Khalil Gibran: Deine Kinder sind nicht Deine Kinder (01.02.26)
Deine Kinder sind nicht Deine Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Du hast sie gezeugt, aber nicht geschaffen. Sie sind Dir nah, aber sie gehören Dir nicht. Du kannst ihnen Deine Liebe geben, aber nicht Dein Denken. Sie haben ihre eigenen Gedanken. Du kannst ihren Körpern ein Zuhause geben, aber nicht ihren Seelen. Denn ihre Seelen leben im Haus der Zukunft. Da kommst Du nicht rein, nicht mal im Traum. Du kannst versuchen, wie sie zu sein, aber versuche nicht, sie Dir ähnlich zu machen. Denn das Leben geht keinen Schritt zurück. Es macht keine Pausen in der Vergangenheit. Du bist der Bogen, von dem Deine Kinder als lebendige Pfeile in die Zukunft fliegen. Der Schütze hat die Zielmarke auf dem Weg ins Unendliche im Blick. Und er gibt Dir, dem Bogen, die richtige Spannung und Kraft, damit die Pfeile schnell und weit fliegen. Beuge Dich dem Schützen mit Freude. Denn ebenso wie er den fliegenden Pfeil liebt, liebt er auch den stabilen Bogen.
Your children are not your children. They are the sons and daughters of Life’s longing for itself. They come through you but not from you, And though they are with you, yet they belong not to you. You may give them your love but not your thoughts, For they have their own thoughts. You may house their bodies but not their souls, For their souls dwell in the house of tomorrow, which you cannot visit, not even in your dreams. You may strive to be like them, but seek not to make them like you. For life goes not backward nor tarries with yesterday. You are the bows from which your children as living arrows are sent forth. The Archer sees the mark upon the path of the infinite, and He bends you with His might that His arrows may go swift and far. Let your bending in the Archer’s hand be for gladness; for even as He loves the arrow that flies, so He loves also the bow that is stable.
Khalil Gibran wurde am 6. Januar 1883 in Bischarri – heute Libanon – geboren, wanderte mit seiner Mutter in die USA aus, machte sich als Dichter, Philosoph und bildender Künstler einen Namen und starb am 10. April 1931 in New York City.