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Ein zweieinhalb tausend Jahre alter Appell an die Mächtigen (I) – Hesiod: Werke und Tage (Verse 213–285)

 

Die Neigung mancher Herrscher, ihre Lügen und Schandtaten nicht einmal versuchsweise zu verbergen, sondern sich im Gegenteil mit ihnen zu brüsten, ist bemerkenswert und für viele beängstigend. Man hört allerdings auch die Meinung, es gehe schließlich um Macht, und für die Machterhaltung seien Gesetzestreue und Gerechtigkeit noch nie hilfreich gewesen: Macht, so der Gedanke dahinter, sei Recht genug.

Eines der ältesten Zeugnisse der menschlichen Sehnsucht nach wirklicher Gerechtigkeit stammt aus der Zeit um 700 vor Christus. Geschrieben hat es der griechische Dichter Hesiod, der aus einem Bauernhaushalt stammte. In seinem Langgedicht »Werke und Tage« (Ἔργα καὶ ἡμέραι“) wendet er sich an seinen Bruder Perses. Der hatte ihn, so behauptet Hesiod, in einem Erbschaftsstreit hintergangen und dabei einen Richter bestochen. Seinem Bruder hält Hesiod in »Werke und Tage« eine rasante, nach Bauernart geerdete Gardinenpredigt. Sie umfasst neben harschen Zurechtweisungen auch moralische Appelle an damals führende Politiker und Richter. Es sind Mahnungen, die bis heute nachhaltigen Einfluss auf die Rechtsphilosophie haben, wie man z.B. bei Gustav Radbruch (1878–1949), Ernst Cassirer (1874–1945) und Matthias Mahlmann (*1966) nachlesen kann. Ihre Aussagekraft haben die Appelle deshalb behalten, weil ihnen ein  Gerechtigkeitsbegriff zugrunde liegt, der an die Stelle des »Rechts des Stärkeren« die Überzeugungsstärke und soziale Bindungskraft moralischen und für alle gültigen Rechts setzt. Hesiod war der Meinung, dass sich Ungerechtigkeit auch für die Ungerechten niemals lohnt. Zum einen könne der Ungerechte, wenn ihm selbst Unrecht widerfahre, nicht glaubwürdig und wirksam aufs Recht pochen: Er setze sich also selbst der Willkür aus, wenn er sie gegen andere anwende. Zweitens gebe es immer wieder Phasen, in denen die Freunde der Gerechtigkeit sich – gleichsam wie ein heilsamer Nebel –  ausbreiteten und das Unrecht in die Enge trieben (z.B. das amerikanische Civil Rights Movement oder auch die Gelbwesten-Proteste).

Hesiods Gedicht ist 828 Verse lang. Es ist im klassischen Hexameter geschrieben. Die Botschaft Hesiods an die Mächtigen seiner Zeit konzentriert sich auf die Verse 213–285, die ich mit einiger Freiheit übersetzt habe. Ich habe versucht, den Text so zu fassen, dass er gut verständlich ist und ein wenig von der Poesie des griechischen Originals durchschimmert. Eine versgetreue Nachdichtung und den griechischen Originaltext findet man unter www.gottwein.de/Grie/hes/erggr.php im Internet.

Oh Ihr regierenden Häupter! Überlegt Euch gut, was Ihr tut und achtet
Das Recht! Denn die unsterblichen Götter sind näher bei Euch als Ihr
Denkt. Nichts bleibt Ihnen verborgen. Schon gar nicht, wenn mächtige
Herrscher einander verfolgen mit Lügengespinsten und krummen
Gerichtsurteilen und einander das Leben zur Hölle machen, das Auge
Der Götter nicht scheuend! Wisst Ihr denn nicht, dass dreißigtausend
Göttliche, unsterbliche Wächter, als Nebelschwaden verkleidet, immer
Hierhin und dorthin ziehend über den Rücken der Erde, alle Verstöße
Gegen Recht und Gesetz beobachten und mit scharfen Augen
Verfolgen. Ihnen hilft die jungfräuliche Göttin der guten Gesetze,
Dike, Tochter des Zeus, die ihren ständigen Wohnsitz hat auf dem
Olymp. Wenn jemand wagt, sie zu verletzen, oder einer beleidigt sie mit
Hässlichen Reden, dann setzt sie sich zu ihrem Vater Zeus und
Entlarvt das boshafte Tun und Trachten der rechtsvergessenen
Menschen. So sorgt sie dafür, dass nicht nur der Übeltäter allein,
Sondern sein ganzes Volk dafür büßt, dass seine boshaften Herrscher
Schurken sind und das Recht nach Kräften krümmen und brechen.
Hütet Euch vor dem Unrecht, Ihr hohen Herren, sprecht nur wahre
Worte, urteilt gerecht! Aber Ihr haltet die Hände auf, Ihr seid für
Geschenke empfänglich. Hört endlich auf damit! Geht den geraden Weg,
Nicht den krummen. Denn es ist ja doch so: Wer anderen Schaden
Bereitet, schadet am meisten sich selbst. Mit seinem schlechten
Urteil verurteilt der Schlechte sich selbst. Und denkt daran: Zeus
Sieht alles und weiß genau, wie es in dieser Stadt um das Recht steht.

Fortsetzung folgt

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