Essays und Vorträge

Weltenbummler, Dadaist

und Doktor beider Rechte

Walter Serner zum 100. Geburtstag


Christoph Schmitz-Scholemann

 

Zu Lebzeiten schon war er ein Rätsel und eine Legende – wann und wo er starb, weiß man bis heute nicht genau: Walter Serner gilt als verschol­len. Mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem dieser exzentrische Schrift­steller und promovierte Jurist seine letzten Zeilen veröffentlichte, finden seine Werke – vor allem die erotischen und Kriminalgeschichten – wieder Interesse bei Verlegern und Lesern. Sein 100. Geburtstag am 15.1.1989 bildet den Anlaß, einen Blick auf Leben und Werk Walter Serners zu werfen.

I.
Einleitung

Am 15. 1. 1989 jährt sich zum 100. Male der Geburtstag Walter Serners. Dieser Schriftsteller und »doctor utriusque iuris« ist weithin unbekannt. Dem Juristen Serner flocht man keine Kränze und der Schriftsteller wird bis heute unter der Nummer »Geheimtip« gehandelt. Werfen wir einen Blick in Nachschlagewerke und Anthologien, so finden wir merkwürdige Auskünfte:

– »Adresse werden Sie nicht in Literaturkalendern, wohl aber bei der Kriminalpolizei erfahren können.« 1
– »Autor von Detektiv-Romanen, mondäner Tänzer, Hautspezialist und Gentleman-Einbrecher …« 2
– »Betreiber einer Lustwarenhauskette von Tunis bis Tanger …« 3
– »Geheimer Agent einer außerdeutschen Weltmacht …« 4
– »Sein Name ist in Wahrheit Benno Traven, internationale Hochstapler und Heiratsschwindler …« 5
– »Reiste um 1922 nach Rußland, weitere Daten nicht ermittelt …« 6
– »… brach 1927 mitten in der Arbeit an einem Roman über eine Damenschneider nach Südamerika auf …« 7
– »… ausgewandert nach Shanghai …« 8
– »… nach 1933 verschollen …« 9

Gemessen an den eher gepflegt-konventionell wirkenden Lebensläufen vieler dichtender Juristen, gemessen selbst an dem sonderbaren Kammer­gerichtsrat E. T. A. Hoffmann ist Walter Serner eine seltsam schillernde Figur. Sogar in der an Extravaganzen reichen Kulturszene der 20er Jahre galt er als »legendäre und rätselhafte Gestalt«. 10

Der Lauf dieses Lebens kann in mancher Hinsicht als bewegtes Sinn­bild für den Lauf seiner Zeit gelten, insofern nicht zuletzt, als es ein Leben in rastloser Hast war, ein Leben auf Reisen und auf Rädern; es führte aus der fast verträumten Windstille des fin de siècle in die reißenden Stürme des 20. Jahrhunderts, die diesen Doktor der Rechte durch Europa wirbelten und schließlich, am Ende seiner letzten uns bekannten Reise, höchstwahr­scheinlich unter sich begruben.

II.
Karlsbad

Das Elternhaus stand im böhmischen Karlsbad. Dort wurde Walter Edu­ard Seligmann am 15.1.1889 11 als zweites Kind eines jüdischen Vaters und seiner katholischen Frau geboren. Der Vater hatte ursprünglich ei­nen »israelitischen Restaurationsbetrieb« in dem Kurstädtchen geführt, war aber seit 1887 Herausgeber, Verleger und Chefredakteur der Karlsba­der Zeitung. Dieses Wochenblatt trug nicht wenig zum Kulturleben des Heilbades bei. Den Brunnengästen aus allen Teilen Mitteleuropas, die sich vom Karlsbader Wasser Linderung ihrer Darmleiden und Hypochond­rien versprachen, diesem ebenso prominenten wie kultivierten Publikum wurde einiges geboten: Konzertabende, Vernissagen, Operet­ten – und die Karlsbader Zeitung umrankte das ganze mit gediegenem Feuille­ton und launigen Glossen. Das klingt nach Bildungsbürgertum im Hause Seligmann und nach gemessenem Freisinn. Und sicherlich gab es für den Heranwachsenden reichlich Gelegenheit, die klassischen und zeitgenössischen Strömungen in Kunst und Literatur kennenzulernen. Und doch – der liberale Schein trügt:

»Der Vater, ein unerbittlicher Haustyrann …, dem bürgerliche Konven­tion und Würde auf der Stirne geschrieben standen … überschüt­tete die literarische Leidenschaft seines Sohnes … mit unsäglicher Verach­tung.« Bei den allfälligen »Krachs« sagte der Sohn »eigentlich nie ein Wort, sondern verriet nur durch die Blässe seines Gesichts und das Zit­tern seiner Lippen, was in ihm vorging.« 12

Nach dem Abitur im Jahre 1909 trat der Sohn zum katholischen Glau­ben seiner Mutter über und nahm einen offenbar frei erfundenen Familiennamen an. Kurz darauf bestieg er als Walter Serner den Zug und reiste nach Wien.

