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	<title>Voragine(Jacobus de) archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Hexenprozesse im Spiegel der Literatur (2009)</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Jan 2009 16:51:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>»Was wir tun ist Gottes Werk« Hexenprozesse im Spiegel der Literatur Christoph Schmitz-Scholemann &#160; Für Heribert Waider Wenn der Teufel studieren wollte, müsste er auf jeden Fall zuerst in der Theologischen Fakultät vorsprechen, hat Voltaire gesagt. Und gleich danach in der juristischen, würde ich hinzufügen. Was die Theologie betrifft: Der Glaube an Gott und der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li><a href="https://christophschmitzscholemann.de/archiv/essays-und-vortraege/literatur-und-recht/Hexenprozesse-im-Spiegel-der-Literatur.pdf" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-family: gill-sans-bold;"><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-645" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/pdf.png" alt="" width="37" height="36" /></span></a></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">»Was wir tun ist Gottes Werk«</h1>
<h3 style="text-align: left;">Hexenprozesse im Spiegel der Literatur</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-book; font-size: 12pt; color: #808080;"><em>Für</em> <em>Heribert Waider</em></span></h4>
<p>Wenn der Teufel studieren wollte, müsste er auf jeden Fall zuerst in der Theologischen Fakultät vorsprechen, hat Voltaire gesagt. Und gleich danach in der juristischen, würde ich hinzufügen. Was die Theologie betrifft: Der Glaube an Gott und der Glaube an den Teufel scheinen einander zu bedingen. Für den Menschen ist das eine bitterernste Sache, denn es geht um sein Leben. Die beiden anderen, Gott und der Teufel, sind eher Spielernaturen. Zwar würfeln sie nicht, das wissen wir von Ein­stein, aber von Goethe wissen wir, dass sie wetten, und zwar um den Kopf des Menschen. Und seit dem späten Mittelalter prozessieren sie auch gegeneinander. Ein juristisches Lehrbuch aus dem 16. Jahrhundert – der <em>Laienspiegel</em> des Stadtschreibers Ulrich Tengler (1447–1511) – ent­hält ein Hauptkapitel mit dem Titel: Der Teufelsprozess vor dem Weltge­richt. Darin klagen die Anwälte der teuflischen Bosheit gegen Gott­vater auf Herausgabe des Menschengeschlechts. Der Prozess ist reich an Säumnis­lagen, Vertagungen und alles in allem ein ziemliches Gezerre. Den Menschen als Objekt dieses Gezerres droht es oft zu zerreißen.</p>
<p>Dass ein Gerichtsverfahren zur Klärung transzendentaler Verhältnisse geeignet sein kann, ist dem Metaphernhaushalt des Christen geläufig: Die In­quisitoren und Hexenrichter verstanden sich als Vorposten des Jüngs­ten Gerichts und das <em>Dies Irae</em> ist die Grundmelodie ihres Tuns. Rechtfertigun­gen für ihre gnadenlose Konsequenz fanden sie nicht nur im Al­ten Testament, sondern reichlich auch in den Worten Jesu Christi: Weicht von mir, all ihr Übeltäter, in das ewige Feuer!</p>
<h4 style="text-align: justify;"><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #808080;"><span style="font-size: 14pt; color: #333333;"><br />
<span style="font-size: 12pt;">1.</span></span></span><br />
<span style="font-family: baskerville-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"> <span style="font-family: gill-sans-regular;">Hexen heute</span></span></h4>
<p>Die letzte Hinrichtung einer wegen Hexerei verurteilten Frau geschah vor über zweihundert Jahren. Der Prozess gegen Anna Göldin (1734–1782) im schweizerischen Glarus hat zahlreiche erzählerische Bearbeitun­gen und auch eine eindrucksvolle filmische Darstellung gefun­den. Die Tötung dieser eigenwilligen und begabten Dienstmagd am 13. Juni 1782 war bereits für die Zeitgenossen ein Anachronismus und ein Skandal. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es schon Gebildete, die sich über den Hexenglauben nicht mehr empörten, sondern amüsierten. So schrieb die Erfurter Dichterin Sidonia Zäunemann (1714–1740) im Jahre 1737 eine Verssatire über eine juristische Prüfung: Dem Kandidaten wird die Frage vorgelegt, ob der Ausdruck ›Hexe‹ beleidigend im Sinne des Gesetzes ist. Nein, lässt Sidonia Zäunemann ihn sagen:</p>
<p>»Wer einem Frauenbild den Titel, Hexe, giebet,<br />
Der zeiget dadurch an, daß er sie ehrt und liebet.«</p>
<p>Das wird aber offenbar bis heute nicht unter allen Umständen und von allen Betroffenen so verstanden. Jedenfalls hatte im Sommer 2009 das Oberlandesgericht Frankfurt (7. Juli 2009 – 16 U 15/09 – juris) über eine Klage zu entscheiden, mit der eine Frau von ihrer Nachbarin verlangte,   »es zu unterlassen, die Kinder der Klägerin &#8230; mit Ausdrücken, wie ›blöde Kuh‹, ›Sackgesicht‹, ›Schleiereule‹ oder ›dreckige Hexe‹ zu beschimp­fen &#8230;«</p>
<p>Wenn es in der Gegenwart in Deutschland um Prozesse geht, in de­nen das Stichwort Hexe eine Rolle spielt, dann hat man es entweder mit Beleidi­gungsprozessen zu tun, oder mit Streitigkeiten über Straßennamen wie Hexenturm oder Hexenberg oder man setzt sich über die Freiver-käuflich­keit von racemischer Camphersalbe auseinander, die bei Hexen-schuss helfen soll (VG Köln 17. Oktober 2008 – 18 K 1218/06), oder um die Zulassung von sog. Knusper- und Hexenhäusern als Kirmesbu­den (VG Gelsenkirchen 11. Juli 2008 – 7 L 689/08). In diese Reihe passt auch ein Urteil des Landgerichts München I aus dem Jahre 2006 (30 S 10495/06). Ich zitiere nahezu wörtlich aus einer Nachricht vom 21. Okto­ber 2006 in der <em>Frankfurter Allgemeinen</em>. Danach hatte das Ge­richt</p>
<p>»&#8230; über die Klage einer Frau zu entscheiden, &#8230; deren &#8230; Lebensge­fährte (sich) von ihr getrennt hatte &#8230; Sie beauftragte eine Spezialistin &#8230;, die unter der vielversprechenden Bezeichnung ›Hexe‹ für sich warb, mit der Rückholung des Untreuen. Als Honorar wurden 1000 Euro verein­bart. Die Wirkung des Liebeszaubers &#8230; blieb allerdings aus &#8230; und die verlassene Frau klagte &#8230; auf Rückzahlung des Zauberhonorars. Mit Er­folg. Das Gericht befand, ein Liebeszauber sei auf eine objektiv unmögli­che Leistung gerichtet<em>, da er nicht geeignet sei, einen Menschen aus der Ferne zu beeinflussen </em>&#8230;«</p>
<p>Ganz ohne Ironie können wir, so scheint es, über Hexenprozesse nicht mehr sprechen. In der Anfangsszene des 1942 gedrehten Spielfilms <em>Meine Frau, die Hexe</em> von René Clair (1898–1981) sehen wir einen brennenden Scheiterhaufen, auf dem soeben vor den Augen eines zahlreich erschie-nenen und begeisterten Publikums eine Hexe verbrannt worden ist. Als der Priester eine kleine Pause bis zur nächsten Verbrennung ankündigt, tritt sogleich ein wohlgenährter und optimistisch dreinblickender Mann mit einem Bauchladen auf, der mit lauter Stimme ruft: »Puffreis, Leute, kauft Puffreis, frischen indianischen Puffreis, 2 Cent der Beutel und mit Origi­nal-Anti-Hexenmittel &#8230;«</p>
<p>Auch der gegenwärtige literarische Gebrauch des Sujets scheint zu bele­gen, dass Hexen nichts Schlimmes mehr sind. Ein bekannter Schla­ger der Gruppe Rudolf Schock und die Schocker heißt »Sexy Hexy«, im Internet lesen wir z. B.: »Hallo ich bin Julie, die Gehilfin von Sexy-Hexy. Ich mag meine Hexenmeisterin und fühle mich wohl bei ihr. Wo ich mich gut fühle, zieh ich mich gerne aus &#8230;« Und in Kinderbüchern fin­den wir seit dem Wiederaufblühen der feministischen Bewegung in den 70er Jahren keine bösen Hexen mehr, die schöne Prinzessinnen vergiften. Ganz im Gegenteil. Bei einem Schreibwettbewerb im Jahre 1995 siegte die siebenjährige Elisabeth Luther aus Jena mit der folgenden Kurzge­schichte: »Es war einmal eine schöne Hexe. In der Nähe stand ein Schloss. Und in dem Schloss wohnte eine hässliche Prinzessin. Die hieß Dornröschen. Und am nächsten Tag fiel sie in einen 100jährigen Schlaf. Die Hexe nahm nach 100 Jahren ihren Zauberstab und berührte Dornrös­chen damit. Und dann wachte Dornröschen endlich auf. Dann heiratete die Hexe Dornröschen und sie lebten fröhlich bis an ihr Lebens­ende.«</p>
<p>Die Hexen in der Kinderliteratur können heute also sogar glückliche gleichgeschlechtliche Partnerschaften unterhalten. Es scheint, wir sind restlos aufgeklärt. Ist das wirklich wahr? August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) ließ einen zweifelnden Unterton mitklingen, als er Mitte des 19. Jahrhunderts folgende Verse über das Verhältnis des modernen Menschen zu den Hexenprozessen schrieb:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Tod und Leben</p>
<p style="padding-left: 30px;">Wenn du erzählest, deutsche Geschichte,<br />
Hexenprozesse, Hexengerichte,<br />
Segn’ ich unsere Zeit,<br />
Wo man weit und breit<br />
Keine deutsche Hexe kennt,<br />
Keine foltert und verbrennt.<br />
Die Menschen waren früher dumm und schlechter,<br />
Doch wir sind aufgeklärt und viel gerechter.«</p>
<p>Wenn wir wirklich so aufgeklärt sind, dann fragt man sich natürlich, wa­rum es in den Bestsellerlisten von Geheimbünden, magischen Zirkeln und bö­sen Mächten wimmelt. Man fragt sich auch, woher die vielen Internetsei­ten kommen, in denen Hellseher und Wunderheiler ihre Dienste anbieten. Demoskopen fragen seit den fünfziger Jahren immer wieder: Glauben Sie, dass es Menschen gibt, die anderen Menschen Un­glück und Krankheit anwünschen können? Die Frage wird von einer stabilen bis wachsenden Minderheit bejaht. Gegenwärtig sind gut 15 v. H. der Befragten davon überzeugt, dass Menschen hexen können. Das ent­spricht ungefähr dem von der FDP 2009 erreichten und von der AfD 2017 erwarteten Wähleranteil. Jedenfalls sind es fast 10 Millionen Men­schen in Deutschland, von denen sicher einige auch gelegentlich in die Oberpfalz pilgern, weil sie fest daran glauben, die 1962 verstorbene Resl von Konnersreuth habe an jedem Karfreitag aus den Wunden Christi zu bluten begonnen und das bei 25 Jahren nahrungsfreiem Leben.</p>
<p>Es ist also – ein Blick in die Yellow Press reicht zum Beweise aus – ge­nug Esoterik und Wunderglaube übrig geblieben, wenn auch manchmal ironisch gebrochen wie bei jenem Wissenschaftler, der ein Hufeisen über der Tür hatte und auf die Frage, ob er an solchen Hokuspokus glaube, antwortete: »Natürlich nicht! Aber das Gute ist, es hilft auch, wenn man nicht dran glaubt!« Aberglaube ist Überglaube, also ein Kind des Glau­bens und manchmal heilsam – wie allein schon die nachweisbare Wirksam­keit von Placebos zeigt, die bei manchen Medikamenten über 50 v. H. liegt. Und »Heiler«, die durch Handauflegen und Gebete Warzen und Schmer-zen vertreiben und Menschen »stonn losse« – also gegen ihren Willen wie angewurzelt auf der Stelle stehen lassen können, gibt es nach einer 2007 erschienenen Untersuchung von Walter Hanf (geb. 1937) heute – z. B. in der Nordeifel – genauso wie vor tausend Jah­ren.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
2. </span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"> Hexenjagden in Massenmedien und zwei schwarze Augen voll süßer Nacht</span></h4>
<p>Ein Versuch, den Einbruch des Esoterischen und zugleich das Thema Hexenprozesse in unsere Zeit zu transportieren, stammt von dem 1947 in Rio do Janeiro geborenen Paulo Coelho. <em>Die Hexe von Portobello</em> heißt der 2007 im Diogenes-Verlag erschienene und von Maralde Meyer-Minne­mann übersetzte Roman. Seine Heldin Sherine ist eine Bankangestellte mit schwärmerischen Anlagen und einem Gerechtigkeitsge­fühl, das ein Berufsjurist vermutlich als »übersteigert« empfände. Eines Tages bemerkt sie, dass sie sich in Trance tanzen und damit Energien freisetzen kann, die sich auch in wunderbar steigenden Gewinnen der Bank ausdrücken. Sie nimmt esoterische Lehrstunden, trifft sich mit Gleichgesinnten in einem alten Getreidespeicher in der Portobello Road und redet in Zun­gen. Die Schar der verzückten Anhä­nger wächst rasch, was den Neid der Konkurrenten am Sinnstiftungs­markt weckt. Ein Reverend spricht in der Zeitung vom »Satanskult im Herzen Englands«. Es kommt zu Schläge­reien zwischen Christen und Sherines Anhängern. Der Reverend erklärt öffentlich: »Als guter Christ habe ich die Pflicht, meine andere Wange hinzuhalten &#8230; Dennoch dür­fen wir nicht vergessen, dass Jesus zwar seine andere Wange hingehalten &#8230;, aber auch die Peitsche benutzt hat, um jene zu züchtigen, die das Haus Gottes in eine Räuberhöhle verwandeln wollten.«</p>
<p>England hat – anders als einige afrikanische Länder – keine Hexenrich­ter mehr, aber es hat wie wir in Deutschland auch eine freie Presse, die unter dem Vorwand der Ausübung des Grundrechts auf Mei­nungsfreiheit Hetzjagden auf einzelne, vornehmlich machtlose, Men­schen oder Minderheiten organisiert. Wir denken nicht nur an Christian Wulff oder Annette Schawan. In Coelhos Roman gibt es Morddrohun­gen gegen Sherine, die in der Zeitung »Hexe von Portobello« heißt. Eines Ta­ges verschwindet sie von der Bildfläche und Scotland Yard gibt be­kannt, man habe eine zu Tode gemarterte Frauenleiche gefunden, bei der es sich um Sherine handeln müsse. Zum Glück erfährt der Leser im letzten Kapitel, dass Sherine in Zusammenarbeit mit der Polizei ihre Ermordung nur vorgetäuscht hat, um sich der realen Hinrichtung zu entziehen. Sie wird gerettet, muss sich fortan allerdings verstecken. Die Hetzjagd endet nicht mit der physischen Hinrichtung, aber mit dem sozia­len Tod. Die Hexe von Portobello teilt übrigens mit den übrigen literarischen Hexen zwei Äußerlichkeiten: Sie hat eine dunkle Herkunft und noch dunklere Augen. Die Vorstellung, dass Zauberkraft insbeson­dere von den Augen der Hexen ausgeht, liegt auch dem folgenden Ge­dicht zu Grunde. Es stammt von Felix Dahn (1834–1912), der an sich eher Romancier und Rechtshistoriker war.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>»Die Hexe</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Wenn du ein Hexlein richten soll’t, blick’ nicht ihr in die Augen,<br />
</em><em>Sonst wird dein töricht Herz ihr hold, kann nicht zum Richten taugen.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Das hat den Burggraf von Tirol geführt in Tod und Schande:<br />
</em><em>Der war ein junger Ritter wohl und Richter in dem Lande.</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Zu Bozen an dem schwarzen Stein, da saßen Schöffen elfe: –<br />
</em><em>›Die Hexe muß verbronnen sein‹ – sprach er – ›so Gott mir helfe‹.</em><em>  </em><em>&#8230;</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Und von dem Stein der Burggraf schritt mit allem Volk zum Weiher:<br />
</em><em>Zwei Schergen schleppten die Hexe mit, gehüllt in dunkle Schleier.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>›Halt – laßt mich erst dem Teufelskind in die Koboldaugen schauen:<br />
</em><em>Und ob sie Zauberkohlen sind, – mir soll davor nicht grauen.‹ –</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Er reißt den Schleier fort mit Macht: – da war’s um ihn geschehen: –<br />
</em><em>Zwei schwarze Augen voll süßer Nacht, die haben ihn angesehen.  </em><em>&#8230;</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Er hielt die Hand vors Angesicht, er tät sich baß verfärben:</em><br />
<em> ›Halt! – Sie ist keine Hexe nicht! – Sie ist rein! – Sie soll nicht sterben!‹ – </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>›Die Hexe muß verbronnen sein!‹ – So sprachen da die Elfe –</em><br />
<em> ›Du bist behext: – gedenke fein: du schwurst, so Gott dir helfe!‹ </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Sie halten dem Grafen Schwert und Hand, sie zerren sie fort zum Weiher –<br />
</em><em>Und als er sich zornig losgewandt, – im Wasser schwamm ihr Schleier.</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Er springt ihr nach, er faßt sie wohl: – da täten sie beide sinken: –<br />
</em><em>So mußte der Burggraf von Tirol um eine Hex’ ertrinken.«</em></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
3.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"> Formfragen</span></h4>
<p>Diese beiden ersten Kapitel meines Vortrags dienten u. a. dem Zweck, auf der Oberfläche – der Bilder- und <em>Buchstabenhaut</em>, um einen Aus­druck der Weimarer Ästhetik-Professors Olaf Weber (geb. 1944) abzuwan­deln – unserer gegenwärtigen Kultur nach Spuren jenes juristi­schen, theologi­schen und moralischen Desasters zu suchen, das die Hexen­prozesse darstel­len. In den folgenden Kapiteln will ich Ihnen im Wesentlichen solche Werke vorstellen, die das Thema nicht in eine an­dere Zeit zu transpo­nieren versuchen, sondern es in seiner Zeit belassen. Ich werde unterschiedliche literarische Genres einbeziehen, also nicht nur erzäh­lende Literatur, sondern auch Lyrik, Essay, Kampfschrift, Drama, Film und Oper. Die Kapitel sind nicht systematisch aufeinander bezogen, son­dern versuchen, aus unterschiedlichen Richtungen auf das Thema zu schauen und auf diese Weise ein plastisches, mehrdimensionales Bild zu erzeugen.</p>
