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»Du kannst genauso gut weiterleben«. Ein Gedicht von Dorothy Parker (15.09.26)

 

 

Die vorherrschende Stimmung im öffentlichen Diskurs scheint gegenwärtig zwischen Trostlosigkeit und aggressiver Negativität zu schwanken. Junge Erwachsene sind heute öfter unglücklich als früher, sagen Glücksforscher (https://www.interdependence.org/). Obwohl, wenn ich mich richtig erinnere, Kriegsangst in den 50er, 60er, 70er Jahren immer auf der Tagesordnung war. »Ei, ei, ei Korea – der Krieg kommt immer näher« – das war der Titel eines Straßen-Kinderliedes Anfang/Mitte der 50er Jahre, es tobte der Algerienkrieg, die Konfrontation zwischen Ost und West mit dem Mauerbau in Berlin, Vietnam, Kuba-Krise, 6-Tage-Krieg. Das machte Angst.

Eine amerikanische Dichterin, die unter den vielen Schrecken dieser Zeit ebenso litt wie unter den größeren und kleineren Katastrophen ihres Privatlebens, war Dorothy Parker (1897–1963). Sie war für ihre bitterbösen Sprüche bekannt. Über eine in ihren Augen missglückte Theateraufführung soll sie gesagt haben: »Wäre die Hauptdarstellerin nicht durch eine glückliche Fügung des Schicksals von einem Mitspieler erwürgt worden, hätte ich mich auf die Bühne gekämpft und die Sache selbst in die Hand genommen.«

Zwei oder drei Mal steigerte sich ihre Verzweiflung so sehr, dass Dorothy Parker versuchte, sich umzubringen. Es ging jedes Mal schief, und irgendwann gab sie den Gedanken auf. Gestorben ist sie eines natürlichen Todes (Herzinfarkt) in einem Apartment-Haus auf der Upper-East-Side in New York, 20 Minuten entfernt von der Gegend, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte.*

Dass sich hinter dem Sarkasmus des Gedichts nicht Resignation, sondern die realistische Einsicht verbarg, nicht nur im Leben, sondern auch beim Versuch, es vorzeitig zu beenden, könnten beachtenswerte Komplikationen auftreten, gibt der pragmatischen Schlusspointe des Gedichts eine vergleichsweise frohe Botschaft: Ein kompliziertes Leben ist immer noch interessanter als ein umständlicher und stinkender Tod.

Resumé**
By Dorothy Parker

Razors pain you;
Rivers are damp;
Acids stain you;
And drugs cause cramp.
Guns aren’t lawful;
Nooses give;
Gas smells awful;
You might as well live.

Résumé

Rasierklingen tun weh.
Flüsse sind übelst feucht.
Säure macht Flecken.
Von Tabletten kriegt man Krämpfe.
Pistolen sind verboten.
Stricke reißen.
Gas stinkt.
Da kannst Du genauso gut
Weiterleben.

* Näheres zu Dorothy Parker: https://dorothyparker.com/dorothy-parker-homes/the-volney

** Das Gedicht »résumé« ist nach Auskunft von NAACP vom 5. August 2026 in der Public Domain: Danke für die Hilfe an die Rechtsanwältin Quiana-Joy Ochiagha

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