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Seegöttergespräche – Der verliebte Fluss (01.01.26)

 

 „Sind Flüsse Lebewesen?“ ist der Titel eines Buchs von Robert McFarlane, von dem mir ein Freund vor Kurzem erzählte. Er hatte das Buch zu Weihnachten bekommen und das im Titel sich andeutende Thema, nämlich ob man Bäumen, Bergen, Tieren, Flüssen, Landschaften und ähnlichen Erscheinungen der Wirklichkeit eigene Rechte zusprechen sollte, haben wir schon des Öfteren diskutiert. Kommt man einem angemessenen Naturschutz näher, wenn man sich auch die nichtmenschlichen natürlichen Wesenheiten als beseelt und mit eigenen rechtsrelevanten Bedürfnissen ausgestattet vorstellt? Oder sollte man es bei der herkömmlichen Denkweise belassen, wonach die Natur dem Menschen und seinen Bedürfnissen untertan zu sein hat – und basta?

Viele finden es lächerlich, nach der Beseeltheit nichtmenschlicher Naturgebilde überhaupt zu fragen. Ehrlich gesagt habe ich ähnlich empfunden, als ich zum ersten Mal über das Thema nachdachte. Ins Grübeln geriet ich erst, als ich mich daran erinnerte, dass die utilitaristische Sicht auf die Natur keineswegs immer herrschend war. Reste eines anderen Blicks auf Tiere und Berge, Wälder und Meere finden wir zuhauf in den Märchenbüchern: Singende Bäume, traurige Mäuse, springende Wasser, hartherzige Krähen, sich ständig verwandelnde Robben und vieles mehr. Gewiss ersetzen Märchen nicht die Naturwissenschaft. Aber sie zeigen doch, dass unserem Gefühlsleben die Überzeugung von der Beseeltheit der Natur nicht so fern liegt, wie wir denken möchten. Anscheinend sind wir Menschen, die wir mitsamt unsern Seelen und Hirnen aus demselben Natur-Stoff bestehen wie die übrige Natur, instinktiv näher mit dem Treiben der uns umgebenden Tiere, Bäume, Sträucher, Berge usw. verwoben als wir vielleicht glauben mögen.

Dazu passt eine freilich satirische Erzählung des griechischen Dichters Lukian von Samosata (120–180 n. Chr.), die mir dieser Tage in die Hände fiel. Lukian schrieb u.a. fünfzehn sogenannte „Seegöttergespräche“. Darin lässt er mehrere dem Wasser nahe Gottheiten der griechischen Mythologie miteinander diskutieren, darunter Delphine, den Westwind und sogar das Meer persönlich.

Das dritte dieser Gespräche bestreitet der Wettergott Poseidon mit dem Fluss  Alpheios (heute Alfios). Dieser von Lukian zugleich als Gott angesehene Fluss entspringt auf den Berghöhen im Norden der Peloponnes, verschwindet nach einigen Kilometern in einem Karstgebiet, taucht dann wieder auf und mündet etwas nördlich von Pylos ins Mittelmeer. Dort vermischt er sich wider Erwarten nicht mit dem salzigen und kalten Meereswasser, sondern er bewegt sich – unter Bewahrung seines süßen Wassers! – zielstrebig Richtung Sizilien und tritt an einer Süßwasserquelle nahe dem Meeresufer in Ortigia, einer Insel vor Syrakus, wieder ans Tageslicht. Poseidon ist als Gott zwar einiges gewöhnt, kann sich aber nicht erklären, warum sich der Flussgott Alpheios erst im Karst versteckt, sein Süßwasser und seine Wärme dann durch das Mittelmeer bewahrt, um schließlich einer sizilianischen Quelle zuzustreben.

Es unterhalten sich :

P – Poseidon
A – Alpheios

 

P:
Was ist nur los mit Dir, Alpheios?

A:
Was soll denn los sein?

