Vor 250 Jahren: Goethe kommt nach Weimar (15.11.25)
Wer in diesem Jahr nach Weimar reist, wird noch mehr, als es auch sonst geschieht, mit Goethe „bombardiert“. Der Grund ist, dass Johann Wolfgang Goethe im November 1775 zum ersten Mal nach Weimar kam und damit den Ruhm der Stadt begründete. Er war damals so jung wie Nico Schlotterbeck oder Kai Havertz heute, nämlich 26 Jahre alt. Und – wie die beiden Fußballer – war auch Goethe schon als junger Mann europaweit berühmt.
Ich habe zum 245. Jahrestag der Ankunft Goethes in Weimar für den Deutschlandfunk ein „Kalenderblatt“ geschrieben, das unten wiedergegeben ist. Mein Interviewpartner war der damalige Präsident der Klassikstiftung Hellmut Seemann. Die Sendung kann man bei youtube hören: https://www.youtube.com/watch?v=LbgfbBa2mmc.
Autor:
Als der 26 jährige Johann Wolfgang Goethe am 7. November 1775 morgens um 5 Uhr in Weimar aus der Kutsche stieg, dürfte er sich gewundert haben. Die dunklen Straßen, auf die der Frankfurter Bürgersohn seinen Fuß setzte, waren mit Mist und Morast bedeckt, Hühner liefen herum und das Schloss ragte als Brandruine in den Nachthimmel. Was um alles in der Welt hatte den Rechtsanwalt und genialen Dichter hierhin verschlagen? Der langjährige Präsident der Klassikstiftung Weimar Hellmut Seemann:
O-Ton Hellmut Seemann:
„Dieser Gang nach Weimar ist ja von vielen Goethe immer wieder vorgeworfen worden. Sowas macht man nicht als Nationaldichter der Deutschen, einfach in so ne Provinzresidenzstadt zu gehen.“
Autor:
Angefangen hatte es im Dezember 1774. Die jungen Weimarer Prinzen Carl August und Constantin machten auf einer Reise Station in Frankfurt am Main. Ihr Erzieher, Carl Ludwig von Knebel, Offizier mit literarischen Neigungen, wollte den berühmten Goethe kennenlernen und besuchte ihn unangemeldet. Goethe war überrascht.
O-Ton Hellmut Seemann:
„Ich glaube, bei diesem ursprünglichen ersten Treffen Dezember 1774 hat Goethe nur das, was er immer hat: Neugier … Er hat Lust zu leben, Lust zu reisen, Menschen kennen zu lernen … und deshalb lässt er sich mit Lust ablenken …“
Autor:
Goethe und Knebel sind einander auf Anhieb sympathisch. Man verabredet sich zum Mittagessen mit den beiden Prinzen und ihrer Begleitung in einem Gasthof. .
O-Ton Hellmut Seemann:
„Als er da ankommt, sieht er, das sind nicht nur wohlerzogene und interessierte … Menschen, die er da antrifft, sondern offenbar auch Leute, die Bücher lesen. Denn auf dem Tisch liegt – noch unaufgeschnitten – der Band „Patriotische Phantasien“.
Autor:
Die „Patriotischen Phantasien“ waren ein damals berühmtes rechtspolitisches Werk: Ein Lob der deutschen Kleinstaaten, die aufgrund der Nähe zwischen Volk und Herrschern besser und humaner als zentralistische Länder zu regieren seien. Goethe kannte das Buch und glänzte mit einem spontanen Kurzreferat.
O-Ton Hellmut Seemann:
„Und das finden die interessant, weil sie plötzlich denken: Der könnte ja tatsächlich auch ganz andere Aufgaben in einem kleinen Fürstentum wahrnehmen als nur der Star, das schriftstellerische Glanzlicht eines Hofes zu sein.“
Autor:
In diesem Augenblick gewann ein Experiment Konturen: Könnte Goethe nicht dem Weimarer Hof zugleich als Schriftsteller und Politiker dienen? Für Goethe ein anziehender Gedanke, denn er hatte auch ganz persönliche Gründe, Frankfurt zu verlassen. Liebeskummer zum Beispiel. Und: Der Vater nervte.
O-Ton Hellmut Seemann:
„1774 ist Goethe ein berühmter Mann. Sitzt aber bei seinem Vater im Haus. Und der Vater ist auch genau der Typ, der zweimal am Tag sagt: So lange Du Deine Füße unter meinen Tisch setzt, hast Du mir bitte jetzt zu sagen, wo Du jetzt grade hingehst.“
Autor:
Im Laufe des Jahres 1775 verfestigten sich die Weimar-Pläne, schienen dann in letzter Minute fehlzuschlagen, bis Goethe doch noch nach einer rasanten mehrtägigen Kutschfahrt in Weimar landete. Rasch war er hier ein Herz und eine Seele mit dem jungen Herzog Carl August. Man jagte und feierte, Goethe wurde zum Minister befördert – verstummte allerdings vorerst als Dichter.
O-Ton Hellmut Seemann:
„Das Experiment Schriftsteller zu sein und Politiker ist aus dieser Sicht nicht aufgegangen.“
Autor:
Immerhin: Goethe sanierte den überschuldeten Haushalt des Herzogtums und zog weitere Schriftsteller und Intellektuelle in das Fürstentum. Und ab Mitte der 80er Jahre schrieb er wieder: All die Dramen, Romane und Gedichte, die heute zum Kern dessen zählen, was man die Weimarer Klassik nennt.
O-Ton Hellmut Seemann:
„Eigentlich müsste Weimar den 7. November als seinen Festtag feiern. Denn wäre Goethe nicht nach Weimar gekommen, wäre diese Stadt um ein entscheidendes Asset, wie man heute sagt, entreichert.“
Autor:
Und die traditionell zersiedelte deutsche Literaturlandschaft gewann in Goethes Weimar zum ersten Mal ein Zentrum, das seinen Glanz bis heute bewahrt.