Gottfried Benn (1886–1956): Was schlimm ist (01.06.26)
Gottfried Benn (1886–1956)
WAS SCHLIMM IST
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.
Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.
Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.
Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.
Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.
Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.
Immer, wenn die allgemeine oder persönliche Nachrichtenlage meine Laune verdüstert, kommt mir das oben abgedruckte Gedicht von Gottfried Benn in den Sinn. Man muss es nicht kommentieren oder in „Hölderlin-Verse“ einwickeln. Das Inkommensurable der beschriebenen Lebenssituationen und der schnoddrige Ton geben den Strophen eine Art tröstlicher Melancholie, die ihren Weg ganz leicht ins limbische System des Rezipienten findet. Dass Gottfried Benn – dem in der letzten Strophe aufscheinenden Wunsch entsprechend – tatsächlich im Sommer starb, nämlich am 7. Juli 1956, konnte er beim Schreiben des Gedichts im Jahr 1953 nicht wissen. Und dass sich hinter der Schlusszeile ein Trostwort des römischen Dichters Martial verbirgt, ist im Gedicht noch nicht einmal angedeutet: „Sit tibi terra levis“ – „Möge die Erde Dir leicht sein.“
Übrigens hatte schon Martial die Bitte um leichte Erde gelegentlich in einen satirischen Kontext gestellt: „Sit tibi terra levis mollique tegaris harena, /ne tua non possint eruere ossa canes.“ „Sei Dir die Erde leicht und hoffentlich wärmt Dich der Sand, / so graben die Hunde Deine Gebeine leichter aus.“ [1]
Der Text des Gedichtes folgt dem der Ausgabe „Gesammelte Gedichte“, 2. Auflage 1957, Limes-Verlag, Wiesbaden – Verlag der Arche, Zürich
Die Veröffentlichung auf dieser Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung der J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart. Vielen herzlichen Dank dafür!
[1] Hartmut Wulfram: Sit tibi terra levis. Eine Grabinschriftenformel in den Epigrammbüchern Martials;
October 2019 DOI:10.1515/9783110641042-004 LicenseCC BY-NC-ND 4.0 In book: Antike Texte und ihre Materialität (pp.45-66)