den Unruhen des Kuai Wai. Gi Gau wollte ihnen entgehen und ging nach dem Stadttor. Der Mann mit den abgehackten Füßen war Torhüter. Er sprach zu Gi Gau: ›Dort ist eine Lücke.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle klettert nicht über Mauern.‹ Da sprach er wieder: ›Dort ist ein Loch in der Mauer.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle kriecht nicht durch Löcher.‹ Da sprach jener abermals: ›Hier ist ein Haus.‹ Gi Gau trat ein. Als die Verfolger vorüber waren und Gi Gau im Begriff war weiterzugehen, da sprach er zu dem Mann mit den abgehackten Füßen: ›Ich konnte seinerzeit nicht umhin, in Ausübung der Gesetze meines Herrn selbst Euch die Füße abhacken zu lassen. Nun bin ich in Schwierigkeiten, das wäre gerade die richtige Zeit für Euch gewesen, mir Euern Groll heimzuzahlen, statt dessen habt Ihr mir dreimal durchgeholfen. Was ist der Grund davon?‹ Der Mann mit den abgehackten Füßen sprach: ›Daß mir die Füße abgehackt wurden, daran war ich selber schuld, da ließ sich nichts machen. Aber als Ihr damals mich zu richten hattet nach den Gesetzen, da suchtet Ihr nach einem Vorgang für meinen Fall, um mir die Strafe zu ersparen. Das wußte ich. Als dann der Fall erledigt war und die Strafe festgesetzt und es dazu kam, das Urteil zu verkündigen, da wart Ihr unruhig und betrübt. Als ich Eure Mienen sah, wußte ich das auch. Ihr habt wirklich nicht unrecht an mir getan. Wenn der Himmel einen Edlen hervorbringt, so legt er ihm den Weg (Tao) ins Herz; darum habe ich Euch durchgeholfen.‹  Meister Kung hörte den Vorfall und sprach: ›Trefflich, wer als Beamter das Gesetz einheitlich anwendet und doch auf Güte und Rücksicht bedacht ist, der pflanzt Gutes. Wer Härte und Strenge anwendet, der pflanzt Groll. Meister Gau verstand es, unparteiisch zu handeln.‹« (Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China (wie Anm. 2), S. 26706. "> [14]</span> vorstellen werde. <span class="tooltips " style="" title=" Eingeräumt sei, was Friedrich Nietzsche im Dritten Buch der &lt;em&gt;Fröhlichen Wissenschaft&lt;/em&gt; sagt: »Wenn Gott ein Gegenstand der Liebe werden wollte, so hätte er sich zuerst des Richtens und der Gerechtigkeit begeben müssen – ein Richter, und selbst ein gnädiger Richter, ist kein Gegenstand der Liebe.«, vgl. Friedrich Nietzsche, Werke, München o.J., Bd. 2, S. 134) (c);  http://www. digitale-bibliothek.de/band31.htm "> [15]</span></p>
<h4>Vorbemerkung 3: Die gute Ordnung</h4>
<p>»Das Richterbild in Oper und Literatur« heißt mein Thema. Es geht um literarische und musikalische Bilder. Auch, wenn diese Bilder manchmal über ihren Rahmen hinausweisen – es ist mir um Anschauung und in diesem Sinne auch um Wissenschaft (vgl. § 51 UrhG), aber nicht um ästhetische oder juristische Theorien oder Abstraktionen zu tun. Ich habe mich folglich bemüht, meinen Vortrag von allen Hintergedanken freizuhalten, und auch an Gedanken gibt es von meiner Seite im Folgenden nur das Nötigste. In Anlehnung an Mark Twain zu reden:</p>
<p><strong><em>Personen, die versuchen, eine tiefere Moral in den folgenden</em></strong><br />
<strong><em>Erzählungen zu finden, werden gerichtlich verfolgt.</em> </strong><span class="tooltips " style="" title="Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer, Deutsch von Lore Krüger, Zürich 1985, Vorrede des Artillerie-Kommandanten G.G., »auf Befehl des Autors«."> [16]</span></p>
<p>Um allerdings ein wenig Ordnung in das Material zu bringen und um den Kunstgenuss zu erleichtern, habe ich den Stoff in Kapitel gegliedert. Sieben davon sind unterschiedlichen richterlichen Phänotypen <span class="tooltips " style="" title="Es gibt natürlich weitere Phänotypen, die hier nicht behandelt werden:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;1.) zum Beispiel den Unbedeutenden Richter, von dem William Shakespeares Komödie Maß für Maß, deren Hintergrund die reichlich unübersichtlichen Verhältnisse der Wiener Kriminaljustiz bilden, ein mustergültiges Exemplar auf die Bühne bringt. Während nämlich der Gerichtsdiener Elbogen (dim-witted) nebst dem Scharfrichter Grauslich und dem Bierzapfer Pompeius Pumphos die Szene beherrscht, besteht der ganze Text des im ersten Auftritt des Zweiten Aktes erscheinenden Richters in den Worten »Elf, gnädiger Herr« und »Ich danke Euch untertänig«,  erstere Aussage als Antwort auf die Frage, wieviel Uhr es sei, die zweite als Annahme einer Einladung zum Essen durch einen Herrn vom Staatsrat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;2.) Der Mensch als Weltenrichter – »Es erscheint uns heute selbst zum Lachen, wenn der Mensch in Anspruch nehmen wollte, Werte zu erfinden, welche den Wert der wirklichen Welt überragen sollten – gerade davon sind wir zurückgekommen als von einer ausschweifenden Verirrung der menschlichen Eitelkeit und Unvernunft, die lange nicht als solche erkannt worden ist. Sie hat ihren letzten Ausdruck im modernen Pessimismus gehabt, einen älteren, stärkeren in der Lehre des Buddha; aber auch das Christentum enthält sie, zweifelhafter freilich und zweideutiger, aber darum nicht weniger verführerisch. Die ganze Attitüde ›Mensch gegen Welt‹, der Mensch als ›Welt-verneinendes‹ Prinzip, der Mensch als Wertmaß der Dinge, als Welten-Richter, der zuletzt das Dasein selbst auf seine Waagschalen legt und zu leicht befindet – die ungeheuerliche Abgeschmacktheit dieser Attitüde ist uns als solche zum Bewußtsein gekommen und verleidet – wir lachen schon, wenn wir ›Mensch und Welt‹ nebeneinandergestellt finden, getrennt durch die sublime Anmaßung des Wörtchens ›und‹!« Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch. Wir Furchtlosen. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6232; vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 211) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;3.) Die Welt als Menschenrichterin:  Das Empfinden, die ganze Welt habe sich gegen einige Menschen verschworen, um ungerecht  Recht über sie zu sprechen, findet sich in dem während der Weberaufstände im 19. Jhdt. entstandenen anonymen Volkslied: »Die Welt, die ist jetzt ein Gericht/ noch schlimmer als die Feme./ Wo man nicht erst ein Urteil spricht,/ das Leben schnell zu nehmen. – Hier wird  der Mensch langsam gequält,/ hier ist die Folterkammer./ Es werden Seufzer viel gezählt/ als Zeugen von dem Jammer. – Die Herren Zwanziger die Henker sind,/ die Diener ihre Schergen, davon ein jeder tapfer schindt,/ anstatt was zu verbergen ... Und hat auch einer noch den Mut,/ die Wahrheit herzusagen,/ dann kommt’s so weit, es kostet Blut;/ und dann will man verklagen.« Zit. nach Ernst Klusen (Hrsg.), Deutsche Lieder, Frankfurt 1980, S. 516; aus den Untersuchungsakten zum Weberaufstand: »Am Abend des 3. Juni zogen ungefähr 20 Personen bei den Gebäuden der Kaufleute Zwanziger vorbei und sangen ein Spottlied auf die genannten Kaufleute: es entstand hierdurch Lärm und der Gerichtsmann Wagner verhaftete einen der Teilnehmer...Das abgesungene Gedicht wurde ebenfalls ergriffen.« Zit. nach Klusen, ebenda, S. 842.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;4.) Der Tod als Richter, vgl. Andreas Gryphius, 1616–1654, Auff eines vornehmen Juristen Grab-Stein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Ich durch all Gesetz vnnd alle Recht kont brechen;&lt;br /&gt;
Dem an Verstand vnd Kunst kaum jemand gleiche war;&lt;br /&gt;
Der Ich die Dunckelheit der sache machte klar;&lt;br /&gt;
Hab vber mich den Todt must lassen Vrtheil sprechen/&lt;br /&gt;
Den Todt/ an dem mich nicht mein grosse Macht könt rächen!&lt;br /&gt;
Nichts galt mein hoher Sinn; nichts galt der Worte schar.&lt;br /&gt;
Mein wolberedte Zung erstumbte gantz vnd gar/&lt;br /&gt;
Als mich der scharffe Pfeil des Richters thät erstechen.&lt;br /&gt;
Jtzt sind mein Augen zu/ dehn vor nichts mochte sein&lt;br /&gt;
Verborgen/ vñ mich selbst verbirgt ein kurtzer Stein.&lt;br /&gt;
Was hilfft nun daß Ich vor kondt rathen allen Sachen&lt;br /&gt;
Daß Ich vor keinem Part noch Throne mich entsetzt/&lt;br /&gt;
Daß mir kein Handel je ward allzuschwer geschätzt/&lt;br /&gt;
Da ich nicht möcht den Streit des Todes richtig machen.&lt;br /&gt;
(Gryphius: Sonette. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 40908; Gryphius-GA Bd. 1, S. 15–16).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;5.) Der bescheidene Richter. Während uns in der Literatur häufiger Richter gezeigt werden, deren Beschränktheit gerade durch das Auftrumpfende ihres Benehmens hervortritt, hat Johann Wolfgang von Goethe den selteneren Gegentypus in dem Gerichtsrat geschaffen, der eine Retter-Rolle in dem Schauspiel Die natürliche Tochter zu übernehmen hat (s. u.). Dieser Richter kennt seine Grenzen und überschreitet sie nicht, seine Geisteshaltung schillert zwischen Weisheit, Bescheidenheit, Kleingeistigkeit und Feigheit:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In abgeschloßnen Kreisen lenken wir,&lt;br /&gt;
Gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe&lt;br /&gt;
Des Lebens wiederkehrend Schwebende.&lt;br /&gt;
Was droben sich in ungemeßnen Räumen&lt;br /&gt;
Gewaltig seltsam hin und her bewegt,&lt;br /&gt;
Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,&lt;br /&gt;
Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl&lt;br /&gt;
Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.&lt;br /&gt;
Vgl. Goethe-HA Bd. 5, S. 272-273;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;6.) Der Richter als Künstler – dass es auch diese Spielart gibt, trat durch ein Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf ins Bewusstsein des öffentlichen Diskurses, in dem festgehalten wurde dass der Juror des Spruchkörpers, der bei dem Fernsehsender RTL für Deutschland den Superstar sucht, ein Künstler im Sinne der Versicherungspflicht bei der Künstlersozialkasse ist: Dieter Bohlen ist Richter und Künstler in einem, (dpa-Meldung vom 12. November 2007;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;7.) José Ortega y Gasset hat den in seinen Augen verabscheuungswürdigen  Typus des »zufriedenen jungen Mannes« beschrieben (Der Aufstand der Massen, Stuttgart 1963) – dementsprechend kann auch Der zufriedene Richter besichtigt werden, und gar nicht selten. Bei leichtem Übergewicht und leicht übertriebener Gesichtsglätte trägt sein Lächeln eine leicht übertriebene Aufgeräumtheit zur Schau, wie sie jene Schüler empfinden, die genau wissen, dass sie den Anforderungen des Lehrers entsprechen; leider lauert hinter diesem Stolz auf den eigenen von Harm- und Phantasielosigkeit genährten Gehorsam  die Bereitschaft, jeden, der seinen Ranzen oder sein Gesicht nicht so gut aufgeräumt hat, unter dem Tisch gegen die Schienbeine zu treten, ohne dass es jemand merkt. Einen solchen grundzufriedenen, von Makkaroni mit Ketchup träumenden Richter beschreibt Jürgen K. Hultenreich in seinem Roman Die Schillergruft, Berlin 2001, S. 186 ff.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;8.) Der in Zorn ausbrechende Richter. Den Beruf des Richters kann nur ausüben, wer Geduld hat. Man muss sich jede Menge Lügen anhören und dazu ein unbewegtes Gesicht machen. Man muss jede Menge Streitwerte festsetzen und damit den Rechtsanwälten, die man für chronisch überbezahlt, fachlich  überschätzt und moralisch zumindest überfordert  halt, das Heu in die Scheune schieben. Man muss als Instanzrichter jede Menge von den Obergerichten entwickelter Rechtssätze anwenden und damit seinen geborenen Feinden, nämlich den Oberrichtern, die man für chronisch überbezahlt und chronisch unterbelichtet halt, huldigen. Bei so bewandten Sachen ist es nur menschlich,  dass man sich gelegentlich Luft macht.  Wenn die eigene Familie sich nicht als Opfer zur Verfügung stellt und die Geschäftstellenverwalterin krank ist, kann es geschehen, dass der ansonsten so geduldige Herr Kammervorsitzende einem verdutzten Anwalt oder einer Partei sowas von hanebüchen die Leviten liest wie es der Richter Wool in der Satire What is a judge? des gelernten Rechtsanwalts und langjährigen Unterhausabgeordneten Alan Patrick Herbert (1890–1972) tut, indem er den Anwalt unvermittelt als alten Schwätzer anredet und seine Mandantin als blonde Kuh. In Wahrheit handelte es sich um eine Schauspielerin, die nach Vertrag für jede Drehwoche 5000 Pfund erhalten sollte und die an sich auf fünf Wochen angesetzte Drehzeit auf 15 Wochen ausgedehnt hatte, indem sie sich weigerte eine vorgesehene Bade-Szene zu spielen, so lange das Wasser im Pool nicht auf mindestens 24 Grad geheizt war (vgl. A. P. Herbert, Clear Facts, Muddled Laws – Alles was Recht ist, dtv-zweisprachig, übersetzt von Richard Frenzl, München 1989).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;9.) Der Verbrecher als Richter tritt uns in Alfred Hitchcocks Spielfilm Jamaika Inn aus dem Jahre 1939 entgegen. Dass ser Richter und Staatsanwälte nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit ansah, sondern im Großen und Ganzen als zynische, kalte,  skrupellose und egoistische Heuchler, kann man auch in anderen Werken Hitchcocks feststellen. In Jamaika Inn ist der Richter aber nicht nur eine moralisch fragwürdige Gestalt und ein seinem Amt nicht gewachsener Mensch, sondern der Anführer einer Räuberbande, vgl. Andreas Grube, Gerichtsszenen bei Alfred Hitchcock, NJW 2007, 631 ff. 10.) Der zynische Richter begegnet dem Leser bei Louis-Ferdinand Céline (1894–1961) in dem Roman Reise ans Ende der Nacht, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003, Seite 198-208: Er trägt den Namen Grappa und ist Kolonial-Leutnant in dem kleinen Ort Topo im Kongo. Ihm zur Seite steht der Sergeant Alcide, der seinerseits eine Truppe von 12 einheimischen  Milizionären befehligt. Grappe, »dessen Leib gewaltig war, eine Strafe, mit kurzen, purpurroten, schauderhaften Händen. Händen, die nie irgendwas begreifen würden. Abgesehen davon versuchte Leutnant Grappe auch gar nichts zu begreifen«,  hält jeden Donnerstag Gericht und versucht dieser von ihm als lasting empfundenen Pflicht dadurch enthoben zu warden, dass er absurde und grausame Urteile spricht. Gleichgültig, was ihm vorgetragen wird von Parteien und Zeugen, stets greift er willkürlich einen derv or ihm Erschienen heraus und lässt ihn aufs Blut auspeitschen. Sonderbarerweise hält  dieses Verfahren die einheimischen Rechtssuchenden nicht davon ab, immer wieder vor dem Richter Recht zu suchen;  einer tritt sogar freiwillig zum Empfang der Peitschenhiebe an. Grappa, der zur Metapher eines boshaften Gottes taugt,  sitzt derweil in einem knirschenden Rohrsessel und raucht Zigarren: »Ah! Wenn die nur wüssten, wie scheißegal mir denen ihre Zänkereien sind, dann würden die in ihrem Dschungel bleiben und mir nicht hier mit ihrem Blödsinn auf die Nerven gehen! ... Erzähle ich denen etwa die ganze Zeit von meinen Angelegenheiten? Obwohl, so langsam möchte ich fast glauben, denen gefällt meine Rechtsprechung irgendwie, diesen Mistkerlen! Seit zwei Jahren versuch ich jetzt, ihnen den Spaß zu verleiden, aber sie kommen jeden Donnerstag wieder ... Glauben Sies mir oder nicht,  junger Mann, das sind fast immer dieselben, die da kommen! ... Pervers müssen die sein, oder was!«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;11.)  Der Richter als Mitglied des Spruchkörpers unterliegt, wie jeder Richter weiß, der einmal einer Kammer oder einem Senat angehört hat, einer besonderen Seinsweise, die man als perennierende, weil strukturelle narzistische Kränkung bezeichnen kann. Weder das Haupt dieses delikaten, ja prekären corpus iuris noch seine Glieder können je, wie sie eigentlich wollen, weshalb keiner von ihnen sich zu wollen traut,  was er im Grunde zu können wünscht, so dass, was sie als Kollegium tun, oft keiner gewollt hat, weshalb sie, zur Vermeidung dauerhaften und gesundheitsschädlichen Zwists,  sich gegen den Rest der Welt umso inständiger verschwören. Wehe dem, der da nicht mittut!  Ein Beispiel dafür finden wir in der Geschichte von Sir Oblong-Fitz-Oblong, dem kleinen dicken Ritter: Er erhält vom Herzog den Auftrag auf den Bollingru-Inseln für Ordnung zu sorgen. Deren Bewohner werden ausgeplündert von Baron Bollingru, der sich der Mithilfe des Ritters Schwarzherz bedient.  Ein Mittel der Ausplünderung besteht darin, dass Bolingru und Schwarzherz, die einander im Grunde verachten, gemeinsam zu Gericht sitzen und eklatant ungerechte Urteile zu eigenem Nutz und Frommen fällen. Sir Oblong, wie weiland Don Quijote fahrender Ritter in höherem Auftrag, gelingt es, als drittes Mitglied in den Spruchkörper gewählt zu werden. Sofort entsteht Streit um den Zeitpunkt des Sitzungsbeginns, um die Kleiderordnung (Robe oder nicht) und um Befangenheitsprobleme. Oblong muss erkennen, dass seine beiden Kollegen, von denen der eine während der Verhandlung ungeniert schnarcht, zu unparteiischer Amtsausübung nicht überredet werden können,  sondern ihm und den Parteien unter Berufung auf die Bolingrusche Prozessordnung und das dort verankerte Mehrheitsprinzip rüdest übers Maul fahren. Das Recht hat erst dann wieder eine Chance, als es Oblong gelingt, einen vierten Richter ins Kollegium zu bringen: Nun müssen, damit überhaupt entschieden werden kann, Sachargumente sprechen. Die Augsburger Puppenkiste hat vor fast einem halben Jahrhundert aus dem Kinderbuch Der kleine dicke Ritter  (Süddeutsche Zeitung, München 2005) von Robert Oxton Bolt (1924–1995) ein hübsches Puppenspiel gemacht (DVD, Schwarz-Weiß, Augsburger Puppenkiste, Oehmichens Marionetten Theater, hr MEDIA, Katalog-Nr. 280042)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;12.) Der Richter als Terrorist ist eine Gestalt, die uns vielleicht nur in den Medien und in der politischen Propaganda begegnet, vielleicht aber auch tatsächlich existiert: In Somalia hatten nach einer seit 1991 herrschenden Anarchie die Scharia-Richter begonnen, etwas Ordnung zu schaffen. Nach Auffassung der Amerikaner war diese Ordnung nicht akzeptabel, sie sah wohl für westliche Maßstäbe unangemessene Verbote vor, wie beispielsweise für das Anschauen von Fuißballspielen im Fernsehen. 2006 marschiertedie äthiopische Armee ein. Die Richter flohen und lassen nun Milizen gegen die äthiopische Besatzung kämpfen. Das Erscheinungsbild dieses Richtertyps ist  soldatisch, vgl. FAZ 27. September 2008, Nr. 227, Seite 4. Einen Scharia-Richter gibt es inzwischen wohl auch in Berlin, er heißt Hassan Allouche, und sein Bild erinnert an einen wohlgenährten Freiheitskämpfer in Freizeitkleidung, allerdingsarbeitet er bei einem Autohändler in Berlin,  trägt eine schusssichere Weste; er vermittelt zwischen rivalisierenden Clans. Ein terroristischer Richter ist in der Vorstellung des Angelus Silesius oddenbar auch Jesus Christus, wenn er das Jüngste Gericht hält:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Urteil ist bald abgefaßt,&lt;br /&gt;
Er sprichts mit eignem Munde,&lt;br /&gt;
Er sprichts, daß auch das Blut erblaßt&lt;br /&gt;
In ihres Herzens Grunde:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Geht hin und weichet weg von mir,&lt;br /&gt;
Ihr Grundvermaledeiten,&lt;br /&gt;
Geht hin, trollt euch von meiner Tür,&lt;br /&gt;
Bleibt weg zu ewgen Zeiten.&lt;br /&gt;
Geht hin ins Feur, ins ewge Feur,&lt;br /&gt;
In Schlund der grundten Höllen&lt;br /&gt;
Mit Beelzebub, dem Ungeheur,&lt;br /&gt;
Und seinen Rottgesellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da fallen sie mit großem Schrein,&lt;br /&gt;
Mit Prasseln und mit Krachen&lt;br /&gt;
Wie Klötze in den Schlund hinein&lt;br /&gt;
Und in der Höllen Rachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(Angelus Silesius: Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 3660 (vgl. Angelus-SW Bd. 3, S. 245-246) http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm )&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;13.) Das Volk als Richter ist vermutlich das Schlimmste, was einem Rechtsuchenden begegnen  kann. »Wir haben ein Gesetz/ Und nach dem Gesetz/Muss er sterben!« antwortet das Volk dem Pontius Pilatus in der Johannes-Passion.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;14.) Der Sitzer und sieben weitere Richtertypen sind von dem Wiener Rechtsanwalt und Essayisten Walther Rode (1876–1934) in seinem Buch Knöpfe und Vögel – Lesebuch für Angeklagte (Edition Memoria, Hürth bei Köln und Wien 2000, herausgegeben von Thomas B. Schumann) trefflich beschrieben worden. Die Richter sieht er als einen asketischen, am Ufer des Daseins misstrauisch hockenden Menschenschlag, dem die sitzende Lebensweise von Gott vorgeschrieben ist – so Anton Kuh im Vorwort –: »Die breiten Gesäße beherrschen die Welt.«"> [17] </span> gewidmet, das letzte zeigt die Antwort der Oper auf eine ewig drängende Frage: Wie wird man eigentlich Richter?</p>
<h4>Kapitel I: Der Richter als Mythos</h4>
<p>»Venturus est cum gloria, iudicare vivos et mortuos – er wird kommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebendigen und die Toten«,  heißt es im Großen Glaubensbekenntnis. <span class="tooltips " style="" title="Einzelheiten siehe bei: Reinhard Staats, Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Darmstadt 1996."> [18] </span> Die Vorstellung, das Richteramt sei Teil der göttlichen Macht <span class="tooltips " style="" title="got ist selber recht. dar umme ist im recht lip, schrieb Eike von Repgow"> [19]</span> oder der natürlichen Ordnung, <span class="tooltips " style="" title="Nach ältester chinesischer Tradition stehen die Funktionen in Staat und Gesellschaft in einer festen Verbindung zu den Jahreszeiten, die ihrerseits Vertreter der kosmischen Ordnung sind. Diese Ordnung darf nicht verletzt werden, wenn das biologische Leben der Einzelnen und das Leben der Gemeinschaft, ja sogar das Wetter nicht verwirrt werden soll. Wenn der Himmelssohn nicht bestimmte Handlungen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten verrichtet, so kann es geschehen, dass der Kosmos damit antwortet, dass auch er bestimmte von ihm erwartete und regelmäßig erbrachte Leistungen verweigert: Sonne und Wind zu bekömmlichen Zeiten zu schicken usf. Die Zeit des Richtens ist der Herbst, was nahe liegt, denn das Richten hat zweifellos etwas von einer Abrechnung und von der Ernte und der Verteilung derselben. »Der Meister des Gerichtswesens (Sï-Kou) hat das Amt des Herbstes, indem er öffentliche und private Prozesse hört, die Unordnungen und Widersetzlichkeiten des Volkes in Ordnung bringt und die Waage hält, um das Volk nach der Mitte hin zu ändern. Alle Unbotmäßigkeit des Volkes entspringt aus untätiger Sicherheit.« Chinesische Philosophie: Li Gi – Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 25315 – Li Gi, S. 100; http://www.digitale-bibliothek.de/ band94.htm."> [20]</span> ist uralt, <span class="tooltips " style="" title="Nach Platon, Kritias, 119 c ff. hatte das vorgeschichtliche Atlantis (zehntausend Jahre vor der klassischen Zeit Athens) seine Gesetze von Poseidon empfangen; es war auf eine Erzsäule geschrieben, die im  Poseidon-Tempel inmitten der Insel stand. Hier, im Tempel, richteten die zehn Könige von Atlantis, nachdem sie gemeinsam einen der im Heiligtum frei herumlaufenden Stiere mit Knüppeln nund Fäusten gejagt, getötet und sein Blut auf das Gesetz hatten spritzen lassen, nächtens in schönen blauen Roben unter dem Beistand des Gottes und des Weines., vgl. Platon, Werke, hrsg. v. Günther Eigler, bearb. von Klaus Widdra, Griech. u. Deutsch, Bd 7, Darmstadt 2005, S. 249,"> [21]</span> kulturübergreifend <span class="tooltips " style="" title="Kulturübergreifend ist allerdings auch die Vorstellung, dass, im Falle einer vollkommen gerechten Einrichtung des Lebens, wie sie im Goldenen Zeitalter, im Paradies, im Nirwana  oder im Endstadium des Kommunismus anzutreffen war oder sein wird, weder für Gesetze noch für Richter Platz ist: Ovid, Metamorphosen, I, 89-93:&lt;a href=&quot;#_edn22&quot; name=&quot;_ednref22&quot;&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,&lt;br /&gt;
sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.&lt;br /&gt;
poena metusque aberant, nec verba minantia fixo&lt;br /&gt;
aere legebantur, nec supplex turba timebat&lt;br /&gt;
iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti."> [22]</span></p>
<p><a href="#_edn22" name="_ednref22"></a> und bis heute lebendig, <span class="tooltips " style="" title="In einer 2007 erschienenen Erzählung klagt Hiob gegen Gott, ein schwieriges Unterfangen, da auch in diesem Prozess Richter auch wieder Gott ist. Interessanter wäre es vielleicht gewesen, den Teufel auf die Richterbank zu setzen, Ludwig Lütkehaus, Das nie erreichte Ende der Welt, Frankfurt am Main 2007."> [23]</span> wenn auch manchmal eher als satirisch gemeinte Kennzeichnung der Selbsteinschätzung von Richtern. <span class="tooltips " style="" title="Ein sehr berühmter, selbstbewusster und stets mit streng zurückgekämmtem Haar, Nackentolle, geschliffenen Worten und gefährlichem Blick durch eine gefährlich funkelnde Brille auftretender spanischer Richter und Medien-Star ist seine Exzellenz Baltasar Garzón, Ermittlungsrichter am Tribunal Supremo, der im Juli 2006 durch Einstweilige Verfügung einer Rock-Band aus Benicassím untersagen ließ, weiterhin unter dem Namen »Garzón« aufzutreten. Die Gruppe folgte dem Gerichtsbefehl umgehend und verkündete auf ihrer Website www.superjuez.com: »Es handelt sich um ein schreckliches Missverständnis. Als wir uns diesen Namen gaben, hatten wir nur eine Absicht: Wir wollten unserer Ehrerbietung gegenüber einem der Großen unserer Zeit Ausdruck verleihen, einem Mann, der den zu Unrecht aus der Mode gekommenen Tugenden der Gelassenheit und ... Bescheidenheit endlich wieder Geltung verschafft ... Unsere Absicht war, den größten Richter Spaniens zu ehren ...«. Die Gruppe änderte ihren Namen aufgrund der Einstweiligen Verfügung in »Grande-Marlaska«, womit sie den Namen eines ebenfalls am tribunal supremo tätigen Kollegen von Garzón wählte, ohne dass dieser Kollege sich dagegen gewehrt hätte, EL PAIS, sábado 22 de julio de 2006, S. 40.">[24]</span> So befasste sich vor einigen Monaten Jürgen Fliege in seiner Nachmittagssendung mit den von ihm so genannten »Halbgöttern in Schwarz«. Wie eng in der irrationalen Bilderwelt des Unterbewussten das Richterbild mit religiösen Gefühlen <span class="tooltips " style="" title="Dass irrationale Kräfte auch in der heutigen Rechtskultur wirken, zeigt Uwe Volkmann (FAZ 16. März 2007, Nr. 64/2007, S. 9: »Einst versammelte sich das Volk um die Schamanen und die Altäre, um sich in der Vertreibung der bösen Geister zumindest kurzzeitig als stark und geeint zu erfahren. Heute versammelt sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die ohne gesicherte Wahrheit auskommen muss und deren Mitglieder einander fremd geworden sind, um das Recht – das symbolische Recht.« Ein schönes Beispiel für solche Debatten um Gesetze, deren Wirkung auf die Lebensverhältnisse sehr überschaubar ist, war der erbittert geführte Streit in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung um die durch § 14 Abs. 3 TzBfG im Jahre 2002 geschaffene Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen mit Menschen ab 52 Jahren. Während die einen eine massenweise Entrechtung älterer Arbeitnehmer fürchteten, glaubte der Gesetzgeber ein Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit älterer Menschen gefunden zu haben. In Wahrheit waren weniger als 1500 Arbeitnehmer von der Regelung überhaupt betroffen, also weniger als 0,01 vH der Erwerbstätigen. Der einzige allerdings Aufsehen erregende Prozess um die Norm war nach Auskunft aller Fachkundigen getürkt."> [25]</span><a href="#_edn25" name="_ednref25"></a> verbunden ist, ist in Stanley Kubricks letztem Film <em>Eyes wide shut </em><span class="tooltips " style="" title="Mit Nicole Kidman und Tom Cruise, DVD 2001, ASIN: B00005ML1O,"> [26]</span> zu sehen, dessen literarisches Vorstück Arthur Schnitzlers <em>Traumnovelle </em><span class="tooltips " style="" title="Arthur Schnitzler (hrsg. Peter Bekes), Traumnovelle, Textausgabe mit Materialien, Braunschweig 2003"> [27]</span> ist. Die bei Schnitzler in roten Roben auftretenden Femerichter <span class="tooltips " style="" title="Les francs-juges – die Femerichter lautet der Titel eines vielgespielten Orchesterstücks (op. 3) von Hector Berlioz – London Classical Players unter d. Ltg. v. Roger Norrington, virgin veritas 7243 5 61379 2 9, der eine Oper mit diesem Titel (Les francs-juges) geplant hatte, in der ein Chor der Femerichter auftreten sollte: Der Text seines Librettisten und Freundes Humbert Ferrand lautete wie folgt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;»Wir, die Rächer der himmlischen Gesetze&lt;br /&gt;
Wir, deren Schicksalsarm das Verbrechen besiegt.&lt;br /&gt;
Wir zerschmettern, zerschmettern Euer Opfer;&lt;br /&gt;
Wir verschließen unsere Herzen dem Mitleid.&lt;br /&gt;
Wir genießen die Schreie des Bluts und der Erde!&lt;br /&gt;
Unsere Augen sind erleuchtet von einer inneren Flamme!&lt;br /&gt;
Wir ermüden nicht, wir zerschmettern das Opfer!&lt;br /&gt;
Dass man an unseren Schrecken glaubt, zerschmettern wir!«"> [28]</span></p>
<p>ersetzte Kubrick umstandslos durch einen ebenfalls in roter Robe amtierenden Priester.</p>
<p>Im Götterhimmel der heidnischen Antike kam die Gerechtigkeit <span class="tooltips " style="" title="Zu Gericht über Menschen saßen die griechischen Götter freilich nicht. Dazu hätten sie gerecht sein müssen, was ihnen fernlag und nach Ansicht des griechischen Tragödienschreibers Euripides auch nichts genutzt hätte, weil sie mit dem Übermaß an Schuld, das sich die Menschen aufladen, nicht ferig geworden wären: »Auch nicht der ganze Himmel wäre groß genug,/ Der Menschen Sünden, wenn sie Zeus dort schriebe auf,/ Zu fassen, noch auch er, zu überschauen sie / Und jedem seine Strafe zuzuteilen. Nein! / Die Strafe ist schon hier, wenn Ihr nur sehen wollt!«, zit. nach  Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt 1986, S. 18."> [29]</span> erst nach einer ganzen Serie von mörderischen Verbrechen zum Zug: <span class="tooltips " style="" title="Für die Griechen war das Wesen des Göttlichen nicht notwendig mit der Gerechtigkeit verbunden, dafür trieben die Olympier nach der communis opinio des ebenso kommunen Athener Stadtbürgers zu viel göttliches Unwesen. In Platons Staat vertritt Thrasymachos die Auffassung, jeder, auch der gerechte Mann, werde, vorausgesetzt, er könne sich unsichtbar machen wie Gyges mit dem Ring, Frau und Gut und Leben seines Nachbarn nicht unangetastet lassen, er werde sich eben genau so (ungerecht) benehmen wie es die Götter auf Erden zu halten pflegten: »Wenn es nun zwei solcher Ringe gäbe und den einen der Gerechte sich ansteckte, den andern der Ungerechte, so wäre, wie mir scheint, wohl keiner von so eherner Festigkeit, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und es über sich gewänne, fremden Gutes sich zu enthalten und es nicht zu berühren, trotzdem daß er ohne Scheu sogar vorn Markte weg nehmen dürfte, was er wollte, und in die Häuser hineingehen und beiwohnen, wem er wollte, und morden und aus dem Gefängnis befreien, wen er wollte, und überhaupt handeln wie ein Gott unter den Menschen.« Platon, Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 49-50; http://www.digitale-bibliothek.de/ band2.htm."> [30]</span> Der Urgott Uranos wird von seinem Sohn Kronos durch Kastration getötet. Kronos frisst seine Söhne, außer Zeus, der seinen Vater zum Dank in die Unterwelt befördert, anschließend sofort seine Tante Themis vergewaltigt, die dann allerdings ihrerseits die Horen <span class="tooltips " style="" title="Es sind drei an der Zahl: Eirene (Frieden), Eunomia (Ordnung) und Dike (Gerechtigkeit)"> [31]</span> zur Welt bringt, Göttinnen der guten Ordnung. Interessanterweise, so Carl Philipp Moritz in einem Brief an Goethe, sind die Horen</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>zugleich die Jahreszeiten, welche gleichsam mit gerechter Teilung ihrer Wohlthaten, durch ihren immerwährenden Wechsel, das schöne Gleichgewicht in der Natur erhalten &#8230; ihr Geschäft ist, die Türen des Himmels zu öffnen und zu schließen &#8230; auch spannen die Horen jeden Morgen die Rosse an den Sonnenwagen.</em></p>
<p>Der Mythos wusste also bereits, dass das Recht ein steter Balance-Akt ist, eine dem Auf und Ab der Natur abgeschaute Bewegung des Lebens gegen den Tod. Ebenso wusste der Mythos, dass Zeit und Recht ein Gemeinsames haben, insofern sie nämlich beide einerseits Setzungen sind, denen aber andererseits etwas in der physikalischen Welt entspricht, das sehr schwer zu definieren ist. <span class="tooltips " style="" title="»Es schweigt mir jegliche Natur/ Beim Ticktack von Gesetz und Uhr«, Friedrich Nietzsche,  Die fröhliche Wissenschaft,  Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 67299, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 28), http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm."> [32]</span> Anscheinend hat es einen tiefen Grund, dass in den Gerichtssälen Uhren hängen und dass, wahrscheinlich eingedenk der ungeduldigen Rosse vor dem Sonnenwagen, so viele Richter Frühaufsteher sind.</p>
<p>Am besten vertraut ist uns natürlich die jüdisch-christliche Version von der Göttlichkeit der Richtergewalt, wie wir sie z. B. aus Psalm 97 kennen:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Wolken und Dunkel ist um ihn her. Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhls Festung.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Feuer geht vor ihm her und zündet an um ihn her seine Feinde.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Seine Blitze leuchten auf den Erdboden. Das Erdreich siehet und erschrickt.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem Herrn, vor dem Herrscher des ganzen Erdbodens. Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit.</em></p>
<p>Die Komponisten und Librettisten stellen diesen Zug des Richters ins Religiöse häufig durch eine pompöse Melodik und Instrumentierung dar. Gern läutet als akustisches Signal eine Glocke, wie sie der Katholik aus der Liturgie vor der Wandlung kennt. Ein schönes Beispiel ist die festliche Eröffnung des Gerichtstages in der Oper <em>Martha</em> von Friedrich von Flotow. <span class="tooltips " style="" title="Bayerisches Staatsorchester u. d. Ltg. v. Robert Heger, mit Anneliese Rothenberger, Brigitte Fassbaender, Nicolai Gedda, Hermann Prey ua, EMI-Classics, 7243 5 66364 2, 2 CDs mit Textbuch."> [33]</span> Der Richter, ausgestattet mit einem dröhnenden Bass, schafft im Volk Raum für das Recht:</p>
<p>VOLK<br />
Der Markt beginnt, die Glocke schallt!<br />
Der Richter naht mit Amtsgewalt.<br />
Herbei! Ihr Mägde jung und alt! Herbei.</p>
<p>RICHTER<br />
Raum und Platz der Obrigkeit!<br />
Leute, macht euch nicht so breit.</p>
<p>VOLK<br />
Raum und Platz der Obrigkeit!</p>
<p>RICHTER<br />
Hört, was das Gesetz euch spricht! Höret! Aber stört mich nicht!</p>
<p>VOLK<br />
Höret! Aber störet ihn nicht!</p>
<p>RICHTER<br />
liest<br />
»Anna! Wir von Gottes Gnaden« –<br />
Hut ab, Schlingels, so wie ich!<br />
Höflichkeit kann nimmer schaden.<br />
»Wir erkennen feierlich<br />
Richmonds Privilegia, sigillata regia &#8230;«</p>
<p>Sehr oft ertönen auch drei Schläge mit dem Holzhammer, wie zu Beginn des Reggae-Klassikers <em>Here comes the judge. <span class="tooltips " style="" title="Peter Tosh, Honorary Citizen, Columbia/Legacy, C3K 65064-65066, 7464-65064-2, 3 CDs mit Textbuch."> [34]</span></em> Die Schläge sind das Respekt fordernde akustische Zeichen dafür, dass der Richter erscheint, oder, wenn er schon da ist, etwas Wichtiges zu verkünden hat. Ruhe im Saal! Man muss es mindestens dreimal sagen, was der deutsche Staatsrechtler Walter Leisner <span class="tooltips " style="" title="Walter Leisner, Das letzte Wort – Der Richter späte Gewalt, 1. Auflage, Berlin 2003."> [35]</span> noch im Jahre 2003 am Ende seiner mehrhundertseitigen und tiefernsten Abhandlung <em>Das letzte Wort</em> forderte: »Der Richter braucht Ruhe!« <span class="tooltips " style="" title="Notabene: Nicht immer ist es feine Gesellschaft, die vor Gericht steht. Gottfried August Bürger (Lenore, str. 25 fg): »am hochgericht / tanzt um des rades spindel / halb sichtbarlich bei mondenlicht / ein luftiges gesindel.«"> [36]</span> Aber zurück zu Peter Tosh und dem Reggae-Song <em>Here comes the judge</em>, dem übrigens ein Musical zugrunde liegt. Darin geht es um eine fiktive Gerichtsverhandlung, in der  große Kolonisatoren wie Columbus und Vasco da Gama vor dem, wie sich zeigen wird, ziemlich ungnädigen Gericht der Kolonisierten erscheinen müssen.</p>
<p>Here comes the judge<br />
Here he im<br />
O yeah, o yeah, god save the African king<br />
anyone want anything to say before<br />
come say it now and say it like you glad<br />
not like you mad<br />
cause this judge has no mercy</p>
<p>Christopher Columbus?<br />
yes sire<br />
Francis Drake?<br />
yes me lord<br />
your honour<br />
present<br />
Alexander so called the great?<br />
I am here, I am here<br />
David Livingston?<br />
Yes sir<br />
Marco Pole?</p>
<p>that the evidence I shall give shall be the whole truth<br />
and nothing but the truth<br />
so help me god</p>
<p>Chorus:<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session</p>
<p>You are brought here</p>
<p>One<br />
robbing and raping Africa<br />
Two<br />
stealing black people out of Africa<br />
Three<br />
brainwashing black people<br />
Four<br />
holding black people in captivity<br />
Five<br />
killing over 50 million black people without a cause</p>
<p>Chorus:<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session<br />
silence in the court, the court&#8217;s in session</p>
<p>&#8230; has anything to say before this execution<br />
say it quick, say it glad<br />
the judge is getting impatient<br />
no mercy</p>
<p>each of you must be hang by the tongue</p>
<p>»Silence in court!« sind auch die Worte, mit denen in der Oper <em>Trial by Jury</em> von Gilbert &amp; Sullivan <span class="tooltips " style="" title="The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard.)"> [37]</span> der Einzug des Richters beginnt. Die Musik zu diesem am Ende des 19. Jahrhunderts geschriebenen Einakter klingt gewiss nicht zufällig so nach Gloria in excelsis und Hallelujah, als wäre sie einem Händel-Oratorium entnommen. Der 1836 geborene Librettist, William Schwenck Gilbert, kannte die Gerichte aus eigenem Erleben. Er war lange Zeit Rechtsanwalt in London. Er starb als Sir William Gilbert im Alter von 74 Jahren bei dem Versuch, eine junge Frau aus der Themse zu retten.</p>
<p>Man wird die ironische Absicht der gottesdienstlichen Klänge und Worte, an denen in <em>Trial by Jury</em> kein Mangel ist, noch leichter ermessen können, wenn man weiß, dass es in der auf den Einzug des Richters folgenden Verhandlung um eine ziemlich alltägliche Scheidungssache geht. Ich komme darauf im Nachwort zurück.</p>
<p>RECIT–USHER (on Bench) <span class="tooltips " style="" title="Alle Texte aller Gilbert&amp;amp;Sullivan-Opern (u.v.a.m.) findet man in »The Gilbert &amp;amp; Sullivan-Archive« unter math.boisestate.edu/gas/ im Internet."> [38]</span><a href="#_edn38" name="_ednref38"><sup><br />
</sup></a>Silence in Court, and all attention lend.<br />
Behold your Judge!  In due submission bend!</p>
<p>Enter Judge on Bench</p>
<p>CHORUS<br />
All hail, great Judge!<br />
To your bright rays<br />
We never grudge<br />
Ecstatic praise.<br />
All hail!</p>
<p>May each decree<br />
As statute rank<br />
And never be<br />
Reversed in banc.<br />
All hail!</p>
<p>Die Übergabe der Rechtsgewalt an den Menschen geschieht im europäischen Rechtskreis durch Kontaktaufnahme Gottes mit auserwählten Menschen. Moses werden die zehn Gebote anvertraut. Im Psalm 72 heißt es:</p>
<p>Gott gib dein Gericht dem Könige und deine Gerechtigkeit des Königs Sohn. / Dass er dein Volk bringe zur Gerechtigkeit und deine Elenden rette./ Lass die Berge den Frieden bringen unter das Volk und deine Hügel die Gerechtigkeit.</p>
<p>Salomon ist also nur mit Gottes Gnade ein Urbild des Richters geworden. »We are nothing without divine inspiration!« sagte der amtierende Honourable Justice B.A. Adejuno, Präsident des National Industrial Court von Nigeria. So bescheiden sind nicht alle Richter, wie die folgende Passage der Arie des van Bett aus Lortzings <em>Zar und Zimmermann </em><span class="tooltips " style="" title="Bamberger Symphoniker unter d. Ltg. v. Hans Gierster, mit Dietrich Fischer-Dieskau, Ingeborg Hallstein, Fritz Wunderlich u.a., Deutsche Grammophon 471-139-2, 1 CD."> [39]</span> zeigt. Es kann Vergnügen bereiten, sich einen selbst- und sendungsbewussten Richter eigener Wahl vorzustellen, wie er sich morgens im Spiegel betrachtet:</p>
<p>O ich bin klug und weise,<br />
Und mich betrügt man nicht.<br />
Diese ausdrucksvollen Züge,<br />
Dieses Aug’, wie ein Flambeau,<br />
Verkünden meines Geistes Siege,<br />
Ich bin ein zweiter Salomo.<br />
Denn ich weiß zu bombardieren,<br />
Zu rationieren, zu expektorieren,<br />
Zu blamieren, inspizieren,<br />
Echauffieren, räsonieren, malträtieren,<br />
Und zu ieren, zieren, rühren,<br />
Führen, schmieren, ratifizieren.<br />
Mit einem Wort, man sieht mir’s an,<br />
Ich bin ad speciem ein ganzer Mann!</p>
<p>Nun aber zum ersten und wirklichen Salomon, dem Urbild des von Gott erleuchteten gerechten Richters: Wahre Größe braucht auch bei Richtern keinen Pomp und schämt sich ihrer Nachdenklichkeit nicht – das lehrt uns die sehr zarte Melodie, zu der Friedrich Georg Händel den König Salomon (im Oratorium Solomon <span class="tooltips " style="" title="The Monteverdi Choir, English Baroque Solist unter d. Ltg. v. John Eliot Gardiner  mit Caroly Watkinson, Barbara Hendricks u.a. Philips 421 612-2, 2 CDs mit Textheft."> [40]</span> ) sein berühmtes Urteil verkünden lässt. Auch der Text spiegelt weniger den Triumph des Rechts als vielmehr die Trauer des Richters über die Ungerechtigkeit:</p>
<p>Israel, attend to what your king shall say:<br />
Think not I meant the innocent to slay.<br />
The stern decision was to trace with art,<br />
The secret dictates of the human heart.<br />
She who could bear the fierce decree to hear,<br />
Nor send one sigh, nor shed one pious tear,<br />
Must be a stranger to a mother’s name –<br />
Hence from my sight, nor urge a further claim!<br />
But you, whose fears a parent’s love attest,<br />
Receive, and bind him to your beating breast:<br />
To you, in justice, I the babe restore,<br />
And may you lose him from your arms no more.</p>
<p>Das Göttliche hat auf die Richter abgefärbt, aber leider wirkt es nicht auf alle Richter gleichmäßig, wie uns die apokryphe <em>Historia von der Susanna und Daniel</em> zeigt. Hier wird die übliche Vorstellung, dass Alter mit Gerechtigkeit und Jugend mit erotischem Leichtsinn zusammengeht, auf den Kopf gestellt:</p>
<p>»Es war ein Mann zu Babylon, der hatte ein Weib, die hieß Susanna &#8230;, die war sehr schön&#8230;Es wurden aber .. zwei Älteste aus dem Volk zu Richtern gesetzt &#8230; Die &#8230; liefen zu ihr und sprachen: Susanna, siehe der Garten ist zugeschlossen und niemand sieht uns und wir sind entbrannt in Liebe zu Dir, drum tu unsern Willen. Willst du aber nicht, so wollen wir schwören, daß wir einen jungen Mann bei dir gefunden haben &#8230; Und Susanna tats nicht was sie verlangten und fing laut an zu schreien, aber die Richter schrien auch &#8230; Und das Volk glaubte den zweien als Richtern &#8230; und verurteilten Susanna zum Tode &#8230; Und da man sie zum Tode führte, erweckte Gott den Geist eines jungen Knaben. Der hieß Daniel &#8230; und fing laut an zu rufen &#8230; ›Seid ihr &#8230; solche Narren, daß ihr eine Tochter Israel verdammt, ehe Ihr die Sache erforscht habt &#8230;?‹ Und alles Volk kehrte eilend um &#8230; und sprachen zu Daniel: ›Setz dich her zu uns. Gott fordert dich zum Richteramte!‹ Und Daniel sprach: Trennt die beiden Alten, so will ich jeglichen von ihnen gesondert verhören. Und da sie die beiden getrennt hatten, sprach er zu dem ersten: ›Hast du nun Susanna gesehen, wie der junge Mann bei ihr lag, so sage an: Unter welchem Baum hast du sie gefunden?‹ Er antwortet: ›Unter einer Linde.‹ &#8230; Dann ließ er den anderen vor sich kommen und sprach zu ihm: ›Nun sage an: Unter welchem Baum hast du Susanna und den jungen Mann gefunden?‹ Er aber antwortet: ›Unter einer Eiche.‹ Da sprach Daniel: ›Oh recht! Mit eurer Lüge bringt Ihr Euch selbst ums Leben.‹ Da fing alles Volk an, laut zu rufen und sie priesen Gott. Und Daniel ward groß vor dem Volk von dem Tage an &#8230;«</p>
<h4>Kapitel II: Der angsteinflößende Richter</h4>
<p>Das zweite Kapitel ist ein Seitenstück zum ersten. Es geht um den Aspekt der Angst. In Anlehnung an Ludwig Feuerbach könnte man sagen, der Mensch habe Gott auch deshalb geschaffen, um seiner namenlosen Existenzangst einen Namen geben und sie im Gebet  besprechen zu können. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, mit einem Nachwort von Karl Löwith, Stuttgart 1969, 13. Kapitel: Die Allmacht des Gemüts oder das Geheimnis des Gebets."> [41]</span> Der Tag des Gerichts, Gottes <em>dies irae,</em> ist für den Menschen der Tag der Angst. <span class="tooltips " style="" title="Mehrere Kantaten Bachs haben die Angst vor Gottes Gericht zum Thema: »Ein unbarmherziges Gerichte/ wird über dich gewiss ergehn!« K 89/3. »Ich armer Mensch, ich armer Sünder/ steh hier vor Gottes Angesicht, / ach Gott, ach Gott, verfahr gelinder / und geh nicht mit mir ins Gericht« K 179/6 ... »Bei Warten ist Gefahr, / willt Du die Zeit verlieren, / der Gott, der ehmals gnädig war, / kann leichtlich dich vor seinen Richtstuhl führen« K 102/6. Vgl. Lucia Hasselböck, Bach-Textlexikon, Kassel 2004, S. 85, Stichwort »Gericht«."> [42]</span> Wahr ist, dass auch vor dem menschlichen Gericht niemand gern steht, mit Ausnahme der Advokaten vielleicht. Das tiefe Unbehagen ergreift auch den, dem der Verstand sagt, dass eigentlich nichts passieren kann. Und wer doch etwas ausgefressen hat, wie der Räuberhauptmann in den Bremer Stadtmusikanten, dem vernebelt das schlechte Gewissen die Wahrnehmung so arg, dass er den Hahn auf dem Haus für den Richter und das Kikeriki für den Haftbefehl nimmt. <span class="tooltips " style="" title="Eine märchenhaft-komische Übersteigerung des Angstmotivs findet sich auch im Kirke-Kapitel (Kapitel 15) des Ulysses, in dem Leopold Bloom zunächst vor einem steinbärtigen Kriminalrichter erscheinen muss und sich anschließend selbst zum Richter ausruft, vgl. James Joyce, Ulysses, Roman, übersetzt von Hans Wollschläger, kommentierte Ausgabe Frankfurt 2004."> [43]</span></p>
<p>In den Augen der Dichter scheinen die Richter das Gefühl, Angst und Schrecken zu verbreiten, gelegentlich zu genießen. Die vor zweieinhalbtausend Jahren uraufgeführte Komödie <em>Die Wespen </em><span class="tooltips " style="" title="Aristophanes, Sämtliche Komödien, übertragen von Ludwig Seeger, Einleitung von Otto Weinreich, Zürich 1968, S. 191 ff."> [44]</span> von Aristophanes bringt gleich einen ganzen »Chor der Richter«. Sie werden als ekelhafte Insekten dargestellt, die einen riesigen, phallusartigen Stachel tragen und einer von ihnen erklärt sich wie folgt über seinen Beruf:</p>
<p>Nun sprich: Bin ich nicht ein gewaltiger Herr,<br />
Gewaltig wie Zeus, der Allmächtige selbst,<br />
Und spricht man von mir nicht grad wie von Zeus?<br />
Denn wenn im Gerichtshof wir lärmen und schrein,<br />
Da bleiben sie stehn, die vorübergehn,<br />
Und sprechen: Allmächtiger Zeus, das Gericht!<br />
Wie es donnert und tobt!‘<br />
Und schleudr‘ ich den Blitz, dann schnattern vor Angst<br />
Und Entsetzen die reichen, hochachtbaren Herrn<br />
Und kacken sich voll.</p>
<p>Das Bild des Richters als eines Angsterzeugers spiegelt Mark Twain in dem Roman <em>Tom Sawyers Abenteuer</em> in der Seele eines Knaben. Tom ist verliebt in ein blondes Mädchen namens Becky Thatcher. Um ihr zu imponieren, kauft er von anderen Schülern Fleißkärtchen aus dem Religionsunterricht zusammen. Vor versammelter Schule soll ihm daraufhin der Preis für besondere Bibel-Kenntnisse verliehen werden. Mit der  Preisverleihung ist ein ehrenwerter Mann mittleren Alters betraut.</p>
<p>»Der mittelalterliche Mann schien ein bedeutender Mann zu sein. Er war der oberste Richter des Kreises – gewiss die erhabenste Persönlichkeit, die diese Kinder je gesehen hatten. Und sie grübelten darüber, aus welchem Stoff der wohl gemacht sein könne. Und dann waren sie begierig auf seine Stimme und dann zitterten sie wieder davor, sie zu hören. Er war aus Constantinopel – zwölf Meilen entfernt – er war also durch die ganze Welt gekommen und hatte alles gesehen &#8230; Die scheue Ehrfurcht, welche diese Vorstellungen hervorriefen, war aus dem absoluten Schweigen und den starr auf ihn gerichteten Augen deutlich zu lesen.</p>
<p>Das also war der große Richter Thatcher! Der Bruder ihres Bürgermeisters &#8230;</p>
<p>Tom wurde vor den Richter geführt. &#8230; seine Zunge klebte am Gaumen, der Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte, teils infolge der Größe des Mannes, teils weil er Becky Thatchers Vater war&#8230;</p>
<p>Der Richter legte die Hand auf Toms Kopf und nannte ihn einen tüchtigen kleinen Mann und</p>
<p>›&#8230; jetzt kannst du mir &#8230; eine große Freude machen&#8230;Ohne Zweifel kennst du die Namen aller zwölf Apostel. Willst du mir also die Namen der beiden zuerst von Jesus erwählten Jünger nennen?‹</p>
<p>Tom zupfte an einem Knopf und sah möglichst einfältig aus. Er wurde rot und senkte die Augen.</p>
<p>Sein Lehrer flüsterte ihm zu: ›Antworte dem Herrn, Thomas, fürchte dich nicht.‹</p>
<p>Tom wurde immer röter, bis eine vornehme Dame sagte: »Also wenn Du Angst vor dem Richter hast, mir kannst du es sagen. Die ersten zwei Apostel waren &#8230; :‹</p>
<p>›David und Goliath‹ sagte Tom.«</p>
<p>Dass der Richter uns Angst macht, hängt sicher damit zusammen, dass unsere Phantasie ihn mit den Attributen der Macht ausstattet. Hinter dem Richter steht nicht nur die göttliche Gerechtigkeit, sondern auch die  göttliche Unerbittlichkeit und Grausamkeit, kurz gesagt: der Henker, wie wir nicht nur von Friedrich Dürrenmatt <span class="tooltips " style="" title="Der Richter und sein Henker, Zürich 2002; auch die übrigen Auseinandersetzungen Dürrenmatts mit dem Thema weisen eine hohe Tiefenschärfe auf: Justiz, Roman, Zürich 1998; Die Panne, Erzählung, Zürich 1995; Der Verdacht, Kriminalroman, Zürich 2002."> [45]</span> wissen. Ein Urteil muss, um ein wirkliches Urteil zu sein, vollstreckt werden oder doch jedenfalls die Drohung, vollstreckt werden zu können, in sich tragen. <span class="tooltips " style="" title="Dieser gewalttätige Hintergrund des Urteilens geht auch im metaphorischen Gebrauch nicht verloren. Christoph Martin Wieland (1733–1813) schrieb an Johann Heinrich Merck, den er als Rezensenten des Teutschen Merkur bei Laune halten wollte: »Ihr löbliches Vorhaben, sich künftig im Merkur aufs Loben zu legen i.e. uns Freunde mit dem ungerechten Mammon zu machen, hat … meinen großen Beyfall. Aber dann und wann eine Execution … ist höchst nöthig, weil I. das Publicum von Zeit zu Zeit gerne jemand hängen oder Köpfen sieht; secundo, weil wir uns dadurch im Besitz unserer hohen Gerichtsbarkeit erhalten. Und eben darum müssten solche Executionen selten … aber wenn sie geschehen, desto feyerlicher und exemplarischer seyn.« An Merck, 31. Mai 1776, Wieland, Briefe, Bd 5, S. 510."> [46]</span>Ein französischer Rechtsphilosoph sagte vor einigen Jahren in einer Rede an junge Richter: »Es ist wichtig für Sie zu wissen, dass Sie einen der grausamsten Berufe ausüben, den es gibt. Sie werden erheblichen Schaden anrichten. Das ist unvermeidlich.« <span class="tooltips " style="" title="An diese Tatsache erinnert auch der Umstand, dass im sagenhaften Atlantis der Gerichtstag, der in diesem Falle eine Gerichtsnacht war, mit einem ziemlich grausamen und blutigen Opferritual begann: Stierblut mussten die Richter eigenhändig auf das Gesetz spritzen, vgl. Platon, Kritias, 119 c, zit. Nach Platon, Werke, Griech.-Deutsch, herausgegeben von Günter Eigler, Darmstadt 2005, S. 249, 250."> [47]</span> Zugleich weckt der Richter auch unser Schuldbewusstsein. Kaum einer hat ein so reines Gewissen, dass er vor dem Urteil eines als allwissend gedachten Richters, der zugleich auch ein Rächer ist, bestehen könnte. Es gibt Ausnahmen: Reine, engelsgleiche Charaktere. Aber es ist nicht gesagt, dass die menschliche Justiz, die ein System des Misstrauens ist und den Menschen eher auf die Finger als ins Herz schaut <span class="tooltips " style="" title="Das Verhältnis zwischen Gesetz und Unrecht ist vielschichtig, manchmal bringt das Gesetz die Sünde erst hervor: »Die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz«, Paulus 1 Kor. 15, 56."> [48]</span> der arglosen Unschuld gerecht wird. Im Gegenteil: Es kann zu Tragödien kommen, wie in Benjamin Brittens Oper <em>Billy Budd</em>, <span class="tooltips " style="" title="London Symphony Chorus/London Symphony Orchestra unter d. Ltg. v. Richard Hickox mit Simon Keenlyside, Philip Langridge, John Tomlinson u.a., Chandos 9826 (3), 3 CDs mit Textheft; als Video-DVD: English National Opera Chorus/English National Opera Orchestra unter d. Ltg. v. David Atherton, mit Thomas Allen, Philip Langridge, Richard van Allen u.a., Arthaus Musik 100 278."> [49]</span> die nach dem 1891 erschienenen gleichnamigen Roman von Hermann Melville <span class="tooltips " style="" title="Hermann Melville, Vortoppmann Billy Budd und andere ausgewählte Erzählungen, Leipzig 1984."> [50]</span> entstand.</p>
<p>Billy Budd ist ein herzensreiner bildschöner junger Matrose, der unter einem Sprachfehler leidet. Dieser Engel wird von seinem Vorgesetzten auf sadistische Weise gequält. Billy Budd kann sich, weil er stottert, nicht mit Worten wehren. Mit einer impulsiven Geste stößt er seinen Vorgesetzten um, der unglücklich stürzt und stirbt. Vere, der Kapitän des Schiffs, der Billy Budd liebt wie Abraham seinen Sohn Isaak liebte, beruft ein Standgericht ein. Die Richter verurteilen Billy Budd zum Tode. Der Kapitän könnte seinen Liebling begnadigen, denn an Bord ist er der oberste Richter. Aber die Schiffsräson siegt.</p>
<p>»Kapitän Vere:<br />
Ich akzeptiere euer Urteil &#8230; Auf den Verstoß gegen die Gesetze auf Erden steht die Todesstrafe. Und ich, König auf diesem Brocken Erde, auf dieser schwimmenden Monarchie, fordere den Tod. Aber ich habe das göttliche Urteil des Himmels gesehen. Ich habe gesehen, wie das Unrecht zuschanden wurde. Eingeengt in diese kleine Kajüte, habe ich das Mysterium der Güte erblickt.</p>
<p>Und ich fürchte mich.<br />
Vor welchem Tribunal werde ich erscheinen, wenn ich die Güte vernichte?</p>
<p>Der Engel Gottes hat den Schlag geführt und durch mich muss der Engel aufgehängt werden. Schönheit, Edelmut, Güte, es liegt an mir, dass Ihr vernichtet werdet.</p>
<p>Ich, Edward Fairfax Vere, Kapitän der Indomitable, mit der gesamten Mannschaft verloren auf dem endlosen Meer.</p>
<p>Ich bin der Bote des Todes. Wie kann er mir verzeihen? Wie mich empfangen?«</p>
<p>Während der Kapitän sich mit zerrissenem Herzen auf den Weg macht, um seinem Billy das Urteil zu verkünden, ertönt eine rätselhafte und in der Operngeschichte viel besprochene Folge von 34 Orchesterakkorden, die nach der Uhr gemessen zweieinhalb Minuten, nach dem Gefühl aber ein halbes Leben lang andauert. Sie klingt wie ein Echo der tausendfältigen Trauer, die das Versagen des menschlichen Rechts in den Seelen gerade der Gerechtesten verursacht. <span class="tooltips " style="" title="Christoph Martin Wieland schrieb in einer Anmerkung zu Johannes Daniel Falks satirischem Epos: Die Helden: »Freilich trat hier einer von unseren unseligen Kollisionsfällen ein, wo das größte Recht in einem anderen Sinne großes Unrecht ist.« Vgl. Johannes Daniel Falk, Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel, Lustspiele, Gedichte, Publizistik, hrsg. Paul Saupe, Berlin 1988, S. 661."> [51]</span></p>
<h4>Kapitel III: Der furchtbare Richter</h4>
<p>Das Richterbild in der deutschen Nachkriegsliteratur ist von den fanatischen Zügen eines Kasseler Rechtsanwalts geprägt, der mit Anfang zwanzig Bolschewist und mit fünfzig Jahren Präsident des Volksgerichtshofs war: Roland Freisler. <span class="tooltips " style="" title="Von den Schrecken des alltäglichen Wirkens dieses Mannes findet sich ein beeindruckender Bericht bei Rudolf Predeek, Die rote Robe, Düsseldorf 1949: Der Düsseldorfer Unternehmer (Mineralwasser), Karnevalspräsident und Angehörige des Honoratiorenvereins Düsseldorfer Jonges Leo Statz (1898–1943) hatte den Wunsch eines Angestellten nach Gehaltserhöhung zurückgewiesen und war von diesem Angestellten daraufhin wegen einer defaitistischen Äußerung über die Kriegsaussichten Deutschlands denunziert worden – eine Frühform des whistle-blowing. Da Statz sich schon häufiger widerspenstig gegenüber der NSDAP gezeigt hatte, beschloss man an ihm ein Exempel zu statuieren. Über die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter Freislers Vorsitz schreibt Predeek (aaO., S. 82 ff. ) u. a.: »Freisler hatte eine durchtrieben wirkungsvolle Verhandlungsmethode. Sachlich und ruhig begann er zu sprechen. Fast erreichte er es, dass er Zutrauen erweckte, um sich dann plötzlich mit umso überraschenderer Wendung unversehens auf sein Opfer stürzen zu können. Er … genoss seine Stunden in selbstgefälligen Zügen, ein judex diabolicus, dem nichts heilig war, weder das Recht, das er nicht anerkannte, noch das Volk, das er betrog, noch der Unschuldige, den er verfolgte.« Statz, tiefgläubiger Katholik, wurde von Freisler im Gerichtssaal dem Spott der Zuschauer preisgegeben, insbesondere das relativ hohe Einkommen des Unternehmers gab Freisler Gelegenheit, den Neid der Zuhörer gegen Statz aufzustacheln. Statz wurde zum Tode verurteilt und am 1. November 1943 gegen 16.00 hingerichtet. Vgl. auch Helmut Moll, In den Fängen des Nationalsozialismus, Düsseldorfer Jahrbuch, Bd. 68, Düsseldorf 1997, S. 194–202; von Statz, der viele Karnevalslieder schrieb (u.a. 1938 in Anspielung auf Mussolini: »Sei doch einmal nett zu mir. Alles, alles schenk ich Dir, sei nicht zaghaft-zimperlich: Duze, Duze, Duze mich!«, das verboten wurde, woraufhin Statz als Motto des Karnevalszuges 1939 die Parole »Verboten – erlaubt« ausgab), erschien posthum ein Band mit kleinen humoristischen Erzählungen: Der Sillbund, Drei Eulen Verlag, Düsseldorf 1946."> [52]</span> Dieses Bild hat in den 60er und 70er Jahren die Vorstellung vor allem des linksintellektuellen Milieus von Staat und Recht so nachhaltig geprägt, dass fast ein Klischee daraus geworden ist, eine Art negativer Kitsch. <span class="tooltips " style="" title="Wie eine späte und seltsam angestaubt daherkommende Auswirkung dieser bequemen Klischeevorstellung kam es mir vor, als, Zeitungsberichten zufolge, Anfang 2006 der Journalist Hendryk M. Broder nach einem verlorenen Prozess erklärte, »die Erben der Firma Freisler« seien wieder einmal am Werk gewesen. Es wird nun gegen Broder wegen Beleidigung ermittelt, womit Gelegenheit zu weiterer Verbreitung des sicher im Alterszorn gesprochenen Unfugs bestehen dürfte, vgl. DIE WELT, 6. Februar 2006, S. 11."> [53]</span> Und doch existierten jene furchtbaren Richter. <span class="tooltips " style="" title="Es scheint nicht sehr viele Richter im Dritten Reich gegeben zu haben, die anders dachten als die damalige Regierung und den Mut hatten, dies auszusprechen. Einer von diesen nicht sehr vielen war Lothar Kreyssig (30.10.1898 Flöha (Sachsen) – 5.7.1986 Bergisch Gladbach), der sich als Amtsrichter in Brandenburg (Havel) gegen die Tötung ihm als Amtsvormund anvertrauter behinderter Menschen wehrte. Als ihm der Justizminister Gürtner einen handgeschriebenen Führerbefehl vorlegte, erklärte er, ein Führerbefehl schaffe kein Recht und wurde in den Ruhestand versetzt und zwar unter Zahlung der gesetzlichen Versorgungsbezüge. Später war Kreyssig ua Präses der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und rief als Vizepräsident Ost des Deutschen Evangelischen Kirchentages im April 1958 die »Aktion Sühnezeichen« ins Leben, vgl. Wolf Kahl, Lothar Kreyssig – Amtsrichter im Widerstand und Prophet der Versöhnung, DRiZ 2008, 299."> [54]</span> Peter Weiss hat in dem Stück <em>Die Ermittlung</em> <span class="tooltips " style="" title="Frankfurt 2005; als Audiocassette in der Hörspielbearbeitung von 1965 für den Hessischen Rundfunk von Hermann Naber unter der Regie von Peter Schulze-Rohr mit Fritz Strassner, Herbert Fleischmann, Hanne Hiob u.a., Der Hörverlag, ISBN 3-89584-112-9;"> [55]</span> die Protokolle des Frankfurter Auschwitz-Prozesses zu einem in mehrere Gesänge eingeteilten Sprech-Oratorium verarbeitet. Im <em>Gesang von der Schwarzen Wand</em> bringt er einen KZ-Richter auf die Bühne, der als Zeuge vernommen wird:</p>
<p>»Richter<br />
Wir rufen als Zeugen auf<br />
den damaligen weisungsgebenden Vorgesetzten<br />
