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Gottes Blaue Periode (01.11.25)

 

Dass in Griechenland die Farbe Blau eine besondere Rolle spielt, sieht man schon an der Nationalflagge: Der blaue Grund mit weißem Kreuz ist ein Hinweis auf den christlich-orthodoxen Glauben. Und zugleich stehen die fünf blauen und vier weißen Streifen für die neun Silben des stolzen Wahlspruchs: Eleftheria i Thanatos – Freiheit oder Tod, manche sagen auch: Orthodoxia i Thanatos, Rechtgläubigkeit oder Tod. Wie auch immer: Die Vorherrschaft der Farbe Blau und des orthodoxen Glaubens ist unangefochten.

Das sieht man auch den unzähligen kleinen Küstenstädten  auf der Peloponnes an: Türen, Fensterrahmen, Bänke, Stühle, Mauerwände – vieles ist blau angestrichen. Und an Kirchen, Weihrauch und rituellem Gotteslob ist kein Mangel. Die Majestät von Meer und Himmel hat ihre eigene Bläue,  besonders der Himmel, von dem wir uns das Blaue immer wieder versprechen. Und woher kommt das Blau?

Naturwissenschaftliche Erklärungen besagen: Die blauen Lichtwellen sind kürzer und stoßen öfter mit den Luftmolekülen zusammen. Viel interessanter ist aber die poetische Erklärung, die der griechische Dichter Odysseas Elytis nach langem und tiefem Denken herausgefunden hat. In einem Ein-Satz-Gedicht hat er das Ergebnis in die Form eines kurzen Gebets gebracht. Es lautet so

„Θεέ μου, πόσο μπλε ξοδεύεις για να μη σε βλέπουμε…“

„Mein Gott, wieviel Blau hast Du verschwendet, nur, damit wir Dich nicht sehen!“

Der Satz steht auch auf der Rückseite einer blau lackierten Bank, die wir am Hafen des Städtchens Koroni in der Nähe von Pylos entdeckten. Wenn man dem Satz glaubt, dann ist der Gott, der im Himmel zu Hause ist, einer, der sich gern versteckt. Das passt zu der auch in der griechischen Orthodoxie vertretenen Glaubensrichtung, die im christlichen Gott die großen Geheimnisse des Lebens verkörpert sieht: Ein Gott, der sich verbirgt. Er nutzt das Blau, um ungesehen zu bleiben. Was zugleich bedeutet, dass er gesucht zu werden wünscht: In der Schönheit der Welt. Er will erkannt werden, aber nicht auf den ersten Blick, man soll sich Mühe geben müssen, um ihn zu entdecken. Er verbringt viel Zeit damit, seine Nichtexistenz vorzutäuschen. Deshalb hat er den Himmel so unglaublich schön blau angemalt und tut es immer wieder. Er verbirgt sich, indem er sich zeigt.

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