<p>Die schöne Literatur nimmt sich der Hexenprozesse erst ein halbes Jahr­hundert nach der letzten Hexenverbrennung in Mitteleuropa an. Der früheste deutsche Roman ist Ludwig Tiecks (1773–1853) <em>Hexensab­bat</em> von 1832. Er spielt im französischen Arras und zeigt den Einbruch des juristisch maskierten Hexenwahns in die heitere Welt der Frührenais­sance. Ihm folgten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder ein­zelne erzählende Werke, ohne dass daraus eine <em>vague</em> geworden wäre. Wir fin­den bekannte Namen wie Friedrich Hebbel, Ludwig Bechstein, Wil­helm Raabe, Theodor Storm, Theodor Fontane und Ludwig Gang­hofer, aber mehr noch Autoren, die man heute eher dem Kreis der poetae mino­res zurechnen möchte, obwohl sie alle in ihrer Zeit populäre und teilweise hochinteressante Dichter waren, etwa Wilhelm Meinhold, Wil­helm Heinrich Riehl, Willibald Alexis, Josef Leitgeb, Erika Mitterer, Ja­kob Wassermann und andere. Die Hexenjagd war weder konfessionell gebunden noch machte sie vor Sprachgrenzen halt. Und so haben auch andere Literaturen Werke zu diesem Thema hervorgebracht. Ich er­wähne Aldous Huxley, Arthur Miller, Nathaniel Hawthorne und – schon gehört – Paulo Coelho. Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ist der Hexenroman eine richtige Wachstumsbranche. Dabei findet man auf der ei­nen Seite Bücher, die von einem oft regional oder lokal geprägten Inte­resse an historischer Aufhellung gekennzeichnet sind. Bei anderen ge­winnt man den Eindruck, es gehe eher darum, die beim Leser vermutete Gier nach der delikaten Mischung aus Weihrauch, Sex und Folter anzurei­zen, die das Thema verspricht. Und doch haben alle literarischen Werke über Hexenprozesse, die ich in der Hand hatte, eine Gemeinsam­keit. Sie sind <em>fact-based</em>. nach historisch belegten Zeugnissen geschrie­ben oder sie spielen zumindest mit diesem Anschein. Oft zitieren sie ausgie­big Verhörprotokolle, Stadtchroniken, Urteile und so fort. Dabei sind die literarisch ambitionierten Autoren bei der Schilderung von Fol­ter und Hinrichtung meist zurückhaltender als die Quellen. Die Wirklich­keit der Hexenprozesse war so grell und so furchtbar, dass sie in einem Roman unglaubhaft wirken müsste.</p>
<p>Damit hängt ein weiteres literarisches Problem des Genres zusammen: Der Konflikt zwischen Hexe und Richter bietet keine große moralische Spannung. Die Entscheidung über Gut und Böse hat der Leser, erst recht der des 21. Jahrhunderts, längst getroffen, bevor er ein Hexenbuch in die Hand nimmt. So klare moralische Verhältnisse sind für den Boulevard-Journalisten eine Freude. Die Kerbe, in die er hauen will, ist so tief und breit, dass er sie auch mit dem gröbsten Werkzeug nicht verfehlen kann. Dem ernsthaften Romancier ist diese Lage jedoch prekär: Er braucht interessante und das heißt wohl doch einigermaßen offene Konflikte. Das Spiel muss wenigstens zu Beginn unentschieden stehen. Viele Autoren versuchen daher, im Roman eine Identifikationsfigur auftreten zu lassen, die den Opfer-Täter-Konflikt glaubwürdig und interessant macht, indem sie ihn in sich auszutragen hat. Im Fall der Hexenprozesse muss das eine Person sein, die einerseits dem Hexenglauben anhängt, andererseits aber Gründe zum Zweifel hat. So verlegt Theodor Storm (1817–1888) in sei­ner sehr zu Herzen gehenden Novelle <em>Renate</em> den Hexenprozess als einen tragischen Reifungsprozess in das Herz des Pfarrers Josias: Er muss am Ende eines frommen Lebens erkennen, dass er die Liebe einer Frau und damit das größte Gottesgeschenk einem scheinbar unumstößlichen Dogma geopfert hat, das nichts als plumpester Aberglaube war.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;"><br />
4.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Politik und Hexerei</span></h4>
<p>Die politische Dimension der Hexenprozesse macht sich in den literari­schen Bearbeitungen unterschiedlich bemerkbar. Aldous Huxley (1894–1963) etwa zeigt in dem von Herbert E. Herlitschka übersetzten Buch <em>Die Teufel von Loudun</em>, dass es zur Hinrichtung des Pfarrers Urbain Grandier vermutlich nie gekommen wäre, wenn sich nicht Aberglaube und kleinstädti­scher Neid mit dem Interesse des Königs an der Zurückdrän­gung des Protestantismus verbunden hätten. So wie ja auch die Jagd auf den seinerzeitigen Bundespräsidenten Christian Wulff sehr gut zu politi­schen Tendenzen passten, Wulff wegen seiner toleranten Haltung gegen­über dem Islam zu strafen. Eine ganz andere Dimension lässt Erika Mitte­rer (1906–2001) aufscheinen, die eine Hexenjagd derart metapho­risch auflädt, dass ihr Anfang der 40er Jahre veröffentlichter Roman <em>Der Fürst der Welt</em> eine gleichnishafte Darstellung des Dritten Reichs aus christ­lich-konservativer Sicht wurde: Der Satan ist am Werk, aber nicht als Hexe, sondern als Richter.</p>
<p>Das Theaterstück <em>Agnes Bernauer</em> von Friedrich Hebbel (1813–1863) er­zählt die historisch belegte Geschichte des bayerischen Thronfol­gers Alb­recht, der sich Ende des 15. Jahrhunderts in die Tochter eines Baders verliebt und sie einen Tag später heiratet. Der Beruf des Baders war da­mals suspekt wegen seiner Nähe zur Heilkunst und zur Prostitu­tion. Als Albrechts Vater Ernst von der Hochzeit hört, ist er entsetzt, weil seine dynastischen Pläne eine andere Frau für Albrecht vorsehen. Er versucht mit Druck und Diplomatie seinen Sohn umzustimmen oder wenigstens Agnes zum Verzicht zu bewegen. Das misslingt. Albrecht liebt Ag­nes. So bleibt aus der Sicht des Vaters nur eine Möglichkeit: Agnes Bernauer muss sterben. Drei dazu berufene Juristen überzeugen sich – in einem nicht näher geschilderten Prozess und jedenfalls, ohne Agnes je gesehen zu haben – von ihrer Schuld als Hexe. Das Urteil lautet auf Erträn­ken. Lange zögert der alte Herzog, bis er das Todesurteil dann doch unter­schreibt. Er verachtet den Hexenglauben des Volkes und wohl auch die Juristen, die den Aberglauben in eine bürokratische Verfahrensra­tionali­tät kleiden, die uns zweifeln lässt, ob es tatsächlich so etwas wie <em>Gerechtig­keit durch Verfahren </em>geben kann. Aber zurück zum alten Herzog Ernst: Er macht sich den Aberglauben aus Gründen der Staatsräson zu eigen. Als sich die Liebenden für einige Tage trennen, lässt er Agnes gefangen neh­men und auf die Donaubrücke zur Hinrich­tung führen.</p>
<p>Carl Orff (1895–1982) hat die Geschichte von der Bernauerin nach al­ten bayrischen Volkstexten vertont und das Libretto selbst geschrieben. Man darf sich zu dem folgenden Textausschnitt die kraftvoll-bäuerliche Musik in der Art der <em>Carmina Burana</em> denken. Der junge Herzog Alb­recht ist von seiner Reise zurückgekehrt und sucht seine Frau:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>»Albrecht:<br />
</em><em>Wo ist die Bernauerin?</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Volk:<br />
</em><em>Ertrunken,<br />
</em><em>ertrunken,<br />
</em><em>ertrunken im Donauwasser</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Albrecht:<br />
</em><em>Wo ist die Bernauerin?</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Volk (Männer):<br />
</em><em>Reiter san kummen,<br />
</em><em>kummen zur Nacht,<br />
</em><em>die habn die Bernauerin<br />
</em><em>zur Bruckn nausbracht,<br />
</em><em>ins Wasser<br />
</em><em>habns sie’s neinzwungen.</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Albrecht:<br />
</em><em>Reiter san kummen,<br />
</em><em>kummen zur Nacht,<br />
</em><em>die habn die Bernauerin<br />
</em><em>zur Bruckn nausbracht?<br />
</em><em>Woher san die Reiter<br />
</em><em>kummen?</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Volk:<br />
</em><em>Reiter san kummen,<br />
</em><em>kummen zur Nacht,<br />
</em><em>von Minka san’s<br />
</em><em>grittn daher.</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Albrecht:<br />
</em><em>Reiter san kummen,<br />
</em><em>kummen zur Nacht,<br />
</em><em>von Minka san’s<br />
</em><em>grittn daher?<br />
</em><em>Wer hat die Reiter<br />
</em><em>ausgsendt?</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Volk:<br />
</em><em>Z’Minka, da sitzt<br />
</em><em>a Herzog am Stuhl,<br />
</em><em>der hat die Reiter<br />
</em><em>ausgsendt.«</em></p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">5.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Tatsachen und Ursachen</span></h4>
<p>Viele Bücher wurden geschrieben über die Gründe für die Hexenpro­zesse. Die Hexenforschung ist ein wissenschaftliches Subsystem, das mittler­weile viele Irrtümer bereinigt hat. Die Zahl der Opfer z. B. zählt eher nicht nach Millionen, sondern wird jetzt auf etwa 100.000 geschätzt, da­runter mehr Frauen, aber auch viele Männer und keine Juden. Hexe­rei war Ketzerei und konnte nur von Christen begangen werden. Die Hexenpro­zesse – das muss man sich immer wieder ins Bewusstsein heben – sind kein mittelalterliches Phänomen, sondern eines der beginnenden Neuzeit in Westeuropa. Die Hexenprozesse sind, gemessen an der Mensch­heitsgeschichte, eine moderne Einrichtung. Wenn man länger darüber nachdenkt, kann man sie wegen des Zusammentreffens von entfes­selter Dummheit und Brutalität mit nahezu perfekter Organisation als Vorläufer der rationellen Typenmorde von der französischen Revolu­tion über die Säuberungen in der Sowjetunion bis zum Holocaust und den Blutgerichten des Pol Pot betrachten. Es gab Städte, die nie eine Hexe verbrannt haben, wie Frankfurt und Nürnberg. Die Zeit der Hexenpro­zesse ist ja <em>auch </em>die Zeit von da Vinci, Pico de la Mirandola, Columbus, Galilei, Händel, Bach, Newton: Eine Zeit des Kampfs für Vernunft, Kunst, Kultur, Menschlichkeit, also <em>gegen </em>den Aberglauben. Johannes Kepler selbst gelang es nur mit knapper Not, seine Mutter vor dem Scheiterhaufen zu retten.</p>
<p>Die Hexenjäger verstanden ihr Handwerk nicht als irrationalen Fanatis­mus, sondern als konsequenten und vernünftigen Kampf gegen das Böse. Wer oder was aber war schuld daran, dass sie so sehr in die Irre gin­gen? Der Krieg als Vater aller Dinge? Die Ökonomie? Von 1470 bis 1620 steigen die Getreidepreise um 260 v. H., die Löhne nur um 120 v. H., und die Bevölkerung wächst um 70 v. H. Der Edelmetallumlauf vervierfacht sich durch Gold und Silber aus Lateinamerika. Marxisten sagen, es war Klassenjustiz als Folge der erhöhten sozialen Spannungen beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Einen Beleg für diese These finden wir in Wolfgang Lohmeyers (geb. 1919) von 1976 bis 1981 erschienener Romantrilogie über Friedrich von Spee. Sie beginnt mit dem Prozess gegen die Kölner Kauffrau Katharina Henot, die im Jahre 1627 als Hexe hingerichtet wurde. Treibende Kraft war die mit Katharina Henot um das Postprivileg konkurrierende Taxis-Dynastie. Die schlechte Metaphysik im Dienste einer räuberischen Ökonomie.</p>
<p>Auch der Prozess kostet natürlich Geld. Die Justiz, auch wenn sie für schlimme Zwecke arbeitet, kostet immer auch Geld. Die Henker und die Richter arbeiteten nicht für lau. Der Gotteslohn, mit dem sie zufrieden sein müssten, wenn es ihnen im Tiefsten ernst wäre mit ihrem Glauben, reicht ihnen nicht. Hier ein Ausschnitt aus einer kurpfälzischen Gebührenord­nung für Nachrich­ter.</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>»Mit Instrumenten zur Tortur aufwarten 1 Thaler 30 Kreuzer<br />
</em><em>Daumenstock anlegen 2 Thaler<br />
</em><em>Spanisch Stiefel anlegen 2 Thaler<br />
</em><em>Bei der Tortur anziehen 3 Thaler<br />
</em><em>Einen auf die Bank legen und mit Gerten streichen 3 Thaler<br />
</em><em>Einen an den Pranger stellen und mit Ruten streichen 2 Thaler<br />
</em><em>Einem eine Maulschelle geben 2 Thaler<br />
</em><em>Einem den Galgen aufzubrennen 3 Thaler<br />
</em><em>Einem Nasen und Ohren abzuschneiden 5 Thaler<br />
</em><em>Einem die Zunge abzuschneiden 5 Thaler<br />
</em><em>Einen mit glühenden Zangen zwicken 5 Thaler<br />
</em><em>Einem die Hand abzuhauen 5 Thaler<br />
</em><em>Einen mit dem Strang hinzurichten 7 Thaler 30 Kreuzer<br />
</em><em>Einen mit dem Schwert hinzurichten 7 Thaler 30 Kreuzer<br />
</em><em>Einen zu begraben oder das vom Galgen gefallene Gerippe 2 Tha­ler<br />
</em><em>Den Kopf oder eine Hand auf den Pfahl zu stecken 5 Thaler<br />
</em><em>Den Leib auf das Rad zu legen 5 Thaler<br />
</em><em>Einen zu radbrechen 12 Thaler<br />
</em><em>Einen zu verbrennen 5 Thaler<br />
</em><em>Den Scheiterhaufen aufzurichten 3 Thaler<br />
</em><em>Einen Selbstmörder zu henken 5 Thaler 30 Kreuzer<br />
</em><em>Einen zu vierteilen 12 Thaler<br />
</em><em>Die Viertel auf die Straße zu henken 3 Thaler<br />
</em><em>Wenn der Maleficiant mit dem Wagen zur Richtstatt geführt wer­den muss<br />
</em><em>oder doch der Wagen zur Richtstatt mitgehen muss 3 Thaler<br />
</em><em>Einen einzusacken oder zu ersäufen 5 Thaler«</em></p>
<p>Nehmen wir hinzu, dass das Vermögen der Hingerichteten eingezogen und zwischen Landesherrn, Kirche und Hexenjäger aufgeteilt wurde, so erkennen wir, dass der Hexenprozess ein einträgliches Geschäft war.</p>
<p>Eine völlig andere Sichtweise auf die Ursachen für die Hexenverfol­gung ist im Dunstkreis von Bioläden und Frauenzentren populär und wird in dem Film <em>Die Hexen von Eastwick</em> (nach dem gleichnamigen Roman von John Updike) bemerkenswerter Weise von einem Mann ausge­spro­chen. Noch dazu von einem Kerl, der sich damit in die Gunst einer von unbestimmter erotischer Sehnsucht getriebenen Frau aus der grün-alternati­ven Szene einer amerikanischen Kleinstadt einschleichen möchte. Daryl van Horne – wir werden noch auf ihn zurückkommen – spricht es aus: Dass nämlich die Hexenverfolgungen einzig dazu dienten, intelligente, selbstbewusste Frauen – vor allem Hebammen – aus der männlich dominierten Berufswelt zu drängen: »Männer«, sagt Daryl <em>(Jack Nicholson at his very best)</em> mit satanischem Grinsen, »sind unge­heure Arschlöcher.« Kurz danach verführt er die Frau und man sieht seinen Pferdeschwanz wippen. Die nationalsozialistischen Sicht war übri­gens von der feministischen nicht so weit entfernt: Sie sah die Hexenpro­zesse als einen groß angelegten Versuch der römisch-klerikalen Kräfte, die germanische Frau als Trägerin der arischen Urweisheit auszuschal­ten.</p>
<p>Bisher hat noch jede schlagkräftige These zur Erklärung der Hexenpro­zesse eine ebenso schlagkräftige Gegenthese gefunden. Wenn alle Erklärungen versagen, was bleibt dann übrig? Natürlich nur eins: Das Wetter. Und wirklich fällt die hohe Zeit der Hexenprozesse mit der soge­nannten kleinen Eiszeit in Mitteleuropa zusammen, die Missernten und Hungersnöte brachte. Auch die geographische Verteilung der Hexenverfol­gungen ist aufschlussreich. Es gibt eine deutliche Ballung in klima­tisch und verkehrstechnisch diskriminierten Kleinstädten, wie z. B. Preston­pans in Schottland oder Neuerburg in der Westeifel, wo Dumm­heit, Dauerregen, Inzest und Weihrauch die Gehirne der Bürger nachhal­tig zerfraßen.</p>
<p>Eine neuere These fasst die verschiedenen Aspekte zusammen und sagt: Die Hexenprozesse waren ein Versuch der <em>Kontingenzreduktion</em>. Sie waren nicht die gezielte, konkret interessengebundene Erfindung einer Person oder einer Gruppe, sondern sie erfanden sich gewisserma­ßen von selbst, als Abwehr gegen das Gefühl der Hilflosigkeit des naturun­kundi­gen Menschen, der Krieg, Krankheit, Unwetter, Seuchen hilflos ausge­setzt ist. Die Hexenprozesse sind demnach ein Verfahren der Gesell­schaft, durch ritualisierte Opfer die überirdischen Kräfte zu beschwichti­gen und damit ihre Existenz als Gesellschaft zu bewahren. Von der »Angst als Grundlage der Religion« sprach der englische Mathema­tiker und Philosoph Bertrand Russell (1872–1970) in seinem Buch: <em>Warum ich kein Christ bin</em>. Und so bestürzend das sein mag: Wer den Ursachen der Hexenprozesse nachgeht, kommt irgendwann am gesellschaftlichen Ur­sprung der Religion an. Jedenfalls einer Religion wie un­serer lieben christli­chen, die Erlösung von Schuld durch ein Menschenop­fer in den Mittelpunkt der Liturgie und des Denkens stellt.</p>
<h4></h4>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">6.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Vorgeschichten und Nachfolger</span></h4>
<p>Systematische Verfolgungen von Menschen mit den Mitteln des Rechts treten immer wieder auf. Man kann an die frühchristlichen Märtyrerpro­zesse denken, an die Ketzerprozesse als unmittelbare Vorläufer der Hexen­prozesse, aber auch an die Umtriebe von Freislers Volksgerichts­hofs, an die Moskauer Schauprozesse 1936 bis 1938, an die Kommunisten­jagd des amerikanischen Senators Joseph McCarthy an der Wende von den Vierziger zu den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, an Prozesskampagnen gegen Homosexuelle in der Frühzeit der Bundesrepub­lik und an die Verfolgung wegen sogenannter Staatsgefährden­der Hetze in der DDR. Die Märtyrerprozesse nehmen dabei eine Sonderstellung ein. Die Christen hatten eine aus Sicht der Römer faire Chance ihre Haut zu retten. Sie hätten abschwören können, taten es aber nicht, weil sie Folter und Tod als Ehre ansahen und teil­weise gar nicht genug davon bekamen. Vom heiligen Laurentius berichtet die Legenda Aurea, er habe, mit dem Rücken auf dem Rost über glühen­den Kohlen liegend, Hymnen gesungen und zu seinem Peiniger gesagt: »Meine Rückseite ist gar, jetzt musst Du mich auf die andere Seite wen­den!« Das christliche Märtyrertum hatte also deutlich masochistische Züge, was die genussfreudigen römischen Richter als Gipfel der Unver­schämtheit ansahen.</p>
<p>Die <em>Legenda Aurea</em> des Jacobus de Voragine (1230–1298) ist eine teils haar­sträubende, teils fromme Sammlung von Märtyrergeschichten, die bis ins 16./17. Jahrhundert sehr populär war und sogar höhere Aufla­gen hatte als die Bibel: Man könnte diese publikumswirksame Mischung aus Glaube, Hoffnung und Hiebe als das <em>Goldene Blatt</em> des Mittelalters bezeich­nen. Hier ist, in einer modernen Adaption, die Geschichte vom heiligen Sebastian:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Vom heiligen Sebastian</p>
<p style="padding-left: 30px;">Sebastian, ein Soldat aus Narbonne, muss ein schöner junger Mann gewe­sen sein, denn es heißt, die Kaiser – man hatte damals zwei zur glei­chen Zeit – hätten ihn zum Kommandanten ihrer Leibkohorte gemacht, um sich seines Anblicks erfreuen zu können.<br />
Was die Kaiser nicht wussten, war, dass Sebastian ein ›vir christianis­simus‹ war, ein sehr christlicher Mann. Wenn wir heute von jemandem sagen, er sei christlich, dann ist das, trotz allem, was wir von uns Christen und unserer Vergangenheit wissen, immer noch ein Kompliment. Das war zu Lebzeiten des heiligen Sebastian, im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, ganz anders.<br />