der hier befindlichen Angeklagten</p>
<p>Herr Zeuge<br />
Sie waren Chef der zuständigen Zentrale<br />
der Sicherheitspolizei<br />
und Vorsitzender des Standgerichts<br />
Was hatten Sie als solcher<br />
mit den Hinrichtungen zu tun<br />
die von der Politischen Abteilung<br />
im Lager durchgeführt wurden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Meine Dienststelle hatte mit den Handhabungen<br />
der Politischen Abteilung im Lager<br />
nicht das geringste zu tun<br />
Mir standen ausschließlich Fälle<br />
von Partisanen zur Verhandlung<br />
Diese wurden ins Lager überführt<br />
und dort in einem Sitzungsraum abgeurteilt</p>
<p>Richter<br />
Wo befand sich dieser Sitzungsraum</p>
<p>Zeuge 1<br />
In irgendeiner Baracke</p>
<p>Richter<br />
Lag der Sitzungsraum nicht im Block Elf</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da bin ich überfordert</p>
<p>Zeuge 6<br />
Ich war Schreiber im Block Elf<br />
Bei dieser Tätigkeit erhielt ich Einblick<br />
in die Arbeit des Standgerichts<br />
Der Sitzungsraum befand sichvorne links<br />
am Korridor des Block Elf</p>
<p>Richter<br />
Wie sah dieser Raum aus</p>
<p>Zeuge 6<br />
Da waren 4 Fenster zum Hof<br />
und da stand ein langer Tisch</p>
<p>Richter<br />
Herr Zeuge<br />
Erinnern Sie sich an diesen Raum</p>
<p>Zeuge 1<br />
Nein</p>
<p>Richter<br />
Sind Sie nie im Inneren Gebiet<br />
des alten Lagers gewesen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da bin ich überfordert</p>
<p>Richter<br />
Sind Sie nie durch das Lagertor gegangen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es ist möglich<br />
Ich erinnere mich daß da<br />
eine Musikkapelle spielte</p>
<p>Richter<br />
Waren Sie nie im Hof von Block Elf</p>
<p>Zeuge 1<br />
Vielleicht einmal<br />
Da soll eine Mauer gewesen sein<br />
Ich habe sie aber nicht mehr in Erinnerung</p>
<p>Richter<br />
Eine schwarzgestrichene Mauer<br />
muß doch auffallen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ich habe keine Erinnerung</p>
<p>Richter<br />
Herr Zeuge<br />
Sie waren also der Vorsitzende<br />
War denn auch ein Verteidiger dabei</p>
<p>Zeuge 1<br />
Wenn einer gewünscht wurde</p>
<p>Richter<br />
Wurde mal einer gewünscht</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es kam selten vor</p>
<p>Richter<br />
Und wenn es vorkam</p>
<p>Zeuge 1<br />
Dann wurde einer bestellt</p>
<p>Richter<br />
Wer war der Verteidiger</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ein Beamter der Dienststelle</p>
<p>Richter<br />
Fanden verschärfte Vernehmungen statt</p>
<p>Zeuge 1<br />
Dazu bestand keine Veranlassung<br />
Ich habe jedenfalls nichts<br />
von verschärften Vernehmungen gehört<br />
Die Tatbestände waren so klar<br />
daß es keiner verschärften Vernehmung bedurfte</p>
<p>Richter<br />
Was waren die Tatbestände</p>
<p>Zeuge 1<br />
Es waren ausschließlich staatsfeindliche Handlungen</p>
<p>Richter<br />
Gestanden die Verhafteten</p>
<p>Zeuge 1<br />
Da gab es nichts zu leugnen</p>
<p>Richter<br />
Wie kam es zu den Geständnissen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Durch Vernehmungen</p>
<p>Richter<br />
Wer führte die Vernehmungen aus</p>
<p>Zeuge 1<br />
Die Politische Abteilung</p>
<p>Richter<br />
Hatten Sie als Richter keine Bedenken<br />
auf welche Art die Geständnisse<br />
herbeigeführt wurden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ich kann nichts dafür<br />
wenn der eine oder andere meiner Leute<br />
seine Befugnisse überschritten hat<br />
Ich habe meinen Männern ständig eingeschärft<br />
daß sie bei allen Verhandlungen<br />
korrekt aufzutreten hatten</p>
<p>Richter<br />
Wurden bei den Vernehmungen Zeugen gehört</p>
<p>Zeuge 1<br />
In der Regel nicht<br />
Wir fragten ob alles stimme<br />
und sie sagten alle Ja</p>
<p>Richter<br />
Sie hatten also nur Todesurteile auszusprechen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Ja<br />
Freisprüche gab es praktisch nicht<br />
Verfahren wurden nur eröffnet<br />
wenn alles klar war</p>
<p>Richter<br />
Haben Sie niemals Anzeichen<br />
bei den Beschuldigten erkannt<br />
die auf unzulässige Behandlung<br />
hätten schließen lassen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Nein</p>
<p>Richter<br />
Sind auch Frauen und Kinder<br />
vor der Schwarzen Wand<br />
erschossen worden</p>
<p>Zeuge 1<br />
Davon ist mir nichts bekannt</p>
<p>Zeuge 6<br />
Zwischen den Häftlingen<br />
die zur Aburteilung durch das Standgericht<br />
in den Block eingeliefert wurden<br />
befanden sich zahlreiche Frauen und Minderjährige<br />
Die Anklage lautete auf Schmuggel<br />
oder Kontakt mit Partisanengruppen<br />
Im Gegensatz zu den Lagerhäftlingen<br />
die im Keller eingeschlossen waren<br />
hielten sich die Polizeigefangenen<br />
im Erdgeschoss des Blocks auf<br />
Sie wurden einzeln in das Sitzungszimmer geführt<br />
Der Richter verlas das Urteil<br />
er nannte nur den Namen und sagte dann<br />
Sie sind zum Tode Verurteilt<br />
Die meisten Verurteilten<br />
verstanden die Sprache nicht<br />
und wußten gar nicht<br />
warum man sie verhaftet hatte<br />
Vom Gerichtszimmer wurden sie sofort<br />
zum Auskleiden in den Waschraum geführt<br />
und von dort in den Hof gebracht</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeuge<br />
Wieviel Urteile hatten Sie<br />
als Vorsitzender des Standgerichts<br />
zu verlesen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Daran kann ich mich nicht erinnern</p>
<p>Ankläger<br />
Wie oft wurden Sie<br />
zur Urteilssprechung einberufen</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das weiß ich nicht mehr</p>
<p>Ankläger<br />
Wie lange dauerte eine Sitzung<br />
des Standgerichts</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das kann ich nicht sagen</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeuge<br />
Sie sind heute Leiter<br />
eines großen kaufmännischen Betriebs<br />
Als solcher müssen Sie gewohnt sein<br />
mit Ziffern und Zeitrechnungen umzugehn<br />
Wieviele Menschen<br />
wurden von ihnen verurteilt</p>
<p>Zeuge 1<br />
Das weiß ich nicht</p>
<p>Zeuge 6<br />
Bei einer Sitzung des Standgerichts<br />
wurden im Durchschnitt<br />
100 bis 150 Todesurteile Verlesen<br />
Die Sitzung dauerte 1 ½ bis 2 Stunden<br />
und fand alle 2 Wochen statt</p>
<p>Ankläger<br />
Herr Zeug<br />
wieviele Menschen wurden ihrer Schätzung nach<br />
insgesamt<br />
vor der Schwarzen Wand erschossen</p>
<p>Zeuge 6<br />
Aus den Totenbüchern und unsern Aufzeichnungen<br />
geht hervor<br />
daß zusammen mit den gewöhnlichen Bunkerleerungen<br />
annähernd 20 000 Menschen<br />
vor der schwarzen Wand erschossen wurden«</p>
<p>Es ist kein Vorrecht Deutschlands, furchtbare Richter hervorzubringen. Es ist auch kein Vorrecht des 20. Jahrhunderts. Schon die spätmittelalterliche Legenda aurea des Jacobus de Voragine <span class="tooltips " style="" title="Jacobus de Voragine, Legenda aurea, aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 13. Auflage, Gütersloh 1999."> [56]</span> ist voller Berichte über grausame Prozesse gegen die frühen Christen <span class="tooltips " style="" title="Ein Beispiel ist der Richter Paschasius, vor den die heilige Lucia von ihrem Ehemann gezogen wird, weil die ihr Geld an die Armen verschwendet. Paschasius will sie zwingen, den römischen Göttern zu opfern. Er verurteilt sie, als Hure in einem Freudenhaus zu arbeiten. Aber 1000 Knechte und sogar Ochsen vermögen nicht, sie dorthin zu  zu bringen. Daraufhin lässt Paschaius, der später selbst hingerichtet wurde, sie erst mit Urin übergießen und ihr anschließend mit einem Schwert die Kehle durchbohren, vgl. Jacobus de Voragine, ebd., S. 27–29."> [57]</span> <span class="tooltips " style="" title="Die Freigabe zur Prostitution war eine gegen Frauen häufiger angewandte Strafe und sexuell geprägter Sadismus bei Richtern offenbar keine Seltenheit:, vgl. Anne Jensen, Gottes selbstbewusste Töchter – Frauenemanzipation im frühen Christentum? Berlin, Hamburg, Münster 2003, S. 185 ff."> [58]</span>.</p>
<p>Auch Georg Friedrich Händel, der offenbar einen besonderen Zugang zum Zeremoniösen der Gerichtsverhandlung hatte, hat den Prozess gegen ein Märtyrer-Liebespaar vor dem römischen Richter Valens in seinem späten Oratorium <em>Theodora<span style="font-size: 11.6667px;"> </span></em><span class="tooltips " style="" title="Les Arts Florissants unter d. v. William Christie mit Daniel Taylor, Richard Croft u.a., Erato B0000A1M7P, 3 Cds."> [59]</span> dargestellt. Vor einigen Jahren wurde einer meiner sanftesten Kollegen von einem Kläger, der sich ungerecht behandelt fühlte, als »Nazi- und Hexenrichter« bezeichnet. Dass der Mann diese Bezeichnung wählte, zeigt, wie tiefe Spuren bis heute Inquisition und Hexenverfolgung hinterlassen haben. Umberto Eco hat in seinem Roman <em>Der Name der Rose</em> eine Gerichtsverhandlung in einem Kloster des ausgehenden Mittelalters geschildert. Wer die Protokolle von Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof studiert, dem springen die Parallelen der auf Entwürdigung des Angeklagten zielenden Vernehmungstechnik des Richters ins Auge. Hier einige Ausschnitte aus Ecos Roman <em>Der Name der Rose</em>:<span class="tooltips " style="" title="Umberto Eco: Der Name der Rose, Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1982; als Video-DVD unter der Regie von Jean-Jacques Annaud mit Sean Connery, F.Murray Abraham u.a., Warner Brothers/ Constantin, 3447695."> [60]</span></p>
<p>»Fünfter Tag – Nona – Worin Recht gesprochen wird und man den beklemmenden Eindruck hat, dass alle im Unrecht sind.</p>
<p>Der Richter &#8230; tat so, als ob er Papiere ordnete – aber zerstreut, denn sein Blick war dabei auf den Angeklagten gerichtet, und in diesem Blick lag eine Mischung aus geheuchelter Nachsicht &#8230;, aus eisiger Ironie &#8230; und aus gnadenloser Strenge.</p>
<p>All das, was ihm vorgehalten wurde, wusste der Angeklagte längst, doch der lauernde Blick und das Schweigen des Inquisitors dienten dazu, es ihm erneut ins Gedächtnis zu rufen, ja es ihn geradezu körperlich spüren zu lassen &#8230;</p>
<p>Remigius (Angeklagter):<br />
»Meine Seele ist unschuldig &#8230;«</p>
<p>Bernard, Richter, brüllt<br />
»Seht ihr? So reden  sie alle! Wenn einer von ihnen gefasst wird, tritt er vor das Gericht, als ob sein Gewissen ruhig und rein wäre &#8230; sage mir nun: Woran glaubst du?«</p>
<p>Remigius:<br />
»Ich glaube alles, was Ihr und die anderen guten Doctores mich glauben heißen.«</p>
<p>Bernard<br />
»Aha! Aber die ›guten Doctores‹ &#8230; Du deutest an, dass du mir glauben würdest, wenn ich glauben würde, was jene glauben, andernfalls aber glaubst du nur ihnen!«</p>
<p>Remigius:<br />
»Nein, Herr Inquisitor, nein, ich schwöre euch &#8230;«</p>
<p>Bernard:<br />
»Du schwörst? Ein neuer Beweis deiner Ruchlosigkeit! &#8230; Du elender Fuchs.«</p>
<p>Remigius:<br />
»Aber was kann ich denn tun?«</p>
<p>Bernard:<br />
»&#8230; Gar nichts kannst du mehr tun. Ich allein weiß, was jetzt noch getan werden muss &#8230; Dir bleibt nur noch zu gestehen. Doch wenn du gestehst, wirst du verdammt und verurteilt werden, und wenn du nicht gestehst, wirst du auch verdammt und verurteilt werden, nämlich wegen Meineides. Also gestehe, um wenigstens dieses Verhör abzukürzen, das unser Gewissen quält und unseren Sinn für Mitleid und Güte verletzt.«</p>
<p>In dem von Kriegen und Hexenverfolgungen gekennzeichneten 17. Jahrhundert, in dem es nach einer amtlichen Zählung mehr Teufel gab als Frankreich Einwohner hatte, spielt die Geschichte der <em>Teufel von Loudun</em>, die von dem Hugenotten Nicolas Aubin <span class="tooltips " style="" title="Nicolas Aubin, Geschichte der Teufel von Loudun oder der Besessenheit der Ursulinen und von der Verdammung und Bestrafung von Urbain Grandier, Pfarrer derselben Stadt, aus dem Französischen übertragen von Dieter Walter, 2. Auflage Berlin 1981."> [61]</span> erforscht wurde. Aldous Huxley machte daraus einen Roman <span class="tooltips " style="" title="Aldous Huxley, Die Teufel von Loudun, dtv, München 1985."> [62]</span> und Krysztof Penderecky eine Oper. <span class="tooltips " style="" title="Chor und Orchester der Hamburger Staatsoper unter d. Ltg. v. Marek Janowski, mit Tatiana Troyanos,  Cvetka Ahlin, Hans Sotin  u.a. Philips B00000133P, 2 CDs mit Textheft."> [63]</span> Die Geschichte ist folgende: Der Priester Urbain Grandier, Pfarrer der Kirche Saint-Pierre-du-Marché, war ein schöner und stattlicher Kerl. Die Frauen und Töchter von Loudun schmolzen nach der Beichte auf dem Venusaltar seiner Pfarrkirche, Urbain Grandier schmolz mit und die Bürger kochten vor Wut. Da es ihnen peinlich war, die eigentlichen gravamina auszusprechen, waren sie erleichtert über die irgendwie in der Luft liegende und vom Kardinal Richelieu aus politischen Gründen geförderte Entdeckung, dass Grandier ein Hexer sein müsse. Man verhaftete ihn, durchsuchte sein Haus und fand verschiedene, in Spiegelschrift abgefasste Verträge, welche neben der Unterschrift des Grandier die nach gerichtlichem Befund zweifellos echten handschriftlichen Signaturen der Teufel Asmodi, Beelzebub und Behemot trugen. Als Richter in dem sich über ein Jahr hinziehenden Prozess gegen Grandier fungierte ein Mann namens Laubardemont. In seiner Person kam alles zusammen, was einen Richter im allgemeinen von der Führung eines Prozesses von vornherein ausschließt: Er war den Feinden des Priesters persönlich und verwandtschaftlich verbunden, er war als Sonderrichter von der Staatsführung eingesetzt mit dem einzigen und ausdrücklichen Auftrag, Grandier zu erledigen, und er übte neben dem Richteramt das des Staatsanwalts und neben dem Amt des Staatsanwalts sogar noch das des Zeugenbetreuers aus. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass er in Wirklichkeit nicht Richter, sondern das Haupt einer von der Staatsführung eingesetzten Terrorbande war. Im Prozess hatte Grandier bis zuletzt geleugnet, auch dann noch, als ihm ein Arzt mit einer fingerlangen Nadel hunderte Stiche ins Fleisch gesetzt hatte, angeblich, um die zwei bis fünf gefühllosen Stellen zu finden, durch die ein Teufelsbündner sich nach der gängigen Doktrin auszeichnete, und auch dann noch hatte er geleugnet, als man ihm Arme und Beine mit eisernen Pressen zerquetscht hatte. Nicht einmal die letzte von ihm erflehte Gunst, nämlich erwürgt zu werden, ehe man ihn auf den Scheiterhafen warf, wurde ihm gewährt. So verbrannte er bei lebendigem Leibe.<span class="tooltips " style="" title="Allen neuen Freunden des alten Irrtums, Folter sei ein geeignetes Mittel zur Verbrechensbekämpfung, sei das Studium des Falls Urbain Grandier empfohlen."> [64]</span></p>
<p>Kapitel IV: Die gerechten Richter</p>
<p>Die unübersehbar hässlichen Züge des Richterbildes sind damit im Wesentlichen deutlich genug beschrieben. Das Vierte Kapitel ist den gerechten Richtern gewidmet, und das ist auch der Titel eines Altarbildes aus Gent, das von Jan van Eyck stammt. Es wurde in den dreißiger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts gestohlen und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Eine wichtige Rolle spielt es in dem Roman <em>La chûte</em> (<em>Der Fall</em>),<span class="tooltips " style="" title="Albert Camus, Der Fall, Roman, Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957."> [65]</span> der Albert Camus den Literatur-Nobelpreis eintrug.</p>
<p>Gerechte Richter kommen in Literatur und Oper gar nicht so selten vor. Zwei Typen sind vorherrschend, einer ist der gottähnliche, allwissende, stets beherrschte und weise Mann, dessen Urbild wir mit Salomon  kennen gelernt haben. Die meisten Fernsehrichter sind nach diesem Muster gestrickt. <span class="tooltips " style="" title="Der Erfolg der Sendungen mit Fernsehrichtern ist offenkundig umgekehrt proportional dem rechtlichen und tatsächlichen Gehalt der verhandelten Fälle; der Mangel an Einblicken in Recht und Leben wird allerdings kompensiert durch einen reichen Überfluss an Einblicken in die tief ausgeschnittenen Dekolletees von Zeuginnen und Angeklagten, vgl. dazu Melanie Amann: »Das Urteil lautet«, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7. Juni 2009, Nr. 23/2009, S. 12."> [66]</span> Der zweite Typ ist mehr von der Art des Daniel oder der Mutter aller Richterinnen, der biblischen Deborah. Es ist ein unkonventioneller und dabei volkstümlicher Mensch, der gelegentlich Gesetze bricht und unter Umständen sogar Gewalt anwendet, um Gerechtigkeit herzustellen. Ihn finden wir bei Calderon de la Barca im <em>Richter von Zalamea</em>,<span class="tooltips " style="" title="Pedro Calderón de la Barca, Dramatische Werke, die Höhepunkte seines Schaffens, Wien 1979, S. 19 ff."> [67]</span> einem Dorfrichter, der den adeligen Vergewaltiger seiner Tochter verurteilt und auch gleich aufhängen lässt. <span class="tooltips " style="" title="DEFA-Verfilmung von 1956 unter der Regie von Martin Hellberg mit Hans-Joachim Büttner, Gudrun Schmidt-Ahrends, Rolf Ludwig u.a., als Video bei Icestorm Entertainment, 10095; nicht nur den DDR-Oberen, auch den Nationalsozialisten passte der Typ Richter, der sich nicht viel um Gesetze schert: am 8. Januar 1937 wurde der Richter von Zalamea in einer Nachdichtung durch Wilhelm von Scholz am Schillertheater in Berlin uraufgeführt."> [68]</span> Dem gleichen Typ gehört der Held des 2003 erschienenen Romans <em>Der Richter aus Paris</em> von Ulrich Wickert <span class="tooltips " style="" title="Ulrich Wickert, Der Richter aus Paris, Eine fast wahre Geschichte, Hamburg 2003."> [69]</span> an, ein französischer Untersuchungsrichter, der sich mit dem Staatspräsidenten anlegt, um eine Korruptionsaffäre aufzudecken. Dabei ist dieser Richter so erfolgreich, dass er sich inzwischen zum Serienhelden auszuwachsen scheint: Im Jahre 2005 erschien <em>Der Richter in Angola</em>. <span class="tooltips " style="" title="Ulrich Wickert, Die Wüstenkönigin, Der Richter in Angola, Hamburg 2005."> [70]</span> Auch der Azdak <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, edition Suhrkamp Nr. 31, Frankfurt 1963; vgl. auch: Hanns Ernst Jäger, Bertolt Brecht – Songs, Gedichte, Prosa, 3 Lieder aus dem Kaukasischen Kreidekreis, Pläne Archiv Nr. 89003, CD."> [71]</span> im <em>Kaukasischen Kreidekreis</em> von Bert Brecht <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff."> [72]</span> ist hier zu nennen und Rolf Hochhuths Richterin Heinemann, die in dem Stück <em>Unbefleckte Empfängnis</em> <span class="tooltips " style="" title="Rolf Hochhuth, Unbefleckte Empfängnis, Ein Kreidekreis, Reinbek b. Hamburg 1988."> [73]</span> einer Angeklagten, von deren Unschuld sie überzeugt ist, zur Flucht verhilft. Die <em>western-hero</em>-Spielart des unkonventionellen, unkompliziert zupackenden Richters ist, wie wir aus der Comic-Serie <em>Lucky Luke </em>wissen, Judge Roy Bean, den man »The law west of the Pecos« nannte. Sein Wahlspruch war: »Hang’m first – verhandelt wird später!« Über seinem Gerichtsgebäude, das gleichzeitig als Saloon diente, prangte der bemerkenswerte Slogan »Gerechtigkeit und kühles Bier«. <span class="tooltips " style="" title="Morris, Lucky-Luke, Bd. 31: »Der Richter«, o. J."> [74]</span></p>
<p>In der Wirklichkeit finden wir gerechte Richter natürlich viel eher als unauffällige Helden des Alltags, die unter der Last des Amtes leiden, sich krank und unverstanden fühlen und zu Vertagungen und Vergleichsvorschlägen neigen. Um diesen dritten Typ des gerechten Richters, einen still wirkenden Amtsrichter, <span class="tooltips " style="" title="Vgl. zum Bild des Amtsrichters: Karl Kroeschell, Der Amtmann, Zur Kulturgeschichte eines Juristenberufs, 2002, im Internet unter http://www. rewi.hu-berlin.de/online/fhi/articles/0210kroeschell/=210kroeschell.htm zitiert nach Weber, Festschrift für Adomeit, 809 ff. (824)."> [75]</span> haben sich Christoph Martin Wieland <span class="tooltips " style="" title="Christoph Martin Wieland, Geschichte der Abderiten, Reclam Ditzingen, 1986."> [76] </span> und Richard Strauss verdient gemacht. <em>Des Esels Schatten </em><span class="tooltips " style="" title="Rundfunkchor Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Karl Anton Rickenbacher mit Sir Peter Ustinov (Erzähler), Andreas Kohn, Eberhard Büchner u.a.: »Des Esels Schatten«, Der unbekannte Richard Strauss, Koch-Schwann 3-1792-2, CD mit Textheft."> [77]</span>heißt eine kleine Oper, die Richard Strauss am Ende seines Lebens für eine Schule schrieb. Den Stoff für die Oper entnahm Richard Strauss Christoph Martin Wielands Roman <em>Geschichte der Abderiten</em>: Es geht um die Stadtrepublik Abdera, die man getrost als Metapher für alle Republiken, also auch für unsere heutige deutsche nehmen darf.</p>
<p>In der Stadt Abdera trug sich der folgende Rechtshandel zu: Der Zahnarzt Struthion mietete einen Esel, um in die Nachbarstadt zu reiten. Es war ein heißer Mittag, die Sonne stach und dem Zahnarzt ward matt zu Mute. Er befahl dem Eselsführer das Tier anzuhalten, stieg vom Esel und wollte, um sich zu erfrischen, im Schatten des Eselskörpers Platz nehmen. Der Eselsführer aber war damit nicht einverstanden: Er habe den Esel vermietet, nicht aber dessen Schatten. Wenn der Schatten genutzt werden solle, so sei neben der Eselsmiete eine weitere Drachme fällig. Der arme überhitzte Zahnarzt konnte oder wollte nicht zahlen, und so kam es zu einem Prozess, dessen Verlauf, wie alle wichtigen Angelegenheiten in Abdera, auf das lebhafteste öffentliche Interesse stieß. Die Einzelheiten des Rechtshandels samt seiner politischen Knoten und weltanschaulichen Knäuel auszubreiten ist aber hier nicht der Ort. Uns interessiert der Richter, der schließlich alles auseinanderwickeln muss: Philippides war, wie so viele Amtsrichter, »ein ehrbarer, nüchterner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann, der jedermann mit großer Geduld anhörte, den Leuten freundlichen Bescheid gab und im allgemeinen Rufe stand, dass er unbestechlich sei«. Überdies war er ein guter Musikus <span class="tooltips " style="" title="Philippides ist im Grunde ein versonnener, ja bei aller Empfindung für die Amtsmühen noch sonniger Charakter; ein Gegenstück ist der Amtmann von Lenzbach im Prinz Rosa-Stramin von Ernst Koch (* 1808 Singlis an der Schwalm, &#x271d; 1858 Luxembourg), den die tausend Glockenstimmen Gottes nicht zum Besuch der Sonntagsmesse verführen können, weil er sich als selbstquälerischer naturblinder und aktengläubiger Pedant  lieber mit Appelations-Extrajudizial- und Hämorrhoidalbeschwerden abarbeitet, vgl. Hermann Weber, Kurhessischer Obergerichtsreferendarius, Fremdenlegionär und Professor in Luxemburg, Ernst Koch – Ein Dichterjurist im Vormärz."> [78][/simple_tooltip ]und sang,  bevor er, wie es der Brauch kluger Richter ist, einen Vergleich vorschlug, eine kleine Kavatine über die Gerechtigkeit: <span class="tooltips " style="" title="Ein musikalisch und schriftstellerisch begabter Richter ist der Vorsitzende Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Wolfgang Neukirchner gewesen, der ua den Text des Schlagers Es gibt kein Bier auf Hawaii für Paul Kuhn schrieb, unter dem Pseudonym »Josua Röckelein«:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt kein Bier auf Hawaii,&lt;br /&gt;
es gibt kein Bier.&lt;br /&gt;
Drum fahr ich nicht nach Hawaii,&lt;br /&gt;
drum bleib ich hier.&lt;br /&gt;
Es ist so heiss auf Hawaii,&lt;br /&gt;
kein kühler Fleck,&lt;br /&gt;
und nur von Hula Hula&lt;br /&gt;
geht der Durst nicht weg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als »Adolf von Klebsattel« verdiente er wahrscheinlich das meiste Geld, denn unter diesem Namen schrieb er die Texte zahlreicher Schlager des blonden Sängers Heino, z. B. »Blau, blau, blau blüht der Enzian.«, vgl. www.zeit.de/1993/16/Der-geistige-Vater-von-Heino."></span> [79]</span></p>
<p>Ich möchte am Wiesenrain sitzen,<br />
aus Weiden eine Flöte mir schnitzen,<br />
statt unter Aktenstaub und Paragraphen<br />
zu richten, zu schlichten, zu bestrafen.</p>
<p>Was ist denn Recht?<br />
Darüber lässt sich streiten;<br />
es wechselt Form und Sinn im<br />
Lauf der Zeiten.</p>
<p>Der Philosoph muß vor sich selbst<br />
Bekennen:<br />
Recht ist von Unrecht oft nicht zu trennen.</p>
<p>Der Mensch ist gut, nur hat er Schwächen!<br />
Wer soll da wohl ein Urteil sprechen?<br />
Oh böses Schicksal! Grad mich verdammt es<br />
Zur undankbaren Pflicht des Richteramtes. <span class="tooltips " style="" title="Dass der Richter gerade lieber etwas anderes täte als sein Urteil schreiben, zeigt Anton Pawlowitsch Tschechow  (29. Januar 1860 greg. in Taganrog, Russland – 15. Juli 1904 greg in Badenweiler) in der Humoreske Die Sirene, in der ein Gerichtspräsident nach der Sitzung des Gerichts versucht, sein Votum zu Papier zu bringen: Vergeblich, weil sein Sekretär Shilin »ein kleines Männchen mit Bartansätzen bei den Ohren und süßem Gesichtsausdruck« ununterbrochen und in den schönsten Ausmalungen vom bevorstehenden Essen spricht."> [80]</span></p>
<p>Kapitel V: Der verstrickte Richter.</p>
<p>Wir haben gesehen, wie der göttliche Richter über der Welt schwebt. In der schon erwähnten <em>Legenda aurea</em> des Jacobus de Voragine heißt es sogar, die Schöffen <a href="#_edn81" name="_ednref81"></a><span class="tooltips " style="" title="In Antonio Machdos (1875–1939) Gedicht Un criminal (Soledades CVIII) klingt etwas von der unnachgiebigen, ja unerbittlichen  Härte gerade der ehrenamtlichen Richter an, die aus dem gutem Einvernehmen mit der  Härte des Wetters, des Schicksals und des gesunden Volksempfindens zusätzlich Kraft gewinnt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Un Criminal – Ein Verbrecher&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Angeklagte fahl und glattrasiert&lt;br /&gt;
In seinen Augen ist viel dunkle Glut,&lt;br /&gt;
die seine Knabenmaske lügen straft&lt;br /&gt;
und die Gebärden frommer Mäßigung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vom düstern Priesterseminar hat er die Mine&lt;br /&gt;
der Bescheidenheit und auch den tief&lt;br /&gt;
zur Erde oder ins Brevier gesenkten Blick behalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Verehrer Mariens,&lt;br /&gt;
der Mutter der Sünder,&lt;br /&gt;
in Burgos Examen in Theologie,&lt;br /&gt;
bereit für die niederen Weihen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Grausam war sein Verbrechen. Er war eines Tages&lt;br /&gt;
satt aller göttlichen wie die profanen Texte,&lt;br /&gt;
und es reute ihn alle die Zeit,&lt;br /&gt;
vertan mit lateinischen Hyperbatons.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Plötzlich verliebt in ein schönes Mädchen&lt;br /&gt;
und die Liebe steigt ihm zu Kopf&lt;br /&gt;
wie der goldene Rebensaft&lt;br /&gt;
und weckt seine wilde Natur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Träumen sieht er die Eltern – Landarbeiter&lt;br /&gt;
und Pächter – beleuchtet&lt;br /&gt;
von roten Reflexen am Herd&lt;br /&gt;
die gebräunten Landmannsgesichter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er wollte erben. Oh Nüsse und Kirschen&lt;br /&gt;
des Bauerngartens, schattig und grün,&lt;br /&gt;
Ähren vom Golde des Weizens,&lt;br /&gt;
überquellende Kornkammern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und entsann sich der Axt, die hing&lt;br /&gt;
an der Mauer, glänzend, geschliffen,&lt;br /&gt;
der starken Axt die das Brennholz hieb&lt;br /&gt;
von den Ästen der Eiche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ihm gegenüber die Richter in alten&lt;br /&gt;
vertrauerten Roben;&lt;br /&gt;
und eine Reihe aus düsteren Brauenfalten&lt;br /&gt;
plebejisches Antlitz: die Schöffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Verteidiger im Plädoyer,&lt;br /&gt;
schlägt mit der Faust auf das Pult;&lt;br /&gt;
ein Schreiber bekritzelt Papier,&lt;br /&gt;
und der Staatsanwalt hört ohne Rührung&lt;br /&gt;
die sonore emphatische Rede,&lt;br /&gt;
durchblättert die Akten&lt;br /&gt;
oder liebkost mit den Fingerspitzen&lt;br /&gt;
die sauberen Gläser der Goldrandbrille.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Saaldiener sagt: »Den knüpfen sie auf, das ist sicher.«&lt;br /&gt;
Der junge Rabe erwartet Milde.&lt;br /&gt;
Einer aus dem Dorf, Galgenvogel, hilft der strengen&lt;br /&gt;
Gerechtigkeit, das Böse auszumerzen."> [81]</span> wohnten der Sitzung des Jüngsten Gerichts schwebend bei, wenn auch hauptsächlich aus Gründen des Platzmangels im engen Tale Josaphat, wo bekanntlich die finale Gerichtsverhandlung abgehalten werden wird. Allerdings ist die Tätigkeit des Schwebens ein untrügliches Zeichen der Heiligkeit. Und folglich ist das Überdendingenschweben selbst im übertragenen Sinne kaum noch gebräuchlich, außer in der idealisierenden Sicht einiger Richter auf sich selbst und im verklärten Blick einiger Theoretiker des Rechtsstaats. Für viele Künstler ist dagegen gerade das Verstricktsein des Richters in das Leben, über das sie zu Gericht sitzen, interessant. Hier sind jene Friktionen zu erwarten, die, wie Schiller sagte, den Götterfunken der Inspiration hervorbringen können.</p>
<p>Exemplarisch ist eine Erzählung von Oskar Jellinek. <span class="tooltips " style="" title="Oskar Jellinek, Hankas Hochzeit, Novellen und Erzählungen, hrsg. von Wulf Kirsten, Berlin 1980."> [82]</span>Dieser 1886 in Brünn geborene und 1949 in Hollywood gestorbene jüdische Schriftsteller war zunächst Richter in Wien und wurde 1925 berühmt mit der Geschichte von einem dürren und hinkenden Dorfrichter, der mit der schönen und sinnlichen Wlasta verheiratet ist und einmal in seinem Leben stark sein will wie ein Bauer. Nun wird ihm der junge hübsche Quirin vorgeführt, Liebling des Dorfes und vor allem der Liebling der Frauen. Es besteht Mordverdacht gegen Quirin. Wird der Richter stark genug sein, dem Recht Geltung zu verschaffen, obwohl die Volksseele auf der Seite des Verdächtigen ist?</p>
<p>Der Richter unterwirft den Quirin einem scharfen Verhör. Quirin bestreitet die Tat, sagt aber nicht, wo er die Tatnacht verbracht hat. Im Verhör hält der Richter ihm ein blutiges Messer vor die Augen.</p>
<p>In Quirins Kehle stieg ein hilfloses Schluchzen &#8230; ›Das ist nicht mein Messer, das ist nicht mein Messer‹ stieß er &#8230; hervor, auf die blutige Klinge weisend, ›ich schwör’s bei meiner Mutter Seligkeit!‹ – ›Laß deine Mutter, Quirin,‹ sagte der Richter.</p>
<p>Nachdem der Richter noch einige administrative Akten erledigt hatte, ging er nach Hause &#8230; Er faltete die Stirn und trat ein. Am geöffneten Fenster stand Wlasta, seine Frau, und sang. ›Du hältst ihn natürlich für unschuldig!‹ sagte der Richter – ›Ich – wen?‹ fragte seine Frau – ›Wen? Na, den Qurin!‹ Wlasta &#8230; schluckte geflissentlich und sagte dann: ›Gewiß halt’ ich ihn für unschuldig.‹ &#8230; Der Quirin ist kein Mörder – das weiß jeder, der nicht neidisch oder eifersüchtig ist auf ihn.‹ sagte sie &#8230;«</p>
<p>Der Richter ist von Qurins Schuld überzeugt. Er gibt ihm eine Nacht Bedenkzeit, um das Geständnis zu unterschreiben.</p>
<p>Quirin Michalek hatte in dieser Nacht gebangt, gehofft und gebetet &#8230; Er warf sich hin und her. Denn das, was er gestehen sollte, hatte er nicht begangen, und das, was er begangen hatte, durfte er nicht gestehen.</p>
<p>Am Morgen legt Quirin dann doch das verlangte Mordgeständnis ab.</p>
<p>&#8230; Der Richter hatte Quirins Geständnis sofort protokolliert und ihn dann abführen lassen. In diesem Augenblick wurde weit die Tür geöffnet, und Wlasta, seine Frau, rauschte herein. Der Richter erstarrte. ›Was – was unterstehst du dich?‹ ›Ich komme dir sagen, daß der Quirin unschuldig ist. Er war gestern nacht bei mir.‹ &#8230; Da sah der Richter seine Macht in den Abgrund versinken &#8230; Er war blamiert, entthront, verstoßen &#8230; Und in dem siedenden Verlangen, Hohn und Spott von sich abzuwehren, stieß er zu. Wohl hielt seine Frau &#8230; das Gebetbuch schützend vor ihre Brust, aber der Stahl traf ihre Kehle, tödlich&#8230; Der Richter stand vor der Leiche seines Weibes. Ihm war leicht zumute. Er hatte kraftvoll gehandelt wie ein Bauer.«</p>
<p>Wo es um den verstrickten Richter <span class="tooltips " style="" title="Eines der vielen modernen Beispiele ist der Richter Daniel Savage in: Tim Parks, Doppelleben, Roman, aus dem Englischen von Michael Schulte, München 2003."> [83]</span>geht, müssen wir natürlich auch von Adam, dem Menschen und Dorfrichter sprechen, in dessen Amtsräumen sich Wurstpellen um Schnapsflaschen ringeln. Kleists <em>Zerbrochener Krug</em> wurde von dem 1944 in Auschwitz ermordeten Prager Komponisten Viktor Ullmann auf eine sehr witzige, burlesk-pointierte Art vertont. <span class="tooltips " style="" title="Deutsches Symphonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Gerd Albrecht mit Roland Hermann, Claudia Barainsky, Johann Werner Prein u.a., Der zerbrochene Krug, Orfeo C 419 981 A, CD mit Textheft."> [84]</span>Als Grundlage für das Libretto benutzte Ullmann Kleists Originaltext, den er aber stark kürzte, um die humane Botschaft zuzuspitzen. Hier sind einige Zeilen aus der Anfangsszene. Adam ist soeben geweckt worden, weil sich überraschend ein Oberrichter zur Überprüfung seiner Amtstätigkeit angesagt hat. Adam ist übel zugerichtet und sein Rechtspfleger Licht wundert sich darüber:</p>
<p>»Licht:<br />
Ei, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam?<br />
Was ist mit euch gescheh’n? Wie seht Ihr aus?</p>
<p>Adam:<br />
Ja seht, zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße.<br />
Gestrauchelt bin ich hier, denn jeder trägt den<br />
leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.</p>
<p>Licht:<br />
Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg’ jeglicher &#8230;?</p>
<p>Adam:<br />
Ja in sich selbst!</p>
<p>Licht:<br />
Verflucht das!</p>
<p>Adam:<br />
Wie beliebt?</p>
<p>Licht:<br />
Ihr stammt von einem lockern Ältervater,<br />
der so beim Anbeginn der Dinge fiel,<br />
und wegen seines Falls berühmt geworden;<br />
Ihr seid doch nicht &#8230;?</p>
<p>Adam:<br />
Nun?</p>
<p>Licht:<br />
Gleichfalls?</p>
<p>Adam:<br />
Ob ich? Hier bin ich hingefallen, sag’ ich Euch!</p>
<p>Licht:<br />
Unbildlich hingeschlagen?</p>
<p>Adam:<br />
Ja unbildlich.</p>
<p>Licht:<br />
Wann trug sich die Begebenheit denn zu?</p>
<p>Adam:<br />
Jetzt, in dem Augenblick, da ich dem Bett entsteig’. Ich hatte noch das Morgenlied im Mund, da stolpr’ ich in den Morgen schon, und eh’ ich noch den Lauf des Tags beginne, renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus.«</p>
<p>Adam lügt natürlich. In Wirklichkeit ist er nicht einfach so gestrauchelt, sondern war nachts der jungen Eva nachgestiegen. Die hatte sich gegen Adam gewehrt. Dabei zerbrach ein Krug. Über die Zerstörung dieses Kruges, für die Evas Verlobter verantwortlich gemacht wird, findet nun vor den Augen des Oberrichters ein Prozess statt. Und Adam, dem die Sache furchtbar peinlich ist, sitzt zu Gericht. Nur er und Eva wissen, wie der Krug zerbrach. Adam versucht, die Sache zu vertagen oder zu vergleichen. Aber letztlich verurteilt er einen Unschuldigen, um sich aus der Affäre zu ziehen. Doch dann taucht ein Beweisstück auf, das ihn entlarvt: Am Tatort wird seine Perücke gefunden. Der Richter flieht.</p>
<p>»Seht, wie der Richter Adam &#8230; das aufgepflügte Winterfeld durchstampft! &#8230; Seht! Seht! Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht!«</p>
<p>Übrigens ist die Amtstracht des Richters für viele Schriftsteller das, was die drei Hammerschläge für die Komponisten sind. Als Sancho Pansa, der »Sack voll Sprichwörtern« und bäuerliche Gefährte des Don Quichote gegen Ende des berühmten Romans von Miguel de Cervantes Saavedra <span class="tooltips " style="" title="Miguel de Cervantes Saavedra, Don Quixote von La Mancha, Zürich 1992, Zweiter Teil, 42. Kap."> [85]</span>zum Richter auf der Insel Barataria ernannt wird, weist der Ritter von der traurigen Gestalt ihn zurecht:</p>
<p>»Du bist gegen mich nur ein Schafskopf, mein lieber Sancho&#8230; und einzig weil die fahrende Ritterschaft dich mit ihrem Hauch berührt hat, wirst du ohne weitere Umstände Richter &#8230; Bedenke zu allererst, dass die äußere Erscheinung eines zu wichtigen Ämtern erhobenen Menschen mit dem übereinstimmen muss, was das Amt erheischt.«</p>
<p>Also die Kleidung ist wichtig, vor allem Robe <span class="tooltips " style="" title="»Mentele scolen se uppe den sculderen hebben« heißt es im Sachsenspiegel, Drittes Buch, Art. 69 § 1; vgl. Sachsenspiegel oder Sächsisches Landrecht mit Übersetzung und reichhaltigem Repertorium von Dr. Carl Robert Sachse, Heidelberg 1848, reprint o.J., Reprint-Verlag, Leipzig."> [86]</span> und Perücke, manchmal auch der Richterstab: Diese Utensilien stehen symbolisch <span class="tooltips " style="" title="Niemand muss Sorge haben, das irgendwie überlebt wirkende Kleidungsproblem würde eines Tages verschwinden oder auch nur die Kraft verlieren, den ernstesten Streit zu verursachen. Es handelt sich um eine anthropologische Konstante, vgl. den Bericht von Melanie Amann: Nicht ohne den Langbinder – Zwei Rechtsanwälte kämpfen gegen die Krawattenpflicht vor Gericht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 22. Januar 2009, Nr. 18, S. 9: Ein Amtsrichter verbannte im Oktober 2008 den Rechtsanwalt Säftel durch Beschluss aus dem Gerichtssaal: »Rechtsanwalt Säftel trägt keinen Langbinder.« Rechtsanwalt Säftel fand, Anzug und Lederschuhe müssten reichen, eine Krawatte habe er gar nicht und außerdem sei er immer noch stilvoller gekleidet als der Richter in Jesuslatschen und weißen Socken."> [87]</span>für das Amtliche, oft in ironisierender Absicht. Um ein Beispiel aus der populären Literatur zu nennen: In Jules Vernes Roman <em>In 80 Tagen um die Welt </em><span class="tooltips " style="" title="Jules Verne, Le tour du monde en 80 jours, Librairie Générale Francaise, Paris 2000, 15. Kap."> [88]</span> müssen sich Phileas Fogg und sein Diener Passepartout vor dem Amtsrichter Obadiah in Kalkutta verantworten. Als Obadiah zu Beginn der Verhandlung bemerkt, dass er versehentlich die Perücke seines Schreibers aufgesetzt hat, sagt er: »Mein lieber Herr Oysterpuff, was glauben Sie wohl, wie ein Richter ein vernünftiges Urteil sprechen soll, wenn er die Perücke eines Schreibers auf dem Kopf hat?« Erst nach dem Perückentausch geht die Verhandlung dann weiter. Und Bert Brecht lässt seinen Richter Azdak im <em>Kaukasischen Kreidekreis</em> <span class="tooltips " style="" title="Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff."> [89]</span> sich wie folgt über das Robenproblem erklären:</p>
<p>»Wenn zum Beispiel ein Richter eine Frau verknackt, weil sie für ihr Kind ein Maisbrot gestohlen hat, und er hat seine Robe nicht an oder er kratzt sich beim Urteil so, daß mehr als ein Drittel von ihm entblößt ist, das heißt, er muß sich dann am Oberschenkel kratzen, dann ist das Urteil eine Schande und das Recht ist verletzt. Eher noch könnte eine Richterrobe und ein Richterhut ein Urteil sprechen als ein Mensch ohne das alles. Das Recht ist weg wie nix, wenn nicht aufgepaßt wird &#8230;« <span class="tooltips " style="" title="Dass die Bekleidung den Beruf macht, gilt nicht allgemein: Cucullus non facit monachum! sagt der Narr in der 5. Szene des Ersten Aktes von Shakespeares Was Îhr Wollt und fügt hinzu: Das will soviel sagen wie: Mein Gehirn ist nicht so buntscheckig wie mein Rock! – Vielleicht kommt es beim Narren und beim Mönch wirklich mehr  darauf an, dass sie es richtig in sich haben als, wie bei Richtern, dass sie das Rechte richtig an sich tragen."> [90]</span></p>
<p>Die Verstrickung in die Wirklichkeit steht offenkundig in einem Spannungsverhältnis zu dem Anspruch, über andere urteilen zu wollen. <span class="tooltips " style="" title=""> [91]</span></p>
<p>Der Apostel Paulus schreibt an die Römer: »Denn worinnen Du einen anderen richtest, verdammst Du Dich selbst, sintemal Du eben dasselbige tust, das Du richtest.« <span class="tooltips " style="" title="Paulus, Römerbrief, 2,1."> [92]</span></p>
<p>Dieses Spannungsverhältnis finden wir in der Literatur manchmal als Tragik, oft aber als Komik wieder. Einige Beispiele haben wir schon kennen gelernt, auf zwei besonders schöne kann ich nur hinweisen: Den Richter Gänsezaun in Francois Rabelais Gargantua und Pantagrue, <span class="tooltips " style="" title="Meister Franz Rabelais der Arzenei Doctoren Gargantua und Pantagruel, Aus dem Französischen verdeutscht durch Gottlob Regis, München 1964. Drittes Buch, 39. Kap."> [93]</span>der ausführlich erklärt, warum es lege artis ist, den Prozessausgang durch ein im übrigen äußerst kompliziertes Verfahren auszuwürfeln. Und auch Sancho Pansa als Richter der Insel Barataria, der u.a. folgenden Rat von seinem Herrn mit auf den Weg bekommt:</p>
<p>»Glaube mir, Sancho, für alle Geschenke, die die Frau eines Richters annimmt, muss der Mann am Jüngsten Gericht Rechenschaft ablegen und nach seinem Tode alles vierfach bezahlen!« <span class="tooltips " style="" title="Siehe oben."> [94]</span></p>
<p>Man wird sofort sehen, wie ein Richter sich den Ruf verderben kann, wenn er sich nicht an diesen Ratschlag hält.</p>
<p>Kapitel VI: Der bestochene Richter</p>
<p>Die Opernkenner wissen, dass in der populärsten Mozart-Oper, der <em>Hochzeit des Figaro</em> <span class="tooltips " style="" title="Chor der Staatsoper Dresden/Staatskapelle Dresden unter d. Ltg. v. Otmar Suitner mit Hermann Prey, Anneliese Rothenberger, Peter Schreier u.a., Die Hochzeit des Figaro, Deutsch von Hermann Levi, Berlin Classics 0020962, 3 CDs mit Textheft."> [95]</span> eine Gerichtsverhandlung stattfindet. Figaro hat von der wesentlich älteren Barberina Geld geliehen. Er kann es nicht zurückzahlen. Nach dem mit Barberina geschlossenen Vertrag ist er nun verpflichtet, sie zu heiraten. Der Graf, der auf Figaros Verlobte Susanna scharf ist, hat seinen Richter Don Curzio – den wohl einzigen  stotternden Juristen der Operngeschichte – gut instruiert.</p>
<p>»D-d-du b-b-bezahlst oder h-h-heiratest! P-p-punktum!« lautet das Urteil, das allerdings, wie so viele Judikate des wirklichen Lebens, von eben diesem wirklichen Leben alsbald kassiert wird: Es stellt sich nämlich heraus, dass Barberina in Wahrheit Figaros Mutter ist.</p>
<p>Wie kommt es, dass sich Mozart und da Ponte so niederträchtige und inkorrekte Späße mit der Justiz erlaubten? Nun: Das Libretto von <em>Figaros Hochzeit</em> beruhte auf einem Theaterstück des französischen Waffenhändlers und Literaten Pierre Augustin de Beaumarchais. Er war im ancien regime aus tausend Gründen in einen Prozess verwickelt und wurde von Ludwig dem 16. mehrfach ins Gefängnis gesteckt. <span class="tooltips " style="" title="Die ganze Geschichte ist dokumentiert in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 1504 ff."> [96]</span> Wie sich herausstellte, hatte sein Richter, ein gewisser Elsässer mit dem Namen Goezmann, <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Beaumarchais, Mémoires contre Goezman, in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 673 ff.; die Mémoires erschienen in ganz Europa, Goethe entnahm ihnen den Stoff und weite Teile des Textes für sein Jugenddrama Clavigo; vgl. zu allem auch: Schmitz-Scholemann, Figaros Rache, Deutschlandfunk 2003."> [97]</span>der im Nebenamt Lehrbücher schrieb, außer einem Sprachfehler noch eine geldgierige Frau. Sie kassierte Bestechungsgelder von den (beiden!) Prozessparteien. Beaumarchais verlor den Prozess, weil seine Gegner etwas mehr zahlten als er. Mit seinem Theaterstück <em>La folle journee</em> rächte sich Beaumarchais. Er stellte in den Mittelpunkt des Stücks eine Gerichtsverhandlung, gab dem Richter einen kleinkarierten und gehässigen Charakter und einen dem Original recht ähnlichen Namen. Das Stück wurde mehrfach verboten, hatte aber letztlich gewaltigen Erfolg, der sich bis nach Wien herumsprach. Hier ein Auszug aus der Gerichtsverhandlung in Beaumarchais’ Theaterstück. <span class="tooltips " style="" title="Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, La folle journée ou Le Mariage de Figaro, Texte integrale, Paris 1998."> [98][/simple_tooltip ]Es geht, wie in der Oper, um die Klage der Barberina gegen Figaro auf Zahlung oder Erfüllung des Heiratsversprechens:</p>
<p>»Richter: <span class="tooltips " style="" title="Meine Übersetzung erlaubt sich einige Freiheiten, für eine worttreue Übersetzung siehe: Beaumarchais, Figaros Hochzeit, Deutsch von Gerda Scheffel, Frankfurt a. M. 1976."></span> [99]</span></p>
<p>Die Form, meine Herren, die Form!</p>
<p>Figaro:<br />
Aber gewiss, mein Herr. Den Parteien geht es zwar um die Sache, aber die Form ist die Sache des Gerichts.</p>
<p>Richter:<br />
Der Kerl ist gar nicht so dumm wie ich dachte. Also mein Freund, wenn Du Dich so gut auskennst, dann heraus mit der Sprache, worum gehts?</p>
<p>Figaro:<br />
Mein Herr, ich habe volles Vertrauen in Ihre Gerechtigkeit, obwohl Sie ja zur Justiz gehören.</p>
<p>Richter:<br />
Jawohl ich bin von der Justiz, allerhand, jaja. Aber wenn Du zahlen mußt und zahlst aber nicht &#8230;</p>
<p>Figaro:<br />
Wenn ich tatsächlich nicht zahle, also wenn ich nicht zahlen kann, dann ist es doch fast, wie wenn ich nicht zahlen muss!</p>
<p>Richter:<br />
Zweifellos &#8230; Impossibilium nulla obligatio &#8230; Eh &#8230; wie bitte? Was sag ich da?</p>
<p>Barberina:<br />
Hören Sie mich an, mein Herr!</p>
<p>Richter:<br />
Nun gut, sprechen wir verbaliter!</p>
<p>Barberina:<br />
Das Papier, das Sie in den Händen haben, ist ein Heiratsversprechen, verbunden mit einem Darlehen.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, etcetera, etcetera undsoweiter.</p>
<p>Barberina:<br />
Kein etcetera.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, Sie haben das Geld gekriegt!</p>
<p>Barberina:<br />
Nein, ich hab es verliehen.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe, Sie stipulieren! Eine Stipulation! Interessanter Casus!</p>
<p>Barberina:<br />
Nein, Monsieur, er soll mich heiraten.</p>
<p>Richter:<br />
Ich verstehe immer besser, er will Sie heiraten &#8230;</p>
<p>Barberina:<br />
Will er eben nicht, deshalb führe ich doch den Prozess!</p>
<p>Richter:<br />
Wollen Sie etwa sagen, ich verstehe den Prozess nicht?</p>
<p>Barberina:<br />
Keineswegs, Monsieur. (zu sich selbst): Wo sind wir eigentlich hier? (zum Richter): Sind Sie hier der Richter?</p>
<p>Richter:<br />
Natürlich! Was glauben Sie wohl, warum ich den Posten gekauft habe!</p>
<p>Barberina:<br />
Es ist ein großes Unrecht, dass solche Posten verkauft werden.</p>
<p>Richter:<br />
Stimmt genau! Man hätte ihn mir umsonst geben sollen. Gegen wen klagen Sie eigentlich?«</p>
<p>Wenn man aus den ins Komische gewendeten Zügen der Richterbilder in der Oper und der Literatur eine einzige Person machen wollte, in der sich sowohl das Schreckliche und Furchterregende, das Menschenfeindliche und das überzogen Selbstbewusste, aber auch die Überforderung durch die Wirklichkeit, der Kampf mit der Amtstracht und letztlich sogar die Verstrickung zeigen, also eigentlich alles, was dem Amt Charakter gibt und was man als den immer wieder scheiternden und immer wieder notwendigen Versuch der Reduktion von Komplexität bezeichnen kann, dann müsste man den kalifornischen Richter Maxwell erfinden. Zum Glück ist er aber bereits erfunden worden, und zwar von dem amerikanischen Regisseur Peter Bogdanovitch. Der Leser ist aufgefordert, unbedingt die berühmte Gerichtsszene aus dem Film <em>Is was Doc?</em> anzusehen. Jede verbale Wiedergabe wäre eine Beleidigung für die Eigenständigkeit der Filmkunst im allgemeinen und im besonderen für das Genie der Drehbuchautoren, des Regisseurs und der Darsteller, <span class="tooltips " style="" title="Auf Video-DVD: »Is’ was, Doc?«, Regie und Story Peter Bogdanovich, Screenplay Buck Henry, David Newman u. Robert Benton, mit Barbra Streisand und Ryan O’Neill, Warner Brothers 104195."> [100]</span>vor allem des unvergesslichen Liam Dunn als Judge Maxwell.</p>
<p>Kapitel VII: Ein Bild von einem Richter</p>
<p>»Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten«, heißt es bei Hermann Hesse und den fürs erste letzten Raum mit Richterbildern habe ich Ein Bild von einem Richter« genannt. Ich meine damit zweierlei.</p>
<p>Zum einen: In der großen und tiefen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es Bücher, in deren Mittelpunkt der Richter nicht mehr als reale Person des Lebens steht, sondern nur noch als Bild. In dem schon erwähnten Roman <em>Der Fall</em> von Albert Camus <span class="tooltips " style="" title="Albert Camus, Der Fall, Roman, aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957."> [101]</span> geht es um das Bild <em>Die gerechten Richter</em> von van Eyck. Ein aus dem Gleis geratener, trunksüchtiger Rechtsanwalt bewahrt in einer Amsterdamer Dachkammer dieses Bild vor dem Zugriff der Polizei und der Unterwelt. Damit ist in der metaphorischen Sprache des Dichters gesagt, dass die Vorstellung des gerechten Richters, also letztlich die Sehnsucht des Menschen nach Gerechtigkeit wohl noch existiert, aber eigentlich nur noch ins geheim, als Gerümpel, verwaltet von einem heruntergekommenen Advokaten. <span class="tooltips " style="" title="Übrigens dürfte es kaum ein literarisches Genre geben, in dem so wenig über Gerechtigkeit geschrieben wird, wie die juristische Fachliteratur."> [102]</span> Ähnliches lässt sich über das Richterbild in Franz Kafkas unvollendetem Roman <em>Der Prozess </em><span class="tooltips " style="" title="Franz Kafka, Der Prozeß, Roman, Frankfurt am Main, Hamburg 1960."> [103]</span> sagen. Dem eines Morgens von zwei Männern in Mänteln sistierten und alsdann in einen undurchsichtigen Prozess gezogenen Bankangestellten K. gelingt es nie, die für seinen Fall entscheidenden Richter zu sprechen. Einmal findet zwar vor großem Publikum eine Verhandlung beim Untersuchungsrichter statt, der sich aber als ein schlecht unterrichteter und ordinärer Mensch niederen Ranges herausstellt. Auf seinem Richtertisch stehen zwei Bücher. Das eine ist ein pornographisches Werk, das andere trägt den kindischen Titel: »Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte«. Von den übrigen Richtern bekommt K. nur Bilder zu sehen, die der Gerichts-Maler Tintorelli, der eigentlich auf Heidelandschaften in Öl spezialisiert ist, in einem Dachverschlag herstellt.</p>
<p><em>Der Prozess</em> gegen K. ist kein gewöhnlicher Gerichtsprozess. <span class="tooltips " style="" title="Eine interessante Deutung des Romans als einer Art Prophetie der immer mehr in strukturelle Aporien führenden Überkomplexität  des materiellen Rechts und des Verfahrensrechts am Beginn des 21. Jahrhunderts hat  jetzt Klaus Lüderssen  mit seinem Essay »Die düstere Poesie des Paradoxen im Recht« vorgelegt (FAZ, 11. Februar 2006, S. 45)."> [104] </span> Der Betroffene erfährt nicht, was gegen ihn vorliegt. Er wird ab und an befragt, hin und wieder gefoltert, er erhält Mitteilungen oder Winke oder glaubt, sie zu erhalten, und auf unbestimmte Weise sind alle seine Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen und Familienangehörigen in das Verfahren einbezogen. Das ganze Leben des Prokuristen wird Teil des Gerichtsverfahrens und alle Menschen scheinen irgendwie zum Gericht zu gehören. Natürlich rebelliert der Gerechtigkeitssinn gegen ein so offenkundig ungerechtes Verfahren, von dem noch nicht einmal sicher ist, dass es mit einem Urteil endet. Doch im Laufe des Jahres schwindet die Gewissheit, mit der K. behauptet, unschuldig zu sein. In einer Kirche trifft K. einen Geistlichen, der auf einer Kanzel steht und behauptet, er sei  der Gefängniskaplan. Ich bin unschuldig, sagt K. Das stimmt, entgegnet der Kaplan, aber er fügt hinzu: Das sagen alle.</p>
<p>Schließlich erscheinen wieder die beiden Männer in Mänteln und führen K. an einen einsamen Ort, wo sie ihn mit einem Messer bedrohen. Die letzten Sätze des unvollendet gebliebenen Romans lauten:</p>
<p>»War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiss gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.</p>
<p>Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. ›Wie ein Hund!‹ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.« <span class="tooltips " style="" title="Der Prozeß wurde 1963 von Orson Welles verfilmt mit Anthony Perkins, Jeanne Moreau und Romy Schneider und ist als DVD (»Le procès«) bei studiocanal EDV 29 – 302 175-3 (leider nur in Frankreich) erschienen."> [105]</span></p>
<p>Ähnlich depressive Befunde, nämlich die Abwesenheit oder den Verlust eines lebendigen Bildes vom Richter als einer menschlichen Instanz, von der Gerechtigkeit oder überhaupt nur irgendeine Entscheidung zu erwarten wäre, ließen sich auch aus Dürrenmatts Justizromanen oder auch aus dem bekannten <em>Lehrbuch für Konkursrecht</em> des inzwischen  pensionierten Naumburger OLG-Richters Rosendorfer herausdestillieren, in dem der Landgerichtsrat Ballmann erst in dem Augenblick glücklich wird, in dem er sozialen Selbstmord begeht und den Dienst quittiert. <span class="tooltips " style="" title="Herbert Rosendorfer, Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht, dtv, München 1998."> [106]</span></p>
<p>Es gibt aber noch eine weitere, vielleicht nicht ganz so tiefsinnige, dafür aber auch weniger depressive Klasse von Literatur, die für mich unter den Titel »Ein Bild von einem Richter« gehört. Wir finden sie vornehmlich in den USA, ich meine die so genannten court-room-stories, von denen ja auch viele verfilmt worden sind. <span class="tooltips " style="" title="Nur einer sei genannt: Das Urteil nach dem Roman von John Grisham unter der Regie von Gary Fleder mit Gene Hackman, John Cusack und Dustin Hofman, DVD: 20th Century Fox/Regency F2-SDE 2426708."> [107]</span> Man sollte diese Bücher <span class="tooltips " style="" title="Seit 2007 gibt es auch ein Court-room-Computerspiel. Es heißt »Pheonix Wright, Ace Attorney: Justice for all« und läuft auf Nintendo DS (von Capcom)."> [108]</span> nicht unterschätzen. Sie sind oft von ehemaligen oder noch praktizierenden Rechtsanwälten geschrieben und verraten eine subtile Milieukenntnis. Meist steht im Mittelpunkt ein mutiger Anwalt, der die Unschuld einer schönen Frau verteidigt. Auch bestechliche, lächerliche, faule Bezirksrichter gehören zur personellen Ausstattung. Aber gelegentlich, manchmal im Hintergrund, manchmal auch am Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, tritt ein ganz besonderer Richtertyp auf. Es ist die Sorte des steinalten, kauzigen und unbeirrten Bundesrichters, der, wie z. B. der Richter Crease in William Gaddis’ Roman <em>Letzte Instanz</em>, <span class="tooltips " style="" title="Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film Das Urteil von Nürnberg unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5."> [110] </span> Brandlöcher im Jackett und Dollar-Bündel in Plastiktüten unter dem Bett hat und reichlich ausgestattet ist mit Mut, juristischem Scharfsinn, klassischer Bildung und galligem Humor. Vor allem aber zeichnen sich diese eigenwilligen Gestalten durch Sprachmacht und Gerechtigkeitsgefühl aus.</p>
<p>Dieser angelsächsische, vor allem US-amerikanische Richtertyp <span class="tooltips " style="" title="Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film Das Urteil von Nürnberg unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5."> [110]</span> hat ein Vorbild im realen Leben, <span class="tooltips " style="" title="Angesichts der besonderen Bedeutung der Richterpersönlichkeit im Case-Law-System ist es nicht erstaunlich, dass die anglo-amerikanische Kultur in besonderem Maße vorbildgebende Richterpersönlichkeiten hervorbringt, im echten Leben wie in der lebendigen Fiktion, vgl.nur Blumenwitz, Einführung in das anglo-amerikanische Recht, 7. Auflage, München 2003, S. 11–62."> [111]</span> nämlich den in den USA jedem Kind bekannten Oliver Wendell Holmes jr. <span class="tooltips " style="" title="Vgl. Fikentscher, Methoden des Rechts in vergleichender Darstellung, Bd II, Anglo-Amerikanischer Rechtskreis,, 1975, S. 151 ff.; ders. Rechtswissenschaft und Demokratie bei Justice Oliver Wendell Holmes, 1970; Radbruch SJZ 1946, 25; Frankfurter, Mr. Justice Holmes and The Supreme Court 1961."> [112] </span>Holmes jr. stammte aus dem Kreis um den Philosophen Charles Sanders Peirce, <span class="tooltips " style="" title="1839–1914, Begründer des sog. »amerikanischen Pragmatismus«, vgl. Charles Sanders Peirce, Vorlesungen über Pragmatismus, mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Elisabeth Walther, Hamburg 1991."> [113] </span> er war ein brillanter Ostküsten-Intellektueller und Richter am Supreme Court. Seine Urteile, Vorträge und Bücher, an denen er lange feilte und deren Entwürfe er stets mit Sorgfalt verbrannte, gelten in den USA als absolut literaturfähig. Er starb 1935  im Alter von 94 Jahren. Kurz vor seinem Tod schrieb Holmes an seine früheren Anwalts-Kollegen:</p>
<p>»Ich kann mich vom Leben und von Euch nicht in förmlichen Worten verabschieden. Das Leben gleicht für mich einem jener japanischen Bilder, denen unsere Vorstellungskraft nicht erlaubt, am Rahmen zu enden. Wir zielen ins Unendliche und wenn der Pfeil zu Boden fällt, steht er in Flammen.«</p>
<p>Ein schönes, dunkles und für einen Vierundneunzigjährigen ziemlich feuriges Bild, das wieder einmal zeigt, dass die Ästhetik der Sprache und die moralische Ordnung der Welt, wie einst bei Solon, zusammengehören. Um es in einem Satz zu sagen: Die Sprache ist der Atem des Rechts und der Glaube an das Recht ist nichts anderes als der Glaube an das Leben.</p>
<p>Das gilt umso mehr, wenn die Liebe sich hineinmischt, wie der erwartungsvolle Leser im</p>
<p>Nachwort</p>
<p>endlich erfahren wird, worin das zu Beginn gegebene Versprechen eingelöst wird, darzulegen, wie man Richter wird, jedenfalls im Vereinigten Königreich. Wer jemals einen englischen Richter kennen gelernt hat, weiß, was ein trotz Kenntnis von der Absurdität der Existenz und dem Bewusstsein eigener Schuld heiterer und zufriedener Mensch <span class="tooltips " style="" title="Dass hinter dieser Haltung Seelenarbeit steckt, zeigt das Privatleben eines pensionierten englischen Richters, geschildert von Charles Morgan, Der Richter, Roman, übertragen von Herberth E. Herlitschka, Frankfurt am Main und Hamburg 1957."> [114]</span> ist. Um einen solchen handelt es sich bei dem Richter, den Gilbert &amp; Sullivan in den Mittelpunkt ihrer schon erwähnten Oper <em>Trial by Jury</em> <span class="tooltips " style="" title="The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard)."> [115]</span> gestellt haben. Er hat, wie weiland Don Curzio, einen Prozess wegen gebrochenen Heiratsversprechens zu führen. Die Klägerin ist jung und hübsch, der Beklagte will sie aber nicht mehr haben. Die juristische Lösung erfahren wir nicht. Denn der Richter löst den Fall praktisch. Er verliebt sich in die Klägerin. <span class="tooltips " style="" title="Einen Richter, der durch Liebe, oder wenigstens doch durch ein Eheangebot Gerechtigkeit herzustellen versucht, finden wir auch bei Johann Wolfgang von Goethe in dem Drama Die natürliche Tochter.  Der »Gerichtsrat« – einen Namen erfahren wir nicht – erklärt sich bereit, Eugenie, die uneheliche (»natürliche«) Tochter eines Herzogs vor den mörderischen Nachstellungen ihres Halbbruders und Erbkonkurrenten durch bürgerliche Ehe zu retten. Eugenie ist einverstanden, unter der Bedingung, dass die Ehe nicht vollzogen wird, Goethe, Sämtliche Werke in 18 Bänden (Artemis-Gedenkausgabe), Zürich 1977, Bd. 6, S. 315 ff., vgl. auch Karl Otto Conrady, Goethe, Leben und Werk, Ausgabe 2006, Patmos-Verlag, Düsseldorf 2006, S. 744 ff."> [116]</span> Und in der zauberhaften Arie, von der hier nur der Text wiedergegeben werden kann, erfahren wir, warum der Überdruss des Richters an seiner bisherigen Frau eng verbunden ist mit dem Grund, aus dem er überhaupt Richter wurde. Case dismissed! <span class="tooltips " style="" title="Für wichtige Hinweise danke ich: Kai Agthe, Naumburg/Halle, Knut Bröhl, Erfurt/Köln, Ulrike Brune, Weimar/Erfurt; Hans Hachmann, Karlsruhe, Wulf Kirsten, Weimar, Martin Roeber, Herxheim, Hans-Joachim Strauch, Jena/Weimar, Hermann Weber, Berlin/Bad Vilbel, Hildegard Wenner, Köln, Mario Wiegand, Weimar."> [117]</span></p>
<p>»Richter:<br />
›When I, good friends, was called to the bar,<br />
I’d an appetite fresh and heartly.<br />
But I was, as many young barristers are,<br />
An impecunious party.</p>
<p>I’d a swallow-tail coat of a beautiful blue –<br />
And a brief which I bought of a booby –<br />
A couple of shirts, and a collar or two,<br />
And a ring that looked like ruby!‹</p>
<p>Chor:<br />
„A couple of shirts, and a collar or two,<br />
And a ring that looked like a ruby.“</p>
<p>Richter:<br />
„In Westminster-Hall I danced a dance,<br />
Like a semi-despondent fury;<br />
For I thought I never should hit on a chance<br />
Of addressing a British Jury –<br />
