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Ein Gefühls-Umbruch – Meeresstille und Glückliche Fahrt (01.04.26)

 

Die beiden kurzen Goethe-Gedichte »Meeresstille« und »Glückliche Fahrt« gehören zusammen. Es geht um einen schockartigen Gefühls-Umbruch, nämlich den sehr plötzlichen Wechsel von entsetzlicher Angst und Hilflosigkeit in triumphale Aufbruchs-Euphorie. Das 1795 erstmals veröffentlichte und zwei Jahrzehnte später von Beethoven vertonte  Doppelgedicht beginnt so:

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Beethoven, so hat man gesagt, habe mit seiner Vertonung die Stille in Musik zu übersetzen versucht. Es sind in der Tat alle Farben der Stille, die wir in seiner Komposition hören – vom frommen Glück über die innigste Trauer bis zur rettungslosen Einsamkeit. Dem damals schon fast vollständig ertaubten Tonsetzer war das Grauen der Stille inmitten der Gesellschaft nur allzu vertraut. Er drückte es so aus:

»… mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren … muste ich früh mich absondern …, und doch war’s mir … nicht möglich den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub …«

Die Tragik des tauben Komponisten ist allerdings nur eine der vielen Dimensionen dieses Musikstücks. Auch das spannungsreiche, von Schweigen und Missverständnis durchsetzte persönliche Verhältnis zwischen Goethe und Beethoven schimmert hindurch.  Die beiden  Genies empfanden wechselseitig Bewunderung füreinander, blieben einander aber immer rätselhaft – selbst das berühmte gemeinsame Sprudelwassertrinken in Böhmen im Sommer 1812 änderte daran nichts. Die beiden einte die Leidenschaft, mit der sie Leben in Kunst verwandelten, was ihrer Kunst bis heute Leben verleiht. Auch Goethe hatte den Schrecken der Stille am eigenen Leibe erfahren. Während seiner Italienreise im Mai 1787 geriet sein Schiff vor Capri in eine Flaute, und eben diese schöne Meeresstille wurde lebensbedrohlich. Denn das mangels Wind manövrierunfähige Segelschiff kam, wie Goethe später schrieb, in

»eine Strömung, die sich um die Insel bewegte und uns durch einen sonderbaren Wellenschlag so langsam als unwiderstehlich nach dem schroffen Felsen hinzog, wo uns auch nicht ein Fußbreit Vorsprung oder Bucht zur Rettung gegeben war.«

Auf dem Schiff erhob sich ein Aufruhr der Passagiere, Männer wollten dem Kapitän an die Kehle, Frauen warfen sich schreiend und betend zu Boden, ein viel zu kleines Rettungsboot wurde in höchster Not zu Wasser gelassen – als sich endlich, endlich ein lauer Wind erhob.

Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh ich das Land.

Einige Jahre nach der Uraufführung schickte Beethoven die Partitur der Kantate mit einer Widmung an den damals schon über siebzigjährigen Goethe. Der antwortete nicht. Er war krank. Das Stück hat er nie gehört. Wie schade! Er wäre gewiss begeistert gewesen von diesem vielschichtigen Doppelkunstwerk, in dem sich Musik und Wort am Ende zu einer wahrhaft glücklichen Fahrt vereinen.

Beethovens Musikstück ist HIER abrufbar.

Mein persönliches Glück wollte es im Jahre 2015, dass die damals zuständige Redakteurin des Deutschlandfunks die Idee hatte, mich mit einem kurzen Beitrag zum Goethegedicht und Beethovenstück für die Sendereihe »Kalenderblatt« zu beauftragen. Sie war eine der Mitarbeiterinnen des DLF, die für den kulturellen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks brannten. Es war mir ein Vergnügen, da mitmachen zu dürfen, und es ist bis heute eine Freude, daran zurückzudenken.

Meinen Beitrag kann man auf der Webseite des Deutschlandfunks unter dem Titel »KLANGFARBEN DER STILLE« nachlesen.

 

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