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Künstliche Dummheit vs. Natürliche Intelligenz? Mit einer Zeichnung von Walter Sachs (01.03.26)

 

Am 4. Oktober 2025  erschien in der französischen Zeitung Le Monde das Protokoll eines Gesprächs über Künstliche Intelligenz. Die Journalisten Marion Dupont und Pascal Riché legten der Philosophin Anne Alombert (AA) und dem Unternehmer Jonathan Bourguignon (JB) verschiedene Fragen vor.

Anne Alombert wurde mit einigen Büchern zum  KI-Thema bekannt, das letzte erschien Anfang 2025 und trägt den Titel: De la bêtise artificielle: Pour une politique des technologies numériques – Über Künstliche Dummheit (KD). Für eine Politik der digitalen Technologien.

Jonathan Bourguignon bietet mit seiner Start-Up-Agentur Hilfe für Klein-Unternehmen an, die sich mit Künstlicher Intelligenz stärken wollen.  2021 erschien sein Buch: Internet, année zéro: De la Silicon Valley à la Chine, naissance et mutations du réseau. Jahr Null des Internets – Vom Silicon Valley nach China, Anfang und Veränderungen im Netz.

KI – ein altes Problem im neuen Gewand?

Erste Frage: Ob wir es bei der Skepsis gegenüber KI mit einem seit Erfindung der Schrift und des Buchdrucks bekannten Phänomen zu tun haben, nämlich den üblichen Ressentiments gegenüber neuen Kulturtechniken?

JB bejaht die Frage grundsätzlich. Er erinnert daran, dass bei Erscheinen der ersten Taschenbücher in Frankreich 1953 viele Intellektuelle vor einer Überflutung des Buchmarktes mit Schundliteratur warnten. Hinter der Aversion gegen neue Kultur-Techniken – von der Schrift bis zum Fernsehen – stehe oft die Angst der Gebildeten um ihren Sonderstatus. Sie fühlen sich enteignet, weil ihre Fähigkeiten heute schneller, besser und billiger von datenfressenden Automaten zur Verfügung gestellt werden.

AA sieht die Sache kritischer: Alle jeweils neuen Kulturtechniken führten zu einer Delegierung menschlicher Kompetenzen: Durch Schrift und Buch lagern wir unser Gedächtnis aus, mit Photographie, Phonographie, Fernsehen die Erinnerung an Töne und Bilder, mit dem Kino die bildliche Phantasie und mit den Empfehlungsalgorithmen der KI die Fähigkeit zur Bewertung und Entscheidung. Wenn wir Briefe und Reden von KI schreiben lassen,  delegieren wir unser persönliches Ausdrucksvermögen.

Zweite Frage: Ob das KI-generierte Denken nahe am menschlichen Denken ist?

AA distanziert sich von der Vorstellung, Denken sei eine Tätigkeit des Gehirns, die man auf logische Operationen einer Maschine reduzieren könne. Es gebe immer unberechenbare Gefühlsanteile beim menschlichen Denken. Was die Maschine mache, sei reines Rechnen und damit etwas gänzlich anderes. Menschen mit diesen Maschinen zu vergleichen sei völlig falsch: Als würde man fragen, ob ein mit einem Gedicht beschriebenes Blatt Papier sich an das Gedicht erinnere. KI-Maschinen, so AA, denken nicht, sie konditionieren die Art, wie wir denken.

JB ist anderer Meinung. Er erklärt, dass und wie KI-Maschinen trainiert werden: Eben nicht nur auf Inhalte, sondern auch auf einen Umgangston der Höflichkeit, Ruhe, ein gewisses Ethos im Sprachgebrauch. Durch das Training erwerbe die KI so etwas wie Künstlichen Instinkt. Eine Maschine denke zwar nicht im menschlichen Sinne, sei aber in der Lage, sprachliche Sinnstrukturen herzustellen, die man als Gedanken bezeichnen dürfe.

Die Brille für die virtuelle Realität und der Apfel vom Baumder ...

»Die Brille für die virtuelle Realität und der Apfel vom Baum der …«

Dritte Frage: Was ist Künstlicher Instinkt?

JB sagt, der menschliche Instinkt sei dadurch gekennzeichnet, dass er durch eine Vielzahl gleichartiger Erfahrungen beim Auftauchen eines neuen ähnlichen Problems gewissermaßen automatisch, jedenfalls ohne bewusste Denkoperationen, die Fähigkeit habe, in entsprechenden Situationen richtig zu reagieren. Die KI tue im Prinzip Ähnliches.