But I soon got tired of third-class journeys,<br />
And dinners of bread and water;<br />
So I fell in love with a rich attorney’s<br />
Elderly, ugly daughter.“</p>
<p>Chor:<br />
„So he fell in love with a rich attorney‘s<br />
Elderly, ugly daughter.“</p>
<p>Richter:<br />
„The rich attorney, he jumped with joy,<br />
And replied to my fond professions:<br />
‚You shall reap the reward of your pluck, my boy,<br />
At the Bailey and Middlesex sessions.</p>
<p>You’ll soon get used to her looks,‘ said he,<br />
‚And a very nice girl you’ll find her!<br />
She may very well pass for forty-three<br />
In the dusk, with a light behind her!“</p>
<p>Chor:<br />
„She may very well pass for forty-threee<br />
In the dusk, with a light behind her!“</p>
<p>Richter:<br />
„The rich attorney was good at his word;<br />
The briefs came trooping gaily,<br />
And every day my voice was heard<br />
At the Sessions or Ancient Bailey.</p>
<p>All thieves who could my fees afford<br />
Relied  on my orations.<br />
And many a burglar I‘ve restored<br />
to his friends and his relations.“</p>
<p>Chor:<br />
„And many a burglar he’s restored<br />
To his friends and his relations.“</p>
<p>Richter:<br />
„At length I became as rich as the Gurneys –<br />
An incubus then I thought her.<br />
So I threw over that rich attorney’s<br />
Elderly, ugly daughter.</p>
<p>The rich attorney my character high<br />
Tried vainly to disparage –<br />
And now, if you please, I’m ready to try<br />
This Breach of Promise of Marriage!“</p>
<p>Chor:<br />
„And now if you please, he’s ready to try<br />
This Breach of Promise of Marriage!“</p>
<p>Richter:<br />
„For now I’m a judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„Yes now I’m a judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„Though all my law be fudge,<br />
Yet I‘ll never, never budge,<br />
But I’ll live and die a Judge!“</p>
<p>Chor:<br />
„And a good judge, too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It was managed by a job &#8211; “</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It was managed by a job &#8211; “</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“</p>
<p>Richter:<br />
„It is patent to the mob<br />
That my being made a nob<br />
Was effected by a job.</p>
<p>Chor:<br />
„And a good job,  too!“<br />
Übersetzung <span class="tooltips " style="" title="Meine Übersetzung beansprucht keine Treue gegenüber dem Original und auch sonst keinen Preis, sondern versucht lediglich den Sinngehalt auf deutsche Verhältnisse zu übertragen."> [118]</span></p>
<p>Richter:<br />
„Als ich anfing als Richter beim Amtsgericht,<br />
Da war ich noch frisch und munter.<br />
Doch ich kannte kein Aas und auch Geld hatt ich nicht,<br />
Und so kam ich nicht rauf und nicht runter.</p>
<p>Eine löchrige Robe in Anthrazit<br />
Und Aktenstaub an den Händen,<br />
Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.“</p>
<p>Chor:<br />
„Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich hängte mein Fähnchen, ich war ja nicht dumm,<br />
In alle politischen Winde.<br />
Ich dachte, im Ministerium<br />
Erkennt man die Jungfrau am Kinde.</p>
<p>So kommts auch. Man ruft mich. Ich sage nicht nein<br />
Und verlieb mich ins falsche Gebiß der<br />
Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.“</p>
<p>Chor:<br />
„Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.“</p>
<p>Richter:<br />
»Der Minister macht einen Freudensprung.<br />
Und sagt: Mit Deinen Talenten –<br />
Also wirklich, Du hast den gewissen Schwung<br />
Eines Obergerichtspräsidenten.</p>
<p>An den Anblick des Mädchens gewöhnst Du dich bald<br />
Sie riecht süß wie der Mai und würzig.<br />
Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p>Chor:<br />
„Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.“</p>
<p>Richter:<br />
„Der gute Minister hielt wirklich Wort<br />
Und gab mir den schönen Posten,<br />
Ich bin jetzt der Präsident am Ort,<br />
Nur mein Weib beginnt leider zu rosten.</p>
<p>Doch sonst geht’s mir gut, man lädt mich ein<br />
Und genießt meine tolle Rhetorik.</p>
<p>Ich referiere in jedem Verein,<br />
Mein Verdienste sind äußerst honorig.“</p>
<p>Chor:<br />
„Er referiert in jedem Verein,<br />
Seine Verdienste sind sehr honorig.“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich war fast ein Krösus, doch wie schon gesagt,<br />
Es klapperte noch das Gebiß der<br />
Häßlichen alten schimmligen Magd<br />
Vom Landesjustizminister.</p>
<p>Ich warf sie raus – was sollte ich tun?<br />
Ich werde halt etwas blechen.<br />
Dafür bin ich frei und richte nun<br />
Über gebrochene Heiratsversprechen.“</p>
<p>Chor:<br />
„Dafür ist er frei und verhandelt nun<br />
Das gebrochene Heiratsversprechen.“</p>
<p>Richter:<br />
„Denn jetzt bin ich Präsident!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Unrecht ist ihm fremd!“</p>
<p>Richter:<br />
„Ich bin Gerichtspräsident!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Unrecht ist ihm fremd!“</p>
<p>Richter:<br />
„Das Gesetz ist ein Schmand.<br />
Doch ich bleib im Richteramt.<br />
Bis zum Tode, verdammt!“</p>
<p>Chor:<br />
„Ja, das Recht ist ihm bekannt!“</p>
<p>Richter:<br />
„Denn mein Trick ist gut geglückt.“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>Richter:<br />
„Ja, mein Trick ist gut geglückt.“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>Richter:<br />
„Jeder sieht mit einem Blick,<br />
Wie mein altbewährter Trick<br />
Funktioniert hat! Welch ein Glück!“</p>
<p>Chor:<br />
„Alles Glück ein Trick!“</p>
<p>* Der Vortrag geht auf ein Hörfunk-Feature zurück, das ich für den Deutschlandfunk geschrieben habe (<em>Im Namen der Robe – Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch</em>, DLF 2004). Für die hier vorgelegte Lesefassung wurde die Vortragsform weitgehend beibehalten. Ein Manko war nicht zu vermeiden: Die in den mündlichen Vortrag eingestreuten Musikbeispiele und Filmausschnitte lassen sich nun einmal nicht in Papierform bringen. Wer die Mühe nicht scheut, kann anhand der Fußnoten die <em>missing links </em>einfügen. Bei den wahren Freunden der Literatur muss ich mich entschuldigen für die unverzeihliche Grausamkeit, mit der ich verschiedenen Texten der Weltliteratur zu Leibe gerückt bin, indem ich sie gekürzt habe. Es geschah, wie ich zugeben muss, aus dem ganz und gar eigennützigen Motiv, die Verständlichkeit meines Vortrags zu retten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>   Obwohl uns natürlich immer das Bibelwort Matthäus VII, 1-5 in den Ohren klingt: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welcherlei Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; danach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!«, dazu Johann Sebastian Bach, K 185/2 BWV 185 »Ach greife nicht durch das verbotne Richten/ dem Allerhöchsten ins gericht!«</p>
<p><a href="#_ednref2" name="_edn2">[2]</a>   Über Konfuzius heißt es im ersten Kapitel der Schulgespräche: »Vom Aufseher der öffentlichen Arbeiten wurde Kung zum obersten Richter von Lu gemacht. Als solcher schuf er Gesetze, die aber nicht angewandt zu werden brauchten, da es keine Leute gab, die sie übertraten.« Vgl.: Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 26663; vgl. Kungfutse-Gia Yü, S. 17; http://www. digitale-bibliothek.de/band94.htm</p>
<p><a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a> Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Aus dem Amerikanischen  von Brigitte Granzow. Mit einem einl. Essay von Hans Mommsen, München 1994; vgl. auch: Hannah Arendt, Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Herausgegeben und mit einem Essay von Roland Beiner. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz, München 1995.</p>
<p><a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a> Troubadours, Trouvères, Ministrels – Studio der frühen Musik Thomas Binkley, Teldec 4509-97938-2, 2 CDs mit Textheft, CD 2 Nr. 5; im Stil der antiautoritären Volkslied-Rezeption der 1970er Jahre: Ougenweide, Liederbuch, Polydor 837 162-2, 1 CD mit Textheft; Walters lyrisches Werk ist im Internet vollständig als freeware zugänglich unter: http://www.litlinks.it/ w/walther_v.htm</p>
<p><a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a>   Wahrscheinlich um das Jahr 1205; auf das Jahr 1206 wird der Sängerkrieg auf der Wartburg in Eisenach datiert (wenn er datiert wird), der nicht nur Richard Wagner zu seinem Tannhäuser, sondern neuerdings auch Franz Hodjak zu einer fulminanten Roman-Parabel auf das Verhältnis von Kunst und Macht inspiriert hat: Franz Hodjak, Der Sängerstreit, Frankfurt 2000.</p>
<p><a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a>   Auch der junge Goethe scheint einen skeptischen, wenn nicht verächtlichen Blick auf das Gerichtspersonal gepflegt zu haben: Im <em>Götz von Berlichingen</em> vertreten den Juristenstand erst ein schmieriger Schwätzer namens Olearius (vormals Ölmann, stets zu Diensten), dann eine anfangs rachsüchtige, alsbald aber ihre Feigheit offen legende Mannschaft von Dorfrichtern und schließlich einige grundböse Dunkelmänner, die ein Femegericht abhalten. Später scheint sich der Blick geändert zu haben, wie man an dem in weiser oder einfältiger Selbstbeschränkung lebenden Gerichtsrat in dem Schauspiel <em>Die natürliche Tochter</em> sehen kann.</p>
<p><a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a>   In diesem Punkt stimmt die Volksmeinung mit derjenigen der Künstler überein, wie wir aus dem von Ludwig Bechstein überlieferten Märchen <em>Der Richter und der Teufel</em> lernen: Der reiche und boshafte Richter trifft den Teufel und zwingt ihn, mit ihm zusammen durch die Stadt zu gehen. Der Richter möchte unbedingt wissen, was die Menschen dem Teufel im Ernst geben. Es stellt sich heraus, dass dieser oder jener auf dem Markt zu einem anderen Menschen (Kind, Frau, Kollege) sagt: Scher Dich zum Teufel, dass dies aber nicht ernst gemeint ist. Ernst gemeint dagegen ist der Ausruf einer alten Frau, die den Richter als denjenigen erkennt, der ihr zu Unrecht ihre letzte Kuh genommen hat durch ein hartes Urteil: Dass sie es ernst meint mit ihrem Satz, er solle zum Teufel gehen, ist leicht erkennbar. So muss der Richter in die Hölle.</p>
<p><a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a>   Keine Regel ohne Ausnahme: Paris, der in dem berühmten Streit dreier Göttinnen (Hera, Athene und Venus – Macht, Klugheit, Liebe) um den Preis der Schönheitskönigin das Urteil sprechen muss, ist ein ausnehmend wohlgestalteter Sohn der Erde, vgl. Christoph Martin Wieland: Das Urtheil des Paris, in C.M. Wieland: Sämmtliche Werke, III, Hamburg 1984 Nachdruck der 1795 im Göschen-Verlag Leipzig erschienenen Gesamtausgabe letzter Hand.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a>   »Am vergangenen Donnerstag habe ich meine Richter gesehen. Ich will nicht behaupten, sie seien nicht schön; sie sind ganz abscheulich hässlich; und ihre Seele gleicht bestimmt ihrem Gesicht«, schreibt Charles Baudelaire am 18. August 1857 – kurz vor Beginn des Prozesses wg. <em>Les Fleurs du Mal</em> an seine damalige Geliebte, Madame Sabatier – zit. nach Charles Baudelaire, Sämtliche Werke/Briefe, hrsg. von Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1975, Bd 3 S. 25 ff,</p>
<p><a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a> »Grube und Pendel«, Frankfurt 2001; zahlreiche weitere Übersetzungen sind auf dem Markt, ferner auch mehrere Audio-Einspielungen; die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, 1913 von Alice Guy, 1961 von Roger Corman; 1990 von Stuart Gordon.</p>
<p><a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a> Ähnliche Schilderungen bei Victor Hugo, Der letzte Tage eines Verurteilten, aus dem Französischen übersetzt von W. Scheu, Zürich 1984, 2. Kapitel; Joseph Conrad, Lord Jim, aus dem Englischen übersetzt von Klaus Hoffer, Zürich 1998, 2000, Viertes Kapitel; vgl. auch das Gedicht: <em>Das Gericht</em> von Peter Huchel.</p>
<p><a href="#_ednref12" name="_edn12">[12]</a> Vgl. Herwig Görgemanns/Joachim Latacz (Hrsg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Griechisch/Deutsch, Band 1, Archaische Periode, Stuttgart 1991 (RUB), S. 207; vgl. auch Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Zweites Buch, Nr. 84: »und doch ist es für eine Wahrheit gefährlicher, wenn der Dichter ihr zustimmt, als wenn er ihr widerspricht! Denn wie Homer sagt: ›Viel ja lügen die Sänger!‹«, Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Zweites Buch. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6013, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 94) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm ].</p>
<p><a href="#_ednref13" name="_edn13">[13]</a> So sieht es z.B. Thomas Bein in Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1997 (Reclams Universal Bibliothek), S. 297 (»fiktive Spott- und Hohnattaxcke eines Kleinen gegen einen Großen«); ähnlich Claudia Brinker-von der Heyde, Die literarische Welt des Mittelalters, Darmstadt 2007, 112 f.</p>
<p><a href="#_ednref14" name="_edn14">[14]</a> Große Achtung erwarb sich der Richter Gi Gau, ein Schüler des Kung-Tse (Konfuzius): »Gi Gau war Strafrichter in We und verurteilte einen Mann zum Abhacken der Füße. Nach einiger Zeit kam es zu den Unruhen des Kuai Wai. Gi Gau wollte ihnen entgehen und ging nach dem Stadttor. Der Mann mit den abgehackten Füßen war Torhüter. Er sprach zu Gi Gau: ›Dort ist eine Lücke.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle klettert nicht über Mauern.‹ Da sprach er wieder: ›Dort ist ein Loch in der Mauer.‹ Gi Gau sprach: ›Der Edle kriecht nicht durch Löcher.‹ Da sprach jener abermals: ›Hier ist ein Haus.‹ Gi Gau trat ein. Als die Verfolger vorüber waren und Gi Gau im Begriff war weiterzugehen, da sprach er zu dem Mann mit den abgehackten Füßen: ›Ich konnte seinerzeit nicht umhin, in Ausübung der Gesetze meines Herrn selbst Euch die Füße abhacken zu lassen. Nun bin ich in Schwierigkeiten, das wäre gerade die richtige Zeit für Euch gewesen, mir Euern Groll heimzuzahlen, statt dessen habt Ihr mir dreimal durchgeholfen. Was ist der Grund davon?‹ Der Mann mit den abgehackten Füßen sprach: ›Daß mir die Füße abgehackt wurden, daran war ich selber schuld, da ließ sich nichts machen. Aber als Ihr damals mich zu richten hattet nach den Gesetzen, da suchtet Ihr nach einem Vorgang für meinen Fall, um mir die Strafe zu ersparen. Das wußte ich. Als dann der Fall erledigt war und die Strafe festgesetzt und es dazu kam, das Urteil zu verkündigen, da wart Ihr unruhig und betrübt. Als ich Eure Mienen sah, wußte ich das auch. Ihr habt wirklich nicht unrecht an mir getan. Wenn der Himmel einen Edlen hervorbringt, so legt er ihm den Weg (Tao) ins Herz; darum habe ich Euch durchgeholfen.‹   Meister Kung hörte den Vorfall und sprach: ›Trefflich, wer als Beamter das Gesetz einheitlich anwendet und doch auf Güte und Rücksicht bedacht ist, der pflanzt Gutes. Wer Härte und Strenge anwendet, der pflanzt Groll. Meister Gau verstand es, unparteiisch zu handeln.‹« [Chinesische Philosophie: Kungfutse: Gia Yü – Schulgespräche. Asiatische Philosophie – Indien und China (wie Anm. 2), S. 26706.</p>
<p><a href="#_ednref15" name="_edn15">[15]</a> Eingeräumt sei, was Friedrich Nietzsche im Dritten Buch der <em>Fröhlichen Wissenschaft</em> sagt: »Wenn Gott ein Gegenstand der Liebe werden wollte, so hätte er sich zuerst des Richtens und der Gerechtigkeit begeben müssen – ein Richter, und selbst ein gnädiger Richter, ist kein Gegenstand der Liebe.«, vgl. Friedrich Nietzsche, Werke, München o.J., Bd. 2, S. 134) (c);  http://www. digitale-bibliothek.de/band31.htm ]</p>
<p><a href="#_ednref16" name="_edn16">[16]</a> Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer, Deutsch von Lore Krüger, Zürich 1985, Vorrede des Artillerie-Kommandanten G.G., »auf Befehl des Autors«.</p>
<p><a href="#_ednref17" name="_edn17">[17]</a> Es gibt natürlich weitere Phänotypen, die hier nicht behandelt werden:</p>
<p>1.) zum Beispiel den <strong>Unbedeutenden Richter</strong>, von dem William Shakespeares Komödie <em>Maß für Maß</em>, deren Hintergrund die reichlich unübersichtlichen Verhältnisse der Wiener Kriminaljustiz bilden, ein mustergültiges Exemplar auf die Bühne bringt. Während nämlich der Gerichtsdiener Elbogen (dim-witted) nebst dem Scharfrichter Grauslich und dem Bierzapfer Pompeius Pumphos die Szene beherrscht, besteht der ganze Text des im ersten Auftritt des Zweiten Aktes erscheinenden Richters in den Worten »Elf, gnädiger Herr« und »Ich danke Euch untertänig«,  erstere Aussage als Antwort auf die Frage, wieviel Uhr es sei, die zweite als Annahme einer Einladung zum Essen durch einen Herrn vom Staatsrat.</p>
<p>2.) <strong>Der Mensch als Weltenrichter</strong> – »Es erscheint uns heute selbst zum Lachen, wenn der Mensch in Anspruch nehmen wollte, Werte zu erfinden, welche den Wert der wirklichen Welt überragen sollten – gerade davon sind wir zurückgekommen als von einer ausschweifenden Verirrung der menschlichen Eitelkeit und Unvernunft, die lange nicht als solche erkannt worden ist. Sie hat ihren letzten Ausdruck im modernen Pessimismus gehabt, einen älteren, stärkeren in der Lehre des Buddha; aber auch das Christentum enthält sie, zweifelhafter freilich und zweideutiger, aber darum nicht weniger verführerisch. Die ganze Attitüde ›Mensch gegen Welt‹, der Mensch als ›Welt-verneinendes‹ Prinzip, der Mensch als Wertmaß der Dinge, als Welten-Richter, der zuletzt das Dasein selbst auf seine Waagschalen legt und zu leicht befindet – die ungeheuerliche Abgeschmacktheit dieser Attitüde ist uns als solche zum Bewußtsein gekommen und verleidet – wir lachen schon, wenn wir ›Mensch und Welt‹ nebeneinandergestellt finden, getrennt durch die sublime Anmaßung des Wörtchens ›und‹!« Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch. Wir Furchtlosen. Friedrich Nietzsche: Werke, S. 6232; vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 211) (c) C. Hanser Verlag, http://www.digitale-bibliothek.de/band31.htm.</p>
<p>3.) <strong>Die Welt als Menschenrichterin</strong>:  Das Empfinden, die ganze Welt habe sich gegen einige Menschen verschworen, um ungerecht  Recht über sie zu sprechen, findet sich in dem während der Weberaufstände im 19. Jhdt. entstandenen anonymen Volkslied: »Die Welt, die ist jetzt ein Gericht/ noch schlimmer als die Feme./ Wo man nicht erst ein Urteil spricht,/ das Leben schnell zu nehmen. – Hier wird  der Mensch langsam gequält,/ hier ist die Folterkammer./ Es werden Seufzer viel gezählt/ als Zeugen von dem Jammer. – Die Herren Zwanziger die Henker sind,/ die Diener ihre Schergen, davon ein jeder tapfer schindt,/ anstatt was zu verbergen &#8230; Und hat auch einer noch den Mut,/ die Wahrheit herzusagen,/ dann kommt’s so weit, es kostet Blut;/ und dann will man verklagen.« Zit. nach Ernst Klusen (Hrsg.), Deutsche Lieder, Frankfurt 1980, S. 516; aus den Untersuchungsakten zum Weberaufstand: »Am Abend des 3. Juni zogen ungefähr 20 Personen bei den Gebäuden der Kaufleute Zwanziger vorbei und sangen ein Spottlied auf die genannten Kaufleute: es entstand hierdurch Lärm und der Gerichtsmann Wagner verhaftete einen der Teilnehmer&#8230;Das abgesungene Gedicht wurde ebenfalls ergriffen.« Zit. nach Klusen, ebenda, S. 842.</p>
<p>4.) <strong>Der Tod als Richter</strong>, vgl. Andreas Gryphius, 1616–1654, Auff eines vornehmen Juristen Grab-Stein.</p>
<p><em>     </em></p>
<p><em>     Der Ich durch all Gesetz vnnd alle Recht kont brechen;</em></p>
<p><em>    Dem an Verstand vnd Kunst kaum jemand gleiche war;</em></p>
<p><em>    Der Ich die Dunckelheit der sache machte klar;</em></p>
<p><em>     Hab vber mich den Todt must lassen Vrtheil sprechen/</em></p>
<p><em>     Den Todt/ an dem mich nicht mein grosse Macht könt rächen!</em></p>
<p><em>    Nichts galt mein hoher Sinn; nichts galt der Worte schar.</em></p>
<p><em>    Mein wolberedte Zung erstumbte gantz vnd gar/</em></p>
<p><em>     Als mich der scharffe Pfeil des Richters thät erstechen.</em></p>
<p><em>      Jtzt sind mein Augen zu/ dehn vor nichts mochte sein</em></p>
<p><em>     Verborgen/ vñ mich selbst verbirgt ein kurtzer Stein.</em></p>
<p><em>     Was hilfft nun daß Ich vor kondt rathen allen Sachen</em></p>
<p><em>    Daß Ich vor keinem Part noch Throne mich entsetzt/</em></p>
<p><em>    Daß mir kein Handel je ward allzuschwer geschätzt/</em></p>
<p><em>     Da ich nicht möcht den Streit des Todes richtig machen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>    </em> (Gryphius: Sonette. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 40908; Gryphius-GA Bd. 1, S. 15–16).</p>
<p><em>    </em> 5.) <strong>Der bescheidene Richter.</strong> Während uns in der Literatur häufiger Richter gezeigt werden, deren Beschränktheit gerade durch das Auftrumpfende ihres Benehmens hervortritt, hat Johann Wolfgang von Goethe den selteneren Gegentypus in dem Gerichtsrat geschaffen, der eine Retter-Rolle in dem Schauspiel <em>Die natürliche Tochter</em> zu übernehmen hat (s. u.). Dieser Richter kennt seine Grenzen und überschreitet sie nicht, seine Geisteshaltung schillert zwischen Weisheit, Bescheidenheit, Kleingeistigkeit und Feigheit:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>In abgeschloßnen Kreisen lenken wir,</em></p>
<p><em>    Gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe</em></p>
<p><em>Des Lebens wiederkehrend Schwebende.</em></p>
<p><em>    Was droben sich in ungemeßnen Räumen</em></p>
<p><em>    Gewaltig seltsam hin und her bewegt,</em></p>
<p><em>    Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,</em></p>
<p><em>    Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl</em></p>
<p><em>    Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Vgl. Goethe-HA Bd. 5, S. 272-273;</p>
<p>6.)<strong> Der Richter als Künstler</strong> – dass es auch diese Spielart gibt, trat durch ein Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf ins Bewusstsein des öffentlichen Diskurses, in dem festgehalten wurde dass der Juror des Spruchkörpers, der bei dem Fernsehsender RTL für Deutschland den Superstar sucht, ein Künstler im Sinne der Versicherungspflicht bei der Künstlersozialkasse ist: Dieter Bohlen ist Richter und Künstler in einem, (dpa-Meldung vom 12. November 2007;</p>
<p>7.) José Ortega y Gasset hat den in seinen Augen verabscheuungswürdigen  Typus des »zufriedenen jungen Mannes« beschrieben (Der Aufstand der Massen, Stuttgart 1963) – dementsprechend kann auch <strong>Der zufriedene Richter </strong>besichtigt werden, und gar nicht selten. Bei leichtem Übergewicht und leicht übertriebener Gesichtsglätte trägt sein Lächeln eine leicht übertriebene Aufgeräumtheit zur Schau, wie sie jene Schüler empfinden, die genau wissen, dass sie den Anforderungen des Lehrers entsprechen; leider lauert hinter diesem Stolz auf den eigenen von Harm- und Phantasielosigkeit genährten Gehorsam  die Bereitschaft, jeden, der seinen Ranzen oder sein Gesicht nicht so gut aufgeräumt hat, unter dem Tisch gegen die Schienbeine zu treten, ohne dass es jemand merkt. Einen solchen grundzufriedenen, von Makkaroni mit Ketchup träumenden Richter beschreibt Jürgen K. Hultenreich in seinem Roman <em>Die Schillergruft</em>, Berlin 2001, S. 186 ff.</p>
<p>8.)<strong> Der in Zorn ausbrechende Richter. </strong>Den Beruf des Richters kann nur ausüben, wer Geduld hat. Man muss sich jede Menge Lügen anhören und dazu ein unbewegtes Gesicht machen. Man muss jede Menge Streitwerte festsetzen und damit den Rechtsanwälten, die man für chronisch überbezahlt, fachlich  überschätzt und moralisch zumindest überfordert  halt, das Heu in die Scheune schieben. Man muss als Instanzrichter jede Menge von den Obergerichten entwickelter Rechtssätze anwenden und damit seinen geborenen Feinden, nämlich den Oberrichtern, die man für chronisch überbezahlt und chronisch unterbelichtet halt, huldigen. Bei so bewandten Sachen ist es nur menschlich,  dass man sich gelegentlich Luft macht.  Wenn die eigene Familie sich nicht als Opfer zur Verfügung stellt und die Geschäftstellenverwalterin krank ist, kann es geschehen, dass der ansonsten so geduldige Herr Kammervorsitzende einem verdutzten Anwalt oder einer Partei sowas von hanebüchen die Leviten liest wie es der Richter Wool in der Satire <em>What is a judge?</em> des gelernten Rechtsanwalts und langjährigen Unterhausabgeordneten Alan Patrick Herbert (1890–1972) tut, indem er den Anwalt unvermittelt als alten Schwätzer anredet und seine Mandantin als blonde Kuh. In Wahrheit handelte es sich um eine Schauspielerin, die nach Vertrag für jede Drehwoche 5000 Pfund erhalten sollte und die an sich auf fünf Wochen angesetzte Drehzeit auf 15 Wochen ausgedehnt hatte, indem sie sich weigerte eine vorgesehene Bade-Szene zu spielen, so lange das Wasser im Pool nicht auf mindestens 24 Grad geheizt war (vgl. A. P. Herbert, Clear Facts, Muddled Laws – Alles was Recht ist, dtv-zweisprachig, übersetzt von Richard Frenzl, München 1989).</p>
<p>9.) <strong>Der Verbrecher als Richter </strong>tritt uns in Alfred Hitchcocks Spielfilm <em>Jamaika Inn</em> aus dem Jahre 1939 entgegen. Dass ser Richter und Staatsanwälte nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit ansah, sondern im Großen und Ganzen als zynische, kalte,  skrupellose und egoistische Heuchler, kann man auch in anderen Werken Hitchcocks feststellen. In <em>Jamaika Inn</em> ist der Richter aber nicht nur eine moralisch fragwürdige Gestalt und ein seinem Amt nicht gewachsener Mensch, sondern der Anführer einer Räuberbande, vgl. Andreas Grube, Gerichtsszenen bei Alfred Hitchcock, NJW 2007, 631 ff. 10.)<strong> Der zynische Richter </strong>begegnet dem Leser bei Louis-Ferdinand Céline (1894–1961) in dem Roman <em>Reise ans Ende der Nacht</em>, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2003, Seite 198-208: Er trägt den Namen Grappa und ist Kolonial-Leutnant in dem kleinen Ort Topo im Kongo. Ihm zur Seite steht der Sergeant Alcide, der seinerseits eine Truppe von 12 einheimischen  Milizionären befehligt. Grappe, »dessen Leib gewaltig war, eine Strafe, mit kurzen, purpurroten, schauderhaften Händen. Händen, die nie irgendwas begreifen würden. Abgesehen davon versuchte Leutnant Grappe auch gar nichts zu begreifen«,  hält jeden Donnerstag Gericht und versucht dieser von ihm als lasting empfundenen Pflicht dadurch enthoben zu warden, dass er absurde und grausame Urteile spricht. Gleichgültig, was ihm vorgetragen wird von Parteien und Zeugen, stets greift er willkürlich einen derv or ihm Erschienen heraus und lässt ihn aufs Blut auspeitschen. Sonderbarerweise hält  dieses Verfahren die einheimischen Rechtssuchenden nicht davon ab, immer wieder vor dem Richter Recht zu suchen;  einer tritt sogar freiwillig zum Empfang der Peitschenhiebe an. Grappa, der zur Metapher eines boshaften Gottes taugt,  sitzt derweil in einem knirschenden Rohrsessel und raucht Zigarren: »Ah! Wenn die nur wüssten, wie scheißegal mir denen ihre Zänkereien sind, dann würden die in ihrem Dschungel bleiben und mir nicht hier mit ihrem Blödsinn auf die Nerven gehen! &#8230; Erzähle ich denen etwa die ganze Zeit von meinen Angelegenheiten? Obwohl, so langsam möchte ich fast glauben, denen gefällt meine Rechtsprechung irgendwie, diesen Mistkerlen! Seit zwei Jahren versuch ich jetzt, ihnen den Spaß zu verleiden, aber sie kommen jeden Donnerstag wieder &#8230; Glauben Sies mir oder nicht,  junger Mann, das sind fast immer dieselben, die da kommen! &#8230; Pervers müssen die sein, oder was!«</p>
<p>11.) <strong> Der Richter als Mitglied des Spruchkörpers </strong>unterliegt, wie jeder Richter weiß, der einmal einer Kammer oder einem Senat angehört hat, einer besonderen Seinsweise, die man als perennierende, weil strukturelle narzistische Kränkung bezeichnen kann. Weder das Haupt dieses delikaten, ja prekären corpus iuris noch seine Glieder können je, wie sie eigentlich wollen, weshalb keiner von ihnen sich zu wollen traut,  was er im Grunde zu können wünscht, so dass, was sie als Kollegium tun, oft keiner gewollt hat, weshalb sie, zur Vermeidung dauerhaften und gesundheitsschädlichen Zwists,  sich gegen den Rest der Welt umso inständiger verschwören. Wehe dem, der da nicht mittut!  Ein Beispiel dafür finden wir in der Geschichte von Sir Oblong-Fitz-Oblong, dem kleinen dicken Ritter: Er erhält vom Herzog den Auftrag auf den Bollingru-Inseln für Ordnung zu sorgen. Deren Bewohner werden ausgeplündert von Baron Bollingru, der sich der Mithilfe des Ritters Schwarzherz bedient.  Ein Mittel der Ausplünderung besteht darin, dass Bolingru und Schwarzherz, die einander im Grunde verachten, gemeinsam zu Gericht sitzen und eklatant ungerechte Urteile zu eigenem Nutz und Frommen fällen. Sir Oblong, wie weiland Don Quijote fahrender Ritter in höherem Auftrag, gelingt es, als drittes Mitglied in den Spruchkörper gewählt zu werden. Sofort entsteht Streit um den Zeitpunkt des Sitzungsbeginns, um die Kleiderordnung (Robe oder nicht) und um Befangenheitsprobleme. Oblong muss erkennen, dass seine beiden Kollegen, von denen der eine während der Verhandlung ungeniert schnarcht, zu unparteiischer Amtsausübung nicht überredet werden können,  sondern ihm und den Parteien unter Berufung auf die Bolingrusche Prozessordnung und das dort verankerte Mehrheitsprinzip rüdest übers Maul fahren. Das Recht hat erst dann wieder eine Chance, als es Oblong gelingt, einen vierten Richter ins Kollegium zu bringen: Nun müssen, damit überhaupt entschieden werden kann, Sachargumente sprechen. Die Augsburger Puppenkiste hat vor fast einem halben Jahrhundert aus dem Kinderbuch <em>Der kleine dicke Ritter</em>  (Süddeutsche Zeitung, München 2005) von Robert Oxton Bolt (1924–1995) ein hübsches Puppenspiel gemacht (DVD, Schwarz-Weiß, Augsburger Puppenkiste, Oehmichens Marionetten Theater, hr MEDIA, Katalog-Nr. 280042)</p>
<p>12.)<strong> Der Richter als Terrorist </strong>ist eine Gestalt, die uns vielleicht nur in den Medien und in der politischen Propaganda begegnet, vielleicht aber auch tatsächlich existiert: In Somalia hatten nach einer seit 1991 herrschenden Anarchie die <strong>Scharia-Richter</strong> begonnen, etwas Ordnung zu schaffen. Nach Auffassung der Amerikaner war diese Ordnung nicht akzeptabel, sie sah wohl für westliche Maßstäbe unangemessene Verbote vor, wie beispielsweise für das Anschauen von Fuißballspielen im Fernsehen. 2006 marschiertedie äthiopische Armee ein. Die Richter flohen und lassen nun Milizen gegen die äthiopische Besatzung kämpfen. Das Erscheinungsbild dieses Richtertyps ist  soldatisch, vgl. FAZ 27. September 2008, Nr. 227, Seite 4. Einen Scharia-Richter gibt es inzwischen wohl auch in Berlin, er heißt Hassan Allouche, und sein Bild erinnert an einen wohlgenährten Freiheitskämpfer in Freizeitkleidung, allerdingsarbeitet er bei einem Autohändler in Berlin,  trägt eine schusssichere Weste; er vermittelt zwischen rivalisierenden Clans. Ein terroristischer Richter ist in der Vorstellung des Angelus Silesius oddenbar auch Jesus Christus, wenn er das Jüngste Gericht hält:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Das Urteil ist bald abgefaßt,</em></p>
<p><em>      Er sprichts mit eignem Munde,</em></p>
<p><em>      Er sprichts, daß auch das Blut erblaßt</em></p>
<p><em>      In ihres Herzens Grunde:</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;</em></p>
<p><em>      Geht hin und weichet weg von mir,</em></p>
<p><em>      Ihr Grundvermaledeiten,</em></p>
<p><em>      Geht hin, trollt euch von meiner Tür,</em></p>
<p><em>      Bleibt weg zu ewgen Zeiten.</em></p>
<p><em>      Geht hin ins Feur, ins ewge Feur,</em></p>
<p><em>      In Schlund der grundten Höllen</em></p>
<p><em>      Mit Beelzebub, dem Ungeheur,</em></p>
<p><em>      Und seinen Rottgesellen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;</em></p>
<p><em>     Da fallen sie mit großem Schrein,</em></p>
<p><em>      Mit Prasseln und mit Krachen</em></p>
<p><em>      Wie Klötze in den Schlund hinein</em></p>
<p><em>      Und in der Höllen Rachen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>[Angelus Silesius: Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 3660 (vgl. Angelus-SW Bd. 3, S. 245-246) http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]</p>
<p>13.) <strong>Das Volk als Richter </strong>ist vermutlich das Schlimmste, was einem Rechtsuchenden begegnen  kann. »Wir haben ein Gesetz/ Und nach dem Gesetz/Muss er sterben!« antwortet das Volk dem Pontius Pilatus in der Johannes-Passion.</p>
<p>14.)<strong> Der Sitzer </strong>und sieben weitere Richtertypen sind von dem Wiener Rechtsanwalt und Essayisten Walther Rode (1876–1934) in seinem Buch <em>Knöpfe und Vögel – Lesebuch für Angeklagte</em> (Edition Memoria, Hürth bei Köln und Wien 2000, herausgegeben von Thomas B. Schumann) trefflich beschrieben worden. Die Richter sieht er als einen asketischen, am Ufer des Daseins misstrauisch hockenden Menschenschlag, dem die sitzende Lebensweise von Gott vorgeschrieben ist – so Anton Kuh im Vorwort –: »Die breiten Gesäße beherrschen die Welt.«</p>
<p><a href="#_ednref18" name="_edn18">[18]</a> Einzelheiten siehe bei: Reinhard Staats, Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Darmstadt 1996.</p>
<p><a href="#_ednref19" name="_edn19">[19]</a> got ist selber recht. dar umme ist im recht lip, schrieb Eike von Repgow</p>
<p><a href="#_ednref20" name="_edn20">[20]</a> Nach ältester chinesischer Tradition stehen die Funktionen in Staat und Gesellschaft in einer festen Verbindung zu den Jahreszeiten, die ihrerseits Vertreter der kosmischen Ordnung sind. Diese Ordnung darf nicht verletzt werden, wenn das biologische Leben der Einzelnen und das Leben der Gemeinschaft, ja sogar das Wetter nicht verwirrt werden soll. Wenn der Himmelssohn nicht bestimmte Handlungen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten verrichtet, so kann es geschehen, dass der Kosmos damit antwortet, dass auch er bestimmte von ihm erwartete und regelmäßig erbrachte Leistungen verweigert: Sonne und Wind zu bekömmlichen Zeiten zu schicken usf. Die Zeit des Richtens ist der Herbst, was nahe liegt, denn das Richten hat zweifellos etwas von einer Abrechnung und von der Ernte und der Verteilung derselben. »Der Meister des Gerichtswesens (Sï-Kou) hat das Amt des Herbstes, indem er öffentliche und private Prozesse hört, die Unordnungen und Widersetzlichkeiten des Volkes in Ordnung bringt und die Waage hält, um das Volk nach der Mitte hin zu ändern. Alle Unbotmäßigkeit des Volkes entspringt aus untätiger Sicherheit.« Chinesische Philosophie: Li Gi – Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 25315 – Li Gi, S. 100; http://www.digitale-bibliothek.de/ band94.htm ].</p>
<p><a href="#_ednref21" name="_edn21">[21]</a> Nach Platon, Kritias, 119 c ff. hatte das vorgeschichtliche Atlantis (zehntausend Jahre vor der klassischen Zeit Athens) seine Gesetze von Poseidon empfangen; es war auf eine Erzsäule geschrieben, die im  Poseidon-Tempel inmitten der Insel stand. Hier, im Tempel, richteten die zehn Könige von Atlantis, nachdem sie gemeinsam einen der im Heiligtum frei herumlaufenden Stiere mit Knüppeln nund Fäusten gejagt, getötet und sein Blut auf das Gesetz hatten spritzen lassen, nächtens in schönen blauen Roben unter dem Beistand des Gottes und des Weines., vgl. Platon, Werke, hrsg. v. Günther Eigler, bearb. von Klaus Widdra, Griech. u. Deutsch, Bd 7, Darmstadt 2005, S. 249,</p>
<p><a href="#_ednref22" name="_edn22">[22]</a> Kulturübergreifend ist allerdings auch die Vorstellung, dass, im Falle einer vollkommen gerechten Einrichtung des Lebens, wie sie im Goldenen Zeitalter, im Paradies, im Nirwana  oder im Endstadium des Kommunismus anzutreffen war oder sein wird, weder für Gesetze noch für Richter Platz ist: Ovid, Metamorphosen, I, 89-93:</p>
<p><em>Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,</em></p>
<p><em>           sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.    </em></p>
<p><em>           poena metusque aberant, nec verba minantia fixo</em></p>
<p><em>           aere legebantur, nec supplex turba timebat</em></p>
<p><em>           iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti.</em></p>
<p><a href="#_ednref23" name="_edn23">[23]</a> In einer 2007 erschienenen Erzählung klagt Hiob gegen Gott, ein schwieriges Unterfangen, da auch in diesem Prozess Richter auch wieder Gott ist. Interessanter wäre es vielleicht gewesen, den Teufel auf die Richterbank zu setzen, Ludwig Lütkehaus, Das nie erreichte Ende der Welt, Frankfurt am Main 2007.</p>
<p><a href="#_ednref24" name="_edn24">[24]</a> Ein sehr berühmter, selbstbewusster und stets mit streng zurückgekämmtem Haar, Nackentolle, geschliffenen Worten und gefährlichem Blick durch eine gefährlich funkelnde Brille auftretender spanischer Richter und Medien-Star ist seine Exzellenz Baltasar Garzón, Ermittlungsrichter am Tribunal Supremo, der im Juli 2006 durch Einstweilige Verfügung einer Rock-Band aus Benicassím untersagen ließ, weiterhin unter dem Namen »Garzón« aufzutreten. Die Gruppe folgte dem Gerichtsbefehl umgehend und verkündete auf ihrer Website www.superjuez.com: »Es handelt sich um ein schreckliches Missverständnis. Als wir uns diesen Namen gaben, hatten wir nur eine Absicht: Wir wollten unserer Ehrerbietung gegenüber einem der Großen unserer Zeit Ausdruck verleihen, einem Mann, der den zu Unrecht aus der Mode gekommenen Tugenden der Gelassenheit und &#8230; Bescheidenheit endlich wieder Geltung verschafft &#8230; Unsere Absicht war, den größten Richter Spaniens zu ehren &#8230;«. Die Gruppe änderte ihren Namen aufgrund der Einstweiligen Verfügung in »Grande-Marlaska«, womit sie den Namen eines ebenfalls am tribunal supremo tätigen Kollegen von Garzón wählte, ohne dass dieser Kollege sich dagegen gewehrt hätte, EL PAIS, sábado 22 de julio de 2006, S. 40.</p>
<p><a href="#_ednref25" name="_edn25">[25]</a> Dass irrationale Kräfte auch in der heutigen Rechtskultur wirken, zeigt Uwe Volkmann (FAZ 16. März 2007, Nr. 64/2007, S. 9: »Einst versammelte sich das Volk um die Schamanen und die Altäre, um sich in der Vertreibung der bösen Geister zumindest kurzzeitig als stark und geeint zu erfahren. Heute versammelt sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die ohne gesicherte Wahrheit auskommen muss und deren Mitglieder einander fremd geworden sind, um das Recht – das symbolische Recht.« Ein schönes Beispiel für solche Debatten um Gesetze, deren Wirkung auf die Lebensverhältnisse sehr überschaubar ist, war der erbittert geführte Streit in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung um die durch § 14 Abs. 3 TzBfG im Jahre 2002 geschaffene Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen mit Menschen ab 52 Jahren. Während die einen eine massenweise Entrechtung älterer Arbeitnehmer fürchteten, glaubte der Gesetzgeber ein Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit älterer Menschen gefunden zu haben. In Wahrheit waren weniger als 1500 Arbeitnehmer von der Regelung überhaupt betroffen, also weniger als 0,01 vH der Erwerbstätigen. Der einzige allerdings Aufsehen erregende Prozess um die Norm war nach Auskunft aller Fachkundigen getürkt.</p>
<p><a href="#_ednref26" name="_edn26">[26]</a> Mit Nicole Kidman und Tom Cruise, DVD 2001, ASIN: B00005ML1O,</p>
<p><a href="#_ednref27" name="_edn27">[27]</a> Arthur Schnitzler (hrsg. Peter Bekes), Traumnovelle, Textausgabe mit Materialien, Braunschweig 2003</p>
<p><a href="#_ednref28" name="_edn28">[28]</a> <em>Les francs-juges – die Femerichter</em> lautet der Titel eines vielgespielten Orchesterstücks (op. 3) von Hector Berlioz – London Classical Players unter d. Ltg. v. Roger Norrington, virgin veritas 7243 5 61379 2 9, der eine Oper mit diesem Titel (<em>Les francs-juges</em>) geplant hatte, in der ein Chor der Femerichter auftreten sollte: Der Text seines Librettisten und Freundes Humbert Ferrand lautete wie folgt:</p>
<p><em> »Wir, die Rächer der himmlischen Gesetze</em></p>
<p><em>     Wir, deren Schicksalsarm das Verbrechen besiegt.</em></p>
<p><em>     Wir zerschmettern, zerschmettern Euer Opfer;</em></p>
<p><em>     Wir verschließen unsere Herzen dem Mitleid.</em></p>
<p><em>     Wir genießen die Schreie des Bluts und der Erde!</em></p>
<p><em>     Unsere Augen sind erleuchtet von einer inneren Flamme!</em></p>
<p><em>     Wir ermüden nicht, wir zerschmettern das Opfer!</em></p>
<p><em>     Dass man an unseren Schrecken glaubt, zerschmettern wir!«</em></p>
<p><a href="#_ednref29" name="_edn29">[29]</a> Zu Gericht über Menschen saßen die griechischen Götter freilich nicht. Dazu hätten sie gerecht sein müssen, was ihnen fernlag und nach Ansicht des griechischen Tragödienschreibers Euripides auch nichts genutzt hätte, weil sie mit dem Übermaß an Schuld, das sich die Menschen aufladen, nicht ferig geworden wären: »Auch nicht der ganze Himmel wäre groß genug,/ Der Menschen Sünden, wenn sie Zeus dort schriebe auf,/ Zu fassen, noch auch er, zu überschauen sie / Und jedem seine Strafe zuzuteilen. Nein! / Die Strafe ist schon hier, wenn Ihr nur sehen wollt!«, zit. nach  Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt 1986, S. 18.</p>
<p><a href="#_ednref30" name="_edn30">[30]</a> Für die Griechen war das Wesen des Göttlichen nicht notwendig mit der Gerechtigkeit verbunden, dafür trieben die Olympier nach der communis opinio des ebenso kommunen Athener Stadtbürgers zu viel göttliches Unwesen. In Platons <em>Staat</em> vertritt Thrasymachos die Auffassung, jeder, auch der gerechte Mann, werde, vorausgesetzt, er könne sich unsichtbar machen wie Gyges mit dem Ring, Frau und Gut und Leben seines Nachbarn nicht unangetastet lassen, er werde sich eben genau so (ungerecht) benehmen wie es die Götter auf Erden zu halten pflegten: »Wenn es nun zwei solcher Ringe gäbe und den einen der Gerechte sich ansteckte, den andern der Ungerechte, so wäre, wie mir scheint, wohl keiner von so eherner Festigkeit, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und es über sich gewänne, fremden Gutes sich zu enthalten und es nicht zu berühren, trotzdem daß er ohne Scheu sogar vorn Markte weg nehmen dürfte, was er wollte, und in die Häuser hineingehen und beiwohnen, wem er wollte, und morden und aus dem Gefängnis befreien, wen er wollte, und überhaupt handeln wie ein Gott unter den Menschen.« Platon, Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 49-50; http://www.digitale-bibliothek.de/ band2.htm.</p>
<p><a href="#_ednref31" name="_edn31">[31]</a> Es sind drei an der Zahl: Eirene (Frieden), Eunomia (Ordnung) und Dike (Gerechtigkeit)</p>
<p><a href="#_ednref32" name="_edn32">[32]</a> »Es schweigt mir jegliche Natur/ Beim Ticktack von Gesetz und Uhr«, Friedrich Nietzsche,  Die fröhliche Wissenschaft,  Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 67299, vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 28), http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm.</p>
<p><a href="#_ednref33" name="_edn33">[33]</a> Bayerisches Staatsorchester u. d. Ltg. v. Robert Heger, mit Anneliese Rothenberger, Brigitte Fassbaender, Nicolai Gedda, Hermann Prey ua, EMI-Classics, 7243 5 66364 2, 2 CDs mit Textbuch.</p>
<p><a href="#_ednref34" name="_edn34">[34]</a> Peter Tosh, Honorary Citizen, Columbia/Legacy, C3K 65064-65066, 7464-65064-2, 3 CDs mit Textbuch.</p>
<p><a href="#_ednref35" name="_edn35">[35]</a> Walter Leisner, Das letzte Wort – Der Richter späte Gewalt, 1. Auflage, Berlin 2003.</p>
<p><a href="#_ednref36" name="_edn36">[36]</a> Notabene: Nicht immer ist es feine Gesellschaft, die vor Gericht steht. Gottfried August Bürger (Lenore, str. 25 fg): »am hochgericht / tanzt um des rades spindel / halb sichtbarlich bei mondenlicht / ein luftiges gesindel.«</p>
<p><a href="#_ednref37" name="_edn37">[37]</a> The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard.)</p>
<p><a href="#_ednref38" name="_edn38">[38]</a> Alle Texte aller Gilbert&amp;Sullivan-Opern (u.v.a.m.) findet man in »The Gilbert &amp; Sullivan-Archive« unter math.boisestate.edu/gas/ im Internet.</p>
<p><a href="#_ednref39" name="_edn39">[39]</a> Bamberger Symphoniker unter d. Ltg. v. Hans Gierster, mit Dietrich Fischer-Dieskau, Ingeborg Hallstein, Fritz Wunderlich u.a., Deutsche Grammophon 471-139-2, 1 CD.</p>
<p><a href="#_ednref40" name="_edn40">[40]</a> The Monteverdi Choir, English Baroque Solist unter d. Ltg. v. John Eliot Gardiner  mit Caroly Watkinson, Barbara Hendricks u.a. Philips 421 612-2, 2 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref41" name="_edn41">[41]</a> Vgl. Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, mit einem Nachwort von Karl Löwith, Stuttgart 1969, 13. Kapitel: Die Allmacht des Gemüts oder das Geheimnis des Gebets.</p>
<p><a href="#_ednref42" name="_edn42">[42]</a> Mehrere Kantaten Bachs haben die Angst vor Gottes Gericht zum Thema: »Ein unbarmherziges Gerichte/ wird über dich gewiss ergehn!« K 89/3. »Ich armer Mensch, ich armer Sünder/ steh hier vor Gottes Angesicht, / ach Gott, ach Gott, verfahr gelinder / und geh nicht mit mir ins Gericht« K 179/6 &#8230; »Bei Warten ist Gefahr, / willt Du die Zeit verlieren, / der Gott, der ehmals gnädig war, / kann leichtlich dich vor seinen Richtstuhl führen« K 102/6. Vgl. Lucia Hasselböck, Bach-Textlexikon, Kassel 2004, S. 85, Stichwort »Gericht«.</p>
<p><a href="#_ednref43" name="_edn43">[43]</a> Eine märchenhaft-komische Übersteigerung des Angstmotivs findet sich auch im Kirke-Kapitel (Kapitel 15) des <em>Ulysses</em>, in dem Leopold Bloom zunächst vor einem steinbärtigen Kriminalrichter erscheinen muss und sich anschließend selbst zum Richter ausruft, vgl. James Joyce, <em>Ulysses</em>, Roman, übersetzt von Hans Wollschläger, kommentierte Ausgabe Frankfurt 2004.</p>
<p><a href="#_ednref44" name="_edn44">[44]</a> Aristophanes, Sämtliche Komödien, übertragen von Ludwig Seeger, Einleitung von Otto Weinreich, Zürich 1968, S. 191 ff.</p>
<p><a href="#_ednref45" name="_edn45">[45]</a> Der Richter und sein Henker, Zürich 2002; auch die übrigen Auseinandersetzungen Dürrenmatts mit dem Thema weisen eine hohe Tiefenschärfe auf: Justiz, Roman, Zürich 1998; Die Panne, Erzählung, Zürich 1995; Der Verdacht, Kriminalroman, Zürich 2002.</p>
<p><a href="#_ednref46" name="_edn46">[46]</a> Dieser gewalttätige Hintergrund des Urteilens geht auch im metaphorischen Gebrauch nicht verloren. Christoph Martin Wieland (1733–1813) schrieb an Johann Heinrich Merck, den er als Rezensenten des Teutschen Merkur bei Laune halten wollte: »Ihr löbliches Vorhaben, sich künftig im Merkur aufs Loben zu legen i.e. uns Freunde mit dem ungerechten Mammon zu machen, hat … meinen großen Beyfall. Aber dann und wann eine Execution … ist höchst nöthig, weil I. das Publicum von Zeit zu Zeit gerne jemand hängen oder Köpfen sieht; secundo, weil wir uns dadurch im Besitz unserer hohen Gerichtsbarkeit erhalten. Und eben darum müssten solche Executionen selten … aber wenn sie geschehen, desto feyerlicher und exemplarischer seyn.« An Merck, 31. Mai 1776, Wieland, Briefe, Bd 5, S. 510.</p>
<p><a href="#_ednref47" name="_edn47">[47]</a> An diese Tatsache erinnert auch der Umstand, dass im sagenhaften Atlantis der Gerichtstag, der in diesem Falle eine Gerichts<em>nacht</em> war, mit einem ziemlich grausamen und blutigen Opferritual begann: Stierblut mussten die Richter eigenhändig auf das Gesetz spritzen, vgl. Platon, <em>Kritias</em>, 119 c, zit. Nach Platon, Werke, Griech.-Deutsch, herausgegeben von Günter Eigler, Darmstadt 2005, S. 249, 250.</p>
<p><a href="#_ednref48" name="_edn48">[48]</a> Das Verhältnis zwischen Gesetz und Unrecht ist vielschichtig, manchmal bringt das Gesetz die Sünde erst hervor: »Die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz«, Paulus 1 Kor. 15, 56.</p>
<p><a href="#_ednref49" name="_edn49">[49]</a> London Symphony Chorus/London Symphony Orchestra unter d. Ltg. v. Richard Hickox mit Simon Keenlyside, Philip Langridge, John Tomlinson u.a., Chandos 9826 (3), 3 CDs mit Textheft; als Video-DVD: English National Opera Chorus/English National Opera Orchestra unter d. Ltg. v. David Atherton, mit Thomas Allen, Philip Langridge, Richard van Allen u.a., Arthaus Musik 100 278.</p>
<p><a href="#_ednref50" name="_edn50">[50]</a> Hermann Melville, Vortoppmann Billy Budd und andere ausgewählte Erzählungen, Leipzig 1984.</p>
<p><a href="#_ednref51" name="_edn51">[51]</a> Christoph Martin Wieland schrieb in einer Anmerkung zu Johannes Daniel Falks satirischem Epos: <em>Die Helden</em>: »Freilich trat hier einer von unseren unseligen Kollisionsfällen ein, wo das größte Recht in einem anderen Sinne großes Unrecht ist.« Vgl. Johannes Daniel Falk, Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel, Lustspiele, Gedichte, Publizistik, hrsg. Paul Saupe, Berlin 1988, S. 661.</p>
<p><a href="#_ednref52" name="_edn52">[52]</a> Von den Schrecken des alltäglichen Wirkens dieses Mannes findet sich ein beeindruckender Bericht bei Rudolf Predeek, Die rote Robe, Düsseldorf 1949: Der Düsseldorfer Unternehmer (Mineralwasser), Karnevalspräsident und Angehörige des Honoratiorenvereins <em>Düsseldorfer Jonges</em> Leo Statz (1898–1943) hatte den Wunsch eines Angestellten nach Gehaltserhöhung zurückgewiesen und war von diesem Angestellten daraufhin wegen einer defaitistischen Äußerung über die Kriegsaussichten Deutschlands denunziert worden – eine Frühform des whistle-blowing. Da Statz sich schon häufiger widerspenstig gegenüber der NSDAP gezeigt hatte, beschloss man an ihm ein Exempel zu statuieren. Über die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter Freislers Vorsitz schreibt Predeek (aaO., S. 82 ff. ) u. a.: »Freisler hatte eine durchtrieben wirkungsvolle Verhandlungsmethode. Sachlich und ruhig begann er zu sprechen. Fast erreichte er es, dass er Zutrauen erweckte, um sich dann plötzlich mit umso überraschenderer Wendung unversehens auf sein Opfer stürzen zu können. Er … genoss seine Stunden in selbstgefälligen Zügen, ein judex diabolicus, dem nichts heilig war, weder das Recht, das er nicht anerkannte, noch das Volk, das er betrog, noch der Unschuldige, den er verfolgte.« Statz, tiefgläubiger Katholik, wurde von Freisler im Gerichtssaal dem Spott der Zuschauer preisgegeben, insbesondere das relativ hohe Einkommen des Unternehmers gab Freisler Gelegenheit, den Neid der Zuhörer gegen Statz aufzustacheln. Statz wurde zum Tode verurteilt und am 1. November 1943 gegen 16.00 hingerichtet. Vgl. auch Helmut Moll, In den Fängen des Nationalsozialismus, Düsseldorfer Jahrbuch, Bd. 68, Düsseldorf 1997, S. 194–202; von Statz, der viele Karnevalslieder schrieb (u.a. 1938 in Anspielung auf Mussolini: »Sei doch einmal nett zu mir. Alles, alles schenk ich Dir, sei nicht zaghaft-zimperlich: Duze, Duze, Duze mich!«, das verboten wurde, woraufhin Statz als Motto des Karnevalszuges 1939 die Parole »Verboten – erlaubt« ausgab), erschien posthum ein Band mit kleinen humoristischen Erzählungen: Der Sillbund, Drei Eulen Verlag, Düsseldorf 1946.</p>
<p><a href="#_ednref53" name="_edn53">[53]</a> Wie eine späte und seltsam angestaubt daherkommende Auswirkung dieser bequemen Klischeevorstellung kam es mir vor, als, Zeitungsberichten zufolge, Anfang 2006 der Journalist Hendryk M. Broder nach einem verlorenen Prozess erklärte, »die Erben der Firma Freisler« seien wieder einmal am Werk gewesen. Es wird nun gegen Broder wegen Beleidigung ermittelt, womit Gelegenheit zu weiterer Verbreitung des sicher im Alterszorn gesprochenen Unfugs bestehen dürfte, vgl. DIE WELT, 6. Februar 2006, S. 11.</p>
<p><a href="#_ednref54" name="_edn54">[54]</a> Es scheint nicht sehr viele Richter im Dritten Reich gegeben zu haben, die anders dachten als die damalige Regierung und den Mut hatten, dies auszusprechen. Einer von diesen nicht sehr vielen war Lothar Kreyssig (30.10.1898 Flöha (Sachsen) – 5.7.1986 Bergisch Gladbach), der sich als Amtsrichter in Brandenburg (Havel) gegen die Tötung ihm als Amtsvormund anvertrauter behinderter Menschen wehrte. Als ihm der Justizminister Gürtner einen handgeschriebenen Führerbefehl vorlegte, erklärte er, ein Führerbefehl schaffe kein Recht und wurde in den Ruhestand versetzt und zwar unter Zahlung der gesetzlichen Versorgungsbezüge. Später war Kreyssig ua Präses der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und rief als Vizepräsident Ost des Deutschen Evangelischen Kirchentages im April 1958 die »Aktion Sühnezeichen« ins Leben, vgl. Wolf Kahl, Lothar Kreyssig – Amtsrichter im Widerstand und Prophet der Versöhnung, DRiZ 2008, 299.</p>
<p><a href="#_ednref55" name="_edn55">[55]</a> Frankfurt 2005; als Audiocassette in der Hörspielbearbeitung von 1965 für den Hessischen Rundfunk von Hermann Naber unter der Regie von Peter Schulze-Rohr mit Fritz Strassner, Herbert Fleischmann, Hanne Hiob u.a., Der Hörverlag, ISBN 3-89584-112-9;</p>
<p><a href="#_ednref56" name="_edn56">[56]</a> Jacobus de Voragine, Legenda aurea, aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 13. Auflage, Gütersloh 1999.</p>
<p><a href="#_ednref57" name="_edn57">[57]</a> Ein Beispiel ist der <em>Richter Paschasius</em>, vor den die heilige Lucia von ihrem Ehemann gezogen wird, weil die ihr Geld an die Armen verschwendet. Paschasius will sie zwingen, den römischen Göttern zu opfern. Er verurteilt sie, als Hure in einem Freudenhaus zu arbeiten. Aber 1000 Knechte und sogar Ochsen vermögen nicht, sie dorthin zu  zu bringen. Daraufhin lässt Paschaius, der später selbst hingerichtet wurde, sie erst mit Urin übergießen und ihr anschließend mit einem Schwert die Kehle durchbohren, vgl. Jacobus de Voragine, ebd., S. 27–29.</p>
<p><a href="#_ednref58" name="_edn58">[58]</a> Die Freigabe zur Prostitution war eine gegen Frauen häufiger angewandte Strafe und sexuell geprägter Sadismus bei Richtern offenbar keine Seltenheit:, vgl. Anne Jensen, Gottes selbstbewusste Töchter – Frauenemanzipation im frühen Christentum? Berlin, Hamburg, Münster 2003, S. 185 ff.</p>
<p><a href="#_ednref59" name="_edn59">[59]</a> Les Arts Florissants unter d. v. William Christie mit Daniel Taylor, Richard Croft u.a., Erato B0000A1M7P, 3 Cds.</p>
<p><a href="#_ednref60" name="_edn60">[60]</a> Umberto Eco: Der Name der Rose, Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1982; als Video-DVD unter der Regie von Jean-Jacques Annaud mit Sean Connery, F.Murray Abraham u.a., Warner Brothers/ Constantin, 3447695.</p>
<p><a href="#_ednref61" name="_edn61">[61]</a> Nicolas Aubin, Geschichte der Teufel von Loudun oder der Besessenheit der Ursulinen und von der Verdammung und Bestrafung von Urbain Grandier, Pfarrer derselben Stadt, aus dem Französischen übertragen von Dieter Walter, 2. Auflage Berlin 1981.</p>
<p><a href="#_ednref62" name="_edn62">[62]</a> Aldous Huxley, Die Teufel von Loudun, dtv, München 1985.</p>
<p><a href="#_ednref63" name="_edn63">[63]</a> Chor und Orchester der Hamburger Staatsoper unter d. Ltg. v. Marek Janowski, mit Tatiana Troyanos,  Cvetka Ahlin, Hans Sotin  u.a. Philips B00000133P, 2 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref64" name="_edn64">[64]</a> Allen neuen Freunden des alten Irrtums, Folter sei ein geeignetes Mittel zur Verbrechensbekämpfung, sei das Studium des Falls Urbain Grandier empfohlen.</p>
<p><a href="#_ednref65" name="_edn65">[65]</a> Albert Camus, Der Fall, Roman, Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref66" name="_edn66">[66]</a> Der Erfolg der Sendungen mit Fernsehrichtern ist offenkundig umgekehrt proportional dem rechtlichen und tatsächlichen Gehalt der verhandelten Fälle; der Mangel an Einblicken in Recht und Leben wird allerdings kompensiert durch einen reichen Überfluss an Einblicken in die tief ausgeschnittenen Dekolletees von Zeuginnen und Angeklagten, vgl. dazu Melanie Amann: »Das Urteil lautet«, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7. Juni 2009, Nr. 23/2009, S. 12.</p>
<p><a href="#_ednref67" name="_edn67">[67]</a> Pedro Calderón de la Barca, Dramatische Werke, die Höhepunkte seines Schaffens, Wien 1979, S. 19 ff.</p>
<p><a href="#_ednref68" name="_edn68">[68]</a> DEFA-Verfilmung von 1956 unter der Regie von Martin Hellberg mit Hans-Joachim Büttner, Gudrun Schmidt-Ahrends, Rolf Ludwig u.a., als Video bei Icestorm Entertainment, 10095; nicht nur den DDR-Oberen, auch den Nationalsozialisten passte der Typ Richter, der sich nicht viel um Gesetze schert: am 8. Januar 1937 wurde der Richter von Zalamea in einer Nachdichtung durch Wilhelm von Scholz am Schillertheater in Berlin uraufgeführt.</p>
<p><a href="#_ednref69" name="_edn69">[69]</a> Ulrich Wickert, Der Richter aus Paris, Eine fast wahre Geschichte, Hamburg 2003.</p>
<p><a href="#_ednref70" name="_edn70">[70]</a> Ulrich Wickert, Die Wüstenkönigin, Der Richter in Angola, Hamburg 2005.</p>
<p><a href="#_ednref71" name="_edn71">[71]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, edition Suhrkamp Nr. 31, Frankfurt 1963; vgl. auch: Hanns Ernst Jäger, Bertolt Brecht – Songs, Gedichte, Prosa, 3 Lieder aus dem Kaukasischen Kreidekreis, Pläne Archiv Nr. 89003, CD.</p>
<p><a href="#_ednref72" name="_edn72">[72]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff.</p>
<p><a href="#_ednref73" name="_edn73">[73]</a> Rolf Hochhuth, Unbefleckte Empfängnis, Ein Kreidekreis, Reinbek b. Hamburg 1988.</p>
<p><a href="#_ednref74" name="_edn74">[74]</a> Morris, Lucky-Luke, Bd. 31: »Der Richter«, o. J.</p>
<p><a href="#_ednref75" name="_edn75">[75]</a> Vgl. zum Bild des Amtsrichters: Karl Kroeschell, Der Amtmann, Zur Kulturgeschichte eines Juristenberufs, 2002, im Internet unter http://www. rewi.hu-berlin.de/online/fhi/articles/0210kroeschell/=210kroeschell.htm zitiert nach Weber, Festschrift für Adomeit, 809 ff. (824).</p>
<p><a href="#_ednref76" name="_edn76">[76]</a> Christoph Martin Wieland, Geschichte der Abderiten, Reclam Ditzingen, 1986.</p>
<p><a href="#_ednref77" name="_edn77">[77]</a>  Rundfunkchor Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Karl Anton Rickenbacher mit Sir Peter Ustinov (Erzähler), Andreas Kohn, Eberhard Büchner u.a.: »Des Esels Schatten«, Der unbekannte Richard Strauss, Koch-Schwann 3-1792-2, CD mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref78" name="_edn78">[78]</a> Philippides ist im Grunde ein versonnener, ja bei aller Empfindung für die Amtsmühen noch sonniger Charakter; ein Gegenstück ist der Amtmann von Lenzbach im <em>Prinz Rosa-Stramin</em> von Ernst Koch (* 1808 Singlis an der Schwalm, <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.0.3/72x72/271d.png" alt="✝" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> 1858 Luxembourg), den die tausend Glockenstimmen Gottes nicht zum Besuch der Sonntagsmesse verführen können, weil er sich als selbstquälerischer naturblinder und aktengläubiger Pedant  lieber mit Appelations-Extrajudizial- und Hämorrhoidalbeschwerden abarbeitet, vgl. Hermann Weber, Kurhessischer Obergerichtsreferendarius, Fremdenlegionär und Professor in Luxemburg, Ernst Koch – Ein Dichterjurist im Vormärz.</p>
<p><a href="#_ednref79" name="_edn79">[79]</a> Ein musikalisch und schriftstellerisch begabter Richter ist der Vorsitzende Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Wolfgang Neukirchner gewesen, der ua den Text des Schlagers <em>Es gibt kein Bier auf Hawaii</em> für Paul Kuhn schrieb, unter dem Pseudonym »Josua Röckelein«:</p>
<p><em>     Es gibt kein Bier auf Hawaii, </em></p>
<p><em>     es gibt kein Bier. </em></p>
<p><em>     Drum fahr ich nicht nach Hawaii, </em></p>
<p><em>     drum bleib ich hier. </em></p>
<p><em>     Es ist so heiss auf Hawaii, </em></p>
<p><em>     kein kühler Fleck,            </em></p>
<p><em>     und nur von Hula Hula </em></p>
<p><em>     geht der Durst nicht weg.</em></p>
<p>Als »Adolf von Klebsattel« verdiente er wahrscheinlich das meiste Geld, denn unter diesem Namen schrieb er die Texte zahlreicher Schlager des blonden Sängers Heino, z. B. »Blau, blau, blau blüht der Enzian.«, vgl. www.zeit.de/1993/16/Der-geistige-Vater-von-Heino.</p>
<p><a href="#_ednref80" name="_edn80">[80]</a> Dass der Richter gerade lieber etwas anderes täte als sein Urteil schreiben, zeigt Anton Pawlowitsch Tschechow  (29. Januar 1860 greg. in Taganrog, Russland – 15. Juli 1904 greg in Badenweiler) in der Humoreske <em>Die Sirene</em>, in der ein Gerichtspräsident nach der Sitzung des Gerichts versucht, sein Votum zu Papier zu bringen: Vergeblich, weil sein Sekretär Shilin »ein kleines Männchen mit Bartansätzen bei den Ohren und süßem Gesichtsausdruck« ununterbrochen und in den schönsten Ausmalungen vom bevorstehenden Essen spricht.</p>
<p><a href="#_ednref81" name="_edn81">[81]</a> In Antonio Machados (1875–1939) Gedicht <em>Un criminal</em> (<em>Soledades</em> CVIII) klingt etwas von der unnachgiebigen, ja unerbittlichen  Härte gerade der ehrenamtlichen Richter an, die aus dem gutem Einvernehmen mit der  Härte des Wetters, des Schicksals und des gesunden Volksempfindens zusätzlich Kraft gewinnt</p>
<p><em> Un Criminal – Ein Verbrecher</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Der Angeklagte fahl und glattrasiert</em></p>