In allem, was wir heute unter Kultur im weitestem Sinne verstehen, wa­ren die Römer und Griechen den Christen überlegen: Philosophie, Literatur, Musik, Architektur, Naturwissenschaft, Jurisprudenz, Straßen­bau – es war ein hochkultiviertes Leben, das man in Rom führte. Dass andere Menschen, z. B. die Sklaven in den Ergasterien, hungerten und gepeinigt wurden, störte die Kaiser wenig, wenn sie sich gedünstete Fla­mingozungen als Antipasti munden ließen oder ein Himbeer-Sorbet zum Dessert nahmen, aus Schnee hergestellt, den man von den Bergen in die Stadt brachte. Auch an Göttern herrschte kein Mangel. Der christliche Gott mit seinem Alleinvertretungsanspruch und dem moralischen Rigoris­mus der kleinen Leute war aus Sicht der Römer eine fundamentalisti­sche Provokation – ein ›vir christianissmus‹ wie Sebastian war ein gefährlicher, aggressiver, intoleranter Sektierer.<br />
Zwei Brüder, Marcus und Marcellinus, Freunde des heiligen Sebas­tian und Christen wie er, werden wegen christlicher Umtriebe zum Tode verurteilt. Der Richter lässt ihnen eine Chance:<br />
›Ich schenke euch euer Leben zurück, wenn ihr eurem unsinnigen Glau­ben abschwört.‹<br />
Einen Tag haben sie Zeit, im Gefängnis über das Angebot nachzuden­ken. Ihre Mutter kommt zu ihnen, das Haar aufgelöst, wei­nend, sie zer­reißt sich die Kleider, schlägt sich an die Brüste und schreit:<br />
›Weh mir! Meine Söhnchen! Wenn Feinde kämen, euch zu rauben, ich ginge mitten durch die blutigste Schlacht, euch zu retten; wenn ihr ins Gefängnis geworfen seid, laßt mich die Mauern zerbrechen, um euch zu befreien; was sind das für schreckliche neue Lehren, die unsere Kinder zu sterben lehren, statt zu leben!‹<br />
Da wird auch der gebrechliche Vater der beiden Jungen herbeige­führt; von Dienern gestützt, Asche auf dem Haupt, schreit er zum Him­mel. Ihm folgen die jungen Frauen, Säuglinge auf den Armen, sie weinen und schreien:<br />
›Wie könnt ihr so grausam sein! Habt ihr uns nicht die Liebe verspro­chen? Seht diese Kinder! Haben sie kein Recht auf ihre Väter? Mit wel­chem Recht verschmäht ihr eure Eltern, verratet eure Freunde, vertreibt eure Frauen, verleugnet eure Kinder, verjagt das Leben – und liebt eure Henker?‹<br />
Da wären den christlichen Zwillingen die Herzen wohl weich gewor­den, wenn nicht der heilige Sebastian ihnen die folgende Rede gehalten hätte:<br />
›O ihr starken Soldaten Christi! Lasst euch nicht die ewige Krone rau­ben durch schmeichlerische Reden. Seit Anfang der Welt hat das Leben die getäuscht, die auf es gesetzt haben. Was ist denn gut an diesem Le­ben? Es zwingt zur Lüge, verführt zum Diebstahl, reizt zur Wollust, ver­langt den Betrug. Aber der Schmerz, der uns heute verbrennt, ist morgen ver­raucht, in einer Stunde ist er zu Ende – und die ewige Freude ist gewon­nen. Seien wir nicht schwach! Spornen wir uns an in der Liebe zum Martyrium! Hallelujah.‹«</p>
<p>Diese berühmte Rede des heiligen Sebastian hatte Erfolg: Die christli­chen Jünglinge starben, und auch Sebastian selbst errang die Märtyrer­krone: Kaiserliche Scharfschützen banden ihn an einen Pfahl und schos­sen einen solchen Schwarm von Pfeilen auf ihn, dass er, wie die Legende weiß, aussah »wie ein Igel«. Die Leiche stopfte man »in cloacam« – die Zentrallatrine von Rom.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">7.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Sexualität</span></h4>
<p>Der Teufel ist lüstern, wenn nicht sogar die Lüsternheit selbst aus einem oder mehreren Teufeln besteht, wie viele bildnerische Darstellungen von Teufeln nahelegen. Auch das Hexenthema hat eine unübersehbare sexu­elle Komponente. In den Blumen des Bösen besingt Charles Bau­delaire (1821–1867) eine dunkelhäutige Dirne als »<em>Hexe aus Ebenholz</em>« und sehnt sich danach »<em>zu brechen deine Kraft, zu bleichen deine Stirn/ Im Schlamme deines Betts</em>«. Die weibliche Sexualität erscheint hier als Inbegriff des schmutzi­gen Bösen, oder das Böse ist eigentlich das Sexu­elle. Das stimmt überein mit erotik- und frauenfeindlichen christ­lichen Traditionen seit der Apokalypse des Johannes, erst recht seit Tertul­lian und Augustinus und auch mit Sätzen, die wir im Ersten Teil (I.6) des <em>Hexenhammers</em> finden, je­nem 1486 erschienenen Buch des Dominikanermönchs Heinrich Kra­mer genannt Institoris (1430–1505), das dank der eben nicht nur segensrei­chen Erfindung der Buchdrucker­kunst zweihundert Jahre lang überall in Europa als Anleitung für die systematische Durchführung von Hexenprozessen gedient hat.</p>
<p>»Endlich [kommen wir] zur Erörterung der fleischlichen Begierden des Körpers selbst. Von da kommen unzählige Schädigungen des menschli­chen Lebens, so daß wir mit Recht &#8230; sagen können: ›Wenn die Welt ohne Frauen sein könnte, wäre unser Lebenswandel göttlich &#8230; du mußt wissen, daß jenes dreigestaltige Ungeheuer geschmückt ist mit dem herrlichen Antlitz des Löwen, entstellt wird durch den Unterleib der stinken­den Ziege, bewaffnet ist mit dem Schwanz einer giftigen Viper. Das will sagen, daß ihr Anblick schön ist, die Berührung [aber] grausig [und] der Umgang tödlich.‹«</p>
<p>Weiteres will ich der geneigten Leserin ersparen, insbesondere die von voyeuristischer Vorlust strotzenden Erörterungen im Zweiten Teil, die sich mit den kalten Samenergüssen der Teufel befassen.</p>
<p>Auch in den belletristischen Bearbeitungen der Hexenprozesse spielt die Sexualität eine zentrale Rolle. In dem 1843 erschienenen Roman <em>Die Bernsteinhexe</em> schildert Wilhelm Meinhold (1797–1851) das peinliche Ver­hör seiner Heldin Maria Schweidler, die als Hexe verfolgt wird. Sie hatte sich – wie die meisten Angeklagten – alsbald nach Beginn der Folter zum Geständnis bereit erklärt. Das Verhör der Maria Schweidler wird von ihrem alten Vater, dem Pfarrer Abraham Schweidler erzählt, und zwar in der Sprache des 17. Jahrhunderts, wobei wir das Wort ›Quaestio‹ mit ›Frage‹ und das Wort ›Responsio‹ mit ›Antwort‹ zu übersetzen ha­ben:</p>
<p style="padding-left: 30px;">»Quaestio. Ob sie zaubern könne?<br />
Responsio. Ja, sie könne zaubern.<br />
Q. Wer ihr solches gelehret?<br />
R. Der leidige Satan selbsten.<br />
Q. Wieviel Teufel sie habe?<br />
R. Sie hätte an einem genug.<br />
Q. Wie dieser Teufel hieße?<br />
Illa (sich besinnende): Hieße Disidaemonia.<br />
Q. In welcher Gestalt ihr selbiger erschienen?<br />
R. In der Gestalt des Amtshauptmanns, oftmalen auch wie ein Bock mit grimmigen Hörnern.  &#8230;<br />
Q. Ob der Satan ihr beigewohnet?<br />
R. Sie habe nur bei ihrem Vater ihre Wohnung gehabt.<br />
Q. Sie wölle wohl nit verstehen. Ob sie mit dem leidigen Satan Un­zucht getrieben und sich fleischlich mit ihm vermischet?<br />
Hier ist sie also verschamrotet, daß sie sich mit beiden Händen die Au­gen zu­gehalten und darauf angehoben zu weinen und zu schluchzen, und da sie nach vielen Fragen keine Stimme von sich geben, ist sie vermah­net worden, die Wahrheit zu reden, widrigenfalls sie der Angst­mann wieder auf die Leiter heben würd. Hat jedoch endlich »Nein!« gesaget, welches aber Ein ehrsam Gericht nicht gegläubet, sondern sie dem Angstmann abermals befohlen, worauf sie mit ›Ja‹ geantwortet.<br />
Q. Diese abscheuliche Frage kann ich nur lateinisch hersetzen: ›Num semen Daemonis calidum fuerit aut frigidum‹ [›Ob des Teufels Samen warm oder kalt gewesen sei‹] – worauf sie geantwortet, daß sie sich da­rauf nicht mehr besinnen könne.<br />
R. Ob sie von dem Satan in Wochen gekommen oder einen Wechsel­balg er­zeuget und in welcher Gestalt?<br />
Q. Nein, wär nie geschehen.<br />
R. Ob ihr der böse Geist kein Zeichen oder Mal an ihrem Leib geben und wo?<br />
Q. Die Male hätte Ein ehrsam Gericht ja bereits gesehen.«</p>
<p>Eine besonders tiefgehende, bewegende und ihr Thema durchdrin­gende Auseinandersetzung mit den sexuellen Bestandteilen des Hexen­wahns finden wir in dem schon erwähnten Buch <em>Die Teufel von Loudun</em>, das von Krysztof Penderecki zu einer Oper umgearbeitet wurde: Der Priester Ur­bain Grandier, Pfarrer der Kirche Saint-Pierre-du-Marché in dem westfranzösischen Städtchen Loudun – heute trägt das führende Antiqua­riat des Orts den Namen »Urbain Grandier« – war ein schöner und statt­licher Kerl. Die Frauen und Töchter von Loudun schmolzen dahin vor Verlangen nach der um ihrer Verbotenheit willen doppelt begehrenswer­ten Lust, sich mit ihm zu vereinigen, Urbain Grandier schmolz nur allzu gerne mit, manchmal sogar im Beichtstuhl, was die Sache besonders pri­ckeln ließ. Die ehrbaren Bürger kochten vor Wut. Da es ihnen peinlich war, die eigentlichen <em>gravamina</em> auszusprechen, waren sie erleichtert über die irgendwie in der Luft liegende und vom Kardinal Richelieu aus politischen Gründen geförderte Entdeckung, dass Grandier ein Hexer sein müsse. Dabei halfen ihm diverse Teufel, die zu diesem Zweck Besitz von einer sexuell frustrierten buckligen jungen Nonne ergrif­fen hatten. Grandier wurde gefoltert und hingerichtet.</p>
<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">8.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Methode und Wahnsinn</span></h4>
<p>Dass Zustände des Menschen, die in früheren Zeiten auf Teufelsbündne­rei zurückgeführt wurden, heute überwiegend als Krankheiten der Seele verstan­den werden, ist kein überraschender Gedanke. Schon Johannes Weier (1515–1588), ein Arzt und Berater des Herzogs von Jülich, vertrat – ebenso wie Michel de Montaigne (1533–1592) – im 17. Jahrhundert diese Meinung. Wahrscheinlich wäre es aber falsch zu sagen: Die Hexen waren Psychopathinnen und die Hexenprozesse waren das Instrument der Gesun­den, um psychisch auffällige Menschen zu töten. Die Aussage wäre schon deshalb falsch, weil auch unter den Hexenjägern, den Denunzi­an­ten, den Zeugen, Richtern, Nachrichtern, Scharfrichtern und Folter-knech­ten seelische Abnormitäten so offen zu Tage getreten sind, dass nicht wenige von ihnen ihrem eigenen Wahn zum Opfer fielen. Adolf Friedrich von Schack (1815–1894) schildert in seiner Ballade <em>Die Hexenjagd</em> die Geschichte des Hexenjägers Geiß, der von Halluzinationen getrieben bei Nacht ins Moor zieht und dort ein schreckliches Ende fin­det:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>»Da taucht aus der Tiefe im weißen Gewand<br />
</em><em>Die tolle Gertraud, die er gestern verbrannt;<br />
</em><em>In die Arme will sie ihn schlingen.<br />
</em><em>Er starrt; ihn dünkt, als ob himmelan<br />
</em><em>Zur Riesin sie wüchs’ und schwölle.<br />
</em><em>›Hoho! Hoho! – mein süßer Kumpan!<br />
</em><em>Auf Wiedersehn in der Hölle!‹</em><em> </em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Jäh, bäumt sich das Roß; ein Fluch noch gellt<br />
</em><em>Aus dem Munde des Reiters, und taumelnd fällt<br />
</em><em>Er häuptlings hinab zu dem Schlunde.<br />
</em><em>Rings fliegen die Hexen heran vom Moor;<br />
</em><em>Sie klatschen mit Händen; sie jauchzen im Chor<br />
</em><em>Und tanzen um ihn in der Runde,<br />
</em><em>Bis gelb die Nebel der Frühe brau’n<br />
</em><em>Und es dämmert über dem Graben;<br />
</em><em>Da huschen sie fort durch das Morgengraun<br />
</em><em>Und lassen die Leiche den Raben.«</em></p>
<p>Wahnsinn und Methode gingen bei den Hexenverfolgungen eine in­nige Verbindung ein. Zwei Phänomene stechen dabei ins Auge: Der Teufels­pakt und der Exorzismus als kirchenamtlich bis heute geregelte Form der Be­freiung des Menschen von dem Bösen in seinem Innern, das übrigens meist fließend Lateinisch spricht. Mit beiden hat sich Sigmund Freud (1856–1933) in einem 1922 erschienenen Aufsatz befasst. Er trägt den Titel: <em>Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert</em>.</p>
<p>In dem Aufsatz erzählt und analysiert Freud – anhand von Klosterak­ten aus dem 17. Jahrhundert – die Geschichte des Malers Christoph Haiz­mann, der nach dem Tode seines Vaters in eine Depression fiel, als deren Folge ihn eine Arbeitshemmung berufs- und vielleicht sogar erwerbs­unfähig machte. In dieser Not wandte sich der Maler Haizmann an keinen geringeren als den Teufel, dem er sich durch einen mit Blut unterzeichneten Vertrag »als leibeigener Sohn« verschrieb und ver­sprach, ihm im 9. Jahr Leib und Seele zu gewähren. Als das Ende der vertraglich vereinbarten Frist von neun Jahren nahte, begann er an Krämp­fen und quälenden Visionen zu leiden. Er ging ins Kloster Maria­zell und klagte den Mönchen sein Leid. Doch wie Abhilfe schaffen? Ver­träge muss man schließlich halten, pacta sunt servanda. Es entsprach dem damaligen und entspricht dem heutigen Rechtsverständnis, dass man sich von gegenseitigen Verträgen, also solchen Verträgen, in denen eine Leis­tung um der Gegenleistung willen vereinbart ist, nur bei Vertrags­bruch der anderen Seite lösen kann. Aber der Teufel ist, wie eine 1996 erschie­nene juristische Dissertation über Teufelsverträge von Re­nate Zelger (geb. 1923) ergeben hat, vertragstreu bis zur Pedanterie. Das hatte er auch im Fall Haizmann so gehalten und den Maler von seiner Arbeits-hem­mung befreit. Wir sind darüber so gut unterrichtet, weil Haiz­mann seinen Vertrags­partner mehrfach porträtierte.</p>
<p>Trotzdem wussten die Mönche einen Ausweg. Ihnen war aus dem theolo­gischen Studium und der liturgischen Praxis bekannt, dass der Teu­fel zwar kein Mensch ist, aber eben auch kein Unmensch. Er lässt mit sich reden und ist für gute Worte empfänglich, vor allem, wenn es Latein ist. Latein mag der Teufel. Und es befällt ihn ein wohliges Schaudern, wenn er bestimmter Gegenstände ansichtig wird und gewisse Worte ausge­sprochen hört. Er hat Respekt vor dem Kreuz und wenn mehrere fromme Männer das Ave Maria singen, dann wird er weich. Zwei Wo­chen dauerte der Exorzismus, dann, am 8. September 1677, sah Haiz­mann den Teufel plötzlich leibhaftig in einer Ecke der Klosterkirche von Mariazell. Der Teufel winkte den Maler herbei und überreichte ihm den schriftlichen Vertrag: Durch diese nur als großmütig zu bezeichnende Geste gab der Teufel zu erkennen, dass er aus dem Dokument fürderhin Rechte nicht mehr herleiten wolle. Dann verschwand er und Christoph Haizmann händigte den Vertrag an die Mönche aus.</p>
<p>Haizmann verließ das Kloster mit Dank und begab sich nach Wien – wo er nach wenigen Monaten erneut unter Krämpfen und Visionen zu leiden begann. Wie konnte das sein? Im Mai 1678 kam Haizmann wieder nach Mariazell, die Mönche zeigten wieder das Kreuz und sprachen das Gegrüßet-Seist-Du-Maria, der Teufel wurde wiederum weich, erschien in der Kirchenecke und was nun geschah, zeigt uns den Teufel als wahren Ausbund an Beamtenpedanterie: Er musste nämlich zugeben, dass er von al­len Verträgen, die er schließt, Kopien herstellt und in der Hölle aufbe­wahrt, so auch vom Pakt mit dem Maler. Nach einigem Hin und Her gab er aber auch die Abschrift heraus und Haizmann ward endlich geheilt. Als Laienbruder Chrysostomos (Goldmund) ging er ins Kloster des Or­dens Neustatt an der Moldau, wo er anno domini 1700 friedlich aus dem Leben schied.</p>
<p>Die tiefenpsychologischen Vermutungen, die Siegmund Freud an die Geschichte knüpfte, sind interessant, aber ich will sie hier nur kurz erwäh­nen: Sie bestanden darin, dass Haizmann mit der Teufelsphantasie eine unbewusste homoerotische Fixierung an seinen Vater bearbeitet hat. Man kann zu dieser Diagnose stehen wie man mag, unbestreitbar bleibt, dass missglückte Triebverarbeitung an seelischen Erkrankungen mitwirkt, die ihrerseits, da der Glaube an das Böse im Menschen die Hexenrichter blind machte, vielen Schaden angerichtet haben. Hierher gehört die der weiblichen Adoleszenz gelegentlich eigene Hysterie.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">9.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Die Masse</span></h4>
<p>Neben den staatlich und kirchlich regulierten hat es auch ungeregelte Hexenjagden in Form von Pogromen gegeben. Es handelt sich um Ausbrü­che der Wut des Volks, die, wie Georg Trakl sagt, »den wilden Orgeln des Wintersturms gleicht«. In seiner Erzählung <em>Else von der Tann</em> hat Wilhelm Raabe (1831–1910) einem jungen Mädchen, das Op­fer des Volkszorns wurde, ein literarisches Denkmal gesetzt.</p>
<p>Wir schreiben das Jahr 1636. Ein Dorf im Harz: Wallrode im Elend. Das 18. Jahr des 30jährigen Krieges, der die Menschen stumpf und böse gemacht hat. Kriegsflüchtlinge sind gekommen, ein Lehrer aus Magde­burg und seine Tochter Else. Der Pfarrer versucht, Vater und Tochter ins Dorfleben einzubinden, und manchmal hat es den Anschein, das könnte gelingen. Doch die Fremden bleiben fremd. Durch die Abgeschieden­heit ihres Daseins im Walde nähren sie die finstersten Phanta­sien der Dörfler. Einige wollen geheimnisvolle Instrumente in der Waldhütte gesehen ha­ben, andere sogar, horribile dictu, Bücher.</p>
<p>»Nur um Ungeheuerliches, Furchtbares, Tag- und Lichtscheues zu brü­ten und zu schaffen, konnten sich die Fremden auf solch absonderli­che Weise an solchem unheimlichem Orte verborgen haben – das war die Meinung des Dorfes.«</p>
<p>Der Pfarrer, auch das war die Meinung des Dorfes, muss von den Frem­den verhext worden sein. Wer weiß, auf welche teuflische Weise, jedenfalls war Else von der Tann ein ausnehmend schönes Mädchen, das sogar mit den Bäumen und den Tieren sprach. Endlich, nach zwölf lan­gen Jahren, gelingt es dem Pfarrer – Vater und Tochter zum Besuch des Gottesdienstes zu bewegen. &#8230; Da erhebt sich ein widriges Gemurmel:</p>
<p>»Die Hex! Die Hex! Der Hexenmeister! Ging es anfangs leise, dann im­mer lauter in die Runde. Was wollen sie hier? Weshalb kommen sie herab aus ihren Schlupfloche? Sie sollen bleiben, wo sie sind! Sie sollen nicht hernieder kommen ins Dorf! Schlagt sie – treibt sie von dannen – räuchert sie aus! &#8230; Aber der Pfarrer zu Wallrode im Elend sah und hörte nicht; mit erklingendem Herzen führte er Else von der Tanne in sein Gotteshaus &#8230;«</p>
<p>Als die Messe zu Ende ist und der Pfarrer mit Else und Konrad die Kir­che verlassen will, stellen sie fest, dass sich Dorfbewohner auf dem Kirchhof zusammengerottet haben.</p>
<p>»›Gebannt! Gebannt! &#8230; Hex, Hex! Schlage tot! &#8230; Und aus der Hand des Buben, welcher den dürren Zweig vom Galgenbaume brach, &#8230; flog ein scharfkantiger Kiesel und traf die Jungfrau auf die linke Brust, dass sie mit einem Schrei zusammenbrach und bewusstlos in die Arme des Vaters sank &#8230; Einige Tropfen roten Blutes traten auf ihre Lippen, und grässlich jauchzte das Volk, als es die schlanke herrliche Gestalt zusammenknicken und sinken sah &#8230; Einige Stunden später stirbt das Mädchen.«</p>
