Urla – und die Erfindung des gesetzlichen Feiertages für Schulkinder durch einen Philosophen (15.06.25)
Wer in dem Touristenort Urla am Mittelmeer durch die Straßen schlendert, findet viel Freundlichkeit und Unterhaltung: Cafés und Andenkenläden, einen kleinen Hafen, einen überdachten Markt mit Blumen, frischem Obst, Gemüse und duftenden Kräutern. Geschäftig geht es zu, aber entspannt, man handelt ein bißchen, sortiert das Gemüse … Hin und wieder ruft ein Muezin vom nahen Minarett zum Gebet – wir sind in der Türkei, etwas südlich von Izmir, alle Sprachen Europas sind zu hören, man trinkt Mokka oder Tee statt Alkohol, erfreut sich an sündhaft süßem Gebäck, raucht ein wenig und gelegentlich zwinkert dem trägen Touristen ein noch trägerer, halbschlafender, tieffriedlicher dicker Hund zu.
Das heutige Urla hieß vor zweieinhalbtausend Jahren Klazomenai. Ob der Apostel Paulus, als er im nahegelegenen Ephesus lehrte, auch mal vorbeischaute, weiß man nicht. Wohl aber, dass hier ungefähr 500 Jahre vor Paulus einer der frühen griechischen Philosophen zur Welt kam:
Anaxagoras ist sein Name, und er räkelt sich heute voller Würde, aber doch lässig und entspannt als Sitz-Statue auf einer Steinbank in den Gassen von Urla. Er sieht aus, als hätte er Lust auf ein kleines Gespräch im Schatten unter lilafarbenen Baumblüten.
Zur Lebenszeit des Anaxagoras, in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts vor Christus, war Philosoph noch kein ernsthafter Beruf. Die meisten Menschen dachten über ihr Leben und die Welt um sie herum nicht mit abstrakten, logisch geordneten Gedanken nach. Sie erzählten einander Geschichten über Wunder und Götter, Waldfeen und Riesen, turbulente Märchen, wie man sie aus den Sagen des klassischen Altertums kennt. Diese oft wirren und wilden Phantasien liefen darauf hinaus, dass alles Weltgeschehen auf dem willkürlichen, an Naturgesetze nicht gebundenen Wirken der Göttinnen und Götter beruhte, die ihrerseits, so ähnlich wie die Menschen, ständig zwischen Saufgelagen, Liebesaffären und Kriegserklärungen herumirrten und dabei das Leben der Menschen ruinierten oder aufhellten. Ob Feuer, Hungersnot, Sonnenfinsternis, Überschwemmung, Erotik, Blitz oder Krieg – immer waren Göttinnen und Götter im Spiel. Und sie waren bei dem, was sie taten, an keinerlei Vernunft –, Natur- oder Moralgesetze gebunden. Nächstenliebe und Gerechtigkeit übten sie, wie viele Menschen, nur, wenn es vorteilhaft war.
Diese in Mythen verharrende Denkweise der Menschen, die in Verschwörungsnarrativen und Wunderglauben überlebt hat, bekam etwa ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. Konkurrenz in Gestalt von bis heute berühmten klugen Köpfen. Sie zweifelten an den Volksmythen und fragten sich, ob es nicht doch natürliche, beweisbare, messbare Gesetzlichkeiten geben könne, die das Weltgeschehen jedenfalls teilweise rational verstehbar und damit beeinflussbar machten. Zu diesen sogenannten Vorsokratikern* gehörte auch Anaxagoras.
Die Vorsokratiker machten sich nicht beliebt bei den einfachen Leuten, was dazu führte, dass die damaligen Philosophen, egal wohin sie kamen – und sie breiteten sich bis nach Sizilien aus –, mitunter als durchgeknallte Intellektuelle angesehen wurden und den Spott des Volkes zu ertragen hatten. Über Thales von Milet (ca. 625 – 550 v. Chr.), dessen Dreieck bis heute im Mathematikunterricht heimisch ist, erzählte man sich, er kenne sich zwar mit den Sternen aus, könne aber keine zehn Meter gradeaus gehen, ohne in den nächsten Brunnen zu stürzen.
Anaxagoras erging es etwas besser. Er wanderte, wohl in der Hoffnung, seinen subtilen Gedanken woanders besser Geltung zu verschaffen als in der Provinz, in das angeblich aufgeschlossene Athen aus. Er war Berater des Politikers Perikles, wurde aber schon bald vor Gericht gestellt: Er hatte die für damalige Verhältnisse bodenlose Frechheit gehabt zu behaupten, die Sonne sei keine Göttin, sondern glühende Materie. Und der Mond sei ebenfalls keine Göttin, sondern ein Stein, der noch nicht mal ein eigenes Licht habe, sondern von der Sonne erhellt werde. Die demokratisch gesinnten Athener entschieden in demokratischer Abstimmung, dass Anaxagoras wegen Asebie (= Gotteslästerung) aus der Stadt verbannt wurde.
Aufnahme fand er in Lampsakos, etwa 70 Kilometer nördlich von Athen. Dort war er schnell sehr beliebt. Als – wohl um das Jahr 428 v. Chr. – sein Ende nahte, gaben ihm die Stadtoberen einen Wunsch frei. Statt sich aber, wie es üblich gewesen wäre, ein aufwendiges Grabmal nebst Heldenbegräbnis zu wünschen, bat Anaxagoras darum, die Stadt solle den Kindern von Lampsakos jährlich an seinem Todestag schulfrei geben. Was geschah. Manche sagen deshalb, Anaxagoras sei der einzige Philosoph des Abendlandes, der die Welt durch eigenes Tun zum Guten verändert habe.
Einige Weisheiten, die Anaxagoras zugeschrieben werden:
Wir erkennen das Verborgene am Offensichtlichen.
Wir sehen nur das, was wir nicht sind.
Jedes Einzelne steht mit allem in Verbindung. Die Verbindung von allem mit allem macht somit das Ganze aus.
Die herrschende Kraft hat der Geist (Verstand). Er allein ist mit nichts anderem vermischt und ordnet die Dinge, indem er durch sie hindurchgeht.
Der Geist ist unendlich, selbstbestimmend und an nichts anderes gebunden.
Die Sonne ist größer als die Peloponnes.
Hagel ist schwebendes Eis. Schnee hängender Raureif.
Die Trennung von Körper und Seele ist nicht nur der Tod des Körpers, sondern auch der Seele.
* Über die Lebensgeschichten und die Lehren der Vorsokratiker informieren Jaap Mansfeld und Oliver Primavesi umfassend in der 2021 im Reclam-Verlag erschienenen zweisprachigen Textsammlung »Die Vorsokratiker«.