<p><em>     In seinen Augen ist viel dunkle Glut,</em></p>
<p><em>     die seine Knabenmaske lügen straft</em></p>
<p><em>     und die Gebärden frommer Mäßigung.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Vom düstern Priesterseminar hat er die Mine</em></p>
<p><em>     der Bescheidenheit und auch den tief </em></p>
<p><em>     zur Erde oder ins Brevier gesenkten Blick behalten.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Verehrer Mariens,</em></p>
<p><em>     der Mutter der Sünder,</em></p>
<p><em>     in Burgos Examen in Theologie,</em></p>
<p><em>     bereit für die niederen Weihen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Grausam war sein Verbrechen. Er war eines Tages</em></p>
<p><em>     satt aller göttlichen wie die profanen Texte,</em></p>
<p><em>     und es reute ihn alle die Zeit, </em></p>
<p><em>     vertan mit lateinischen Hyperbatons.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Plötzlich verliebt in ein schönes Mädchen</em></p>
<p><em>     und die Liebe steigt ihm zu Kopf</em></p>
<p><em>     wie der goldene Rebensaft</em></p>
<p><em>     und weckt seine wilde Natur.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     In Träumen sieht er die Eltern – Landarbeiter</em></p>
<p><em>     und Pächter – beleuchtet</em></p>
<p><em>     von roten Reflexen am Herd</em></p>
<p><em>     die gebräunten Landmannsgesichter.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Er wollte erben. Oh Nüsse und Kirschen</em></p>
<p><em>     des Bauerngartens, schattig und grün,</em></p>
<p><em>     Ähren vom Golde des Weizens,</em></p>
<p><em>     überquellende Kornkammern.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Und entsann sich der Axt, die hing </em></p>
<p><em>     an der Mauer, glänzend, geschliffen,</em></p>
<p><em>     der starken Axt die das Brennholz hieb</em></p>
<p><em>     von den Ästen der Eiche. </em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     &#8230;  </em></p>
<p><em>     Ihm gegenüber die Richter in alten</em></p>
<p><em>     vertrauerten Roben;</em></p>
<p><em>     und eine Reihe aus düsteren Brauenfalten</em></p>
<p><em>     plebejisches Antlitz: die Schöffen.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Der Verteidiger im Plädoyer,</em></p>
<p><em>     schlägt mit der Faust auf das Pult;</em></p>
<p><em>     ein Schreiber bekritzelt Papier,</em></p>
<p><em>     und der Staatsanwalt hört ohne Rührung</em></p>
<p><em>     die sonore emphatische Rede, </em></p>
<p><em>     durchblättert die Akten</em></p>
<p><em>     oder liebkost mit den Fingerspitzen</em></p>
<p><em>     die sauberen Gläser der Goldrandbrille.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>     Ein Saaldiener sagt: »Den knüpfen sie auf, das ist sicher.« </em></p>
<p><em>     Der junge Rabe erwartet Milde.</em></p>
<p><em>     Einer aus dem Dorf, Galgenvogel, hilft der strengen </em></p>
<p><em>     Gerechtigkeit, das Böse auszumerzen. </em></p>
<p><a href="#_ednref82" name="_edn82">[82]</a> Oskar Jellinek, Hankas Hochzeit, Novellen und Erzählungen, hrsg. von Wulf Kirsten, Berlin 1980.</p>
<p><a href="#_ednref83" name="_edn83">[83]</a> Eines der vielen modernen Beispiele ist der Richter Daniel Savage in: Tim Parks, Doppelleben, Roman, aus dem Englischen von Michael Schulte, München 2003.</p>
<p><a href="#_ednref84" name="_edn84">[84]</a> Deutsches Symphonieorchester Berlin unter d. Ltg. v. Gerd Albrecht mit Roland Hermann, Claudia Barainsky, Johann Werner Prein u.a., Der zerbrochene Krug, Orfeo C 419 981 A, CD mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref85" name="_edn85">[85]</a> Miguel de Cervantes Saavedra, Don Quixote von La Mancha, Zürich 1992, Zweiter Teil, 42. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref86" name="_edn86">[86]</a> »Mentele scolen se uppe den sculderen hebben« heißt es im Sachsenspiegel, Drittes Buch, Art. 69 § 1; vgl. Sachsenspiegel oder Sächsisches Landrecht mit Übersetzung und reichhaltigem Repertorium von Dr. Carl Robert Sachse, Heidelberg 1848, reprint o.J., Reprint-Verlag, Leipzig.</p>
<p><a href="#_ednref87" name="_edn87">[87]</a> Niemand muss Sorge haben, das irgendwie überlebt wirkende Kleidungsproblem würde eines Tages verschwinden oder auch nur die Kraft verlieren, den ernstesten Streit zu verursachen. Es handelt sich um eine anthropologische Konstante, vgl. den Bericht von Melanie Amann: Nicht ohne den Langbinder – Zwei Rechtsanwälte kämpfen gegen die Krawattenpflicht vor Gericht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 22. Januar 2009, Nr. 18, S. 9: Ein Amtsrichter verbannte im Oktober 2008 den Rechtsanwalt Säftel durch Beschluss aus dem Gerichtssaal: »Rechtsanwalt Säftel trägt keinen Langbinder.« Rechtsanwalt Säftel fand, Anzug und Lederschuhe müssten reichen, eine Krawatte habe er gar nicht und außerdem sei er immer noch stilvoller gekleidet als der Richter in Jesuslatschen und weißen Socken.</p>
<p><a href="#_ednref88" name="_edn88">[88]</a> Jules Verne, Le tour du monde en 80 jours, Librairie Générale Francaise, Paris 2000, 15. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref89" name="_edn89">[89]</a> Bertolt Brecht, Der Kaukasische Kreidekreis, in: Stücke II, Berlin und Weimar 1973, S. 463 ff.</p>
<p><a href="#_ednref90" name="_edn90">[90]</a> Dass die Bekleidung den Beruf macht, gilt nicht allgemein: <em>Cucullus non facit monachum! </em>sagt der Narr in der 5. Szene des Ersten Aktes von Shakespeares Was Îhr Wollt und fügt hinzu: <em>Das will soviel sagen wie: Mein Gehirn ist nicht so buntscheckig wie mein Rock! – </em>Vielleicht kommt es beim Narren und beim Mönch wirklich mehr  darauf an, dass sie es richtig in sich haben als, wie bei Richtern, dass sie das Rechte richtig an sich tragen.</p>
<p><a href="#_ednref91" name="_edn91">[91]</a> Eines der vielen literarischen Beispiele für diesen schlichten Befund haben wir in der Ballade <em>Die Hexe</em> von Felix Dahn (1834–1912), der nicht nur Dichter (ua von Balladen) war, sondern auch Professor für Rechtsgeschichte, der sich mit »Studien zur Geschichte der germanischen Gottesurteile« habilitiert hatte:</p>
<p><em>„Wenn du ein Hexlein richten soll&#8217;t, blick&#8216; nicht ihr in die Augen,<br />
</em><em>Sonst wird dein töricht Herz ihr hold, kann nicht zum Richten taugen.<br />
</em><em>Das hat den Burggraf von Tirol geführt in Tod und Schande:<br />
</em><em>Der war ein junger Ritter wohl und Richter in dem Lande.<br />
</em><em>Zu Bozen an dem schwarzen Stein, da saßen Schöffen elfe: –<br />
</em><em>›Die Hexe muß verbronnen sein‹ – sprach er – so Gott mir helfe.«</em></p>
<p>Als der Burggraf und Richter der als Hexe angeklagten Frau dann doch in die »nachtsüßen« Augen sieht, will er von einer Verurteilung nichts mehr wissen. Aber die Schöffen stoßen die Hexe ins Wasser. Der Richter springt ihr nach: Beide ertrinken, zit nach Dahn: Balladen. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 18119; vgl. Dahn-GW Bd. 5, S. 356; http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm.</p>
<p><a href="#_ednref92" name="_edn92">[92]</a> Paulus, Römerbrief, 2,1.</p>
<p><a href="#_ednref93" name="_edn93">[93]</a> Meister Franz Rabelais der Arzenei Doctoren Gargantua und Pantagruel, Aus dem Französischen verdeutscht durch Gottlob Regis, München 1964. Drittes Buch, 39. Kap.</p>
<p><a href="#_ednref94" name="_edn94">[94]</a> Siehe oben.</p>
<p><a href="#_ednref95" name="_edn95">[95]</a> Chor der Staatsoper Dresden/Staatskapelle Dresden unter d. Ltg. v. Otmar Suitner mit Hermann Prey, Anneliese Rothenberger, Peter Schreier u.a., Die Hochzeit des Figaro, Deutsch von Hermann Levi, Berlin Classics 0020962, 3 CDs mit Textheft.</p>
<p><a href="#_ednref96" name="_edn96">[96]</a> Die ganze Geschichte ist dokumentiert in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 1504 ff.</p>
<p><a href="#_ednref97" name="_edn97">[97]</a> Vgl. Beaumarchais, Mémoires contre Goezman, in Beaumarchais, Oeuvres, hersg. von Pierre Larthomas und Jacqueline Larthomas, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1998, S. 673 ff.; die Mémoires erschienen in ganz Europa, Goethe entnahm ihnen den Stoff und weite Teile des Textes für sein Jugenddrama Clavigo; vgl. zu allem auch: Schmitz-Scholemann, Figaros Rache, Deutschlandfunk 2003.</p>
<p><a href="#_ednref98" name="_edn98">[98]</a> Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, La folle journée ou Le Mariage de Figaro, Texte integrale, Paris 1998.</p>
<p><a href="#_ednref99" name="_edn99">[99]</a> Meine Übersetzung erlaubt sich einige Freiheiten, für eine worttreue Übersetzung siehe: Beaumarchais, Figaros Hochzeit, Deutsch von Gerda Scheffel, Frankfurt a. M. 1976.</p>
<p><a href="#_ednref100" name="_edn100">[100]</a> Auf Video-DVD: »Is’ was, Doc?«, Regie und Story Peter Bogdanovich, Screenplay Buck Henry, David Newman u. Robert Benton, mit Barbra Streisand und Ryan O’Neill, Warner Brothers 104195.</p>
<p><a href="#_ednref101" name="_edn101">[101]</a> Albert Camus, Der Fall, Roman, aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref102" name="_edn102">[102]</a> Übrigens dürfte es kaum ein literarisches Genre geben, in dem so wenig über Gerechtigkeit geschrieben wird, wie die juristische Fachliteratur.</p>
<p><a href="#_ednref103" name="_edn103">[103]</a> Franz Kafka, Der Prozeß, Roman, Frankfurt am Main, Hamburg 1960.</p>
<p><a href="#_ednref104" name="_edn104">[104]</a> Eine interessante Deutung des Romans als einer Art Prophetie der immer mehr in strukturelle Aporien führenden Überkomplexität  des materiellen Rechts und des Verfahrensrechts am Beginn des 21. Jahrhunderts hat  jetzt Klaus Lüderssen  mit seinem Essay »Die düstere Poesie des Paradoxen im Recht« vorgelegt (FAZ, 11. Februar 2006, S. 45).</p>
<p><a href="#_ednref105" name="_edn105">[105]</a> <em>Der Prozeß</em> wurde 1963 von Orson Welles verfilmt mit Anthony Perkins, Jeanne Moreau und Romy Schneider und ist als DVD (»Le procès«) bei studiocanal EDV 29 – 302 175-3 (leider nur in Frankreich) erschienen.</p>
<p><a href="#_ednref106" name="_edn106">[106]</a> Herbert Rosendorfer, Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht, dtv, München 1998.</p>
<p><a href="#_ednref107" name="_edn107">[107]</a> Nur einer sei genannt: <em>Das Urteil</em> nach dem Roman von John Grisham unter der Regie von Gary Fleder mit Gene Hackman, John Cusack und Dustin Hofman, DVD: 20th Century Fox/Regency F2-SDE 2426708.</p>
<p><a href="#_ednref108" name="_edn108">[108]</a> Seit 2007 gibt es auch ein Court-room-Computerspiel. Es heißt »Pheonix Wright, Ace Attorney: Justice for all« und läuft auf Nintendo DS (von Capcom).</p>
<p><a href="#_ednref109" name="_edn109">[109]</a> William Gaddis, Letzte Instanz, Roman, Deutsch von Nikolaus Stingl, 2. Auflage, Reinbek 2003.</p>
<p><a href="#_ednref110" name="_edn110">[110]</a> Sehr beeindruckend der alte Spencer Tracy in dem 1961 gedrehten Film <em>Das Urteil von Nürnberg</em> unter der Regie von Stanley Kramer mit Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Montgomery Clift, Marlene Dietrich u.a., als DVD bei Metro-Goldwyn-Mayer 10003317 MZ5.</p>
<p><a href="#_ednref111" name="_edn111">[111]</a> Angesichts der besonderen Bedeutung der Richterpersönlichkeit im Case-Law-System ist es nicht erstaunlich, dass die anglo-amerikanische Kultur in besonderem Maße vorbildgebende Richterpersönlichkeiten hervorbringt, im echten Leben wie in der lebendigen Fiktion, vgl.nur Blumenwitz, Einführung in das anglo-amerikanische Recht, 7. Auflage, München 2003, S. 11–62.</p>
<p><a href="#_ednref112" name="_edn112">[112]</a> Vgl. Fikentscher, Methoden des Rechts in vergleichender Darstellung, Bd II, Anglo-Amerikanischer Rechtskreis,, 1975, S. 151 ff.; ders. Rechtswissenschaft und Demokratie bei Justice Oliver Wendell Holmes, 1970; Radbruch SJZ 1946, 25; Frankfurter, Mr. Justice Holmes and The Supreme Court 1961.</p>
<p><a href="#_ednref113" name="_edn113">[113]</a> 1839–1914, Begründer des sog. »amerikanischen Pragmatismus«, vgl. Charles Sanders Peirce, Vorlesungen über Pragmatismus, mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Elisabeth Walther, Hamburg 1991.</p>
<p><a href="#_ednref114" name="_edn114">[114]</a> Dass hinter dieser Haltung Seelenarbeit steckt, zeigt das Privatleben eines pensionierten englischen Richters, geschildert von Charles Morgan, Der Richter, Roman, übertragen von Herberth E. Herlitschka, Frankfurt am Main und Hamburg 1957.</p>
<p><a href="#_ednref115" name="_edn115">[115]</a> The D’Oyly Carte Opera Company/ Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden,, unter d. Ltg. v. Bridget D’Oyly Carte, mit Ann Hood, Thomas Round, John Reed u.a., DECCA 473-665-2, 2 CDs (mit: The Yeomen Of The Guard).</p>
<p><a href="#_ednref116" name="_edn116">[116]</a> Einen Richter, der durch Liebe, oder wenigstens doch durch ein Eheangebot Gerechtigkeit herzustellen versucht, finden wir auch bei Johann Wolfgang von Goethe in dem Drama <em>Die natürliche Tochter</em>.  Der »Gerichtsrat« – einen Namen erfahren wir nicht – erklärt sich bereit, Eugenie, die uneheliche (»natürliche«) Tochter eines Herzogs vor den mörderischen Nachstellungen ihres Halbbruders und Erbkonkurrenten durch bürgerliche Ehe zu retten. Eugenie ist einverstanden, unter der Bedingung, dass die Ehe nicht vollzogen wird, Goethe, Sämtliche Werke in 18 Bänden (Artemis-Gedenkausgabe), Zürich 1977, Bd. 6, S. 315 ff., vgl. auch Karl Otto Conrady, Goethe, Leben und Werk, Ausgabe 2006, Patmos-Verlag, Düsseldorf 2006, S. 744 ff.</p>
<p><a href="#_ednref117" name="_edn117">[117]</a> Für wichtige Hinweise danke ich: Kai Agthe, Naumburg/Halle, Knut Bröhl, Erfurt/Köln, Ulrike Brune, Weimar/Erfurt; Hans Hachmann, Karlsruhe, Wulf Kirsten, Weimar, Martin Roeber, Herxheim, Hans-Joachim Strauch, Jena/Weimar, Hermann Weber, Berlin/Bad Vilbel, Hildegard Wenner, Köln, Mario Wiegand, Weimar.</p>
<p><a href="#_ednref118" name="_edn118">[118]</a> Meine Übersetzung beansprucht keine Treue gegenüber dem Original und auch sonst keinen Preis, sondern versucht lediglich den Sinngehalt auf deutsche Verhältnisse zu übertragen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe-3-2/">Im Namen der Robe</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/erinnerungen-an-hans-arnfrid-astel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Aug 2018 15:10:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Dionysios von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Lysias von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Nikomachos]]></category>
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		<category><![CDATA[Quintilian(Marcus Fabius)]]></category>
		<category><![CDATA[Sokrates]]></category>
		<category><![CDATA[Solon von Athen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://christophschmitzscholemann.de/?p=2067</guid>

					<description><![CDATA[<p>Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel * 9. Juli 1933 in München † 12. März 2018 in Trier Christoph Schmitz-Scholemann &#160; 1. Treffen im Omnibus von Großkochberg nach Rudolstadt DAS Minzwölkchen weht über die Mauer auf dem Weg zum Omnibus. &#160; Kennengelernt habe ich Arnfrid Astel im Omnibus auf der Fahrt von Großkochberg nach Rudolstadt während [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/erinnerungen-an-hans-arnfrid-astel.pdf"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1></h1>
<h1 style="text-align: left;">Erinnerungen an<br />
Hans Arnfrid Astel<br />
<span lang="DE" style="font-size: 18pt;">* 9. Juli 1933 in München † 12. März 2018 in Trier</span></h1>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann<br />
</span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h4>1. Treffen im Omnibus von Großkochberg nach Rudolstadt</h4>
<p><em>DAS Minzwölkchen<br />
</em><em>weht über die Mauer<br />
</em><em>auf dem Weg zum Omnibus.</em><span class="tooltips " style="" title="Alle in diesem Beitrag zitierten Gedichte – mit einer näher geennzeichneten Ausnahme – sind der Webseite »Hans Arnfrid Astel – Sinn- und Stilübungen – Sand am Meer« entnommen, die im Internet unter www.zikaden.de aufrufbar ist."> [1]</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kennengelernt habe ich Arnfrid Astel im Omnibus auf der Fahrt von Großkochberg nach Rudolstadt während der PEN-Tagung Anfang Mai 2012. Die schlanke Erscheinung, die gepflegte Nonchalance seiner Kleidung, die fröhlich in die Stirn fallenden blonden Haare, der Ausdruck brüderlicher Gesprächsbereitschaft in Mimik und Gestik, die zögernde Sprechweise bei stets sprungbereiter Intelligenz – das alles war mir schon bei vorausgehenden Tagungen aufgefallen, ohne dass sich ein Kontakt ergeben hätte. Arnfrid Astel war für mich vor allem ein großer Name, regelrecht ein Begriff, und zwar aus meiner Jugend in der Achtundsechzigerzeit und noch lange danach. Manche seiner Liebesgedichte kannte man auswendig, besonders eines:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>KURZES LIEBESGEDICHT</p>
<p><em>Weißt du noch,<br />
</em><em>wie wir auf dem Teppich geblieben sind?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hoch im Kurs standen natürlich auch die politisch scharfen, glasklaren Kurzgedichte, unverbrämte, antiromantische, sachliche, parteiische und doch immer mit einem überraschenden gedanklichen Dreh ausgestattete Lyrik.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>TELEFONÜBERWACHUNG</p>
<p><em>Der »Verfassungsschutz«<br />
</em><em>überwacht meine Gespräche.<br />
</em><em>Mit eigenen Ohren hört er:<br />
</em><em>Ich mißtraue einem Staat,<br />
</em><em>der mich bespitzelt.<br />
</em><em>Das kommt ihm verdächtig vor. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jedenfalls war die Luft frisch und würzig, während wir vom Schloss zum Bus gingen und schließlich nebeneinander zu sitzen kamen. Von der schönen Berg- und Tallandschaft um uns her war aufgrund fortgeschrittener Abend-Dunkelheit nicht viel zu sehen, und Arnfrid Astel begann mich auszufragen, bevor ich Zeit hatte, meiner Verlegenheit Raum zu geben. Wir plauderten munter bis Rudolstadt und danach noch weiter in einer Bierkneipe. Hier ist einiges von dem, was ich bei dieser und dann vielen weiteren Gelegenheiten über ihn erfuhr:</p>
<h4>2. Recht der Arbeit</h4>
<p>Bei Begegnungen mit Schriftstellern passiert es mir nicht oft, dass sie für meinen Beruf als Arbeitsrichter mehr als höfliches Interesse zeigen. Das war bei Arnfrid anders und es hatte folgende Bewandtnis damit: Nach seinem Studium der Biologie und der Literatur in Heidelberg und ein paar kleineren Umwegen wurde er 1967/68 Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk. Diese »Anstalt« war in jenen Tagen so fest in den Händen der – damals noch stramm konservativen – CDU, dass man sich noch nachträglich wundern muss, wie einer wie Arnfrid Astel überhaupt eingestellt werden konnte. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis der Intendant des Saarländischen Rundfunks, ein getreuer Vasall Konrad Adenauers namens Dr. Franz Mai (1939, übrigens mit einem arbeitsrechtlichen Thema, promoviert), offenbar von dem Gefühl befallen wurde,  sein Sender habe sich eine »linke Bazille« eingefangen. Gleich zweimal, im Juni und im Dezember 1971, kündigte er dem Redakteur Astel fristlos: Er habe der Presse ein internes Schreiben des Intendanten zugespielt, ohne Nebentätigkeitsgenehmigung in einem Gefängnis Gedichte vorgelesen, sich auf einer CDU-Wahlversammlung unpassend verhalten und obendrein noch ein verfassungswidriges Gedicht mit dem Titel Auto-Mobil-Machung veröffentlicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>AUTO-MOBIL-MACHUNG</p>
<p><em>Nur Lastwagen sollen vorerst eingezogen werden<br />
</em><em>bei der Mobilmachungsübung 1972,<br />
</em><em>dreihundert bis fünfhundert private Kraftfahrzeuge.<br />
</em><em>Nimmt sich da die gelegentliche Enteignung<br />
</em><em>eines BMW-Personenkraftwagens<br />
</em><em>durch die Baader-Meinhof-Gruppe<br />
</em><em>nicht vergleichsweise harmlos aus?<br />
</em><em>Wer ist nun also »Staatsfeind Nr. 1«,<br />
</em><em>Verteidigungsminister Schmidt<br />
</em><em>oder Ulrike Meinhof (bzw. Andreas Baader)?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Prozess, den Arnfrid Astel gegen die Kündigungen anstrengte, ging durch alle drei Instanzen und fand ein großes Echo in der deutschen Presse. Astel wurde berühmt. Und er obsiegte: Am 7. Dezember 1972 erklärte das damals noch in Kassel sitzende Bundesarbeitsgericht (Aktenzeichen: 2 AZR 235/72) die Kündigungen für unwirksam. Das Urteil kann man getrost als Meilenstein auf dem Weg zu einer grundrechtsbasierten Praxis der Arbeitsbeziehungen bezeichnen. Endlich war es »amtlich«, dass Arbeitnehmer nicht mehr, wie man das lange nannte, ihr Grundrecht auf Meinungsfreiheit an den Werkstoren abzugeben hatten. Astel, der zugleich mit der Übergabe der ersten Kündigung vom Schreibtisch weg durch zwei Anstalts-Mitarbeiter persönlich zum Parkplatz eskortiert worden war, kehrte alsbald nach Urteilsverkündung in das schön auf einem Berg oberhalb von Saarbrücken gelegene Funkhaus zurück, ein modern umbautes und umgebautes klassizistisches Schloss. Dort setzte er sich, wie er mir erzählte, unangemeldet in eine gerade laufende Redaktionskonferenz. Astels Vertrauen in den Rechtsstaat erfuhr durch den Prozessausgang eine so maßgebliche Stärkung, dass er bald selbst auf der Richterbank Platz nahm: Als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Saarbrücken.</p>
<h4>3. Naturtrüb</h4>
<p>Als Redakteur blieb er  beim Saarländischen Rundfunk in Amt und Würden bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1998. Im Funkhaus genoss er, vielleicht, weil sich kein Vorgesetzter mehr an ihm die Finger verbrennen wollte, alle denkbaren Freiheiten. Davon profitierte eine ganze Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, denen er in seinem Programm – wie soll man sagen? – Unterschlupf, Zuflucht, Bühne bot. Bis heute berühmt ist die von ihm entwickelte besondere Art der Präsentation in der Sendereihe <em>Literatur im Gespräch</em>. Astel, stets ohne schriftliches Konzept antretend, ließ darin literarische Größen von Heinrich Böll,  Hans Magnus Enzensberger, Wulf Kirsten bis Wilhelm Genazino zu Wort kommen. Mit Spannung verfolgt der Hörer, wie sie mit Astel reden, zögern, ja manchmal sogar, für das Radio eigentlich eine Katastrophe, sich hörbar schweigend mit ihm unterhalten. Die Sendungen wurden, wie man hörte, ungeschnitten ausgestrahlt, »naturtrüb« wie frisch gepresster Apfelsaft.</p>
<h4>4. Thüringen I</h4>
<p>Astels arbeitsrechtliche Erfahrungen waren für mich natürlich von professionellem Interesse – es gibt nicht viele Arbeitnehmer, die nach einem gewonnenen Kündigungsschutzprozess tatsächlich an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren, die meisten lassen sich abfinden. Jedenfalls brachte mich das Omnibus-Gespräch auf die Idee, Astel zu uns nach Hause einzuladen und zu bitten, nicht nur aus seinen Gedichten zu lesen, sondern auch seine Prozess-Geschichte vor einem Kreis literarischer und juristischer Freunde zu erzählen. Das geschah dann auch bald. Die Einladungskarte versahen wir mit einem der ganz kurzen Astel-Gedichte, über die man so schrecklich schön lange nachdenken kann:</p>
<p><em>Die Amsel fliegt auf.<br />
</em><em>Der Zweig winkt ihr nach.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es wurde ein intensiver Abend Anfang Dezember 2012 in unserer Weimarer Wohnung, der auch vielen meiner Freunde bis heute im Gedächtnis ist. Zumal sich zwei Gäste einfanden, die mit Arnfrid Astel schon seit einem halben Jahrhundert in Kontakt waren: Die Lyriker Wulf Kirsten aus Weimar und Siegfried Schröpfer aus Erfurt. Astel hatte noch während seines Studiums in Heidelberg eine literarische Zeitschrift gegründet, die in der Geschichte der deutschen Nachkriegsdichtung überaus einflussreichen <em>Lyrischen Hefte</em>. In ihnen veröffentlichte er hochrangige moderne Lyrik. Viele deutschsprachige Dichterinnen und Dichter, die später berühmt wurden, fanden sich hier zum ersten Mal gewürdigt und vor allem gedruckt. Einer von ihnen war Wendel Moreno, der seine Texte aus dem anderen, von der Bundesrepublik mit feindseligen Mauern und Stacheldrähten getrennten Teil Deutschlands an Arnfrid Astel geschickt hatte. Der Name »Wendel Moreno« war ein Pseudonym. Dahinter verbarg sich kein Geringerer als der Anfang der 60er Jahre noch weithin unbekannte sächsische Lyriker Wulf Kirsten, der heute in Weimar lebt. An dem Abend bei uns zu Hause gab er auch preis, dass Astel an einem seiner Gedichte ein kleines bißchen mitgeschrieben habe. Der andere Dichter war Siegfried Schröpfer aus Erfurt, den Arnfrid, warum auch immer, mit augenzwinkernder Beharrlichkeit »Landfried« nannte. Auch seine Gedichte machte Astel in den Lyrischen Heften dem westlichen Publikum zugänglich.</p>
<p>Am nächsten Abend gingen meine Frau und ich mit Astel durch Weimar spazieren. Es war eine helle, sehr milde Vollmondnacht. Wir streiften durch den Park an der Ilm, plauderten im Mondschatten unterhalb des Römischen Hauses, oberhalb der Ilmwiesen, die hier den schönen Namen »Kalte Küche« tragen, ganz nah an der kleinen künstlichen Quelle, an der auf einer Tafel das berühmte Goethe-Gedicht angebracht ist:</p>
<p><em>Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen,<br />
Gebet jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!<br />
Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,<br />
Und dem Liebenden gönnt, dass ihm begegne sein Glück.<br />
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:<br />
Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülfreich zu sein.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Astel erzählte viel an dem Abend, vor allem von seiner Kindheit in Weimar und von dem Tag, an dem diese Kindheit ihr jähes Ende fand, im Frühjahr 1945, als sein Vater sich das Leben nahm.</p>
<h4>5. Tagungen</h4>
<p>In der Zeit von 2012 bis 2017 habe ich Arnfrid Astel bei allen PEN-Tagungen gesehen, wir haben uns des öfteren in Saarbrücken und Trier und in der Eifel getroffen. Ich erinnere mich an ein gemeinsames Frühstück in Marburg, bei dem er mich auf die in der Tat überraschend bunten Lichtreflexe aufmerksam machte, die sich durch den schrägen Einfall der Frühsonne auf dem staubigen Fensterglas des zur Straße gelegenen Frühstücksraumes zeigten. Ich erinnere mich an diverse Steine, die er bei Gruppen-Spaziergängen (stets am Ende der Karawane) von der Erde aufhob und deren Besonderheiten er mir erklärte. In Marburg entwichen wir auf Arnfrids Veranlassung einer organisierten Stadtführung wegen des aufdringlich-witzigen Tonfalls der Führerin und besuchten auf eigene Faust das Schloss, wo er mir eine bestimmte Art der Herstellung von bunten Vasen erklärte. Fast immer hatte Arnfrid eine Stofftasche bei sich. In der trug er, was er auf dem Weg fand und ihn interessierte, nach Hause, einen Stein, ein Stück Holz – später dachte ich an den Hirtenjungen aus Giovanni Vergas Erzählung Jeli, il pastore: »&#8230; er wusste wie der Wind bläst, wenn er Gewitter brigt, und welche Farbe die Wolke hat, wenn es bald schneien wird. Jedes Ding hatte sein eigenes Aussehen und seine Bedeutung, und zu jeder Stunde des Tages gab es immer etwas zu sehen und zu hören &#8230; alles, was er auf dem Erdboden liegen sah, hob er auf.«</p>
<p>Ich erinnere mich auch an ein sehr langes Gespräch in Magdeburg. Wir gingen am Ufer der in der Sonne blinkenden Elbe spazieren, sprachen über familiäre Angelegenheiten beiderseits, auch über Schatten, die sich über Lebenswege legen – Astels ältester Sohn Hans hatte sich 1985 das Leben genommen; seitdem trug der Vater auch den Namen seines Sohnes und nannte sich Hans Arnfrid Astel. Und doch kamen dann Sätze, die sich mir einprägten. Er erzählte mir lange, in so zarten und dezenten und liebevollen Worten, dass mir warm ums Herz wurde, von seiner Lebensgefährtin, die ich unbedingt kennenlernen solle und sagte schließlich: »So wie ich mit ihr heute lebe, bin ich ein glücklicher Mensch, ich lebe sehr, sehr glücklich.« Am 1. November letzten Jahres bekam ich eine Mail mit Bild, auf dem Arnfrid zwischen Weinbergen in der Sonne stand und nach überstandenem Zahnarzttermin lächelte. »Inzwischen unternehmen wir schon wieder wunderbar herbstliche Spaziergänge in den Weinbergen an Saar und Mosel.«</p>
<h4>6. Thüringen II</h4>
<p>Von 2013 bis 2017 verband uns eine Zusammenarbeit, die sich auch aus der Tatsache ergab, dass Arnfrid Astel zwar in München geboren, aber mit seiner Familie schon im Jahr seiner Geburt nach Weimar gekommen war und hier bis 1945 gelebt hatte. Wulf Kirsten entdeckte 2014, als Arnfrids Elternhaus in Weimar renoviert wurde, ein Fensterblech, in das die Astelkinder in den 30er/40er Jahren – nicht unbedingt zitierfähige – Worte eingeritzt hatten, die man noch entziffern konnte. Auch in Astels Gedichten finden sich zahlreiche Spuren seiner Weimarer Kindheit, nicht nur solche, die sich auf die stark nationalsozialistische Prägung des Vaters beziehen. Man gebe auf seiner Webseite »Sand am Meer« nur das Stichwort »Weimar« ein, und man findet elf Treffer, weitere zu Erfurt, Arnstadt, Jena – und das sind nur die der algorithmisch begrenzten Intelligenz der Suchmaschine zugänglichen expliziten Erwähnungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>OSTKONTAKTE</p>
<p><em>Als mein Freund kürzlich<br />
</em><em>wieder nach Weimar fuhr,<br />
</em><em>bat ich ihn,<br />
</em><em>mir den Baum zu fotografieren,<br />
</em><em>auf dem wir als Kinder<br />
</em><em>Burgen gebaut hatten.<br />
</em><em>Er brachte mir<br />
</em><em>eine Fotografie mit,<br />
</em><em>darauf waren Kinder zu sehen,<br />
</em><em>die auf unserem Baum<br />
</em><em>eine Burg bauten.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dies Gedicht schrieb Astel in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es wurde am 13. Juni 2015 mit einem Kommentar aus meiner Feder in der größten Thüringer Tageszeitung, der Thüringer Allgemeinen gedruckt. Gedicht und Kommentar waren Teil eines Projekts des Thüringer Literaturrates, dessen Vorsitzender ich seit 2012 bin. Drei Jahre lang erschien Woche für Woche ein für Thüringen in irgendeiner Hinsicht wichtiges Gedicht. Arnfrid Astel war nicht nur mit den <em>Ostkontakten </em>beteiligt, sondern auch mit drei Kommentaren, die er uns schenkte und die man ebenfalls auf seiner Webseite nachlesen kann, zu Gedichten von Michael Buselmeier, von mir und von</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Siegfried (»Landfried«) Schröpfer:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Frage an einen Gedankeneigentümer</p>
<p><em>Du ängstlich<br />
</em><em>auf dem Eigentum<br />
</em><em>an deinen Gedanken<br />
</em><em>Bestehender, warum<br />
</em><em>behältst du<br />
</em><em>deine Gedanken<br />
</em><em>nicht für dich?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mein derzeit liebstes Astel-Gedicht mit Thüringer Grundierung ist eines, in dem kein Ortsname vorkommt, oder wenn, dann nur versteckt, nämlich in dem Wort »Balsamine«. Die »Balsamine« ist, einerseits, eine Pflanze mit Migrationshintergrund, irgendwie hat sie es unter Verletzung aller Grenzregime geschafft, sich selbst aus Indien nach Deutschland einzuschleppen. Sie ist besonders berüchtigt für ihren ungehemmten Fortpflanzungstrieb und bedient sich dabei gewisser unfairer Tricks zum Schaden der bieder-ortsfesten Pflanzen-Population, wie man bei Wikipedia nachlesen kann (»durch einen Schleudermechanismus, der schon durch Regentropfen ausgelöst werden kann, schleudern die Früchte ihre Samen bis zu sieben Meter weit weg (Saftdruckstreuer)«). Arnfrid Astel benutzt für diese lebenspendende Zauberkraft den biologischen Fachausdruck Turgor: »ein Druck von innen«.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>INDISCHES SPRINGKRAUT</p>
<p><em>Wer bügelt die Blusen<br />
</em><em>der Balsamine?<br />
</em><em>Es ist der Turgor,<br />
</em><em>ein Druck von innen,<br />
</em><em>und doch kein Busen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Andererseits, das muss noch nachgetragen werden, ist »Balsamine« auch der Name eines seit Generationen berühmten Waldgasthauses in der Nähe von Weimar, wo menschliche Hummeln bis heute jede Menge süße Speisen und angenehm betäubende Getränke zu sich nehmen können.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>WEIMAR. Einkehr im<br />
</em><em>Wirtshaus zur Balsamine.<br />
</em><em>Wie eine Hummel.</em><em> </em></p>
<p><em> </em></p>
<h4>7. Thüringen – Saarland</h4>
<p>Ende 2016 reisten zwei Thüringer Schriftsteller, Wulf Kirsten und Christian Rosenau, zu einer Lesung nach Saarbrücken ins Künstlerhaus. Organisiert hatten die Reise Jens Kirsten vom Thüringer Literaturrat und Klaus Behringer vom Saarländischen Schriftstellerverband. Arnfrid Astel, mit zwei Hickory-Nüssen in den Händen spielend, moderierte den Abend, der vom Saarländischen Rundfunk (Dank an Ralph Schock!) aufgenommen und etwas später gesendet wurde. Nach der Lesung saßen wir lange in einem italienischen Restaurant beisammen, es wurde früher Morgen und es wurden verdächtig bunte Schnäpse serviert, ehe wir die wahrhaft gastliche Stätte verließen und der 83jährige Arnfrid Astel sich von dem 82jährigen Wulf Kirsten freundschaftlichst verabschiedete. Drei Gedichte gibt es von Astel über Kirsten, eines davon ist dies:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>TANKA FÜR WULF KIRSTEN</p>
<p>zum achtzigsten Geburtstag<br />
<em>Irdene Schüsseln<br />
</em><em>aus der Erde bei Meißen<br />
</em><em>(nicht gleich Porzellan)<br />
</em><em>auszulöffeln lebenslang<br />
</em><em>die eingebrockte Suppe.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>8. Gerard Manley Hopkins</h4>
<p>Die Gespräche mit Arnfrid wurden in den letzten beiden Jahren häufiger und länger. Wenn wir über Literatur und vor allem Lyrik sprachen, war ich als fröhlicher Dilettant natürlich der – mit immer neuem Gewinn – Zuhörende. Oft empfahl Arnfrid den englischen Lyriker und Jesuiten Gerard Manley Hopkins zur Lektüre. Über kleinere Internet-Recherchen kam ich aber nicht hinaus. Als Wulf Kirsten mich am 13. März anrief und mir sagte, dass Arnfrid am Vortag in Trier plötzlich gestorben war, ergriff mich eine tiefe, ungläubige und sehr, sehr traurige Bestürzung. Es dauerte einige Wochen, bis ich mich wieder auf seine Webseite traute. Dort fand ich seinen 1963 geschriebenen großen Essay über Gerard Manley Hopkins (geb. 28. Juli 1844 in Stratford bei London; gest. 8. Juni 1889 in Dublin), über »Inkraft« und »Inbild« und die Wiederbelebung des altenglischen »Sprungrhythmus« mit dem Ziel, Gedichten eine neue Lebendigkeit zu geben. Nach der Lektüre beginne ich zu ahnen, welchen Sinn Arnfrid Astels unbeirrbar liebevoller Blick auf das Individuelle der Menschen und Dinge hatte. Für Hopkins, schreibt Astel, sei es darum gegangen, »im Individuellen und Einzelnen die höhere Form des Daseins gegenüber dem Allgemeinen« zu würdigen und zu feiern. »Alle Dinge«, so zitiert Astel ihn, »alle Dinge sind &#8230; geladen mit Liebe, sind geladen mit Gott, und wenn wir es nur verstehen, sie richtig anzurühren, sprühen sie Funken und fangen Feuer, geben Tropfen ab und fließen über, tönen und erzählen von ihm.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>9. Saarbrücken, 13. April 2018</h4>
<p>Im Januar 2018 erzählte Arnfrid, der Kultusminister des Saarlandes habe ihn angerufen und gefragt, ob er bereit sei, die Ehrenprofessur des Saarlandes anzunehmen. Arnfrid war sichtlich erfreut und sagte mit der ihm eigenen Ironie, er werde sogar persönlich an der Verleihung teilnehmen, allerdings nur »im Erlebensfall«. Dieser Fall trat nicht ein. Am 24. März 2018 erschien die Anzeige mit der Todesnachricht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit den Namen seiner Lieben. Darüber sein kleines Gedicht:</p>
<p><em>Die Amsel fliegt auf.<br />
</em><em>Der Zweig winkt ihr nach.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Ehrenprofessur des Saarlandes wurde Arnfrid Astel dennoch verliehen, posthum am 13. April 2018 im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Funkhaus Halberg des Saarländischen Rundfunks durch den Kultusminister des Saarlands, Ulrich Commercon. Die Totenrede hielt Sibylle Knauss: »Ecce poeta – Siehe, ein Dichter!« Auf den Stühlen lagen Karten mit einem Gedicht von Arnfrid Astel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>EWIG &amp; DREI TAGE</p>
<p><em>Ich war am Leben, ach, ich bin es noch.<br />
</em><em>Wenn du mich liest, dann lebe ich in dir.<br />
</em><em>Sei du der Himmel, der ich anderen war,<br />
</em><em>daß auch im Himmel du nicht untergehst,<br />
</em><em>solang die Menschheit noch am Ewigen Leben. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>   Alle in diesem Beitrag zitierten Gedichte – mit einer näher geennzeichneten Ausnahme – sind der Webseite »Hans Arnfrid Astel – Sinn- und Stilübungen – Sand am Meer« entnommen, die im Internet unter www.zikaden.de aufrufbar ist.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Völker leert die Regale</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/voelker-leert-die-regale/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Mar 2008 20:00:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feature]]></category>
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		<category><![CDATA[Bayard(Pierre)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Völker leert die Regale Sieben Gründe, keine Bücher zu lesen – und wa­rum man es manchmal trotzdem tun muss Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Sprecher: Spr. 1 (männlich, subjektiv, direkt, autorennah) Spr. 2 (männlich oder weiblich) Spr. 3 (männlich) Spr. 4: (männlich, deutsche Stimme für Pierre Bayard) O-Töne: Bettina Wiese, Fachärztin für Neurologie, Hannover Wulf Kirsten, [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/radiotexte/features/Voelker-leert-die-Regale.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Völker leert die Regale</h1>
<h3 style="text-align: left;">Sieben Gründe, keine Bücher zu lesen – und wa­rum man es manchmal trotzdem tun muss</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Sprecher:<br />
</em>Spr. 1 (männlich, subjektiv, direkt, autorennah)<br />
Spr. 2 (männlich oder weiblich)<br />
Spr. 3 (männlich)<br />
Spr. 4: (männlich, deutsche Stimme für Pierre Bayard)</p>
<p><em>O-Töne:<br />
</em>Bettina Wiese, Fachärztin für Neurologie, Hannover<br />
Wulf Kirsten, Lyriker und ehemaliger Lektor, Weimar<br />
Pierre Bayard, Professor für Literaturwissenschaften und Psychoanaly­tiker, Paris<br />
Verschiedene Stimmen und Geräusche aus Mitschnitten von Literatursen­dungen im Fernsehen<br />
Verschiedene Stimmen aus Spielfilmen und zwei Audio-CDs</p>
<p><em>Musik:<br />
</em>Einige Passagen aus: <em>Naftule und der König</em>, <em>Sinfonische Dichtung für Groß und Klein</em> (Helmut Eisel-Klezmer-Trio und Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken). Die ausgesuchten Passagen sind entweder Klarinetten-Soli oder Stücke des Klezmer-Trios (instrumental). Es handelt sich um eine witzige, pointierte und – von kleinen melancholischen Einsprengseln abgesehen – temporeiche und vergnügte Musik.<em> </em></p>
<p><em>O-Ton 1:<br />
</em>Lesen!<em> Mit Elke Heidenreich, Sendung vom 26. Oktober 2007, DVD, 3:01–3:09 (8 Sekunden)</em></p>
<p><em>Sanfte Männerstimme:<br />
</em>»Entspannende Lesemomente mit Elke Heidenreich werden Ihnen präsen­tiert von Messmer-Tee.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Eigentlich mag ich Bücher. Und dass die Leute von Messmer-Tee sich um mein Leseverhalten sorgen, ist ein lieber Zug von ihnen. Offenbar gehören sie zu den kulturtragenden Schichten, die sich in nichts so einig sind wie darin, dass der Mensch möglichst viel lesen soll. Sonderbar nur, dass das Volk davon nichts wissen will – oder warum sonst muss man es immer wieder zum Lesen ermuntern? Besonders die Jugend lässt es an Leselust fehlen, obwohl die Schüler auf Anordnung der Kultusminister inzwischen klassenweise durch die Buchmessen getrieben werden. Aber selbst bei den Buchmessen bilden sich die Menschentrauben nicht um die ar­men, leisen Poeten, sondern um Bratwurststände, Videospiele und memoi­renschreibende Sportler. Woran liegt es, dass die teuersten und raffiniertesten Lese-Kampagnen verpuffen? Sind die Jungen verdorben, die Alten schon halb gestorben und die Mittleren haben keine Zeit? Aber das war ja alles immer schon so! Ich habe einen ganz anderen Verdacht. Wenn eine offenkundig gutgemeinte Aufforderung hartnäckig unbefolgt bleibt – könnte es da nicht sein, dass die Aufforderung – ganz einfach falsch ist? Und wenn ja – sollte man sie nicht durch eine andere ersetzen?</p>
<p><em>Musik 1:<br />
</em><em>Musik aus: </em>Naftule und der König<em>, Nr. 2 (0:12–0:14), Klarinettensolo (klingt wie ein etwas höhnisches Gelächter, 3 Sekunden)</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Völker leert die Regale!</p>
<p><em>O-Ton 2:<br />
</em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Kapitel 3, 11:47–11:52 (5 Sekunden)</em></p>
<p>Don Quijotes Haushälterin (keifend):<br />
»Ihr solltet nicht immer nur ein Buch, sondern acht auf einmal aus dem Fenster werfen!«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Sieben Gründe, keine Bücher zu lesen. Und warum man es manchmal trotzdem tun muss.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Ein Feature von Christoph Schmitz-Scholemann</p>
<p><em>Musik 2:<br />
</em><em>Musik aus: </em>Naftule und der König<em>, Nr. 2 (0:19–0:23), Klarinettensolo (ähnlich wie oben 0:05 Sekunden)</em><em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Es gibt Dinge, die sind besser als ihr Ruf. Die Politik zum Beispiel oder der Regen. Sie sind unentbehrlich und nahrhaft, aber wegen ihres hässlichen Erscheinungsbildes schimpft man auf sie. Zum Ausgleich gibt es Dinge, bei denen steht es gerade umgekehrt. Ihr Ruf übertrifft bei wei­tem ihre wahren Qualitäten. Man lobt sie – und übersieht ihre schädli­chen Seiten. Wenn man in ihre Nähe kommt, muss man sich die Ohren zuhalten, so laut blasen die Posaunen und Trompeten zu ihrem Ruhm.</p>
<p><em>O-Ton 3:<br />
</em>Titel, Thesen, Temperamente<em>, Sondersendung von der Frankfurter Buchmesse 2007, DVD, 25:00–25:10 (10 Sekunden)</em><em> </em></p>
<p><em>Redakteurin Evelyn Fischer (sehr anpreisend):<br />
</em>»&#8230; Ein Lesefest der Superlative mit vielen Überraschungen und Rekor­den. Über dreihunderttausend Besucher, über siebentausend Ausstel­ler, das ist weltweit einmalig &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Eines der am häufigsten und gerade in den gebildeten Kreisen über­schätzten Dinge ist das Lesen von Büchern. Es scheint über jeden Zweifel er­haben zu sein. Man verspricht sich alles Mögliche davon: Bildung, Charak­ter, Ansehen, Kreativität, Gesundheit, Liebe, Entspannung, Glück.</p>
<p><em>O-Ton 4:<br />
</em>Lesen!<em> Mit Elke Heidenreich, Sendung vom 26. Oktober 2007, DVD, 31:18–31:20 (2 Sekunden):<br />
</em>»Sie haben heute gehört, wie glücklich lesen macht &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Und überhört die Warnungen, die gerade von denen ausgesprochen wer­den, die es am besten wissen müssten, den Schriftstellern.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das viele Lesen ist dem Denken schädlich.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Georg Christoph Lichtenberg.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Einen Roman zu schreiben, mag ein reines Vergnügen sein. Nicht ohne Schwierigkeit ist es bereits, einen Roman zu erleben. Aber einen Roman zu lesen, davor hüte ich mich, so gut es irgend geht.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Karl Kraus.</p>
<p><em>O-Ton 5:<br />
</em><em>Gottfried Benn, </em>Das Hörwerk<em>, DVD, Verlag Zweitausendeins, Nr. 1, </em>Die neue literarische Saison<em>, Rundfunkvortrag von August 1931, 0:15–0:21 (6 Sekunden):<br />
</em>»Ich habe mit Verlagsprospekten nichts zu tun. Ich lese überhaupt nicht viele literarische Bücher.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Gottfried Benn.</p>
<p><em>O-Ton 6:<br />
</em><em>Film </em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel Cervantes Saavedra, DVD 1, 3. Kapitel, 10:28–11:05 (37 Sekunden):</em></p>
<p>»Haushälterin:<br />
Lasst uns mit dem Verbrennen beginnen. Wollen wir hoffen, dass kei­ner der Hexenmeister, von denen in den Büchern die Rede ist, uns für die Vernichtung dieser fürchterlichen Schandwerke bestraft.</p>
<p>Lizentiat:<br />
Du brauchst Dich vor keinen Hexenmeistern in Büchern zu fürchten. Die Gefahr besteht viel mehr darin, dass Du an die Existenz von Hexenmeis­tern glaubst. Meister Nicolas, gib mir immer ein Buch nach dem andern, damit ich sie gründlich überprüfen kann. Vielleicht sind einige darunter, die es nicht verdient haben, auf den Scheiterhaufen gewor­fen zu werden.</p>
<p>Haushälterin:<br />
Nein, ihr dürft keines verschonen, weil sie alle schuld an seinem Zu­stand haben. Werft sie durch das Fenster in den Hof. Dort schichtet sie zu einem Scheiterhaufen und verbrennt sie.<em> </em></p>
<p>Lizentiat:<br />
Ich halte es nicht für richtig, die Bücher zu verbrennen, ohne vorher die Titel gelesen zu haben.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Miguel de Cervantes, <em>Don Quixote</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Der Anfang allen Leseübels ist dieses Schuldgefühl, das man von klein auf eingeimpft bekommt, meist mit jenem aufmunternden Tonfall, der in gesunden Herzen den Verdacht aufkeimen lässt, es handele sich letztlich doch um etwas, das irgendwie mit Kariesprophylaxe oder Darmkrebsvor­sorge zu tun haben muss.</p>
<p><em>O-Ton 7:<br />
</em>Lesen!<em> Mit Elke Heidenreich, Sendung vom 26. Oktober 2007, DVD, 32:09–32:12 (3 Sekunden)</em></p>
<p><em>Elke Heidenreich:<br />
</em>»Ich bin guter Hoffnung, dass Sie lesen!«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Immer haben wir zu wenig gelesen. Schon in der Schule ging das los. <em>Schimmelreiter</em>, <em>Das Fräulein von Scuderi</em>, <em>Unterm Rad</em>, <em>Bergkristall</em>, <em>Emilia Gallotti</em>, <em>Homo faber</em> – ich wette, von 100 Schülern lesen höchs­tens fünf den Text von vorne nach hinten durch, alle anderen pfeifen aufs Le­seglück und pfuschen. Pfuschen sich durch die Texte, hassen die Texte, hassen die Inhaltsangaben, hassen die Interpretationen. Aber natürlich wagt nie­mand den offenen Aufruhr. Niemand würde sich trauen, seinen Hass zu bekennen. Im Gegenteil, Heuchelei ist angesagt. Obwohl doch in Wirklich­keit noch nicht einmal die größten Freunde der Bücher alles gelesen haben können, was man gelesen haben müsste. Wulf Kirsten, Lyriker, lange Jahre Lektor eines großen Verlages:</p>
<p><em>O-Ton 8:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, 14:47–15:02 (15 Sekunden):<br />
</em>»Das Problem beginnt dann, wenn man in ein Gespräch verwickelt wird und es geht um ein Buch, das man unbedingt gelesen haben müsste, muss, müsste! Und das man aber nicht gelesen hat und dann mitredet und so tut, als hätte man’s gelesen, weil man sich nicht erlauben kann, es nicht zu lesen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Ich lese nie ein Buch, das ich rezensieren muss, es könnte mich zu sehr beeinflussen.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Oscar Wilde</p>
<p><em>Musik 3 (identisch mit Musik 2):<br />
</em><em>Musik aus: </em>Naftule und der König<em>, Nr. 2 (0:19–0:23), Klarinettensolo (ähn­lich wie oben 0:05 Sekunden)</em><em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>In der Literaturbeilage einer angesehenen Wochenzeitung erschien kürz­lich eine Sammelrezension. Es ging um neue Bücher über das Lesen. Der Rezensent erledigte auf einer Seite 8 Bücher mit einem Gesamtum­fang von etwa 2750 Seiten. Ein stolzes Pensum, Chapeau!</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das bisschen, was ich lese, schreib ich mir selbst.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Kurt Tucholsky</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Das originellste der besprochenen Bücher trägt den Titel: <em>Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.</em> Der Autor ist Pierre Bayard, ein französischer Literaturprofessor und Psychoanalytiker. Er schreibt, es gebe nirgendwo so viel Prahlerei wie beim Lesen und beim Sex. Recht hat er. Man werfe einen Blick in die Feuilletons vor Weihnach­ten, Ostern oder den Sommerferien. Diese elenden Umfragen: Was lesen Sie im Urlaub, Herr Kultusminister? Hauptsächlich Speisekar­ten – das wäre eine ehrliche Antwort. Aber nein, alle tun so, als würden sie ohne Unterbrechung von morgens bis abends den steinigen Acker der Dichtkunst und der Philosophie umpflügen, Krume für Krume, Stein für Stein, und dabei ständig entzückt auflachen oder weinen oder begeisterte Ausrufe von sich geben. Pierre Bayard hat eine eigene Theorie des Lesens entwickelt. Ich sprach mit ihm in einer nicht ganz schalldichten Messe­koje, umgeben vom Gesumm der Verleger, Autoren, Buchhändler, Rechte­verkäufer und Resteverramscher.</p>
<p><em>O-Ton 9:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 30:17–31:34 (1:17):<br />
</em>»Cette manière de lire c’est celle qui consiste à aller de la première ligne à la dernière ligne du livre en lisant toutes les lignes, les unes après les autres. Je n’ai rien contre cette manière de lire, je croix qu’elle est importante et il faut évidemment la connaître … et je la pratique comme tout le monde. Mais ceux qui sont familiers des livres, et nous sommes ici à la Foire de Francfort avec des professionnels des livres, nous savons bien qu’il y a aussi d’autres manières de lire, d’autres manières de rencontrer des livres. Il nous arrive par faute de temps, par manque de désire de parcourir un livre. Il nous arrive d’entendre parler d’un livre, simplement, sans l’avoir entre les mains … et pourtant d’en parler. Il nous arrive très souvent d’oublier les livres. Il nous arrive très sou­vent aussi de ne même pas savoir à propos d’un livre, si nous l’avons lu ou si nous ne l’avons pas lu. Il y a de multiples chemins de lecture, de multiples trajets individuels vis-à – vis des livres et je crois que ces chemins de lecture ne sont pas irres­pectueux du livre.«</p>
<p><em>Spr. 4 (Über den französischen Text):<br />
</em>»Die übliche Art des Lesens besteht darin, dass man den Text von der ersten bis zur letzten Zeile liest, eine Zeile nach der andern. Ich habe nichts gegen diese Methode, gelegentlich mach ich es selbst auch so. Aber wer viel mit Büchern umgeht, und wir sind ja hier auf der Buch­messe unter Profis, der weiß in Wahrheit ganz genau, dass es noch andere Arten zu lesen gibt. Manchmal haben wir keine Zeit, ein Buch ganz zu lesen oder wir haben keine Lust. Und wir reden über ein Buch, das wir noch nie in der Hand hatten. Oder wir vergessen den Inhalt eines Buchs, das wir gelesen haben oder wissen nicht mehr, ob wir es nun gelesen ha­ben oder nicht. Es gibt viele Formen der Lektüre, nicht nur dieses von der ersten bis zur letzten Zeile durchnehmen, und ich glaube, dass diese anderen Wege kei­neswegs etwas mit einem Mangel an Respekt gegenüber der Literatur zu tun haben.«</p>
<p><em>O-Ton 10:<br />
</em><em>Spielfilm </em>Stolz und Vorurteil<em>, DVD, 8:07–8:35 (28 Sekunden):</em><em><br />
</em><em>Applaus, dann</em></p>
<p>»Jane:<br />
Wie gefällt es Ihnen hier in Harfordshire, Mister Bingley?</p>
<p>Mr. Bingley:<br />
Vortrefflich.</p>
<p>Jane:<br />
Die Bibliothek auf Leatherfield soll zu einer der besten des Landes gehö­ren.</p>
<p>Mr. Bingley:<br />
Ja, das erfüllt mich mit Schuld. Ich bin nämlich kein sonderlich großer Leser. Ich ziehe die Natur vor. Aber ich meine, ich <em>kann</em> natürlich lesen. Und natürlich kann man auch in der freien Natur lesen. Versteht sich.</p>
<p>Jane:<br />
Ich wünschte ich würde mehr lesen, aber es gibt immer so viele an­dere Dinge zu tun.</p>
<p>Mr. Bingley:<br />
Ja genau das wollte ich damit sagen.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Man preist uns das Lesen an wie eine Medizin. Die vereinigte Bewusst­seinsindustrie arbeitet mit allen Mitteln, mit Blondinen, Statisti­ken, Früchtetee und dem lieben Gott.</p>
<p><em>O-Ton 10:<br />
</em>Titel, Thesen, Temperamente<em>, Sondersendung von der Frankfurter Buchmesse 2007, DVD, 25:12–25:35 (23 Sekunden):</em></p>
<p><em>Redakteurin Evelyn Fischer (wie oben, anpreisend):<br />
</em>»Und hier unsere highlights: Jede Menge Prominente. Ulrich Tukur zum Beispiel stellt sein erstes Buch vor.«<em> </em></p>
<p><em>Joschka Fischer:<br />
</em>»Am meisten hat mich verändert der Bruch Ende der Siebziger Jahre.«</p>
<p><em>Evelyn Fischer:<br />
</em>»So oder ganz anders. Zwei Sichten auf die rotgrünen Jahre.«</p>
<p><em>Philosoph:<br />
</em>»Es gibt gute Argumente für die Existenz Gottes.«</p>
<p><em>Evelyn Fischer:<br />
</em>»Mit Gott in die Charts. Der Buchmarkt und die Religion.«</p>
<p><em>Musik 4 (wie Musik 1): Klarinettensolo (wie oben), 5 Sekunden </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Bei der Buchmesse lässt sich die Wirkung der Bücher auf die Men­schen gut beobachten: Sie enthirnen die Texte auch der intelligentesten Reporterinnen, korrumpieren den Geschmack der Kritiker, bereichern die reichen Verleger, ruinieren die armen, verführen Schauspieler, Politi­ker und ihre Angehörigen zu den peinlichsten Bepinselungen der eigenen Bäuche – das dümmste Geschwätz hat die größten Lautsprecher und die Poesie verkriecht sich in die schäbigsten Kojen – wenn das so ist, und niemand kann es im Ernst bestreiten: Warum sollten Bücher ausgerech­net dem Leser gut tun? Bessert das Lesen das Leben? Ist es gesund? Bet­tina Wiese, Neurologin:<em> </em></p>
<p><em>O-Ton 11:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 37:27–37:50 (23 Sekunden):<br />
</em>»Lesen kann gesund sein, wenn es therapeutisch eingesetzt wird, da gibt’s ja die Therapierichtung der Bibliotherapie, die darauf fußt, dass Menschen durch das Lesen von bestimmten zu ihnen passenden und ausgewählten Büchern für ihr eigenes seelisches Gleichgewicht profitie­ren, in diesem Bereich ist Lesen durchaus gesund &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Also gut, es mag solche Fälle geben, wir wollen nichts bestreiten und nichts übertreiben, auch Alkohol und Nikotin haben ihre medizinischen Anwendungen, warum nicht auch das Lesen hin und wieder.</p>
<p><em>O-Ton 12:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, USB-Stick, 58:27–59:23 (0:56):<br />
</em>»Lesen findet meistens ja doch in sitzender Position und mehr oder weni­ger entspannt bei Kunstlicht statt in geschlossenen Räumen. Und diese sitzende Position als solche ist, wenn sie über längere Zeit eingenom­men wird, durchaus nicht gesundheitsfördernd, weil es einfach zu einer Erschlaffung der Zwischenwirbelmuskulatur führt und eine unge­sunde Haltung ist, die den Verschleißerscheinungen, degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule und damit auch Bandscheibenleiden Vorschub leistet, die am besten dadurch vermieden werden, dass man immer wieder in unterschiedlichen Körperhaltungen aktiv ist, Gleichge­wichtsherausforderungen meistern muss und die Rumpfmuskulatur an­spannt, also genau das, was man beim Lesen nicht macht.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Hans Blumenberg: <em>Die Lesbarkeit der Welt</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Dann wird mit einem Mal der Staub auf den Büchern sichtbar. Sie sind alt, stockfleckig, riechen moderig, sind eines vom anderen abgeschrie­ben, weil sie die Lust genommen haben, in anderem als in Büchern nachzusehen. Die Luft in den Bibliotheken ist stickig, der Über­druss, in ihr zu atmen, ein Leben zu verbringen, ist unausbleiblich. Bü­cher machen kurzsichtig und lahmärschig, ersetzen, was nicht ersetzbar ist. So entsteht aus Stickluft, Halbdunkel, Staub und Kurzsichtigkeit, aus der Unterwerfung unter die Surrogatfunktion, die Bücherwelt als Unna­tur. Und gegen Unnatur sind allemal Jugendbewegungen gerichtet. Bis dann die Natur wieder in deren Büchern steht.«</p>
<p><em>O-Ton 13:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 25:16–25:44 (0:28):<br />
</em>»Das Auge ist nicht primär fürs Lesen gemacht. Das Lesen ist etwas, das in der Entwicklungsgeschichte sehr spät kam. Die Menschen sind ja Säugetiere und Primaten, die sich draußen bewegt haben und in der Na­tur rumgeguckt haben, da Muster gelesen haben, Fährten gelesen haben und das Auge ist vor allem auf Bewegungserkennung gerichtet.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Lesen ist eine Krankheit des Rindviehs, die von den Bauern auch Studie­ren geheißen wird.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>So steht es in Grimms <em>Wörterbuch</em>. Zugegeben, es ist nicht die einzige Wortbedeutung von Lesen, die Grimm kennt. Aber wir können uns unwill­kürlich vorstellen, was die Krankheit des Lesens aus der Sicht der naturverbundenen Bauern ausmacht: Mit auf den Boden gerichtetem Blick verharrt die Kuh auf der Stelle, die Vorderhufe in den Matsch ge­stemmt, als ob sie die Regenwürmer hypnotisieren wolle. Sucht sie den Sinn des Lebens durch Betrachtung der unter ihr ausgebreiteten Seite im Buch der Natur zu ergründen? So eingeengt ist die Richtung ihres Interes­ses, dass sie nicht einmal Scheuklappen bräuchte, um von der beweg­ten Schönheit der Welt nichts mitzubekommen, nichts von den Rundungen und Ecken, kein Fünkchen von den Farben und Schattierun­gen, keine Idee von dem unablässigen Sichnähern und Sichentfernen der benachbarten Rindviecher, der Esel, der Mücken, der Vögel, der Hubschrau­ber und der Wolken. Die Bauern sind gute Beobachter.</p>
<p><em>O-Ton 14:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 27:50–28:32 (0:42):<br />
</em>»Und wenn dann dieses Muster im primären Sehzentrum angekom­men ist, also im Hinterhaupt, in der okzipitalen Sehrinde, dann wird es identifiziert als relevante Information und wird weiter geleitet in übergeord­nete Sehzentren. Beim Lesen besteht ne ganz enge Verknüp­fung zum Sprachzentrum, was im Temporallappen sitzt, also im Schläfenlap­pen, bei den Rechtshändern links im Schläfenlappen sitzt &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Wenn das alles sich so verhält, dann kann die Devise nur lauten: Scho­nen Sie Ihren Temporallappen! Lesen Sie nur das Nötigste, erbarmen Sie sich Ihrer Zwischenwirbelmuskulatur! Man kann es drehen und wenden, wie man will: Dieses ständige Bücherverschlingen ist ganz einfach schäd­lich.</p>
<p><em>Musik 5:<br />
</em>Naftule und der König<em>, Stück Nr. 7 (1:14–1:22), 9 Sekunden</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Dass der moralische Mensch durch das Lesen von Büchern gebessert würde, trifft leider auch nicht zu. Auch böse Menschen haben Bücher. Gerade die grausamsten Verbrechen der Menschheit wurden und wer­den von sehr belesenen Menschen erdacht und verteidigt. Und an lyri­schen Verfeinerungen der Kriegshetze durch humanistisch gebildete Fe­dern hat es ohnehin nie gefehlt.</p>
<p><em>O-Ton 15:<br />
</em><em>Richard Dehmel: </em>Deutschlands Fahnenlied<em>, 1915, (sehr pathetisch) rezitiert von Alexander Moissi, CD Deutschsprachige Literatur 1900–1918, 2:57–3:21 (0:24):</em></p>
<p>»Oh!<br />
Hütet die Fahne!<br />
Unsere Frauen und Mädchen winken uns nach!<br />
Herrliche Fahne!<br />
Sie winken, die Augen voll Adlerglanz.<br />
Ihr Herz kämpft mit um den blutigen Kranz!<br />
Oh! Hoch die Fahne! Ewig hoch!«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Richard Dehmel, <em>Deutschlands Fahnenlied</em> 1915</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Sehr lehrreich ist die Geschichte vom Meister Tinius, den die Bücher zum Verbrecher machten. Wer tiefer über diese Geschichte nachdenkt, dem kann nicht entgehen, dass sie nicht nur in der geographischen Mitte Deutschlands spielt, nämlich in Thüringen und Sachsen, sondern auch im Zentrum des deutschen Wesens. Der mit Selbstgerechtigkeit und Gefühls­kälte gepaarte Grübelsinn des Protagonisten verrät alles über das wilddüster brennende Herz, dessen Flammen dem deutschen Denker immer wieder das Hirn versengen. Johann Georg Tinius war Pfarrer in Poserna zwischen Halle und Leipzig, als er am 4. März 1813 verhaftet wurde. Das geschah nicht in seinem Wohnzimmer und nicht in seiner Kirche, es geschah in seiner Bibliothek. Pfarrer Tinius war ein hoch gebilde­ter Mann. Er wollte alles wissen und mit diesem Wissen wollte er auftrumpfen. Seine Sammlung umfasste an die sechzigtausend Werke. Gelehrte von Nah und Fern besuchten und bewunderten ihn. Aber seine Leidenschaft war teuer, zu teuer für das Pfarrersgehalt und das Vermö­gen seiner Frau. Als die kleinen Unterschleife aus der Gemeindekasse nicht mehr ausreichten, soll er Handelsreisende mit vergiftetem Schnupf­tabak in Tiefschlaf versetzt und dann bestohlen haben. Anfang 1813 war seine finanzielle Not so erdrückend, dass er einer alten Dame in Leipzig das Haupt trepanierte – mit einem Gerät, das dem Zuckerhammer seiner Ehefrau verteufelt ähnlich sah. Fast ein Vierteljahrhundert musste Tinius im Gefängnis sitzen. Sein geistlicher Vorgesetzter</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Wir sehen an dem schrecklichen Beispiele dieses Mannes, wie unglück­lich tief ein Mensch sinken kann, wenn er sich von einer einzigen Leidenschaft beherrschen lässt. &#8230; Durch Stolz und Eitelkeit verblendet, unterdrückte er alle Regungen des Gewissens und stürzte sich in den tiefsten Abgrund des Verderbens.«</p>
