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Liebe in Zeiten des Wiener Februaraufstands 1934. Franz Höllering und »Die Verteidiger« (15.10.26)

 

Mit Ulrich Fischer, dem Autor des untenstehenden Gastbeitrags, verbindet mich die Doppelleidenschaft für das Arbeitsrecht einerseits und die Literatur andererseits. Ulrich Fischer vertrat über Jahrzehnte hinweg als Rechtsanwalt so bedeutende Akteure wie zum Beispiel Claus Weselsky und die von ihm geführte traditionsreiche Gewerkschaft der Lokführer. Daneben gräbt Fischer seit vielen Jahren in der überreichen und spannungsvollen Literatur vor allem des ausgehenden Kaiserreichs und der hochlebendigen Zwanziger Jahre. Das von ihm soeben herausgegebene Werk stammt von Franz Höllering, einer mutigen Gestalt des journalistischen und literarischen Lebens im Berlin zu Beginn der 30er Jahre. Höllering war einer jener heute selten gewordenen Autoren, die mit juristisch geschultem Scharfblick, ausgeprägtem Sinn für Gerechtigkeit, Neigung zu politischem Engagement, journalistischer Schlagfertigkeit und einem präsenten Witz die Begabung des packenden Erzählens verbanden. Dass derart vielseitige und differenzierte Menschen wie Franz Höllering bei manchen bis zur Boshaftigkeit verbretterten Gemütern kaum Gnade finden – auch dies zeigt der untenstehende Beitrag.

Vielen herzlichen Dank, lieber Ulrich Fischer.

Liebe in Zeiten des Wiener Februaraufstands 1934. Franz Höllering und »Die Verteidiger«

Von Ulrich Fischer

Die gerade zu Ende gegangene Frankfurter Buchmesse 2026 hat es  wieder  bewiesen: an Büchern, an neuer Literatur mangelt es nicht. Böse Zungen meinen gar, Mangel bestehe eher auf Leserseite. Und dann kommt  ein Gastautor dieses Literaturblogs daher und will   einen von ihm ausgegrabenen, vergessenen Roman eines Autors, den niemand (mehr) kennt, zur Lektüre empfehlen.

Und doch: Gerade dieser im Bloguniversum recht solitäre Versammlungsplatz der überraschenden Blicke auch in vergangene literarische Welten, scheint mir geeignet, den einen Roman Franz Höllerings vorzustellen, der vor 100 Jahren zu den bekanntesten und markantesten Publizisten und Journalisten der auf ihren Untergang zu steuernden Weimarer Republik gehörte.

Höllering war, wie nicht wenige damals, aus Österreich in die auf dem Vulkan tanzende Metropole gekommen, wie Anton Kuh, Georg Fröschel, Vicky Baum, Arnold Schönberg, Billy Wilder. Und er war einer von den ebenso nicht wenigen, die ihr juristisches Studium abgeschlossen hatten, bevor sie sich dem Journalismus und der Schriftstellerei  zuwandten. Er war, fast möchte man sagen, natürlich, politisch links orientiert. Das hinderte weder den keineswegs linken Ullstein Verlag, dem gerade mal dreißigjährigen Höllering die Chefredaktion der damals größten Boulevardzeitung »BZ am Mittag« anzubieten, noch Höllering selbst – nach einem kurzen Intermezzo der Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht und dessen Umfeld – das Angebot von Ullstein anzunehmen.

Als Höllering Ende 1931 in seiner Zeitung die geheimen Aktivitäten der NSDAP zum Aufbau einer hitlerischen Flugzeugstaffel aufdeckte und so einen Aufschrei im rechten Lager provozierte, zog Ullstein seine schützende Hand hinweg. Höllering, der fast wie nebenbei  auch als Drehbuchautor reüssiert hatte, wurde durch Versetzung auf den New Yorker Korrespondentenposten aus dem Verkehr gezogen, »Appeasement« avant la lettre. Lange hielt er es dort nicht aus. Walter Steinthal, der heute auch völlig vergessene Publizist, Großdruckereieigentümer und vor allem Herausgeber und Chefredakteur der kleineren Konkurrentin der »BZ am Mittag«, des »12-Uhr-Blattes«, engagierte Höllering für seine Zeitung, weil er selbst – ein Hassobjekt Goebbels‘ – sich aus der Schusslinie bringen musste.

Kaum ein emblematischeres Datum für Höllerings Neuanfang in Berlin  lässt sich denken als der 30. Januar 1933. Als der Reichstag 4 Wochen später brannte, musste Höllering, der  am Vorabend der Reichstagswahl am 5. März noch eindringlich vor dem befürchteten Ergebnis warnte, die Stadt fluchtartig verlassen. Das Exil führte ihn über Prag nach New York. Mühsam war es dort Fuß zu fassen. Der ehemalige Drehbuchautor für die Ufa schrieb nun Filmkritiken. Und nur langsam konnte der Roman entstehen, der 1940 in den USA unter dem Titel  »The Defenders«  nicht nur in der deutschsprachige Exilantenszene, sondern auch beim amerikanischen Publikum relativ  erfolgreich war, bei seinem Erscheinen 1947 im Nachkriegseuropa jedoch keinerlei Beachtung fand, und der jetzt wieder zugänglich geworden ist. Die Handlung konzentriert sich auf den Februar 1934 in Wien, als der von der SPÖ nolens volens ausgerufene Aufstand gegen die autoritäre Dollfuss-Regierung im Kugelhagel scheiterte.

Vor diesem dramatischen Szenario gestaltet Höllering eine Dreiecksgeschichte, ohne jede kolportagehafte Anmutung, ohne Abgleiten ins billige Seichte. Für die Zeit erstaunlich modern in Stil und Ausdruck, mit mikroskopisch genauer Schilderung der sozialen Herkünfte der Protagonisten, die nicht als blutleere ideologische Sprechpuppen, sondern als in die politischen Wirren verstrickte Individuen gezeichnet werden. Nichts ist schwarz/weiß. Und so entsteht aus der Feder eines Emigranten, fern seiner Heimat, ein auch heute noch beeindruckendes, spannendes Bild des Orts, der Zeit und  der persönlichen und politischen Tragik  für die Menschen darin. Es muss nicht immer »das Neue vom Tage« sein, so der Titel von Paul Hindemiths damaliger Zeitoper, was die Lektüre lohnt. Parallelen, Vergleiche stellen sich dann ganz von allein ein.

Franz Hoellering, Ulrich Fischer (Hg.):
Die Verteidiger.
Herausgegeben von Ulrich Fischer.
Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft Wien 2026.
406 Seiten
ISBN 978-3-903522-23-7
30 Euro

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