<p>Der amerikanische Dichter Nathaniel Hawthorne (1804–1864) war der Nachfahre eines der Richter in den Hexenprozessen von Salem in Massachusetts. In seinem Roman <em>The scarlet letter</em> muss die junge Hester Prynne vor der versammelten Dorfgemeinschaft erscheinen. Sie hat die Wahl, entweder den Namen des Vaters ihres unehelichen Kindes – es ist, was außer ihr und ihm niemand weiß, der Pfarrer von Salem – preiszuge­ben oder in Zukunft einen scharlachroten Buchstaben am Kleid tra­gen zu müssen. Sie entscheidet sich für die öffentliche Schmach.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">10.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Das Böse</span></h4>
<p>Die ursprüngliche verlautbarte Absicht der Hexenprozesse bestand darin, das Böse oder das Schlechte in der Welt aufzuspüren und im Namen des Guten auszumerzen. Diese gute Absicht ist in Wahrheit nichts Gutes. Sie steht am Beginn aller systematischen Verfolgungen und Pogrome. Ihr Irrtum besteht in der Annahme, dass das Böse ein definierbares äußerli­ches Kennzeichen hat: Warzen, Muttermale, eine niedere Stirn wie bei Cesare Lombroso (1835–1909), heute vielleicht eine Missbildung, ein Sprachgebrauch, ein Tattoo und in Zukunft ein genetischer Defekt oder eine Auffälligkeit bei den Hirnströmen. Das Böse ist aber in Wirklichkeit, wenn es denn je eine vom Guten abtrennbare, gar noch mit Emblemen geschmückte Existenz hatte, längst eine unauflösliche Verbindung mit allem Lebendigen eingegangen; »es« ist allenfalls noch als Ingredienz der Wirklichkeit vorhanden – wie die Spucke im Ozean. So groß auch die Folgen böser Taten sein mögen, das Böse wirkt meist im Kleinen, der Teufel steckt im Detail.</p>
<p><em>Die Hexen von Eastwick</em> heißt ein 1984 bei Alfred A. Knopf in New York erschienener und schon erwähnter Roman von John Updike (1932–2009). Updike erzählt die Geschichte einer Gruppe junger Frauen, die sich in einer amerikanischen Kleinstadt am Ozean langweilen. Ihre maßlo­sen Sehnsüchte nach einem neuen und interessanten Mann befeu­ert der soeben in die Stadt ziehende Darryl Van Horne, ein männlicher Kallypygos, von dem wenig Konkretes aber im Allgemeinen immerhin bekannt ist, dass er eine interessante Aura hat, ferner geheimnisvolle Kennt­nisse, nicht nur im Leben, auch in Künsten, Wissenschaften und Geldangelegenheiten. Die Frauen mischen in ihren Einbauküchen vegeta­risch/vegane Liebestränke und treffen sich in Darryl Van Horne’s Pool zu ausgiebigen erotischen Spielen. Natürlich küssen sie dem Mann mit dem flämischen Nachnamen auch die Posteriora. Und so beherrscht sein membrum virile ihre Hoffnungen, bis sie mit Schaudern feststellen müssen: Der Samen ist kalt, so prächtig auch der Hintern prangt. Kein Zweifel: Darryl Van Horne ist der Teufel. Und dem gelingt es am Ende des Buches, der kleinstädtischen Kirchgemeinde zum Spott, eine Predigt von der Kanzel herab zu halten, die den Titel trägt <em>Diese Schöpfung ist schreck­lich</em> und die in Auszügen wie folgt lautet:</p>
<p>»Wisst Ihr, was man in Deutschland mit Hexen machte? Man pflegte sie auf einen Eisenstuhl zu setzen und ein Feuer darunter anzuzünden. Man riss ihnen das Fleisch mit rotglühenden Kneifzangen heraus. Daumen­schrauben, Streckbett, Spanische Stiefel, Wippgalgen &#8230; Okay. Na und? &#8230; Der Punkt ist, dies alles übereinander gestapelt und trillionen­fach multipliziert, ergibt nicht einmal ein Häufchen Bohnen, verglichen mit der Grausamkeit, die die natürliche, organische, freundliche Schöp­fung ihren Kreaturen zugefügt hat, seit die erste, arme, besoffene Reihe von Aminosäuren sich aus der galvanisierten Ursuppe empor kämpfte. Frauen, die nie der Hexerei angeklagt waren, hübsche, kleine blonde Püppchen, die nie ein böses Auge auf nur einen Tausendfüßler geworfen haben, sterben jeden Tag unter Schmerzen, die wahrscheinlich genauso schlimm und sicher langwieriger sind als jene, die der gute alte Hexen­stuhl zugefügt hat &#8230; Ich war immer fasziniert von Parasiten &#8230; bis hin zu dreißig Fuß langen Bandwürmern und Spulwürmern, die so groß und fett sind, dass sie den Dickdarm blockieren &#8230; Im schlammigen Dreck von jemandes Gedärm herumsitzen – das ist ihr größtes Vergnügen &#8230; Der durchschnittliche intestinale Spulwurm von der Größe eines Bleistifts legt seine Eier in die Exkremente des Wirts &#8230; Dann kommen die Eier in eu­ren Mund, und ihr schluckt sie, ob euch das nun passt oder nicht. Sie schlüpfen in euren Zwölffingerdarm aus, die kleinen Larven bohren sich durch die Darmwände &#8230; und wandern in eure Lungen &#8230;«</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">11.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Recht und Folter</span></h4>
<p>Die Verwaltungspraxis der Hexenverfolgung war in etwa die folgende: Hexenfinder zogen durchs Land, oft Geistliche. Sie ermunterten in Predig­ten die Einwohner des Orts, in den sie kamen, zu der im kanoni­schen Prozessrecht so genannten <em>denuntiatio</em>. Daraufhin wurde das Gericht ak­tiv. Den Vorsitz führte meist ein Adliger. Ihm saßen Schöffen bei. Der Richter ließ die Denunzierten verhaften. Bis hierhin hieß das Verfahren Generalinquisition. Danach begann der <em>processus ordina­rius</em>, oder die Spezialin­quisition. Zunächst wurden Zeugen befragt. Dann folgte die Vernehmung der Angeklagten. Legten sie nicht sogleich ein Geständnis ab, begann die <em>Territio</em>, also die Folter.</p>
<p>Die Folter war an sich in der Kirche verpönt. Papst Alexander der III. änderte diese Lehrmeinung der Kirche durch zwei Verlautbarungen Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Kirche sich genötigt fand, härter ge­gen die fundamentalistischen Katharer vorzugehen, denen die gesamte stoffliche Welt als Teufelswerk galt: Die Anfänge der Inquisition. Freilich stand die Folter nach der Carolina unter Richtervorbehalt. Das führte zu einer gewissen Verzögerung, Komplizierung und Verrechtlichung des Übels. Immer ist ja die erste Wirkung des Rechts auf die Wirklichkeit die Verzögerung, die Begrenzung und die Komplikation. Bei der Folter zum Beispiel galt die Regel, dass jeder Angeklagte nur ein Mal gefoltert wer­den durfte. Eine Wiederholung war nicht erlaubt. Die Juristen stehen aber dem Zeitgeist ungern im Wege, auch wenn ihre eigenen Regeln das fordern. Deshalb fanden die gelehrten Juristen durch nicht näher erläu­terte Denkvorgänge heraus, dass die Möglichkeit, die Folter beliebig oft zu unterbrechen und später fortzusetzen, nicht unter das Wieder-holungsver­bot fiel. So gestatteten sie mehrtägige immer neu anset­zende Foltern aller fünf Stufen. Die fünf Stufen der Folter waren: Erstens die Verbalterrition: Das Vorzeigen der Folterwerkzeuge, zweitens bis fünf-tens: Die Realterrition. Sie begann mit der Anlegung der Folterwerk­zeuge und dann den drei Graden der Tortur. Die angewandten Werk­zeuge waren: Daumenschrauben, Spanische Stiefel, trockener Zug, Span­nen, Strecken, Nadelprobe, gespickter Hase, Brennen usf.</p>
<p>Leugnete der Angeklagte bis zum Schluss trotz ordnungsgemäßer Fol­ter, so hätte er an sich freigesprochen werden müssen. Die wenigen Stand­haften – von denen nach meiner Kenntnis bis heute keiner heilig gesprochen worden ist – waren aber, wenn sie nicht unter der Folter star­ben, körperlich derart ruiniert, dass ein Freispruch als Eingeständnis ei­nes Justizirrtums angesehen worden wäre und auch nach damaligem Recht Schadensersatzansprüche hätte auslösen können: Deshalb gab es Frei-sprü­che fast nie, wohl aber die sogenannte <em>absolutio ab instantia</em>, was eine Art vorläufiges Auf-Freien-Fuß-Setzen aus Mangel an Beweisen bedeu­tete und nicht selten mit Konfiskation des Vermögens verbunden war. Kurz gesagt: Die Angeklagten wurden gefoltert, weil man ihre Schuld nicht nachweisen konnte. Und sie wurden nicht freigesprochen, weil sie gefoltert worden waren. Die Richter konnten übrigens Rechtsaus­künfte der Juristenfakultäten einholen. Auf diese Weise gewann die Jurispru­denz Einfluss auf die Hexenprozesse, insgesamt zum beiderseiti­gen Nachteil. Jedenfalls so fadenscheinige Rechtslügen wie die Rechtferti­gung der mehrfachen Folter als Unterbrechung und Fortsetzung und die Ersetzung des Freispruchs durch die <em>absolutio ab instantia</em> hätte es ohne die Juristen-fakultäten vermutlich nicht gegeben.</p>
<p>Vor der Schilderung von Folter und Hinrichtung haben die meisten der ernsthaften Schriftsteller Scheu, während einige auf dem Markt befindli­che und teilweise recht erfolgreichen Hexenbücher das Blut nur so spritzen und die Köpfe mit schlecht versteckter Wonne rollen lassen. Folter und Hinrichtung so darzustellen, dass sie eine über die krude Abbil­dung von abscheulicher Grausamkeit hinaus gehende ästhetische und inhaltliche Funktion erhalten, ist anscheinend schwierig. Am ehesten scheint mir das in dem Film <em>Tag der Rache</em> von Carl Theodor Dreyer (1889–1963) und in der Oper <em>Die Teufel von Loudun</em> von Krzysztof Pender­ecki (geb.1933) gelungen zu sein.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">12.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Kinder</span></h4>
<p>Es gibt viele Kapitel in der Hexenprozessliteratur, über die hier nichts gesagt wurde. Eines dieser Kapitel ist das der als Hexen angeklagten Kin­der. Am 3. November 1679 erkannte ein Gericht in Meran den gerade 14jährigen Lienhard Tengg der Hexerei für schuldig.</p>
<p>Der kurzen Lebens- und Leidensgeschichte dieses Kindes hat sich der österreichische Dichter Josef Leitgeb (1897–1952) in seinem Roman <em>Kinderle­gende</em> angenommen, der 1934 als sein erstes Prosawerk er­schien. Dabei half ihm die Prozessakte. Sie wird bis heute in der Biblio­thek des Tiroler Landesmuseums in Innsbruck aufbewahrt.</p>
<p>Um das Prozessdokument herum hat Josef Leitgeb ein sehr anrühren­des literarisches Bild des Knaben Lienhard Tengg gemalt. Lienhard wird als unehelicher Sohn einer jungen Bäuerin geboren, die Frucht einer Nacht mit einem warmherzigen, aber haltlosen Landstreicher. Als kleiner Junge muss Lienhard mit ansehen, wie seine Mutter vom Blitz erschlagen wird. In seiner Verzweiflung entflieht er auf die Landstraße, schlägt sich als Kindervagabund durch und begegnet dabei mehrfach einem struppi­gen Mann namens Raz, ebenfalls Landstreicher, dem er sich irgendwie verbunden fühlt, aber dann doch nie anschließen kann. Lienhard stran­det schließlich in einem Dorf in der Nähe von Meran, wo sich eine alte Frau und der Pfarrer seiner annehmen. Er bleibt aber fremd, in sich ge­kehrt, spielt mit Schlangen und Hornissen, spricht mit dem Wald und dem Regen und verprügelt jeden, der irgendwelche Andeutungen über seine Mutter macht. Als dann ein furchtbares Unwetter das Land heim­sucht, ist der Schuldige schnell gefunden: »Hergehext ist das Wetter wor­den, nicht anders als hergehext. Warum ist dieser Bankert, der fremde hergelaufene, so den Berg heruntergerannt? Hat er sich nicht vor dem Blitz fürchten müssen, den er hergezogen hat?«</p>
<p>So beginnt der Prozess gegen Lienhard Teng und nach einigen Ver-zöge­rungen bekennt das Kind unter der Folter, mit dem Teufel im Bunde gewesen zu sein und wird zum Tode verurteilt. In der Nacht vor der Hin­richtung erscheint der Henker in der Zelle, ein unglücklicher Mann, den das Gericht zu seinem Amt bestimmt hat, um ihn zu strafen. Es ist der Vagabund Raz, den Lienhard schon kennt.</p>
<p>»Mit schweren, absichtlich lauten und langsamen Schritten kam der Raz auf ihn zu. Lienhard konnte ihn nicht sehen, es war stockdunkel in der Zelle. Plötzlich fühlte er eine große warme Hand auf seinem Haar. Sie legte sich lind und behutsam auf den Kopf, und dann kam eine zweite, die griff ein wenig zitternd nach seinem Gesicht, und die andere fuhr sachte die Schläfe herab, und nun lagen die Wangen in beiden wie in einem warmen, weichen Nest.<br />
Und dann fühlte das Kind den warmen Atem des Mannes und hörte seine Stimme – sie kam stockend aus der tiefsten Tiefe herauf:<br />
›Bist du’s oder bist du’s nicht, Bub, lieber, feiner?!‹«</p>
<p>In diesem Augenblick erkennt der Henker Raz, dass Lienhard sein Sohn ist. Er beruhigt ihn.</p>
<p>»›Nein, nein, sie werden dir nichts tun, und morgen gehen wir ihnen beiden durch, ich und du.‹<br />
So schön kommt diese tiefe Stimme aus der breiten Brust heraus, und in den mächtigen Armen ist es warm und fein. Da hört Lienhard die Worte von immer weiter und versteht ihren Sinn nicht recht &#8230; da schläft er ein.<br />
Als ihn der Raz schlafen fühlte, beugte er sein umwuchertes Gesicht auf die zarte Stirn des Kindes hinab, und so kam es, dass in dieser Nacht des äußersten Elends der Henker sein Opfer küsste.«</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">13.</span><br />
<span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Schluss</span></h4>
<p>Am 3. Dezember 1904 schrieb Ludwig Ganghofer (1855–1920) an seinen Freund Vincent Chiavacci:</p>
<p>»Im Herbst habe ich den 6. Roman aus der Berchtesgadener Serie begon­nen. Er heißt <em>Der Mann im Salz</em> und spielt vor Beginn des 30jährigen Krieges – nationale Zerrissenheit im Flackerschein der Hexen­brände. Eine Zeit, die künstlerisch schwer zu fassen ist! Weil man immer vor der Gefahr steht, dass die Wahrheit wirken muss wie Irrsinn und Pamphlet. Bei aller Reaktion von heute und aller konservativen Tor­heit des homo sapiens liegt doch eine so weite, für das Verständnis kaum zu überbrü­ckende Kluft zwischen der Gegenwart und jener Zeit, die den Hexenham­mer gebar &#8230; Das Studium der Quellen ist mir eine Kette grauen­voller Erschütterungen.«</p>
<p>Die Frage ist, ob sich dem Grauen wenigstens nachträglich irgendein Sinn abgewinnen lässt. Am 12. März 2000 entschuldigte sich Papst Johan­nes Paul II. in einer Zeremonie, die später als »großer Abwasch« bezeichnet wurde, bei Juden, Zigeunern, Indianern, Hexen, Ketzern u. a. und zwar für die »Anwendung der Gewalt im Dienste der Wahrheit«, ausgeübt durch »Töchter und Söhne der Kirche«, die als solche aller­dings unbefleckt geblieben sei. Zwar ist Gewaltverzicht eine leichte Übung für den, der keine Waffen mehr hat. Aber immerhin. Und mit Kirchenschelte ist wenig gewonnen. Sie verdeckt nur den Umstand, dass Grausamkeit eine anthropologische Konstante ist und sich hinter vielen Masken verstecken kann, auch hinter der rationalistischen, wie die französi­sche Revolution gezeigt hat und hinter der sozialen, wie das 20. Jahrhundert bewies. Vielleicht muss man auch nur anerkennen, dass, was wir tun, eben nicht, wie Arthur Miller der hexenhysterischen Mary War­ren in den Mund legt, »Gottes Werk« ist, sondern unser eigenes. Aber wir wollten ja nach dem Guten suchen.</p>
<p>Es gab unter den Opfern der Hexenprozesse heroische Menschen, die sich mit einer kleinen Denunziation hätten retten können und doch der Versuchung, sich ihre Würde und ihren Namen abkaufen zu lassen, wider­standen. Eben darauf zielen die totalitären Machinationen aller Schattierungen: Dem Einzelnen seine widersprüchliche, gebrechliche und doch zähe Individualität zu nehmen, kurz gesagt die Würde und den Namen.</p>
<p>Die Hexenprozesse haben in Deutschland große Werke der politisch-juristischen Essayistik provoziert. Agrippa von Nettesheim (1486–1535), Johannes Weier (1515–1588), Friedrich von Spee (1591–1635) und Chris­tian Thomasius (1655–1728) sind Beispiele für unabhängige und mutige Schriftsteller, die durch den offenen Skandal der Hexenprozesse zu einer Klarheit der Sicht und Schärfe des Arguments, zu Witz, Pointie­rung und Plastizität der Sprache und Entschiedenheit des Urteils gefun­den haben, die man in der politischen Schriftstellerei der Deutschen sel­ten findet. Sie waren Bahnbrecher für die Entmythologisierung des Strafprozesses, für Folterverbot und Unschuldsvermutung. Wer heute die Abschaffung oder Lockerung des Folterverbots fordert, sollte Leben und Werke dieser vier Männer studieren.</p>
<p>Vielleicht würde es aber auch ausreichen, wenn er sich das Theater­stück <em>Hexenjagd</em> des amerikanischen Dichters Arthur Miller (1915–2005) ansähe, das auch verfilmt wurde. Das Stück, das von Marianne Wentzel ins Deutsche übersetzt wurde und 2008 in der 47. Auflage im Fischer Taschenbuchverlag erschien, wurde während der McCarthy-Verfolgun­gen geschrieben. Hintergrund der Handlung sind die Hexenpro­zesse in Massachusetts Ende des 17. Jahrhunderts. Im Mittel­punkt steht der Far­mer John Proctor. Proctor, der nicht an den Teufel, wohl aber an die Liebe zu seiner Frau und an Gott glaubt, muss erleben, wie nach und nach zwanzig Menschen verurteilt und gehängt werden. Letztlich wird auch er zum Tod verurteilt. Ein siebzehnjähriges Mädchen hat ihn aus Rache für letztlich unerwiderte Liebe denunziert. Da sich das Volk inzwi­schen auf seine Seite geschlagen hat, bietet der Richter Proctor Be­gnadi­gung an, wenn der sich bereit findet, wider besseres Wissen ein Geständ­nis zu unterschreiben und die Hexenjagd damit zu legitimieren. Seine Frau steht neben ihm. Proctor, innerlich zerrissen, zögert, setzt seinen Namen unter die Lüge, will aber das Blatt mit dem falschen Geständ­nis dem Richter nicht aushändigen.</p>
<p>Proctor: Ich habe drei Kinder – wie soll ich sie lehren, als aufrechte Men­schen durchs Leben zu gehen, wenn ich meine Freunde verkauft habe &#8230;<br />
Danforth: Aha, Sie wollen das Geständnis ableugnen, wenn Sie frei sind?<br />
Proctor erhebt sich: Nichts will ich ableugnen.<br />
Danforth: Dann erklären Sie mir, Proctor, warum Sie nicht &#8230;<br />
Proctor: Weil es mein Name ist. Weil ich mit diesem Namen leben muss! Weil ich lüge und meinen Namen unter eine Lüge gesetzt habe. Weil ich den Staub an den Füßen derer nicht wert bin, die man gehängt hat. Wie kann ich ohne meinen Namen leben. Ich habe Ihnen meine Seele gegeben. Lassen Sie mir meinen Namen!<br />