III.
Wien-Berlin

»Sahob, du bist doch Jurist!« sagt die kleine Fiora in einer von Serners Kurzgeschichten. Und Doktor Sahob antwortet: »Pech! Aber ich mache es durch den Vorteil wett, daß kein Mensch es mir glaubt.« 13

Serner war an den Universitäten Wien und Greifswald über drei Jahre lang für das Studium der Rechte eingeschrieben. Nach fünf Semestern begann er mit der Niederschrift seiner Dissertation. Für die Karlsbader Zeitung seines Vaters schrieb er in den Studienjahren »Wiener Kunst­briefe«, die dem Promenadenpublikum in der Provinz Böhmen das geis­tige Klima der k. u. k. Metropole schildern, und gelegentlich auch Musikkriti­ken – harmlose Beiträge, in denen man etwa nachlesen kann, wie die beliebte Frau Winternitz-Dorda eine ganz superbe »Mimi« gab und wie die Jella Schreiter nächtens im Soubrettenfach brillierte. 14 Viel­leicht sollte sich dem Vater der Eindruck eines fleißig den rechtlichen Studien obliegenden und nebenher liebenswürdigen Bildungsjournalis­mus treibenden Sohnes vermitteln.

Wenn dies der Eindruck des Vaters war, so war er falsch. In Wahrheit berührten den Sohn das römische, das gemeine und das prozessuale Recht nur sehr en passant. Immer öfter und für immer längere Zeiträume mied er die Hörsäle, mischte sich, der Reiselust trotz knappster Mittel wie ei­ner Obsession frönend, in die Wiener, Pariser, Münchner und Berliner Malerei- und Literaturkreise. Dort diskutierte man allerdings nicht die Vindikationslage, dort wurde nicht stipuliert und eviziert, man sprach vielmehr über Karl Kraus’ beißende Justizkritik, die sich überschlagenden Stilrichtungen bis hin zum Expressionismus und die über allen Erörterun­gen bleiern lastende Kriegserwartung.

Indes: Serner hielt auf Konvention. Seine Doktorarbeit Die Haftung des Schenkers wegen Mängel im Rechte und wegen Mängel der verschenkten Sache 15 reichte er 1912 der hohen juristischen Fakultät der Universität Greifswald ein. Die Fakultät war mit dem Text einverstanden. Aber das Rigorosum! Die blanke Peinlichkeit nach Serners eigener Einschätzung. Die Einzel­noten wiesen Unterschiede auf, allerdings nur im Grade der Entrüstung über die offenbar tief wurzelnde Kenntnislosigkeit des Doktoranden. Sie reichten von »Sehr schwach« bis »Ungenügend«. Serner gab aber keines­wegs auf. Einige Monate muß er sich – wahrscheinlich zu Hause in Karls­bad – mit Macht auf die Jurisprudenz geworfen haben. Jedenfalls bestand er im Mai 1913 das Rigorosum und wurde zum Doktor der Rechte promo­viert. Mit dem Tage der mündlichen Wiederholungsprüfung ist das Thema Serner und die Jurisprudenz erschöpft – wenn man einmal davon absieht, daß sich Anfang der Dreißiger Jahre ein bis heute berühmter Vertreter der Anwaltschaft mit Serner zu befassen hatte; wir kommen darauf zurück.

Serner schloß sich nun enger an die Berliner Expressionisten an. Er veröf­fentlichte nicht mehr in der Karlsbader Zeitung, sondern in der Aktion, die damals an der Spitze der literarischen Mode marschierte. Seine Arbei­ten verraten eine rasche Wandlung: Während anfangs moralische Em­phase den Stil und christliche Werte wie Mitleid und Nächstenliebe die Thematik bestimmten, traten bald andere Personen und Gegenstände in den Vordergrund: philosophisch Darwinismus und Nihilismus, kultu­rell das heraufkommende Kino und als Leitfigur jener andere doctor iuris, der, wie Serner, in ganz Europa zu Hause war: Giacomo Casanova. Faszinie­rend sind für Serner nicht mehr Fragen nach Moral und Ethik, sondern der Kampf zwischen Starken und Schwachen, Dummen und Gewieften, auch die Erotik, jenseits von Gut und Böse. 16 Ohne Sentiment sieht er auch den Bereich des Politischen:

