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Jena im Tale. Gottfried Benn und eine Ansichtskarte (01.08.26)

 

 

Der Berliner Arzt und Lyriker Gottfried Benn (1889–1956) hat sich eher selten mit Thüringen beschäftigt. Anfang der 1940er Jahre litt er wohl an einer Depression und weilte zur Kur ausgerechnet in Friedrichroda, wo es nach seinem Bekunden nur „Berge, Blicke und greuliche Einwohner gab“.*

Jahre zuvor hatte Benn in einem von ihm selbst als „mieses Poem“ bezeichneten Gedicht der Stadt Jena gedacht. In Wahrheit ist das kurze, 1926 entstandene Gedicht alles andere als mies, wenn auch für Benns Verhältnisse ein wenig sentimental – gemessen an der düsteren Schnoddrigkeit großer Teile seiner Lyrik.

In den kurzen Versen des Gedichts „Jena“ erinnert sich Benn daran, dass ihm seine Mutter, die aus der französischen Schweiz stammte, einst eine eher schlichte Ansichtskarte aus Jena geschickt hatte. Vielleicht sollte man hinzusetzen, dass Benn ein sehr liebevolles Verhältnis zu seiner Mutter hatte, was in dem Gedicht –  wenn auch nur dezent – durchschimmert. Sie brachte ihren Sohn Gottfried mit 18 Jahren zur Welt, war von fröhlicher Art, keine Intellektuelle, sie hatte einen unkomplizierten Begriff von Schönheit und sprach Deutsch mit französischem Akzent. Stellt man in Rechnung, dass auch etwas abgebrauchte deutsche Redewendungen, wenn sie mit französischem Zungenschlag ausgesprochen werden, einen überraschend liebenswürdigen Klang annehmen können, so wird man sich leicht vorstellen können, welchen Reiz die Postkartenlyrik der Mutter auf das sprachsensible Ohr des Sohnes ausgeübt haben mag.

Die im Gedicht erwähnte Ansichtskarte hatte Mutter Benn jedenfalls mit den süßlich klingenden Worten „Jena vor uns im lieblichen Tale“ geschmückt. Für ihren Sohn müssen diese Zeilen vor dem oben beschriebenen Hintergrund regelrecht rührend geklungen haben. Und noch etwas hat ihn vielleicht bewegt: Seine  Mutter war mit Anfang 50 an Brustkrebs erkrankt und musste schreckliche Schmerzen ertragen. Den Wunsch des damals schon als Arzt approbierten Sohnes Gottfried, ihre Leiden mit Morphium zu mildern, wies der Vater, ein brutal konservativer evangelischer Pfarrer, zurück und zwang seine Frau bis zum bitteren Ende zu leiden.

Gottfried Benn

Jena

„Jena vor uns im lieblichen Tale“
schrieb meine Mutter von einer Tour
auf einer Karte vom Ufer der Saale,
sie war in Kösen im Sommer zur Kur;
nun längst vergessen, erloschen die Ahne,
selbst ihre Handschrift: Graphologie,
Jahre des Werdens, Jahre der Wahne,
nur diese Worte vergesse ich nie.

Es war kein berühmtes Bild, keine Klasse,
für lieblich sah man wenig blühn,
schlechtes Papier, keine holzfreie Masse,
auch waren die Berge nicht rebengrün,
doch kam man vom Lande, von kleinen Hütten,
so waren die Täler wohl lieblich und schön,
man brauchte nicht Farbdruck, man brauchte nicht Bütten,
man glaubte, auch andere würden es sehn.

Es war wohl ein Wort von hoher Warte,
ein Ausruf hatte die Hand geführt,
sie bat den Kellner um eine Karte,
so hatte die Landschaft sie berührt,
und doch – wie oben – erlosch die Ahne
und das gilt allen und auch für den,
die – Jahre des Werdens, Jahre der Wahne −
heute die Stadt im Tale sehn.“

*
Näheres zu Gottfried Benn und Thüringen: Romina Nikolic/Jan-Volker Röhnert in https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/nur-berge-u-blicke-u-greuliche-einwohner-gottfried-benn-in-friedrichroda/?highlight=Gottfried%20Benn

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Bei planetlyrik.de findet sich die Originalaufnahme einer Lesung des Gedichts „Jena“ von Gottfried Benn mit äußerst lesenswerten Erläuterungen von Peter D. Krause – https://www.planetlyrik.de/peter-d-krause-zu-gottfried-benns-gedicht-jena/2019/10/

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Die Veröffentlichung des Gedichts geschieht mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlags. Vielen Dank dafür!

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