Danforth zeigt auf das Geständnis in Proctors Hand: Ist diese Aussage eine Lüge? Wenn es eine Lüge ist, nehme ich sie nicht an. Ich handle nicht mit Lügen, mein Herr. Während dieser Rede sieht Proctor zu­nächst Danforth an, dann Rebecca – eine Mitangeklagte –, dann Eliza­beth – seine Frau. Entweder Sie übergeben mir ein ehrliches Geständnis, oder ich kann Sie nicht vor dem Strick retten. Welchen Weg wollen Sie gehen, Herr Proctor?<br />
Mit ruhiger Gelassenheit zerreißt Proctor das Geständnis.<br />
Willard!<br />
Willard – Gerichtsdiener – kommt von der Tür in den Raum.<br />
Parris: Proctor! Proctor!<br />
Hale: Mann, Sie werden hängen, Sie können das nicht tun!<br />
Proctor geht langsam zu Elizabeth hinüber, nimmt ihre Hände für ei­nen Augenblick, einfach, mit Würde: Bitte Gott, dass er mir gnädig sei. Sie umarmen sich. Er hält sie auf eine Armlänge von sich weg. Zeige keine Tränen. Zeige ihnen ein Herz aus Stein, und besiege sie damit.<br />
Rebecca: Fürchte dich nicht! Ein anderes Gericht erwartet uns.<br />
Danforth zu Willard: Hängt sie hoch über die Stadt. Wer um diese weint, weint um Verbrecher. Er geht hinüber zur Tür.<br />
Bringt sie weg!<br />
Proctor geht zu Rebecca. Danforth geht hinaus. Rebecca geht zur Tür, Proctor nimmt ihren Arm.<br />
Willard: Los Mann. Geht zu Rebecca, nimmt sie am Arm, Rebecca strau­chelt, Willard und Proctor stützen sie. &#8230;<br />
Hale: Frau Proctor, bitten Sie ihn, flehen Sie ihn an! Trommelwirbel. Elizabeth weicht Hales Blick aus. Hale geht bis zum Eingang. Es ist Stolz. Es ist Eitelkeit! Helfen Sie ihm – was nützt ihm der Tod? Soll der Staub ihn lobpreisen? Er kniet. Sollen die Würmer seine Wahrheit verkünden? Gehen Sie zu ihm! Nehmen Sie ihm sein falsches Ehrgefühl.<br />
Elizabeth fest, mit einem bitteren Triumph in der Stimme: Jetzt hat er seine Würde. Verhüte Gott, dass ich ihm die nehme. Der Trommelwirbel schwillt an. Nach drei Sekunden fällt der Vorhang.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">An sagae existent – Nachwort</span></h4>
<p>Hexen hat es nie gegeben. Hexen sind eine Erfindung des Volks. Hexen bestehen aus nichts als aus Geschichten über Hexen. Hexen waren nie etwas anderes als Literatur. Eine aus alptraumhaften, von Eros und Ge­walt und Wundern wimmelnden Tiefen ausgebrochene <em>fantasy litera­ture</em> (32 Millionen Treffer bei Google am 4. Dezember 2009) der illitera­ten, überle­benssüchtigen und notfalls anthropophagen Bewusstseinsschich­ten, die erst von der christlichen Religion, dann von der Aufklärung bekämpft wurde. Heute sind auch die Hexenprozesse nur noch Geschichten über Hexenprozesse. Die Hexenjäger, Inquisitoren, Folterknechte, boshaften Richter, kaltherzigen Professoren, fanatischen und perversen Priester, das Feuer, das Blut, die Schreie – sie sind nichts als Literatur. Sie sagen etwas über versunkene Wirklichkeiten. Sagen sie auch etwas über die gesellschaftli­che Wirklichkeit der westlichen Zivilisa­tion zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Ich denke schon. Aber sie bilden unsere Wirklichkeit nicht ab wie eine Fotografie etwas abbildet. Die Wirklich­keit von einst ist heute zur Metapher geworden, zum Bild, wie der Sündenbock, wie die Kreuzi­gung und wie die Handwaschung des Pontius Pilatus. Die in der Literatur er­zählte Wirklichkeit ist eigentlich immer eine Metapher, und zwar mindes­tens in zwei Bedeutungen: Sie ist eine in Bilder übersetzte Beschrei­bung gesellschaftlicher Vorgänge, sie ist aber auch ein Bild des­sen, was in einem Menschen vorgehen kann. Sie zeigt die Möglichkeiten des Menschen als Wirklichkeiten. Wenn wir also den hartherzigen Rich­ter Danforth im Streit mit dem schönen Bauerncha­rakter John Proctor sehen, dann heißt das nicht nur: Seht her, wie hartherzig der Richter Danforth war und wie edel der Bauer Proctor, es heißt auch nicht: Seht her, wie hartherzig alle Richter sind und wie gut die Bauern. Sondern der Dichter, der die Charaktere glaubwürdig darstel­len muss, entfaltet vor unseren Augen den Streit, der in seinem Bewusstsein ist, und gibt ihm Gestalt und Gestalten. Und so kann es kom­men, dass wir von einem Hen­ker im 17. Jahrhundert lesen und in ihm das Blutrünstige in unserer Gesellschaft und in uns selbst, in dem Richter Danforth das Hartherzige in unserer Gesellschaft in uns selbst und in dem Bauern Proctor das Gutmü­tige in unserer Gesellschaft und in uns selbst wieder erkennen.</p>
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<h4><span style="font-family: gill-sans-regular; font-size: 12pt; color: #333333;">Hinweis</span></h4>
<p>Der Text behält die Vortragsform weitgehend bei. Die in den Vortrag eingestreuten Ton- und Filmdokumente können hier naturge­mäß nicht wiedergegeben werden, teilweise habe ich sie durch Texte zu ersetzen versucht. Aus Gründen des Zeitmangels war es mir nicht mög­lich, einen seriösen wissenschaftlichen Apparat aufzunehmen, deshalb habe ich ihn ganz weggelassen. Auf einige der Autoren, die im Text nicht ge­nannt sind, mit deren hervorragenden Werken ich aber meiner Unkennt­nis wenigstens teilweise aufhelfen konnte, sei jedenfalls pauschal verwiesen: Es sind die in der <em>Digitalen Bibliothek</em> (Bd. 93, directmedia, Ber­lin 2003) vertretenen Autorinnen und Autoren, allen voran Christa Tuczay und Wolfgang Behringer. Ausdrücklich erwähnen muss ich auch die äu­ßerst verdienstvolle Dissertation von Markus Kippel: <em>Die Stimme der Vernunft über einer Welt des Wahns – Studien zur literarischen Rezeption der Hexenpro­zesse im 19. und 20. Jahrhundert</em>. Münster 2001. Danken möchte ich meiner Frau Dr. Ulrike Brune, die mich drin­gend vor dem Thema ge­warnt hatte und sie trotzdem in zahllosen Gesprä­chen mit mir über das Thema nachgedacht hat. Gewidmet habe ich den Beitrag dem inzwi­schen verstorbenen Strafrechts- und Kirchenrechts­lehrer Heribert Wai­der, bei dem zu studieren mein Freund Martin Roeber und ich das beson­dere Glück hatten. Er hat uns die Größe von Menschen wie Spee und Thomasius erkennen gelehrt.</p>
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		<title>Im Namen der Robe</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Mar 2004 20:00:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Im Namen der Robe Richtergestalten in Oper und Literatur / Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch Christoph Schmitz-Scholemann &#160; &#160; Spr. 1: weibliche, helle, junge Stimme Spr. 2: hörbar ältere, männliche Stimme Spr. 3: junge männliche Stimme Spr. 4: weibliche Stimme Spr. 5: metallisch-sonore männliche Stimme (ein bißchen wie aus der Filmwerbung) &#160;   O-Ton Shorty [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
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</ul>
<h1 style="text-align: left;">Im Namen der Robe</h1>
<h3 style="text-align: left;">Richtergestalten in Oper und Literatur / Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch</h3>
<h5 style="text-align: right;"><span style="font-family: baskerville-italic-f;"><br />
Christoph Schmitz-Scholemann </span></h5>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Spr. 1: weibliche, helle, junge Stimme<br />
Spr. 2: hörbar ältere, männliche Stimme<br />
Spr. 3: junge männliche Stimme<br />
Spr. 4: weibliche Stimme<br />
Spr. 5: metallisch-sonore männliche Stimme (ein bißchen wie aus der Filmwerbung)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em> </em></p>
<p><em>O-Ton Shorty Long (Soul-Song: </em>Here comes the judge!<em>):<br />
</em>»Jiiiiji! – Jiiiiji!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>O-Ton Barbara Salesch (Sat 1-Werbung):<br />
</em>»Gleich spricht Richterin Barbara Salesch das Urteil. Bleiben Sie dran!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long:<br />
</em>»The court’s in session! The court’s in session!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Zu der Zeit aber war Richterin in Israel die Prophetin Deborah &#8230; Und sie wohnete unter den Palmen &#8230; auf dem Gebirge Ephraim. Und die Kinder Israel kamen hinauf zu ihr vor Gericht &#8230; Lobet den Herren, die ihr auf schönen Eseln reitet, die Ihr am Gericht sitzet und singet.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Altes Testament, Buch der Richter</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long:<br />
</em>»Here comes the judge. Here comes the judge!«</p>
<p><em>O-Ton Shorty Long bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Zu vier Orten in einer Stadt zieht es mich auf Reisen immer wieder: zu den öffentlichen Anlagen, zum Markt, zum Friedhof und zum Gerichtsge­bäude.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>André Gide, <em>Erinnerungen aus dem Schwurgericht</em>.</p>
<p><em>Ab etwa der Mitte des Gide-Textes erklingt O-Ton </em>Martha<em> (Finale des Ersten Aufzu­ges aus Friedrich von Flotows Oper </em>Martha<em>. Man hört auf dem Hintergrund eines verhaltenen Volksgemurmels zunächst eine Amtsglocke schallen. Dann beginnt das Orchester, anschließend fällt der Chor ein: »Der Markt beginnt, die Glocke schallt, der Richter naht mit Amtsgewalt.«)</em></p>
<p><em>Die folgenden Sätze werden sehr rasch und im Flüsterton (auch einander überlap­pend) gleich ab Beginn der Musik gesprochen, man muß nicht jedes Wort genau verste­hen, das ganze soll höchstens 30 Sekunden dauern. Die mit * gekennzeichneten Sätze sind dem Roman </em>Letzte Instanz<em> von William Gaddis, (2. Auflage, Hamburg 2003) entnommen, der mit ** einem Interview mit dem italienischen Ministerpräsiden­ten Silvio Berlusconi (FAZ vom 6. September 2003, Nr. 207, S. 6). </em></p>
<p><em>S</em><em>pr. 4:<br />
</em>»Gerechtigkeit? Gerechtigkeit gibt’s im Jenseits, hier auf Erden gibt’s das Recht.«*</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Seien Sie still, der Richter kommt.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Mein Gott, ist der häßlich!</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Um diese Arbeit zu machen, muß man psychisch gestört sein, anthropo­logisch anders als der Rest der Menschheit.«**</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Bloß gut, daß ihn noch keiner dabei erwischt hat, wie er sein Gebiß im Glas darauf hin untersucht, ob er am Vortag zu Abend gegessen hat.«*</p>
<p><em>Musik bricht ab.</em></p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc? – What’s up, Doc?<em> (amerikanische Filmkomödie von Peter Bogdanovic aus dem Jahr 1972). Szene 25 (spielt im Bezirksgericht von San Francisco). Man hört das Geräusch, wie Richter Maxwell den Saal betritt, er sagt noch nichts, währenddessen &#8230;</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Psst. Er sieht uns an.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc?:</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Sehen Sie sich dieses Volk an, ein übler Haufen, durch und durch verdor­ben.</p>
<p>Konstabler:<br />
Das sind nur die Zuschauer.</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Ja, natürlich. Fangen wir an.</p>
<p>Konstabler:<br />
Achtung, allen hier Anwesenden geben wir kund und zu wissen, daß der Hohe Gerichtshof hiermit am 30. Juni 1972 die Verhandlung eröff­net. Den Vorsitz hat seine Ehren Richter Marvin B. Maxwell.</p>
<p><em>Richter Maxwell</em> <em>schlägt mit dem Hammer auf den Tisch. O-Ton endet. </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Kein Tag ohne Richter.</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh beginnt, Text läuft weiter. </em>Here comes the judge<em> (Reggae-Song). Vor dem Song ist ein gesprochener Text von Peter Tosh, der soll hier wegbleiben, so daß der O-Ton mit den drei Schlägen des Schlagzeugers beginnt. </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Barbara Salesch, Alexander Holdt, 15 Uhr Familiengericht, 16 Uhr Jugendgericht. 20 Uhr <em>Tagesschau</em>: Der Bundesgerichtshof, das Bundesverfas­sungsgericht, der Europäische Gerichtshof. Eine Robe schö­ner als die andere. Die Welt ist voller Richter.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr 1:<br />
</em>Im Namen der Robe. Vom Dorfrichter Adam bis zu Barbara Salesch.<br />
Ein Feature von Christoph Schmitz-Scholemann</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Den Beruf des Richters gab es schon, als man die Gesetze noch mit Kei­len in Tontafeln schrieb. Und am Jüngsten Tag wird es ihn erst recht geben. Ein archaischer Beruf, wie der des Priesters und des Dichters. (<em>O-Ton Peter Tosh endet.) </em>Hier ist sein Porträt, live und in Farbe, gemalt nach den Lügen des Lebens und der Wahrheit der Literatur. Enthaltend ein abschließendes Gespräch, in dem herausragende Vertreter des Berufs­standes selbst zu Wort kommen.</p>
<p><em>O-Ton Oper </em>Zar und Zimmermann<em> von Albert Lortzing, Arie des van Bett, es handelt sich um eine ironisch-triumphale Arie, die mit den Worten »O sancta justizia!« beginnt. Lediglich diese drei gesungenen Worte – ohne Orchestervorspiel – sollen hier erklingen. </em></p>
<p><em>van Bett:<br />
</em>O sancta Justizia!</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?<em>: </em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
Setzen Sie sich! Ich wünsche keine Störungen, keinen Lärm, keine Zwi­schenrufe oder sonstige Demonstrationen. Ich wünsche Frieden, Ruhe und Ordnung. Wenn hier irgendein Unsinn getrieben wird, ganz gleich, welcher Art, greife ich unbarmherzig durch. Ich warne also, ich denke, das ist klar genug.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?<em> endet.</em></p>
<p><em>Spr. 1 (sehr ruhig):<br />
</em>»Zu der Zeit kamen zwo Huren zum Könige und traten vor ihn. Und das eine Weib sprach: Ah, mein Herr, ich und dies Weib wohneten in einem Hause, und ich gebar bei ihr im Hause: Und über drei Tage, da ich geboren hatte, gebar sie auch, und wir waren beieinander, daß kein Fremder mit uns war im Hause, nur wir beide. Und dieses Weibes Sohn starb in der Nacht, denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, und legte ihn an ihren Arm und ihren toten Sohn legt sie an meinen Arm &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em><em>Erstes Buch von den Königen</em>, 3, 16</p>
<p><em>Spr. 1</em>:<br />
Und Salomo sprach: Holet mir ein Schwert her. Und da das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach er: Teilet das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sprach das Weib, dessen Sohn lebete zum Könige (denn ihr mütterlich Herz ent­brannte über ihren Sohn): Ah, mein Herr. Gebet ihr das Kind lebendig und tötet es nicht. Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein, laßt es teilen. Da antwortet der König und sprach: Gebt dieser das Kind leben­dig und tötets nicht. Die ist seine Mutter.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Gott wollte keine Könige. Er wollte Richter. Sind Richter Könige?«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Du bist gegen mich nur ein Schafskopf, mein lieber Sancho &#8230; und ein­zig weil die fahrende Ritterschaft dich mit ihrem Hauch berührt hat, wirst du ohne weitere Umstände Richter &#8230; Bedenke zuallererst, daß die äußere Erscheinung eines zu wichtigen Ämtern erhobenen Menschen mit dem übereinstimmen muß, was das Amt erheischt.«</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Ratschlag des fahrenden Ritters Don Quichote an seinen Knappen, den Bauern Sancho Pansa, als diesem das Richteramt übertragen wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Erstes Kapitel: Gerechtigkeit und gute Form</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Mäntel sollen sie auf ihren Schultern tragen. Ohne Waffen sollen sie sein. Nüchtern sollen sie Urteil finden über jeglichen Mann, er sei deutsch oder wendisch, leibeigen oder frei.«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Sachsenspiegel, deutsches Gesetzbuch aus dem 13. Jahrhundert.</p>
<p><em>Spr. 5 (mit Temperament, es handelt sich um den Richter Azdak, der in Brechts </em>Kau­kasischem Kreidekreis<em> ein lebhaft-chaotischer, polternder und gutherziger Charakter ist):<br />
</em>»&#8230; Er kann ein Ochse sein, aber er muß bestallt sein, sonst wird das Recht verletzt, das ein sehr empfindliches Wesen ist, etwa wie die Milz, die niemals mit Fäusten geschlagen werden darf, sonst tritt der Tod ein &#8230; Recht muß immer in vollkommenem Ernst gesprochen werden &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 4 (leise über den weiterlaufenden Text des Azdak gesprochen):<br />
</em>Bert Brecht, <em>Der Kaukasische Kreidekreis</em>, Richter Azdak.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Wenn zum Beispiel ein Richter eine Frau verknackt, weil sie für ihr Kind ein Maisbrot gestohlen hat, und er hat seine Robe nicht an oder er kratzt sich beim Urteil so, daß mehr als ein Drittel von ihm entblößt ist, das heißt, er muß sich dann am Oberschenkel kratzen, dann ist das Urteil eine Schande und das Recht ist verletzt. Eher noch könnte eine Richter­robe und ein Richterhut ein Urteil sprechen als ein Mensch ohne das alles. Das Recht ist weg wie nix, wenn nicht aufgepaßt wird &#8230;«</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh weiter ab der Stelle, an der er zuvor unterbrochen wurde</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Man sagt leicht, was soll die Robe, was soll der Stab, was soll das Ba­rett. Natürlich sind alle Hüte der Welt für sich genommen unwichtiger als ein einziger richtiger Gedanke, der unterhalb des Hutes gedacht wird. Es ist aber ein falscher Gedanke, daß es nur auf das Innere ankäme. Die Insignien der Macht schaffen Distanz zwischen dem Menschen und der Macht. Sie zeigen, daß der Macht ausübende Mensch und der der Macht unterworfene Mensch sich &#8230;</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh endet.</em></p>
<p>&#8230; voneinander unterscheiden, aber nicht im Wesen. Es ist eben nur der Hut. Wichtig bleibt immer, daß man einen Menschen nicht mit sei­nem Hut verwechselt. Und der Mensch sein Herz nicht mit seiner Perücke. Vor allem, wenn die Perücke staubig ist.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is was Doc?:</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