»Ein schüchterner Blick in die sogenannte Geschichte geschickt, be­weist, daß mit Aufklärung, geistiger Erziehung und ähnlichen Albernhei­ten nichts zu machen ist … Was wollt Ihr? Revolution? Sie ist doch nur die hysterische Rauferei geistig irgendwie Zukurzgekommener.«  17

Obschon Serner also keineswegs revolutionären Ideen anhing, zählte man ihn im Berlin des Jahres 1914 zu den Pazifisten. Deren Aktionsradius wurde bald sehr eng. Dem fahnenflüchtigen Dichter Franz Jung beschei­nigte – formell korrekt – »Dr. Walter Serner« einen Herzanfall auf offe­ner Straße; mit dem scheinbar ärztlichen Attest konnte sich der Deserteur ins Ausland retten.18 Solche Scherze verzieh die Obrigkeit damals nicht leicht. Serner bestieg wenige Wochen später – im Januar 1915 – den Zug und reiste nach Zürich.

IV.
Zürich – Genf – Lugano – Paris

Im Zürich dieser Zeit gaben sich Kriegsunwillige der unterschiedlichsten nationalen und politischen Provenienz ein Stelldichein. Die Polizei hatte viel Arbeit mit dem bunten Volk. Unter den Fremden waren nämlich auch ausgesprochen unbehagliche Gesellen: Trotzki und Lenin zum Bei­spiel und ein gewisser Rumäne mit dem Phantasienamen Tristan Tzara. 19 Er stand im Zentrum eines Kreises von Musikern, Malern und Literaten, die alles, was das Abendland bis zum Kriegsausbruch sein »Höheres« zu nennen gewohnt war, tatkräftig über Bord werfen wollten, einschließlich sämtlicher christlicher und sozialutopischer Morallehren, einschließlich auch aller alten und neuesten Kunstrichtungen. Das alte Europa war für diese Leute durch das zügellose Menschenschlachten des Weltkrieges nicht nur diskreditiert, sondern komplett bankrott.

Zu dem Kreis um Tristan Tzara stieß Serner und wurde bald – zum Teil in Wochenrhythmen zwischen Genf, Lugano und Zürich umherrei­send – einer der Protagonisten und Werbetrommler. Man gab der Anti-Bewegung auch einen Namen, dessen Aussagelosigkeit ein Hohn sein sollte auf alles Überkommene, nämlich das französische Wort für »Hotte­pferdchen«: Dada. 20 Dada wollte die Provokation. Man lud das auf Kunstge­nuß gestimmte Publikum in Zürich zu Soireen. Wenn sich der Saal dann mit soignierten Herren und ihren Damen im kleinen Schwar­zen gefüllt hatte, geschah es wohl, daß Tristan Tzara einen Chor stum­mer Holzpuppen dirigierte oder daß Serner mit schneidender Stimme Sätze wie diese hinausschleuderte:

»Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseiden­strümpfe verkauft und Gauguins geschätzt werden … Damenseiden­strümpfe sind unschätzbar. Eine Vizekönigin ist ein Fauteuil. Weltanschauun­gen sind Vokabelmischungen. Ein Hund ist eine Hänge­matte. L’art est mort. Vive Dada!« 21

Die Provokation mißlang selten. Das Publikum johlte und tobte. Mün­zen und Tomaten flogen auf die Bühne. Es kam zu Tumulten und Schläge­reien. Die europäische Presse nahm den Dauerskandal dankbar auf. Man druckte über die Dadaisten, was man in die Hände bekam. Zum Beispiel die Meldung, daß der bekannte Maler Walter Helbig ein Dada-Manifest unterzeichnet habe; ein paar Tage später rückte man das unter Helbigs Namen eingesandte Dementi in die Spalten, wieder einige Tage darauf erschien dann das Dementi des Dementis – es war Serners Spezialität, frei erfundene Nachrichten zu lancieren und damit Presse und Öffentlichkeit zu verwirren; er verbreitete fingierte Lebensläufe, Exklusivbe­richte über ein Pistolenduell mit Kokoschka und Picabia auf der Rehalp, über einen »dadaistischen Weltkongreß« inklusive Schießerei auf dem Podium usw. usw. 22

Mit der Zeit freilich erschöpfte sich das Interesse. Vielleicht war aber auch das Ende des Krieges der Anfang vom Ende der Dadaisten: Der äußere Druck war gewichen, man konnte wieder zurück, nach Berlin, nach Wien und Paris, es gab wieder Hoffnung, auf Demokratie für die einen, auf Sozialismus für andere. Plötzlich verstand jeder etwas anderes unter Dada, es gab Richtungskämpfe, Geldintrigen und Serner, meist im Hotel in Genf oder Lugano, empfand bei all dem nichts als Überdruß und Langeweile. Im Grunde war aus der Negation aller Philosophien selbst eine Philosophie geworden. Im Jahre 1922 brach Serner alle Kon­takte zu den Dadaisten von einer Stunde zur anderen ab. Er bestieg den Zug und fuhr von Paris nach Neapel, dann nach München und traf bald in Berlin ein.

