»Der alte Mann und das Meer« (15.07.26)
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Als ich neulich eine größere Zahnoperation vor mir hatte, suchte ich etwas zu lesen, was einfach genug war, um es auch mit Zahnschmerzen verstehen zu können, aber auch anspruchsvoll genug, um es nicht gleich wieder vergessen zu müssen. Ich fand im Regal ein im Jahr 1952 geschriebenes, heute als altmodisch geltendes Buch: „Der alte Mann und das Meer“. Wenn man älter wird, kann es passieren, dass man sich dafür interessiert, wie andere Menschen mit dem Älterwerden fertigwerden. Und auch, wie alte Bücher mit dem Altern fertigwerden.
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„Der alte Mann und das Meer“ ist ein mythisches Buch und mythische Bücher haben tausend Wahrheiten in sich. Es ist ein Bild für das Leben, insbesondere das Leben des einfachen Menschen, der arbeiten muss, um zu leben. Der alte Mann ist ein glückloser Fischer in Havanna. Ein junger Mann kümmert sich um ihn, kann es sich aber bald nicht mehr erlauben, mit dem Alten hinauszufahren, denn, wie gesagt, der Alte hat kein Glück mehr, 84 Tage lang fängt er nichts. Der junge Mann schließt sich glücklicheren Fischern an; und was er bei ihnen verdient, ist immerhin genug, um den alten Mann damit über Wasser zu halten. Aufs Meer muss der alte Mann alleine fahren. Und einmal hat er dann doch Glück: Er fängt nach hartem, mehrere Tage und Nächte dauerndem Kampf den größten Fisch, den überhaupt je ein Fischer vor Havanna gefangen hat. Es gelingt ihm leider nicht, den Fisch, der ihn reich gemacht hätte, an Land zu retten. Haie kommen und lassen von dem 1000-pfündigen Marlin nichts als Kopf und Knochen. Nach fast einer Woche kehrt der alte Mann halbtot mit einem riesigen weißen Skelett ans Ufer zurück.
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Man kann die Geschichte als ein Sinnbild für die Vergeblichkeit des Versuchs einfacher Menschen lesen, von der Arbeit gut zu leben. Wenn der arbeitende Mensch, was selten genug vorkommt, einen guten Fang macht, kommen die Haie, die aus nichts als wütender Gier bestehen, und fressen alles weg.
Der Kampf mit den großen Fischen hat aber, wie Camus’ Mythos von Sisyphos auch, seine weitergehenden Deutungsangebote: Der alte Fischer weiß, dass er eigentlich nicht besser ist als die Haie. Auch der Mensch tötet, um zu leben. Mit welchem Recht? In seinen Selbstgesprächen zollt der Alte den Haien seine Anerkennung. Er bewundert ihre Schönheit, ihre Kraft, ihre Anmut, ihre Würde. Es geht um Charakter. Es scheint insgesamt ein fairer Kampf zu sein, wie beim Sport.
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Der alte Mann ist sogar im Vorteil gegenüber den Haien. Es gibt die anderen Fischer, auch Touristen, die über ihn und das riesige Skelett reden und damit die Wärme des Wortes um ihn breiten: Die Worte sind das fluide Medium, in dem der Mensch als denkendes und sprechendes Tier lebt, auch der alte Mann. Und es gibt da noch den jungen Mann, der mehr tut, als nur mit dem alten Mann zu reden: Er bringt ihm Bohnen, Reis, dünnes Bier und Milchkaffee.
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Ernest Hemingway wäre nicht Dichter der Moderne, wenn es keine Intertextualität gäbe in seinem Mythos vom alten Mann und dem Meer. Man denke an Jona, an Hiob, an Herman Melville. Aber nicht Bücher sind es, die das geschriebene Wort in des alten Mannes Welt repräsentieren. Es ist eine prekäre Literaturgattung, die sogar in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek bis heute einen Ehrenplatz einnimmt: Die Zeitung. Der alte Mann liest vor allem Sportnachrichten. Er interessiert sich für Baseball. Während des Kampfes mit dem Marlin denkt er immer wieder an den legendären Joe DiMaggio, dem für seine Anmut, Fairness und Würde auch Simon & Garfunkel später in ihrem Lied »Mrs. Robinson« ein Denkmal gesetzt haben. Zeitungen haben für den alten Mann einen großen Vorteil gegenüber Büchern: Einen Teil davon benutzt er, um die Sprungfedern der Matratze, auf der er schläft, abzudecken. Den Rest rollt er zusammen und legt sie unter den Kopf, um seine Lieblingsträume zu träumen: von großen starken und glücklichen Löwen.
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Was wäre die Literatur ohne Sportnachrichten? Und was wäre das Leben ohne Papierzeitungen? Kann man im Ernst behaupten, die E-Papers seien Zeitungen?
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Blieben noch die beiden Fragen: Wie Menschen mit dem Älterwerden zurechtkommen? Wie alte Bücher mit dem Altern fertigwerden? Ganz gut, dachte ich nach dem Lesen.
Leicht veränderte Fassung eines Beitrags für SUPRA LIBROS, Mitteilungen der Gesellschaft Anna-Amalia-Bibliothek, Heft 19, September 2016.