<p><em>Musik 6 (wie Musik 5)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Die Bücherfreunde schwärmen gerne vom Papier, von seinen hapti­schen Qualitäten, von seinem Geruch, von seinem Geraschel – dass sie die Bücher nicht essen, ist das reine Wunder.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Und ich nahm das Büchlein von der Hand des Engels und ver­schlang es, und es war süße in meinem Munde wie Honig, und da ichs gegessen hatte, grimmete mirs im Bauch.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>sagt der Evangelist Johannes in der geheimen Offenbarung. Übrigens: Unbeschriebenes Papier ist allemal bekömmlicher. Der wahre Mann des Geistes ist ein Freund nicht des bedruckten, sondern des leeren Blatts.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Papier, das seine Jungferschaft noch nicht verloren hat und noch mit der Farbe der Unschuld prangt, ist immer besser als gebrauchtes.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Georg Christoph Lichtenberg.</p>
<p><em>Musik 7:<br />
</em><em>Stück aus </em>Naftule und der König<em>, Nr. 7 (01:46–02:40), die höhnisch la­chende Klarinette ist hier im Orchester zu hören. Die schwungvolle Musik läuft ein paar Se­kunden allein und dann unter dem Text weiter &#8230;</em><em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Aus einer Studie zu Optimierungspotentialen beim Energieeinsatz und bei der Abfallreduzierung in der Papierindustrie:</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Die Herstellung von Papier benötigt große Mengen sowohl an thermi­scher als auch an elektrischer Energie. Die deutsche Papier­industrie ist deshalb zu einem Großabnehmer der Energieversorgungsunter­nehmen geworden. Sie stand im Jahre 1998 mit einem Fremdstrom-bedarf von über 9 Mio MWh unter allen Branchen an sechster Stelle &#8230; Der spezifische Gesamtenergieeinsatz betrug im Jahre 2005 geschätzte 2,6 Megawattstunden pro Tonne.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Macht drei Watt pro Buchseite, allein fürs Papier. – Drucken, Verpa­cken, Verschicken, Verkaufen nicht mitgerechnet – und Schreiben so­wieso nicht. Man kann den CO2-Ausstoß leicht ausrechnen. Aber anders als Rinderzüchter, Autofahrer und sonstige Umweltfrevler tun die Freunde der Bücher so, als hätten sie mit der Natur keinen Streit, ganz im Gegenteil: Sie haben ein gutes Gewissen. Besonders, wenn sie mög­lichst viele bunt gedruckte Studien über die Klimakatastrophe lesen.</p>
<p><em>Hier spätestens soll die Musik aufgehört habe</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»&#8230; Die Wälder werden immer kleiner, das Holz nimmt ab, was wollen wir anfangen? O zu der Zeit, wenn die Wälder aufhören, können wir sicherlich so lange Bücher brennen, bis wieder neue aufgewachsen sind.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Wieder Lichtenberg.</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Aber das ist noch nicht alles. Die Grundstoffe, aus denen das meiste Pa­pier besteht, sind: Viel Holz, viel Wasser, etwas Leim, etwas Farbe. Auch wenn heute Altpapier eingesetzt wird, so ist doch auch dieses Altpa­pier irgendwann einmal Holz gewesen:</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Die erste Ursache von einem Buche<br />
Ist nicht der Geist, sind nicht die Triebe,<br />
Auch nicht das Geld und nicht die Ruhmesliebe,<br />
Es ist Papier: Ein Blatt von einem Baum, das Buch von einer Buche.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Anonymus, 19. Jahrhundert</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Im Jahre 1997 lag der Abfallanteil in der deutschen Papierindustrie bezo­gen auf eine Tonne produziertes Papier bei etwa 205 kg/t. &#8230; Zu den Abfällen oder Reststoffen der Papierindustrie zählen Rinden- und Holzab­fälle, Sortier- und Siebrückstände aus der Stoffaufbereitung (soge­nannte Spuckstoffe), Faser – und Bioschlamm aus der Abwasserreinigung sowie Verbrennungsrückstände (Asche) aus der Energieerzeugung.«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Ein gutes Fünftel Spuckstoffe und Schlamm auf jedes Buch, das man liest!</p>
<p><em>Musik 8 (wie Musik 6)</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Auf eine einzige verständliche Zeile oder eine richtige Bemerkung entfal­len Meilen sinnloser Kakaphonien, sprachlichen Kauderwelschs, zusammenhanglosen Zeugs. (Ich weiß von einer wilden Region, in der die Bibliothekare die abergläubische und eitle Jagd nach dem Sinn in Bü­chern verschmähen und die Lektüre auf die gleiche Stufe mit Traumdeute­rei und Handlesekunst stellen &#8230; sie behaupten &#8230; dass die Bücher an sich nichts bedeuten. Diese Anschauung geht, wie man sehen wird, nicht völlig fehl &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Jorge Luis Borges: <em>Die Bibliothek von Babel</em>.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Herr General,« sagte der Bibliothekar, »Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines <em>lese</em> &#8230; Wer sich auf den Inhalt einlässt, ist als Bibliothekar verloren! &#8230; Er wird niemals einen Überblick gewinnen!«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Robert Musil, <em>Der Mann ohne Eigenschaften</em></p>
<p><em>O-Ton 16:<br />
</em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Vor Kapitel 1: 0:25: </em><em> </em></p>
<p>Lied:<br />
»In einem Dorf in La Mancha.<br />
Ich hab den Namen schon lange vergessen.<br />
Da lebte einst ein Herr Don Quijote &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das Alter unseres Junkers streifte hart an die Fünfzig; er hatte eine gute Konstitution, einen hageren Leib, ein ausgemergeltes Gesicht, war ein großer Frühaufsteher und ein Liebhaber der Jagd. &#8230;<br />
Nun aber muss man wissen, dass sich besagter Junker, sooft er nichts zu tun hatte, das heißt den größten Teil des Jahres hindurch, damit beschäf­tigte &#8230; Bücher zu lesen.«</p>
<p><em>O-Ton 17:<br />
</em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Kapitel 1: 4:57–6:20 (1:23):</em><em> </em></p>
<p>Erzähler:<br />
»Er tat das mit solchem Eifer, dass er oft darüber die Jagd vergaß und sich sein Haus immer mehr mit Büchern füllte.«</p>
<p>Don Quijote:<br />
»Ja‚ es ist der Sinn des Widersinns, mit dem Ihr meine Gedanken ver­wirrt. Dieser Widersinn ist es, der mein Denken immer weiter schwächt. So dass es nicht ohne Sinn ist, wenn ich Eure Schönheit beklage anstatt sie zu preisen.</p>
<p>Erzähler:<br />
»Oft mühte sich der Edelmann nächtelang ab, solche Sentenzen zu verste­hen oder einen Sinn in diesem Wirrwarr zu entdecken. Ja seine Wissbegierde ging so weit, dass er manchen Acker veräußerte, um immer wieder Ritterbücher kaufen zu können. Vom Abend bis zum Morgen vertiefte er sich in die Werke berühmter Schriftsteller. Besonders entzückt war er, wenn er zu zärtlichen Schilderungen inniger Liebe kam. Der arme Ritter las und las. Und darüber verlor er den Verstand.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Der bedenkliche Zustand des Junkers blieb seiner Nichte nicht verbor­gen.</p>
<p><em>O-Ton 18:<br />
</em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Kapitel 3: 3:45–4:11 (0:26):<br />
</em>»Ich möchte noch erwähnen, Meister Nicolas, dass mein Onkel oft tage­lang in diesen schrecklichen Büchern gelesen hat. Oft las er zwei Tage und Nächte ununterbrochen und dann warf er sein Buch in die Ecke und nahm sein Schwert in die rechte Hand und hieb und stach auf die Wände los und wenn er sich dann ausgetobt hatte, sagte er, er sei müde und habe vier Riesen bezwungen und von dem Schweiß der aus ihm heraus rann glaubte er, es sei das Blut von den Wunden, die er im Kampf empfangen habe.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Was Wunder, dass einfache Menschen unkluge Handlungen begin­gen, seine Bibliothek vermauerten und seine Bücher verbrannten. Natür­lich könnte man sagen: Don Quijotes Problem war nicht das Lesen an sich, er hat nur die falschen Bücher gelesen. Er hätte eine bessere Aus­wahl treffen müssen.</p>
<p><em>O-Ton 19:<br />
</em><em>O-Ton </em>Don Quixote<em>, Zeichentrick nach dem Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, DVD 1, Kapitel 3: 11:53–12:30 (0:37)</em></p>
<p>Lizentiat:<br />
»Diese Bücher sollten nicht verbrannt werden, weil es sich hier um äu­ßerst wertvolle Werke der Dichtkunst handelt, die müssen wir den kommen­den Generationen erhalten.«</p>
<p>Nichte:<br />
»Nein, die müsst Ihr auch verbrennen, wie alle anderen. Sollte mein On­kel von dem Ritterwahn geheilt werden, könnte ihm beim Lesen der Gedichte der Gedanke kommen, ein Schäfer werden zu wollen. Er würde dann durch Wälder und über Wiesen ziehen und was noch viel schlim­mer ist: Er würde ein Dichter werden wollen. Eine Krankheit, von der man sagt, dass sie ansteckend sei.«</p>
<p>Lizentiat:<br />
»Das überzeugt mich. Wir werden die Perlen der Dichtkunst auch dem Feuer überantworten.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Zwischen den Büchern und der Wirklichkeit ist eine alte Feindschaft gesetzt. Das Geschriebene schob sich an die Stelle der Wirklichkeit, in der Funktion, sie als das endgültig Rubrizierte und Gesicherte überflüssig zu machen.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Hans Blumenberg, <em>Die Lesbarkeit der Welt</em></p>
<p><em>Musik 8 (wie Musik 7, aber nach wenigen Sekunden abbrechend)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Muss man ein Buch überhaupt gelesen haben, um es zu beurteilen?«</p>
<p><em>O-Ton 20:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, USB-Stick, 0:33–1:44 (mit Schnitten, 0:30):<br />
</em>»Im Prinzip ja. In der Praxis geht das nicht immer. &#8230; Wenn zum Bei­spiel ein Lektor auf seinem Schreibtisch zig Manuskripte liegen hat, die er innerhalb kürzester Zeit gelesen haben soll, was aber gar nicht möglich ist &#8230; also dieser Druck lastet auf einem Lektor. Also was will er dann ma­chen. Wie liest man dann? Im Elisionsverfahren. Man liest an, man liest in der Mitte ein Stück und man liest den Schluss.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Wenn der Bauer prüft, ob der Käse reif ist, schlingt er auch nicht den ganzen Käse hinunter, pflegt der Verleger Kehl zu sagen.</p>
<p><em>O-Ton 21:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, USB-Stick, 1:44–2:30 (0:46):<br />
</em>»Das betrifft jetzt fette Prosamanuskripte, zu dickleibige. Es gibt ja viele Erzähler, die brauchen einen langen Anlauf und können dann nicht aufhören, bis sie 800 Seiten vollgeschrieben haben, ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber dann liegt es nahe, dass der Lektor, er muss ja misstrau­isch sein wie ein Steuerprüfer, bei der Prüfung eines Manu­skripts, dass er, wenn er zwanzig Seiten gelesen hat, dass er dann schon im Grunde weiß, ob das Buch wert ist, vollkommen gelesen zu werden.«</p>
<p><em>O-Ton 22:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 45:16–45: 46 (0:30):<br />
</em>»Et je cite dans mon livre une anecdote assez drôle ou l’écrivain fran­çais Paul Valéry doit écrire un article à-propos de la mort de Proust. Et Valéry explique qu’il n’a pas lu Proust, qu’il n’a pas le temps de le lire et pourtant il parle de Proust. Evidemment l’expérience est un peu exagérée mais je crois qu’elle comporte une grande sagesse, surtout de la part de quelqu’un, Paul Valéry, qui passe pour un des esprits les plus cultivés de son époque.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Ich erzähle in meinem Buch eine ganz spaßige Anekdote, wie der französische Schriftsteller Paul Valéry einen Artikel über den Tod von Marcel Proust schreiben muss. Und Valéry erklärt, dass er Proust gar nicht gelesen hat, weil er keine Zeit dazu hatte. Und trotzdem, spricht er dann über Proust. Sicher hat er etwas übertrieben, aber die Anekdote bringt doch eine Menge Weisheit an den Tag, vor allem auf Seiten von Paul Valéry, der als einer der kultiviertesten Geister seiner Epoche galt.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Man kann also ein nicht nur ein großer Schriftsteller, sondern auch ein kultivierter Mensch sein, ohne Proust gelesen zu haben, ja man darf sogar zugeben, dass man ihn nicht gelesen hat und kann dennoch etwas Richtiges sagen.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Diß ist was nach uns lebt/ wordurch wir selber leben/<br />
Wann wir den schwachen Leib der Grufft zu Pfande geben.<br />
Die Bücher weisen zwar diß alles was wir ehren;<br />
Doch lehren Bücher auch dich ohne Bücher lehren.«</p>
<p><em>Spr. 3 :<br />
</em>Andreas Gryphius: <em>Uber eine Bibliothec</em></p>
<p><em>O-Ton 23:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 45:46–47:15 (1:29):<br />
</em>»Ce que dit Valéry c’est que Proust on peut l’ouvrir à n’importe quel endroit. Parce qu’il y a une telle richesse du tissu proustien que peu im­porte la manière dont on le lit on peut l’ouvrir quand on veut. Et ce qu’il ne dit pas mais ce qui est latent à ce qu’il dit, et ce qui concerne aussi Proust mais la plupart des grands écrivains c’est que les auteurs &#8230;<br />
C’est que les grands écrivains inventent un nouveau type de lecteur. Je veux dire par là qu’ils contraignent à inventer un nouveau type de lecture &#8230; Je veux dire par là à inventer une nouvelle lecture. Proust et Joyce sont très caractéristique.<br />
C’est impossible de lire Proust en Français de la première à la dernière ligne. Car une phrase sur deux est beaucoup trop longue. Si on essaie de la lire en commençant par les sujets en allant vers les compléments &#8230; on se perd.<br />
Autrement dit ces phrases proustiennes il faut les voir, comme des sortes d’arbres qui apparait sur la page, De couleurs d’adjectifs &#8230;<br />
Proust contraint à inventer une nouvelle lecture qui est visuelle. Et cela, Valéry il l’a très bien compris.<br />
Et je crois que c’est le sens profond de l’anecdote où il nous dit qu’il ne lit pas Proust et qu’il l’ouvre à n’importe où.<br />
Alors cela ne veut absolument pas dire qu’il ne faut pas lire Proust, qu’il faut jeter Proust. Cela veut dire qu’il ne faut pas hésiter à inventer de nouveaux modes de lecture.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Und was Valery sagt ist, dass man Proust aufschlagen kann, wo immer man will und aus jeder Stelle den ganzen Reichtum des Textgewebes erkennen kann. Die großen Autoren erfinden eine neue Art des Lesens. Proust und Joyce sind ein gutes Beispiel dafür. Es ist in Wahrheit unmög­lich Proust auf Französisch linear zu lesen, von der ersten bis zur letzten Zeile und dann Punkt. Jeder zweite Satz ist viel zu lang dafür. &#8230; Man verliert sich darin. Man muss die Proustschen Sätze sehen, wie Bäume, die auf dem Blatt erscheinen. Es ist eine neue Art der visuellen Lektüre. Und das hat Valery sehr gut verstanden. Valery sagt uns: Seht, welch ein großer Schriftsteller dieser Proust ist, dass man, wo immer man ihn auf­schlägt, dem ganzen Proust begegnet. Das heißt natürlich nicht, dass man Proust wegwerfen soll. Es heißt, dass man nicht zögern soll, seinen eige­nen Zugang auch in der Art des Lesens zu finden.«</p>
<p><em>O-Ton 24:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, </em><em>13:01–13:51 (0:50):<br />
</em>»Es soll sogar Verleger gegeben haben, die angeblich gerochen haben, ob ein Manuskript etwas taugt oder nicht. Zum Beispiel Gustav Kiepen­heuer wurde nachgesagt, dass er so etwas konnte, er soll gar nicht gelesen haben, er hatte natürlich auch Leute dafür, aber ein Verleger selber musste ja auch eine Beziehung zum Buch haben, heute ist das meist schon anders. Aber im S. Fischer Verlag, über Jahrzehnte der renom­mierteste Belletristik-Verlag in Deutschland von 1880 bis 1930, etwa 50 Jahre lang, da galt das Wort, ein Manuskript war erst angenommen, wenn die Frau des Verlegers Hedwig Fischer eine Träne auf das Manuskript hat fallen lassen.«</p>
<p><em>Musik 9:<br />
</em><em>Klezmermusik </em>Naftule und der König<em>, Nr. 11, 9:18–9:33 (leicht ironisch-me­lancholisches Klarinettensolo, 15 Sekunden) </em></p>
<p><em>O-Ton 25:<br />
</em><em>Spielfilm </em>Sommer vorm Balkon<em>, DVD, 1:28:26–1:28:53</em></p>
<p>Nike:<br />
»Ick lese noch.«</p>
<p><em>(Ein Buch wird aufgeklappt, Geräusche einer Bettdecke, die zurechtgerückt wird.</em></p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Seit wann liest Du denn im Bett?«</p>
<p>Nike:<br />
»Immer schon, bevor Du hier injeritten bis. Sollteste auch gelegent-lich.«</p>
<p><em> </em><em>LKW-Fahrer:<br />
</em>»Ha’ìck versucht. Iss nich meine Welt.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet, in deren Genuß er sich für alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschädigen konnte. Wenn nun rund um ihn her nichts als Lärmen und Schelten und häusliche Zwietracht herrschte oder er sich vergeblich nach einem Gespielen umsah, so eilte er hin zu seinem Buche.<br />
So ward er schon früh aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatür­liche idealistische Welt verdrängt, wo sein Geist für tausend Freu­den des Lebens verstimmt wurde, die andre mit voller Seele genießen können.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Carl Philipp Moritz, <em>Anton Reiser</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Bereut man es, wenn man irgendwann feststellt, man hat eigentlich viel zuviel gelesen?«</p>
<p><em>O-Ton 26:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, 17:59–19:00:<br />
</em>»Das würde ich nicht sagen. Ich hab ja angefangen, kreuz und quer zu lesen, ohne Leitfaden gewissermaßen, heute kann ich mich nur wundern und drüber lachen, aber ich hab es nicht bereut, es hat ja meiner Liebe zum Buch, zur Literatur keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, es hat mich immer aufs Neue angestachelt. Mehr zu lesen, weiter zu lesen und mir eine Welt aus Büchern zu schaffen. Das würde ich nicht sagen. Heute im Alter ist es dann so, dass man sich sagt, es betrifft mich eigentlich gar nicht mehr. Wenn man ein Buch liest und merkt dann im Laufe der Lek­türe, dass es einen überhaupt nicht bewegt, dann lese ich es nicht zu Ende. Das kommt im Alter immer häufiger vor, dass man ein Buch rela­tiv früh, also mitten in der Lektüre beiseite legt und liegen lässt.«</p>
<p><em>O-Ton 27:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 52:33–53:00:<br />
</em>»En fait, depuis longtemps, j’ai un rapport assez libre aux livres. Cela vient au fait que moi, j’étais à l’extérieur du monde des livres von meiner sozialen Herkunft her und es war sehr schwer für mich, in die Welt der Bücher hineinzukommen. beaucoup de mal de rentrer dans ce monde des liv­res.<br />
Maintenant je me sens à l’aise. Et si un livre m’ennuie j’arrête sans culpab­ilité très rapidement. Donc ce genre d’expérience aujourd’hui je ne l’ai plus.«</p>
<p><em> </em><em>Spr. 3 (über den französischen Text):<br />
</em>»In der Tat habe ich seit langem ein ziemlich freies Verhältnis zu Bü­chern. Das hängt mit meiner sozialen Herkunft zusammen, die weit außer­halb der Welt der Bücher lag. Und es war sehr schwer für mich, in diese Welt der Bücher hineinzufinden. Jetzt fühle ich mich wohl. Und wenn mich ein Buch langweilt, höre ich ganz schnell auf zu lesen, ohne das geringste Schuldgefühl.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Die Abhandlungen in diesem Büchelchen hießen also: ›Für Kinder von sechs Jahren‹, ›Für Kinder von sieben Jahren‹ usw. Anton las also den Abschnitt ›Für Kinder von neun Jahren‹ und fand, daß es noch Zeit sei, ein frommer Mensch zu werden, daß er aber schon drei Jahre ver­säumt habe. &#8230; Dies erschütterte seine ganze Seele, und er faßte einen so festen Vorsatz sich zu bekehren, wie ihn wohl selten Erwachsene fassen mögen. Von der Stunde an befolgte er alles, was von Gebet, Gehorsam, Geduld, Ordnung usw. in dem Buche stand, auf das pünktlichste und machte sich nun beinahe jeden zu schnellen Schritt zur Sünde.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Carl Philipp Moritz, <em>Anton Reiser</em></p>
<p><em>Musik 10 (wie Musik 9)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Ein bisschen kommt es wohl doch darauf an, <em>was </em>man liest und wann und zu welchem Zweck und welche Folgerungen man daraus zieht.</p>
<p><em>O-Ton 28:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 01:04:14–01:04:26 (0:12):<br />
</em>»Wenn man diesen Gedanken zu Ende führt, könnte man das exzes­sive Lesen von Beipackzetteln durchaus als einen Risikofaktor dafür bezeich­nen, dass eine Therapie nicht durchgeführt wird.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Alles in allem: Vielleicht sollte man es machen wie der Bücherfreund Prospero in Shakespeares Komödie <em>Sturm</em>, der am Ende sagt: »Und tiefer als ein Senkblei je geforscht / will ich mein Buch ertränken!«?</p>
<p><em>O-Ton 29:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 48:09–50:00 (1:50):<br />
</em>»Alors je (ne) crois pas que la lecture puisse être nuisible. Il y a certaine­ment des livres nocifs, parce que ce sont des livres &#8230; certains liv­res politiques auxquels vous pourrez penser sans difficultés ce sont des livres dont il aurait été préférable qu’ils ne soient pas écrits.<br />
La lecture en elle-même je crois porte toujours une forme d’enrichi-ssement au moins en raison &#8230; ce que je disais toute à l’heure &#8230; qui est cette question de la complexité.<br />
Nous rentrons de plus en plus dans une société ou la complexité se réduit. Manque de complexité du discours politique et encore avons nous la chance de vivre dans des démocraties donc avec un discours poly-phoni­que.<br />
Manque de complexité aussi de l’image, qui la plupart du temps n’a pas du tout ce type de complexité du textes littéraires avec ses différents niveaux de sens, ces hiérarchie entre les différentes valeurs. Donc je serais tenter de dire que la plupart du temps la lecture est une source d’enrichi-ssement.<br />
Mais que nous pouvons l’enrichir encore. Et nous pouvons l’enrichir en­core en enseignant à ceux qui sont à l’extérieur de ce monde des livres la liberté. La liberté de la lecture multiple, la liberté de la circulation mul­tiple dans les livres, la liberté aussi d’aller voir les livres qui sont à coté des liv­res. Car un livre ce n’est pas seulement un livre, c’est aussi: les livres qui sont autours.<br />
Et je crois que la personne cultivée est capable mieux qu’une autre de situer un livre par rapport à d’autres.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Ich glaube nicht, dass Lesen schlechthin schädlich sein kann. Natür­lich gibt es schädliche Bücher. Bestimmte politische Bücher, die besser nie geschrieben worden wären. Das Lesen an sich bringt aber immer eine Be­reicherung, weil Literatur Komplexität darstellt, sie ist polyphon und nicht monoton wie die meisten politischen Debatten &#8230;<br />
Auch die vielen Bilder, die man uns liefert, sind nie so komplex wie literari­sche Texte, mit ihren unterschiedlichen Sinnebenen, ihren Wertehie­rarchien, bis in den Satzbau, die Grammatik hinein.<br />
Diese Bereicherung können wir steigern. Zum Beispiel gegenüber Men­schen, die sich außerhalb der Welt der Literatur befinden. Deren Freiheit sollten wir steigern, ihre Freiheit, auf ihre Arten zu lesen, auch die Freiheit, Bücher in vielerlei Beziehungen zueinander zu setzen auch die Bücher zu sehen, die neben den Büchern sind. Denn ein Buch ist nie nur ein Buch. Es sind immer auch die Bücher darum herum. Ein Mensch, der sich die Freiheit nimmt, auf seine Weise mit Büchern umzuge­hen, ein kultivierter Mensch eben ist eher in der Lage ein Buch in sei­nem Verhältnis zu anderen Büchern zu sehen.«</p>
<p><em>O-Ton 30:<br />
</em><em>Spielfilm </em>Sommer vorm Balkon<em>, DVD, 1:28:57–1:29:31 (0:34):</em></p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Wat steht denn da? Sach doch ma, wat du jrade liest!«</p>
<p>Nike:<br />
»Ein Roman.«</p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Und von wem iss der?«</p>
<p>Nike:<br />
»Von Stendhal.«</p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Ick dachte, det is ne Stadt.«</p>
<p>Nike:<br />
»Stendhal is och n Schriftsteller, sojar n Franzose.«</p>
<p>LKW-Fahrer:<br />
»Siehste, ham wer wieder wat jelernt.«</p>
<p>Nike:<br />
»Wieso <em>wir</em>, <em>Du</em> hast wat jelernt.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Ja, es ist wahr. Manchmal ist es unvermeidlich, dass man etwas lernt durchs Lesen. Auch wenn es ein anderer tut und auch das nur im Film. Manchmal greifen eben die Bücher direkt ins Leben ein. Das sind Sternstun­den.</p>
<p><em>O-Ton 31:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, </em><em>35:30–37:19 (1:49):<br />
</em>»Je croix que les vrais livres sont des livres qui sont nécessaires, indispen­sables pour ceux qui les écrivent. Et je croix que ça se sent si le livre n’obéit pas à une nécessité intérieure profonde: C’est ce qui dis­tingue pour moi, serais je tenter de dire, les auteurs qui font des livres et les auteurs qui font une œuvre. Les auteurs qui font des livres peuvent parfois écrire de meilleurs livres que les auteurs qui font une œuvre.<br />
Mais quand un auteur fait une œuvre cela veut dire qu’il est animé par un besoin intérieur de travailler un certain nombre de questions qui lui sont propres. Cela veut d’ailleurs dire, souvent, que l’auteur se répète. Les auteurs qui font une œuvre, très souvent font la même, parce que sans cesse ils tournent, sans arriver à l’atteindre, autour de ce point d’eux-mêmes qui est absolument fondamentale et qui leur donne ce besoin irrépres­sible d’écrire.<br />
Il y a donc ce besoin d’écrire, ce point en nous, mais qui ne deviendra un point incandescent d’écriture que si dans le même temps il y a une démarche vers l’autre<br />
Je crois que les grandes œuvres ne sont pas seulement des œuvres qui sont nécessaire pour ceux qui les ont faites ce sont des œuvres dans les­quelles l’écrivains a réussi à travaillé ce qui en lui était ce point d’incan-descence mais avec l’autre.<br />
En inventant un autre, un lecteur à venir, qui lui permette á travailler autour de ce point d’incandescence.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Ich glaube, die wahren Bücher sind diejenigen, die geschrieben wer­den <em>mussten, </em>die lebensnotwendig waren für diejenigen, die sie geschrieben haben. Man spürt es sofort, wenn ein Buch nicht aus einer tiefen inneren Notwendigkeit heraus geschrieben ist. Das unterscheidet in meinen Au­gen ein Buch von einem Werk. Die Autoren, die einfach Bücher machen, können oftmals besser schreiben als diejenigen, die ein Werk schaffen. Aber wer ein Werk schafft, der ist getrieben von dem inneren Zwang, bestimmte Probleme abzuarbeiten, die ihn persönlich bedrängen, lebenswich­tige, für ihn existentielle Dinge, deren er nicht Herr wird, und die er in jedem seiner Werke immer wieder abarbeiten muss. Und diese innere Glut, die sich in die Glut des Werks überträgt, ist zugleich eine Botschaft an den Leser. Die großen Werke stecken mit ihrer Glut den Anderen an, und der Andere, das ist der Leser. Die großen Werke erfin­den ihre Leser.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Noch einmal: Man kann viel Gutes über das Lesen von Büchern sa­gen. Das soll nicht verschwiegen werden. Warum auch? Es geht nicht darum die Ikone zu zerstören, es geht darum, den Weihrauch beiseite zu pusten und die Priester zu verscheuchen, damit das Bild wieder sichtbar wird. Wir erkennen ausdrücklich den Nutzen der Bücher an.</p>
<p><em>Musik 10 (wie Musik 2) </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Nur eben nicht immer und in jeder Hinsicht und Menge. Der Liebe zum Beispiel stehen die Bücher oft im Wege. Nicht, dass es an Liebesroma­nen fehlen würde. Trotzdem: Der Weg zum Körper führt selten durchs Buch. Das sicherste Indiz sind die regelmäßig zur Zeit der Buchmesse erschlaffenden Besucherzahlen in den Frankfurter Freudenhäu­sern. Und schon der römische Dichter Horaz ließ sich zu sehr unhöflichen Versen hinreißen, als eine etwas aus der Blüte geratene Frau versuchte, seine Männlichkeit mit zwischen den Kissen zwanglos platzierten philosophischen Büchern zu reizen.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»mich fragen was mir den saft raubt! &#8230;<br />
glück und segen! die teuersten blumen – aber aufs grab! &#8230;<br />
weil du zwischen deine kissen büchlein streust von<br />
philosophen sollen nun die<br />
nerven die nicht lesen können und mein treues<br />
glied einen aufstand machen? willst<br />
du dass er sich erhebt von den stolzen hoden?<br />
dann bemühe mund und zunge!«</p>
<p><em>Musik 11 (wie Musik 1)</em></p>
<p><em> </em><em>Spr. 2:<br />
</em>»Wer also eine Kunst in Schriften hinterlässt und auch wer sie auf­nimmt, in der Meinung, dass etwas Deutliches und Sicheres durch die Buchstaben kommen könne, der ist einfältig genug und weiß in Wahrheit nichts von der Weissagung des Ammon, wenn er glaubt, geschriebene Reden wären noch sonst etwas als nur demjenigen zur Erinnerung, der schon das weiß, worüber sie geschrieben sind. &#8230;<br />
Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin doch ganz eigentlich der Malerei ähnlich: Denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften &#8230;«</p>
<p><em> </em><em>Spr. 3:<br />
</em>Platon, <em>Phaidros</em></p>
<p><em> </em><em>Spr. 1:<br />
</em>Unter Platons Führung in den Analphabetismus? Natürlich müssen wir zwei Typen des Analphabeten unterscheiden. Den primären und den sekundären. Dem sekundären begegnen wir häufig. Er hat lesen und schreiben gelernt, er hat Schulen, oft auch Universitäten besucht, er sieht jedoch davon ab, von dem Schlüssel zur Welt des Denkens, den er in der Hand hat, Gebrauch zu machen. Er zieht <em>bullshit</em> vor. Seine Macht ist unangefochten. Jedenfalls über die meisten Fernsehprogramme, das pri­vate Radio, einen großen Teil der Politikinszenierung und der gedruckten Presse. Ob Knut mit seinem Pfleger knutscht, der Ministerpräsident mit der langen Nase gegen Ausländer wettert, die in ihren deutschen Küchen unschuldige deutsche Schafe schächten, während sich nebenan Top-Mo­dell <em>Kitty</em> nackt auf dem Flokati räkelt und mit ihrem Kätzchen spielt und darunter ein alternder Schauspieler mit befreitem Lächeln ein Mittel gegen Blähungen preist, – ob ein Fußballspieler, ein Friseur und ein Minis­ter mit Drittklässlern ein sogenanntes Wissensquiz bestreiten – die Infantilisierung und Dealphabetisierung des öffentlichen Lebens und auch der an sich für Kultur vorgesehenen öffentlichen Räume ist trium­phal. Und niemand sollte sich einbilden, die Buchindustrie arbeite diesem Prozess entgegen und deshalb müsse für das Lesen geworben werden. Das Gegenteil ist der Fall.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Daß jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken.<br />
Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahr­hundert Leser – und der Geist selber wird stinken.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Friedrich Nietzsche, <em>Also sprach Zarathustra</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Die Buchbranche wuchs 2007 um 4 Prozent. Dieses Wachstum ist kein Mittel gegen die grassierende öffentliche Verblödung, sondern offenkun­dig eines ihrer Symptome. Um welche Bücher geht es denn bei dem Bücherboom? Man besuche die Internetauftritte einiger Großver­lage und man wird gleich bemerken, dass der Raum für Bilder und Pikto­gramme ein Vielfaches des für vollständige deutsche Sätze vorgesehenen Raumes beträgt, und dass die wenigsten der dort vorgestellten Personen Schriftsteller oder gar Dichter im herkömmlichen Sinne sind. Sogar der Begriff Worturheber wäre, auf diesen Personenkreis angewandt, ein glat­ter Euphemismus. Es sind Boxer, Bergsteiger, Köche – ehrbare Men­schen natürlich, denen aber irgendein Interesse an der Sprache der Dich­ter noch nie jemand nachgesagt hat.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Von der Weisheit aber bieten die Schriften den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn Vielleser sind die Schüler nun und ohne Beleh­rung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch insgemein Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Scheinweise geworden sind, nicht Weise.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Platon, Aus dem Dialog <em>Phaidros</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Etwas ganz anderes ist der primäre Analphabetismus. Das sind die Men­schen, die das Lesen nicht verlernen können, weil sie es nie gelernt haben. Kann man überhaupt ohne Buchstaben leben? Gibt es glückliche Analphabeten?</p>
<p><em>O-Ton 32:<br />
</em><em>Interview mit Bettina Wiese vom 2. Dezember 2007, DAT-Band, 44:31–45:15 (mit Schnitten: 0:20):<br />
</em>»Ja, auf jeden Fall gibt es die &#8230; und es gibt viele Analphabeten, die, ohne zu lesen und lesen zu können, ein ganz reiches Erlebnisspektrum haben und auch ein ganz reiches Leben führen. &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Dass der Analphabetismus eine gesunde Sache sein kann, wollen wir glauben. Aber kann ein Freund der Literatur ein Freund des Analphabeten­tums sein? Aber ja doch, es liegt sogar auf der Hand warum, sagte Hans Magnus Enzensberger 1985. Man erinnere sich: Das <em>Gilgamesch-Epos</em> und die <em>Odyssee</em> wurden gesungen, lange bevor man sie aufschrieb. Die ersten Dichter waren Analphabeten.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Ihre elementaren Formen, vom Mythos bis zum Kinderreim, vom Mär­chen bis zum Lied, vom Gebet bis zum Rätsel, sind allesamt älter als die Schrift. Ohne mündliche Überlieferung gäbe es keine Poesie und ohne die Analphabeten keine Bücher.«</p>
<p><em>Musik 12 (wie Musik 7</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Und warum muss man manchmal trotzdem lesen?</p>
<p><em>O-Ton 33:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, 39:53–40:14 (0:21):<br />
</em>»Et celui qui prête attention au livre a pu remarquer que pour faire ce livre j’avais besoin de lire des dizaines et dizaines d’ouvrages pour trouver les scènes dont j’avais besoin.<br />
Par exemple j’ai lu toute l’œuvre de Nabokov, parce que j’étais per­suadé que Nabokov avait dû traiter cette question. Nabokov n’a pas traité cette question. Mais du coup j’ai lu tous ses livres.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Und wer mein Buch aufmerksam gelesen hat, dem wird nicht entgan­gen sein, dass ich Dutzende Werke studieren musste, um die vielen Zitate zu finden. Zum Beispiel habe ich den ganzen Nabokov gelesen. Ich dachte, Nabokov muss sich mit meinem Thema befasst haben. Aber er hat sich nicht damit befasst. Um das herauszufinden, habe ich alle seine Bücher gelesen.«</p>
<p><em>O-Ton 34:<br />
</em><em>Wulf Kirsten, Interview vom 6. November 2007, DAT-Band, 19:14–19:42 (0:28):<br />
</em><em>»</em>Ich hatte einen Bruder zum Beispiel, von dem weiß ich sehr genau, der hat ganz wenig gelesen. Aber die wenigen Bücher, die er gelesen hat, die hat er so intensiv in sich einziehen lassen, dass das für ihn ganz wich­tig war. Und er konnte darüber sehr profund reden. Das waren nun keine Romane von Thomas Mann oder Alfred Döblin und so. Es waren ganz andere Bücher, über Zirkuswelt oder Theaterwelt oder irgend so etwas.«</p>
<p><em>O-Ton 35:<br />
</em><em>Interview mit Pierre Bayard vom 15. Oktober 2007, DAT-Band, </em><em>51:36–51:58 (0:22):<br />
</em>»Ecoutez, je vais peut-être indiquer des contre-exemples à ma théorie, mais je fréquente malheureusement assez souvent les hôpitaux, j’ai un certain nombre de problèmes de santé, je vais dans les avions et comme j’ai des enfants jeunes je vais dans les manèges, et je préférais vraiment que ces trois professions ne lisent pas mon livre et lisent leurs manuels de la première à la dernière ligne.«</p>
<p><em>Spr. 4 (über den französischen Text):<br />
</em>»Hören Sie, was ich jetzt sage, sind vielleicht Gegenbeispiele zu meiner Lesetheorie, aber wenn ich ins Krankenhaus muss oder ein Flugzeug benutze oder mit meinen Kindern in den Zirkus gehe, also, da fände ich es doch sehr beruhigend, wenn der Anästhesist und der Flugkapitän und der Monteur, der das Zirkuszelt aufstellt, wenn sie alle ihre Handbücher von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen hätten.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Und warum schreibt einer überhaupt ein Buch ?</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich Lesen ein trau­riges Surrogat der Rede.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Goethe, <em>Dichtung und Wahrheit</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Die Schriftgärtchen wird der Ernsthafte nur Spieles wegen besäen und beschreiben. &#8230;<br />
Wenn man also jemandes Schriften vorliegen sieht, dann war das für ihn nichts sehr Ernsthaftes, sofern er selbst ernsthaft ist: Dieses Ernsthafte aber liegt irgendwo an dem schönsten Ort von allen.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Platon, <em>Phaidros</em> und <em>Siebenter Brief</em></p>
<p><em>Musik 13:<br />
</em><em>Klezmer-Musik, </em>Naftule und der König,<em> CD Nr.8, 3:07–3:25, (kurzes Solo mit beschwingt einsetzendem Orchester, das dann abbricht) </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Eigentlich mag ich Bücher. Aber vielleicht ist das Bücherlesen eine aus­sterbende Kulturtechnik. Man hat Telefone, Kameras, Filme, Hörbü­cher, Radio, Fernsehen, Videoanimationen, man hat SMS, DVD, MP3 und Podcast – man kann sich gut unterhalten und viel über die Welt erfah­ren, ohne ein Buch in die Hand zu nehmen. Der elektronische Bil­der- und Gedankenaustausch geht schneller als der durch gedruckte Buchsta­ben. Muss er deshalb unkultivierter sein? Es gibt Videokunst und SMS-Lyrik. Um die Poesie müssen wir uns jedenfalls nicht sorgen. Die gab es vor der Schrift. Wir haben die Kunst in den Genen, wie die Spottdros­sel ihr Lied. Ein Problem allerdings bleibt. Was tun mit der Zeit, die sich beim Lesen so gepflegt totschlagen lässt? Ich hätte eine Idee. Man könnte das tun, wofür das Lesen eigentlich ein Ersatz ist. Ein Grund für die Erfindung der Schrift war ja, dass man sich mit räumlich oder zeitlich entfernten Menschen unterhalten wollte. Letztlich ging es nicht ums Lesen, sondern ums Reden: Zwiesprache, um ein schönes altes Wort zu gebrauchen. Wie wäre es also, wenn wir darauf öfter zurückkämen, auf das Miteinander-Reden. Bei Tee oder bei Wein, bei Gebäck oder Tabak. Und worüber? Wer weiß – über Not und Brot, über Blau und Rot. Und wenn uns gar nichts mehr einfällt, reden wir über alle die Bü­cher, die wir nicht gelesen haben.</p>
<p><em>O-Ton 36:<br />
</em><em>Gottfried Benn, </em>Das Hörwerk<em>, DVD, Verlag Zweitausendeins, Nr. 141: »Kommt &#8230;« Gedicht gelesen 1955, 0:40:</em></p>
<p>»Kommt reden wir zusammen.<br />
Wer redet, ist nicht tot.<br />
Es züngeln doch die Flammen<br />
Schon sehr um unsere Not.</p>
<p>Kommt, sagen wir: Die Blauen.<br />
Kommt, sagen wir: Das Rot.<br />
Wir hören, lauschen, schauen,<br />
Wer redet, ist nicht tot.</p>
<p>Allein in Deiner Wüste,<br />
In Deinem Gobi-Graun.<br />
Du einsamst: Keine Büste,<br />
Kein Zwiespruch, keine Fraun.</p>
<p>Und schon so nah den Klippen,<br />
Du kennst Dein schwaches Boot.<br />
Kommt, öffnet doch die Lippen:<br />
Wer redet, ist nicht tot.«</p>
<p><em>Musik 14:<br />
</em>Naftule und der König<em>, Nr. 11, 9:17–10:07 (0:50). </em></p>
<p><em>Die ersten fünfzehn Sekunden enthalten ein etwas melancholisches Solo und sollten allein klingen, dannach kippt das Stück in eine witzige und sehr vergnügte Orchestermu­sik. Darüber:</em></p>
<p>Absage</p>
<p><em>Die letzten 5 Sekunden der Musik mit einem knappen und effektvollen Finale soll­ten wieder allein klingen. </em></p>
<p><em>Ende.</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Im Namen der Robe</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Mar 2004 20:00:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Feature]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Namen der Robe Richtergestalten in Oper und Literatur / Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Spr. 1: weibliche, helle, junge Stimme Spr. 2: hörbar ältere, männliche Stimme Spr. 3: junge männliche Stimme Spr. 4: weibliche Stimme Spr. 5: metallisch-sonore männliche Stimme (ein bißchen wie aus der Filmwerbung) &#160;   O-Ton Shorty [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
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<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/radiotexte/features/Im-Namen-der-Robe.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Im Namen der Robe</h1>
<h3 style="text-align: left;">Richtergestalten in Oper und Literatur / Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Spr. 1: weibliche, helle, junge Stimme<br />
Spr. 2: hörbar ältere, männliche Stimme<br />
Spr. 3: junge männliche Stimme<br />
Spr. 4: weibliche Stimme<br />
Spr. 5: metallisch-sonore männliche Stimme (ein bißchen wie aus der Filmwerbung)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em> </em></p>
<p><em>O-Ton Shorty Long (Soul-Song: </em>Here comes the judge!<em>):<br />
</em>»Jiiiiji! – Jiiiiji!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>O-Ton Barbara Salesch (Sat 1-Werbung):<br />
</em>»Gleich spricht Richterin Barbara Salesch das Urteil. Bleiben Sie dran!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long:<br />
</em>»The court’s in session! The court’s in session!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Zu der Zeit aber war Richterin in Israel die Prophetin Deborah &#8230; Und sie wohnete unter den Palmen &#8230; auf dem Gebirge Ephraim. Und die Kinder Israel kamen hinauf zu ihr vor Gericht &#8230; Lobet den Herren, die ihr auf schönen Eseln reitet, die Ihr am Gericht sitzet und singet.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Altes Testament, Buch der Richter</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long:<br />
</em>»Here comes the judge. Here comes the judge!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Zu vier Orten in einer Stadt zieht es mich auf Reisen immer wieder: zu den öffentlichen Anlagen, zum Markt, zum Friedhof und zum Gerichtsge­bäude.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>André Gide, <em>Erinnerungen aus dem Schwurgericht</em>.</p>
<p><em>Ab etwa der Mitte des Gide-Textes erklingt O-Ton </em>Martha<em> (Finale des Ersten Aufzu­ges aus Friedrich von Flotows Oper </em>Martha<em>. Man hört auf dem Hintergrund eines verhaltenen Volksgemurmels zunächst eine Amtsglocke schallen. Dann beginnt das Orchester, anschließend fällt der Chor ein: »Der Markt beginnt, die Glocke schallt, der Richter naht mit Amtsgewalt.«)</em></p>
<p><em>Die folgenden Sätze werden sehr rasch und im Flüsterton (auch einander überlap­pend) gleich ab Beginn der Musik gesprochen, man muß nicht jedes Wort genau verste­hen, das ganze soll höchstens 30 Sekunden dauern. Die mit * gekennzeichneten Sätze sind dem Roman </em>Letzte Instanz<em> von William Gaddis, (2. Auflage, Hamburg 2003) entnommen, der mit ** einem Interview mit dem italienischen Ministerpräsiden­ten Silvio Berlusconi (FAZ vom 6. September 2003, Nr. 207, S. 6). </em></p>
<p><em>S</em><em>pr. 4:<br />
</em>»Gerechtigkeit? Gerechtigkeit gibt’s im Jenseits, hier auf Erden gibt’s das Recht.«*</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Seien Sie still, der Richter kommt.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Mein Gott, ist der häßlich!</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Um diese Arbeit zu machen, muß man psychisch gestört sein, anthropo­logisch anders als der Rest der Menschheit.«**</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Bloß gut, daß ihn noch keiner dabei erwischt hat, wie er sein Gebiß im Glas darauf hin untersucht, ob er am Vortag zu Abend gegessen hat.«*</p>
<p><em>Musik bricht ab.</em></p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc? – What’s up, Doc?<em> (amerikanische Filmkomödie von Peter Bogdanovic aus dem Jahr 1972). Szene 25 (spielt im Bezirksgericht von San Francisco). Man hört das Geräusch, wie Richter Maxwell den Saal betritt, er sagt noch nichts, währenddessen &#8230;</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Psst. Er sieht uns an.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc?:</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Sehen Sie sich dieses Volk an, ein übler Haufen, durch und durch verdor­ben.</p>
<p>Konstabler:<br />
Das sind nur die Zuschauer.</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Ja, natürlich. Fangen wir an.</p>
<p>Konstabler:<br />
Achtung, allen hier Anwesenden geben wir kund und zu wissen, daß der Hohe Gerichtshof hiermit am 30. Juni 1972 die Verhandlung eröff­net. Den Vorsitz hat seine Ehren Richter Marvin B. Maxwell.</p>
<p><em>Richter Maxwell</em> <em>schlägt mit dem Hammer auf den Tisch. O-Ton endet. </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Kein Tag ohne Richter.</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh beginnt, Text läuft weiter. </em>Here comes the judge<em> (Reggae-Song). Vor dem Song ist ein gesprochener Text von Peter Tosh, der soll hier wegbleiben, so daß der O-Ton mit den drei Schlägen des Schlagzeugers beginnt. </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Barbara Salesch, Alexander Holdt, 15 Uhr Familiengericht, 16 Uhr Jugendgericht. 20 Uhr <em>Tagesschau</em>: Der Bundesgerichtshof, das Bundesverfas­sungsgericht, der Europäische Gerichtshof. Eine Robe schö­ner als die andere. Die Welt ist voller Richter.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr 1:<br />
</em>Im Namen der Robe. Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch.<br />
Ein Feature von Christoph Schmitz-Scholemann</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Den Beruf des Richters gab es schon, als man die Gesetze noch mit Kei­len in Tontafeln schrieb. Und am Jüngsten Tag wird es ihn erst recht geben. Ein archaischer Beruf, wie der des Priesters und des Dichters. (<em>O-Ton Peter Tosh endet.) </em>Hier ist sein Porträt, live und in Farbe, gemalt nach den Lügen des Lebens und der Wahrheit der Literatur. Enthaltend ein abschließendes Gespräch, in dem herausragende Vertreter des Berufs­standes selbst zu Wort kommen.</p>
<p><em>O-Ton Oper </em>Zar und Zimmermann<em> von Albert Lortzing, Arie des van Bett, es handelt sich um eine ironisch-triumphale Arie, die mit den Worten »O sancta justizia!« beginnt. Lediglich diese drei gesungenen Worte – ohne Orchestervorspiel – sollen hier erklingen. </em></p>
<p><em>van Bett:<br />
</em>O sancta Justizia!</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?<em>: </em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Setzen Sie sich! Ich wünsche keine Störungen, keinen Lärm, keine Zwi­schenrufe oder sonstige Demonstrationen. Ich wünsche Frieden, Ruhe und Ordnung. Wenn hier irgendein Unsinn getrieben wird, ganz gleich, welcher Art, greife ich unbarmherzig durch. Ich warne also, ich denke, das ist klar genug.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?<em> endet.</em></p>
<p><em>Spr. 1 (sehr ruhig):<br />
</em>»Zu der Zeit kamen zwo Huren zum Könige und traten vor ihn. Und das eine Weib sprach: Ah, mein Herr, ich und dies Weib wohneten in einem Hause, und ich gebar bei ihr im Hause: Und über drei Tage, da ich geboren hatte, gebar sie auch, und wir waren beieinander, daß kein Fremder mit uns war im Hause, nur wir beide. Und dieses Weibes Sohn starb in der Nacht, denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, und legte ihn an ihren Arm und ihren toten Sohn legt sie an meinen Arm &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em><em>Erstes Buch von den Königen</em>, 3, 16</p>
<p><em>Spr. 1</em>:<br />
Und Salomo sprach: Holet mir ein Schwert her. Und da das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach er: Teilet das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sprach das Weib, dessen Sohn lebete zum Könige (denn ihr mütterlich Herz ent­brannte über ihren Sohn): Ah, mein Herr. Gebet ihr das Kind lebendig und tötet es nicht. Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein, laßt es teilen. Da antwortet der König und sprach: Gebt dieser das Kind leben­dig und tötets nicht. Die ist seine Mutter.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Gott wollte keine Könige. Er wollte Richter. Sind Richter Könige?«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Du bist gegen mich nur ein Schafskopf, mein lieber Sancho &#8230; und ein­zig weil die fahrende Ritterschaft dich mit ihrem Hauch berührt hat, wirst du ohne weitere Umstände Richter &#8230; Bedenke zuallererst, daß die äußere Erscheinung eines zu wichtigen Ämtern erhobenen Menschen mit dem übereinstimmen muß, was das Amt erheischt.«</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Ratschlag des fahrenden Ritters Don Quichote an seinen Knappen, den Bauern Sancho Pansa, als diesem das Richteramt übertragen wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Erstes Kapitel: Gerechtigkeit und gute Form</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Mäntel sollen sie auf ihren Schultern tragen. Ohne Waffen sollen sie sein. Nüchtern sollen sie Urteil finden über jeglichen Mann, er sei deutsch oder wendisch, leibeigen oder frei.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Sachsenspiegel, deutsches Gesetzbuch aus dem 13. Jahrhundert.</p>
<p><em>Spr. 5 (mit Temperament, es handelt sich um den Richter Azdak, der in Brechts </em>Kau­kasischem Kreidekreis<em> ein lebhaft-chaotischer, polternder und gutherziger Charakter ist):<br />
</em>»&#8230; Er kann ein Ochse sein, aber er muß bestallt sein, sonst wird das Recht verletzt, das ein sehr empfindliches Wesen ist, etwa wie die Milz, die niemals mit Fäusten geschlagen werden darf, sonst tritt der Tod ein &#8230; Recht muß immer in vollkommenem Ernst gesprochen werden &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 4 (leise über den weiterlaufenden Text des Azdak gesprochen):<br />
</em>Bert Brecht, <em>Der Kaukasische Kreidekreis</em>, Richter Azdak.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Wenn zum Beispiel ein Richter eine Frau verknackt, weil sie für ihr Kind ein Maisbrot gestohlen hat, und er hat seine Robe nicht an oder er kratzt sich beim Urteil so, daß mehr als ein Drittel von ihm entblößt ist, das heißt, er muß sich dann am Oberschenkel kratzen, dann ist das Urteil eine Schande und das Recht ist verletzt. Eher noch könnte eine Richter­robe und ein Richterhut ein Urteil sprechen als ein Mensch ohne das alles. Das Recht ist weg wie nix, wenn nicht aufgepaßt wird &#8230;«</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh weiter ab der Stelle, an der er zuvor unterbrochen wurde</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Man sagt leicht, was soll die Robe, was soll der Stab, was soll das Ba­rett. Natürlich sind alle Hüte der Welt für sich genommen unwichtiger als ein einziger richtiger Gedanke, der unterhalb des Hutes gedacht wird. Es ist aber ein falscher Gedanke, daß es nur auf das Innere ankäme. Die Insignien der Macht schaffen Distanz zwischen dem Menschen und der Macht. Sie zeigen, daß der Macht ausübende Mensch und der der Macht unterworfene Mensch sich &#8230;</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh endet.</em></p>
<p>&#8230; voneinander unterscheiden, aber nicht im Wesen. Es ist eben nur der Hut. Wichtig bleibt immer, daß man einen Menschen nicht mit sei­nem Hut verwechselt. Und der Mensch sein Herz nicht mit seiner Perücke. Vor allem, wenn die Perücke staubig ist.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?:</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
<em>niest</em></p>
<p>Konstabler:<br />
»Euer Ehren fühlen sich doch wohl?«</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Nein, meine Ehren fühlen sich nicht wohl. Ich habe Kopfschmerzen, Mein Kreislauf hat praktisch aufgehört zu funktionieren und meine Ner­ven sind völlig am Ende.«</p>
<p>Konstabler:<br />
»Das tut mir leid.«</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Haben Sie eine Ahnung, was das heißt, hier zu sitzen Tag für Tag, wenn an Ihnen diese endlose Parade menschlicher Trümmerhaufen vorbei­zieht?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Der Bad Mergentheimer Kreidekreis.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Am 24. Oktober 1996 erschienen im Amtsgericht Bad Mergentheim eine Frau, ihr kürzlich geschiedener Mann, ein Tierpsychologe und ein zehn Jahre alter Pudel. Der ehemals gemeinsame Pudel lebte bei der Frau und der Mann verlangte »Herausgabe«. Die Frau sagte, sie fürchte um die Seele des Pudels. Der Richter beobachtete alle im Verhandlungssaal versammelten Kreaturen genau und stellte fest,</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; daß der Hund, nachdem er von der Leine genommen war, sich so­fort zielstrebig zum <em>Mann </em> begab, sich von diesem bereitwillig auf den Schoß nehmen ließ und dort deutliche Zeichen des Wohlgefallens von sich gab; z. B. leckte er das Gesicht des Mannes mehrfach ab. Der Sachver­ständige führte aus, daß der Hund nach wie vor &#8230; beide Parteien möge.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Da ein Vergleich scheiterte, und auch eine Teilung des zum Hausrat gehö­renden Pudels nicht in Betracht zu ziehen war, entschied der Rich­ter, der Mann dürfe</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; zweimal monatlich &#8230; mit dem Hund &#8230; spazieren &#8230; gehen &#8230;, je­weils am 1. und 3. Donnerstag eines jeden Monats von 14 bis 17 Uhr.«</p>
<p><em>O-Ton </em>Zar und Zimmermann<em>, Arie van Bett (wie vorher):<br />
</em>»O sancta justizia!«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Zweites Kapitel. Das Gefühl der Ratlosigkeit beim Versuch, das Recht zu erkennen. Oder: Der Schatten des Körpers des Esels.</p>
<p><em>Spr. 3 (nachdem bis hierhin ein ziemliches Tempo vorherrschte, soll der folgende Text ruhig ein wenig altväterlich gesprochen werden):<br />
</em>In der Stadt Abdera, die nicht nur in Griechenland liegt, und, wenn sie auch schon tausend Mal an der Sinnesart ihrer Bewohner zugrunde gegangen ist, &#8230;</p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>Frei nach Christoph Martin Wieland: <em>Die Geschichte der Abderiten</em>.</p>
<p><em>Hier setzt O-Ton Richard Strauss ein: Die Arie des Richters Philippides aus der Oper </em>Des Esels Schatten<em> von Richard Strauss. Die Musik strahlt eine leicht melancho­lische Heiterkeit aus und läuft unaufdringlich unter dem Text.</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>doch keineswegs ermangelt, ein tausendunderstes und zehntausendund­erstes Mal wieder geboren zu werden, und zwar ebenfalls aus der Sinnesart ihrer Bewohner, in der Stadt Abdera also trug sich der folgende bemerkenswerte Rechtshandel zu: Der Zahnarzt Struthion mie­tete einen Esel, um in die Nachbarstadt zu reiten &#8230; Es war ein heißer Mittag, die Sonne stach und dem Zahnarzt ward so matt zu Mute, wie manchen seiner Patienten beim Anblick des Dentisten-Werkzeugs. Er befahl dem Eselsführer das Tier anzuhalten, stieg vom Esel und wollte, um sich zu erfrischen, im Schatten des Eselskörpers Platz nehmen. Der Eselsführer aber war damit nicht einverstanden, er habe den <em>Esel </em>vermie­tet, nicht aber den <em>Schatten</em>. Wenn der Schatten genutzt werden solle, so sei neben der Eselsmiete eine weitere Drachme fällig. Der arme über­hitzte Zahnarzt konnte oder wollte nicht zahlen, und so kam es zu einem Prozeß, dessen Verlauf, wie alle wichtigen Angelegenheiten in Abdera, auf das lebhafteste öffentliche Interesse stieß. Die Einzelheiten des Rechtshan­dels samt seiner politischen Knoten und Knäuel auszuwickeln ist hier nicht der Ort. Was uns interessiert ist nicht der Prozeß, sondern der Richter: Philippides war, wie so viele Amtsrichter, &#8230; ein ehrbarer, nüchterner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann, der jedermann mit großer Geduld anhörte, den Leuten freundlichen Bescheid gab und im allgemeinen Rufe stand, daß er unbestechlich sei. Überdies war er ein guter Musikus und deshalb sang er, bevor er, wie es der Brauch kluger Richter ist, einen Vergleich vorschlug, eine kleine Kavatine über die Gerech­tigkeit &#8230;</p>
<p><em>Die Arie ist nun – nach 1:48 – fast am Ende und tritt für die letzten Worte in den Vordergrund, so daß man den folgenden Text gut verstehen kann:</em></p>
<p>Philippides:<br />
»Recht ist von Unrecht oft nicht zu trennen.<br />
Der Mensch ist gut, nur hat er Schwächen!<br />
Wer soll da wohl ein Urteil sprechen?<br />
Oh böses Schicksal! Grad mich verdammt es<br />
zur undankbaren Pflicht des Richteramtes.«<em> </em></p>
<p><em>O-Ton Richard Strauss endet.</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Sollte man das Urteilen überhaupt ablehnen? Sind Richter überflüs­sig? Richte nicht, lautet ein berühmtes Christuswort. Hegel sagte, die Weltgeschichte ist das Weltgerichte, heute heißt es, der Markt ist das Gesetz, der Erfolg das Urteil und kein Richter soll die Hohen Priester des Geldes daran hindern, Werte zu schaffen. Aber von welchen Werten ist da die Rede? Die Philosophin Hannah Arendt schrieb in ihrem Buch <em>Eichmann in Jerusalem</em>:</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»daß menschliche Wesen fähig sein sollten, Recht und Unrecht zu unter­scheiden und zwar selbst dann, wenn alles, was sie leiten könnte, nur ihr eigenes Urteil ist &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Diese Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; beruht auf jenem <em>sensus communis </em>– dem gemeinen und gesunden Ver­stande &#8230; Er ist das Vermögen, durch das die Menschen von den Tie­ren und den Göttern unterschieden sind. Die eigentliche Humanität des Menschen ist es, die sich in diesem Sinn manifestiert &#8230;, weil die Kommunika­tion, das heißt die Sprache, von ihm abhängt &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Recht ist Sprache. Sprache ist Atem und Leben.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Drittes Kapitel. Von den Freuden des Amtes.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Justizia ist blind, sagte sich Homer Simpson, als er – in der 19. Folge der fünften Staffel – zum Schöffen ernannte wurde. Für die Sitzung kaufte er sich eine Brille, deren Gläser zugeklebt waren. Das Volk müsse allerdings glauben, daß ein jederzeit waches Auge auf ihm ruhe, erwog Homer Simpson weiter, weshalb er die Aufkleber auf seinen Brillen­gläsern mit weit aufgerissenen Augen bemalte. Das ganze hatte übrigens den Vorteil, daß er bei den Plädoyers ungeniert die Augen schließen und vom Sitzungsgeld träumen konnte.</p>
<p><em>Alle Spr. gemeinsam (Chor der Richter) (Es handelt sich um den Chor der Richter aus der Komödie </em>Die Wespen<em> des Aristophanes):<br />
</em>»Welch Wesen auf Erden ist hoch beglückt, gefeiert und reich wie ein Richter,<br />
Hat Freuden die Füll’, ist gefürchtet zugleich, wie ein Richter, vor al­lem ein alter?«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Aristophanes: <em>Die Wespen</em>, Uraufführung 405 vor Christus. Es gab da­mals in Athen eine Leidenschaft, die man »Philheliastie« nannte. Man könnte das Wort mit »Richterwahn« übersetzen. Die Athener verklagten einander wie verrückt. Jeden Tag gab es Prozesse. Sie fanden im Freien statt. Es gab kunstvolle und tränenreiche Reden. Man schaute mindestens so gerne zu wie im Mittelalter den Weltgerichtsspielen und heutzutage bei Barbara Salesch. Jedes Zeitalter hat seine eigene Form der Gerichts-show. In Athen wollte jeder Richter sein. Die Chancen dazu waren gut. Denn ein Gericht bestand, je nach Wichtigkeit des Falles, aus bis zu 1001 Rich­tern.</p>
<p><em>Chor der Richter:<br />
</em>»Ich komme nach Haus, mit der Löhnung im Maul, &#8230; und mein Töchter­chen wischt ganz behende<br />
Jedes Stäubchen mir ab und salbt mir die Füß’ und drückt mich und hät­schelt<br />
Und küßt mich: ›Mein liebes Papachen!‹ und fischt drei Obolen raus mit der Zunge.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Drei Obolen pro Sitzung, damit konnte eine Familie gut auskommen. Athen hatte damals ungefähr 50.000 Bürger. Davon waren 6.000 Richter. Deutschland hat knapp 15.000 Richter und müßte 10 Millionen haben, um mit dem Athen der Blütezeit gleichzuziehen.</p>
<p><em>Chor der Richter:<br />
</em>»Denn wenn im Gerichtshof wir lärmen und schrein,<br />