V.
Berlin

Wenn dieser Abschnitt »Berlin« überschrieben ist, so bedeutet das nicht, daß Serner nun in der deutschen Hauptstadt seßhaft geworden wäre. Er ging vielmehr weiter seiner Lieblingsbeschäftigung nach und »fuhr spazie­ren durch Europa«. 23 Barcelona, Cannes, Locarno, Wien, Prag, London, Kopenhagen – beständig war allein der Wechsel der Aufenthaltsorte. Nach Berlin kehrte er aber immer wieder zurück, hier saß sein Verlag, und hier hatte Serner seine größten Erfolge etwa bis zur Mitte des Jahr­zehnts.

Er gehörte keiner politischen oder literarischen Gruppe an. Die Halb­welt der Kokotten und ihrer »Apachen«, 24 das Schummerlicht von Vorstadt­spelunken und – wenn ausnahmsweise das Geld reichte – der schöne falsche Glanz eines Luxushotels, dies zog Serner dem intellektuel­len Milieu vor. Offenbar tat ihm solcher Umgang keinen Abbruch. Sein Äußeres zumindest wies Spuren der Verwahrlosung nicht auf. Die ihm begegneten, schildern ihn als schlank, hochgewachsen, mit gepflegt zurückge­kämmtem schwarzen Haar, einem schmalen und sehr feinen Gesicht, funkelnden Augen, immer elegant, gestreifte Hose, Jackett, Kra­watte – das Bild eines Gentleman; 25 man hätte ihn glatt für einen vom Erfolg umschmeichelten Herrn mit »Hintergrund« halten können. Er­folge hatte Serner in der Tat – und Hintergründe erst recht – jedoch von sehr eigener Art. Zum Beispiel Erfolge beim Geld:

»Er war ein Zauberer der Sparsamkeit, aber selbst er war nicht im­mer erfolgreich genug, um etwas zu essen zu haben. Doch sagte er das keinem. Er verschwand einfach …« Zwei oder drei Tage blieb er im Bett – wo es stand, wußte niemand – und aß nichts. »Dann erschien er wieder, ro­sig und frisch.« 26

Zum Beispiel Erfolge bei Frauen: Neandertalermanieren soll er gegen­über Damen an den Tag gelegt haben. 27 Wenn das stimmt, scheint es seine Freundinnen nicht sonderlich gestört zu haben. Eine der Geliebten, Marietta di Monaco, Schauspielerin und Dichterin, nannte ihn »Doktor Zunder« und schilderte die Begegnung so: 28

»Es wurde schon Mitte April, die Tage immer wärmer, die Luft duften­der, Bäume und Wiesen grüner.
Da sehnte ich mich nach einem Geliebten.
Ich durchdachte meine Bekannten – und der Wunsch blieb bei dem ei­nen haften.
Nun war er bereits der Ersehnte und wich mir aus.
Ich drohte ihm brieflich, meine Anstrengungen einzustellen, falls ich ihn nicht bestimmten Tages, zur bestimmten Stunde bei sich zu Hause anträfe …
Er ist da …
Wir tranken Tee und sprachen erschwert.
Er küßte wie ein Besessener.«

Die Erfolge des Schriftstellers Serner beruhen auf knapp einem Hundert Kurzgeschichten und einer Novelle. 29 Es handelt sich fast durchweg um die Schilderung einiger Stunden oder Tage aus dem Lebensweg einer Dirne, eines Betrügers, Hochstaplers oder Revolverhelden – Gestalten, wie sie Serner bei seinen Wanderungen an den Rändern der Gesellschaft nahe waren. 30 Es geht in den Erzählungen nicht romantisch zu, keines­wegs moralisch und erst recht nicht sozialkritisch. Es gibt keine Kritik des Verbrechens, keine Ergründung seiner Ursachen, keinen Tadel an der Polizei, nur eine harte und kalte, sehr detailgenaue Darstellung nicht enden­der Kämpfe, Tricks und Finessen mit den Ingredienzien: Sex, Geld­gier, Browning, Smith & Wesson. Fast immer fühlt sich ein Akteur ver­folgt und ist es auch meist, verfolgt von Polizeispitzeln, konkurrierenden Banden, exzentrischen Mädchen oder allen zugleich. Dabei wechseln die Rollen zwischen Jäger und Gejagtem, Gauner und Spitzel unablässig. Das Personal der Geschichten spricht eine eigenartige knappe und sarkastische Sprache, oft im Dialekt, und Serner treibt die Handlung in scharf geschliffenen, mitleidslosen Sätzen voran. Wer ethisch oder soziologisch bequem ausgepolsterte Kriminalgeschichten mag, kommt nicht auf seine Kosten. Der Dreh dieser Gaunerprosa liegt in Spannung, Erotik und eisigem Witz.