P:
Also erst entspringst Du ganz gesittet im Gebirge, dann verschwindest Du plötzlich im Karst, tauchst bald danach mir nichts dir nichts wieder auf –  was für eine sinnlose und umständliche Geheimniskrämerei! Und dann: Alle Flüsse, die ich kenne, unterwerfen sich spätestens bei der Einmündung ins Meer den dortigen Verhältnissen. Sie nehmen Farbe, Temperatur und Geschmack des salzigen Meerwassers an. Und Du? Du verlierst Dich nicht im Meer, Du durchquerst das Meer ohne die geringste Veränderung! Das ist doch eigenartig, findest Du nicht? Und Du änderst Deine Temperatur nicht, Du änderst Deinen Geschmack nicht – anscheinend tauchst du so tief wie die Reiher und kommst wer weiß wo wieder zum Vorschein. Sehr sonderbar alles.

A:
Ja, ich gebe zu, es ist seltsam, was ich da alles so anstelle. Ich wundere mich selbst über mich. Klar, Du hast recht, aber bitte, bitte, verschone mich mit Deinen Fragen, es geht sehr ins Private. Das quält mich.

P:
Mein Gott, wie empfindlich Du bist, eine regelrechte Mimose.

A:
Weißt Du, es ist – nun ja – es sind Gefühle im Spiel, kurz gesagt: Ich bin göttlich verliebt.

P:
Was? Du und Liebe? Wie soll denn das passen? Und wen liebst Du denn? Eine Frau? Ein Mädchen oder eine süße kleine Flussgöttin für zwischendurch?

A:
Nein, nein, nichts davon, alles Quatsch. Ich hab mich, nun ja, also gut, ich sags, in eine zauberhafte Quelle habe ich mich verliebt.

P:
Und wo ist sie?

A:
Drüben in Sizilien, bei Syrakus, da hüpft sie fröhlich aus der Erde. Arethusa heißt sie. Ist das nicht ein wunderbarer Name? Ich liebe alles an ihr.

P:
Na gut, das lasse ich gelten. Ich kenne Arethusa, natürlich kenne ich sie, ich kenne sie alle, Du hast recht: Hässlich ist sie wirklich nicht. Sie hat sowas Schimmerndes, Durchsichtiges, Leuchtendes und ja, sie sprudelt förmlich hervor aus dem reinsten feinsten Kieselgestein, und ihr Wasser glänzt in den niedlichsten Tröpfchen wie Silber auf den spitzeln Splittern, allerliebst.

A:
Na Du scheinst die kleine Arethusa ganz gut zu kennen, Poseidon, gib‘s nur zu! Du müsstest eigentlich verstehen, warum ich immer zu ihr will.

P:
Wohl wahr, mein Lieber, wohl wahr. Na ja, da halt ich mich mal zurück. Ehrensache! Alles Gute Dir und viel Glück in Deiner Liebe! Nur eins musst Du mir noch verraten. Wie und wo hast Du sie kennengelernt. Du stammst, wenn ich es recht weiß, von der Peloponnes, aus Arkadien, oder? Und sie – Sizilianerin! Da sind doch ganz andere Mentalitäten im Spiel.

A:
Was für sinnlose Fragen Du stellen kannst! Man liebt, oder man liebt nicht. Das ist alles. Ich habs eilig, zu ihr zu kommen, Poseidon!

P:
Schon recht. Geh zu Deiner Liebsten! Tauch auf aus dem Meer, zeig Dich ihr in Deiner ganzen peloponnesischen Pracht, vermische Dich mit der springvergnügten Quelle und dann – seid gemeinsam ein einziges schönes Gewässer! Meinen Segen habt Ihr!

Für die – recht freie – Übersetzung aus dem Griechischen habe ich die in der Sammlung Tusculum erschienene zweisprachige Ausgabe „Die Hauptwerke des Lukian“ mit der Übersetzung ins Deutsche von Karl Mras (1877–1962) verwendet.

 

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