Der verliebte Federhalter (15.05.26)
Der italienische Dichter Guido Cavalcanti lebte von 1250 bis 1300 in Florenz. Er ist in Deutschland nicht übermäßig bekannt. In Italien genießt er beträchtlichen Ruhm, zumal Italo Calvino (1923 – 1985) große Stücke auf ihn hielt, unter anderem wegen eines Gedichts. Es ist ein klassisch gebautes Sonett und beinhaltet eine Liebeserklärung.
Das Besondere an dieser Liebeserklärung: Sie setzt an die Stelle der üblicherweise benutzten fiktiven Pose – der Liebende kniet, überreicht eine Blume oder singt zur Guitarre – die reale Situation des mit Feder, Tinte und Papier arbeitenden Verehrers. Das Bekenntnis wird nicht vom Verehrer selbst, sondern vom Schreib-Werkzeug ausgesprochen, das für Hand und Herz des verliebten Dichters einstehen muss, also – wir sind im 13. Jahrhundert – Feder, Federmesser, Schabemesser und das Papier. Sie bilden mit dem Liebenden gemeinsam die für ein Liebesgedicht übliche, wenn nicht unersetzliche Erste Person Singular.
Hier also zunächst der italienische Text des Gedichts, dann meine recht freie Übersetzung und ein Zitat aus den Bemerkungen von Italo Calvino:
Noi siàn le triste penne isbigotite,
le cesoiuzze e ‘l coltellin dolente,
ch’avemo scritte dolorsamente
quelle parole che vo’ avete udite.
Or vi diciàn perché noi siàn partite
e siàn venute a voi qui di presente:
la man che ci movea dice che sente
cose dubbiose nel core apparite;
le quali hanno destrutto sì costui
ed hannol posto sì presso a la morte,
ch’altro non v’è rimaso che sospiri.
Or vi preghiàn quanto possiàn più forte
che non sdegn[i]ate di tenerci noi
tanto ch’ un poco di pietà vi miri.
Bin leider nur ein trauriger, verwirrter Federhalter und trinke mir
Pro Tag ein halbes Fässchen Tinte. Das hieroglyphische Geschmier,
Das Du, verehrte schöne Dame, auf diesem raschelnden Papier
Hier liesest, soll bedeuten, was ich Dir sagen will: Wir vier,
Federhalter, Tinte, Schrift, Papier, wir haben einen Bund
Geschlossen, weil diese sonderbare Menschenhand,
Die sich und uns bewegt, um Dir die Botschaft kund
Zu tun, beim Schreiben so ein schmerzliches Gefühl empfand:
Es war ein Herzgewühl, schwindelerregend heiß und wild,
Das Herrn und Hand dem Tode nahe brachte. Wir litten
Sehr mit ihm und wollen Dich, Du schöner Traum, von Herzen bitten,
Du mögest doch die Hand des Herrn und auch ihn selbst befreien
Von seinen Qualen: Gestatte, dass wir Dir unser aller Leben weihen
Und bei Dir sein dürfen. Dann wäre unsre Sehnsucht ganz gestillt.
Italo Calvino schrieb dazu: Es ist ein Sonett, das fast in jedem Vers von Schmerz spricht und doch ist der Effekt, die Musik ein Allegro con brio von außergewöhnlicher Leichtigkeit. Mit diesen Versen eröffnet Guido Cavalcanti die moderne Dichtung. Er eröffnet sie und beschließt sie gleichzeitig. Nach ihm ziehen es die Dichter vor, zu vergessen, dass sie beim Schreiben schreiben und nichts anderes machen. Mehr als 300 Sonette lang gibt Petrarca vor zu glauben, er streife durch die freie Landschaft, leidend und bestürzt, während er in Wahrheit in seinem Studierzimmer sitzt mit der Katze auf den Knien. Und voller Befriedigung an seinen Versen feilt.