<em>niest</em></p>
<p>Konstabler:<br />
»Euer Ehren fühlen sich doch wohl?«</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Nein, meine Ehren fühlen sich nicht wohl. Ich habe Kopfschmerzen, Mein Kreislauf hat praktisch aufgehört zu funktionieren und meine Ner­ven sind völlig am Ende.«</p>
<p>Konstabler:<br />
»Das tut mir leid.«</p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Haben Sie eine Ahnung, was das heißt, hier zu sitzen Tag für Tag, wenn an Ihnen diese endlose Parade menschlicher Trümmerhaufen vorbei­zieht?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Der Bad Mergentheimer Kreidekreis.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Am 24. Oktober 1996 erschienen im Amtsgericht Bad Mergentheim eine Frau, ihr kürzlich geschiedener Mann, ein Tierpsychologe und ein zehn Jahre alter Pudel. Der ehemals gemeinsame Pudel lebte bei der Frau und der Mann verlangte »Herausgabe«. Die Frau sagte, sie fürchte um die Seele des Pudels. Der Richter beobachtete alle im Verhandlungssaal versammelten Kreaturen genau und stellte fest,</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; daß der Hund, nachdem er von der Leine genommen war, sich so­fort zielstrebig zum <em>Mann </em> begab, sich von diesem bereitwillig auf den Schoß nehmen ließ und dort deutliche Zeichen des Wohlgefallens von sich gab; z. B. leckte er das Gesicht des Mannes mehrfach ab. Der Sachver­ständige führte aus, daß der Hund nach wie vor &#8230; beide Parteien möge.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Da ein Vergleich scheiterte, und auch eine Teilung des zum Hausrat gehö­renden Pudels nicht in Betracht zu ziehen war, entschied der Rich­ter, der Mann dürfe</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; zweimal monatlich &#8230; mit dem Hund &#8230; spazieren &#8230; gehen &#8230;, je­weils am 1. und 3. Donnerstag eines jeden Monats von 14 bis 17 Uhr.«</p>
<p><em>O-Ton </em>Zar und Zimmermann<em>, Arie van Bett (wie vorher):<br />
</em>»O sancta justizia!«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Zweites Kapitel. Das Gefühl der Ratlosigkeit beim Versuch, das Recht zu erkennen. Oder: Der Schatten des Körpers des Esels.</p>
<p><em>Spr. 3 (nachdem bis hierhin ein ziemliches Tempo vorherrschte, soll der folgende Text ruhig ein wenig altväterlich gesprochen werden):<br />
</em>In der Stadt Abdera, die nicht nur in Griechenland liegt, und, wenn sie auch schon tausend Mal an der Sinnesart ihrer Bewohner zugrunde gegangen ist, &#8230;</p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>Frei nach Christoph Martin Wieland: <em>Die Geschichte der Abderiten</em>.</p>
<p><em>Hier setzt O-Ton Richard Strauss ein: Die Arie des Richters Philippides aus der Oper </em>Des Esels Schatten<em> von Richard Strauss. Die Musik strahlt eine leicht melancho­lische Heiterkeit aus und läuft unaufdringlich unter dem Text.</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>doch keineswegs ermangelt, ein tausendunderstes und zehntausendund­erstes Mal wieder geboren zu werden, und zwar ebenfalls aus der Sinnesart ihrer Bewohner, in der Stadt Abdera also trug sich der folgende bemerkenswerte Rechtshandel zu: Der Zahnarzt Struthion mie­tete einen Esel, um in die Nachbarstadt zu reiten &#8230; Es war ein heißer Mittag, die Sonne stach und dem Zahnarzt ward so matt zu Mute, wie manchen seiner Patienten beim Anblick des Dentisten-Werkzeugs. Er befahl dem Eselsführer das Tier anzuhalten, stieg vom Esel und wollte, um sich zu erfrischen, im Schatten des Eselskörpers Platz nehmen. Der Eselsführer aber war damit nicht einverstanden, er habe den <em>Esel </em>vermie­tet, nicht aber den <em>Schatten</em>. Wenn der Schatten genutzt werden solle, so sei neben der Eselsmiete eine weitere Drachme fällig. Der arme über­hitzte Zahnarzt konnte oder wollte nicht zahlen, und so kam es zu einem Prozeß, dessen Verlauf, wie alle wichtigen Angelegenheiten in Abdera, auf das lebhafteste öffentliche Interesse stieß. Die Einzelheiten des Rechtshan­dels samt seiner politischen Knoten und Knäuel auszuwickeln ist hier nicht der Ort. Was uns interessiert ist nicht der Prozeß, sondern der Richter: Philippides war, wie so viele Amtsrichter, &#8230; ein ehrbarer, nüchterner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann, der jedermann mit großer Geduld anhörte, den Leuten freundlichen Bescheid gab und im allgemeinen Rufe stand, daß er unbestechlich sei. Überdies war er ein guter Musikus und deshalb sang er, bevor er, wie es der Brauch kluger Richter ist, einen Vergleich vorschlug, eine kleine Kavatine über die Gerech­tigkeit &#8230;</p>
<p><em>Die Arie ist nun – nach 1:48 – fast am Ende und tritt für die letzten Worte in den Vordergrund, so daß man den folgenden Text gut verstehen kann:</em></p>
<p>Philippides:<br />
»Recht ist von Unrecht oft nicht zu trennen.<br />
Der Mensch ist gut, nur hat er Schwächen!<br />
Wer soll da wohl ein Urteil sprechen?<br />
Oh böses Schicksal! Grad mich verdammt es<br />
zur undankbaren Pflicht des Richteramtes.«<em> </em></p>
<p><em>O-Ton Richard Strauss endet.</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Sollte man das Urteilen überhaupt ablehnen? Sind Richter überflüs­sig? Richte nicht, lautet ein berühmtes Christuswort. Hegel sagte, die Weltgeschichte ist das Weltgerichte, heute heißt es, der Markt ist das Gesetz, der Erfolg das Urteil und kein Richter soll die Hohen Priester des Geldes daran hindern, Werte zu schaffen. Aber von welchen Werten ist da die Rede? Die Philosophin Hannah Arendt schrieb in ihrem Buch <em>Eichmann in Jerusalem</em>:</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»daß menschliche Wesen fähig sein sollten, Recht und Unrecht zu unter­scheiden und zwar selbst dann, wenn alles, was sie leiten könnte, nur ihr eigenes Urteil ist &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Diese Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; beruht auf jenem <em>sensus communis </em>– dem gemeinen und gesunden Ver­stande &#8230; Er ist das Vermögen, durch das die Menschen von den Tie­ren und den Göttern unterschieden sind. Die eigentliche Humanität des Menschen ist es, die sich in diesem Sinn manifestiert &#8230;, weil die Kommunika­tion, das heißt die Sprache, von ihm abhängt &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Recht ist Sprache. Sprache ist Atem und Leben.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Drittes Kapitel. Von den Freuden des Amtes.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Justizia ist blind, sagte sich Homer Simpson, als er – in der 19. Folge der fünften Staffel – zum Schöffen ernannte wurde. Für die Sitzung kaufte er sich eine Brille, deren Gläser zugeklebt waren. Das Volk müsse allerdings glauben, daß ein jederzeit waches Auge auf ihm ruhe, erwog Homer Simpson weiter, weshalb er die Aufkleber auf seinen Brillen­gläsern mit weit aufgerissenen Augen bemalte. Das ganze hatte übrigens den Vorteil, daß er bei den Plädoyers ungeniert die Augen schließen und vom Sitzungsgeld träumen konnte.</p>
<p><em>Alle Spr. gemeinsam (Chor der Richter) (Es handelt sich um den Chor der Richter aus der Komödie </em>Die Wespen<em> des Aristophanes):<br />
</em>»Welch Wesen auf Erden ist hoch beglückt, gefeiert und reich wie ein Richter,<br />
Hat Freuden die Füll’, ist gefürchtet zugleich, wie ein Richter, vor al­lem ein alter?«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Aristophanes: <em>Die Wespen</em>, Uraufführung 405 vor Christus. Es gab da­mals in Athen eine Leidenschaft, die man »Philheliastie« nannte. Man könnte das Wort mit »Richterwahn« übersetzen. Die Athener verklagten einander wie verrückt. Jeden Tag gab es Prozesse. Sie fanden im Freien statt. Es gab kunstvolle und tränenreiche Reden. Man schaute mindestens so gerne zu wie im Mittelalter den Weltgerichtsspielen und heutzutage bei Barbara Salesch. Jedes Zeitalter hat seine eigene Form der Gerichts-show. In Athen wollte jeder Richter sein. Die Chancen dazu waren gut. Denn ein Gericht bestand, je nach Wichtigkeit des Falles, aus bis zu 1001 Rich­tern.</p>
<p><em>Chor der Richter:<br />
</em>»Ich komme nach Haus, mit der Löhnung im Maul, &#8230; und mein Töchter­chen wischt ganz behende<br />
Jedes Stäubchen mir ab und salbt mir die Füß’ und drückt mich und hät­schelt<br />
Und küßt mich: ›Mein liebes Papachen!‹ und fischt drei Obolen raus mit der Zunge.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Drei Obolen pro Sitzung, damit konnte eine Familie gut auskommen. Athen hatte damals ungefähr 50.000 Bürger. Davon waren 6.000 Richter. Deutschland hat knapp 15.000 Richter und müßte 10 Millionen haben, um mit dem Athen der Blütezeit gleichzuziehen.</p>
<p><em>Chor der Richter:<br />
</em>»Denn wenn im Gerichtshof wir lärmen und schrein,<br />
Da bleiben sie stehn, die vorüber gehn,<br />
Und sprechen: Allmächtiger Zeus, das Gericht!<br />
Wie es donnert und tobt!<br />
Und schleudr’ ich den Blitz, dann schnattern vor Angst<br />
Und Entsetzen die reichen, hochachtbaren Herrn<br />
Und kacken sich voll.«</p>
<p><em>Spr. 2 (dem Chor ins Wort fallend):<br />
</em>»Macht nicht solchen Lärm, Ihr Richter von Athen &#8230;</p>
<p><em>Spr. 4 (leise über den weiterlaufenden Text gesprochen):<br />
</em>Nach Platon, <em>Die Verteidigung des Sokrates</em>.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Ich sage Euch: Wenn der Tod, den Ihr soeben über mich verhängt habt &#8230; nichts weiter ist als eine Auswanderung aus dieser Welt an einen anderen Ort, und wenn ferner das wahr ist, was gesagt wird, daß nämlich alle Verstorbenen im Hades sind – was für ein größeres Glück könnte es wohl geben als eben dies? Denn wenn jemand nun endlich seine diessei­tigen Richter los wird und, in der Unterwelt angelangt, dort die wahren Richter antrifft, die dort wahres Recht sprechen, nämlich den Minos und Rhadamanthys &#8230; wäre das wohl ein schlechter Umzug?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em><em>Der chinesische Kreidekreis</em>. Klabund.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>China, das alte Reich. Wieder ein Streit zwischen zwei Frauen um ein Kind. Die wahre Mutter, Tschang-Haitang, hofft auf ein salomonisches Urteil. Aber der Richter hat andere Gedanken.</p>
<p><em>Spr. 5 (innerer Monolog, genüßlich):<br />
</em>»&#8230; heute bin ich leider ein wenig verkatert. Ich habe die Nacht &#8230; ver­bracht in Gemeinschaft mit den drei reizenden Mädchen Yü, Yei und Yau &#8230; Der Nacken von Yü, alle Achtung! Aber die Schenkel von Yau, auch nicht übel. Aber erst die kleinen Brüste von Yei, ihnen muß ich doch den Preis zuerkennen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Tschang-Haitang wirft sich vor dem Richter nieder. Aber sie hat keine Chance. Er ist bestochen.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Im Namen seiner himmlischen Majestät erkennt der Hohe Gerichts­hof zu Recht folgendes Urteil: Die Angeklagte Tschang-Haitang wird wegen versuchten Kindesraubes &#8230; zum Tod durch des Henkers Schwert verurteilt. Gerichtsdiener, legt ihr den Block um den Hals.«</p>
<p><em>Hier beginnt O-Ton Oper </em>Die Teufel von Loudun<em> (handelt von einem Inquisitions­prozeß), Krysztof Penderecki, 3. Akt, 1. Szene, Vorspiel. Es handelt sich um eine sehr leise beginnende, düstere Musik (etwa 1:40). Sie wird den Text nicht stören, da sie, bis auf einige Spitzen, fast nur ein Rauschen und Grummeln ist. Sie soll unter allen im folgenden Kapitel enthaltenen Texten von Spr. 5 liegen, die dem Ab­schnitt über das Jüngste Gericht aus der </em>Legenda Aurea<em> des Jacobus de Voragine (gest. 1298) nachempfunden sind. Sie müßte zeitlich ungefähr reichen, wenn nicht, soll sie einfach wieder von vorne anfangen. Wenn sie – vor allem am Anfang – zu leise ist, um ihren Zweck zu erfüllen, nämlich die Texte aus der Legenda aurea einerseits atmosphä­risch zu verstärken und sie andererseits von den eingeschobenen Texten (Um­berto Eco, Joseph Conrad, Victor Hugo) abzusetzen, kann man auch lediglich die etwa zwanzig lauteren und dramatischeren Sekunden aus der zweiten Hälfte der Musik nehmen und jeweils unter den Texten von Spr. 5 wiederholen. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Kapitel vier: Angst</p>
<p><em>Spr. 1, 2, 3: (wie eine düster gemurmelte Litanei):<br />
</em>»Adventus domini per quattuor septimanas agitur ad significandum quod quadruplex est adventus: scilicet in carmen, in mentem, in mortem et ad judicium &#8230; signa autem terribilis praecedentia judicium et comitan­tia. Antecedentia sunt tria signa terribilia Antichristo fallacia et ignis vehe­mentia.«</p>
<p><em>Spr. 5 (feierlich und ernst, einsetzend nach dem Wort »septimanas« im vorherigen Text, der dann rasch zurücktritt und ausläuft):<br />
</em>»Amen. Amen. Hallelujah.<br />
Vierfach ist die Ankunft des Herrn: Drei Mal voll Freude über die Menschwerdung Gottes, ein Mal voll Angst vor der Strenge des Richters.<br />
Und dies sind die Vorzeichen des Gerichts: Das Meer wird sich heben fünfzehn Ellen über das höchste Gebirg. Das Untier des Meeres wird aus den Tiefen treten an Land und es wird brüllen zum Himmel und nie­mand wird sein Brüllen verstehen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 1 (über den weiterlaufenden Text von Spr. 2, leise):<br />
</em>Das Jüngste Gericht nach Jacobus de Voragine, gestorben 1298, <em>Le­genda aurea</em>, Kapitel 1, De adventu domini:</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»&#8230; Die Vögel werden fallen vom Firmament und verstummen in Furcht vor dem Richter. Blitze fahren dem Himmel ins Angesicht, die Felsen bersten und die Steine prasseln, die Lebenden fliehen aus ihren Häusern und Höhlen, die Gebeine der Toten verlassen die Gräber und heulen in den Gassen. Die Sonne wird schwarz wie ein härener Sack, der Mond ein blutiger See in der Nacht &#8230; Hiernach beginnt das Gericht des Richters, wie Johannes in der Geheimen Offenbarung sagt: Und aus dem Mund des Richters ging ein scharf Schwert &#8230;«</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Bernard Gui &#8230; wußte &#8230; sehr genau, wie man die Angst seiner Opfer in Panik verwandelt. Er sprach nicht, im Gegenteil, während alle erwarte­ten, daß er mit dem Verhör beginnen werde, wühlte er schweigend in den Blättern &#8230;«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>Umberto Eco: <em>Der Name der Rose</em>. »Fünfter Tag – Nona – Worin Recht gesprochen wird und man den beklemmenden Eindruck hat, daß alle im Unrecht sind.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»&#8230; die ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch lagen, und tat so, als ob er sie ordnete – aber zerstreut, denn sein Blick war dabei auf den Angeklag­ten gerichtet, und in diesem Blick lag eine Mischung aus geheuchelter Nachsicht &#8230;, aus eisiger Ironie &#8230; und aus gnadenloser Strenge.</p>
<p><em>O-Ton Freisler – aus dem bekannten Film über die Verhandlungen gegen die Verschwö­rer des 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof, man hört Freisler, teils leise, teils tobend, manchmal auch einen der Angeklagten, ohne die Worte im einzelnen alle genau zu verstehen, – läuft ab hier unter dem Eco-Text, kann ihn gelegentlich auch übertönen und am Schluß um wenige Sekunden überstehen</em>:</p>
<p>All das wußte der <em>Angeklagte</em> längst, doch der lauernde Blick und das Schweigen des Inquisitors dienten dazu, es ihm erneut ins Gedächtnis zu rufen, ja es ihn geradezu körperlich spüren zu lassen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius, Angeklagter):<br />
</em>»Meine Seele ist unschuldig &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, Richter, brüllt):<br />
</em>»Seht ihr? So reden sie alle! Wenn einer von ihnen gefaßt wird, tritt er vor das Gericht, als ob sein Gewissen ruhig und rein wäre &#8230; sage mir nun: Woran glaubst du?«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Ich glaube alles, was Ihr und die anderen guten Doctores mich glau­ben heißen.«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, triumphierend):<br />
</em>»Aha! Aber die ›guten Doctores‹ &#8230; Du deutest an, daß du mir glau­ben würdest, wenn ich glauben würde, was jene glauben, andernfalls aber glaubst du nur ihnen!«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Nein, Herr Inquisitor, nein, ich schwöre euch &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard):<br />
</em>»Du schwörst? Ein neuer Beweis deiner Ruchlosigkeit! &#8230; Du elender Fuchs.«</p>
<p><em>Spr. 2 (Remigius):<br />
</em>»Aber was kann ich denn tun?«</p>
<p><em>Spr. 3 (Bernard, zunächst brüllend):<br />
</em>»&#8230; Gar nichts kannst du mehr tun. Ich allein weiß, was jetzt noch ge­tan werden muß <em>&#8230; (plötzlich eisig und sarkastisch)</em> Dir bleibt nur noch zu gestehen. Doch wenn du gestehst, wirst du verdammt und verurteilt wer­den, und wenn du nicht gestehst, wirst du auch verdammt und verurteilt werden, nämlich wegen Meineides. <em>(ganz milde und boshaft:)</em> Also gestehe, um wenigstens dieses Verhör abzukürzen, das unser Gewissen quält und unseren Sinn für Mitleid und Güte verletzt.«</p>
<p><em>O-Ton Freisler endet</em></p>
<p><em>O-Ton Penderecki beginnt wieder </em></p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Er wird erscheinen im Tale Josaphat im heiligen Lande und wird auf einer Anhöhe sitzen. &#8230; Und wenn nicht alle Platz finden im Tale Josaphat und in den umliegenden Dörfern im heiligen Lande, so werden bestimmte Auserwählte über den Köpfen der anderen schweben, selbst Sünder werden schweben, wenn der Richter es will &#8230; Und einige der Vollkommenen werden das Urteil des Richters unterschreiben, wie es Beisitzer tun &#8230;</p>