Da bleiben sie stehn, die vorüber gehn,<br />
Und sprechen: Allmächtiger Zeus, das Gericht!<br />
Wie es donnert und tobt!<br />
Und schleudr’ ich den Blitz, dann schnattern vor Angst<br />
Und Entsetzen die reichen, hochachtbaren Herrn<br />
Und kacken sich voll.«</p>
<p><em>Spr. 2 (dem Chor ins Wort fallend):<br />
</em>»Macht nicht solchen Lärm, Ihr Richter von Athen &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4 (leise über den weiterlaufenden Text gesprochen):<br />
</em>Nach Platon, <em>Die Verteidigung des Sokrates</em>.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Ich sage Euch: Wenn der Tod, den Ihr soeben über mich verhängt habt &#8230; nichts weiter ist als eine Auswanderung aus dieser Welt an einen anderen Ort, und wenn ferner das wahr ist, was gesagt wird, daß nämlich alle Verstorbenen im Hades sind – was für ein größeres Glück könnte es wohl geben als eben dies? Denn wenn jemand nun endlich seine diessei­tigen Richter los wird und, in der Unterwelt angelangt, dort die wahren Richter antrifft, die dort wahres Recht sprechen, nämlich den Minos und Rhadamanthys &#8230; wäre das wohl ein schlechter Umzug?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em><em>Der chinesische Kreidekreis</em>. Klabund.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>China, das alte Reich. Wieder ein Streit zwischen zwei Frauen um ein Kind. Die wahre Mutter, Tschang-Haitang, hofft auf ein salomonisches Urteil. Aber der Richter hat andere Gedanken.</p>
<p><em>Spr. 5 (innerer Monolog, genüßlich):<br />
</em>»&#8230; heute bin ich leider ein wenig verkatert. Ich habe die Nacht &#8230; ver­bracht in Gemeinschaft mit den drei reizenden Mädchen Yü, Yei und Yau &#8230; Der Nacken von Yü, alle Achtung! Aber die Schenkel von Yau, auch nicht übel. Aber erst die kleinen Brüste von Yei, ihnen muß ich doch den Preis zuerkennen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Tschang-Haitang wirft sich vor dem Richter nieder. Aber sie hat keine Chance. Er ist bestochen.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Im Namen seiner himmlischen Majestät erkennt der Hohe Gerichts­hof zu Recht folgendes Urteil: Die Angeklagte Tschang-Haitang wird wegen versuchten Kindesraubes &#8230; zum Tod durch des Henkers Schwert verurteilt. Gerichtsdiener, legt ihr den Block um den Hals.«</p>
<p><em>Hier beginnt O-Ton Oper </em>Die Teufel von Loudun<em> (handelt von einem Inquisitions­prozeß), Krysztof Penderecki, 3. Akt, 1. Szene, Vorspiel. Es handelt sich um eine sehr leise beginnende, düstere Musik (etwa 1:40). Sie wird den Text nicht stören, da sie, bis auf einige Spitzen, fast nur ein Rauschen und Grummeln ist. Sie soll unter allen im folgenden Kapitel enthaltenen Texten von Spr. 5 liegen, die dem Ab­schnitt über das Jüngste Gericht aus der </em>Legenda Aurea<em> des Jacobus de Voragine (gest. 1298) nachempfunden sind. Sie müßte zeitlich ungefähr reichen, wenn nicht, soll sie einfach wieder von vorne anfangen. Wenn sie – vor allem am Anfang – zu leise ist, um ihren Zweck zu erfüllen, nämlich die Texte aus der Legenda aurea einerseits atmosphä­risch zu verstärken und sie andererseits von den eingeschobenen Texten (Um­berto Eco, Joseph Conrad, Victor Hugo) abzusetzen, kann man auch lediglich die etwa zwanzig lauteren und dramatischeren Sekunden aus der zweiten Hälfte der Musik nehmen und jeweils unter den Texten von Spr. 5 wiederholen. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Kapitel vier: Angst</p>
<p><em>Spr. 1, 2, 3: (wie eine düster gemurmelte Litanei):<br />
</em>»Adventus domini per quattuor septimanas agitur ad significandum quod quadruplex est adventus: scilicet in carmen, in mentem, in mortem et ad judicium &#8230; signa autem terribilis praecedentia judicium et comitan­tia. Antecedentia sunt tria signa terribilia Antichristo fallacia et ignis vehe­mentia.«</p>
<p><em>Spr. 5 (feierlich und ernst, einsetzend nach dem Wort »septimanas« im vorherigen Text, der dann rasch zurücktritt und ausläuft):<br />
</em>»Amen. Amen. Hallelujah.<br />
Vierfach ist die Ankunft des Herrn: Drei Mal voll Freude über die Menschwerdung Gottes, ein Mal voll Angst vor der Strenge des Richters.<br />
Und dies sind die Vorzeichen des Gerichts: Das Meer wird sich heben fünfzehn Ellen über das höchste Gebirg. Das Untier des Meeres wird aus den Tiefen treten an Land und es wird brüllen zum Himmel und nie­mand wird sein Brüllen verstehen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1 (über den weiterlaufenden Text von Spr. 2, leise):<br />
</em>Das Jüngste Gericht nach Jacobus de Voragine, gestorben 1298, <em>Le­genda aurea</em>, Kapitel 1, De adventu domini:</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»&#8230; Die Vögel werden fallen vom Firmament und verstummen in Furcht vor dem Richter. Blitze fahren dem Himmel ins Angesicht, die Felsen bersten und die Steine prasseln, die Lebenden fliehen aus ihren Häusern und Höhlen, die Gebeine der Toten verlassen die Gräber und heulen in den Gassen. Die Sonne wird schwarz wie ein härener Sack, der Mond ein blutiger See in der Nacht &#8230; Hiernach beginnt das Gericht des Richters, wie Johannes in der Geheimen Offenbarung sagt: Und aus dem Mund des Richters ging ein scharf Schwert &#8230;«</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Bernard Gui &#8230; wußte &#8230; sehr genau, wie man die Angst seiner Opfer in Panik verwandelt. Er sprach nicht, im Gegenteil, während alle erwarte­ten, daß er mit dem Verhör beginnen werde, wühlte er schweigend in den Blättern &#8230;«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>Umberto Eco: <em>Der Name der Rose</em>. »Fünfter Tag – Nona – Worin Recht gesprochen wird und man den beklemmenden Eindruck hat, daß alle im Unrecht sind.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»&#8230; die ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch lagen, und tat so, als ob er sie ordnete – aber zerstreut, denn sein Blick war dabei auf den Angeklag­ten gerichtet, und in diesem Blick lag eine Mischung aus geheuchelter Nachsicht &#8230;, aus eisiger Ironie &#8230; und aus gnadenloser Strenge.</p>
<p><em>O-Ton Freisler – aus dem bekannten Film über die Verhandlungen gegen die Verschwö­rer des 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof, man hört Freisler, teils leise, teils tobend, manchmal auch einen der Angeklagten, ohne die Worte im einzelnen alle genau zu verstehen, – läuft ab hier unter dem Eco-Text, kann ihn gelegentlich auch übertönen und am Schluß um wenige Sekunden überstehen</em>:</p>
<p>All das wußte der <em>Angeklagte</em> längst, doch der lauernde Blick und das Schweigen des Inquisitors dienten dazu, es ihm erneut ins Gedächtnis zu rufen, ja es ihn geradezu körperlich spüren zu lassen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius, Angeklagter):<br />
</em>»Meine Seele ist unschuldig &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, Richter, brüllt):<br />
</em>»Seht ihr? So reden sie alle! Wenn einer von ihnen gefaßt wird, tritt er vor das Gericht, als ob sein Gewissen ruhig und rein wäre &#8230; sage mir nun: Woran glaubst du?«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Ich glaube alles, was Ihr und die anderen guten Doctores mich glau­ben heißen.«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, triumphierend):<br />
</em>»Aha! Aber die ›guten Doctores‹ &#8230; Du deutest an, daß du mir glau­ben würdest, wenn ich glauben würde, was jene glauben, andernfalls aber glaubst du nur ihnen!«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Nein, Herr Inquisitor, nein, ich schwöre euch &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard):<br />
</em>»Du schwörst? Ein neuer Beweis deiner Ruchlosigkeit! &#8230; Du elender Fuchs.«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Aber was kann ich denn tun?«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, zunächst brüllend):<br />
</em>»&#8230; Gar nichts kannst du mehr tun. Ich allein weiß, was jetzt noch ge­tan werden muß <em>&#8230; (plötzlich eisig und sarkastisch)</em> Dir bleibt nur noch zu gestehen. Doch wenn du gestehst, wirst du verdammt und verurteilt wer­den, und wenn du nicht gestehst, wirst du auch verdammt und verurteilt werden, nämlich wegen Meineides. <em>(ganz milde und boshaft:)</em> Also gestehe, um wenigstens dieses Verhör abzukürzen, das unser Gewissen quält und unseren Sinn für Mitleid und Güte verletzt.«</p>
<p><em>O-Ton Freisler endet</em></p>
<p><em>O-Ton Penderecki beginnt wieder </em></p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Er wird erscheinen im Tale Josaphat im heiligen Lande und wird auf einer Anhöhe sitzen. &#8230; Und wenn nicht alle Platz finden im Tale Josaphat und in den umliegenden Dörfern im heiligen Lande, so werden bestimmte Auserwählte über den Köpfen der anderen schweben, selbst Sünder werden schweben, wenn der Richter es will &#8230; Und einige der Vollkommenen werden das Urteil des Richters unterschreiben, wie es Beisitzer tun &#8230;</p>
<p>Und der Richter siehet durch alle Schlösser, da wird Finsternis Licht, was stumm ist, antwortet, und alle Heimlichkeit wird offenbar &#8230;</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Zwischen den roten Gesichtern der beiden Beisitzer vom Schiffahrts­gericht blickte ihn, totenbleich, das glattrasierte und unbeteiligte Gesicht des Gerichtsvorsitzenden an. Aus einem großen Fenster unterhalb der Decke fiel Licht auf die Köpfe und Schultern der drei Männer, und ihre Konturen zeichneten sich mit schmerzhafter Deutlichkeit im Zwielicht des Gerichtssaals ab, wo die Zuhörer nichts als Schatten und Blicke zu sein schienen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (leise, rasch):<br />
</em>Joseph Conrad, <em>Lord Jim</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; Plötzlich sah ich wieder &#8230; den düsteren Gerichtssaal, die Hufeisen­tafel der Richter, auf der blutbefleckte Lumpen lagen, die drei Reihen der Zeugen mit ihren stupiden Gesichtern, die zwei Gendarmen an den bei­den Enden meiner Bank und die schwarzen Roben &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (leise):<br />
</em>Victor Hugo, <em>Der letzte Tag eines Verurteilten</em></p>
<p><em>O-Ton Penderecki beginnt wieder</em></p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Drei Zeugen stehen wider den Menschen beim Jüngsten Gericht. Der erste ist Gott. Denn Jeremias sagt: So spricht der Herr: Ich bin Richter und Zeuge! Der andere Zeuge ist unser Gewissen. Und der dritte ist der Engel.«</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 5 (wie Filmwerbung, vielleicht etwas akustisch verzerrt):<br />
</em>»Man schreibt das dritte Jahrtausend. Nukleare Kriege und ökologi­sche Katastrophen haben die Erde verwüstet &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Aus der Kinowerbung</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»&#8230; Staaten existieren nicht mehr &#8230; Aus dem Chaos hat sich ein neues, radikales Rechtssystem erhoben, das System der Judges. Sie sind Polizis­ten, Richter und Vollstrecker zugleich. Judge Dredd (Sylvester Stallone) ist eine lebende Legende in Megacity I &#8230; Judge Dredd ist das Gesetz.«</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> – Oper von Gilbert &amp; Sullivan – handelt von einer jungen Frau, die ihren Verlobten auf Einhaltung des Heiratsversprechens verklagt. Der Richter, der seinen Posten mit Hilfe seiner Frau und seines Schwiegervaters ergattert hatte, ver­liebt sich in die Klägerin und heiratet sie. Eine ironisch-feierliche Musik, die aus der Bloom/Joyce-Zeit stammt. Sie beginnt mit den Worten »Silence in Court!« und läuft etwa 2:00.</em></p>
<p><em>Spr. 5 (Dies ist an sich noch Teil des Textes aus der </em>Legenda Aurea<em>, es soll aber jetzt eine Wendung aus dem Düsteren zurück in etwas hellere Stimmung beginnen, deshalb kein Penderecki mehr, sondern Gilbert and Sullivan):<br />
</em>»So spricht Gregorius, der Heilige: ›Oh wie enge werden die Wege des Sünders!‹ Über sich sieht er den zornigen Richter, unter sich den gähnen­den Höllenschlund, zur Linken die Teufel und inwendig das schlechte Gewissen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Am 16. Juni 1904 um 24 Uhr steht Leopold Bloom, der nachdenk­lichste Anzeigenwerber der Weltliteratur, in Dublin auf der Mabbot Street, Eingang zur Nachtstadt, heute Nähe zentraler Busbahnhof. Ein Albtraum. Denn &#8230;</p>
<p><em>Spr. 5 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>James Joyce, <em>Ulysses</em>.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Bloom steht vor Gericht. Alle seine Sünden einschließlich der sündi­gen Gedanken treten als Zeuginnen in Person gegen ihn auf.</p>
<p><em>Spr. 4 (Mrs Talboys):<br />
</em>»Dieser plebejische Don Juan &#8230; sandte mir &#8230; eine obszöne Photogra­phie, eine Beleidigung für jede Dame. Ich habe sie heute noch. Sie stellt eine teilweise nackte Senorita dar, &#8230; die gerade unerlaubten Verkehr mit einem muskulösen Torero ausübt &#8230; Er bedrängte mich, desgleichen zu tun &#8230; und mit den Offizieren der Garnison zu sündigen. Er flehte mich an, seinen Brief in der unaussprechlichsten Weise zu beschmutzen, ihn zu züchtigen, &#8230; ihn zu besteigen und zu reiten und ihn auf die lasterhafteste Weise auszupeitschen &#8230;«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1 (Mrs Bellingham):<br />
</em>»Mich auch!«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 4 (Mrs. Yelverton Barry):<br />
</em>»Mich auch!«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Seine Ehren, Sir Frederick Falkiner, Kriminalrichter von Dublin, in richterlicher Robe aus grauem Stein, erhebt sich steinbärtig von der Bank. Er trägt in den Armen ein Regenschirm-Szepter. Aus seiner Stirn sprießt stark das Mosaische Widdergehörn &#8230; Er setzt das schwarze Barett auf &#8230;«</p>
<p><em>Spr 5 (Sir Frederick Falkiner, Kriminalrichter, sehr hart):<br />
</em>»Bloom soll von der Anklagebank pede stante abgeführt werden, Herr Unter-Sheriff! Er soll im Mountjoy-Gefängnis inhaftiert werden, solange es Seiner Majestät gefällt, und er soll an seinem Halse hängen, bis er tot ist. Und Sie haften mir persönlich für die Vollstreckung dieses Befehls, Herr Unter-Sheriff, Gott sei Ihrer Seele gnädig. Schafft ihn weg!«</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em><em>Kölner Express</em> vom 31. Dezember 2003</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Dr. Ruth Herz (60), hat jetzt selber Ärger mit der Justiz. &#8230; In der RTL-Show <em>Das Jugendgericht</em> spricht die promovierte Juristin Recht vor einem Millionenpublikum &#8230; Wie Express gestern aus Justizkreisen bestä­tigt wurde, soll sich Ruth Herz im Sommer dieses Jahres unerlaubt vom Unfallort entfernt haben. Das wäre eine Straftat &#8230; Bislang streitet die Fernsehrichterin &#8230; ab.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Kant forderte von der öffentlichen Gewalt Publizität. Wer sich nicht zeigt, hat etwas zu verstecken, heißt es, und man vergißt dabei, daß es nicht nur politische Prinzipien, sondern auch Schamgefühle gibt, die den Menschen schützen müssen, wenn er nicht ein nacktes öffentliches Tier werden soll. Also zu Recht kein Fernsehen im Gerichtssaal. Aber Gerichtssäle im Fernsehen. Und der Fernsehrichter in der Mitte mit golde­nem Namensschild und erhobenem Sessel, reinlich anzusehen, und von olympischer Gelassenheit. Nie fällt ein falscher Blick auf die aggressiv dargebotenen Busen, Schenkel und Gesäßrundungen der Prozeßteilneh­mer. Niemand kann glauben, daß so ein Richtermensch, dessen Charak­ter flach und glatt glänzt wie ein TFT-Bildschirm, Schrammen in einer Tiefgarage hinterläßt. Denn eigentlich ist er gar kein richtiger Mensch, obwohl er doch ein wahrer Richter ist.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Fünftes Kapitel. Dorfrichter</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wie anders steht es um Adam, den Menschen. Der Dorfrichter, in des­sen Amtsräumen sich Wurstpellen um Schnapsflaschen ringeln.</p>
<p><em>O-Ton Viktor Ullmann, </em>Der zerbrochene Krug<em>, Oper nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heinrich von Kleist, 1. Szene, Dialog zwischen Adam und Licht, dem Gerichtsschreiber.</em></p>
<p>Licht:<br />
Ei, was zum Henker, sagt Gevatter Adam!<br />
Was ist mit Euch gescheh’n? Wie seht Ihr aus?</p>
<p>Adam:<br />
Ja seht, zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße. Gestrauchelt bin ich hier. Denn jeder trägt den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.</p>
<p>Licht:<br />
Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg’ jeglicher?</p>
<p>Adam:<br />
Ja, in sich selbst!</p>
<p><em>O-Ton Ullmann endet</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Nachts war Adam hinter Evchen her. Sie wehrte sich und ein Krug zer­brach. Nun sitzt Adam zu Gericht. Der Prozeß, den er entscheiden wird, geht um eben jenen Krug, von dem nur Adam und Evchen wissen, wie er zerbrach. Adam verurteilt einen Unschuldigen, um sich aus der Affäre zu ziehen. Doch dann taucht ein Beweisstück auf, das ihn entlarvt: Am Tatort wird seine Perücke gefunden. Der Richter flieht.<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Seht, wie der Richter Adam &#8230; das aufgepflügte Winterfeld durch­stampft! &#8230; Seht! Seht! Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht!«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Im Unglück nichts weiter zu sehen als Zufall oder das Resultat einer Wette zwischen Gott und Teufel, ist eine Beleidigung für das Kausalitäts­denken. Unglück ist Schuld,</p>
<p><em>Während der Text weiter läuft, setzt O-Ton Oper </em>Der zerbrochene Krug<em>, Fi­nale mit Chor, Dauer etwa 1:10, ein. Die Musik soll zunächst nur leise unter dem gesprochenen Text liegen, es ist nicht nötig, daß der Hörer vom ersten Teil des gesunge­nen Texts mehr mitbekommt, als die Signalworte »Adam«, »Eve«, »Apfel«. Frei stehen sollen dann die letzten etwa 10 bis 15 Sekunden des O-Tons, wo die Worte »Fiat justizia« deutlich hervortreten. </em></p>
<p><em>Informationshalber hier der ganze Text des Schlußchors von Eve, Marthe, Rup­recht, Veit, Licht, Walter:</em></p>
<p><em>»Adam und Eve, Adam und Eve, es ist ein alter Trug, immer doch neu: Sie brach den Apfel, er brach den Krug. Hätte einst Eve den Apfel nicht brochen, hätt’ heut’ der Adam nicht Unrecht gesprochen! Doch wer mag schuldig sein, ist er nicht gern allein, alle sind lieber zu zwein, zu zwein! Adam und Eve, Adam und Eve, fiat justitia da­mals wie ebenda: Richter soll keiner sein, ist nicht sein Herze rein: fiat justizia!«   </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>&#8230; fremde oder eigene, das glaubt die Vernunft und sie verlangt einen Richter, der im Namen der Gemeinschaft das Unglück ausgleicht. Ein Urteil muß gesprochen werden, obwohl es mit Erkenntnis und Moral bei Richtern nicht besser bestellt ist als bei anderen Menschen. Aus der Diffe­renz zwischen Anspruch des Amts und Realität der Person entsteht Tra­gik. Oder Komik. Erkenntnis und Schuld sind die großen Themen. Zwi­schen ihnen besteht ein Zusammenhang. Oedipus wurde aus Mangel an Erkenntnis schuldig. Er hatte kein schlechtes Gewissen, so lange er nichts wußte. Deshalb war er ein glücklicher Mann im Vergleich zu Kleists Dorf­richter Adam, der seine Schuld kennt und dessen Prozeßführung ausschließlich dazu dient, den eigenen Sündenfall zu vertuschen. Aber war es Sünde? Oder Liebe? Was ist der Fall?«</p>
<p><em>O-Ton Oper </em>Der zerbrochene Krug<em> ist an der Stelle, wo es heißt »Fiat Justi­zia!« und endet mit dem Schlußakkord der Oper. Dann</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Was der Fall ist, weiß der Richter in der Wirklichkeit nicht aus eige­ner Erfahrung. Aber was ist ein »Richter in der Wirklichkeit«? Und wie wirklich sieht er die Wirklichkeit? Sein Erkenntniswerkzeug ist die Spra­che: Gesetze, Kommentare, Schriftsätze, Präjudizien, Dokumente – eine Welt aus Zeichen, alles sehr zerstreut und oft widersprüchlich: Wenn die Wahrheit ein Krug ist mit einem Bild darauf, dann bekommt der Richter sie nie ganz zu sehen. Weiß er über sich selbst mehr als Worte?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Hier ist Oskar Jellineks Geschichte von einem dürren Dorfrichter, der einmal in seinem Leben stark sein will wie ein Bauer. Nun wird ihm der Frauenliebling des Dorfes, der hübsche Quirin vorgeführt. Es besteht Mordverdacht. Wird der Richter stark genug sein?</p>
<p><em>Text läuft weiter, während O-Ton Benjamin Britten, Oper </em>Billy Budd<em> (nach ei­ner Novelle von H. Melville), einsetzt. Es geht um den jungen, hübschen, unter Druck stets stotternden Seemann William ›Billy‹ Budd, der vom Schiffsprofos schikaniert wird und ihn im Affekt tötet. Zwei Leutnants und ein Segelmeister bilden daraufhin ein kriegsrechtliches Standgericht und verurteilen den jungen Billy Budd zum Tode, weil sie glauben, nach Recht und Gesetz keine andere Wahl zu haben. – 2. Akt, 2. Szene: 34 Orchesterakkorde, die erklingen, während der Kapitän, der von Billys moralischer Un­schuld überzeugt ist, dem jungen Mann das Todesurteil verkündet. Die Musik dauert etwa 2:20 und müßte die Sprechdauer bis zum Ende der folgenden Geschichte von Oskar Jellinek geringfügig überschreiten, so daß zwischen den Abschnitten der Geschichte und am Schluß je einer der 34 Orchesterakkorde allein steht.         </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Wo war Quirin in der Tatnacht?</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»In Quirins Kehle stieg ein hilfloses Schluchzen &#8230; ›Das ist nicht mein Messer, das ist nicht mein Messer‹ stieß er &#8230; hervor, auf die blutige Klinge weisend, ›ich schwör’s bei meiner Mutter Seligkeit!‹ – ›Laß deine Mutter, Quirin,‹ sagte <em>der Richter</em>.«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Nachdem <em>der Richter</em> noch einige administrative Akten erledigt hatte, ging er nach Hause &#8230; Er faltete die Stirn und trat ein. Am geöffneten Fenster stand Wlasta, seine Frau, und sang. ›Du hältst ihn natürlich für unschuldig!‹ – ›Ich – wen?‹ – ›Wen? No, den Qurin!‹ Wlasta &#8230; schluckte geflissentlich und sagte dann: ›Gewiß halt’ ich ihn für unschuldig.‹ &#8230; ›Der Quirin ist kein Mörder – das weiß jeder, der nicht neidisch oder eifersüch­tig ist auf ihn.‹ sagte sie &#8230;«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Quirin Michalek hatte in dieser Nacht gebangt, gehofft und gebe­tet &#8230; Er warf sich hin und her. Denn das, was er gestehen sollte, hatte er nicht begangen, und das, was er begangen hatte, durfte er nicht geste­hen.«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Der Richter hatte Quirins Geständnis sofort protokolliert und ihn dann abführen lassen. In diesem Augenblick wurde weit die Tür geöffnet, und Wlasta, <em>seine Frau</em>, rauschte herein. <em>Der Richter</em> erstarrte. ›Was – was unterstehst du dich?‹ – ›Ich komme dir sagen, daß der Quirin unschuldig ist. Er war gestern nacht bei mir.‹ &#8230; Da sah <em>der Richter</em> seine Macht in den Abgrund versinken &#8230; Er war blamiert, entthront, verstoßen &#8230; Und in dem siedenden Verlangen, Hohn und Spott von sich abzuwehren, stieß er zu. Wohl hielt seine Frau &#8230; das Gebetbuch schützend vor ihre Brust, aber der Stahl traf ihre Kehle, tödlich &#8230; <em>Der Richter</em> stand vor der Leiche seines Weibes. Ihm war leicht zumute. Er hatte kraftvoll gehandelt wie ein Bauer.«</p>
<p><em>O-Ton Benjamin Britten endet mit Orchesterakkord.</em></p>
<p><em>Direkt anschließend: O-Ton Peter Tosh </em>Here comes the judge!<em> (wie oben) läuft un­ter dem Text weiter.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Sechstes Kapitel: Wenn Sie sich Ihren Richter malen könnten, dann sähe er so aus wie &#8230; ?</p>
<p><em>(Die folgenden Texte sollen sehr schnell gesprochen werden, können auch einander ins Wort fallen.)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>&#8230; Frank Engelland von RTL, weil er süß ist wie die Gerechtigkeit.<em> </em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>&#8230; der aus dem Buch von Ulrich Wickert, Jaques Ricou, weil er super aussieht, den Präsidenten der Republik vor Gericht bestellt, und weil er seine Gefühle zeigen kann, ich glaube, einmal weint er sogar.</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>&#8230; jedenfalls nicht wie Daniel Savage aus dem Roman von Tim Parks, der die Mädels von der Geschworenenbank rannimmt und den Angeklag­ten Vorträge über Gerechtigkeit hält.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>&#8230; immer noch Ronald Schill, weil der klare Ansagen hat.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>&#8230; Barbara Salesch, eine Mutter des Rechts in Deutschland.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>&#8230; wie der Richter Di aus dem alten China, rätselhaft in den Wegen sei­nes Geistes, entschlossen im Handeln und glücklich zu Hause bei sei­nen drei Frauen.</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh endet.</em></p>
<p><em>Spr. 4 (etwas langsamer als die vorherigen Texte, gewissermaßen offiziell):<br />
</em>&#8230; kurz gesagt, wie aus dem Lexikon von 1838 »eine zur Handhabung der Gerechtigkeitspflege bestellte Person, die an keinen physischen Män­geln leidet, den vollen Gebrauch ihres Verstandes hat und weder taub, stumm noch blödsinnig ist und ein angemessenes Alter erreicht hat.«</p>
<p><em>Spr. 2 (wieder schnell):<br />
</em>&#8230; nein, ganz anders, am ehesten wie der Azdak aus dem <em>Kaukasischen Kreide­kreis</em>, weil er das Kind nicht der leiblichen, sondern der mütterlichen Mutter zuspricht, er geht nicht nach dem Blut, sondern nach dem Ver­stand und hat trotzdem ein riesiges Herz, aus dem er sein Leiden an der Ungerechtigkeit herausschreit.</p>
<p><em>O-Ton Hanns-Ernst Jäger, singt das Lied des Azdak (etwa 1:10). Ich habe den Text gekürzt, was meiner Meinung nach mit dem O-Ton gut geht, da genügend Pausen vorhanden sind. Der O-Ton kann auch schon etwa ab Mitte des vorstehenden Textes von Spr. 2 einsetzen</em>:</p>
<p>»Die Ämter sind überfüllt, die Beamten sitzen bis auf die Straße.<br />
Die Flüsse treten über die Ufer und verwüsten die Felder.<br />
Die ihre Hosen nicht selber runterlassen können, regieren Reiche.<br />
Sie können nicht auf vier zählen, fressen aber acht Gänge. &#8230;</p>
<p>Darum bluten unsere Söhne nicht mehr, weinen unsere Töchter nicht mehr.<br />
Darum haben Blut nurmehr die Kälber im Schlachthaus,<br />
Tränen nur mehr die Weiden gegen Morgen am Urmisee.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em><em>Unbefleckte Empfängnis. Ein Kreidekreis</em> von Rolf Hochhuth, Uraufführung 1989</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Streit um ein im Reagenzglas erzeugtes Kind. Sonja, die Leihmutter, Lisbeth, die genetische Mutter, ferner die jeweiligen Ehemänner und der verantwortliche Arzt sind sich einig: Lisbeth, die genetische Mutter, soll das Kind haben. Aber die Politik mischt sich ein. Der Staat hat eine Ethik-Kommission gegründet, bestehend aus der grünen Feministin, dem liberalen Landtagspräsidenten und Monsignore Siebenstiehl von der katholi­schen Kirche. Die verstehen zwar wenig von Gynäkologie, aber alles von Moral. Sie sorgen dafür, daß es zum Prozeß kommt. Dem Arzt soll die Zulassung und Lisbeth das Kind genommen werden. Als der Staats­anwalt und das Jugendamt zugreifen wollen, arrangiert die mutige und listige Richterin Heinemann eine Verhandlungspause, damit Lisbeth mit ihrem Kind fliehen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Siebentes Kapitel: Wie die Entscheidung gefunden wird. Oder: Fast al­les steht im Gesetz und der Rest in der Seele des Richters.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Endlich kamen</p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiter laufenden Text):<br />
</em>Nach François Rabelais, <em>Gargantua und Pantagruel</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Panurg und Pantagruel doch in die schöne Stadt Tausendzung. Aber was müssen sie sehen! Der berühmte Richter Gänsezaum sitzt auf der Anklagebank. Der Großpräsident Breitmaul vom Obergericht wirft dem alten Gänsezaum vor, ein Fehlurteil gesprochen zu haben. Gänsezaum murmelt etwas von nachlassender Sehkraft und Würfeln &#8230;<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Was für Würfel? Von welchen Würfeln redet er?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Die Würfel der Rechte, Euer Ehren, Alea judiciorum, wie davon Docto. schreiben 26. quaestiones 2. Kapitel Abschnitt 1, emptio quod debetur, fortfolgende etcetera pp. &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Ihr würfelt ums Recht?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Alles nach Vorschrift, Herr Chefpräsident, und wie es der Gerichts­brauch not tut, folglich wird zuerst die Akte studiert, durchwälzt, gelesen, wiedergelesen, sodann repetiere und revidiere ich Petitiones, Citationes, Comparationes, res licita et illicita, Einreden, Ausreden, Kreuzverhör, Querverkehr und nicht zuletzt die praktische Konkordanz, &#8230;«</p>
<p><em>Spr 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Ich verstehe.«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»&#8230; und zwar alles doppelt, also für beide Seiten, audiatur et altera pars, dann leg ich alle Akten des Beklagten rechts auf den Schreibtisch und würfel&#8216; für ihn, denn ›cum sunt partium jura obscura &#8230;‹, zu Deutsch: ›ist das Recht in dunkler Lage, weise besser ab die Klage.‹ Doch anschlie­ßend leg ich die Akten des Klägers auf die linke Seite des Schreibtischs und werfe für ihn des selbigen gleichen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Und wie entscheidet Ihr?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Immer für den, für den ich zuerst gewürfelt habe.«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Und warum dann so viele Umstände?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Die Form! Herr Chefpräsident, die Form! Bei deren Ermangelung nichts gültig ist. Gerechtigkeit durch Verfahren, oder wie der Aquinat sagt, forma mutata mutatur substantia ipse. Zum zweiten Leibes Ertüchti­gung. Ist denn in unserer Rats-Welt irgend ein so würziges gymnastisches Vergnügen als: Akten kramen, Zettel stöbern, Lesezeichen einkleben und ausnehmen, radieren, siegeln, in Regalibus suchen, Staub abblasen. Und drittens: Das Volk sagt immer, schnell, schnell, schnell die Rübe runter! Doch falsch Urteil ist schneller vollstreckt als begründet. Die Zeit ist die Mutter der Wahrheit, wie Sankt Gregorius sagt. Dieserhalben verschieb, verspät und vertag ich was ich vertagen kann, daß der Prozeß zur Reif gedeih, damit er sein Los, wenn es ihn trifft, leichter trage.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Achtes Kapitel: Zeit, Recht, Schönheit.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das Kreuz ist aus dem Gerichtssaal verschwunden, an seine Stelle ist die Uhr getreten. Der Hüter der Zeit ist in den Mythen aller Völker zu­gleich Hüter des Rechts,« sagt Ernst Cassirer in der <em>Philosophie der symboli­schen Formen</em>.</p>
<p>Spr. 1:<br />
Kreidekreise</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wer allein auf einer Insel lebt, kann Weisheit besitzen. Aber niemand kann für sich allein gerecht sein. Gerechtigkeit ist eine gesellige Tugend. Wie Liebe und Schönheit setzt sie Gesellschaft voraus und den Spiegel, der das Urteil spricht. Dieser sprechende Spiegel ist der Richter. Sein Wort zeitigt gute Proportionen, wenn es die Wahrheit zeigt. Wenn nicht, schafft es Unglück. Das ist die Lehre des Kreidekreises.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Neuntes Kapitel: Alte und junge Richter</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Es war ein Mann zu Babylon, der hatte ein Weib, die hieß Susanna &#8230;, die war sehr schön &#8230; Es wurden aber &#8230; zwei Älteste aus dem Volk zu Richtern gesetzt &#8230; Die &#8230; liefen zu ihr und sprachen: Susanna, siehe der Garten ist zugeschlossen und niemand sieht uns und wir sind entbrannt in Liebe zu Dir, drum tu unsern Willen. Willst du aber nicht, so wollen wir schwören, daß wir einen jungen Mann bei dir gefunden haben &#8230; Und Susanna tats nicht was sie verlangten und fing laut an zu schreien, aber die Richter schrien auch &#8230; Und das Volk glaubte den zweien als Richtern &#8230; und verurteilten Susanna zum Tode&#8230;Und da man sie zum Tode führte, erweckte Gott den Geist eines jungen Knaben. Der hieß Daniel &#8230; und fing laut an zu rufen &#8230; ›Seid ihr &#8230; solche Narren, daß ihr eine Toch­ter Israel verdammt, ehe Ihr die Sache erforscht habt &#8230;?‹ Und alles Volk kehrte eilend um &#8230; und sprachen zu Daniel: ›Setz dich her zu uns. Gott fordert dich zum Richteramte!‹ Und Daniel sprach: ›Trennt die beiden Alten, so will ich jeglichen von ihnen gesondert verhören.‹ Und da sie die beiden getrennt hatten, sprach er zu dem ersten: ›Hast du nun Susanna gesehen, wie der junge Mann bei ihr lag, so sage an: Unter welchem Baum hast du sie gefunden?‹ Er antwortet: ›Unter einer Linde.‹ &#8230; Dann ließ er den anderen vor sich kommen und sprach zu ihm: ›Nun sage an: Unter welchem Baum hast du Susanna und den jungen Mann gefunden?‹ Er aber antwortet: ›Unter einer Eiche.‹ Da sprach Daniel: ›Oh recht! Mit eu­rer Lüge bringt Ihr Euch selbst ums Leben.‹ Da fing alles Volk an, laut zu rufen und sie priesen Gott. Und Daniel ward groß vor dem Volk von dem Tage an &#8230;«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Zehntes Kapitel: Befragung einiger herausragender Richterpersönlich­keiten</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Um mit dem schwersten zu beginnen: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Justiz passe sich jedem politischen System an?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc<em>?:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Überspringen wir einfach diesen Teil und gehen wir weiter.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Eine Frage zur Person. Wenn Sie in den Spiegel sehen, wie finden Sie sich?</p>
<p><em>O-Ton </em>Zar und Zimmermann<em>, Arie des van Bett:<br />
</em>»Diese ausdrucksvollen Züge,<br />
dieses Aug’ wie ein Flambeau &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Wenn Sie den Gerichtssaal betreten und einen jugendlichen Angeklag­ten sehen, was denken Sie dann?</p>
<p><em>O-Ton </em>Die zwölf Geschworenen<em>:<br />
</em>»Diese Jungs von heute, die taugen alle nichts. Als ich ein Kind war, habe ich zu meinem Vater Sie gesagt.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Das erinnert mich an die Devise von Judge Roy Bean »Hang ’em first – verhandelt wird später.« Empfinden Sie es als Beleidigung, wenn ich Sie frage, ob ein Richter vielleicht etwas differenzierter denken sollte?</p>
<p><em>O-Ton </em>Die Rache des Jesse James<em>:</em></p>
<p>Richter:<br />
»Macht 50 Dollar.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Was ist Ihr größter Fehler?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Mitleid. Ich habe einfach zu viel &#8230; Mitleid.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>In einem Roman von Gabriel García Márquez heißt es: »Elf Monate nach Amtsantritt ließ sich Richter Arcadio zum ersten Mal in seinem Büro nieder.« Sind Richter faul?</p>
<p><em>O-Ton Jesse James:<br />
</em>»100 Dollar. Schimpft nur weiter. Ich kriege von jeder Strafe ein Drit­tel.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Lassen Sie es mich anders formulieren: Sprechen Sie ganz einfach über die Belastung durch Ihren Beruf.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Sehen Sie diese gelbe Pille hier? Wissen Sie, wofür die ist?</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Nein, Euer Ehren.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc?<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Um mich daran zu erinnern, hier diese blaue zu schlucken.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Und wofür ist die blaue, Sir?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc?<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Keine Ahnung. Sie haben Angst, es mir zu sagen.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Elftes Kapitel: Richter hassen</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>›Manchmal hassen wir die Richter. Warum? Weil sie ein Gespinst von Regularien über das Leben ziehen, in dem sich die Rechtschaffenen verfan­gen und das die Mächtigen einfach zerreißen? Weil sie statt eines Herzens staubige Papiere unter der Robe tragen wie der Jurist auf dem berühmten Bild von Arcimboldo?‹</p>
<p><em>O-Ton Familiengericht mit Frank Engelland (Gesamtlänge des O-Tons etwa 0:25) beginnt unter dem weiterlaufenden Text. Es geht um das Aufenthaltsbestimmungs­recht für ein kleines Mädchen, das, wie in den Fernsehgerichts­fällen üblich, vom Schicksal schwer geschlagen wurde: Nicht nur, daß es selbst an Neuroder­mitis erkrankt, der Vater ein arbeitsloser Alkoholiker, die Tante eine Schlampe, der Onkel ein Mörder ist, sondern zu allem Überfluß hat es auch erst vor wenigen Wo­chen ansehen müssen, wie die eigene Mutter umgebracht wurde. Dementsprechend emotions­geladen läuft die Gerichtsverhandlung ab.   </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Oder sind sie bestechlich wie die Richter in den Fastnachtsspielen des Mittelalters? Aber ach, das sind ja alles nur Karikaturen. Kleinkariert, kalt und bestechlich können auch Dichter und Hotelportiers sein. Wenn wir Richter hassen, dann aus dem selben Grund, aus dem das Publikum der Gerichtsshows sie liebt: Es ist die Macht. Es sieht so aus, als ob Rich­ter Macht hätten.</p>
<p><em>Weiter O-Ton Familiengericht mit Frank Engelland, erst einige Sekunden wildes Durcheinanderreden, dann</em></p>
<p>Richter Engelland:<br />
Also, wenn alle durcheinanderreden, verstehe ICH kein Wort.</p>
<p><em>Ende O-Ton Familiengericht</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wenn der Richter redet, hören alle zu. Das Machtwort – die Erfül­lung des Kleinbürgertraums. Endlich Schluß mit dem Gequatsche. Man läßt seine Gedanken gern aufsaugen von der Macht und vergißt, die Wirr­nis der Welt mit ruhigem Auge zu sehen. ›Die Welt sehen heißt: Über Richter richten.‹</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Zwölftes und letztes Kapitel: What’s in a name oder Alles nur ein Spiel?</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> beginnt – bei weiterlaufendem Text – etwa 20 Sekunden vor der Stelle, an der sie oben nach dem Joyce-Text unterbrochen wurde, so daß nach dem nächsten Text von Spr. 3 die Arie anfängt. Die Gesamtdauer des O-Tons müßte ab hier etwa 3:20 betragen.</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Die Theatralik der Robe scheint anzudeuten: Vielleicht ist alles nur ein Spiel. Aber im <em>Namen</em> der Robe zeigt sich etwas anderes. Das Wort kam im dreizehnten Jahrhundert auf. Französische Ritter raubten ihren Feinden die Prunkkleider, zogen sie sich selbst an und nannten sie mit dem germanischen Namen: Raub. Und die französische Sprache machte im Laufe der Zeit aus gemeinem Raub eine vornehme Robe.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Friedrich Dürrenmatt, <em>Die Panne</em>, erschienen 1956</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Herrenabend unter pensionierten Juristen. Keiner jünger als fünfundsieb­zig. Richter, Henker, Staatsanwalt und Advokat. Man schmaust, man trinkt, man spielt ein Gesellschaftsspiel. Es heißt: Der Strafpro­zeß. Die alten Knaben spielen ihre alten Rollen und den Angeklag­ten macht der Gast des Abends, ein durch Autopanne im Land­haus des Richters gestrandeter Textilvertreter. Nach dem ersten Wein prahlt er damit, wie er seinen Chef in den Herztod trieb, indem er dessen »leckeres Frauchen« verführte. Bei dem Wort »leckeres Frauchen« schnal­zen die Greise mit der Zunge. »Bravo!« meckert der Staatsanwalt und klatscht in die Hände angesichts der juristischen Herausforderung, die es bedeutet, aus dieser Herzensaffäre eine Mordanklage zu zimmern. Flammend widerspricht der Advokat, während alle ordentlich einen zur Brust nehmen.</p>
<p><em>Der O-Ton sollte hier einige Sekunden allein stehen; wenn es zeitlich hinkommt, wie ich es gestoppt habe, müßte es bei Strophe vier bis sechs sein.   </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Am Schluß klettert der Richter auf den Konzertflügel. Unter Beifall, Hoch­rufen, Jodelversuchen und Sektkorkenknallen verkündet er mit schwe­rer Zunge das Todesurteil – welch ein Spiel! Man umarmt sich, »Dank, lieber Richter!« schluchzt der Textilvertreter und taumelt von Greisenbrust zu Greisenbrust, eher er sich zur Nachtruhe verabschiedet. Die alten Herren genehmigen sich noch ein Gläschen und torkeln Arm in Arm zum Gästezimmer, wo sie ihrem Angeklagten das Nachtlied singen wollen. Als sie die Tür öffnen, sind sie augenblicklich nüchtern. Der Gast baumelt am Fensterkreuz. Er hat sich erhängt. Das ist das Ende des Spiels. Das ist wirklich eine Panne.</p>
<p><em>Der Nachgesang der Arie sollte nun bald erreicht sein. Darüber </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em><em>Absage.</em></p>
<p>Ende.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Anhang:<br />
Übersetzung der Arie des Richters aus <em>Trial by Jury</em>,<br />
nur informationshalber</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Als ich anfing als Richter beim Amtsgericht,<br />
Da war ich noch frisch und munter.<br />
Doch ich kannte kein Aas und auch Geld hatt ich nicht,<br />
Und so kam ich nicht rauf und nicht runter.</p>
<p>Eine löchrige Robe in Anthrazit<br />
Und Aktenstaub an den Händen,<br />
Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich hängte mein Fähnchen, ich war ja nicht dumm,<br />
In alle politischen Winde.<br />
Ich dachte, im Ministerium<br />
Erkennt man die Jungfrau am Kinde.</p>
<p>So kommts auch. Man ruft mich. Ich sage nicht nein<br />
Und verlieb mich ins falsche Gebiß der<br />
Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Der Minister macht einen Freudensprung.<br />
Und sagt: Mit Deinen Talenten –<br />
Also wirklich, Du hast den gewissen Schwung<br />
Eines Obergerichtspräsidenten.</p>
<p>An den Anblick des Mädchens gewöhnst Du dich bald<br />
Sie riecht süß wie der Mai und würzig.<br />
Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Der gute Minister hielt wirklich Wort<br />
Und gab mir den schönen Posten,<br />
Ich bin jetzt der Präsident am Ort,<br />
Nur mein Weib beginnt leider zu rosten.</p>
<p>Doch sonst geht’s mir gut, man lädt mich ein<br />
Und genießt meine tolle Rhetorik.<br />
Ich referiere in jedem Verein,<br />
Mein Verdienste sind äußerst honorig.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Er referiert in jedem Verein,<br />
Seine Verdienste sind sehr honorig.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich war fast ein Krösus, doch wie schon gesagt,<br />
Es klapperte noch das Gebiß der<br />
Häßlichen alten schimmligen Magd<br />
Vom Landesjustizminister.</p>
<p>Ich warf sie raus – was sollte ich tun?<br />
Ich werde halt etwas blechen.<br />
Dafür bin ich frei und richte nun<br />
Über gebrochene Heiratsversprechen.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Dafür ist er frei und verhandelt nun<br />
Das gebrochene Heiratsversprechen.«</p>
<p><em>Über der weiter laufenden Musik ab Strophe 10 bzw. so, daß der Schlußapplaus, der im O-Ton aufbrandet nach der Absage den Schluß des Features bildet, je nachdem kann man auch die Absage um einige Namen kürzen.</em></p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Denn jetzt bin ich Präsident!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Unrecht ist ihm fremd!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich bin Gerichtspräsident!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Unrecht ist ihm fremd!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Das Gesetz ist ein Schmand.<br />
Doch ich bleib im Richteramt.<br />
Bis zum Tode, verdammt!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Ja, das Recht ist ihm bekannt!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Denn mein Trick ist gut geglückt.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ja, mein Trick ist gut geglückt.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Jeder sieht mit einem Blick,<br />
Wie mein altbewährter Trick<br />
Funktioniert hat! Welch ein Glück!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p>Ende.</p>
<p style="text-align: justify;">
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Aus der Ahnengalerie der Anwälte (1991)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/aus-der-ahnengalerie-der-anwaelte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Jan 1991 17:00:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays und Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur und Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Dionysios von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Lysias von Syrakus]]></category>
		<category><![CDATA[Nikomachos]]></category>
		<category><![CDATA[Platon]]></category>
		<category><![CDATA[Quintilian(Marcus Fabius)]]></category>
		<category><![CDATA[Sokrates]]></category>
		<category><![CDATA[Solon von Athen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aus der Ahnengalerie der Rechtsanwälte Leben und Wirken des Lysias von Syrakus Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Die Ärzte haben ihren Hippokrates, die Dichter den Homer und die Mathe­matiker Thales und Pythagoras. Jeder Berufsstand, der etwas auf sich hält, ehrt mindestens einen Patron aus den Anfängen der abendländli­schen Geschichte. Und die Rechtsanwälte? Haben sie keinen würdigen [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Aus-der-Ahnengalerie-der-Anwa%CC%88lte.pdf"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Aus der Ahnengalerie der Rechtsanwälte</h1>
<h3>Leben und Wirken des Lysias von Syrakus</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Ärzte haben ihren Hippokrates, die Dichter den Homer und die Mathe­matiker Thales und Pythagoras. Jeder Berufsstand, der etwas auf sich hält, ehrt mindestens einen Patron aus den Anfängen der abendländli­schen Geschichte. Und die Rechtsanwälte? Haben sie keinen würdigen Ahnen in klassischer griechischer Zeit?</p>
<p>Sie haben. Er trat nur ein einziges Mal in seinem Leben vor Gericht auf und führte doch Hunderte von Prozessen. Er war der berühmteste seiner Zunft im Athen der Jahrzehnte des Sokrates und des Plato. Er war ein glühender Demokrat und ein gebildeter Mann. Er war mit Fällen jeden Kalibers befaßt; von Prozessen um einen Hund <a href="#_edn1" name="_ednref1"><sup>[1]</sup></a> oder einen staat­lich geschützten Baumstumpf <a href="#_edn2" name="_ednref2"><sup>[2]</sup></a> reicht das Spektrum bis zu homoeroti­schen Eifersuchtsdramen, <a href="#_edn3" name="_ednref3"><sup>[3]</sup></a> politischem Mord, <a href="#_edn4" name="_ednref4"><sup>[4]</sup></a> Beamtenanklagen, <a href="#_edn5" name="_ednref5"><sup>[5]</sup></a> Erbstrei­tigkeiten <a href="#_edn6" name="_ednref6"><sup>[6]</sup></a> und Versehrtenrenten. <a href="#_edn7" name="_ednref7"><sup>[7]</sup></a> Seine mehr als vierhundert Plädoyers galten in der gesamten Antike als Muster erfolgreicher Gerichts­beredsamkeit <a href="#_edn8" name="_ednref8"><sup>[8]</sup></a> – fünfunddreißig sind bis heute erhalten. Der Name des Mannes lautet Lysias von Syrakus.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
I.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Beginn einer Karriere</span></h4>
<p>An einem Herbstmorgen des Jahres 403 v.Chr. in Athen betrat Lysias von Syrakus im Alter von vielleicht fünfzig Jahren zum ersten Mal in seinem Leben das Rednerpodest vor Gericht. <a href="#_edn9" name="_ednref9"><sup>[9]</sup></a> Die Szenerie einer Gerichtsverhandlung im klassischen Athen <a href="#_edn10" name="_ednref10"><sup>[10]</sup></a> hatte wenig mit der Atmosphäre gepflegten Aktenraschelns zu tun, wie wir sie aus den Sälen unse­rer Justiz kennen. Dem Redner gegenüber saß das Gericht: zwischen 50 und 1500 Bürger Athens auf langen Bänken. Einer von ihnen maß den Streitenden mit einer Wasseruhr die Redezeit zu. <a href="#_edn11" name="_ednref11">[11]</a> Die Richter waren für ihre Temperamentsausbrüche bekannt und mußten immer wieder zur Ruhe angehalten werden: »Mê thorybeite« oder »Mê thorybêsate!« – »Hört auf mit dem Krach!« oder »Fangt nicht schon wieder an mit dem Krach!« rief der Redner ihnen dann zu.</p>
<p>Der Gerichtsraum war ein mit Brettern abgetrennter Teil des Mark­tes. Manche Gerichte tagten unter offenem Himmel. Zuschauer drängten sich hinter Holzbarrieren. Die Geräusche und Gerüche des Stadtlebens bildeten den Hintergrund, vor dem die Kämpfe ums Recht allmorgend­lich neu entbrannten.</p>
<p>Der Prozeß, der an jenem Herbstmorgen des Jahres 403 v. Chr. an­stand, war von außerordentlicher Brisanz. Ein Fall von politischem Mord wurde verhandelt. <a href="#_edn12" name="_ednref12">[12]</a> Und so begann Lysias seine erste Rede:</p>
<p>»Nicht den Anfang zu machen, Ihr Herren Geschworenen, fällt mir bei dieser Anklage schwer, sondern ein Ende zu finden: so ungezählt und so furchtbar ist das, was sie uns angetan haben, daß man es durch Lügen nicht verschlimmern und auch bei aufrichtigster Wahrhaftigkeit nicht vollständig beschreiben kann &#8230;«</p>
<p>Worum ging es? Von welchen Verbrechen war die Rede? Wer waren »sie«, die Lysias gleich zu Beginn so heftig unter Beschuß nahm?</p>
<p>Wir müssen etwas ausholen. Das Jahr 403 v. Chr. war für Athen so et­was wie eine Stunde Null. Jahrzehntelang hatte man Krieg geführt mit dem Hauptrivalen Sparta. Das war kein Märchenkrieg wie zwischen den edlen Bauernkönigen Hektor und Agamemnon vor Troja. Der Krieg zwischen Athen und Sparta war so schmutzig und grausam, wie er bei den damaligen technischen Möglichkeiten sein konnte: Die Getreidefel­der der Feinde wurden niedergebrannt, die Ölbäume zerhauen, die Weinstö­cke ausgerissen, Nachschubwege blockiert. Städte belagert, bis die Zivilbevölkerung nur noch die Wahl hatte, entweder an Hunger, Durst und Seuchen zugrundezugehen oder sich zu ergeben. Es gab Plünde­rungen, Mord und Kannibalismus. <a href="#_edn13" name="_ednref13">[13]</a></p>
<p>Aber diese Verbrechen meinte Lysias nicht, vielleicht waren es für ihn auch gar keine Verbrechen. Krieg war eben Krieg. Den Krieg gegen Sparta hatte Athen zwei Jahre zuvor endgültig verloren. Die mächtige Flotte war zerschlagen. die Silberbergwerke in der Hand Spartas, die lange Mauer, der Peiräus, die Werften: Der Stolz einer Stadt, die ein halbes Jahrhundert Herrscherin des östlichen Mittelmeers war, lag in Schutt und Asche. Das war die eine Seite.</p>
<p>Die andere Seite war die, daß Athen den Peloponnesischen Krieg im Na­men der Demokratie geführt hatte. Die Niederlage Athens war damit zugleich eine Niederlage der demokratischen Partei innerhalb Athens. Die andere Partei, die der Oligarchen nämlich, hatte schon lange ver­sucht, den Krieg zu beenden; kein Wunder, denn dieser Partei gehörten zum Teil sehr reiche Männer an, die der Finanzierung des Krieges müde waren. <a href="#_edn14" name="_ednref14">[14]</a> Bald nach der Niederlage witterten sie Morgenluft. Mit der Hilfe Spartas ergriffen sie die Macht. Zu ihnen gesellten sich ehrgeizige Existen­zen, die zwar kein politisches Programm, aber ungestillten Machthun­ger hatten. Sie gewannen schnell die Oberhand und innerhalb weniger Monate entstand daraus eine Art autoritärer Junta, das Schreckens­regiment der sogenannten »Dreißig«. Wer von der Volkspar­tei nicht erschlagen wurde, floh. Es kam zum Bürgerkrieg und als Sparta der Junta der »Dreißig« die Unterstützung entzog, kehrten die Demokra­ten und mit ihnen die Demokratie nach Athen zurück. Das war wenige Monate, bevor Lysias im Herbst des Jahres 403 zum ersten Mal in seinem Le­ben vor Gericht auftrat. Angeklagt war ein Mitglied der Junta. Die Anklage lautete auf Totschlag, begangen an Lysias’ Bruder.</p>
<p>Lysias begann sein Plädoyer mit einer detaillierten Schilderung: wie der Angeklagte zusammen mit einer Horde von Schergen das Haus der Familie überfiel und ausraubte, der Schwägerin den Schmuck vom Kör­per riß, den Bruder gefangennahm und hinrichtete und wie er selbst, Lysias, mit knapper Not das Leben retten konnte; eindringlich beschwört er die noch frische Erinnerung der Richter an die Machtergreifung der Dreißig: Sie stellten die Ratsversammlung unter den »Schutz« einer bewaff­neten Garde und nötigten ihr so das Gesetz zur Ermächtigung der Junta ab, sie gingen systematisch unter ihren Mitbürgern auf Menschen­jagd, verschleppten bei Nacht und Nebel aus den Nachbarstädten Sala­mis und Eleusis 300 Einwohner und ließen sie in Athen regelrecht abschlach­ten.</p>
<p>Dem Angeklagten, der sich damit zu rechtfertigen sucht, er habe dem Morden widersprochen und in Befehlsnotstand gehandelt, entgegnet Lysias: »Also deshalb, weil Du erfolglos widersprochen hast, sollen wir dich für einen ehrlichen Mann halten. Aber dafür, daß du meinen Bruder verhaftet und getötet hast, glaubst du keine Strafe zu verdienen?« <a href="#_edn15" name="_ednref15">[15]</a></p>
<p>Und der Redner fährt, nun wieder den Geschworenen zugewandt, fort: »Alle anderen Athener mögen mit einigem Recht die Verantwortung für die Geschehnisse auf die Dreißig abwälzen. Wenn nun aber die Drei­ßig selbst anfangen und sich gegenseitig die Schuld zuschieben wollen – könnt Ihr das wirklich gelten lassen? &#8230; An wen wollt Ihr euch dann noch halten, wen bestrafen? &#8230; Ich weiß, daß die Getöteten uns hören. Sie wer­den Kenntnis nehmen von Eurem Urteilsspruch. Sie werden denken: Wer die Dreißig freispricht. der spricht gegen uns das Todesurteil. Wer aber die Dreißig verurteilt, der nimmt Rache für uns Opfer. Damit schließe ich meine Anklage: Ihr habt gehört, ihr habt gesehen, ihr habt – gelitten –, ihr habt den Angeklagten in eurer Gewalt. Nun richtet!« <a href="#_edn16" name="_ednref16">[16]</a></p>
<p>Als Lysias das Podest verließ, hatte Athen einen neuen Helden des Worts. Sein Plädoyer gegen Willkür und Gesetzlosigkeit galt über Jahr-hun­derte als Inbegriff von Brillanz und Überzeugungskraft in der Gerichtsberedsamkeit. Und es war zugleich der Beginn der ersten <a href="#_edn17" name="_ednref17">[17]</a> in der Ge­schichte des Abendlandes dokumentierten Karriere eines Mannes. der die Gesetze kannte und gegen gutes Geld Rechtsrat und Beredsamkeit zur Führung von Prozessen lieh. In unseren Begriffen also: eines Anwalts.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
II.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Nicht postulationsfähig und doch Lenker des Verfahrens: der Logo­graph</span></h4>
<p>Daß die Rede wegen der Tötung seines Bruders die einzige blieb, die er vor Gericht hielt, war eine Folge der athenischen Gesetze. Sie geboten. daß jede Prozeßpartei sich vor Gericht selbst vertrat. <a href="#_edn18" name="_ednref18">[18]</a> Schlechte Zeiten für den Anwalt – könnte man denken. Indes: Die Gesetzeslage in Athen war, wir werden es sehen, verworren. Zurechtfinden konnten sich nur Spezialisten. Überdies war die Prozeßlust der Athener vor allem in demokrati­schen Zeiten sprichwörtlich, ebenso ihre Empfänglichkeit für geschicktes Argumentieren und witziges Formulieren. Mit anderen Wor­ten: die Lage forderte ganz einfach Profis. Und deshalb gab es sie auch – dem Gesetz zum Trotz. Sie mußten sich freilich im Hintergrund halten und ganz bescheiden nannten sie sich »Logographen« – Redenschreiber: aber anders als die Ghostwriter unserer heutigen Politiker beschränkten sie sich keineswegs darauf, vorgegebene oder gar nicht vorhandene In­halte mit dem hübschen Kleid gefälliger Redensarten zu ummänteln, sondern sie waren es, die die Gerichtsprozesse lenkten, sie bestimmten die Taktik und kannten sich, anders als die Richter, in den Gesetzen aus.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
III.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Eine schwierige Rechtslage</span></h4>
<p>Man stelle sich einen Forscher im Jahre 4000 nach Christus vor: er be­kommt den Auftrag, das Recht und die Gerichtsverfassung im Deutsch­land des 19. und 20. Jahrhunderts darzustellen. An zeitgenössischen Quel­len stehen ihm einige Theaterstücke, etwa <em>Der zerbrochene Krug</em>, <em>Der Hauptmann von Köpenick</em> und <em>Der kaukasische Kreidekreis</em> zur Verfügung, ferner Martin Heideggers Gesamtwerk und das Bienenrecht aus dem BGB Stand 1911 – das sei, außer einigen Fragmenten hier und da, alles.</p>
<p>Man wird einräumen, daß der Forscher sich in einer nicht eben benei­denswerten Lage befände. Und man wird sehr leicht seine Begeiste­rung verstehen, wenn er nun plötzlich auf eine Sammlung von Schriftsät­zen eines Anwalts am Bundesgerichtshof – sagen wir – aus den Jahren 1946 bis 1976 stößt. Als ein Geschenk des Himmels wird er sie angesichts der übrigen Quellen ansehen und er wird sie nach allen Regeln seiner Wissenschaft ausweiden, obwohl er natürlich weiß, wie problematisch gelegentlich der Rückschluß aus einem Anwaltsschriftsatz auf die Rechts­lage sein kann.</p>
<p>Was nun für jenen Forscher die genannten Theaterstücke und das Ge­samtwerk Heideggers sind, das sind für die heutigen Althistoriker die Komödien des Aristophanes und das gut erhaltene Werk Platon’s, und was jenem die Schriftsätze sind, das sind heute die erhaltenen Reden der Logographen und darunter vor allem die Gerichtsreden des Lysias. <a href="#_edn19" name="_ednref19">[19]</a> Und dies ist – in wenigen groben Strichen – das Bild, das uns die Forscher vom Rechtsleben im klassischen Athen zeichnen: <a href="#_edn20" name="_ednref20">[20]</a></p>
<p>Die Gerichtsbarkeit lag in den Händen von Laienrichtern. Sie wurden jeden Tag neu den Gerichten zugelost und bekamen ein Sitzungsgeld für ihre Tätigkeit. Es gab eine schwer überschaubare Zahl von Gerichten, die meist mit 500 Geschworenen besetzt waren. Jedes Gericht war für be­stimmte Klagearten zuständig.</p>
<p>Ausländer, Frauen und Sklaven nahmen am Rechtsleben nur einge­schränkt oder gar nicht teil, Sklaven durften gefoltert werden. Jeder männli­che athenische Bürger konnte jeden anderen Bürger verklagen. Er brauchte bei vielen Klagearten keine Verletzung eigener Rechte geltend zu machen, es reichte aus, wenn er das öffentliche Wohl verteidigen zu müssen angab. Eine strenge Scheidung in Straf- und Zivilsachen gab es nicht. Es war also leicht zu klagen.</p>
<p>Und folglich wurde viel geklagt. Geschäftstüchtige Leute – die sogenann­ten Sykophanten – ersannen an den Haaren herbei gezogene Klagen gegen wohlhabende Mitbürger oder drohten damit und ließen sich dann gegen klingende Münze großzügig abfinden. Man konnte auch den politischen Gegner vortrefflich in öffentlichen Mißkredit bringen, indem man ihm peinliche Prozesse anhängte: das war nicht viel schwerer, als es heute ist, eine Pressekampagne anzuzetteln und es erfüllte die glei­che Funktion. <a href="#_edn21" name="_ednref21">[21]</a></p>
<p>Bei den meisten Klagen fand ein Vorverfahren vor einem Friedensrich­ter statt. Wenn man sich nicht einigte, nahm er Klage und Klageerwiderung nebst angebotenen Beweismitteln auf und verschloß die ent­sprechenden Schriftstücke in einer Kapsel. Dort blieben sie bis zur Verhandlung vor dem Gericht, die von einem Beamten geleitet wurde. Jede Partei kam in einer zusammenhängenden Rede zu Wort <a href="#_edn22" name="_ednref22">[22]</a> und mußte sich auf die im Vorverfahren angebrachten Beweismittel beschrän­ken. An geeigneten Stellen innerhalb der Rede ließ der Redner seine Zeugen auftreten und den Gerichtsdiener die vom Redner zu beschaffen­den Gesetzestexte verlesen. Die Richter durften während und nach der Verhandlung nicht miteinander beraten. Sie konnten meist nur die Klage zu­sprechen oder abweisen. Das taten sie, indem sie Stimmsteinchen in Urnen warfen.</p>
<p>Die materielle Rechtslage war unübersichtlich. Es gab zwar die hölzer­nen Pfeiler, in welche Solon zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. einen Grundbestand an Rechtsregeln hatte einritzen lassen. <a href="#_edn23" name="_ednref23">[23]</a> Aber sie waren nach Sprache und Inhalt den Athenern des Jahres 400 beinahe so fremd. wie es für uns germanische Rechtssprüche aus dem Mittelalter sind. Überdies hatten natürlich die Gesetzgeber der auf Solon folgenden 200 Jahre in den unterschiedlichsten politischen Verfassungen neue Ge­setze erlassen, andere aufgehoben, wieder in Kraft gesetzt usw. Welche Verwirrung geherrscht hat und was dabei herauskam, wenn man sie zu beseitigen versuchte, das illustriert die von Lysias verfaßte Rede gegen den Staatsschreiber Nikomachos aus dem Jahre 399. <a href="#_edn24" name="_ednref24">[24]</a> Dieser Mann hatte im Jahre 411 den Auftrag erhalten, eine Sammlung der gültigen Gesetze niederzuschreiben. Hören wir Lysias:</p>