Serner bekam viel Lob dafür. Es hieß, der Satan selber könne nicht bes­ser schreiben. 31 Aber es gab auch Ablehnung. Sie wurde selten litera­risch begründet. Sie kam aus einem Winkel von Politik und Gesellschaft, in dem man sich einen besonderen Reim auf Nihilismus und Darwinis­mus gemacht hatte. Diese Richtung kennzeichnet sich am besten durch ihren Sprachgebrauch: »Eine Blüte aus Israel und die Freude am Schweini­schen« 32 war eine der Serner zugedachten »Rezensionen« über­schrieben und im Völkischen Beobachter fand Alfred Rosenberg, im Falle Serner zeige sich der »grauenerregende Abgrund zwischen dem Men­schen und dem Juden« und fuhr fort: »Leben heißt für den Juden: Mo­der schaffen und als Wurm in ihm wirken.« 33

Serner hat sich nicht sonderlich für diese Vorboten des Grauens von Auschwitz und Stalingrad interessiert. Er kam ab 1925 ohnehin immer seltener nach Berlin. Er meldete sich hin und wieder mit einem Brief aus Genf oder einem Manuskript aus Barcelona. Gelegentlich ließ er Stellung­nahmen zu seiner Person ausstreuen, von denen man bis heute kaum weiß, wieviel daran Wahrheit und wieviel Mystifikation ist. Er führte z. B. als A. D. (Alfred Döblin) ein Interview mit sich selbst und bezeichnet sich darin als einen äußerst unsympathischen und arroganten Schriftsteller.34 Dann, ab 1928/29, verlieren sich Serners Spuren ir­gendwo zwischen Prag und Wien und den schmalen, der Kleingaunerei und dem geldfeilen Venusdienste günstigen Gassen von Barceloneta.

Den publizistischen und juristischen Streit, der von 1931 bis 1933 um seine Werke wogte, hat Serner wahrscheinlich nicht mehr zur Kenntnis genommen. Es ging um zwei Verfahren, mit denen nahezu alle Bücher Serners auf die Liste der Schund- und Schmutzschriften 35 gesetzt werden sollten.

In diesen Jahren der Massenarbeitslosigkeit, des Hungers und der Ar­mut erkannten einige Pädagogen eine schwere Bedrohung für die deut­sche Jugend, aber nicht etwa durch die wirtschaftliche Not oder die Um­triebe der Nationalsozialisten, sondern durch Walter Serners Erzählun­gen. Die handelten nämlich, fand z. B. ein Oberstudienrat aus München, von »Narzissen, Homosexuellen, Schlafwagenszenen, Verbrecherhöhlen, javanischer Geschlechtsbetätigung und von Liederlichkeit in San Remo und Nizza«! Es bestehe »schwere Gefahr für die nach Verbrecher-Roman­tik lüsterne Jugend«. 36 Das Landesjugendamt der Rheinprovinz meinte kurz und knapp, was Serner bringe, sei »reinster Schund mit stark schmutzigem Einschlag«. 37

Aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts fällt es schwer, derartige Formulierungen überhaupt ernst zu nehmen. So mag man sich fragen, was sich der Oberstudienrat wohl Unanständiges unter einer »Schlafwagen­szene« vorstellte und inwiefern ihm eine Liederlichkeit beson­ders widerlich vorkam, wenn sie nicht auf einer bayrischen Alm, sondern an der Cote d’Azur stattfand. Damals sah man das aber anders. Serners Schriften wurden von der staatlichen Prüfstelle unter die Lupe genommen. Man forschte mit Akribie nach Unzucht. Es gab Gutachten und Gegengutachten. Und die Freiheit des Wortes fand einen – zunächst – sehr wirksamen Fürsprecher in dem bereits erwähnten Rechtsanwalt beim KG; sein Name ist Philipp Möhring. 38 Er verteidigte die Novelle Die Ti­gerin als eine Bereicherung der deutschen Literatur, die vergleichbar gute Milieuschilderungen bis dato nicht hervorgebracht habe. Der erste Indizierungsantrag im Jahre 1931 wurde denn auch abgelehnt, 39 1933 half dann aber noch nicht einmal mehr das Argument, die Bücher seien ohnehin vergriffen und viel zu anspruchsvoll formuliert, als daß die Ju­gend eine »Freude am Obszönen« daraus befriedigen könnte. Die Bücher wurden verboten. 40

