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Tanizaki Jun’Ichiro – Lob des Schattens (01.06.25)

 

»Ambiguitätstoleranz« ist ein Begriff aus der Psychologie und bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, mit Unklarheiten zurecht zu kommen. Sehr verbreitet und angesehen ist diese Fähigkeit derzeit nicht. Egal, worüber gerade öffentlich gestritten wird, immer ist man schnell mit dem Vorwurf bei der Hand, jemand weiche aus, scheue sich, mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen, winde sich, seine Worte seien mehrdeutig, er lasse alles im trüben Halbdunkel o.ä. Es gehört offenbar zum Grundkonsens öffentlichen Sprechens, dass sonnenhelle Klarheit etwas Gutes, verschattete Unklarheit etwas Schlechtes ist. Darüber kann man auch anders denken, wie nicht nur die erklärten Freunde der Ambiguitätstoleranz versichern: Sie wollen den Zuständen des Zweifels, der Unsicherheit, des Zögerns, vielleicht auch des Augenzwinkerns und des verlegenen Stotterns ihre Würde nicht voreilig absprechen: Vielleicht kann es manchmal besser sein, Türen offenzuhalten anstatt sie effektvoll zuzuknallen. Vielleicht hat die Unsicherheit und Vorsicht auch eine eigene Anmut und ist Ausdruck der Tatsache, dass manche Wahrheiten Zeit brauchen, um sich ins Licht zu wagen.

Das waren Gedanken, die sich mir bei der Lektüre des Buches »Lob des Schattens« aufdrängten. Ich hatte es tatsächlich im Schatten einer Gartenmauer liegen sehen, freigegeben »Zum Mitnehmen«.

Der Autor Tanizaki Jun’Ichiro lebte von 1886 bis 1965. Er stammte aus einer alten Händlerfamilie in Tokio und war schon in jungen Jahren als Schriftsteller erfolgreich. Nachdem, wie mir ein Kenner japanischer Kultur verriet, Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts die europäische Literatur starken Einfluss in Japan ausgeübt hatte, besannen sich manche japanischen Schriftsteller in den 20er Jahren auf die eher ästhetizistische Tradition Japans. Zu dieser Richtung bekannte sich auch Jun’Ichiro. Ein beredtes Zeugnis dieser Renaissance ist sein Essay »Lob des Schattens«. Darin stellt er der reinlich-weißen, elektrisch bis in jeden Winkel ausgeleuchteten und expliziten Funktionalität der westlichen Lebensweise und Kommunikation die nicht ganz so saubere, leicht dämmerige Atmosphäre fernöstlichen Wohnens, Denkens und Tuns entgegen. Das bedeutet zum Beispiel für die Architektur, dass man als Baustoff lieber etwas unregelmäßig lackiertes, seine Gebrauchsspuren nicht verhehlendes Holz wählt statt rechteckiger Kacheln von hermetisch-eindeutigem Weiß. Auch das mehrdeutige, leis diffuse und metaphorisch verschattete Sprechen statt des westlichen Ideals der zackigen, knappen und imperatorischen Ein-Eindeutigkeit a la Martin Luther, Markus Lanz und anderer Eindeutigkeitsapostel: Deine Rede sei Ja, ja und Nein, nein.

Zwei Zitate:

Über die in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Japan gebräuchlichen Plattenspieler und Radios:

»Wenn sie (Grammophon und Radio) von uns (statt vom Westen) erfunden worden wären, so wäre wohl etwas zustande gekommen, das die Eigenarten unserer Stimmgebung und Musik besser zum Leben erweckt. Unsere Musik ist ihrem Wesen nach zurückhaltend und von Stimmungen geprägt … Auch bei unseren Erzähl- und Redekünsten ist unsere Stimme weniger laut, wir brauchen weniger Worte, und wichtiger als alles andere ist das richtige Pausieren …«

Über das, was die Literatur gegen die viel zu helle und grelle Eindeutigkeit der westlichen Sprech- und Schreibweise tun kann:

»Ich möchte am Gebäude, das sich Literatur nennt, das Vordach tief herabziehen, die Wände beschatten, was zu deutlich sichtbar ist, ins Dunkel zurückstoßen und überflüssige Innenverzierungen wegreißen … Und um zu sehen, was dabei herauskommt, lösche ich probeweise einmal das elektrische Licht.«

Taniziaki Jun’Ichiro: Lob des Schattens. Aus dem Japanischen übersetzt von Eduard Klopfenstein, Manesse Verlag, Zürich 1987

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