<p>»Während ihm das Geschäft übertragen wurde, in der Zeit von 4 Mona­ten die solonischen Gesetze neu aufzuzeichnen, setzte er sich selbst anstelle Solons zum Gesetzgeber ein, und während ihm eine Frist von 4 Monaten zur Erledigung seines Auftrags gesetzt war, machte er daraus ein Amt von 6jähriger Dauer. Und er ließ sich das Ausstreichen der einen und das Einschreiben der anderen Gesetze Tag für Tag die ganzen 6 Jahre hindurch bezahlen.«</p>
<p>Damit aber nicht genug. Die vor Gericht streitenden Parteien brach­ten einander widersprechende Gesetze für sich vor und beide behaupte­ten, sie hätten die ihrigen von Nikomachos erhalten.</p>
<p>Der Logograph hatte bei solchen ›Rahmenbedingungen‹ einen denk­bar schweren Stand: Er durfte selbst nicht vor Gericht auftreten, mußte demnach die Stimmung der rechtsunkundigen Richter sowie die Verteidi­gung des Gegners vorausahnen und das Plädoyer darauf einzurich­ten versuchen, die Gesetzestexte mußte er beschaffen und konnte doch nicht sicher sein, ob sich der Gegner nicht ›bessere‹ Texte ›beschafft‹ hatte. Da konnte nur ein Meister seines Fachs bestehen.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
IV.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Die Schule der Beredsamkeit</span></h4>
<p>Wie wurde man ein solcher Meister? Hatte man Akademien, Institute der Rechtsgelehrsamkeit? Man hatte nicht. Und mehr noch: Es fehlte vollstän­dig an einer Rechtswissenschaft in unserm heutigen Sinn. Als schmerzhaften Mangel empfand man das allerdings nicht. Denn dafür gab es etwas anderes: die Schulen der Rhetorik. Lysias von Syrakus be­trieb eine solche Schule in Athen, <a href="#_edn25" name="_ednref25">[25]</a> bis er vor den Dreißig ins Exil fliehen mußte.</p>
<p>Rhetorik – wenn wir dieses Wort hören, melden sich die Ressenti­ments: Schönschwätzerei und Wortgeklingel, Sonntagsreden, hohles Pa­thos, üble Tricks. Die Kritik an der Rhetorik hat Tradition. Sie läßt sich über Martin Luther <a href="#_edn26" name="_ednref26">[26]</a> und Gregor den Großen <a href="#_edn27" name="_ednref27">[27]</a> zurückverfolgen bis zu Plato und Sokrates. Letzterer verglich sie mit Mode und Kosmetik, sie drapiere, so sagte er, die Wahrheit und schminke sie zurecht; hinterlistig verberge sich hinter dem schönen Schein die arge Schmeichelei mit all ihrer Schlechtigkeit und ihrem Raffinement, mit ihrer Gemeinheit und ihrem Sklavensinn, betrüge mit gekünstelten Formen und Farben, mit Politur und bunten Kleidern. <a href="#_edn28" name="_ednref28">[28]</a> Aber hüten wir uns vor den allzu heftigen Kritikern der Eloquenz. Sie alle sind nämlich vor allem eins: meisterhafte Rhetoriker. Sie bedienen sich reichlich aus dem Fundus, den die Rhetorikleh­rer gefüllt haben.</p>
<p>Die Geburtsstunde der Rhetorik ist von der Geburtsstunde der Demokra­tie in den westgriechischen Stadtstaaten Siziliens um 470 vor Christus nicht zu trennen. <a href="#_edn29" name="_ednref29">[29]</a> Als das Machtwort des Tyrannen nicht mehr galt, trat die Wortmacht der Rhetoren ihren Siegeszug an. Als nicht mehr das Gewicht des Goldes. nicht adlige Geburt und nicht Waffenstärke entscheiden sollten, sondern die Mehrheit der Köpfe, da gab es nur ein Mittel, um Einfluß zu gewinnen: man mußte die Mitbürger durch Reden überzeugen. und zwar dort, wo über die widerstreitenden Interessen entschie­den wurde: in der Volksversammlung und vor Gericht. Die Tech­nik der argumentierenden Rede war es, die ein Rhetoriklehrer wie Lysias erforschte und unterrichtete.</p>
<p>Ein Teil dieser Technik bestand aus Regeln über die rechte Form des Redens. Eine gute Rede sollte damit beginnen. daß man die Zuhörer günstig stimmte: anschließend war der zur Entscheidung stehende Sachver­halt zu schildern und der Streitpunkt klarzulegen. Dann brachte man die eigenen Argumente, zerpflückte diejenigen des Gegners und faßte endlich in einem Schlußappell, der nach Möglichkeit auch in Herz und Gemüt der Zuhörer zielte, die wichtigsten Punkte zusammen. <a href="#_edn30" name="_ednref30">[30]</a></p>
<p>Zu den formalen Regeln gehörte auch die Empfehlung gewisser Stil-figu­ren für einen effektvollen Satzbau, die Handhabung von Reim und Rhythmus, Wortspiel und Alliteration, Mimik, Gestik und Stimmfüh­rung, Mnemotechnik und Atemtraining – ein fein geknüpftes Netz von Begriffen wurde über die gesprochene und die geschriebene Sprache geworfen, um ihre Wirkungsweise verstehen und beherrschen zu können: was damals aus praktischer Notwendigkeit erdacht wurde, ist durch die Jahrhunderte bis heute Grundlage der Wissenschaften von Sprache und Kommunikation geblieben. <a href="#_edn31" name="_ednref31">[31]</a></p>
<p>Der Rhetorik-Unterricht erschöpfte sich natürlich nicht in Regeln für die Gestaltung der Fassade einer Rede. Mindestens genauso wichtig war die Lehre von ihrem Inhalt. Das A und O: wer Gehör finden will, muß selbst ein feines Ohr haben. Die – oftmals unausgesprochenen – logi­schen, psychologischen und anthropologischen Voraussetzungen der Argumentation müssen mit den Grundannahmen der jeweiligen Zuhörer übereinstimmen. Was der Redner sagt, muß vor dem Bildungs- und Erfah­rungshintergrund der Zuhörer plausibel und wahrscheinlich klin­gen. Mit anderen Worten: Als entscheidend für den Erfolg eines Argu­ments sah man nicht seine wie auch immer verstandene Wahrheit an, sondern seine kluge Einbettung in die Erwartungen der Zuhörer, oder, um es im politischen Jargon unserer Tage zu sagen: auf Konsensfähigkeit kam es an. <a href="#_edn32" name="_ednref32">[32]</a> Man ließ es übrigens nicht bei so allgemeinen Anweisungen bewenden, vielmehr stellten die Rhetoriklehrer ihren Schülern umfang-rei­che Sammlungen von erfolgversprechenden Argumentationen für jede Situation zur Verfügung, und zwar säuberlich geordnet nach sogenannten »topoi« (lat. »loci communes«), zu Deutsch »Fundorten«. Das Prinzip des »topischen« Argumentierens, das wegen seiner Geschmeidig­keit auch in der heutigen Rechtswissenschaft seine Vertre­ter <a href="#_edn33" name="_ednref33">[33]</a> hat, mag ein stark vereinfachtes Beispiel erläutern: Der Redner hatte einen alten Mann zu verteidigen, der des Mordes bezichtigt wurde. Schlug er nun in seiner Sammlung nach, so fand er etwa unter dem Stich­wort »Eigenschaften der Person« das Unterstichwort »Alter« und da las er: »Ein alter Mensch ist ruhig und besonnen, er läßt sich nicht wie ein Jüngling zu Gewalttätigkeiten hinreißen.« Aber auch der Ankläger konnte in diesem Fall etwas Brauchbares finden, vielleicht dies: »Ein älte­rer Mensch ist besonnen, er weiß was er tut. Er weiß natürlich auch, daß ihm niemand eine Gewalttat zutraut. Umso ungenierter wird er sie bege­hen.«</p>
<p>Zu jedem Thema. so behauptete ein berühmter Rhetoriker zu Lysias Zeiten, ließen sich zwei entgegengesetzte Meinungen vertreten, auch zu der Frage, ob sich zu jedem Thema zwei entgegengesetzte Meinungen vertreten ließen. <a href="#_edn34" name="_ednref34">[34]</a> Müssen wir also doch unsere Vorurteile gegen die Rheto­rik bestätigen? Ist sie nichts weiter als die Kaderschule der Lüge und Roßtäuscherei? Und was ist unter ethischen Gesichtspunkten eigent­lich von Leuten zu halten, die heute diese und morgen jene Meinung begründen, immer so, wie es der Mandantschaft in den Kram paßt, dem Gericht kommod und dem Portemonnaie bekömmlich ist? Nicht erst die heutigen Anwälte müssen sieh solche vorwurfsvollen Fragen gefallen las­sen.</p>
<p>Es ist nicht überliefert, welche Antwort der Rhetoriklehrer und Anwalt Lysias darauf gab. Aber sie wird nicht weit entfernt gewesen sein von dem, was die Philosophenschule der Sophisten lehrte: Sichere Erkenntnis ist dem Menschen nicht möglich. Es gibt keine absolute Wahrheit und keine absoluten Werte. Die Menschen sind deshalb gezwungen, sich durch ein Gestrüpp von Wahrscheinlichkeiten zu bewegen. Wer also, wie der Anwalt, im Kampf der Interessen für seinen Mandanten alle denkba­ren und erfolgversprechenden Argumente vorbringt, zieht nur die Konse­quenz aus den begrenzten Erkenntnisfähigkeiten des Menschen. <a href="#_edn35" name="_ednref35">[35]</a> Und eins spricht in jedem Falle für ihn: Er zwingt niemandem etwas auf. Sein Gegner kann sich derselben, friedlichen Waffe des Wortes bedienen. Es gewinnt, wer die Mehrheit der Köpfe überzeugt. Und mehr als eine von Wahrscheinlichkeitsgründen abgestützte Überzeugung kann niemand für sich in Anspruch nehmen. Dies ist eine skeptische und zugleich liberale Haltung. Sie orientiert sich nicht an Ewigkeitswerten und Gerechtigkeitsuto­pien. Stattdessen nimmt sie Bedacht auf praktische Ver­nunft. Und sie nimmt das »Mängelwesen Mensch« zum Maß der Dinge.</p>
<p>Das heißt aber nun keineswegs, daß der Redner sich von allen morali­schen und ethischen Bindungen freisagen konnte. Im Gegenteil: Ein wichti­ges Element seiner Überzeugungskraft und damit seines Erfolges bildete nämlich neben dem Wortschatz und dem Rhythmus seiner Rede, neben seinem Witz und seiner geschulten Vortragskunst etwas anderes: die persönliche Glaubwürdigkeit. Er brauchte den Ruf eines Ehren­manns. Und ob er ein Ehrenmann war, darüber konnte er in einer Stadtre­publik seine Mitbürger kaum dauerhaft täuschen. Er mußte es mit sei­ner alltäglichen bürgerlichen Existenz unter Beweis stellen. Der römi­sche Rhetoriklehrer Quintilian bemerkte ironisch, ein guter Redner müsse schon deshalb ein Mann von Moral und Redlichkeit sein, weil man ihm sonst seine Lügen nicht abnähme. <a href="#_edn36" name="_ednref36">[36]</a></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
V.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Biographie</span></h4>
<p>Lysias wurde um 450 vor Christus in Athen geboren. <a href="#_edn37" name="_ednref37">[37]</a> Der Vater war ein Sizilianer aus Syrakus; er betrieb in Athen eine gutgehende Manufak­tur mit über hundert Sklaven; dort wurden Waffen geschmiedet, hauptsäch­lich wohl Schilde. Das Haus dieses wohlhabenden und angesehenen Mannes stand im Peiräus. Er war, wie Lysias selbst, nicht athenischer Bürger, sondern »Metöke«, <a href="#_edn38" name="_ednref38">[38]</a> ein Ausländer mit Wohnrecht und Steuerpflicht. Im Elternhaus des Lysias verkehrten Politiker wie Perik­les und Philosophen wie Sokrates. <a href="#_edn39" name="_ednref39">[39]</a> Es wird eine besonnte Jugend gewesen sein, die Lysias in Athen verbrachte. Als der Vater starb, wan­derte Lysias aus: In der Heimat seines Vaters, in Sizilien, soll er bei dem Begründer der Schulrhetorik, Teisias, Unterricht genommen haben. Zwan­zig Jahre später kehrte er nach Athen zurück und eröffnete selbst eine Rednerschule. Aus dieser Zeit ist eine Übungsrede erhalten. Getreu dem Motto, daß sich zu jedem Thema eine befürwortende wie eine ableh­nende Haltung vertreten ließ, liebten es die Rhetoriklehrer, zu Übungs­zwecken Prunkreden auszuarbeiten, sozusagen Etüden der Beredsam­keit, deren Themen bewußt provozierend, absurd oder schein­bar lächerlich gewählt waren. Es gab Ansprachen über die Existenz des Nichts und Plädoyers zur Ehrenrettung berühmter Schurkengestalten aus Märchen und Mythos. <a href="#_edn40" name="_ednref40">[40]</a> Lysias verfaßte den <em>Erotikos. </em><a href="#_edn41" name="_ednref41">[41]</a> Es geht um Liebe. Und zwar um die Liebe eines reifen Mannes zu einem hübschen Jüng­ling. Wird der leise alternde Herr eher zum Ziel seiner Lüste gelangen. wenn er heiß verliebt ist? Oder hat er mehr Erfolg, wenn er cool bleibt? Lysias verteidigt das Paradoxon: Wer verliebt ist. taugt nicht für die Liebe.</p>
<p>Geübt wurde auch die Erörterung erfundener Rechtsfälle: Ein junger und ein älterer Mann geraten in Streit. Der Alte, erkennbar schwächlich, provoziert und bedroht den Jüngeren. Der Jüngere schlägt zu, verletzt den Kontrahenten, der sich flugs zum Arzt begibt, was er besser gelassen hätte. Denn der Arzt leistet Pfuscharbeit und der Alte stirbt ihm unter den Händen. <a href="#_edn42" name="_ednref42">[42]</a> Ein vergleichender Blick in die Skriptenliteratur unserer Tage lehrt uns die offenbar zeitlose Aktualität solcher Übungsstücke.</p>
<p>Etwa ein Jahrzehnt lang konnte Lysias als Rhetoriklehrer arbeiten. Dann, in den Jahren 404–403 unter dem Regiment der Dreißig. wurde sein und seines Bruders gesamtes Vermögen zerschlagen. Lysias floh mit der demokratischen Partei ins Exil und stand an der Spitze, als die Demokra­ten vom Peiräus aus die Stadt zurückgewannen. Fortan gehörte Lysias trotz des schweren Unrechts, das ihm und seiner Familie gesche­hen war, keineswegs zu den Scharfmachern aufseiten der Volkspartei. Den Mitgliedern der Junta solle man den Prozeß machen, ansonsten aber die Versöhnung suchen, das war seine Haltung und er übernahm auch verschiedentlich die Verteidigung für oligarchische Parteigänger. Da er dies nicht umsonst, sondern gegen gutes Geld tat und auch Argumente verwendete, die er in anderen Prozessen bekämpfte, blieben die Vorwürfe des Opportunismus, der Geschäftemacherei und der allzu großen Gelenkig­keit in Fragen der Moral nicht aus; <a href="#_edn43" name="_ednref43">[43]</a> aber das hatten wir schon.</p>
<p>Es war keineswegs eine Selbstverständlichkeit, daß ein Lehrmeister der Redekunst in der Prozeßpraxis reüssierte. <a href="#_edn44" name="_ednref44">[44]</a> Mancher verfing sich in dem zunehmend kunstreich gesponnenen Netz rhetorischer Regeln und Figu­ren. Aus späterer Zeit wird berichtet, wie ein berühmter Lehrer einen Fall übernahm und vor Gericht seinen Gegner mit rollenden Augen und gro­ßer Geste fragte: »Bist Du bereit, den Streit durch einen Eid zu regeln? So schwöre! Aber ich will den Eid diktieren: Schwöre bei den Gebeinen deines Vaters, die noch nicht begraben sind, schwöre beim Andenken deines Vaters &#8230;« und sofort; als er geendet hatte erhob sich der Gegner und nahm den Vorschlag an. Der Redner protestierte: »Ich habe keinen Vorschlag gemacht. Ich habe eine rhetorische Figur verwendet.« Lysias war aus anderem Holz geschnitzt. Er war ein praktischer Mann. Seine Reden zielten nicht auf den Applaus der Philosophen und Literaten, son­dern auf den Erfolg seiner Auftraggeber vor Gericht. Das waren ganz unterschiedliche Leute: Politiker, Bauern, kleine Händler, reiche Müßig-gän­ger, Beamte – ein Querschnitt durch die athenische Bürger­schaft. Und da sie ihre Gerichtsreden selbst zu sprechen hatten, mußten die Worte, die Gedankengänge, die Gefühlslagen so gewählt werden, daß sie zu den Personen paßten. Sie mußten glaubwürdig sein. Ihre Sprache mußte sich in den Grenzen ihrer Welt bewegen. Und zugleich durften die Er­wartungen der Richter nicht enttäuscht werden, die einerseits Schlicht­heit liebten, andererseits auf eine gewisse Brillanz nicht verzichten woll­ten. Für den Logographen ein Tanz auf dem Eis. Lysias berechnete seine Reden auf den Augenblick: Als einer seiner Mandanten sich beschwerte, beim ersten Lesen der Rede sei er begeistert gewesen. aber bei der zwei­ten und dritten Lektüre habe er doch seine Zweifel bekommen, ob die Argumentation nicht hier und da ihre Brüche habe, antwortete Lysias: »Das ist genau der Grund. warum du die Rede vor Gericht nur ein Mal halten solltest.« <a href="#_edn45" name="_ednref45">[45]</a></p>
<p>Die größte Ehre. nach der Lysias strebte, blieb ihm bis zu seinem Tode versagt: Er wurde niemals athenischer Vollbürger. <a href="#_edn46" name="_ednref46">[46]</a></p>
<p>Eine andere Auszeichnung jedoch wurde ihm zuteil. Bei den 99. Olympi­schen Spielen im Jahre 384 trat er als Redner für den Stadtstaat Athen auf. Für einen wortmächtigen Mann muß es eine große Versu­chung gewesen sein. bei solcher Gelegenheit das ganze Gepränge und Raffinement der oratorischen Kunst zu Gehör zu bringen und sich auf einer Woge festlicher Harmonie in den Himmel heben zu lassen. Das hätte der Üblichkeit entsprochen. Doch Lysias machte einen anderen Gebrauch von seiner Kunst. Er nutzte die Gelegenheit zu einer heftigen Attacke gegen den Tyrannen Dionysios I. von Syrakus, der mit großem Gefolge in Olympia erschienen war, unter anderem, um die Erzeugnisse seiner Dichtkunst vorzutragen (sie soll in ganz Hellas nicht minder gefürch­tet gewesen sein als die Gesangskünste des Troubadix in Gallien). Lysias, ein streitlustiger Alter von bald 70 Jahren. stachelte mit seiner Rede die Jugend der versammelten hellenischen Welt auf, Dionysios und seine sizilianischen Lakaien au dem geheiligten Hain zu jagen. So ge­schah es dann auch. Die Festzelte der syrakusanischen Gesandtschaft wurden gestürmt und Dionysios 1. ergriff die Flucht. <a href="#_edn47" name="_ednref47">[47]</a></p>
<p>Bis in seine späten Tage scheint Lysias ein rüstiger und dem Leben zuge­wandter Mann geblieben zu sein. Als Greis unterhielt er eine Liebesbe­ziehung zu einer Hetäre und ließ ihr und ihrer Schwester mitten in Athen ein Haus bauen. Lysias von Syrakus starb um das Jahr 380 v. Chr. in Athen. Seine olympische Rede dürfte den Höhepunkt seiner öffentli­chen Wirksamkeit gebildet haben. Sie ist, wie die Gerichtsrede wegen der Ermordung seines Bruders, ein Beleg dafür, daß der Pragmatis­mus des Rhetorikers und Anwalts keineswegs in Wertnihilis­mus, opportunistische Geschäftemacherei und ähnliche moralische Bedenk­lichkeiten münden mußte, sondern sich sehr wohl mit einem ho­hen demokratischen Ethos vertrug. Nicht der schlechteste Ausweis zum Eintritt in die Ahnengalerie der Anwaltschaft.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
VI.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 14pt; color: #333333;"> Drei Prozeßreden</span></h4>
<p>Im Altertum waren über 400 Niederschriften von Reden des Lysias in Umlauf, die meisten davon gingen verloren, nur 35 sind uns erhalten geblieben; bei einigen ist die Echtheit umstritten. <a href="#_edn48" name="_ednref48">[48]</a></p>
<p>Dreierlei wurde und wird Lysias besonders nachgerühmt: seine takti­sche Intelligenz, seine klare und plastische Schilderung der jeweils zugrunde­liegenden Sachverhalte und schließlich, daß er es meisterhaft verstand, seinen Klienten die Gerichtsreden auf den Leib zu schneidern, ihre Argumentation und ihre Wortwahl ihren Charakteren anzupassen. Drei Beispiele mögen diese Vorzüge illustrieren.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
1. Der Angeklagte fordert eine harte Strafe – für das Opfer (Die 1. Rede). <a href="#_edn49" name="_ednref49">[49]</a></span></h4>
<p>Der Angeklagte steht wegen Mordes vor Gericht, verklagt von den Verwand­ten des Opfers. Der Angeklagte streitet nicht ab, das Opfer getö­tet zu haben. Indes war nach athenischem Gesetz der Ehemann berech­tigt, den Verführer seiner Frau, wenn er ihn auf frischer Tat ertappte, sofort zu töten. Eben dies nimmt der Angeklagte für sich in Anspruch. Die Sache hatte aber einen Haken: Das Tötungsrecht des betrogenen Ehemanns wurde zu Lysias Zeiten bereits als allzu archaisch empfunden und die Richter waren wohl nicht wenig geneigt, andere Motive hinter der Tat zu vermuten, dem Angeklagten mithin die Rechtfertigung abzuerken­nen: <a href="#_edn50" name="_ednref50">[50]</a> in letzterem Falle hätte es den Angeklagten Kopf und Kragen kosten können. Bei der Verteidigung kam deshalb alles darauf an. daß der Angeklagte sich als ein Mann schlichten und geraden Sinnes zeigte und man ihm das rechtfertigende Motiv »ehrlicher Eifersucht« abnahm. Lysias läßt den Angeklagten mit einem Überraschungsangriff beginnen, indem er die Richter zu gnadenloser Härte und zum Aus­spruch der Todesstrafe ermuntert – zu verhängen über den ehebrecheri­schen Fremdgänger. Dieses Urteil habe er, der Angeklagte, in weit vorausei­lendem Gehorsam als Arm des Gesetzes zum Schutz aller Ehemän­ner (also auch der Richter) bereits vollstreckt. Sehen wir zu. wie Lysias es in den folgenden Partien der Verteidigungsrede versteht, den Charakter des treuherzigen Kleinbauern und zugleich ein Genrebild aus dem attischen Familienleben zu malen.</p>
<p>»&#8230; denn, meine Herren, die Wahrheit ist der beste Anwalt und mein einziger dazu. Deshalb bleibt mir nichts übrig, als, so gut ich kann, zu erzählen, wie sich alles zugetragen hat.</p>
<p>Als ich, ihr Herren Athener, mich entschloß zu heiraten und die Frau ins Haus kam, da machte ich es so wie ihr es wohl auch machen würdet: ich hielt sie zwar nicht zu kurz, aber sie konnte bei mir natürlich keines­wegs tun und lassen, was sie wollte. Durchgehen ließ ich ihr nichts und ich hatte immer ein Auge auf sie, wie es eben sein muß. Als sie mir dann allerdings ein Kind schenkte, da gewann sie mein Vertrauen und ich teilte alles mit ihr: denn ich habe mir gedacht, so wäre es am schönsten für das häusliche Glück unserer jungen Familie. Und wirklich, ihr Herren Athener, ihr könnt es mir glauben: damals, in der ersten Zeit, da ist sie für mich die liebste und die beste Frau auf der Welt gewesen. Sie war eine wunderbar sparsame Haushälterin und hatte alles hübsch und gepflegt in Ordnung. Dann starb meine gute Mutter. Und ihr Tod wurde für mich der Beginn allen Übels. Bei der Beerdigung sah dieser Mensch. wegen dem ich hier vor euch stehe, zum ersten Mal meine Frau und nach und nach hat er sie herumgekriegt. Er paßte unsere Dienerin ab, verwickelte sie in Gespräche und das Verderben nahm seinen Lauf. Um euch ein genaues Bild zu verschaffen, muß ich nun etwas ausholen. Mein Häus­chen besteht aus einem ebenerdigen und einem darübergelegenen, gleich-großen Stockwerk: ursprünglich war unten die Männer- und oben die Frauenwohnung. Als nun das Kind kam, hat meine Frau es gestillt. Damit sie aber nicht jedes Mal. wenn das Kind gebadet wurde oder sonst etwas war, die Treppe hinaufsteigen mußte und dabei möglicherweise noch gestürzt wäre, bin ich in das obere Stockwerk gezogen und die Frau nach unten. Bald wurde es zur Gewohnheit, daß die Frau nachts nach unten ging und dort schlief, damit sie das Kind, wenn es schrie, gleich aufnehmen und an die Brust legen konnte. Das ging eine ganze Zeit lang so. Nie wäre ich darauf gekommen, irgendetwas dahinter zu vermuten: im Gegenteil, in meiner Blindheit hielt ich allen Ernstes meine Frau für die treueste Seele von ganz Athen. Die Wochen gingen dahin, ihr Her­ren, und eines Tages, als ich vor der Zeit vorn Feld nach Hause kam und gerade gegessen hatte, fing plötzlich das Kind an zu schreien und brüllte wie am Spieß.</p>
<p>Was ich damals noch nicht wußte, aber später erfuhr, ist: die Dienerin hatte das Kind absichtlich geärgert. um es zum Schreien zu bringen. Dieser Mann war nämlich im Hause. Nun, ich sagte zu meiner Frau, sie solle sich um das Kind kümmern und ihm die Brust geben. daß es mit der Heulerei aufhörte. Erst wollte sie nicht Innunter, angeblich, weil sie sich freute, mich endlich wiederzusehen. Da hin ich wütend geworden und habe ihr gesagt, sie müsse jetzt aber gehen. »Ja, ja« sagte sie »damit Du hier oben mit dem Kindermädchen allein bist. Neulich, als Du betrunken warst, da hast Du’s ja auch mit ihr getrieben.« Da mußte ich lachen. Sie lachte auch und tat so, als ob sie mit mir herumalbern wollte. Jedenfalls stand sie auf, ging aus dem Zimmer, schloß die Tür und drehte den Schlüs­sel um. Und ich, arglos, wie ich immer noch war und müde von der Arbeit auf dem Felde, legte mich hin und schlief den Schlaf des Gerech­ten. Gegen Morgen kam sie und schloß die Türe auf.</p>
<p>Warum nachts die Türen so gequietscht hätten, fragte ich sie. Ja, sagte sie, das Lämpchen am Kinderbett sei ausgegangen und sie habe es bei den Nachbarn wieder anzünden lassen. Ich habe geschwiegen und habe mir gedacht: Es wird wohl so sein. Allerdings kam es mir so vor, als ob sie Schminke und Puder im Gesicht hatte, was mich etwas wunderte. Schließ­lich war die Trauerzeit für ihren kurz vorher gestorbenen Bruder noch nicht vorbei. Gesagt habe ich trotzdem nichts, sondern bin schwei­gend hinaus aufs Feld gegangen.</p>
<p>Danach verging wieder einige Zeit, während der ich weit entfernt war, von meiner Schande auch nur etwas zu ahnen; bis mich eines Tages eine alte Frau ansprach, und zwar geschickt von einer anderen Frau, die ihrer­seits, wie ich später erfuhr, zuvor von diesem Eratosthenes verführt wor­den war. Diese andere Frau war mittlerweile schlecht zu sprechen auf Eratosthenes, weil er sie nicht mehr mit der gewohnten Regelmäßigkeit besuchte, und sie ließ ihn so lange bewachen, bis sie schließlich die Ursa­che seiner nachlassenden Liebe gefunden hatte. Die alte Menschin nun trat ganz in der Nähe meines Hauses. wo sie auf der Lauer lau, auf mich zu und sagte: »Euphiletos« sagte sie »Euphiletos! Denk ja nicht, es ist irgend ein Weibergewäsch, was ich dir zu sagen habe. Hör mir zu. Dieser Mann frevelt an dir und deiner Frau. Er ist unser gemeinsamer Feind, verstehst du?! Wenn du deine Dienerin, die, die immer zum Markt geht und dir hei Tisch aufwartet, wenn du die nimmst und ausquetschst, dann wirst du alles gewahr. Es ist Eratosthenes aus Oie, er ist der Übeltäter; er hat nicht nur deine Frau verführt, sondern noch jede Menge andere. Er macht regelrecht eine Wissenschaft daraus. Mit diesen Worten machte sie sich aus dem Staube, ihr Herren, und ich, ich war wie vor den Kopf gesto­ßen. Dann aber hielten Argwohn und Verdacht mit Macht Einzug bei mir und auf einmal schien es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen: ich mußte daran denken, wie mich meine Frau im Zimmer eingeschlos­sen hatte, mir fiel ein, wie die Hoftür und die Haustür in die­ser Nacht gequietscht hatten, was doch sonst nie vorkam, und ich sah das geschminkte Gesicht meiner Frau vor mir. All das schoß mir durch den Kopf und ich war erfüllt von Argwohn. Als ich nach Hause kam. befahl ich der Dienerin mit mir zum Markte zu gehen, führte sie dann aber in das Haus eines meiner Freunde und eröffnete ihr, daß ich über alle Vor­gänge in meinem Hause bestens unterrichtet sei. »Du hast jetzt die Wahl« sagte ich ihr »entweder ich lasse dich foltern und in die Mühle werfen, wo du für der Rest deines Lebens wie ein Esel das Rad treten kannst, oder du ge­stehst mir jetzt auf der Stelle die ganze Wahrheit, dann geschieht dir nichts und ich werde dir deine Missetaten verzeihen. Wage aber nicht, mich zu belügen. Sag die Wahrheit.« Erst hat sie geleugnet und gesagt, ich solle tun, was ich nicht lassen könne, sie wisse von nichts. Als ich aber den Namen »Eratosthenes« nannte und daß er »derjenige, welcher« ist, da war sie sehr betroffen, weil sie wohl annahm, ich wüßte alles bis ins Kleinste. Plötzlich warf sie sich vor mir nieder, nahm mir das Verspre­chen ab, daß ich ihr nichts tun würde, und dann sprudelte sie los und klagte ihn an: wie er sich nach der Beerdigung an sie herangemacht, wie er sich ihrer als geheimer Botschafterin bedient und meine Frau zu einem Treffen überredet hatte, unter welchen Vorwänden sie ihm Zugang ver­schaffte, wie meine Frau beim Erntedankfest mit seiner Mutter den Tem­pel besuchte, während ich aufs Land gefahren war, alles erzählt sie mir, bis in die kleinsten Kleinigkeiten. Als sie fertig war, habe ich ihr gesagt: »Du stehst mir dafür gerade, daß kein Mensch etwas von all dem erfährt. Wenn aber doch: so werde ich unsere Verabredung vergessen. Ich ver­lange von dir, daß du mir eine Gelegenheit schaffst, sie auf frischer Tat zu er­tappen. Ich will keine Worte. sondern klare Beweise und Tatsachen.« Sie erklärte sich einverstanden.</p>
<p>(Ich will euch nun schildern), was an dem letzten Tage geschah. Ich hatte einen guten Freund namens Sostratos. Den traf ich, als er nach Sonnenuntergang vom Feld kam. Da ich wußte, daß er hei sich zu Hause um diese Tageszeit niemanden antreffen würde, lud ich ihn ein bei mir zu es­sen. Wir gingen also zu nur nach Hause und aßen in meinem Zimmer zu Abend. Er ließ es sich schmecken, verabschiedete sich und ging. Ich legte mich schlafen. Und wer dann kam, ihr Herren, das war kein ande­rer als Eratosthenes. Da hat mich die Dienerin sofort geweckt und mir gesagt, er sei im Hause. Ich sagte ihr, sie solle die Türen bewachen, schlich mich aus dem Haus und versuchte, Freunde zusammenzuholen, die einen waren zu Hause, die andern nicht. Ich trommelte so viele wie möglich zusammen und dann zogen wir los. Aus dem nächsten Laden nahmen wir Fackeln mit und gingen hinein.</p>
<p>Die Haustür steht offen, die Dienerin hat alles richtig gemacht. Wir sto­ßen die Schlafzimmertür auf und die von uns als erste in den Raum treten, sehen ihn bei der Frau liegen, als die letzten hineinkommen, steht er nackt auf dem Bett. Ich, ihr Herren Athener, ich verpasse ihm einen Schlag. Er sackt sofort zusammen. Ich bringe ihm beide Hände auf den Rücken und fessele sie. »Wie wagst Du es, mein Haus zu betreten?« frage ich ihn. Er gesteht seine Schuld sofort ein und beginnt zu bitten und zu flehen, ich solle Geld nehmen und ihn nicht töten. »Ich werde dich nicht töten,« sage ich, «ich nicht! Aber das Recht wird dich töten, das Gesetz unserer Stadt! Das du übertreten hast, weil es dir weniger gilt als die Befriedi­gung deiner Lüste. Weil du es vorziehst, in Sünde zu leben und dich an meiner Frau und an meinen Kindern zu versündigen statt die Gebote des Rechts und des Anstands zu achten! &#8230;«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
2. Ein schwer versehrter Herr? (Die 24. Rede)</span><span style="font-size: 10pt;"> <a href="#_edn51" name="_ednref51">[51]</a></span></h4>
<p>Athen war natürlich keine Demokratie im heutigen Sinne. »Volksherr­schaft« ist nur dann ein passender Ausdruck, wenn man Sklaven, Frauen und Bürger anderer Städte nicht zum Volke zählt. Und noch einer Bevölke­rungsgruppe blieben die hohen Ämter verschlossen: den Körper-be­hinderten. Sie bekamen aber, wenn sie denn athenische Vollbür­ger waren, für den Ausschluß von der Macht und den damit verbun­denen Pfründen Ausgleich in Form einer Versehrtenrente. Jedes Jahr überprüfte ein Gericht die Berechtigung zum Bezug der Rente. Wer immer etwas gegen den Rentier zu erinnern hatte, konnte eine Klage anbringen. <a href="#_edn52" name="_ednref52">[52]</a> So war es auch dem Mann geschehen, dem Lysias die nachfol­gend in Ausschnitten wiedergegebene Rede schrieb. Er war allem An­schein nach sichtbar gehbehindert und betrieb ein kleines Ladenge­schäft, eine Bude, in der er irgendwelche Salben zum Kauf anbot, viel­leicht konnte man bei ihm auch einen Wein trinken. Diesem Mann, des­sen Verteidigungsrede wir gleich hören, machte ein Mitbürger die Behinder­tenrente streitig, denn er reite auf Pferden einher, sei also offen­bar fit, und benötige auch deshalb keine staatliche Unterstützung, weil er mit seiner Bude genug verdiene und dort auch zweifelhaften Umgang pflege. Seine Verteidigungsrede macht uns mit einem attischen Schlitzohr be­kannt:</p>
<p>»&#8230; Hohes Gericht, diejenigen, denen das Schicksal ein Unglück aufgela­den hat, werden, so glaube ich, sich zu helfen versuchen; sie wer­den darüber nachdenken, wie sie ihr Schicksal mit der geringsten Unbequem­lichkeit tragen können. Einer von diesen bin ich und in mei­ner Notlage bin ich darauf verfallen mir ab und zu ein Pferd zu borgen, wenn ich schon mal einen längeren Weg machen muß. Daß ich nur aus diesem Grunde Pferde ausborge, hohes Gericht, und nicht etwa, wie der Kläger behauptet, zu Sport und Vergnügen, dafür ist der beste Beweis dieser: Wenn ich es mir erlauben könnte, so würde ich doch ein eigenes, bequem gesatteltes Maultier reiten, und nicht auf andrer Leute Pferde klettern. Aber weil ich mir solche Anschaffungen nun einmal nicht erlau­ben kann, bin ich ja regelrecht gezwungen, jetzt und auch in Zukunft, mir von fremden Leuten Pferde auszuleihen. Und wieder, Hohes Gericht: Ist es nicht unlogisch daß dieser da, käme ich auf einem eigenen Maultier einher, schweigen müßte – denn was wollte er wohl dagegen haben? – nun aber, weil ich auf geborgten Pferden reite, will er euch weismachen, wunders wie gesund ich doch bin? Da könnte er mir genauso gut vorwer­fen, daß ich mich auf zwei Krücken stützen muß, indem er etwa sagte: Während sich andere mit nur einer Krücke begnügen, leiste ich mir in meinem grenzenlosen Reichtum gleich zwei – weshalb ich also kernge­sund sein müsse. Kann man sich eine krausere Logik vorstellen? &#8230;</p>
<p>Und wenn einer von euch sich doch von ihm überzeugen ließe: wa­rum eigentlich hin ich bis heute vom Regierungsamt ausgeschlossen? Wo doch einzig die Schwerversehrten nicht zu Archonten gelost werden kön­nen? So nehmt mir meine kleine Rente! Nur zu! Erkennt sie am besten gleich dem Kläger zu und beschließt, daß nicht ich der Krüppel bin, son­dern er! Und wenn ihr mich dann für gesund erklärt, wer sollte mich wohl hindern, in die Regierung einzutreten und statt der kleinen Rente einen erklecklichen Beamtensold zu kassieren? Aber nein, natürlich, das ist nicht eure Meinung, und es ist in Wahrheit auch nicht die Überzeu­gung des K Eigers. Er kam ja nur, um mir meine Behinderung streitig zu machen, als wäre sie eine reiche Braut. Und allein deshalb will er euch überreden, etwas anderes zu glauben als das was ihr seht. Aber er wird damit keinen Erfolg haben können. Denn ihr seid Leute mit gesundem Menschenverstand. Ihr seht, welch ein alter Krüppel hier vor Euch steht. Ihr traut euren Augen mehr als seinen schönen Reden. &#8230; Weiter behaup­tet er, in meiner Bude sammle ich Leute um mich, die ihr eignes Geld verpraßt hätten und jetzt darauf ausgingen, andern das ihre aus der Ta­sche zu ziehen. Aber Vorsicht! Denn damit klagt er ja keineswegs nur mich an, sondern in Wirklichkeit alle, die einen solchen Laden haben wie ich. Und er bezichtigt nicht nur meine Kundschaft, sondern in Wahrheit alle, die in solche Läden gehn. Und jeder geht dorthin, auch ihr geht dorthin, der eine in die Salbenbude, der andere zum Barbier, der dritte zum Schuster, der vierte wohin es ihn eben grade treibt, meistens natür­lich in eine der vielen Buden gleich hier am Markt, seltener in die weiter abgelegenen. Sollte also tatsächlich einer von euch meine Kunden für Spitzbuben halten, so müßte er das gleiche für die Kunden der übrigen Läden gelten lassen, und wenn für die, dann doch wohl für alle Athener. Denn, wie ich schon sagte, ihr alle liebt es, über den Markt und durch die Gassen zu schlendern und eure kleinen Vergnügungen in diesen und besonders in jenen Etablissements zu suchen.</p>
<p>Aber es gibt nun wirklich keinen Grund, daß ich euch noch länger mit der akribischen Widerlegung all der Einzelheiten langweile, die mir der Kläger vorwirft. Das Wesentliche habe ich gesagt – zu welchem Nutzen und Frommen sollte ich es ihm gleichtun und euch mit Strohhalmaffären belästigen? Nein, hohes Gericht, ich habe nicht mehr als eine schlichte Bitte an euch: denkt über mich, wie ihr auch früher gedacht habt. Bleibt bei eurer Meinung. Die einzige Gunst, die das Schicksal mir in unserer Vaterstadt zu genießen gab – laßt nicht zu, daß dieser eine da sie mir raubt und euch alle beredet, mir wieder zu nehmen, was ihr mir schon so lange zugebilligt habt. Deshalb nämlich, Hohes Gericht, weil blindes Unglück uns Gebrechliche von Amt und Ehren ausgeschlossen hat, teilt uns das Gesetz diese schmale Rente als Entschädigung zu, in der weisen Einsicht, daß der Zufall über Glück und Unglück eines jeden von uns nicht nach Verdienst richtet, sondern nach Willkür. Wie sollte ich da nicht die elendeste und bejammernswerteste Kreatur heißen, wenn mich erst mein erbärmlicher Körper um das größte und schönste betrügt, das es gibt, nämlich den Dienst an der Vaterstadt, und mich dann auch noch der Kläger des Almosens beraubt, das mir eben diese Vaterstadt in ihrer Weisheit und Weitsicht gab? Niemals, hohes Gericht, niemals dürft ihr so urteilen! Wie auch hätte ich ein solches Urteil verdient? Habe ich je ge­gen irgendeinen von euch Prozesse geführt und ihn um sein Vermögen gebracht? Niemand wird das behaupten können. Steck ich die Nase in fremde Angelegenheiten, bin ich ein Heißsporn und Streithahn? Das ist nicht der Gebrauch, den ich von meinen bescheidenen Kräften mache. Bin ich ein unverschämter Angeber, bin ich ein Schläger? Sogar der Klä­ger würde das nicht behaupten, es sei denn, er wollte der Legion seiner Lügen noch eine weitere hinzufügen. War ich in der Zeit der Diktatur auf der Seite der Mächtigen? Habe ich meine Mitbürger unterdrückt? Im Gegenteil! Mit den Demokraten bin ich ins Exil nach Chalkis gegangen; während ich hier in Ruhe hätte leben können, habe ich mit euch die Gefah­ren des Freiheitskampfes geteilt.</p>
<p>Hohes Gericht! Da ich in nichts gefehlt habe, behandelt mich nicht wie einen Verbrecher. Schließt euch den früheren Entscheidungen in meiner Sache an. Bedenkt: Es geht hier nicht um Rechenschaft über Staats­gelder, es geht auch nicht um die Entlastung eines hohen Beamten, es handelt sich – um ein Almosen, die Rede ist von einem Obolus. Wenn ihr das bedenkt so werdet ihr ein gerechtes Urteil fällen und ich für mein Teil werde es euch zu danken wissen. Dieser aber, der Kläger, wird für die Zukunft etwas lernen. Er wird nämlich lernen, daß es sich nicht ge­hört, über Schwächere herzufallen, sondern daß man die Kräfte mit seines­gleichen messen soll.«</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
3.  Unbegrenzte Auslegung (Die 10. Rede)</span> <span style="font-size: 10pt;"><a href="#_edn53" name="_ednref53">[53]</a></span></h4>
<p>Der letzte Redeausschnitt zeigt uns Lysias auf der Höhe seiner taktischen Meisterschaft. Die Ausgangslage für seinen Mandanten war denkbar schwierig: Er hatte in einem Prozeß als Zeuge ausgesagt: und zwar hatten er und ein weiterer Zeuge bestätigt, daß der Angeklagte, ein gewisser Theomnest, in einer Schlacht den »Schild weggeworfen«, also Fahnen­flucht begangen habe. Theomnest wurde trotzdem freigesprochen, war seinerseits zum Gegenangriff übergegangen und hatte die Verurteilung des anderen Zeugen wegen Verleumdung erreicht. Gelegentlich dieser Rechtsstreite hatte Theomnest wohl eher beiläufig über Lysias Mandan­ten geäußert, dem sei ohnehin nicht zu glauben, schließlich habe er sei­nen Vater umgebracht. Diese Äußerung bildete nun den Hintergrund für den dritten Prozeß: Lysias verfaßte für seinen Mandanten – wohl auch, um einer Verleumdungsklage des Theomnest zuvorzukommen – seiner­seits eine Verleumdungsklage gegen Theomnest. Das Gesetz gab dafür nicht allzuviel her. Einen abstrakt gefaßten Verleumdungsparagraphen gab es nicht. Vielmehr verbot das Gesetz – in archaischer Manier – nur den Gebrauch bestimmter, einzeln aufgezählter Worte. Eines jener Worte lautete »Vatermörder«. Dieses Wort hatte Theomnest unstreitig nicht gebraucht. Hatte er den Vorwurf sinngemäß erhoben? Lysias läßt keinen Zweifel daran. Aber er belegt das nicht mit Tatsachen (gaben sie nichts her?). sondern er wählt einen indirekten Weg: Theomnest, so macht er die Zuhörer glauben, verteidigt sich mit einer überholten. skla­visch am Wortlaut haftenden. ja nachgerade lächerlichen Auslegung des Verleumdungsgesetzes: Wer sich so verteidigt, klagt sich an! Das war der Eindruck, der den Richtern vermittelt werden sollte. Und zugleich sollten sie daran erinnert werden, daß man es bei Theomnest schließlich mit einem Fahnenflüchtigen zu tun hatte. Dabei durfte er allerdings den Vor­wurf der Fahnenflucht nicht direkt erheben – das wäre zu gefährlich gewe­sen, weil es dem Theomnest angesichts der Vorprozesse Anlaß zu erfolgversprechender Verleumdungsklage gegeben hätte.</p>
<p>»&#8230; Vielleicht wird er sich wieder auf das Argument verlegen, das er schon vor dem Friedensrichter gebraucht hat. Das Gesetz, wird er sagen. bestrafe nur den wegen Beleidigung, der ganz bestimmte, verbotene Ausdrü­cke verwende. Wenn er also behaupte, ich hätte meinen Vater getötet, so verstoße er deswegen nicht gegen das Gesetz, weil dort nur der Ge­brauch des Wortes ›Mörder‹ unter Strafe gestellt sei; diesen Ausdruck habe er aber nicht in den Mund genommen. Ich für mein Teil glaube allerdings, ihr Herren Richter interessiert euch nicht für begriffliche Spitzfin­digkeiten, sondern für den Sinn des Gesetzes. Und ihr wißt natür­lich, daß nur diejenigen, die einen Menschen getötet haben, Mörder hei­ßen, und umgekehrt jeder, der ein Mörder ist, auch einen Menschen getötet hat. Da hätte der Gesetzgeber eine Menge Arbeit, wenn er immer all die Wörter einzeln herzählen wollte, die dasselbe bedeuten. Die alle meint er, indem er eins nennt.</p>
<p>Und du, Theomnest! Wenn jemand behauptet, du habest gegen dei­nen Vater oder gegen deine Mutter die Hand erhoben – dies sind die Worte des Gesetzes –, so würdest du gegen den Verleumder vor Gericht gehen! Und mit Recht! Aber würdest du es denn mit weniger Recht tun, wenn dieser Jemand gesagt hätte: Jener Theomnest hat seinen männli­chen und seinen weiblichen Elternteil geschlagen? Mit Vergnügen würde ich auch auf eine andere Frage deine Antwort hören, denn darin bist du von uns beiden zweifellos der größere Meister, im Worteschmieden und im Reden: Angenommen. jemand sagt, du seist als Soldat aus dem Feld geflohen: das Gesetz, ich rufe es in Erinnerung. lautet wörtlich: »Wer einen anderen zu Unrecht der Fahnenflucht bezichtigt, wird bestraft.« – So würdest du ihn sicherlich zur Rechenschaft ziehen, oder etwa nicht? Und wenn er dann anfinge sich zu verteidigen und sagte: Er habe ja nicht be­hauptet, du seist von der Fahne, sondern nur, du seist aus dem Felde geflohen, was würdest du antworten? Wäre die Sache damit für dich erle­digt? Wie? Und wenn du Polizeigewalt hättest und es käme jemand und führte dir einen Banditen vor und sagte zu dir: »Verhafte ihn, er hat mir Mantel und Jacke gestohlen!« Diesen Banditen ließest du laufen, weil du von Gesetzes wegen nur Leute verhaften darfst, die »Diebe« genannt werden, nicht aber solche, die etwas gestohlen haben? Und wenn einer auf frischer Tat bei einer Kindesentführung betroffen wird, dem würdest du wahrscheinlich bescheinigen, daß er keineswegs ein Menschenräuber ist, weil nämlich deine Gedanken viel zu sehr in Wortklaubereien ver­strickt sind und du keine Zeit mehr hast für die wirklichen Tatsachen, derentwegen doch alleine die Menschen so viele Worte machen!</p>
<p>Und nun, ihr Herren Richter, merkt wohl auf: Mir scheint nämlich, un­ser Theomnest hat sich mit seiner schlappen und vergnügungssüchti­gen Existenz noch nicht ein einziges Mal zu unserem höchsten Kriminalge­richt auf den Areopag hinaufgeschleppt. Ihr alle wißt es natür­lich: wenn dort vor den Geschworenen ein Mordfall verhandelt wird, dann spricht zunächst der Ankläger den Schwur und er gebraucht dabei keineswegs den Ausdruck »Mord«, sondern er schwört, der Angeklagte habe einen Menschen »getötet«, und genauso schwört dann der Ange­klagte, er habe nicht »getötet«. Sie gebrauchen also gerade das Wort, das Theomest auf mich angewandt hat. Was für eine absurde Logik wäre es aber, den Täter, der sich als Mörder bekannt hat, freizusprechen mit der Begründung, die Anklage habe nicht auf Mord gelautet, sondern darauf, der Angeklagte habe getötet? Und ist es nicht genau das, was Theomnest zu seinen Gunsten anführen will?</p>
<p>Aber zurück zu dir, Theomnest &#8230; Bist du eigentlich so gewieft, daß du die Gesetze so zurechtbiegen kannst, wie es dir gerade zupaß kommt? Oder bist du so mächtig, daß niemand, dem du ein Unrecht zufügst, dich mit Erfolg zur Rechenschaft ziehen kann? Schämst du dich nicht eines solchen Benehmens? Schämst du dich nicht, deinen Vorteil darin zu su­chen, ungestraft Unrecht tun zu können, anstatt dir Verdienste um un­sere Vaterstadt zu erwerben? &#8230; Lies mir nun die altehrwürdigen Gesetze Solons vor:</p>
<p><em>Gesetz:<br />
</em>»Welchem das Heliaia Gericht schärfere Strafe zumißt, fünf Tage<br />
fest in das Schandeisen lege man solchem Manne den Fuß.«</p>
<p>Nun, das »Schandeisen«, Theomnest, ist genau das, was wir heute als öffentliche Fesselung an den Holzblock kennen. Und wenn nun einer, nachdem er die Fesselung an den Holzblock glücklich überstanden hat, käme und eine Klage anbrächte gegen die Vollstreckungsbeamten mit der Begründung. man habe ihn ans Eisen aber nicht ans Holz fesseln dürfen, würde man den nicht für, sagen wir, einigermaßen beschränkt halten? Lies das andere Gesetz vor:</p>
<p><em>Gesetz:<br />
</em>»Es schwöre den Schwur bei Apoll der handhafte Mann und bringe der Bürgen sieben. Und hege er Furcht vor dem Richtspruch. nimmer­mehr sei ihm verstattet zu fliehen.«<br />
»Handhaft« bedeutet natürlich »auf frischer Tat« beim Diebstahl er­wischt, und »verstattet« bedeutet »erlaubt«.</p>
<p><em>Gesetz:<br />
</em>»Welcher Mann die Tür verschleußt, während der Dieb im Hause ver­weilt &#8230;«<br />
»Verschleußen« heißt nichts anderes als »verschließen« und ich bitte dich, Theomnest, keine Debatte darüber!</p>
<p><em>Gesetz:<br />
</em>»Sind für ein Darlehen Zinsen bedungen &#8230;«<br />
»Bedungen«, bester Freund, hat an dieser Stelle nichts mit »Dung« und »düngen« zu tun, sondern bedeutet ganz einfach versprochen.</p>
<p>Es gibt noch vieles dieser Art, ihr Herren Richter. Und wenn er nicht ein kompletter Holzkopf ist, dann müßte es ihm jetzt in den Trichter gekommen sein: Die Dinge sind dieselben, heute wie damals, nur die Bezeichnungen, die Namen der Dinge gebrauchen wir heute teilweise nicht mehr so wie früher. Er selbst wird es eingestehen: schweigend, so glaube ich, wird er gleich das Gericht verlassen. Wenn aber nicht, so bitte ich euch, ihr Herren Richter, erkennet das Rechtliche! Erwägt, wieviel schlimmer es ist, hören zu müssen, man habe den eigenen Vater getötet, als, man habe Fahnenflucht begangen. Ich jedenfalls möchte lieber tau­send Mal von der Fahne geflohen sein, als in einem so schrecklichen Rufe we­gen meines Vaters zu stehen. Dieser dort, Theomnest, unter der gut begründeten Anklage der Fahnenflucht, die doch weit weniger ehrenrüh­rig ist als diejenige des Vatermordes, fand bei euch nicht nur Mitleid, sondern es gelang ihm sogar, einen Zeugen um seine Ehrenrechte als Bürger dieser Stadt zu bringen. Ich dagegen, der ich ihn tun sah, was auch ihr wißt; der ich damals bei der Fahne geblieben und nicht geflohen bin; ich, der ich angeklagt bin einer grauenhaften und fürchterlichen Tat; ich: wenn er Freispruch erlangt, bin ich erledigt, ruiniert, zerschmettert, er aber keineswegs in gleichem Maße, wenn er wegen Verleumdung verur­teilt wird.</p>
<p>Ich, ihr Herren, sollte von ihm nicht Genugtuung erhalten? Was liegt denn eigentlich gegen mich vor? Daß er zu Recht so üblen Ruf mir anhän­gen will? Aber das sagt ihr ja selbst nicht im Ernst! Daß Theomnest ein anständigerer Mann ist als ich und aus besserem Hause? Das würde er nicht einmal selbst behaupten. Daß ich als Fahnenflüchtiger den we­gen Verleumdung vor Gericht zerre, der als tapferer Soldat im Felde ausharrte? Nicht so lautet allerdings die Rede, die in der Stadt umgeht. &#8230; Ich weiß nicht, ob ich über all das noch mehr sagen sollte. Daß ihr aber Theomnest verurteilen solltet, dies weiß ich, denn es hat noch nie einen wichtigeren Prozeß für mich gegeben als diesen: Zwar oberflächlich geht es hier nur um eine Verleumdungsklage, doch mit eurem Urteil entscheidet ihr zugleich über die schlimme Anklage, die dahinter steht und um die es eigentlich geht. Und diese gegen mich erhobene Klage lautet auf Vatermord! &#8230;</p>
<p>Bedenkt all dies und steht mir bei! Steht meinem Vater bei! Steht zu den geschriebenen Gesetzen und zu dem heiligen Eid, den ihr geschwo­ren habt!«</p>
<hr />
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; color: #333333;">Anmerkungen:</span></h4>
<p><a href="#_ednref1" name="_edn1">[1]</a>    Friedrich Blass, Die Attische Beredsamkeit, I. Abteilung, Leipzig 1887, S. 633; Ferdinand Baur, Die erhaltenen Reden des Lysias, übersetzt, erläutert und mit Einleitungen versehen. Stuttgart 1868 ff.. S. 50.</p>
<p><a href="#_ednref2" name="_edn2"><sup>[2]</sup></a>     »Verteidigungsrede wegen des ausgegrabenen Ölbaumes« (7. Rede), Baur aaO S. 137 ff.; vgl. auch: Ernst Heitsch, Recht und Taktik in der 7. Rede des Lysias, Museum Helveticum 18 (1961) S. 204–219.</p>
<p><a href="#_ednref3" name="_edn3">[3]</a>   »Verteidigungsrede gegen Simon« (3. Rede), Baur S. 93 ff.</p>
<p><a href="#_ednref4" name="_edn4">[4]</a>   »Rede gegen Eratosthenes« (12. Rede), Baur S. 174 ff.; die Rede ist unter II in Auszügen wiedergegeben</p>
<p><a href="#_ednref5" name="_edn5">[5]</a>   »Rede gegen den Staatsschreiber Nikomachos« (30. Rede), Baur S. 403 ff.</p>
<p><a href="#_ednref6" name="_edn6">[6]</a>   »Rede gegen Diogeiton« (32. Rede), Baur S. 433 ff.</p>
<p><a href="#_ednref7" name="_edn7">[7]</a>   »Verteidigungsrede gegen einen Antrag auf Entziehung der einem Gebrechlichen bewillig-ten Geldrente« (24. Rede). Baur S. 344 ff. die Rede ist unten in Auszügen wiedergegeben.</p>
<p><a href="#_ednref8" name="_edn8">[8]</a>   W. R. M. Lamb: Lysias, with an english translation, Cambridge (Mass.), London, 1976. S. XVII; M.T. Cicero: orator. Lateinisch-Deutsch, ed. Bernhard Kytzler, 3. Auflage, München-Zürich 1988 (Sammlung Tusculum), S. 24 IT. (8. 26 ff.); Libanios v. Antiochia (314–393 n. Chr.): Briefe, Griechisch-Deutsch. ed. G. Fatoutas. T. Kriseher, München 1980, S. 171 S. 423; Albin Lesky: Geschichte der griechischen Literatur, 2. Auflage, Bern und München 1963, S. 641 f.</p>
<p><a href="#_ednref9" name="_edn9">[9]</a>    Die Rede wurde wahrscheinlich zwischen September und Dezember des Jahres 403 v. Chr. gehalten, vgl. Lamb, aaO S. XXIV; Zweifel an dieser Datierung hei Michael Hillgruber: Die zehnte Rede des Lysias, Einleitung, Text und Kommentar, Berlin-New York 1988, S. 100 ff.</p>
<p><a href="#_ednref10" name="_edn10">[10]</a>   Näheres über die Lage und Einrichtung der Gerichtsstätten hei Justus Hermann Lipsius: Das Attische Recht und Rechtsverfahren. 3 Bände. Leipzig 1905. 1912. 1915, S. 167 ff.</p>
<p><a href="#_ednref11" name="_edn11">[11]</a>   Die Wasseruhr (Klepsydra) wurde regelmäßig von einem der Geschworenen bedient, Lipsius aaO S. 911; Einzelheiten über die Technik der Wasseruhr bei H. Diels: Antike Technik, Berlin 1920, S. 155 ff.</p>
<p><a href="#_ednref12" name="_edn12">[12]</a>   Rede gegen Eratostehenes, vgl. Fn. 4.</p>
<p><a href="#_ednref13" name="_edn13">[13]</a>   Thukydides. Historien, II 47 ff. (Pest in Athen), II, 70 (Belagerung von Poteidaia, Kannibalismus), V 91 ff., 116 (Schicksal der Einwohner von Melos).</p>
<p><a href="#_ednref14" name="_edn14">[14]</a>   Dies schon bald nach dem Tode des Perikles (429 v. Chr.), vgl. Eduard Meyer: Geschichte des Altertums, 9. Auflage 1952–1958, Nachdruck Essen, ohne Jahr, Bd. 7, VI, S. 340 ff.; Leopold von Ranke: Geschichte des Altertums, Stuttgart, o. J., S. 283 ff.</p>
<p><a href="#_ednref15" name="_edn15">[15]</a>   Vgl. Fn. 4, aaO, Rdnr. 26.</p>
<p><a href="#_ednref16" name="_edn16">[16]</a>   Vgl. Fn. 4, aa0, Rdnr. 100</p>
<p><a href="#_ednref17" name="_edn17">[17]</a>   Natürlich hatte Lysias Vorgänger, etwa Antiphon (480–411 v. Chr.); über sie ist aber wenig bekannt und keiner von ihnen hat sich so sehr der praktischen Gerichtsrhetorik gewidmet, vgl. etwa zu Antiphon die Beiträge bei Anargyros Anastassiou/Dieter Irmer: Kleinere attische Redner, Darmstadt 1977, S. 9–65.</p>
<p><a href="#_ednref18" name="_edn18">[18]</a>   Lipsius, Bd. III, 5.905 ff.: die Prozeßpartei konnte in gewissen Fällen befreundete Fürsprecher. sog. synhegoroi (Fürsprecher) oder syndikoi (Sachwalter, daher der deutsche Syndikus), zusätzlich auftreten lassen; da aber die berufsmäßige Prozeßvertretung nicht gestattet war und die Fürsprecher offen auftreten mußten, konnte sich daraus ein anwaltsähnlicher Berufsstand nicht entwickeln.</p>
<p><a href="#_ednref19" name="_edn19">[19]</a>   Vgl.: Louis Gernet: Einführung in das Studium des alten griechischen Rechts, in: Erich Berneker (Hrsg.): Zur griechischen Rechtsgeschichte, Darmstadt 1968, S. 4 ff. (6 ff.).</p>
<p><a href="#_ednref20" name="_edn20">[20]</a>   Die vollständigste Darstellung ist wohl das Werk von Lipsius (Fn. 10); vgl. auch Jochen Bleicken: Die athenische Demokratie, 2. Auflage, Paderborn, München, Wien 1988, S. 162 ff.</p>
<p><a href="#_ednref21" name="_edn21">[21]</a>   Vgl. Bleicken aaO (Fn. 20) S. 320 ff. Ein Fall moderner Sykophantie behandelt BGH Urteil v. 22.5.1989 – II ZR 206,&#8217;88 – NJW 1989, 2689 ff.: Mißbräuchliche Erhebung einer aktienrechtlichen Anfechtungsklage mit dem Ziel, eine Abfindung von der AG zu erhalten</p>
<p><a href="#_ednref22" name="_edn22">[22]</a>   Gelegentlich auch in zwei Reden, Lipsius aaO, S. 910 Fit. 10; Heitsch, aaO; Platon. Apologie. I 17 A, 36 A vgl. Platon: Sämtliche Werke in deutscher Übersetzung, 5. Auflage, Köln und Olten 1967, Erster Band, S. 7ff, 29 ff, 32 ff</p>
<p><a href="#_ednref23" name="_edn23">[23]</a>   Hans Volkmann: Artikel ›Solon‹ in Lexikon der Antike in 5 Bänden (Der kleine Pauly), München 1975.</p>
<p><a href="#_ednref24" name="_edn24">[24]</a>   30. Rede, vgl. Fn. 5</p>
<p><a href="#_ednref25" name="_edn25">[25]</a>   Plöbst in: Pauly-Wissowa. Real-Enzyklopädie. Band XIII Teilband 2. Stuttgart 1927. Sp. 2534–2543: Lesky aaO, S. 639, 640.</p>
<p><a href="#_ednref26" name="_edn26">[26]</a>   Gert Ueding/Bernd Steinbrink, Grundriß der Rhetorik, Stuttgart 1986, S. 80</p>
<p><a href="#_ednref27" name="_edn27">[27]</a>   Dieselben, aaO, S. 57</p>
<p><a href="#_ednref28" name="_edn28">[28]</a>   Platon: Gorgias. zit. nach der Übertragung von Karl Preisendanz. Jena 1920. S. 38.</p>
<p><a href="#_ednref29" name="_edn29">[29]</a>   Gert Ueding/Bernd Steinhrink aaO S. 11 ff.; Manfred Fuhrmann: Die antike Rhetorik, 2. Auflage München-Zürich. 1975. S. 15 ff.; Werner Eisenhut: Einführung in die antike Rhetorik und ihre Geschichte. 3. Auflage. Darmstadt 1952. S. ff.</p>
<p><a href="#_ednref30" name="_edn30">[30]</a>   Vgl. Otto A. Baumhauer: Die sokratische Rhetorik. Eine Theorie sprachlicher Kommunikation. Stuttgart 1956,, S. 130 ff.</p>
<p><a href="#_ednref31" name="_edn31">[31]</a>   Baumhauer. aaO S. 157 ff. (166–179), vgl. den interessanten Überblick hei Ueding/ Steinbrink aaO S. 27 ff (Cicero) 48 ff. (Augustinus) 71 ff. (ars praedicandi im Mittelalter) 78 f. (protestantischer Lehrplan 1546) 115 ff. (Adolph Freiherr von Knigge), 145 ff. (Gerichtsrhetorik des 19. Jahrhunderts), 157 ff. (20 Jahrhundert); zur Rechtsrhetorik heute vgl. Fn. 3; eine literarische Rhetorik, die sich streng an der antiken Systematik und Begrifflichkeit orientiert, bringt Heinrich Lausberg, Elemente der literarischen Rhetorik, 9. Auflage, München 1987</p>
<p><a href="#_ednref32" name="_edn32">[32]</a>   Dies wurde unter dem Begriff des eikós abgehandelt, vgl. Baumhauer aaO S. 135–143.</p>
<p><a href="#_ednref33" name="_edn33">[33]</a>   Vgl. zur ›topos‹-Lehre etwa Baumhauer S. 147 ff.; eine kurzgefaßte moderne Rhetoriklehre, die sich weitestgehend auf antike Lehrbücher stützt und der Sache nach nichts entbehrt, was triviale Rhetorik-Handbücher enthalten, geben Ueding/Steinbrink S. 193 ff. einschließlich einer Sammlung von ›topoi‹ S. 220–235; die Aktualität der Topik-Lehre für die Rechtswissenschaft zeigt Theodor Viehweg, Topik und Jurisprudenz. 5. Auflage, München 1974, S. 14 ff. (17) auf: vgl. auch: Fritjof Haff, Juristische Rhetorik. Freiburg, München. 1981; ders.: Rhetorik und Computer, NJW-COR 1989 II, S. 21 ff; III S. 14 ff. : ders.: Das Tübinger Verhandlungs-Seminar, Tübingen 1988; Walter Grasnick: Über Rechtsrhetorik heute, in Dyck/Jens/Ueding (Hrsg.). Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 7, Tübingen 1988 S. 25 ff. – alle mit zahlreichen weiteren Nachweisen; neuerdings beachtlich: Tonio Walter, Kleine Rhetorikschule für Juristen, München 2009</p>
<p><a href="#_ednref34" name="_edn34">[34]</a>   Protagoras v. Abdera (485–415 v. Chr.). vgl. Baumhauer. aaO. S. 144.</p>
<p><a href="#_ednref35" name="_edn35">[35]</a>   Gorgias v. Leontinoi (484–376 v. Chr.): Über das Nichtseiende in: Thomas Buchheim. Gorgias v. Leontinoi, Reden, Fragmente, Testimonien, Griechisch-Deutsch, Hamburg 1989. S. 41 ff. vgl. auch ebenda Anm. 22 zu Fragment 11a: Isokrates (436–338 v. Chr.), vgl. Fuhrmann aaO S. 24 ff.; vgl. auch Gian Battista Vico: Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung. Düsseldorf 1947, zitiert bei Viehweg (Fn. 33). S. 17.</p>
<p><a href="#_ednref36" name="_edn36">[36]</a>   Vgl. zum Problem der persönlichen Glaubwürdigkeit des Redners für die römische Zeit: C. Joachim Classen. Cicero – heute?, NJW 1989, S. 367 ff. m. w. N.; Clarke, aaO, S. 142 ff. (153); siehe auch: Erwin Fuchs, Darf der Anwalt lügen?, AnwBl 1989, S. 353 ff.</p>
<p><a href="#_ednref37" name="_edn37">[37]</a>   Die Angaben über das Geburtsjahr schwanken zwischen 459 v.Chr. und 432 v. Chr. vgl. Blass aaO. S. 339–345; Ulrich Schindel, Untersuchungen zur Biographie des Redners Lysias, Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge. 110 (1967). S. 32–52, Nachdruck bei Anargyros Anastassiou/Dieter Irmer (Hrsg): Kleinere Attische Redner, Darmstadt 1977, S. 264 ff.; die Zweifel an dem in der Antike angenommenen Geburtsjahr 459 rühren unter anderem daher, daß Lysias noch in den Jahren um 380 ein intimes Verhältnis zu der Dirne Metaneira und ihrer Schwester unterhielt, was man offenbar einem 79jährigen nicht zutraute. Baur aaO S. 27.</p>
<p><a href="#_ednref38" name="_edn38">[38]</a>   Zur rechtlichen und sozialen Stellung der Metöken vgl. Heinz Bellen. Artikel ›Metoikoi‹, Der Kleine Pauly, Bd. 3, München 1975, Op. 1276–1278. m. w. N.</p>
<p><a href="#_ednref39" name="_edn39">[39]</a>   Platon: Der Staat, I, 1327 A – 1332 A. vgl. Platon. Sämtliche Werke (Fn. 22). Bd. 2. S. 5 ff.</p>
<p><a href="#_ednref40" name="_edn40">[40]</a>   Beispielhaft Gorgias v. Leontinoi: Lobpreis der Helena, Verteidigungsrede für Palamedes, aaO (Fn. 35), S. 4 ff., 17 ff.</p>
<p><a href="#_ednref41" name="_edn41">[41]</a>   Vgl. Blass aaO S. 423 ff.; die Rede ist im platonischen Dialog <em>Phaidros</em> wiedergegeben und wird dort von Sokrates heftig kritisiert, Platon. Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 411 ff.</p>
<p><a href="#_ednref42" name="_edn42">[42]</a>   Der Fall stammt von Antiphon (480–411 v. Chr.), vgl. Fuhrmann S. 22 f.</p>
<p><a href="#_ednref43" name="_edn43">[43]</a>   Sehr kritisch zu den Logographen insgesamt: Bleicken aaO, S. 176 ff. H. J. Wolff in: Methodische Grundfragen der rechtsgeschichtlichen Verwendung attischer Gerichtsreden, zit. bei Hillgruber (Fn. 9), S. 9.</p>
<p><a href="#_ednref44" name="_edn44">[44]</a>   Clarke: Die Rhetorik hei den Römern. Göttingen 1968. S. 117 f.: Vgl. auch: Wilhelm Süss: Ethos. Aalen 1975 (Neudruck der Ausgabe Leipzig 1910), S. 225 ff.</p>
<p><a href="#_ednref45" name="_edn45">[45]</a>   Lamb aaO (Fn. 8) S. XVIII</p>
<p><a href="#_ednref46" name="_edn46">[46]</a>   Unmittelbar nach Absetzung der »Dreißig« im Jahre 403 beantragte Thrasybul, Lysias die Vollbürgerschaft wegen seiner Verdienste um die Demokratie zu verleihen: der Antrag scheiterte an einem Formfehler, vgl. Plöbst aaO (Fn. 25)</p>
<p><a href="#_ednref47" name="_edn47">[47]</a>   Blass aaO, S. 430 ff.; die Rede wird teilweise in 388 v. Chr. (98. Olympiade) datiert, vgl. Marcello Gigante: II discorso olimpico di Lisia, Studi in onore di L. Castiglioni, Florenz 1960, zit. nach Anastassiou/lrmer (Fn. 37), S. 158 ff. (Übersetzung von Fiorella Grensemann)</p>
<p><a href="#_ednref48" name="_edn48">[48]</a>   Blass aaO S. 353 ff.: Baur aaO S. 40.</p>
<p><a href="#_ednref49" name="_edn49">[49]</a>   »Verteidigungsrede wegen der Tötung des Eratosthenes« ( I. Rede). Die Rede wurde vor einem der Blutgerichte gehalten; wahrscheinlieh vor dem Delphinion, das für Tötungsklagen zuständig war, bei denen sich der Täter auf Rechtfertigungsgründe berief. vgl. Lipsius. aaO (FN 10), S. 121 ff.; Baur aaO (Fn. 1). S. 44, 56: Lamb aaO (Fn. 8). S. 3; vgl. auch LG Paderborn. Urteil v. 12.10.1989 – 1 S 197/89 – NJW 1990. 261) ff.: Kein Schmerzensgeld für den vom Ehemann in flagranti ertappten und sofort heftig verprügelten Liebhaber.</p>
<p><a href="#_ednref50" name="_edn50">[50]</a>   Lamb aaO (Fn. 49)</p>
<p><a href="#_ednref51" name="_edn51">[51]</a>   Vgl. Fn. 7; die Rede wurde bald nach 4113 v. Chr. im Rat der 500 (Bule) gehalten, Lamb S. 516, 517: Baur 344–346.</p>
<p><a href="#_ednref52" name="_edn52">[52]</a>   Die Rente war unterschiedlich hoch und betrug zur Zeit der Rede wohl 1 Obolus täglich, Blass S. 634; 2 Oboloi täglich ernährten einen »mäßigen Mann«, vgl. Anton Westermann. Lysias, Ausgewählte Reden, Stuttgart o. J., S. 63 (Einleitung zur 24. Rede)</p>
<p><a href="#_ednref53" name="_edn53">[53]</a>   »Gegen Theomnest I« (10. Rede); die Rede wurde um 384 v. Chr. vor einem Heliastengericht gehalten; sie hat Anlaß zu sehr weitreichenden Rückschlüssen auf die Grundlagen des griechische Rechtsdenkens gegeben; u. a. wurde aus ihr die These abgeleitet, es habe in Athen rigoroser Gesetzespositivismus geherrscht, das entspräche der formalistischen Orientierung archaischen Rechtsdenkens, vgl. Hillgruber (Fn. 9) passim; Baur (Fn. 1), S. 161 f.; Lamb (Fn. 8), S. 196 f.; vielleicht handelt es sich aber auch um einen rhetorischen Trick, der darin besteht, dass Lysias die positivistische Pedanterie seines Gegners maßlos übertreibt, um sie dann desto leichter durch Lächerlichkeit erledigen zu können</p>
<p style="text-align: justify;">