VI.
Prag

Über Serners Existenz in den dreißiger und vierziger Jahren ist sehr we­nig bekannt. Trotzdem kann man sich ein ungefähres Bild machen. »Spazie­renfahren durch Europa« wurde natürlich schwierig und für ei­nen Mann mit einem jüdischen Vater auch zunehmend gefährlich, je mehr sich die dreißiger Jahre ihrem Ende zuneigten. Aber Serner war gewandt und kannte die Tricks, überdies wiesen ihn die amtlichen Doku­mente als Katholiken aus. Sollte es ihm – mit besten Verbindungen in die neutrale Schweiz ausgestattet – schwergefallen sein, auch im beengten Rahmen sein bisheriges Leben fortzuführen?

Im Jahre 1937 taucht er als Tourist in einem Wiener Hotel auf, als bisheri­gen Wohnort gibt er Barcelona an. Dann kehrt er in seine böhmi­sche Heimat zurück und lebt in Prag. 1938 heiratet er seine langjährige Freundin Dorothea Herz. Im März 1939 gründet Deutschland das »Protekto­rat Böhmen und Mähren«. Kurz darauf beginnen die deutschen Be­hörden im Protektorat mit der Beschlagnahme jüdischen Vermögens.41 Serner und seine Frau gelten als »Rassejuden«. Das jüdische Geld wird – makaber genug – für den Aufbau des Ghetto-Lagers Theresienstadt verwen­det.

Serner und seine Frau beantragen 1939/1940 die damals mögliche Aus­reise nach Shanghai. Das Genehmigungsverfahren verzögert sich. 42 Am 10.8.1942 besteigen Walter »Israel« und Dorothea »Sarah« Serner in Prag den Zug. Die Reise geht aber nicht in den Westen. Sie führt in das Lager Theresienstadt. Dort bleiben sie 10 Tage. Am 20.8. besteigen sie zum letzten Mal einen Zug. Zusammen mit 1000 Frauen und Män­nern werden sie mit Güterwaggons in den »Osten« transportiert, vermut­lich nach Trostinetz bei Minsk in Weißrußland. »Wer damals in die Mins­ker Gegend kam, fand seinen Tod gewöhnlich in den auf russisch so traurig ›Duschegubky‹ genannten Vergasungsautos. Aus diesen Transpor­ten (insgesamt 17 000 Menschen) sind 10 Überlebende bekannt.« 43 Wal­ter und Dorothea Serner gehören nicht zu ihnen.


Anmerkungen:

1    So die Auskunft von Serners Verleger Paul Steegemann im Jahre 1925 an den Geschichtsphilosophen und Literaturkritiker Theodor Lessing (1872–1933), zit. nach Bd. VIII der Serner-Gesamtausgabe (8 Bde und 2 Suppl.), im folgenden: GW.

2    Schodder, GW VIII, (o. Fußn. 1), S. 234.

3    Schodder (o. Fußn. 2), S. 234.

4    Schodder (o. Fußn. 2), S. 234.

5    Schodder (o. Fußn. 2), S. 234.

6    Schodder (o. Fußn. 2), S. 234.

7    Drews in: Kunisch, Hdb. der deutschen Gegenwartsliteratur, II, 2. Aufl. (1970).

8    So der Mahler und Experimentalfilmer Hans Richter (1888–1976) in seinem 1961 erscheinen Buch DadaProfile, S. 105; Richter hält es für möglich, dass Ser­ner in den internationalen Heroinhandel verwickelt gewesen ist.

9    Kürschners Deutscher Literaturkalender, Nekrologe 1926–1970, 1973; Kind­lers Literatur-Lexikon, Suppl., 1970.

10  Drews (o. Fußn. 7).

11  Serner gab selbst gelegentlich den 15. 3. 1889 als Geburtsdatum an; warum, ist nicht bekannt, vgl. GW VIII (o. Fußn. 1), S. 87.

12  So Heinrich Fischer, ein Jugendfreund Serners, in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung, vom 1.4.1965 zur Rezension von H. Heißenbüttel v. 20. 3. 1965. Fischer (1896–1974) machte sich einen Namen als Hrsg. der Werke von Karl Kraus.