<p>Und der Richter siehet durch alle Schlösser, da wird Finsternis Licht, was stumm ist, antwortet, und alle Heimlichkeit wird offenbar &#8230;</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Zwischen den roten Gesichtern der beiden Beisitzer vom Schiffahrts­gericht blickte ihn, totenbleich, das glattrasierte und unbeteiligte Gesicht des Gerichtsvorsitzenden an. Aus einem großen Fenster unterhalb der Decke fiel Licht auf die Köpfe und Schultern der drei Männer, und ihre Konturen zeichneten sich mit schmerzhafter Deutlichkeit im Zwielicht des Gerichtssaals ab, wo die Zuhörer nichts als Schatten und Blicke zu sein schienen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (leise, rasch):<br />
</em>Joseph Conrad, <em>Lord Jim</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»&#8230; Plötzlich sah ich wieder &#8230; den düsteren Gerichtssaal, die Hufeisen­tafel der Richter, auf der blutbefleckte Lumpen lagen, die drei Reihen der Zeugen mit ihren stupiden Gesichtern, die zwei Gendarmen an den bei­den Enden meiner Bank und die schwarzen Roben &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (leise):<br />
</em>Victor Hugo, <em>Der letzte Tag eines Verurteilten</em></p>
<p><em>O-Ton Penderecki beginnt wieder</em></p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»Drei Zeugen stehen wider den Menschen beim Jüngsten Gericht. Der erste ist Gott. Denn Jeremias sagt: So spricht der Herr: Ich bin Richter und Zeuge! Der andere Zeuge ist unser Gewissen. Und der dritte ist der Engel.«</p>
<p><em>O-Ton Penderecki bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 5 (wie Filmwerbung, vielleicht etwas akustisch verzerrt):<br />
</em>»Man schreibt das dritte Jahrtausend. Nukleare Kriege und ökologi­sche Katastrophen haben die Erde verwüstet &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Aus der Kinowerbung</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>»&#8230; Staaten existieren nicht mehr &#8230; Aus dem Chaos hat sich ein neues, radikales Rechtssystem erhoben, das System der Judges. Sie sind Polizis­ten, Richter und Vollstrecker zugleich. Judge Dredd (Sylvester Stallone) ist eine lebende Legende in Megacity I &#8230; Judge Dredd ist das Gesetz.«</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> – Oper von Gilbert &amp; Sullivan – handelt von einer jungen Frau, die ihren Verlobten auf Einhaltung des Heiratsversprechens verklagt. Der Richter, der seinen Posten mit Hilfe seiner Frau und seines Schwiegervaters ergattert hatte, ver­liebt sich in die Klägerin und heiratet sie. Eine ironisch-feierliche Musik, die aus der Bloom/Joyce-Zeit stammt. Sie beginnt mit den Worten »Silence in Court!« und läuft etwa 2:00.</em></p>
<p><em>Spr. 5 (Dies ist an sich noch Teil des Textes aus der </em>Legenda Aurea<em>, es soll aber jetzt eine Wendung aus dem Düsteren zurück in etwas hellere Stimmung beginnen, deshalb kein Penderecki mehr, sondern Gilbert and Sullivan):<br />
</em>»So spricht Gregorius, der Heilige: ›Oh wie enge werden die Wege des Sünders!‹ Über sich sieht er den zornigen Richter, unter sich den gähnen­den Höllenschlund, zur Linken die Teufel und inwendig das schlechte Gewissen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Am 16. Juni 1904 um 24 Uhr steht Leopold Bloom, der nachdenk­lichste Anzeigenwerber der Weltliteratur, in Dublin auf der Mabbot Street, Eingang zur Nachtstadt, heute Nähe zentraler Busbahnhof. Ein Albtraum. Denn &#8230;</p>
<p><em>Spr. 5 (leise über den weiterlaufenden Text):<br />
</em>James Joyce, <em>Ulysses</em>.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Bloom steht vor Gericht. Alle seine Sünden einschließlich der sündi­gen Gedanken treten als Zeuginnen in Person gegen ihn auf.</p>
<p><em>Spr. 4 (Mrs Talboys):<br />
</em>»Dieser plebejische Don Juan &#8230; sandte mir &#8230; eine obszöne Photogra­phie, eine Beleidigung für jede Dame. Ich habe sie heute noch. Sie stellt eine teilweise nackte Senorita dar, &#8230; die gerade unerlaubten Verkehr mit einem muskulösen Torero ausübt &#8230; Er bedrängte mich, desgleichen zu tun &#8230; und mit den Offizieren der Garnison zu sündigen. Er flehte mich an, seinen Brief in der unaussprechlichsten Weise zu beschmutzen, ihn zu züchtigen, &#8230; ihn zu besteigen und zu reiten und ihn auf die lasterhafteste Weise auszupeitschen &#8230;«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1 (Mrs Bellingham):<br />
</em>»Mich auch!«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 4 (Mrs. Yelverton Barry):<br />
</em>»Mich auch!«<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>»Seine Ehren, Sir Frederick Falkiner, Kriminalrichter von Dublin, in richterlicher Robe aus grauem Stein, erhebt sich steinbärtig von der Bank. Er trägt in den Armen ein Regenschirm-Szepter. Aus seiner Stirn sprießt stark das Mosaische Widdergehörn &#8230; Er setzt das schwarze Barett auf &#8230;«</p>
<p><em>Spr 5 (Sir Frederick Falkiner, Kriminalrichter, sehr hart):<br />
</em>»Bloom soll von der Anklagebank pede stante abgeführt werden, Herr Unter-Sheriff! Er soll im Mountjoy-Gefängnis inhaftiert werden, solange es Seiner Majestät gefällt, und er soll an seinem Halse hängen, bis er tot ist. Und Sie haften mir persönlich für die Vollstreckung dieses Befehls, Herr Unter-Sheriff, Gott sei Ihrer Seele gnädig. Schafft ihn weg!«</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> bricht ab</em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em><em>Kölner Express</em> vom 31. Dezember 2003</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Dr. Ruth Herz (60), hat jetzt selber Ärger mit der Justiz. &#8230; In der RTL-Show <em>Das Jugendgericht</em> spricht die promovierte Juristin Recht vor einem Millionenpublikum &#8230; Wie Express gestern aus Justizkreisen bestä­tigt wurde, soll sich Ruth Herz im Sommer dieses Jahres unerlaubt vom Unfallort entfernt haben. Das wäre eine Straftat &#8230; Bislang streitet die Fernsehrichterin &#8230; ab.«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Kant forderte von der öffentlichen Gewalt Publizität. Wer sich nicht zeigt, hat etwas zu verstecken, heißt es, und man vergißt dabei, daß es nicht nur politische Prinzipien, sondern auch Schamgefühle gibt, die den Menschen schützen müssen, wenn er nicht ein nacktes öffentliches Tier werden soll. Also zu Recht kein Fernsehen im Gerichtssaal. Aber Gerichtssäle im Fernsehen. Und der Fernsehrichter in der Mitte mit golde­nem Namensschild und erhobenem Sessel, reinlich anzusehen, und von olympischer Gelassenheit. Nie fällt ein falscher Blick auf die aggressiv dargebotenen Busen, Schenkel und Gesäßrundungen der Prozeßteilneh­mer. Niemand kann glauben, daß so ein Richtermensch, dessen Charak­ter flach und glatt glänzt wie ein TFT-Bildschirm, Schrammen in einer Tiefgarage hinterläßt. Denn eigentlich ist er gar kein richtiger Mensch, obwohl er doch ein wahrer Richter ist.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Fünftes Kapitel. Dorfrichter</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wie anders steht es um Adam, den Menschen. Der Dorfrichter, in des­sen Amtsräumen sich Wurstpellen um Schnapsflaschen ringeln.</p>
<p><em>O-Ton Viktor Ullmann, </em>Der zerbrochene Krug<em>, Oper nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heinrich von Kleist, 1. Szene, Dialog zwischen Adam und Licht, dem Gerichtsschreiber.</em></p>
<p>Licht:<br />
Ei, was zum Henker, sagt Gevatter Adam!<br />
Was ist mit Euch gescheh’n? Wie seht Ihr aus?</p>
<p>Adam:<br />
Ja seht, zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße. Gestrauchelt bin ich hier. Denn jeder trägt den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.</p>
<p>Licht:<br />
Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg’ jeglicher?</p>
<p>Adam:<br />
Ja, in sich selbst!</p>
<p><em>O-Ton Ullmann endet</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Nachts war Adam hinter Evchen her. Sie wehrte sich und ein Krug zer­brach. Nun sitzt Adam zu Gericht. Der Prozeß, den er entscheiden wird, geht um eben jenen Krug, von dem nur Adam und Evchen wissen, wie er zerbrach. Adam verurteilt einen Unschuldigen, um sich aus der Affäre zu ziehen. Doch dann taucht ein Beweisstück auf, das ihn entlarvt: Am Tatort wird seine Perücke gefunden. Der Richter flieht.<em> </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>»Seht, wie der Richter Adam &#8230; das aufgepflügte Winterfeld durch­stampft! &#8230; Seht! Seht! Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht!«</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Im Unglück nichts weiter zu sehen als Zufall oder das Resultat einer Wette zwischen Gott und Teufel, ist eine Beleidigung für das Kausalitäts­denken. Unglück ist Schuld,</p>
<p><em>Während der Text weiter läuft, setzt O-Ton Oper </em>Der zerbrochene Krug<em>, Fi­nale mit Chor, Dauer etwa 1:10, ein. Die Musik soll zunächst nur leise unter dem gesprochenen Text liegen, es ist nicht nötig, daß der Hörer vom ersten Teil des gesunge­nen Texts mehr mitbekommt, als die Signalworte »Adam«, »Eve«, »Apfel«. Frei stehen sollen dann die letzten etwa 10 bis 15 Sekunden des O-Tons, wo die Worte »Fiat justizia« deutlich hervortreten. </em></p>
<p><em>Informationshalber hier der ganze Text des Schlußchors von Eve, Marthe, Rup­recht, Veit, Licht, Walter:</em></p>
<p><em>»Adam und Eve, Adam und Eve, es ist ein alter Trug, immer doch neu: Sie brach den Apfel, er brach den Krug. Hätte einst Eve den Apfel nicht brochen, hätt’ heut’ der Adam nicht Unrecht gesprochen! Doch wer mag schuldig sein, ist er nicht gern allein, alle sind lieber zu zwein, zu zwein! Adam und Eve, Adam und Eve, fiat justitia da­mals wie ebenda: Richter soll keiner sein, ist nicht sein Herze rein: fiat justizia!«   </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>&#8230; fremde oder eigene, das glaubt die Vernunft und sie verlangt einen Richter, der im Namen der Gemeinschaft das Unglück ausgleicht. Ein Urteil muß gesprochen werden, obwohl es mit Erkenntnis und Moral bei Richtern nicht besser bestellt ist als bei anderen Menschen. Aus der Diffe­renz zwischen Anspruch des Amts und Realität der Person entsteht Tra­gik. Oder Komik. Erkenntnis und Schuld sind die großen Themen. Zwi­schen ihnen besteht ein Zusammenhang. Oedipus wurde aus Mangel an Erkenntnis schuldig. Er hatte kein schlechtes Gewissen, so lange er nichts wußte. Deshalb war er ein glücklicher Mann im Vergleich zu Kleists Dorf­richter Adam, der seine Schuld kennt und dessen Prozeßführung ausschließlich dazu dient, den eigenen Sündenfall zu vertuschen. Aber war es Sünde? Oder Liebe? Was ist der Fall?«</p>
<p><em>O-Ton Oper </em>Der zerbrochene Krug<em> ist an der Stelle, wo es heißt »Fiat Justi­zia!« und endet mit dem Schlußakkord der Oper. Dann</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Was der Fall ist, weiß der Richter in der Wirklichkeit nicht aus eige­ner Erfahrung. Aber was ist ein »Richter in der Wirklichkeit«? Und wie wirklich sieht er die Wirklichkeit? Sein Erkenntniswerkzeug ist die Spra­che: Gesetze, Kommentare, Schriftsätze, Präjudizien, Dokumente – eine Welt aus Zeichen, alles sehr zerstreut und oft widersprüchlich: Wenn die Wahrheit ein Krug ist mit einem Bild darauf, dann bekommt der Richter sie nie ganz zu sehen. Weiß er über sich selbst mehr als Worte?«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Hier ist Oskar Jellineks Geschichte von einem dürren Dorfrichter, der einmal in seinem Leben stark sein will wie ein Bauer. Nun wird ihm der Frauenliebling des Dorfes, der hübsche Quirin vorgeführt. Es besteht Mordverdacht. Wird der Richter stark genug sein?</p>
<p><em>Text läuft weiter, während O-Ton Benjamin Britten, Oper </em>Billy Budd<em> (nach ei­ner Novelle von H. Melville), einsetzt. Es geht um den jungen, hübschen, unter Druck stets stotternden Seemann William ›Billy‹ Budd, der vom Schiffsprofos schikaniert wird und ihn im Affekt tötet. Zwei Leutnants und ein Segelmeister bilden daraufhin ein kriegsrechtliches Standgericht und verurteilen den jungen Billy Budd zum Tode, weil sie glauben, nach Recht und Gesetz keine andere Wahl zu haben. – 2. Akt, 2. Szene: 34 Orchesterakkorde, die erklingen, während der Kapitän, der von Billys moralischer Un­schuld überzeugt ist, dem jungen Mann das Todesurteil verkündet. Die Musik dauert etwa 2:20 und müßte die Sprechdauer bis zum Ende der folgenden Geschichte von Oskar Jellinek geringfügig überschreiten, so daß zwischen den Abschnitten der Geschichte und am Schluß je einer der 34 Orchesterakkorde allein steht.         </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Wo war Quirin in der Tatnacht?</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»In Quirins Kehle stieg ein hilfloses Schluchzen &#8230; ›Das ist nicht mein Messer, das ist nicht mein Messer‹ stieß er &#8230; hervor, auf die blutige Klinge weisend, ›ich schwör’s bei meiner Mutter Seligkeit!‹ – ›Laß deine Mutter, Quirin,‹ sagte <em>der Richter</em>.«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Nachdem <em>der Richter</em> noch einige administrative Akten erledigt hatte, ging er nach Hause &#8230; Er faltete die Stirn und trat ein. Am geöffneten Fenster stand Wlasta, seine Frau, und sang. ›Du hältst ihn natürlich für unschuldig!‹ – ›Ich – wen?‹ – ›Wen? No, den Qurin!‹ Wlasta &#8230; schluckte geflissentlich und sagte dann: ›Gewiß halt’ ich ihn für unschuldig.‹ &#8230; ›Der Quirin ist kein Mörder – das weiß jeder, der nicht neidisch oder eifersüch­tig ist auf ihn.‹ sagte sie &#8230;«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Quirin Michalek hatte in dieser Nacht gebangt, gehofft und gebe­tet &#8230; Er warf sich hin und her. Denn das, was er gestehen sollte, hatte er nicht begangen, und das, was er begangen hatte, durfte er nicht geste­hen.«</p>
<p><em>Orchesterakkord</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Der Richter hatte Quirins Geständnis sofort protokolliert und ihn dann abführen lassen. In diesem Augenblick wurde weit die Tür geöffnet, und Wlasta, <em>seine Frau</em>, rauschte herein. <em>Der Richter</em> erstarrte. ›Was – was unterstehst du dich?‹ – ›Ich komme dir sagen, daß der Quirin unschuldig ist. Er war gestern nacht bei mir.‹ &#8230; Da sah <em>der Richter</em> seine Macht in den Abgrund versinken &#8230; Er war blamiert, entthront, verstoßen &#8230; Und in dem siedenden Verlangen, Hohn und Spott von sich abzuwehren, stieß er zu. Wohl hielt seine Frau &#8230; das Gebetbuch schützend vor ihre Brust, aber der Stahl traf ihre Kehle, tödlich &#8230; <em>Der Richter</em> stand vor der Leiche seines Weibes. Ihm war leicht zumute. Er hatte kraftvoll gehandelt wie ein Bauer.«</p>
<p><em>O-Ton Benjamin Britten endet mit Orchesterakkord.</em></p>
<p><em>Direkt anschließend: O-Ton Peter Tosh </em>Here comes the judge!<em> (wie oben) läuft un­ter dem Text weiter.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Sechstes Kapitel: Wenn Sie sich Ihren Richter malen könnten, dann sähe er so aus wie &#8230; ?</p>
<p><em>(Die folgenden Texte sollen sehr schnell gesprochen werden, können auch einander ins Wort fallen.)</em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>&#8230; Frank Engelland von RTL, weil er süß ist wie die Gerechtigkeit.<em> </em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>&#8230; der aus dem Buch von Ulrich Wickert, Jaques Ricou, weil er super aussieht, den Präsidenten der Republik vor Gericht bestellt, und weil er seine Gefühle zeigen kann, ich glaube, einmal weint er sogar.</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>&#8230; jedenfalls nicht wie Daniel Savage aus dem Roman von Tim Parks, der die Mädels von der Geschworenenbank rannimmt und den Angeklag­ten Vorträge über Gerechtigkeit hält.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>&#8230; immer noch Ronald Schill, weil der klare Ansagen hat.</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>&#8230; Barbara Salesch, eine Mutter des Rechts in Deutschland.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>&#8230; wie der Richter Di aus dem alten China, rätselhaft in den Wegen sei­nes Geistes, entschlossen im Handeln und glücklich zu Hause bei sei­nen drei Frauen.</p>
<p><em>O-Ton Peter Tosh endet.</em></p>
<p><em>Spr. 4 (etwas langsamer als die vorherigen Texte, gewissermaßen offiziell):<br />
</em>&#8230; kurz gesagt, wie aus dem Lexikon von 1838 »eine zur Handhabung der Gerechtigkeitspflege bestellte Person, die an keinen physischen Män­geln leidet, den vollen Gebrauch ihres Verstandes hat und weder taub, stumm noch blödsinnig ist und ein angemessenes Alter erreicht hat.«</p>
<p><em>Spr. 2 (wieder schnell):<br />
</em>&#8230; nein, ganz anders, am ehesten wie der Azdak aus dem <em>Kaukasischen Kreide­kreis</em>, weil er das Kind nicht der leiblichen, sondern der mütterlichen Mutter zuspricht, er geht nicht nach dem Blut, sondern nach dem Ver­stand und hat trotzdem ein riesiges Herz, aus dem er sein Leiden an der Ungerechtigkeit herausschreit.</p>
<p><em>O-Ton Hanns-Ernst Jäger, singt das Lied des Azdak (etwa 1:10). Ich habe den Text gekürzt, was meiner Meinung nach mit dem O-Ton gut geht, da genügend Pausen vorhanden sind. Der O-Ton kann auch schon etwa ab Mitte des vorstehenden Textes von Spr. 2 einsetzen</em>:</p>
<p>»Die Ämter sind überfüllt, die Beamten sitzen bis auf die Straße.<br />
Die Flüsse treten über die Ufer und verwüsten die Felder.<br />
Die ihre Hosen nicht selber runterlassen können, regieren Reiche.<br />
Sie können nicht auf vier zählen, fressen aber acht Gänge. &#8230;</p>
<p>Darum bluten unsere Söhne nicht mehr, weinen unsere Töchter nicht mehr.<br />
Darum haben Blut nurmehr die Kälber im Schlachthaus,<br />