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		<title>Isokrates (1991)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/isokrates/</link>
		
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		<pubDate>Tue, 01 Jan 1991 09:53:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Isokrates Christoph Schmitz-Scholemann Unveröffentlicht. Entstanden 1991. I. Mythos An den Grenzen des Wissens ist das Reich der Worte nicht zu Ende. Im Gegenteil. Über das, was wir buchstabengenau kennen, brauchen wir keine Worte zu machen: Es versteht sich von selbst, Formeln und Flos­keln genügen. Dagegen wer die Grenzen des Bekannten zu überschreiten gedenkt, findet an [&#8230;]</p>
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</ul>
<h1>Isokrates</h1>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>Unveröffentlicht. Entstanden 1991.</p>
<h4 style="text-align: justify;"><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;">I.</span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><span style="font-family: gill-sans-regular;">Mythos</span></span></h4>
<p>An den Grenzen des Wissens ist das Reich der Worte nicht zu Ende. Im Gegenteil. Über das, was wir buchstabengenau kennen, brauchen wir keine Worte zu machen: Es versteht sich von selbst, Formeln und Flos­keln genügen. Dagegen wer die Grenzen des Bekannten zu überschreiten gedenkt, findet an Floskeln und Formeln kein Genüge. Er braucht Worte.</p>
<p>Die griechische Sprache hält mehrere Ausdrücke für das bereit, was wir im Deutschen unter »Wort« verstehen. Einer dieser Ausdrücke ist »Mythos«. »Mythos» beschreibt nicht so sehr den Bezirk des Begrifflichen und Festbegrenzten, sondern ein »Mythos« ist dasjenige Wort, das einen bewegten oder bewegenden Gedanken ausspricht, »Mythos« ist ein Wort, das spekuliert, tastet, erfindet, kurz: ein Wort, das seinen Sinn noch sucht. Von da ist es nicht weit zu der zweiten Bedeutung des Wortes, die mit Erzählung, Sage, Geschichte beschrieben ist. Übrigens ist das Wort sehr alt und sein tiefer und warmer Klang weist auf einen Zusammenhang mit dem Muhen der Kuh. Das sollte uns nicht irre machen, sondern zur Beschei­denheit ermahnen. Nicht nur Menschen suchen ihren Ausdruck.</p>
<p>Eine günstige Eigenschaft der Mythen besteht darin, daß sie im Gro­ßen eindeutig und in den Einzelheiten vieldeutig sind. Außerdem ist nie­mand durch methodische oder sprachliche Barrieren gehindert, mitzure­den: Der Mythos ist ein urdemokratisches Erkenntnismittel, dessen Nut­zen gelegentlich auch von den exakten Wissenschaften geschätzt wird.</p>
<p>Als nach dem zweiten Weltkrieg die Kernphysiker bei ihrer Lieblingsbe­schäf­tigung, nämlich Materie zu zertrümmern, um zu sehen, wie sie innen sei und was sie zusammenhalte, – weit jenseits der Grenzen, die den natürlichen Sinnen gesetzt sind – immer noch feinere und wieder kleinere und dann noch unendlich geringere Teilchen fanden, da began­nen schließlich die Instrumente zu zittern und das Flimmern auf den Monitoren wurde so unergründlich, daß niemand mehr wußte, ob es etwas anderes bedeutete als sich selbst. Solchermaßen an Grenzen sto­ßend, entsann sich einer der Wissenschaftler des Romans <em>Finnegans Wake</em> und der darin enthaltenen rätselhaften Geschichte von Herrn Mark und seinen drei Söhnen, den Quarks, die, durch den geheimnisvol­len Kleb­stoff der Geschwisterschaft zusammengehalten, gelegentlich selb­dritt an­stelle ihres Vaters agieren. Und so stellte man sich denn das Pro­ton als den Vater Mark und die Teile, aus denen es gelegentlich zu beste­hen schien, als seine Söhne, die Quarks, vor. Bis heute heißen die inzwi­schen experimentell nachgewiesenen kleinsten Elementarteilchen Quarks.</p>
<p>Ebenfalls nach dem zweiten Weltkrieg, als die Staaten in Europa in Trümmern lagen, schrieb der französische Dichter André Gide eine Erzäh­lung mit dem Titel <em>Theseus</em>. Er griff damit einen Mythos auf, der mehr als zweitausend Jahre zuvor schon den griechischen Schriftsteller Isokrates (437–338 v. Chr.) beschäftigt und sein Denken geprägt hatte.</p>
<p>Was das alles miteinander zu tun hat? Nun, hören wir zunächst die aufs Ganze gesehen sehr erfreuliche Geschichte vom sagenhaften Grün­der der Stadtrepublik Athen:</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
II.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Theseus</span></p>
<p>Bevor Theseus die ihm von den Göttern zugedachte große Arbeit versu­chen konnte, erprobte das Schicksal seine Kraft und sein Glück. Denn die Götter können wohl Pläne für ihre Lieblinge schmieden, aber sie haben keine Macht über Arachne, die mit ihren Schwestern in dunklen Winkeln sitzt und für jeden die Fäden des Schicksals spinnt.</p>
<p>In den alten Zeiten lebten sehr schädliche Männer im attischen Bergge­lände, die »Geächteten«; ob man sie – in noch viel früheren Jahrhun­derten – aus den Dörfern geworfen hatte, weil sie, möglicher­weise aufgrund einer schwierigen Jugend, boshaft waren, oder ob sie bos­haft wurden, weil man sie ausstieß, läßt sich nicht mehr klären. Fest steht nur, daß sie sich als Unholde betätigten, als Theseus mit ihnen zu tun bekam. Die drei übelsten Burschen hießen: Skeiron, Damastes und Pithyokamp­tes.</p>
<p>Pithyokamptes ist der sprechende Name eines schweigsamen Mannes. Der ›Fichtenbeuger‹ wohnte im Wald. Wenn ein Wandersmann daher­kam, bot ihm Pithyokamptes eine Kraftprobe an. Der Riese bog mit je­der Hand die Spitze einer Fichte nieder, und sein Opfer mußte es ihm nach­tun. Gütigerweise half ihm Pithyokamptes beim Baumbiegen, feu­erte ihn auch an und lobte ihn für seine schier übermenschliche Kraft so sehr, daß der Wanderer seine eigenen Kräfte überschätzte und sich vom Riesen bereitwillig die Hände an den Fichtenspitzen festbinden ließ. Auf diesen Moment hatte Pityokamptes gewartet. Jetzt nämlich ließ er die Baumspit­zen los und der Waldboden wackelte von dem Gelächter, das der Riese ausstieß, während der Wandersmann von den sich aufspreizen­den Fich­ten hochgeschleudert und in der Luft zerrissen wurde.</p>
<p>Skeiron lebte an der Küste des Meeres, auf einem steil aus der Bran­dung ragenden Felsen hatte er sich sein Räubernest gebaut. Der Mann war gehbehindert. Er hinkte. Wenn, was selten genug der Fall gewesen sein wird, ein Reisender vorüberkam, ein versprengter Soldat vielleicht aus Sparta oder ein betrunkener Philosoph, dann klagte ihm Skeiron sein Leid und bat um die kleine Gefälligkeit einer Beinmassage. Eine so beschei­dene Bitte abzuschlagen, waren die Reisenden, wie es schien, zu höflich. So knieten sie sich vor dem Kranken nieder und kneteten ihm die Waden und bekamen zum Dank – einen mächtigen Tritt ins Gesicht und stürzten rücklings vom Fels hinab in den gurgelnden Abgrund des Meers. Da wartete eine Kröte und fraß den gefallenen Samariter mit Stumpf und mit Stiel.</p>
<p>Damastes hatte an der Straße nach Eleusis, einen Tagesmarsch vom Pei­räus entfernt in nördlicher Richtung, eine ländliche Fremdenherberge eingerichtet. Freundlich pfeifend ging er vor seinem Gasthaus auf und ab und ermunterte die Reisenden einzutreten. Die Leiden der Gäste began­nen, wenn sie sich zum Schlafe niederlegten. Das Bett ist ja viel zu kurz, Herr Wirt! Und dies wieder bei weitem zu lang! Das macht nichts, erwi­derte Damastes, ich werde das in Ordnung bringen, legen Sie sich nur schon mal hin! Und wie er dann half, der rührige Wirt! Aber nicht die Betten machte er passend, sondern die Gäste. Was von ihren Gliedern über den Rand stand, haute er ab mit der Axt. Und wenn sie, wie meis­tens, zu klein waren, dann machte er sie lang, er zog und dehnte und streckte sie, bis sie zerrissen.</p>
<p>Mit diesen sinistren Genossen ging Theseus auf seine Weise um. Er schlug sie mit ihren eigenen Waffen. Den Pityokamptes zerriß er, Damas­tes machte er passend fürs Zwergenbett und Skeiron stieß er vom Felsen hinab der Kröte ins giftige Maul.</p>
<p>Das freie Land, das nun vor ihm lag, Attika nämlich, bot aber immer noch keinen beruhigenden Anblick: Zwischen verstreuten Dörfern dehn­ten sich große, unbebaute Flächen aus, die von unsicheren Straßen durchzo­gen waren. Und wie die Landschaft zwischen den Dörfern wüst und zerklüftet war, mangelte es auch den Verbindungen der Dorfgemein­schaften untereinander an Kultivierung und Form. Es herrschten Miß­trauen und Gewalt.</p>
<p>Immerhin: Theseus fand in einem der Dorfhäupter seinen Vater Ägeus, den er so lange gesucht hatte. Zeit für sein großes Werk fand The­seus aber nicht sogleich. Die Eifersucht und die Mordlust seiner Stief­mutter Medea standen dagegen. Mehrfach mußte Theseus seine ganze Geistesgegenwart aufbieten, um ihren giftigen Anschlägen zu entgehen. Aber selbst dann noch, als Medea gescheitert und verbrannt war, hatte die Kette der Bewäh­rungsproben ihr Ende nicht erreicht, ja, die schwerste Prüfung wartete sogar noch. Theseus wurde von seinem Vater dazu ausersehen, die auswärtigen Beziehungen des attischen Fischer-Dor­fes zu ordnen, ein höchst verwickelter Auftrag, wie unser schon erwähnter Gewährsmann, der französische Dichter Andre Gide, ganz treffend be­merkte. Dem fer­nen und mächtigen König Minos in Kreta waren alljähr­lich sieben Jüng­linge zu verabfolgen, eines alten Krieges wegen, also gewis­sermaßen zu Reparationszwecken. Und was die blühenden Männer auf der Insel Kreta erwartete, war nichts weniger als der sichere Tod in Gestalt eines gefährlichen Mischwesens aus Mensch und Stier: der Minotaurus steckte im innersten Bezirk des Labyrinths, gierig auf Knaben­blut.</p>
<p>Diesmal konnte sich Theseus nicht mit der Anspannung seiner eige­nen Körper- und Geisteskräfte begnügen. Gegen die Wirrsale des Laby­rinths und den Stier im Zentrum hätte Theseus allein keine Chance ge­habt. Daß er dies voraussah, zeichnet ihn aus. Wenn man so will, kann man sagen: Erstmals in seinem Heldenleben war nicht nur das Ziel seines Edelmuts gemeinschaftsbezogen, sondern auch die Technik des heroi­schen Wir­kens selbst wies <em>in nuce </em>jene gesellschaftlich-politische Dimen­sion auf, die uns auch bei seinem größten Werk begegnen wird. Daß der Stier das ganze als eine böse Intrige wertete, wundert uns nicht: Was verstehen schon Stiere von Politik!</p>
<p>Theseus zog zwei Menschen ins Vertrauen, Ariadne und Dädalus. Zur Königstochter Ariadne spann er den Silberfaden seiner – übrigens bes­tens trainierten – prinzlichen Liebe; wie er Dädalus, den Hofbaumeister und genialen Erfinder des Labyrinths, auf seine Seite zog, ist nicht be­kannt. Jedenfalls muß der Architekt dem Helden den Bauplan des Laby­rinths verraten haben. Kurz und gut, der Stier ward bei den Hörnern gepackt und überwältigt, die lieben Hände der Prinzessin hielten den Faden, an dem Theseus aus den Irrwegen herausfand an das nüchterne Licht des Tages und Theseus kehrte als Sieger heim, wenn auch nicht ohne Ver­luste: Die treue Ariadne ließ er unterwegs auf einer einsamen Insel zu­rück (und setzte die Reise mit ihrer wesentlich attraktiveren Schwes­ter Phädra fort) und Vater Ägeus stürzte sich am Tage der Rück­kehr seines Sohnes zu Tode. Theseus war nun der geborene König.</p>
<p>Und so versammelte er die Ältesten und Reichsten seiner Heimatge­meinde und der benachbarten Dörfer um sich und hielt ihnen eine Rede, de­ren genauer Wortlaut durch André Gide aufgezeichnet worden ist:</p>
<p>»Ich lasse nichts gelten als persönliche Tüchtigkeit und erkenne keinen anderen Wert an«, sagte <em>Theseus </em>und fuhr fort: »Ihr habt euch zu berei­chern gewußt durch Geschicklichkeit, Wissen, Beharrlichkeit; noch öfter aber durch Ungerechtigkeit und Mißbrauch. Die Zwistigkeiten unter euch gefährden die Sicherheit des Staates. Nach meinem Willen soll er mächtig und vor euren Intrigen geschützt sein. &#8230; Die verwünschte Geld­gier, die euch quält, bringt euch kein Glück, denn sie ist in Wahrheit unersätt­lich. Je mehr man erwirbt, um so mehr wünscht man zu erwer­ben. Ich werde euer Vermögen herabsetzen; und zwar mit Gewalt (ich besitze sie), wenn ihr diese Einschränkung nicht gutwillig annehmt. Mir behalte ich nur die Aufsicht über die Gesetze und die Heeresleitung vor. Am übrigen liegt mir wenig. Ich will als König ebenso einfach leben, wie ich es bis zum heutigen Tage getan habe, und zwar auf dem gleichen Fuße wie die kleinen Leute. Ich werde den Gesetzen Achtung verschaf­fen &#8230; Man soll im Lande ringsum sagen können: Attika wird nicht durch einen Tyrannen, sondern durch eine Volksherrschaft regiert, denn jeder Bürger dieses Staates wird im Rate gleiches Recht haben, ohne Ansehen der Geburt. Wenn ihr nicht freiwillig mitmacht, werde ich euch, wie ge­sagt, dazu zu zwingen wissen. Ich werde eure kleinen lokalen Gerichts­höfe und Ratsstuben zerstören und vernichten und werde das, was bald Athen heißen wird, unter der Akropolis versammeln &#8230; Jetzt geht und laßt es euch gesagt sein.«</p>
<p>Und Theseus ließ diesen starken Worten Taten folgen. Er schmiedete die ehedem verfeindeten Dorfgemeinschaften zum Volk der Athene zusam­men. Er begab sich aller königlichen Autorität, kehrte ins Glied zurück und fürchtete sich nicht, ohne Geleit vor aller Augen als schlichter Bürger zu erscheinen. Um die Bedeutung und Macht Athens zu heben, ließ er verkünden, daß jeder ohne Unterschied aufgenommen werde, woher er auch käme, wenn er den Wunsch hätte, sich in Athen niederzulas­sen. Und er versprach den Neuankömmlingen die gleichen Rechte wie den Ureinwohnern und den früher angesiedelten Bürgern.</p>
<p>Theseus<em>, </em>den das Schicksal zur Härte erzogem hatte, war auch durch die Warnungen seines Freundes Peirithoous nicht zu beirren. Dieser Freund sagte: »Die Gleichheit ist unter den Menschen nicht natür­lich &#8230; Ohne Wettbewerb, Rivalität, Eifersucht, bleibt diese Masse formlos und wälzt sich im Sumpf. Du magst wollen oder nicht &#8230; bald werden sich wieder Unterschiede der äußeren Lage herausbilden; das heißt eine lei­dende Plebs und eine Aristokratie.«</p>
<p>Theseus entgegnete ihm: »Bei Gott, darauf rechne ich &#8230; Aber zu­nächst sehe ich nicht ein, warum diese Plebs leiden soll, wenn die neue Aristokra­tie, die ich nach Kräften begünstigen werde, diejenige des Geis­tes ist, wie ich es wünsche, nicht die des Geldes &#8230;«</p>
<p>Soweit André Gide’s Bericht über die Gründung Athens durch The­seus. Niemand wird leugnen, daß, gemessen an der durchschnittlichen Weitsicht der Helden von Herakles bis Siegfried, das Urteil über Theseus gar nicht günstig genug ausfallen kann. Und all die sind zu tadeln, die sich noch nach Tausenden von Jahren an den kleinen Unbeherrschthei­ten des Mannes reiben. Natürlich hätte er seine Lebensretterin Ariadne nicht auf einer einsamen Insel in der Ägäis abladen sollen, um mit ihrer Schwester Phädra über die weindunkle See zu entschwinden. Und erst recht überschritt Theseus seinen geschichtlichen Auftrag, als er versuchte, die schöne Helene aus Lakedaimon zu entführen. Aber erstens hat er seine erotische Exzentrik stets teuer bezahlt, diese Dinge sind also an sich erledigt, zweitens wäre es unredlich, das Überschreiten der gewohnten Grenzen bei dem Politiker Theseus zu loben, um dieselbe Eigenschaft dem Erotiker zu verübeln, drittens ist es ein durch keine Erfahrung beleg­tes Vorurteil, daß, wer sich selbst nicht beherrschen kann, auch zur Herr­schaft über andere nicht tauge. Und schließlich sind das alles doch nur Marginalien, die das Entscheidende niemals verdunkeln dürfen: Theseus war ein sagenhafter Mann.</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
III. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Betrifft: Erziehung</span></p>
<p>&#8230; gelegentlich einfach mitten im Satz beginnen. So lautet eine der Empfeh­lungen des Lehrers Isokrates von Athen (437–338 v. Chr.). Es entsteht ein Gefühl von Voraussetzungslosigkeit und Frische, wenn man mit der Tür ins Haus fällt wie der Frühlingswind oder wie ein Kind oder wie das Glück persönlich.</p>
<p>Wer sich im Athen des fünften und vierten Jahrhunderts vor Christus zum Unterrichten berufen fühlte, mußte sich nicht, wie die Lehrer heute, zunächst einmal in die Gewalt der institutionalisierten Erziehungswissen­schaft begeben, um sich dann mühsam wieder aus ihren Fängen zu be­freien, sondern er eröffnete ganz einfach eine Schule. Er brauchte dazu keine Genehmigungen und Zertifikate, sondern nur: einen kühlen Raum, ei­nen guten Ruf, einige Holzbänke und Schüler.</p>
<p>An all dem hatte der Lehrer Isokrates keinen Mangel. Er war nach eige­nem Bekunden ein eher schüchterner Mann. Seine Stimme krächzte und vor großem Publikum wackelten ihm die Knie. Er war ein lausiger Redner und versagte in seinem ersten Beruf als Anwalt. Und so wurde er Lehrer. Und zwar für Rhetorik.</p>
<p>Die Rhetorik, wie sie Isokrates in der Tradition der Sophisten ver­stand, beschränkte sich allerdings nicht, wie der heutige Beigeschmack des Wortes nahelegt, auf Tricks und Tips für rotzige Politiker, business­men und Advokaten. Nein, diese Rhetorik war eine umfassende Disziplin mit einem handfesten praktischen Ziel: Die Rhetorik trat als zentrale Herrschaftstechnik in dem Maße an die Stelle bewaffneter Unterdrü­ckung, wie die Tyrannis von der Demokratie abgelöst wurde. Weil sich das Schicksal der Stadtrepublik Athen in der Volksversammlung und in den Gerichten entschied, mußte man dort im Rate der Männer am Markt, wie es bei Homer heißt – Erfolg haben. Wer etwas zu sagen ha­ben wollte, mußte reden können.</p>
<p>Isokrates hat wahrscheinlich auch ein Lehrbuch der Redekunst ge-schrie­ben. Es ist verloren gegangen, dürfte sich aber nicht wesentlich unterschieden haben von den erhaltenen Kompendien anderer Schulhäup­ter. Mit deren Hilfe können wir uns ein Bild davon machen, wie vielfältig der Bereich dessen war, was man damals unter Rhetorik verstand.</p>
<p>Die Rhetoriklehrer fanden heraus, daß der Redner, ob er will oder nicht, die Gefühle seiner Zuhörer anspricht. Wem sich die Herzen verschlie­ßen, kann Menschen nicht bewegen. Also versuchte man, die Natur der menschlichen Gefühle zu ergründen; es entstand eine Vorform der Psychologie daraus.</p>
<p>Der Redner durfte aber auch die Vernunft seiner Zuhörer nicht beleidi­gen. Deshalb entwickelten die Rhetoriklehrer ausgefeilte Argumentati­onsregeln; es wuchs eine Vorform der Logik und der Erkennt­nistheorie heran.</p>
<p>Der Redner mußte ein Meister der Sprache sein: die Rhetoriker leg­ten das Fundament für Grammatik und Stilistik. Ein gutes Gedächtnis brauchte der Redner; man entwickete die Grundlagen der Mnemotech­nik. Der Redner vor den Gerichten konnte auf gehörige Kenntnis des Rechts nicht ganz verzichten. Und so wundern wir uns nicht, daß es die Rhetoriklehrer gewesen sind, die an der Wiege der Jurisprudenz standen.</p>
<p>Und dann das schwerste Stück: Ein wirklich großer und dauerhaft wirksa­mer Redner braucht, so fanden die Rhetoriker heraus, persönliche Glaubwürdigkeit. Seine Person muß seine Worte beglaubigen. Er muß die Vorstellungen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht und von Wahr und Falsch, die aus seinen Worten sprechen, verkörpern. Und so stießen die Rhetoriklehrer – aus scheinbar ganz unphilosophischen Zweckmä­ßigkeitsüberlegungen – zu den sogenannten tiefen Dingen und letzten Fragen – wir kommen später darauf zurück.</p>
<p>Es war also nicht wenig, was den Schülern im Fache Rhetorik vermit­telt wurde. Aber es war durchaus nicht alles. Der Lehrer Isokrates war ein nüchterner Mann. In seinem Kopfe wucherten keine Romane und blüh­ten auch keine Oden und Elegien. Und so studierte und lehrte er die alte und neue Geschichte seiner Vaterstadt Athen, wobei er zur alten Ge­schichte durchaus auch die Mythologie rechnete, vor allem den The­seus-Mythos, den er in seinen politischen Reden nicht müde wird zu deuten und zu variieren.</p>
<p>Was dieses zweite Hauptfach an der Schule des Isokrates, nämlich die Geschichte Athens und Griechenlands betrifft, so sind weder Lehrpläne noch curricula überliefert; an Merksprüchen von der Sorte »Drei Drei Drei – Bei Issos Keilerei« fehlte es schon deshalb, weil weder Isokrates noch sonst die Griechen ihre Zeit als einen so exakten Takt aus Stunden und Sekunden verstanden, wie wir das heute tun und dabei anzunehmen scheinen, nicht der Wechsel der Jahreszeiten sei das Naturgesetz, sondern das artifizielle Zucken der Ziffern auf der Atomuhr in der physikalisch-technischen Bundesanstalt zu Braunschweig. Die Griechen orientierten sich an Ereignissen – übrigens am liebsten aus der Welt des Sports –, nicht an abstrakten Festsetzungen. Wenn es galt, eine Schlacht zu datie­ren, dann gebrauchte man keine Jahreszahl, sondern man sagte etwa: Im zweiten Winter nach den Olympischen Spielen, in denen Theodoros aus Theben den Siegeskranz im Wagenrennen errang, usw.</p>
<p>Der Unterschied in der Sichtweise ist größer, als man auf den ersten Blick glauben mag. Wenn wir ein Koordinatensystem auf Millimeterpa­pier malen und eine Ellipse einzeichnen, dann sehen wir diese Ellipse als ein Produkt von Berechnungen, Vorgaben und Formeln. Denken wir uns das Millimeterpapier und das Koordinatensystem weg und warten ein wenig, bis die harte Rechtwinkligkeit aus unserer Wahrnehmung geschwun­den ist, dann wird die Ellipse zum Ei oder zum Eiland oder zur Wolke oder zur Pfütze. Die Formel verwandelt sich in ein Bild und das Bild schwimmt auf dem Ozean unserer inneren Welt wie die bewegliche Insel des Windkönigs Äolos auf dem Mittelmeer. Die Dinge werden bieg­sam und deutbar: Die Historie wird zum Mythos. Moderne Historiker sagen, die Griechen hätten kein korrektes Verhältnis zur historischen Wahrheit gehabt. Richtig ist, daß sie keine guten Reporter waren. Aber wunderbare Erzähler.</p>
<p>Wie Isokrates seinen Schülern die Geschichte seiner Vaterstadt nahe­brachte, ist nicht bekannt. Man wird die Werke des Herodot, Thukydides und Xenophon gelesen haben und sicher auch die sogenannten Atthidogra­phen, die eine Mischung aus Sagenerzählungen und Alltagsge­schichte der Stadt präsentierten. Aus den über dreißig erhaltenen Redetex­ten des Isokrates kann man zu erschließen versuchen, wie eine kurzgefaßte Geschichte Athens aus der Feder des Meisters, geschrieben am Ende seines fast hundertjährigen Lebens, ausgesehen haben könnte:</p>
<p>»Lange Jahre nach den goldenen Zeiten unseres Stadtgründers The­seus hatten in Athen der Unverstand und die Geldgier wieder die Macht in Händen. Eine skrupellose Adelsclique hielt die große Mehrheit des Volks in Schuldknechtschaft. Da sandte unsere Schutzgöttin Athene den Dichter und Richter Solon. Er befreite das Volk, verteilte das Land neu und erließ Gesetze in schöner, rhythmischer Sprache. Sie gelten bis auf den heutigen Tag. Solons Fehler war, daß er sich allzubald wieder aus den Staatsgeschäften zurückzog. Das Volk wurde übermütig. In seinem unmäßigen Haß gegen die Reichen verschenkte das Volk die Macht, die ihm Solon erkämpft hatte, an den Tyrannen Peisistratos. Aber auch der hatte eines Tages ausgespielt, und so kehrte die Demokratie zurück. Indes wuchs ein mächtiger äußerer Feind heran: Der persische Großkönig saß wie eine fette Spinne in den dunklen Winkeln Asiens und machte sich daran, das Netz seiner Gewalt in den Westen zu erweitern. Zweimal stand er mit seinem Lakaien-Heer im Herzen Griechenlands, zwei Mal unterlag der barbarische Despot.</p>
<p>In den schönen Jahren danach war Athen die Herrscherin des östli­chen Mittelmeers. Der Seehandel blühte. Der Markt quoll über. Die An­wälte hatten Konjunktur. Die Stadt lebte in Saus und Braus. Sie leis­tete sich die schönsten Tempel Griechenlands, die größten Feste, und sie leis­tete es sich, jeden noch so begabten Politiker aus der Stadt zu werfen, wenn er dem Volk nicht mehr gefiel. Allerdings mästeten wir unser Glück auf Kosten der Kolonien, deren Tribute wir gnadenlos eintrieben. Und so fiel es Sparta nicht schwer, unsere unzufriedenen Verbündeten aufzuhet­zen und mit ihnen in den Bruderkrieg gegen uns zu ziehen. Mit persischem Gold bestritt Sparta den Sold für die thrakischen Bogenschüt­zen, die paphlagonischen Reiter, sizilischen Schiffskämpfer und all die anderen Söldnertruppen, die aus allen Teilen der bewohnten Erde nach Griechenland kamen. Wir erlitten eine bittere Niederlage. Wir verloren unsere Silberbergwerke, unsere Flotte, unsere Mauern wurden geschleift und unsere Handelsbeziehungen zerschnitten. Aber das schlimmste war, daß sich Bürger unserer Stadt bereitfanden, im Auftrage Spartas eine verbrecherische Tyrannenregierung zu bilden. Diese Bande machte je­den, der ihr nicht paßte, einen Kopf kürzer. Sie stürzte das Volk von Athen in einen Bürgerkrieg. Glücklicherweise gewann aber letztlich die demokratische Partei doch wieder die Oberhand.</p>
<p>Nach dem Ende des großen Kriegs mit Sparta vagabundierten die ar­beitslosen Söldnertruppen durch Europa und Kleinasien, und diese Hor­den suchten sich ihre Kriege und Scharmützel, traten in die Dienste verwege­ner Condottieri und skrupelloser Regionaltyrannen ebenso wie sie Bürger-Truppen demokratischer Städte beisprangen. Sie trugen Mord und Brand in das hellenische Land und sie kannten nur einen Herrn: das Geld. Deshalb blieb Hellas zerrissen, wurden nach wie vor Dörfer geplün­dert, Ernten verwüstet, Frauen, Männer und Kinder versklavt oder ermordet, irrten Flüchtlinge und Verbannte durch Griechenland und suchten Asyl.«</p>
<p>So etwa könnte ein Abriß der athenischen Geschichte aus der Feder des greisen Lehrers Isokrates ausgesehen haben. Andere Fächer als Ge­schichte und Rhetorik wurden bei Isokrates nicht gegeben, vor allem keine Mathematik und keine Himmelskunde; das unterschied die Schule des Isokrates von anderen Instituten.</p>
<p>Und wie haben wir uns den praktischen Unterrichtsbetrieb vorzustel­len? Wie war es um Didaktik, Methodik, Disziplin bestellt? Nun, es sind keine staatlichen Vorschriften, Richtlinien, Programme und Empfehlun­gen überliefert. Immerhin lassen sich aber auch hier Rückschlüsse aus den erhaltenen Reden des Isokrates ziehen:</p>
<p>Isokrates glaubte nicht an die Allmacht der Erziehung. Seine Mei­nung war, daß man niemanden, erst recht nicht mit Zwang, zu einem neuen Menschen erziehen kann. Die klassische Frage, ob Tugend lehrbar sei, hätte er glatt verneint. Wohl aber könne man starke Begabungen fördern und die Nachteile fehlender Begabung durch Übung bis zu ei­nem gewis­sen Grade ausgleichen. Man kann seine Pädagogik auf zwei Prinzipien zurückführen:</p>
<p>Nichts mit Gewalt!</p>
<p>Reden! Reden! Reden!</p>
<p>Die Schüler, im Alter ab etwa 14 Jahren, allesamt männlichen Ge­schlechts und aus den angesehensten Familien nicht nur Athens, sondern ganz Griechenlands stammend, sammelten sich in den Morgenstunden um den Meister und blieben bis zum Nachmittag. Vorzugsweise waren fiktive Anklage- oder Verteidigungsreden gegen oder für berühmte Gestal­ten aus der Geschichte (einschließlich Mythologie) zu verfassen. Vorgegeben wurde eine möglichst knifflige Aufgabe, zum Beispiel die Verteidigung des Theseus gegen den Vorwurf, seine Lebensretterin Ari­adne verlassen zu haben. Mit welchen Argumenten dies geschah, war im Prinzip gleichgültig, nur überzeugend mußten sie sein. Es war also keines­wegs verpönt, den Mythos kurzerhand umzudichten, indem man etwa behauptete, Ariadne habe sich ihrerseits verliebt und es sei ein Akt der Großzügigkeit gewesen, daß Theseus sie nicht gezwungen habe, bei ihm zu bleiben.</p>
<p>So las man und schrieb, lernte auswendig, deklamierte, diskutierte, verbes­serte, lernte erneut, deklamierte erneut, diskutierte erneut, korri­gierte erneut und immer so weiter, bis das Ergebnis den Lehrer zufrieden­stellte. Isokrates setzte nicht nur seine Schüler diesem unablässi­gen Gespräch aus, sondern auch seine eigenen Texte unterwarf er der Diskussion im Kreise der Schüler, änderte, diskutierte, bis er irgendwann, manchmal nach Jahren, in einem Fall sogar erst nach Jahrzehnten glaubte, eine Veröffentlichung wagen zu können.</p>
<p>Die Schüler wählten den Zeitpunkt des Schulabgangs selbst; die meis­ten blieben drei oder vier Jahre. Abschlußprüfungen wurden nicht abge­legt, es gab weder Zeugnisse noch Noten.</p>
<p>Man kann die pädagogischen Prinzipien der Schule des Isokrates auch komplizierter formulieren, als wir es getan haben. Das fortwährende kriti­sche Gespräch hieße dann vielleicht »rationale Kommunikation«, die Bereitschaft des Lehrers, sich selbst in die Kritik einbeziehen zu lassen, wäre zweifellos ein »tendenziell symmetrischer Vollzug« und das Erziehungs­ziel ließe sich ohne weiteres beschreiben als »Vermittlung humaner Handlungsorientierung«. Und so können wir dann in der Hoff­nung, daß auch ein Pädagoge unserer Zeit versteht, was gemeint ist, in den Worten des Erziehungswissenschaftlers Klaus Schaller (1925–2015) aussprechen, daß Erziehung für Isokrates »Hervorbringung und Vermitt­lung humaner Handlungsorientierung im tendenziell symmetrischen Vollzug rationaler Kommunikation« war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: 12pt; font-family: gill-sans-regular;">IV.</span><br />
<span style="font-size: 12pt; font-family: gill-sans-regular;">Die schönste aller Reden</span></p>
<p>Christoph Martin Wieland gründete vor knapp zweihundert Jahren »zur nützlichen Unterhaltung des lesenden Publikums« die Zeitschrift <em>Atti­sches Museum</em>. Im ersten Heft brachte Wieland den <em>Panegyrikos</em> des Isokrates, die schönste aller Reden, wie man im Altertum sagte.</p>
<p>Die Rede wurde niemals gehalten, sondern, um das Jahr 380 vor Chris­tus, als Flugschrift veröffentlicht. Isokrates glaubte, Athen solle den innergriechischen Kleinkriegen ein Ende machen und stattdessen eine Allianz der griechischen Demokratien gegen den persischen Despoten führen. Nur so, glaubte er, könne das vagabundierende Gewaltpotential der Söldnerheere gebunden werden. Um den Führungsanspruch seiner Heimatstadt zu rechtfertigen, arbeitete er seine Rede zu einer Eloge auf die kulturelle und politische Tradition Athens aus:</p>
<p>»Oft schon habe ich mich darüber gewundert: Warum die Veranstal­ter der Turniere und Olympiaden so große Gewinne aussetzen zur Beloh­nung für körperliche Tüchtigkeit, während sie diejenigen, die auf eigene Rechnung zum Wohl der Gemeinschaft ihren Geist kräftigen, nur mit kleinen Preisen abspeisen. Müßte es nicht geradezu umgekehrt sein? Denn selbst, wenn es allen Sportlern gelänge, das Maß ihrer Stärke zu verdoppeln: es nützte uns anderen nicht. Dagegen die Weisheit eines einzigen Mannes trägt reiche Frucht für alle, die sich seiner Gedanken bedienen &#8230;</p>
<p>Als die Hellenen noch gesetzlos lebten und in zerstreuten Horden, die einen unterdrückt von Tyrannen, die andern in wilder Anarchie, da war es unsere Stadt Athen, die diesen Übeln ein Ende machte. Wem sie ihren Schutz nicht geben konnte, dem gab sie wenigstens ein ermutigendes Beispiel. Sie war nämlich die erste, die verläßliche Regeln für das Zusam­menleben der Menschen in der Gemeinschaft aufstellte. Wir erkennen das daran, daß die ersten Städte, die sich anschickten, nicht mehr nach den Gesetzen von Gewalt und Willkür zu richten, sondern auch die schwers­ten Verbrechen in einem vernünftigen Verfahren abzuurteilen, ihre Gesetze von uns übernommen haben. Und was die schönen Künste und die vielen Erfindungen für den täglichen Bedarf betrifft, so wurden sie entweder bei uns erfunden oder doch erprobt und zur Vollendung gebracht, bevor wir sie an die übrigen Hellenen weitergaben. Unsere Gesetze und das ganze Leben in unserer Stadt atmen den Geist der Offen­heit und Fremdenfreundlichkeit. Bei uns ist jeder Fremde gern gese­hen. Gleichgültig, ob er als armer Mann kommt und Geld braucht, oder ob er sich bei uns niederläßt, um sein Vermögen zu genießen, wir sind auf die Glücklichen ebenso eingerichtet wie auf diejenigen, die das Un­glück aus ihrer Heimat vertrieben hat: die einen finden bei uns den köstlichs­ten Zeitvertreib, die anderen ein sicheres Asyl.</p>
<p>Und weiter: Da nicht jedes Land alles produziert, was die dort leben­den Menschen brauchen, sondern an dem einen Mangel hat, an dem andern Überfluß, so wußte man lange keinen Rat, wie zugleich der Man­gel auszugleichen und der Überschuß zu verwerten sei: Auch hier half Athen. Denn wir richteten den großen Markt im Peiräus ein; da gibt es alles, was man in der übrigen Welt nur schwer oder gar nicht bekommt, und zwar in Hülle und Fülle.</p>
<p>Den Stiftern unserer großen gesamtgriechischen Wettspiele nun ge­bührt schon allein deshalb ein besonderes Lob, weil sie den Brauch begrün­det haben, daß während der Festtage überall in der hellenischen Welt die Waffen schweigen. Statt gegeneinander zu kämpfen, erinnern wir uns in den festlichen Opfergottesdiensten unserer gemeinsamen Vergan­genheit und stimmen uns ein auf eine gemeinsame Zukunft. Alte Freundschaften werden erneuert und neue gestiftet. Niemandem wird die Zeit arg, keiner langweilt sich, weder die gewöhnlichen Leute noch diejeni­gen, die sich in irgendetwas besonders hervortun. Die einen kön­nen ihre Künste zur Schau stellen, die andern freuen sich dabei, den Wett­kämpfern zuzusehen. So haben alle ihr Vergnügen und können sich geschmeichelt fühlen, die Zuschauer, weil man so viel Wert auf ihren Applaus legt, die Akteure, weil ganz Griechenland gekommen ist, um ihnen zuzuschauen &#8230;</p>
<p>Es gibt nicht nur die sportlichen Wettkämpfe zu sehen, wo es um Kraft und Behendigkeit geht, sondern auch Wettstreite der Beredsamkeit, der Wissenschaften und der schönen Künste &#8230; Und während andernorts Festspiele nur in Abständen von mehreren Jahren stattfinden und dann auch nur wenige Tage dauern, kann unsere Stadt mit Recht als ein einzi­ges ununterbrochenes Festspiel bezeichnet werden &#8230;</p>
<p>Besonders aber gereicht es unserer Stadt zur Ehre, daß sie die Philoso­phie und die Redekunst gehörig zu ehren wußte: die Philosophie, die bei all diesen Erfindungen und Einrichtungen mitgewirkt, uns zu den Geschäf­ten des bürgerlichen Lebens gebildet, unsere Sitten gemildert, und uns zu unterscheiden gelehrt hat, nämlich zwischen denjenigen Übeln, die aus Unwissenheit und denen, die aus physischer Notwendig­keit entspringen, so daß wir den einen abzuhelfen, die anderen aber auf noble Art zu ertragen lernen. Und Athen hat uns auch die Kunst zu re­den geschenkt, die jeder zu besitzen wünscht und ihrem Besitzer neidet. Denn unsere Stadt sah, daß unter allem Lebendigen allein der Mensch mit der Anlage zu Vernunft und Sprache geboren ist, und daß uns dieser einzige Vorzug auch in allem übrigen über die Natur erhebt; sie erwog ferner, daß Glück und Zufall in alle anderen Geschäfte und Unternehmun­gen der Menschen mit solcher Wirkung sich mischen, daß nicht selten kluge Leute ihre Wirkung verfehlen, wohingegen Dummköp­fen alles glücklich vonstatten geht, die Geschicklichkeit zu reden hingegen nie die Sache eines rohen, wertlosen Menschen, sondern gerade das ist, woran man hauptsächlich den gebildeten Mann von dem ungebildeteten unterscheidet, und daß man weder aus der Tapferkeit eines Mannes noch aus seinem Reichtum und anderen Vorzügen dieser Art, sondern vornehm­lich daraus, was er sagt und wie er spricht, den Schluß zieht, ob er wohl oder schlecht erzogen sei &#8230;</p>
<p>Aus all diesen Gründen bestrebte sich unsere Stadt, die anderen Völ­ker in der Kunst zu denken und zu reden hinter sich zu lassen; und bei­des ge­lang ihr so wohl, daß ihre Schüler die Lehrmeister der übrigen gewor­den sind, ja, daß der Name ›Hellenen‹ nicht länger eine Rasse, sondern eine bestimmte Denkweise bezeichnet, und daß alle diejenigen mit mehr Recht Hellenen heißen, die unsere gemeinsame Kultur mit uns teilen, als diejenigen, in deren Adern griechisches Blut fließt &#8230;«</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
V.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Wie groß ist die Sonne?</span></p>
<p>Ganze Bibliotheken sind seit der Zeit, als man noch auf Kuhhäute schrieb, bis in unser Jahrhundert mit Auslegungen des Panegyrikos gefüllt worden. Die schöne feinpolierte Rede ist wie ein Zauberspiegel, der nicht nur für die Mitwelt glänzte, sondern in dem die unterschiedlichsten Generati­onen und Zeitalter die verschiedensten politischen und histori­schen, literarischen und philosophischen Wahrheiten zu erkennen glaub­ten.</p>
<p>Wir begnügen uns hier mit zwei Aspekten.</p>
<p>Zum ersten: Der Eindruck, den Isokrates von den Zuständen in Athen gibt, stimmt ohne Zweifel in manchen Punkten nicht mit der historischen Wirklichkeit überein. Gerade, was die Behandlung Fremder betrifft, hat­ten sich die Athener einige Entgleisungen zuschulden kommen lassen. So schleppten sie im Jahre 404 dreihundert Bürger aus den Nachbarstädten Salamis und Eleusis bei Nacht auf den Markt in Athen, nicht etwa, um mit ihnen zu feiern, sondern man prügelte sie mit Knüppeln zu Tode. Auch das Todesurteil gegen den kauzigen Sokrates war nicht eben ein Musterstück für großzügige Förderung der Philosophie. All das wußte Isokrates nur zu gut. Wenn man ihn gefragt hätte, wie er diese partielle Geschichtsfälschung rechtfertigen könne, hätte er vielleicht so geantwor­tet:</p>
<p>Einmal habe ich an keiner Stelle konkret etwas Falsches behauptet, son­dern ich habe nur die vorhandenen günstigen Tendenzen etwas stär­ker betont. Zum andern ging es mir darum, meine Landsleute zu guten Taten für die Zukunft zu ermutigen, und da werde ich sie doch nicht an ihre vergangenen Mißgriffe, sondern an ihre guten Anlagen und Absich­ten erinnern. Und schließlich ist das öffentliche Lügen nur dann ein Prob­lem, wenn kein Widerspruch zugelassen ist. Und genau darum geht es mir ja: Um Freiheit und um die Demokratie.</p>
<p>Der zweite Aspekt läßt sich am besten als Frage formulieren: Was, beim Herkules, ist Philosophie? Fast fällt es nicht auf, daß Isokrates in der pa­negyrischen Rede zwei Wissenschaften als gleichrangig nebeneinander stellt, nämlich die Philosophie und die Rhetorik, die nach dem heute stadt- und landläufigen Verständnis Abgründe voneinander trennen. So beiläufig diese Gleichsetzung erscheint, so gezielt ist sie doch. Im dritten Bande des <em>Bilder-Conversations-Lexikons für das deutsche Volk</em> von F. A. Brock­haus, Leipzig, 1839, heißt es:</p>
<p>»Philosophie ist eine Wissenschaft, welche aus dem angestrengten For­schen der Menschen nach den Gründen oder dem Wesen der Dinge sich gebildet hat und von dem Erhabensten, was die menschliche Vernunft als die Bedingung alles Seins und Wissens oder der Welt anerkennt und der Glaube voraussetzt, die für uns erreichbar höchste Erkenntnis zu erlan­gen sich bestrebt. Diese philosophische Erkenntniß hält sich daher nicht blos an das in Raum und Zeit Gegebene, sondern sucht die Gründe des Vorhandenen und noch Möglichen und die Nothwendigkeit desselben zu er­forschen und, soweit es angeht, selbst bis in das Gebiet des Übersinnli­chen zu verfolgen.«</p>
<p>Diese Auffassung von der Philosophie als einer Suche nach der letzten voraussetzungslosen Wahrheit hinter den flüchtigen Dingen, sei es nun ein Gott oder eine ewig kreisende Seinskugel oder ein absolutes Prinzip oder ein dialektisches Urgesetz oder eine Zahl, steht in Deutschland seit jeher hoch im Kurs. Sie geht auf Platon zurück. Und sie stellt so ziemlich genau das Gegenteil dessen dar, was Isokrates dachte.</p>
<p>Platon betrieb, ein paar Straßen von der Schule des Isokrates entfernt, ebenfalls ein Lehrinstitut, die Akademie. Die beiden Herren waren Konkur­renten, und in ihren Schriften nahmen sie, fast immer versteckt, aufeinander Bezug. Was den Ruf unter den Zeitgenossen und was den finanziellen Aspekt betrifft, konnte Platon Isokrates nicht das Wasser rei­chen. Isokrates war bei weitem erfolgreicher. Er war ein Prinzenerzie­her mit fürstlichen Honoraren und einem glänzendem Ansehen in der gan­zen damals bekannten Welt.</p>
<p>Doch was den Inhalt der Lehren und die schriftstellerischen Qualitä­ten betrifft, sah die Sache nicht so eindeutig aus. Kurz gesagt: Platon hatte Tiefe und Witz, Poesie und moralische Aggressivität und Isokrates setzte historische Bildung, eine kultivierte Skepsis, rhetorischen Schliff und common sense dagegen. Isokrates glaubte nicht wirklich an die tiefen Dinge. Götter waren für ihn eine gesellschaftlich notwendige Einrich­tung, aber er verband keine dunklen Gedanken mit der Religion. Er hatte Frauen und Freundinnen bis ins hohe Alter, aber er verlor in seinen Re­den keine geheimnisvollen Worte über die Liebe. Und die Philosophie hatte für ihn eine praktische Funktion. Lebensweisheit, Weltklugheit sollte sie sein, der Philosoph soll über das Leben nachdenken, um den Men­schen raten zu können, mitnichten soll er selber herumrätseln wie ein Kind über den Tod und die Unendlichkeit und das All. Methodische Vorschriften für den Philosophen gab es nicht: mochte er dichten, fragen, rechnen oder phantasieren, anything goes, wichtig war nur, daß er sich der Diskussion stellte und sein Maß nicht von den Sternen sondern von den Menschen nahm. Und so gesehen ist die Philosophie dann tatsäch­lich eine ebenbürtige Schwester der Rhetorik: Hirn und Zunge gehören zusammen!</p>
<p>Diese Haltung zur Philosophie hatte Isokrates nicht selbst erfunden, son­dern sie war attische Tradition. »Wie groß ist die Sonne?« fragte je­mand einen Sophisten, der im Grase lag und seine Füße betrachtete. Die Antwort: »Halb so groß wie mein rechter Fuß.«</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
VI.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Platon und Isokrates</span></p>
<p>Isokrates war der Sohn eines reichen Flötenfabrikanten. Er litt niemals Mangel und blieb zeit seines Lebens im Lande. Er gehörte erst als An­walt, dann als Rhetorik-Lehrer zu den etablierten Nutznießern des demokrati­schen Systems. Ämter übernahm er nicht, doch seine Reden und offenen Briefe, gerichtet an das Volk von Athen, an Fürstensöhne und fremde Könige wurden vielfach abgeschrieben und zirkulierten als Flugschriften: geflügelte Worte.</p>
<p>Es handelte sich dabei stets um situationsbezogene Ratschläge, nicht um grundsätzliche Parolen. Das hat Isokrates den Ruf des Opportunisten ein­getragen. Dem Prinzen von Zypern rät er, seine monarchischen Voll­machten mit Augenmaß zu gebrauchen, damit sein Volk nicht revoltiere. Wenn er die Prozeßsucht der Athener und die Schlaumeierei der Intellektu­el­len kritisiert, dann hält er seinen Mitbürgern die karge und gerade Lebensart der Spartaner als bekömmlich vor, in anderen Fällen preist er das freie, offene und opulente Leben in Athen zur Nachahmung an. Mal drängt er zum Kriege, mal fleht er um Frieden. Nur die stilisti­sche Erlesenheit dieser Texte, die stets auch als rhetorische Etüden dien­ten, änderte sich durch die Jahrzehnte nicht. Und immer wieder scheint in seinen Texten der Mythos von Theseus auf, dem es gelungen war, den widerstrebenden Bewegungen der attischen Stämme ohne Tyrannei ein ebenso belebtes wie haltbares Haus in Gestalt der Stadtrepublik zu ge­ben.</p>
<p>Isokrates vermied polemische Zuspitzungen ebenso wie gesellschafts-politi­sche Visionen. Zu den einen habe es ihm an Tempera­ment und Witz gefehlt, zu den andern an Gerechtigkeitsdrang und Phanta­sie, sagen seine Kritiker. Außerdem sei er während der meisten Jahre seines Le­bens erstens zu reich, zweitens zu alt und drittens zu eitel gewesen, um den wahren Charakter des immer artifizieller werdenden Regierungssys­tems seiner Stadt zu begreifen, das längst zur bloßen Dekora­tion einer im Grunde nihilistischen Ellbogengesellschaft verkom­men sei. Und die feinen Ziselierungen seines Satzbaus seien wie Girlan­den, mit deren Hilfe sich die gähnende Leere seiner Gedanken zugleich schmücke und verstecke.</p>
<p>Auch Platon entstammte den besseren Kreisen und gab sich in seiner Jugend den üblichen körperlichen und intellektuellen Ausschweifungen der jeunesse dorée seiner Vaterstadt hin: dem Wein und der tragischen Dichtung. Die Dialoge, mit denen er in den mittleren Lebensjahren sei­nem Seelenführer Sokrates ein literarisches Denkmal setzte, zeigen ihn als ei­nen ironischen Stadt-Melancholiker und poetischen Philosophen. Doch je älter Platon wurde, umso mehr vertiefte sich sein Widerwille gegen die Athener Gesellschaft. Gründe dafür gab es genug: Die Macht der in Pla­tons Augen allenfalls scheinklugen Volks- und Gerichtsredner, ihr Opportu­nismus, das Parteiengeschiebe, die Kulissenkämpfe, die Korrup­tion, die Entscheidung der Staatsangelegenheiten je nach Stim­mungslage der Mehrheit, die Ämterpatronage, die Spekulationsgeschäfte der Händ­ler, das ganze laszive Leben, Trinkgelage, Hurerei, Päderastie, obszöne Umzüge, verdorbene Theaterstücke, respektlose Satiren, Gottesläste­run­gen – das alles, so schien es Platon, verfehlte den göttlichen Auftrag, ein Leben in Tugend und Wahrhaftigkeit zu organisieren.</p>
<p>Und während das Wort Gerechtigkeit bei Isokrates den eher formel­len Sinn eines fairen Umganges im Streite der Meinungen und Interessen hat, verband Plato mit diesem Begriff einen ganz bestimmten Inhalt. Er schrieb als alternder Mann zwei große utopische Werke, den <em>Staat</em> und die <em>Gesetze</em>, in denen er seine Vorstellungen von einem gerecht eingerich­teten Staat darlegte: Die Macht in diesem Staat wies er einem Direkto­rium weiser, in die Geheimlehren eingeweihter Greise zu. Damit sich das Volk seinem Glück, in Gerechtigkeit leben zu dürfen, nicht unver­ständiger­weise entzöge, sollte die Ausreise streng reglementiert sein. Dem Gelderwerb wollte Platon ebenfalls enge Grenzen setzen und das Eigen­tum nach mathematischen Formeln gerecht unter die Staatsbürger vertei­len, wie ja auch im All Feuer, Erde, Wasser und Luft in vernünfti­ger und deshalb schöner mathematischer Proportion verteilt seien.</p>
<p>Der Geschlechtstrieb als Urheber so vieler Verwirrungen bedurfte selbst­verständlich straffer staatlicher Zügel. Insbesondere Homosexualität sei zu unterbinden, meinte Platon, was vielleicht psychologisch aufschluß­reich ist, und zwar insofern, als Platons Jugendwerke geradezu dampfen von einer Atmosphäre unterschwelliger Homoerotik. Die Erzeugnisse der Kunst, der Dichtung und der Musik sollten ganz aus dem Staate der Gerech­tigkeit verbannt sein, es sei denn, eine Zensurbehörde hätte ihre Eignung als aufbauende Produkte ausdrücklich festgestellt. überall in Stadt und Land mußten Polizeikräfte wachen; die Verletzung der Ge­setze sollte im Falle nachhaltiger Vernunft- und Gerechtigkeitsresistenz die Verbannung oder den Tod nach sich ziehen.</p>
<p>Ein konsequentes Programm!</p>
<p>Platon beließ es nicht bei der Utopie: Er unterhielt eine sehr enge Bezie­hung zu dem sizilischen Herrscherhaus des Diktators Dionysios von Syrakus, der ein autodidaktischer Dichter war und die platonische Philoso­phie studierte. Platon segelte oft nach Syrakus, denn er glaubte, dort mit Hilfe des Diktators einen total gerechten Staat bauen zu können. Die­ser erste in der abendländischen Geschichte bekanntgewordene Ver­such der Einrichtung einer Gesellschaft aus der Kraft der integren Ver­nunft verfing sich alsbald in Eifersüchteleien und Palastquerelen; er en­dete für die Stadt Syrakus und seine Bewohner mit einem entsetzlichen Blutbad. Platon war tief enttäuscht, und er schob die Schuld für den Fehl­schlag der Verschlagenheit und Dummheit des Dionsysios zu, der nicht tief genug in die philosophischen Lehren eingedrungen sei.</p>
<p>So standen sich also mit Platon und Isokrates nicht nur zwei unter-schiedli­che philosophische Lehrmeinungen, sondern zwei grundver­schiedene Weltsichten gegenüber. Die Grenze zwischen den beiden Positio­nen ist allerdings nicht diejenige, die Karl Marx zwischen sich und der ihm vorangegangenen Philosophie konstatierte, es ist nicht die Grenze zwischen asketischer Weltabgewandtheit auf der einen und akti­ver, nach Veränderung gieriger Weltzuwendung auf der anderen Seite. Wie das Beispiel Syrakus zeigt, wandte sich Platon durchaus der realen Welt zu. Der Unterschied liegt nicht in der Richtung des Denkens, son­dern im Ausgangspunkt und im Ziel.</p>
<p>Für den späten Platon waren die Dinge der realen Welt ein flüchtiges Produkt der reinen Idee. Das Ziel konnte deshalb nur sein, die Dinge ihrem Urbild, der einen und einzigen göttlichen Idee der Gerechtigkeit möglichst nahezubringen. Die Welt hatte sich der Idee zu fügen.</p>
<p>Wer dagegen die Reden des Isokrates studiert, mag sich an Vater Mark und seine Söhne, die Quarks erinnern: Je genauer er hinsieht, umso weniger erkennt er eine große väterliche Idee, stattdessen findet er eine bunt wimmelnde, in geschwisterlichem Wettstreit vereinte Schar von Gedankenblitzen und Erfahrungen. Das heißt nicht, daß Isokrates keine Vorstellung von Richtig und Falsch und von Gut und Böse gehabt hätte: im Gegenteil, er hatte sogar sehr viele davon. Sein Denken war, wenn man so will, eine regelrechte Republik von Wertvorstellungen, und es lag ihm fern, die Utopien, Gerechtigkeitsideale und Letztbegründungen aus dieser Republik hinauszuwerfen. Erst ihre ungehinderte Konkurrenz untereinander und mit anderen Denkweisen und den vielen im Mythos überlieferten Wahrheiten schien ihm eine Chance dafür zu bieten, daß die Philosophie, wie er sie verstand, richtige Ratschläge für das Leben finden könne.</p>
<p>Und was haben wir mit diesem Streit der beiden alten Griechen zu tun? Sehen wir zu!</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
VII. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Survivre n’est pas vivre</span></p>
<p>Bis zum Jahre 1968 standen die Mauern der Kölner Universität sprachlos und kalt. Dann sprühte jemand auf den Sandstein eine Parole: Survivre n’est pas vivre. Der Satz war schon längst wieder abgewaschen, als 1983 der amerikanische General Haig erklärte, der Frieden sei nicht das höchste Gut, es gebe auch Werte, für die zu sterben lohnend und richtig sei. Survivre n’est pas vivre – Aber was muß hinzukommen, damit aus dem blanken Überleben eine schöne üppige vita wird? Bratkarttoffeln? Gerechtig­keit? Kinder? Ein Hölderlin-Vers? Die Freiheit? Dieser himmel­blaue Neunundsiebziger Ford-Fairmount-6-Zylinder?</p>
<p>Einer der einflußreichsten und gewiß der originellste deutsche Staats­rechtsgelehrte unseres Jahrhunderts war der 1985 gestorbene Carl Sch­mitt aus Plettenberg im Sauerland. Er schrieb zwei Bücher mit dem Titel <em>Politische Theologie</em>, und er liebte die Liberalen nicht: Sie wollten, daß die Ströme des technischen Fortschritts und des universalen gesellschaftli­chen Diskurses eines Tages die politisch-ideologischen Blöcke wegspülen soll­ten. Ideologie-Freiheit, also Freiheit von allen religiösen und weltanschau­lichen Fesseln, sei für sie der höchste Wert. Die Chance, eine politische Ordnung aus einer sozialen oder religiösen Idee zu entwerfen, die Chance einer Utopie also, werde damit zunichte gemacht. Die Wertfrei­heit der Liberalen Gesellschaft bestehe in dreierlei Gestalt: Wertfrei­heit in der Wissenschaft, Verwertungsfreiheit in der Produktion und Bewertungsfrei­heit im Konsum. Der in einer solchen befreiten Gesell­schaft lebende Neue Mensch sei unvermeidlich aggressiv, und zwar ag­gressiv im Sinne »des unaufhörlichen Fortschritts und unaufhörlicher Neu-Setzungen.« Er habe keine Feinde mehr, sondern er überhole ein­fach »das Veraltete durch das wissenschaftlich-technisch-industriell Neue &#8230; das Alte erledige sich von selbst in einem unendlichen Prozeß-Progreß, der das Alte entweder – nach dem Maß neuer Verwertbarkeit verwerte, oder als unverwertbar ignoriere, oder als störenden Unwert vernichte.«</p>
<p>Gut bekannt ist, daß Carl Schmitt in den ersten Jahren des Nationalsozia­lismus eine herausgehobene Rolle bei der Gleichschaltung der Rechtswissenschaft und bei der Verfolgung jüdischer Kollegen spielte. Das diskreditiert ihn, aber diskreditiert es auch seine Gedanken?</p>
<p>Er könnte ja trotzdem Recht haben! Jedenfalls findet man ganz ähnli­che Formulierungen bei vielen, und nicht den schlechtesten Köpfen unse­res Jahrhunderts, von Ivan Ilich bis Paul Virilio, von Hans Jonas bis Charles Peguy. Was ist das auch für ein Leben ohne Zeus und ohne Sozialis­mus! Ohne Gott und ohne Platon, nur mit Platin und Plutonium! Ist diese Welt der rasenden Ingenieure und des entfesselten Geldes nicht aggressiv in jede Richtung? Pulvert sie nicht die Erde aus und ätzt sie nicht Löcher in den Himmel? Und liegt der Grund dafür nicht darin, daß niemand ist, der Grenzen setzt; der dem wildgewordenen Kapital und den rasenden Ingenieuren sagt: Bis hierhin und keinen Schritt weiter? In einem Gedicht von Federico Garcia Lorca mit dem Titel: <em>La aurora – Die Morgenröte</em> heißt es:</p>
<p><em>Die Morgenröte von New York hat<br />
</em><em>Vier Säulen aus Morast<br />
</em><em>Und einen Sturm schwarzer Tauben,<br />
</em><em>Die in fauligen Pfützen plätschern.</em></p>
<p><em>&#8230;</em><em> </em></p>
<p><em>Die Morgenröte kommt, und niemand nimmt sie in den Mund.<br />
</em><em>Denn hier gibt es kein Morgen und keine Hoffnung.<br />
</em><em>Wütende Schwärme von Geldmünzen<br />
</em><em>Durchlöchern und verschlingen die verlassenen Kinder.</em><em> </em></p>
<p><em>Die ersten die aufstehn verstehn bis ins Mark,<br />
</em><em>Daß es keine Liebe gibt und kein Paradies ohne Blätter.<br />
</em><em>Sie wissen, daß sie zum Morast der Zahlen und Gesetze gehn,<br />
</em><em>Zu kunstlosen Spielen und fruchtlosem Schweiß.</em><em> </em></p>
<p><em>Das Licht liegt begraben unter dem Lärm der Ketten,<br />
</em><em>Schamlos erledigt von einer Wissenschaft ohne Wurzeln.<br />
</em><em>In den Vorstädten gibt es Leute, die schlaflos umhergehn,<br />
</em><em>Als seien sie eben einem Schiffbruch von Blut entkommen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">VIII. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Vermeiden Sie Proskynesen!</span></p>
<p>Wer sich an den großen Ideen von Liebe, Gleichheit und umfassender Gerechtigkeit orientiert, hat allen Anlaß zur Verzweiflung. Es gibt zwar einen erdumspannenden Fortschritt, doch der hat anscheinend keine soziale und keine christliche, ja nicht einmal ansatzweise ethisch orien­tierte Richtung, vielleicht hat er nur eine Richtung ins Nichts, in die Ver­nichtung. Aber was tun? Die großen Richtunggeber, Religionen und Utopien, sind diskreditiert. Sie haben Berge von Leichen hinterlassen in den Kellern der Häuser, die angeblich nach göttlichen Plänen errichtet waren. Niemand kann sich ihnen anvertrauen. Sollen wir uns, wie Ödi­pus, die Augen ausstechen, um wenigstens nicht sehen zu müssen, was wir nicht ändern können?</p>
<p>Vielleicht ist aber auch mit den großen Ideen etwas nicht in Ordnung. Vielleicht sind sie einfach zu groß und wir täten einstweilen besser daran, nicht nach der einen väterlichen Zauberformel zu forschen, sondern in aller Bescheidenheit nach brauchbaren Botschaften zum Überleben zu suchen, zum Beispiel bei Isokrates, bei Platon, bei André Gide oder bei Theseus. Gott finden wir auf diese Weise vielleicht nicht, aber einen tröstli­chen und – wer weiß? – vielleicht sogar nützlichen Zeitvertreib. Schon die Geschichte von Isokrates und die uralte Sage von Theseus kann uns eine Menge lehren. Zum Beispiel:</p>
<p>Es gibt Rettung auch in aussichtsloser Lage.</p>
<p>Diese Rettung kommt von guten Ideen (das mit dem Faden war wirk­lich ein guter Einfall) und von Menschen.</p>
<p>Manchmal sogar von dem Architekten der Falle, in die man geraten ist.</p>
<p>Lassen Sie sich keine Zerreißproben aufdrängen.</p>
<p>Ausländer rein!</p>
<p>Lassen Sie sich nicht die Hände binden.</p>
<p>Gegen Ungeheuer ist Gewalt erlaubt, auch wenn das Ungeheuer persön­lich eine schwierige Kindheit hatte.</p>
<p>Hüten Sie sich vor Wirten, die behaupten, für jeden ein passendes Bett zu haben!</p>
<p>Vermeiden Sie Proskynesen! Man bekommt zu leicht einen Tritt.</p>
<p>Die Lüge ist ein kleines Übel. Ein großes Übel ist die Unterdrückung der Widerrede.</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;"><br />
IX.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Theseus und Ödipus</span></p>
<p>Wie André Gide in seiner Erzählung <em>Theseus</em> berichtet, kam Ödipus, nach­dem er sich die Augen ausgestochen hatte, von Theben nach Athen und bat Theseus um Asyl. Es enstpann sich ein Dialog zwischen den bei­den alten Männern:</p>
<p>»Ödipus:<br />
Du wunderst dich, daß ich mir die Augen ausgestochen habe; und ich wundere mich selbst darüber. Aber vielleicht trieb mich noch etwas ande­res zu dieser unüberlegten, grausamen Tat: Irgendein geheimes Bedürf­nis, mein Schicksal zum Äußersten zu treiben, meinen Schmerz zu verschär­fen und eine heldische Bestimmung auszufüllen. Vielleicht ahnte ich von ungefähr die erhabene, erlösende Macht des Leidens; deswegen widerstrebt es auch dem Helden, ihm auszuweichen. Darin bezeugt sich, glaube ich, vor allem seine Größe. Nie ist er tapferer, als wenn er als Op­fer fällt. So erzwingt er den Dank des Himmels und entwaffnet er die Rache der Götter &#8230;</p>
<p>Theseus:<br />
Lieber Ödipus &#8230;, ich kann diese Art übermenschlicher Weisheit nur lo­ben, zu der du dich bekennst. Aber mein Denken kann dir auf diesem Wege nicht folgen. Ich bleibe ein Kind dieser Erde und glaube, daß der Mensch, gleichviel wer er ist und wie verderbt er dir erscheinen mag, die Karten ausspielen muß, die er in der Hand hat. Gewiß ist es dir gelun­gen, noch dein Unglück zum Guten zu wenden und ihm eine engere Berüh­rung mit dem abzugewinnen, was du das Göttliche nennst. Außer­dem lasse ich mich gerne davon überzeugen, daß an deiner Person ein Segen haftet, und daß er sich, wie die Orakel künden, der Erde mitteilt, wo du für immer ruhen wirst &#8230;«</p>
<p>Ödipus wurde wie Theseus in Athen bestattet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">X.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt;">Demosthenes Demosthenou Paianieus</span></p>
<p>Am Abend des 8. August 338 v. Chr., so berichten die Geschichtsschrei­ber, torkelte Philipp der Zweite, König des nordgriechischen Berglandes der Makedonen, aus dem Feldherrenzelt ins Freie. Vor ihm lag die Ebene von Chaironea. Der schmale Fluß, der sich durch das Gelände wand, war von Leichen fast verstopft und die Erde dampfte noch von dem Blut der Gefallenen. Der König tanzte und sang: <em>Demosthenes De­mosthenou Paianieus. </em>Er sang und tanzte und stampfte mit den Füßen den Takt. <em>Demosthenes Demosthenou Paianieus. </em>Das waren die Worte, mit denen der geniale Debatten­redner Demosthenes, Sohn des Demosthenes aus dem attischen Bezirk Paiania, in der Volksversammlung zu Athen die Anträge einge­bracht hatte, deren Ziel es war, eine Kriegs-Koalition ge­gen den autori­tär-aggressiven Philipp von Makedonien zu schmieden. Im Sommer 338 stand die alliierte Armee. In seinen Reden hatte Demosthe­nes Philipp schon hundertmal getötet. Nun sollte vollstreckt werden. Die sonst unterei­nander heillos zerstrittenen griechischen Städte führten ein starkes Heer gegen Philipp den Zweiten und seine rohen Gesellen aus den Schluch­ten des Balkan. Traditionsgemäß stimmten die Athener zu Be­ginn der Schlacht den großen Kriegsgesang an, den Paian. An ihrer Spitze stand <em>Demosthenes Demosthenou Paianieus. </em>Aber nicht sehr lange. Denn die Griechen waren dem Sturm von Kraft und Mut nicht gewach­sen, den Philipp und vor allem sein siebzehnjähriger Sohn Alexander entfesselten. Über tausend Athener wurden niedergemacht, die übrigen vom Felde gefegt, Demosthenes stahl sich schon nach wenigen Stunden aus der Schlacht. <em>Demosthenes Demosthenou Paianieus </em>floh nach Athen und begann sogleich mit der Arbeit an dem Manuskript für seine Verteidigungs­rede.</p>
<p>Der damals wahrscheinlich älteste Bürger Athens, Isokrates, der – an­ders als sein Schüler Demosthenes – immer vor einem Krieg gegen Phi­lipp gewarnt hatte, stand im 99. Lebensjahr. Auf die Nachricht von der endgültigen Niederlage seiner Stadtrepublik stellte der Rhetorikprofessor Isokrates die Nahrungsaufnahme ein. Innerhalb einer Woche verlosch sein Leben.</p>
<p>Wenige Jahre später tat der Sohn Philipps von Makedonien, Alexan­der, genannt ›Der Große‹, genau das, was Isokrates den Stadtrepubliken immer wieder empfohlen hatte: er sammelte die vagabundierenden Söldner­truppen und die Heere der griechischen Städte und zog nach Persien. Er eroberte die kleinasiatische Küste, besiegte den Großkönig und zog weiter nach Ägypten und Indien. In seiner Begleitung reiste ein Troß von vorwiegend in Athen ausgebildeten Wissenschaftlern und Schrift­stellern, die hatten in ihrem Gepäck den literarischen und philosophi­schen Nachlaß Athens, einschließlich der Tragödien des Äschy­los, der Dialoge Platons und der Flugschriften des Isokrates. Und so er­füllte sich der Traum des alten Isokrates, nachdem er endgültig ausge­träumt war: Die Schüler Athens wurden die Lehrmeister der Völker und der Name der »Hellenen« bezeichnete in der mit dem Alexanderzug eingelei­teten Epoche tatsächlich nicht mehr eine bestimmte Rasse, son­dern eine Kultur, den Hellenismus.</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/isokrates/">Isokrates (1991)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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