13  »Der Doktor Sahob«, GW IV (o. Fußn. 1), S. 97 ff.

14  GW I, (o. Fußn. 1) S. 247, 249.

15  GW, Suppl. 1 (o. Fußn. 1); Schodder (o. Fußn. 1), »Serner illustrierte das Thema seiner Arbeit so: Jemand schenkt seinem guten Freund einen wertvol­len Römer, der einen Sprung hat; bei nächster Gelegenheit trinkt der Be­schenkte daraus, das Glas zersplittert und fügt ihm Schnittwunden an Lippen und Zunge bei – dann muß der fröhliche Geber Arztkosten und Schmerzens­geld und alles sonst aus seiner Tasche bezahlen.« Es dürfte sich um die ein­zige juristische Doktorarbeit handeln, die in so gut wie keiner juristischen Biblio­thek, wohl aber in den belletristischen Regalen des Buchhandels zu fin­den ist.

16  Dem Einfluß Nietzsches begegnet der Leser nicht nur bei Serner auf Schritt und Tritt, er war vielmehr prägend für die deutschen und französischen Expressi­onisten aller Kunstgattungen zwischen 1910 und 1920, vgl. Gabrielle Buffet-Picabia in: Francis Picabia (1879–1953), »Funny guy und Dada«, Schrif­ten 1, 1981; Drews: »Zur geistigen Existenz Walter Serners« in: Manu­skripte, 25. Jahrgang (1985), S. 149 ff.

17  »Über Denkmäler, Weiber und Laternen«, GW I (o. Fußn. 1), S. 143 ff.

18  Franz Jung (1888–1963), Nationalökonom und expressionistischer Schriftstel­ler, der in den 20er Jahren Arbeiterliteratur schrieb, sich jedoch bald vom Kom­munismus abwandte und nach dem 2. Weltkrieg als Wirtschaftskorrespon­dent in den USA arbeitete – für die F.A.Z. In seiner Autobio­graphie »Der Weg nach unten«, Edition Nautilus, Hamburg 1988, S. 91 f. schildert Jung die Begegnung im Cafe des Westens: »Dr. Serner emp­fing mich in einem pompösen Pelzmantel – das war aber auch alles; darunter war nur spärliche Unterwäsche, den Anzug hatte er versetzen müssen …«

19  Tristan Tzara (1896–1963); sein richtiger Name war Sami Rosenstock, er trat später der KPF bei, vgl. Tzara: »Die frühen Gedichte«, München 1984; Bolli­ger, Magnaguagno, Meyer, Raabe: »Dada Zürich«, 1985, S. 174.

20  »Dada« war auch der geschützte Markenname eines Kopfwassers und einer Lilienmilch-Creme, vgl. Bolliger (o. Fußn. 19), S. 25 ff., 69, dort auch zu dem bis heute geführten Streit um die Urheberschaft der Bezeichnung »Dada«, vgl. auch Richard Huelsenbeck (1892–1974), dadaistischer Schriftsteller, spä­ter Psychoanalytiker in New York in seiner Anthologie: Dada, Eine literari­sche Dokumentation, 1984, S. 11 ff. und E. Philipp: »Dadaismus«, 1980, S. 34 f.

21  »Letzte Lockerung – manifest dada« GW II (o. Fußn. 1), S. 159 ff. Das Werk ist eines von zahllosen dadaistischen »Manifesten«, die damals erschienen. Ser­ner widmete es Anton v. Hoboken (1887–1983). Dieser reiche Niederlän­der, der später das Haydn-Werkeverzeichnis erstellte, ist wahrscheinlich ei­nige Jahre lang eine von Serners geheimnisvollen Geldquellen gewesen.

22  Die Meldung über das »Duell auf der Rehalp« erschien in etwa 30 Tageszeitun­gen Europas. Der von Serner frei erfundene »Dadaistische Weltkon­greß« taucht bis heute gelegentlich als angeblich bedeutendes reales Ereignis der Kunstgeschichte auf, vgl. Bolliger (o. Fußn. 19), S. 45, Ihrig in: Lite­ratur u. Kritik, Jahrgang 20, (1985), S. 497 f.

23  GW VIII (o. Fußn. 1), S. 87.

24  »Apache« ist dem einschlägigen Pariser argot entnommen und bedeutet »Zuhälter, Ganove«. Serners Erzählungen beziehen ihren Reiz nicht zum kleins­ten Teil aus der Verwendung von argot-Ausdrücken und -Redewendun­gen.

