»Plagiatoren«. Ein Gedicht des Juristen und Lyrikers Alfred Lichtenstein (01.09.26)
Alfred Lichtenstein ist einer der weniger bekannten unter den zahlreichen deutschen Dichtern, die studierte Juristen waren. Lichtenstein kam 1889 in Berlin zur Welt, gehörte zum Umfeld der literarischen Expressionisten, war bekannt u. a. mit Gottfried Benn, Alfred Kerr, Franz Pfemfert und Kurt Pinthus. Lichtenstein studierte erst in Berlin, dann in Erlangen. In seiner Dissertation befasste er sich mit Grenzfragen zwischen Literatur und Recht. Der Titel seiner Doktorarbeit lautete: »Die rechtswidrige öffentliche Aufführung von Bühnenwerken.« Nach dem Rigorosum 1913 trat Alfred Lichtenstein – wie viele andere jüdische Bürger, die sich mehr gesellschaftliche Anerkennung wünschten – als Soldat in den freiwilligen Militärdienst ein. Er schrieb ein sarkastisches Gedicht mit dem Titel »Abschied«, in dem es u. a. heißt: »Am Himmel brennt das brave Abendrot. / Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.« Anfang August 1914 zog er nach Frankreich in den Kampf und fiel am 25. September desselben Jahres mit gerade einmal 25 Jahren in Vermandovillers a. d. Somme.
Eines der bekanntesten Gedichte von Alfred Lichtenstein heißt »Plagiatoren«. Es entstand im Jahre 1912 und zeigt, wie gründlich Lichtenstein über die Frage des geistigen Eigentums nachgedacht hat. Die heute verbreitete und auch dem geltenden Recht zugrunde liegende Sichtweise besagt in etwa, dass literarische Werke eigentumsrechtlich so ähnlich behandelt werden wie körperliche Gegenstände, obwohl bei immateriellen Gütern nie eindeutig festgestellt werden kann, wem was gehört: Keine Melodie, keine gelungene Redewendung, kein Bild ist jemals aus dem Nichts von einem genialen Schöpfer gemacht worden. Literatur hat wie die Sprache selbst ihre Quelle immer auch im Kollektiven, sowohl was die Formen als auch was die Inhalte betrifft. Jeder einzelne Mensch mit seinen Fähigkeiten, Fertigkeiten, Begabungen ist das Produkt seiner Geschichte und seines Umfeldes, seiner Vorfahren, Lehrerinnen, Freunde etc.
Die Plagiatoren
Ein jeder ist ein Teil vom Schicksal andrer,
Die vor ihm waren und die um ihn gehen,
Die auch nur einmal, eilge Weiterwandrer,
Den Weg ihm kreuzend, flüchtig bei ihm stehen.
Sie kommen, kommen ohne Zweck und Sinn,
Entfernen sich mit leichtem Wandrerschritt.
Sie bringen alle etwas zu ihm hin.
Sie nehmen alle etwas von ihm mit.
Eine kurze Biographie und eine ansehnliche Sammlung von Gedichten Alfred Lichtensteins findet sich bei → zeno.org.