AA  stimmt dem zu, sieht aber einen fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Maschine: Der Mensch sei, anders als die Maschine, frei, aus dem Automatismus auszubrechen und kontraalgorithmisch zu handeln. Eben das könne KI nicht aus eigener Kraft. Sie sei gerade nicht frei, etwas  Neues aus alten Kalkülen zu machen. Dass die KI inzwischen komplizierte Spiele besser beherrsche als Menschen, wie der 2016 errungene Sieg der KI Alpha-GO gegen Lee Sedol, den menschlichen Weltmeister im GO-Spiel zeige, sei  kein Beweis für kreatives Denken der KI. Die KI habe kein neues Spiel erfunden und keinen neuen Spielzug: Alle denkbaren Züge sind im Algorithmus enthalten. Die KI kann nur schneller rechnen als ein Mensch.  KI sei stets so intelligent, wie der Mensch sie mache. Wenn wir sie mit Dummheit füttern, sagt AA, wird sie dumm sein. Die große Gefahr der KI bestehe darin, dass sie die menschliche Gaben der Kombination, Innovation, Imagination und der freien Entscheidung verkümmern lasse: Es komme auf den Umgang mit der KI an – auch darauf, wem sie gehört, wem sie dient und wer sie womit füttert. Das sei eine politische Frage, die nach ethischen Gesichtspunkten von der Politik, nicht von der Industrie entschieden werden müsse. JB  glaubt, dass KI auch Verbesserungen für den Menschen bringen kann. Er verweist auf eine Studie über die ersten drei Jahre von ChatGPT: Sie zeige die Nützlichkeit der Maschine, vor allem für Textredaktion (24 vH), Informationsbeschaffung (24 vH) und Lösung beruflicher oder privater Probleme (29 vH). Wer eine Recherche mit ChatGPT mache, sei keineswegs passiv. Wenn man eine Frage stelle, bitte ChatGPT oft um Präzisierung. ChtGPT lehre also, ein Problem gut darzustellen: Sie arbeite wie Sokrates in einem Frage- und Antwort-Spiel, aus dem sich eine intelligente und überraschende Dialektik entwickle: Der Mensch trainiere die Maschine, aber die Maschine trainiere auch den Menschen. Sie habe ihren Ort zwischen dem Menschen und der Welt. Diese Verschränkung werde sich verstärken: So werde es bald schon Werkzeuge geben, zB Brillen und Hirnimplantate, mit denen eine Schnittstelle zwischen menschlichem Hirn und Maschine hergestellt werden könne.

Vierte Frage: Anwendungsbeispiel: Kann KI Lehrer ersetzen?

JB meint ja, das könne sie. AA hält es für möglich, aber nicht ratsam: Es entstehe ein politisches Problem, wenn man die Erziehung der künftigen Bürger letztlich an private Unternehmen delegiere, die aus Profitinteresse die Lehrer durch Roboter ersetzen. Man solle lieber menschliche Lehrer ausbilden. Erziehung und Lehre seien öffentliche Aufgaben, die dazu dienen, den zukünftigen Bürgern einen Schlüssel in die Hand zu geben, um die Welt zu verstehen, eigenständig zu denken, zu lernen mit anderen zusammenzuleben und Ideale anzubieten, für die sich Kinder begeistern können. Das solle Privileg der Allgemeinheit und damit des Staats bleiben. JB meint, eine digitale Assistenz für Schüler, Lehrer, behinderte Personen u.ä. könne eine gute Sache sein. Man müsse allerdings darauf achten, dass es nicht nach rein kommerziellen Gesichtspunkten zugehe. Die Politik müsse die Entscheidungsmacht in diesen Dingen auf jeden Fall behalten. AA schlägt vor, man solle der KI den Gebrauch des Personalpronomens »Ich« verbieten. »Ich« könne nur ein Mensch mit Recht sagen. Nur er habe freien Willen und damit die Fähigkeit zur ethischen Entscheidung. Absurditäten wie zB wahnhaften Liebesbeziehungen zu Chatbots sollte nicht Vorschub geleistet werden.

KI ist nicht in der Lage, den Algorithmus zu verlassen. Während viele Menschen ohne besondere Kenntnis der Denkgesetze intuitiv gut und richtig leben, hat KI keine Intuition. Sie kennt weder Glaube, Hoffnung noch Liebe. Das macht ihre Dummheit aus: Sie kennt sich selbst nicht. Auf der Fähigkeit, sich selbst als Ich wahrzunehmen, beruht nicht weniger als die Würde des Menschen. Sie ist, anders als Art. 1 Abs. 1 GG es will: antastbar. Die »Dignitas hominis« (Pico della Mirandola) wird der Mensch in den Wind schießen, wenn er sich selbst zu einem Sklaven der Algorithmen und somit zum Verrotten in der ewigen Finsternis der KD (Künstlichen Dummheit) verurteilt.

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