25  Richter (o. Fußn. 8), S. 105.

26  Richter (o. Fußn. 8), S. 105.

27  Richter (o. Fußn. 8), S. 105.

28  Marietta di Monaco (1893–1981) hieß mit ihrem richtigen Namen Marie Kirndorfer; sie war die Muse der dadaistischen Saison; Klabund (1891–1928) widmete ihr sein Buch »Marietta. Ein Liebesroman aus Schwabing«. Die Ge­schichte vom Dr. Zunder erschien in ihrem Buch »Ich kam – ich geh’« 1962, S. 14 ff.

29  »Zum blauen Affen«, 1921; »Der isabelle Hengst«, 1923; »Der Pfiff um die Ecke«, 1925; »Die Tigerin«, Berlin 1925; »Die tückische Straße«, 1927. GW III, IV, V (o. Fußn. 1).

30  Die besondere Nähe zwischen Serners realen Lebensumständen und der Welt sei­ner Erzählungen dokumentiert sich in einigen Sätzen aus der Novelle »Die Tigerin«. Sie charakterisieren den männlichen Protagonisten Fec und könn­ten auch auf Serner selbst gemünzt sein: »Kein Mensch wußte, wovon er eigent­lich lebte … Man sah ihn häufig in den mondänen Kurorten, im Winter in Wien, London, Berlin, Rom. Er war immer elegant, fast stets allein, aber wenn er abgereist war, gab es irgendwie einen Skandal« (GW III (o. Fußn. 1), S. 5, 12). »Hinter jeder Zeile von mir steht Gesehenes oder Gehörtes und gar oft am eigenen Leibe Erfahrenes … Es dürfte schwer fallen, einen Autor zu entde­cken, der die Verbrecherkreise Europas gründlicher kennt und aufrichti­ger geschildert hat als ich.» (Serner, GW VIII (o. Fußn. 1(, S. 95 ff.)

31  Lessing (o. Fußn. 1).

32  So die Leipziger Monatsschrift »Hammer« im Juni 1926, zit. nach GW VIII (o. Fußn. 1), S. 94.

33  Alfred Rosenberg (1893–1946), Chefideologe der NSDAP, in: »Professor und Mädchenhändler«, Völkischer Beobachter vom 8. 7. 1925, zit. nach VIII (o. Fußn. 1), S. 91 f.

34  »Walter Serner über sein Leben und seine Bücher« von »A. D.«, vgl. GW VIII (o. Fußn. 1), S. 144 ff.

35  Grundlage war das »Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften« vom 18.12.1926. Das erste Indizierungsverfahren bewirkte eine sprunghafte Steigerung von Serners Verkaufsziffern, vgl. GW VIII (o. Fußn. 1), S. 244.

36  Gutachten v. A. Leonpacher vom 18.1.1933 für das Bayerische Landes-Jugend­amt, GW VIII (o. Fußn. 1), S. 194 f.

37  Indizierungsantrag vom 5.9.1931, gestellt vom Landesjugendamt der Rheinpro­vinz, GW VIII (o. Fußn. 1), S. 174 f.

38  GW VIII (o. Fußn. 1), S. 183 ff.; Serners damaliger Verleger Paul Steegemann hatte Möhring mit der Interessenwahrnehmung im Indizierungsverfahren beauf­tragt.

39  Beschluß der Prüfstelle Berlin vom 24.11.1931, GW VIII (o. Fußn. 1), S. 188 f.

40  Beschluß der Prüfstelle Berlin vom 25.4.1933; als einziges Mitglied der Prüf­stelle gab der Verlagsbuchhändler Ernst Rowohlt seinen Widerspruch gegen die Indizierung zu Protokoll, vgl. GW VIII (o. Fußn. 1), S. 204 ff.

41  Vgl.: H. G. Adler: Theresienstadt 1941–1945, Das Antlitz einer Zwangsgemein­schaft, 2. Aufl. (1960), S. 8 f.

42  Die Ausreiseformalitäten wurden z. T. bewußt verschleppt. Als Italien in den Krieg eintrat, war damit auch der Weg nach Shanghai versperrt. Für die Bear­beitung des Ausreiseantrags mußten die Juden vorab beträchtliche Zahlun­gen leisten. Die Bearbeitung erfolgte durch die von den deutschen Behör­den gegründete »Jüdische Kultusgemeinde«. Ab 1941 wurde jeder Pra­ger Jude gezwungen, bei der Kultusgemeinde einen Ausreiseantrag zu stellen und zu zahlen. Viele Juden hofften bis zuletzt, die beginnenden Deportatio­nen führten letztlich nach Shanghai oder Palästina.

43  Adler (o. Fußn. 41), S. 52, 837.

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