»Du altes Schwein im Trüffelbeet«. Ein Gedicht von Ringelnatz mit einer Zeichnung von Walter Sachs (15.12.25)
Die Wochen der Glühweinstände sind im vollen Gange. Man wundert sich, wie viel gute Laune auf den Weihnachtsmärkten unterwegs ist, wie viel selige Versonnenheit auf manchen Gesichtern glänzt, wie vielstimmig und beinahe musikalisch das Gelächter von den Weihnachtsmärkten in den dunkeln Himmel steigt. Und mancher fragt sich vielleicht, ob soviel gute Stimmung überhaupt erlaubt sein kann, wo es uns doch nach Auskunft der Medien und den Prognosen misstrauischer Berufspessimisten täglich etwas schlechter geht als am Tag zuvor, die Konjunktur matt, der Staat bankrott, alles den Bach runter, Angst vor dem Untergang … Gibt es eine Staatsbürgerpflicht zur Depression? Ist es vielleicht schon ein Akt von Rebellion, sich an den schönen Momenten, die man ja vielleicht auch geschenkt bekommt, zu erfreuen?
Ich denke in diesen Tagen oft an ein Gedicht von Joachim Ringelnatz (1883–1934). Er war, aus einer bürgerlichen Perspektive betrachtet, ein Pechvogel. Manche sagen, er war hässlicher als die Nacht, klein, langnasig, flog von der Schule, schlug sich als Matrose durch. Als er endlich ein bißchen Erfolg und Glück hatte, kamen die Nazis an die Macht, und schon ein Jahr später starb er an Tuberkulose. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er ein Gedicht, mit dem er versuchte, sich selbst Mut zu machen. Und offenbar feststellte, dass er viel schöner war, als er immer dachte.

An den Mann im Spiegel
Du bist ein krummer, dummer Hund!
Und hast es doch so gut gehabt,
Bist gar nicht reich und bist gesund,
Auch großenteils nicht unbegabt.
Du altes Schwein im Trüffelbeet
Weißt du auch stets, wie gut’s dir geht?
Du, spring nicht über Schranken,
Die höher, als du selbst bist, sind.
Vergiß nie, täglich wie ein Kind
Für alles tief zu danken.