Tränen nur mehr die Weiden gegen Morgen am Urmisee.«</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em><em>Unbefleckte Empfängnis. Ein Kreidekreis</em> von Rolf Hochhuth, Uraufführung 1989</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Streit um ein im Reagenzglas erzeugtes Kind. Sonja, die Leihmutter, Lisbeth, die genetische Mutter, ferner die jeweiligen Ehemänner und der verantwortliche Arzt sind sich einig: Lisbeth, die genetische Mutter, soll das Kind haben. Aber die Politik mischt sich ein. Der Staat hat eine Ethik-Kommission gegründet, bestehend aus der grünen Feministin, dem liberalen Landtagspräsidenten und Monsignore Siebenstiehl von der katholi­schen Kirche. Die verstehen zwar wenig von Gynäkologie, aber alles von Moral. Sie sorgen dafür, daß es zum Prozeß kommt. Dem Arzt soll die Zulassung und Lisbeth das Kind genommen werden. Als der Staats­anwalt und das Jugendamt zugreifen wollen, arrangiert die mutige und listige Richterin Heinemann eine Verhandlungspause, damit Lisbeth mit ihrem Kind fliehen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Siebentes Kapitel: Wie die Entscheidung gefunden wird. Oder: Fast al­les steht im Gesetz und der Rest in der Seele des Richters.</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Endlich kamen</p>
<p><em>Spr. 1 (leise über den weiter laufenden Text):<br />
</em>Nach François Rabelais, <em>Gargantua und Pantagruel</em></p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>Panurg und Pantagruel doch in die schöne Stadt Tausendzung. Aber was müssen sie sehen! Der berühmte Richter Gänsezaum sitzt auf der Anklagebank. Der Großpräsident Breitmaul vom Obergericht wirft dem alten Gänsezaum vor, ein Fehlurteil gesprochen zu haben. Gänsezaum murmelt etwas von nachlassender Sehkraft und Würfeln &#8230;<em> </em></p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Was für Würfel? Von welchen Würfeln redet er?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Die Würfel der Rechte, Euer Ehren, Alea judiciorum, wie davon Docto. schreiben 26. quaestiones 2. Kapitel Abschnitt 1, emptio quod debetur, fortfolgende etcetera pp. &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Ihr würfelt ums Recht?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Alles nach Vorschrift, Herr Chefpräsident, und wie es der Gerichts­brauch not tut, folglich wird zuerst die Akte studiert, durchwälzt, gelesen, wiedergelesen, sodann repetiere und revidiere ich Petitiones, Citationes, Comparationes, res licita et illicita, Einreden, Ausreden, Kreuzverhör, Querverkehr und nicht zuletzt die praktische Konkordanz, &#8230;«</p>
<p><em>Spr 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Ich verstehe.«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»&#8230; und zwar alles doppelt, also für beide Seiten, audiatur et altera pars, dann leg ich alle Akten des Beklagten rechts auf den Schreibtisch und würfel&#8216; für ihn, denn ›cum sunt partium jura obscura &#8230;‹, zu Deutsch: ›ist das Recht in dunkler Lage, weise besser ab die Klage.‹ Doch anschlie­ßend leg ich die Akten des Klägers auf die linke Seite des Schreibtischs und werfe für ihn des selbigen gleichen &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Und wie entscheidet Ihr?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Immer für den, für den ich zuerst gewürfelt habe.«</p>
<p><em>Spr. 3 (Breitmaul):<br />
</em>»Und warum dann so viele Umstände?«</p>
<p><em>Spr. 5 (Gänsezaum):<br />
</em>»Die Form! Herr Chefpräsident, die Form! Bei deren Ermangelung nichts gültig ist. Gerechtigkeit durch Verfahren, oder wie der Aquinat sagt, forma mutata mutatur substantia ipse. Zum zweiten Leibes Ertüchti­gung. Ist denn in unserer Rats-Welt irgend ein so würziges gymnastisches Vergnügen als: Akten kramen, Zettel stöbern, Lesezeichen einkleben und ausnehmen, radieren, siegeln, in Regalibus suchen, Staub abblasen. Und drittens: Das Volk sagt immer, schnell, schnell, schnell die Rübe runter! Doch falsch Urteil ist schneller vollstreckt als begründet. Die Zeit ist die Mutter der Wahrheit, wie Sankt Gregorius sagt. Dieserhalben verschieb, verspät und vertag ich was ich vertagen kann, daß der Prozeß zur Reif gedeih, damit er sein Los, wenn es ihn trifft, leichter trage.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Achtes Kapitel: Zeit, Recht, Schönheit.</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>»Das Kreuz ist aus dem Gerichtssaal verschwunden, an seine Stelle ist die Uhr getreten. Der Hüter der Zeit ist in den Mythen aller Völker zu­gleich Hüter des Rechts,« sagt Ernst Cassirer in der <em>Philosophie der symboli­schen Formen</em>.</p>
<p>Spr. 1:<br />
Kreidekreise</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wer allein auf einer Insel lebt, kann Weisheit besitzen. Aber niemand kann für sich allein gerecht sein. Gerechtigkeit ist eine gesellige Tugend. Wie Liebe und Schönheit setzt sie Gesellschaft voraus und den Spiegel, der das Urteil spricht. Dieser sprechende Spiegel ist der Richter. Sein Wort zeitigt gute Proportionen, wenn es die Wahrheit zeigt. Wenn nicht, schafft es Unglück. Das ist die Lehre des Kreidekreises.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Neuntes Kapitel: Alte und junge Richter</p>
<p><em>Spr. 4:<br />
</em>»Es war ein Mann zu Babylon, der hatte ein Weib, die hieß Susanna &#8230;, die war sehr schön &#8230; Es wurden aber &#8230; zwei Älteste aus dem Volk zu Richtern gesetzt &#8230; Die &#8230; liefen zu ihr und sprachen: Susanna, siehe der Garten ist zugeschlossen und niemand sieht uns und wir sind entbrannt in Liebe zu Dir, drum tu unsern Willen. Willst du aber nicht, so wollen wir schwören, daß wir einen jungen Mann bei dir gefunden haben &#8230; Und Susanna tats nicht was sie verlangten und fing laut an zu schreien, aber die Richter schrien auch &#8230; Und das Volk glaubte den zweien als Richtern &#8230; und verurteilten Susanna zum Tode&#8230;Und da man sie zum Tode führte, erweckte Gott den Geist eines jungen Knaben. Der hieß Daniel &#8230; und fing laut an zu rufen &#8230; ›Seid ihr &#8230; solche Narren, daß ihr eine Toch­ter Israel verdammt, ehe Ihr die Sache erforscht habt &#8230;?‹ Und alles Volk kehrte eilend um &#8230; und sprachen zu Daniel: ›Setz dich her zu uns. Gott fordert dich zum Richteramte!‹ Und Daniel sprach: ›Trennt die beiden Alten, so will ich jeglichen von ihnen gesondert verhören.‹ Und da sie die beiden getrennt hatten, sprach er zu dem ersten: ›Hast du nun Susanna gesehen, wie der junge Mann bei ihr lag, so sage an: Unter welchem Baum hast du sie gefunden?‹ Er antwortet: ›Unter einer Linde.‹ &#8230; Dann ließ er den anderen vor sich kommen und sprach zu ihm: ›Nun sage an: Unter welchem Baum hast du Susanna und den jungen Mann gefunden?‹ Er aber antwortet: ›Unter einer Eiche.‹ Da sprach Daniel: ›Oh recht! Mit eu­rer Lüge bringt Ihr Euch selbst ums Leben.‹ Da fing alles Volk an, laut zu rufen und sie priesen Gott. Und Daniel ward groß vor dem Volk von dem Tage an &#8230;«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Zehntes Kapitel: Befragung einiger herausragender Richterpersönlich­keiten</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Um mit dem schwersten zu beginnen: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Justiz passe sich jedem politischen System an?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc<em>?:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Überspringen wir einfach diesen Teil und gehen wir weiter.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Eine Frage zur Person. Wenn Sie in den Spiegel sehen, wie finden Sie sich?</p>
<p><em>O-Ton </em>Zar und Zimmermann<em>, Arie des van Bett:<br />
</em>»Diese ausdrucksvollen Züge,<br />
dieses Aug’ wie ein Flambeau &#8230;«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Wenn Sie den Gerichtssaal betreten und einen jugendlichen Angeklag­ten sehen, was denken Sie dann?</p>
<p><em>O-Ton </em>Die zwölf Geschworenen<em>:<br />
</em>»Diese Jungs von heute, die taugen alle nichts. Als ich ein Kind war, habe ich zu meinem Vater Sie gesagt.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Das erinnert mich an die Devise von Judge Roy Bean »Hang ’em first – verhandelt wird später.« Empfinden Sie es als Beleidigung, wenn ich Sie frage, ob ein Richter vielleicht etwas differenzierter denken sollte?</p>
<p><em>O-Ton </em>Die Rache des Jesse James<em>:</em></p>
<p>Richter:<br />
»Macht 50 Dollar.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Was ist Ihr größter Fehler?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was Doc<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Mitleid. Ich habe einfach zu viel &#8230; Mitleid.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>In einem Roman von Gabriel García Márquez heißt es: »Elf Monate nach Amtsantritt ließ sich Richter Arcadio zum ersten Mal in seinem Büro nieder.« Sind Richter faul?</p>
<p><em>O-Ton Jesse James:<br />
</em>»100 Dollar. Schimpft nur weiter. Ich kriege von jeder Strafe ein Drit­tel.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Lassen Sie es mich anders formulieren: Sprechen Sie ganz einfach über die Belastung durch Ihren Beruf.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Sehen Sie diese gelbe Pille hier? Wissen Sie, wofür die ist?</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Nein, Euer Ehren.</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc?<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Um mich daran zu erinnern, hier diese blaue zu schlucken.«</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Und wofür ist die blaue, Sir?</p>
<p><em>O-Ton </em>Is’ was, Doc?<em>:</em></p>
<p>Richter Maxwell:<br />
»Keine Ahnung. Sie haben Angst, es mir zu sagen.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Elftes Kapitel: Richter hassen</p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>›Manchmal hassen wir die Richter. Warum? Weil sie ein Gespinst von Regularien über das Leben ziehen, in dem sich die Rechtschaffenen verfan­gen und das die Mächtigen einfach zerreißen? Weil sie statt eines Herzens staubige Papiere unter der Robe tragen wie der Jurist auf dem berühmten Bild von Arcimboldo?‹</p>
<p><em>O-Ton Familiengericht mit Frank Engelland (Gesamtlänge des O-Tons etwa 0:25) beginnt unter dem weiterlaufenden Text. Es geht um das Aufenthaltsbestimmungs­recht für ein kleines Mädchen, das, wie in den Fernsehgerichts­fällen üblich, vom Schicksal schwer geschlagen wurde: Nicht nur, daß es selbst an Neuroder­mitis erkrankt, der Vater ein arbeitsloser Alkoholiker, die Tante eine Schlampe, der Onkel ein Mörder ist, sondern zu allem Überfluß hat es auch erst vor wenigen Wo­chen ansehen müssen, wie die eigene Mutter umgebracht wurde. Dementsprechend emotions­geladen läuft die Gerichtsverhandlung ab.   </em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Oder sind sie bestechlich wie die Richter in den Fastnachtsspielen des Mittelalters? Aber ach, das sind ja alles nur Karikaturen. Kleinkariert, kalt und bestechlich können auch Dichter und Hotelportiers sein. Wenn wir Richter hassen, dann aus dem selben Grund, aus dem das Publikum der Gerichtsshows sie liebt: Es ist die Macht. Es sieht so aus, als ob Rich­ter Macht hätten.</p>
<p><em>Weiter O-Ton Familiengericht mit Frank Engelland, erst einige Sekunden wildes Durcheinanderreden, dann</em></p>
<p>Richter Engelland:<br />
Also, wenn alle durcheinanderreden, verstehe ICH kein Wort.</p>
<p><em>Ende O-Ton Familiengericht</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Wenn der Richter redet, hören alle zu. Das Machtwort – die Erfül­lung des Kleinbürgertraums. Endlich Schluß mit dem Gequatsche. Man läßt seine Gedanken gern aufsaugen von der Macht und vergißt, die Wirr­nis der Welt mit ruhigem Auge zu sehen. ›Die Welt sehen heißt: Über Richter richten.‹</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em>Zwölftes und letztes Kapitel: What’s in a name oder Alles nur ein Spiel?</p>
<p><em>O-Ton </em>Trial by Jury<em> beginnt – bei weiterlaufendem Text – etwa 20 Sekunden vor der Stelle, an der sie oben nach dem Joyce-Text unterbrochen wurde, so daß nach dem nächsten Text von Spr. 3 die Arie anfängt. Die Gesamtdauer des O-Tons müßte ab hier etwa 3:20 betragen.</em></p>
<p><em>Spr. 2:<br />
</em>Die Theatralik der Robe scheint anzudeuten: Vielleicht ist alles nur ein Spiel. Aber im <em>Namen</em> der Robe zeigt sich etwas anderes. Das Wort kam im dreizehnten Jahrhundert auf. Französische Ritter raubten ihren Feinden die Prunkkleider, zogen sie sich selbst an und nannten sie mit dem germanischen Namen: Raub. Und die französische Sprache machte im Laufe der Zeit aus gemeinem Raub eine vornehme Robe.</p>
<p><em>Spr. 5:<br />
</em>Friedrich Dürrenmatt, <em>Die Panne</em>, erschienen 1956</p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Herrenabend unter pensionierten Juristen. Keiner jünger als fünfundsieb­zig. Richter, Henker, Staatsanwalt und Advokat. Man schmaust, man trinkt, man spielt ein Gesellschaftsspiel. Es heißt: Der Strafpro­zeß. Die alten Knaben spielen ihre alten Rollen und den Angeklag­ten macht der Gast des Abends, ein durch Autopanne im Land­haus des Richters gestrandeter Textilvertreter. Nach dem ersten Wein prahlt er damit, wie er seinen Chef in den Herztod trieb, indem er dessen »leckeres Frauchen« verführte. Bei dem Wort »leckeres Frauchen« schnal­zen die Greise mit der Zunge. »Bravo!« meckert der Staatsanwalt und klatscht in die Hände angesichts der juristischen Herausforderung, die es bedeutet, aus dieser Herzensaffäre eine Mordanklage zu zimmern. Flammend widerspricht der Advokat, während alle ordentlich einen zur Brust nehmen.</p>
<p><em>Der O-Ton sollte hier einige Sekunden allein stehen; wenn es zeitlich hinkommt, wie ich es gestoppt habe, müßte es bei Strophe vier bis sechs sein.   </em></p>
<p><em>Spr. 1:<br />
</em>Am Schluß klettert der Richter auf den Konzertflügel. Unter Beifall, Hoch­rufen, Jodelversuchen und Sektkorkenknallen verkündet er mit schwe­rer Zunge das Todesurteil – welch ein Spiel! Man umarmt sich, »Dank, lieber Richter!« schluchzt der Textilvertreter und taumelt von Greisenbrust zu Greisenbrust, eher er sich zur Nachtruhe verabschiedet. Die alten Herren genehmigen sich noch ein Gläschen und torkeln Arm in Arm zum Gästezimmer, wo sie ihrem Angeklagten das Nachtlied singen wollen. Als sie die Tür öffnen, sind sie augenblicklich nüchtern. Der Gast baumelt am Fensterkreuz. Er hat sich erhängt. Das ist das Ende des Spiels. Das ist wirklich eine Panne.</p>
<p><em>Der Nachgesang der Arie sollte nun bald erreicht sein. Darüber </em></p>
<p><em>Spr. 3:<br />
</em><em>Absage.</em></p>
<p>Ende.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Anhang:<br />
Übersetzung der Arie des Richters aus <em>Trial by Jury</em>,<br />
nur informationshalber</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Als ich anfing als Richter beim Amtsgericht,<br />
Da war ich noch frisch und munter.<br />
Doch ich kannte kein Aas und auch Geld hatt ich nicht,<br />
Und so kam ich nicht rauf und nicht runter.</p>
<p>Eine löchrige Robe in Anthrazit<br />
Und Aktenstaub an den Händen,<br />
Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Einmal im Monat ein Bürstenschnitt,<br />
Ein Schlips und zwei weiße Hemden.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich hängte mein Fähnchen, ich war ja nicht dumm,<br />
In alle politischen Winde.<br />
Ich dachte, im Ministerium<br />
Erkennt man die Jungfrau am Kinde.</p>
<p>So kommts auch. Man ruft mich. Ich sage nicht nein<br />
Und verlieb mich ins falsche Gebiß der<br />
Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Häßlichsten aller drei Töchterlein<br />
Vom Landesjustizminister.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Der Minister macht einen Freudensprung.<br />
Und sagt: Mit Deinen Talenten –<br />
Also wirklich, Du hast den gewissen Schwung<br />
Eines Obergerichtspräsidenten.</p>
<p>An den Anblick des Mädchens gewöhnst Du dich bald<br />
Sie riecht süß wie der Mai und würzig.<br />
Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Bei Gegenlicht wirkt ihre Engelsgestalt<br />
Kaum älter als dreiundvierzig.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Der gute Minister hielt wirklich Wort<br />
Und gab mir den schönen Posten,<br />
Ich bin jetzt der Präsident am Ort,<br />
Nur mein Weib beginnt leider zu rosten.</p>
<p>Doch sonst geht’s mir gut, man lädt mich ein<br />
Und genießt meine tolle Rhetorik.<br />
Ich referiere in jedem Verein,<br />
Mein Verdienste sind äußerst honorig.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Er referiert in jedem Verein,<br />
Seine Verdienste sind sehr honorig.«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich war fast ein Krösus, doch wie schon gesagt,<br />
Es klapperte noch das Gebiß der<br />
Häßlichen alten schimmligen Magd<br />
Vom Landesjustizminister.</p>
<p>Ich warf sie raus – was sollte ich tun?<br />
Ich werde halt etwas blechen.<br />
Dafür bin ich frei und richte nun<br />
Über gebrochene Heiratsversprechen.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Dafür ist er frei und verhandelt nun<br />
Das gebrochene Heiratsversprechen.«</p>
<p><em>Über der weiter laufenden Musik ab Strophe 10 bzw. so, daß der Schlußapplaus, der im O-Ton aufbrandet nach der Absage den Schluß des Features bildet, je nachdem kann man auch die Absage um einige Namen kürzen.</em></p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Denn jetzt bin ich Präsident!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Unrecht ist ihm fremd!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ich bin Gerichtspräsident!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Unrecht ist ihm fremd!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Das Gesetz ist ein Schmand.<br />
Doch ich bleib im Richteramt.<br />
Bis zum Tode, verdammt!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Ja, das Recht ist ihm bekannt!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Denn mein Trick ist gut geglückt.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Ja, mein Trick ist gut geglückt.«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p><em>Richter:<br />
</em>»Jeder sieht mit einem Blick,<br />
Wie mein altbewährter Trick<br />
Funktioniert hat! Welch ein Glück!«</p>
<p><em>Chor:<br />
</em>»Alles Glück ein Trick!«</p>
<p>Ende.</p>
<p style="text-align: justify;">
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/im-namen-der-robe/">Im Namen der Robe</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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