John Keats nachträglich zum 205. Geburtstag* – Ruhm ist launisch (15.06.26)
Dass die meisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf die Frage, warum sie Gedichte schreiben, alles Mögliche anführen, z.B. weil es ihr Körper braucht, weil Dichten Sauerstoff produziert, weil die Natur Lyrik zum Überleben braucht, weil man damit für Geschlechtergerechtigkeit oder für Frieden oder sonstige Ziele werben möchte bis zu der Behauptung, man strebe eine neue Ästhetik des Substrukturalismus an, man wolle ein Loch in die Zeit brennen und das Dichten mache einfach ganz ganz wahnsinnigen Spaß usf. – aber eine eigentlich naheliegende Antwort wird so gut wie nie gegeben, was darauf schließen lässt, dass diese eine Antwort die Wahrheit auf ihrer Seite weiß: Man dichtet aus Ehrgeiz – man will berühmt werden, berühmter als andere. Das ist ein herkunfts- und geschlechtsübergreifend herrschendes Motiv und es ist nichts Ehrenrühriges daran, geehrt werden zu wollen. Die alten Griechen ließen bei ihren olympischen und anderen Wettspielen nicht nur athletische Koryphäen zu, sondern auch Sänger, Gerichtsredner und Lyriker, Bildhauer und Musiker. Eigentlich ging es neben ein paar Preisgeldern oder anderen materiellen Vorteilen nahezu ausschließlich um Ruhm. Das galt nicht als verwerflich. Auch John Keats (1795–1821) sah das so, er hat um Ruhm gekämpft. Hier ist sein Sonett Nr. 57, in dem er verrät, wie man sein Ziel (vielleicht) erreicht. Nämlich, indem man es gerade so macht, wie es auch heute meistens geschieht: Man tut, als ob einen die Berühmtheit nichts anginge.
Sonett 57
Berühmtheit ist ein stures Mädchen und sie scheut
alle, die vor ihr auf die Knie gehen, wie Sklaven,
indes sie sich mit Wonne und mit Lust erfreut
an einem träumerischen absichtslosen Knaben.
Eine Zigeunerin ist sie und mag nicht reden
mit dem, der immer seufzt und sagt, wie soll ich leben
ohne Dich!? Kalt wie ein Stein, stört es sie nicht,
was man im Stillen Schlimmes von ihr flüstert oder spricht.
Ja, ein Zigeunermädchen ist sie, und sehr weit
entfernt am Nil geboren, voll Eifersucht wie Potiphar**.
Ihr Dichter! Gebt ihr Hohn für Hohn und bar für bar!
Ihr liebeskranken Sänger! Ihr Verrückten, die ihr seid!
Verbeuget Euch und sagt: »Ich brauch Dich nicht! Hau ab!« Nur dann –
Und wenn sie Lust hat, folgt sie euch, nur dann!
Sonett 57
Fame, like a wayward girl, will still be coy
To those who woo her with too slavish knees,
But makes surrender to some thoughtless boy,
And dotes the more upon a heart at ease;
She is a Gipsey,—will not speak to those
Who have not learnt to be content without her;
A Jilt, whose ear was never whisper’d close,
Who thinks they scandal her who talk about her;
A very Gipsey is she, Nilus-born,
Sister-in-law to jealous Potiphar;
Ye love-sick Bards! repay her scorn for scorn;
Ye Artists lovelorn! madmen that ye are!
Make your best bow to her and bid adieu,
Then, if she likes it, she will follow you.
* Kalenderblatt zum 200. Geburtstag vom 23. Februar 2021 abrufbar bei YouTube.
** Potiphar war ein hoher ägyptischer Beamter, der Jakobs Sohn Joseph als Sklaven kaufte. Die Frau des Potiphar verliebte sich in Josef und wollte ihn verführen. Josef ließ sie abblitzen, woraufhin sie Joseph der sexuellen Belästigung bezichtigte. Potiphar glaubte ihr und ließ Joseph ins Gefängnis werfen.
*** Das Wort »gipsey« anders als durch »Zigeuner« zu übersetzen oder ganz wegzulassen, würde den Sinngehalt und die Poesie des historischen Wortlauts stören. Bestätigt sehe ich mich durch den Kölner Musiker Markus Reinhardt. Er ist ein Großneffe des Franzosen Django Reinhardt, der als Begründer des europäischen Jazz gilt. Markus Reinhardt bezeichnet sich selbst als »deutschen Zigeuner«, die Wortwahl »Sinti und Roma« findet er persönlich politisch überkorrekt. Kölner Stadtanzeiger vom 31. Januar 2024.