Jean Moreas: Stances (15.02.26)
Sag nicht: »Leben ist nichts als Feiern und Prassen.«
So redet die niedere Seele und der alberne Geist.
Vor allem sag niemals, daß Leben nur endloses Unglück heißt.
So reden Feiglinge, wenn sie sich gehen lassen.
Lach wie die jungen Zweige im Frühling: Erzitter,
Heul wie der Nordwind, zerfließ wie Wasser am Ufersaum,
Genieß alle Freuden, durchleide die Qualen, sei heiter, sei bitter
Und sag: Leben ist viel, es ist – eines Schattens Traum.
Der Autor dieser Zeilen, Jean Moreas, hieß eigentlich Ioannis Papadiamantopoulos: Er wurde am 15.4.1856 in Athen geboren und lebte meist in Frankreich, wo er 1910 starb. Im September 1886 veröffentlichte er im Pariser Figaro ein Dokument, das nach Auffassung vieler Literaturwissenschaftler sehr wichtig für die Entwicklung der Lyrik und der Malerei war, das Manifest des Symbolismus. Im September 1891 veröffentlichte er erneut ein wichtiges Dokument der Literaturgeschichte, nämlich das Manifest des Antisymbolismus. Danach schrieb er bis zu seinem Tode keine wichtigen Dokumente mehr, sondern nur noch Gedichte; darüber zu streiten, ob man sie symbolistisch oder antisymbolistisch nennen sollte, wäre wahrscheinlich aus kulturhistorischer, anthropologischer, sozialpsychologischer, literaturgeologischer usf. Sicht sehr wichtig; allerdings scheint Jean Moreas, als er seine Gedichte schrieb, die wichtigen Fragen, ja vielleicht die Wichtigkeit selbst nicht mehr für wichtig gehalten zu haben; er hielt sich lieber mit unbegreiflich einfachen Dingen auf, wie Schatten und Angst, Lachen, Tod, den Launen des Winds, der Meere und Monde und des Zustands L…. Hier noch die französische Fassung des Gedichts, dessen obenstehende Übersetzung von mir stammt. Mit dem heute wenig geläufigen, aus dem Italienischen entlehnten Wort Stanze (französisch: „stance“) ist ein regelmäßig gebautes Gedicht einfachen und lehrhaften Inhalts bezeichnet.
Jean Moreas: Stance
Ne dites pas: la vie est un joyeux festin ;
Ou c’est d’un esprit sot ou c’est d’une âme basse.
Surtout ne dites point : elle est malheur sans fin ;
C’est d’un mauvais courage et qui trop tôt se lasse.
Riez comme au printemps s’agitent les rameaux,
Pleurez comme la bise ou le flot sur la grève,
Goûtez tous les plaisirs et souffrez tous les maux ;
Et dites : c’est beaucoup et c’est l’ombre d’un rêve.